The Project Gutenberg EBook of Caspar Hauser, by Jakob Wassermann

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Title: Caspar Hauser
       oder Die Trgheit des Herzens

Author: Jakob Wassermann

Release Date: June 7, 2008 [EBook #25721]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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                             Caspar Hauser

                                 oder

                       Die Trgheit des Herzens,

                                 Roman
                                  von

                           Jakob Wassermann

                       Erste bis vierte Auflage

                       Deutsche Verlags-Anstalt
                         Stuttgart und Leipzig
                                 1908



Alle Rechte, insbesondere das der bersetzung, vorbehalten

#Published May 6th, 1908. Privilege of copyright in the United States
reserved under the act approved March 3, 1905 by Deutsche
Verlags-Anstalt, Stuttgart#

Druck der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart Papier von der
Papierfabrik Salach in Salach, Wrttemberg



    Es ist noch dieselbe Sonne,
    die derselben Erde lacht;
    aus demselben Schleim und Blute
    sind Gott, Mann und Kind gemacht.
    Nichts geblieben, nichts geschwunden,
    alles jung und alles alt,
    Tod und Leben sind verbunden,
    zum Symbol wird die Gestalt.




Erster Teil




Der fremde Jngling


In den ersten Sommertagen des Jahres 1828 liefen in Nrnberg sonderbare
Gerchte ber einen Menschen, der im Vestnerturm auf der Burg in
Gewahrsam gehalten wurde und der sowohl der Behrde wie den ihn
beobachtenden Privatpersonen tglich mehr zu staunen gab.

Es war ein Jngling von ungefhr siebzehn Jahren. Niemand wute, woher
er kam. Er selbst vermochte keine Auskunft darber zu erteilen, denn er
war der Sprache nicht mchtiger als ein zweijhriges Kind; nur wenige
Worte konnte er deutlich aussprechen, und diese wiederholte er immer
wieder mit lallender Zunge, bald klagend, bald freudig, als wenn kein
Sinn dahintersteckte und sie nur unverstandene Zeichen seiner Angst oder
seiner Lust wren. Auch sein Gang glich dem eines Kindes, das gerade die
ersten Schritte erlernt hat: nicht mit der Ferse berhrte er zuerst den
Boden, sondern trat schwerfllig und vorsichtig mit dem ganzen Fue auf.

Die Nrnberger sind ein neugieriges Volk. Jeden Tag wanderten Hunderte
den Burgberg hinauf und erklommen die zweiundneunzig Stufen des finstern
alten Turmes, um den Fremdling zu sehen. In die halbverdunkelte Kammer
zu treten, wo der Gefangene weilte, war untersagt, und so erblickten
ihre dichtgedrngten Scharen von der Schwelle aus das wunderliche
Menschenwesen, das in der entferntesten Ecke des Raumes kauerte und
meist mit einem kleinen weien Holzpferdchen spielte, das es zufllig
bei den Kindern des Wrters gesehen und das man ihm, gerhrt von dem
unbeholfenen Stammeln seines Verlangens, geschenkt hatte. Seine Augen
schienen das Licht nicht erfassen zu knnen; er hatte offenbar Furcht
vor der Bewegung seines eignen Krpers, und wenn er seine Hnde zum
Tasten erhob, war es, als ob ihm die Luft dabei einen rtselhaften
Widerstand entgegensetzte.

Welch ein armseliges Ding, sagten die Leute; viele waren der Ansicht,
da man eine neue Spezies entdeckt habe, eine Art Hhlenmensch etwa, und
unter den berichteten Seltsamkeiten war nicht die geringste die, da der
Knabe jede andre Nahrung als Wasser und Brot mit Abscheu zurckwies.

Nach und nach wurden die einzelnen Umstnde, unter denen der Fremdling
aufgetaucht war, allgemein bekannt. Am Pfingstmontag gegen die fnfte
Nachmittagsstunde war er pltzlich auf dem Unschlittplatz, unweit vom
neuen Tor, gestanden, hatte eine Weile verstrt um sich geschaut und war
dann dem zufllig des Weges kommenden Schuster Weikmann geradezu in die
Arme getaumelt. Seine bebenden Finger wiesen einen Brief mit der Adresse
des Rittmeisters Wessenig vor, und da nun einige andre Personen
hinzukamen, schleppte man ihn mit ziemlicher Mhe bis zum Haus des
Rittmeisters. Dort fiel er erschpft auf die Stufen, und durch die
zerrissenen Stiefel sickerte Blut.

Der Rittmeister kam erst um die Dmmerungsstunde heim, und seine Frau
erzhlte ihm, da ein verhungerter und halbvertierter Bursche auf der
Streu im Stall schlafe; zugleich bergab sie ihm den Brief, den der
Rittmeister, nachdem er das Siegel erbrochen, mit grter Verwunderung
einige Male durchlas; es war ein Schriftstck, ebenso humoristisch in
einigen Punkten wie in andern von grausamer Deutlichkeit. Der
Rittmeister begab sich in den Stall und lie den Fremdling aufwecken,
was mit vieler Anstrengung zustande gebracht wurde. Die militrisch
gemessenen Fragen des Offiziers wurden von dem Knaben nicht oder nur mit
sinnlosen Lauten beantwortet, und Herr von Wessenig entschied sich
kurzerhand, den Zulufer auf die Polizeiwachtstube bringen zu lassen.

Auch dieses Unternehmen war mit Schwierigkeiten verknpft, denn der
Fremdling konnte kaum mehr gehen; Blutspuren bezeichneten seinen Weg,
wie ein strrisches Kalb mute er durch die Straen gezogen werden, und
die von den Feiertagsausflgen heimkehrenden Brger hatten ihren Spa an
der Sache. Was gibt's denn? fragten die, welche den ungewohnten Tumult
nur aus der Ferne beobachteten. Ei, sie fhren einen betrunkenen
Bauern, lautete der Bescheid.

Auf der Wachtstube bemhte sich der Aktuar umsonst, mit dem Hftling ein
Verhr anzustellen; er lallte immer wieder dieselben halb bldsinnigen
Worte vor sich hin, und Schimpfen und Drohen nutzte nichts. Als einer
der Soldaten Licht anzndete, geschah etwas Sonderbares. Der Knabe
machte mit dem Oberkrper tanzbrenhaft hpfende Bewegungen und griff
mit den Hnden in die Kerzenflamme; aber als er dann die Brandwunde
versprte, fing er so zu weinen an, da es allen durch Mark und Bein
ging.

Endlich hatte der Aktuar den Einfall, ihm ein Stck Papier und einen
Bleistift vorzuhalten, danach griff der wunderliche Mensch und malte mit
kindisch-groen Buchstaben langsam den Namen Caspar Hauser. Hierauf
wankte er in eine Ecke, brach frmlich zusammen und fiel in tiefen
Schlaf.

Weil Caspar Hauser -- so wurde der Fremdling von nun ab genannt -- bei
seiner Ankunft in der Stadt burisch gekleidet war, nmlich mit einem
Frack, von dem die Sche abgeschnitten waren, einem roten Schlips und
groen Schaftstiefeln, glaubte man zuerst, es mit einem Bauernsohn aus
der Gegend zu tun zu haben, der auf irgendeine Weise vernachlssigt oder
in der Entwicklung verkmmert war. Der erste, der dieser Meinung
entschieden widersprach, war der Gefngniswrter auf dem Turm. So sieht
kein Bauer aus, sagte er und deutete auf das wallende, hellbraune Haar
seines Hftlings, das etwas nicht ausdrckbar Unberhrtes hatte und
glnzend war wie das Fell von Tieren, die in Finsternis zu leben gewohnt
sind. Und diese feinen weien Hndchen und diese sammetweiche Haut und
die dnnen Schlfen und die deutlichen blauen Adern zu beiden Seiten des
Halses, wahrhaftig, er gleicht eher einem adligen Frulein als einem
Bauern.

Nicht bel bemerkt, meinte der Stadtgerichtsarzt, der in seinem zu
Protokoll gegebenen Gutachten neben diesen Merkmalen die besondere
Bildung der Knie und die hornhautlosen Fusohlen des Gefangenen
hervorhob. So viel ist klar, hie es am Schlu, da man es hier mit
einem Menschen zu tun hat, der nichts von seinesgleichen ahnt, nicht
it, nicht trinkt, nicht fhlt, nicht spricht wie andre, der nichts von
gestern, nichts von morgen wei, die Zeit nicht begreift, sich selber
nicht sprt.

Die hohe Polizeibehrde lie sich durch ein solches Urteil nicht aus
dem vorgesetzten Gang der Untersuchung lenken; es bestand der Verdacht,
da der Stadtgerichtsarzt durch seinen Freund, den Gymnasialprofessor
Daumer, beeinflut und zu diesen berschwenglichkeiten verfhrt worden
sei. Der Gefngniswrter Hill wurde beauftragt, den Fremdling insgeheim
zu belauern. Er sphte oft durch das verborgene Loch in der Tre, wenn
sich der Knabe allein whnen mute; aber es war immer derselbe traurige
Ernst in den bald schlaffen und beklommenen, bald wie durch den Anblick
eines unsichtbaren Furchtgebildes verzerrten und zerrissenen Zgen. Es
war auch vergeblich, nachts, wenn er schlief, an sein Lager zu
schleichen, hinzuknien, auf den Atem zu horchen und zu warten, ob er
verrterische Worte aus dem Innern auf die Lippen trug; Leute, die bles
im Schild fhren, pflegen nmlich aus dem Schlaf zu reden, auch schlafen
sie eher bei Tag als bei Nacht, wo sie ihren Gedanken und Entwrfen
nachhngen, aber diesen umfing der Schlummer, sobald die Sonne sank, und
er erwachte, wenn sich der erste Morgenstrahl durch die verschlossenen
Lden zwngte. Es konnte Argwohn wecken, da er jedesmal zusammenzuckte,
wenn die Tr seines Gefngnisses geffnet wurde; wahrscheinlich jedoch
gab sich darin nicht die Angst eines schuldbewuten Gemts zu erkennen,
sondern vielmehr eine bermige Erregbarkeit der Sinne, denen jeder
Laut von auen zu qualvoller Nhe kam.

Unsre Herren auf dem Rathaus werden noch viel Papier beschmieren
mssen, wenn sie auf dem Weg weiterkommen wollen, sagte der gute Hill
eines Morgens -- es war der dritte Tag der Haft Caspar Hausers -- zu
Professor Daumer, der den Fremdling besuchen wollte; ich kenne gewi
alle Schliche des Lumpenvolks, aber wenn _der_ Bursche ein Simulante
ist, will ich mich hngen lassen.

Hill sperrte auf, und Professor Daumer trat in die Kammer. Wie
gewhnlich erschrak der Gefangene, aber als der Ankmmling einmal im
Raum war, schien ihn Caspar Hauser nicht mehr zu gewahren und schaute,
bezaubert im dumpfen Nichtwissen, still vor sich nieder.

Da geschah es, als Hill den Fensterladen geffnet hatte, da der Knabe,
vielleicht wie nie zuvor in seinem Leben, den gefesselten Blick erhob,
ihn von der schweigenden, gleichmigen Furcht wegkehrte, die das Innere
seiner Brust beherbergen mochte, und ihn durchs Fenster hinausschweifen
lie in das besonnte Freie, wo Ziegeldach an Ziegeldach sich steil und
glhendrot auf einem Hintergrund von blulich dmmernden Wiesen und
Wldern malte. Er streckte seine Hand aus; berraschung und freudloses
Staunen verzog seine Lippen, zgernd griff er mit dem Arm in das
funkelnde Gemlde, als ob er das bunte Durcheinander drauen mit den
Fingern anfassen wolle, und als er sich berzeugt hatte, da es nichts
war, etwas Fernes, Trgerisches, Ungreifbares, da verfinsterte sich sein
Gesicht, und er wandte sich unwillig und enttuscht ab.

Am selben Nachmittag kam der Brgermeister Binder in Daumers Wohnung und
teilte im Verlauf eines Gesprchs ber den Findling mit, da die Herren
vom Stadtmagistrat eher feindlich und unglubig als wohlwollend gegen
diesen gestimmt seien.

Unglubig? entgegnete Daumer verwundert, in welcher Beziehung
unglubig?

Nun ja, man nimmt an, da der Bursche sein Gaukelspiel mit uns treibt,
versetzte der Brgermeister.

Daumer schttelte den Kopf. Welcher Mensch von Verstand oder
Geschicklichkeit wird sich aus purer Heuchelei dazu herbeilassen, von
Brot und Wasser zu leben, und alles, was dem Gaumen behagt, mit Ekel von
sich weisen? fragte er. Um welches Vorteils willen?

Gleichviel, antwortete Binder unschlssig; es scheint eine
verwickelte Geschichte. Da niemand sagen noch vermuten kann, worauf das
Spiel hinaus will, ist Vorsicht um so mehr geboten, als man durch
leichtsinnige Gutglubigkeit den gerechten Hohn der Urteilsfhigen
herausfordert.

Das klingt ja beinahe, als ob nur die Zweifler und Neinsager
urteilsfhig heien knnten, bemerkte Daumer stirnrunzelnd. Von der
Gilde haben wir leider genug.

Der Brgermeister zuckte die Achseln und blickte den jungen Lehrer mit
jener milden Ironie an, welche die Waffe der Erfahrenen gegenber den
Enthusiastischen ist. Wir haben eine neuerliche Untersuchung durch den
Gerichtsarzt beschlossen, fuhr er fort. Der Magistratsrat Behold, der
Freiherr von Tucher und Sie, lieber Daumer, sollen dieser Untersuchung
kommissarisch beiwohnen. Der aufzunehmende Akt wird dann, zusammen mit
den bereits vorhandenen polizeilichen Protokollen, der Kreisregierung
berschickt.

Ich verstehe: Akten, Akten, sagte Daumer spttisch lchelnd.

Der Brgermeister legte ihm die Hand auf die Schulter und erwiderte
gutmtig: Seien Sie nicht so berlegen, Verehrter; unsre Welt schmeckt
nun einmal nach Tinte, und daran habt ihr Bcherwrmer doch wahrlich
nicht die wenigste Schuld. brigens, er griff in die Rockbrust und
brachte ein zusammengefaltetes Stck Papier zum Vorschein, als Mitglied
der Kommission werden Sie gebeten, Einblick in ein wichtiges Dokument zu
nehmen. Es ist der Brief, den unser Gefangener beim Rittmeister Wessenig
abgegeben hat. Lesen Sie.

Das mit keiner Namensunterschrift versehene Schreiben lautete: Ich
schicke Ihnen hier einen Burschen, Herr Rittmeister, der mchte seinem
Knig getreu dienen und will unter die Soldaten. Der Knabe ist mir
gelegt worden im Jahre 1815, in einer Winternacht, da lag er an meiner
Tr. Hab' selber Kinder, bin arm, kann mich selber kaum durchbringen, er
ist ein Findling, und seine Mutter hab' ich nicht erfragen knnen. Hab'
ihn nie einen Schritt aus dem Haus gelassen, kein Mensch wei von ihm,
er wei nicht, wie mein Haus heit, und den Ort wei er auch nicht. Sie
drfen ihn schon fragen, er kann es aber nicht sagen, denn mit der
Sprache ist es noch schlecht bei ihm bestellt. Wenn er Eltern htte, wie
er keine hat, wr' was Tchtiges aus ihm geworden, Sie brauchen ihm nur
etwas zu zeigen, da kann er es gleich. Mitten in der Nacht hab' ich ihn
fortgefhrt, und er hat kein Geld bei sich, und wenn Sie ihn nicht
behalten wollen, mssen Sie ihn erschlagen und in den Rauchfang hngen.

Als Daumer gelesen hatte, gab er dem Brgermeister das Schriftstck
zurck und ging mit ernster Miene auf und ab.

Nun, was halten Sie davon? forschte Binder; einige unsrer Herren sind
der Ansicht, der Unbekannte selbst knne den Brief geschrieben haben.

Daumer hielt mit einem Ruck in seiner Wanderung inne, schlug die Hnde
zusammen und rief: Ach, du himmlische Gnade!

Dazu ist natrlich gar kein Grund vorhanden, beeilte sich der
Brgermeister hinzuzufgen. Da bei der Abfassung des Schreibens eine
zweckvolle Tcke gewaltet hat, da es dazu bestimmt ist, Nachforschungen
zu erschweren und irrezufhren, ist offenbar. Es ist eine schnde
Kaltherzigkeit im Ton, die mir von Anfang an den Verdacht erregt hat,
da der Jngling das unschuldige Opfer eines Verbrechens ist.

Eine mutige Meinung, in welcher der Brgermeister durch einen Vorgang
sehr bestrkt wurde, der sich ereignete kurz nachdem die Herren von der
Kommission am folgenden Morgen das Gefngnis Caspar Hausers betreten
hatten. Whrend der Wrter damit beschftigt war, den Knaben zu
entkleiden, lie sich drunten in einer Gasse am Burgberg eine
Bauernmusik hren und zog mit klingendem Spiel an der Mauer vorber. Da
lief ein grauenhaft anzuschauendes Zittern ber den Krper Hausers, sein
Gesicht, ja sogar seine Hnde bedeckten sich mit Schwei, seine Augen
verdrehten sich, alle Fibern lauschten dem Schrecken entgegen, dann
stie er einen tierischen Schrei aus, strzte zu Boden und blieb zuckend
und schluchzend liegen.

Die Mnner erbleichten und sahen einander ratlos an. Nach einer Weile
nherte sich Daumer dem Unglcklichen, legte die Hand auf sein Haupt und
sprach ein paar trstende Worte. Dies wirkte beruhigend auf den
Jngling, und er wurde stille; nichtsdestoweniger schien der ungeheure
Eindruck des gehrten Schalls seinen Leib von innen und von auen
verwundet zu haben. Tagelang nachher zeigte sein Wesen noch die Spuren
der empfundenen Erschtterung; er lag fiebernd auf dem Strohsack, und
seine Haut war zitronengelb. Teilnahmsvollen Fragen gegenber war er
allerdings herzlich bewegt, und er suchte nach Worten, um seine
Erkenntlichkeit zu beweisen, wobei sein sonst so klarer Blick sich in
dunkler Pein trbte; besonders fr den Professor Daumer, der zwei- bis
dreimal tglich zu ihm kam, legte er eine zrtliche Dankbarkeit,
schweigend oder stammelnd, dar.

Bei einem dieser Besuche war Daumer mit dem Knaben ganz allein, und das
zum erstenmal; der Wrter hatte auf seine Bitte das untere Tor
abgesperrt. Er sa dicht neben dem Gefangenen, er redete, fragte,
forschte, alles mit einem vergeblichen Aufwand von Innigkeit, Geduld und
List. Zum Schlu beschrnkte er sich darauf, das Tun und Lassen des
Jnglings voll Spannung zu beobachten. Pltzlich stie Caspar Hauser
seine verworrenen Laute aus: er schien etwas zu fordern und sphte
suchend herum. Daumer erriet bald und reichte ihm den gefllten
Wasserkrug, den Hill auf die Ofenbank gestellt hatte. Caspar nahm den
Krug, setzte ihn an die Lippen und trank. Er trank in langen Schlcken,
mit beseligter Gelstheit und einem begeisterten Aufleuchten der Augen,
wie wenn er fr den kurzen Zeitraum des Genusses vergessen htte, da
das dmonisch Unbekannte auf allen Seiten ihn bedrngte.

Daumer geriet in eine seltsame Aufregung. Als er nach Hause kam,
durchma er lnger als eine halbe Stunde mit groen Schritten sein
Studierzimmer. Gegen acht Uhr pochte es an der Tr, seine Schwester trat
ein und rief ihn zum Abendessen. Was glaubst du, Anna, rief er ihr
lebhaft und mit beziehungsvollem Ton zu, zweimal zwei ist vier, wie?

Es scheint so, erwiderte das junge Mdchen, verwundert lachend, alle
Leute behaupten es. Hast du denn entdeckt, da es anders ist? Das she
dir hnlich, du Aufwiegler.

Nicht gerade das hab' ich entdeckt, aber doch etwas der Art, sagte
Daumer heiter und legte den Arm um die Schulter der Schwester. Ich will
einmal unsre braven Philister tanzen lassen! Ja, tanzen sollen sie mir
und staunen.

Betrifft es etwa gar den Findling? Hast du was mit ihm vor? Sei nur auf
der Hut, Friedrich, und la dich nicht in Scherereien ein, man ist dir
ohnedies nicht grn.

Gewi, gab er, rasch verstimmt, zur Antwort, das Einmaleins knnte
Schaden leiden.

Nun, wei man noch gar nichts ber den Sonderling? fragte bei Tisch
Daumers Mutter, eine sanfte alte Dame.

Daumer schttelte den Kopf. Vorlufig kann man nur ahnen, bald wird man
wissen, entgegnete er mit starr nach oben gerichtetem Blick.

Am folgenden Tag brachte die Morgenpost einen Artikel, der die
berschrift trug: Wer ist Caspar Hauser? Wenngleich auf diesen Appell
keiner der Leser eine Antwort zu erteilen vermochte, wurde der Zudrang
der Neugierigen so gro, da das Brgermeisteramt sich gentigt sah, die
Besuchsstunden durch eine strenge Vorschrift zu regeln. Bisweilen
standen die Leute Kopf an Kopf vor der offenen Tr des Gefngnisses, und
in allen Gesichtern war die Frage zu lesen: Was ist es mit ihm? Was ist
es fr ein Mensch, der die Worte nicht versteht und dennoch sprechen
kann, die Dinge nicht erkennt und dennoch sehen kann, der zu lachen
vermag, kaum da sein Weinen zu Ende, der arglos scheint und
geheimnisvoll ist und hinter dessen unschuldig leuchtenden Augen
vielleicht beltat und Schande verborgen sind?

Sicherlich sprte der Gefangene, sprte es schmerzlich, was die lstern
auf ihn gerichteten Blicke begehrten, und der Wunsch, ihnen zu
willfahren, erzeugte mglicherweise die erste erhellende Dmmerung,
welche ihm selbst die Vergangenheit langsam begreiflich machte, so da
er in beunruhigter Brust nach dem Gewesenen tastete, ein Gewesenes erst
fhlte und die Gegenwart damit verband, im tiefsten schaudernd an der
Zeit messen lernte, was sie verndernd mit ihm getan, und was er sah,
mit dem verglich, was er ehedem gesehen. Er begriff das Fordernde der
Frage und ward des Mittels inne, die verlangenden Mienen zu befriedigen.

Mit durstigen Sinnen suchte er das Wort. Sein flehentlicher Blick grub
es heraus aus dem sprechenden Mund der Menschen.

Hier war Daumer in seinem Element. Was keinem andern, dem Arzt nicht,
dem Wrter nicht, dem Brgermeister nicht, den Protokollanten erst recht
nicht gelingen wollte, das vermochte nach und nach seine Behutsamkeit
und zweckvolle Geduld. Die Person des Findlings beschftigte ihn aber
auch dermaen, da er seiner Studien und privaten Obliegenheiten, ja
beinahe seines ffentlichen Amtes darber verga, und er erschien sich
wie ein Mann, den das Schicksal vor das ihm allein bestimmte Erlebnis
gestellt hat, wodurch sein ganzes Leben und Denken eine glckliche
Besttigung erfhrt. Unter seinen Notizen ber Caspar Hauser lautete
eine der ersten wie folgt: Diese in einer fremden Welt hilflos
schwankende Gestalt, dieser schlafumfangene Blick, diese angstverhaltene
Gebrde, diese ber einem etwas verkmmerten Untergesicht edel thronende
Stirn, auf welcher Frieden und Reinheit strahlen: es sind fr mich
Zeugen von unbesiegbarer Deutkraft. Wenn sich die Vermutungen
bewahrheiten, mit denen sie mich erfllen, wenn ich die Wurzeln dieses
Daseins aufgraben und seine Zweige zum Blhen bringen kann, dann will
ich der stumpfgewordenen Welt den Spiegel unbefleckten Menschentums
entgegenhalten, und man wird sehen, da es gltige Beweise gibt fr die
Existenz der Seele, die von allen Gtzendienern der Zeit mit elender
Leidenschaft geleugnet wird.

Es war ein schwieriger Weg, den der eifervolle Pdagoge ging. Da, wo er
zu beginnen hatte, war die menschliche Sprache ein wesenloses Ding, Wort
um Wort mute erst seinem Sinn angeheftet, Erinnerung erst erweckt,
Ursache und Folge in ihrer Verkettung erst entschleiert werden. Zwischen
einer Frage und der nchsten lagen Welten des Begreifens, ein Ja, ein
Nein, oft hilflos hingeworfen, galt noch nichts, wo jeder Begriff erst
aus der Dunkelheit erstand und die Verstndigung von Vokabel zu Vokabel
stockte. Und doch schien ein Licht wie aus weit entfernter Vergangenheit
den Geist des Jnglings viel rascher zu beflgeln, als selbst der
hoffnungsselige Daumer zu erwarten gewagt hatte. Es war erstaunlich, mit
welcher Leichtigkeit und Kraft er einmal Gesagtes festhielt und wie er
aus dem Chaos unlebendiger Laute das fr ihn Lebendige und
Bedeutungsvolle bildvoll hervorzauberte, so da es Daumer zumute war,
als hebe er blo Schleier von den Augen seines Schtzlings, als spiele
er die Rolle des Lauschers bei den langsam hervorquellenden
Erinnerungen. Er hielt den Krper, indes der Geist des Knaben
zurckkehrte in den Bezirk, von wo er kam, und eine Kunde brachte,
dergleichen kein Ohr je vernommen.




Bericht Caspar Hausers, von Daumer aufgezeichnet


Soweit Caspar sich entsinnen konnte, war er immer in einem dunkeln Raum
gewesen, niemals anderswo, immer in demselben Raum. Niemals den Menschen
gesehen, niemals seinen Schritt gehrt, niemals seine Stimme, keinen
Laut eines Vogels, kein Geschrei eines Tieres, nicht den Strahl der
Sonne erblickt, nicht den Schimmer des Mondes. Nichts vernommen als sich
selbst, und doch nichts von sich selber wissend, der Einsamkeit nicht
inne werdend.

Das Gemach mu von geringer Breite gewesen sein, denn er glaubte, einmal
mit ausgestreckten Armen zwei gegenber liegende Wnde berhrt zu
haben. Vordem aber schien es unermelich gro; angekettet an ein
Strohlager, ohne die Fessel zu sehen, hatte Caspar niemals den Fleck
Erde verlassen, auf dem er traumlos schlief, traumlos wachte. Dmmerung
und Finsternis waren unterschieden, so wute er also um Tag und Nacht;
er kannte ihre Namen nicht, allein er sah die Schwrze, wenn er einmal
in der Nacht erwachte und die Mauern entschwunden waren.

Er hatte kein Ma fr die Zeit. Er konnte nicht sagen, wann die
unergrndliche Einsamkeit begonnen hatte, er dachte zu keiner Stunde
daran, da sie einmal enden knne. Er sprte keinerlei Verwandlung an
seinem Leibe, er wnschte nicht, da etwas anders sein solle, als es
war, es schreckte ihn kein Ungefhr, nichts Knftiges lockte ihn, nichts
Vergangenes hatte Worte, stumm lief die regelvolle Uhr des kaum
empfundenen Lebens, stumm war sein Inneres wie die Luft, die ihn umgab.

Wenn er am Morgen erwachte, fand er frisches Brot neben dem Lager und
den Wasserkrug gefllt. Bisweilen schmeckte das Wasser anders als sonst;
wenn er getrunken hatte, verlor er seine Munterkeit und schlief ein.
Nach dem Aufwachen mute er dann das Krglein sehr oft in die Hand
nehmen, er hielt es lange an den Mund, doch flo kein Wasser mehr
heraus; er stellte es immer wieder hin und wartete, ob nicht bald Wasser
komme, weil er nicht wute, da es gebracht wurde; hatte er doch keinen
Begriff, da auer ihm noch jemand sein knne. An solchen Tagen fand er
reines Stroh auf seinem Bette, ein frisches Hemd am Krper, die Ngel
beschnitten, die Haare krzer, die Haut gereinigt. All das war im Schlaf
geschehen, ohne da er es gemerkt, und kein Nachdenken darber umflorte
seinen Geist.

Ganz allein war Caspar Hauser nicht; er besa einen Kameraden. Er hatte
ein weies Pferdchen aus Holz, ein namenloses, regungsloses Ding und
gleichwohl etwas, in dem sein eignes Dasein sich dunkel spiegelte. Da er
die lebendige Gestalt in ihm ahnte, hielt er es fr seinesgleichen, und
in den matten Glanz seiner knstlichen Augenperlen war alles Licht der
ueren Welt gebannt. Er spielte nicht mit ihm, nicht einmal lautlose
Zwiesprach hielt er mit ihm, und obwohl es auf einem Brettchen mit
Rdern stand, dachte er nie daran, es hin und her zu schieben. Aber wenn
er sein Brot a, reichte er ihm jeden Bissen hin, bevor er ihn selbst
zum Mund fhrte, und bevor er einschlief, streichelte er es mit
liebkosender Hand.

Das war sein einziges Tun in vielen Tagen, langen Jahren.

Da geschah es einst whrend der Zeit des Wachens, da sich die Mauer
auftat, und von drauen her, aus dem Niegesehenen, erschien eine
ungeheure Gestalt, ein Niegesehener, der erste Andre, der das Wrtchen
Du sprach und den Caspar deshalb den Du nannte. Die Decke des Raumes
ruhte auf seinen Schultern, etwas unverstndlich Leichtes und
Vernderliches war in der Bewegung seiner Glieder, ein Lrm war um ihn,
der das Ohr fllte, Laut um Laut flo rasch von seinen Lippen, zu
atemlosem Hren zwang das Leuchten seiner Augen, und an seinen Kleidern
hing das Drauen als ein betubender Geruch.

Von den vielen Worten, die aus dem Munde des Du kamen, verstand Caspar
zunchst keines, aber durch tieferregtes Aufmerken begriff er
allmhlich, da der Ungeheure ihn fortbringen wolle, da das Ding, das
seine Einsamkeit geteilt, den Namen Ro trug, da er andre Rosse
erhalten werde und da er lernen solle.

Lernen, sagte der Du immer wieder, lernen, lernen. Und wie um
klarzumachen, was das heie, stellte er einen Schemel mit vier runden
Fen vor ihn hin, legte ein Blatt Papier darauf, schrieb zweimal den
Namen Caspar Hauser und fhrte beim Nachschreiben Caspars Hand. Dies
gefiel Caspar, weil es schwarz und wei aussah.

Darauf legte der Du ein Buch auf den Schemel und sprach, auf die
winzigen Zeichen deutend, die Worte vor. Caspar konnte sie alle
wiederholen, ohne irgend den Sinn erfat zu haben. Auch andre Worte und
gewisse Redensarten plapperte er nach, die ihm der Mann vorsagte, zum
Beispiel: Ich mcht' ein solcher Reiter werden wie mein Vater.

Der Du schien zufrieden; jedenfalls um ihn zu belohnen, zeigte er ihm,
da man das Holzpferd auf dem Boden hin und her rollen knne, und damit
vergngte sich Caspar, als er am andern Morgen erwachte. Er schob das
Rlein vor seinem Lager auf und ab, wobei ein Gerusch entstand, das
den Ohren wehe tat; deshalb lie er es wieder und begann dafr mit dem
Pferd zu reden, indem er die unverstndlichen Laute aus dem Munde des Du
nachahmte. Es war eine wunderliche Lust fr ihn, sich selbst zu hren,
er hob die Arme und fllte den Raum mit seinem freudigen Gelall.

Seinen Kerkermeister mochte dies verdrieen und beunruhigen, er wollte
ihn zum Schweigen bringen: auf einmal sah Caspar einen Stab ber seine
Schulter sausen und sprte zugleich einen so heftigen Schmerz auf dem
Arm, da er vor Schrecken nach vorne fiel. Mitten in der Angst machte er
die erstaunliche Wahrnehmung, da er nicht mehr ans Lager angebunden
war. Eine Zeitlang verhielt er sich ganz stille, dann versuchte er,
vorwrts zu rutschen, aber ihm graute, als er mit seinen bloen Fen
die kalte Erde berhrte. Mit Mhe erreichte er sein Lager und versank
sofort in Schlaf.

Es wurde dreimal Nacht und Tag, ehe der Du wiederkam und versuchte, ob
Caspar noch seinen Namen schreiben und die Worte aus dem Buch lesen
konnte. Er verbarg nicht seine Verwunderung, als der Knabe dies mhelos
vermochte. Er wies auf Dinge rings im Raum und nannte ihre Namen; er
redete langsam, Aug' in Aug' mit Caspar, und hielt ihn dabei an der
Schulter fest; durch seine Blicke, seine Gebrden, das Verzerren seiner
Zge hindurch ahnte Caspar, was er sagte, und ihm schauderte, whrend
seine stotternde Zunge dem Mann gehorsam war.

In der folgenden Nacht wurde er aus dem Schlaf gerttelt. Lange und mit
Qual sprte er es und konnte doch nicht ganz erwachen. Als er endlich
die Augen aufschlug, war die Mauer geffnet, und ein purpurroter Schein
flo in den Raum. Der Du war ber ihn gebeugt und sprach leise,
vielleicht um Caspars Furcht zu stillen. Er richtete ihn empor und
bekleidete ihn mit Hosen, mit einem Kittel und mit Stiefeln, dann
stellte er ihn auf die Fe, lehnte ihn gegen die Wand und kehrte sich
mit dem Rcken gegen ihn. Er umfate seine Beine, hob ihn auf, Caspar
umschlang mit den Armen seinen Hals, und nun ging es hinauf, einen hohen
Berg hinauf, so schien es Caspar; in Wirklichkeit war es wahrscheinlich
die Treppe des unterirdischen Verlieses. Furchtbar drhnte der Atem des
Mannes, etwas Khles und Feuchtes schlug Caspar ins Gesicht, setzte sich
in seinen Haaren fest, die sich von selbst zu bewegen anfingen, und
klammerte sich an seine Haut.

Pltzlich wich die Schwrze, sie rauschte auf den Boden nieder; alles
wurde weit, weich und blieb doch dunkel; in der Tiefe, in der Ferne
wuchteten fremde groe Dinge; von oben brach ein blauer Strahl und
verlor sich wieder, das Schlpfrig-Feuchte blhte die Falten der
Kleider, durchdringende Gerche wogten umher, Caspar begann zu weinen
und schlief auf dem Rcken des Mannes ein.

Beim Erwachen lag er auf dem Boden, das Gesicht zur Erde gekehrt, und
von unten strmte Klte in den Leib. Der Du richtete ihn auf. Die Luft
brannte sonderbar, und ein unertrglich heller Schein flirrte vor den
Augen. Der Du machte ihm begreiflich, da er gehen lernen msse; er
zeigte ihm, wie er gehen solle, er hielt ihn von hinten unter den Armen
und stie seinen Kopf gegen die Brust, ihm so befehlend, da er auf den
Boden sehen solle. Caspar gehorchte wankend und zitternd, die Luft und
der Schein brannten ihm die Augenlider, die Gerche machten ihn
schwindeln, die Sinne vergingen.

Er schlief wieder; wie lange, das wute er nicht. Auch wute er nicht,
wie oft er zu gehen probiert hatte, als es wieder dunkel wurde.
Vielleicht glaubte er, es sei Nacht geworden, whrend sie sich nur in
einem Wald befanden. Den Weg gewahrte er nicht, er konnte nicht sagen,
ob es aufwrts oder abwrts ging. Ob Bume oder Wiesen oder Huser da
waren, wute er nicht. Bisweilen schien ihm alles ringsum in rote Glut
getaucht, aber wenn das Weiche, Dunkle kam, dehnten sich Luft und Erde
blulich und grn. Ob Menschen vorbergingen, konnte er nicht sagen, er
gewahrte nicht den Himmel, er sah nicht einmal das Gesicht des Mannes.
Einmal fiel Wasser von der Hhe; er dachte, der Du schtte ihn mit
Wasser an, und beklagte sich, doch jener entgegnete, er schtte ihn
nicht an, er deutete in die Luft und rief: Regen! Regen!

Wie lange er so unterwegs gewesen, wute er nicht. Ihm dnkte, jedesmal
wenn er sich, erschpft vom Gehen, zur Ruhe niedergelegt, sei ein Tag
vergangen. Furcht zog ihn hin und bemeisterte seine Mdigkeit, sie
spannte seine Gelenke und ri sein Haupt nach oben, indes die Augen
unaufhrlich zur Tiefe starrten. Der Du gab ihm dasselbe Brot zu essen,
das er im Kerker genossen, und lie ihn Wasser aus einer Flasche
trinken. Caspars Erschpfung und seine Angst, wenn der Wind durch die
Bsche sauste, oder wenn ein Tier schrie, oder wenn das Gras um seine
Fe klirrte, suchte er durch das Versprechen schner Pferdchen zu
besiegen, und als Caspar endlich lngere Zeit allein gehen konnte, sagte
er, nun seien sie bald da. Er wies mit dem Arm in die Ferne und sagte:
Groe Stadt.

Caspar sah nichts, taumelnd tappte er vorwrts; nach einer Weile hielt
ihn der Du bei den Armen zum Zeichen, da er stehenbleiben solle, gab
ihm einen Brief und sagte, den Mund nahe an Caspars Ohr: La dich
weisen, wo der Brief hingehrt.

Caspar machte noch ein paar Schritte, und als er sich dann umsah, war
der Du verschwunden. Er sprte pltzlich Steine unter den Fen, er
tastete nach allen Seiten, um sich zu halten, er sah Steinmauern, die im
Sonnenlicht feurig lohten, aber Entsetzen packte ihn erst, als er
Menschen gewahrte, erst einen, dann zwei, dann viele. Grauenhaft nah
kamen sie heran, umstanden ihn, schrien ihm zu, einer ergriff ihn und
schleppte ihn vorwrts, alles ringsumher war Lrm und Getse; er
begehrte zu schlafen, sie verstanden ihn nicht; er sprach von seinem
Vater, von den Rossen, sie lachten und verstanden ihn nicht; er jammerte
ber seine wunden Fe, sie verstanden es nicht; er schlief im Stall des
Rittmeisters, dann kamen wieder andre Gestalten, um, kaum da sie sich
gezeigt, mit unbegreiflicher Hast wieder zu fliehen, die Luft war schwer
und kaum zu atmen, die gewaltigen Dinge, als welche ihm die Huser
erschienen, drngten sich an ihn an, und auf der Wachtstube erschreckten
ihn die wilden Mienen und Gebrden der Leute so, da er zu Trnen seine
Zuflucht nahm.

Wiederum schlief er lange, und danach wurde er auf den Turm gebracht.
Der Mann, der ihn die groe Stiege hinauffhrte, sprach mit starker
Stimme und ffnete eine Tr, die einen besonderen Hall von sich gab.
Kaum hatte er sich auf dem Strohsack niedergelassen, so begann die
Turmuhr zu schlagen, worber Caspar in unermeliches Erstaunen geriet.
Er lauschte angestrengt, aber nach und nach hrte er nichts mehr, seine
Aufmerksamkeit verlor sich und er fhlte nur das Brennen seiner Fe. In
den Augen hatte er keine Schmerzen, da es dunkel war. Er setzte sich auf
und wollte nach dem Krglein langen, um seinen Durst zu stillen. Er sah
kein Wasser und kein Brot, anstatt dessen sah er einen Boden, der ganz
anders beschaffen war als dort, wo er frher gewesen. Nun wollte er nach
seinem Pferdchen greifen und mit ihm spielen, es war aber keines da, und
er sagte: Ich mcht' ein solcher Reiter werden wie mein Vater.

Das sollte heien: Wo ist das Wasser hin und das Brot und das Pferdchen?

Er bemerkte den Strohsack, auf dem er lag, betrachtete ihn mit
Verwunderung und wute nicht, was es sei; mit dem Finger darauf
klopfend, vernahm er dasselbe Gerusch wie von dem Stroh, das sonst sein
Lager gewesen. Dies erfllte ihn mit Beruhigung, so da er wieder
einschlief und erst mitten in der Nacht vom oftmals wiederholten Ton der
Glocke erwachte. Er lauschte lang, und als der Schall verklungen war,
sah er den Ofen, der eine grne Farbe hatte und einen Glanz von sich gab
(denn Caspar vermochte selbst in tiefer Dunkelheit die Farben zu
unterscheiden). Er blickte sehr angespannt hinber und murmelte wieder:
Ich mcht' ein solcher Reiter werden wie mein Vater.

Das sollte heien: Was ist denn dieses und wo bin ich denn? Auch drckte
er damit sein Verlangen nach dem glnzenden Ding aus.

In der Frhe ffnete der Wrter die Fensterlden, das helle Tageslicht
tat Caspars Augen wehe; er fing zu weinen an und sagte: Hinweisen, wo
der Brief hingehrt, und damit wollte er sagen: Warum tun mir die Augen
weh? Tu es weg, was mich brennt, gib mir das Pferdchen zurck und plag
mich nicht so. Denn er sprach im Geiste mit dem Du, von dem er glaubte,
da er Abhilfe schaffen knnte. Er hrte die Uhr wieder schlagen, das
nahm ihm die Hlfte der Schmerzen, und indes er horchte, kam ein Mann
und stellte allerhand Fragen, aber Caspar gab keine Antwort, weil seine
Aufmerksamkeit auf den verhallenden Klang gerichtet war. Der Mann fate
ihn am Kinn, hob seinen Kopf in die Hhe und redete mit starker Stimme.
Jetzt hrte Caspar zu und sagte all seine gelernten Worte her, aber der
Mann verstand ihn nicht. Er lie seinen Kopf los, setzte sich neben
Caspar und fragte immerfort; als nun die Uhr wieder tnte, sagte Caspar:
Ich mcht' ein solcher Reiter werden wie mein Vater.

Das sollte bedeuten: Gib mir das Ding, das so schn klingt.

Der Mann verstand ihn nicht und redete weiter, da fing Caspar an zu
weinen und sagte: Ro geben, womit er den Mann bat, er mge ihn nicht
so qulen.

Er sa dann lange Zeit allein. Aus weiter Ferne klang ein
Trompetenschall aus der Kaiserstallung, und als ein andrer Mann eintrat,
sagte Caspar die Redensart mit dem Brief; das sollte heien: Weit du
nicht, was das ist? Der Mann brachte den Wasserkrug und lie Caspar
trinken, danach ward es ihm leicht zumute und er sagte: Mcht' ein
solcher Reiter werden wie mein Vater. Das bedeutete: Jetzt darfst du
nicht mehr fortgehen, Wasser. Bald erklang wieder die Trompete und
Caspar lauschte freudig; er dachte, wenn sein Pferdchen kme, wrde er
ihm erzhlen, was er gehrt.

An diesem Tag aber begann schon die Peinigung, die er von den vielen
Menschen auszustehen hatte.




Eine hohe amtliche Person wird Zeuge eines Schattenspiels


Natrlich hatte es wochenlang gedauert, bis Professor Daumer einen so
vollstndigen Einblick in die Vergangenheit des Jnglings gewonnen
hatte. Dies alles ans Licht zu bringen, kndbar, greifbar, hatte
hnlichkeit gehabt mit der Arbeit eines Brunnengrbers. Was anfangs ein
Fiebertraum geschienen, besa nun die Zge des Lebens.

Daumer verfehlte nicht, der Behrde den Sachverhalt in einer
gewissenhaften Niederschrift vorzulegen. Die Folge davon war, da sich
der Magistrat entschlo, die Bahn frmlicher Verhre zu verlassen und in
eine vertrautere Beziehung zu dem Unglcklichen zu treten. Die
aufflligen Besonderheiten seines Wesens sollten noch einmal berprft
werden, hie es in einer der gerichtlichen Noten, deshalb wurden rzte,
Gelehrte, Polizeibeamte, scharfsinnige Juristen, kurz unzhlige
Personen, die an seinem Schicksal freien Anteil nahmen, zu ihm auf den
Turm geschickt. Es war ein endloses Schnffeln und Debattieren, Zweifeln
und Staunen, doch die verschiedenen Erklrungen liefen alle auf eins
hinaus, und die bloe Kraft des Augenscheins mute den Daumerschen
Bericht besttigen.

Wenige Tage spter, gegen Anfang Juli, verffentlichte der Brgermeister
einen Aufruf, der im ganzen Land Verwunderung und Beunruhigung erregte.
Zunchst wurde darin das Erscheinen Caspar Hausers geschildert, und
nachdem die eigne Erzhlung des Jnglings mit tunlichster
Ausfhrlichkeit wiedergegeben war, beschrieb der Verfasser diesen
selbst. Er sprach von der alle Umgebung bezaubernden Sanftmut und Gte
des Knaben, in der er anfangs immer nur mit Trnen und nun, im Gefhl
der Erlsung, mit Innigkeit seines Unterdrckers gedenke; von seiner
rhrenden Ergebenheit an diejenigen, die hufig mit ihm umgingen, von
seiner unbedingten Willfhrigkeit zum Guten, die mit der Ahnung dessen
verbunden sei, was bse ist, ferner von seiner auerordentlichen
Lernbegierde.

Alle diese Umstnde, fuhr der beredsame Erla fort, geben in
demselben Ma, in dem sie die Erinnerungen des Jnglings bekrftigen,
die berzeugung, da er mit herrlichen Anlagen des Geistes und des
Herzens ausgestattet ist, und berechtigen zu dem Verdacht, da sich an
seine Kerkergefangenschaft ein schweres Verbrechen knpft, wodurch er
seiner Eltern, seiner Freiheit, seines Vermgens, vielleicht sogar der
Vorzge hoher Geburt, in jedem Fall aber der schnsten Freuden der
Kindheit und hchsten Gter des Lebens verlustig geworden ist.

Eine khne und folgenschwere Vermutung, die eher dem mitleidigen Gemt
und dem romantischen Geist als der behrdlichen Vorsicht eines hohen
Brgermeisteramtes zur Ehre gereichte!

