The Project Gutenberg EBook of Weihnachtserzhlungen, by Adolf Schwayer

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org


Title: Weihnachtserzhlungen

Author: Adolf Schwayer

Release Date: May 19, 2007 [EBook #21527]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WEIHNACHTSERZHLUNGEN ***




Produced by Constanze Hofmann, Norbert H. Langkau and the
Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net





Anmerkungen zur Transkription:

Das Inhaltsverzeichnis ist im Original auf der letzten Seite zu finden.
Die Rechtschreibung der Originalausgabe wurde erhalten, lediglich
offensichtliche Druckfehler wurden in einigen Fllen korrigiert.

Geschachtelte An- und Ausfhrungszeichen folgen nicht modernen Standards,
mehrere Anfhrungszeichen knnen durch das selbe Ausfhrungszeichen
geschlossen werden.

Mit _Unterstrichen_ gekennzeichnete Textstellen sind im Original
gesperrt gedruckt.

       *       *       *       *       *




         Weihnachtserzhlungen

                  von

             Adolf Schwayer


Mit Bildschmuck von Prof. Franz Kuna

Sechstes bis sechzehntes Tausend

Linz a. D., 1920

Verlag von R. Pirngruber




Alle Rechte vorbehalten.

Copyright by R. Pirngruber

Linz a. D., 1920

Druck von Franz Kling, Urfahr-Linz




Inhalt.


                                                         Seite
  Im Sturm                                                   3
  Weihnachtszauber                                          23
  Der Weg zurck                                            35
  Wie Herr Schoiengeyer zu einem Christkindl kam           49
  Assistent Frickenberg                                     66
  Ein Egoist der Liebe                                      85
  Frau Bettis Christgeschenk                                97
  Der Wohltter                                            109
  Am Wege                                                  122
  Das goldene Seil                                         134
  Eine Insel der Seligen                                   148




Im Sturm.


Ihn fror in seinem dnnen Fhnchen, einem grauen fadenscheinigen
Havelock, der im Novembersturme flatterte wie eine altgediente
Kriegsflagge.

Ist eine Kunst! knurrte er und meinte damit den Sturm, den ungebrdig
wilden. Um die drren Bltter von den zitternden Zweigen zu reien und
die blassen Sptrosen zu erschrecken, die noch irgendwo drauen wehmtig
trumen mochten, bedurfte es dieses unsinnigen Grimmes nicht. Und um das
graue Wolkengesindel dort droben, das Schnee niederregnen lie, vor sich
herzujagen, brauchte er die Backen auch nicht gar so voll zu nehmen, der
wste Kraftgeselle, der!

Wildjauchzend fuhr der Verhhnte um die Straenecke und lehnte den
blassen jungen Mann, der durchaus kein Schwchling war an die Wand. Und
neben ihm klatschte ein schneefeuchtes Blatt an die triefende Mauer. So
klebten sie, Mann und Blatt, im gewaltsamen Drucke des Sturmes einen
Augenblick lang nebeneinander.

Da mute er auflachen, ganz grimmig. Dann drohte er mit der Faust gegen
den grauen Himmel und drckte sich das Atemholen des Sturmes bentzend,
sachte um die gefhrliche Ecke.

Fest, krampfhaft fest, hielt dabei die schier erstarrte Faust das
Guldenstck, das er sich kurz vorher von einem Bundesbruder gepumpt
hatte. Zu den Taschen seiner Hose hatte er kein rechtes Vertrauen mehr
und die Geldbrse lag zu Hause lange gut. Die grinste ihn jedesmal, wenn
er sie hervorzog, gar zu hhnisch an: sie war leer wie das absolute
Nichts.

Auch sein Winterrock hatte es besser als er: der studierte einstweilen
auch und war hbsch warm aufgehoben -- wo, ist leicht zu erraten. Viel
weniger schn mochte er vielleicht nicht sein als der flatternde
Sommermantel da -- aber warm!

Wrme! Wrme mute wenigstens seine Mutter haben. Darum hatte er ja den
Gulden gepumpt von dem flotten Farbenbruder, dem guten wohlgemsteten
Ritschmayer. Und der gab bereitwillig und gab lachend. Und das war schn
von ihm. Er wollte kein Mitleid sehen, kein Mitleid fhlen der trotzige
Lebensknstler im Havelock. Das wute der dicke gemtliche Ritschmayer;
darum gab er lachend, trotzdem ihm der stiere Theobald Volkmar noch
zehn Gulden schuldete, die er gebraucht hatte fr die Taxe zum letzten
Rigorosum.

Jetzt jagte ihn der Sturm in eine Seitengasse. Wtend kehrte er um, rang
mit der in wilder Siegesfreude aufheulenden Windsbraut, schwamm geradezu
in Sturm und Schnee und Regen und schnaufte tief auf, als er wieder in
der Hauptstrae trottete.

Nur da nicht hinein! Nur da nicht durch! Dort drinnen in der Gasse stand
das groe Zinshaus seines steinreichen Onkels. Das glotzte ihn immer so
hhnisch an mit seinen vielen Fenstern und seiner aufgeklebten protzigen
Zementfassade -- recht wie ein freches Emporkmmlingsgesicht.

Der, ja der hatte Wrme und Geld und alles was er wollte, der Bruder
seines armen toten Vaters, und brauchte fr niemand mehr zu sorgen. Aber
er hatte sicherlich auch kein Mitleid, keines in den Zgen zur Schau
getragenes und keines im Herzen.

Was zum Teufel war es denn, was die beiden Brder trennte?! Ha? Nein:
Stolz, Stolz war es, was den Vater trennte, und Trotz, was den Onkel
fernhielt. Weil der Vater das arme zarte Mdchen genommen hatte anstatt
die reiche derbknochige Schwgerin des Onkels. So fing's an. Dann kam
des Vaters Stolz ins Glhen und Brennen. Er werde schon zeigen, werde
schon beweisen, da er ohne Mammon durchs Leben komme! Seines Lebens
Sonne sei die Liebe, seines Lebens Wonne die Arbeit!

Bettelstolz! hatte der Onkel gehhnt. Und darauf flog seines Zimmers
Tr drhnend zu -- zugeworfen von dem erzrnten Vater, dem sie gewiesen
worden war! Und es flog eine zweite Tr zu und eine dritte: die Herzen
der Brder waren verschlossen fr einander und fr immer.

So mchtig sind Stolz und Trotz. O Sturm, was bist du fr ein
jmmerlicher Kraftprotz gegen diese Giganten im Menschenherzen!

Aber des Vaters Sonne leuchtete und seine Wonne ging nie aus. Und ihr
gesellten sich froher frhlicher Sinn bei und sonnenheitere Freude,
stille warme Lebensfreude, die ber den Seelen von Vater und Mutter
lagen wie ein Sonnenglanz. Und in seinem Herzen, in seinem Hause blhte
und duftete die Wunderblume Zufriedenheit und waltete und webte still
der Zauber unbewuter Poesie: das stille echte Glck war zu Hause bei
Vater und Mutter und sein Sonnenglanz fiel auch auf ihn, den
heranwachsenden Sohn. -- Da mute wohl eines Tages der Neid
vorbeigegangen sein an dem Hause des Glckes und es dem Bruder Hein
verraten haben. Und der kam und nahm den Vater mit und lie Frau Sorge
zurck. Und die rief bald, ach! nur zu bald ihre unerbittliche Schwester
herbei -- die Not. Die wehrt den Leibern das tgliche Brot und bringt
der Seelen duftende Blten langsam zum Verdorren ...

Allmhlich verblate nach des Vaters Tode aller Glanz. Die Hilfsquellen
versiegten, das hinterlassene Geld ging aus. Gar viel war's ja nicht.
Nur der Stolz blieb dem Sohne als Erbe. Und _dieses_ Erbe konnten nicht
Not und nicht Hunger schmlern. Es mehrte sich noch und verstrkte sich
noch durch den Trotz. Diese beiden Tyrannen seines Herzens stellte er
dem Onkel entgegen, der, durch des Bruders jhen Tod weich gestimmt,
rasche Vershnung suchte. Der Sohn aber wies ihn kalt ab: er, der dem
Bruder die Tr gewiesen habe, er htte mssen den Weg zum Bruderherzen
im Leben finden und nicht nach dem Tode. Fr dieses nachhinkende
Mitgefhl danke er!

Da hatte der gereizte Onkel ein bses Wort gesagt: auch wenn er einst
-- und das werde kommen! -- in Not und Elend vor ihm auf den Knien liegen
werde, wrde er ihn nicht erhren und ihm nicht helfen, dem Starrkopf,
und wenn er zugrunde gehn sollte vor seinen Augen! Damit war's aus mit
den zweien, rundweg aus.

So ging in leuchtenden Bildern und ging mit Schaudern und Grimm die
Vergangenheit an dem jungen Manne vorber, der mit dem Lebenssturme weit
hrter zu ringen hatte, als jetzt mit dem wtigen Herbststurme.

Seine Mienen waren dsterer geworden als droben der graue Himmel. So
trat er in den kleinen Krmerladen in der Nhe seiner Wohnung, bestellte
Holz und Kohle und nahm einen kleinen Imbi mit -- fr die Mutter. Dabei
knurrte ihm der Magen just vor dem grinsenden Krmer boshafterweise so
laut, da der Mann es hren konnte. Ueberstrzt eilte Theobald davon.

Als er in die Stube trat, die noch manch liebes altes,
erinnerunggeweihtes Mbelstck enthielt, lag auf seinem Angesichte ein
Lcheln, das so heiter scheinen sollte wie eitel Frhlingssonnenschein
und doch nur eines Lchelns herzberhrendes Zerrbild war.

Die Mutter sah's und -- lchelte ihn gleichfalls an. Aber es war nicht
das wehmtige Lcheln, das wie sonst dem Sohne verriet, sie habe ihn
durchschaut bis auf seines Herzens dunkelsten Grund: scheu lchelte sie
heute und verlegen, schier schamhaft und doch so lieb, so unendlich
lieb, da der erregte Sohn sie in seine Arme schlo und aufsthnte,
aufschluchzte vor Freud und Weh.

Er ri sich rasch los und zog seinen Schatz hervor.

Mutter -- da! Fr dich!

Und du?

Hab schon gegessen -- im ... im Studentenheim ...

Sie sah ihn forschend an und glaubte ihm nicht recht. Im Studentenheim
hatte man ihn neulich wie einen Bettler behandelt. Dahin ging er also
wohl nimmer. Und neu war ihr diese Selbstverleugnung an ihrem Sohne auch
nicht, neu war ihr auch nicht, da er lieber Hunger litt, als sie darben
zu lassen. Er sei jnger -- sie msse sich zuerst sattessen. Fr ihn
tat's auch eine Krumme trockenen Brotes.

Sonst gab es immer gar seltsam lieben Zank nach solcher Opfertat des
Sohnes -- heute nahm sie das Pckchen wortlos hin, legte Wurst und
Schinken fein suberlich auf einen Teller und sagte dann mit fast
schalkhaftem Lcheln -- wie gut stand das ihrem zarten Gesichtchen!
-- sie wolle schon essen -- o! -- sehr gern; denn sie, sie habe ja
wirklich ... Appetit. Hunger, sagte sie nie. Das Wort hatte einen gar
zu bitteren Beigeschmack, seitdem sie es seinem ganzen Grimme nach
kannte. Ja ja, sie werde schon essen, aber der Sohn msse auch essen --
was viel besseres, viel feineres!

Damit ging sie an dem malos erstaunten Theo vorbei in die kleine
saubere Kche hinaus, und kam lchelnd zurck, eingehllt in eine
duftige Wolke, die von der -- ja wahrhaftig! von der Bratenschssel
aufstieg!

Ja was ist denn das?

Rostbraten mit Essig gespritzt, mein lieber Theobald. Und gerstete
Kartoffeln dazu. Dein Lieblingsabendmahl!

Ja, wer hat denn ...

I nur und frage nicht! I! Glaubst du, ich hab deinen Magen nicht
knurren hren! O der! Der hat eine Aufrichtigkeit! Aber so komm doch!

Keinen Bissen nehm ich, bevor ich nicht wei, woher das kommt!

Na, woher soll's denn kommen? Vom Fleischhauer! scherzte die Mutter
gutlaunig.

Mutter, du weit! Sag mir's! Oder ich geh fort! Ist's vom Onkel?

Wie seine Augen funkelten und seine Brauen sich zusammenzogen! Die
Mutter kannte das. Verlegen, so ganz wundersam verlegen stand sie eine
Weile da, zog an ihrer blhweien Schrze und hauchte endlich hervor:

Nein, nicht vom Onkel.

Von wem denn? Hast du ... Er blickte im Zimmer musternd herum. Sie
wute, was er meinte.

Nein, auch nicht. Es ist von ... von Frulein Erna.

Wie von einem Peitschenhiebe getroffen, zuckte der junge Mann zusammen.
Bis in die Schnurrbartenden zitterte er. Erna war seines Hausherrn
feines und schnes Tchterlein -- und er liebte das schne feine Kind in
aller Glut und Heimlichkeit.

Almosen! knurrte er und sank auf den Stuhl, da er krachte.

Die Mutter stand betroffen da.

Ich will keine Almosen! brauste er auf, sprang empor und wollte nach
dem dampfenden Teller greifen. Er htte ihn zu Boden geschmettert, wre
nicht die Mutter blitzschnell dazwischengetreten. Hart war er an sie
herangekommen in seinem Ungestm. Sie wankte, die zarte zierliche Frau,
und mute sich an den Tischrand klammern, um nicht zu strzen.

Da warf sich der Sohn auf den Stuhl zurck, lie das Haupt auf den Tisch
sinken und schluchzte herzergreifend.

Nun wurde auch das Auge der Mutter feucht. Und sie ahnte nicht einmal,
was alles ihres Sohnes Seele in diesem Augenblick durchstrmte.

Langsam war sie auf ihn zugeschritten, legte ihre schmale weie Hand auf
Theobalds zuckende Schulter und sagte mit der ganzen lieben Milde, die
sie erfllte:

Schau Theo, du sollst nicht so sein. Nicht gar so stolz und so viel
zornjh. Und als keine Antwort kam:

Und das mit Frulein Erna ist so einfach kommen und ist so schn von
ihr, so lieb. Hr doch nur! Heut kommt sie auf einmal da herein zu mir
in ihrer blonden Lieblichkeit -- wie ein Engel. Dann beginnt sie zu
plaudern und sagt mir, sie habe gestern in einer Familie von unserem
Vater reden hren -- so viel Gutes und so viel Schnes, da sie sich
fest vorgenommen habe ...

Uns Almosen anzubieten! sthnte Theobald auf.

O nein! erwiderte die Mutter sanft und lchelte. Da es uns nicht
glnzend geht, ist ihr ja kein Geheimnis geblieben. Denk doch, wie
schwer wir immer den Zins zusammen bringen und nie zum Termin. Und da
wir nichts dafr knnen fr unser Kmmernis, das hat sie wohl selbst
geglaubt. Gestern aber, sagt sie, habe sie es bestimmt erfahren. Und da
ist sie gekommen und hat gesagt, sie habe bereits heute bei einigen
Familien angeklopft, damit du dort Stunden kriegst. Hast du doch jetzt
nur eine ... Ach, mein Gott! Fadenscheinige Kleider versperren einem die
Tren zu den Reichen! Und deinen Doktor willst du ja doch machen. Und
denk dir, gleich zwei haben zugesagt! Und wenn ... Ja siehst du, da hat
sie gezeigt, was fr ein gutes Herz sie hat -- wenn ich vorlufig, hat
sie gemeint, Geld brauchen sollte -- sie, sie schiee mir gern etwas
vor. Und du -- du knntest es ja dann zurckerstatten, wenn ...

Das hat sie gesagt? Theobald hatte sich aufgerichtet und schaute die
Mutter forschend an.

Sie hielt seine Blicke stilllchelnd aus und umschlo mit den ihren voll
Innigkeit des Sohnes schnen dunkelblonden Lockenkopf und freute sich
-- wie schon so oft! -- seines scharf geschnittenen edellinigen und khnen
Schnittes. So schn war er und so stolz, so mannesmutig -- ach! so recht
eine wahre Mutterfreude und Muttersorg. Aber das bleich werden sehen und
darben sehen! Gott wei es, was sie heimlich litt.

Ja, nickte sie dann, das hat sie gesagt -- und getan.

Er war aufgesprungen und ging einige Male durchs Zimmer, hastig,
unruhevoll, in voller Wucht. Und pltzlich packte er die Mutter, drckte
sie an sein Herz und wirbelte sie darauf urschnell im Zimmer herum. Es
war ein Glckseligkeitssturm, der mit jher unbezwinglicher Gewalt durch
sein Inneres gebraust kam -- ein Hoffnungssturm sondergleichen.

Aber diesem Glutsturme folgte rasch die lhmende Ernchterung und dieser
ein herb-ses Bangen.

Still lie er sich von der Mutter zum Abendessen fhren, das fast
erkaltet war. Als er so dasa und mit sichtlichem Hunger -- jetzt
schmeckte es ja nicht mehr so bitter, dieses harte Wort! -- und doch
ganz in Gedanken versunken a, schaute ihn die Mutter lchelnd an. Und
aus ihren Augen leuchtete ein solches Ueberma von Liebe und
Zrtlichkeit, da es ihn hei durchlief, ohne da er aufgeschaut und den
Blick der Mutter in sich aufgenommen htte. Er langte nur nach ihrer
Hand und streichelte sie zrtlich.

Da glitt wieder ein schier schalkhaftes Lcheln ber das kleine feine
Gesicht der Mutter. Die hatte doch ihr Geheimnischen: sie hatte dem
Frulein Erna ihre ganze Lebensgeschichte erzhlt. Sonst tat sie das
nicht so leicht -- sie war auch ein wenig stolz! -- aber dem lieben
Mdchen gegenber konnte sie nicht anders. Das verschwieg sie dem Sohne.
Wie wrde der aufgefahren sein, wenn er anhren mte, Erna habe sich
erboten, dem halsstarrigen Onkel ins Haus zu fallen! _Wie_ sie das
anstellen werde, wisse sie vorlufig selbst noch nicht, hatte sie,
schnen Eifers voll, ausgerufen, die Liebe, aber sie werde schon Mittel
und Wege finden! O ja, sie werde sie schon finden! Sie mchte denn doch
sehen, ob Milde und Nchstenliebe und bessere Einsicht nicht ber Stolz
und Trotz siegten! Dabei setzte es auch einen kleinen Seitenhieb auf
Theobald ab und der Mutter scharfes Auge merkte gar wohl, wie eine
Glutwelle ber des Mdchens Wangen flog -- merkte das trotz der
eingetretenen Dmmerung. Mutteraugen sehen durch Nacht und Finsternis
und sehen durch Berge und Wnde.

I du nur ruhig weiter, dachte sie still bei sich, und such nur emsig
das letzte, letzte Restchen der seltenen Speise zusammen und tunke mit
dem frischen duftigen Brote nur so lange, bis die Teller dastehn, sauber
und blank, als kmen sie eben aus dem Schranke.

Als er dies stille Werk getan, lehnte er sich behaglich zurck und
blickte sehnschtig nach seiner Pfeife, der langen. Leise, ganz leise
seufzte er dabei auf. Er wute ja, die Schachtel, die dort neben der
Pfeife stand, war leer -- blank leer wie sein Teller ... und seine
Tasche. Wie sollte er auch Tabak kaufen, wenn die Mutter, die liebe,
kaum zu essen hatte!

Was der Mensch doch gleich genuschtig ist, wenn er den Magen voll
hat! dachte er bei sich.

Die Mutter aber hatte den Sehnsuchtsblick bemerkt. Lchelnd stand sie
auf, holte Pfeife und Schachtel herbei und klappte diese vor dem
erstaunten Sohne auf -- plattvoll war sie mit duftendem Tabak,
plattvoll!

Da gab es wieder einen Sturm, einen Freudensturm.

Und wie hast du denn gleich die richtige Mischung gefunden, Mutting?
fragte er und dampfte gar behaglich darauf los.

Ist's doch Vaters Mischung.

Ein Hauch von Wehmut zog durch ihre Herzen, aber er trbte nicht: er
vertiefte nur die stille Freude der beiden guten liebevollen Menschen.

Und jetzt fhlte Theobald erst so recht, da es warm war in dem kleinen
trauten Zimmerchen und sah, wie im Ofen schnfarbig die Glut verglimmte.
Drauen heulte der Sturm sein Siegeslied weiter und peitschte den
wasserschweren Schnee kraftfroh und hohnwild an die Fensterscheiben.

Heul du nur zu! dachte Theobald, deine Musik hat das Schauerliche fr
mich verloren -- bis auf weiteres.

Leise vor sich hinpfeifend, stand er auf, holte ein Buch herbei, setzte
sich neben die Mutter hin und begann ihr vorzulesen, wie sie es liebte.
Sie nahm eine Nharbeit zur Hand und hrte, ganz Freude und ganz
Aufmerksamkeit, dem Sohne zu, der so schn und so eindrucksvoll vorlas.
Das war ein Abend wie schon lange keiner.

Nchsten Tages lste er seinen Winterrock aus und spottete nun der
Klte, die dem Sturme gefolgt war.

Und Frulein Erna hatte auch nicht in den Wind geredet: die Antrge auf
Stundenerteilung kamen. Gutbezahlte Stunden. Und taktvolle Leute. Die
Jungens ausgesuchte Dummlinge, aber seelengute Kerle.

Klopfenden Herzens hatte er ihr bei schicklicher Gelegenheit gedankt,
der guten Fee in seiner Not, und war glckselig erschrocken ber den
holden Klang ihrer Stimme, die er zum erstenmal zu hren bekam. Und
hatte scharf gespht und siegeskhn gehofft, ihre Wangen wrden jh
erglhen, s verrterisch erglhen; aber sie blieben wie sie waren -- um
einen Schatten bleicher wurden sie eher. Da war er still und
nachdenklich von ihr gegangen und blieb still und nachdenklich die
ganzen Wochen hindurch, bis endlich die Zeit seligen Gebens
herangekommen war -- die Weihnachtszeit.

Einiges Geld hatte er sich ja abgezwackt. Klein nur konnte die Gabe fr
Mtterchen werden -- aber er wute: ihre Freude war gro auf alle Flle.

Unter dem Gelute der Weihnachtsglocken ging er am heiligen Abend heim.
Leicht war sein Gepck, aber voll sein Herz. Frohgemut blickte er auf zu
den Sternen. Ob wohl auch der Stern seiner Hoffnung aufgehn -- und ob er
Verknder sein werde der Sonne seines Glckes ... Gott wei es! Gott fg
es!

Unten sah er noch flchtig auf seine Uhr, die er nach einigen Semestern
eifrigen Studierens wieder ihrer eigentlichen Bestimmung zugefhrt
hatte. Es stimmte: sieben Uhr. Frher durfte er nicht kommen, hatte die
Mutter feierlich geboten -- und wieder so eigen gelchelt. Dabei zeigte
sie die Grbchen auf den Wangen, die es einst seinem Vater angetan
hatten.

Als er in den kleinen Vorraum trat, schimmerte durch die Trspalten
Lichterglanz. Er klopfte. Die Mutter ffnete und meldete wichtig und
geheimnisvoll: das Christkind sei gekommen.

Staunend sah er den Baum stehn, der grer war und reicher, als er
hoffen konnte. Weh und wohl wurde ihm dabei ums Herz -- ist's Ernas
Christkind? Kommt sie vielleicht heute selbst herauf und gibt das
Herrlichste, das ihm auf Erden beschieden werden konnte?

Unbemerkt legte er seine Gaben neben die andern, die geheimnisvoll
verdeckt waren, unter den Baum; beklommen sah er die Mutter an, die
offenbar etwas sagen wollte, was ihr leicht vom Herzen, aber schwer ber
die Lippen ging. Die leuchtenden Augen kndeten es an, die zuckenden
Finger redeten es schon.

Was ist's? fragte er unvermittelt und seine Stimme bebte.

Frulein Erna hat uns etwas gebracht, sagte sie darauf stockend.

Frulein Erna? Wieder war es Freud und Scham, Zorn und Jubel, was ihn
durchstrmte und qulte.

Ja, Theobald, etwas, was du, was wir alle nicht erwarten konnten, nicht
erhoffen durften: Liebe und Vershnung ...

Da trat aus dem verhngten Alkoven -- der Onkel hervor, mehr verlegen
als freudig bewegt.

Du!! Du hier!? Freundlich klang das nicht.

Ja, Theobald, ich. Frulein Erna ist zu mir gekommen wie ein guter
Engel. Sie hat mich bekriegt und besiegt, gedemtigt und beschmt. Aber
sie hat mich auch emporgehoben und mir Freude gegeben. Und so bin ich
denn da und bitte dich, mir zu glauben, was ich sage. Wie es um euch
steht, hab ich erst durch sie erfahren. Und htt' ich's gewut -- wer
wei! Kurz, sie hat's zustande gebracht. Theobald, la alles vergessen
und la uns wieder gut Freund sein. Gegenseitig wollen wir wieder alles
gut machen aneinander. Und dann -- man sah's ihm an, wie es steinschwer
und widerwillig aus seinem Innern heraufkroch -- und dann -- ich bitte
dich, verzeih mir, was ich deinem Vater und dir angetan hab! Da war er
doch weicher geworden, als er htte zeigen wollen. Aber Erna hat ihn ja
so grndlich zermrbt!

Rasch streckte er Theobald beide Hnde hin. Und jh und herzhaft, wie es
seiner leidenschaftlichen Natur eigen war, griff der Neffe danach. Ein
warmer krftiger Druck, ein tiefes Versenken der Augenpaare -- und alles
war begraben und vergeben.

Ich dank dir, sagte der Onkel sodann ganz bewegt. Dann setzte er im
Tone der Bewunderung hinzu: So hat sie also doch recht gehabt, die
Fruln Erna! Sie hat gesagt, du wirst mir ohne viel Wesens zu machen die
Hand reichen, denn du bist nicht nur stolz, hat sie gesagt, sondern auch
gut.

Das hat sie gesagt? Rasch ging er zum Baume, zog die Hllen weg und
besah sich unter lebhaften berlauten Worten die Geschenke.

Die Mutter hatte den berstrzten Abbruch des gefrchteten
Zwiegesprches wohl bemerkt, sagte aber weiter kein Wort. Sie lchelte
nur still vor sich hin, umspielt und umschwirrt von heiteren sonnigen
Zukunftsgedanken -- einer schner als der andere.

Theobald musterte die Geschenke und dachte: Reiche Geschenke, schne
Geschenke, beraus kostbar, beraus praktisch -- aber alle, alle vom
Onkel, keines von ihr ... Schnell sah er das Unmgliche einer solchen
Handlungsweise des feinen taktvollen Mdchens ein und trstete sich mit
dem Gedanken: es kme doch schlielich alles von ihr und durch sie.

Das gab ihm die Seelenruhe wieder. In heiterem Gesprch und mit noch
froheren Gedanken verbrachte er den Abend mit Mutter und Onkel, der ganz
verwandelt schien und nicht einmal eins ber den Durst trank, wiewohl er
reichlich vorgesorgt hatte, da es einen guten Tropfen gab. Diese
Selbstberwindung war bewunderungswrdig.

Mit dem Entschlusse, nchsten Morgen zur schicklichen Stunde hinabzugehn
zu ihr und ihr zu danken, schlief Theobald ein. Er htte nicht sagen
knnen, wann die Gebilde seiner glckbeflgelten Phantasie abgelst
wurden von den Gebilden des Traumes und welche schner und
glckverheiender waren.

Als er sich nchsten Morgens mit dem dunklen Anzuge, den der Onkel unter
den Baum gelegt hatte, fein herausputzte, umgaukelten sie ihn wieder,
diese Lichtbilder des Glckes und er wute nicht mehr, was er gesonnen
im Wachen und was er gesponnen mit des Traumes Hilfe.

Die Mutter war, ganz eingehllt in neues weiches Pelzwerk, in die Kirche
gegangen.

Eben wollte auch er nach dem Pelze langen, als drauen gelutet wurde.
Gleich darauf hrte er die Wohnungstr ffnen und im Vorraume leise
Schritte. Kam die Mutter schon zurck?

Da ging nach flchtigem Klopfen die Tr auf und -- Erna stand vor ihm.
Sie schien ihm bleicher als sonst und einigermaen verlegen. Gleich
darauf aber sagte sie mit der ihr eigenen Sicherheit:

Guten Morgen, Herr Volkmar.

Er erwiderte verlegen ihren Gru und kam sich in dem neuen Anzuge
ungemein gespreizt vor. Stockend sprach er weiter:

Die Mutter ist nicht daheim und ich -- ich wollte eben ... wollte eben
hinuntergehn zu Ihnen, Frulein Erna, mich bedanken ...

Sie haben mir nichts zu danken, Herr Volkmar. Ich wollte, ich knnt ...
Sie schwieg. Eine brennende Glut war in ihr bleiches Angesicht gestiegen
und rasch wieder versiegt. Starr und totenbla war es nun geworden. Mit
ganz vernderter Stimme brachte sie nun mhsam hervor:

Herr Volkmar, was ich Ihnen jetzt sagen mu, das durften Sie durch
niemand anderen hren als durch mich. Und Sie muten es zuerst wissen.
Vielleicht sollte ich nicht so handeln, aber ich glaube, es mu so sein.
Darum bin ich gekommen.

Er sah sie an und durch seinen Krper ging ein jhes seltsames Frsteln.
Sie hatte den Blick gesenkt und sprach das bedeutsame Wort tonlos aus:

Ich habe mich gestern abend -- verlobt, Herr Volkmar.

Wie er sich auch zusammennahm: es zuckte durch seinen Krper, als htte
ihn ein Schlag ins Gesicht getroffen. Und ganz uerlich fielen die
Worte von seinen Lippen:

Ich gratuliere, Frulein Erna.

Sie sah ihn an, traurig-ernst und tief bewegt.

Es soll kein Zwang sein zwischen uns, Herr Volkmar, und keine
Verstellung. Wenn ich Ihnen weh getan habe ...

Da richtete er sich trotzig auf. Und hart und herb stie er die Worte
hervor:

Und deshalb haben Sie das alles getan? Aus Mitleid! Aus purem Mitleid!

Nein, Herr Volkmar! entgegnete sie ernst und fest und ihre Stimme
bebte in verhaltener Erregung. Nicht aus Mitleid! Ich hab's getan, weil
ich Sie hochschtze, weil ich Ihnen gut bin, Herr Volkmar. Ich habs
getan, weil ich Ihre Mutter lieb habe, so lieb haben kann, wie ich die
meine lieb hatte, und ich habs getan, weil ich nicht mitanschauen kann,
wenn gute edle Menschen leiden. Es fiel mir schwer, den ersten Schritt
zu tun -- weil ich sah, da Sie mir gut sind. Aber ich lie mich nicht
abschrecken. Das einmal erkannte Gute fhr' ich aus, je frher, desto
besser. Das ist das schnste Vermchtnis meiner frhverstorbenen Mutter.
Verzeihen Sie also, wenn ich Ihren Stolz ...

Um Gottes willen, nicht weiter, Frulein Erna! Ich, ich bitte Sie um
Verzeihung! Ich bin ja rauh geworden! Ich bitte Sie um Verzeihung! Aus
seiner Stimme konnte sie seine gemarterte Seele herausklingen hren.

Unfhig, ein Wort hervorzubringen, reichte sie ihm wie bittend beide
Hnde hin. Um ihre Lippen zuckte es.

Da kam es ber ihn, er wute nicht wie. Leidenschaftlich erfate er die
dargebotenen Hnde, schlang seine Arme um das holdselige Kind, prete es
an seine Brust und kte es, kte es mit der ganzen Gier eines nach
Glck und Liebe drstenden Herzens.

Bleich und gelhmt von unsagbarem Schreck, lehnte sie eine Weile an
seiner Brust. Dann geschah etwas Unerwartetes: sie schlang pltzlich
ihre Arme um seinen Nacken und kte ihn nicht minder hei als er sie
gekt hatte. Und unter strzenden Trnen gestand sie ihm:

Ich liebe dich. Ich liebe dich unaussprechlich!

Da fate er sie an der Schulter, schob sie von sich weg, und sah ihr ins
erglhte Angesicht wie ein Wahnsinniger.

Du liebst mich ... Und doch hast du dich mit einem anderen verlobt!

Es war der letzte Wunsch meiner sterbenden Mutter. Sie glaubte fest,
ich werde glcklich sein mit dem ernsten stillen Vetter Alfred. Drei
Jahre schon verschiebe ich die offizielle Verlobung. Ich hab das getan,
weil ich an seiner Seite immer so still wurde, wie er selbst ist. Dem
Vater aber sagte ich immer, ich sei noch zu jung ...

Und jetzt, jetzt hast du's doch getan weil du mich ...

Weil ich gefrchtet hab, ich knne nicht mehr die Kraft aufbringen ...
O, wtest du, was ich gelitten hab die ganze Zeit her!

Das darf nicht sein! Das darf nicht geschehen! Du darfst nicht das
Opfer deiner Kindesliebe werden! Liebst du ihn denn, diesen stillen
Herrn Vetter?

Ich bin ihm gut, ja. Aber was Liebe ist, wei ich erst durch dich.

Dann seh er sich vor, dieser Herr Vetter Schweigsam! Mein bist du! Mein
durch die Kraft und Heiligkeit unserer Liebe! Darum will ich dich
erkmpfen wenn's sein mu mit dem Einsatz meines Lebens!

Das wird nicht ntig sein! sagte da pltzlich eine fremde
Mnnerstimme.

Erstaunt und betroffen sahen sich beide um.

Alfred! Bleich und starr stand sie da.

Mein Herr! Mein Name ist Theobald Volkmar. Mustergltig frmliche
Verbeugung, ein Blick, der alles sagte. Erwiederung weniger steif, aber
tadellos:

Alfred Brndherr. Es braucht kein weiteres, Herr Volkmar. Ich bin
meiner Base unbemerkt nachgegangen. Zuerst aus Neckerei, dann aus
Neugierde. Dann dacht' ich, du knntest ja auch die liebe Frau Volkmar
kennen lernen -- tret ein und hre Ihre Stimme, mein Herr. Kleine Pause.
Die Blicke aller am Boden.

Alfred Brndherr fate sich zuerst: Sie haben ganz recht, Herr Volkmar:
Erna darf nicht das Opfer ihrer Kindesliebe werden. Und ich, hier wurde
seine feine Stimme schneidend, ich will keine Frau, die mich nicht
liebt.

Htt' er lngst sehen knnen, dachte Theobald bei sich und verbi ein
Lcheln. Erna aber unterdrckte es nicht; mild lchelnd sah sie Alfred
an und fragte: Sag mir, Alfred, fllt's dir sehr schwer? Aufrichtig!

Schwer wird's mir schon; aber sicherlich nicht so schwer, wie es diesem
Herrn da wrde, mein' ich. Um es kurz zu machen: Ich gratuliere!

Und der Vater? Die rasche Frage Ernas strte einigermaen die
gegenseitigen, grausam-eleganten Verneigungen der beiden Herren. Alfred
lchelte verbindlich.

Den werd ich schon vorbereiten, meinte er berlegen. So viel ich ihn
kenne, wird er dem -- wahren Glcke -- es zuckte bei diesen Worten
seltsam um seine brtigen Mundwinkel -- seines Lieblings nicht im Wege
stehn. Und bitter-ernst fgte er hinzu: Es ist ja zum Glck das
Schwierigste nicht zu berwinden: unsere Verlobung ist noch nicht
verffentlicht.

Das Schwierigste nennt er das! Und Glck! blitzte es durch Theobald
und ein scharfes Wort drngte sich gegen seine Zungenspitze, ein Wort,
von dem er wute, da er es mit der Degenspitze werde einlsen mssen.
Aber wozu? Der Herr Vetter ist ja so entgegenkommend! Mit einem raschen
Blicke unendlichen Wohlwollens umfate er die geschmeidige Gestalt des
feinen glatten Mannes und sagte dann, in Miene und Ton und Gebrde voll
unverschmter Hflichkeit:

Danke verbindlichst! Dabei zwirbelte er hastig den blonden
Schnurrbart, so da er frhlich-frech und herausfordernd vorstach.