Zudem beweisen mancherlei Anzeichen, hie es weiter, da das
Verbrechen zu einer Zeit verbt worden, wo der Jngling der Sprache
schon einmal mchtig gewesen und der Grund zu einer edeln Erziehung
gelegt war, die gleich einem Stern in finsterer Nacht aus seinem Wesen
hervorleuchtet. Es ergeht daher an die Justiz-, Polizei-, Zivil- und
Militrbehrden und an jedermann, der ein menschliches Herz im Busen
trgt, die dringende Aufforderung, alle, auch die unbedeutendsten Spuren
und Verdachtsgrnde bekanntzugeben. Und nicht etwa deswegen, um Caspar
Hauser zu entfernen, denn die Gemeinde, die ihn in ihren Scho
aufgenommen, liebt ihn, betrachtet ihn als ein von der Vorsehung ihr
zugefhrtes Pfand der Liebe, das sie ohne gltigen Beweis der Ansprche
andrer nicht abtreten wird, sondern nur, um die beltat zu entdecken und
den Bsewicht samt seinen Gehilfen der gerechten Shne auszuliefern.

Wahrscheinlich wurden von den Urhebern groe Hoffnungen an das Manifest
geknpft, aber die Sache nahm einen ganz unerwarteten Verlauf und
bereitete den Nrnberger Herren mancherlei Verlegenheiten. Zunchst lief
eine Menge unsinniger und verleumderischer Bezichtigungen ein, durch
welche eine Reihe von adligen Familien und von intimen Vorgngen in
aristokratischen Kreisen dem Gerede ausgesetzt wurden: Kindesmord,
Kindesraub, Kindesunterschiebung waren nach Ansicht des gemeinen Volks
Verbrechen, welche die vornehmen Leute tglich und zum Vergngen
begehen.

Schlimmer war es, da die magistratische Bekanntmachung dem Appellhof
des Rezatkreises auf nichtamtlichem Weg zu Hnden kam. Irgendein
grimmiger Hofrat am selben Gerichtshof erlie allsogleich ein
gepfeffertes Schreiben an die Kreisregierung in Ansbach, worin erstlich
die Publikation des Nrnberger Brgermeisters als vorschriftswidrig,
zweitens als abenteuerlich bezeichnet wurde, worin drittens der lebhafte
Tadel darber ausgedrckt war, da durch das verfrhte Preisgeben
wichtiger Umstnde eine Kriminaluntersuchung wenn auch nicht vereitelt,
so doch sehr erschwert worden sei. Der ergrimmte Hofrat ersuchte daher
die Regierung, den Magistrat zu strenger Rechenschaft zu ziehen und zu
befehlen, da die den Fall behandelnden Polizeiakten unverzglich anher
zu senden seien.

Die Regierung lie sich das nicht zweimal sagen. Sie sendete ein
Reskript an den Stadtkommissr von Nrnberg und uerte sich dahin, da
die erzhlte Lebensbeschreibung des Findlings so viele grobe
Unwahrscheinlichkeiten enthalte, da der Gedanke an eine rgerliche
Tuschung nicht abzuweisen sei. Gleichzeitig wurden die noch vorhandenen
Exemplare des Intelligenzblattes und des Friedens- und
Kriegskuriers, in welchen Zeitungen der Aufruf erschienen war,
beschlagnahmt. Dies wurde dem Appellhof ordnungsgem mitgeteilt und die
Erwgung daran geknpft, ob die strafrechtliche Verfolgung des Hftlings
einzuleiten sei oder nicht.

Den Magistratsherren fuhr ein heilloser Schrecken in die Glieder.
Schleunigst lieen sie die Aktenfaszikel zusammenpacken und schickten
sie mit Eilpost nach Ansbach hinber. Vielleicht whnten sie, da nun
alles gut sei, aber der grimme Hofrat dortselbst erhob alsbald wieder
seine Stimme. Die Verhre mit dem Hftling und die Zeugnisse ber ihn
sind aktenmig nicht einwandfrei, zeterte er; es sind keineswegs alle
Personen, die zuerst mit ihm in Berhrung getreten sind, polizeilich
vernommen worden; ferner htte der Professor Daumer, um der ffentlichen
Bekanntmachung des Magistrats eine rechtliche Basis zu geben, seine
Gesprche mit dem Findling zu den Akten legen sollen.

Die Regierung, um ein briges zu tun, warnte den Magistrat vor
einseitigem Verfahren. Darauf erwiderte der Magistrat in einem Anfall
von Trotz und Entrstung: ja, aber in den Maregeln, wie ihr sie
verlangt, liegt Gefahr, die Entdeckung zu hemmen, welche Anklage die
vorgesetzte Behrde mit zorniger Energie zurckwies. Holt eure
Versumnisse nach, diktierte sie, protokolliert Verhre, schickt Akten,
Akten, nichts als Akten.

Mit innerer Wut hatte der Professor Daumer diese Vorgnge verfolgt. Er
bezeichnete das Treiben der Ansbacher Behrde als widerwrtige
Federfuchserei und hatte allen Ernstes die Absicht, seinem Unmut in
einer geharnischten Epistel an die Regierung Luft zu machen. Mit Mhe
hielten besonnene Freunde ihn davon zurck. Aber es mu doch etwas
geschehen! warf er ihnen voll Emprung entgegen, man ist ja auf dem
besten Weg, einen Justizmord zu begehen, und soll ich dazu die Hnde in
den Scho legen?

Das ratsamste wre, antwortete der Freiherr von Tucher, der bei diesem
Auftritt anwesend war, sich persnlich an den Staatsrat Feuerbach zu
wenden.

Das hiee also, nach Ansbach reisen?

Gewi.

Aber nehmen Sie denn an, da er, als Prsident des Appellgerichts, von
den Manahmen seiner untergebenen Beamten nicht schon unterrichtet ist
und sie etwa gar mibillige?

Gleichviel, ich verspreche mir etwas von einer mndlichen
Auseinandersetzung; ich kenne Herrn von Feuerbach, er ist der letzte,
der einer gerechten Sache sein Ohr verschliet.

Die Reise wurde beschlossen. Daumer und Herr von Tucher befanden sich am
andern Tag schon in Ansbach. Unglcklicherweise war der Prsident
Feuerbach gerade auf einer Inspektionsreise durch den Bezirk, sollte
erst am fnften Tag zurckkommen, und die beiden Herren, sofern sie das
vorgesetzte Ziel erreichen wollten, muten ihren Aufenthalt in der
Kreishauptstadt ber Gebhr verlngern.

Mittlerweile hatte der Findling eine gar bse Zeit. Sein Turmgefngnis
wurde das Ziel aller Miggnger und Neugierlinge der ganzen Stadt. Man
lief hin wie zu der Ausstellung einer unterhaltsamen Raritt, denn der
magistratische Erla hatte ihn zu einem ffentlichen Gegenstand gemacht.
Seine bisherigen Beschtzer waren ein wenig zurckhaltender geworden,
denn man wute ja nicht, wie die Geschichte enden wrde und ob nicht ein
hochweises Appellgericht ihn zum gewhnlichen Schwindler stempeln wrde.
Der Turmwrter durfte der allgemeinen Volksbelustigung nicht steuern,
der Brgermeister selbst hatte die frheren Befehle aufgehoben, weil es
zweckmig schien, da mglichst viele Leute den Fremdling sahen. Oft
erbarmte ihn der wehrlose Knabe, doch schmeichelte es anderseits seiner
Eitelkeit, Herr ber ein solches Wunderding zu sein, auch spazierte
nebenbei mancher Groschen in den Beutel.

Brach der Morgen an und Caspar Hauser erhob sich vom Schlaf, seltsam
mde, mit den Augen das Licht meidend; sa er traurig stumm in der Ecke,
whrend Hill den Strohsack aufschttelte und Wasser und Brot brachte,
dann erschienen schon die ersten Besucher, die berufsmigen
Frhaufsteher: Straenkehrer, Dienstmgde, Bckergesellen, Handwerker,
die zur Arbeit gingen, auch Knaben, die auf dem Weg zur Schule einen
ergtzlichen Abstecher machten, sogar einige hchst unbrgerliche
Erscheinungen, zerlumpte Herren, die die Nacht im Stadtgraben oder in
einer Scheune verbracht hatten.

Mit dem Verlauf des Tages wurde die Gesellschaft vornehmer; es kamen
ganze Familien, der Herr Rendant mit Weib und Kind, der Herr Major
a.D., der Schneidermeister Bgelflei, Graf Rotstrumpf mit seinen
Damen, Herr von bel und Herr von Strbel, die ihre Morgenpromenade zum
Zweck einer Besichtigung des kuriosen Untiers unterbrachen.

Es war ein heiteres Treiben; man konversierte, wisperte, lachte,
spottete und tauschte Meinungen aus. Man war freigebig und brachte dem
Jngling allerlei Geschenke, die er ansah wie ein Hund, der noch nicht
apportieren gelernt hat, den fortgeworfenen Spazierstock seines Herrn
ansieht. Man legte Ewaren vor ihn hin, um seinen Appetit zu reizen; so
schleppte zum Beispiel die Kanzleirtin Zahnlos einmal eine ganze
Schinkenkeule herauf, die allerdings am andern Tag verschwunden war --
wohin, das wute niemand; doch zog man bedeutsame Schlsse daraus.

Vor allem hie es: zeigt uns das Wunder, das angepriesene Wunder! Aber
da der schweigsame, sanftherzige Knabe nichts von alledem tat, was sie
in ihrer lsternen Erwartung sich eingebildet, so begannen sie entweder
zu schimpfen -- als ob sie Eintrittsgeld bezahlt htten und darum
betrogen worden wren -- oder stellten die erstaunlichsten Torheiten an.
Indem sie ihn fortwhrend mit Fragen qulten, woher er komme, wie er
heie, wie alt er sei und hnliches, kamen sie sich sowohl witzig wie
berlegen vor. Sein flehentliches Kopfschtteln, sein ungereimtes Nein
oder Ja, das wie aus Kindermund froh-bereitwillig und furchtsam zugleich
klang, sein Gestotter, sein glubiges Lauschen, alles das erregte ihr
Behagen. Einige brachten ihr Gesicht ganz nah an seines und waren hchst
vergngt, wenn er vor ihren Starrblicken sichtlich bis ins Innerste
erschrak. Sie befhlten seine Haare, seine Hnde, seine Fe, zwangen
ihn, durchs Zimmer zu spazieren, zeigten ihm Bilder, die er erklren
sollte, und taten zrtlich mit ihm, whrend sie einander listig
zuzwinkerten.

Aber die Harmlosigkeit solcher Versuche ward den unternehmenderen
Geistern bald berdrssig. Man wollte sich doch berzeugen, ob es seine
Richtigkeit damit hatte, da der Gefangene jede Nahrung auer Brot und
Wasser verschmhe. Man hielt ihm Fleisch und Wurst, Honig oder Butter,
Milch oder Wein vor die Nase und amsierte sich kstlich, wenn der Knabe
vor Ekel frmlich auer sich geriet. Ei, der Komdiant, kreischten sie
dann, tut, als ob er unsre Leckerbissen verachte! Hat sich
wahrscheinlich mal in eines groen Herrn Kche berfressen!

Einen Hauptspa gab's, als einmal zwei junge Meister der
Goldschlgerinnung Schnaps herbeibrachten und sich verabredeten, dem
Hauser das Getrnk mit Gewalt aufzuntigen. Der eine hielt ihn, der
andre wollte ihm das volle Glas zwischen die Lippen schtten. Doch
konnten sie ihren Plan nicht ausfhren, weil ihr Opfer durch den bloen
Geruch, der aus dem Gef strmte, das Bewutsein verloren hatte. Sie
waren einigermaen verdutzt und wuten mit dem Ohnmchtigen nichts
anzufangen; zum Glck sahen sie ihn atmen und hatten weiter keine
Furcht. Glaubt ihm doch seine Kniffe nicht, meinte ein stutzerhaft
gekleidetes Brschlein, das bisher gelangweilt dabeigestanden, ich will
ihn schon wieder munter kriegen. Sprach's, zog lchelnd die goldene
Schnupftabaksdose und steckte eine volle Prise unter die Nase des
vermeintlichen Simulanten, dessen Gesicht sogleich von heftigen
Zuckungen bewegt wurde, worber alle drei in Gelchter ausbrachen. Als
dann der Wrter kam und sie derb zur Rede stellte, zogen sie schimpfend
ab und rumten den Plan einem gravittischen lteren Herrn, der den
langsam zum Leben zurckkehrenden Caspar von vorn und von hinten
beschnffelte, den Finger an die Stirn legte, sich rusperte, den Kopf
schttelte, erst franzsisch, dann spanisch, dann englisch auf den
Jngling einredete, mit dem Wrter tuschelte, kurz von Wichtigkeit
frmlich barst.

Caspar jedoch sah ihn immer nur an und sagte in jmmerlichem Ton:
Heimweisen.

Warum spielst du nicht mit dem Rlein? fragte, als die wichtige
Person gegangen war, der Wrter. Man verstndigte sich mit Caspar noch
immer mehr durch Gesten als durch Worte, und er selbst las, was Worte
ihm nicht mitteilen konnten, von den Augen und den Hnden der Menschen
ab.

Er blickte auch Hill lange an und sagte: Heimweisen.

Heimweisen? antwortete der Wrter, halb verdrielich, halb mitleidig.
Wohin denn heim? Wo bist du denn daheim, du Unglckswurm? In dem
unterirdischen Loch vielleicht? Nennst du das daheim?

Der Du soll kommen, sagte Caspar klar, langsam und hell.

Der wird sich hten, versetzte Hill, brbeiig lachend.

Der Du kommt, bald kommt, beharrte Caspar, und er schaute mit einem
Ausdruck feierlicher Inbrunst gegen den abendlichen Himmel, als sei er
berzeugt, da der Du durch die Lfte schreiten knne. Dann erhob er
sich in seiner mhevollen Weise, nahm sein Spielpferdchen und versuchte
es zu tragen, denn dies allein wollte er von den Gegenstnden, die er
geschenkt erhalten, mitnehmen, wenn der Du kme, sonst nichts.

Hill begriff sein Vorhaben. Nein, Caspar, sagte er, jetzt mut du
schon in dieser Welt bleiben. Da sie dir nicht gefallen mag, versteh'
ich wohl. Mir gefllt sie auch nicht, aber dableiben mut du.

Caspar, wenngleich er den Worten nicht ganz folgen konnte, erfate doch
den unabnderlichen Beschlu, den sie enthielten. Er begann an allen
Gliedern zu beben, laut weinend warf er sich zu Boden, aber auch spter,
als es dem bestrzten Hill gelungen war, ihn zu trsten, schien es, wie
wenn er vor Kummer sein Herz verhauche. Die Traurigkeit seines Gemts
berflutete das kindhafte Gesicht wie ein dunkler Schleier, und am
Morgen waren seine Lider durch die whrend des Schlummers vergossenen
Trnen verklebt.

Er wollte zum erstenmal nicht mehr mit dem Pferdchen spielen, sondern
kauerte stundenlang ohne Regung auf einem Fleck. Bei jedem Krachen der
Treppe schttelte es ihn, und er schauderte, wenn sich wieder und wieder
ein neues Gesicht ber der Schwelle zeigte. Zitternd sah er die Menschen
an, der Geruch ihres Atems war ihm eine Pein und unertrglich, wenn sie
ihn berhrten. Am meisten Furcht hatte er vor ihren Hnden. Zuerst sah
er immer die Hnde an, merkte sich ihre verschiedene Gestalt und Farbe,
und ehe er sie an seiner Haut sprte, erschrak er schon, denn sie
erschienen ihm wie selbstndige Geschpfe, kriechende, klebrige,
gefhrliche Tiere, deren Tun von einem Augenblick zum andern gar nicht
abzuschtzen war.

Nur Daumers Hand, die einzige, deren Berhrung angenehm war, war
verschwunden. Warum? dachte Caspar, warum war dies alles? Warum das
seltsame Getse von frh bis spt? Woher kamen die fremden Gestalten,
warum so viele, und warum war ihr Mund und ihr Auge bse?

Das frische Wasser schmeckte ihm nicht mehr, auch hungerte ihn nicht
mehr nach dem gewrzten Brot. In seiner Erschpfung dnkte ihm mitten am
Tage, es sei Nacht geworden, und das Heigleiende, -funkelnde, von dem
man ihm gesagt, da es der Schein der Sonne sei, wurde vor seinen mden
Augen zu purpurnem Dunst. Es bengstigte ihn das Gerusch des Windes,
denn er verwechselte es mit den Stimmen der Menschen. Er sehnte sich in
die Einsamkeit seines Kerkers zurck; heimweisen war sein einziger
Gedanke.

Es war ein Sonntag. Sptnachmittags waren Daumer und Herr von Tucher aus
Ansbach wieder angelangt, und in ihrer Begleitung befand sich der
Staatsrat von Feuerbach, der sich entschlossen hatte, den Findling
selbst zu besuchen und womglich Klarheit in das unfruchtbare Hinundher
von Akten und Erlssen zu bringen. Nachdem er im Gasthof zum Lamm
Quartier gemietet hatte, lie sich der Prsident von den beiden Herren
sogleich zur Burg und auf den Turm fhren. Es hatte schon neun Uhr
geschlagen, als sie dort ankamen. Gro war ihre berraschung, als sie
das Zimmer Caspars leer fanden; die Frau des Wrters erklrte verlegen,
ihr Mann sei mit Caspar ins Wirtshaus zum Krokodil gegangen. Der
Rittmeister von Wessenig habe nmlich einigen seiner von auswrts
zugereisten Freunde den Findling zu zeigen gewnscht, habe
heraufgeschickt und befohlen, da man Caspar bringe.

Daumer war erbleicht und schaute, Schlimmes ahnend, finster zu Boden;
Herr von Tucher vermochte seinen Unwillen kaum zu bemeistern, und ber
die bartlosen Lippen des Prsidenten huschte ein halb mokantes, halb
verchtliches Lcheln; seine gebietende Haltung erinnerte an einen durch
Pflichtversumnisse vielfach beleidigten Frsten, als er sich mit der
schroffen Aufforderung zu seinen Begleitern wandte: Fhren Sie mich zu
diesem Wirtshaus!

Die Dunkelheit war eingebrochen, ber dem Dach des Rathauses stand
fahlleuchtend der Mond. Schweigend schritten die drei Mnner den Berg
hinab, und kaum waren sie, das winklige Gassengewirr verlassend, auf den
Weinmarkt getreten, als Daumer stehenblieb und mit erregter Stimme
flsterte: Da ist er.

In der Tat sahen sie Caspar, der gleich einem zu Tod Erkrankten am Arme
Hills aus dem Tor des Krokodilwirtshauses wankte. Der Prsident und Herr
von Tucher blieben ebenfalls stehen, und sie bemerkten jetzt, da der
Jngling pltzlich innehielt, zurckschauderte und, ein maloses Staunen
in den vor Angst weit aufgerissenen Augen, zu Boden starrte. Die drei
Mnner nherten sich eilig, um zu erfahren, was es sei. Sie sahen nichts
weiter als die Mondschatten des Jnglings und seines Begleiters auf dem
Pflaster.

Caspar wagte nicht mehr sich zu regen, weil er jede Bewegung seines
Krpers nachgeahmt sah von dem unbegreiflichen Ding. Seine Lippen waren
wie zum Schrei geffnet, seine Wangen schneewei und die Knie
schlotterten ihm. War es doch, als ob alles Grauenhafte und
Geheimnisvolle einer Welt, in die ein Ungefhr ihn geschleudert, sich zu
dem seltsam zuckenden Gebild am Boden verdichtet habe.

Daumer, Herr von Tucher und der Wrter bemhten sich um ihn, der
Prsident stand wortlos daneben. Als er emporblickte, bemerkte Daumer,
der ihn heimlich und gespannt beobachtete, in seinem strengen Gesicht
eine unverstellte Erschtterung.

Es fehlte nicht viel, so wre Hill, den der Zorn des Prsidenten am
ersten traf, noch am selben Abend aus seinem Amt gejagt worden; nur die
mutige Frsprache des Herrn von Tucher rettete ihn und lenkte das
Gewitter auf schuldigere Personen ab, denn die Vernachlssigung, die der
Gefangene erlitten, war allzu offenbar. Seiner ungestmen Art gem
suchte der Prsident sogleich den Brgermeister Binder auf, dem er die
heftigsten Vorwrfe machte. Herr Binder konnte nicht umhin, dem
Prsidenten kleinmtig beizupflichten; die Entschiedenheit, mit der er
den Gegenstand behandelt sah, bte tiefen Eindruck auf ihn, und er mute
einen kaum wieder gutzumachenden Fehler vor sich selber eingestehen. Von
seiner Seite war nur Lauheit im Spiel gewesen, die Scherereien mit der
Regierung hatten ihn verdrossen, jetzt auf einmal, da der mchtige Mann
seine Stimme fr den Findling erhob, wurde er sich seiner
Bereitwilligkeit bewut, alles Frdernswerte fr Caspar Hauser zu tun,
und er erklrte sich ohne weiteres einverstanden, als Herr von Feuerbach
verlangte, der Knabe msse seiner bisherigen Lage entrissen werden. Er
soll in eine geordnete Pflege kommen, sagte der Prsident, Professor
Daumer hat sich freiwillig erboten, ihn zu sich ins Haus zu nehmen, und
ich wnsche nicht, da dieser Schritt im geringsten verzgert werde.

Binder verbeugte sich. Ich werde morgen mit dem frhesten die ntigen
Anstalten treffen, antwortete er.

Nicht, bevor ich selbst mit dem Knaben gesprochen, versetzte der
Prsident hastig; ich werde um zehn Uhr auf dem Turm sein und bitte,
da man mich eine Stunde lang mit dem Gefangenen allein lasse.

Auch Daumer war ziemlich erregt heimgekommen. Kaum da er, nach
tagelanger Abwesenheit, Mutter und Schwester ordentlich begrte. Die
Herrschaften mssen artig gewtet haben, grollte er, indem er
unaufhrlich durch das Zimmer wanderte, der Knabe ist ja ganz verstrt.
Das hei' ich menschlich sein, das hei' ich Einsicht haben! Barbaren
sind sie, Schlchter sind sie! Und unter solchem Volk zu leben bin ich
gezwungen!

Warum sagst du es ihnen nicht selbst? bemerkte Anna Daumer trocken.
Hinter deinen vier Wnden zu schimpfen fruchtet wenig.

Sag mal, Friedrich, wandte sich nun die alte Dame an ihren Sohn, bist
du denn wirklich fest davon berzeugt, da du dein Herz nicht wieder
einmal an einen Gtzen wegwirfst?

Aus deiner Frage erkennt man, da du ihn noch immer nicht gesehen
hast, antwortete Daumer fast mitleidig.

Das wohl; es war mir ein zu gro Gerenne.

Also. Wenn man von ihm spricht, kann man nicht bertreiben, weil die
Sprache zu rmlich ist, um sein Wesen auszudrcken. Es ist wie eine
uralte Legende, dies Emportauchen eines mrchenhaften Geschpfs aus dem
dunkeln Nirgendwo; die reine Stimme der Natur tnt uns pltzlich
entgegen, ein Mythos wird zum Ereignis. Seine Seele gleicht einem
kostbaren Edelstein, den noch keine habgierige Hand betastet hat; ich
aber will danach greifen, mich rechtfertigt ein erhabener Zweck. Oder
bin ich nicht wrdig? Glaubt ihr, da ich nicht wrdig bin dazu?

Du schwrmst, sagte Anna nach einem langen Stillschweigen fast
unwillig.

Daumer zuckte lchelnd die Achseln. Dann trat er an den Tisch und sagte
in einem Ton, dessen Sanftheit gleichwohl einen gefrchteten Widerstand
im voraus zu bekmpfen schien: Caspar wird morgen in unser Haus ziehen;
ich habe Exzellenz Feuerbach darum angegangen und er hat meiner Bitte
willfahrt. Ich hoffe, da du nichts dawider einzuwenden hast, Mutter,
und da du mir glaubst, wenn ich versichere, es ist eine Sache von
groer Bedeutung fr mich. Ich bin hchst wichtigen Entdeckungen auf der
Spur.

Mutter und Tochter sahen erschrocken einander an und schwiegen.

Am nchsten Morgen um zehn fanden sich Daumer, der Brgermeister, der
Stadtkommissr, der Gerichtsarzt und einige andre Personen im Burghof
vor dem Gefngnisturm ein und warteten dritthalb Stunden auf den
Prsidenten, der bei dem Findling oben war. Daumer, der Gesprche mit
andern vermeiden wollte, stand fast ununterbrochen an der
Umfassungsmauer und blickte auf das malerische Gassen- und Dchergewirr
der Stadt hinunter.

Als der Prsident endlich unter den Wartenden erschien, drngten sich
alle mit Eifer heran, um die Meinung des berhmten und gefrchteten
Mannes zu hren. Doch das Gesicht Feuerbachs zeigte einen so dsteren
Ernst, da niemand ihn mit einer Anrede zu belstigen wagte; sein
machtvolles Auge blickte brennend nach innen, die Lippen waren gleichsam
aufeinander geballt, auf der Stirn lag eine von Nachdenken zitternde
senkrechte Falte. Das Schweigen wurde vom Brgermeister mit der Frage
unterbrochen, ob Exzellenz nicht geruhen wolle, das Mittagessen in
seinem Haus zu nehmen. Feuerbach dankte; dringende Geschfte ntigten
ihn zu sofortiger Rckkehr nach Ansbach, entgegnete er. Darauf wandte er
sich an Daumer, reichte ihm die Hand und sagte: Sorgen Sie sogleich fr
die bersiedlung des Hauser; der arme Mensch braucht dringend Ruhe und
Pflege. Sie werden bald von mir hren. Gott befohlen, meine Herren!

Damit entfernte er sich in raschen, kleinen, stampfenden Schritten,
eilte den Hgel hinab und verschwand alsbald gegen die Sebalderkirche.
Die Zurckbleibenden machten etwas enttuschte Mienen. Da sie alle
berzeugt waren, da der Scharfsinn dieses Mannes ohne Grenzen sei und
da kein andres als sein Auge das Dunkel durchdringen knne, welches
ber Untat und Verbrechen brtete, waren sie verstimmt ber eine
Schweigsamkeit, die ihnen beabsichtigt und planvoll erschien.

Am Abend befand sich Caspar in der Wohnung Daumers.




Der Spiegel spricht


Das Daumersche Haus lag neben dem sogenannten Annengrtlein auf der
Insel Schtt; es war ein altes Gebude mit vielen Winkeln und
halbfinstern Kammern, doch erhielt Caspar ein ziemlich gerumiges und
wohleingerichtetes Zimmer gegen den Flu hinaus.

Er mute sogleich zu Bett gebracht werden. Es zeigten sich jetzt mit
einem Schlag die Folgen der jngstdurchlebten Zeit. Er war wieder ohne
Sprache, ja bisweilen wie ohne Gefhl des Lebens. Auf den ungewohnten
Kissen warf er sich fiebernd herum. Wie jammervoll, ihn bei jedem
Knacken der Dielen erschaudern zu sehen; auch das Gerusch des Regens an
den Fenstern versetzte ihn in aufgewhlte Bangnis. Er hrte die
Schritte, die auf dem weiten Platz vor dem Haus verhallten, er vernahm
mit Unruhe die metallenen Schlge aus einer fernen Schmiede, jeder
Stimmenlrm brachte auf seiner eingeschrumpften Haut ein Zeichen des
Schmerzes hervor; und von Moment zu Moment vertauschten seine Zge den
Ausdruck der Erschpfung mit dem gepeinigter Wachsamkeit.

Drei Tage lang wich Daumer kaum von seinem Bett. Diese Opferkraft und
Hingebung erregte die Bewunderung der Seinen. Er mu mir leben, sagte
er. Und Caspar fing an zu leben. Vom dritten Tag ab besserte sich sein
Zustand stetig und schnell. Als er am Morgen erwachte, lag ein
besinnendes Lcheln auf seinen Lippen. Daumer triumphierte.

Du tust ja, als ob du selbst dem Kerker entronnen wrst, meinte seine
Schwester, die nicht umhin konnte, an seiner Freude teilzunehmen.

Ja, und ich habe eine Welt zum Geschenk erhalten, antwortete er
lebhaft; sieh ihn nur an! Es ist ein Menschenfrhling.

Am andern Tag durfte Caspar das Bett verlassen. Daumer fhrte ihn in den
Garten. Damit das grelle Tageslicht seinen Augen nicht schade, band er
ihm einen grnen Papierschirm um die Stirn. Spterhin wurden die
Dmmerungszeit oder die Stunden bewlkten Himmels fr diese Ausgnge
vorgezogen.

Es waren ja Reisen, und nichts geschah, was nicht zum Ereignis wurde.
Welche Mhe, ihn sehen, ihn das Gesehene nennen zu lehren. Er mute erst
zu den Dingen Vertrauen gewinnen, und ehe nicht ihre Wirklichkeit ihm
selbstverstndlich ward, machte ihn ihre unvermutete Nhe bestrzt. Als
er endlich die Hhe des Himmels und auf der Erde die Entfernung von Weg
zu Weg begriff, wurde sein Gang ein wenig leichter und sein Schritt
mutiger. Alles lag am Mut, alles lag daran, den Mut zu krftigen.

Das ist die Luft, Caspar; du kannst sie nicht greifen, aber sie ist da;
wenn sie sich bewegt, wird sie zum Wind, du brauchst den Wind nicht zu
frchten. Was hinter der Nacht liegt, ist gestern; was ber der nchsten
Nacht liegt, ist morgen. Von gestern bis morgen vergeht Zeit, vergehen
Stunden, Stunden sind geteilte Zeit. Dies ist ein Baum, dies ist ein
Strauch, hier Gras, hier Steine, dort Sand, da sind Bltter, da Blten,
da Frchte...

Aus dem dumpfen Hren heraus erwuchs das Wort. Die Form wurde
einleuchtend durch das unvergeliche Wort. Caspar schmeckt das Wort auf
der Zunge, er sprt es bitter oder s, es sttigt ihn oder lt ihn
unzufrieden. Auch hatten viele Worte Gesichter; oder sie tnten wie
Glockenschlge aus der Dunkelheit; oder sie standen wie Flammen in einem
Nebel.

Es war ein langer Weg vom Ding bis zum Wort. Das Wort lief davon, man
mute nachlaufen, und hatte man es endlich erwischt, so war es
eigentlich gar nichts und machte einen traurig. Gleichwohl fhrte
derselbe Weg auch zu den Menschen; ja, es war, als ob die Menschen
hinter einem Gitter von Worten stnden, das ihre Zge fremd und
schrecklich machte; wenn man aber das Gitter zerri oder dahinter kam,
waren sie schn.

Hatte es am Morgen neu geklungen, zu sagen: die Blume, am Mittag war es
schon vertraut, am Abend war es schon alt. Dies Herz, dies Hirn, zur
Fruchtbarkeit aufbewahrt durch lange Zeiten, treibt wie vertrockneter
und endlich befeuchteter Humus Sprlinge, Blten und Frchte in einer
Nacht, notierte der fleiige Daumer; was dem matten Blick der
Gewohnheit unwahrnehmbar geworden, erscheint diesem Auge frisch wie aus
Gottes Hand. Und wo die Welt verschlossen ist und ihre Geheimnisse
beginnen, da steht er noch seltsam drngend und fragt sein
zuversichtliches Warum. Nach jedem Schall und jedem Schein tappt dies
zweifelnde, erstaunte, hungrige, ehrfurchtslose Warum.

Es ist nicht zu leugnen, Daumer war oft erschreckt durch das Gefhl
eignen Ungengens. Heit das noch lehren? grbelte er, heit das noch
Grtner sein, wenn das wilde Wachstum sich dem Pfleger entwindet, das
malos wuchernde Getriebe keine Grenze achtet? Wie soll das enden?
Zweifellos bin ich hier einem ungewhnlichen Phnomen auf der Spur und
meine teuern Zeitgenossen werden sich herbeilassen mssen, ein wenig an
Wunder zu glauben.

Noch immer war es die liebste Vorstellung Caspars, einst heimkehren zu
drfen; erst lernen, dann heim, sagte er mit dem Ausdruck
unbesiegbarer Entschiedenheit. Aber du bist ja zu Hause, hier bei uns
bist du zu Hause, wandte Daumer ein. Aber Caspar schttelte den Kopf.

Bisweilen stand er am Zaun und sah in den Nachbargarten hinber, wo
Kinder spielten, deren Wesen er mit komischem Befremden studierte. So
kleine Menschen, sagte er zu Daumer, der ihn einmal dabei berraschte,
so kleine Menschen. Seine Stimme klang traurig und hchst verwundert.

Daumer unterdrckte ein Lcheln und whrend sie zusammen ins Haus
gingen, suchte er ihm klarzumachen, da jeder Mensch einmal so klein
gewesen, auch Caspar selbst. Caspar wollte das durchaus nicht zugeben.
O nein, o nein, rief er aus, Caspar nicht, Caspar immer so gewesen
wie jetzt, Caspar nie so kurze Arme und Beine gehabt, o nein!

Dennoch sei dem so, versicherte Daumer; nicht allein, da er klein
gewesen, sondern er wachse ja noch tglich, verndere sich tglich, sei
heute ein ganz andrer als der Hauser auf dem Turm, und nach vielen
Jahren werde er alt werden, seine Haare wrden wei sein, die Haut
voller Runzeln.

Da wurde Caspar bla vor Furcht; er fing an zu schluchzen und stotterte,
das sei nicht mglich, er wolle es nicht, Daumer mge machen, da es
nicht geschehe.

Daumer flsterte seiner Schwester etwas zu, diese ging in den Garten und
brachte nach kurzer Weile eine Rosenknospe, eine aufgeblhte und eine
verwelkte Rose mit herauf. Caspar streckte die Hand nach der
vollblhenden aus, wandte sich aber gleich mit Ekel ab, denn so sehr er
die rote Farbe vor allen andern liebte, der heftige Geruch der Blume war
ihm unangenehm. Als ihm Daumer den Unterschied der Lebensalter an Knospe
und Blte erklren wollte, sagte Caspar: Das hast du doch selbst
gemacht, es ist ja tot, es hat keine Augen und keine Beine.

Ich hab' es nicht gemacht, entgegnete Daumer, es ist lebendig, es ist
gewachsen; alles Lebendige ist gewachsen.

Alles Lebendige gewachsen, wiederholte Caspar fast atemlos, indem er
nach jedem Wort pausierte. Hier drohte Verwirrung. Auch die Bume im
Garten seien lebendig, sagte man ihm, und er getraute sich nicht, den
Bumen zu nahen, das Rauschen ihrer Kronen machte ihn bestrzt. Er fuhr
fort zu zweifeln und fragte, wer die vielen Bltter ausgeschnitten habe
und warum? warum so viele? Auch sie seien gewachsen, wurde geantwortet.

Aber mitten auf dem Rasen stand eine alte Sandsteinstatue, die sollte
tot sein, trotzdem sie aussah wie ein Mensch. Caspar konnte stundenlang
die Blicke nicht davon wenden, Verwunderung machte ihn stumm. Warum hat
es denn ein Gesicht? fragte er endlich, warum ist es so wei und so
schmutzig? Warum steht es immer und wird nicht mde?

Als seine Furcht besiegt war, ging er heran und wagte die Figur zu
betasten, denn ohne zu tasten, glaubte er nicht dem, was er sah. Er
hatte den heftigen Wunsch, das Ding auseinander nehmen zu drfen, um zu
wissen, was innen war. Wie viel war berall innen, wie viel steckte
berall dahinter!

Es fiel ein Apfel vom Zweig und rollte ein Stck des abschssigen Weges
entlang. Daumer hob ihn auf, und Caspar fragte, ob der Apfel mde sei,
weil er so schnell gelaufen. Mit Grauen wandte er sich ab, als Daumer
ein Messer nahm und die Frucht entzweischnitt. Da ward ein Wurm sichtbar
und krmmte seinen dnnen Leib gegen das Licht.

Er war bis jetzt im Finstern gefangen wie du im Kerker, sagte Daumer.

Das Wort machte Caspar nachdenklich; es machte ihn nachdenklich und
mitrauisch. Wie vieles war da im Kerker, wovon er nicht wute! Alles
Innen war ein Kerker. Und in wunderlicher Verworrenheit knpfte sich an
diesen Gedanken die Erinnerung an den Schlag, den er damals erhalten,
nachdem ihn der Du gelehrt, wie man das Pferdchen frei bewegen knne. In
allen fremden Dingen lauerte der Schlag, in allen unbekannten wohnte
Gefahr. Eine gewisse strahlende Heiterkeit, die allmhlich Caspars Wesen
entstrmte und die das Entzcken seiner Umgebung bildete, war daher
stets an jene erwartungsvolle, ahnungsvolle Bangigkeit gebunden.

Nach regnerischen Stunden mit Daumer aus dem Tor tretend, gewahrte
Caspar einen Regenbogen am Himmel. Er war starr vor Freude. Wer das
gemacht habe, stammelte er endlich. Die Sonne. Wie, die Sonne? Die Sonne
sei doch kein Mensch. Die natrlichen Erklrungen lieen Daumer im
Stich, er mute sich auf Gott berufen. Gott ist der Schpfer der
belebten und unbelebten Natur, sagte er.

Caspar schwieg. Der Name Gottes klang ihm seltsam dster. Das Bild, das
er dazu suchte, glich dem Du, sah aus wie der Du, als die Decke des
Gefngnisses auf seinen Schultern ruhte, war unheimlich verborgen wie
der Du, als er den Schlag gefhrt, weil Caspar zu laut gesprochen.

Wie geheimnisvoll war alles, was zwischen Morgen und Abend geschah! Das
Regen und Raunen der Welt, das Flieen des Wassers im Flu, das Ziehen
luftig-dunkler Gegenstnde hoch in der Luft, die man Wolken nannte, das
Vorbergehen und Nichtwiederkommen undeutbarer Ereignisse, und vor allem
das Flchten der Menschen, ihre schmerzlichen Gebrden, ihr lautes
Reden, ihr sonderbares Gelchter. Wie viel war da zu erfahren und zu
lernen!

Es schnrte Daumer das Herz zusammen, wenn er den Jngling in tiefem
Nachdenken sah. Caspar schien dann wie erfroren, er hockte
zusammengekauert da, seine Hnde waren geballt und er hrte und sprte
nicht mehr, was um ihn vorging.

Ja, es war zu solchen Zeiten eine vollstndige Dunkelheit um Caspar, und
nur, wenn er lange genug versunken war, hpfte aus der Tiefe etwas wie
ein Feuerfunken, und in der Brust begann eine undeutlich murmelnde
Stimme zu sprechen. Wenn der Funken wieder verlosch, tat sich die uere
Welt wieder kund, aber eine schwermtige Unzufriedenheit hatte sich
Caspars bemchtigt.

Wir mssen einmal mit ihm hinaus aufs Land, sagte Anna Daumer eines
Tages, als der Bruder mit ihr darber gesprochen. Er braucht
Zerstreuung.

Er braucht Zerstreuung, gab Daumer lchelnd zu, er ist zu gesammelt,
das ganze Weltall lastet noch auf seinem Gemt.

Da es sein erster Spaziergang sein wird, wre es gut, die Sache
mglichst still zu unternehmen, sonst sind wieder alle Neugierigen bei
der Hand, meinte die alte Frau Daumer. Sie schwatzen ohnehin genug
ber ihn und ber uns.

Daumer nickte. Er wnschte nur, da Herr von Tucher mit von der Partie
sei.

Am ersten Feiertag im September fand der Ausflug statt. Es war schon
fnf Uhr nachmittags, als sie vom Haus aufbrachen, und da sie auf
Caspars langsame Gangart Rcksicht nehmen muten, gelangten sie erst
spt ins Freie. Die begegnenden Leute blieben stehen, um der
Gesellschaft nachzuschauen, und oft hrte man die staunenden oder
spttischen Worte: Das ist ja der Caspar Hauser! Ei, der Findling! Wie
fein er's treibt, wie nobel! Denn Caspar trug ein neues blaues
Frcklein, ein modisches Gilet, seine Beine staken in weiseidenen
Strmpfen und die Schuhe hatten silberne Schnallen.

Er ging zwischen den beiden Frauen und hatte sorgsam acht auf den Weg,
der nicht mehr wie ehedem vor seinen Blicken auf- und abwrts schwankte.
Die Mnner schritten in gemessener Entfernung hinterdrein. Pltzlich
erhob Daumer den rechten Arm nach vorn, und gleich darauf blieb Caspar
stehen und sah sich fragend um.

Erfreut und in liebevollem Ton rief ihm Daumer zu, weiterzugehen. Nach
ein paar hundert Schritten hob er wieder den Arm, und abermals blieb
Caspar stehen und blickte sich um.

Was ist das? Was bedeutet das? fragte Herr von Tucher erstaunt.

Darber gibt es keine Erklrung, antwortete Daumer voll stillen
Triumphes. Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen noch viel Merkwrdigeres
zeigen.

Hexerei wird doch wohl kaum im Spiele sein, meinte Herr von Tucher ein
bichen ironisch.

Hexerei? Nein. Aber wie sagt Hamlet: Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel
und Erde--

Also sind Sie schon an den Grenzen der Schulweisheit angelangt?
unterbrach Herr von Tucher noch immer mit Ironie. Ich fr meinen Teil
schlage mich zu den Skeptikern. Wir werden ja sehen.

Wir werden sehen, wiederholte Daumer frhlich.

Nach oftmaligem kurzem Rasten ward am Rand einer Wiese Halt gemacht, und
alle lieen sich im Gras nieder. Caspar schlief sogleich ein; Anna
breitete ein Tuch ber sein Gesicht und packte sodann einige
mitgebrachte Ewaren aus einem Krbchen. Schweigend begannen alle vier
zu essen. Ein natrliches Schweigen war es nicht: der lieblich
vergehende Tag, das sommerliche Blhen forderten eher zu heiteren
Gesprchen auf, aber um den Schlfer lag ein eigner Bann, jeder sprte
die Gegenwart des Jnglings jetzt strker als vorher, und es hatte bei
einigen gleichgltigen Redensarten sein Bewenden, die leiser klangen als
selbst die Atemzge des Schlummernden. Weit und breit war kein Mensch zu
sehen, da man absichtlich einen selten begangenen Weg gewhlt hatte.

Die Sonne war am Sinken, als Caspar erwachte und, sich aufrichtend, die
Freunde der Reihe nach dankbar und etwas beschmt anblickte. Sieh nur
hinber, Caspar, sieh den roten Feuerball, sagte Daumer; hast du die
Sonne schon einmal so gro gesehen?

Caspar schaute hin. Es war ein schner Anblick: die purpurne Scheibe
rollte herab, als zerschnitte sie die Erde am Rand des Himmels; ein Meer
von Scharlachglut strmte ihr nach, die Lfte waren entzndet, blutiges
Geder bezeichnete einen Wald und rosige Schatten bauschten langsam ber
die Ebene. Nur noch wenige Minuten, und schon zuckte die Dmmerung durch
den sanften Karmin des Nebels, in den die Ferne getaucht war, einen
Augenblick lang bebte das Gelnde, und grnkristallene Strahlenbndel
schossen ber den Westen, der versunkenen Sonne nach.

Ein geisterhaftes Lcheln glitt ber die Zge der beiden Mnner und der
zwei Frauen, als sie Caspar mit einer Gebrde stummer Angst
hinbergreifen sahen gegen den Horizont. Daumer nherte sich ihm und
ergriff seine Hand, die eiskalt geworden war. Caspars Gesicht wandte
sich erzitternd ihm zu, voller Fragen, voller Furcht, und endlich
bewegten sich die Lippen und er murmelte schchtern: Wo geht sie hin,
die Sonne? Geht sie ganz fort?

Daumer vermochte nicht gleich zu antworten. So mag Adam vor seiner
ersten Nacht im Paradies gezittert haben, dachte er, und es geschah
nicht ohne Schauder, nicht ohne seltsame Ungewiheit, da er den
Jngling trstete, ihn der Wiederkunft der Sonne versicherte.

Ist dort Gott? fragte Caspar hauchend, ist die Sonne Gott?

Daumer deutete mit dem Arm weit ringsum und erwiderte: Alles ist Gott.

Indessen mochte ein solches Diktum pantheistischer Philosophie fr die
Auffassungsgabe des Jnglings ein wenig zu verwickelt sein. Er
schttelte unglubig den Kopf, dann sagte er mit dem Ausdruck
dumpf-abgttischer Verehrung: Caspar liebt die Sonne.

Auf dem Heimweg war er ganz stumm; auch die brigen, selbst die immer
wohlgelaunte Anna, waren in einer wunderlich gedrckten Stimmung, als
wren sie nie zuvor durch einen sptsommerlichen Abend gewandert, oder
als fhlten sie den Auftritt voraus, der ihnen das Beisammensein dieser
Stunden unvergelich machen sollte.

Kurz vor dem Stadttor nmlich blieb Anna stehen und deutete mit einem
Zuruf an alle in das herrlich gestirnte Firmament. Auch Caspar blickte
hinauf, er erstaunte malos. Kleine, jhe, wirre Laute eines
leidenschaftlichen Entzckens kamen aus seinem Mund. Sterne, Sterne,
stammelte er, das gehrte Wort von Annas Lippen raubend. Er prete die
Hnde gegen die Brust, und ein unbeschreiblich seliges Lcheln
verschnte seine Zge. Er konnte sich nicht sattsehen; immer wieder
kehrte er zum Anschauen des Glanzes zurck, und aus seinen seufzerartig
abgebrochenen Worten war vernehmbar, da er die Sterngruppen und die
ausgezeichnet hellen Sterne bemerkte. Er fragte mit einem Ton des
Auersichseins, wer die vielen schnen Lichter da hinaufbringe, anznde
und wieder verlsche.

Daumer antwortete ihm, da sie bestndig leuchteten, jedoch nicht immer
gesehen wrden; da fragte er, wer sie zuerst hinaufgesetzt, da sie
immerfort brennten.

Pltzlich fiel er in tiefe Grbelei. Er blieb eine Weile mit gesenktem
Kopf stehen und sah und hrte nichts. Als er wieder zu sich kam, hatte
sich seine Freude in Schwermut verwandelt, er lie sich auf den Rasen
nieder und brach in langes, nicht zu stillendes Weinen aus.

Es war weit ber neun Uhr, als sie endlich nach Haus gelangten. Whrend
Caspar mit den Frauen hinaufging, nahm Herr von Tucher am Gartentor von
Daumer Abschied. Was mag in ihm vorgegangen sein? meinte er. Und da
Daumer schwieg, fuhr er sinnend fort: Vielleicht sprt er schon die
Unwiederbringlichkeit der Jahre; vielleicht zeigt ihm die Vergangenheit
schon ihre wahre Gestalt.

Ohne Zweifel war es ihm ein Schmerz, das beglnzte Gewlbe zu
schauen, antwortete Daumer; nie zuvor hat er den Blick zum nchtlichen
Himmel erheben knnen. Ihm zeigt die Natur kein freundliches Antlitz,
und von ihrer sogenannten Gte hat er wenig erfahren.

Eine Zeitlang schwiegen sie, dann sagte Daumer: Ich habe fr morgen
nachmittag einige Freunde und Bekannte zu mir gebeten. Es handelt sich
um eine Reihe von hchst interessanten Erfahrungen und Beobachtungen,
die ich an Caspar gemacht habe. Ich wrde mich freuen, wenn Sie dabei
sein wollten.

Herr von Tucher versprach zu kommen. Zu seiner Verwunderung ward er, als
er am andern Tag etwas versptet erschien, in eine vollstndig
verfinsterte Kammer gefhrt. Die Produktion hatte schon begonnen. Von
irgendeinem Winkel her vernahm man Caspars eintnige Stimme lesend. Es
ist eine Seite aus der Bibel, die der Herr Stadtbibliothekar
aufgeschlagen hat, flsterte Daumer Herrn von Tucher zu. Die Dunkelheit
war so gro, da die Zuhrer einander nicht gewahren konnten, trotzdem
las Caspar unbeirrt, als ob seine Augen selbst eine Quelle des Lichtes
seien.

Man war erstaunt. Man wurde es noch mehr, als Caspar in der gleichen
Dunkelheit die Farben verschiedener Gegenstnde unterscheiden konnte,
die bald der eine, bald der andre von den Anwesenden -- um jeden Verdacht
einer Verabredung oder Vorbereitung auszuschlieen -- ihm auf eine
Entfernung von fnf oder sechs Schritten vorhielt.

Ich will jetzt die Weinprobe machen, sagte Daumer und ffnete die
Lden. Caspar prete die Hnde vor die Augen und brauchte lange Zeit,
bis er das Licht ertragen konnte. Jemand brachte Wein im
undurchsichtigen Glas, und Caspar roch es nicht nur sogleich, sondern es
zeigten sich auch die Merkmale einer leichten Trunkenheit: seine Blicke
flimmerten, sein Mund verzog sich schief. Konnte das mit rechten Dingen
zugehen? War solche Empfindlichkeit denkbar oder mglich? Man
wiederholte den Versuch zweimal, dreimal, und siehe, die Wirkung
verstrkte sich. Beim viertenmal wurde drauen Wasser ins Glas gegossen,
und nun sagte Caspar, er spre nichts.

Doch viel wunderbarer war zu beobachten, wie er sich gegen Metalle
verhielt. Ein Herr versteckte, whrend Caspar das Zimmer verlassen
hatte, ein Stck Kupferblech. Caspar ward hereingerufen, und alle
verfolgten mit Spannung, wie er zu dem Versteck frmlich hingezogen
wurde; es sah aus, wie wenn ein Hund ein Stck Fleisch erschnuppert. Er
fand es, man klatschte Beifall, man achtete nicht darauf, da er bla
war und mit khlem Schwei bedeckt. Nur Herr von Tucher bemerkte es und
mibilligte das Treiben.

Es hatte natrlich nicht bei diesem einen Mal sein Bewenden. Die Sache
redete sich schnell herum, und das Haus wurde zum Museum. Alles, was
Namen und Ansehen in der Stadt hatte, lief herzu, und Caspar mute immer
bereit sein, immer tun, was man von ihm haben wollte. Wenn er mde war,
durfte er schlafen, aber wenn er schlief, untersuchten sie die
Festigkeit seines Schlafes, und Daumer schwamm in Glck, wenn der Herr
Medizinalrat Rehbein behauptete, eine derartige Versteinerung des
Schlummers habe er nie fr mglich gehalten.

Selbst gewisse krankhafte Zustnde seines Krpers gaben Daumer Anla
zur Vorfhrung oder wenigstens zum Studium. Er suchte durch hypnotische
Berhrungen und mesmeristische Streichungen Einflu zu nehmen, denn er
war ein glhender Verfechter jener damals nagelneuen Theorien, die mit
der Seele des Menschen hantierten wie ein Alchimist mit dem
wohlbekannten Inhalt einer Retorte. Oder wenn auch dies nichts half,
wandte er Heilmittel von einer besonderen Kategorie an, erprobte die
Wirkungen von Arnika und Akonitum und Nux vomica; immer beflissen, immer
erfllt von einer Mission, immer mit dem Notizenzettel in der Hand,
immer in rhrender Obsorge.

Was fr serise Spiele! Welch ein Eifer, zu beweisen, zu deuten, das
Sonnenklare dunkel zu machen, das Einfache zu verwirren! Das Publikum
gab sich redliche Mhe im Glauben, nach allen Windrichtungen wurden die
anscheinenden Zaubereien ausposaunt -- nicht zum Vorteil unsers Caspar,
keineswegs zu seinem Heil, wie sich bald herausstellen sollte--, aber
leider gibt es berall verwerfliche Kreaturen, die noch zweifeln wrden
und wenn man ihnen die Skepsis berm Essenfeuer ausruchern wrde.
Vielleicht wollten sie jedesmal etwas Neues vorgesetzt bekommen,
schraubten ihre Erwartungen zu hoch und fanden, da der Wundermann nur
in seinen eingelernten Paradestckchen exzellierte, in denen er
allerdings, so drckten sie sich aus, etwas von der Fertigkeit eines
dressierten ffchens an den Tag legte.

Mit einem Wort, das Programm wurde ein wenig einfrmig, hchstens
Neulinge konnten ihm noch Geschmack abgewinnen. Die andern erblickten in
Daumer etwas wie einen Zirkusdirektor oder einen Literaten, der seine
Freunde mit der bestndig wiederholten Vorlesung eines mittelmigen
Poems langweilt, whrend ber Caspar sich zu amsieren sie immerhin noch
genug Gelegenheit fanden.

Oder war es nicht amsant, wenn er zum Beispiel einen hohen Offizier
tadelte, da sein Rockkragen bestubt war, wenn er mit dem Finger das
Haupt eines ehrwrdigen Kammerdirektors berhrte und mitleidig-verwundert
sagte: Weie Haare, weie Haare? Wenn er whrend der Anwesenheit einer
vornehmen Standesperson nur darauf achtete, wie diese den Stock zwischen
den Fingern baumeln lie und es auch so machen wollte, wenn er seinen
Ekel gegen den schwarzen Bart des Magistratsrats Behold uerte oder
sich weigerte, einer Dame die Hand zu kssen, indem er sagte, man msse
ja nicht hineinbeien?

Durch solche kleine Zwischenflle hielten sie sich fr belohnt. Wenn man
lachen konnte, war alles gut. Hingegen Daumer rgerte sich darber und
suchte ihm die Pflichten der Hflichkeit begreiflich zu machen. Du
vergit stets, die Ankmmlinge zu begren, sagte Daumer. In der Tat
blickte Caspar, in ein Buch oder Spiel versenkt, erst empor, wenn man
ihn anrief, bisweilen, wenn er ein bekanntes oder liebgewordenes Gesicht
sah, mit einem berckend schelmischen Lcheln, und fing dann ohne
Einleitung an zu fragen und zu plaudern. Mochten noch so wichtige
Personen zugegen sein, er verlie nie seinen Platz, ohne alle Dinge, mit
denen er beschftigt gewesen, sorgfltig in Ordnung zu bringen und mit
einem kleinen Besen den Tisch von Papierschnitzeln oder Brotkrumen zu
reinigen. Man mute warten, bis er fertig war.

Er war ohne Schchternheit. Alle Menschen schienen ihm gut, fast alle
hielt er fr schn. Er fand es selbstverstndlich, wenn sich irgendein
Herr vor ihn hinstellte und ihm aus einem bereitgehaltenen Zettel endlos
viele Namen oder endlos viele Zahlen vorlas. Sein Gedchtnis lie ihn
nicht im Stich, er konnte in der gleichen Reihenfolge Namen fr Namen,
Zahl fr Zahl, und waren es hundert, wiederholen. Am Erstaunen der Leute
merkte er wohl, da er Staunenswertes geleistet, aber kein Schimmer von
Eitelkeit zog ber sein Gesicht, nur ein wenig traurig wurde es, wenn
immer dasselbe kam, wenn sie nie zufrieden schienen.

Er konnte es nicht verstehen, da ihnen wunderbar war, was ihm so
natrlich war. Aber was ihm wunderbar war, darum kmmerte sich keiner.
Er vermochte es nicht zu sagen, es wurzelte im verborgensten Gefhl. Es
war eine kaum gesprte Frage, am Morgen, beim Erwachen etwa, ein
hastiges, stummes, verzweifeltes Suchen, wofr es keine Bezeichnung gab.
Es lag weit zurck; es war mit ihm verknpft und er besa es doch nicht.
Es war etwas mit ihm vorgegangen, irgendwo, irgendwann, und er wute es
nicht. Er tastete an sich herum, er fand sich selber kaum. Er sagte
'Caspar' zu sich selbst, aber das dort in der Ferne hrte nicht auf
diesen Namen. So band sich die Erwartung an ein ueres; wenn die Uhr im
andern Zimmer tnte, welch sonderbare Erwartung von Schlag zu Schlag!
Als ob eine Mauer sich auflsen, zu Luft vergehen mte. Die eben
vergangene Nacht war voll ungreifbarer Vorgnge gewesen. Hatte es am
Fenster gepocht? Nein. War jemand dagewesen, hatte gesprochen, gerufen,
gedroht? Nein. Es war etwas geschehen, doch Caspar hatte nichts damit
zu tun.

Unergrndliche Sorge. Man mute lernen, vielleicht wurde es dann klar.
Lernen, wie alles bestand, lernen, was in der Nacht verborgen war, wenn
man nicht lebte und dennoch sprte, das Unbekannte lernen, erhaschen,
was so fern, wissen, was so dunkel war, die Menschen fragen lernen. Sein
Eifer bei den Bchern wurde glhend. Er begann Ungeduld zu zeigen, wenn
er von den fremden Besuchern sich immer wieder empfindlich gestrt fand,
denn jetzt kamen die Leute schon von auswrts, weil allenthalben im Land
ber Caspar Hauser geredet und geschrieben wurde. Auch Daumer konnte
sich der Ansprche, die an ihn gestellt wurden, kaum erwehren. Er war
oft migelaunt und matt, und es gab Stunden, wo er bereute, Caspar der
Welt preisgegeben zu haben.

Es gab Stunden, wo er, allein mit dem Jngling, sich seiner besseren
Wrde erinnerte und diesem seltsam Leibeigenen, Seeleneigenen sich
tiefer anschlo, als der anfngliche Zweck gewollt. Es gab eine Stunde,
wo Daumer eines paradiesischen Bildes gewahr wurde: Caspar im Garten,
auf der Bank sitzend, ein Buch in der Hand; Schwalben ziehen ihre
Zickzackkreise um ihn, Tauben picken vor seinen Fen, ein Schmetterling
ruht auf seiner Schulter, die Hauskatze schnurrt an seinem Arm. In ihm
ist die Menschheit frei von Snde, sagte sich Daumer bei diesem Anblick,
und was wre sonst zu leisten, als einen solchen Zustand zu erhalten?
Was wre hier noch zu entrtseln, was zu verknden?

Eines andern Tages erhob sich im Nachbargarten groer Lrm. Ein bissiger
Hund hatte seine Kette zerrissen und raste, Schaum vor dem Maul, in
wilden Sprngen umher, berrannte ein Kind, schlug einem Knecht, der ihn
verfolgte, die Zhne ins Fleisch und strzte gegen den Zaun des
Daumerschen Gartens. Eine Latte krachte unter dem Anprall, das Tier
schlpfte herber und richtete die blutunterlaufenen Augen wild auf die
kleine Gesellschaft, die unter der Linde sa: Daumer selbst, dessen
Mutter, der Brgermeister Binder und Caspar. Alle standen ngstlich auf,
Binder erhob den Stock, das Tier machte einige Stze, blieb aber auf
einmal stehen, schnupperte, trabte auf Caspar zu, der bleich und stille
sa, wedelte mit dem Schweif und leckte die herabhngende Hand des
Jnglings. Mit einem lodernden ungewissen Blick sah es ihn an, voll
Ergebenheit fast, eine Zrtlichkeit erwartend, und es war, als erbitte
es Verzeihung. Denselben ungewissen und ergebenen Ausdruck hatte auch
Caspar im Auge; ihn jammerte der Hund, er wute nicht warum.

Man erzhlte sich, da Daumer nach diesem Auftritt geweint habe.

Zwei Tage spter, an einem regnerischen Oktoberabend, war es, da sich
Daumer mit seiner Mutter und Caspar im Wohnzimmer befand. Anna war zu
einer Unterhaltung in die Reunion gegangen, die alte Dame sa strickend
im Lehnstuhl am offenen Fenster, denn trotz der vorgerckten Jahreszeit
war die Luft warm und voll des feuchten Geruchs verwelkender Pflanzen.
Da wurde an die Tre geklopft, und der Glasermeister brachte einen
groen Wandspiegel, den die Magd in der vergangenen Woche zerbrochen
hatte. Frau Daumer hie ihn den Spiegel gegen die Mauer lehnen, das tat
der Mann und entfernte sich wieder.

Kaum war er drauen, so fragte Daumer verwundert, warum sie den Spiegel
nicht gleich an seinen Platz habe hngen lassen, man htte dann doch die
Arbeit fr morgen erspart. Die alte Dame erwiderte mit verlegenem
Lcheln, am Abend drfe man keinen Spiegel aufhngen, das bedeute
Unheil. Daumer besa nicht genug Humor fr derlei halbernste Grillen; er
machte der Mutter Vorwrfe wegen ihres Aberglaubens, sie widersprach,
und da geriet er in Zorn, das heit er sprach mit seiner sanftesten
Stimme zwischen die geschlossenen Zhne hindurch.

Caspar, der es nicht sehen konnte, wenn Daumers Gesicht unfreundlich
wurde, legte den Arm um dessen Schulter und suchte ihn mit kindlicher
Schmeichelei zu begtigen. Daumer schlug die Augen nieder, schwieg eine
Weile und sagte dann, vllig beschmt: Geh hin zur Mutter, Caspar, und
sag ihr, da ich im Unrecht bin.

Caspar nickte; ohne recht zu berlegen, trat er vor die Frau hin und
sagte: Ich bin im Unrecht.

Da lachte Daumer. Nicht du, Caspar! Ich! rief er und deutete auf seine
Brust. Wenn Caspar im Unrecht ist, darf er sagen: ich. Ich sage zu dir:
du, aber du sagst doch zu dir: ich. Verstanden?

Caspars Augen wurden gro und nachdenklich. Das Wrtchen Ich durchrann
ihn pltzlich wie ein fremdartig schmeckender Trank. Es nahten sich ihm
viele Hunderte von Gestalten, es nahte sich eine ganze Stadt voll
Menschen, Mnner, Frauen und Kinder, es nahten sich die Tiere auf dem
Boden, die Vgel in der Luft, die Blumen, die Wolken, die Steine, ja die
Sonne selbst, und alle miteinander sagten zu ihm: Du. Er aber
antwortete mit zaghafter Stimme: Ich.

Er fate sich mit flachen Hnden an die Brust und lie die Hnde
heruntergleiten bis ber die Hften: sein Leib, eine Wand zwischen Innen
und Auen, eine Mauer zwischen Ich und Du!

In demselben Augenblick tauchte aus dem Spiegel, dem gegenber er stand,
sein eignes Bild empor. Ei, dachte er ein wenig bestrzt, wer ist das?

Natrlich war er schon oft an Spiegeln vorbeigegangen, aber sein von den
vielen Dingen der vielgesichtigen Welt geblendeter Blick war
mitvorbeigegangen, ohne zu weilen, ohne zu denken, und er hatte sich
daran gewhnt wie an den Schatten auf der Erde. Ein Ungefhr, das ihn
nicht hemmte, konnte nicht zum Erlebnis werden.

Jetzt war sein Auge reif fr diese Vision. Er sah hin. Caspar,
lispelte er. Das Drinnen antwortete: Ich. Da waren Caspars Mund und
Wangen und die braunen Haare, die ber Stirn und Ohren gekruselt waren.
Nhertretend, schaute er in spielerisch-zweifelnder Neugier hinter den
Spiegel gegen die Mauer; dort war nichts. Dann stellte er sich wieder
davor, und nun schien ihm, als ob hinter seinem Bild im Spiegel sich das
Licht zerteile und als ob ein langer, langer Pfad nach rckwrts lief,
und dort, in der weiten Ferne stand noch ein Caspar, noch ein Ich, das
hatte zugeschlossene Augen und sah aus, als wisse es etwas, was der
Caspar hier im Zimmer nicht wute.

Daumer, gewohnt, das Betragen des Jnglings zu beobachten, lauerte
gespannt herber. Da -- ein seltsames Gerusch; es surrte etwas in der
Luft und fiel neben dem Tisch zu Boden. Es war ein Stck Papier, das von
drauen hereingeflogen war. Frau Daumer hob es auf; es war wie ein
Brief zusammengefaltet. Unschlssig drehte sie es zwischen den Fingern
und reichte es dem Sohn.

Der ri es auf und las folgende, mit groer Schrift geschriebene Worte:
Es wird gewarnt das Haus und wird gewarnt der Herr und wird gewarnt der
Fremde.

Frau Daumer hatte sich erhoben und las mit; ein Frsteln lief ber ihre
Schultern. Daumer jedoch, indes er schweigend auf den Zettel starrte,
hatte das Gefhl, als sei vor seinen Fen ein Schwert, die Spitze nach
oben, aus der Erde gewachsen.

Caspar hatte von dem Vorgang nicht das mindeste wahrgenommen. Er verlie
den Platz vor dem Spiegel und ging wie geistesabwesend an den beiden
vorber zum Fenster. Dort stand er besinnend, beugte sich besinnend vor,
immer weiter, vllig selbstvergessen, ganz vom Willen des Suchens
erfllt, bis die Brust auf dem Sims lag und seine Stirn in die Nacht
hinaus tauchte.




Caspar trumt


Am andern Morgen bergab Daumer das unheimliche Papier der
Polizeibehrde. Es wurden Nachforschungen angestellt, die aber natrlich
fruchtlos blieben. Der Vorfall wurde auch amtlich an das
Appellationsgericht gemeldet, und nach einiger Zeit schrieb der
Regierungsrat Hermann, der mit dem Baron Tucher befreundet war, an
diesen einen Privatbrief, in welchem er unter anderm die Meinung
vertrat, man solle nicht ablassen, den Hauser scharf zu bewachen und
auszuforschen, denn es sei wohl mglich, da er durch eine
tiefeingepflanzte Furcht gezwungen sei, manches ihm bekannte Verhltnis
zu verschweigen.

Herr von Tucher suchte Daumer auf und las ihm diese Stelle vor. Daumer
konnte ein spttisches Lcheln nicht unterdrcken. Ich bin mir wohl
bewut, da ein Mysterium, von Menschenhand gewoben, hinter allem dem
liegt, was mit Caspar zusammenhngt, sagte er mit leisem Widerwillen,
ganz abgesehen davon, da mir auch der Prsident Feuerbach unlngst
darber geschrieben hat, und zwar in hchst eigentmlichen Wendungen,
die auf etwas Besonderes schlieen lassen. Aber was heit das: ihn
ausforschen, ihn bewachen? Hat man darin nicht schon das uerste
versucht? rztliche Vorsicht und menschliches Gefhl befehlen mir jetzt
ohnehin die uerste Behutsamkeit gegen ihn. Ich wage es ja kaum, ihn
von der einfachen Kost zu entwhnen und ihn so zu ernhren, wie es durch
die vernderte Lebenslage bedingt ist.

Warum wagen Sie das nicht? fragte Herr von Tucher ziemlich erstaunt.
Wir sind doch bereingekommen, ihn endlich zum Genu von Fleisch oder
wenigstens von andern gekochten Speisen zu bringen?

Daumer zgerte mit der Antwort. Milchreis und warme Suppe vertrgt er
schon ganz gut, sagte er dann, aber zur Fleischkost will ich ihn nicht
ermuntern.

Warum nicht?

Ich frchte Krfte zu zerstren, die vielleicht gerade an die Reinheit
des Blutes gebunden sind.

Krfte zerstren? Was fr Krfte vermchten ihn und uns fr die
Gesundheit des Leibes und die Frische seines Gemts zu entschdigen?
Wre es nicht vielmehr ratsam, ihn von der Richtung des
Auerordentlichen abzulenken, die ihm frher oder spter verhngnisvoll
werden mu? Ist es gut, einen andern Mastab an ihn zu legen als es
einer natrlichen Erziehung entspricht? Was wollen Sie berhaupt, was
haben Sie mit ihm vor? Caspar ist ein Kind, das drfen wir nicht
vergessen.

Er ist ein Mirakel, entgegnete Daumer hastig und ergriffen; dann, in
einem halb belehrenden, halb bitteren Ton, der fr einen Weltmann wie
Tucher verletzend klingen mute, fuhr er fort: Leider leben wir in
einer Zeit, in der man mit jedem Hinweis auf Unerforschliches den
plumpen Alltagsverstand beleidigt. Sonst mte jeder an diesem Menschen
sehen und spren, da wir rings von geheimnisvollen Mchten der Natur
umgeben sind, in denen unser ganzes Wesen ruht.

Herr von Tucher schwieg eine Zeitlang; sein Gesicht hatte den Ausdruck
abwehrenden Stolzes, als er sagte: Es ist besser, eine Wirklichkeit
vllig zu ergreifen und ihr vllig genugzutun, als mit fruchtlosem
Enthusiasmus im Nebel des bersinnlichen zu irren.

Rechtfertigt mich denn die Wirklichkeit noch nicht, auf die ich mich
berufen kann? versetzte Daumer, dessen Stimme leiser und schmeichelnder
wurde, je mehr das Gesprch ihn erhitzte. Mu ich Sie an Einzelheiten
erinnern? Sind nicht Luft, Erde und Wasser fr diesen Menschen noch von
Dmonen bevlkert, mit denen er in lebendiger Beziehung steht?

Baron Tuchers Gesicht wurde dster. Ich sehe in allem dem nur die
Folgen einer verderblichen berreiztheit, sagte er kurz und scharf.
Das sind die Quellen nicht, aus denen Leben geboren wird, in solchen
Formen kann sich keine Brauchbarkeit bewhren!

Daumer duckte den Kopf, und in seinen Augen lag Ungeduld und Verachtung,
doch antwortete er im Ton nachgiebiger Freundlichkeit: Wer wei, Baron.
Die Quellen des Lebens sind unergrndlich. Meine Hoffnungen wagen sich
weit hinauf und ich erwarte Dinge von unserm Caspar, die Ihr Urteil
sicherlich verndern werden. Aus diesem Stoff werden Genien gemacht.

Man tut einem Menschen stets unrecht, wenn man Erwartungen an seine
Zukunft knpft, sagte Herr von Tucher mit trbem Lcheln.

Mag sein, mag sein, ich aber halte mich an die Zukunft. Mich kmmert
nicht, was hinter ihm liegt, und was ich von seiner Vergangenheit wei,
soll mir nur dienen, ihn davon zu lsen. Das ist ja das hoffnungsvoll
Wunderbare: da man hier einmal ein Wesen ohne Vergangenheit hat, die
ungebundene, unverpflichtete Kreatur vom ersten Schpfungstag, ganz
Seele, ganz Instinkt, ausgerstet mit herrlichen Mglichkeiten, noch
nicht verfhrt von der Schlange der Erkenntnis, ein Zeuge fr das Walten
der geheimnisvollen Krfte, deren Erforschung die Aufgabe kommender
Jahrhunderte ist. Mag sein, da ich mich tusche, dann aber wrde ich
mich in der Menschheit getuscht haben und meine Ideale fr Lgen
erklren mssen.

Der Himmel bewahre Sie davor, antwortete Herr von Tucher und nahm
eilig Abschied.

Noch am selben Tag wurde Daumer durch seine Mutter aufmerksam gemacht,
da Caspars Schlaf nicht mehr so ruhig sei wie sonst. Als Caspar am
andern Morgen ziemlich unerfrischt zum Frhstck kam, fragte ihn Daumer,
ob er schlecht geschlafen habe.

Schlecht geschlafen nicht, erwiderte Caspar, aber ich bin einmal
aufgewacht und da war mir angst.

Wovor hattest du denn Angst? forschte Daumer.

Vor dem Finstern, entgegnete Caspar, und bedchtig fgte er hinzu: In
der Nacht sitzt das Finstere auf der Lampe und brllt.

Den nchsten Morgen kam er halbangekleidet aus seinem Schlafgemach in
das Zimmer Daumers und erzhlte bestrzt, es sei ein Mann bei ihm
gewesen. Zuerst erschrak Daumer, dann wurde ihm klar, da Caspar
getrumt habe. Er fragte, was fr ein Mann es denn gewesen sei, und
Caspar antwortete, es sei ein groer schner Mann gewesen mit einem
weien Mantel. Ob der Mann mit ihm gesprochen? Caspar verneinte;
gesprochen habe er nicht, er habe einen Kranz getragen, den habe er auf
den Tisch gelegt, und als Caspar danach gegriffen, habe der Kranz zu
leuchten angefangen.

Du hast getrumt, sagte Daumer.

Caspar wollte wissen, was das heie. Wenn auch dein Krper ruht,
erklrte Daumer, so wacht doch deine Seele, und was du am Tag erlebt
oder empfunden, daraus macht sie im Schlummer ein Bild. Dieses Bild
nennt man Traum.

Nun verlangte Caspar zu wissen, was das sei, die Seele. Daumer sagte:
Die Seele gibt deinem Krper das Leben. Leib und Seele sind einander
vermischt. Jedes von beiden ist, was es ist, aber sie sind so untrennbar
gemischt wie Wasser und Wein, wenn man sie zusammengiet.

Wie Wasser und Wein? fragte Caspar mibilligend. Damit verderbt man
aber das Wasser.

Daumer lachte und meinte, das sei nur ein Gleichnis gewesen. In der
Folge nahm er wahr, da es mit Caspars Trumen eigen beschaffen war.
Sonst sind Trume an ein Zuflliges geknpft, sagte er sich, spielen
gesetzlos mit Ahnung, Wunsch und Furcht, bei ihm hneln sie dem
Herumtasten eines Menschen, der sich im finsteren Wald verirrt hat und
den Weg sucht; da ist etwas nicht in Ordnung, ich mu der Sache auf den
Grund gehen.

Das Auffallende war, da gewisse Bilder sich allmhlich zu einem
einzigen Traum sammelten, der von Nacht zu Nacht vollstndiger und
gestalthafter wurde und mit immer grerer Deutlichkeit regelmig
wiederkehrte. Im Anfang konnte Caspar nur abgebrochen davon erzhlen, so
stckhaft wie die Bilder sich ihm zeigten, dann eines Tages, wie der
Maler den Vorhang von einem vollendeten Gemlde zieht, vermochte er
seinem Pflegeherrn eine ausfhrliche Beschreibung zu geben.

Er hatte ber seine Gewohnheit lange geschlafen, deshalb ging Daumer in
sein Zimmer, und kaum war er ans Bett getreten, so schlug Caspar die
Augen auf. Sein Gesicht glhte, der Blick ruhte noch im Innern, war aber
voll und krftig und der Mund war zu sprechen ungeduldig. Mit langsamer,
ergriffener Stimme erzhlte er.

Er ist in einem groen Haus gewesen und hat geschlafen. Eine Frau ist
gekommen und hat ihn aufgeweckt. Er bemerkt, da das Bett so klein ist,
da er nicht begreift, wie er darin Platz gehabt. Die Frau kleidet ihn
an und fhrt ihn in einen Saal, wo ringsum Spiegel mit goldenem Rande
hngen. Hinter glsernen Wnden blitzen Silberschsseln und auf einem
weien Tisch stehen feine kleine, zierlich bemalte Porzellantchen. Er
will bleiben und schauen, die Frau zieht ihn weiter. Da ist ein Saal, wo
viele Bcher sind, und von der Mitte der gebogenen Decke hngt ein
ungeheurer Kronleuchter herab. Caspar will die Bcher betrachten, da
verlschen langsam die Flammen des Leuchters eine nach der andern und
die Frau zieht ihn weiter. Sie fhrt ihn durch einen langen Flur und
eine gewaltige Treppe hinab, sie schreiten im Innern des Hauses den
Wandelgang entlang. Er sieht Bilder an den Wnden, Mnner im Helm und
Frauen mit goldenem Schmuck. Er schaut durch die Mauerbogen der Halle in
den Hof, dort pltschert ein Springbrunnen; die Sule des Wassers ist
unten silberwei und oben von der Sonne rot. Sie kommen zu einer zweiten
Treppe, deren Stufen wie goldene Wolken aufwrts steigen. Es steht ein
eiserner Mann daneben, er hat ein Schwert in der Rechten, doch sein
Gesicht ist schwarz, nein, er hat berhaupt kein Gesicht. Caspar
frchtet sich vor ihm, will nicht vorbeigehen, da beugt sich die Frau
und flstert ihm etwas ins Ohr. Er geht vorbei, er geht zu einer
ungeheuern Tr und die Frau pocht an. Es wird nicht aufgemacht. Sie ruft
und niemand hrt. Sie will ffnen, die Tr ist zugeschlossen. Es
scheint Caspar, da sich etwas Wichtiges hinter der Tr ereignet, er
selbst beginnt zu rufen, doch in diesem Augenblick erwacht er.

Seltsam, dachte Daumer, da sind Dinge, die er nie zuvor gesehen haben
kann, wie den gersteten Mann ohne Gesicht. Seltsam! Und sein
Wortesuchen, seine hilflosen Umschreibungen bei solcher Klarheit des
Geschauten. Seltsam.

Wer war die Frau? fragte Caspar.

Es war eine Traumfrau, entgegnete Daumer beschwichtigend.

Und die Bcher und der Springbrunnen und die Tr? drngte Caspar.
Waren's Traumbcher, war's eine Traumtr? Warum ist sie nicht
aufgemacht worden, die Traumtr?

Daumer seufzte und verga zu antworten. Was bekam da Gewalt ber seinen
Caspar, sein Seelenprparat? Sehr an Welt und Stoff gebunden war dieser
Traum.

Caspar kleidete sich langsam an. Pltzlich erhob er den Kopf und fragte,
ob alle Menschen eine Mutter htten? Und als Daumer bejahte, ob alle
Menschen einen Vater htten. Auch dies mute bejaht werden.

Wo ist _dein_ Vater? fragte Caspar.

Gestorben, antwortete Daumer.

Gestorben? flsterte Caspar nach. Ein Hauch des Schreckens lief ber
seine Zge. Er grbelte. Dann begann er wieder: Aber wo ist _mein_
Vater?

Daumer schwieg.

Ist es der, bei dem ich gewesen? Der Du? drngte Caspar.

Ich wei es nicht, antwortete Daumer und fhlte sich ungeschickt und
ohne berlegenheit.

Warum nicht? Du weit doch alles? Und hab' ich auch eine Mutter?

Sicherlich.

Wo ist sie denn? Warum kommt sie nicht?

Vielleicht ist sie gleichfalls gestorben.

So? Knnen denn die Mtter auch sterben?

Ach, Caspar! rief Daumer schmerzlich.

Gestorben ist meine Mutter nicht, sagte Caspar mit wunderlicher
Entschiedenheit. Pltzlich flammte es ber sein Gesicht und er sagte
bewegt: Vielleicht war meine Mutter hinter der Tr?

Hinter welcher Tr, Caspar?

Dort! im Traum...

Im Traum? Das ist doch nichts Wirkliches, belehrte Daumer zaghaft.

Aber du hast doch gesagt, die Seele ist wirklich und macht den Traum--?
Ja, sie war hinter der Tr, ich wei es; das nchste Mal will ich sie
aufmachen.

Daumer hoffte, das Traumwesen wrde sich verlieren, doch dem war nicht
so. Dieser eine Traum, Caspar nannte ihn den Traum vom groen Haus,
wuchs immer weiter, umschlang und krnte sich mit allerlei Blten- und
Rankenwerk gleich einer zauberhaften Pflanze. Immer wieder schritt
Caspar einen Weg entlang und immer wieder endete der Weg vor der hohen
Tre, die nicht geffnet wurde. Einmal zitterte die Erde von Tritten,
die innen waren, die Tre schien sich zu bauschen wie ein Gewand, durch
einen Spalt ber der Schwelle brach Flammengeloder, da erwachte er, und
die nicht zu vergessende Traumnot schlich durch die Stunden des Tages
mit.

Die Gestalten wechselten. Manchmal kam statt der Frau ein Mann und
fhrte ihn durch die Bogenhalle. Und wie sie die Treppe hinaufgehen
wollten, kam ein andrer Mann und reichte ihm mit strengem Blick etwas
Gleiendes, das lang und schmal war und das, als Caspar es fassen
wollte, in seiner Hand zerflo wie Sonnenstrahlen. Er trat nahe an die
Gestalt heran, auch sie ward zu Luft, doch sprach sie lautschallend ein
Wort, welches Caspar nicht zu deuten verstand.

Daran hingen sich wieder besondere kleine Trume, Trume von unbekannten
Worten, die er im Wachen nie gehrt und deren er, wenn der Traum vorber
war, vergebens habhaft zu werden suchte. Sie hatten meist einen sanften
Klang, bezogen sich aber, so fhlte er, nie auf ihn selbst, sondern auf
das, was hinter der verschlossenen Tre vor sich ging.

Traumboten waren es, Vgeln des Meeres gleich, die in bestndiger
Wiederkehr Gegenstnde eines halbversunkenen Schiffes an die ferne Kste
tragen.

In einer Nacht lag Daumer schlaflos und hrte in Caspars Zimmer ein
dauerndes Gerusch. Er erhob sich, schlpfte in den Schlafrock und ging
hinber. Caspar sa im Hemde am Tisch, hatte ein Blatt Papier vor sich,
einen Bleistift in der Hand und schien geschrieben zu haben. Ein matter
Mondschein schwamm im Zimmer. Verwundert fragte Daumer, was er treibe.
Caspar richtete den bis zur Trunkenheit vertieften Blick auf ihn und
antwortete leise: Ich war im groen Haus; die Frau hat mich bis zum
Springbrunnen im Hof gefhrt. Sie hat mich zu einem Fenster
hinaufschauen lassen; droben ist der Mann im Mantel gestanden, sehr
schn anzuschauen, und hat etwas gesagt. Danach bin ich aufgewacht und
hab's geschrieben.

Daumer machte Licht, nahm das Blatt, las, warf es wieder hin, ergriff
beide Hnde Caspars und rief halb bestrzt, halb erzrnt: Aber Caspar,
das ist ja ganz unverstndliches Zeug!

Caspar starrte auf das Papier, buchstabierte murmelnd und sagte: Im
Traum hab' ich's verstanden.

Unter den sinnlosen Zeichen, die wie aus einer selbsterdachten Sprache
waren, stand am Ende das Wort: Dukatus. Caspar deutete auf das Wort und
flsterte: Davon bin ich aufgewacht, weil es so schn geklungen hat.

Daumer fand sich verpflichtet, den Brgermeister von den Beunruhigungen
Caspars, wie er es nannte, in Kenntnis zu setzen. Was er befrchtet
hatte, geschah. Herr Binder legte der Sache eine groe Wichtigkeit bei.
Zunchst ist es geboten, dem Prsidenten Feuerbach einen mglichst
ausfhrlichen Bericht zu geben, denn aus diesen Trumen knnen
sicherlich ganz bestimmte Schlsse gezogen werden, sagte er. Dann
mache ich Ihnen den Vorschlag, mit Caspar einmal in die Burg
hinaufzugehen.

In die Burg? Warum das?

Es ist so eine Idee von mir. Da er immer von einem Schlosse trumt,
wird ihn der Anblick eines wirklichen Schlosses vielleicht aufrtteln
und uns bestimmtere Anhaltspunkte geben.

Ja, glauben Sie denn an eine reale Bedeutung dieser Trume?

Ganz unbedingt. Ich bin davon berzeugt, da er bis zu seinem dritten
oder vierten Lebensjahr in einer derartigen Umgebung gelebt hat und da
mit dem neuen Erwachen zum Leben und zum Selbstbewutsein die
Erinnerungen an die frhere Existenz auf dem Weg der Trume Form und
Inhalt gewinnen.

Eine sehr naheliegende, sehr nchterne Erklrung, bemerkte Daumer
gallig. Also der Hintergrund dieses Schicksals wre nichts weiter als
eine gewhnliche Rubergeschichte.

Eine Rubergeschichte? Mir recht, wenn Sie es so nennen. Ich verstehe
nicht, weshalb Sie sich dagegen wehren. Soll der Jngling aus dem Mond
heruntergefallen sein? Wollen Sie irdische Verhltnisse fr ihn nicht
gelten lassen?

O gewi, gewi! Daumer seufzte. Dann fuhr er fort: Ich schmeichelte
mir mit andern Hoffnungen. Das Grbeln und Verlangen nach rckwrts ist
eben das, was ich Caspar ersparen wollte. Gerade das Freie,
Freischwebende, Schicksallose war es ja, was mich so stark an ihm
ergriffen hat. Auerordentliche Umstnde haben diesen Menschen mit Gaben
bedacht, wie kein andrer Sterblicher sich ihrer rhmen kann; und das
soll nun alles verkmmern, abgelenkt werden in das Gleis von
Erlebnissen, die ja an sich tragisch genug sein mgen, aber doch nichts
Ungemeines an sich haben.

Ich verstehe, Sie wollen den mystischen Nimbus nicht zerstren,
versetzte der Brgermeister mit etwas pedantischer Geringschtzung.
Aber wir haben grere Pflichten gegen den Mitmenschen als gegen das
Unikum Caspar Hauser. Lassen Sie sich das ernstlich gesagt sein, lieber
Professor. Es erscheinen heutzutage keine Engel mehr und wo Unrecht
geschehen ist, mu Shne sein.

Daumer zuckte die Achseln. Glauben Sie denn, da Sie damit etwas zum
Heile Caspars tun? fragte er mit einem Ton von Fanatismus, der dem
Brgermeister lcherlich erschien. Nur Erdenschwere und Erdenschmutz
heften Sie ihm an. Schon jetzt erhebt sich ja ein Geznke um ihn, da
mir mein Anteil an seiner Sache verbittert wird. Es werden bse
Geschichten zutage kommen.

Das sollen sie; wenn sie nur zutage kommen, erwiderte Binder lebhaft.
Im brigen tue jeder, was seines Amtes.

Am nchsten Vormittag stellte sich der Brgermeister in Daumers Wohnung
ein und sie gingen mit Caspar zur Burg hinauf. Herr Binder lutete an
der Pfrtnerwohnung; der Pfrtner kam mit einem groen Schlsselbund und
geleitete sie hinber.

Als sie vor dem mchtigen zweiflgeligen Tor standen, war es, als ob
sich Caspars Gesicht pltzlich entschleiere. Er reckte sich auf, sein
Oberleib bog sich nach vorn und er stammelte: So eine Tr, genau so
eine Tr.

Was meinst du, Caspar, was schwebt dir vor? fragte der Brgermeister
liebevoll.

Caspar antwortete nicht. Mit gesenktem Auge und nachtwandlerischer
Langsamkeit schritt er durch die Halle. Die beiden Mnner lieen ihn
vorangehen. Immer nach ein paar Schritten blieb er stehen und sann.
Seine Erschtterung wuchs zusehends, als er die breite Steintreppe
hinaufstieg. Oben blickte er sich seufzend um; sein Gesicht war bleich,
die Schultern zuckten. Daumer hatte Mitleid mit ihm und wollte ihn
seiner Hingenommenheit entreien, doch wie er zu sprechen begann, sah
ihn Caspar mit einem fernweilenden Blick an, lispelte: Dukatus,
Dukatus und lauschte dabei, als wolle er dem Wort einen heimlichen Sinn
abhorchen.

Er gewahrte die lange Reihe der Burggrafenbildnisse an den Wnden, er
schaute durch die Flucht der offenen Sle, er stand in der Galerie und
schlo die Augen, und endlich, auf eine leise Frage des Brgermeisters,
wandte er sich um und sagte mit erstickter Stimme, es sei ihm so, als
habe er einmal ein solches Haus gehabt, und er wisse nicht, was er davon
denken solle.

Der Brgermeister sah Daumer schweigend an.

Nachmittags suchten sie Herrn von Tucher auf und entwarfen in
Gemeinschaft mit ihm den Bericht an den Prsidenten Feuerbach. Das
ausfhrliche Schreiben wurde noch selbigen Tags zur Post gegeben.

Sonderbarerweise erfolgte darauf weder ein Bescheid noch berhaupt ein
Zeichen, da der Prsident das Schriftstck erhalten habe. Der Brief
mute verloren gegangen oder gestohlen worden sein. Baron Tucher lie
unter der Hand und auf privatem Weg bei Herrn von Feuerbach anfragen,
und man erfuhr wirklich, da dieser von nichts wisse. Unruhe und
Bestrzung bemchtigte sich der drei Herren. Sollte da ein unsichtbarer
Arm im Spiel sein wie bei jenem Zettel, den man mir ins Fenster geworfen
hat? meinte Daumer ngstlich. Nachforschungen bei der Post hatten kein
Ergebnis, und so ward der Bericht zum zweitenmal abgefat und durch
einen sicheren Boten dem Prsidenten persnlich eingehndigt.

Feuerbach erwiderte in seiner kategorischen Art, da er die Sache im
Auge behalten wolle und sich aus naheliegenden Grnden einer
schriftlichen Meinungsuerung enthalte. Ich entnehme aus dem
Gesundheitsattest des Amtsarztes, worin bei einem sonst befriedigenden
Befund von Caspars bleicher Gesichtsfarbe die Rede ist, da es dem
jungen Menschen an regelmiger Bewegung in freier Luft fehlt, schrieb
er; hier ist Abhilfe dringend ntig. Man lasse ihn reiten. Es ist mir
der Stallmeister von Rumpler dortselbst empfohlen worden. Hauser soll
dreimal wchentlich eine Reitstunde bei ihm nehmen, die Kosten soll der
Stadtkommissr auf Rechnung setzen.

Vielleicht waren es die Trume, die Caspar bla machten. Fast jede Nacht
befand er sich in dem groen Haus. Die gewlbten Hallen waren von
silbernem Licht durchflutet. Er stand vor der geschlossenen Tr und
wartete, wartete...

Endlich eines Nachts, die dmmernden Rume des groen Hauses dehnten
sich schweigend und leer, tauchte vom untersten Gang her eine schwebende
Gestalt auf. Caspar dachte zuerst, es sei der Mann im weien Mantel;
aber als die Gestalt nherkam, gewahrte er, da es eine Frau war. Weie
Schleier umhllten sie und flogen bei den Schultern durch den Hauch
eines unhrbaren Windes empor. Caspar blieb wie festgewurzelt stehen;
sein Herz tat ihm wehe, als htte eine Faust danach gegriffen und es
gepackt, denn das Antlitz der Frau zeigte einen solchen Ausdruck des
Kummers, wie er ihn noch an keinem Menschen bemerkt. Je nher sie kam,
je furchtbarer schnrte sein Herz sich zusammen; ernst schritt sie
vorbei; ihre Lippen nannten seinen Namen, es war nicht der Name Caspar,
und doch wute er, da es sein Name war oder da ihm allein der Name
galt. Sie hrte nicht auf, denselben Namen zu nennen, und als sie schon
wieder in weiter Ferne war und die Schleier wie weie Flgel um ihre
Schultern flatterten, hrte er immer noch den Namen; da wute er, da
die Frau seine Mutter war.

Er wachte auf, in Trnen gebadet; und als Daumer kam, strzte er ihm
entgegen und rief: Ich hab' sie gesehen, ich habe meine Mutter gesehen,
sie war es, sie hat mit mir gesprochen!

Daumer setzte sich an den Tisch und sttzte den Kopf in die Hand. Sieh
mal, Caspar, sagte er nach einer Weile, du darfst dich solchen
Wahngebilden nicht glubig hingeben. Es bedrckt mich aufrichtig und
schon lange. Es ist, wie wenn jemand in einem Blumengarten lustwandeln
darf und, statt freudigem Genu sich zu berlassen, die Wurzeln ausgrbt
und die Erde durchhhlt. Versteh mich wohl, Caspar; ich will nicht, da
du auf das Recht verzichtest, alles zu erfahren, was auf deine
Vergangenheit Bezug hat und auf das Verbrechen, das an dir verbt wurde.
Aber bedenke doch, da Mnner von reicher Erfahrung, wie der Herr
Prsident und Herr Binder, dafr am Werke sind. Du, Caspar, solltest
vorwrts schauen, dem Lichte leben und nicht der Dunkelheit; im Lichte
ruht dein Dasein, dort ist das Glck. Jeder Mensch von Vernunft kann,
was er will; tu mir die Liebe und wende dich ab von den Trumen. Nicht
umsonst heit es ja: Trume sind Schume.

Caspar war bestrzt. Der Gedanke, da in seinen Trumen keine Wahrheit
sein solle, wurde ihm zum erstenmal entgegengehalten, aber zum erstenmal
war die eigne Gewiheit von einer Sache fester als die Meinung seines
Lehrers. Das zu empfinden, bereitete ihm keine Genugtuung, sondern
Bedauern.




Religion, Homopathie, Besuch von allen Seiten


So war es Dezember geworden und eines Morgens fiel der erste Schnee des
verspteten Winters.

Caspar wurde nicht mde, dem lautlosen Herabgleiten der Flocken
zuzuschauen; er hielt sie fr kleine beflgelte Tierchen, bis er die
Hand zum Fenster hinausstreckte und sie auf der warmen Haut zerrannen.
Garten und Strae, Dcher und Simse glitzerten, und durch das
Flockengewhl kroch lichter Nebeldampf wie Hauch aus einem atmenden
Mund.

Was sagst du dazu, Caspar? rief Frau Daumer. Erinnerst du dich, da
du mir nicht glauben wolltest, als ich dir einmal vom Winter erzhlte?
Siehst du, wie alles wei ist?

Caspar nickte, ohne einen Blick von drauen zu wenden. Wei ist alt,
murmelte er, wei ist alt und kalt.

Um elf Uhr hast du Reitstunde, Caspar, vergi es nicht, mahnte Daumer,
der in seine Schule ging.