Der andere, der, wie der wunderschne Durchzieher an seiner rechten
Wange zeigte, just auch kein Kneifer war, mute wohl geahnt haben, was
im Geiste und Empfinden seines glcklichen Gegners whrend dieser
peinlichen Sekunden vorgehn mochte; denn er verneigte sich forsch und
klirrte hervor:

Bitte sehr! Dann ging er.

Ein lieber Kerl! rief Theobald mit einem Gemisch von Spott und
aufrichtiger Bewunderung, als der Mann drauen war.

Ja, sagte Erna ernst darauf, er war immer streng korrekt. Und
leiser fgte sie hinzu. Fast mehr, als gut ist.

Mehr, als gut ist! wiederholte Theobald. Um Gottes willen! Ein ganzes
Leben an der Seite dieses Mannes, Erna, ein ganzes Leben!

Es wr gewesen wie ein klarer wolkenloser Tag, erwiderte sie ernst.
Aber wie ein -- Wintertag. Du hast mir Sonne und Wrme gebracht,
Theobald! Wie werden wir glcklich sein! So glcklich, wie -- deine
Eltern waren ...

Da nahm er sie, doppelt beseligt, in seine Arme.

Wieder ging die Tr auf. Schnell und erglhend lste sich Erna los und
eilte auf die frohbetroffene Frau zu.

Mutter! rief sie leise; aber es klang ein Jubel in ihrer Stimme.
Mutter! Liebe, liebe Mutter!

Sie lie sich vor der kleinen zarten Frau nieder und kte ihr
glckfeuchten Auges die schmalen Hnde.

Abends waren sie alle drunten um den Christbaum versammelt, den Erna
geschmckt hatte.

Alfred Brndherr hatte alles aufs beste eingerenkt. Man feierte abermals
Verlobung. Der Vetter war so beraus korrekt, zu diesem Feste _nicht_
zu erscheinen. Aber er hinterlie ein schnes Wort: er beglckwnsche
Theobald, der sich sein Glck im Sturm erobert habe, und beglckwnsche
Erna zu ihrer zweifellos sonnigen Zukunft. Was aber auch kommen mge
-- sie knne ruhig sein: ihr Auserwhlter werde aufrecht dastehn und sie
zu schtzen und zu schirmen wissen in jedem Lebenssturme.




Weihnachtszauber.


Ungewhnlich lange dauerte es diesmal. Das ganze schmucke neue Haus
duftete schon von Tannengrn und Wachskerzen und noch immer klang die
Glocke nicht, das liebe silberhelle Glcklein, das nur einmal des Jahres
erklingt, nur einmal ruft und jubelt: am Christabend.

Wieder und wieder glaubten sie's zu hren. Dann sprangen sie auf,
lauschten und liefen vor die Tr. Enttuscht kehrten sie zurck in das
trauliche Halbdunkel ihres Zimmers und berlieen sich wieder der
drangvoll sen Ungeduld und froherregenden Erwartungsfreude. Und immer
wieder ging die kindliche Phantasie, durchwrmt von heller Herzenslust
und durchschauert von ehrfrchtigen Empfindungen, ihre krausen Wege.
Tastend jetzt und zaghaft an dunklen verschlossenen Tren vorbei -- jetzt
jh auffliegend ins Sonnenland des Mrchenhaften, einer aufgescheuchten
Schar bunter Vglein gleich, die im Sonnenglanz verschwinden, als htt'
sich ihnen berschnell eine unsichtbare Pforte aufgetan und rasch wieder
geschlossen hinter den scheu Entflohenen.

Jetzt schlug die Uhr vom nahen Kirchturm die Stunde. Sie lauschten und
zhlten.

Sechs Uhr schon! rief Klein-Elli betroffen. Um die Zeit war das
Christkind immer schon da bei uns.

Ja, mein Gott, meinte altklug der fast achtjhrige Otto, der Aelteste,
jetzt, wo wir da herauen wohnen, wird's wohl noch spter.

Ja, hauchte Elli und ihre Augen wurden gro dabei.

Und Norbert, der jngste, lie sein Spielzeug fallen, starrte die beiden
Greren schier angstvoll an und sagte traurig: Noch spter.

Alle drei sehnten sich in dieser Stunde zurck in die enge, aber
trauliche Wohnung drinnen in dem groen Stadthause, hoch droben im
letzten Stockwerk. Erst als Otto daran erinnerte, da der Vater nie so
heiter war wie jetzt, wo sie hier wohnten in den schnen Rumen des
kleinen eigenen Hauses -- erst dann vershnten sich die kleinen
Zrnenden wieder mit dem neuen Heim, wo noch alles, neu und vornehm, sie
anrief. Rhr mich nicht an! Streif nicht an mich an! Sto mich nicht
ab! Und scheu wichen sie all dem unvertrauten Neuen und Fremden aus und
gingen im Kreise um die Ecken. -- Wie war's doch drinnen in der Stadt
anders inmitten der lieben alten Mbel, die sie alle kannten und die
ihnen allerlei zu erzhlen wuten aus der geheimnisvollen
Morgendmmerung ihres Daseins. Freilich, der Vater kam dort oft mit
trben Mienen heim und ging stumm in sein Kmmerlein. Dann wanderte die
Mutter still von der Kche ins Zimmer und ruhelos wieder zurck. Sie
sah, was die Kleinen nicht sahen, aber in ihren reinen Herzen dunkel
ahnten: da an ihres Mannes Seite eine graue Gestalt herangeschlichen
war und ihre drre Hand, ach! so vertraut auf seine Schultern legte
-- die drre kleine Hand, die so schwer wiegen und so unerbittlich
Lebensglanz und Freudenschimmer verwischen kann wie ein feuchter Schwamm
die Schriftzge auf einer Tafel: die Hand der Frau Sorge. Und sie wute
auch, was die Kinder nicht ahnten und ahnen sollten: da oft an ihrer
bescheidenen Heimstatt Tr der Frau Sorge ungestmere Schwester pochte:
die Not.

Ein Glcksfall brachte mit einem Male Sonnenglanz in das nebelumflorte
Sorgenleben des kleinen kindergesegneten Beamten. Schier betubt war er
von der Gre und Pltzlichkeit dieses Glcks. All die drckenden
Schulden konnte er bezahlen, seiner stillen Frau kaufen, was sie sich
heimlich oft gewnscht, und seine Kinder kleiden, schmuck und fein und
sauber, wie er es lngst ersehnte. Und allen seinen eigenen Wnschen
Erfllung bieten. Dabei ging er aber oft ber das gebotene Ma vornehmen
Schnheitssinnes hinaus und verletzte dadurch das zarte Feinheitsgefhl
seines Weibes. Anfangs mit stillem Lcheln, bald aber mit Befremden und
endlich mit heimlichem Kummer merkte Frau Herma, wie ihr sonst so
bescheidener Mann immer mehr die unleidlichen Manieren eines
Emporkmmlings annahm und ein Wesens machte, das der Wirklichkeit gar
nicht entsprach. Da sie fortan sorgenlos leben, da sie sich dieses
Huschen bauen und sich frohgemut der Stunde hingeben konnten -- das war
alles. Und das war viel, unendlich viel fr Hermas seelenheitre Art;
aber es war wenig in den Augen der Welt, die nur aufs Aeuerliche sieht
und nicht ahnen kann, wie unsagbar reich ein armes Menschenherz sein
kann, tief drinnen in der Brust. Und Herma war reich gewesen von jeher
und hielt auch Konrad, ihren bisher so schweigsamen Mann, fr innerlich
reich und seelentief. Und nun mute sie sehen, wie er protzte, wie er
gro tat vor allen Leuten. Das tat ihr weh. Und sogar der Zweifel bekam
allgemach Gewalt ber sie. Sie fragte sich, ob ihres Mannes Gemt
wirklich so schlicht sei und so tief bescheiden, als es ihr bisher
schien und sie es liebte. Sollte es nur die Sorge, die Not kmmerlich
ins Blhen gebracht haben? War das schwere Schweigen nur eine Hlle, die
nichts verhllte?

Heimlich wnschte sie oft, es wre geblieben wie frher. Lieber ertragen
und dulden, lieber sich beugen in Sorgen und Kmmernissen -- aber
innerlich froh sein knnen, vertrauensstolz froh und stark in der
Ueberzeugung, in sich einen Schatz zu tragen, den uns niemand rauben
kann, in sich ein Feuer brennen zu wissen, das durch nichts auf dieser
Welt ganz erlschen und ganz erkalten kann: die Liebe zueinander und das
groe tiefe herzbeglckende Vertrauen, das solcher Liebe entspringt. Und
jetzt, wo alles Gute in ihnen sprieen, alles Edle blhen konnte, wo sie
aus dem Sumpfe kleinlicher gemeiner Alltagssorgen auf festes sicheres
Land gerettet waren -- jetzt sollte sie erkennen mssen, da ihres
Mannes Gemt seicht, seine Gesinnung oberflchlich sei? Auf wiederholte
Bemerkungen, die an sein Feingefhl gerichtet waren, hatte er nur ein
Lachen, das in seiner selbstsicheren Unbefangenheit Herma weher tat als
etwa eine schroffe Abweisung. War er wirklich nur und noch immer
glckberauscht oder stand ihr die herbste Enttuschung ihres Lebens
bevor? Sie wollte abwarten, eh sie zum offenen Kampfe berging oder
-- still verzichtete.

Er aber lebte froh in den Tag hinein und ahnte wohl kaum, was seine Frau
heimlich so tief bedrckte. Erst am Weihnachtsabend, als Herma in voller
tiefer Stimmung in ihr Zimmer ging und erwartungsfroh jene Lade aufzog,
wo sie den lange treu bewahrten Christbaumschmuck verbarg und er, rasch
dazwischentretend, ihr verwehrte, den alten Tand nochmals auf den Baum
zu hngen, trbten ihm die ersten herben Trnen den Glanz seines jungen
Glcks. Herma, sein feinfhliges Weib, weinte sie -- jh und
unbezwingbar. Er sah sie an wie vom Donner gerhrt. Sie aber wischte
sich die salzige Flut rasch von den Wangen, schob die Lade zu und ging
von ihm weg -- still, wortlos, ohne ihn anzusehen. Ging hinber, den
groen hohen Tannenbaum zu schmcken mit den neuen gleienden Sachen,
die er heimgebracht hatte. Still verrichtete sie diese Arbeit an seiner
Seite, unfroh, mit unlustschweren Hnden. Und wenn sich ihre Blicke
begegneten, senkten sie sich rasch oder glitten aneinander vorbei wie an
etwas Unliebem. Auch ihm ging nichts recht aus den Hnden und in seine
Seele kam eine seltsame Unruhe, ein beklemmendes Mahnen und
bengstigendes Drngen -- die Vorboten der Reue.

Ueber all dem verging viel Zeit. Und darum whrte es heute so
ungewhnlich lange. Und mit den nun verpnten lieben alten Dingen
beschftigte sich unterdessen die heierregte Phantasie der Kinder. Seit
Jahren kehrten sie geheimnisvoll immer wieder, glnzten und strahlten,
glitzerten und funkelten aus dem Tannengrn und verschwanden nach dem
Heiligendreiknigtage ebenso geheimnisvoll wieder.

Wohin? Das Christkind habe sie wieder geholt, sagte die Mutter. Dem
Christkind gehren sie ganz allein und dieses bringe sie immer in
dasselbe Haus und verwechsle sie nie. Und je fter es dieselben Sachen
den gleichen Kindern bringe, desto lieber habe es diese.

Und desto lieber gewannen sie auch die Kleinen. Mit heiliger Scheu sahen
sie jedesmal zu dem funkelnden Stern empor, der immer hoch oben am
Gipfel des Baumes prangte und sich oft seltsam leise bewegte, als wehe
berirdischer Hauch um ihn her oder aus ihm heraus. Und darunter das
Christkindlein mit dem Goldscheine um das blondgelockte Haupt. Es
lchelte und nickte grend herab; auf seinen lieblichen Wangen lag ein
rosiger Schimmer, aus seinen groen Blauaugen kam ein Leuchten
-- unfabar geheimnisvoll. Diese zwei Heiligtmer hatten die Kinder nie
in der Nhe geschaut, nie in den Hnden gehabt. Und keines htte es je
gewagt, auch nur den Wunsch zu uern, sie herunterzuholen. In ein viel
vertraulicheres Verhltnis kamen sie allgemach zu den tiefer in den
Zweigen hngenden Schaustcken. Sie betasteten sie mit scheuer
Neugierde, streichelten sie, nahmen sie wohl fter behutsam herab und
hingen sie aus eigenem Antriebe, oder bedeutsam von der Mutter gemahnt,
wieder an ihren Platz -- dorthin, wo sie mit zarten Fingern das
Christkindlein selbst gehangen hatte. Und jedes der Kinder nahm geistig
Besitz von einem bestimmten Gegenstande, der ihm besonders lieb war. Des
Sommers oft, wenn trbe Regentage sie in die Stube bannten, sprachen sie
unvermutet von all den geheimnisvollen Sachen. Elli am liebsten von
einer winzig kleinen Puppe, die, in einem zierlichen Krbchen weich
gebettet liegend, sie alljhrlich so vertraulich anlchelte, als freute
sie sich des Wiedersehens so sehr wie Elli selbst.

Mit heien Wangen und leuchtenden Augen phantasierte sie eben wieder von
ihrem kleinen Liebling und behauptete pltzlich, das liebe Pppchen sei
zweifellos ein Spielzeug, mit dem im Himmel droben Lilli, das
verstorbene Schwesterlein spielen drfe inmitten einer Schar frhlicher
Englein. Darum leuchte sie auch immer so himmlisch schn, die Puppe,
meinte sie ernsthaft.

Eine Pause trat ein. Alle drei sahen schaurigstill vor sich hin, als
shen sie das von berirdischem Schimmer umflossene Schwesterlein vor
sich sitzen und mit den Englein spielen. Pltzlich brach Otto das
klingende singende Schweigen.

Du Elli, rief er lebhaft, weit du, was ich glaub, wo mein
Paradiesvogel immer ist?

Dein Paradiesvogel? Den kleinen meinst, den am Baum?

Ja, den. Der dem Christkind gehrt und so viele Farben hat, so schne.

Nun, wo soll er denn sein? Doch auch im Himmel droben beim Christkind
-- nicht?

O nein! Ich glaub da der immer ein wirklicher lebendiger Vogel ist,
ein groer. Ja. Ich hab ihn einmal fliegen sehn.

Fliegen hast du ihn sehn? rief Elli und der heilige Schauer des
Wunderbaren durchbebte sie.

Ja! sagte Otto, von einem heien Drange fortgerissen. Hoch am Himmel
droben ist er geflogen. Hoch ber die Sterne hin! Und gro war er
-- gro! Und schn!

Und das Traumbild einer weien Glanznacht khn mit Dichtung mengend,
fuhr er lebhaft fort:

Und weit du, wo er war? Auf der Erde herunten war er und hat
nachgeschaut, ob wir brav sind alle. Und wit ihr, was er macht? Den
Regenbogen macht er! Ja! Mit seinem langen schnen Schweif macht er ihn.
Darum hat er so viele Farben -- weit du?

Er hatte sich ganz hei geredet und fhlte sich unsagbar beglckt, als
er sah, wie Elli sprachlos dastand, des Erstaunens und Verwunderns
bervoll.

Ja, glaubst du's vielleicht gar nicht, rief der kleine Dichter endlich
gekrnkt, als Elli gar nichts erwiderte und nur immer mit groen Augen
wie traumhaft vor sich hinschaute.

Aber freilich glaub' ich's! sagte sie jetzt voll Eifer. Ich seh's ja!
Wirklich wahr -- ich seh's!

Und Norbert, der mit glnzenden Blicken nach Otto geschaut, rief jetzt,
angeregt durch die khne Phantasie Ottos, ganz erhitzt aus: Ja, und wo
ist denn dann mein schner Bibihahn immer?

O, wer wei, wie's dem ergangen ist, sagte Otto groartig khl. Du
hast ihm ja den Schnabel abgebrochen.

O nein! verteidigte Elli den Jngsten, dessen Gesicht sich weinerlich
verzog. Wie der schne kleine Hahn zum zweitenmal gekommen ist, hat er
den Schnabel schon gebrochen gehabt. Weit du's denn nimmer?

Ja, meinte nun Otto. Wer wei, wo der herumgerauft hat und mit wem?

Und immer eifriger umspannen die drei erregten Kinder ihre Lieblinge mit
dem goldigen Gewebe naiver Legende. Auf dem klugen weien Elefanten
ritten sie durch ferne Wunderlnder, jagten auf der langbeinigen Giraffe
durch die schaurige Oede der Wste und durchschwammen mit dem schwarzen
Walfisch, auf des Ungeheuers Rcken in einem zierlichen Huschen
geborgen, das unendliche Meer. Immer heier wurden ihre Wangen, immer
grer ihr Verlangen, wieder das zu sehen, was das Christkindlein nur
fr sie bestimmt hatte und immer wieder nur ihnen brachte. Und sie
nahmen sich vor, mit den kleinen Dingelchen, die sie fr verzauberte
Lebewesen hielten, recht lieb umzugehn und fragten sich, wo wohl dies
und das heuer hngen werde, erinnerten sich, wo es im vorigen Jahr hing
und frher. Immer wieder kamen sie auf ihre Lieblingsstcklein zurck
und erschraken bis in die Tiefe ihrer kleinen Seelen hinein, als sie
nach einem Ausruf Ottos sich vorstellten, was sie wohl tten, wenn die
kleine se Puppe, wenn der prchtige Paradiesvogel oder der stolze
kampfmutige Hahn pltzlich in ihren Hnden lebendig wrden?

Stockenden Atems sahen sie einander an. Da schnarrte pltzlich die
elektrische Klingel, die ber der Tr angebracht war und sie mit der
Bonne, die sie neuestens hatten, zu den Mahlzeiten rief.

Zum Essen ruft der Vater -- und das Christkind? Enttuscht standen sie
ratlos da, Trnen stiegen sachte in ihre Augen. Und nochmals schrillte
die Glocke. Zugleich ging die Tr auf und Gisa, die Bonne rief herein:

Ja, Kinder! Hrt ihr denn nicht? Das Christkind lutet!

Jetzt klang und sang und rief und jubelte aus dem groen schnen Zimmer
auch wirklich das silberhelle Glcklein. Die Mutter konnt es sich nicht
versagen, es wenigstens in diesem Punkte zu guter Letzt zu halten wie
immer bisher. Das stimmte die Kinder wieder warm und erwartungsvoll
feierlich.

Sie strmten in das Zimmer, traten ein -- und standen muschenstill vor
dem groen Baume, der schn und glnzend war wie keiner vorher. Aber von
des Baumes Wipfel herab schimmerte ein anderer Stern, schner zwar, als
sie je einen sahen -- aber nicht der gewohnte, der liebe und
verheiungsvolle Stern. Und er hing steif und still und rhrte sich
nicht, wie sie auch hinaufschauten. Und ein anderes Christkindlein
blickte nieder, lieblich wohl und beraus schn; aber es lchelte nicht
so vertraut, wie das, das immer von da droben niedergrte. Und in dem
Gezweige des Baumes fanden ihre scheu und ngstlich suchenden Blicke die
vielen lieben Dingelchen nicht: Elli nicht ihre Himmelspuppe, Otto
seinen vielfarbigen Vogel nicht und Norbert nicht seinen stolzen Hahn
mit dem abgebrochenen Schnabel.

Staunend, mimutig fast, sah der Vater den Kindern zu, die hilflos
befangen vor der schnen Wirklichkeit dastanden und sich ihrer nicht
selbstvergessen freuen konnten, weil sie nicht umglnzt und umsponnen
war von der Poesie, in der ihre Seelen unbewut schwelgten. Mit einem
scheuen Blick auf den Vater tat zwar Otto so, als ob's ihn ber alle
Maen freute; es kam ihm aber nicht recht vom Herzen.

Norbert war der erste, der laut jubelte, als ihm der Vater, rgerlich
halb und halb verschmt, sagte, das groe schne Hutschpferd gehre ihm.
Elli aber stand schier erschrocken vor einer Puppe, die fast grer war
als sie selbst und so hochmtig auf die Verschchterte niederschaute wie
eine groe vornehme Dame. Auch sie freute sich ihrer brigen prchtigen
Geschenke wohl -- aber es war nicht die jubelnde Freude wie sonst, es
wollte nicht der beseligende Rausch der Selbstvergessenheit ber sie und
ihre mitenttuschten Brderchen kommen.

Endlich fragte sie, ruhelos bedrngt, die Mutter heimlich und leise, so
da es der Vater nicht hren sollte, aber doch wohl hrte: Mutter, hat
uns denn das Christkind nimmer lieb?

Die Mutter verstand, schlo das aufgeregte Tchterlein warm an ihre
Brust und flsterte ihr zu, das Christkind wollte ganz gewi nur sehen,
ob es den Kindern auch wirklich leid tue, wenn sie nicht mehr fnden,
was ihnen allein gehre. Das sagte Elli schnell und insgeheim den
Brdern. Die brachen in lautes Freudengeschrei aus und Otto wurde zum
Propheten: ber eine Nacht, und das Christkind knne wiederbringen, was
sie so liebten -- heute noch vielleicht! Der Mutter Augen begannen zu
leuchten und froh und hell wurde wieder ihre Stimme. Lchelnd rief sie
den staunenden Gatten und die hoffnungsbelebten Kinder zum Abendmahle.

Als nachher die drei kleinen Ruhelosen wieder in das Zimmer traten, wo
der Baum stand, brach ein Jubel los sondergleichen: droben am Baumgipfel
glnzte der alte liebe Stern und wehte und bewegte sich seltsam
geheimnisvoll wie immer. Und unter ihm grte das liebe altgewohnte
Christkindlein nieder, frhlich wie noch nie. Und Elli fand ihre Puppe,
Otto seinen flugkhnen Sonnenvogel und Norbert den stolzen Hahn mit dem
abgebrochenen Schnabel. Der Elefant war da, die langhalsige Giraffe, der
druende Wal und alles andere auch, wie immer zuvor. Und nun sank echte
tiefe heilige Weihnachtsstimmung in die Seelen der Kinder und der
Eltern.

Frau Herma aber ging leisen Schrittes und befreiten Herzens auf Konrad,
ihren Gatten zu, der, von den Rauchwolken seiner Zigarre schier
traumhaft umhllt, in einer halbdunklen Zimmerecke sinnend sa. Wie
hatte er sich, gebefroh, auf diesen Weihnachtsabend gefreut -- den
ersten ohne Gegenwartssorgen und ohne Bangen fr die Zukunft! Und jetzt?
Jetzt war ein Miklang in den Festjubel gekommen, hatte ein khler Hauch
den Glanz des Abends getrbt. Ein Miklang? fragte er sich selbst und in
seinem Herzen regte es sich warm und weich; abwehrend aber stellten sich
trotzige Gedanken davor.

Da kam Frau Herma und lchelte ihn an. Wie leichtes Gewlk im
Sonnenbrande verschwanden nun jene glckfeindlichen Gedanken und sein
Herz tat sich auf -- weit und froh und tief. Aber er verhielt sich
still, sah nur das sonnige Lcheln, das er so sehr kannte. Hatte es ihm
doch frher so oft die Kraft gegeben, alles von sich abzuschtteln und
rstig weiterzuschreiten -- trotzmutig der ungewissen Zukunft entgegen.

Sie erfate seine Hand und drckte sie warm. Dabei flsterte sie: So
soll es immer bleiben -- nicht wahr?

Ja! antwortete er schnell und setzte hastig hinzu: Ich schme mich.
Frher war unser Empfinden bedroht von Sorg' und Kummer, die auf das
Gemt wirken wie Frost und Reif auf die Blumen und Saaten -- und jetzt,
jetzt htt' ich bald den Mehltau des platten Philistertums darber
geschttet. Verzeih mir! Es waren das die Bocksprnge des
Glckberauschten, der Uebermut des Befreiten. Du und die Kinder -- ihr
habt mich wieder auf den rechten Weg gebracht. Im Weihnachtszauber hab
ich mich wieder selbst gefunden.

Frau Herma erwiderte nichts. Sie lehnte nur ihr Haupt an seine Brust und
drckte wieder seine Hand. Ihr Auge war feucht geworden und ihr Herz
erglhte in dem frohen Bewutsein, ihr ungetrbtes Glck in ihrer und
ihres Mannes Brust vertrauensstark gefestigt zu wissen gegen alle Strme
des Lebens.

Dieses groen stolzen Gefhles voll, gingen sie schweigend zu den
Kindern. Die saen unter dem Baume und sprachen eifrig und
selbstvergessen von dem Mrchenleben ihrer Lieblinge, die nun alle Jahre
getreulich wiederkamen. Und als die Kinder, herangewachsen, endlich
wuten, wer sie eigentlich immer wieder brachte und geheimnisvoll
verbarg, da hatten sie sie lieber als je zuvor.




Der Weg zurck.


Den Weg wieder finden zu ihnen zurck! Von ihnen weg war er
sonnig-golden, war er blumenreich gewesen und schien unfehlbar ins Land
des heiersehnten Glckes zu fhren. Jetzt aber fhrte er quer durch
eine unermelich weite totenstille, grauenhaft de Ebene: durch das Land
der Hoffnungslosigkeit. Und weit drauen am unbestimmbaren Ende stand
ein kleines trautes Haus. Dort lebten die, die sie im Ueberschwange
ihrer Jugend, im heien trgerischen Sehnsuchtstriebe nach ertrumtem
Glck verlassen hatte: lebten Gatte und Kind. Und warteten auf sie.

Warteten? Warteten sie wirklich? Konnte, konnte es denn sein? Leise und
khn und khner wagte die todesbange Hoffnung in ihr zu flstern: ja, es
_kann_ wohl sein. Es _wird_ so sein -- es ist wahrhaftig so! Du hast ihn
ja, schier selbst noch ein Kind, mit seiner Einwilligung verlassen. Und
er, er hat nichts begehrt, als da Klein-Elli ihm bleibe. Und du -- ja,
du hast das zugegeben ...

Jhlings blieb sie auf den verschneiten Wegen des Stadtparkes stehn und
starrte vor sich hin, als blickte sie in einen tiefen Abgrund.

Es ist ein Abgrund! Es ist der Abgrund, der euch trennt. So flsterte
die mahnende Stimme wieder. Da du ihn verlassen konntest, da sich das
junge lebensfrohe Weib von dem unverstandenen, an Jahren weit lteren
Mann wegsehnte -- das begriff er ja, so bitter weh es ihm auch tat. Da
aber die Mutter von ihrem Kinde so leichten Herzens fortgehn konnte: das
mute ihn dir entfremden, das mute ihm sagen: Sie hat kein Herz, sie
ist rmer als die Aermsten, denn sie kann nicht lieben. Und nun ist sie
dahingegangen, die arme Trin -- die Liebe zu suchen!

Ja, so wird er bei sich denken; denn er wei ja nicht, was du ihm
verborgen hast: da es dir schier das Herz abdrckte, als er das Kind
zwischen dich und sich stellte und das arme se Geschpfchen, das mit
aller Glut seiner zarten Seele an dir hing, gebannt und bezwungen von
seinem machtvollen Blicke, sich auf seine Frage, bei wem es bleiben
wolle, fr den Vater entschied -- mehr aus Furcht, denn aus Liebe.

Da hast du etwas getan, was du httest nicht tun sollen: du hast, im
Innersten getroffen, wie frhlich aufgelacht und hell gerufen: So bin
ich doch wieder frei! Ganz frei! Und dann sprachst du ein so
frohgemutes, ein so leichtherziges Lebewohl, als ginge es auf eine
Lustreise, von der du, wandermde, frohen Herzens wieder zurckkommen
konntest zu ihm und dem armen mutterberaubten Kinde.

Siehst du, _das_ ist der Abgrund, den du ausfllen mtest, wolltest du
zurckkommen knnen zu ihm. Kommst du nun auch, eine Enttuschte, rein
an Leib und Seele zurck, knnte er auch dem liebendem _Weibe_
verzeihen, was es auch begangen habe: der herzlosen _Mutter_ wird er die
Tr seines Hauses verschlieen und sein Kind bewahren vor dem Anblicke
derer, die ihm htte die unversiegbare Quelle sein sollen aller Liebe ...

Wieder blieb sie stehn. In der Hand trug sie Rosen, schne blhende
Rosen. Diese sollten zuerst fr sie sprechen, fand sie beim Anblick des
grostaunenden Kindes nicht sogleich Worte. Es liebte die Rosen so sehr.

Damals, ach! so flsterte es wieder in ihr, damals blhten die Rosen in
seinem kleinen Garten und verbreiteten einen schweren sen Duft. Und
auf diesen duftigen Fluten schwebte die trgerische Sehnsucht deiner
Jugend in die Ferne, eilte die heie, in Gluten malende Phantasie in
einen anderen viel greren Garten, wo die Rosen standen, vereint zu
einem farbenschnen duftwogenden Meere: in den Garten des Schlosses, wo
er wohnte, er, den du zu lieben glaubtest mehr als Kind und Gatten.

Und Sehnsucht und Phantasie wurden so machtvoll, da du eines Abends
mitten im goldigglhenden Sonnenschein, umjubelt vom Amselschlage und
umwogt vom Dufte der Rosen, vor ihn hintratest und ihm sagtest:

Ich mu fort von dir! Ich liebe einen andern und darf deshalb nicht
lnger unter deinem Dache weilen.

Erinnerst du dich an seine Zge? Wie sie jh der tiefe gewaltige
Ueberraschungsschmerz verzerrte und wie mannesstolze Beherrschung den
Sieg ber alle die sinneraubenden Gewalten in ihm davontrug ehe auch nur
ein einziges Wort sie dir verraten konnte? Und wie er im Gefhle dieses
Sieges ber sich selbst dich so ohne Herbheit frei gab, wie es nur der
Edelsinnige vermag, und sich von dir wandte wie es nur der Starke kann.

Seine _Schwche_, die du frchtetest und doch wieder tief drinnen im
dunkelsten deiner Seele erhofftest und herbeisehntest -- seine Schwche
und Hilflosigkeit, sein zitterndes Gestndnis, er knne nicht sein ohne
dich: das alles zusammen htte dich vielleicht wankend gemacht, dich,
die du _herrschen_ wolltest ber ihn, nicht ihm untertnig sein, wie es
die Liebe tut, ohne sich zu erniedrigen. Seine _Strke_ aber breitete
die Winterklte des Trotzes in deiner noch unreifen Seele aus -- und du
gingst. Gingst stolz und hoffnungsfroh der ertrumten Liebe entgegen.

Und du fandest den Mann deiner Sehnsucht in der Gewalt einer anderen und
fandest ihn kleinmtig, platt, alltglich. Das reiche farbenbunte und
farbenprchtige Gewand, mit dem ihn deine Tyrannen, die selbstherrliche
Phantasie und die selbstgefllige Romantik, behangen hatten, war ihm
abgenommen worden von jenem schnen kaltberechnenden Weibe, in dessen
Banden er nun, ein jmmerlicher Schwchling, lag. Zu einem Knig
glaubtest du zu kommen und fandest einen Bettler, der nach Almosen
verlangte, als er, erratend warum du Mann und Kind verlassen hattest,
mit heiem Begehren zu dir kam. Da aber fand er dich stark und stolz,
wie der es gewesen war, dem du entflohen warst -- seiner Strke willen.

Nun trugst du dein Weh und deine bittere Enttuschung in der weiten
sommerschnen Welt umher, bis du in den Nebeln des Herbstes endlich
erkanntest: niemand hat dich enttuscht als -- du dich selbst. Von
schlimmen Fhrern: von den Gespenstern deiner krankhaften Romantik, die
deine Jugend belebt und beherrscht hatte, wolltest du dich der Sonne
irdischen Glckes zufhren lassen -- und mutest zu spt erkennen, da
du diese Sonne hinter dir gelassen hattest, da sie dir nur geschienen
hatte -- bei ihm.

Und nun erblhte dir allmhlich das seste und zugleich herbste Wunder
deines Lebens: es wurde dir sonnig offenbar, da du den und nur den
liebst, dem du so weh getan hattest.

Noch in der Stunde dieser frohen Erkenntnis trieb es dich fort aus dem
herbstumseufzten Heim deiner Jugend -- in die Stadt zurck, wo die
wohnten, die du liebtest. Weit du noch, wie du, so ganz Sehnsucht, da
all dein Denken ohnmchtig in dir war, in stiller Dmmerstunde bis an
das Haus deines Mannes flogst? Wie dir dann jh die Hand erstarrte als
sie sich nach der Klinke streckte? Weit du noch, wie sie mit einem Male
wieder in dir aufstand, die bittere Wahrheit, und du ihr ins herbe
Antlitz schauen mutest: als reuiges _Weib_, als das gewesene Weib eines
anderen selbst durftest du's wagen, an diese Tr zu klopfen, durftest
hoffen, da sie dir aufgetan werde -- als _Mutter_ aber, die herzlos ihr
Kind verlie, durftest du diese Schwelle nie und nimmermehr wieder
berschreiten. Das Paradies ist dir verschlossen. Der gesamten
Menschheit Los ist dein herbes Einzelschicksal.

So hatte die Stimme in ihr gemahnt und erinnert, gewarnt und geboten.
Die Sehnsucht aber hatte sie, ohne da sie's selber merkte, doch wieder
-- wie so oft in den letzten Wochen -- hinausgefhrt durch all die
Straen und Gassen, hinaus bis an sein stilles kleines Haus. Das stand
tief in einem Garten, wei von Schnee, voll weicher runder Linien und
seltsam umwoben vom geheimnisvollen Dster tiefer Winterdmmerung.
Einige Fenster schimmerten im milden traulichen Schein, der zu sagen
schien: Komm! Komm, du arme Verirrte. Und glaube: es gibt nichts, was
die Liebe nicht verzeihen und vergelten knnte.

Schon hatte sie die Gartenpforte geffnet, da sprach eine andere Stimme
in ihr, die Hoffnung wohl war es: La es sein heute, komm morgen. Morgen
erglnzen die Fenster ringsum im Lichterglanze des Weihnachtsbaumes. Da
sind die Herzen aller empfnglicher fr Vershnung und Verzeihung; denn
es weht ja vom Himmel hoch hernieder der warme Hauch des Friedens. Da
aber regte sich wieder die erste Stimme in ihr, die wohl das Gewissen
sein mochte. Geh! rief sie, er wird dir nicht glauben, er wird es dir
schlimm anrechnen, da du die heilige Stimmung dieses Abends bentzt und
du just kommst, wenn die Herzen weicher schlagen und die Tore der
sehnenden Seelen weit offen stehn fr alles, was Liebe ist und Liebe
-- _scheint_....

Sie wollte sich eben traurig abwenden, als hastig die Tr des Hauses im
Garten geffnet wurde. Ein Mdchen strzte daraus hervor. Die Stimme der
Mutter ihres Mannes mahnte ngstlich zur grten Eile.

Was geschehen sei? fragte sie das Mdchen, das ihr fremd war. Sie sei
-- eine Verwandte des Hauses und frage nicht mig.