Eine berflssige Sorge; das verga Caspar nicht, allzulieb war ihm
schon das Reiten geworden seit der kurzen Zeit, wo er damit begonnen.

Er liebte Pferde, war ihm doch ihre Gestalt gar sehr vertraut. Es kam
vor, da abendliche Schatten als schwarze Rosse vorberstrmten, erst
am feurigen Rand des Himmels Halt machten und ihn mit zurckschauendem
Blick aufforderten, sie in die unbekannte Ferne zu geleiten. Auch im
Wind sausten Rosse, auch die Wolken waren Rosse, in den Rhythmen der
Musik hrte er das taktbemessene Traben ihrer Hufe, und wenn er in
glcklicher Stimmung an etwas Edles und Vollkommenes dachte, sah er
zuerst das Bild eines stolzen Rosses.

Beim Reitunterricht hatte er von Anfang an eine Gewandtheit gezeigt, die
das grte Erstaunen des Stallmeisters erregt hatte. Wie der Bursche
sitzt, wie er den Zgel hlt, wie er das Tier versteht, das mu man sich
anschauen, sagte Herr von Rumpler; ich will hundert Jahre in der Hlle
braten, wenn das mit rechten Dingen zugeht. Und alle, die etwas von der
Sache verstanden, redeten hnlich.

Ei, wie selig war Caspar beim Trab und Galopp! Dies Ziehen und Fliehen,
dies leichte Getragensein, hinaus und vorwrts, dies sanfte Auf und Ab,
das Lebendigsein auf Lebendigem!

Wenn nur nicht die Leute so lstig gewesen wren. Beim ersten Ausritt
mit dem Stallmeister wurden sie von einem ganzen Pbelhaufen verfolgt
und selbst gesetzte Brger blieben stehen und lachten erbittert vor sich
hin. Der versteht's, hhnten sie, der hat sich ein Bett gemacht, so
mu man's anfangen, damit einem warm wird.

Auch heute war solch ein unbequemes Aufsehen. Der Himmel hatte sich
geklrt und die Sonne schien, als sie durch die Engelhardtsgasse ritten.
Eine Rotte von Knaben zog hinter ihnen drein und rechts und links
wurden die Fenster aufgerissen. Der Stallmeister gab seinem Tier die
Sporen und trieb Caspars Pferd mit der Peitsche an. Man kommt sich ja,
parbleu, wie ein Zirkusreiter vor, rief er zornig.

Sie sprengten bis zum Jakobstor. He! Holla! rief da eine Stimme, und
aus einer Seitengasse kam, ebenfalls zu Pferde, Herr von Wessenig auf
sie zu. Rumpler begrte den Offizier und der Rittmeister gesellte sich
an Caspars Seite.

Prchtig, lieber Hauser, prchtig! rief er mit bertriebener
Verwunderung, wir reiten ja wie ein Indianerhuptling. Und das alles
hat man erst bei den braven Nrnbergern gelernt? Nicht zu glauben.

Caspar hrte nicht den verfnglichen Unterton der Rede; er blickte den
Rittmeister dankbar und geschmeichelt an.

Aber denk dir, Hauser, was ich heute bekommen habe, fuhr der
Rittmeister fort, den es juckte, mit Caspar einen Spa zu haben. Ich
hab' etwas bekommen, was dich hchlichst angeht.

Caspar machte ein fragendes Gesicht. Vielleicht war es der edel-ruhige
Ausdruck seiner Zge, der den Rittmeister zgern lie. Ja, ich hab'
etwas bekommen, wiederholte er dann eigensinnig, ein Brieflein hab'
ich bekommen. Er hatte den einfltigen Ton, den die Erwachsenen
annehmen, wenn sie mit Kindern scherzen, und der lauernde Blick in
seinen Augen besagte etwa: wollen mal sehen, ob er Angst kriegt.

Ein Brieflein? entgegnete Caspar, was steht denn drinnen?

Ja, rief der Rittmeister und lachte knallend, das mchtest du wohl
wissen? Wichtige Sachen stehen drin, wichtige Sachen!

Von wem ist es denn? fragte Caspar, dem das Herz erwartungsvoll zu
pochen anfing.

Herr von Wessenig zeigte seine Zhne und stellte sich vor Vergngen in
die Steigbgel. Nun rate mal, sagte er, wir wollen mal sehen, ob du
raten kannst. Von wem kann das Brieflein sein? Er zwinkerte Herrn von
Rumpler verstndnisinnig zu, indes Caspar den Kopf senkte.

Es quoll auf einmal Traumluft um Caspars Sinne und eine Hoffnung
liebkoste ihn, die den kargen Tag verleugnete. Aus ihren Schleiern erhob
sich die kummervolle Traumfrau und schwebte still vor den drei Rossen
dahin. Jh blickte er empor und sagte mit zgernden Lippen: Ist
vielleicht von meiner Mutter der Brief?

Der Rittmeister runzelte ein wenig die Stirn, als ob es ihm bedenklich
schiene, den Schabernack zu weit zu treiben, doch entuerte er sich
schnell der ernsten Regung, klopfte Caspar auf die Schulter und rief:
Erraten, Teufelskerl! Erraten! Mehr sag' ich aber nicht, Freundchen,
sonst knnt' es mir bel bekommen. Und mit dem letzten Wort setzte er
sich fester in den Sattel und sprengte davon.

Eine Viertelstunde spter kam Caspar atemlos nach Hause. Daumers saen
schon bei Tisch, sie schauten dem Ankmmling gespannt entgegen und Anna
erhob sich unwillkrlich, als Caspar mit schweibedeckter Stirne neben
den Sessel ihres Bruders trat und mit gebrochener Stimme hervorjubelte:
Der Herr Rittmeister hat einen Brief bekommen von meiner Mutter!

Daumer schttelte erstaunt den Kopf. Er versuchte Caspar begreiflich zu
machen, da ein Miverstndnis oder eine Tuschung obwalten msse;
Mutter und Schwester untersttzten ihn darin nach Krften. Es war
umsonst. Caspar faltete flehentlich die Hnde und bat, Daumer mge mit
ihm zu Herrn von Wessenig gehen. Dessen weigerte sich Daumer
entschieden, doch als Caspars Aufregung wuchs, erklrte er sich bereit,
allein zu Herrn von Wessenig zu gehen. Er a schnell seinen Teller leer,
nahm Hut und Mantel und ging.

Caspar lief zum Fenster und sah ihm nach. Er wollte sich nicht zu Tisch
begeben, ehe Daumer wieder da war. Er zerknllte das Taschentuch in der
Hand, rasch atmend starrte er gegen den Himmel und dachte: Wenn ich dich
liebhaben soll, Sonne, mach, da es wahr ist. So wurde es ein Uhr und
Daumer kam zurck. Er hatte den Rittmeister zur Rede gestellt und eine
heftige Auseinandersetzung mit ihm gehabt. Herr von Wessenig hatte die
Sache zuerst humoristisch genommen, damit lief er aber bei Daumer bel
ab, dem ohnehin das hmische Gerede, das ihm tglich zugetragen wurde,
Verdru genug erregte. Erst gestern hatte man ihm erzhlt, auf einer
Assemblee bei der Magistratsrtin Behold habe sich ein angesehener
Aristokrat ber ihn lustig gemacht als ber den Meister somnambuler und
magnetischer Geheimkunst, der Caspar Hauser feierlich den Zaubermantel
unter die Fe breite, aber statt in den ther zu entschweben, wie
jedermann erwarte, bleibe der gute Caspar gemchlich sitzen und lasse
sich ausfttern.

Solches nagte an Daumer und er hatte es dem Rittmeister ins Gesicht
gesagt, da ihn das scheele Geschwtz der nichtstuenden eleganten Welt
gleichgltig lasse. Bin ich auch eher auf Hilfe und Zustimmung als auf
Verteidigung und Abwehr gefat gewesen, so wei ich doch genau, da das
erstarrte Herz von Ihnen und Ihresgleichen nicht um einen Pulsschlag
gefhlvoller schlagen wird, rief er aus. Das aber kann ich fordern,
da man den Jngling, der unter meinem Schutz und dem des Herrn
Staatsrats steht, wenigstens mit bswilligen Scherzen verschont.

Sprach's und ging. Einen Freund lie er nicht zurck.

Zu Hause ankommend und Caspars stummes Drngen wahrnehmend, sagte er mit
mhsamer Milde: Er hat dich zum Narren gehabt, Caspar. Es ist natrlich
kein Wort wahr. Solchen Leuten mut du auch nicht glauben.

O! machte Caspar voll Schmerz. Dann war er still.

Erst als Daumer sich nach der Mittagsrast zum Aufbruch anschickte,
entri sich Caspar seinem Schweigen und sagte in mattem und verndertem
Ton: Der Herr Rittmeister hat also nicht die Wahrheit gesagt?

Nein, er hat gelogen, versetzte Daumer kurz.

Das ist schlecht von ihm, sehr schlecht, sagte Caspar.

Erstaunlich schien ihm zunchst die Tatsache des Lgens, erstaunlicher
noch, da sich ein so groer Herr ihm gegenber der Lge schuldig
gemacht. Warum hat er das mit dem Brief gesagt, grbelte er, und
stundenlang war er damit beschftigt, sich des Rittmeisters Worte immer
wieder von neuem vorzusagen und sich das Gesicht zurckzurufen, in
welchem, von ihm nicht gewut, die Lge wohnte.

Es war da etwas nicht in Ordnung. Er sann und sann und kam zu keinem
Ende. Um sich auf andre Gedanken zu bringen, schlug er die Rechenfibel
auf und ging an sein Tagespensum. Als auch dies nichts half, nahm er die
Glasharmonika, die ihm eine Dame aus Bamberg geschenkt, und bte sich
eine halbe Stunde lang in den simpeln Melodien, die er darauf zu spielen
erlernt hatte.

Pltzlich erhob er sich und trat vor den Spiegel. Starr blickte er sein
eignes Gesicht an: er wollte sehen, ob Lge darin sei. Trotz der
Beklommenheit, die er dabei empfand, reizte es ihn, einmal selber zu
lgen, nur um zu prfen, wie nachher sein Gesicht aussehen wrde.
ngstlich schaute er sich um, blickte dann wieder in den Spiegel und
sagte leis: Es schneit.

Er hielt das fr eine Lge, weil ja die Sonne schien.

Nichts hatte sich in seinem Gesicht verndert: man konnte also lgen,
ohne da es jemand bemerkte. Er hatte geglaubt, die Sonne wrde sich
verfinstern oder verstecken, aber sie schien ruhig weiter.

Am Abend kam Daumer mit einem neuen rger nach Hause. Von der Mutter
gefragt, was es denn schon wieder gebe, zog er ein kleines
Zeitungsblttchen aus der Tasche und warf es auf den Tisch. Es war der
Katholische Wochenschatz; auf der ersten Seite stand eine Epistel ber
Caspar Hauser, die mit den fettgedruckten Lettern begann: Warum lt man
den Nrnberger Findling nicht der Segnungen der Religion teilhaftig
werden?

Ja, warum lt man denn nicht? spottete Anna.

Und das wagt man in einer protestantischen Stadt, sagte Daumer mit
finsterem Gesicht. Wenn diese Herren nur wten, was fr eine unmige
Furcht der Jngling vor ihren Geistlichen hat. Whrend er noch auf dem
Turm war, sind eines Tages vier zu gleicher Zeit bei ihm erschienen.
Glaubt ihr vielleicht, sie htten zu seinem Herzen geredet oder seine
Andacht zu wecken gesucht? Weit gefehlt. Sie schwatzten vom Zorn Gottes
und von der Vergeltung der Snden, und als er immer furchtsamer
dreinsah, fingen sie an zu wettern und zu drohen, als ob der arme Mensch
am nchsten Tag zum Galgen gefhrt werden sollte. Zufllig kam ich dazu
und forderte sie hflich auf, ihre Bemhungen einzustellen.

Da Caspar ins Zimmer trat, wurde das Gesprch abgebrochen.

Aber der Appell des Katholischen Wochenschatzes verhallte nicht
ungehrt. Mit der Religion ist nicht zu spaen, sagten die Herren auf
dem Magistrat, und einer drckte sogar den Zweifel aus, ob der Jngling
berhaupt getauft sei. Darber ward eine Weile hin und her debattiert,
doch lie man die Frage schlielich fallen und die Taufe ward als
selbstverstndlich angenommen, da man ja unter Christen in einem
christlichen Lande lebe und der Jngling auf keinen Fall aus der Tatarei
kommen knne.

Nicht so leicht war die Entscheidung ber die katholische oder
evangelische Konfession. Obgleich die Pfaffen in der Stadt wenig Macht
besaen, mute man doch die obdachlose Seele dem hungrigen Rachen Roms
entreien, anderseits war man zu zaghaft fr ein rauhes Zugreifen, weil
es mglich war, da eine einflureiche Person ber kurz oder lang ein
Anrecht andrer Art geltend machen konnte.

Der Brgermeister wandte sich an Daumer und verlangte, Caspar solle
einen Religionslehrer erhalten, man berlasse es Daumer, einen
vertrauenswrdigen Mann zu bestimmen. Wie wre es mit dem Kandidaten
Regulein? meinte Binder.

Ich habe nichts dagegen, erwiderte Daumer gleichgltig. Der Kandidat
wohnte im Daumerschen Haus zu ebener Erde und geno den Ruf eines
soliden und fleiigen Mannes.

Wenn ich selbst auch nicht kirchlich-fromm gesinnt bin, sagte der
Brgermeister, so ist mir doch die modische Freigeisterei von Herzen
zuwider, und ich wnschte nicht, da unser Caspar in ein ehrfurchtsloses
Weltwesen gert. Auch in Ihrer Absicht kann das nicht liegen.

Aha, ein Stich, dachte Daumer stillergrimmt, man beleidigt, verdchtigt
mich schon wieder, ich bin niemand bequem, sehr ehrenwert, ihr Herren,
sehr ehrenwert. Laut antwortete er: Gewi nicht. Ich habe es auch nicht
fehlen lassen, in meiner Art auf ihn zu wirken. Und meine Art mag sein,
wie sie will, sie ist nicht schlechter als jede andre. Leider haben mir
allerhand Unberufene bestndig hineingepfuscht. So war es mir in der
ersten Zeit mit groer Mhe gelungen, den starren Eigensinn seines
Schauens zu brechen und ihm einen Begriff von dem allmchtigen Trieb des
Wachstums in der Natur zu geben. Kommt da ein Frauenzimmer an, whrend
Caspar vor einem Blumentopf sitzt und mit seinem unschuldigen Staunen
die ber Nacht aufgesproten Schlinge betrachtet. Nun, Caspar, fragt
sie einfltig, wer hat denn das wachsen lassen? Es ist von selbst
gewachsen, erwidert er stolz. Aber, Caspar, ruft jene, es mu doch
jemand sein, der es hat wachsen lassen? Er wrdigte sie keiner Antwort
mehr, aber die wohlwollende Dame ging hin und erzhlte berall, Caspar
werde zum Atheisten gemacht. Da hat man eben einen schweren Stand.

Es handelt sich doch am Ende nur darum, ihm das Gefhl einer hheren
Verpflichtung einzuimpfen, sagte Binder.

Die hat er, die hat er, aber sein Verstand anerkennt eben in seinen
Forderungen keine Grenzen und will durchaus befriedigt sein, fuhr
Daumer leidenschaftlich fort. Gestern abend besuchten ihn zwei
protestantische Geistliche, der eine aus Frth, der andre aus Farnbach,
der eine dick, der andre mager, alle beide eifrig wie kleine Paulusse.
Sie machten mir erst allerlei Elogen, ich lasse sie zu Caspar hinein,
und ehe man drei zhlen kann, fangen sie eine Disputation mit ihm an.
Ach, es war komisch, es war hchst komisch. Es kam die Rede auf die
Erschaffung der Welt, und der Dicke aus Frth sagte, Gott habe die Welt
aus dem Nichts geschaffen. Und als nun Caspar wissen wollte, wie das
zugegangen, stibitzten sie ihm die Erklrung vor der Nase weg, indem sie
alle zwei hndefuchtelnd auf ihn einredeten wie auf einen Heiden, der
bei seinem Gtzen schwrt. Endlich beruhigten sie sich, und da sagte
mein guter Caspar zutulich, wenn er etwas machen wolle, msse er doch
etwas haben, woraus er es mache, sie mchten ihm doch sagen, wie das bei
Gott mglich sei. Da schwiegen sie eine Weile, flsterten
untereinander, und endlich antwortete der Magere, bei Gott sei alles
mglich, weil er nicht ein Mensch sei, sondern ein Geist. Da lchelte
mich Caspar an, denn er dachte, sie wollten sich ber ihn lustig machen,
und er stellte sich, als glaube er ihnen, was die beste Manier war, um
sie loszuwerden.

Der Brgermeister schttelte mibilligend den Kopf. Daumers Sarkasmus
gefiel ihm ganz und gar nicht. Es gibt auch eine gedachtere Ansicht von
Gott als die, die sich so mhelos verspotten lt, wandte er ruhig ein.

Eine gedachtere Ansicht? Ohne Zweifel. Vergessen Sie nur nicht, da die
der gemeinen durch und durch widerspricht. Und wenn ich sie ihm
beizubringen suche, setze ich mich Vorwrfen und Mikennungen aus.
Nchstes Jahr soll er in die ffentliche Schule gehen, fr einen
Menschen von wenigstens achtzehn Jahren ohnedies eine Schwierigkeit, da
wrden nun _meine_ Lehren wieder zunichte gemacht und die Folge ist
Konfusion. Schon jetzt fange ich an feig zu werden und speise ihn mit
bequemen Antworten ab. Neulich konnte er eingetretener Augenschwche
halber nicht arbeiten, und er fragte mich, ob er von Gott etwas erbitten
drfe und ob er es dann erhalten werde. Ich sagte, zu bitten sei ihm
gestattet, doch msse er es der Weisheit Gottes anheimstellen, ob er die
Bitte gewhren wolle oder nicht. Er entgegnete, er wolle die Genesung
seiner Augen erbitten und dawider knne ja Gott nichts einzuwenden
haben, denn er gebrauche die Augen, um seine Zeit nicht in unntzen
Gesprchen und Spielereien vergeuden zu mssen. Ich sagte darauf, Gott
habe bisweilen unerforschliche Grnde, etwas zu versagen, wovon wir
glaubten, da es heilsam wre, er wolle uns oft durch Leiden prfen, in
Geduld und Ergebung ben. Da lie er traurig den Kopf hngen. Gewi
dachte er, ich sei auch nicht besser als die Frommen, deren Grnde er
nur fr Ausreden nimmt.

Was ist jedoch zu tun? fragte der Brgermeister mit sorgenvoller
Stirn. Auf dem Weg des Zweifelns und Leugnens mu die Fhigkeit zum
Guten verkmmern.

Zweifeln und Leugnen ist es wohl kaum, versetzte Daumer unwillig.
Gott ist kein Bewohner des Himmels, er haust nur in unsrer Brust. Der
reiche Geist birgt ihn im umfassenden Gefhl, der arme wird durch die
Not des Lebens seiner gewahr und nennt es Glauben; er knnte es auch
Angst nennen. In Schnheit und Freude gestaltet sich der wahre Gott, im
Schaffen. Was Sie Zweifel und Leugnen heien, ist das aufrichtige Zagen
der ihrer selbst noch ungewissen Seele. Man gebe der Pflanze so viel
Sonne, wie sie braucht, und sie besitzt einen Gott.

Das ist Philosophie, erwiderte Binder, und zudem Philosophie, die
einem Alltagsmenschen wie mir frivol klingen mu. Jeder Bauer hat fr
seine Ernte mit Sturm und Unwetter zu rechnen, und nur ein berheblicher
Mensch kann sich einfallen lassen, von selber etwas zu gelten. Doch
genug davon. Waren Sie eigentlich mit Caspar schon einmal in der
Kirche?

Nein, ich habe das bis jetzt vermieden.

Morgen ist Sonntag. Haben Sie etwas dagegen einzuwenden, wenn ich ihn
zum Gottesdienst in die Frauenkirche mitnehme?

Nicht im geringsten.

Gut, ich werde ihn um neun Uhr abholen.

Wenn sich Herr Binder eine sonderliche Wirkung von diesem Versuch
versprochen hatte, so wurde er darin sehr enttuscht. Als Caspar die
Kirche betreten hatte und die erhobene Stimme des Predigers vernahm,
fragte er, warum der Mann schimpfe. Die Kruzifixe erregten seinen
tiefsten Schauder, weil er die angenagelten Christusbilder fr
gemarterte lebendige Menschen hielt. Bestndig schaute er, bestndig
verwunderte er sich, das Spiel der Orgel und der Gesang des Chors
betubten sein empfindliches Ohr dermaen, da er die Harmonie der
Klnge gar nicht sprte, und zum Schlu brachte ihn die Ausdnstung der
Menschenmenge einer Ohnmacht nahe.

Der Brgermeister sah wohl seinen Fehlgriff ein, doch lie er nicht ab,
auf einen regelmigen Besuch der Kirche zu dringen, obwohl sich Caspar
jedesmal hartnckig dagegen strubte. Wenn der Kandidat Regulein Herrn
Binder seine Not klagte, erwiderte dieser: Nur Geduld, die Gewohnheit
wird ihn schon zur Andacht ntigen. -- Ich glaube nicht, versetzte der
Kandidat darauf mutlos, gebrdet er sich doch, als ob er sein Leben
lassen sollte, wenn ich ihn zum Kirchgang auffordere. -- Macht nichts,
es ist Ihr Beruf, seinen Widerstand zu brechen, lautete der Bescheid.

Der gute, hilflose Kandidat Regulein! Ein junges Mnnlein, das nie jung
gewesen war und dessen Gottesgelehrtentum von so dnner Beschaffenheit
war wie seine Beine. Er zitterte insgeheim vor den Unterrichtsstunden,
die er Caspar erteilen mute, und sooft ihn eine Frage in Verlegenheit
setzte, was gar nicht selten geschah, verschob er die Auskunft auf das
nchste Mal, wobei er sich vornahm, in gewissen Bchern nachzuschlagen,
um nicht gegen die Theologie zu verfehlen. Caspar wartete treuherzig,
aber in der folgenden Stunde kam nichts oder wenig. Der Kandidat, der im
stillen hoffte, sein Schler habe vergessen, erschrak und wich aus. Das
half nicht; der unbarmherzige Frager trieb ihn aus einer Verschanzung in
die andre, bis das verzweifelte Argument aufgestellt werden mute, es
sei unrecht, ber dunkle Gegenstnde des Glaubens zu forschen.

Caspar lief zu Daumer und beklagte sich bitter, da er keine Aufschlsse
erhalte. Daumer fragte, was er zu wissen begehrt habe. Er hatte zu
wissen verlangt, warum Gott nicht mehr wie in frheren Zeiten zu den
Menschen herabkomme, um sie ber so vieles, was verborgen sei, zu
belehren. Ja sieh mal, Caspar, sagte Daumer, es gibt Geheimnisse in
der Welt, die sich eben beim besten Willen nicht verstehen lassen. Da
mu man Vertrauen haben, da Gott eines Tages unser Herz darber
erleuchtet. Wir alle wissen ja auch nicht, woher du kommst und wer du
bist, und trotzdem hoffen wir von der Gerechtigkeit und Allwissenheit
Gottes, da er uns eines Tages darber Aufschlu gewhrt.

Aber Gott hat doch nichts damit zu tun, da ich im Kerker war,
erwiderte Caspar sanft, das haben doch die Menschen getan. Und ratlos
setzte er hinzu: So ist's eben. Das eine Mal sagt der Kandidat, Gott
lasse den Menschen ihren freien Willen, das andre Mal sagt er, Gott
strafe sie fr ihre bsen Handlungen. Da werd' ich ganz zum Narren.

Diese Unterhaltung fand an einem strmischen Nachmittag Ende Mrz statt
und Daumer geriet durch sie in eine so trbe Stimmung, da er eine
angefangene schriftliche Arbeit nicht zu beendigen vermochte. Man raubt
ihn mir, man bricht ihn mir zu Stcken, dachte er. Voll Traurigkeit nahm
er ein dickes Heft zur Hand, das seine Aufzeichnungen ber Caspar
enthielt, und bltterte drin herum. Er schrak zusammen, als seine
Schwester ziemlich hastig eintrat, noch mit Pelzkappe und Umhang, wie
sie von der Strae kam. Ihr Gesicht verriet Aufregung, und sie wandte
sich mit der schnell hervorgestoenen Frage an Daumer: Weit du schon,
was man in der Stadt spricht?

Nun?

Man erzhlt sich, Caspar Hauser sei von frstlicher Abkunft, ein
beiseitegeschaffter Prinz.

Daumer lachte gezwungen. Das fehlte noch, entgegnete er abschtzig.
Was denn noch alles!

Du glaubst nicht daran? Das hab' ich mir gleich gedacht. Aber woher
mgen solche Gerchte stammen? Irgend etwas mu doch dahinter sein.

Gar nichts mu dahinter sein. Sie schwatzen eben. La sie schwatzen.

Eine halbe Stunde spter erhielt Daumer den Besuch des Archivdirektors
Wurm aus Ansbach. Es war dies ein kleiner, etwas verwachsener Mann, der
nie lchelte; es hie von ihm, da er sehr befreundet mit Herrn von
Feuerbach und die rechte Hand des Regierungsprsidenten Mieg sei. Von
ersterem bestellte er Gre an Daumer und sagte, der Staatsrat werde in
allernchster Zeit nach Nrnberg kommen, er beschftige sich
angelegentlich mit der Sache Caspar Hausers.

Nach einem kurzen, wenig belangvollen Hin- und Herreden griff der
Archivdirektor pltzlich in die Rocktasche, brachte ein kleines
broschiertes Buch zum Vorschein und reichte es wortlos Daumer. Dieser
nahm es und las den Titel: Caspar Hauser, nicht unwahrscheinlich ein
Betrger. Vom Polizeirat Merker in Berlin.

Daumer besah das Bchlein mit feindseligen Augen und sagte matt: Das
ist deutlich. Was will der Mann? Was ficht ihn an?

Es ist ein gehssiges Pamphlet, tritt aber hchst plausibel auf,
erwiderte der Archivdirektor. Es sind da mit Flei und Geschick alle
Verdachtsgrnde, die schon lngst in mitrauischen Gemtern spuken,
gegen den Findling zusammengetragen. Der Verfasser prft alle Angaben
Caspars auf ihre Verdchtigkeit hin, auch gibt er Beispiele aus der
Vergangenheit, wo hnliche Lgenknste, wie er sich ausdrckt, zu
verspteter Enthllung gelangt sind. Sie, lieber Professor, und Ihre
hiesigen Freunde kommen dabei nicht zum besten weg.

Natrlich; kann ich mir denken, murmelte Daumer, und mit der flachen
Hand auf das Buch schlagend, rief er aus: Nicht unwahrscheinlich ein
Betrger! Da sitzt so ein mit allen Hunden gehetzter Herr in Berlin und
wagt es, wagt es--! Himmelschreiend! Man sollte ihm diesen nicht
unwahrscheinlichen Betrger vorfhren, man sollte ihn zwingen, dem
Engelsblick standzuhalten, ach, schndlich! Der einzige Trost dabei ist,
da doch niemand das Zeug lesen wird.

Sie irren sich, versetzte der Archivdirektor ruhig, das Heft findet
reienden Absatz.

Nun gut, ich werde es lesen, sagte Daumer, ich werde damit zum
Redaktor Pfisterle von der 'Morgenpost' gehen, der ist der richtige
Mann, um dem famosen Polizeirat Widerpart zu halten.

Der Archivdirektor ma den aufgeregten Daumer mit einem
gleichgltig-schnellen Blick. Ich mchte eine solche Maregel nicht
ohne weiters gutheien, bemerkte er diplomatisch; ich glaube auch im
Sinn des Herrn von Feuerbach zu sprechen, wenn ich Ihnen davon abrate.
Wozu das Zeitungsgeschreibe? Was soll es ntzen? Man mu handeln, in
aller Vorsicht und Stille handeln, das ist es.

In aller Vorsicht und Stille? Was wollen Sie damit sagen? fragte
Daumer ngstlich und argwhnisch.

Der Archivdirektor zuckte die Achseln und schaute zu Boden. Dann erhob
er sich, sagte, er wolle am folgenden Nachmittag wiederkommen, um Caspar
zu sehen, und reichte Daumer die Hand. Als er schon auf der Treppe war,
eilte ihm Daumer nach und fragte, ob es ihn nicht stre, wenn er morgen
fremde Leute hier im Hause treffe, es htten sich einige Herrschaften zu
Besuch angesagt. Der Archivdirektor verneinte.

Es gehrte zu den Charaktereigentmlichkeiten Daumers, da er sich in
einmal gefate Ideen bis zur offensichtlichen Schdlichkeit verrannte.
Trotz der Abmahnung des besonnenen Herrn Wurm begab er sich, kaum da er
das Buch des Berliner Polizeirats gelesen hatte, was weniger denn eine
Stunde Zeit brauchte, voll Erbitterung in die Redaktion der
'Morgenpost'. Der Redaktor Pfisterle war ein hitziges Blut; wie der
Geier aufs Aas strzte er sich auf diese Gelegenheit, seine immer in
Vorrat vorhandene Wut und Galle loszulassen. Er wollte Material haben,
und Daumer bestellte ihn fr den Mittag des folgenden Tages zu sich in
die Wohnung.

Am Abend herrschte eine sonderbar schwle Luft im Daumerschen Haus.
Whrend des Nachtessens wurde wenig geredet, und Caspar, der von all
dem, was rings um ihn vorging, nicht im mindesten etwas ahnte, war
verwundert ber manchen prfenden Blick oder ber das dstere Schweigen
auf eine herzliche Frage. Er hatte die Gewohnheit, vor dem Schlafengehen
noch ein Buch zur Hand zu nehmen und zu lesen; das tat er auch heute,
und es geschah nun, da sein Blick, als er das Buch aufgemacht, auf eine
bestimmte Stelle fiel, die ihn veranlate, entzckt in die Hnde zu
schlagen und in seiner herzlichen Art zu lachen. Daumer fragte, was es
gebe; Caspar deutete mit dem Finger auf das Blatt und rief: Sehen Sie
nur, Herr Professor! Seit einiger Zeit hatte er aufgehrt, Daumer zu
duzen, und zwar ganz von selbst und eigentmlicherweise fast an
demselben Tag, an welchem er zum ersten Male Fleisch genossen und danach
krank geworden war.

Daumer blickte ins Buch. Die von Caspar aufgegriffenen Worte lauteten:
Die Sonne bringt es an den Tag.

Was gibt's dabei zu staunen? fragte Anna, die ber die Schulter des
Bruders gleichfalls in das Buch schaute.

Wie schn, wie schn! rief Caspar aus. Die Sonne bringt es an den
Tag. Das ist wunderschn.

Die drei andern schauten einander voll seltsamer Gefhle in die Augen.

berhaupt ist es schn, wenn man so liest: die Sonne! fuhr Caspar
fort. Die Sonne! Das hallt so.

Als er gute Nacht gewnscht hatte, sagte Frau Daumer: Man _mu_ ihn
doch lieb haben. Es wird einem ordentlich wohl, wenn man ihn in seiner
artigen Geschftigkeit beobachtet. Wie ein Tierchen webt er fr sich
hin, niemals langweilt er sich, nie fllt er durch Launen zur Last.

Wie verabredet, kam Pfisterle am nchsten Tag kurz nach Tisch, blieb
jedoch ber Gebhr lange sitzen und verstand nicht die ungeduldigen
Andeutungen Daumers, der ihn gern vor dem Eintreffen der erwarteten
Gste losgeworden wre. Als diese um drei Uhr erschienen, sa er noch
immer auf seinem Fleck und blieb auch da. Wahrscheinlich hatte es seine
Neugierde gereizt, da ihm Daumer den Namen einer der drei Personen
mitgeteilt hatte; es war dies ein damals vielgelesener Schriftsteller
aus dem Norden des Reichs. Die andern beiden waren eine holsteinische
Baronin und ein Leipziger Professor, der auf einer Romreise begriffen
war; ein Unternehmen, welches zu jener Zeit, wenigstens in Nrnberg,
einem Mann den Nimbus eines khnen Forschers verlieh.

Daumer empfing die Herrschaften sehr liebenswrdig, und nachdem er
Caspar herbeigeholt hatte, zndete er trotz der frhen Stunde die Lampe
an, denn der Nebel lag dicht wie graue Wolle vor den Fenstern. Der
Leipziger Professor zog Caspar in eine Unterhaltung, aber er sprach mit
ihm wie von Turmeshhe herunter. Auch lie er keinen Blick von ihm, und
die gelblichen Augen hinter den kreisrunden Brillenglsern schimmerten
bisweilen boshaft. Whrenddem kamen noch Herr von Tucher und der
Archivdirektor, lieen sich den Fremden vorstellen und nahmen auf dem
Sofa Platz.

In deinem Kerker war es also immer dunkel? fragte der Romfahrer und
strich langsam seinen Bart.

Caspar antwortete geduldig: Dunkel, sehr dunkel.

Der Schriftsteller lachte, worauf ihm der Professor vielsagend mit dem
Kopf zunickte.

Haben Sie den Unsinn gehrt, der hier in der Stadt ber seine
frstliche Abkunft geredet wird? lie sich jetzt die holsteinische
Baronin hren, deren Stimme wie aus einem Kellerloch kam.

Der Professor nickte wieder und sagte: In der Tat, es werden hier
starke Zumutungen an die Leichtglubigkeit des Publikums gestellt.

Eine Zeitlang schwiegen alle, wie von einem Schu erschreckt. Endlich
entgegnete Daumer mit heiserer Stimme und mit der Hflichkeit eines
schlechten Komdianten: Was veranlat Sie, meine Ehre zu beschimpfen?

Was mich veranlat? prasselte der cholerische Herr auf. Diese
Gaukelfuhr veranlat mich dazu. Der Umstand, da man ein ganzes Land
skrupellos mit einem albernen Mrchen fttert. Mu denn der gute
Deutsche immer wieder das Opfer von Abenteurern # la# Cagliostro
werden? Es ist eine Schmach.

Herr von Tucher hatte sich erhoben und blickte dem Aufgeregten mit so
unverhohlener Geringschtzung ins Gesicht, da dieser pltzlich schwieg.

Wir sind natrlich berzeugt, mischte sich der Schriftsteller, ein
klapperdrrer Herr mit kahlem Schdel, vermittelnd ein, da Sie, Herr
Daumer, im besten Glauben handeln. Sie sind Opfer, wie wir alle.

Jetzt konnte sich Pfisterle, den die Wut frmlich aufgeschwellt hatte,
nicht lnger halten. Mit geballten Fusten sprang er vom Stuhl empor und
schrie: Ja, zum Teufel, warum sollen wir uns denn das gefallen lassen?
Da kommen sie her, niemand hat sie gerufen, kommen her, um dagewesen zu
sein und mitreden zu knnen, haben von Anfang an alles besser gewut,
und wenn sie blind wie die Maulwrfe sind, werfen sie sich noch stolz in
die Brust und rufen: Wir sehen nichts, also ist nichts da. Warum soll
denn das ein Unsinn sein, geehrte Dame, was man von seiner Abstammung
erzhlt? Warum denn, bitte? Leugnen Sie etwa, da hinter den Mauern, wo
unsre Groen wohnen, sich Dinge ereignen, die das Tageslicht zu scheuen
haben? Da dort die Vertrge des Bluts fr nichts geachtet und
Menschenrechte mit Fen getreten werden, wenn der Vorteil eines
Einzelnen es erheischt? Soll ich mit Tatsachen dienen? Sie knnen es
nicht leugnen. Bei uns wenigstens sind die paar Dutzend Mnner noch
nicht vergessen, die ihre mutige Freiheitsfahne durch das Land getragen
und mit brennenden Fackeln in die Lgendmmerung der Palste geleuchtet
haben.

Genug, genug! unterbrach der Professor den rabiaten Zeitungsmann.
Migen Sie sich, Herr!

Ein Demagoge! sagte die Baronin und stand mit erschrockenen Augen
auf. Der Archivdirektor heftete einen vorwurfsvollen und khlen Blick
auf Daumer, der den Kopf gesenkt und die Lippen eigensinnig geschlossen
hatte. Als er emporschaute, blieb sein Auge mit gerhrtem Ausdruck auf
Caspar ruhen, der frei und arglos dastand, den lchelnden klaren Blick
von einem zum andern gleiten lie, nicht als ob von ihm gesprochen wrde
und er daran teilhtte, sondern als ob das bewegte Spiel der Mienen und
Gebrden lediglich seine Schaulust erwecke. In der Tat verstand er kaum,
wovon die Rede war.

Der Leipziger Professor hatte seinen Hut ergriffen und wandte sich noch
einmal, an Pfisterle vorbersprechend, gegen Daumer. Was ist denn
bewiesen von den Mutmaungen trichter Kpfe? fragte er gellend.
Nichts ist bewiesen. Fest steht nur, da aus irgendeinem
gottverlassenen Dorf in den frnkischen Wldern sich ein Bauerntlpel in
die Stadt verirrt, da er nicht ordentlich sprechen kann, da ihm alle
Werke der Kultur unbekannt sind, das Neue neu, das Fremde fremd
erscheint. Und darber geraten einige kurzsichtige, sonst ganz wackere
Mnner auer sich und nehmen die plumpen Aufschneidereien des geriebenen
Landstreichers fr bare Mnze. Wunderliche Verschrobenheit!

Ganz wie der Polizeirat Merker, konnte sich der Archivdirektor nicht
enthalten zu bemerken. Auch Pfisterle wollte dawiderreden, wurde aber
durch eine energische Kopfbewegung des Herrn von Tucher zum Schweigen
gebracht.

Pltzlich wurde von der Strae drauen das Rollen einer Kutsche hrbar.
Direktor Wurm ging zum Fenster, und nachdem der Wagen vor dem Haus
gehalten hatte, sagte er: Der Staatsrat kommt.

Wie? entgegnete Daumer rasch. Herr von Feuerbach?

Ja, Herr von Feuerbach.

In seiner Benommenheit versumte Daumer die Pflicht des Hausherrn, und
als er sich aufraffte, um den Prsidenten zu empfangen, stand dieser
schon auf der Schwelle. Mit seinem Imperatorenblick berflog er die
Gesichter aller Anwesenden, und als er den Archivdirektor gewahrte,
sagte er lebhaft: Gut, da ich Sie treffe, lieber Wurm, ich habe etwas
mit Ihnen zu sprechen.

Er trug die einfache Kleidung eines Privatmannes, und auer einem
kleinen Ordenskreuz neben dem Halsaufschlag des Rockes war keinerlei
Schmuck an ihm zu sehen. Die auerordentlich stolze Haltung des
gedrungenen, massigen Krpers und das steif Aufrechte, soldatisch
Gebietende seines stets etwas zurckgeworfenen Hauptes erweckten
ehrfurchtsvolle Scheu; sein Gesicht, auf den ersten Anblick dem eines
verdrielichen alten Fuhrmanns hnlich, wurde durch die dunkelglhenden
Augen, in denen die Unrast geistiger Leidenschaften lag, und durch die
festgeschlossenen, khngebogenen Lippen geadelt.

Er machte nicht den Eindruck eines Mannes, der viel Zeit hat. Trotz der
Wrde, die ihm sein Amt verlieh und die er nicht verringerte, hatte sein
Auftreten etwas Heftiges, und in der Art, wie er die im Zimmer
Versammelten begrte, war Frmlichkeit und Strenge enthalten. Es wirkte
darum erschreckend auf alle, als ihm Caspar ungezwungen entgegentrat und
ihm von selbst die Hand hinstreckte, die Feuerbach auch ergriff, ja
sogar eine Zeitlang in der seinen behielt.

Caspar war es wunderlich wohl geworden, seit der Prsident eingetreten
war. Er hatte oft an ihn gedacht, seit er mit ihm auf dem Gefngnisturm
gesprochen hatte, und seit dem ersten Hndedruck liebte er besonders die
Hand des Prsidenten, eine warme, harte, trockene Hand, die sich
wohlverschlo beim Gru, als ob sie glaubwrdige Versprechungen gbe,
und die eigne Hand ruhte dabei so sicher in ihr wie der mde Krper
abends im Bett.

Daumer geleitete den Prsidenten und den Direktor Wurm in sein
Studierzimmer und kehrte dann zurck. Die fremden Gste schickten sich
an zu gehen, sie hatten durch die Dazwischenkunft Feuerbachs etwas von
ihrer berlegenen Haltung verloren. Caspar wollte der Dame in den Mantel
helfen, doch sie machte eine abwehrende Geste und folgte eilig ihren
Begleitern. Herr von Tucher und Pfisterle entfernten sich ebenfalls.

Caspar nahm ein Schreibheft aus der Lade und setzte sich zur Lampe, um
seine lateinische Arbeit anzufertigen, da kamen der Prsident und
Direktor Wurm wieder ins Zimmer. Feuerbach ging auf Caspar zu, legte die
Hand auf sein Haar, bog den Kopf des Jnglings leicht zurck, so da der
Lampenschein voll in Caspars Gesicht fiel, betrachtete seltsam lange und
mit bohrender Aufmerksamkeit das seinem Blick stillhaltende Antlitz und
murmelte endlich, gegen Wurm gewendet, tief atmend: Keine Tuschung. Es
sind dieselben Zge.

Der Archivdirektor nickte stumm.

Das und die Trume... zwei wichtige Indizien, sagte der Prsident
mit dem gleichen Ton von Vertieftheit. Er schritt zum Fenster, die Hnde
auf dem Rcken, und sah eine Weile hinaus. Darauf wandte er sich zu
Daumer und fragte unvermittelt, wie es mit Caspars Ernhrung stehe.

Daumer erwiderte, er habe in letzter Zeit versucht, ihn an Fleischkost
zu gewhnen. Zuerst hat er sich sehr gewehrt, auch hat es den Anschein
nicht, als ob die vernderte Dit ihm sehr zutrglich sei. Es ist sogar
zu befrchten, da sie seine inneren Krfte wesentlich vermindert. Er
wird zusehends stumpfer.

Feuerbach zog die Stirn empor und deutete gegen Caspar. Daumer verstand
den Wink und forderte Caspar auf, zu den Frauen hinberzugehen. Er
wartete nicht ab, bis der Jngling das Zimmer verlassen hatte, sondern
fuhr mit beklommenem Eifer fort: An demselben Tag, wo Caspar zum
erstenmal Fleisch geno, schnappte der Hund unsers Nachbars, der ihm bis
dahin hchst zugetan war, nach ihm und bellte ihn wtend an. Das war mir
eine wunderbare Lehre.

Der Prsident entgegnete finster: Dem mag sein, wie ihm wolle. Aber ich
mibillige die zahllosen Experimente, die Sie mit dem jungen Menschen
vornehmen. Wozu das alles? Wozu magnetische und andre Kuren? Man
berichtet mir, da Sie gegen gewisse krankhafte Zustnde homopathische
Heilmittel anwenden. Wozu? Das mu einen so zarten Organismus aufreiben.
Die Jugend ist es, die die Krankheiten heilt.

Ich bin erstaunt, da Eure Exzellenz dagegen etwas einzuwenden haben,
versetzte Daumer kalt und demtig. Der menschliche Krper wird oft von
vorbergehenden Leiden befallen, denen auf homopathischem Weg am besten
beizukommen ist. Erst vorigen Montag hat, wie ich bestimmt versichern
kann, eine kleine Dosis Silizea Wunder gewirkt. Kennen Eure Exzellenz
nicht den schnen, alten Spruch:

  Ein kluger Arzt, der nimmt da seine Hilfe her, von wo der Schaden kmmt,
  Lst Salzsucht auf durch Salz, lscht Feuer aus durch Flammen.
  Ihr Kinder der Natur, ihr zieht die Kunst zusammen,
  Macht weniges aus viel und wirket viel durch wenig.

Feuerbach mute unwillkrlich lcheln. Mag sein, mag sein, polterte
er, aber damit ist nichts bewiesen, und wenn auch, so trifft es die
Sache nicht.

Meine Sache steht auch nicht darauf.

Um so besser. Vergessen Sie nicht, da hier ein Recht durchzusetzen
ist, das Recht eines Lebens. Ist es ntig, deutlicher zu sein? Ich
glaube kaum. Gar bald, ich hoffe es, wird das Dunkel sich lften, das
ber den rtselhaften Menschen gebreitet ist, und der Dank, den ich und
andre Ihnen schon jetzt schulden, lieber Daumer, wird nicht durch ein
Mivergngen geschmlert sein, das sich an Ihre vielleicht schdlichen
Irrtmer heften mu.

Das klang feierlich.

Man kanzelt mich ab wie einen Schulbuben, dachte Daumer erbittert, als
der Prsident und Direktor Wurm sich verabschiedet hatten; was ist mir
doch in den Kopf gefahren, da ich die Sache des heimatlosen Findlings
zu meiner eignen machen mute? Wr' ich nur bei meinem Leisten
geblieben, in meiner Einsamkeit.

Es geht mich wenig an, was sie da ber sein Schicksal fabeln, fuhr er
in seinen verdrossenen berlegungen fort; allerdings, der Ton des
Prsidenten lt auf etwas Ungewhnliches schlieen; das seltsame Gerede
ber Caspars Herkunft, sollte es wirklich einen Bezug haben? Gleichviel,
was wre das mir? Ob eines Bauern, ob eines Frsten Sohn, was wrde es
besagen? Freilich, wenn so ein hoher Herr einem in den Weg luft, gibt
man sich als beflissenen Diener; verbriefter Adel und erlauchte
Abstammung fordern nun einmal den Respekt des Brgers. Doch ein andres
ist das Leben und ein andres die Idee; ein andres, den Mchtigen zu
willfahren, weil es zwecklos ist, ihnen zu trotzen, und ein andres,
ihrer zu vergessen, eingeschlossen und gefeit in der goldenen Wohnung
der Philosophie. Zwischeninne fhrt die Grenze, die den Menschen aus
Staub von dem Menschen aus Geist trennt. Sollte ich in meinem Optimismus
zu weit gegangen sein, wenn ich in Caspar den Menschen aus Geist sah?
Noch steht es zu bezweifeln.

Ein Gedankengang, der nicht frei von ahnungsvoller Betrbnis war.




Daumer stellt die Metaphysik auf die Probe


Der Prsident blieb lnger als eine Woche in der Stadt. Whrend dieser
Zeit kam er entweder ins Daumersche Haus, um Caspar zu sprechen, oder er
lie den Jngling zu sich in den Gasthof rufen. Feuerbach liebte nicht
Zeugen seines Zusammenseins mit Caspar. Seit er an einem der ersten
Tage mit ihm durch die Straen gegangen war (wo der frh gealterte, doch
mchtig anzuschauende Mann neben dem zarten, ein wenig gebckt gehenden
jungen Menschen allenthalben Aufsehen erregt hatte) und an einer Ecke,
an der die beiden vorber muten, ein Kerl wie aus der Erde gewachsen
pltzlich neben ihnen hergeschlichen war, verzichtete der Prsident
darauf, sich mit seinem Schtzling ffentlich zu zeigen.

Seine Gesprche mit Caspar, so geschickt sie auch eine
Beziehungslosigkeit bisweilen vortuschen mochten, verfolgten natrlich
einen ganz bestimmten Zweck. Caspar, der davon wenig merkte, teilte sich
seinem hohen Gnner ohne Befangenheit mit, und durch sein unschuldiges
Geplauder wurde Feuerbachs Herz oft sonderbar bewegt, so da er, dem
Wort und Sprache in Flle gegeben waren, sich nicht selten zum Schweigen
verurteilt fand. Ja, er verlor an Sicherheit; Caspars Blick gleicht dem
Glanz eines morgendlich reinen Himmels, bevor die Sonne aufgeht,
schrieb er an eine altvertraute Freundin, und manchmal ist mir unter
diesem Blick zumute, als hielte der rasend dahinstrmende
Schicksalswagen zum ersten Male still; die ganze Vergangenheit steht
auf, erlittene Willkr und der Trug des Rechts, die Krnkungen des
Neides und manche Tat, deren Frchte faul und ekel am Wege liegen. Dazu
kommt, da ich in betreff seiner unbekannten Herkunft auf einer Spur
bin, die mich, ich frchte sehr, an den Rand eines verderblichen
Abgrunds fhrt, wo es gilt, sich den Gttern zu vertrauen, denn Menschen
werden dort keinem Gesetz mehr untertan sein.

Am letzten Tag der Anwesenheit Feuerbachs schickte sich Caspar eine
Stunde vor Abend zum Ausgehen an, da der Prsident ihn zu sich bestellt
hatte. Er trat ins Wohnzimmer, um zu sagen, da er gehe, und fand Anna
Daumer allein. Sie sa am Fenster und las gerade das Bchlein des
Polizeirats Merker. Kaum da Caspar die Tr geffnet, versteckte sie das
Heft rasch und erschreckt unter der Schrze. Was lesen Sie denn da und
warum verbergen Sie es denn? fragte Caspar lchelnd.

Anna errtete und stotterte etwas. Darauf schaute sie mit feuchten Augen
empor und sagte: Ach, Caspar, die Menschen sind doch gar zu schlecht.

Er entgegnete nichts, sondern lchelte noch immer. Das erschien Anna
auffallend, aber Caspar dachte sich weiter gar nichts dabei. Es war eine
seiner Seltsamkeiten, da er sich nie entschlieen konnte, eine
Frauensperson ganz ernst zu nehmen; Frauenzimmer knnen nichts als
dasitzen und ein wenig nhen oder stricken, pflegte er zu sagen; sie
essen und trinken unaufhrlich und alles durcheinander und deswegen sind
sie immer krank; auf andre Weiber schmhen sie und wenn sie dann mit
ihnen beisammen sind, tun sie schn und lieb. Als er einmal in solcher
Weise redete, beklagte sich Frau Daumer, doch er antwortete ihr: Sie
sind kein Frauenzimmer, Sie sind eine Mutter. Auch ereignete es sich
einst, da er bei einem Paradezug von Seiltnzern einem zu Pferd
sitzenden Mdchen, dessen bunter Putz und Reitkunst seine Aufmerksamkeit
erweckt hatte, ein paar Straen weit folgte; darber rgerte er sich
nachher gewaltig, und er meinte, nun sei ihm doch auch einmal
geschehen, was bei andern, wie er hre, zuweilen der Fall sei, er sei
einem Weibe nachgelaufen.

Er sagte, da er zum Nachtessen wieder zu Hause sein werde, aber Anna
erwiderte, das sei wohl zu spt, ihr Bruder habe davon gesprochen, da
er den Abend mit Caspar bei der Magistratsrtin Behold verbringen
wollte; die Rtin habe schon einige Male darum gebeten, sie sei eine
einflureiche Person, und wenn Daumer sich nicht eine Feindin an ihr
machen wolle, msse er der Einladung folgen.

Der Herr Prsident geht vor, sagte Caspar verdrossen und ging.

Es war mildes Wetter, der Schnee war lngst verschwunden, weie Wolken
zogen ber die spitzgiebligen Dcher hin. Als Caspar in das Zimmer trat,
das der Prsident bewohnte, sa dieser am Schreibtisch und blickte mit
zurckgelehntem Krper dster sinnend ins Leere. Erst nach einer Weile
wandte er sich zu Caspar und redete ihn, aus seinem dunkeln Nachdenken
heraus, ohne Begrung an. Ich kehre morgen nach Ansbach zurck,
Caspar, wie Sie ja wissen, begann er und verdeckte die Augen mit der
Hand; Sie werden mich einige Wochen, ja vielleicht monatelang nicht
sehen. Ich mchte hie und da von Ihnen Nachricht haben, von Ihnen
selbst, will Sie aber nicht auffordern, mir regelmig zu schreiben,
damit Ihnen nicht eine ungern erfllte Pflicht daraus erwachse. Nun
dachte ich mir, Ihnen eine Gelegenheit zur Mitteilung zu geben, bei der
Sie mehr auf sich selbst als an andre gewiesen sind. Sie sollen nicht
zur Rechenschaft befohlen sein, aber was Sie einem Freund oder sagen
wir Ihrer Mutter vertrauen wrden, das sollen Sie hier bewahren.

Damit reichte er Caspar ein in blauen Pappendeckel gebundenes
Schreibheft. Caspar ergriff es mechanisch und las auf einem weien
herzfrmigen Schildchen: Tagebuch -- Stundenbuch fr Caspar Hauser. Er
schlug es auf und gewahrte, auf der ersten Seite eingeklebt, das Bild
Feuerbachs und darunter, von der Hand des Prsidenten geschrieben, die
Worte: Wer die Stunde liebt, der liebt Gott; der Lasterhafte entflieht
sich selbst.

Caspar schaute den Prsidenten mit groen Augen ngstlich an. Er
wiederholte fr sich im stillen, mit sichtbarer Bewegung der Lippen, die
geschriebenen Worte und dann, was der Prsident zu ihm gesagt; alles
verflo im Nebel und, des feierlichen Tones halber, in eine Ahnung von
Gefahr.

Es pochte an der Tr und auf das Herein des Prsidenten brachte ein
Eilbote einen Brief. Kaum hatte Feuerbach, ohne das Schreiben zu ffnen,
einen Blick auf das Siegel geworfen, als er die Handglocke lutete und
dem eintretenden Diener den Befehl gab, es solle sogleich angespannt
werden. Ich mu noch diesen Abend reisen, sagte er zu Caspar.

In unbestimmtem Lauschen und Warten blieb Caspar stehen. Der Postillon
im Hof knallte mit der Peitsche. Ein Hauch der Ferne umwehte Caspar, er
sprte pltzlich etwas von der Gre der Welt, und die Wolken am Himmel
schienen Arme herunterzustrecken, um ihn emporzuheben. Als ihm der
Prsident die Hand zum Abschied reichte, bat er schmeichelnd, mit
verlangendem Lcheln: Mcht' auch mitfahren.

Wie, Caspar! rief der Prsident in gespielter berraschung, und
pltzlich wieder das frhere Du der Anrede whlend, willst du denn fort
von den Nrnbergern? Hast du denn vergessen, was du deinem gtigen
Pflegevater schuldig bist? Was wrde Herr Daumer sagen, wenn du ihn so
undankbar verlieest? und viele andre wackere Mnner, die sich deiner
angenommen haben? Es erstaunt mich, Caspar. Bist du denn nicht gern
hier?

Caspar schwieg und senkte die Augen. Hier ist immer dasselbe, dachte er.
Er sehnte sich fort; er dachte, einmal knne man fortgehen, man knnte
in der Nacht das Tor ffnen und knnte gehen, ohne den Weg zu wissen.
Vielleicht kme dann einer, um zu fragen: wohin, Caspar? Und er fhrte
ihn zu einem Schlo, vor dem viel Volks versammelt ist; drinnen ruft
eine Stimme Caspars Namen, die Leute machen Platz und viele Arme deuten
auf das Tor, dem er zuschreitet.

Sprich! mahnte der Prsident barsch.

Sie sind alle gut mit mir, flsterte Caspar mit zuckenden Lippen.

Nun also!

Es ist nur--

Was? Was ist--? Heraus mit der Sprache!

Caspar schlug langsam die Augen auf, machte mit dem Arm eine weite
Geste, als wolle er den ganzen Erdkreis in das Wort einbeziehen und
sagte: Die Mutter.

Feuerbach wandte sich weg, ging zum Fenster und blieb schweigend stehen.

Eine Viertelstunde spter schritt Caspar durch die engen Gassen beim
Rathaus und kam alsbald auf den menschenverlassenen Egydienplatz. Es
war schon dunkel geworden, vor der Kirche brannte eine llaterne, und
whrend er nach links abbog, wo das niedere Buschwerk einer Gartenanlage
den Platz gegen die Laufergasse schlo, gewahrte er einen ruhig
stehenden Mann, der gebeugten Kopfes nach ihm hersah. Caspar ging ein
wenig langsamer, pltzlich sah er, da der Mann den Arm erhob und mit
dem Finger winkte.

Caspars Herz klopfte laut. Irgend etwas zwang ihn, der stummen
Aufforderung des Unbekannten zu folgen. Der Mann fuhr fort, mit dem
Finger zu winken, und wie hingezogen tat Caspar ein paar Schritte auf
ihn zu. Da ging der Mann tiefer in das Gehlz, hrte aber nicht auf zu
winken. Caspar konnte sein Gesicht nicht sehen, das unter dem weit in
die Stirn gedrckten Hut versteckt war.

Er folgte dem Menschen, obwohl alle Fibern seines Leibes widerstrebten,
mit Grauen fhlte er sich Schritt um Schritt gezogen, seine Augen waren
aufgerissen, Staunen und Schrecken lagen in seinem Gesicht, und die
Hnde hielt er mit gespreizten Fingern von sich gestreckt.

Schon war er dem Unbekannten so nahe, da er dessen gelbe Zhne zwischen
den Lippen schimmern sah, und wer wei, was geschehen wre, wenn sich
nicht in diesem Augenblick auf der andern Seite des Gebsches ein Trupp
betrunkener junger Leute htte hren lassen; der fremde Mann stie einen
gurrenden Laut aus, bckte sich rasch und war unter dem Schutz des
Laubwerks im Nu verschwunden.

Auch Caspar kehrte um und rannte gegen die Kirche; er lief geradeswegs
mitten in die Schar der Lrmmacher hinein, die ihn aufzuhalten suchten,
und so vermischte sich ein Schrecken mit dem andern. Nur mit Mhe ri er
sich los, einige folgten ihm schreiend, er verdoppelte seine Eile, der
Hut fiel ihm vom Kopf, er lie ihn liegen, rannte, so schnell er konnte,
durch die Judengasse und weiter und ging erst wieder langsamer, als er
sich auf der Brcke zur Insel Schtt befand.

Daumer war schon unruhig geworden und wartete vor dem Haustor. Betroffen
hrte er Caspars hastigen und unklaren Bericht an, und nach einiger
berlegung meinte er, er glaube nicht recht an das Abenteuer; da hat
dir wohl deine allweil erregte Phantasie einen trichten Streich
gespielt, sagte er ungewhnlich streng. Nein, es ist wirklich wahr,
beteuerte Caspar. Dann klagte er, da er den Hut verloren habe, und
schlielich zeigte er, auf einmal ganz heiter geworden, das Heft, das
ihm der Prsident geschenkt und das er whrend der ganzen Zeit
krampfhaft in der Hand festgehalten hatte.

Zerstreut besah es Daumer. Hat dir Anna nicht gesagt, da wir zur
Magistratsrtin gehen? fragte er migelaunt. Es ist hchste Zeit; mach
flink und zieh dir den Sonntagsrock an.

Caspar schaute ihn mit schrgem Blick von unten an und ging zgernd ins
Haus. Daumer, der schon im Gesellschaftskleid war, wandelte zweimal bis
zum Pegnitzufer und wieder zurck; eine halbe Stunde verflo und Caspars
langes Ausbleiben machte ihn endlich ungeduldig. Er eilte die Stiege
hinan und betrat Caspars Zimmer, wo eine Kerze brannte. Zu seinem rger
nahm er wahr, da Caspar angekleidet auf dem Bette lag und schlief. Er
rttelte ihn an der Schulter, lie aber pltzlich ab, durchma ein
paarmal das Zimmer, ohne seines Mimuts Herr zu werden, dann stie er
zornig hervor: Ach was, soll die Neugier der guten Leute um ihren
Schmaus betrogen werden!

Durch den finstern Flur schritt er ins Gemach der Schwester, die vor dem
Klavier sa und spielte. Er legte ihr den Fall vor und Anna gab ihm ohne
weiteres recht, da er Caspar zu Hause lasse. Dann mu jemand zur Rtin
und unser Ausbleiben entschuldigen, sagte Daumer in einem Ton, als ob
das Versumnis sonst schlecht ausgelegt werden knne und er
Unannehmlichkeiten zu befrchten habe. Anna erwiderte, die Magd sei
nicht da, und nach einigem Besinnen erklrte sie sich bereit, den Gang
selbst zu tun.

Als sie fort war, setzte sich Daumer zu den Bchern, rckte die Lampe
zurecht und las. Doch er hatte ein schlechtes Gewissen und fuhr bei
jedem Laut zusammen. Nach einer geraumen Weile hrte er Schritte; Anna
trat hinter seinen Stuhl und sagte hastig, die Magistratsrtin sei
mitgekommen, um Caspar zu holen. Daumer sprang auf; das heie ich den
Spa zu weit getrieben, murmelte er entrstet. Anna legte ihm die Hand
auf den Mund, denn schon stand die Rtin in der Tre; reich geschmckt,
im Seidenmantel, ein kostbares Spitzentuch um den Kopf.

Sie war eine nicht mehr ganz junge, aber sehr stattliche Frau,
ungewhnlich gro gewachsen, mit ungewhnlich kleinem Kopf. In ihrem
Betragen vermischte sich das Modisch-Franzsische und das
Nrnbergerisch-Provinzliche auf eine nicht immer ganz einwandfreie
Weise, und wo jenes zur Geltung kommen sollte, guckte dieses wie der
Zipfel eines schlechtverborgenen Armeleutgewands unter einer brokatenen
Tunika hervor.

Sie rauschte auf Daumer zu, majesttisch wie eine schaumige Woge, und
der gute Mann, niedergeschmettert von so viel Glanz, verga seinen Groll
und fhrte die dargereichte Hand der Dame an seine Lippen. Mu ich
selbst Sie an Ihr Versprechen erinnern? rief sie mit einer sonoren,
krftigen Stimme. Was soll's bedeuten, Professor? Was ist vorgefallen?
Weshalb die Absage? Sie sehen, ich verlasse meine Gste, um ein Wort
einzulsen, das Ihnen zu brechen so leicht wird. Keine Ausflucht, lieber
Daumer, Caspar mu mit, wo ist er?

Er schlft, erwiderte Daumer zaghaft.

#Nom de Dieu!# Er schlft! Da dich das Musle beit! So wird man ihn
halt wecken. Marsch, marsch, voran!

Daumer hatte nicht den Mut, zu widersprechen, dies zupackende Gebaren
beraubte ihn der gegenstndlichen Grnde. Er nahm die Lampe und schritt
voraus. Anna, die zurckblieb, rusperte sich emprt, dies beirrte aber
Frau Behold keineswegs, als Antwort zuckte sie nur verchtlich die
Achseln.

Daumer stand so versonnen an Caspars Lager, da er die Lampe
wegzustellen verga. In der Tat mochte es schwerlich etwas Schneres zu
sehen geben als den Engelsfrieden und die rosenhafte Heiterkeit, die auf
dem Gesicht des Schlfers leuchteten. Frau Behold schlug unwillkrlich
die Hnde zusammen, und darin lag Wahrheit und Gefhl.

Bestehen Sie noch darauf, ihn zu wecken? fragte Daumer richterlich.
Der Schlaf ist heilig. Die seligen Geister werden fliehen, sobald
unsre Hand ihn berhrt.

Frau Behold klappte die Lider auf und zu, als wolle sie das bichen
Rhrung davonjagen, wie man Fliegen mit einem Wedel vertreibt. Schn
gesagt, spottete sie, und ihre Stimme surrte wie das Rdchen einer
Spindel. Aber ich bestehe auf meinem Schein. Ich will dem Buben was
dafr schenken, und was die seligen Geister betrifft, die kommen wieder,
zum Schlafen gibt's Nchte genug.

Whrend Daumer den Schlafenden bei den Schultern emporhob und durch
zrtliches Zureden mehr sich selbst als Caspar zu beschwichtigen schien,
zeigte sich in dem kleinen Gesicht der Frau Behold eine wunderliche
Erregung. Sie blinzelte mit den Augen, ihre Unterlippe wurde schlaff und
entblte eine schmale, feste Zahnreihe wie bei einem Nagetier. #Pauvre
diable#, murmelte sie, armes Herzle, und erfate Caspars Hand.

Davon erwachte Caspar vllig, befreite die Hand mit einem Ruck und
schttelte sich. Sein trunken-mder Blick fragte, was man mit ihm
vorhabe, Daumer erklrte es, schenkte Wasser in ein Glas und gab es ihm
zu trinken, nahm den Sonntagsrock, der schon bereitlag, und hielt ihn
zum Anziehen hin.

Caspar heftete den verdunkelten Blick auf Frau Behold und sagte trotzig:
Ich will nicht zu der Frau.

Wie, Caspar? rief Daumer erstaunt und verletzt. Zum erstenmal vernahm
er dies ich will nicht, zum erstenmal stand Caspars Wille gegen ihn
auf. Caspar war selber erschrocken, sein Blick war schon wieder gefgig,
als Daumer mit ernsthaftem Ton fortfuhr: Ich aber will es. Ich will
auch, da du die Dame um Verzeihung bittest. Es geht nicht an, da du
eine Laune ber dich Herr werden lt. Wenn wir uns der Rcksichten
gegen die Menschen entbinden wrden, stnden wir alle so hilflos da wie
du am ersten Tag.

Mit niedergeschlagenen Augen tat Caspar, was ihm befohlen worden. Frau
Behold nahm den ganzen Auftritt nicht schwer. Sie ttschelte Caspars
Wange und fand den Professor Daumer ziemlich komisch.

Eine halbe Stunde spter waren sie in den festlich erleuchteten Zimmern
der Rtin. Caspar, von Menschen umdrngt, mute die gewhnliche Flut der
Fragen ber sich ergehen lassen. Frau Behold wich nicht von seiner
Seite, sie lachte beinahe zu allem, was er sagte, und er wurde
allmhlich verwirrt und unruhig, empfand Angst vor den Worten; es schien
ihm gefhrlich, zu sprechen, es war, als ob alle Worte zweifach
vorhanden wren, einmal offenbar, das andre Mal verhllt, und so wie die
Worte hatten auch die Menschen etwas Zwiefaches, und unwillkrlich
suchten seine Blicke in ein und derselben Person die zweite, die lauernd
hinterherging und verfhrerisch mit dem Finger winkte.

Es war ihm unverstndlich, was sie von ihm wollten, ihre Kleidung, ihre
Gebrden, ihr Nicken, ihr Lcheln, ihr Beisammensein, alles war ihm
unverstndlich, und auch er selbst, er selbst fing an, sich
unverstndlich zu werden.

Indessen verlebte Daumer eine bse Stunde. Frau Behold, die stolz darauf
war, ihr Haus zum Sammelort vornehmer Fremden zu machen, hatte heute
einen Herrn zu Gast, der, wie man sich erzhlte, unter falschem Namen
reiste, da er in wichtiger diplomatischer Mission nach einer Residenz im
Osten des Landes unterwegs sei. Man raunte sich auch zu, da der hohe
Fremde groes Interesse an dem Findling Hauser nehme und da er vielen
einflureichen Personen gegenber sich abfllig und tadelnd ber die
unsinnigen Gerchte geuert habe, die Caspars Herkunft zum Gegenstand
hatten. Und man mu gestehen, da die einflureichen Personen sich dem
Gewicht einer solchen Meinung nicht verschlossen, aber das Treiben des
vornehmen Herrn gab auch Anla zu mancherlei Verdacht, und der Redakteur
Pfisterle, Querulant wie immer, behauptete sogar, der diplomatische Herr
sei nach seiner Ansicht nichts andres als ein verkappter Spion.

Wie dem auch war, von all diesen Neuigkeiten hatte Daumer in seiner
Weltverlorenheit nichts erfahren. Der Fremde gesellte sich nach kurzer
Weile zu ihm, und sie kamen ins Gesprch, wobei es jener leicht
anzustellen wute, da sie sich von den brigen Gsten absonderten.
Daumer, eingeschchtert durch die Manieren, die delikate Zwanglosigkeit
des hohen Herrn, dessen Rockbrust voller Orden hing, wute zuerst kaum
etwas zu sagen, antwortete blo wie ein Schler mit nein und ja.
Allmhlich gab er sich freier und erzhlte seinem Zuhrer vieles von
Caspar, kam auf dessen furchtsames Wesen zu sprechen und schilderte wie
zur Erluterung das Benehmen des Jnglings, als er heute abend, vor
einem eingebildeten, ohne Zweifel eingebildeten, Verfolger flchtend
nach Hause gekommen war.

Der Fremde hrte aufmerksam zu. Vielleicht hat er sich aber gar nicht
getuscht, entgegnete er vorsichtigen Tons, es mag sich da mancherlei
in der Verborgenheit abspielen. Meines Wissens haben ja auch Sie, lieber
Professor, vor lngerer Zeit eine Art von Warnung erhalten. Sie drfen
sich daher nicht wundern, wenn aus gewissen Drohungen Ernst wird.

Daumer stutzte, doch der Fremde fuhr mit liebenswrdiger Offenheit,
scheinbar harmlos plaudernd, fort: Sie sollten sich an den Gedanken
gewhnen, da da Mchte im Spiel sind, die vor nichts zurckschrecken,
um ihre Maregeln mit Nachdruck durchzufhren. Das unruhige Gemunkel
wird vielleicht als strend empfunden, vielleicht hat man etwas auf dem
Kerbholz und mchte die ffentlichkeit vermeiden. Vorlufig mag es der
Gewalt, die da im Hintergrund ist, darum zu tun sein, die Dinge
mglichst in Verborgenheit abzumachen, aber sie knnte wohl auch offenes
Spiel treiben, sie knnte der Polizei und den Gerichten mit Gemtsruhe
die Hnde binden. Einstweilen begngt man sich aber, die Fden hinter
den Kulissen zu ziehen.

Von neuem stutzte Daumer; die Worte seines Gegenber schienen einen
genauen Bezug zu haben; doch der Fremde lie ihm keine Zeit zu
berlegen, er fuhr mit heller Stimme, fast vertraulichen Tones fort:
Ich glaube vor allem, da man die Verbreitung all des hirnlosen
Geschwtzes durch das bequeme und naheliegende Mittel der Druckschrift
frchtet und ahnden wird. Man demaskiert sich dort oben ungern, noch
weniger will man von andern demaskiert werden, man liebt es nicht auf
den Markt zu treten, noch seine privaten Angelegenheiten da ausgeboten
zu sehen; das ist begreiflich. Der Staatsbrger hat Freiheiten genug;
in seinem Bereich mag er sich tummeln, nach oben soll er sich gebunden
finden.

Was war das? Daumer meinte zu verstehen, worauf es hinauswollte; er
beschlo, dem dunkeln Befehl zu gehorchen; war doch dem Zwang schon
seine eigne Freiwilligkeit zuvorgekommen.

Ich mchte mir eine Frage erlauben, verehrter Professor, begann der
Fremde wieder; sind Sie wirklich berzeugt, da der hergelaufene Knabe,
an dem ich auf meine Art, ich will es nicht leugnen, ein gewisses
ueres Interesse nehme, die ununterbrochene Aufmerksamkeit ernsthafter
Mnner verdient und rechtfertigt? Lohnt es sich denn, die ganze Welt mit
seiner zweifelhaften Sache zu beschftigen? Was bleibt fr die groen
Angelegenheiten der Nation, der Wissenschaft, der Kunst, der Religion,
des Lebens berhaupt, wenn ein Mann wie Sie die besten Geisteskrfte an
ein empfindsames Naturspiel verschwendet? Man rhmt die
auergewhnlichen Gaben des Findlings. Ich bemhe mich umsonst, solche
Gaben zu entdecken; ich bin khn genug, zu behaupten, da ich damit nur
an Ihre eigne Ungewiheit rhre. Lassen wir noch ein wenig Zeit vergehen
und wir werden ber diesen Punkt eine betrbende Sicherheit gewinnen.
Innerhalb der menschlichen Gesellschaft gibt es Hunderttausende von
Wesen, die, mit ebensogroen oder noch greren Eigenschaften geboren,
gleichwohl einem ungleich elenderen Los verfallen sind. Die wahrhafte
Tugend mte sich auch fr sie entflammen, denn in der Idee darf dem
Erbarmen mit der menschlichen Not keine Grenze gesetzt sein. Aber wo
endete der Mann, der sein Herz nach allen Seiten hin zerrisse und in
Fetzen austeilte? Er stnde leer da an dem Tage, wo ein wrdiger
Gegenstand ein wrdiges Opfer von ihm forderte. Denken Sie sich von
Caspars Lebensalter ein Dutzend Jahre hinweg und das vermeintliche
Wunder ist enthllt bis auf den Grund und hat Ihnen nichts mehr zu geben
als die beschmende Selbstverstndlichkeit einer natrlichen Tatsache.
Bestenfalls bleibt ein Kuriosum, mit welchem man ein Tischgesprch
wrzen kann. Ein Kuriosum und das bichen Geheimnis, das allen unreifen
Kpfen so aufregend dnkt.

Widerspruch und Abwehr malten sich in Daumers Zgen; sein
umherschweifender Blick suchte nach Caspar, aber alles, was er zu sagen
wute, war: Nicht durch Worte kann die Seele fr sich zeugen.

Der Fremde lchelte bitter. Die Seele! die Seele! erwiderte er
spttisch. Sie kann nicht durch Worte zeugen, denn sie ist nur ein Wort
wie jedes andre. Das Auge schaut, der Finger sprt, jedes Hrchen lebt
auf eigne Weise, das Blut durchspritzt die Adern, jeder Sinn macht den
Raum lebendig, den Tod fhlbar, was ziert ihr euch da und wollt ein
Besonderes haben und sprecht von Seele, als sei die Seele wie ein
Schmuckstck, das eine eitle Frau im Kstchen verschliet und
gelegentlich an ihren Busen steckt, um beim Ball damit zu glnzen! Jeder
ist im allgemeinen ausgeteilt und sein Zuschu von Krften ist kein
Privileg, sondern nur eine Hoffnung. Oder drfte der Adler die Seele fr
sich in Beschlag nehmen, weil er besser zu fliegen vermag als die Gans?
Die Seele! Ihr Herren beleidigt den Schpfer damit, ob ihr sie leugnet
oder ob ihr Bcher schreibt, um sie zu beweisen.

Es entstand ein Schweigen. Er spricht wie ein Satan, dachte Daumer, und
als er sich anschickte zu antworten, kam ihm der Fremde mit hflicher
Eindringlichkeit zuvor. Ich wei, Sie lieben Caspar, sagte er mit
vernderter Stimme, ernst und herzlich, Sie lieben ihn brderlich, und
nicht Mitleid nhrt diesen Trieb, sondern die schne Begierde, die stets
den Gott in der Brust des andern sucht und nur im Ebenbild sich selbst
erkennen will. Aber Sie mchten eine Ausrede haben fr Ihre Liebe, das
ist es. Mu ich Ihnen sagen, da es keine tieferen Wunden gibt als die
Enttuschungen aus solchem Zwiespalt? Ich rate Ihnen, fliehen Sie den
Anblick und die Gesellschaft dessen, der Ihnen nichts mehr zu bieten hat
als Enttuschung.

Also sind wir denn zu schwach, dem Erlebnis gegenber so zu bleiben wie
wir zu sein glaubten, indem wir es ersehnten! rief Daumer verzweifelt.

Der Fremde verzog sein faltig-altes Gesicht zu einer Grimasse des
Bedauerns. Eine leichte Gebrde verriet, da das Gesprch fr ihn
erschpft sei, und sie mischten sich wieder unter die brigen Gste.
Daumer, vllig aus der Fassung gebracht, wnschte nichts weiter, als den
lrmenden Kreis zu verlassen. Er suchte Caspar und bemerkte ihn, bla
und schweigsam, mitten unter schillernden Roben und grauen und braunen
Frcken; Frau Behold sa auf einem niedrigen Schemel fast zu seinen
Fen, und ihr Gesicht sah hart und dster aus.

Der Abschied war umstndlich. Als sie auf den vereinsamten Gassen
schweigend ein Stck Wegs zurckgelegt hatten, schlang Daumer den Arm
um Caspars Schulter und sagte: Ach, Caspar, Caspar! Es klang wie eine
Beschwrung.

Caspar, den es nach Belehrung drstete und dessen Herz zum berflieen
voll von Fragen war, seufzte auf und lchelte seinem Lehrer in
wiedererwachtem Vertrauen zu. Sei es nun, da Blick und Lcheln Daumer
an einer Stelle seines Innern trafen, wo er sich unsicher und schuldig
fhlte, sei es, da die Nacht, die Einsamkeit, die qulenden Zweifel,
das wunderliche Gesprch, das er eben gefhrt, seinen Geist zu
bertriebener Inbrunst entzndeten, er blieb stehen, umarmte Caspar noch
fester und rief mit emporgewandten Augen: Mensch, o Mensch!

Das Wort ging Caspar durch Mark und Bein. Ihm war, als erffne sich ihm
auf einmal, was dies zu bedeuten habe: Mensch! Er sah ein Geschpf, tief
unten verstrickt und angekettet, von tief unten hinaufschauend, fremd
sich selbst, fremd dem andern, dem es das Wort Mensch zuschrie und der
ihm nichts antworten konnte als eben diesen inhaltsvollen Ruf: Mensch.

Sein Ohr hielt den Klang fest, der durch die Ergriffenheit Daumers etwas
Weihevolles fr ihn bekommen hatte. Am andern Morgen nahm er sein
Tagebuch zur Hand, und die erste Eintragung, die er darin machte, waren
die drei Worte: Mensch, o Mensch -- fr jeden andern natrlich eine
sinnlose Hieroglyphe, fr ihn aber ein deutungsvoller Hinweis, ein
entschleiertes Geheimnis beinahe, ein Wahl- und Zauberspruch zur
Abwendung von Gefahren. Es entsprach seinem kindischen Wesen, da er von
derselben Stunde ab das Tagebuch als eine Art von Heiligtum betrachtete,
welches nur in Zeiten der Andacht und Sammlung zugnglich war, und in
einer jener sehnschtigen und angstvoll traurigen Stimmungen, die ihn
hufig befielen, fate er den sonderbaren und folgenschweren Entschlu,
da kein andrer Mensch auer seiner Mutter jemals Einblick in dieses
Heft erlangen, jemals lesen sollte, was er darin aufschreiben wrde.
Solche Vorstze starrsinnig zu halten, dazu war er durchaus imstande.

Als wenige Tage nachher die Prinzessinnen von Kurland in Daumers Haus
kamen, die mit Feuerbach befreundet waren und groe Teilnahme fr Caspar
hegten, kam zuflligerweise die Rede auf das Geschenk, das der Prsident
seinem Schtzling gemacht, und da Daumer erzhlte, es befnde sich in
dem Bchlein ein sehr gutes Stahlstichportrt des Prsidenten, wnschten
die Damen das Heft gern zu sehen. Zu aller Erstaunen weigerte sich
Caspar, es zu zeigen. Daumer warf ihm erschrocken seine Unhflichkeit
vor, aber er blieb hartnckig. Die Damen bestanden nicht weiter darauf,
ja sie lenkten sogar die Unterhaltung taktvoll in eine andre Richtung,
aber als sie fortgegangen waren, nahm Daumer den Jngling ins Gebet und
fragte ihn nach dem Grund seiner Weigerung. Caspar schwieg. Und wrdest
du auch mir, wenn ich es verlangte, das Heftchen vorenthalten? fragte
Daumer. Caspar sah ihn gro an und antwortete treuherzig: Sie werden es
gewi nicht verlangen, bitte schn!

Daumer war sehr betroffen und entfernte sich still.

Gegen Abend kam Herr von Tucher, bat Daumer um eine Unterredung unter
vier Augen, und als sie allein waren, sagte er ohne weitere Einleitung:
Ich mu Sie leider davon in Kenntnis setzen, da ich unsern Caspar
zweimal beim Lgen ertappt habe.

Daumer schlug stumm die Hnde zusammen. Das fehlte nur noch, dachte er.

Beim Lgen! Zweimal beim Lgen ertappt! Ei du gtiger Himmel, wie war
das zugegangen!

Die Sache verhielt sich so: Am Sonntag sei er mit dem Brgermeister in
Caspars Zimmer getreten, erzhlte Herr von Tucher, und habe den Jngling
ersucht, ihn in seine Wohnung zu begleiten. Da habe Caspar, der bei den
Bchern gesessen, erwidert, er drfe nicht, Daumer habe ihm verboten,
das Haus zu verlassen. Dem Brgermeister sei das gleich bedenklich
erschienen, besonders da ihn Caspar kaum anzusehen gewagt, er habe sich
unauffllig bei Daumer erkundigt, wie dieser sich wohl erinnern werde,
und seinen Verdacht besttigt gefunden. Am andern Tag seien beide, Herr
Binder und Herr von Tucher, whrend Daumer vom Hause fortgewesen, zu
Caspar gekommen und htten ihm seine Unwahrheit vorgehalten. Unter
Erglhen und Erblassen habe er sein Vergehen zugestanden, habe aber, wie
ein gescheuchter Hase in die Enge getrieben und den ersten besten Ausweg
ergreifend, albernerweise eine Geschichte erfunden von einer Dame, die
bei ihm gewesen und die ihm ein Geschenk versprochen, weshalb er auf sie
gewartet habe.

Auf unser mehr bestrztes als strenges Zureden bekannte er sich auch
dieser Unwahrheit schuldig, fuhr Herr von Tucher mit unerschtterlichem
Ernst fort. Er gab zu, da er nur in Ruhe habe studieren wollen und da
ihm kein andres Mittel eingefallen sei, um die lstigen Strungen
abzuwenden. Instndig flehte er uns an, Ihnen nichts von seinem
Fehltritt zu erzhlen, er wolle es nie wieder tun. Ich hab' mir's aber
berlegt und bin zu dem Schlu gelangt, da es besser ist, wenn Sie
alles wissen. Es ist vielleicht noch Zeit, um das bse Laster mit Erfolg
zu bekmpfen. Man kann ihm ja nicht ins Herz schauen, doch ich glaube
noch immer an die Unverdorbenheit seines Gemts, wenngleich ich
berzeugt bin, da uns nur die uerste Wachsamkeit und unerbittliche
Manahmen vor grberen Enttuschungen bewahren knnen.

Daumer sah vollkommen vernichtet aus. Und das von einem Menschen, auf
dessen heiliges Wahrheitsgefhl ich Eide geschworen htte, murmelte er.
Wenn Sie es nicht wren, der mir das erzhlt, ich wrde lachen. Noch
vor einer Stunde htte ich jeden fr einen Schurken erachtet, der mir
gesagt htte, Caspar sei einer Lge fhig.

Auch mir ist es nahgegangen, versetzte Herr von Tucher. Aber wir
mssen Geduld haben. Sehen Sie zu, halten Sie die Augen offen, warten
Sie auf den nchsten gegrndeten Anla, dann greifen Sie ein, und zwar
mit wuchtiger Hand.

Eine Lge; nein, zwei Lgen auf einmal! Der arme Daumer, er wute sich
keinen Rat. Er ging hin und berlegte. Herr von Tucher nimmt den ganzen
Vorgang zu schwer, sagte er sich; Herr von Tucher ist eine sehr gerechte
Natur, aber ohne Zweifel ein Mann mit vielen Vorurteilen, die ihn dazu
verfhren, eine Lge mit allen verfehmenden Zeichen der beltat
auszustatten; Herr von Tucher kennt das tgliche Leben nicht, das
unsereinen unterscheiden lehrt zwischen dem, was schlecht ist und was
der Andrang gebieterischer Umstnde auch dem Redlichsten entpret. Aber
was geht mich Herr von Tucher an, hier handelt es sich um Caspar. Ich
glaubte einst, von ihm fordern zu drfen, was keiner sonst von keinem
fordern darf. War es eine Verblendung, eine Anmaung von mir? Wir wollen
sehen; ich mu jetzt herausbekommen, ob er schon zu den Gewhnlichen
gehrt oder ob sein Wille noch einer unhrbar rufenden Stimme zu
gehorchen fhig ist. Hat sich sein Ohr jedem Geisterhauch und -schall
schon verschlossen, dann ist seine Lge eine Lge wie jede andre, kann
ich aber noch bersinnliche Krfte des Verstehens in ihm wecken, dann
will ich die Philister verachten, die immer gleich mit dem Bakel
erscheinen.

Es bedurfte einer schlaflosen Nacht, um dem sonderbaren Plan Daumers,
der eine Art Gottesurteil in sich schlieen sollte, auf die Beine zu
helfen. Die Weigerung Caspars, sein Tagebuch zu zeigen, gab den Ansto.
Ich will ihn bewegen, mir aus eignem Trieb das Heft zu bringen,
kalkulierte Daumer; ich will etwas wie eine metaphysische Kommunikation
zwischen mir und ihm herstellen; ich werde ihn, ohne ein Wort zu
sprechen, mit meinem geistigen Verlangen zu erfllen trachten und werde
eine Stunde festsetzen, innerhalb deren das nur Gewnschte zu geschehen
hat. Kann er folgen, so ist alles gut; wenn nicht, dann ade,
Wunderglaube, dann hat dieser beredsame Materialist recht gehabt, mir
die Seele wegzudisputieren.

Am Morgen, so gegen neun Uhr, kam Anna zu ihrem Bruder und sagte, Caspar
gefalle ihr heute ganz und gar nicht; er sei schon um fnf aufgestanden
und es sei eine Unruhe in ihm, die sie noch nie wahrgenommen; beim
Frhstck habe er fortwhrend ngstlich um sich herumgeschaut und keinen
Bissen gegessen.

Daumer lchelte. Sollte er jetzt schon spren, was ich mit ihm vorhabe?
dachte er, und seine Stimmung wurde mild und zuversichtlich.

Ein schicklicher Vorwand, die Frauen aus dem Haus zu schaffen, fand sich
ungezwungen; Frau Daumer mute ohnehin auf den Markt, Anna wurde
berredet, einige Besuche zu machen. Um elf Uhr machte sich Caspar an
seine Schularbeiten, Daumer ging ins Nebenzimmer, lie aber die Tr
offen. Er setzte sich, das Gesicht gegen Caspars Platz gerichtet, ein
wenig hinter der Schwelle auf ein Sthlchen, und es gelang ihm alsbald,
mit erstaunlicher Energie all seine Gedanken auf das eine Ziel zu
richten, auf dem einen Punkt zu sammeln. Im Haus war es sehr still, kein
Laut strte das wunderliche Beginnen.

Bleich und gespannt sa er also und beobachtete, da Caspar hufig
aufstand und zum Fenster trat. Einmal ffnete er das Fenster, das andre
Mal schlo er es wieder. Dann begab er sich zur Tr und schien zu
berlegen, ob er hinausgehen solle. Sein Auge war ohne Stetigkeit und
sein Mund eigentmlich gramvoll verzogen. Aha, es rumort in ihm,
frohlockte Daumer, und immer, wenn Caspar sich dem Schrnkchen nherte,
in dem das blaue Heft wahrscheinlich lag, bekam der unglckliche Magier
vor Erwartung Herzklopfen.

Wie weit war Caspar davon entfernt, auch nur zu ahnen, was in Daumer
vorging! zu ahnen, da in dieser Stunde sein Geschick und Wesen vor ein
Tribunal gestellt wurde!

Es war ihm ungeheuer bang heute. Es war ihm so bang, da er ein paarmal
die ganz bestimmte Vorstellung hatte, es wrde ihm etwas Schlimmes
zustoen. Ja, er hatte das unabweisbare Gefhl, da einer unterwegs sei,
der ihm etwas zuleide tun werde. Erstickend lag die Luft im Raum, die
Wolken am Himmel blieben lauernd stehen; wenn durch die Baumkronen vor
dem Fenster eine Schwalbe strich, sah es aus, als ob eine schwarze Hand
pfeilschnell auf- und niedertauche; das Deckengeblk bog sich niedriger,
hinter dem Getfel der Wand knackte es unheimlich.

Caspar ertrug es nicht mehr. Sein Blick stach, eine khlschaurige Angst
flo ihm durch die Haare, die Brust wurde eng, es trieb ihn hinaus,
hinaus... Pltzlich verlie er mit fliehenden Gebrden das Zimmer.

Ruhig blieb Daumer sitzen und stierte vor sich hin wie einer, der aus
dem Rausch erwacht. Vorber, die Frist war verstrichen. Er schmte sich
sowohl seiner Niederlage als auch seines vermessenen Unterfangens, denn
er war ja ein gescheiter Kopf und hatte Selbstbesinnung genug, um die
spielerische Willkr dessen, was er gewollt, ernchtert zu empfinden.

Trotzdem ergriff ihn eine finstere Gleichgltigkeit. Der Hoffnungen zu
gedenken, die sich noch vor kurzem an den Namen Caspar geknpft,
verursachte ihm einen schalen Geschmack auf der Zunge. Er fate den
unerschtterlichen Vorsatz, sein Leben wie ehedem dem Beruf, der
Einsamkeit und den Studien zu widmen und die Krfte des Geistes nur
dort zu opfern, wo im Frieden der Erkenntnis und des Forschens jede Gabe
sichtbar bezahlt wird.




Eine vermummte Person tritt auf


Caspar war in den Garten gegangen. Er lief ber den feuchten Boden bis
zum Zaun und schaute gegen den Flu hinber. Ein bleifarbener Dunst
umkleidete die Trmchen und ineinander geschobenen Dcher der Stadt, nur
das bunte Dach der Lorenzerkirche glnzte hell, doch glich alles
zusammen mehr einem Spiegelbild im Wasser als einer greifbaren
Wirklichkeit.

Caspar frstelte, und es war doch warm. Er wandte sich wieder gegen das
Haus. Als er das Pfrtchen geffnet hatte, machte ihn der leer
daliegende Flur betroffen. Ein breiter Streifen Sonne, der ber die
Steinfliesen kam und zitternd die weien Stufen der Wendeltreppe
hinauflief, verstrkte den Eindruck der Verlassenheit. Hinter einer Tr
des Flurs, aus der Wohnung des Kandidaten Regulein, tnten Geigenklnge;
der Kandidat bte. Den einen Fu schon auf der Treppe, blieb Caspar
stehen und lauschte.

Da! Da war es! Da kam er! Ein Schatten erst, dann eine Gestalt, dann
eine Stimme. Was sagte die Stimme, die tiefe Stimme?

Eine tiefe Stimme sprach hinter ihm die Worte: Caspar, du mut
sterben.

Sterben? dachte Caspar erstaunt, und seine Arme wurden steif wie Hlzer.

Er sah einen Mann vor sich stehen, der ein seidig-schwarzes,
langhngendes, vom Zugwind ein wenig geblhtes Tuch vor dem Gesicht
hatte. Er hatte braune Schuhe, braune Strmpfe und einen braunen Anzug.
ber seinen Hnden trug er Handschuhe, und in seiner Rechten funkelte
etwas Metallenes, funkelte schnell und erlosch. Er schlug Caspar damit.
Whrend Caspar den gelhmten Blick nach oben zwang, sprte er einen
donnernden Schmerz im Hirn.

Auf einmal hrte der Kandidat Regulein auf, die Geige zu spielen. Es
erschallten Schritte, die wieder verklangen, doch mochte der Vermummte
stutzig geworden sein und die Furcht ihn verhindern, zum zweitenmal
auszuholen. Als Caspar die Augen auftat, ber die von der Mitte der
Stirn herunter eine brennende Nsse flo, war der Mann verschwunden.

Ei, htte er nur nicht Handschuhe gehabt, unter tausend Hnden wollte
ich seine Hand erkennen, dachte Caspar, indem er zur Seite torkelte. An
der Schmalseite des Flurs fand er keinen Halt; er probierte die Stiege
hinaufzuklimmen, aber der Sonnenstreifen erschien wie ein hindernder
Strom Feuers. Er glitt nieder, umklammerte die Steinsule und blieb eine
halbe Minute lautlos sitzen, bis ihn die Angst packte, der Vermummte
knne wieder zurckkommen. Mit aller Kraft hielt er das fliehende
Bewutsein noch fest, richtete sich auf, taumelte vorwrts und tastete
sich an der Wand entlang, als suche er ein Loch, um sich zu verkriechen.

Als er bei der Kellertreppe war, gab die nur angelehnte Tr dem Druck
seiner Hand nach, so da er fast hinuntergestrzt wre. Kaum sehend und
ohne zu berlegen tappte er so schnell wie mglich die finsteren Stufen
hinunter, denn schon glaubte er den Vermummten hinter sich. Als er im
Keller war, spritzte Wasser von seinen Schritten auf; es war
Regenwasser, das bei schlechtem Wetter hier unten Pftzen bildete.
Endlich fand er einen trockenen Winkel; whrend er sich niederlie und
sich, voller Furcht und Grauen, frmlich zusammenrollte, hrte er noch
von den Turmuhren zwlf schlagen, danach sah und fhlte er nichts mehr.