Die kleine Elli krnkle schon, seit die Mutter fort sei, entgegnete das
Mdchen vertrauensvoll. Und je nher die Weihnachtsfeiertage kmen,
desto mehr fragte das arme Kind, ob denn die Mutter noch immer nicht
komme? Und als ihr der Vater vor einigen Tagen in ganz ungewohnter und
unbegreiflicher Erregung rauh entgegenrief, die Mutter werde berhaupt
nicht mehr wiederkommen und Elli solle ihn nimmer um die Mutter befragen
-- da sei es totenbleich geworden. Und seit jenen Tagen liege es an
einem Nervenfieber darnieder. Das habe sich heute so sehr verschlimmert,
da der Arzt sie nach einem zweiten Kollegen sandte. Von diesem weg
sollte sie in das Kloster, um dort eine Schwester zu holen, da der Vater
und die Gromutter in ihrer Aufgeregtheit nicht mehr fhig seien, das
Kind die Nchte hindurch allein zu pflegen.

Jh scho der toderschrockenen Mutter aus tiefster Seele ein Gedanke
auf. Sie wolle und msse da helfen, sagte sie zu dem Mdchen. Es solle
nur nach dem zweiten Arzte laufen. Sie selbst aber wolle einen Wagen
nehmen und eine barmherzige Schwester schicken. So ginge es viel
schneller. Das Mdchen, froh, einen Gang weniger machen zu mssen, war
einverstanden.

Rasch ging die junge Frau auf die Strae und rief den ersten Wagen an.
Sie nannte ihm als Ziel ein vornehmes Modehaus.

In dem Geschfte verlangte sie den Chef. Sie msse um jeden Preis -- ein
Nonnenkostm haben, das Kleid einer barmherzigen Schwester. Aengstlich
fragend hing ihr Blick an den Zgen des Mannes, der ihr in froher
Faschingszeit schon fter die phantasievollsten Kostme zusammenstellen
half. Er nickte. Es drfte eines vorhanden sein in der Maskenabteilung
meinte er. Und es war so.

Rasch fuhr sie in ihre Wohnung. Dort kleidete sie sich um, entblte
sich alles Schmuckes, schminkte ihre erglhten Wangen bleich, zog einige
knstliche Falten zwischen die Augenbrauen, drckte den Schleier des
frommen Kleides tief in die Stirn -- und besah sich ngstlich forschend
im Spiegel. Sie war beruhigt: man konnte sie nicht erkennen.

Um sich dem Kutscher nicht zu verraten, nahm sie einen Theaterschal um
den Kopf, umschlo sich mit einem dunklen Mantel und lie sich in
hchster Eile zurckfahren in das Haus ihres Kindes.

Klopfenden Herzens trat sie ein. Still und ernst, ohne viel Worte, ohne
sie auch nur nher anzusehen, begrte man sie und fhrte sie in das
dmmerige Zimmer, wo sich die Kleine in den Gluten eines verzehrenden
Fiebers unruhig in den Kissen wlzte.

Mit machtvoll erzwungener Ruhe und ngstlich bedachtem Eifer ging sie an
ihr Werk, das ein Rettungswerk werden konnte fr drei Menschen. Die
Gromutter sah ihr wohlgefllig zu. Sie pflege das Kind, sagte sie nach
geraumer Weile, nicht wie eine Schwester, sondern wie -- eine Mutter.
Eine Sturmflut von frohem Schreck und herben Trnen drngten ihr diese
Worte aus wehem Herzen herauf. Sie beugte sich rasch ber ihr Kind und
kte dessen brennendheie Stirn. Die Gromutter ging. Sie war allein
mit dem Kinde, mit dem all ihr Glck leben oder sterben mute.

Spt in der Nacht kam der Vater wieder ins Zimmer. Stumm und ngstlich
sah er ihr zu. Sie wagte kaum, zu ihm aufzuschauen. Und doch hatte sie
gesehen, da seine Haare an den Schlfen wei geworden waren und sein
Gesicht fahl und eingesunken. Sie hatte das entsetzliche Gefhl, hinter
ihm stehe der Tod und der werde mit der einen Hand nach dem kleinen
fieberbrennenden Herzen ihres Kindes langen und mit der anderen nach dem
erstarrenden Herzen dieses qual- und reuedurchwhlten Mannes. Sie htte
ihn gern gebeten, er mge gehn; aber sie frchtete, er msse jetzt, wo
sie allein waren, ihre Stimme erkennen, die sie in diesem Augenblicke
wohl htte nicht verstellen knnen. Endlich ging er mit einem tiefen
Aufatmen langsam und gebeugten Hauptes fort.

Als das Kind in seinen Fieberphantasien laut nach der Mutter rief,
beugte sie sich ber das arme Wrmchen und sagte ihm mit der Stimme der
Liebe und der namenlosen Angst, sie sei ja bei ihr, die Mutter, sie
pflege sie und gehe nimmer, nimmer von ihr fort. Dann nahm sie es an
sich, trug es im Zimmer umher und sang ihm mit leiser Stimme all die
Liedlein ins Ohr, die sie ihm einstens in glcklicheren Stunden gesungen
hatte. Und es schien, als zge mit diesem Gesange und mit den Kssen der
Mutterliebe endlich Ruhe ein in die phantasiegepeinigte kleine
Kinderseele. Mit einem Male schaute sie, stiller geworden, die Mutter
lange starr und gro an. Dann stand eine Weile ein seltsames Lcheln auf
den fieberverdorrten Lippen und endlich drckte mit weichen Fingern der
Schlaf die grostaunenden Augen zu.

Am nchsten Vormittag fhrte man die lang widerstrebende Nonne endlich
in ein anderes Zimmer, damit sie ein wenig der Ruhe pflege.

Das Zimmer war das ihre und war ein Heiligtum geworden -- ein kleiner
schner Tempel der Liebe und Piett: alles stand und lag, wie sie es
verlassen hatte an jenem sonnigen Abend, und alles, was von ihr stammte,
auch die nichtigste Kleinigkeit, war hier von liebenden Hnden
zartsinnig zusammengetragen. -- Sie wute, von welchen Hnden.

Umweht von dem Hauche seiner Liebe, war sie in die Knie gesunken und bat
Gott um die Kraft, das Werk vollenden zu drfen, das sie so berschnell
begonnen hatte. Sie war so ganz ohne Erinnerung, ob sie es mit
vorgefatem Willen gewollt hatte, da sie sich sagte: es sei das Werk
einer hheren Macht und es werde und msse darum zu gutem und schnem,
zu beglckendem Ende fhren.

In sich gefestigter, wagte sie es, ihre Schritte wieder in das
Krankenzimmer zu wenden. Zu ihrer unsagbaren Freude fand sie das Kind
noch immer schlafend.

Sie habe ein Wunder an der armen Kleinen gebt, sagte ihr die Gromutter
gerhrt, ein Wunder, wie es sich der Arzt, der wute, er habe es hier in
erster Linie mit einer kranken Seele zu tun, nur von der _Mutter_ des
Kindes erhofft hatte.

Wo die Mutter sei, wagte sie jetzt gepreten Herzens zu fragen, um zu
erforschen, wie man ber sie denke.

Die Mutter sei fort, entgegnete die Gromutter nach einigem Zgern, und
verdiene wohl gar nicht, da man ihrer hier mit so viel Liebe gedenke.
Am meisten leide das zarte empfindsame Kind unter den traurigen
Verhltnissen. Es sehne sich immerwhrend nach der Mutter, drfe aber
vor dem Vater mit keinem Worte von ihr reden. Er selbst aber treibe
heimlich einen frmlichen Kult mit ihrem Andenken.

Die Nonne hatte tief das Haupt gesenkt und entgegnete mit leiser Stimme:
die Entflohene habe vielleicht schon lngst bitter bereut und getraue
sich wohl nicht mehr zurck, weil sie als Mutter ihr Kind verlassen
konnte. Sie leide vielleicht nicht weniger als die hier
Zurckgebliebenen.

Erstaunt sah die Gromutter auf die unverhoffte Verteidigerin ihrer
Schwiegertochter herab. Dann entgegnete sie etwas hastig: wenn dem so
wre, so htte die Mutter einfach die Pflicht gehabt, den Weg
zurckzufinden, koste es sie, was es wolle.

Vielleicht frchte sie, da der Mann wohl dem Weibe, nicht aber auch der
leichtfertigen Mutter verzeihen knne, von der er glaube, sie sei
herzlos.

Wieder stutzte die Gromutter und sagte dann herb: da habe sie, die
Nonne, die ein sehr feines Unterscheidungsvermgen in Frauenliebe zu
besitzen scheine, wohl recht, wenn sie das annehme. Ihr Sohn denke und
fhle in der Tat so.

Da sank das Haupt der Nonne noch tiefer herab. Wenn die entflohene Frau
das wisse, flsterte sie, dann sei sie wohl nach langem Kampfe dahin
gekommen, sich als Strafe gegen sich selbst -- die Entsagung
aufzuerlegen, wie schwer sie darunter auch leiden mge ... bis an ihr
Ende....

Entsagung? eiferte jetzt die Gromutter. Hier wre es wohl die
menschlich schnere und grere Aufgabe gewesen, das verlorene Glck
zurckzugewinnen, weil sie damit zugleich die beiden Menschen beglcken
knne, die sie verlassen habe. Wo Entsagung einzig nur Zerstrerin sei,
da sei sie nach ihrer Meinung verwerflich, sei sie ebenso unmenschlich
wie unchristlich. So werde brigens die junge Frau gar nicht denken;
denn fr sie, die nicht lieben knne, bedrfe es ja keiner Entsagung.

Jetzt aber warf sich die vermeintliche Nonne der erschrockenen
Gromutter zu Fen und rief, sich selbst vergessend, in ihrer
Herzensangst und Pein:

Ich bin ja gekommen! Ich habe ja gelitten wie er! Wochenlang
umschleiche ich schon das Haus da und wage es nicht, den Fu ber die
Schwelle zu setzen, weil ich mich frchte vor ihm! Ich bin nicht die
herzlose Mutter, fr die er mich hlt! Ich bin nur so gewesen damals,
weil ich mich nicht beugen wollte vor seiner Gre und vor seiner
Strke! Denn _ich_ wollte _ihn_ beherrschen, _bemitleiden_ wollt' ich
ihn knnen, wie ich zu Hause meine schwachen Eltern beherrschte, und sie
bemitleidete und trstend wieder aufrichtete, wenn sie sich meinethalben
krnkten. Glaube mir, ich habe gelitten die Zeit ber und bereut und war
entschlossen, den Abgrund auszufllen, den ich selbst aufgetan hatte
zwischen ihm und mir. Aber ich wute nicht, wie ich es anfangen sollte,
da er mir glauben knne, und meinte oft, darber sterben zu mssen. Da
fhrte mir der glckliche Zufall das Mdchen entgegen, das um Arzt und
Klosterschwester geschickt wurde. Und mein guter Genius hat mir den
Gedanken eingegeben: sei _du_ die Schwester! Pflege dein Kind und suche
dir den Weg zu seinem Herzen -- dann gewinnst du vielleicht auch _sein_
Vertrauen und damit sein volles Herz wieder. Und wenn du siehst, da dir
das nicht gelingen knne, dann gehe wieder still und unerkannt von
dannen, trage schweigend dein Los und be deine Schuld bis ans Ende.

Tieferschttert hatte die Gromutter zugehrt und htte doch aufjubeln
mgen ber die unverkennbare Echtheit und erschreckende Gre des
Schmerzes und der Reue der jungen Frau. Sie beugte sich liebevoll zu ihr
herab.

Ja, sagte sie milde, diesen Plan hat dir dein guter Genius
eingegeben. Sei guten Mutes und zeige dich deiner armen Elli als
liebende Mutter. Die Sehnsucht nach dir zehrt an ihrem Leben. Sie wre
wohl zugrunde gegangen an dieser Sehnsucht. Dein Anblick wird ihre
kleine wunde Seele gesunden. Das hoffte auch der Arzt mit voller
Zuversicht. Darum hat Herbert sich auch entschlossen, dich zu rufen. Er
telegraphierte an deine Eltern hinaus. Doch von dort kam die Antwort, du
seiest lngst wieder in Wien. Ich suchte dich gestern, whrend du schon
da an dem Bette deines Kindes knietest, in deiner Wohnung auf. Dort
sagte man mir bestrzt, du seiest fort, man wisse nicht, wohin. Ich war
zu Tode erschrocken und wute nicht, was ich mir denken sollte. Doch,
jetzt komm! Du findest in deinem Zimmer ein lichtes Hauskleid. Das ziehe
an und setze dich zu deinem Kinde, damit es dich sieht wenn es aufwacht.
Es hat getrumt von dir. Ich hab's belauscht. Whrend du dich
umkleidest, will ich zu Herbert hinber und ihm sagen, was sich hier
Wundersames und Beglckendes zugetragen hat. Er wird erschttert sein
und Gott danken, da es so kam; denn er trgt ja zum groen Teil mit die
Schuld, da Elli so krank wurde. Mit seinen Blicken hat er sie damals an
sich gebannt, als er sie zwischen dich und sich stellte und hat dich
nicht gerufen, wie sehr sich auch das Kind nach dir gesehnt hatte. Komm!
Es darf keine Minute versumt werden. Das arme Kind soll, wenn es
aufwacht, finden, wovon es wohl glckselig getrumt hat.

Und so fand es auch Klein-Elli, als sie aus ihrem strkenden Schlaf
aufwachte. Weit ri sie ihre scheuen blauen Augen auf, als sie an ihrem
Bettlein eine junge schne Frau sitzen sah anstatt der grauen Schwester
und starrte lange wie in seligem Schreck nach ihr.

Die hochbeglckte Mutter aber schlo ihr Kind, das sie nie verloren
hatte und doch erst wieder zurckgewinnen mute, in ihre Arme, kte es,
nannte es mit den sesten Kosenamen und wute sich nicht zu fassen vor
namenloser Freude.

Klein-Elli lag still in ihren Kissen und lchelte glckselig zu ihr auf.

Gelt, Mutter, du hast mir vorhin schon was vorgesungen? So wunderschn
hast du gesungen.

Die Mutter nickte stumm. Und wieder lchelte Elli vor sich hin.
Pltzlich aber kam wieder Schreck und Starrheit in ihre Augen -- sie
hatte den Vater erblickt, der, von der Gromutter gefhrt, ans Bett
getreten war.

Vater, fragte Elli ngstlich, darf die Mutter jetzt bei uns bleiben
-- immer?

Ja, sagte dieser mit bebender Stimme. Wir bitten sie darum und lassen
sie nimmer fort.

Da jubelte die Kleine, legte ihre Aermchen um den Nacken der Mutter und
weinte und lachte. Der Vater aber hatte sich neben der Wiedergefundenen
niedergelassen, ergriff ihre zitternde heie Hand und fhrte sie an
seine Lippen. In der Art, wie er das tat, lag sein ganzes Selbst, seine
ganze Seele mit all ihrer Wiedersehensfreude, ihrer Reue und ihrer
stolzen Ergebung.

Und als Frau Hilda sich niederbeugte und froh erschaudernd den Schnee
seiner Haare kte und ihre Lippen zitternd die seinen suchten, da hatte
sie in ihrer Seele das erhebende Gefhl, einem Manne anzugehren, der
stolz und immer er selbst bleibe, wie er sich auch erniedrigen mge.

Die Gromutter aber war still hinausgegangen und hatte mit dem
Dienstmdchen rasch den Weihnachtsbaum geschmckt, der schon lngst im
Hause war. Als sie mit dem schimmernden Baume ins Zimmer trat, da sah
sie, da die Augen der drei im Glcke Wiedervereinten heller leuchteten,
als alle die Kerzen auf ihrem Baume.




Wie Herr Schoiengeyer zu einem Christkindl kam.


Im Hause Schoiengeyer war kritischer Tag -- ein bser Erinnerungstag
knapp vor Weihnachten. Von frh morgens bis abends war Herr
Schoiengeyer mit verdrossenen Mienen im Geschfte herumgegangen
-- einsilbig, mrrisch, brummig. Recht machen konnte es ihm heute keiner.
Bei den Mahlzeiten naschte er nur ein wenig -- grad, da ma halt was
it. Und nun sa er schon den ganzen Abend schweigend da und rauchte
seine liebe lange Pfeife. Die wenigstens schmeckte ihm -- wenn's nicht
ein groes Kummerrauchen war.

Frau Marie sa an ihrem Tischchen und arbeitete an irgend etwas. Sie
arbeitete berhaupt immer. Von Zeit zu Zeit warf sie einen scheuen
prfenden Blick nach dem Herrn. Dann war's immer, als verbisse sie ein
Lcheln. Es war aber auch wirklich wahr: die Kummermiene stand Herrn
Schoiengeyer geradezu -- komisch. Sie wollte in dieses runde gesunde
Gesicht nicht passen. Die naiv-hochmtig steifen Linien, die das
gewohnte breite selbstbewute Lcheln unverlschlich um Mund und
Nasenflgel gezogen hatte, wollten sich durchaus nicht in Kummerfalten
verwandeln. Und doch whrte Herrn Schoiengeyers Seelenweh nun schon ein
volles Jahr. Frau Marie sah ihn wieder an.

Anton!

No?

Heut is sehr -- sehr kalt draun.

Ja!

Und ins Schneim und Stbern wills halt gar nit aufhrn. Wir wer'n heuer
bald Schneeverwehungen kriegen -- meinst nit?

Kann schon sein!

Nein, so gings nicht. Da hie es auf einen neuen Gesprchsstoff sinnen.
Es klopfte. Die Tr ging auf und Michl, der Geschftsdiener, brachte
zwei mit der letzten Post angekommene Briefe. Einen an Herrn, den
anderen an Frau Schoiengeyer. Der Herr drehte den seinen bedchtig in
den Hnden herum und brummte einmal ber das andere Mal! Die Schrift
sll i kenna.

So mach 'hn halt auf!

A so! Hm! Ja! Recht hast! Er ffnete den Brief und meinte mit
Erstaunen in den Mienen, aber mit Gleichmut in der Stimme: Vom Hannes
is er. Das war sein lterer Bruder. Der hatte sein Lebtag kein
schreibendes Geschft gehabt und schon mindestens fnfzehn Jahre nicht
mehr an den Bruder geschrieben. Das Lesen der krausen Schrift war recht
mhsam. Dennoch wurde Herrn Schoiengeyers Gesicht trotz zunehmenden
Staunens immer beruhigter. Na also! brummte er befriedigt. Frau Marie
achtete nicht darauf. Sie war ganz in _ihren_ Brief vertieft. Und ihr
Gesicht wurde immer trauriger, immer kummervoller.

Aha! dachte Schoiengeyer. Wei schon!

Ihm hatte sein Bruder kurz mitgeteilt, da der Eduard, ihr Neffe, nun
doch zu ihm komme -- zum Herrn Schoiengeyer nmlich. Der hatte vor
langer Zeit den Wunsch geuert, sein Geschft wieder einem
Schoiengeyer zu bertragen. Da ihm leider kein Sohn beschieden war,
dachte er an Eduard, seines jngsten Bruders Rudolf Sohn. Doch der Junge
wollte durchaus studieren, wie sein Vater, der irgendwo Beamter war.
Eduard wies des Herrn Onkels gromtiges Anerbieten damals sehr lieb
zwar, aber ebenso entschieden zurck. Schriftlich natrlich; denn die
beiden Brder verkehrten schon seit mehr als zwanzig Jahren nicht
miteinander.

Jetzt aber sagte sich Herr Schoiengeyer: Habs eh gwit, da er am End
doh kimmt! Ewi Hunger leidn kann der Mensch ja doh nit!

Die Beamtenfamilien hungerten nach seiner Ueberzeugung alle. Er allein
von seinen Brdern hatte es zu was Ordentlichen gebracht. Zu was
Ordentlichem hie: Geld, Wohlstand, Reichtum. Er war ein groer
Weinhndler, besa eine umfangreiche Wirtschaft und betrieb nebstbei
Spekulationsgeschfte, wenn sie sicher waren und dabei was
herausschaute.

Wann Eduard komme, sagte des Briefes kurze Nachschrift. In Eduard
schick i dir gleich, in ein paar Tag ist er dort. Der Obige.

Na na! brummte Herr Schoiengeyer mit behaglichem Lcheln. Der packts
aber gach an!

Hm!, machte er dann mit einem Blick auf d' Frau. _Der_ ihr Gesicht war
just nicht heiter. Ja ja, der wird halt von der Thildl sein, der
Brief, dachte er. Und laut brummte er:

Na -- du? Was? Is halt doh so, wie i allweil gsagt hab' -- han?

Frau Marie sah unter Trnen auf und nickte nur. Das wurmte Herrn
Schoiengeyer.

Sigst dus! rief er, jetzt is's endli amal heraus! Allweil hats
ghein: I bitt di, sei doh stad! Sie is ja eh glckli! Pah! glckli!
Mit so an! Mit so an Hungerleider -- mit so an Maler _kann_ ka Kind aus
an anstndigen Haus glckli sein! Hab is nit allweil gsagt? Han? Jetzt
hast du's! Frau Marie nickte nur wieder.

Hab i nit recht ghabt? I! Er war beinahe erfreut darber, da er recht
hatte. Und er sollte doch jetzt erst recht traurig sein, da es endlich
erwiesen war, da Thilde wirklich kreuzunglcklich ist, wie er immer
behauptet hatte -- immer! Seine Frau -- du lieber Gott! die hatte
geglaubt, _er_ werde glauben was sie ihm vormache. Sie hatte sogar
geglaubt, er werde am Ende doch nachgeben -- er! Er nachgeben! Das hat
man von einem richtigen Schoiengeyer berhaupt noch _nie_ erlebt
-- wirds auch nie erleben! Aufgeregt wiegte er mit ungewohnt groen
Schritten seinen rundlichen Krper durch das Zimmer und schnaufte und
dampfte, da es Frau Marie endlich doch zu viel wurde. Er wartete nur
auf ihr Losbrechen. Sie aber sagte blo:

Aber Toni! Und es klang so kleinlaut, so lieb, so bittend. Aber das
verfing heute nicht. Je mehr man einem Starrkopf -- Dickschdl sagte
Frau Marie -- nachgibt, desto grer wird sein Eigensinn.

Mm! machte er nur -- dampfte weiter, stampfte weiter.

Toni -- du!

Mm!

Du -- du, hrst -- heimkommen will's.

W--a--as? Jetzt war es aus mit dem Rauchen und Laufen und Trotzen.
Kugelrund wurden seine Augen, kugelrund sein aufgesperrter Mund.
Heimkommen will's -- ins Vaterhaus? Hawe die Ehre! Gelt, weil's Hunger
leidt, weil's kreuzunglckli is!

Frau Marie nickte.

Heut is grad ein Jahr, da durchgangen is! Durchgangn! D Schand! I
wuna mi nur, da i noh leb! Meina Seel!

Na weit, Toni, durchgangen is eigentli nit!

Na sonst was!

Sie hat dir's ja vorher gsagt! Und schlielich haben's doch gheirat,
die zwei.

Ah so! Deswegn wird die Gschicht aber nit anders! Um ka Haar nit. Aus
is! I will nix mehr wissn von ihr! Sie is dem Windbeutl nachgrennt,
hat'n gheirat ohne Elternsegn, soll's a bei eahm bleibn! In _mein_
Haus ...

Aber Toni! I bitt di um allers in der Welt! Schau, jetzt, weil's wirkli
_unglckli_ is! Geh, hast denn gar ka Einseh'n, Mann? Hast denn gar ka
Herz mehr und ka Religion? Geh Toni, sei guat! du bist ja a guata Mann!
Schau, weit, und es schadt dir, das ewige Aergern, das.

Freili schads mir! Freili! Ihr bringts mi noh unter d'Erdn! Du halt's
eh mit ihr -- du!

Herr Schoiengeyer sah sie wild an. Dann rannte er wieder im Zimmer hin
und her -- dampfte, stampfte, brummte, fuchtelte mit den Hnden herum,
schob das Hausherrnkapperl ins krause weie Haar zurck, wieder vor,
kratzte sich hinter dem einen, dann hinter dem anderen Ohr, blieb
endlich stehn und rief, schon wieder rennend:

Also meinetsweg'n: ja! Soll's in Gottsnam kemma! Gscheita is doh als
bei eahm!

O du guata guata Mann!

Frau Marie war schluchzend aufgestanden, Herrn Schoiengeyer mit
ausgebreiteten Armen nachgerannt -- und an seine Brust gesunken.

Na so was! Gehst denn nit! Was fallt dir denn ein!

Sie drehte ihr gutmtiges Gesicht zu ihm auf und lchelte ihn unter
Trnen an.

Ja Frau! Du lachst ja! Ganz verblfft war er.

Weilst halt so viel guat bist!

Und ehe er sich derfangen konnte, hatte Frau Marie ihre Arme um seinen
feisten Nacken geschlungen und ihm einen krftigen Schmatz versetzt
-- auf den Mund! Direkt auf den Mund! So was! Ganz erschrocken ri er
sich los und wischte sich rasch und krftig -- den Mund ab. Sprachlos
mit weit aufgerissenen Augen. Da mute Frau Marie laut auflachen.

Wie man bei solche Nachrichten lachen kann, versteh i nit! Er drehte
sich ganz unglaublich schnell um und arbeitete sich brummend zur Tr
hinaus.

Bum! schlug diese polternd zu. So endete der kritische Tag. --

Herrn Schoiengeyers Augen wurden wieder kugelrund vor Erstaunen, als er
seinen Neffen Eduard sah. Der war pnktlich zwei Tage spter
eingetroffen. Das war ein Mensch! In dem lebte alles! Und bildsauber war
er: kohlrabenschwarzes Haar, langen schwarzen Bart -- in der Form ein
wahrhaftiger Christusbart -- und Augen! Herrgott, das waren Augen! Da
spritzt's Feuer nur so aussa! meinte Herr Schoiengeyer und fgte in
Gedanken stolz dazu: Ja mir Schoiengeyer -- mir san halt a Ra! Bluat
hab'n ma!

Ueberhaupt war der ganze Mensch, der Eduard, recht nett und lieb und
berraschend anstellig. Ja selbst vom Geschft verstand er, wie sich
bald zeigte, etwas ganz vorzglich: das Weintrinken nmlich. Nicht am
Ende zu viel, das heit: saufen -- nein! Dazu war er viel zu fein. Er
trank aber den Wein mit der Ruhe und mit den feierlichen Mienen eines
gewiegten Kenners, und gab Urteile ab, die meistenteils sogar richtig
waren. Er hatte sogleich heraus, da der oder der Wein verschnitten
war, sprach ber Bukett und Kouleur des Weines wie ber ein
gelehrtes Buch, bezeichnete _die_ Sorte ganz richtig als zu speer,
_die_ hatte ihm zu viel Reschn, _die_ zu wenig Altl und alle --
vertrug er vorzglich. Auch meinte er geheimnisvoll, nun sei er endlich
auf den richtigen Platz gestellt: da knne er seine -- chemischen
Studien praktisch verwerten.

Du verfluchter Kerl du! dachte Herr Schoiengeyer, praktisch
verwerten! Na, ich werd dir geben, dir!

Sein Geschft war bisher ein solides. Er half sich hchstens mit
-- Wasser.

Eduards Stube war immer voll mit Versuchsobjekten, das heit feinen
Weinen. Und voll war immer auch sein Kopf -- aber nicht vom Weine,
sondern von allerhand lustigen Schnurren und Schnacksen. Die bildeten
eine stndige siegesgewaltige Gefahr fr Herrn Schoiengeyers stets
bewhrte ernste Wrde. Bisher lchelte er nur selbstbewut: Eduard
lehrte ihn das unbefangene Lachen.

So war eine frhliche Woche vergangen. Eines Abends aber wurde Herr
Schoiengeyer unbesiegbar ernst. Er schickte Eduard in den weitesten
Keller hinaus und wies ihm gewaltig viel Arbeit zu, die heute noch
fertig sein mute.

An diesem Abend kam stillbescheiden Thilde heim -- die Durchgebrannte.
Herr Schoiengeyer erwartete die arme reuige Snderin in seinem
Zimmer. Er war innerlich ganz ungeheuer aufgeregt und mchtig gerhrt
-- aber zeigen? Nein! Um keinen Preis der Welt! Das gibts nicht! Nach
seiner Ueberzeugung braucht man Kindern nicht zu zeigen, _wie_ gern man
sie hat besonders -- solchen nicht. Hm! Auch war es doch gar zu schn
und eine herrlich wrdevolle Rolle, so vom hohen moralischen
Standpunkte aus einer so armen zerknirschten Snderin ernste
vterliche Lehren zu geben, ihr huldvollst zu verzeihen und sie dann
emporzuheben in die reine Hhe eigener Sittlichkeit und Moral.

Die Tr tat sich auf und die reuige zerknirschte Snderin kam herein
ge--_gangen_! Wahrhaftig, sie ging ganz aufrecht, so gro sie war, ging,
anstatt demtig hereinzuschleichen oder gleich bei der Tr auf die Knie
niederzusinken. Nur den Kopf senkte sie tief herab zur Brust. Und
stattlich war sie -- Herrgott, war _die_ aber frauenhaft geworden! Herr
Schoiengeyer fhlte mehr Bengstigung als Freude ber diesen Anblick.
Denn er wute: wenn _die_ einmal zu reden anfngt, ist es mit seiner
Wrde zu Ende. Die konnte so energisch reden, einem dabei so beharrlich
anschauen, da einem der Zorn kommen mute, ob man wollte oder nicht.
Finster drohend sah er sie an. Es begann schon zu wurln in ihm -- da
aber kam die Erlsung: Thilde, die Stattliche, die Gefrchtete, die
Streitbare, sie glitt lautlos vor ihm nieder, erfate seine Hnde und
kte sie. Dann schlug sie langsam den Blick ihrer groen dunklen Augen
auf und sagte nichts weiter als: Verzeih mir, Vater. Alles andere
sagten die Augen.

_Die_ Sprache verschlug dem gestrengen Herrn Vater die Rede. Mit aller
Anstrengung nur rettete er seine Wrde und seinen vterlichen Ernst.
Gelassen, feierlich und strenge im Tone, voll Wohlwollen, voll
Herablassung in der Gebrde sprach er: Steh auf, is alles wieder guat.

Sie stand auf, ruhig, feierlich, sittsam. Wieder kte sie stumm des
Vaters gtige Hand. Dem gefiel es im Laufe des Gesprches ber die
Maen, da Thilde nichts von ihm sprach. Er hatte den Menschen nicht
unters Gesicht bekommen. Thilde lernte ihn in Wien kennen. Als sie kam
und bat, ob sie ihn dem Vater bringen drfe, schrie dieser, er brauche
ihn nicht zu sehen, er wolle ihn nicht sehen, und wenn er dennoch kme,
dann -- nun ja, dann schmeie er ihn hinaus. Da zog es der Maler vor,
die Gastfreundschaft des Hauses Schoiengeyer nicht in Anspruch zu
nehmen.

Weniger wollte es dem Vater gefallen, als er bald nach dem feierlichen
Empfang in seinem Zimmer Mutter und Tochter in Thildens Kammerl
droben frhlich plaudern hrte -- sogar laut auflachte Thilde.

Na wart'! brummte er. Du wirst jetzt kurz g'halt'n! Du wirst schaun!
Wannst aa a Frau bist -- i bi da Vata!

Beim Abendessen groe Vorstellung zwischen Thilde und Eduard -- groe
Augen gegenseitig, groes Schweigen nachher. Selbst Eduard sa heute da,
als htten auch ihm die dunklen Augen der jungen Frau d' Red'
verschlagen.

Der einzige Vergngte war Herr Schoiengeyer selber.

Herr Jemine! Das wr was! dachte er sich. Wenn am End die zwei ...!
Ein Schoiengeyer sein Nachfolger -- Thilde dieses Nachfolgers Frau
-- Herrgott, das war was! Ja ja, der Eduard knnt schon derjenige sein,
der den andern aussticht bei der Thildl. Von dem Windbeutel, dem Maler,
brcht er sie dann schon los. In diesem Augenblick verzieh er ihr sogar,
da sie dem besseren Anstreicher zulieb evangelisch geworden war.
Jetzt war das ganz gut. So ging das Losmachen leichter. Aber -- -- aber!
Was wird _er_ zu Thilde sagen, wenn er das hrt von ihr?! Er war so
solid, der ganze liebe Mensch, und so moralisch -- o!

Aber Kopf hngen lassen, lang simulieren, -- nein! Gleich reden! Ist
besser, besonders bei so etwas. Sonst hinterbringen ihm's die Leut -- und
dann ist's noch schlimmer.

Du, Eduard -- hm!

Was denn Onkel?

Wat was -- gehn ma aufi in dein Zimmer -- da is ma zfad!

Bin dabei!

Alsdann gehn ma!

Sie gingen. Drauen platzte der Herr Onkel pustend mit dem verhaltenen
Lachen hervor:

Hast -- hast's gsehn! _Die_ Gsichter! Die dummen! Und die Augen! Zum
Zerkugeln!

Eduard lachte aus voller Kehle mit. Herr Schoiengeyer mute ihn mahnen,
sich zu derfangen -- denn beleidigen durfte man die zwei faden
Frauenzimmer schlielich doch nicht. Aber warum denn auch er so fad war
heut? fragte er Eduard. Der aber meinte lchelnd:

Na und du? Warum denn du?

Ja i! I hab mein Grund!

Welchen, wenn man fragen darf?

Ja, das is eben! Kimm nur!

Droben in Eduards Stube kam er vom Wein aufs Wetter, vom Wetter wieder
auf den Wein, von der Farbe des Weines endlich auf -- die Maler zu
sprechen. Und nun legte er los. So recht nach Herzenslust. Schlielich
verstieg er sich zu der Behauptung, da alle diese Maler miteinander
nicht so viel wert seien als ein einziger von einem ehrlichen Handwerk.
Und berhaupt alle diese Kinstler und Studierten.

Eduard schnitt dabei ein Gesicht, als htte er Essig getrunken. Der
Onkel begtigte rasch: Nit harb sein, Edi -- bist an Ausnahm!

Werd mir's merken! meinte Eduard darauf und lchelte breit. Aber
jetzt komm endlich einmal auf deinen Grund!

Herr Schoiengeyer kratzte sich verlegen hinter dem Ohr. Und je lnger
er redete, desto kleinlauter wurde er, desto bedrckter. Denn Eduard sa
da wie ein Klotz, so unbeweglich und so teilnahmslos. Endlich war er
fertig mit seinen Gestndnissen und Enthllungen. Der heie Schwei
stand im auf der Stirn.

Aengstlich schaute er Eduard an. Der drehte sein Glas im Kreise. Eine
Weile rechts herum, eine Weile links herum. Schlielich schlrfte er
bedchtig vom goldigen Weine, hielt das Glas gegen das Licht und meinte
gelassen:

Guter Jahrgang das! Poysdorfer dreiundneunziger -- nicht wahr?

Herrn Schoiengeyer lief es kalt ber den Rcken. Frmlich stecken
blieben ihm die Augen. Eduard schaute eine Weile ruhig vor sich hin,
zndete sich gemchlich eine frische Zigarre an und sagte dann genau in
demselben Tonfall, wie vorhin:

Bedauerlich! Armes Mdl -- aber schn!

Nit wahr?

Sehr schn! Keinen schlechten Gusto der -- Herr Maler, hm!

Und du -- du bist ja ... hm! Wie sagst allweil: Du bist frei von allen
Vorurteilen ...

Das hat dir aber nie recht gefallen.

Mein Gott, i! I bin a alter Mann! Aber ...

Nun ja. Ich verurteile sie auch nicht!

Brav, Eduard! Bist mein Mann! Bist ein Prachtmensch! Geh kumm, heut
stech ma an Rdesheimer an!

Beim Rdesheimer redeten sie noch lange und -- sehr gescheit.

So endete der erste Tag nach Thildens Heimkehr. --

Ich verurteile sie auch nicht! Hm hm! Ja ja! Das war nicht blo
geredet! Er benahm sich auch ganz danach, der Eduard. Eine Freud war's!
Wie er sie nur oft anschaute! Und sie, sie schaute ihn auch an -- so
eigen. Hm. Und einmal wurde sie ganz rot, als er sie so anschaute und
lie den Lffel in den Teller fallen vor lauter Verlegenheit. O! Wie wr
Herr Schoiengeyer da frher dreingefahren in solche Unmoralitten!
Aber jetzt! Mein Gott, man wird eben auch nach und nach frei von -- den
Vorurteilen. Der Mensch lernt nie aus. Und dann handelt es sich doch um
die Zukunft seines -- Hauses ... und wenn man's genau nimmt, immerhin
auch um die seines Kindes. Jawohl!