Um viertel eins kamen die Daumerschen Frauen zurck. Anna, die im Flur
voranging, gewahrte die groe Blutlache vor der Stiege und schrie auf.
Gleichzeitig kam der Kandidat Regulein aus seiner Wohnung und meinte:
Na, was ist denn das fr eine Bescherung! Die alte Frau, die an nichts
Schlimmes dachte, uerte sich, wahrscheinlich habe jemand Nasenbluten
gehabt. Anna jedoch, mehr und mehr voll Ahnung, wies auf die blutigen
Fingerabdrcke hin, die an der Mauer bis zur Kellertr sichtbar waren.
Sie sprang hinauf, ihr erster Gedanke war Caspar, sie suchte ihn in
allen Zimmern und sagte zum Bruder: Du, da unten ist alles voll Blut.
Daumer erhob sich mit einem beklommenen Ausruf vom Schreibtisch und
eilte hinaus.

Inzwischen war der Kandidat der Blutspur bis in den Keller gefolgt. Mit
heiserer Stimme schrie er von unten nach Licht und fgte gellend hinzu:
Da unten ist er, da liegt der Hauser! Hilfe, Hilfe, schnell!

Alle drei Daumers strzten in den Keller, Anna kam keuchend wieder
zurck, um die Kerze zu holen, die andern versuchten, den verkauerten
Krper Caspars aufzurichten, und dann trugen sie ihn selbdritt hinauf.
Zum Arzt, zum Arzt! kreischte Frau Daumer der entgegenrennenden Anna
zu, die das Licht ausblies, zu Boden warf und davonsprang.

Als Caspar endlich oben auf dem Bett lag, wuschen sie das gestockte Blut
von seinem Gesicht, und es kam eine nicht unbedeutende Wunde inmitten
der Stirn zum Vorschein. Daumer lief mit gerungenen Hnden im Zimmer auf
und ab und sthnte fortwhrend: Das mu mir passieren! Das mu in
meinem Haus passieren! Ich hab's ja gleich gesagt, ich hab's immer
gewut!

Der Platz vor dem Haus war schon voller Menschen, als Anna mit dem Arzt
zurckkam. Im Flur standen einige Magistrats- und Polizeileute. Ein
wenig spter erschien auch der Gerichtsarzt; beide Doktoren
versicherten, da die Wunde ungefhrlich sei, ob aber das Gemt des
Jnglings nicht eine bedenkliche Erschtterung erlitten habe, lieen sie
dahingestellt.

Ein amtliches Protokoll konnte nicht aufgenommen werden, Caspar war
immer nur kurze Zeit bei Besinnung; er stammelte dann ein paar Worte,
die allerdings das, was mit ihm geschehen war, wie unter Blitzesleuchten
erkennbar machten, sprach von dem Vermummten, von seinen glnzenden
Stiefeln und gelben Handschuhen, fiel aber danach in heftige Wahn- und
Fieberdelirien. Bei der Besichtigung der Lokalitt wurde der Weg
entdeckt, auf dem der Unbekannte ins Haus gedrungen war: unter der
Stiege befand sich nmlich gegen den Baumannschen Garten ein kleines
Trchen, dessen Vorlegeschlo zersprengt war.

Die Vernehmung Daumers war fruchtlos, er stand kaum Rede. Gegen Abend
kam Herr von Tucher und teilte mit, da man einen Eilboten an den
Prsidenten Feuerbach abgefertigt habe.

Das Brgermeisteramt hatte sogleich umfassende Nachforschungen
veranstaltet. An allen Haupt- und Nebentoren der Stadt wurde die Wache
zu erhhter Aufmerksamkeit verpflichtet; die Wirtshuser und Herbergen,
wo Leute gemeinen Schlags sich aufzuhalten pflegten, wurden sorgfltig
durchsucht, auch wurden die Gendarmerie und die benachbarten
Landgemeinden zu ttiger Vigilanz aufgefordert. An die Amtstafel des
Rathauses wurde eine ffentliche Bekanntmachung angeschlagen, und zwei
Aktuare und die halbe Polizeimannschaft wurden mit der Verfolgung des
Frevlers betraut.

Die Untat geschah an einem Montag; eine zu leitende Gerichtsverhandlung
hinderte unglcklicherweise den Prsidenten, sofort nach Nrnberg zu
kommen, erst am Donnerstag traf er mit Extrapost in der Stadt ein und
begab sich unverzglich aufs Rathaus. Er lie sich vom Magistratsvorstand
ber die polizeilichen Maregeln und deren Ergebnisse Bericht erstatten,
zeigte sich aber mit allem so unzufrieden und geriet ber eine Reihe von
Migriffen in solchen Zorn, da die ganze Beamtenschaft den Kopf verlor.
ber die vom Aktuar ihm vorgelegten Protokolle und Zeugenaussagen machte
er sarkastische Bemerkungen; da war eine Hallwchtersfrau, welche am
Schiegraben beim Hauptspital einen wohlgekleideten Herrn gesehen hatte,
der sich in einer Feuerkufe die Hnde wusch; da war ein bstnerweib, die
in Sankt Johannis einem Fremden begegnet war, welcher sich bei ihr
erkundigt hatte, wer am Tiergrtner Tor Examinator sei und ob man, ohne
angehalten zu werden, in die Stadt gelangen knne; da waren verdchtige
Handwerksburschen und unterstandslose Strolche verhaftet worden; da
hatte man zwei Kerle beobachtet, den einen im hellen Schalk, den andern
im dunkeln Frack, die auf der Fleischbrcke zusammengekommen waren und
einander Zeichen gegeben hatten.

Zu spt, zu spt, knirschte der Prsident. Warum hat man nicht die
Namensliste der zu- und abgereisten Fremden in den Gasthfen
kontrolliert? fuhr er den zitternden Aktuar an.

Die Spuren laufen nach vielen Richtungen, bemerkte schchtern der
Unglckliche.

Gewi, die Unfhigkeit hat viele Wege, antwortete der Prsident
beiend, und mit Bedeutung fgte er hinzu: Hren Sie, Mann Gottes! Der
beltter, auf den wir da fahnden, wscht seine Hnde nicht auf offener
Strae, er lt sich mit keinem bstnerweib in Gesprche ein und braucht
keinen Examinator zu frchten. Zu niedrig habt ihr gegriffen, viel zu
niedrig.

Er nahm einen Schreiber mit, um den Lokalaugenschein im Daumerschen Haus
nochmals selbst vorzunehmen. Der Magistratsrat Behold begleitete ihn und
ward ihm durch mannigfaches Reden lstig; unter anderm uerte Behold,
er habe gehrt, Professor Daumer wolle Caspar nicht lnger behalten, und
machte sich erbtig, dem Jngling in seinem Haus Obdach zu gewhren.
Feuerbach hielt dies fr leeres Geschwtz und entledigte sich des
Mannes, indem er ihn mit einem Auftrag zu Herrn von Tucher schickte.

Aber als er dann mit Daumer sprach, erregte dessen Zerfahrenheit sein
Befremden. Um ihn nicht noch mehr zu verwirren, legte Feuerbach das
Verhr mit ihm so an, da es mehr einer freundschaftlichen Unterhaltung
glich. Daumer erinnerte sich der geheimnisvollen Begegnung, die Caspar
vor der Egydienkirche gehabt hatte, und rckte damit heraus.

Und davon erfhrt man jetzt erst? brauste der Prsident auf. Und
hatte die Sache keine unmittelbaren Folgen? Haben Sie nachher nichts
Verdchtiges beobachtet?

Nein, stotterte Daumer, in Furcht gesetzt durch den sthlern
durchdringenden Blick des Prsidenten. Das heit, eines fllt mir noch
ein: ich traf am selben Abend bei Frau Behold einen Herrn, der sich mir
gegenber in ganz seltsamen Andeutungen oder Warnungen gefiel, wie man
es auffassen soll, wei ich nicht.

Was war der Mann? Wie hie er?

Man sagte, es sei ein zugereister Diplomat, des Namens entsinne ich
mich nicht. Oder doch, jawohl: Herr von Schlotheim-Lavancourt; er soll
sich aber unter falschem Namen hier aufgehalten haben.

Wie sah er aus?

Dick, gro, ein wenig pockennarbig, ein hoher Fnfziger.

Schildern Sie mir das Gesprch mit ihm.

Daumer gab, so gut er es vermochte, den Inhalt der Unterredung.
Feuerbach versank in langes Nachdenken, dann schrieb er einige Notizen
in sein Taschenbuch. Lassen Sie uns zu Caspar gehen, sagte er, sich
erhebend.

Caspars Stirn war noch verbunden; das Gesicht war beinahe so wei wie
das Tuch; auch das Lcheln, womit er den Prsidenten empfing, war
gleichsam wei. Er hatte bereits drei oder vier Verhre berstanden;
schon beim ersten hatte er alles Erzhlenswerte erzhlt; das hielt den
guten Amtsschimmel nicht ab, immer wieder von neuem anzutraben, man
fragte die Kreuz und Quer, um das Opfer auf einem Widerspruch zu
erwischen; mit Widersprchen kann man arbeiten, wenn einer jedesmal
dasselbe sagt, wird die Geschichte aussichtslos. Der Prsident unterlie
das Fragen; er fand einen vernderten Menschen in Caspar; es war etwas
Beklommenes an ihm, sein Blick war weniger frei, nicht mehr so
tiefstrahlend und seltsam ahnungslos, nher an die Dinge gekettet.

Whrend die Frauen sich ber Caspars Befinden befriedigt uerten, kam
auch der Arzt und besttigte gern, da von irgendwelcher Gefahr keine
Rede mehr sein knne. In einem Ton, der mehr Befehl als Wunsch enthielt,
sagte der Prsident, er hoffe, da in diesen Tagen fremde Besucher ohne
Ausnahme abgewiesen wrden. Daumer erwiderte, das verstehe sich von
selbst, erst diesen Morgen habe er einem betreten Lakaien abschlgigen
Bescheid geben lassen.

Es war der Diener eines vornehmen Englnders, der im Gasthof zum Adler
wohnt, fgte Frau Daumer hinzu; er war brigens nach einer Stunde noch
einmal da, um sich ausfhrlich zu erkundigen, wie es Caspar ginge.

Es klopfte an die Tr, Herr von Tucher trat ein, begrte den
Prsidenten und machte nach kurzer Weile eine berraschende Mitteilung:
derselbe Englnder, ein anscheinend sehr reicher Graf oder Lord, habe
dem Brgermeister einen Besuch abgestattet und ihm hundert Dukaten
berreicht als Belohnung fr denjenigen, dem es gelingen wrde, den
Urheber des an Caspar verbten berfalls zu entdecken.

Ein erstauntes Schweigen entstand, welches der Prsident mit der Frage
unterbrach, ob man wisse, weshalb sich der Fremde in der Stadt aufhalte.
Herr von Tucher verneinte. Man wei nur, da er vorgestern abends
angekommen ist, antwortete er; ein Rad seines Wagens soll in der Nhe
von Burgfarrnbach gebrochen sein, und er wartet hier, bis der Schaden
ausgebessert ist. Der Prsident zog die Brauen zusammen, Argwohn
umdsterte seinen Blick; so wird der Jagdhund stutzig, wenn sich abseits
von verwirrenden Fhrten eine neue Spur zeigt. Wie nennt sich der
Mann? fragte er scheinbar gleichgltig.

Der Name ist mir entfallen, entgegnete Baron Tucher, doch soll es in
der Tat ein hoher Herr sein, Brgermeister Binder preist seine
Leutseligkeit in allen Tnen.

Hohe Herren gelten schon fr leutselig, wenn sie einem auf den Fu
treten und sich nachher freundlich entschuldigen, lie sich Anna, die
an Caspars Bett sa, naseweis vernehmen. Daumer warf ihr einen
strafenden Blick zu, doch der Prsident brach in eine schmetternde Lache
aus, die auf alle ansteckend wirkte; noch minutenlang kicherte er vor
sich hin und zwinkerte vergngt mit den Augen.

Blo Caspar nahm an dem heiteren Zwischenspiel keinen Teil, sein Blick
war nachdenklich ins Freie gerichtet, er wnschte jenen Mann zu sehen,
der aus weiter Ferne kam und so viel Geld hergab, damit der gefunden
werde, der ihn geschlagen. Aus weiter Ferne! Das war es; nur aus weiter
Ferne konnte kommen, wonach Caspar Verlangen trug, vom Meere her, von
unbekannten Lndern her. Auch der Prsident kam aus der Ferne, aber doch
nicht von so weit, da seine Stirn gefrbt war von fremdem Schein, da
ein ser Wind an seinen Kleidern hing oder da seine Augen wie die
Sterne waren, ohne Vorwurf, ohne das ewige Fragen. Der aus der Ferne
kam, im silbernen Kleid vielleicht und mit vielen Rossen, der brauchte
nicht zu fragen, er wute alles von selbst, die andern aber, alle die
Nahen, die immer da waren, immer hereingingen und immer wieder fort, sie
sahen niemals aus, als ob sie von schumenden Rossen gestiegen wren,
ihr Atem war dumpf wie Kellerluft, ihre Hand mde wie keines Reiters
Hand; ihr Antlitz war vermummt, nicht schwarz vermummt wie das Gesicht
dessen, der ihn geschlagen und der ihm so nah gewesen wie keiner sonst,
sondern undeutlich vermummt; darum redeten sie mit unreiner Stimme und
in verstellten Tnen, und darum war es auch, da Caspar sich jetzt
verstellen mute und nicht mehr imstande war, ihnen fest ins Auge zu
sehen und alles zu sagen, was er htte sagen knnen. Er fand es
heimlicher und trauriger zu schweigen als zu reden, besonders wenn sie
darauf warteten, da er reden solle; ja, er liebte es, ein wenig traurig
zu sein, viele Trume und Gedanken zu verbergen und sie zu dem Glauben
zu bringen, da sie ihm doch nicht nahkommen knnten.

Daumer war zu sehr mit sich selbst beschftigt und zu bedrckt von der
bevorstehenden Ausfhrung eines unabnderlichen Entschlusses, um darauf
zu achten, ob Caspar ihm noch in derselben kindlich offenen Weise
entgegenkomme wie sonst. Erst Herr von Tucher war es, der auf gewisse
Sonderbarkeiten in Caspars Betragen hinwies, und er lie auch gegen den
Prsidenten einige Andeutungen darber fallen, als sie zusammen aus dem
Daumerschen Haus gingen. Der Prsident zuckte die Achseln und schwieg.
Er bat den Baron, ihn nach dem Gasthof zum Adler zu begleiten; dort
erkundigten sie sich, ob der englische Herr zu Hause sei, erfuhren
jedoch, da Seine Herrlichkeit Lord Stanhope, so drckte sich der
Kellner aus, vor einer knappen Stunde abgereist war. Der Prsident war
unangenehm berrascht und fragte, ob man wisse, welche Richtung der
Wagen genommen habe; das wisse man nicht genau, ward geantwortet, doch
da er das Jakobstor passiert, sei zu vermuten, da er die Richtung nach
Sden, etwa nach Mnchen, eingeschlagen habe.

Zu spt, berall zu spt, murmelte der Prsident. Ich htte gern
gewut, wandte er sich an Herrn von Tucher, was Seine Herrlichkeit
bewogen hat, so viel Dukaten aufs Rathaus zu tragen. Das Gesicht
Feuerbachs war dermaen zerarbeitet von Gedanken und Sorgen, von der
Anstrengung einer bestndigen Wachsamkeit wie von der Glut eines
zehrenden Temperaments, da es dem eines Kranken oder eines Besessenen
glich.

Und so war es seit Monaten. Die ihm unterstellten Beamten frchteten
seine Gegenwart; die geringste Pflichtverletzung, ja, der geringste
Widerspruch brachte ihn zur Raserei, und waren die Ausbrche seines
Zornes schon von jeher furchtbar gewesen, so zitterten sie jetzt um so
mehr davor, als der unbedeutendste Anla einen solchen Sturm
heraufbeschwren konnte. Dann gellte seine Stimme durch die Hallen und
Korridore des Appellgerichts, die Bauern auf dem Markt unten blieben
stehen und sagten bedauernd: Die Exzellenz hat das Grimmen, und vom
Regierungsrat bis zum letzten Schreibersmann sa alles bla und artig
auf den Sthlen.

Vielleicht htten sie williger dies Joch getragen, wenn sie gewut
htten, welche Pein dadurch dem Urheber selbst bereitet ward, wie sehr
er, besiegt durch sein eignes Wten, Scham und Reue litt, so da er
bisweilen, wie um durch irgendeine Handlung sich loszukaufen, dem
erstbesten Bettler auf der Gasse eine Silbermnze hinwarf. Sie ahnten
freilich nicht, da die trben Nebel dieser Laune ein bewegtes
Widerspiel von Pflicht und Ehre bargen und da hier ein Genius am Werk
war, um inmitten scheinbarer Unrast und Friedlosigkeit ein Wunderwerk
der Kombination zu schaffen und mit wahrem Seherblick eine Hlle von
Verworfenheit und Missetat zu durchdringen.

Mit Zaubrerhand war es ihm gelungen, aus den dunkeln Fden, die das
Schicksal Caspar Hausers an eine unbekannte Vergangenheit banden, ein
Gewebe zu knpfen, auf welchem jhlings wie in Brandlettern flammte, was
durch die Fgung der Umstnde und die Zeit selbst mit Finsternis bedeckt
war.

Voll Schrecken stand er vor seiner Schpfung, denn der Boden seiner
Existenz wankte unter ihm. Es gab fr ihn keinen Zweifel mehr. Aber
durfte er es wagen, mit der frchterlichen Wahrheit auf den Plan zu
treten und die Rcksicht hintanzusetzen, die ihm durch sein Amt und das
Vertrauen seines Knigs auferlegt war? Schien es nicht besser, das
Geschft des Spions in Heimlichkeit weiter zu betreiben, um den
rnkevollen Gewalten, tckisch wie sie selbst, erst bei gelegener Stunde
in den Rcken zu fallen? Es war nichts zu gewinnen, nicht einmal Dank,
aber alles war zu verlieren.

O Qual, dachte er oft in schlaflosen Nchten, sonderbare Qual, dem
rechtlosen Treiben als bestellter Wchter und mit unttiger Hand zusehen
zu mssen, gro und kleine Snde am ungengenden Gesetz zu messen, die
Feder auf den Buchstaben zu spieen, indes das Leben seine Bahn luft
und Form auf Form gebiert, zerstrt, niemals Herr der Taten zu sein,
immer Sprhund der Tter und nie zu wissen, was zu verhten sei, was zu
befrdern!

Er wre nicht der gewesen, der er war, wenn er nicht einen Weg zwischen
ffentlichkeit und feigem Verschweigen gefunden htte, der seiner
Selbstachtung Genge tat. Er richtete ein ausfhrliches Memorial an den
Knig, worin er mit bedchtiger Gliederung aller Merkmale den Fall
darlegte, frei und khn vom Anfang bis zum Ende; ein Hammerschlag jeder
Satz.

Das Schriftstck begann mit der Auseinandersetzung, da Caspar Hauser
kein uneheliches, sondern ein eheliches Kind sein msse.

Wre er ein uneheliches Kind, hie es, so wren leichtere, weniger
grausame und weniger gefhrliche Mittel angewendet worden, um seine
Abstammung zu verheimlichen, als die ungeheure Tat der viele Jahre lang
fortgesetzten Gefangenhaltung und endlichen Aussetzung. Je vornehmer
eines der Eltern war, desto mheloser konnte das Kind entfernt werden,
und noch weniger Ursache zu so bedeutenden und verrterischen Anstalten
htten Leute geringen Standes und geringen Vermgens gehabt; das Brot
und Wasser, welches Caspar im verborgenen verzehren mute, htte man ihm
auch vor aller Welt reichen drfen. Denkt man sich Caspar als
uneheliches Kind hoher oder niedriger, reicher oder armer Eltern, in
keinem Fall steht das Mittel im Verhltnis zum Zweck. Und wer bernimmt
grundlos die Last eines so schweren Verbrechens, zumal wenn er dabei die
angstvolle Plage hat, es fr unabsehbare Zeit Tag fr Tag wieder und
wieder verben zu mssen? Aus alledem geht hervor, so fuhr der
unerbittliche Anklger fort, da sehr mchtige und sehr reiche Personen
an dem Verbrechen beteiligt sind, welche ber gemeine Hindernisse
unschwer hinwegschreiten, welche durch Furcht, auerordentliche Vorteile
und glnzende Hoffnungen willige Werkzeuge in Bewegung setzen, Zungen
fesseln und goldene Schlsser vor mehr als einen Mund legen knnen.
Liee es sich sonst erklren, da die Aussetzung Caspars in einer Stadt
wie Nrnberg am hellen Tage erfolgen und der Tter spurlos verschwinden
konnte; da durch alle seit vielen Monaten mit unermdlichem Eifer
betriebenen Nachforschungen kein rechtlich geltend zu machender Umstand
entdeckt werden konnte, der auf einen bestimmten Ort oder einen
bestimmten Menschen fhrte, da selbst hohe Belohnungen keine einzige
befriedigende Anzeige veranlaten?

Deshalb mu Caspar eine Person sein, mit deren Leben oder Tod
weittragende Interessen verkettet sind, folgerte Feuerbach. Nicht Rache
und nicht Ha konnten Motive zur Einkerkerung gewesen sein, sondern er
wurde beseitigt, um andern Vorteile zuzuwenden und zu sichern, die ihm
allein gebhrten. Er mute verschwinden, damit andre ihn beerben, damit
andre sich in der Erbschaft behaupten konnten. Er mu von hoher Geburt
sein, dafr sprechen merkwrdige Trume, die er gehabt und die sonst
nichts sind als wiedererwachte Erinnerungen aus frher Jugend, dafr
sprechen der ganze Verlauf seiner Gefangenschaft und die daraus sich
ergebenden Schlsse; er wurde freilich im Kerker gehalten und sprlich
ernhrt, aber man hat Beispiele von Menschen, die nicht in bswilliger,
sondern in wohlttiger Absicht eingekerkert wurden, nicht um sie zu
verderben, sondern um sie gegen diejenigen zu schtzen, die ihnen nach
dem Leben getrachtet. Vielleicht auch, da durch sein bloes Dasein ein
Druck ausgebt werden sollte auf jemand, der mit zauderndem Gewissen an
der Unternehmung teilgehabt und doch nicht wagen durfte, Einspruch zu
erheben. Es wurde Sorgfalt und Milde an Caspar gebt; warum? Warum hat
ihn der Geheimnisvolle nicht gettet? Warum nicht einen Tropfen Opium
mehr in das Wasser getan, das ihn bisweilen betuben sollte? Das Verlie
fr den Lebendigen wurde ein doppelt sicheres fr den Toten.

Wenn nun in irgendeiner hohen, oder nur vornehmen, oder nur angesehenen
Familie in Caspars Person ein Kind verschwunden wre, ohne da man ber
dessen Tod oder Leben und wie es hinweggekommen, etwas in Erfahrung
brachte, so mte doch lngst ffentlich bekannt sein, in welcher
Familie dies Unglck vorgefallen. Da aber seit Jahren und unerachtet
Caspars Schicksal ein weitbesprochenes Ereignis geworden, nicht das
mindeste davon verlautet hat, so ist Caspar unter den Gestorbenen zu
suchen. Das will heien: ein Kind wurde fr tot ausgegeben und wird noch
jetzt dafr gehalten, welches in Wirklichkeit am Leben ist, und zwar in
der Person Caspars; das will heien, ein Kind, in dessen Person der
nchste Erbe oder der ganze Mannesstamm seiner Familie erlschen sollte,
wurde beiseitegeschafft, um nie wieder zu erscheinen; es wurde diesem
Kind, das vielleicht gerade krank gelegen, ein andres, totes oder
sterbendes Kind unterschoben, dieses als tot ausgestellt und begraben
und so Caspar in die Totenliste gebracht. War der Arzt im Spiel, hatte
er Befehl, das Kind zu morden, fand er jedoch in seinem Herzen oder in
seiner Klugheit Grnde, den Auftrag scheinbar zu vollziehen und das Kind
zu retten, so konnte der fromme Betrug leichterdings vollzogen werden.
Hier handelte jeder auf hhere Weisung, aber wo war der gebietende Mund?
Wo der mchtige Geist, der ein solches Gewicht von Verantwortung fr
ewige Zeiten zu tragen unternahm? Wo das Haus, in welchem das Unerhrte
geschah?

An dieser Stelle des Berichts stockte die Hand des Prsidenten, --
tagelang, wochenlang. Nicht aus Schwche noch aus Wankelmut, sondern mit
dem schmerzlichen Zagen eines Feldherrn, der des Unheils und Verderbens
sicher ist, wie immer die Schlacht auch enden mge. Die Krone von einem
Frstenhaupt zu reien und mit Fingern auf das befleckte Diadem deuten,
hie das nicht, die Majestt auch des eignen Knigs beleidigen,
geheiligte berlieferungen mit Fen treten, die unmndigen Vlker zum
Widerpart stacheln? Doch wie nie zuvor empfand er die zeugende Gewalt
des Wortes und wie Wahrheit aus Wahrheit fliet und drngt.

Er nannte das Haus mit Namen. Er wies nach, da das alte Geschlecht
jhlings, in auffallender Weise und gegen jede menschliche Vermutung im
Mannesstamm erloschen sei, um einem aus morganatischer Ehe entsprossenen
Nebenzweig Platz zu machen. Nicht etwa in einer kinderlosen, sondern in
einer mit Kindern wohlgesegneten Ehe hatte sich dies Aussterben
ereignet, und nur die Shne starben, die Tchter aber lebten weiter. So
wurde die Mutter zur wahrhaften Niobe, doch traf Apollos ttendes
Gescho ohne Unterschied Shne und Tchter, hier aber ging der Wrgengel
an den Tchtern vorber und erschlug die Shne. Und nicht blo
auffallend, sondern einem Wunder hnlich, da der Wrgengel schon an der
Wiege der Knaben stand und sie herausgriff mitten aus der Reihe
blhender Schwestern. Wie wre es erklrbar, fragte Feuerbach, da eine
Mutter demselben Vater drei gesunde Tchter gebiert und als Shne lauter
Sterblinge? Darin ist kein Zufall, behauptete er furchtlos, sondern
System, oder man mu glauben, die Vorsehung selbst habe einmal in den
gewhnlichen Lauf der Natur eingegriffen und Auerordentliches getan, um
einen politischen Streich auszufhren. Nicht lange nach dem Erscheinen
Caspars hat sich in Nrnberg das Gercht verbreitet, Caspar sei ein fr
tot ausgegebener Prinz jenes Geschlechts, und immer wieder redeten die
dunkeln Stimmen, sogar von einer angeblichen Geistererscheinung wurde,
wie ffentliche Bltter erzhlten, die Behauptung gewagt, da die
gegenwrtigen Regenten den Thron durch Usurpation besen und da noch
ein echter Prinz am Leben sei. Gerchte sind freilich nur Gerchte; aber
sie flieen oft aus guten Quellen; sie haben, wo es geheime Verbrechen
gibt, hufig ihre Entstehung darin, da ein Mitschuldiger geplaudert,
oder mit seinem Vertrauen zu freigebig gewesen, oder eine
Unvorsichtigkeit begangen, oder sein Gewissen erleichtern wollte, oder
seine getuschten Hoffnungen zu rchen sich vorgesetzt, oder im stillen
die Entdeckung der Wahrheit herbeizufhren gesucht, ohne die Rolle des
Verrters spielen zu mssen.

Der Prsident nannte nicht blo die Dynastie mit Namen und das Land, das
ihr erbeigen war, er nannte auch den Frsten, dessen pltzlicher Tod vor
mehr als einem Jahrzehnt Argwohn erregt hatte, er nannte die Frstin,
die, von hocherlauchter Abkunft, in selbsterwhlter Einsamkeit ein
unfabares Geschick betrauerte; er nannte diejenigen, die so ber
Leichen hinweg zum Thron geschritten, und neben dem Bild eines
schwachen, doch ehrgeizigen Mannes tauchte die Gestalt eines Weibes auf,
voll von dmonischem Wesen, der regierende Wille ber dem grausen
Geschehen.

Es war etwas von der Bitterkeit eignen Erlebens in den unumwundenen
Hinweisen des Prsidenten. Denn er kannte die hfische Welt, in der
Tcke und Hinterlist in eine Wolke von Wohlgerchen gebettet sind und wo
die Niedertracht ihre Opfer mit heuchlerischen Gnaden betubt; er hatte
ihre Luft geatmet, er hatte von ihren Tischen gespeist, von ihrem Gift
genossen, den besten Teil seines Lebens und seiner Krfte in ihrem
Dienst vergeudet und war fr die reinste Hingebung mit Schmach und
Verfolgung belohnt worden; er kannte ihre Kreaturen und Helfershelfer,
er kannte sie, denen die Geschichte nichts bedeutet als eine
Stammbaumchronik, Religion eine Priesterlitanei, Philosophie einen
fluchwrdigen Jakobinismus, Politik einen Blindekuhreigen mit Noten und
Protokollen, der Staatshaushalt ein Rechenexempel ohne Probe,
Menschenrechte ein Pfnderspiel, der Monarch ein Schild ihrer eignen
Gre, das Vaterland ein Pachtgut und Freiheit das strfliche Vermessen
aberwitziger Toren. Die unersetzlichen Jahre schrien hinter seinen
Worten hervor, erlittene Zurcksetzung und ein verfinsterter Geist. Er
wollte seiner selbst nicht gedenken, doch die Worte entschleierten
seinen Gram, wenn auch nicht fr das Auge des Knigs, der nur zu lesen
brauchte, was geschrieben stand.

Die Schrift ward unter Anwendung peinlicher Vorsicht abgesandt, damit
sie in keine andern Hnde als in die des Regenten gerate, und der
Prsident wartete von Woche zu Woche vergeblich auf Erwiderung, auf
einen Bescheid, auf irgendein Zeichen. Da kam die Kunde von dem
Mordanfall auf Caspar. Feuerbach reiste nach Nrnberg; seine eignen
Manahmen hatten so wenig Erfolg wie die der Polizei. Am zehnten Tag
seines Aufenthalts erhielt er ein Schreiben aus der kniglichen
Privatkanzlei, worin mit gebhrendem Dank von seinen Mitteilungen Notiz
genommen und mit Anerkennung des nicht genug zu bestaunenden Scharfsinns
in der Entwirrung verwickelter Verhltnisse gedacht war, das aber in
allen wesentlichen Punkten eine sprde Zurckhaltung zeigte; man werde
prfen; man werde berlegen; man msse abwarten; gewichtige Rcksichten
seien zu beachten; leicht erklrliche Beziehungen legten unbequeme
Pflichten auf; die Natur des Unglaublichen selbst veranlasse eher zur
Verwunderung, zur Bestrzung als zu unbesonnenem Eingreifen; doch
verspreche man, ja man verspreche; vor allem werde Schweigen empfohlen,
unbedingtes Schweigen; bei Verlust aller Gnade drfe keine derartige
Kunde als authentisch durch den Mund eines hohen Staatsbeamten nach
auen dringen: man erwarte ber den Punkt Verstndigung und
Unterwerfung.

Die Wirkung dieses geheimen Erlasses, mit welchem man ihm zugleich
schmeichelte und drohte, der einer freundlich dargereichten Hand glich,
worin der geschliffene Dolch blitzte, war um so heftiger, als der Inhalt
lngst geahnt und gefrchtet war. Feuerbach schumte. Er zertrat das
Sendschreiben mit den Fen; er rannte mit keuchender Brust, die Fuste
gegen die Schlfen gedrckt, eine ganze Weile im Zimmer auf und ab, dann
strzte er aufs Bett, das Sausen seiner Pulse bengstigte ihn und er
erlste sich schlielich in einem lauten, langen Gelchter voll Wut und
Zorn.

Dann blieb er stundenlang liegen und konnte nichts andres denken als das
einzige Wort: Schweigen, Schweigen, Schweigen.

An demselben Nachmittag war der Brgermeister Binder mehrmals im Gasthof
gewesen und hatte den Prsidenten zu sprechen gewnscht. Der Kellner war
stets mit dem Bescheid zurckgekommen, sein Pochen sei vergeblich, der
Herr Staatsrat scheine zu schlafen oder wnsche nicht gestrt zu werden.
Gegen Abend kam Binder wieder und wurde endlich vorgelassen. Er fand den
Prsidenten in ein Aktenheft vertieft, und seine Entschuldigung wurde
mit der verletzend kurzen Bitte erwidert, er mge zur Sache kommen.

Der Brgermeister trat betroffen einen Schritt zurck und sagte stolz,
er wisse nicht, wodurch er sich das Mifallen Seiner Exzellenz zugezogen
haben knne, doch wie dem auch sei, er msse eine derartige Behandlung
zurckweisen. Da erhob sich Feuerbach und entgegnete: Ums Himmels
willen, Mann, lassen Sie das! Wer auf einem Scheiterhaufen schmort, hat
einigen Grund, wenn er die Regeln der Hflichkeit vergit!

Binder senkte den Kopf und schwieg verwundert. Dann erklrte er den
Zweck seines Besuchs. Da Daumer die Absicht habe, Caspar aus seinem
Haus zu entfernen, sei dem Prsidenten wahrscheinlich bekannt. Da nun
der Jngling soweit hergestellt sei, habe sich Daumer entschlossen,
damit nicht hinzuwarten, sondern ihn baldmglichst zu den Beholdischen
zu bringen, die Caspar mit Freuden aufnehmen wollten. Alles dies sei
gengend besprochen und man wnsche nur, den Prsidenten zu
unterrichten, und bitte um seine Gutheiung.

Ja, ich wei, da Daumer die Geschichte satt hat, antwortete Feuerbach
verdrielich. Ich mache ihm keinen Vorwurf daraus. Niemand hat Lust,
sein Haus zu einer umlauerten Mordsttte werden zu lassen, obwohl
dagegen Maregeln ergriffen werden knnen, werden mssen. Von heute ab
soll Caspar unter genauer polizeilicher berwachung stehen; die Stadt
haftet mir fr ihn. Doch warum hat Daumer solche Eile? Und warum gibt
man Caspar in die Familie Behold, warum nicht zu Herrn von Tucher oder
zu Ihnen?

Herr von Tucher ist whrend der nchsten Monate berufshalber gezwungen,
seinen Aufenthalt in Augsburg zu nehmen, und ich-- der Brgermeister
zgerte, und sein Gesicht wurde vorbergehend bleich, -- was mich
betrifft, mein Haus ist kein Ort des Friedens.

Rasch schaute der Prsident empor; sodann ging er hin und reichte Binder
stumm die Rechte. Und was ist es mit diesen Beholds? Was sind es fr
Leute? fragte er ablenkend.

O, es sind gute Leute, versetzte der Brgermeister etwas unsicher.
Der Mann jedenfalls; ist ein geachteter Kaufherr. Die Frau... darber
sind die Meinungen geteilt. Sie gibt viel auf Putz und dergleichen,
verschwendet viel Geld. Bses kann man ihr nicht nachsagen. Da es fr
Caspar, wie wir ja verabredet, von Vorteil ist, wenn er jetzt die
ffentliche Schule besucht, gengt schlielich die bloe Beaufsichtigung
in einem Kreis anstndiger Menschen.

Haben die Leute Kinder?

Ein dreizehnjhriges Mdchen. Der Brgermeister, dem es wie aller Welt
wohlbekannt war, da Frau Behold diese Tochter schlecht behandelte,
wollte noch etwas hinzufgen, um sein Gewissen zu beruhigen, doch da
wurden Daumer und der Magistratsrat Behold gemeldet. Der Prsident lie
bitten. Alsbald zeigte sich das freundlich-grinsende Gesicht des Rats;
der feierliche schwarze Kinnbart stand in einem komischen Gegensatz zu
dem schon ergrauten Kopfhaar, das in feuchten Strhnen pomadeduftend
ber die Stirn hing.

Unter bestndigen Verbeugungen trat er auf Feuerbach zu, der ihn nur
eines flchtigen Grues wrdigte und sich sogleich an Daumer wandte.
Dieser wagte kaum dem forschenden Auge des Prsidenten zu begegnen, und
die Frage, ob man Caspar die innere und uere Anstrengung eines so
durchgreifenden Wechsels schon zumuten drfe, beantwortete er durch
verlegenes Schweigen. Als sich Herr Behold ins Gesprch mischte und
versicherte, Caspar solle in seinem Haus wie ein leiblicher Sohn
betrachtet werden, unterbrach ihn der Brgermeister mit den fast
widerwillig hervorgepreten Worten, darauf halte er nichts, wie man an
Caspar selbst sehe, gebe es ja Eltern, die ihre leiblichen Kinder
verkmmern lieen. Der Rat machte ein verlegenes Gesicht, rieb seine
ausgemergelten Finger an der Stuhlkante und stotterte, er knne nichts
weiter sagen, was an ihm lge, wolle er tun.

Der Prsident, stutzig geworden durch die beziehungsvollen Reden, sah
die beiden Mnner abwechselnd an. Darauf trat er dicht vor Daumer hin,
legte die Hand auf dessen Schulter und fragte ernst: Mu es denn sein?

Daumer seufzte und entgegnete bewegt: Exzellenz, wie hart mein
Entschlu mich ankommt, das wei nur Gott.

Gott mag es wissen, versetzte der Prsident grollend, und seine
untersetzte feiste Gestalt schien pltzlich drohend zu wachsen, aber
wird er es darum schon billigen? Wenn man Stein und Stahl
zusammenschlgt, gibt es Funken; wehe aber, wenn blo Schmutz und Krmel
vom Stein fliegen. Da ist keine Dauer und keine Tchtigkeit der Natur.

Er kanzelt mich schon wieder ab, dachte Daumer, und die Rte des
Unwillens stieg ihm ins Gesicht. Ich habe getan, was in meinen Krften
stand, sagte er hastig und mit Trotz. Ich verschliee Caspar nicht
mein Haus. Und mein Herz schon ganz und gar nicht. Aber erstens kann ich
keine Gewhr fr seine Sicherheit mehr leisten, und ich glaube, niemand
kann es. Wie ist es mglich, Semann zu sein auf einem Acker, unter dem
ein verderbliches Feuer gloset und jeden Samen verbrennt? Und dann, was
mehr ist, ich bin enttuscht, ich gestehe es, ich bin enttuscht. Nie
will ich vergessen, was mir Caspar gewesen ist, wer knnte ihn auch
vergessen! Aber das Wunder ist vorber, die Zeit hat es aufgefressen.

Vorber, ja vorber, murmelte Feuerbach dster, das Wort mute
fallen. Die Augen werden stumpf vom Schauen ins Licht. Die Shne werden
verstoen, wenn sie unsrer Liebe ein berma abntigen. Aber der Bettler
kriegt seine Bettelsuppe. Meine geschtzten Herren, fuhr er laut und
frmlich fort, tun Sie, wie Ihnen beliebt; in jedem Fall, dessen seien
Sie eingedenk, bleiben Sie mir fr das Wohl Caspars verantwortlich.

Als Daumer auf der Strae war, rgerte er sich noch immer ber den Ton
und die Worte des Prsidenten. Doch zugleich konnte er sich seine
Selbstunzufriedenheit nicht verhehlen. In einer der verdeten Straen
nahe der Burg begegnete er dem Rittmeister Wessenig. Daumer war froh,
eine Ansprache zu haben, und begleitete den Mann bis zur Reiterkaserne.
Von Anfang an lenkte der Rittmeister die Unterhaltung auf Caspar, und
Daumer bemerkte nicht oder wollte nicht bemerken, da die Gesprchigkeit
des Rittmeisters einen hohnvollen Beigeschmack hatte.

Eine geheimnisvolle Sache, das mit dem Vermummten, meinte Herr von
Wessenig, pltzlich deutlicher werdend. Sollte es Leute geben, die
daran ernstlich glauben? Am hellichten Tag dringt ein Kerl, ein Kerl mit
Handschuhen, bitte, dringt in ein bewohntes Haus, hngt sich einen
Schleier bers Gesicht und zieht ein Beil aus der Tasche? Oder sollte er
das Beil vorher offen ber die Strae getragen haben? Mit Handschuhen,
wie? Beim heiligen Tommasius, das ist eine gewaltige Ruberhistorie!

Da Daumer nichts antwortete, fuhr der Rittmeister eifrig fort: Nehmen
wir einmal an, der famose Vermummte hat die Absicht gehabt, den
Burschen zu tten. Warum dann die unbedeutende Wunde? Er brauchte ja nur
ein bichen krftiger zuzuschlagen und alles war aus, der Mund, der ihn
verraten mute, war stumm. Man mu rein glauben, der behandschuhte
Mrder hat sein Opfer einstweilen nur ein bichen kitzeln wollen.
Wahrhaftig, eine kitzlige Geschichte. Alle meine Bekannten, #parole
d'honneur#, lieber Professor, sind emprt ber die Leichtglubigkeit,
die sich von so albernem Spuk zum besten halten lt.

Daumer hielt es fr unter seiner Wrde, Zorn oder Entrstung zu zeigen.
Er stellte sich, als htte er nicht bel Lust, dem Rittmeister
beizustimmen, und fragte gelehrig, wie man sich aber den ganzen Vorgang
zu denken habe. Herr von Wessenig zuckte vielsagend die Achseln; er
mochte heftiges Aufbrausen und scharfe Zurechtweisung erwartet haben,
und weil dies nicht eintraf, legte er sein verhalten-feindseliges Wesen
ab, war jedoch vorsichtig genug, sich nur in allgemeinen Vermutungen zu
uern. Vielleicht ist der gute Hauser betrunken gewesen und auf der
Treppe gefallen und hat dann die Mordsgeschichte ausgeheckt, um sich
interessant zu machen. Das wre ja noch harmlos. Andre sehen bei weitem
schwrzer; man traut dem Halunken schon zu, da er seine Wohltter durch
einen feingefdelten Streich hinters Licht gefhrt hat.

Jetzt vermochte Daumer nicht mehr an sich zu halten. Er blieb stehen,
wehrte mit beiden Hnden ab, als drngen die Reden seines Begleiters wie
giftige Fliegen auf ihn ein, und strzte ohne Wort noch Gru davon.

Das ist also die Welt, das sind ihre Stimmen, dachte er bestrzt; das
zu denken, ist mglich, es auszusprechen, steht jedem Mund frei! Und
dieser Abgrund von Unsinn und Bosheit soll dich verschlingen, armer
Caspar! Wenn du auch nicht der Himmelszeuge bist, den ich whnte, ber
ihnen schwebst du doch wie der Adler ber Koboldsgezcht. Freilich, sie
werden dir die Flgel brechen; vergebens wird die Schuldlosigkeit aus
deinem Innern strahlen, sie werden es nicht sehen; vergebens wirst du
vor ihnen weinen und vergebens lcheln, du wirst ihre Hand fassen und
vor Klte schaudern, du wirst sie anblicken, und sie werden stumm sein,
angstvoll sucht dein Geist die Wege zu ihnen und Verrat fhrt dich auf
den verderblichsten von allen...

Man ist Prophet und hat ein mitleidiges Gemt; man kennt die Menschen,
man wei, da das Feuer brennt, da die Nadel sticht, und da der Hase,
wenn er angeschossen wird, ins Gras fllt und stirbt; man kennt die
Folgen dessen, was man tut, nicht wahr, Herr Daumer? Aber ist dies etwa
ein Grund, den Geschehnissen, wie einem Feind, der das Schwert erhoben
hat, in die Arme zu fallen und den Schlag abzuwenden? Nein, es ist kein
Grund. Oder ist es nur Grund, ein kleines Entschlchen rckgngig zu
machen? Nein, es ist kein Grund. Darin haben die Idealisten und
Seelenforscher nichts voraus vor Dieben und Wucherern.

Man geht nach Hause, philosophierend geht man nach Hause, legt sich
schlafen, und am nchsten Morgen sieht die Welt weit annehmbarer aus als
am gestrigen, reichlich verstimmten Abend.




Das Amselherz


Vierundzwanzig Stunden spter hlt eine Kutsche vor dem Daumerschen
Haus, und Frau Behold selber kommt, um Caspar zu holen. Wirklich, Frau
Behold hat sich's etwas kosten lassen, eine schwarzlackierte Kutsche mit
zwei Pferden und einen Mann mit goldenen Knpfen auf dem Bock.

Caspar wird von Daumer und den beiden Frauen zum Tor geleitet, auch der
Kandidat Regulein verlt seine Junggesellenklause. Anna kann sich der
Trnen nicht erwehren, Daumer blickt finster vor sich hin, Frau Behold
gibt dem Kutscher ein Zeichen, die Rosse schnauben, die Rder rollen und
die Zurckbleibenden schauen stumm in die Dunkelheit, die das Gefhrt
verschlingt.

Das war der Abschied, und Caspar war's, als gehe es weit fort. Aber es
ging nur von einem Haus auf der Schtt zu einem Haus am Markt. Es war
dies ein schmales, hohes Haus, welches so eingepret stand zwischen zwei
andern, da es aussah, als fehle ihm die Luft zum Atmen. Es hatte einen
gezinnten Giebel, steilabhngend wie die Schultern eines verhungerten
Kanzlisten, die Fenster hatten nichts Freischauendes, sondern etwas
Blinzelndes, das Tor war seltsam versteckt und innen wand sich eine
dunkle Treppe in vielen Biegungen, gleichsam in vielen Ausreden durch
die Stockwerke; die alten Treppen knarrten und sthnten bei jedem
Schritt, und wenn die Tren geffnet wurden, flo nur ein dmmeriges
Licht aus den Stuben.

Caspar wohnte in einem Gemach gegen den viereckigen Hof; vor den
Fenstern lief eine Holzgalerie mit verschnrkeltem Gelnder, auf jeder
Seite waren grnverhangene Glastren, und unten stand ein eiserner
Brunnen, aus dem kein Wasser flo.

Das Wunderliche lag darin, da drauen der Markt war, wo viele Menschen
laut redeten, wo die Hndler ihre kleinen Lden und Verkaufszelte
hatten, wo von morgens bis abends Frauen feilschten, Kinder kreischten,
Rosse wieherten, das Geflgel gackerte, und da man blo das Tor hinter
sich zu schlieen brauchte und es wurde so still, als ob man in die Erde
hineingestiegen sei.

Dies machte Caspar im Anfang Spa. Es glich einem Versteckenspiel, er
fand es lustig, sich zu verstecken, und gelegentlich sah er es darauf
ab, ein andres Gesicht zu zeigen, als ihm zu Sinn war, oder andre Dinge
zu sagen, als man von ihm erwartete. An einem der ersten Tage verlor
Frau Behold ein silbernes Kettchen; Caspar behauptete, es im Vorplatz
gesehen zu haben, obwohl er es keineswegs gesehen hatte.