Es machte ihm eine groe heimliche Freude, den beiden aufzulauern, sie
mglicherweise zu ertappen, zu belauschen und dann zu tun, als htt er
gar nichts bemerkt, gar nichts gehrt. Freilich die jungen Leute waren
sehr vorsichtig. Herr Schoiengeyer fand dies auch ganz begreiflich und
war allweil gut aufglegt.

Als er aber eines Tages Eduard beobachtete, wie er der Thilde so
nachblickte, so -- so ... hm! Den Schnurrbart drehte er dabei, pfiff
leise vor sich hin und lchelte so -- so merkwrdig. Wirklich so
merkwrdig. Sonderbar! Hchst sonderbar! Da packte Herrn Schoiengeyer
der helle Zorn und -- die Angst. Wenn der Eduard am End, weil die Thilde
ja doch ... Das wr denn doch! Dann mte er aber schon! Aber nein! Nein!
So schlecht ist der Mensch nicht. Der gewi nicht. Er kennt ihn ja
schon: ein ehrlicher Kerl durch und durch! Nichts zu reden weiter.

So meinte auch d' Frau, als sie ihn bald danach fragte, ob er denn gar
nichts merke zwischen den Zweien? Frau Marie sah ihn dabei gro an und
lchelte dazu so -- nun auch so eigen, aber doch so lieb, da er sie
htte kssen mgen -- wenn sich dies fr einen alten ehrsamen Mann
berhaupt geschickt htte.

Das Hausgesinde war mit dem alten ehrsamen Mann jetzt sehr zufrieden.
Er tat gerade so, als ob er blind wre gegen alle Fehler, ging oft leise
pfeifend durch die Rume, wo er sonst Furcht und Schreck verbreitete,
war sogar manchmal -- freigebig und lachte ber die dmmsten Witze. Laut
sogar! Ganz gegen alle Wrde. Aus alledem spannten die Leute etwas. Er
aber merkte, da sie etwas spannten und war -- auch zufrieden.

So kam Weihnachten heran, die Zeit seligen Gebens und glckseligen
Nehmens, die stille Zeit des Friedens.

Und Friede sollte nun wohl bald einkehren in sein Haus und in sein Herz:
alles stand so, wie es sich Herr Schoiengeyer nicht besser wnschen
konnte.

Am heiligen Abend kam er etwas versptet von seinen Einkaufgngen
zurck. In manchen Husern des stillen Stdtchens brannte schon der
Weihnachtsbaum.

Als er im Straenlichte seines ehrsamen Firmaschildes verblichene
Goldbuchstaben schimmern sah, dachte er schmunzelnd:

Na, vielleicht heit es bald: Anton Schoiengeyer und Neffe.
Vielleicht schon von Neujahr an!

Er schlich unbemerkt zu der Tr des Zimmers, wo seit alterszeiten her
der Christbaum fr die kleinen Schoiengeyer aufgestellt wurde. Und wie
einstens der Knabe so stand nun der alte Mann und Vater an dieser
geheimnisvollen Tr -- und lauschte. Er hatte Eduards Stimme gehrt und
gleich darauf Thildens helles Lachen. Jetzt aber rief sie ngstlich aus:

Ach, Eduard! Ich kann dir gar nit sagen, wie mir ist! Was wird der
Vater sagen! Ach Gott, wenn nur _das_ schon berstanden wr!

Ja und Amen wird _er_ sagen, Thildchen! Mein liebes liebes Thildchen!

Da hielts den Alten nimmer: vollbepackt, wie er war, strmte er in das
halbdunkle Zimmer, lie dort die Schachteln und Packln polternd
fallen, eilte auf die verblfften jungen Leute zu und schlo sie in
_einer_ Umarmung an seine Brust.

Kinder! Kinder! Mehr brachte er nicht heraus. Dafr aber kte er zum
erstenmal in seinem Leben ganz aus eigenem Antriebe seine zitternde
Thilde und auch den wahrhaftig mehr als erstaunt dreinblickenden Neffen.

Ja und Amen! Meinen Segen, Kinder! Und dann an der offenen Tr:
Mutter! Frau, Frau! Schnell kimm! 's Christkindl is da! A Verlobung
hat's bracht! A Verlobung!

Die Mutter kam jetzt sehr erhitzt herbeigerannt.

Still sein jetzt! befahl Schoiengeyer frhlich. Erst den Baum
anznden! Dann _red_ i!

Man gehorchte. Aber merkwrdig kleinlaut machten sich die drei an die
Arbeit. Und allen dreien zitterten die Hnde. Ja 's Glck! 's Glck!
dachte Herr Schoiengeyer und stellte sich mit sehr viel
Selbstbewutsein neben den im vollsten Lichterglanze prangenden Baum.
Jetzt aber kam das Zittern an ihn. Ja das Reden! Es ist halt doch immer
eine eigene Sache das! Er wischte sich die Stirn ab, rusperte sich und
begann endlich:

Alsdann, da i's kurz mach: ihr seid's verlobt ... Er stockte: Wie die
Drei da wieder lchelten! Hm! Wenn die Angst lachen knnt, just so mt
sie lachen, dachte er. Dann aber rief er beleidigt:

Na! I red nix mehr! Oes lachts mi ja aus alle miteinander!

Aber nein, Vater! sagte jetzt Thilde mutig. Wir lachn ja nur, weil
-- weil ... Weit Vater, weil _du uns_ zwei _verloben_ willst ...

_Uns_ zwei! _Uns_ zwei! Was sagst denn das so? Und is das was zum
Lachen?

Aber ja! Natrlich, Vater! Wir zwei, wir sind ja nmlich schon lngst
-- verheiratet ...

Wa--as ...?

Ja, Vater! verzeih -- das ist nmlich _mein_ Eduard -- der Eduard
Flemming, der Maler ...

Herr Schoiengeyer sah Thilde sehr bedenklich an und machte dann, gegen
die Mutter gewendet, eine Handbewegung nach der Stirn, als wollt er
sagen: Mir scheint!

Frau Marie aber trat zu ihm hin und sagte sehr lieb und sehr befangen:
Ja, Toni -- es ist so, wie sie sagt.

Macht's kan dummen Spa mit mir! Hrt's! Der Hannes, mein Bruder hat
doch gschriebn!

War einverstanden!

Und der Rudolf, in Eduard sein Vater?

War einverstanden!

Jetzt kam der kritische Augenblick: Herr Schoiengeyer wollte wild
werden. Da aber sank Thilde wie bei ihrer Heimkehr zu seinen Fen und
blickte stumm zu ihm auf. Und stumm flehten ihre groen dunklen Augen.
Und Eduard -- tat das gleiche. Und die Mutter -- tat das gleiche.

Da lachte Herr Schoiengeyer laut auf. Das klang zunchst geradezu
frchterlich: zornig, wild wtend und so recht eigentlich wie ein lautes
heulendes Weinen. Dann aber wurde er milder, und endlich rannen dem
guten alten Selbstling wirklich die Trnen ber die erst zornesbleichen,
dann schamrot brennenden Wangen.

Verzeih uns halt allen, flehte Frau Marie gerhrt. Wir stehn nit
frher auf.

In Gotts Nam. I kann ja nit anders! -- Nun wurde _er_ in _eine_
Umarmung eingeschlossen von den glcklichen Dreien.

Thilde war die erste, die sich loslste. In frauenhaft freudiger
Erregung und liebevoller Eile huschte sie ins Nebenzimmer. In
frauenhafter _Ruhe_ und leuchtender Glckseligkeit kehrte sie in wenigen
Augenblicken wieder. In ihren Armen aber trug sie ein ses Etwas,
eingehllt in eine duftige Wolke von Spitzen und Schleiern. Mit einem
liebwarmen Blick nach dem Vater sagte sie voll holder Scheu und voll
schlichten Stolzes:

Vater, da schau her! Da bring ich dir -- 's Christkinderl! Wir habens
erst heut kommen lassen.

Herr Schoiengeyer beugte sich ber die Wolke von Spitzen und Schleiern
-- und sah ein rosiges Kinderangesichtchen.

Um Gottes willen, was ist denn das?

Das ist unser Kinderl, Vater! Toni heit's wie du -- ist aber ein
Mderl.

Was! A Kind habt's aa schon und i wa nix davon?

Ja, weit Vater -- schau, was htt's denn auch gntzt? Und dann -- sag's
du, Eduard!

Ja, Vater, siehst, das war so. Grad damals hab ich mir dacht: so geht's
nimmer weiter. Da mu was gschehn! Und da ist mir der ganze tolle Plan
eingefallen, dich so im gutem, weit ...

Herumzkriagn! Nit wahr? Den altn Dickschdl den! Wirst dir denkt habn.

_Denken_ kann man sich so etwas schon ... und du -- du darfst's auch
sagen!

Hm! Du! Na wart nur! Hahaha! Das wird angfeucht! So was! Hohohaa! Aber
schen war das von enk alle nit, da ...

Ja mein Gott, Vater, schau! Wie anders wrn wir denn zum Ziel kommen
auf gute Weis? Thilde tt sich noch immer die Augen ausweinen -- und
jetzt ist sie glcklich! Und wir alle -- du auch! Leugne es nur nicht!

In Gotts Nam ja! Ich auch!

An diesem Abend wurde wieder ausnahmsweise Rdesheimer angestochen
-- aber nicht blo _eine_ Flasche. Und schlielich war es nicht der
Rdesheimer allein, der angestochen war.




Assistent Frickenberg.


Er hatte soeben ein Telegramm aufgenommen. Ein Privattelegramm. An sich
selbst. Es brachte ihm sein moralisches Todesurteil, ri grausam die
letzte feste Sttze um, auf der seine Daseinsfreude, sein ganzes
Lebensglck noch ruhte: die Hoffnung. Die letzte schwache verzweifelnde
Hoffnung ...

Nein!

Nichts sonst enthielt die Henkersdepesche.

Alle Freuden und Sorgen, aller Glcksjubel und all die Seelenqualen von
der Rosendmmerzeit der Kindheit bis herauf zum blhenden frohbewuten
Mannesalter, alles Licht seiner Seele, die Wrme seines Empfindens
-- alles, alles war ausgelscht, war zerstoben und begraben durch dieses
eine kalte entsetzliche Nein!

Die Apparate klapperten unaufhrlich. Die Nadel der Bussole schwankte
und pendelte. Langsam -- schneller; ermattend -- aufflackernd: der
getreue Pulsschlag des regen funkenentsprungenen Lebens in dem
weitgedehnten starren Drahtgespanne.

Mit jenem Blicke, der wohl sieht, aber nichts der Seele, nichts dem
innen quellenden Leben vermittelt, sah er ber die Ruhelose hinweg zu
den hohen wunderlich gestalteten vielgezackten Felsenbergen empor. Sie
standen schn und klar in herrlicher Winterpracht -- ein steingewordener
launenhafter Schpfergedanke. Und hinter den Bergen ein
Winterabendhimmel mit seinen ersten flimmernden Glanzsternen und seinem
blassen kalten Farbenzauber, der vom Sonnentode kndet und zugleich
scheue Trume spinnt von kommenden Frhlingsfreuden ...

Er sah in die Stille des Abendhimmels empor. Und sein Auge blieb
unbeweglich hangen an dem funkelnden Abendstern, der Venus. In ihm aber
blieb es starr wie dort droben all die absonderlichen Zinnen und Zacken
und Grate. Auch in seiner Seele tiefsten Tiefen war es Winter geworden
-- und Nacht. Und keine Frhlingshoffnung durchwrmte sie -- keine
Hoffnung auf den kommenden Tag ...

Sinnentot, hrte er kaum noch das nervenaufregende pochende und
hmmernde ungeduldig-drngende und zornige Klappern der Apparate
-- drauen aber das Lied, das frhliche jubelnde, ihn unbewut hhnende
Lied, das klang an sein Ohr, dem lauschte er unwillkrlich. Es war ein
schnes helles Frhlingslied -- jenes von Uhland, mit dem
hoffnungsfrohen Verse: Nun mu sich alles, alles wenden! Es schien,
als snge unsichtbar, hoch vom Himmel hernieder, der Frhling selber der
erstarrten Natur ein Trostliedlein, ein Lied der Hoffnung. Er kannte den
Snger und wute: auch _der_ durfte hoffen. Auf ein groes, auf ein
reiches allgesichertes Glck. Der dort drauen, der trgt sein Glck in
sich, so tief, so lebenswarm, so weltendaseinsfroh, wie einst er
selber ... Doch jener konnte sein Lieb heimatfreudig und besitzstolz in
ein gesichertes Heim fhren, er stand seelenruhig auf festem Grunde ...
Und sein Lieb, es hatte alles was _sie_ hatte, die erst noch so Blhende
-- sie, die jetzt drben bleich und fiebernd liegt in dem unheimlich
groen und fast leeren Zimmer mit seinen dunklen flsternden Ecken
-- alles: Seele, Herz, Gemtstiefe, Schnheit und frohen Sinn. Aber jene
hatte auch reichlich, was die Seine nicht gehabt und auch er nicht:
Geld ...

Sie setzten ihre Lebensfreude und ihre Hoffnungen, ihr ganzes stolzes
Glckestrumen in den scheinbar festen sicheren Grund ihrer jungen
groen Liebe -- und in ihre blhende Gesundheit. Aber dem gabenreifen
fruchtersehnenden Boden fehlte der goldene frdernde und erhaltende
Dnger: das Geld ... Und allmhlich wucherten auf ihrem verdorrenden
Lebensacker, dem Unkraute gleich, Sorgen und Kmmernisse. Und sie
wuchsen und wuchsen und drngten die unbefangenen glcksfrohen Freuden
zurck in die verschwiegensten Tiefen ihrer Seelen. Noch so jung, wuten
sie beide schon, da sie glcklich -- gewesen.

Und _er_, der htte kommen knnen, um hilfefreudig alles zum Guten zu
wenden, er, der mit vollen Hnden tausendfach htte geben knnen, was
ihm fehlte -- er lie durch den blitzesschnellen Funken sagen: Nein!

Durch ihr jungblhendes Liebesparadies war an der Seite der bleichen Not
die Versuchung gezogen -- und hatte gesiegt! Und ihre mchtige
Bundesgenossin war -- die Liebe ... Sie hatten gesiegt ber Pflicht und
Ehre ...

Dort hatte sie ihn hingedrngt, die bittere Not, dort zur Kasse. Und die
Versuchung hatte sie geffnet und gesprochen: Nimm! Und die Liebe
flsterte: Um deines kranken Weibes willen, das stirbt, kannst Du ihm
nicht bieten, was es haben _mu_! Und sanft und zuversichtlich sprach
-- es klang so seelenwrmend und zukunftssicher -- die Hoffnung: _Er_
wird helfen! Er _mu_ helfen! Dem _Menschen_ mu er helfen als Mensch,
will er auch nicht den Neffen retten als erzrnter starrkpfiger Oheim!

Und der antwortete auf seinen Verzweiflungsbrief: Nein!

Er war also nicht blo ein kleinlicher Starrkopf, der alte Soldat und
reiche Gutsbesitzer, der dem Neffen gram war und ihn enterbte, weil er
den glnzenden Waffenrock auszog und das geliebte geldarme, aber
seelenreiche Mdel zu seinem Weibe machte: er war ein herzloser
Geldmensch, ein Unmensch, grausamer als das Unrecht, unerbittlicher als
der Ha ...

Und da er, der hilflose Assistent, ein Besiegter war jener dunklen
zwingenden Mchte -- es konnte tglich, es konnte stndlich entdeckt
werden ... Und dann ...

Herr Assistent, Sie werden gerufen ... Es war der alte Stationsdiener
Pregger, der ihn angesprochen hatte.

Frickenberg stand auf, langsam, unsicher, tastend, wie aus tiefem
Rauschschlafe.

Von wem?

Der Alte zeigte schweigend auf den rufenden Apparat. Sprechen _konnte_
er nicht, der Blick seines Vorgesetzten, sein Aussehen -- es war zum
Erbarmen! Einst freilich hatte er ihn nicht recht leiden mgen, den so
leicht erregbaren, im Dienste unerbittlich strengen, kurzangebundenen
jungen Herrn. Als er ihn aber vor einigen Wochen ungesehen beobachten
konnte, wie er gesttzten Hauptes dasa und ein unbezwingliches
Erschaudern, ein Weinkrampf schier seinen krftigen Krper durchrttelte
-- da tat er ihm bitter leid. Und seither hatte er ihn auch lieb -- den
Leidensgenossen! Den _jungen_ gebildeten Leidensgenossen, der so viel
mehr und reicher denken konnte als er, der Alte, Ungebildete. Und
_denken_! In Not und Gram und Kummer und Verzweiflung! O, er kannte das!
Da kommen die strmischen Qualgedanken und rtteln wie die
siegessicheren Feinde an den Pforten der Vernunft oder schleichen sich
wie Schlangen heran und zeigen verlockende Bilder gewaltsamer
gesetzverpnter Selbsthilfe -- oder Bilder verzweifelnder Erlsung ... Es
ist dann gerade, als tt' einer winken: Komm, mach' schnell! Mach' ein
Ende! ... Ja, das kannte er, der stille Alte, der knorrige Graubart.
Darum konnt er jetzt nicht sprechen, darum blieb sein tiefgefurchtes
wetterzerrissenes Gesicht starr und unbeweglich.

Frickenberg setzte sich an den Apparat. Eine Flut ungeduldiger Worte des
erregten Kollegen der nchsten greren Station las er gedankenlos ab,
_hrte_ sie frmlich mit der zornigen Stimme jenes wohlbekannten
Erregten.

Zug 17 kreuzt mit Zug 268 dort. Zug 3 fhrt dem Zug 15 dort vor.

Gewohnheitsgem spielte er auf dieses Diensttelegramm die blichen
Besttigungen ab, trug die Depesche gewohnheitsgem in das
Telegraphen-Journal ein -- dann klapperten die Apparate verdrossen
weiter, die Bussolennadel zitterte, bebte, schwankte und pendelte. In
ihm aber blieb es noch immer still. Seine Seele hrte nicht und empfand
nicht.

Drei grelle Glockenschlge.

Das Signal vom Achtundsechziger sagte Pregger, um den in sich
Versunkenen aufzumuntern.

Frickenberg stand auf, setzte die rote Kappe zurecht und schritt zur
Tr.

Den Mantel, Herr Assistent! Es ist sehr kalt drauen. Sie knnten sich
leicht erklten.

Und wenn ...? Es zuckte ber sein bleiches Gesicht -- es sollte wohl
ein Lcheln sein. Dem Alten tat es im Herzen weh. Und des Beamten
starrer Blick beunruhigte ihn. Er sah drein wie ein Betrunkener, wie
einer, der nicht recht ...

Der Zug kam. Es wurde verschoben. Lange, unwillig. Es war ja so kalt und
Weihnachtsabend. Frickenberg mahnte nicht, trieb nicht an, lie alles
gehn, wie es ging. Erstaunt sahen ihn die Zugbegleiter an. Was hatte er
denn heute, der schneidigste Assistent der Strecke? Einer lchelte dem
anderen verstndnisinnig zu und wnschte sich selbst einen recht heien,
recht starken tiefen Trunk ...

Da kam die Zugmaschine wieder, glutugig pustend und schnaubend, in
hastiger Ungeduld und eingehllt in eine wirbelnd wallende, jh
zerstiebende Dampfwolke. Und ihr voran auf den eisglitzernden Schienen
lief ein glhend roter Schein, schlangenartig, zngelnd, nach ihm
langend. Und er ging den zuckenden schillernden Schlangen entgegen -- es
zog ihn widerwillig hin, unbezwinglich ... Wie im Zorn gellte die
Lokomotive -- er wankte zurck. Drben das matterleuchtete Fenster
-- nein! _Jetzt_ nicht! Nicht ohne sie! Sie war ja bereit.

Wenn es nicht anders geht, machen wir ein Ende.

So sagte sie vergangene Nacht. Und nun war er am Ende ...

Gehn ma? fragte der Zugfhrer, auf die Uhr schauend.

Frickenberg nickte, zog seine Uhr hervor, verglich sie auch mit jener
des Maschinfhrers und rief Pregger zu, das Signal zu geben.

Langsam kroch der schwere Zug die Steigung hinan. Die Wagenrder
klirrten, rollten, kreischten, klapperten, sangen. Die mchtige
Bergmaschine keuchte schwer und tief und sandte gewaltige Feuerwolken in
die sinkende Dmmerung hinein. Hochauf flogen dicke weie zitternde
Ringe. Darunter wogte und wallte, quirlte und kreiste es und mengte sich
ineinander blutig rot, gespenstig wei und abscheulich schwarz
-- vielgestaltig, blitzschnell wechselnd, phantastisch, dmonisch.

Frickenberg starrte auf das oft geschaute Bild hin, als sei es ihm etwas
Neues, Fremdes. Und in ihm kam ein Gefhl auf, als drohte ein Unglck.

Kaum war der Signalwagen ber den Ausfahrtswechsel, als zwei
Glockenschlge die kalte dnne Luft durchzitterten, grell, hastig,
drohend, wie schadenfroh jauchzend. Und wieder zwei und wieder -- das
Signal fr den Zug 17! Fr den Personenzug, der hier in der Station mit
dem eben ausfahrenden Gterzug kreuzen sollte und in der krzesten
Fahrzeit kam, da er versptet war.

Die nahe unabsehbare Gefahr machte ihn rasch zum Herrn der
verhngnisvollen Lage.

Geben Sie Alle Zge aufhalten! rief er Pregger zu und entri ihm
die Laterne.

Dann rannte er schnellbeinig, kraftsicher dem Zuge nach. Er sprang ber
Wechsel hinweg, ber Schienen und Schotter, ber Grben und
Leitungsdrhte und schwang die Laterne in mchtigem Kreise -- das
rettende Signal, das den Zug zurckrufen sollte, ehe es zu spt, ehe er
das whrend des Verschiebens auf Halt gestellte Distanzsignal
berfahren und in den tiefen, in scharfer Biegung liegenden
Felseinschnitt kam -- dort war der Zusammensto unabwendbar. Er sah mit
dem scharfen Auge des Verzweifelten im Dunkel den Stockmann auf seiner
Bremse stehn -- mit dem Rcken gegen ihn. Nahm dieser Mann das Signal
nicht auf, dann ... Er rief, schrie, pfiff, schwang unausgesetzt die
Laterne, strzte, eilte mit verletztem Knie weiter und weiter.

Die vereisten Schienen erschwerten glcklicherweise die Ausfahrt sehr
und verlangsamten sie -- vielleicht erreicht der Zug nicht frher ...
Nein! das ntzte nichts! Dort droben stand das Distanzsignal -- und
zeigte auf Frei! Frei fr den einfahrenden Personenzug -- frei fr den
Siegeszug des Verhngnisses und des Todes ...

Eine Sekunde stand er wie gelhmt. Unversehens streifte seine Hand die
Rocktasche. Ein rascher Griff, ein Blitz und scharfer lauter Knall -- der
Revolver, der sein Erlser werden sollte, war zum Retter geworden fr
all die Ahnungslosen in dem nahenden Zuge: der Stockmann hatte den Schu
gehrt, wandte sich um, sah das hilfeheischende Signal, gab es weiter,
sprang ab, lief vor -- und endlich, endlich schwankten die
bedeutungsvollen Lichter den Zug entlang ... Eines -- zwei -- drei ...
Schrill gelte der erlsende Pfiff der Lokomotive. Es klang wie ein
Schreckensschrei. Achtung! Bremsen an!

Zurck! zurck!

Frickenberg stand, einen Fu auf die Birne des Einfahrtswechsels
gesttzt, wie angewachsen, wie angefroren, so aufrecht, so starr und so
bleich. Der lange Zug polterte an ihm vorbei auf das schtzende
Nebengleis.

Was gibt's? rief der Zugfhrer atemlos und machte groe erschreckte
Augen, vorwurfsvolle.

Frickenberg wies stumm nach der Hhe. Dort tauchten die roten Lichter
der Personenzugs-Lokomotive auf. Ein scharfer warnender Pfiff und der
heute ungewhnlich lange Zug mit seinen zwei schnaubenden dampfenden
Maschinen sauste und donnerte an Frickenberg vorbei in die Station.

Aus all den hellbeleuchteten Wagenfenstern sahen frhlich lachende und
plaudernde erwartungsungeduldige Menschen -- ahnungslose festfreudige
Menschenkinder ...

Ein Grausen packte Frickenberg. Er sah sie unter rauchenden Trmmern
liegen, die erst so Frhlichen alle -- wimmernd, sthnend,
hilfeschreiend ... Und viele still -- tot ...

Pregger kam heran, steif und starr, das tiefgefurchte wetterbraune
Antlitz leichenfahl ... Er war vorhin zum Apparat geeilt. Es fiel ihm das
Signal nicht ein. Er suchte nach dem Buche das es enthielt, und fand es
nicht. In seiner steigenden Angst und Verwirrung tat er den
verhngnisvollen Griff, der das Distanzsignal wieder auf Frei!
stellte, gab aufs Geratewohl ein auffallendes Glockenzeichen und wankte
mit dem erdrckenden Bewutsein, ein falsches gegeben zu haben, wieder
hinaus.

Fr Frickenberg war sein Erscheinen die lebendige Mahnung zur Erfllung
seiner Pflichten. Er kam ihnen nach, so gut es ging, fast wortlos,
gewohnheitsmig, ohne Willkr. Er war wie erstarrt und glich noch mehr
einer wandelnden Leiche als der alte Pregger.

Als der Zug voll heiterer Menschen drauen war, und er stumm den Lastzug
mit seinem verdutzten und erschrockenen Personale abgefertigt hatte, kam
der Stationsvorstand erregt auf ihn zu.

Was es gegeben habe?!

Frickenberg glotzte ihn an, ohne eine Miene zu verziehen, unfhig, ein
Wort hervorzubringen.

Herr, Sie sind besoffen!

Der andere stand still, regungslos. Er hatte ja getrunken in den
erregten Stunden der Erwartung jener Entscheidung, die schon nachts
htte kommen knnen, jede Stunde kommen mute und immer nicht kam. Es
waren Ewigkeiten des Erwartens und der Seelenmarter. Da trank er viel,
sehr viel. Aber es griff ihn nicht an. Seine seelische Erregung war
strker als die geistige des Weines. Und jetzt war er wie gelhmt, wie
ausgehhlt im Innern.

Ich ziehe Sie vom Dienste ab, Herr Assistent! Gehn Sie! Haben Sie mich
verstanden?

Er ging, wankte. Den Stationsplatz hinab _mute_ er. Auch durch die
Einfahrtshalle ... Von dort fhrte links ein dunkler Gang zu seiner
Wohnung. Er wandte den Kopf zur Seite, schlich vorbei, auf die Strae
hinaus -- den Rock offen, die rote Kappe tief im Genicke. Der Schnee
knisterte und knirschte unter seinen Fen. Ein leichter feiner Nebel
lag ber der Gegend. Und weithin spannen die bleichen Mondesstrahlen
liebliche Trume. Weihnachtstrume, Weihnachtsmrchen. Er ging seinem
Schatten nach, starrte ihn an, wie etwas Fremdes, Ungewhnliches, bckte
sich danach und schob sich mhsam wieder in die gerade Haltung. Dort
vorn beim Magazine glitzerte und schimmerte etwas farbenmild im
Mondscheine. Liegnitzer Ziegel. Schne glatte kristallartige
Bausteine ... Die gehrten dem, der heute das Frhlingslied in den
Winterabend hineingesungen -- dem Glcklichen ... dem doppelt Reichen!
Der wird sich im kommenden Frhjahre eine Villa bauen dort droben bei
dem lauschigen Waldhange. Und in das schne glitzernde Haus wird er sein
trautes, mit Seele und Geld gesegnetes Liebchen einfhren als
glckliches geldsorgengefeites Weib. Eine schne stattliche Villa mit
Trmchen und Erker ...

Dort hinter dem Magazine stand eine Reihe Lastwagen. Er blieb stehn,
lange, an das Gitter gelehnt, und lchelte seltsam. Die Geister des
Weines wurden allgemach Herren ber seinen Willen, ber seine Sorgen und
seine grausam berspannten Nerven ... Leuchtende Trugbilder stiegen vor
ihm auf, lockende, beglckende ... Er sah in den Wagen dort _seine_
Ziegel und wollte sich ein Schlo erbauen, just ber jener Villa, ein
Schlo mit hohem schlankem Turm und einer flatternden Fahne darauf ...
Dort wollte er stehn mit Frida, seinem Weibe, und singen -- so froh und
hell, so jubelnd, wie jene dort unter ihm ... Jenes schne liebe
Frhlingslied ...

Als er schwankend weiter ging, die Hnde auf dem Rcken, den Kopf
gesenkt und ein geistlos-schalkhaftes Lcheln auf den Lippen -- da
summte und tnte, jubelte und schmeichelte das Lied um ihn her,
klangrein und lockend, glcksfroh und unablssig. Und sachte und
eroberungslustig fhrten es die siegreich gewordenen Weingeister in
seine leere unbehtete Seele. Aber schnell, wie ein Kind aus dem
finsterem Hause, sprang es ber die verzerrten Lippen wieder zurck: in
lauten heiseren Tnen strte es die Stille der heiligen Nacht und
erstarb zitternd im raschen frostklaren Wiederklange ...

So kam er in den Ort. Leute erschienen neugierig an den
christbaumschimmernden Fenstern, traten aber lachend oder gergert und
emprt ber die leichtfertige Strung wieder zurck. Manches harte
Schimpfwort folgte ihm nach. Es mochte ihn ja niemand recht leiden im
ganzen Orte. Er war so wortkarg, schlo sich niemand an und galt daher
fr stolz -- der Herr von Habenichts! Unaufgehalten kam er singend an
das andere Ende des kleinen Ortes und wieder ins Freie. Ein schriller
kurzer Pfiff machte ihn endlich verstummen. Er sah nach der Station
hinber. Dort hielt heute ausnahmsweise der Schnellzug.

Bei dem Anblicke der beleuchteten Wagenfenster berkam ihn ein
pltzliches Angstgefhl. Er wurde sich dessen bewut, wehrte sich
dagegen und schritt steif, trotzig, gewaltsam aufrecht wie ein
Volltrunkener, der flchtig zum Bewutsein seines Rausches kommt, die
Strae entlang, leise vor sich hinpfeifend, ngstlich in die Ferne
lauschend.

Wieder ein kurzer Pfiff dort drben und ein namenloses Erschaudern in
seiner furchtbezwungenen Seele. Fernher hrte er das Schnauben und
Pusten des Zuges. Pltzlich verstummte es. Er wagte nicht, sich
umzuschauen, und pfiff sein Liedchen lauter. Es ntzte nichts: er hrte
es kommen ber den hartgefrorenen Schnee. Es huschte und sprang, es
pfauchte und hauchte, griff aus mit langen hageren Beinen und langte
nach ihm mit drren gierigen Armen ... Er ging unbewut schneller, lief,
strmte dahin wie ein Verfolgter, querfeldein, die Hhe hinan, dem Walde
zu. Endlich strzte er und blieb liegen in dem kalten knisternden
Schnee. Der khlte ihm die heie schweitriefende Stirne.

Wie er so dalag, sah er sich im Geiste als kleinen Knaben in fliegender
Angst durch jene lange dunkle Allee jagen, durch die ihn die wilde
Gespensterfurcht einst so oft in solch sinnlose wahnwitzige Flucht
getrieben. Und er sah das liebe einsame dstere Vaterhaus mit seinen
groen tnenden Hallen und seinen unheimlichen Kellerrumen, durch die
nchtlich Geister schlichen. Um diese angsterzeugten Bilder schlossen
sich und sammelten sich nun wieder die verwirrten Gedanken. Er mute des
Vaters gedenken, des wortkargen finsteren Mannes, und der lieben guten
Mutter, des holden Sonnenscheines in jenem dsteren Hause, der Sonne
seiner vertrumten freudenarmen Jugend.

Und den zagenden Gedanken folgten drngend und ringend die lange
erstarrten Gefhle ... Trostlose Vereinsamung durchzog zuerst die wieder
erwachende Seele. Und jhlings darauf ein Sehnen, ein heies brnstiges
Sehnen nach der fernen fremden unerforschten Heimat dort ber den
Sternen. Und aus diesem ernsten warmen Fhlen rang sich unvermittelt aus
den Fesseln der Betubung los seiner Seele groer brennender Schmerz ...
Wild und mchtig fate er ihn an und wie ein Schrei nach Gerechtigkeit
flohen wieder die ersten _bewuten_ Worte ber seine Lippen.

Du Allbarmherziger! Hab ich das verdient!

Flehend und drohend zugleich streckte er beide Arme gegen den
mildschimmernden Sternenhimmel.

Da lste es sich von dem Baume neben ihm schwer und lautlos und flog mit
trgen schwarzen Schwingen langsam und geisterhaft dem nahen Walde zu.
Sachte rieselten auf ihn herab die zarten Nebelblten, die der groe
Zauberer des Winters, der Rauhfrost, um Ast und Aestchen spinnenzart
gesponnen.

Betroffen sah er dem groen schwarzen Vogel nach, der wie der Geist des
Bsen von ihm geflohen. Und sinnend sah, _schaute_ er zum ersten Male
wieder in die stille rtselvolle Glanznacht.

Knapp vor ihm stieg ein feiner Hauch aus dem Schnee empor. Dort ruhte
wohl im warmen Neste ein scheues Hasenpaar. Die Wrme zog ihn an und jh
aufwallende zornige Zerstrungslust. Schon hob er den Fu, um die armen
Tiere erbarmungslos in die bitterkalte Frostnacht zu jagen ... Pltzlich
aber hielt er ein, senkte Haupt und Arme.

Wozu? Das Blei ist schon gegossen, das euch den sicheren Tod bringt,
wie oft unser Schicksal schon beschlossen ist, wenn wir ahnungslos noch
in Freuden schwelgen ... Und ich -- ich bin angeschossen vom Schicksale
-- totgetroffen ... und kann mir den Gnadensto selbst geben ... Das ist
mein einziger Vorteil vor euch, ihr vielbedrohten Todgeweihten.

Er wandte sich mit rascher Gebrde von dem dampfenden Neste ab und
schritt langsam den schneeigen Hang hinab. Fernher klangen Glocken.
Weihnachtsglocken. Feierlich, friedvoll betend. Seine Seele aber
frstelte dabei und seine Gedanken irrten in weiter der Wirrnis
-- schwere schwarze unchristliche, hilfeheischende Gedanken -- und
nirgends winkende Rettung, nirgends endliche Ruhe ...

Drunten von der Strae herauf klang jetzt eine klare Mnnerstimme:

Wo gehst du hin?

Heim! antwortete froh bewegt eine andere.

Heim! Auch er wollte heimgehn. Ja heim! Zu ihr und dann _mit_ ihr ...

Trotzig richtete er sich auf und ging festen sicheren Schrittes die
erreichte Strae entlang -- heimwrts! Aus Not und Elend, aus Kummer und
drohender Schande, aus Menschenverachtung und namenlosem Ekel
heimwrts ...

Doch sein Kind! Das arme liebe rosige Kindlein ... Engelsschn kam es in
diese Welt -- und wurde zum Unheilsboten fr die, die es lieben sollten
und lieben muten. Die Mutter starb beinahe in jener schweren Stunde
-- und seither sind Krankheit, sind Not und Elend daheim die Hausgenossen
und seine unzertrennlichen Begleiter die Verzweiflung und die
Versuchung ...

Er schritt gedankenversunken vorwrts, dem Orte zu, die stillen Straen
zum Bahnhofe hinaus.