Es wurde ihm verboten, ohne Erlaubnis das Haus zu verlassen. Er fragte,
wer es verboten habe, da wurde ihm geantwortet, Frau Behold habe es
verboten, und als er sich an Frau Behold wandte, sagte sie, der
Magistratsrat habe es verboten, und als er sich an den Magistratsrat
wandte, sagte der, der Prsident habe es verboten. Dermaen war alles
verzwickt und versteckt in diesem Haus.

Einmal wollte Frau Behold in sein Zimmer gehen; sie fand es versperrt,
er hatte von innen zugeriegelt. Was sperrst du dich denn ein am
hellichten Tag? fragte sie und schnffelte auf dem Tisch herum, wo
seine Bcher und Schularbeiten lagen. Frchtest du dich vielleicht?
fuhr sie zungengelufig fort. Bei mir brauchst du dich nicht zu
frchten, bei mir gibt es keine vermummten Spitzbuben. Er gab zu, da
er sich frchte, und das schmeichelte Frau Behold, sie nahm eine
grimmige Beschtzermiene an und lchelte herausfordernd.

Jeden Vormittag, wenn er von der Schule kam -- er besuchte jetzt zwei
Stunden tglich die dritte Klasse des Gymnasiums--, erkundigte sich Frau
Behold, wie es ihm gegangen sei. Schlecht ist's gegangen, entgegnete
er dann trbselig, und in der Tat, er hatte wenig Freude davon. Die
Lehrer klagten, da seine Gegenwart die andern Schler der
Aufmerksamkeit beraube; der Umstand, da auf der Gasse stets ein
Polizeidiener hinter ihm herging und da die Polizei Tag und Nacht das
Haus bewachte, in dem er wohnte, dnkte die Knaben aufregend sonderbar,
und sie belstigten ihn mit den albernsten Fragen. Seine Schweigsamkeit
wurde natrlich ganz falsch gedeutet, und wenn er von selbst unbefangen
das Wort an sie richtete, wichen sie entweder scheu zurck oder hhnten
ihn, denn er war in ihren Augen nichts weiter als ein groer dummer
Teufel, der, fast doppelt so alt als sie, noch in den Anfangsgrnden der
Wissenschaft steckte. Es kam hufig vor, da er whrend des Unterrichts
aufstand und eine seiner kindischen Fragen stellte; da brach dann die
ganze Klasse in Gelchter aus, und der Lehrer lachte mit. Einmal,
whrend eines gewaltigen Sturmwinds, der drauen heulte, verlie er
seinen Platz und flchtete in die Ofenecke; da kannte das Vergngen der
andern keine Grenze, und als ihn der dicke Lehrer hervorzog und zu den
Bnken schob, begleiteten sie den Vorgang mit einer wahren Katzenmusik.

Am eigentmlichsten war es aber anzusehen, wenn er auf dem Nachhauseweg
mitten unter der Knabenschar ging, still, verschlossen und sorgenvoll
unter den Lrmenden und Unbekmmerten, mnnlich unter den
Halbwchslingen -- und ihm zur Seite bestndig der Wchter des Gesetzes.

Sehr hufig sprach Daumer vor, um bei den Kollegen Auskunft ber Caspar
einzuholen. Ach, hie es da, er hat freilich den besten Willen, aber
leider nur einen mittelmigen Kopf. Er erweist sich anstellig, aber es
bleibt nicht viel haften. Wir knnen ihn nicht tadeln, aber zu loben ist
auch nichts.

Daumer war gekrnkt. Ihr knnt nicht tadeln, ihr Herren, ei, und tadelt
doch, dachte er; Tadel ist leicht, besonders wenn er den Tadler lobt,
wie es sein Merkmal ist. Er wandte sich an den Magistratsrat und suchte
ihm eine Lobpreisung auf Caspar frmlich abzulisten, aber Herr Behold
war kein Freund von offenen Meinungen. Er war ein einschichtig lebender
Mensch, der seine Tage in einem dstern Kontor am Zwinger verbrachte,
und wer von ihm etwas haben wollte, erhielt gewhnlich die Antwort: Da
mssen Sie sich an meine Frau wenden.

Daumer glich fast einem unglcklichen Liebhaber darin, wie er jetzt
achtsam und bekmmert den Wegen seines frheren Pfleglings folgte, wobei
er aber gern vermied, Caspar zu sehen und zu sprechen. Mit groem
Mitrauen verfolgte er insgeheim das Tun und Treiben der Frau Behold,
und er zerbrach sich den Kopf darber, weshalb diese so gierig
getrachtet hatte, den Jngling in ihre Nhe zu bekommen. Was willst
du, meinte Anna, die ebensoviel gesunden Menschenverstand besa wie ihr
Bruder phantastischen Pessimismus, es ist ja ganz klar, sie braucht
eine Spielpuppe, eine Unterhaltung fr ihren Salon.

Eine Spielpuppe? Sie hat doch ein Kind, und sie vernachlssigt sogar
dieses Kind, wie man hrt.

Freilich; aber daran ist nichts Merkwrdiges, ein Kind zu haben wie
alle andern Leute; es mu etwas sein, wovon man redet, was Interessantes
mu es sein; man kann dabei die groe Dame spielen und liest hie und da
den eignen Namen in der Zeitung. Auch gilt man nebenher fr eine
Wohltterin, der Herr Gemahl kann einen hohen Orden bekommen, und was
die Hauptsache ist, man vertreibt sich die Langeweile. Die Person kenn'
ich, als ob ich's selber wre. Der Caspar tut mir leid.

Frau Behold war immer unterwegs und eigentlich nur zu Hause, wenn sie
Gste hatte. Sie mute immer Menschen sehen, sie liebte wohlgekleidete,
gutgelaunte Menschen, Mnner mit Titeln und Frauen von Rang, liebte
Feste, Schmuck und prchtige Gewnder. Man htte sie eine joviale Natur
nennen drfen, wenn der Ehrgeiz sie nicht so unruhig gemacht htte; sie
wre bisweilen behbig, ja gemtlich erschienen ohne eine gewisse
ziellose Neugierde, von der sie bis ins Innerste, bis in den Schlaf der
Nchte behaftet war. Sie hatte eine Unmasse franzsischer Romane
verschlungen und war dadurch empfindsam und abenteuerlustig geworden,
und das gute Teil Phlegma, das ihrem Temperament beigemischt war,
machte diese Eigenschaften nur um so hintergrndiger. Wer sie so nahm,
wie sie sich gab, war im voraus betrogen.

Was Caspar betrifft, so sah sie ihn zunchst blo humoristisch und am
meisten dann, wenn er ernst und nachdenklich war. Nein, was er heute
wieder Komisches gesagt hat, war ihre bestndige Phrase. Es hatte oft
den Anschein, als habe sie einen kleinen Hofnarren in Dienst genommen.
Also, mein liebes Mondklbchen, sprich, forderte sie ihn vor den
Gsten auf. Wenn sie ihn gar eifrig beflissen sah, lateinische Vokabeln
auswendig zu lernen, lachte sie aus vollem Hals. Wie gelehrt, wie
gelehrt! rief sie und fuhr ihm mit der Hand wst durch das Lockenhaar.
La es sein, la es sein, trstete sie ihn, wenn er ber die
Schwierigkeit einer Rechnung klagte, bringst's ja doch zu nichts, ist
genau so, wie wenn ich seiltanzen wollte.

Indes erregte er auf andre Weise bald eine wunderliche Neugierde in ihr.
Eines Morgens kam sie dazu, als er in der Kche stand und Zeuge war, wie
der Metzgerbursche das rohe und noch blutige Fleisch aus dem Korb nahm
und auf die Anrichte legte. Eine unendliche Wehmut malte sich in Caspars
Zgen, er wich zurck, zitterte und war keines Lautes fhig, dann floh
er mit bedrngten Schritten. Frau Behold war betroffen und wollte ihrer
Rhrung nicht nachgeben. Was ist das? dachte sie; er verstellt sich
wohl; was ist ihm das Blut der Tiere?

Um ihm gefllig zu sein, tat sie mehr, als ihre Bequemlichkeit ihr sonst
verstattet htte. Trotzdem schien er sich nicht wohl im Haus zu fhlen.
Sapperment, was ist dir bers Leberlein gekrochen? fuhr sie ihn an,
wenn sie ein trauriges Gesicht an ihm bemerkte. Wenn du nicht lustig
bist, fhr' ich dich in die Schlachtbank und du mut zuschauen, wie man
den Klbern den Hals abschneidet, drohte sie ihm einmal und wollte sich
ausschtten vor Lachen ber die Miene des Entsetzens, die er darber
zeigte.

Nein, Caspar fhlte sich keineswegs wohl. Frau Behold war ihm ganz und
gar unverstndlich, ihr Blick, ihre Rede, ihr Gehaben, alles das stie
ihn aufs uerste ab. Es kostete ihn nicht wenig Kunst und Nachdenken,
um seinen Widerwillen nicht merken zu lassen, gleichwohl war er krank
und elend, wenn er nur eine Stunde mit Frau Behold verbracht hatte. Es
fehlte ihm dann jegliche Arbeitslust, und die Schule zu besuchen, die
ihm ohnehin verhat war, unterlie er ganz. Die Lehrer beschwerten sich
beim Magistrat; Herr von Tucher, der jetzt wieder in der Stadt weilte
und der vom Gericht zu Caspars Vormund ernannt worden war, stellte ihn
zur Rede. Caspar wollte nicht mit der Sprache heraus, ein Betragen, das
Herr von Tucher als Verstocktheit auffate und das ihm zu schlimmen
Befrchtungen Anla bot.

Und da war noch eines, was Caspar zu denken gab. Manchmal begegnete ihm
auf der Stiege oder im Flur oder in einem entlegenen Zimmer Frau Beholds
Tochter, ein Mdchen, halb erwachsen und bleich von Gesicht. Ihre Augen
waren feindselig auf ihn gerichtet. Wenn er sie anreden wollte, lief sie
davon. Einmal schaute er von der Galerie in den Hof und sah sie am
Brunnen stehen, hinter dessen eisernem Rohr ein Brett weggeschoben war,
so da der Blick in die Tiefe offen lag. Das Mdchen stand unbeweglich
und starrte mindestens eine Viertelstunde lang in das schwarze Loch.
Caspar verlie leise die Galerie und schlich hinunter; er betrat jedoch
kaum den Hof, so flchtete das Mdchen mit bsem Gesicht an ihm vorber.
Als Caspar ihr zaudernd folgte, begegnete ihm der Herr Rat, und Caspar
erzhlte voll Eifer, was er mitangeschaut. Herr Behold zog die Stirn
kraus und sagte beschwichtigend: Ja, ja, gewi; das Kind ist nicht
gesund. Kmmer' Er sich nicht darum, Caspar, kmmer' Er sich nicht
darum.

Caspar kmmerte sich aber doch darum. Er fragte die Mgde, was mit dem
Kind sei, und eine von ihnen erwiderte bissig: Sie kriegt nichts zu
essen, der Findling frit ihr alles weg! Darauf eilte er spornstreichs
zu Frau Behold, wiederholte ihr die Worte der Magd und fragte, ob das
wahr sei. Frau Behold bekam einen Wutanfall und jagte die Magd auf der
Stelle davon. Als jedoch Caspar sie auch dann noch in seiner
ungeschickten und altklugen Weise ermahnte, da sie mehr auf ihre
Tochter achten mge als auf ihn und da er sonst fortgehen werde,
schnitt sie ihm das Wort ab und verwies ihm den Vorwitz. Wie willst du
denn fortgehen? fuhr sie auf. Wohin denn? Wo bist du denn daheim, wenn
man fragen darf?

Es entstand jetzt in Frau Behold die Meinung, da Caspar in ihre Tochter
verliebt sei. Sie legte es darauf an, ihn ber den Punkt auszuholen. Auf
ihre Fragen antwortete er jedoch so blde, da sie sich beinahe ihres
Verdachts geschmt htte. #Grand Dieu#, sagte sie laut vor sich hin,
mir scheint, der Einfaltspinsel wei nicht einmal, was Liebe ist! Ja,
noch mehr, sie sprte, da er sich nicht einmal im entferntesten einen
Gedanken darber machte. Das war der guten Dame doch beraus seltsam,
ihr, deren Begierden und Gelste immer im trben Gewsser halb
romanhafter, halb schlpfriger Leidenschaften pltscherten, so
tugendhaft sie auch vor ihren Mitbrgern sich halten mute.

Er ist doch aus Fleisch und Blut, kalkulierte sie, und wenn schon der
nrrische Daumer in allen Tnen von seiner Engelsunschuld schwrmt, als
erwachsener Mensch wei man, was der Hahn mit den Hhnern treibt. Er
heuchelt, er hlt mich zum besten; warte, Kerl, ich will dir den Gaumen
trocken machen.

Auf dem Markt, zur Rechten vor dem Beholdschen Haus, stand der
sogenannte schne Brunnen, ein Meisterwerk mittelalterlich-nrnberger
Kunst. Seit grauen Zeiten erzhlte man den Kindern, da der Storch die
Neugeborenen aus der Tiefe des Brunnens hole. Frau Behold fragte Caspar,
ob er davon vernommen habe, und als er verneinte, sah sie ihn mit
schlauem Augenzwinkern an und wollte wissen, ob er daran glaube. Ich
seh' nur nicht, wo der Storch da hinunterfliegen kann, antwortete er
harmlos, es ist ja alles mit Gittern vermacht.

Frau Behold staunte. Ei du Tropf! rief sie aus, schau mich einmal
aufrichtig an!

Er schaute sie an. Da mute sie die Augen senken. Und pltzlich erhob
sie sich, eilte zur Kredenz, ri eine Lade auf, schenkte sich ein Glas
Wein voll und trank es auf einen Zug leer. Sodann ging sie ans Fenster,
faltete die Hnde und murmelte mit einem Ausdruck von Stumpfsinn:
Jesus Christus, bewahre mich vor Snde und fhre mich nicht in
Versuchung.

Es bedarf kaum der Erwhnung, da sie sonst eine hchst aufgeklrte Dame
war, die sich das ganze Jahr nicht in der Kirche sehen lie.

Es war schon Mitte August und groe Hitze herrschte. An einem Sonntag
veranstaltete der Brgermeister ein Waldfest im Schmausenbuk; Caspar war
am Morgen mit dem Stallmeister Rumpler und einigen jungen Leuten bis
Buch geritten und war so mde, da er nach Tisch in seinem Zimmer
einschlief. Frau Behold weckte ihn selbst und hie ihn sich ankleiden,
da der Wagen warte, der sie zum Festplatz bringen sollte. Auf Caspars
Frage, ob noch wer mitgehe, erwiderte sie, zwei Knaben fhren mit
hinaus, die Shne des Generals Hartung. Da sagte Caspar enttuscht, er
wnschte, da Frau Behold ihre Tochter mitgehen lasse, denn die werde
sich grmen, wenn sie zu Hause bleiben msse. Frau Behold stutzte und
wollte zornig werden, nahm sich aber zusammen. Sie beugte sich vor,
ergriff mit der Hand einen Bndel Locken auf Caspars Kopf und sagte
boshaft: Ich schneide dir die Haare ab, wenn du wieder davon anfngst.

Caspar entwand sich ihr. Nicht so nahe, flehte er mit aufgerissenen
Augen, und nicht schneiden, bitte!

Hab' ich dich! drohte Frau Behold, gezwungen scherzend. Hab' ich
dich, furchtsames Menschlein? Noch ein Widerpart, und ich komme mit der
Schere!

Whrend der Fahrt blieb Caspar schweigsam. Die beiden Knaben, die
vierzehn und fnfzehn Jahre alt waren, neckten ihn und suchten etwas
aus ihm herauszulocken, da sie stets wie ber eine Art Wundertier ber
ihn sprechen gehrt hatten. Nach Schuljungengewohnheit fingen sie an,
prahlerische Reden zu fhren, als ob es keine gelehrteren und
scharfsinnigeren Menschen gbe. Weit auf der Landstrae drauen rief der
eine, er hre schon die Musik aus dem Wald, da entgegnete Caspar,
rgerlich ber das Wesen, das die beiden von sich machten, das wundre
ihn, er hre nichts, dagegen sehe er auf einer hohen Stange fern ber
den Bumen eine kleine Fahne. O die Fahne, meinten jene
geringschtzig, die sehen wir schon lang! Auch hierber wunderte sich
Caspar, denn er hatte sie erst im Augenblick wahrgenommen, ein schmales
Streifchen, das nur im Wehen des Windes sichtbar war.

Gut, sagte er, wenn sie wieder weht, will ich euch fragen, ob ihr es
bemerkt. Er wartete eine Weile und stellte dann, whrend die Fahne
ruhig war, die irrefhrende Frage: Also, weht sie jetzt oder nicht?

Sie weht! antworteten die Knaben wie aus einem Mund, doch Caspar
versetzte ruhig: Ich sehe daraus, da ihr nichts seht.

Oho! riefen jene, dann lgst du!

So sagt mir doch, fuhr Caspar unbekmmert fort, was fr eine Farbe
sie hat.

Die Knaben schwiegen und guckten, dann riet der eine ziemlich kleinlaut:
rot, der andre, etwas khner: blau. Caspar schttelte den Kopf und
wiederholte: Ich sehe, da ihr nichts seht; wei und grn ist sie.

Daran war schwer zu mkeln, eine Viertelstunde spter konnten sich alle
von der Wahrheit berzeugen. Aber die Knaben blickten Caspar voll Ha
ins Gesicht; sie htten gern vor Frau Behold geglnzt, die die ganze
Unterhaltung wortlos mitangehrt hatte.

Caspars Gegenwart beim Fest zog, wie immer, eine Anzahl Gaffer herbei,
darunter waren einige Bekannte, junge Leute, die sich seiner annehmen zu
sollen glaubten und ihn Frau Behold unerachtet ihres Widerspruchs
entrissen. Es war anfangs nur eine kleine Gesellschaft, die sich aber
allgemach vergrerte und, indem einer den andern anfeuerte, lauter
Tollheiten beging. Sie warfen Tische und Bnke um, schreckten die
Mdchen, kauften die Krmerbuden leer, verbten ein wstes Geschrei und
stellten sich dabei an, als ob Caspar ihr Gebieter sei und sie
kommandiere. Das Treiben wurde immer ausgelassener; als es Abend
geworden war, rissen sie die Lampions von den Bumen und zwangen ein
paar Musikanten, ihnen vorauszuziehen, um den Tumult mit ihren Trompeten
zu begleiten. Zwei junge Kaufleute hoben Caspar auf ihre Schultern, und
er, dem schon Hren und Sehen verging, wnschte sich weit weg und
kauerte mit dem unglcklichsten Gesicht von der Welt auf seinem
lebendigen Sitz.

Unter Gesang und Gelchter kam die entfesselte Schar vor die Estrade, wo
der Tanz begonnen hatte; hier konnte sie nicht weiter, die angesammelte
Menge versperrte den Weg nach rckwrts und seitwrts. Pltzlich sah
Caspar ganz nahe die beiden Knaben, die in Frau Beholds Kutsche
mitgefahren waren; sie standen auf der Treppe zum Tanzpodium und trugen
einen langen Baumzweig mit einem weien Pappendeckel an der Spitze,
worauf in groen Lettern die Worte gemalt waren: Hier ist zu sehen
Seine Majestt Casperle, Knig von Schwindelheim. Sie hielten die Tafel
so, da die Aufschrift Caspar zugekehrt war, auch alle Umstehenden
gewahrten sie alsbald, und es erhob sich ein schallendes Gelchter. Die
Trompeter gaben einen Tusch, und der Zug setzte sich wieder, am
Wirtshaus vorbei, gegen den illuminierten Wald in Bewegung.

Caspar rief, man solle ihn herunterlassen, aber niemand achtete darauf.
Nun zog er mit der einen Hand am Ohr des einen, mit der andern an den
Haaren des zweiten seiner Trger. Au, was zwickst du mich! schrie
dieser und der andre: Au, mich zebelt er! Wtend traten sie beiseite,
wodurch Caspar herunterglitt. Die beiden Schildtrger standen vor ihm
und grinsten hhnisch. Wir haben auch ein Fhnlein fr dich, sagte der
ltere, sieh mal zu, ob es weht. Im selben Augenblick schraken sie
zusammen, denn eine gebieterische Stimme schrie drhnend ihren Namen. Es
war der Vater der beiden, der General, der mit einigen andern Herren und
mit Frau Behold in geringer Entfernung an einem abseits stehenden Tisch
sa. Diese alle erhoben sich, denn am Himmel waren schwere Wolken
aufgezogen, und man hrte schon den Donner grollen.

Frau Behold empfing Caspar mit den Worten: Du machst ja schne
Streiche, schmst dich nicht? Allons! Wir fahren heim. Mit berlautem
Wesen verabschiedete sie sich von den Herren und eilte zum Ausgang des
Festplatzes, wo sie mit kreischender Stimme ihren Kutscher rief. Setz
dich! herrschte sie Caspar an, als sie den Wagen erreicht hatten. Sie
selbst stieg zum Kutscher auf den Bock, ergriff die Zgel, und nun
begann ein tolles Fahren, erst durch den Wald, dann die staubschumende
Chaussee entlang. Sie trieb die Tiere an, da sie nur so hpften und von
jedem Kieselstein, den ihr Huf traf, Funken spritzten. Kein Stern war zu
sehen, die Landschaft breitete sich dster hin, hufig zuckten Blitze
auf und der Donner rollte nher.

In wenig mehr denn einer halben Stunde waren sie in der Stadt, und als
die Pferde am Marktplatz hielten, dampfte der Schwei von ihren Flanken.
Frau Behold sperrte das Haustor auf und lie Caspar vorangehen. Er
tastete sich in der Dunkelheit bis zu seiner Zimmertr, doch die Frau
ergriff ihn am Arm, zog ihn weiter und trat mit ihm in den sogenannten
grnen Salon, einen groen Raum, wo die Fenster geschlossen waren und
eine muffige Luft herrschte. Frau Behold zndete eine Kerze an, warf Hut
und Mantille auf das Sofa und setzte sich in einen Ledersessel. Sie
summte leise vor sich hin, pltzlich unterbrach sie sich und sagte in
derselben singenden Weise: Komm einmal her zu mir, du unschuldiger
Snder.

Caspar gehorchte.

Knie nieder! gebot die Frau.

Zgernd kniete er auf den Boden und sah Frau Behold ngstlich an.

Wie am Nachmittag nherte sie wieder ihr Gesicht dem seinen. Ihr
schmales, langes Kinn zitterte ein wenig, und ihre Augen lachten
sonderbar. Was strubst du dich denn so? gurrte sie, da er den Kopf
zurckbumte. #Ma foi#, er strubt sich, der Jngling! Hast wohl noch
kein lebendiges Fleisch gerochen? He, du Strick, wer's glaubt! Was
Teufel, frchtest dich am Ende? Hab' ich dir nicht die besten Bissen
auftragen lassen? Hab' ich dir nicht gestern erst eine schne Amsel
geschenkt? Ich hab' ein gutes Herz, Caspar, da horch, wie's schlgt,
wie's tickt...

Mit groer Kraft zog sie seinen Kopf gegen ihre Brust. Er dachte, sie
wolle ihm ein Leids tun, und schrie, da drckte sie die Lippen auf
seinen Mund. Ihm wurde eiskalt vor Grauen, sein Krper sank zusammen,
wie wenn die Knochen aus den Gelenken gelst wren, und als Frau Behold
dieser jhen Erschlaffung inne ward, erschrak sie und sprang auf. Ihr
Haar hatte sich gelockert, und ein dicker Zopf lag wie eine Schlange auf
der Schulter. Caspar hockte auf dem Boden, krampfhaft umklammerte seine
Linke die Rcklehne. Frau Behold beugte sich noch einmal zu ihm und
schnupperte seltsam, denn sie liebte den Geruch seines Leibes, der sie
an Honig erinnerte. Aber kaum sprte Caspar ihre abermalige Nhe, als er
emportaumelte und ans andre Ende des Zimmers floh. Die Seite gegen die
Tr geschmiegt, den Kopf vorgeduckt, die Arme halb ausgestreckt, so
blieb er stehen.

Die ferne Ahnung von etwas Ungeheuerm dmmerte in ihm auf. Kein jemals
gehrtes Wort gab einen Hinweis, doch er ahnte es, wie man auf eine
Feuersbrunst, die hinter den Bergen wtet, aus der Rte des Himmels
schliet. Schndlich war ihm zumut, insgeheim fhlte er sich an, ob er
denn auch seine Kleider am Krper trge, und dann schaute er auf seine
Hnde nieder, ob sie nicht voll Schmutz seien. Er schmte sich, er
schmte sich, vor den Wnden, vor dem Sessel, vor der brennenden Kerze
schmte er sich; er wnschte, die Tr mchte von selber sich ffnen,
damit er unhrbar verschwinden knne.

Es war wie das entsetzliche Aufleuchten von Augen, als ein rosiger
Blitzstrahl ins Zimmer fuhr; der Donner folgte wie ein enormer Schrei.
Caspar drckte die Schultern zusammen und fing an zu zittern.

Mittlerweile ging Frau Behold mit wahren Mannesschritten auf und ab,
lachte ein paarmal kurz vor sich hin, pltzlich ergriff sie die Kerze
und trat auf Caspar zu. Du Aas, du verdorbenes, was hast du denn
geglaubt, sagte sie erbittert, glaubst du vielleicht, mir liegt etwas
an dir? Ja, einen alten Stiefel! Mach, da du weiterkommst, und
untersteh dich nicht, darber zu sprechen, sonst massakrier' ich dich!

Sie lachte dabei, als solle es im Grunde doch nur Scherz sein, aber
Caspar erschien sie bergro, ihr schwarzer Schatten erfllte den ganzen
Raum, auer sich vor Furcht, rannte er hinaus, die Frau hinter ihm her,
er, die Treppe hinab zum Tor, rttelte an der Klinke; es war zugesperrt.
Er hrte drauen den Regen aufs Pflaster prasseln, zugleich vernahm er
hastig trippelnde Schritte, ein Schlssel drehte sich im Schlo und der
Magistratsrat erschien auf der Schwelle. Die unaufhrlichen Blitze
beleuchteten Caspars schlotternde Gestalt und das Donnergeschmetter
verschlang die Fragen des bestrzten Mannes.

Oben an der Stiege stand Frau Behold, der nahe Kerzenschein durchfurchte
ihr Gesicht mit verwildernden Lichtern, und ihre Stimme bertnte den
Donner, als sie ihrem Manne zuschrie: Er hat sich betrunken, der Kerl!
Auf dem Schmausenbuk haben sie ihn betrunken gemacht! La Er sich heute
nur nicht mehr blicken! Marsch, ins Bett mit ihm!

Der Magistratsrat schlo das Tor und klappte den triefenden Parapluie
zu. Nun, nun... aber, aber, machte er, so schlimm wird's doch nicht
gleich sein.

Frau Behold antwortete nicht. Sie schlug eine Tr zu, dann war es still
und finster.

Komm Er nur mit, Caspar, sagte der Rat, wir wollen mal Licht anznden
und nachsehen, was es denn da gibt. Reich Er mir den Arm, so. Er
geleitete Caspar in dessen Zimmer, machte Licht und murmelte fortwhrend
kleine, beschwichtigende Stzchen vor sich hin. Dann beroch er Caspars
Atem, um zu sehen, ob er wirklich getrunken habe, schttelte den Kopf
und meinte verwundert: Nichts dergleichen. Die Rtin ist da sicherlich
im Irrtum. Aber mach Er sich nichts draus, Caspar, empfehl Er Seine
Sache dem Herrn, und es wird wohl enden. Gute Nacht!

Als Caspar allein war, irrte sein scheues Auge von Blitz zu Blitz. Bei
jedem Aufflammen hatte er unter den Lidern Schmerzen wie von
Nadelstichen, bei jedem Donnerschlag war ihm, als ob alles in seinem
Leibe locker sei. Hnde und Fe waren ihm eiskalt. Er wagte sich nicht
ins Bett zu begeben, sondern blieb wie angewurzelt stehen, wo er stand.
Er erinnerte sich mit Grauen des ersten Gewitters, das er im Turm auf
der Burg erlebt hatte. Er war in einen Mauerwinkel gekrochen, und die
Frau des Wrters war gekommen, ihn zu trsten. Sie sagte: Man darf
nicht hinausgehen, es ist ein groer Mann drauen, der zankt. Immer
wenn es donnerte, bckte er sich ganz zur Erde, und die Frau sagte:
Hab keine Angst, Caspar, ich bleib' bei dir.

Auch jetzt war es ihm, als sei ein groer Mann drauen, der zankte. Aber
es war niemand da, um ihn zu trsten. Die Amsel, die in einem Kfig beim
Fenster geduckt auf dem Holzstbchen hockte, lie bisweilen piepsende
kleine Laute hren. Er htte sie schon lngst freigelassen, weil ihn das
Tier erbarmte, doch frchtete er Frau Beholds Zorn.

Als das Gewitter im Wegziehen war, entledigte er sich schnell der
Kleider, kroch ins Bett und deckte sich bis zur Stirn hinauf zu, um das
Blitzen nicht sehen zu mssen. In der Eile verga er sogar, die Tre
abzuriegeln, und dieser Umstand hatte ein gar sonderbares Geschehnis zur
Folge.

Am Morgen beim Aufwachen sprte er einen durchdringenden Geruch. Ja, es
roch nach Blut im Zimmer. Schaudernd blickte er sich um, und das erste,
was er sah, war, da der Vogelbauer am Fenster leer war. Caspar suchte
nach dem Tierchen und gewahrte, da die Amsel auf dem Tisch lag, tot,
mit ausgebreiteten Flgeln, in einem Blutgerinnsel. Und daneben, auf
einem weien Teller, lag das blutige kleine Herz.

Was mochte dies bedeuten? Caspar verzog das Gesicht, und sein Mund
zuckte wie bei einem Kind, bevor es weint. Er kleidete sich an, um in
die Kche zu gehen und die Leute zu fragen, doch als er das Zimmer
verlie, erschrak er, denn Frau Behold stand im Flur neben der Tr. Sie
hatte einen Kehrbesen in der Hand und sah unordentlich aus. Caspar
schaute in ihr fahles Gesicht, er sah sie lange an, fast so matt und
bewegt, wie er den toten Vogel angesehen.




Botschaft aus der Ferne


Es war aber von da an nicht mehr auszuhalten mit Frau Behold.
Wahrscheinlich bereitete sich in dieser Zeit schon der furchtbare
Gemtszustand vor, der spterhin ihr Schicksal verhngnisvoll beschlo.
Jedermann scheute sich, mit ihr zu tun zu haben. Kaum hatte sie sich
irgendwo hingesetzt, so sprang sie auch schon wieder auf, um fnf Uhr
frh war sie schon munter, lrmte in den Zimmern und auf den Stiegen und
klopfte Caspar aus dem Schlaf, wobei sie ein solches Gepolter an seiner
Tr machte, da er mit wehem Kopfe erwachte und den ganzen Tag zu keiner
Arbeit fhig war. Bei Tisch sollte er nicht reden, und wenn er einmal
Widerspruch hielt, drohte sie, ihn beim Gesinde in der Kche essen zu
lassen. Kam ein Fremder und Caspar wurde gerufen, so erging sie sich in
bissigen Wendungen. Ich bin neugierig, ob Sie aus dem Stockfisch etwas
herausbringen, sagte sie etwa; man hat Ihnen sicherlich weisgemacht,
da Sie ein Unikum von Klugheit an ihm finden werden. berzeugen Sie
sich doch; sehen Sie zu, ob die arme Seele ein vernnftiges Wort
hergibt. Solches machte den Gast, wer er auch war, verlegen, und Caspar
stand da und wute nicht, wohin er schauen sollte.

Wie frher muten Menschen her, um die Rume des Hauses zu fllen,
Gelchter sollte ber die morschen Stiegen hallen und knisternde
Schleppen den Staub der Jahrzehnte abfegen. Aber die Tage waren von den
Nchten so verschieden wie der Ballsaal, wenn die Lichter brennen und
dann, wenn die Leute gegangen sind, der Pfrtner die Kerzen auslscht
und Muse ber die befleckten Teppiche huschen. In einem solchen Dasein
wchst Schuld wie das Unkraut auf nichtgepflgtem Acker. Groe Schuld
kann reinigen in Bue oder Leiden; die kleinen Versumnisse und
unnennbaren Missetaten, die an vielen Stunden vieler Tage hngen,
zermrben die Seele und fressen das Mark des Lebens auf.

Jedenfalls war Frau Behold eine sehr moralische Natur, weil sie dem
Menschen nicht verzeihen konnte, der ihre Tugend ins Wanken gebracht
hatte, wenngleich nur fr eine schwle Gewitterstunde. Aber lag es blo
daran? War ihr nicht vielmehr die ganze Welt auf den Kopf gestellt durch
das unerwartete Bild der Unschuld, das ihr der Jngling dargeboten
hatte? Eine solche umgedrehte Welt war ihr nicht ertrglich, um darin zu
leben. Es war ein Raub an ihr geschehen und sie verlangte nach Rache.

Den Freunden Caspars blieb der vernderte Zustand im Hause Behold nicht
verborgen. Brgermeister Binder war der erste, der mit Nachdruck
erklrte, Caspar drfe nicht lnger dort verbleiben. Daumer untersttzte
diese Meinung lebhaft, und der Redakteur Pfisterle, hitzig und unbequem
wie immer, beschimpfte in seiner Zeitung den Magistratsrat und uerte
den Verdacht, man wnsche den Findling unschdlich zu machen und die
Stimmen mit Gewalt zum Schweigen zu bringen, welche die Anrechte seiner
geheimnisvollen Geburt durchsetzen wollten. Da lebt er, der rtselhafte
Knabe, dem ein unsichtbares Diadem auf der Stirn glnzt, wie ein
einsames Tier, das sich nur mit ein paar schchternen Sprngen ans Licht
getraut und, whrend es ber den Acker hpft, possierlich mit Schwanz
und Ohren wackelt, um seine Feinde zu ergtzen, dabei aber ngstlich
nach allen Seiten spitzt, um bald wieder ins erste beste Loch zu
kriechen.

So der aufgeregte Schreibersmann. Danach entschlossen sich die
Stadtvter nach mancherlei Beratungen, wie vordem einen Erziehungs- und
Kostbeitrag aus der Gemeindekasse auszusetzen, und weil niemand so wie
Herr von Tucher geeignet schien, dem Elternlosen ein Obdach zu bieten,
legte man ihm die Sache beweglicherweise ans Herz, appellierte an seine
Gromut und an die ausgezeichnete Stellung seiner Familie, deren Name
allein gengen wrde, den Jngling vor gemeinen Verfolgungen zu
schtzen.

Herr von Tucher hatte jedoch Bedenken. Das pltzliche Gezeter gegen die
Beholdschen verdro ihn. Erst seid ihr froh gewesen, fr den jungen
Menschen einen Unterschlupf zu finden, und auf einmal wird hohes
Kammergericht gespielt, sagte er; soll ich annehmen, da es mir besser
ergeht? Ich will nicht Gefahr laufen, da mein Privatleben von oben bis
unten beschnffelt wird, ich will nicht jedem migen Hahn erlauben,
sein Kikeriki in meinen Frieden zu krhen.

Auch die Familie, besonders seine Mutter, erhob Einspruch und warnte
ihn, sich in Abenteuer zu begeben. Es hie sogar, die alte Freifrau habe
dem Sohn einen unangenehmen Auftritt bereitet und ihm gesagt, wenn er
den Hauser zu sich nehmen wolle, mge er nur dessen Unterhalt aus
Gemeindekosten bestreiten, sie gebe keinen Groschen dafr her.

Aber Herr von Tucher war ein Pflichtmensch. Er fand, da es seine
Pflicht sei, Caspar aufzunehmen. Da er in ihm schon einen halb
Verlorenen sah, stellte er sich vor, da er damit einen unglcklich
Irrenden wieder auf die gebahnten Wege des Lebens fhren knne. Der gute
Caspar ermangelt vielleicht nur einer mnnlich-krftigen Hand, sagte er
sich; die Faseleien von bernatur und Ausnahmswesen, das bestndige
Bestarrt- und Bewundertwerden, alles das war ihm verderblich;
Einfachheit, Ordnung, berlegte Strenge, kurz, die Prinzipien einer
gesunden Zucht werden ihm heilsam sein. Probieren wir's!

Herr von Tucher hatte sich also hier eine Aufgabe gestellt, und das war
das wichtigste. Er erklrte: Ich bin bereit, den Findling zu betreuen,
knpfe jedoch die Bedingung daran, da man mich in allen Dingen gewhren
und da niemand, wer es auch sei, sich einfallen lt, mich in meinen
Plnen zu beeintrchtigen oder in irgendwelcher Absicht zwischen mich
und Caspar zu treten.

Natrlich wurde das zugesagt und versprochen.

Kaum hatte Frau Behold gehrt, was sich hinter ihrem Rcken abspielte,
so beschlo sie, den Ereignissen zuvorzukommen. Sie wartete eine
Nachmittagsstunde ab, whrend welcher Caspar nicht zu Hause war, lie
alles, was sein Eigentum war, Kleider, Wsche, Bcher und sonstige
Gegenstnde, in eine Kiste werfen und diese ohne Deckel auf die Strae
stellen. Dann sperrte sie selber das Tor zu und lehnte sich befriedigt
lchelnd zum Erkerfenster des ersten Stockwerks heraus, um auf Caspars
Rckkehr zu harren und die Verblffung des angesammelten Volkes zu
genieen.

Caspar kam bald; er wurde von seinem Leibpolizisten ber das
Vorgefallene belehrt, und indes der Mann von Amts wegen aufs Rathaus
trollte, um Meldung zu erstatten, lehnte sich Caspar gegen seine Kiste
und schaute hin und wieder verwundert zu Frau Behold hinauf. Es dauerte
gute zwei Stunden, bis man sich auf dem Rathaus entschieden hatte, was
zu tun sei, und Herr von Tucher benachrichtigt worden war. Whrenddem
fing es an zu regnen, und htte nicht ein gutmtiges Marktweib einen
Hopfensack herbeigebracht, mit dem sie die Kiste bedeckte, so wre
Caspars ganzes Hab und Gut durchnt worden. Endlich zeigte sich der
Polizist wieder in Begleitung eines Tucherschen Bedienten; sie brachten
ein Handwgelchen mit und schleppten die Kiste hinauf. Nun ging's fort,
und ein einfltig schwatzender Haufen Menschen folgte bis in die
Hirschelgasse ans Tucherhaus.

Es begann nun wieder ein ganz neues Leben fr Caspar. Vor allem hrte
der Besuch der Schule auf und anstatt dessen kam zweimal tglich ein
junger Lehrer ins Haus, ein Studiosus namens Schmidt. Sodann wurde jedem
unberufenen Fremden die Tr verriegelt. Ferner wurde das Reiten nicht
mehr gestattet. Derlei bungen sind fr Aristokraten und reiche Leute,
nicht aber fr einen Menschen, der zu brgerlichem Brotverdienst erzogen
werden mu und sicherlich einst darauf angewiesen sein wird, sich mit
seiner Hnde Arbeit durchzuschlagen, sagte Herr von Tucher.

Daraus war ersichtlich, da er den Redereien von vornehmer Abstammung,
die im Lauf der Zeit keineswegs verstummt waren, nicht die mindeste
Bedeutung zuma. Die gegebenen Verhltnisse sind schwierig genug,
erwiderte Herr von Tucher, wenn man ihn nur auf eine Mglichkeit dieser
Art hinwies; ich bin durchaus nicht gesonnen, einem solchen Phantom,
und mehr ist es nicht, meine Grundstze zu opfern.

Herr von Tucher war ein Mann, der unerschtterlich an seine Grundstze
glaubte. Grundstze zu haben, war fr ihn das erste Element des Lebens,
nach ihnen zu handeln, ein selbstverstndliches Gebot. Es gehrte zu
diesen Grundstzen, da er von Anfang an eine Entfernung zwischen sich
und Caspar schuf, die den Respekt sicherte. Vertrauliche Beziehungen
waren ohnehin seine Sache nicht; Gefhle zu zeigen, war ihm verhat; die
aufrechte Haltung, der gemessene Gang, der khle Blick, die
Tadellosigkeit in Kleidung und Manieren kennzeichneten auch ganz und gar
sein Inneres.

Strenge erschien ihm wichtig; er zeigte Caspar ein strenges Gesicht. Die
oberste Maxime war: sich nicht rhren lassen. Daneben war es billig, fr
erfllte Pflicht Anerkennung zu gewhren. Die Stunden vom Morgen bis zum
Abend waren aufs genaueste eingeteilt. Am Vormittag der Unterricht, dann
ein Spaziergang unter Aufsicht des Dieners oder Polizisten, am
Nachmittag beschftigte sich Caspar allein. Neben seiner Stube war eine
kleine Kammer als Werksttte eingerichtet, und wenn er die Aufgaben
beendigt hatte, verfertigte er allerlei Tischler- und Papparbeiten, wozu
er viel Geschick bewies. Auch an Uhren und deren Zerlegung und
Zusammensetzung fand er Freude. Sein Betragen befriedigte Herrn von
Tucher vollkommen. Er konnte nicht umhin, den eisernen Flei des
Jnglings und seinen hartnckigen Lern- und Bildungseifer zu bewundern.
Es gab nicht Widerspruch noch Auflehnung, niemals tat Caspar weniger,
als von ihm gefordert wurde. Ganz klar, man hat mich falsch berichtet,
dachte Herr von Tucher, die Leute, die bisher um ihn waren, haben ihn
nicht zu behandeln gewut, zum erstenmal erfhrt er den Segen einer
folgerechten Leitung.

Die Grundstze triumphierten.

Das hufige und lange Alleinsein war Caspar zuerst angenehm, aber im
Verlauf der Zeit wurde ihm doch fhlbar, da dem ein Zwang obwaltete,
und er hrte auf, die Gelegenheiten zu fliehen, die ihm Zerstreuung und
Unterhaltung versprachen. Wenn auf der sonst so den Hirschelgasse Lrm
entstand, ri er das Fenster auf und lehnte erwartungsvoll ber den
Sims, bis es wieder stille war. Es brauchten nur zwei alte Weiber
schwatzend stehenzubleiben, gleich war unser Caspar auf dem Posten und
lauschte. Er wute genau, um welche Zeit die Bckerjungen am Morgen vom
Webersplatz herkamen, und ergtzte sich an ihrem Pfeifen. Sobald der
Postillon am Laufertor sein Horn blies, unterbrach er die Arbeit und
seine Augen glnzten. So machte ihn auch jedes Gerusch aus dem Innern
des weitlufigen Hauses stutzig, und nicht selten lief er zur Tr,
ffnete den Spalt und horchte aufgeregt, wenn er eine Stimme vernommen
hatte, die unbekannt klang. Die Dienstleute wurden darauf aufmerksam;
sie sagten, er sei ein Trenhorcher und lege es darauf an, sie dem Baron
zu verklatschen.

Vor dem Hause selber empfand Caspar eine unbestimmte Hochachtung; er
schritt fast auf Zehen ber die Korridore, etwa wie man in der Gegenwart
eines vornehmen Herrn leise spricht. In stolzer Zugeschlossenheit
thronte der Bau abseits vom Getriebe, und wer Einla heischte, mute
sich von einem langbrtigen Pfrtner besichtigen und befragen lassen.
Die Mauern waren so gewaltig in die Erde gebohrt, Fassade, Dach und
Giebel so majesttisch gefgt und verwachsen, als htten altverbriefte
Rechte mehr als die Kunst des Baumeisters ihnen zu solchem Ansehen
verholfen. Der Turm im Hof mit der Wendeltreppe fesselte Caspars Auge
gern am Abend, wenn die feinverschnrkelten Formen, durchglht von
blulichem Dunst, sich ineinanderwirkend zu beleben schienen.

Bisweilen gewahrte er hinter einem versperrten Fenster einen eisgrauen
Scheitel ber einem pergamentenen Gesicht. Es war die alte Freifrau, die
sich sonst ihm niemals zeigte. Man sagte ihm, da sie von schwacher
Gesundheit sei und ngstlich das Zimmer hte. Dies Fremdsein Wand an
Wand erregte sein Nachdenken. Allmhlich wurde es ihm klar, da er unter
lauter fremden Menschen herumging und von der Mitleidsschssel speiste.
Einer nahm ihn und nhrte ihn; da kam ein Wagen, und er wurde geholt.
Ein andres Haus; eines Tages wirft man sein Zeug auf die Gasse: wieder
woandershin.

Wie ging das zu? Andre lebten stndig an ihrer Stelle, kannten ihr Bett
von Kindheit an, keiner durfte sie losreien, sie hatten Rechte. Das war
es, sie hatten angestammte und gewaltige Rechte. Es gab Arme, die um
Geld dienten, die zu den Fen derer lagen, welche man als reich
bezeichnete, selbst die standen irgendwo fest auf der Erde, hielten
irgend etwas fest in den Hnden, sie verrichteten eine Arbeit, man
bezahlte sie fr die Arbeit und sie konnten hingehen und sich ihr Brot
kaufen. Der eine machte Rcke, der zweite Schuhe, der dritte baute
Huser, der vierte war Soldat, und so war einer dem andern Schutz und
Hilfe und bekam einer vom andern Speise und Trank. Warum konnte man sie
nicht wegreien von der Stelle, wo sie hausten?

Darum war es, ja, darum war's: weil sie eines Vaters und einer Mutter
Sohn waren. Das hielt einen jeden. Vater und Mutter trugen jeden zur
Gemeinschaft der Menschen und zeigten somit allen andern an, woher er
gekommen sei und was er sein wollte.

Das war es, Caspar wute nicht, woher er gekommen sei; aus irgendeinem
unentdeckbaren Grund war er, er ganz allein vaterlos, mutterlos. Und er
mute es herausbringen, warum. Er mute zu erfahren suchen, wer und wo
sein Vater und seine Mutter waren, und vor allem mute er hingehen und
sich seinen Platz erobern, von dem man ihn nicht vertreiben konnte.