Vor diesem hielt er ein. Droben im ersten Stock schimmerten die Lichter
des Weihnachtsbaumes. Er hrte den Jubel der Kinder und sah das
Schattenbild seines Vorstandes im Fenster. Der dort droben -- der knnte
_auch_ helfen! Er hatte Geld. Er lie sich kaufen mit dem Gelde seines
seelenarmen Weibes -- vielleicht rhrt ihn, den innerlich Glcklosen,
des verzweifelten Kollegen Unglck -- vielleicht _hilft_ er in dieser
Stunde des Friedens und selbstlosen Gebens ... Vielleicht ...

Der! Er lachte auf. Hatte ihm doch der wirklich Beglckte, der heute
jenes Frhlingslied gesungen, nicht geholfen! Und andere mehr, auf die
er baute -- Freunde, Jugendfreunde, Dankesverpflichtete ...

Da ist mein einziger Retter und Helfer! Mein einziger Erbarmer! Er
schlug bei diesem Gedanken an die Tasche, die den Revolver enthielt.

Aber das Kind! Das liebe se unschuldige Kind! Doch seine Zukunft? War
es nicht besser ...

Er ging zaghaft und klopfenden Herzens und am ganzen Krper zitternd bis
an die Ecke des Gebudes und langsam, innerlich erschaudernd, darum
herum. Dort hinter den matterleuchteten Fenstern -- dort _wohnte_ einst
all sein Glck ... Und _jetzt_ ... Und er soll hineingehn und sollte,
mute ihr sagen: Frida, sei bereit! Wir mssen ein Ende machen ...

Da drinnen! Was um Gottes willen war da drinnen! War sie wahnsinnig
geworden und zndete Lichter an in ihrer Verzweiflung und Vereinsamung?
Und er herauen, er mute sich sagen: Wohl ihr, wenn ihre Seele schon
drben weilt ... Es ist wohl besser so ...

Drinnen glitzerte es heller und heller. Er trat einen Schritt vorwrts
-- den ersten Schritt, schien es ihm, in die Ewigkeit, einen zweiten,
zgernd und schaudernd einen dritten -- zitternd griffen die
froststeifen Finger nach dem Gesimse. Und als er nahe vor dem Fenster
stand, schlossen ihm aufstrmende Angst und Entsetzen die Augen....
Gewaltsam bezwang er sich und blickte durch die Spalten der Fensterladen
in das lichterglnzende Zimmer ... Dann sank er mit einem heiseren
unbeschreiblichen Schrei ohnmchtig in den Schnee ...

Als er wieder erwachte, lag er in seinem traulich durchwrmten Zimmer
auf dem weichen Ruhebette, und ber ihn beugte sich ein liebes bleiches
Gesicht in liebevoller Sorge -- und zugleich voll unfabaren Friedens.
Er richtete sich verwirrt auf und sah sie gro und staunend an. Ehe er
noch ein Wort finden konnte, sprach sie mit warmer freudedurchzitterter
Stimme:

Gott sei Dank, da du wieder zu dir kommst! Wir waren schon in groer
Sorge um dich. Ich habe dich durch Pregger berall suchen lassen.

Ja aber sag mir um Gottes willen, wie kommt es denn, da du auf bist,
da du dort ... Wer brachte denn diesen Baum ...?

Ich, Oswald!

Jhlings sprang er auf.

Onkel Ludwig! Aufrecht stand er da, wie zum Angriffe bereit. Seine
Augen sahen finster drohend, feindlich nach dem peinlich berraschten
Manne.

Ja, Oswald, sprach der Onkel beklommen und stotternd weiter. Ich
-- ich wollte euch -- weil gerade Weihnachten war ... ber
-- berraschen ...

Ueberraschen! Und drauen knnten jetzt Hunderte von Menschen liegen,
Tote, Zerschmetterte, Verletzte, Schreiende -- Wahnsinnige! Und hier
herinnen -- Mensch! wenn du wtest, wie grausam du mich gemartert hast!
Ich knnte dich ...!

Er sank aufsthnend auf das Ruhebett zurck, prete beide Hnde an die
Stirn und rief unter ergreifendem Lachen:

Ueberraschen wollte er mich! Erst schlgst du mir alle Hoffnungen tot,
bringst mich moralisch um und dann ...!

Oswald! O, ich ahne, was htte geschehen knnen! Jetzt begreife ich
erst Preggers sonderbares Wesen und seine Verstrtheit -- o, mein armer
armer Oswald!

Frida, sein erbleichtes Weib, hatte die Arme fest um ihn geschlungen und
weinte, weinte unbezwinglich und mit solcher Heftigkeit, da ihr zarter
Krper wie im Froste bebte.

Er zog sie eng an sich, und sagte tief bewegt:

La es nun gehn, Frida! Es ist ja alles wieder gut!

Der Onkel ging erregt auf und ab. Er hatte bei seiner Ankunft flchtig
gehrt, da es beinahe ein groes Eisenbahnunglck gegeben htte -- nun
ahnte er den Zusammenhang und war erschttert.

Rasch trat er auf den Neffen zu, streckte ihm beide Hnde entgegen und
brachte nur mhsam die Worte hervor:

Verzeih mir!

Mehr als sein Mund sprachen seine Augen.

Oswald sprang auf und zog den tiefbewegten Mann an seine Brust. Und
pltzlich kam es ber ihn mit unbezwinglicher Gewalt. Er mute weinen
-- und weinte all den groen stummen Schmerz seiner gemarterten Seele aus
und weinte die Freuden der Erlsung und der Rettung.

Und als es sich im Bettlein daneben regte -- da ri er sich los und
beugte sich ber das kleine rosige Gesicht. Lange kniete er so da. Als
er sich wieder erhob, lag auf seinem Angesicht der ergreifende Ausdruck
ernsten Friedens.

Zndet den Baum wieder an, sprach er dann, es ist ein doppeltes Fest
heute fr uns: Weihnacht und Ostern. Friede ist eingekehrt in unsere
Seelen und auferstanden sind in uns all die toten Freuden und
Hoffnungen! Onkel, ich werde nie vergessen, was ich in diesen Stunden
gelitten! Es wird mir seelisch gehn wie dem Krieger, der in siegreicher
Schlacht Arm oder Bein verloren -- du verstehst mich wohl!

Stumm reichte ihm der Onkel die Hand und fhrte ihn schweigend zu dem
Baume. Oswald stand aufrecht und unbeweglich und sah ernst und fremd in
den so oft bejubelten Lichterglanz. Erst als er freudig merkte, da
seines Weibes Augen heller und wrmer glnzten als all die Lichtlein,
denen erst der Mensch durch die Sinnbildlichkeit Seele verleiht, wandte
er sich langsam zu Frida hin und fragte, sie leicht umfangend:

Glaubst du, da wir jemals wieder _unbefangen_ glcklich sein knnen?

Sie lehnte sich an seine Brust und sah mit stillem Lcheln zu ihm empor.

Ja, Oswald, das glaube ich, denn wir haben eines, was uns niemand geben
und niemand nehmen konnte -- auch die Not nicht: unsere Liebe ... Und wir
haben ja unser herziges Mdi!

Er neigte sich zu ihr herab und kte den zuckenden lchelnden Mund.

Der Onkel aber legte die Hand auf seine Schulter und sprach mit warmer
bewegter Stimme:

Und ich -- ich hab dir ein Gestndnis zu machen ... Hm! Das mit dem
Ueberraschen war eigentlich ... Ich hab wirklich im blinden Zorn
telegraphiert, ohne Bedenken -- _pumpen_ will er halt, dacht ich mir.

Na, Onkel -- Seelenkenner bist du offenbar keiner!

Kann schon sein. Es lie mir keine Ruhe, sag ich dir, bis ich abfuhr.
Schau dir die Sache halt mal an, dacht ich mir. Und dann kannte ich ja
auch Frida noch gar nicht. Vielleicht tust ihr unrecht! Hm! Weihnachten
war auch und ich -- hm, ja! ich fhlte mich so vereinsamt. Hm! Und
jetzt, sag ich dir, bin ich erschttert und beschmt. Wenn jenes Unglck
wirklich geschehen wre -- nicht du, Oswald: ich htte die Schuld!
Verzeihe mir nochmals! Ich bin nicht hart, sag ich dir, ich war nur
verhrtet. Ein Starrkopf war ich! Hm, Dickschdel sind wir eben alle,
wir Frickenbergs. Ja ja! Jetzt aber will ich gut machen, was ich
verschuldet, ja verschuldet! Es ist meine Pflicht, meine heiligste
Pflicht, euch ein vterlicher Freund zu sein. Hab ja nur euch auf dieser
Welt! Es war schndlich von mir! Schndlich, sag ich dir! Na aber jetzt
sollt ihr fort von hier! So bald wie mglich. Und auf mein steirisches
Gut sollt ihr. Weit du, das hat dir immer am besten gefallen. Es gehrt
von heute an dir, Oswald! La nur, la nur! Mich freut es, sag ich dir,
da ich euch etwas geben kann von meinem berflssigen Reichtum. Den
grten Reichtum hast du freilich hier.

Er wies auf Frida.

Nein, hier! sagte diese lchelnd und schmiegte sich an des Gatten
Herz.




Ein Egoist der Liebe.


Als er schon, auf seinen derben Knotenstock gesttzt, langsam und
schwerfllig den Weg in das stille Stdtchen hinabging, klangen ihr erst
des alten Vaters Worte, die ihr zuvor nur in den Ohren geklungen, in der
Seele seltsam wieder.

Ich werd' halt im Vorbeigehn hineinschaun auf die Post, ob das
Christkindl nit doch was g'schickt hat fr uns. So hatte er gesagt.

Und seine Stimme klang so eigenartig bewegt dabei, so ungewhnlich weich
und schier schalkhaft. Sie hatte aus diesem Klange nur wehmutsvoll
heitere Selbstbespttelung herausgehrt und antwortete deshalb fast
herb:

Was soll es denn _uns_ bringen!

Wie er sie dabei ansah! Wie ihr seine Worte erst jetzt in ihrem Inneren
lebendig wurden, sah sie seine Mienen und seinen sonderbar unruhigen
Blick erst jetzt mit dem Auge der Seele.

Was war da fr ein lichter Schimmer ausgegossen gewesen ber die
geliebten abgehrmten Zge und wie seltsam zuckte es durch die starren
Falten seines Gesichtes -- fast wie innerliche Freude! Und nach ihren
Worten -- wie schwand da alles jh hinweg! Sein Gesicht wurde wieder
regungslos, sah aus wie sonst: wie in Stein gehauen, so grau und so
hart. Und in seinen hellblauen Augen losch das Leuchten aus wie ein
mdes Kerzenlicht im Windhauche. Und nach ihr blickte nichts als die
langgewohnte Dsterheit und jener starre herbe Mannestrotz, der sich
wohl nimmermehr wandeln wird in stille Ergebenheit und ruhiges Sichfgen
in das Unabnderliche.

Sie sah ihm durch das Fenster sinnend nach.

Wie er dahinschritt heute! Aufrechter, sicherer, fester als sonst, fast
stramm. Und wie er um sich blickte, als wollt' er sagen:

Schaut mich nur an! Ich bin der alte Stormer, auf den die
Schicksalsschlge nur so niedersausten. Neun blhende Kinder hab' ich
verloren, durch Krankheit und Unglck, durch Krieg und ... Ja, einer,
einer ist miraten. Aber als er erkannte, wie gro die Schande sei, die
er ausschtte ber sich und seinen Namen, ber seine Eltern und
Geschwister -- da ri er die dunkle Pforte selber auf, die uns trennt
von der Ewigkeit.... Und das war gerade an dem Abende, an dem tiefster
Friede ausgegossen ist, weit, weit ber die Lande der Christenheit ...
Und zuletzt starb ihm die, an die er sich noch klammern, an der er sich
noch aufrecht halten konnte: sein treues wackeres und seelenstarkes
Weib ...

Jetzt war er einsam. Nur das jngste seiner Kinder war ihm geblieben
-- Berta. Und nichts von seinem groen Besitze war ihm geblieben als
dieses kleine Haus da heroben auf dem Berge -- seines Vaters Haus, seine
Heimat. Alles andere: seine groen industriellen Unternehmungen, die er
mit ungewhnlicher Kraft und Tchtigkeit schuf, seine Erfindungen, die
ihm Reichtum einbrachten -- alles, alles ging zugrunde durch das Unglck
und die Schuld anderer oder notgedrungen in andere Hnde ber. Und
fremde Menschen ernteten nun die Frchte seines erfinderischen Geistes.

Und dieser hart heimgesuchte Mann schritt nun, ein trotziger Greis,
unter den Blicken seines einzigen Kindes aufrecht den Berg hinab, um
nachzusehen, ob das Christkind ...

Berta seufzte tief auf bei diesem Gedanken.

Jetzt war er ihren Blicken entschwunden. Und ihre Gefhle, jh und warm
dem Herzen entsprungen, eilten ihm nach: trste dich Vater, du sollst
mich nicht verlieren, mich soll nichts mehr von Dir trennen. Sind wir
doch zusammengekettet mit den schweren Banden des Schmerzes und
bittersten Leides. Die halten fest ...

Ihr gesttztes Haupt hob sich unwillkrlich ein wenig und ihre Blicke
glitten langsam ber das Stdtchen drunten hinweg, an den
leichtbeschneiten Waldhgeln vorbei und blieben drben an dem
Eichenwalde sinnend hangen.

Als lge es lngst hinter ihr, jahrzehntelang, so erinnerungsklar und
erinnerungsverklrt blickte sie nun alles an, was sie an jenen kurzen
Tagen dort drben in dem verschwiegenen Eichenwalde erlebte.

Es war im Sptsommer. Der Vater lag im Bette, an einem alten Fuleiden
erkrankt. Auf ihren tglichen kurzen Spaziergngen fhrte ihr nun dort
drben das Schicksal den Mann entgegen, der ihrer dmmernden Seele Licht
und Glck bringen sollte. Tglich begegneten sie sich die kurzen drei
Wochen drben im Walde. Sie sprachen nach und nach viel miteinander:
ber sein Geschft, ber die Natur, ber Kunst und Musik und manches
andere. Aber nicht, was sie sprachen, sondern wie sie's sprachen, war
fr sie von Reiz und immer reicherer Beseligung. Sie lauschten nur dem
Klange ihrer Stimmen, sahen nur den Schimmer ihres Lchelns und ihrer
Blicke -- und das Glck, das sie damit einsogen, das leuchtete dann,
ihnen selber noch unbewut, aus ihren Augen so tief und rein, so warm
und offenkundig, da jeder unbefangene Dritte sofort erkannt htte: das
sind zwei, die zusammengehren frs Leben. Der vollen Gre und Tiefe
ihrer Empfindungen wurden sie sich erst beim Abschiede bewut. Das war
fr sie eine Stunde, reich an Seelenschtzen frs ganze Dasein.

Er wollte sogleich zu ihrem Vater. Sie hielt ihn zurck. Der Vater, der
an ihr, seinem Letzten, mit der ganzen angstvollen Liebe eines alten
schicksalsverfolgten und liebebedrftigen Mannes hing, msse
stillallmhlich vorbereitet werden. Zudem sei er, wenn auch schon auer
Bette, noch krank.

Sie bat ihn, ihr zu schreiben. Sie wollte dann den Vater unvermerkt in
ihr junges Glck einweihen und ihn schlielich die Briefe lesen lassen.
Damit war er einverstanden und schied. Er mute fort. Er war
Geschftsfhrer einer groen Fabrik, hatte jngst ein betrchtliches
Erbe angetreten und hoffte als Teilnehmer seine Arbeitskraft dem
umfangreichen Unternehmen widmen zu knnen. Er war ber die erste Blte
der Jugend hinaus, ein ernster hochgebildeter Mann, der auf seinen
weiten Reisen viel und vieles gesehen und erlebt hatte -- nur die Liebe
noch nicht. Die war ihm erst in diesem stillen Erdenwinkel erblht, den
er, vom Zufalle oder wohl von seinem gtigen Geschicke gefhrt,
aufsuchte, um Erholung nach langen Strapazen zu finden und Krfte fr
neue Arbeit zu sammeln. An Leib und Seele gesund, erfllt von einem
ganzen Frhling neuen inneren Lebens, schied er, ein Beglckender und
Beglckter zugleich.

So schien es ihr. Doch der versprochene Brief kam nicht. Nur solche
kamen damals, die sie wenig freuten: von ihren schon verheirateten
Freundinnen aus der Tchterschule, von einer Base, die nur schrieb, wenn
sie etwas brauchte. Sie wartete. In ihrer Angst und Seelenqual frchtete
sie, er sei erkrankt.

Sie schrieb ihm. An demselben Tage aber stand in der Zeitung die
Nachricht, da er, der neue Firmachef, an einem groen Feste teilnahm,
das zu Ehren des greisen Grnders des alten Hauses veranstaltet worden
war. Sie lie den Brief nicht abgehn.

Noch hoffte sie. Die Tage schwanden und wurden krzer und trber, klter
und stiller. Mit den Blttern der Bume sanken auch ihre Hoffnungen
dahin. Endlich gab sie das Hoffen gnzlich auf. In einer strmischen
Sptherbstnacht weinte sie erschttert ihren Schmerz aus und ihre
Verzweiflung. Nun war auch ihr Sehnen tot.

Still und ernst, festgefgt in ihrem Innern und mit dem toten Glcke in
der Seele, trat sie am nchsten Morgen ans Fenster ihres Zimmers.
Drauen war es still und trb und weithin kahl und de. Und langsam
begann es zu schneien. --

Whrend die Tochter droben einsam sa und aus ihren Erinnerungen heraus
der untergehenden Sonne nachschaute, hastete Stormer unruhevoll den Berg
hinab. Kaum wute er sich den Blicken Bertas entrckt, knickte er in
sich zusammen.

Herr, mein Gott, wend' es zum Besten! Ich kann sonst nicht mehr zurck.
Ich kann's nimmer mitanschaun!

Recht guten Abend! grte jetzt einer ausnehmend freundlich. Das war
der alte Jakob, der Brieftrger, der zur Post ging. Stormer schrak
zusammen und wandte sich mit zorniger Gebrde ab.

Wenn ihm der damals den Brief nicht gegeben htte, wr' alles anders
gekommen. Aber bequem sind sie halt alle diese Leute, bequem und so viel
bereifrig. Wo sie nur einen Schritt ersparen knnen ...

Drei, vier Tage lang trug er den Brief mit sich herum. Was ihm denn nur
eingefallen war, ihn zu ffnen! Nie in seinem Leben hatte er so etwas
getan. Die Mnnerschrift auf der Adresse, ja ja, die fremde krftige
Mnnerschrift war's, die ihn verleitete. Aber die heimliche Freude, die
er empfand, als ihm der Brief in die Hnde fiel -- woher kam die? Damals
fragte er nicht viel. Er wute nur, da sie diesen Brief nicht lesen
drfe -- niemals! Na und das mit dem fremden Menschen, mit diesem Erwin
Uller -- mein Gott, das konnte doch so tief nicht gegangen sein. Das
wird sie schon berwinden. Hatte schon weit mehr und weit Schlimmeres
berwinden mssen. Und er auch -- noch viel, viel mehr und viel
Schmerzlicheres. Das hielt sie ja so innig zusammen, die zwei Letzten
einer groen, einst glcklichen Familie, darum hatte er sie ja so lieb
und hing an ihr mit der ganzen zitternden Angst und Zrtlichkeit, mit
der ganzen Selbstsucht und dem ganzen Liebeshunger eines hartgetroffenen
Vaterherzens.

Und nun kam da ein wildfremder Mensch und wollte ihm sein Alles und
Letztes nehmen. Fortziehen wollte er mit ihr und er, er sollte dort
droben allein hausen mit allen seinen Leidgedanken und umspukt von
qualvollen Erinnerungen, sollte sich allein berlassen bleiben mit
seiner ganzen bitterschweren Vergangenheit.

Da er einfach mitziehen knnte, wie Uller schrieb, daran dachte er gar
nicht weiter. Drngte sich ihm der Gedanke aber doch auf, dann wehrte er
ihn schier zornig ab. Er will gar nicht mit, will nicht unter fremde
Leute, will nichts mehr wissen von der Welt. Aber sie? Sie war noch jung
und hatte noch etwas zu erwarten von der Welt. So mahnte ihn sein
Gewissen. Er aber sagte sich darauf: Was soll sie erwarten? Auf die
Stormers wartet kein Glck da drauen. Das Schicksal beschenkte sie
immer nur so reich, um sie desto rmer zu machen. Er tte nur Gutes, es
wre seine Pflicht geradezu, seine heilige Vaterpflicht, sie vor neuen
Enttuschungen, vor neuem Leide und Weh zu bewahren. Die Einsamkeit wre
ihr Hort. Und ihr Schutz gegen alle weitere Pein und Seelennot: nichts
wnschen und nichts verlangen, nichts ersehnen und -- nichts hoffen ... So
beruhigte er grausam sein Gewissen. Wre die Sorge nicht gewesen, da
etwa ein zweiter Brief kommen und Berta in die Hnde fallen knnte -- er
wre ganz ruhig und schier zufrieden gewesen.

Diese Sorge aber trieb ihn, kaum genesen, und trotz seinem immer noch
leidenden Beine bei jedem Wetter, bei Sturm und dichtestem Nebel von
seiner Hhe hinab ins Stdtlein. Und niemand war darber erfreuter als
der alte Jakob. Der brauchte nun nicht mehr den Berg hinaufzukeuchen,
just wegen des einen Hauses dort droben, und bekam berdies von dem
alten Herrn noch Trinkgeld. So viel spaig sind halt zuweilen die Leute,
meinte Jakob, so viel spaig. Ihm wars recht so.

Und der zweite Brief kam. Nach etwa vierzehn Tagen. Eingeschrieben. Der
gute alte Jakob begngte sich selbstverstndlich mit des alten Herrn
Unterschrift und dem Trinkgelde, das diesmal reicher ausfiel als sonst.
Dafr dankte aber Jakob auch ber alle Maen freundlich.

Der Brief brannte Stormer noch mehr auf die Seele als der erste. Das
schien ja wirklich tief gegangen zu sein, sehr tief sogar. Wenigstens
bei dem verdammten Herrn Erwin Uller dort drinnen in der Wiener Stadt.
Und was fr ein Geist sprach aus diesen Zeilen -- was fr ein Herz!

Nun begann er Berta schrfer zu beobachten. Sie lie sich nicht viel
anmerken. Das tun sie alle nicht, die Stormer. Er wute das. Es drckte
ihn schwer auf die Seele. Wenn es nun doch auch bei ihr tief ... Aber er
sagte sich immer wieder: Sie berwindets schon.

Wir Stormer berwinden alles. Wir sind strker als die Tcke des
Schicksals. Und dann -- nein, so leicht setzt man uns auch nicht in
Flammen. Um unser Herz ist ein Panzer von Mitrauen gegrtet. Bis der
auftaut ...

Aber geschehen mute nun etwas -- geschrieben mute dem Manne werden.
Kurz und bndig, klar und scharf, so da ihm fr alle Zeiten grndlich
die Lust verging, nochmals zu kommen. Mit dem Schreiben ging's ihm schon
schwer. Die rechte Hand war fast gelhmt und so angeschwollen, da sie
kaum die Feder halten konnte. Aber es mute sein. Und wenn etwas sein
mute, brachtens die Stormer immer zusammen. Auch der Brief kam
zustande.

Nachdem er ihn fortgesandt hatte, stampfte er noch eine Zeitlang tglich
den Berg hinab zur Post und keuchend wieder hinan. Und wenn das oft
recht schwer und mhselig ging, konnte er fast bse sein auf Berta. Als
htte sie ihm das alles angetan. Und wenn er allein in seiner Stube sa,
konnte er mit geballter Faust ins Finstere hinein drohen und mit den
feindlichen Mchten hadern, da sie ihm auch das noch auferlegten und er
kmpfen msse um das Letzte, was ihm noch Liebes verblieben sei auf
dieser Welt. Gegen Berta war er liebevoller und zrtlicher denn je. Oft
bermannte ihn bei ihrem Anblicke die Rhrung so mchtig, da er schnell
von ihr wegeilen mute, um nicht in Trnen auszubrechen. Und gelang ihm
dies nicht mehr, dann machte er einen gewaltigen Spa und brach
darber selbst in lautes erzwungenes Lachen aus. Dann konnten sie ja so
mitlaufen, die dummen Trnen. Es sah dann aus, als htte sie ihm das
Lachen erpret. Das kommt ja vor.

Eines Tages sah er sie in ihrem Zimmer schreiben. So vertieft war sie,
da sie nicht hrte, wie er die Tr ffnete. Geruschlos schlo er sie
wieder. Und bleicher als sie, schlich er wieder davon. Sie schrieb an
ihn -- er fhlte es. Sein Gewissen rief es ihm zu und seine Angst trieb
ihn von einem Zimmer ins andere. Der Brief durfte nicht fort. Unter
keinen Umstnden und wenn er ihn selbst ...

Aber wird sie ihm den Brief anvertrauen, ihm, der nach ihrer Meinung
noch nichts ahnte von all dem, was sie heimlich qulte?

Aufgeregt war er im Hause herumgegeistert; endlich griff er verzweifelt
nach der Zeitung. Und die brachte ihm die unverhoffte Befreiung aus
seiner Pein: jene Notiz wars ber das Fest, bei dem Uller anwesend war.
Und eine schne lange Rede hielt.

Wie er es gewohnt war, las er ihr auch damals dies und das aus der
Zeitung vor und lie unauffllig jene Notiz mithineinlaufen. Bei Ullers
Namen zuckte sie zusammen. Und als sie alles wute, erbleichte sie.

Ohne ein Wort zu reden, stand sie bald nachher auf und ging. Er rief ihr
nach, er gehe hinab in die Stadt -- ob sie was habe oder brauche? Einen
Brief zur Post oder sonst etwas?

Nein, sie habe nichts und brauche nichts. Wie ihre Stimme dabei klang
und wie sie ging! In jeder ihrer Bewegungen drckte sich ihr
Seelenzustand aus. Ganz starr wurde ihm dabei und ein schier
krperlicher Schmerz durchlief ihn eisigkalt.

Nachts konnte er nicht schlafen. Es war jene strmische Sptherbstnacht,
in der Berta ihr Weh und Leid ausweinte und als kostbaren Schatz stark
und stolz in ihrer Brust verschlo.

Es duldete ihn nicht im Bette. Aus dem Finstern sprangen ihn
Schreckbilder an und wie mit kalten Hnden griffs nach ihm aus allen
Winkeln. An den Fenstern rttelte der Sturm. Manchmal wars, als schlge
einer mit der Faust daran. Dann heulte es drauen auf und durch das Haus
ging es wie leises Wimmern und Weinen und Sthnen.

Er zndete Licht an. Was flog da vom Fenster weg? Im langen weien
Kleide ... Der jhe Schreckgedanke, sie habe sich ein Leid angetan, jagte
ihn aus dem Zimmer. Erst rannte er dahin, so schnell er konnte, dann
schritt er zaghaft vorwrts und endlich schlich er sich lautlos an die
Tr ihrer Schlafkammer. Nun hrte er sie sthnen und weinen. Einzutreten
wagte er nicht, so sehr es ihn auch drngte. Er fhlte, da er unfhig
war, jetzt vor sie hinzutreten -- ihr jetzt alles zu gestehn. Es htte
ihr Tod sein knnen oder der Tod ihrer Liebe -- zu ihm ... dem Vater. Bis
zum grauenden Morgen hockte er auf ihrer Trschwelle. Als es drinnen
endlich still geworden war, schlich er frostdurchschttelt in sein
Zimmer zurck.

Scheu und beklommen schaute er nchsten Tages Berta ins Gesicht. Sie war
ernst und gefat. Bleich waren ihre Wangen, kalt und ruhig ihre Augen
-- ihr Mund aber lchelte. Dieses tote Lcheln kannte er. Es tat weher
als Trnen und Vorwrfe. Sie hat es berwunden, sagte er sich. Aber _er_
wurde nicht froh darber.

Seit jenem Tage vollzog sich in der Brust des alten Mannes ein schwerer
zher Kampf und allmhlich eine tiefe Wandlung. Und das Gute und Edle
siegte endlich in ihm: er hatte sich schwer und widerstrebend zur
opfermutigen und entsagungsstarken Liebe durchgerungen und erkannt, da
es keine reinere und schnere Tat der Liebe gebe als die, andere
selbstlos zu beglcken. Mit Schaudern dachte er nun an das, was er in
seiner verblendeten Selbstsucht zerstrt hatte: das Lebensglck seines
einzigen Kindes.

Als er so weit war, entschlo er sich, alles wieder gutzumachen, wenn es
noch ginge. Er setzte sich dann in einer stillen weien Nacht hin und
begann an Uller zu schreiben. Schwer, bitter schwer lste sich
Gestndnis auf Gestndnis von seiner Seele. Noch schwerer schrieb er sie
nieder. Er hatte noch keine Uebung im rckhaltslosen Selbstbekennen. Er
hatte bisher nur _um_ sich und wohl noch niemals tief und furchtlos _in_
sich geblickt. Drei Nchte plagte er sich ab. Endlich war der lange
schicksalsbedeutende Brief fertig.

Am nchsten Morgen trug er ihn zur Post hinab. Vier Tage fehlten noch
auf Weihnachten. Bis zum heiligen Abend konnte Antwort da sein von ihm
oder -- er selbst. Aber es kam kein Brief. Nicht am zweiten Tage, nicht
am dritten und nicht am vierten, letzten. Jakob kam mit leeren Hnden
frh und nachmittags ...

Und nun war es am letzten Tage Abend geworden, die heilige Nacht war
gekommen und er sollte nun in dieser glckseligen Friedenszeit dort
droben mit der bleichen Tochter allein sitzen -- im ngstlichen
Schweigen und mit dem schweren Schuldbewutsein in der Brust ...

Die Hoffnung, Uller knne noch mit dem Abendzuge selbst kommen, trieb
ihn dem Bahnhofe zu. Der Zug fuhr ein. Uller stieg nicht aus. Ueberhaupt
kein Fremder. Nur Einheimische, Studenten, Urlauber und sonst noch junge
Leute. Lauter frhliche Feiertagsgesichter.

Gebeugt, als htte er eine Riesenlast zu schleppen, wankte er in das
Stdtchen zurck -- auf die Post. Vielleicht war doch ein Brief gekommen
jetzt mit dem Zuge. Es waren heute so viele Sachen eingelaufen. Endlich
war alles durchgesucht, gesichtet, verteilt. Fr ihn war nichts da. Fast
wre er zusammengebrochen in der engen Poststube. Wie ein Betrunkener
taumelte er hinaus auf die Strae. Wohin jetzt?

Aus der Welt! flsterte es in ihm. Aus der Welt! wiederholten seine
Lippen lautlos.

Da hrte er Jakobs freundliche Stimme. Es sei doch etwas da fr ihn
-- aber nur ein Brief. Stormer haschte begierig danach. Er war von Uller.

Bei der nchsten Laterne las er ihn. Als er fertig war, lehnte er sein
greises Haupt an die kalte Wand und weinte unter heftigem Schluchzen die
ersten Freudentrnen seit seiner Kindheit. Sein Brief hatte Uller in
eine Stadt Nordbhmens nachgesandt werden mssen, wohin er gereist war,
um die Feiertage bei seiner Mutter zuzubringen. Morgen komme er selbst,
schrieb er.

Noch niemals war Stormer den Berg so rasch und so froh hinangestiegen.
Droben gab es eine erschtternde Aussprache. Und dann eine stille
herzliche Feier.

Einsam saen sie dort droben in trautem Lampenscheine und mildem
Kerzenschimmer -- und doch hatten sie einen Gast bei sich, einen lieben
und in diesem Unglckshause gar wundersamen Gast: das Glck.




Frau Bettis Christgeschenk.


Hastig hatte sie den Brief versteckt und die Trnen verwischt, als sie
unvermutet Christine eintreten sah.

Diese war die Tochter ihres ehemaligen Brotherrn. Sie hatte die frh
verstorbene Mutter Christinens mit selbstloser Aufopferung gepflegt, war
dann in dieselbe ansteckende Krankheit verfallen und rang lange mit dem
Tode. Seither hing Christine an der Hterin ihrer Kindheit mit einer
Liebe, die sich immer mehr verschnte und klrte, je mehr sich
Christinens herbe Jungfrulichkeit entfaltete und je mehr sich ihre
ausgeprgte Eigenart und frhzeitige Selbststndigkeit entwickelten und
ausreiften.

Harmlos lchelnd war Frau Betti ihrem Liebling entgegengetreten.
Christine aber hatte bemerkt, was die alte Frau verbarg und verbergen
wollte.

War der Brief von Rudolf? Ein dunkles Rot stieg bei Nennung dieses
Namens in ihre frostfrischen Wangen.

Der -- der Brief? A mein! Der ist ja nur vom Grtner-Loisl! Ja! Wegen
dem Blumensamen schreibt er, weit ...

Ueber einen Brief vom Grtner-Loisl weint man nicht, Betti!

Das klang wieder in jenem bestimmten festen Tone, dem gegenber Mutter
Betti keinen Widerspruch kannte.

Schier zornig sah das alte Mutterl nach Christinen; unter Trnen aber
gab sie ihr den Brief hin. Er war zerknllt von den angstzitternden
drren Fingern und feucht von den sorggeweinten Trnen. In atemloser
Spannung sah sie nach Christinen, die trotzig aufgerichtet am Fenster
stand und las. Aus ihren Mienen konnten Bettis Augen keine Antwort
lesen. Schweigend sah Christine, als sie den Brief gelesen hatte, in das
verglimmende Abendrot. Und Betti schien es, als sei auch das frische
Wangenrot des jungen stolzen Mdchens verblichen ...

Pltzlich fate sie eine groe innere Angst.

Christine! rief sie zitternd. Um Gottes willn! Glaubst am End auch
du, da er _schlecht_ wordn is, der Rudolf?

Nein! Fest klang dieses Wort, aber hart, herb.

Mit groen Augen sah Betti nach ihr und wagte keine Frage mehr.

Wie viel Geld hast du ihm schon geschickt, Betti?

Ach, mein Gott, la mir die Sorg allein, Christine.

Nein! Ich will alles wissen! Alles! Verstehst du?

Betroffen und forschend schaute das gequlte Mutterl in das trotzige
Angesicht ihres Lieblings. So herb und starr hatte sie die lieben
stolzen Zge noch nie gesehen. Langsam, als sei ihr jede Sekunde
Verzgerung Gewinn, schlrfte sie zu ihrer Schublade und brachte nach
lngerem Herumkramen ein vergriffenes Notizbuch hervor.

Da! Ein Blick, der strafte und zugleich flehte, begleitete dieses
Wort.

Rasch flogen Christinens suchende Blicke ber die ungefgen Ziffern.
Dann richteten sich die groen blauen Augen kalt und fragend -- drohend
fast nach dem erschrockenen Weiblein.

Wo hast du das viele Geld her -- nach alledem?

Vom -- vom Ferdl, vom Prinz Ferdl.

Auf Wechsel?

Ich -- ich glaub.

Wann ist der erste fllig?

Zu Neujahr -- glaub ich.

Kannst du zahlen?

Nein!

Strenger konnte sie am jngsten Tage Gott der Herr nicht fragen -- und
gewissenhafter knnte sie ihm nicht antworten.

Und warum hast du mir davon nichts gesagt?

Darauf hatte Frau Betti nur Trnen. Christine verstand sie. Milder und
leiser fragte sie:

Und was willst du ihm jetzt schreiben -- deinem Sohn?

Mein Gott, was soll i denn tun? Krank is er, schreibt er -- und
Ehrenschulden solln 's sein. Da wird wohl schier nix anders brig
bleiben, als da i dem Prinz Ferdl die Kuh ...

Und zu Neujahr nimmt er dir dein Husl weg und wirft dich auf die
Strae hinaus!

Das waren Worte, die schwerer trafen als Steine. Ihr ganzer
Ueberraschungsschmerz, ihr ganzes namenloses Staunen und Herzleid
blickte Betti aus den starrenden Augen -- sprechen konnte sie kein Wort.
Und er fand den Weg zu dem herbverschlossenen Herzen Christinens, dieser
angststarre flehende zrnende Mutterblick. Aber sie gab dieser warmen
Regung nicht nach und sagte in festem Tone:

Die Kuh, Betti, kaufe _ich_! Die 300 Kronen, die er wieder haben will,
bring ich ihm selbst! Ich fahre morgen nach Wien, die Weihnachtseinkufe
zu besorgen.

Du -- _du_ willst ...?!

Ja! _Dich_ will er doch gar nicht haben in Wien! Du hast 's ja doch
gelesen!

Rasch war sie aus dem Zimmer gegangen, schwer und chzend war die Tr
zugefallen.

Sie, die bisher nur Liebe und Gte war gegen Frau Betti, lie nun das
verzweifelte alte Mtterchen in Bestrzung zurck und in bitteren
Trnen.

Bettis einfltiger Geist konnte die Lsung dieses Rtsels nicht finden,
ihr schlichtes Gemt sie nicht ahnen.

       *       *       *       *       *

Christine ging rasch ber den knisternden Schnee. Lge und Heuchelei
hatte aus dem Briefe gesprochen -- aus dem Briefe des Sohnes an die
Mutter, einer Mutter, die an ihren Sohn glaubt wie an Gottes Wort. Aus
dem Briefe des Mannes, dem sich ihre Seele lngst heimlich in einer
Liebe erschlossen hatte, gegen die sie ankmpfte mit all ihrem Stolze
und ihrem ganzen beharrlichen Trotze -- und der ihr Herz doch immer
wieder unterlag, wie sehr sich ihr trotziger Geist auch aufbumte und
ihr Stolz sich wehrte.

Sie wute es lngst, da er in leichtfertige Gesellschaft geraten war,
sie hatte ihn verteidigt gegen den erzrnten Vater, der ihm reiche
Stipendien fr seine Studien verschafft hatte und nun schon zwei Jahre
vergeblich auf den Chemiker wartete, den er fr seine Fabrik so
notwendig brauchte. Sie hatte ihn verteidigt gegen die Anschuldigungen,
die die lieben Nachbarn der Mutter hinterbrachten, sie hatte die gute
Betti in ihrem Glauben an den Sohn bestrkt -- weil sie selbst an ihn
glaubte. Und dieser schne beseligende Glauben war jetzt jh und
unvermutet in ihr zusammengebrochen.

Durfte sie den vorschnell gefaten Entschlu, ihn aufzusuchen, um ihn
wenigstens _fr die Mutter_ zu retten, auch wirklich ausfhren? Es
konnte _gut_ sein fr ihn und fr das arme alte Mutterl. Das erkannte
Gute aber soll man ausfhren, je eher, desto besser. Das war einer der
letzten Aussprche ihrer sterbenden seelengroen Mutter. Danach hatte
sie immer gehandelt -- und wollte es auch jetzt tun.

Und diesem starken Zuge ihres Wesens folgte sie auch unbedenklich, als
sie, an der Gartentr des alten Prinz vorbergehend, von einem
pltzlichen Gedanken erfat wurde. Rasch war sie an der Tr des
Geldmaklers und klopfte entschlossen an. Prinz, ein hagerer langer Mann
mit ausgesprochenem Habichtgesichte, war allein und seine Neugierde, was
denn des reichen Fabrikanten und Brgermeisters stolze Tochter bei ihm,
dem armen Bauer, wolle, bald erfllt. Nach vielen Ausflchten und
Beschwrungen legte er Christinen endlich die vier Wechsel Bettis vor.
Christine rechnete zusammen. Dann schaute sie grostaunend und zornig
nach dem gekrmmt dastehenden Prinz.

Das sind ja _zweitausend_ Kronen, Herr Prinz!

Zu dienen, gndigstes Frulein, netto tausend Gulden.

Sie haben aber der alten Frau nur fnfhundert gegeben!

Prinz begann nun zungengelufig zu erzhlen, was er der guten Betti noch
alles gegeben haben wollte. Christine legte anstatt aller Antwort die
vier Wechsel aufeinander, zerri sie in zorniger Hast, schritt zum Ofen
und warf die zerknllten Fetzen in das flackernde Feuer.

Um Gottes willn, was haben Sie getan?

Sie vor der Anzeige wegen Wucherei gerettet! entgegnete Christine
scharf. Morgen fahre ich nach Wien und verkaufe meine Obligationen
-- und bermorgen haben Sie Ihr Geld. Bereiten Sie eine Quittung ber
1100 Kronen vor!

Damit ging sie. Whrend sie raschen Schrittes auf ihr Vaterhaus zueilte,
stand der arme Bauer noch immer hnderingend vor dem gierig
flackernden Feuer. Gerade auf sie hatte er bei Einlsung seiner
geliebten Papierln gerechnet. Und nun ...

       *       *       *       *       *

Klopfenden Herzens, aber mit schweren, seltsam mden Fen stieg
Christine nchsten Tages die drei Treppen zu Rudolfs Wohnung hinan. Zwei
Jahre hatte sie ihn nicht gesehen, ihn, der der Gespiele ihrer Jugend
und die Sehnsucht ihres Herzens -- gewesen war. In diesem Augenblicke
empfand sie nichts als Zorn und Verachtung gegen ihn. Ein Mann -- und
schwach! Zweimal hatte er mit Hilfe der reichlichen Stipendien in den
Ferien Studienreisen ins Ausland gemacht und sich nicht gekmmert um
Heimat und Mutter -- und sie, die ihn so sehnlich erwartete, wohl lngst
vergessen.

Entschlossen trat sie in das halbdunkle Vorzimmer. Lautes Stimmengewirre
und bermtiges Lachen aus jungen Kehlen klang hinter einer der Tren.
Jetzt hrte sie einen sagen, einen mit einer kreischenden Stimme:

Na, was ist's denn mit 'm Geld, Rudolf? Rhrt sich deine Alte noch
allweil nit?

Wei der Kuckuck! darauf Rudolfs tiefe klangvolle Stimme. Ihr Bankier
scheints, ist auf einmal knauserig wordn!

Unter dem Bankier verstand er offenbar ihren Vater oder gar -- sie!
Ein schneidendes Weh ging fr einen Augenblick durch ihre junge Seele.
Dann aber erstarrte alles in ihr im zornigen Trotze. In diesem Gefhle
trat sie entschlossen ein -- hochaufgerichtet, starr. Die ganze
Gesellschaft schien zum Ausgehn fertig und empfing sie mit mehr
verlegenen als staunenden Blicken und einem kaum unterdrckten Ah!

Rudolf stand einige Augenblicke verblfft und verwirrt da. Dann griff er
nach der zierlichen Studentenmtze und stotterte:

Frulein Christine -- was verschafft mir ...

Ich habe mit Ihnen zu sprechen, Herr Frhbach, und zwar allein! Das
klang so bestimmt, mit so viel verhaltenem Zorne in der Stimme, da die
vier fnf Herrchen nach einigen unbeholfenen Worten verdutzt abzogen.

Erst drauen im Vorzimmer fielen in taktlos lauter Art einige anzgliche
Bemerkungen, die Christinen das Blut in die zornbleichen Wangen trieben.

Rudolf hatte rasch aber mit unverhohlenem Widerwillen seinen Ueberrock
abgelegt und lud die ungebetene Gastin mit einer gezwungenen
Handbewegung zum Sitzen ein. Sie lehnte ab.

Ich komme von Ihrer Mutter. Sie haben von ihr Geld entlehnt und fordern
fr die Weihnachten neuerdings Geld und zwar unter dem Vorwande, krank
zu sein und Ehrenschulden ...

Entschuldigen Sie, Frulein -- kommen Sie im Auftrage meiner Mutter
oder ...

Einerlei! Ich frage nicht und habe auch kein Recht, Sie zu fragen, zu
was Sie das Geld brauchen. Aber ich sage Ihnen, da Sie Ihre Mutter in
die Hnde des alten Prinz getrieben haben, da die Arme eben daran war,
ihr Letztes, ihre Kuh ...

Ja, aber hat Ihnen denn meine Mutter nicht ...

Was?

Er sah sie forschend und unsicher an.

Sie meinen wohl, ob sie nicht das Geld von meinem Vater oder von mir
entliehen habe?

Ja, aber sie hat mir doch ...

Sie irren, Herr Frhbach! Ihre Mutter hat mehr Schamgefhl, als Sie ihr
zutrauen!

So lassen Sie mich doch ...

Und mehr Charakterstrke, scheints, als Sie! Schmen Sie sich, Herr
Frhbach!

Was gibt Ihnen ein Recht, mich abzukanzeln wie einen Schuljungen?

Meine Liebe zu Ihrer Mutter und mein Erbarmen mit dem Schmerz, den Sie
ihr bereiten!

Er senkte die zornfunkelnden Augen.

Da Sie es wissen: ich selbst bin hinter all das gekommen -- gegen den
Willen Ihrer Mutter. Und _ich_ habe sie aus den Hnden des alten
Wucherers befreit. Und hier sind die geforderten 300 Kronen. So. Jetzt
sind Sie _mir_ 1400 Kronen schuldig, Herr Frhbach! Und ich will hoffen,
da _diese Ehren_schuld den Vorzug vor allen anderen haben wird!

Im Innern zitternd wie im heftigsten Frostgefhle, hatte sie das Geld
auf den Tisch gelegt und wollte nun rasch zur Tr hinaus, unfhig zu
ermessen, da sie den eigentlichen Zweck ihres Wagnisses nicht erreicht
-- ja kaum angestrebt hatte.

Er vertrat ihr, bebend vor Aufregung, den Weg.

Was wollen Sie noch von mir?!

Ich mu Ihnen doch -- danken, Frulein ...

Wollen Sie mich verspotten? Was ich tue, geschieht fr Ihre _Mutter_!
Und wenn Sie noch einen Funken Ehrgefhl und Kindesliebe ...

Sprechen Sie das nicht aus! _Schlecht_ bin ich nicht -- noch bin ich es
nicht!

Sie haben gelogen und geheuchelt -- der Mutter gegenber!

Ja! Er senkte den Kopf. Aber es geschah nur im Leichtsinn, im
grenzenlosen dummen Leichtsinn der Jugend ...

Das nennen Sie blo Leichtsinn?

Ja! Sie haben recht -- es war _schlecht_ von mir! Ich fhle das erst
jetzt durch Sie ... Bedenken Sie, ich bin aus engen rmlichen
Verhltnissen pltzlich in die Freiheit geraten -- in _diese_ Freiheit
und in diesen Sumpf ... Aber ich will mich aufraffen -- bei Gott, ich
will mich aufraffen ...

Und wenn _die_ wieder kommen -- Ihre Freunde?

Die sollen keine Macht mehr haben ber mich!

Glauben Sie?

Zweifeln Sie an mir?

Ja!

Ich werde es Ihnen beweisen!

Durch Taten, Herr Frhbach!

Ja durch Taten. Ich werde das Geld, das ich Ihnen jetzt schulde, selbst
verdienen, ich werde arbeiten und meine letzten Prfungen machen. Und
ich will Ihnen als anstndiger, als ganzer Mann wieder entgegentreten
oder nimmermehr in meinem Leben!

Das wre ein Sieg ber sich selbst, Herr Frhbach! Dazu gehrt viel
Strke!

Trauen Sie mir diese Kraft, trauen Sie mir diese Willensstrke nicht
zu, Frulein Christine?

Er hatte sich aufgerichtet. Seine Augen sprhten und drckten doch
zugleich eine groe Seelenpein aus: sie fhlte ahnungstief, da sie mit
ihrer Antwort ber ein Schicksal entscheide. Langsam richtete sie ihr
Auge voll auf ihn und sagte fest:

Ja!

Ich danke Ihnen! Er war vor ihr niedergesunken und kte strmisch
ihre Hnde. Sie sind wie ein guter Engel in dieses Zimmer gekommen
-- zur rechten Stunde! Eben wollte ich fort und htte wohl die grte
Torheit meines Lebens begangen -- Sie haben mich gerettet!

Er schwieg erschttert. Sie stand betroffen da und wagte keine Regung,
fand kein Wort.

Sie haben mich verletzt, Frulein Christine -- und ich danke Ihnen
dafr! Sie haben mich beschmt und gedemtigt ... Er erhob sich langsam
und sprach in tiefster Seelenregung: Ich habe mich benommen wie ein
toller Junge, wie ein Knabe habe ich mich benommen -- knnen Sie mir
verzeihen ...

Sie mssen erst die Tat ...

Ja, Sie haben recht. Ich bin nicht wert, zu Ihnen aufzuschauen ... Sie
sind so rein und so innerlich stark -- so jung noch und schon so tief
und fest in sich gefgt ... Ich aber ...

In Christinens Auge war wieder Wrme gekommen und eine unendliche Milde
in ihre zitternde Stimme.

Ich werde Ihrer Mutter sagen, da Sie krank gewesen sind, schwer krank.
Doch jetzt -- jetzt seien Sie auf dem Wege der Genesung ... Und werden
genesen ... In kurzer Zeit ganz genesen ...

Christine!

Er war mit ausgebreiteten Armen auf sie zugestrzt. Sie aber hatte rasch
das Zimmer verlassen und floh ber die Treppe hinab in nieempfundener
Aufregung. In ihrem Gesichte waren die strengen herben Linien, die Trotz
und gewaltsame Beherrschung gezogen hatten, noch nicht verschwunden
-- aus ihren Augen aber strahlte und leuchtete schon das ganze tiefe
neuerwachte Glck in ihrer Seele ...

Er aber warf sich auf das Sofa und sthnte:

O, was war ich fr ein Narr! Ich hab sie von mir gestoen -- die Reine!
Wie meine Kindheit ist sie zu mir gekommen, wie mein besseres Selbst ...

Als er sich nach langem Sinnen und Ergrnden seiner selbst endlich
erhob, stand in seiner Seele die Erkenntnis fest: sie zu erringen, sei
der Weg zu seiner Rettung -- und zu seinem Glcke ...

       *       *       *       *       *

Am Weihnachtsabend des nchsten Jahres erhielt Christine einen groen
Brief von Rudolf. Er enthielt die selbstverdienten 1400 Kronen und die
Mitteilung, da er seinen Chemiedoktor gemacht habe. Sonst, auer warmen
Dankesworten -- nichts weiter.

Mit seltsam erregten Gefhlen ging sie am Abend zu ihrer guten alten
Betti hinber. Die stand im vollen Lichterglanz des Weihnachtsbaumes und
neben ihr stand, jugendkrftig und vollbrtig -- Rudolf, ihr Sohn.

Verwirrt blieb Christine auf der Schwelle stehn. Frau Betti aber eilte
ihr entgegen, so schnell es ihre alten Beine vermochten, sank vor ihr
nieder und weinte Trnen auf die Hnde der wonnevoll Ueberraschten.

Verwirrt und errtend zog Christine das ganz fassungslose Mutterl empor.

Er hat mir alles gesagt! rief Betti schluchzend aus. Ich schm mich
so sehr und bin so glcklich -- Gott verzeih mirs! Ich bin so sndhaft
glcklich!

Jetzt kam zgernd auch Rudolf herbei. Tiefgesenkten Hauptes blieb er vor
Christine stehn.

Herr Doktor ...

Er schaute auf und schaute froherschrocken in ihr strahlendes
feuchtschimmerndes Auge.

Herr Doktor -- Sie haben Ihren Beweis erbracht!

Langsam ging sie, unfhig, den Blick von ihm zu wenden, auf Rudolf zu.
Mdchenhaft zgernd reichte sie ihm die Hand zum Grue.

Er beugte sich langsam und schier ehrerbietig ber die kleine tapfere
Hand und kte sie fast feierlich-ernst. Wirr und mit unbezwinglichem
Befremden hob sie ihren Blick zu ihm auf. Und tief drinnen in diesem
scheuen Blick konnte er selig erschauernd eine bange heie zitternde
Frage lesen.

Im jhen Jubelsturm seiner Gefhle prete er ihre Hand an sein pochendes
Herz. Und willenlos sank sie tief errtend an seine Brust ...

Als sie dann spter die Geschenke besahen, sagte Rudolf beglckt zu dem
ganz wonneseligen alten Mutterl:

Das schnste Geschenk hast doch du bekommen, Mutter: Christine hat mich
dir als guten Menschen wiedergegeben!

Frau Betti aber sah leuchtenden Auges zu ihm und zu Christinen auf und
meinte mit stillem Lcheln:

_Die_ Mutter mcht ich kennen, die heut glcklicher ist als ich! --




Der Wohltter.


Einen Armen! rief Dr. Fritz von Fritzburg zur Tr seines Salons
hinaus. Frau Schwammerl, wissen Sie mir keinen Armen? Einen verschmten
wrdigen, recht braven Armen?

Wa--as?

Einen Armen sag ich! Ich will heut Wohltter spielen!

Wohltter spielen?

Bitt Sie um Gottes willen, Frau Schwammerl, schaun S' nicht so rhrend
verstndnislos drein! Ich will heut am Weihnachtsabend einen wrdigen
Armen beschenken -- verstehn Sie?

Versteh schon! Aber warum denn?

Ja, so verstehn Sie immer alles!

Bitt schn, Herr Doktor.

Na na!

Sie haben aber doch gesagt, da Sie zur Tante Hildegard gehn wern.

Und dort mit der sen alten Jungfrau Whist spielen! Brr! Lieber soll
sie mich enterben! Hab auch so zu leben -- Gott sei dank!

Ja, aber zur Pfeife!

Sie wollen also durchaus jede edle Neigung in meiner Brust ertten?

Aber, Herr Doktor! Ich bitt Sie!

Na also, dann ...

Ja, aber Ihr lieber Freund Brugger wird gwi bei der Pfeifn auf Sie
warten!

Mein lieber Freund Brugger wird eben nicht bei der Pfeife auf mich
warten. Und die, die heute bei der Pfeife auf mich warten, auf die
pfeif ich.

Ja aber, wo ist denn der Herr Brugger heut?

Eingesponnen hat sich der Unglcksmensch.

Wa--as?

Eingesponnen hat er sich!

Bitt schn, was ist denn das, eingesponnen?

Wie sich eine Raupe einspinnt, das wissen Sie wohl?

Zu dienen, Herr Doktor!

Na sehn Sie, bei uns Junggesellen ist das umgekehrt: der flotte freie
Falter Hagestolz spinnt sich ganz unvermerkt ein und kriecht eines
Tages als abscheuliche Raupe Ehemann vor uns andern herum.

Is aber das grauslich!

Nicht wahr?

Warten Sie nur, warten Sie nur, bald spinnen Sie sich auch ein!

Ach lassen Sie jetzt das Variieren klassischer Zitate und verschaffen
Sie mir lieber einen recht netten Armen -- eine ganze Familie
meinethalben! Ich hab keine Zeit mehr zu versumen -- es ist ja schon
halb sechs!

Er verschwand wieder in seinem Salon. Mit gehobenen Gefhlen sperrte
er seinen Schrank auf, um daraus das ntige Geld zu entnehmen. Dabei
pfiff er leise. Ja ja, er war ein Mann, der im Bewutsein seines vollen
Schrankes auf alles pfeifen konnte: auf seine Stellung als
Ministerial-Vizesekretr, auf die ganze Welt. Er diente nur um etwas
zu sein. Die Arbeit war ihm ganz Nebensache. Und solche Herren
Ministerialbeamte brauchten auch gar nicht zu arbeiten. Es gengte, wenn
sie alle Monate ihren Gehalt behoben, tglich dem Amte einen kurzen
Besuch abstatteten, die anderen, die Arbeitsbienen, in ihrem Fleie
aufhielten und sich im brigen der Gesellschaft widmeten -- und dem
Vergngen! So einer war der Doktor von Fritzburg. Und es war schade um
ihn. In seinem Innern war er immerhin ein besserer Mensch, als all die
feinen seichten Kerle, mit denen er in Verkehr stand -- als all die
koketten seelenleeren und nichts weniger als sprden Damen, denen er den
Hof machte -- wenn's ihn just freute! Ja! Einem echten Weibe war er eben
noch nicht begegnet, der eitle Fant.

Als er gedankenvertieft -- ein ganz ungewhnlicher Zustand bei ihm!
-- durch die Straen schritt, fiel ihm pltzlich der Mller ein. Der war
etwas Einzigartiges von einem Menschen gewesen in seines Vaters
vornehmem Hause. Eine Art Mdchen fr alles. Er klopfte Teppiche,
machte alle Gnge, schleppte unglaublich groe Lasten und war immer voll
Humor -- an echta Weana. Dieser prchtige Kauz wurde aber ganz
pltzlich von der Kchin des Hauses eingefangen und von der Stelle weg
geheiratet. Aus dem Menschen will ich schon was machen! hatte die
Agnes damals mit unglaublicher Zuversicht gesagt.

Na, was wird sie wohl aus ihm gemacht haben? dachte Doktor Fritz
spttisch lchelnd, als er dieser Erzhlung seiner verstorbenen Eltern
gedachte. Er hatte sie, solange Mama lebte, zu Weihnachten stets
aufgesucht, die arme kinderreiche Familie. Seit Mutters Tode aber ... Na,
du lieber Gott! Ein junger lebenslustiger Mann hat eben anderes zu tun!
Heute aber, heute will er wieder erscheinen bei den armen Teufeln -- als
Engel des Wohltuns! Als gromtiger Geber, ein Spender, ders tun kann!

Wie sie da schauen werden die beiden Alten und der Rudi, der Pepi, der
Poldl, der Gustl, der Franzl und ... noch einer -- na! Ist gleich! Und
die kleine Mizzi! Ja, das war wirklich ein herziger Schneck gewesen,
das!

Schon stand er in einem Basar, Abteilung Kinderspielsachen. Puppen,
Schaukelpferd, Trommel, Hampelmnnlein, Wurstel und der lieben lustigen
Dinge mehr, waren bald gewhlt.

Aushalten! rief da Doktor Fritz pltzlich. Aushalten!

Verblffte staunende fragende Blicke der dienenden Feen.

Ich kann das alles nicht brauchen. Bitte etwas fr -- Erwachsene!

Er hatte in seinem schnen Eifer nmlich vergessen, da die armen
Kleinen mittlerweile ja auch gro geworden sein muten -- Rudi und
Pepi muten sogar lter sein als er! Vielleicht auch der Poldl.

O bitte sehr! sagten die Feen und wiesen nach einer Glastr. Er trat
ein und stand in der Abteilung fr Erwachsene.

Das geht ja wie im Mrchen, dachte sich Fritzburg. Rasch, nervs, ohne
viel Bedenken whlte er.

Aber Zigarren!

O bitte sehr! sagte nun die Knigin der Feen -- sie gefiel ihm!
-- Johann, holen Sie dem Herrn Zigarren von drben!

Der Herr unterhielt sich einstweilen in seiner eroberungslustigen und
siegessicheren Weise mit der Feenknigin.

Jetzt aber einen Wagen!

O bitte sehr! Johann, besorgen Sie dem Herrn einen Wagen!

Fiaker? Komfortabla?

Alles eins!

Der Doktor machte der Feenknigin das Kompliment, da sie nicht nur
zaubern, sondern auch bezaubern knne. Und ehe der grinsende Johann mit
dem Wagen erschien, hatte er ein Stelldichein erwirkt. Ja, er war eben
ein verfluchter Kerl! Ihm konnte _keine_ widerstehn! Keine? Hm! Nun
ja! Vor kurzem hatte ihn eine grndlich ablaufen lassen im Abenddmmer
drben im Stadtpark. Dumme Gans! Auch _die_ wird nachgeben mssen! Er
hatte es sich in den Kopf gesetzt! Sie konnte ihm nicht auskommen -- er
kannte ihren tglichen Weg.

Der Einspnner, den Johann brachte, trat ein und fragte:

Is weit, gn Herr? I bin um siemi bstllt.

Weit? Himmel Herrgott! Wo wohnen denn diese Leut nur gschwind!

Ja i wa nit! sagte der Rosselenker feanzerisch. Die Feen lchelten.

No wirds? fragte der Kutscher jetzt schon ungeduldig. Als dem
verzweifelten Doktor noch immer keine Adresse einfiel, schnalzte der
Fahrgewaltige laut mit der Zunge und sagte lakonisch: Dann suachn S'
Ihna an andarn! Wha Brunl!

Halt! Also fahrn ma halt!

Nach Nudorf naus?

Na, ins nchste Kaffeehaus! Dort werd ich im Lehmann nachschaun.

Den Lehmann! Wohnungsadressen! rief Doktor Fritzburg dem
hndereibenden Kellner im nchsten Kaffeehause zu.

Schackerl, den Lehmann! Was belieben sonst?

Was Sie wollen!

Der Lehmann kam.

Ma -- Me -- Mi -- Mo -- M -- -- Mller!

So! Zwei -- drei Spalten voll Mller!

Wie hie jener Mller nur? Richtig, Josef! Zehn -- fnfzehn -- zwanzig
Josef Mller!

Da der Unglcksmensch aber auch Mller heien mu! rief der
gepeinigte Wohltter halblaut vor sich hin und schlug mit der Faust
auf die unglaublich vielen Mller ein.

Was manan S' denn fr an Mller, Herr Nachbar?, fragte jetzt ein
behbiger Herr vom Nebentische sehr freundlich.

An der Tr erschien aber schon das unheimlich groe runde blaurote
Gesicht des ungeduldigen Einspnners.

Gn Herr, Zeit is! I vasam sunst mei bstllte Fuahr!

Gleich! Gleich! Welchen Mller, fragen Sie? Ja, mein Gott! Sie kennen
ihn ja doch nit!

No, sagn knnen Sies ja doh! Ds kost ja nix! I kenn nmli an Josef
Mller.

Der, den ich meine, hat eine Menge Kinder: Rudi, Pepi, Poldl, Gustl,
Franzl und ein Mderl, Mizzi heits.

Und a Frau, geltn S', a recht a riegelsame resche Frau, die nach jedn
zehntn Wurt sagt: No wia-r-i halt sag!

Ja, die is! Die ists!

Na, alsdann! Warum sagn S' denn ds nit glei?

Bitte, wo wohnt denn der Mann?

In Margaretn drentn, wo er schon seit dreig Jahr wohnt. In der
Gartengass'n Numaro 5.

A, richtig ja!

No also! An andersmal mirkn S' Ihna die Adre von Ihnari Kundschaften
besser!

Der Kerl schaut mich gar fr einen Ladenschwengel an! dachte der gute
Doktor erheitert und doch ein wenig gekrnkt. Seine Intelligenz war
beleidigt worden.

Fahr ma, gn Herr?

Ja, fahr ma!

Nit amal bedankn kann si der Lackl! rief ihm der gefllige
Auskunftgeber laut und zornig nach.

Nun mute der durch den Einspnner rasch hinausgedrngte Wohltter
hell auflachen. Mit Aufwand aller Beredsamkeit und Anpreisung eines
aber schon _sehr_ feinen Trinkgeldes konnte er den brummigen Kutscher
bewegen, noch vor einer Delikatessenhandlung stehn zu bleiben. Als sie
endlich in der stillen Gartengasse anlangten, schneite es lustig.

Der Hausmeister erschien dienstbeflissen und half die schwere Menge
Packln hinauftragen. _Hinauf?_ Ja, die Mllers wohnten jetzt im ersten
Stock! Na freilich, in so einem Haus kann man sich das schon leisten!
dachte Fritzburg etwas hochmtig. Als aber der durch das Trinkgeld
geradezu liebenswrdig gemachte Hausmeister in das dunkle Vorzimmer
hineinrief: Gn Frau! Gn Frau! Es is wer kumma!, war ihm das denn
doch zu viel. Die ehemalige Kchin -- gn Frau! Er htte beinahe laut
aufgelacht, hatte aber dazu keine Zeit finden knnen: durch die rasch
aufgerissene Tr strmte eine ziemlich gro gewachsene Frau auf ihn zu
und drckte ihm mit dem hellfreudigen Rufe: Gra di Gott, Gustl!
einige krftige Ksse auf die Lippen, da es nur so schmatzte.

Aber Frau Mller! Was tun S' denn?

Jessas Maria! Wer is eppa denn?

Ich bins! Wissn S', der Fritzburg, der kleine Fritzerl aus der
Maximilianstrae.

Was? Der klane Fritzl? Den i auf'n Hndn tragn hab, und der allweil in
Lutschl nt mgn hat und allweil Mima statt Mama gsagt hat? Na
wia-r-i halt sag!

Ja, der!

No, is aber ds liab von Ihna! Da mu i Ihna ja glei noh a Bul gebn!

Halt! Sie zerbrechen mir ja alles! Da schaun S' her!

Nun ging ein Fragen los, ein Bewundern und Verwundern, ein Lachen und
Freudengeplapper, ein Gerhrtsein und verzcktes Schluchzen. Das
besorgte alles Frau Mller -- der gute Doktor brauchte blo zu staunen,
rang nach Atem und wnschte in Gottes Namen lieber bei der etwas weniger
lebhaften Tante Hildegard zu sein oder wenigstens bei der Pfeife. Wie
da loskommen?! Und wenn die andern auch so, so -- lebhaft wren! Du
lieber Gott!

Um den Sturzbach ihrer Rede wenigstens abzulenken, fragte er nach den
Kindern.

Da erfuhr er denn zu seinem sprachlosen Erstaunen, da der Rudi nicht
etwa ein armer Taglhner oder Dienstmann, sondern -- Professor sei. Der
habe ein recht liebes Frauerl, das kan Stolz net kennt. Der Pepi
aber -- der Medizin-Doktor war, habe eine, die so gar net zu uns pat.
Liawi Kinderln aber htten sie beide. Nur seien jene des Professors
so viel brav, whrend die vom Pepi grad tun, als warns die reinen
Grafn. Der kme auch seltener zu ihnen, der Pepi. Er tt schon mgn
-- aber ... Ja, mein Gott, a Doktor braucht a reichi Frau! No, wia-r-i
halt sag!

Na und der Poldl -- der Leopold, wollt ich sagen?

Ja, der Poldl! Die Mutteraugen leuchteten. Der sei Elektrotechniker,
gut angestellt und so tchtig, da 's a wahre Freud is. Der Gustl
hingegen sei Bahnbeamter -- und den habe sie eben jetzt erwartet. Er
msse jeden Augenblick kommen.

Und der Franz? fragte Fritzburg immer gespannter.

Der Franz war Wasser-Inschenir beim Magistrat -- aa a ganz tchtiger
Kampl.

Und der -- wie heit der kleine Jngste?

Den Edi meinen S'?

Ja, den Edi! Richtig, Edi!

Ach der! Der macht uns wohl a kleins bil Sorgen.

Ist er leicht gar miraten?

A beilei! Aber a wengerl flott is er halt! Er is noh Student, wissn S'
auf der Universitt.

Na, das macht nix -- Ihre Kinder knnen gar nit schlecht sein!

Das is schon richti, sagte Frau Mller einfach und seufzte leise auf.
Aber a Schlankl is der Edi doch -- wissn S', er tut dichten!

Aha! Deshalb!

Ja, die Dichter sein halt alle a weng Lumpn -- und ds frcht i halt!

Aber Frau Mller! Und was ist es denn mit der Mizzi, der
Ganz-Jngsten?

Ja, die Mizzi! Ja, die Mizzi!

Dem Herrn Ministerial-Vizesekretr wurde es frmlich warm ums Herz, als
er das glckliche Mutterantlitz betrachtete, das lchelnde, das
freudestrahlende Mutterangesicht. Wie lange, lange ists her, da er
nicht mehr in das liebe sanfte Angesicht seiner Mutter schaute? Ach ja!

Was ist denn die? fragte er warmfhlig.

Die? Die ist Brgerschullehrerin! Sie, Herr Doktor, die mssn S' sehn!
Da wern S' schaun!

Ist sie so hbsch?

Ach was, hbsch! Pah -- hbsch! Eine Schnheit is 's! Marand Josef!
I versnd mi ja grad! No wia-r-i halt sag!

Das is ka Snd, Frau Mller. Und wissn S' -- schne Mdls, die seh ich
auch gern -- ja-a!

Glaubs schon. Aber das sag ich Ihnen glei: spassn lat die Meine nit!
Die wa, wers is!

I bin wirkli schon neugierig! Na, und was is 's denn eigentlich mitn
Herrn Mller?

Der sei jetzt Pensionist, wie der Professor immer lachend sage. Alle
Kinder helfen zusammen, um den Eltern, die sich frher um sie gerackert
und geplackt htten, das Dasein so angenehm wie mglich zu machen. Die
Schwiegertochter Anna, in Professor sei liabs Frauerl vergttere ihre
Schwiegermutter geradezu ... Jawohl!

Endlich kam der gute behbige Mller nach Hause und endlich auch
-- Mizzi. Als der Doktor die erblickte, gab es ihm einen damischen Ri߫
-- das war ja jene eine Einzige, die ihn ablaufen lie, als er ihr
nachstieg, ihr zusetzte und endlich -- frech war mit ihr! Wie eine
beleidigte Knigin hatte sie sich damals vor ihm aufrichtet und ihn mit
einer Gebrde und mit einem Blick abgewiesen, dem er gehorchen _mute_.

Mizzi hatte drauen erfahren, welcher Wohltter drinnen im Zimmer sei.
Freudig trat sie ber die Schwelle -- wie erstarrt stand sie vor dem
rasch erkannten galanten Herrn.

Mit feinem Takte, den er bewundern mute, verwischte aber das schne
stattliche Mdchen rasch das Peinliche der Lage und benahm sich den
ganzen Abend wie eine vollendete Dame.

Es kam Gustl, der Eisenbahner, Edi, der Dichter, Poldl, der
Elektrotechniker, und spter auch der Herr Professor, ein fideles
fesches Haus, wie alle andern. Mizzi spielte in wahrhaft knstlerischer
Weise Klavier, Edi kniglich die Geige und die anderen Brder sangen,
beinahe wie die Opernsnger. Lustig wars und so gemtlich, so
anheimelnd, so ungezwungen harmlos, da sich Fritz, als er spt nachts
durch die stillen Straen auf dem weien weichen mondscheinbeglnzten
Schneeteppich heimwrts duselte, mit Wehmut und Freude sagen mute, so
unbefangen frohe Stunden habe er schon lange nicht mehr erlebt -- so
warm gemtliche aber wohl noch nie! Er kam sich innerlich so arm vor
gegen diese heiteren prchtigen natrlichen Menschen. Und neben dem
stolzen schnen Mdchen -- so klein, so unwichtig und ganz und gar
unsicher.

Nchsten Tages aber war er auf Mizzi wtend. Es kam ihm zum Bewutsein,
wie herablassend milde sie ihn behandelte, wie vornehm nachsichtig -- ihn
den Wohltter aus Laune und Langweile. Als sie ihm dieses bse Wort
sagte, lchelte ihr rosiger Mund, ihr groes leuchtendes Blauauge aber
blickte ernst dabei, abweisend -- schier mitleidig!

Das verdro ihn. Aber in seinem Innern wurde ein Sehnen wach. Und es
wuchs mit jedem Tage und trieb ihn hinaus in die stille schmale Gasse,
in der die alten kleinen Huser neben modernen Zinskasernen so
bescheiden traulich stehn -- steinerne Erinnerungen an das alte
gemtliche Wien. Er log sich selbst vor, da er ja nur Edi, den Dichter,
besuchen wolle, der wirklich ganz nette Sachen mache und die Geige
spiele, wie nicht bald einer. Tief verletzt durch des stolzen Mdchens
vornehm abweisendes Wesen, ging er jedesmal mit dem festen Vorsatze
davon, _niemals_ wieder zu kommen.

Alle Qualen der Eifersucht, all die bittere Pein des Verschmhten mute
er durchleiden. Edi, der Dichter, sah das lange mit an. Endlich -- es
war an einem lauen Frhlingsabend -- sagte er zu dem lteren Freunde
ernst:

Ich sehe, du leidest durch sie. Aber glaub mir, du bist ihr nicht so
gleichgltig, als sie tut. Ich kenne sie genau. Sie kann nur nicht die
Ueberzeugung gewinnen, da du _wirklich_ gut bist, da du wohlttig sein
knntest aus dir selbst heraus, kurz, sie hlt dich fr einen etwas
seichten Menschen -- und die mag sie nicht. Ich rate dir: sei fest,
mannhaft trotzig, zeig es ihr nicht, da du leidest durch sie und gib
dich ganz, wie du bist -- das heit, streife alles Gemachte und Gezierte
ab und schau in dich hinein, ob du wirklich ein ganzer Kerl bist -- ein
ganzer _Mann_. Und lerne _arbeiten_! Dann kanns nicht fehlen!

Diese Rede erfllte ihn anfnglich mit geheimem Ingrimm. Der junge
Bursche, der grne Junge, wagte es, so zu ihm zu sprechen -- zu ihm,
dem Ministerial-Vizesekretr! Er glaubte _herabgestiegen_ zu sein zu all
diesen Vorstadtsleuten und fhlte mit jedem Tage mehr, da sie _alle_
ber ihm standen, da selbst die beiden wackeren Alten trefflichere
Menschen waren, als so manche aus der feinen Gesellschaft, in der er
verkehrte.

Endlich gestand er sich das alles ehrlich ein. Und allgemach vollzog
sich nun in ihm eine schne tiefe Wandlung: er erlebte die
Auferstehungsfreuden seines inneren Menschen. Und daraus erwuchs ihm die
Kraft, um das prchtige warmherzige Mdchen ernstlich und mannesstolz zu
ringen. Es war ein harter, fr ihn oft verzweifelter Kampf, ein Kampf,
der ihm die Seele, die darbende verarmte Seele, im tiefsten Grunde
aufwhlte und luterte. Endlich errang er sie. Es war am
Weihnachtsabend, ein volles Jahr nach seinem ersten Besuche, als sie ihm
als kstliches Weihnachtsgeschenk das Gestndnis machte:

_Seelisch_ gehre ich dir lngst an. Ich wre aber _nie_ die Deine
geworden, htte ich gefunden, da wir nicht zusammenpassen. Lieber htt
ich mit mir gerungen, lieber wr ich allein geblieben! Glaube mir, ich
habe mit dir gelitten. Aber ich konnte dir die Qual nicht ersparen. Sie
war notwendig!

Ja, sie _war_ notwendig! Er hat dies nicht nur ihr zugestanden, sondern
auch -- mir.




Am Wege.


Wie ist das gewesen? Wie ist das nur gewesen ... Weit, weit zurck
wanderten seine Gedanken. Bis in die Tage der Jugend, in die sonnigen
stillen, ach so schnen, schnen Tage der Jugend ...

Seine Hand glitt von dem liebreizenden Blondkpfchen des
Wirtstchterleins langsam herab. Und die Kleine, die ihm diese
Erinnerungen in der Seele wachrief, so da sie aufstanden wie aus langem
Schlaf, die liebe Kleine sah scheu und grougig zu ihm auf. Sah, wie
sein Blick weltfremd in unfabare Fernen ging, und der lange angegraute
Bart ber seiner Brust seltsam zitterte. Da er sich nicht regen wollte,
schlich sie langsam zur Tr. Dort schaute ihre scheue Hoffnung nochmals
und wieder und wieder zurck. Endlich huschte sie hinaus. Und hatte sein
vergessen.

Der Mann aber dort in der dunklen Ecke lauschte der Erinnerung. Und die
sprach: So wars: die Lichter brannten noch auf dem kleinen Tannenbaum,
da war sie herbergekommen aus dem groen Hause, das sie das Schlo
nannten. War gekommen, so hold, so still und so scheu, wie vorhin da das
blonde Wirtstchterlein. Und vorher, wie oft, wie so oft war sie da
gekommen zu ihm, dem groen Knaben, und hatte sich von ihm erzhlen
lassen von all den wundersamen Dingen, die seine dmmernde Kinderseele
schaute und schuf. An jenem Weihnachtsabend aber war das ganz seltsam.
Da kam sie so still und so feierlich. Und hatte ihn flsternd gefragt:
Weit du, wo das Glck wohnt?

Er sah in die Ferne und sah bunte Mrchenwelten aufsteigen. Dort, dort
wohl wohnte das Glck. Wo denn wohl sonst? Sie aber sprach wieder leise:
Das Glck wohnt bei euch. Da fielen die Mrchenwelten in seiner Seele
jh in Nacht und Finsternis. Und er sah nach der kleinen blonden
Freundin -- schier bse. Wer, wer sagt dir das, Elsa? Wer sagt Dir
das?

Und von ihren Lippen kam es zaghaft: Die Mutter.

Wie sie das sagte damals! Ihre Seele weinte dabei. Und langsam, langsam
stiegen aus den bangen Kinderherzen die Trnen in die groen scheuen
Augen.

So war das damals. Und sie hatte geweint dabei. Hatte geweint, weil in
ihrem groen schnen Hause das Glck nicht wohnte. Dort wohnte der
Unfrieden. Auf leisen Sohlen schlich das Leid dort durch die vielen
schnen Zimmer, wo so viel, o so unausdenkbar viel Glck und Freud'
htten wohnen knnen. So dachte er damals und war dem stolzen herrischen
Manne gram, durch den die stille blasse Frau, der kleinen Freundin
Mutter, so viel hatte erdulden mssen.

Und die, die hatte gesagt, bei ihnen, in ihrem kleinen Huschen wohne
das Glck. Der Knabe konnte das nicht fassen. Der Jngling begriff's.
Ja, das Glck wohnte bei ihnen, wohnte so lange ungetrbt bei ihnen, als
der Vater lebte, und hatte ihm so lange ungetrbt geblht, bis der Vater
von drben, der herrische Mann, zwischen ihn und Elsa getreten war.
Stolz gab er ihm zu wissen: fr so armer Leute Sohn sei ihm seine
Tochter zu gut. Er solle lassen von ihr, wolle er nicht haben, da er
rauher kme als dies erste Mal -- es wre denn, so fgte er spttisch
hinzu, er kme als reicher Mann wieder. Da rief der Trotz aus dem
Jngling: ja, das werde er! Er werde erst wiederkommen zu ihm, wenn er
ihm ebenbrtig sei in den Stcken, die ihm, dem Geldstolzen, so ber
alles gingen. Er werde erst wiederkommen, bis er so reich, reicher sei
als er selber.

Und so war er den Weg gegangen, den harten Weg, den der Bettelstudent
gehn mu durch all die Lehrschulen, bis sie ihn reif erklrten fr die
Schule des Lebens. Das bescheinigten sie ihm mit dem Diplom eines
Ingenieurs. Der Staat bot ihm eine bescheidene Stelle. Er schlug sie
aus. Er mute ja den Weg gehn, der zum Reichtum fhrt. Und der ist lang
und hart und mhselig, ist ein Weg in die Irre, wenn nur immer die
eigene Tchtigkeit die Fhrerin ist und nicht auch das blinde Glck. Und
so wanderte er. Und mit ihm wanderten treu und unverdrossen Sorge und
Enttuschung. Vor ihm her aber zogen immer Sehnsucht und Hoffnung. Und
lockten und lockten. Immer wieder, immer und immer wieder.

Und zu Hause warteten sie. Mutter und Braut. Die stille blasse Frau im
Schlosse drben war zu mde geworden. Sie hatte nur auf den Tod
gewartet. Den Erlser. Weit, weit weg war er damals von der Heimat -- und
viel, o viel weiter noch von seinem Ziele. Da endlich, endlich lchelte
ihm das Glck. Weit drauen war's, in den Niederlanden. Und endlich,
endlich gelang das Groe, das Ersehnte: er konnte seiner Gesellschaft
eine Erfindung zur Verfgung stellen, die einen Geldstrom in ihre Kassen
lenkte und ihn selbst zum reichen Manne machte. Noch lieen sie ihn
nicht frei. Noch mute er an der Spitze des ins Riesenhafte gewachsenen
Unternehmens bleiben. Erst wenn alles in den festen Bahnen strammer
Ordnung und sicherer Gewhnung sei, knne er frei werden. Kaum, da sie
ihn ber die Weihnachtsfeiertage ziehen lieen. Seiner Sehnsucht nach ...

Verwundert blickte er um sich. Und traulich nicht -- schier fremd grte
ihn die kleine drftige Wirtsstube, die einstens den armen
Bettelstudenten so froh gegrt hatte. Ein Fremder in der Heimat.
Niemand kannte ihn. Und niemand sollt' ihn erkennen! Freude rief's in
ihm und Trotz. Sie, sie sollten ihn zuerst begren -- seine Berge! Und
dann Mutter und Braut.

Da hrte er drauen in der groen Gaststube die Mnner durcheinander
sprechen. Dies und das. Nicht was sie sprachen, wollt' er erlauschen
-- nur erfreuen wollt' er sich an der solange, lange entbehrten
heimatlichen Mundart. Eben wollt' ihn diese Freude hinausziehen zu den
Mnnern. Da hrte er einen sagen: Also hat sie's halt auch dermacht,
die alt' Brunnerin. -- Ja ja, sagte drauf bedchtig ein anderer,
hab's schon g'hrt. Gestern is verstorben. A recht a traurig's
Weihnachten das.

Da war der Mann drinnen bleich geworden. Sein Herz stand schier still.
Er ging zu den Mnnern hinaus.

Meint ihr die Frau Brunner drben, die in Almau?

Dieselbige, wuhl. Sie sahen erstaunt nach ihm.

Er aber warf den Pelz um seine Schultern und ging hastig zur Tr hinaus.
Die Mnner, die am Postschlitten arbeiteten, um die gebrochene Kufe
wieder brauchbar zu machen, schauten ihm staunend nach. Wird ihm halt
doch die Zeit lang worden sein und er geht ein Stckerl voraus. So
meinten sie.

Die lange Verzgerung, die durch den kleinen Unfall eingetreten war,
hatte ihn sehr verdrossen. Jetzt war es ihm gleich. Die Mutter wartete
ja nimmer. Und Elsa wute noch gar nicht, da er kam. Er hatte blo der
Mutter geschrieben. Elsa sollte erst gerufen werden, wenn die Lichter
brannten am Baum. Wenn die Lichter brannten ... Nun brannten wohl nur
zwei Kerzen im ganzen Hause. Sie brannten zu Hupten der Mutter. Sie
hatte ihn nicht mehr erwarten knnen ...

Mde trug er das junge schwere Leid ber den Schnee in den wallenden
Nebel hinein. Da rief die Stimme der Wirtin hinter ihm her: Herr
Brunner! Herr Brunner! Sie hatte ihn also nachtrglich doch erkannt.
Wohl an seinem jhen Erschrecken und Erbleichen.

Er schlug rasch einen Nebenweg ein. Der Schlitten sollte ihn nicht
einholen. Er wollte nicht, da das unbeholfene Mitleid dieser guten
Leute zu ihm spreche.

Herr Brunner! Herr Brunner! rief die Wirtin wieder. Und Herr Brunner!
Herr Brunner! rief eine tiefe mnnliche Stimme langgedehnt seinen
Namen. Und die Stimmen klangen ihm durch den Nebel wie aus weiter
unermelicher Ferne und klangen ihm nicht wie Menschenstimmen. Hinter
ihm tastete das Mitleid, vor ihm schritten Leid und Weh und in ihm war
alle Freude erstorben. Die Mutter konnte den Sohn nimmer erwarten ...

Da stand pltzlich ein ungeheurer Zorn in ihm auf wider den Mann, der
ihn einst vom blumigen Weg hinweggedrngt hatte auf die steinige
staubige Strae, auf der die Menschen nach Geld und Gut und Reichtum
jagen.

Wohl: er hatte es erjagt, dieses Glck -- aber _wie_ kam er heim! Ein
armer, jammervoll armer Reicher! In den fnfzehn Jahren des Kmpfens und
Ringens, des Hoffens und Verzweifelns war seine Seele flgellahm
geworden. Und schlecht, schlecht war er geworden da drauen im wsten
Kampfe, im gierigen Losstrmen auf das eine, eine niedere und ach so
schwer erreichbare Ziel: das _Mitfreuen_ hatte er schier verlernt -- das
Mitfreuen an dem ehrlichen Erfolg anderer. Und mehr als einmal war er
dem gierigsten und schadenfreudigsten Sieger ber den Edelsinn erlegen:
dem Neid. Wie ein Almosen warf ihm das Leben endlich Gold hin, nachdem
es ihm vorher den Reichtum der Seele geraubt hatte. Frhen Altersschnee
in Haar und Bart -- ein Irrwanderer, kehrte er heim. Und daran war nur
er schuld, er, der hartherzige geldstolze Mann ... Niemand als der?
Niemand sonst als dieser Mann?

Da schritt die Reue neben ihm und flsterte ihm zu: Denk daran! Ist sie
nicht gekommen? Ist sie nicht zu dir gekommen in die Fremde mit einem
gar warmen, gar lieben Brief? Liebster, so hat sie zu dir gesprochen,
ich bin nun mndig, der vterlichen Gewalt entwachsen. Das kleine
Vermgen der Mutter ist mein. Es schtzt uns vor Not und Armut -- komm,
o komm! La den freudenttenden Kampf nach Geld und Gut und komm! Such
dir in der Heimat eine bescheidene Stelle und la uns unser Heim
errichten. Drinnen wird das Glck wohnen, das leuchtende
seelenerwrmende Glck, wie es einst gewohnt hat bei deinen Eltern. Und
du, du hast gejubelt. Da aber bumte sich dein Stolz auf und dein Trotz.
Du wolltest dich nicht demtigen, wolltest nicht als Besiegter hintreten
vor den Mann, der nur Spott und Hohn fr dich gehabt htte. Und du
gingst den steinigen ausgedorrten Weg weiter. _Durftest_ du das?
Durftest du _ihr_ und durftest du der Mutter all die lichten Stunden
nehmen, die ihnen geworden wren, httest du der Stimme der Liebe und
nicht der Stimme des Trotzes gefolgt? Durftest du das? Wogen dir Spott
und Hohn dieses Mannes mehr, stand dir dein Ehrgeiz hher als all die
Freuden, die du erleben und geben httest knnen? Die stillen sonnigen
Freuden, die die Tausende, die dem gleichen Ziele zuwanderten und
zuwandern, nie und nimmer erleben und geben knnen?

So sprach die Reue. Und ihm war, als schritten ungesehen im Nebel neben
ihm all die ungezhlten Hunderttausende, die vor ihm und mit ihm
denselben steinigen Weg gewandert sind -- und am Wege liegen blieben.
Ein Grausen berkam ihn. Wie oft war er selber daran gewesen, umzusinken
und zu verschmachten. Er wagte nicht aufzuschauen. Furcht hatte die Reue
abgelst. Sie lauerte nur darauf, ihm im Nebel die bleichen starren
Gesichter aller derer zu zeigen, die mit verdorrten Seelen durchs Leben
gingen und am Wege erlagen. Er sah nicht auf und sah nicht links und sah
nicht rechts. Neben ihm aber hallten die gespensterhaften Schritte, die
das Ohr nicht, die nur die Seele schaudernd vernimmt. Sie hallten,
verwehten und erstarben. Und endlich fhlte er nur _eine_ neben sich:
die Mutter. Die aber sah mit hellen Augen nach ihm und lchelte ihn an
mit jenem lieben stillen Lcheln, das sie immer so tapfer vor Leid und
Weh zu stellen wute. Da tastete mit sanften seidenweichen Fingern die
Hoffnung wieder leise an seine Seele. Ein Drngen kam in ihn
-- unerklrlich froh. Und um ihn her war ein Flstern, wie es oft an
stillen Sommertagen geheimnisvoll ber Wald und Fluren zittert und
haucht. Schneller schritt er aus und fiel fast hin. So glatt war mit
einem Male der Weg unter dem Schnee. Da rief eine Stimme warnend hinter
ihm her:

Sie, Herr! Sie! Nit da! Nit da!

Er hrte kaum darauf. Da klangs lauter, ngstlicher, drngender:

Herr, Sie brechen ja durch!

Da krachte und klirrte und kreischte es auch schon unter seinen Fen
und sthnte und seufzte so seltsam, als km es herauf aus unendlichen
Tiefen. Mit Schrecken hatte er erkannt, da er im Nebel auf den
flachuferigen kleinen See geraten war. Rasch kehrte er um. Da stand ein
armes kleines Mutterl vor ihm, dicht in ein altes Wolltuch gehllt.

Da hats aber graten! meinte sie halb ernst, halb schalkhaft. Is ja
noch gar dnn, das Eis! Mitten drin is er 'leicht gar noch offen, der
See. Ah wuhl.

Mit neugierigen Augen guckte sie nach dem stattlichen Manne, dem der
Rauhfrost Haar und Bart und Pelz so dicht umsponnen hatte, da er
aussah, wie der Knig Winter selbst. Oder war der weie Zauber erstanden
aus frosterstarrten Reugedanken all der Tausende, die da an ihm
vorbergeisterten?

Er dankte dem Mutterl warm, gab ihm Geld und ging. Sorge und Sehnsucht
trieben ihn fort. Das Frauerl aber, das arme, rief ihm erschreckt nach:

He! Sie, Herr! Sie massn Eahna girrt haben! Das ist ja zviel! Das is
ja um Gotts Willen viel zviel!

Er schritt aus. Pltzlich wandte er sich um. Er wollte doch dem guten
Weiblein nicht ein Almosen hingeworfen haben -- seiner Lebensretterin!
Und _wie_ ers gab, wars ein Almosen. Also fragte er:

Hat's Mutterl wohl Kinder?

I freil wuhl -- ihra zwlfi!

Nun, dann machen Sie den Kindern heut eine rechte Freud, bitte. Und er
gab ihr ein zweites Goldstck. Von einem, dem heut eine groe Freude
gestorben ist.

Sie starrte sprachlos auf die Goldstcke in ihrer Hand, den
Freudenschreck im Gesicht.

Is wohl schiar aso, wia d'Mutter gsagt hat. Mua schiar aso sein. So
brummelte sie vor sich hin.

Er wollte gehn. Dennoch blieb er und fragte, was denn die Mutter gesagt
habe?

Ja, sehn S' Herr, uns ist just gestern aa a Freud gstorben, wia Eahna.
Freili d'Mutter, sie is schon recht alt, recht alt is schon gwesen. So
an etla neunzg Jahr. Ja. Aber da just an _dem_ Tag hat gehn mass'n,
das is ihr so viel unliab gwesen. Schau, hats gsagt, i kann nix dafr.
Der Mensch kann si halt sei Sterbstund nit aussuachn. Ewi nit. I aber
habs trst. Und drauf hats gsagt: schauts Kinder, es is halt in Herrgott
sein Willn, da i just an dem Tag zu eahm auffikimm. Da kann i eahm ja
glei sagn: Herr, lieber Gott-Vater, der du so viele Engerln hast
-- schau, i hab drunt auf der Erdn aa so a hbschi Schoar Engerln, hoat
das halt -- Enkelkinder. Und da just heunt der Geburtstag is von dein
allerheiligsten Herrn Sohn, so mach denen drunt, dene arme Hascher, halt
amal a rechte Freud! Und dabei hats soviel liab gwackelt und deut mit
ihrn madn Kopf. Ihre Augen aber san helliacht wordn und san nur so
ganga von oan zum ondan, wia zwoa lustige Schelma. Alli zwlfi sans
nmli dagstandn, die Kinder, und habns angschaut und habn si nit zrhrn
traut. Nur aus d'Augn hat eahna so gwi a liabigs Valanga gschaut. Da
hat das guati alte Huterle glacht und hat gsagt: I kenn engs schon an,
was eng jetztn da denkts, alle miteinander! Lats eng nur nit d' Freud
verderben wegen meina! Lats eng nur nt d' Freud verderben! Das is 's
letzte gwesen, was gredt hat. Und sie hat Wort ghaltn. Sie hat bitt fr
ihre Enkelkinder.

Dabei sah sie wieder die Goldstcke an. Dann erfate sie jh die Hand
des gtigen Mannes und kte sie unter tausend Vergelts Gott!

Liabs Mutterl, sagte er gerhrt und fand zwanglos Klnge der
langentwhnten heimatlichen Mundart wieder, liabs Mutterl, das freut
mich, da mich die Gromutter zu Ihnen gschickt hat. Aber sehn S', da
htt ich beinah vergessen -- sie hat mir ja gesagt, drei, drei soll ich
Ihnen geben. Weil halt aller guten Dinge drei sind. Er legte ihr noch
ein Goldstck auf die Hand und schritt schnell davon. Rasch hatte ihn
der Nebel aufgenommen.

Pltzlich berkam ihn eine treibende Angst: wenn Elsa den Brief geffnet
htte! Wenn sie ihn erwartete! Nach so langem, langem Warten jetzt noch
stundenlang warten mssen -- das nhme die letzten Krfte, lschte der
sehnsuchtsdurstigen Seele alles Glhen aus ... Und wenn sie gar erfahren
htte, er sei drunten in der Bahnstation gesehen worden und nicht mit
der Post gekommen -- was mte sie denken, was erleiden!

Rasch klomm er die scharfansteigende Strae hinan. Sein Heimatsort lag
hoch. Und pltzlich trat er aus dem dichten Nebel ins Helle. In stiller
Winterpracht, bergossen von dem rosigen Lichte der scheidenden Sonne,
lagen seine Berge vor ihm, grten ihn und kannten ihn! Wie er auch,
verwirrt von der Majestt der Berge und der Majestt des Schweigens,
starr dastand: sein _innerer_ Mensch kniete vor all der gttlichen
Herrlichkeit und weinte und lachte, jubelte und betete und dankte Gott
fr die erlsende Stunde dieses Wiedersehens und -- der Auferstehung.

Wie lange er so stillversunken und weltvergessen gestanden hatte -- er
htts nicht sagen knnen. Als er aber weiter ging, wute er: die Schtze
seiner Seele lagen nur verschttet in ihm. Die Heimat gab sie ihm
wieder.

Als er endlich vor seinem schmucken bescheidenen Vaterhause stand,
funkelten droben die Sterne. Dunkel wars im groen Zimmer und daneben in
der kleinen trauten Kammer brannte ein sprliches Licht. Er wute, was
fr ein Licht, und wute, wem es brannte ...

Zgernd drckte seine Hand die Klinke, auf der jene liebe Hand da
drinnen, ach, wie so oft, so oft geruht hatte. Und zgernd trat er ein.
Leise. Sein Herz pochte durch die Stille. In dem kleinen dunklen Vorraum
legte er Pelz und Mtze ab und strich sich die Eiskristalle aus Bart und
Haar. Behutsam, behutsam ffnete er endlich die Tr in die groe Stube
-- da, wo einstens das Glck wohnte und aus stillen Augen lachte. Und
behutsam, behutsam schlo er sie wieder. Die Klinke aber gab, ins Schlo
zurckschnellend, einen gar seltsamen lauten, lange nachklirrenden
Klang. Schier wie ein frhlicher Schrei hatte es geklungen: Da ist er!

Die Tr in der Wand gegenber ging auf. Sein Herz erstarrte: dort auf
der Schwelle, umflossen vom milden gelblichen Lichte stand sie -- Elsa,
die Braut. Stand in der schneeweien Schnheit des jhen Schrecks.

Langsam tat er einen Schritt und schwer, schwer und heiser rang es sich
aus seinem Munde: Ich wei es schon.

Da tauchte hinter Elsa, in weie Linnen gehllt, eine Gestalt auf und
sah mit groen verwunderten Augen nach ihm -- seine Mutter.

Er taumelte erschttert einige Schritte vor. Ein Stuhl stand im Weg und
im Dunkel. Er strzte darber.

Tief erschrocken eilten die Frauen herbei. Elsa kam mit dem Lichte.
Langsam hatte der Mann sich aufgerichtet und blickte totenbleich nach
der Mutter wie nach einer Erscheinung.

Mutter -- bist du 's wirklich? Sie sagten -- sie sagten -- -- du seist
gestorben ...

Die Frauen sahen sich sprachlos an.

Die alt Brunnerin, sagten sie, sei gestern verschieden. Die von Almau
hier.

Die Mutter fate sich zuerst.

Bibi ist gestorben, Franz, die alte Bibi.

Die -- alte -- Bibi ... So hie die alte Bibiana Brunner schon in den
Tagen seiner Jugend. Ein Lcheln trat in seine Zge. Und hat ihre
Tochter nicht eine Menge Kinder?

Freilich hat die Bachlehnerin eine helle Schar davon. Ich mein, wohl
ein Dutzend.

So war ich also der lieben alten Bibi ein unbewuter Himmelsbote. Und
du, Mutter, du wolltest wohl eben, des Wartens mde und erstarrt von der
Enttuschung, zu Bette gehn?

Die Mutter nickte. Da schlo er sie in seine Arme. Nun war der seltsame
Bann gelst, der auf ihren freudendrngenden Seelen gelegen war wie Reif
auf jungblhenden Blumen. Und es war, als wre ein unsichtbarer Vierter
zgernd und unhrbar davongeschlichen.

Als die Dreie dann, froh vereint, unterm Baume saen, erzhlte der
glckselige Mann von seinem Wege hieher und sagte ihnen, er sei da
seinen harten schweren Lebensweg noch einmal gewandert mit all seinem
Leid und seinen wenigen, ach so armen Freuden. Nun aber sei er am Ziele
-- ein wandermder Mann. Und nun wolle er endlich, endlich -- _leben_!
Wahrhaftig lebe der Mensch ja nur in Glck und Freude. Und wahre Freude
schaffe: _Liebe geben_. Je reicher wir Liebe geben, Menschenliebe geben,
desto reicher werde unsere Seele, desto tiefer und reiner unsere Freude,
desto schner, desto gotthnlicher unser Leben ...

In dieses Gesprch hinein sangen drauen die Weihnachtsglocken feierlich
ihr weihevolles Hohelied.

Da standen die drei glcklichen Menschen auf und gingen durch die
funkelnde frostklirrende Sternennacht in die dmmerernste Kirche an die
Krippe des Gottmenschen, den sie ans Kreuz geschlagen hatten, weil er
Liebe, Liebe, Liebe gab in unausdenklicher Flle.




Das goldene Seil.


Immer wieder mute Mutter Bertram den Kopf schtteln und sich immer
wieder allerlei unruhsame Gedanken machen, so oft sie ihren Einzigen
heute anschaute. Der war so viel ein nachdenklicher Bub, ein
versonnener.

Was er denn heut wieder gar so sei, fragte sie endlich. Es sei nichts,
gar nichts weiter. So wars immer. Nie sagte er ihr, an was er eigentlich
denke, wenn er so dasitze und vor sich hinschaue. Nur ein einziges Mal
hatte er ihr einiges verraten, ganz schchtern und verschmt. Und das
war so schn, so unerhrt fr das einfache Frauerl, da es ganz stolz
wurde und sich nun immer damit trstete: es wird wieder so was Schns
sein -- la ihn gehn in Gottes Namen.

Heute aber konnte sie sich mit diesem Troste nicht bescheiden. Es war
Christtag heut und der arme Bub wird wohl darber nachdenken, wie so
wunderschn es wre, wenn auch zu ihm das Christkind kme -- so in
rechter Weis nmlich: in Glanz und Schimmer und in Pracht und
Herrlichkeit. Ach Gott ja, das wollte sie ja selber gern; aber sie war
eine arme krnkliche Frau, die sich kmmerlich mit ihrer Strickmaschine
fortbringen und froh sein mute, wenn sich zu ihrer stillen
Hausgenossin, der Frau Sorge, nicht noch ein gar rebellischer Herr
gesellte -- der Hunger.

Einstens ja, da wars besser, damals, als ihr Mann noch lebte. Damals war
ihr Gesicht noch nicht so bla, nicht so spitz und nicht so voller
Linien und Furchen. Diese waren allgemach durch die herben Liebkosungen
ihrer stillen Hausgenossen entstanden und sie wirkten auf das zarte
Empfinden Ottis schier schmerzlich. Ganz besonders wenn die Mutter
lachte. Was sie noch immer gern tat. Dann kam ein Zug in ihr Gesicht,
da man meinte, sie lache nicht, sondern weine.

Das empfand er gestern abend besonders herb. Da sprach die Mutter -- sie
konnte manchmal sein wie ein Kind, trotz aller Sorg und Mh -- vom
Weihnachtsabend. Wie schn es halt wr, wenn sie wieder einmal einen
gebackenen Fisch essen knnte und eine Wollhaube htte, so eine recht
warme. Es friere sie immer so viel in den Ohren, wenn sie zur Kirche
gehe. Das malte sie so schn aus, plauderte darber so harmlos und so
viel, da sie ganz bersah, da Otti sie immer trbseliger anschaute.
Mein Gott, einen Lieblingswunsch hat jeder Mensch. Und der von Mutter
Bertram war doch gewi kein unbescheidener.

An das gestrige Gesprch dachte nun Otti. Er wollte der Mutter schon
lngst einmal eine recht groe Freude bereiten. Sein khnster Wunsch
war, sie von der abscheulichen Strickmaschine zu befreien. Die werde sie
noch ganz krank machen, sagte er einmal erregt. Und die kleine
zierliche, naiv harmlose Frau sah in solchen Augenblicken zu ihrem
krftigen Jungen auf -- schier verschchtert wie einst zu ihrem Manne.
Und sie empfand dann in ihrer geistigen Abhngigkeit eine gar kstliche
Befangenheit. Geradezu beschmt fhlte sie sich oft ihrem Buben
gegenber, der mit seinen zwlf Jahren so ernst war, whrend sie am
liebsten immer gelacht und gesungen htte, wenn sich das fr eine Frau
in ihrer Lage schickte. Sie nahm auch jetzt seine nachdenklichen Blicke
als stumme Vorwrfe und fragte deshalb ablenkend und nach Frauenart ganz
unvermittelt:

Du denkst jetzt gewi an das goldene Seil, Otti, gelt?

Ach Gott nein, sagte Otti in seiner singenden Art und erhob sich. Es
war ihm ein Gedanke gekommen. Du, Mutter, ich geh zum Frohner Toni in
die Stadt hinein. Bei der Rechenaufgab soll ich ihm helfen.

Htt das nicht auch nach den Feiertagen Zeit?

Mich freuts grad heut. Er hatte das ganz still gesagt, grte scheu
und rasch und ging zur Tr hinaus -- viel behender als es sonst seine
Art war. Die Mutter rief ihn nicht zurck. Wenigstens kommt er auf
andere Gedanken, dachte sie und arbeitete weiter.

Otti stampfte langsam durch den Schnee. Es fiel ihm gar nicht ein, zum
Frohner Toni zu gehn. Aber der ersehnte Fisch und die warme Wollhaube
zogen ihn nach der Stadt. _Sehen_ wollt er wenigstens diese beiden Dinge
in den Schaufenstern der Kaufleute und auf dem groen Fischmarkte. Und
ganz leise und ganz tief in ihm regte sich Hoffnung: vielleicht
geschieht ein Wunder. Er dachte das nicht, aber es war in ihm und trieb
ihn an.

So kam er an dem Teich vorbei. Der war hart und dick gefroren. Hie und
da lagen Eisschollen auf der glatten Flche. Und Otti wute: dort waren
die Luftlcher fr die Fische. Er griff unwillkrlich in die Tasche,
drinnen er seine Angelschnur wute. Als er sie hervorzog, schien sie
schwer wie hartgefrorenes Schifftau. Langsam steckte er sie wieder ein
und dachte whrend er unlustig und schwerfllig weiterging an das
goldene Seil, das ja heute Nacht vom Himmel niederhngen wird und von
jedem erfat werden kann, der in Sinn und Herz keine Snde trgt. Und
wer es in die Hnde bekomme, das herrliche goldene Seil, der drfe
getrost daran ziehen. Dann wird hoch droben im Himmel ein Glcklein
ertnen und einen Engel herbeirufen. Der fragt dann mit lieber Stimme,
was der da drunten sich Gutes wnsche und Schnes? Und er darf es
ungescheut sagen, was es auch sei. Der Engel bringe die Wnsche ohne
weiteres dem lieben Gott selbst vor und der gewhrt sie in seiner
unendlichen Gte gern und immer. So erzhlte ihm die Gromutter. Und in
der weihevollen Christnacht und in der geheimnisvollen Nacht der
Sommersonnenwende hnge es hernieder vom dmmernden Sternenhimmel, das
wundersame goldene Seil.

In der letzten Sommersonnenwendnacht war er auf der Suche nach ihm. Aber
er fand es nicht, obwohl er es damals so notwendig gebraucht htte. Die
Mutter war recht krank und er hatte viele Tage nichts Warmes zu essen
gehabt. Ob wohl alle, denen es so viel besser ging als seiner Mutter und
ihm, einmal an diesem Wunderseile gezogen hatten? Aber wie knnte das
sein? Der Frohner Toni zum Beispiel, der alles haben konnte, was er
wollte, war gerade keiner von den Bravsten und sein Vater, hat er sagen
hren, habe seinen Reichtum auch nicht auf die gottgeflligste Weise
erworben. Wie so etwas nur mglich sei und wie der liebe Gott das
zulassen knne? Und der feine Knabe damals aus der Stadt, der ins Eis
einbrach? Ob dem sein Vater auch auf die Art reichgeworden ist, wie dem
Toni der seine? Wenn er das gewi gewut htte ... Nein! Er htt immer
getan, was er dort auf dem Teiche getan hat vor etwa vierzehn Tagen. Er
hatte dem feinen Knaben gesagt, du, gib acht, das Eis ist noch nicht
stark, fahr nicht zu weit hinaus! Der aber hat ihn nur stolz und
hochmtig angeschaut und ist dahingesaust. Schn konnte er laufen und
sehr feine Schlittschuhe hatte er. Wenn er solche auch haben knnte,
dachte er heimlich. Da brach der Knabe durch das Eis. Otti hielt gerade
eine lange Stange in der Hand, mit der er vorhin prfend auf das Eis
geschlagen hatte. Er lief hinaus, reichte dem Knaben die Stange hin. Der
aber schlug ganz verzweifelt um sich und geriet immer mehr in das noch
dnne Eis. Otti schrie ihm zu, er mge doch umkehren, da, wo er
hineinfiel und Otti jetzt stehe, sei das Eis fest. Als der Knabe aber
nicht hrte, sprang er selbst ins Wasser. Wie er mit ihm wieder
herauskam, wute er selbst nicht mehr recht. Er war ganz von Sinnen, als
er wieder droben auf dem festen Eise lag. Und da ihn schlielich sehr
fror, lief er, so schnell er konnte, heim, ohne sich weiter um den
Knaben zu kmmern. War auch nicht mehr notwendig, da ohnehin schon Leute
da waren. Zwei Tage lag er im Schttelfrost. Dann war wieder alles gut.

Ein Schulkamerad der damals am Teich mit dabei war, erzhlte ihm
nachher, da der feine Knabe von seinem Begleiter, der sein Lehrer
gewesen sein msse, rasch in warme Decken und Pelze gehllt wurde und
da sie dann schnell mit ihm in die Stadt fuhren. In dem schnsten
Schlitten, den er je gesehen habe. Den Schulkameraden habe der Herr mit
der schnen Pelzmtze noch gefragt, wer der kleine Lebensretter sei und
er habe ihm zugerufen, das sei doch der Bertram Otti.

Der hat gmeint, mich mssen alle Leut kennen, dachte er jetzt, immer
dahingehend, lchelnd bei sich und dachte an den schnen Schlitten und
an den feinen Knaben, der ihm nicht einmal Dank schn gesagt und sich
die ganze Zeit her nicht um ihn gekmmert hatte. Um des Dankes willen
hast dus nicht getan, sagte ihm verweisend die Mutter, als er hnliche
Gedanken uerte, und vielleicht -- ja vielleicht ist der Knabe am
Fieber gestorben, das ihn wohl auch gepackt hatte, so wie ihn.

Bei dieser Vorstellung versiegten ihm jhlings alle Gedanken, die ihm
bisher ungerufen gekommen waren wie im Traume. Und als er verwundert
aufsah, kam ihm alles ganz anders vor. Er wute nicht wie, aber so schn
sah's ihn nicht mehr an wie vorhin. Und war doch genau dieselbe Gegend.

Da er mittlerweile in die ueren Straen der Stadt gekommen war, hie
es nun auf den Weg achten. Je tiefer er in die Stadt kam, desto
lebhafter wurde das Weihnachtstreiben. Ueberall geschftige Menschen mit
frhlichen Gesichtern und mit wohlverhllten Gaben in der Hand. Und wer
noch nichts hatte, der ging so dahin, da man es ihm ansah, es gehe die
drngende Freude mit ihm auf den Christkindlmarkt.

Da dachte er wieder an seinen Fisch und an die warme wollene Haube fr
die Mutter. Und kam just an ein Schaufenster, wo solche Hauben neben
anderen Sachen ausgehngt waren. Schne begehrenswerte Sachen! Da gerade
ein Geschftsfrulein herauskam, um einen Gegenstand aus dem
Schaufenster zu holen, nahm er sich ein Herz und fragte, was so eine
Haube wohl koste? Drei Kronen fnfzig, sagte das Frulein und schaute
ihn an, als wollte sie sagen: Sonderbar, da so ein Bub nach nichts
anderem fragt als nach einer Wollhaube fr Frauen.

Der Bub aber war ber den hohen Preis so erschrocken, da er sich
wortlos davonschlich. Er irrte eine gute Weile unfroh durch die Gassen,
kam aber, ohne es recht zu wollen, wieder zu dem Schaufenster, wo die
Wollhaube hing. Sie war schn grau, hatte roten Putz, war innen hbsch
gefttert und mute sehr warm sein. Sehr warm, dachte er und ging wieder
weiter. Das Geschftsfrulein hatte ihn von drinnen gesehen und ihm
flchtig zugelchelt. Das kam ihm aber erst zum Bewutsein, als er schon
weit von dem Laden weg war. Wenn die schon so freundlich ist, so schaust
nochmals hin, sagte er zu sich selbst und drngte und schob sich wieder
an das Schaufenster. Und schaute mit groen Augen hinein. Aber nicht
mehr nach der Wollhaube, sondern nach einem Paar blinkender
Schlittschuhe. Die werden wohl mehr kosten als die Wollhaube, meinte er.
Da tupfte ihn jemand auf die Schulter.

Du, mchtest du dir nit ein paar Heller verdienen? Es war das
Geschftsfrulein.

O gern.

Dann komm herein.

Mit ein paar groen ungelenken Schritten war er im Laden und folgte dem
raschschreitenden Frulein in einen halbdunklen Nebenraum. Der war
schier bervoll gestopft mit Paketen -- gro und klein, rund und eckig.

Kennst du dich aus in der Stadt?

Freilich.

Dann kannst du da einiges austragen. Weit, unsere Laufburschen wissen
heut nit, wo ein und aus und die Dienstmnner laufen auch wei Gott wo
rum. Und fort mssen die bestellten Sachen -- nit?

Natrlich! jubelte Otti.

Alsdann pa auf. Ich geb dir nur kleinere Sachen da auf die
Buckelkraxe. Aber achtgeben, damit nichts hin wird!

Ach! Gschieht nichts!

Sie belud ihm die Kraxe sehr behutsam und gab ihm eine Anzahl Zettel,
die man leicht in zwei Teile trennen konnte. Einen Teil soll er der
Kunde geben, den andern aber von dieser unterschreiben lassen und wieder
bringen. Die Adressen stnden berall darauf und lesen knne er ja wohl.

Wenns deutlich gschrieben ist, meinte Otti sehr wichtig, sah, da es
ging, ordnete die Zettel nach Gassen und ging frohgemut ins
Straengewhl hinaus. Jetzt pate er ja hinein in dieses Bild als
richtige vollwertige Figur. Er mute aber eilen, wollte er die paar
Zwanzighellerstcke sparen, die ihm das Frulein fr die Elektrische
gab, damit er zu den weiter entfernten Kunden fahren knne. Es ging
alles ganz gut und glatt. Ueberall hatte man ihn freudig empfangen und
ihm beinahe berall ein kleines Trinkgeld gegeben.

Sehr vergngt kehrte er in den Laden zurck und das Frulein belud ihm
die Kraxe abermals, lobte ihn und sagte verheiungsvoll, er werde das
nicht zu bereuen haben. Als er drauen die Wollhaube im Fenster sah,
meinte er frohlockend: Werden dich schon kriegen! Und wenns amend nicht
langt -- ich glaub, das Frulein lt handeln!

Diesmal mute er am Fischmarkt vorbei. Er ging am Fusteig herben, als
von drben der laute verlockende Ruf tnte: Ausverkauf! Staunend
billig! Weils die letzten sind! Das zog ihn hinber wie mit Stricken.
Mit einem Satze war er in der Mitte der Strae. Er sah nur den rufenden
Fischhndler. Pltzlich hrte er ein zorniges Brummen, schier ein
Brllen, als strze wtend ein wildes Tier auf ihn los. Dann ein
vielstimmiger Aufschrei -- und er lag halbbesinnungslos am Rande des
jenseitigen Straensteiges: ein Wagen der Elektrischen hatte ihn
gestreift und zur Seite geschleudert.

Zwei, drei halfen ihm, richteten ihn auf. Er war kreidebleich und
zitterte am ganzen Krper. Seine erste Frage galt der Kraxe. Wenn da
etwas gebrochen war! Dann ade Fisch und Haube und Weihnachtsfreude! Eine
flchtige Besichtigung und Betastung der zumeist aus festen Schachteln
bestehenden Pakete lie gute Hoffnung zu. Er stammelte seinen Dank und
schlich davon. Dem rufenden Fischhndler wagte er keinen Blick mehr
zuzuwerfen.

Nach echter Bubenart wollte er bei der ersten Partei rasch sein Paket
abgeben und davonlaufen. Als ihm die Dame aber ein Geldstck gab, bat er
doch, nachzusehen, ob nicht etwas gebrochen sei, und erzhlte sein
Unglck. Die Dame sah nach. Es war alles heil. Daraufhin gab sie ihm
noch ein Geldstck -- weil er so ehrlich war.

Nun wagte er diese Ehrlichkeit bei jeder Partei gleich von vornherein.
Und kam berall gut an und weg. Nur bei zweien haperte es. Ein kleiner
Schade. Bei einem alten Herrn bekam er Schelte und war froh, da es noch
so glimpflich ablief. Bei einem jungen hbschen Frauchen aber setzte es
schlielich doch ein kleines Geldgeschenk ab -- weil er halt gar so sehr
in Gefahr war. Und weil weil heut schon heiliger Abend sei.

Keckfrhlich bergab er schlielich dem Frulein die besttigten Scheine
und fragte, ob noch was zu tun sei? Nein, es gab nichts mehr zum
Austragen. Woher er die Kleider so beschmutzt habe? Er erzhlte wieder.
Jetzt mit jenen heiatmigen Uebertreibungen, die dem romantischen Hange
der Jugend entspringen. Das Frulein war sehr bestrzt, fragte aber vor
allem nach den Paketen. Sie war eben ein Geschftsfrulein. Da er ihr
beruhigende Auskunft geben konnte, fand sie, es wre wirklich ein groes
Glck, da er so gut darausgekommen sei und bema gromtig den
ausgesetzten Lohn um ein Zwanzighellerstck hher. Geschftsleute sind
eben sparsam und lassen ihre Gefhle in Geschftssachen grundstzlich
nicht mitreden. Auch nicht um die Weihnachtszeit.

Stolz ging Otti nun in den Laden und verlangte die Haube. Drei Kronen
fnfzig. Er zhlte sein Vermgen. Es waren vier Kronen zwanzig.
Blieben also nur noch siebzig Heller fr den Fisch. Er dachte, das lange
schon noch, jetzt, wo sie im Ausverkauf so staunend billig seien.

Einen Fisch wolle er haben, sagte er zum Hndler im Tone eines Menschen,
der wei, da er bezahlen kann, was er begehrt. Der Fischer sah den
Jungen etwas mitrauisch an und langte ihm ein armselig Weifischlein
heraus. Das aber warf Otti verchtlich zurck ins Wasser und meinte,
einen solchen knne er alle Tage haben. Es msse schon ein Karpf sein
heut und zwar ein Spiegelkarpf. Sei auch noch da, sagte der Fischer in
jenem Gemtstone, der sich immer so hbsch nach der Wertschtzung der
jeweiligen Kunden richtet. Eine Krone achtzig das Kilo.

Das Kilo? fragte Otti geradezu entrstet.

Jawohl, das Kilo. Er werde doch nicht meinen, ein ganzer Karpf?

Da war's vorbei mit Mut und Zuversicht und Keckheit. Sein Geld reichte
ja kaum fr ein halbes Kilo. So viel Geld habe er augenblicklich nicht
bei sich, wollte er keck sagen. Fiel aber sehr klglich aus. Der Fischer
warf den schnen Karpfen ins Wasser zurck und wandte dem betrbten
Knaben mit stummer Verachtung den Rcken. Er schimpfte wohl nur deshalb
nicht, weil eine neue Kunde am, die auf weit solideres Geschft hoffen
lie.

Ein Herr hatte den kleinen Auftritt mit angesehen und sich daran
kstlich geweidet. Als er aber das bitterenttuschte Gesicht des armen
Jungen sah und sah, wie es um seine Mundwinkel zuckte und wie er mit
unbeschreiblich bestrzter Miene dem Fisch nachschaute, da berkam den
guten Mann, der offenbar ein Junggeselle und daher ein Kinderfreund war,
die Geberlaune. Die lag ja heute schon so in der Luft.

Er fragte Otti, fr wen er denn den Fisch brauche, und als er hrte, der
Junge wolle damit seine Mutter berraschen, die gar so gern einmal einen
gebackenen Fisch e, da kaufte er ihm mit selbstgeflliger
Freundlichkeit einen halben Karpfen und entzog sich mit derb-humorvollen
Worten und so beraus schnell den berstrzten Danksagungen Ottis, da
es den Eindruck machte, als reue ihn der ganze Fischhandel schon. Er
lief gewissermaen vor sich selbst davon.

Otti aber war berglcklich. Hatte er doch nun nicht nur Haube und
Fisch, sondern auch noch siebzig Heller bar! Fr diese Riesensumme
kaufte er fr sich, was ihm am liebsten war: Zuckerln, und zwar feine.

Im Hochgefhle eines Gebers und zugleich froh Beschenkten ging er die
schneeigen Fluren heimwrts. Es war mittlerweile vllig Nacht geworden.
Doch droben glnzten in seltener Pracht und still die Sterne und in ihm
war so viel leuchtende Freude, da er sich nicht gefrchtet htte, wenn
es auch ganz finster gewesen wre.

Als er am Teiche vorbeikam, blieb er stehn und sagte zu sich selbst:
Nun hab ich meinen Karpfen auf rechtschaffene Weise. Keinen ganzen
zwar, aber es tut's so auch. Und wenn heut Nacht das goldene Seil in
dieser Gegend irgendwo vom Himmel niederhngen sollt, so kann ich mit
gutem Gewissen danach greifen.

Wenn die Angelschnur nicht wr! sagte da eine Stimme in ihm. Er
schritt rasch aus. Aber die Fe wurden ihm schwer und die Stimme rief
immer und immer: Wenn die Angelschnur nicht wr! Wenn die Angelschnur
nicht wr! Da kehrte er um, band an die Schnur eine groe Eisscholle
und warf sie durch ein Fischloch ins Wasser. Nun war sein Gewissen
still: denn seit der letzten Beichte hatte er nicht geangelt. Leid war
ihm um die Angelschnur sehr -- doch da man dafr vielleicht das goldene
Seil eintauschen knnte, so kam er zu dem Schlu: dumm wars gewi nicht.
Und war getrstet.

Vorsichtig schlich er ins Haus. Die Mutter sollt ihn nicht sehen. Doch
die hatte ihn schon gesehen. Sie ging ihm aber nicht entgegen, sondern
guckte schalkhaft um eine Ecke im Hausflur und lachte leise. Otti
wunderte sich darber sehr. Die Mutter schalt ihn gar nicht, da er so
spt komme! Sie lachte sogar -- und wie! So hatte er sie noch gar nie
lachen hren. Als er merkte, da sie in die schne Stube ging, schlich
er in die Kche und warf dort den Fisch ins Wasserschaff. Dann ging er
in seine kleine Kammer und zog seine besten Kleider an, damit die
Mutter die Kotflecke nicht sehe und nicht gleich frage, warum und woher.
Dann wrs ja vorbei mit aller Ueberraschung. Und er freute sich schon so
sehr auf ihr freudestrahlendes Gesicht.

Sorgfltig glttete er die Haube und barg sie unter seinem Rock. Dann
wollte er ins Zimmer. Die Tr war abgesperrt. Das war noch nie da. Er
klopfte. Die Mutter antwortete, er msse schon noch ein bisserl warten.
Er hrte sie drinnen geheimnisvoll herumrauschen und leise -- singen. Da
blitzte ihm ein Gedanke auf: vielleicht hat _sie_ ... Ja, sie war gewi
in Sinn und Herz viel braver als er. Und so knnt es schon sein, da der
liebe Gott _ihr_ das goldene Seil in die Hnde gespielt hatte, auf das
er seine schnsten Hoffnungen setzte. Nun, wenns schon so war -- so
bleibts doch wenigstens in der Familie.

Pltzlich tat sich die Tr weit auf. Und nun war die Ueberraschung, die
er bereiten wollte, wirklich auf seiner Seite: auf dem Tische stand ein
kleiner Christbaum und darunter lag ein Reichtum, wie ihn diese Stube
noch nie gesehen hatte: ein schner Bubenanzug, feine Schlittschuhe,
eine ganz echte Pelzhaube, geftterte Handschuhe, Bcher in prchtigen
Einbnden und -- das tat ihm schier weh -- auch Frauensachen mancherlei
Art. Er stand nur und schaute und staunte.

Das da gehrt alles dir, sagte die Mutter und sagte es so groartig
einfach und selbstverstndlich, als wr das alle Jahre so gewesen um
diese Zeit.

Ja, aber Mutter ... Nicht wahr, das goldene Seil ...

Da lachte die Mutter gar schalkhaft und sagte im Mrchenton:

Es war einmal ein Junge, ein feiner, der brach drauen im Teich ins Eis
ein ...

Von dem also! rief Otti schier enttuscht.

Vielmehr von seinem Vater. Weil die Weihnachtszeit so nahe war, hat er
sich den Dank fr heut aufgespart.

Und noch mehr wute die Mutter dem freudebetubten Jungen zu sagen: sie
habe dem reichen Manne, weil er darum gefragt habe, auch gesagt, da ihr
Otti halt gar so viel gern studieren tt. Da hat der gute Herr gemeint,
das sei sehr einfach: er lasse den wackeren Lebensretter seines Sohnes
mit grtem Vergngen auf seine Kosten studieren. Da wurde Otti sehr
schwl zumute. Er frchtete sich nmlich vor dem Studieren so sehr, als
er sich freute. Die Freude lag in ihm -- die Furcht kam von der Schule.

Da ihm bei alldem hei geworden war, ffnete er seinen Rock. Da fiel
denn die Wollhaube heraus, von der er geglaubt hatte, sie werde heute
von seiner Mutter bewundert und angestaunt werden, wie ein eitel
Wunderding. Und nun lag sie in ihrer grauen Schlichtheit am kahlen
Boden. Neben all den Herrlichkeiten -- unsagbar armselig! Er schmte
sich ihrer fast.

Die Mutter aber hob staunend die arme Haube auf. Und als sie erfuhr, wie
und unter welchen Umstnden Otti dieses ersehnte Geschenk fr sie
erworben hatte, da standen ihr die hellen Mutterfreudentrnen in den
Augen. Sie umarmte und kte ihren Sohn und sagte ihm, von all den
schnen Sachen, die sie heute so unverhofft bekommen habe, sei ihr die
schlichte Wollhaube das kostbarste und liebste Stck. Und wenn sie so
reich wre wie der Mann, der heute bei ihr war -- die Haube wrde sie
doch und just zu den grten Feiertagen tragen. Und sie werde sie auch
tragen -- so stolz wie eine richtige Knigin ihre Krone. Und werde den
Leuten sagen: seht, die hat mir mein Sohn geschenkt von seinem ersten
Geld, das er sich verdient hat mit Gefahr seines Lebens.

Nun war Otti wieder froh und glcklich und konnte sich seiner schnen
Geschenke von ganzem Herzen freuen.

Als sie dann gar frhlich beim Fischmahle saen und von dem Weine
tranken, der unterm Baume lag, meinte die Mutter:

Du, Otti, heut warst du aber fest dran am goldenen Seil! Mit beiden
Hnden hast dus gehabt!

Otti sah seine Mutter verwundert an. Er werde ihre Worte schon verstehn,
spter, wenn er einmal ein studierter Mann sein werde, sagte sie und
freute sich sehr, da sie so weise und berlegen sprechen konnte.

Und Zeit und tiefere Erkenntnis kamen. Und als nun Otto, ein Mann
geworden, mir die Geschichte dieses ihm unvergelichen Weihnachtsabends
erzhlte, meinte er, er glaube fest daran, da fr _jeden_ Menschen so
ein goldenes Seil vom Himmel niederhnge. Um zu ihm zu gelangen, gehrte
aber etwas, was er jedem vom Herzen gern wnsche: _ein starker Wille zum
Guten_.




Eine Insel der Seligen.


Immer noch konnte sie es nicht fassen, sa noch immer in ihrem alten
Lehnstuhl und hielt den Brief in den Hnden, der ihr die letzte Hoffnung
nahm und alle Freude ihres Lebens.

Zwei Jahre fast waren es nun her, da sie von ihrem Helmi nichts mehr
hrte. Er war unter die Lebendigtoten geraten, unter die
Kriegsvermiten. Und just heute, am Tage, wo Friede und Freude sein oder
doch einkehren sollte in aller Herzen, just heute kam auf ihr
unermdliches Nachforschen ein Brief, der ihr gewissermaen amtlich
beglaubigte, ihr Wilhelm sei schon lange nicht mehr unter den Lebenden.

Erlst, hauchte sie endlich, nachdem sie in weher Mutterliebe das
ganze helle Leben durchdacht und durchtrumt hatte, das ihr Liebling,
ihr einziges Kind, durchwandert hatte bis zu dem Tage, da auch er hinein
mute in den wilden grausamen Krieg. Und der Stunde gedachte sie, da die
Nachricht kam, er sei vermit. Die bangen, immer wiederkehrenden Fragen
aber: Wo wird er jetzt sein? Wie wird es ihm ergehn? Was wird er
erleiden, was erdulden mssen in der wahrscheinlichen Gefangenschaft
weit hinten in der sibirischen Einde? -- alle diese marternden Fragen
kamen nun zur Ruhe, kamen zur Ruhe auf so bittere Art ...

Erlst, wiederholte sie, wischte sich ber die Augen, strkte ihre
trnenschwere Seele mit einem Gebet und nahm sich vor, fr heute zu
schweigen vor dem Brutlein des Toten, vor der lieblichen Adelheid. Erst
nach den Feiertagen soll sie erfahren, was unabnderlich ist und daher
ertragen werden mu ...

Dies denkend, hrte sie vom Flur des Hauses den hellen freudigen Ruf:
Mutter! Eilige Schrittchen nahten sich der Tr. Rasch verbarg Frau
Burga den verhngnisvollen Brief, glttete die ergrauten Scheitel und
mhte sich, unbefangen zu erscheinen, damit Adelheid, die unverzagt
Hoffende, nichts merkte.

Die war unterdessen aufgeregt ins Stbchen getreten und erfllte es mit
ihrer hellen Lebendigkeit und blonden Lieblichkeit wie mit einem
Leuchten und Schimmern.

Mutterl! rief sie wieder und ihre Stimme lachte und weinte Freude.
Denk' dir, der Steinbauer Franzl hat einen Brief geschrieben. Geflohen
ist er, im deutschen Lager ist er angekommen nach langer gefahrvoller
Flucht durch Ruland. Und Helmi sei schon vor ihm entflohen, msse schon
in Deutschland sein oder droben in Schweden. Mutter! Mutter! Er lebt! Er
lebt! Hab ichs nicht immer gesagt ... Ja, was hast du denn? Du freust
dich ja gar nit? Du weinst ja ...

Schau Adi, weil das halt gar so berraschend kommen ist.

Das blonde Mdchen warf sich ungestm zu Fen der alten Frau, legte ihr
Kpfchen mit der schweren goldigen Haarkrone in ihren Scho und weinte,
erschttert von Freude und Glck.

Frau Burga streichelte sanft ber den widerspenstigen Haarflaum der
Aufgeregten hin. Da schaute Adi zu ihr auf. In ihrem nicht auffallend
schnen, aber berckend liebreizenden Gesichtlein strahlte unter Trnen
ein so glckseliges Lcheln, da Frau Burga nicht wute, wie ihr geschah
vor Weh und vor Freud ber die Treue und ber das Glck des guten
Kindes. Sie ist ja so selten geworden, die lautere Treue -- schier etwas
Verchtliches ...

Ein neues Leben ist auferstanden, dachte sie schmerzlich, ein neuer
eisigkalter Glaube; Throne sind gestrzt, Reiche zerfallen, Heiliges
zertrmmert worden, und weit, weit im Land geht die Selbstsucht um,
schier allmchtig herrscht die Habgier und frit an den Seelen ... Ein
Reich ist aufgerichtet worden des kalten Verstandes, der Gleichheit, die
mir eine Gleichheit scheint des Bsen nur, da sie hat, was nicht ist
wie sie ... Und ich alte Frau bin allein in dieser kalten rcksichtslosen
Welt: nach dem Vater ist nun auch der Sohn hinbergegangen ... und die
da, die jetzt vor mir kniet und unter Trnen glckselig lchelnd zu mir
aufschaut, die mir Trost und Halt, mir Sttze ist im Glauben an das
Bessere im Menschen -- die mu ich nun auch hingeben, mu ihr, der
Treuen, noch zureden ...

Gelt, Mutterl, sagte Adi, als htte sie die peinigenden Gedanken der
geliebten Frau erraten, gelt, jetzt wirst du mir keine so garstigen
Andeutungen mehr machen, ich soll halt doch den Krohner Sepp nehmen,
weils die Mutter will, die der Reichtum blendet? Jetzt kann ichs dir ja
sagen: eh ich den genommen htt, so reich er auch ist, wr ich ledig
geblieben. Ich leb ja nur in mir und nur fr Helmi, hab meinen Beruf,
kann mich ausgeben an die Kinder und von ihnen empfangen unendlich viel
Liebe und Freude. Das htt mein Leben schon ausgefllt ... kmen dazu ja
noch die Erinnerungen an das Schne und Helle und Liebe ... ach, Mutter,
du verstehst mich ja!

Ja, ich versteh dich. Du bist treu und lauter und darum eine Lehrerin
und Jugendbildnerin mit goldener Seele. Eine, der die Kinder aus Liebe
folgen, ohne da sie strenge zu sein braucht mit ihnen.

O, das kann ich schon auch, wenn es sein mu!

Ja, das kannst du -- wundersamerweise kannst du das, du blumenzartes
Dingelchen. Sie lchelte und war seltsam berhrt von dem selbstsicheren
Ernste, der wie ein Schatten ber Adis sonniges Gesichtlein gekommen
war.

Heut aber, Mutter gelt, heut darf ich ... Sie nickte der verstehenden
Frau bedeutsam zu, ging zum Harmonium und ffnete es. Das Mutterherz
zuckte schmerzlich zusammen; doch sie vermochte es nicht, die
berstrmende Glckseligkeit ihres Kindls zu zerstren. Es war ja eine
Weihefeier fr den lieben Toten. Und so lauschte sie denn
tieferschttert der feierlichen Musik, die der geschaffen hatte, den sie
als Abgeschiedenen beweinte, whrend sie dort, die Glckselige, ihn als
Wiederkehrenden begrte mit seines Wesens ureigenster Sprache: mit
seiner Musik.

O, wie viele schne und stolze Hoffnungen waren mit ihm
dahingeschwunden! Sein Vater war ein Musikbeflissener, ein Regenschori
wie selten einer, doch kein Schaffender, kein Schpfer. In ihrem Wilhelm
aber flo der gttliche Born. Seine erste Messe hatten sie in der Kirche
drben aufgefhrt, ehe er in den Krieg mute, und selbst drinnen in der
Landeshauptstadt durchbrauste sie die Hallen des neuen Domes, erfllte
die Herzen der Glubigen mit Andacht und jene der Kenner mit Freude und
Zuversicht. Und jetzt durchbrausten die feierlichen Klnge des Te Deum
laudamus die Stube und erschtterten das wunde Mutterherz; sie aber, die
ahnungslose Braut, zerflo in Glckseligkeit ...

Als die Musik verklungen war, herrschte eine Weile feierliche Stille in
dem schon dmmerigen Raume; dann stand Adelheid auf, legte den
Zeigefinger an den rosigen Kindermund und flehte mit den Augen: Kein
Wort jetzt! Keinen Laut! Mit leisen Schrittlein schwebte, huschte sie
hinaus, lie die Mutter allein mit dem inneren Verklingen und Verwehen
der Musik, die dem erstanden war, dessen Seele sie jetzt um sich zu
fhlen glaubte.

Ueberwltigt von den glckseligsten und erhebendsten Gefhlen, war das
frohmutige Kind hinweggegangen -- und sie, die nichts mehr wollte auf
dieser Welt als dieses Glck: sie mute es ihr nehmen. Wie wird sie das
ertragen? Wohl ist sie innerlich stark; aber sie ist so blumenzart, so
ganz Liebe fr den Liebsten, da sie auch zusammenbrechen konnte, sie,
die keinen Augenblick die Hoffnung auf seine Wiederkehr aufgegeben
hatte.

Furchtbar wr fr mich dieser Schlag -- fr sie aber ... wrs fr sie
nicht Erlsung, Errettung vor den Schrecken der Gegenwartswelt ...

Welch bittrer Trost! Welche Welt, in der es besser war, zu sterben, als
zu leben. Sie war aufgestanden, ordnete gedankenverloren dies und das
und sagte endlich zur alten Lina, ihrer Magd, sie wolle noch ein wenig
hinbergehn zu ihrem Mann -- auf den Friedhof. Es war ihr liebe
Gewohnheit, auch jetzt noch alles ihrem Manne zu sagen, der all sein
Lebtag ein groes Kind geblieben war und sich ohne seine Frau wohl nicht
zurechtgefunden htte in den Wirrnissen des Lebens.

Als sie vor die Tr ihres Huschens trat, sank eben die Wintersonne
hinunter, feierlich schn. O, dieser weite Blick hinunter ins Land,
hinber nach den Bergen! Dies Huschen zu besitzen, hier heroben den
Lebensabend zu vertrumen, war ihres Mannes heiester Herzenswunsch
gewesen. Eine kleine Erbschaft ermglichte ihm die Erfllung. Er konnte
noch die Freude erleben, seinen Sohn als hoffnungsvollen Tondichter
gefeiert zu sehen, und war eines Abends inmitten seiner Musik und seiner
Trume und Plne mit seinen Lieblingen, den Bienen, hinbergegangen in
das Reich, wo es keine Enttuschungen mehr, dafr aber ein Herrliches
gibt, das zugleich ein Furchtbares ist fr sterbliche Menschen,
unertrglich ihrem Sinne: unerbittliche Gerechtigkeit, uneingeschrnkte
Wahrheit.

Es war schon dunkel als sie vom Friedhofe heimkam. Sie fhlte sich so
mde; schwer waren ihr die Glieder, die Augen, die keine Trnen mehr
hatten, fielen ihr zu, und bedrckend und doch trostvoll war in ihr das
Fhlen und Denken: die Toten haben es besser als die Lebenden ...

Ehe Adelheid zum Abendessen kam, nach dem der kleine Baum angezndet
werden sollte, konnte sie sich noch ein Weilchen ausruhen in ihrem
lieben alten Sorgenstuhl.

Wie sie so dasa, mde an Leib und Seele, trat der Schlummer an sie
heran und brachte ihr einen wundersamen leuchtenden Traum: Christus
stand dort in der Erkernische und schaute nach ihr. Seine Augen
leuchteten wie zwei milde Sonnen und unbeschreiblich aus ihnen sprach
die Gottesseele. Und sie verstand ihre Sprache: Hoffe, du Gute, du
Trostmutige, hoffe: dein Glck ist nahe! Was in Liebe so schn geblht,
in Treue sich so stark bewhrt -- es soll nicht umsonst geblht, gehofft
und gelitten, nicht umsonst vertraut haben auf Gottes Hilfe.

An ihr vorbei schritt darauf der Herr und sein Leuchten ging mit ihm
durch das dunkle Zimmer. Lautlos schritt er zur Tr hin, ffnete sie und
winkte hinaus, ruhevoll wie es nur ein Gott vermag. Und einer trat
herein, ein bleicher junger Mann, den sollte sie kennen -- war es nicht
Wilhelm, ihr Sohn? So ber alle Maen feierlich sah er aus, so erhaben
fremd, da ihr bange wurde in all der Freude stillallmhlichen sichern
Erkennens: er ist's! Er ist es ja!

Der Herr nimmt ihn bei der Hand, fhrt ihn der Mutter zu. Er lt sich
vor ihr nieder, sein Krper zuckt im heftigen Schluchzen der
Wiedersehensfreude. Und sie, sie mchte sich auch freuen, will die Hand
ausstrecken nach ihrem Kinde, dem endlich wiedergefundenen -- wagt es
aber nicht: der Herr steht ja leuchtend hinter ihm und es ist ja die
Seele, nicht der Leib ihres Sohnes, was da vor ihr kniet. Wer sollte
wagen, danach auszustrecken die irdische Hand? Und hei war in ihr,
bermchtig das Wnschen, das schier sndhafte: o, wr es doch sein
Leib! Drft ich ihn nochmals an mein Herz drcken und an dem seinen
weinen Trnen der Freude und des Mutterglckes. O, wie durfte sie mit
solchen Wnschen aufschauen zum Herrn, der ihr die Gnade erwies, im
Traume zu schauen, was sterbliche Augen nie erreichen knnen: ihres
Kindes Seele! Die schlackenlose leuchtende Seele ...

Jetzt stand das Ueberirdische ihres Kindes auf und schaute sie an -- o
Herr im Himmel, mit Augen, die so voll waren irdischen Glckes und
menschlicher Freude, da sie froherschrocken glaubte, er stehe vor ihr
leibhaftig und nicht als seliger Geist. Der Herr aber an seiner Seite
nickte ihr zu und sie las in seinem gttlichen Herzen die Worte: Freue
dich, er ist es wahrhaftig und bleibt bei dir, bis ich ihn rufe. Und
wieder nickte er ihr zu, gottvoll gtig, breitete segnend die Hnde und
schritt durch den Erker feierlich hinaus in die Sternennacht.

Der Sohn aber, der leuchtende, schritt schier ebenso feierlich zum
Harmonium und alsbald klang es leise wie aus unermelichen Fernen, wurde
lauter, wuchs an, jubelte, jauchzte, weinte, lachte, brauste wie ein
Freudensturm. So gewaltig war das Brausen, schreckhaft schn und
glckselig froh, da Frau Burga aufwachte oder doch aufzuwachen meinte;
denn als sie mit offenen Augen in die Stube sah, glaubte sie, den Sohn
im Sternenschimmer sitzen zu sehen; nur sein Leuchten war wundersam
versponnen mit dem Sternenglanz. In der brausenden Musik aber erkannte
sie das Te Deum laudamus dessen, der dort sa, Gott mag wissen, als was.

Sie lauschte und lauschte und fragte sich wirr und wunderglubig: ist
das noch Traum? Ist es schon Wachen? _Darf_ ich mich rhren? _Darf_ ich
ihn anrufen? Nein ... es knnte zerflieen, das Wunder der Christnacht.

Schweigen mu ich, dachte sie, stillehalten. Du aber, o Herr, komm,
komm und hauche mich an, auf da meine Seele sich lse von der irdischen
Hlle und mit der meines Kindes aufsteigen kann zu Dir, dem Licht und
der Seele der Welt ...

Und ohne da sie es wute, wurde ihr Beten laut: Herr, Herr, hauche
mich an! Erlse mich! Fhr mich hinweg aus der Welt, vor der mir graut!

Da brach die Musik jh ab. Und der dort, der sie hervorgebracht hatte,
erhob sich. Sie hrte das jhe Rcken des Stuhles, hrte seines Fues
festen Tritt; doch, starr befangen zwischen Wunder und Wirklichkeit,
vermochte sie sich nicht zu rhren, getraute sich kaum zu atmen und
hatte das Empfinden: es ist ja doch nur ein Traum, sonst mt ich ja
aufstehn und ihm um den Hals fallen ...

Mutter ... Hatte es da nicht leise geklungen: Mutter? Und wieder kam
es, lauter, inniger: Mutter! Mutter! Und der dort im Sternenschimmer
breitete die Arme -- o mein Gott! Nur jetzt nicht sterben vor Glck und
Freude!

Und whrend sie mit ihrem Fhlen zu ihm eilte, willenlahm aber sitzen
blieb, tat der dort, Mensch von Fleisch und Blut oder Traumgesicht,
einen Schritt, zagend einen zweiten -- und pltzlich lag er zu ihren
Fen. Sie fhlte seines Hauptes Schwere, die Wrme seines Atems, das
Zucken seines Leibes ...

Mutter! Mutter! Liebe liebe Mutter!

Da lie sie die in wirrem Empfinden zaghaft ausgestreckte Hand auf sein
Haupt niedergleiten -- und er, er umschlang sie, und kte, kte sie
warm und innig auf den zuckenden Mund. O, so kt das Leben! Kt die
Liebe!

Und drauen im Flur rief und jubelte eine liebe helle Stimme: Ist es
denn wahr? Ist es denn wirklich wahr?

Aufflog die Tr -- und die schlichte Stube war ein Himmelreich auf
Erden.

Und das kleine einsame Huschen eine Insel der Seligen inmitten des
brausenden Meeres von Habgier und Selbstsucht, selbstherrischen
Begehrens und sich selbst aufzehrender Triebe, Lavastrmen gleich
hervorbrechend aus viel Millionen verblendeter Menschen, die da glauben
an ein Menschheitsglck ohne Liebe und ohne Ideale.





End of the Project Gutenberg EBook of Weihnachtserzhlungen, by Adolf Schwayer

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WEIHNACHTSERZHLUNGEN ***

***** This file should be named 21527-8.txt or 21527-8.zip *****
This and all associated files of various formats will be found in:
        http://www.gutenberg.org/2/1/5/2/21527/

Produced by Constanze Hofmann, Norbert H. Langkau and the
Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net


Updated editions will replace the previous one--the old editions
will be renamed.

Creating the works from public domain print editions means that no
one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
(and you!) can copy and distribute it in the United States without
permission and without paying copyright royalties.  Special rules,
set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark.  Project
Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
charge for the eBooks, unless you receive specific permission.  If you
do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
rules is very easy.  You may use this eBook for nearly any purpose
such as creation of derivative works, reports, performances and
research.  They may be modified and printed and given away--you may do
practically ANYTHING with public domain eBooks.  Redistribution is
subject to the trademark license, especially commercial
redistribution.



*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg-tm License (available with this file or online at
http://gutenberg.org/license).


Section 1.  General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
electronic works

1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH F3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