An einem Winterabend betrat Herr von Tucher Caspars Zimmer und fand ihn
tief in sich gekehrt. Zwei- oder dreimal wchentlich pflegte Herr von
Tucher nach beendetem Tagewerk seinen Zgling zu besuchen, um sich ein
wenig mit ihm zu unterhalten. Es lag dies im Schema des
Erziehungsplanes. Das Prinzip verlangte aber von Herrn von Tucher, da
er eine wrdevolle Unnahbarkeit bewahre; das Prinzip zwang ihn, auf die
Freuden eines natrlichen Verkehrs zu verzichten. Und wenn es ihm auch
manchmal schwer wurde, solche berwindung zu ben, sei es durch ein
eignes Bedrfnis, sich mitzuteilen, oder weil ein stumm forschender
Blick Caspars an sein Herz fate, es gab kein Schwanken, das Prinzip,
grimmig wie ein Vitzliputzli, verstattete nicht, da man die Grenze der
Zurckhaltung mehr als ntzlich berschreite.

Wie er aber Caspar so gewahrte, verborgenem Sinnen hingegeben, ergriff
ihn der Anblick doch und seine Stimme nahm wider Willen einen milderen
Klang an, als er den Jngling um die Ursache seines Nachdenkens
befragte.

Caspar berlegte, ob er sich aufschlieen drfe. Wie bei jeder
Gemtsbewegung war die linke Seite seines Gesichtes konvulsivisch
durchzuckt. Dann strich er mit einer ihm eignen unnachahmlich lieblichen
Geste die Haare von der einen Wange gegen das Ohr zurck und fragte mit
einem Ton aus innerster Brust: Was soll ich denn eigentlich werden?

Herrn von Tucher beruhigten diese Worte sogleich. Er machte eine Miene,
als wolle er sagen: die Rechnung stimmt. Darber habe er auch schon
nachgedacht, erwiderte er; Caspar mge ihm doch sagen, wozu er am
meisten Lust habe.

Caspar schwieg und schaute unentschlossen vor sich hin.

Wie wre es mit der Grtnerei? fuhr Herr von Tucher wohlwollend fort.
Oder wie wre es, wenn du Tischler wrdest oder Buchbinder? Deine
Papparbeiten sind ganz vortrefflich, und du knntest das
Buchbindergewerbe in kurzer Zeit erlernen.

Drft' ich dann alle Bcher lesen, die ich einbinden soll? fragte
Caspar versonnen, der so geduckt sa, da sein Kinn die Tischplatte
berhrte.

Herr von Tucher runzelte die Stirn. Das hiee eben den Beruf
vernachlssigen, antwortete er.

Ich knnte ja auch Uhrmacher werden, sagte Caspar; er hatte in diesem
Augenblick eine ziemlich berspannte Vorstellung von einem Uhrmacher; er
sah einen Mann, der im Innern hoher Trme steht und den Glocken zu
luten befiehlt, der goldene Rdchen ineinander fgt und durch einen
Zauberspruch die Zeit unsichtbar macht und in ein winziges Gehuse
bannt. berhaupt mit solchen Namen war es schwer; nicht sein Wollen lag
dahinter, sondern ein unbegreiflich verwickeltes Bild des ganzen Lebens.
Herr von Tucher, voll Argwohn, als wurzle in dem Gehaben Caspars doch
kein wahrer Ernst, erhob sich und sagte kalt, er werde sich die Sache
berlegen.

Am nchsten Abend wurde Caspar in Herrn von Tuchers Zimmer gerufen. Ich
bin nun mit Bezug auf unser gestriges Gesprch zu folgendem Entschlu
gelangt, sagte der Baron; du bleibst das Frhjahr und den Sommer ber
noch in meinem Haus. Wenn du fleiig bist, kann deine Ausbildung in den
Elementarfchern bis zum September beendet sein, dessen versichert mich
auch Herr Schmidt. Damit nun der Tag ein ununterbrochenes Ganzes fr
dich wird, sollst du des Mittags nicht mehr mit mir essen, sondern alle
Mahlzeiten auf deinem Zimmer einnehmen. Ich werde bald mit einem
anstndigen Buchbindermeister sprechen; wir wissen dann, woran wir sind.
Bist du's zufrieden, Caspar? Oder hast du andre Wnsche? Nur frisch
heraus mit der Sprache, du kannst noch immer whlen.

Ein flchtiger Schauer lief Caspar ber den Rcken. Er schttelte sich
ein wenig, setzte sich nieder und schwieg. Herr von Tucher wollte ihn
nicht weiter bedrngen, er wollte ihm Zeit lassen. Eine Weile ging er
hin und her, dann nahm er vor dem Flgel Platz und spielte einen
langsamen Sonatensatz. Es geschah dies nicht aus zuflliger Laune; am
Dienstag und Freitag von sechs bis sieben Uhr abends spielte Herr von
Tucher Klavier, und da der Kuckuck der Schwarzwlderuhr soeben sechs
gekrchzt hatte, wre eine Versumnis sehr gegen die Regel gewesen.

Es war eine ziemlich schwermtige Melodie. Fr Caspar war dergleichen
eine Qual; so gern er Mrsche, Walzer und lustige Lieder hrte -- die
Anna Daumer, die kann spielen, sagte er immer--, so unbehaglich war ihm
bei solchen Tnen. Als Herr von Tucher den Schluakkord des Stckes
angeschlagen hatte, sich auf dem Drehsessel umkehrte und Caspar fragend
anschaute, dachte er, er solle sich uern, wie es ihm gefalle, und er
sagte: Das ist nichts. Traurig kann ich von alleine sein, dazu brauch'
ich keine Musik.

Herr von Tucher zog erstaunt die Brauen in die Hhe. Was maest du dir
an? entgegnete er ruhig. Ich habe kein musikalisches Urteil von dir
verlangt, und ich habe nicht den Ehrgeiz, deinen Geschmack in dieser
Hinsicht zu veredeln. Im brigen geh auf dein Zimmer.

Caspar war es ganz lieb, da er nicht mehr mit dem Baron zu essen
brauchte. Das steife Beieinandersitzen erschien ihm jedesmal unsinnig
und lstig. Vieles entzckte ihn an diesem Manne, besonders seine Ruhe
und sein sachtes Sprechen, das beraus Reinliche seines Krpers, die
porzellanweien Zhne und vor allem die rosigen gewlbten Ngel der
langen Hnde. Er kannte viele Leute mit blassen Ngeln und mitraute
ihnen; blasse Ngel erweckten ihm die Vorstellung des Neides und der
Grausamkeit.

Doch immer hatte Caspar das Gefhl, als ob Herr von Tucher auf
irgendwelche Art schlechte Nachrichten ber ihn erhielte und sich davon
betren lasse; es war ihm manchmal, als msse er ihm zurufen: es ist ja
alles nicht wahr! Aber was? Was sollte nicht wahr sein? Das wute Caspar
nicht zu sagen.

In seiner Einsamkeit war ihm zumute, als seien die Menschen seiner
berdrssig und gingen damit um, sich seiner zu entledigen. Er war
voller Ahnungen, voller Unruhe. In Nchten, wo der Mond am Himmel stand,
verlschte er die Lampe frher als sonst, setzte sich ans Fenster und
verfolgte unverwandt die Bahn des Gestirns. An Vollmondtagen ward er
hufig unwohl, es fror ihn am ganzen Leibe, erst der Anblick des Mondes
selbst nahm den Druck von seiner Brust. Er wute, von welchem Dach oder
zwischen welchen Giebeln die helle Scheibe emporsteigen msse, hob sie
wie mit Hnden aus der Tiefe des Himmels heraus, und wenn Wolken da
waren, zitterte er davor, da sie den Mond berhren knnten, weil er
glaubte, das strahlende Licht msse befleckt werden.

Sein Ohr schien in dieser Zeit manchmal den Lauten einer Geisterwelt zu
lauschen. Eines Morgens erhob er sich whrend des Unterrichts pltzlich,
ging zum Fenster und beugte sich weit hinaus. Herr Schmidt, der
Studiosus, lie ihn gewhren, als es aber zu lange dauerte, rief er ihn
zurck. Caspar richtete sich auf und schlo das Fenster, sein Gesicht
war so bleich, da der Studiosus besorgt fragte, was ihm sei.

Mir war, wie wenn jemand kme, versetzte Caspar.

Wie wenn jemand kme? Wer denn?

Ja, wie wenn mich jemand unten gerufen htte.

Der Studiosus fand dies wunderlich. Er dachte eine Weile nach und htte
gern eine Frage gestellt. Es war da neuerdings in der Stadt viel von
einer seltsamen Geschichte die Rede, die Caspar betraf oder auf ihn
gedeutet wurde und die in allen Journalen, auch drauen im Reich, des
langen und breiten durchgehechelt wurde. Aber weil Herr von Tucher dem
Studiosus aufs strengste verboten hatte, mit Caspar jemals ber solche
Dinge zu sprechen, nahm er sich zusammen und schwieg.

Nun hatte Caspar seit Monaten die Gewohnheit, alle Zeitungsbltter, die
ihm in die Hand kamen und die er sich zum Teil heimlich zu verschaffen
wute -- denn Herr von Tucher frchtete von dieser Seite her
Beeinflussungen mit gutem Grund--, aufs genaueste durchzulesen. Hin und
wieder geschah es, da er irgendeine Nachricht, eine Mitteilung ber
sich selbst entdeckte, und obgleich er noch nie etwas Wesentliches
gefunden hatte, bekam er jedesmal Herzklopfen, sobald er nur seinen
Namen gedruckt sah. Kurze Zeit nach jenem kleinen Zwiegesprch mit dem
Lehrer spielte ihm der Zufall eine schon mehrere Tage alte Nummer der
Morgenpost in die Hnde, und beim Lesen fand er folgende eigentmliche
Erzhlung:

Vor mehr als zehn Jahren hatte ein Fischer bei Breisach eine
schwimmende Flasche aus dem Rheinstrom gezogen, und diese Flasche
enthielt einen Zettel, auf welchem geschrieben stand: In einem
unterirdischen Kerker bin ich begraben. Nicht wei der von meinem
Kerker, der auf meinem Thron sitzt. Grausam bin ich bewacht. Keiner
kennt mich, keiner vermit mich, keiner rettet mich, keiner nennt mich.
Dann kam ein halb unleserlicher und verstellter Name, von dem alle
deutlichen Buchstaben auch im Namen Caspar Hauser enthalten waren.

Alles das war damals schon von einigen Zeitungen gemeldet worden, war
aber bei dem Mangel jeglichen Anhaltspunktes natrlich wieder in
Vergessenheit geraten. Da hatte vor vier Wochen etwa irgendein
ungenannter Schnffler den Vorfall aus einem alten Jahrgang der
'Magdeburger Zeitung' neuerdings ans Licht gebracht. Andre Journale
bemchtigten sich der Angelegenheit, die nach und nach viel Staub
aufwirbelte. Auf einmal wurde nachgewiesen, da seinerzeit ein
Piaristenmnch von einer gewissen Regierung bezichtigt wurde, die
Flasche in den Rhein geworfen zu haben. Es stellte sich ferner heraus,
da derselbe Mnch pltzlich verschwunden und eines schnen Tages im
Elsa, in einem Wald der Vogesen, ermordet aufgefunden worden war. Den
Tter hatte man nie entdeckt.

Wenn auf diese Spur hin das Mysterium, das ber dem Findling schwebt,
nicht endlich gelftet wird, rief der Querulant in der 'Morgenpost',
nachdem er die Geschichte also ausfhrlich berichtet hatte, dann gebe
ich keinen Pfifferling fr unsre ganze Justizpflege!

Caspar las und las. Zwei Stunden verbrachte er damit, die wunderliche
Historia immer wieder von vorn anzufangen und beinahe jedes einzelne
Wort zu berlegen. Dabei berraschte ihn der Studiosus; er vergewisserte
sich, da es eben dieselbe Affre sei, von der er neulich nicht sprechen
gewollt, und sagte hastig: Ei, was treiben Sie da, Caspar? Was sagen
Sie brigens dazu? Die meisten Leute halten es fr Quark, trotzdem es
ein unwiderlegliches Faktum ist, da die Sache damals in der
'Magdeburger Zeitung' gestanden hat. Was sagen Sie dazu, Hauser?

Caspar hrte kaum; als der Mann seine Frage wiederholte, erhob er das
Gesicht, schlug den feuchten Blick zum Himmel empor und sagte leise:
Ich hab' es nicht geschrieben, was da vom Kerker steht.

Vom Kerker und vom Throne, fgte der Studiosus mit sonderbarem und
begierigem Lcheln hinzu. Da Sie es nicht geschrieben haben, glaub'
ich schon, Sie haben ja das Schreiben erst bei uns gelernt.

Aber wer kann es geschrieben haben?

Wer? Das ist eben die Frage. Vielleicht einer, der helfen wollte; ein
verborgener Freund vielleicht.

Vom Kerker und vom Throne, lallte Caspar mit willenlosem Mund. Er
begab sich in die Ofenecke, kauerte sich auf einem Schemel zusammen und
versank in tiefe Grbelei. Weder Ruf noch Mahnung noch Befehl vermochten
ihn zu wecken, und der Studiosus, der sich schuldig fhlte, blieb, um
kein Aufsehen zu machen, die Stunde ber sitzen und entfernte sich dann
still.

Am selben Abend war eine Assemblee im Tucherschen Haus, alle Freunde
der Familie waren geladen, und eine halbe Stunde lang dauerte das
Wagengerassel vor dem Haus. Als die ersten Tanzweisen vom Saal
heraufschallten, begab sich Caspar in den Korridor und horchte. Er hatte
nicht mehr Zutritt zu solchen Festen.

Whrend er noch stand, ans Gelnder gepret, den Kopf vorgebeugt, und er
sich so recht verstoen vorkam, berhrte eine Hand seine Schulter. Es
war der Lakai, der ihm auf silberner Platte einige Sigkeiten brachte.
Caspar schttelte den Kopf und sagte: Ses mag ich nicht, worauf der
Diener ihn mrrisch mit den Blicken ma und sich zu gehen anschickte.

Da kamen Schritte von der zweiten Treppe her, die unbeleuchtet war, und
unversehens stand die alte Freifrau in grauseidenem Kleid und seidener
Haarschrpe vor den beiden; indem sie ihre blauen Augen streng in die
des Jnglings bohrte, sagte sie stolz und befremdet: Ses mag er
nicht? Warum mag er denn Ses nicht?

Sie kam von unten; Caspar roch deutlich den Menschendunst an ihren
Gewndern. Es war ihre Art, sich frh zurckzuziehen. Bevor sie zur Ruhe
ging, pflegte sie tglich durch das ganze Haus zu wandern, um
nachzusehen, ob kein Feuer sei und kein Dieb sich eingeschlichen habe.

Vor ihren rauh klingenden Worten duckte Caspar den Kopf. Es ist
anzunehmen, da seine Phantasie ungewhnlich erregt war. Pltzlich
sprte er eine lhmende Furcht. Schwrze stieg um seine Augen, es war
ihm, als habe er die Stimme des Vermummten gehrt, und den Arm
ausstreckend, schrie er bittend: Nicht schlagen, nicht schlagen!

Die alte Dame, die es so schlimm eben nicht gemeint hatte, blickte
verwundert und erschrocken auf. Indes hatte Caspars lauter Schrei die
Aufmerksamkeit einiger Gste erregt, die im unteren Flur auf und ab
spazierten. Sie wandten sich an Herrn von Tucher, und dieser ging die
Treppe empor, gefolgt von einigen Herren. Unter der Gesellschaft im Saal
verbreitete sich das Gercht, es sei etwas passiert, und da Caspars
Aufenthalt im Hause natrlich bekannt war, dachten alle an ein Ereignis
wie das bei Daumer vorgefallene. Es entstand ein Schweigen, die
Tanzmusik verstummte, viele drngten hinaus, besonders die jungen Damen
waren erregt, und eine Anzahl von ihnen stieg die Treppe empor und blieb
schauend stehen.

Herr von Tucher, der dies alles aufs peinlichste empfand, wie ihm denn
jedes unntze Aufsehen ein Greuel war, schickte sich an, Caspar zur Rede
zu stellen, wurde aber durch das versteinerte Bild des Jnglings
abgeschreckt, auch machte ihn die bestrzte Haltung seiner Mutter
stutzig.

Es ging etwas Ungeheures in Caspar vor. Ihm war, als habe er, was jetzt
geschah, schon einmal erlebt. Wie mit einer Sturzwelle ri es ihn
zurck, und die Zeit schien ihren Atem anzuhalten. Da war die alte Frau,
frstlich geschmckt und majesttisch anzusehen; wie, glich sie nicht
einem Weib, das einst in ein Gemach gekommen, wo auch er gewesen war,
und hatte ihre Gegenwart nicht alle andern erstarren lassen? Lag nicht
jemand auf dem Bett und vergrub den Kopf in die Kissen? Da war der
Diener, der eine silberne Platte in Hnden hielt; war das nicht alt?
Stand nicht auch damals einer da, der Geschenke brachte oder Ses oder
Kostbares? Da waren feierlich gekleidete Mnner, die auf einen Befehl zu
harren schienen, darauf warteten, da einer kme, noch festlicher
angetan als sie selbst, vor dem sie sich verneigen muten? Und diese
schlanken weien Mdchen in weien Schleiern, deren Blicke tief und bang
waren? Und hier oben die Dmmerung, die sich ber zahllose Marmorstufen
hinab ins Licht verlor? Caspar htte jauchzen mgen, denn er erschien
sich fremd und zugleich von allen angebetet; sie senkten das Haupt, sie
erkannten den Herrn in ihm; ja, er ahnte, was er war und von wo er kam,
er sprte, was jenes Wort vom Kerker und vom Throne zu bedeuten hatte;
ein geisterhaftes Lcheln umspielte seine Lippen.

Herr von Tucher bereitete dem unangenehmen Auftritt ein mglichst
stilles Ende. Er fhrte Caspar in sein Zimmer, gebot ihm, sich zu Bett
zu begeben, wartete, bis er lag, verlschte dann selbst das Licht und
sagte beim Hinausgehen in scharfem Ton, er werde ihn am andern Morgen
wegen seiner ungehrigen Auffhrung zur Rechenschaft ziehen.

Darum scherte sich Caspar wenig. Es wurde auch nicht viel aus der
gedrohten Abrechnung. Herr von Tucher sah ein, da den Grundstzen
eigentlich nichts zuleide geschehen war. Sein Koch verriet ihm im hohlen
Ton der Prophezeiung, Caspar sei mondschtig und werde sicherlich einmal
aufs Dach steigen und herunterstrzen. Herr von Tucher konnte den Mond
nicht abschaffen; da der Jngling krankhaften Zustnden unterworfen
schien, durfte man ihn fr gewisse Fehltritte nicht verantwortlich
machen. Ob Caspar Tischler oder Buchbinder werden solle, war noch immer
unentschieden. Es mute hierzu die Meinung des Prsidenten Feuerbach
eingeholt werden. Herr von Tucher nahm sich vor, im April nach Ansbach
zu fahren und mit dem Prsidenten zu sprechen.

Caspar aber war voller Erwartung. Er wartete auf einen, der kommen
mute, auf einen, der irgendwo unter den Menschen ging und den Weg zu
ihm suchte, und so fest war der Glaube an diesen Kommenden, da er jeden
Morgen dachte: heute, und jeden Abend: morgen. Er lebte in einem
bestndigen innerlichen Sphen, und seine ahnungsvolle Freude glich
einem Traum. Aber wie der Pfau seinen Schweif niederschlgt, wenn er
seine hlichen Fe gewahrt, so machte seine eigne Stimme, sein eigner
Schritt ihn schon wieder zaghaft, um wie viel mehr erst der Anblick von
Menschen, die tglich seine Erwartung enttuschen muten.

Sein ganzes Treiben in dieser Zeit war auergewhnlich, und die
aufmerksam horchende Spannung gegen ein Leeres hin hatte etwas von
Wahnwitz. Freilich, zusammengehalten mit dem Verlauf der Ereignisse bot
sie ein andres Gesicht und htte einem Mann wie Daumer absonderlichen
Stoff fr seine Ideen geliefert.

Es lauerte viel Heimliches und Feindseliges auf Caspars Wegen, und es
berlief ihn kalt, wenn im Nebel ein Tropfen von einer Dachrinne fiel.
Angstvorstellungen begleiteten ihn bis in den Schlaf, und weil er
oftmals erwachte und die Finsternis ihn qulte, bat er, da man neben
seinem Bett ein llmpchen brennen lasse. Dies geschah.

Einstmals in einer Nacht sprte er, noch schlummernd, ein
eigentmliches Ziehen im Gesicht, als ob ihn von oben her ein khler
Atem streife. Jhlings richtete er sich auf, blickte ber Bett und Wand
und gewahrte eine groe Spinne, die an einem Faden in der Nhe seines
Kopfes hing. Entsetzt sprang er aus dem Bett, und unfhig, sich zu
regen, beobachtete er, wie das Tier sich aufs Kissen niederlie und ber
das weie Linnen kroch, einen glitzernden Faden hinter sich
herschleppend.

Caspars ganzer Leib war wie mit einer neuen, schaudernden kalten Haut
bedeckt. Er prete die Hnde zusammen und flsterte angstvoll und
seltsam schmeichelnd: Spinne! Was spinnst du, Spinne?

Die Spinne duckte den gelblichen Leib.

Was spinnst du, Spinne? wiederholte er flehend.

Das Tier berklomm den Bettpfosten und gewann die Mauer. Was schickst
du dich denn so, Spinne? hauchte Caspar. Warum so eilig? Suchst du
was? Ich tu' dir nichts...

Die Spinne war schon oben an der Decke. Caspar setzte sich auf den
Stuhl, wo die Kleider hingen. Spinne, Spinne! sagte er tonlos vor sich
hin. Es schlug vier Uhr drauen und er hatte sich noch immer nicht ins
Bett zurckgetraut. Dann, ehe er sich hinlegte, wischte er Kissen und
Wand eifrig mit dem Taschentuch ab.

Er trug von der unbekleidet verwachten Stunde eine Erkltung davon, die
ihn mehrere Tage ans Lager fesselte. Er wurde traurig, des Wartens war
er schon mde. Obwohl ihm schlielich nichts mehr fehlte, hatte er keine
Lust, das Zimmer zu verlassen. Herr von Tucher nahm seinen Zustand fr
ein hypochondrisches Zwischenspiel; als er sich jedoch berzeugte, da
sowohl seine vorstzliche Gleichgltigkeit wie sein gtiger Zuspruch
fruchtlos blieben und da da eine unverstellte seelenvolle Betrbnis
waltete, ward er besorgt.

Nun geschah es an einem dieser Tage, da ein auswrtiger Bote im Haus
vorstellig wurde, der zu Caspar gefhrt zu werden verlangte, um ihm
einen Brief auszuhndigen. Herr von Tucher verweigerte die Erlaubnis
dazu. Nach einigem Bedenken berlie ihm der Mann das Schreiben und
entfernte sich wieder. Herr von Tucher hielt sich fr berechtigt, den
Brief zu ffnen. Er war von rtselhafter Fassung; noch rtselhafter
dadurch, da ihm ein kostbarer Diamantring beilag, den Caspar damit als
Geschenk bekam. Herr von Tucher war unschlssig, was er tun solle. Brief
und Ring dem Gericht oder dem Prsidenten Feuerbach auszuliefern,
erschien ihm das ratsamste. Doch widersprach es immerhin seinem
Rechtsgefhl. Eine flchtige Stimmung von Weichheit gegenber Caspar
lie ihn den Vorsatz vllig vergessen; er hoffte, den Jngling aus
seiner Niedergeschlagenheit aufzurtteln, und diesen Zweck erreichte er
vollkommen. Er brachte Brief und Ring herbei.

Caspar las: Du, der du das Anrecht hast, zu sein, was viele leugnen,
vertrau dem Freund, der in der Ferne fr dich wirkt. Bald wird er vor
dir stehen, bald dich umarmen. Nimm einstweilen den Ring als Zeichen
seiner Treue und bete fr sein Wohlergehen, wie er fr das deine zu Gott
fleht.

Als Caspar dies gelesen hatte, drckte er das Gesicht gegen den Arm und
weinte still fr sich hin. Herr von Tucher sa am Tisch und lie den
schnen Stein des Rings nachdenklich im Sonnenlicht spielen.




Der englische Graf


In den Nachmittagsstunden eines der letzten Apriltage rollte ein
vornehmer Reisewagen vor die Einfahrt des Hotels zum wilden Mann, und
alsbald verlie ein hochgewachsener Herr den Schlag und begrte
leutselig den herbeistrzenden Wirt, der eines solchen Gastes nicht
gewrtig war, da in seinem Hause fast nur Kaufleute und
Handlungsreisende verkehrten. Der Fremde forderte die besten Zimmer, und
ohne sich nach dem Preis zu erkundigen, schritt er durch das Spalier von
Gaffern in das weitbogige Tor. Diener und Kutscher trugen die Koffer,
den Nachtsack und sonstige Reisegegenstnde in die Halle. Der Ankmmling
verlangte von selbst das Fremdenbuch, und bald konnte jeder
ehrfrchtig-schaudernd die mit Riesenschrift geschriebenen Worte lesen:
Henry Lord Stanhope, Earl of Chesterfield, Pair von England.

Das Ereignis machte solches Aufsehen in der Gegend, da noch spt abends
Leute auf der Gasse standen und zu den hellen Fenstern emporstarrten,
hinter denen der erlauchte Herr logierte. Am nchsten Morgen gab der
Lord in der Wohnung des Brgermeisters sowie bei einigen Notabilitten
der Stadt seine Karte ab, und schon wenige Stunden darauf erhielt er in
seinem Quartier die Gegenbesuche, vor allem denjenigen Binders, der sich
der frheren Anwesenheit des Lords natrlich wohl erinnerte.

In der ziemlich langen Unterredung mit dem Brgermeister gestand Graf
Stanhope ohne Umschweife, da wie jenes erste Mal so auch heute die
Person des Caspar Hauser den Grund seines Aufenthaltes in der Stadt
bilde. Er hege fr den Findling die grte Teilnahme, sagte er und lie
durchblicken, da er etwas Entscheidendes fr ihn zu unternehmen
gesonnen sei.

Der Brgermeister erwiderte, er verstatte Seiner Herrlichkeit, soweit es
die Vorschriften erlaubten, freien Spielraum.

Was fr Vorschriften? fragte der Lord rasch.

Binder versetzte, Herr von Tucher sei Kurator des Findlings, habe
weitgehende Rechte und werde der Einmischung eines Fremden nicht
freundlich gegenberstehen; auerdem knne man ohne Wissen des
Staatsrats Feuerbach keine Vernderung befrworten, die das Leben Caspar
Hausers betreffe.

Der Lord machte ein bekmmertes Gesicht. Da werde ich einen schweren
Stand haben, bemerkte er. Hierauf erkundigte er sich, ob man wegen des
berfalls im Daumerschen Hause irgend Anhaltspunkte gewonnen habe und ob
die seinerzeit von ihm ausgesetzte Prmie keinen Empfnger habe finden
knnen. Dies mute Binder verneinen; er entgegnete, die so gromtig zur
Verfgung gestellte Summe liege unangetastet auf dem Rathaus und Seine
Lordschaft knne sie zu beliebiger Stunde zurckerhalten, da doch jede
Entdeckungsaussicht nunmehr geschwunden sei.

Die nchsten Tage verbrachte der Lord ausschlielich mit der Erfllung
gesellschaftlicher Pflichten. Zu Mittag, zum Tee und zu Abend war er
eingeladen oder gab kleine, aber exzellente Mahlzeiten in seinem Hotel,
wozu er eigens einen franzsischen Koch in Dienst nahm. Wenn es seine
geheime Absicht war, sich auf diese Weise Freunde und Bewunderer zu
verschaffen, so blieb ihm darin nichts zu wnschen brig. Wenn er den
Zweck verfolgte, all die guten Leute und ihre Gesinnungen kennen zu
lernen, so fiel ihm das nicht sonderlich schwer; man gab sich
rckhaltlos, man fhlte sich geehrt durch seine Gegenwart, man bestaunte
seine geringsten Handlungen.

Jeder Anla war ihm recht, um das Gesprch auf Caspar Hauser zu lenken;
er wollte wissen, immer Neues wissen, schwelgte in den rhrenden
Einzelheiten, die man zu berichten wute, fand es aber dabei doch nicht
notwendig -- eine Unterlassung, die allerdings auffallend gefunden
wurde--, den Professor Daumer zu besuchen, sondern begngte sich damit,
den Gefngniswrter Hill zu sich kommen zu lassen und ihn auszufragen.

Hill, von dieser Auszeichnung etwas aus dem Gleichgewicht gebracht,
schilderte so beweglich, da es von einem unter Verbrechern ergrauten
Mann wunderbar zu hren war, jenes hold verlorene Weben und ergreifende
Darniedersinken Caspars whrend seines Aufenthalts im Turm; zum Schlu
rief er, glhend vor Eifer, er, was an ihm liege, er werde die Unschuld
des Jnglings bezeugen, und wenn Gott selber das Gegenteil behaupte.
Graf Stanhope war sichtbar erschttert; er lchelte, sagte, hier sei ja
nicht von Schuld die Rede, und entlie den Mann frstlich belohnt.

Nun endlich entschlo er sich, Herrn von Tucher und damit auch Caspar
selbst gegenberzutreten. Wenn man ihn verwundert gefragt hatte, weshalb
er dies so lang verzgere, hatte er erwidert, er bedrfe dazu seiner
ganzen Sammlung und Seelenkraft, denn vor dem Augenblick, wo er Caspar
zum erstenmal sehen werde, sei ihm bange, freudig bang wie einem Kind
vor dem Weihnachtsabend.

Herr von Tucher befand sich in seinem Arbeitszimmer, als man ihm die
Karte des Englnders brachte. Es versteht sich von selbst, da er von
der Anwesenheit Stanhopes in der Stadt Kenntnis hatte und von dessen
Umtrieben unterrichtet war. Da er in jedem Fall einen Friedensstrer in
ihm sah, war er nicht zugunsten des Mannes voreingenommen.

Nach allen Beschreibungen hatte er in dem Fremden eine liebenswrdige
und gewinnende Erscheinung zu finden erwartet; gleichwohl war er
berrascht, als er den vornehmen Gast auf sich zuschreiten sah, und im
Nu schwand seine durch das Hrensagen und trbe Vorgefhle entstandene
Abneigung.

Es war allerdings etwas Gefhrliches um den Mann, das sprte Herr von
Tucher auf den ersten Blick, doch ebensosehr lag ein bestrickender Reiz
von Weltlichkeit und geistreicher Anmut ber seiner Person. Da seine
Haltung stolz war, erschien die Zartheit der schlanken Gestalt nicht
weibisch; die Zge, durchaus englisch markant, waren edel geschnitten
und lieen die fahle Frbung der Haut vergessen; das wechselnde Feuer
der durchsichtigen Augen erinnerte bald an die sanfte Gazelle, bald an
die Ruhe des Tigers, kurz, Herr von Tucher wurde in einen Zustand
angenehmer Spannung und Erregung versetzt, der durch das schnell in Flu
gebrachte Gesprch nicht im mindesten betrogen wurde.

Die bloen Fragen des Lords nach Caspars leiblicher und geistiger
Verfassung bekundeten schon einen Menschen von hoher Einsicht und
Kenntnis des Lebens, und was er sagte, eroberte die Zustimmung des
Hrers mhelos.

Auf die Beweggrnde des Hierseins kam er von selbst zu sprechen. Was er
vorbrachte, klang unbestimmt genug; er war augenscheinlich ein Meister
in der Kunst, seine wahren Absichten zu verschleiern, aber kein Argwohn
konnte Herrn von Tucher beifallen. Der Name Stanhope gab ausreichende
Brgschaft. Was konnte einen Lord Stanhope verhindern, deutlich zu sein?
War es nicht Feingefhl und angestammter Takt, so war es eine
Verschwiegenheit, die zugleich das Gelbnis enthielt, zur gebotenen
Stunde alles schicklich offenbar zu machen. Herr von Tucher fand sich
dadurch eher verpflichtet als enttuscht; ohne die ausgesprochene Bitte
des Lords abzuwarten, fragte er hflich, ob es ihm genehm sei, Caspar zu
sehen. Indem er die Versicherung der Dankbarkeit seines Gastes lchelnd
abwehrte, lutete er und gab Auftrag, da man den Jngling hole.

Es entstand nun eine Stille; Herr von Tucher verblieb in unwillkrlichem
Lauschen an der Tr, und der Lord sa mit bergeschlagenen Beinen, den
Kopf in die behandschuhte Linke gesttzt, das Gesicht dem offenen
Fenster zugekehrt. Es war ein sonniger Sonntagnachmittag; der Himmel lag
blaustrahlend ber dem fchrigen Geschiebe der roten Dcher,
zwitschernde Schwalben schossen lngs der grauen Huserfronten hin. Als
Caspar in das Zimmer trat, vernderte Stanhope langsam die Richtung
seines Blickes, und ohne jenen eigentlich anzusehen, schien er doch das
ganze Bild des Menschen in sich festzuketten. Noch whrend Caspar, durch
ein paar rasche Worte des Herrn von Tucher ber die Person des illustern
Mannes belehrt, auf den Grafen zuging, erhob sich dieser und sagte mit
berraschender Erregung und sichtlich tiefberhrt: Caspar! Also
endlich! Gesegnete Stunde! Dann streckte er die Arme nach ihm aus, und
wie zu einem Tor, das ihm nach sehnsuchtsvollem Harren aufgetan worden,
begab sich Caspar in diese geffneten Arme, ein heller, scharfer, khler
Strahl der Freude durchfuhr ihn von oben bis unten, und er vermochte
weder zu sprechen noch sich zu regen.

Das war er, der aus weiter Ferne kam. Von ihm der Ring, von ihm die
Botschaft. Schon oben, als er die Kalesche vor dem Haus stillhalten
gehrt, war eine Erstarrung von Caspars Gliedern gefallen, und als der
Diener ihn rief, war es, als ob ein Morgenschein das Haus durchglhe.
Als er die Schwelle des Zimmers erreicht hatte, sah Caspar nur ihn, den
Fremden, Fremdvertrauten, und wie wenn ihm bisher die Hlfte seines
Herzens gefehlt htte, fhlte er sich auf einmal ganz geworden, rund und
neu: mit gebadetem Auge sah er sich selbst, zweckvoll erschaffen. Mild
an ihre Glocke schlug die Uhr und das Licht des Nachmittags war wie
Honig und s zu schmecken.

Auf den Lord bte die wunderbare Ergriffenheit Caspars anscheinend
groe Wirkung. Fr die Dauer mehrerer Sekunden war sein Gesicht heftig
bewegt und die Augen trbten sich wie in peinvollem Erstaunen. Er war
ohne Zweifel verwirrt, die allzeit dienstbare Phrase versagte sich ihm,
und bei der ersten zrtlichen Anrede klang die sonst seidenweiche Stimme
rauh. Mit der Hand streichelte er Caspars Haare, prete die Wange des
Jnglings gegen seinen Busen, und ein verlorener Blick traf den stumm
abseits stehenden Herrn von Tucher, der mit Verwunderung die
ungewhnliche Szene beobachtete. Stanhope bat ihn dann, weil das
Verhllte des Vorgangs zu irgendeiner Klrung drngte, ob er Caspar fr
einige Stunden mit sich nehmen drfe, ein Ansuchen, dem Herr von Tucher
nicht widerstehen konnte.

Bald darauf sa Caspar an der Seite des Lords im Wagen; der Polizist
mute natrlich mit und sa hintenauf. Whrend das Gefhrt zum Tor
hinaus gegen die Maxfeldgrten rollte, entspann sich langsam ein
Gesprch.

Caspar klagte, zum erstenmal durfte er klagen. Doch war er schon
vershnt mit dem Augenblick, wo geschehenes Unrecht als solches erkannt
und verstanden wurde. Die Welt schien schlecht bis auf diesen Tag, jetzt
tat sich ihr Himmel auf und es zeigte sich ein waltender Arm.

Doch nicht so sehr um das Nahgeschehene handelte sich's: hier war einer,
der _wissen_ mute! Caspar fragte. Khn und leidenschaftlich fragte er:
wer bin ich? wer war ich? was soll ich? wo ist mein Vater? wo meine
Mutter? Und die Antwort des Grafen? Verlegenheit. Eine Umarmung.
Geduld, Caspar; bis morgen nur Geduld: das lt sich nicht in einem
Atemzug abtun, allzuviel ist zu sagen. Erzhl mir lieber: wie hast du
gelebt? Erzhl von deinen Trumen. Man sagt mir, du habest wunderbare
Trume. Erzhl!

Caspar lie nicht lange bitten. Die wesensvollen Gebilde machten den
Lauscher stutzig, er umschlo Caspar fester und verbarg so sein Gesicht
vor ihm; bei der geschilderten Erscheinung der Mutter fuhr er wie vor
Schreck zusammen, und abermals suchte er abzulenken, wollte Einzelheiten
ber das Leben Caspars im Daumerschen, im Beholdschen Hause wissen; der
Gegenstand war gefahrlos. Stanhope fand sich ergtzt durch Caspars
ursprngliche und bezeichnende Ausdrucksweise, die komische Anwendung
von Sprichwrtern und Nrnberger Redensarten. Auf dem Rckweg fragte er,
wo Caspar den Ring habe, den er ihm geschickt. Hab' mich nicht getraut,
ihn an den Finger zu tun, antwortete Caspar.

Warum denn nicht?

Wei nicht warum.

War er dir nicht schn genug?

O nein; umgekehrt wird ein Schuh draus. Viel zu schn war er mir. Hab'
immer Herzklopfen gehabt, wenn ich ihn angesehen.

Aber jetzt wirst du ihn tragen?

Ja, jetzt will ich ihn tragen. Jetzt wei ich, er gehrt wirklich mir.

Der Wagen hielt vor dem Tor, Stanhope nahm zrtlichen Abschied von
Caspar und bestellte ihn fr den nchsten Vormittag in den Gasthof. Auf
Wiedersehen, Liebling! rief er ihm noch zu.

Caspar stand beklommen. Jetzt kroch die Zeit wieder trge. Jeder
Schritt ins Haus war ein schmerzliches Sichentfernen aus dem Kreis des
herrlichen Mannes; was jetzt die Hand, der Blick berhrte, war alt, war
tot.

Schon um zehn Uhr morgens war er im Wilden Mann. Der Unterrichtsstunde
war er einfach entlaufen; htte ihn jemand abzuhalten versucht, er wre
an einem Strick vom Fenster heruntergeklettert.

Der Lord kam ihm in der oberen Halle entgegen, kte ihn vor vielen
Zuschauern auf die Stirn und fhrte ihn ins Empfangszimmer, wo auf einem
Tischlein Geschenke fr Caspar lagen: eine goldene Uhr, goldene
Hemdknpfe, silberne Schuhschnallen und feine weie Wsche. Caspar
traute seinen Augen nicht, der berschwang des Dankes versperrte ihm die
Kehle, er wute nichts andres, als immer nur die freigebige Hand des
Spenders in der seinen festzuhalten.

Der Lord nahm den stillen Ansturm mit gerhrtem Schweigen auf. Aber
nachdem sie ein paarmal Arm in Arm durch die Mitte des Raumes gewandelt
waren und Caspar noch immer mit sichtbarer Anstrengung nach Zeichen
seiner Erkenntlichkeit rang, ermahnte ihn Stanhope sanft, er mge doch
jeden Dank unterlassen. Diese Dinge sind ja nur geringfgige Merkmale
meiner Liebe zu dir, sagte er; das Wirkliche, das Groe, was ich fr
dich tun will, bleibt der Zukunft vorbehalten. Inzwischen bleibe du so,
wie du bist, mein Caspar, denn so bist du mir eben recht; nicht
geruschvoll in Worten, aber zuverlssig in deinem Herzen. Zuverlssig
und treu sollst du mir bleiben, ein Sohn, ein Kamerad, ein Freund.

Caspar seufzte. Das war zu viel des Glcks. Nie htte er geglaubt, da
ein Menschenmund so sprechen knne. Zur Beteuerung war er ohnmchtig,
nur sein Auge gab Kunde in einem schwrmerischen Blick.

Stanhope ffnete eine Tr und geleitete den Jngling zu einer kleinen
Frhstckstafel, die im Nebenzimmer blo fr sie beide gedeckt war. Sie
nahmen Platz, der Lord fllte Wein in die Glser und lchelte sonderbar,
als Caspar erklrte, er trinke niemals Wein. Wie wird es dann werden,
Caspar, wenn wir zusammen in die Lnder des Sdens reisen? Auf allen
Hgeln glht dort der Wein und die Luft ist voll davon. Was schaust du
mich so an? Glaubst du mir nicht?

Wirklich? Werden wir wirklich zusammen reisen? fragte Caspar jubelnd.

Gewi werden wir das. Denkst du denn, da ich mich von dir trennen
will? Oder denkst du, da ich dich in dieser Stadt lasse, wo dir so viel
bles widerfahren ist?

Also fort? Wirklich fort? Fort in die weite Ferne! rief Caspar, prete
wie auer sich beide Hnde vor den Mund und zog in freudigem Krampf die
Schultern bis an die Ohren. Was wird aber Herr von Tucher dazu sagen?
Und der Herr Brgermeister? Und der Herr Prsident? fgte er hinzu, vor
lauter Hast plappernd, whrend sich in seinem Gesicht die ganze
Betrbnis malte, die er bei der Vorstellung empfand, jene Mnner knnten
die Plne des Grafen mibilligen oder zunichte machen.

Sie werden es geschehen lassen, sie werden keine Gewalt mehr ber dich
haben, dein Weg fhrt dich ber sie empor, antwortete Stanhope ernst
und sah Caspar zugleich mit einem scharfen, ja durchbohrenden Blick an.

Caspar erbleichte, von einem grenzenlosen Gefhl berwltigt. Whrend in
seiner Brust Wunsch und Zweifel, dunkel umschlungen, alle Krfte der
Seele an sich zogen, erhob sich vor seinem Geiste leuchtender als je das
Bild der Frau aus dem Traumschlo. Mit einer ergreifenden Gebrde des
Flehens wandte er sich zu Stanhope und fragte: Herr Graf, werden Sie
mich zu meiner Mutter bringen?

Stanhope legte Messer und Gabel beiseite und sttzte den Kopf in die
Hand. Hier liegen furchtbare Geheimnisse, Caspar, flsterte er dumpf.
Ich werde reden und ich mu reden, aber du mut schweigen, keinem
andern Menschen darfst du vertrauen als mir. Deine Hand, Caspar, dein
Gelbnis! Herzensmensch! Unglcklich-Glcklicher, ja, ich will dich zu
deiner Mutter bringen, die Vorsehung hat mich erwhlt, dir zu helfen!

Caspar sank hin, die Beine trugen ihn nicht mehr, sein Kopf fiel auf die
Knie des Grafen. Die Luftadern pochten um ihn, ein Schluchzen lste die
ungeheure Spannung seiner Brust. Wie soll ich denn zu dir reden?
fragte er mit der Khnheit eines Trunkenen, denn die Formeln, in denen
man sonst zu Menschen spricht, erschienen ihm fremd, sie taten seiner
dankbaren Liebe nicht genug.

Der Lord hob ihn sachte empor und sagte zrtlich: Recht so, das traute
Du soll zwischen uns herrschen; du sollst mich Heinrich nennen, als ob
ich dein Bruder wre.

In so inniger Nhe erblickte sie der eintretende Bediente, der den
Brgermeister und den Regierungskommissr anmeldete. Durch die
geffnete Tr forderte der Lord die Wartenden ins Zimmer. Es sah aus,
als wnsche er, da die beiden Zeugen seiner Liebkosungen gegen Caspar
wrden. Er tat, als knne er sich nicht von ihm trennen; da die Besucher
nach ehrfrchtigem Gru Platz genommen, schritt er, noch leise plaudernd
und ihn bei der Schulter umschlungen haltend, mit Caspar auf und ab,
sodann begleitete er ihn zur Stiege, eilte zurck, ging ans Fenster,
beugte sich hinaus, sah Caspar nach und winkte ihm mit dem Taschentuch.
Die Verwunderung seiner Gste wohl bemerkend, migte er sich trotzdem
nicht, im Gegenteil, er gebrdete sich wie ein Verliebter, der seine
Empfindungen ohne Scheu preisgibt.

Die Geschenke des Lords wurden einige Stunden nachher ins Tuchersche
Haus gebracht. Herrn von Tuchers Erstaunen beim Anblick der wertvollen
Gaben war gro. Ich werde diese Gegenstnde an mich nehmen und
aufbewahren, uerte er zu Caspar nach einigem Nachdenken; es steht
einem zuknftigen Buchbinderlehrling nicht an, derlei auffallenden Luxus
zu treiben.

Da htte man Caspar sehen sollen! O nein, rief er aus, das gehrt
mir! Das ist mein, und ich will's haben, das darf mir keiner nehmen!
Seine Haltung war geradezu drohend, und sein Blick funkelte.

Aus Herrn von Tuchers Zgen wich alle Farbe. Ohne eine Silbe zu
erwidern, verlie er das Zimmer. Also ein Undankbarer, dachte er bitter,
ein Undankbarer! Einer, der eigenschtig die Gelegenheit nutzt und den
einen Wohltter verleugnet, wenn der andre besser zahlt!

Die Grundstze hrten auf zu triumphieren. Sie machten ein
zerknirschtes Gesicht und hllten sich in Sack und Asche.

Nachgiebigkeit wre in diesem Fall eine unwrdige Schwche, deren ich
mich schmen mte, sagte sich Herr von Tucher. Aber was tun? Soll ich
Gewalt anwenden? Gewalt ist unmoralisch. Er wandte sich an Lord Stanhope
und trug ihm die Sache vor. Der Graf hrte ihn freundlich an, er gab
sich Mhe, die Vergehung Caspars als eine kindische Malosigkeit zu
verteidigen, und versprach, ihn dahin zu bringen, da er dem Vormund die
Geschenke freiwillig berreiche.

Herr von Tucher war von der Liebenswrdigkeit des Lords bezaubert und
verlie ihn in bester Zuversicht. Auf den verheienen Gehorsam Caspars
wartete er aber vergeblich. Kein Zweifel, die Mhe des Lords war ohne
Erfolg geblieben; kein Zweifel, Caspar verstand es, den gtigen Mann zu
beschwatzen. Kein Zweifel, dieser Bursche war mit allen Salben
geschmiert, ein Charakter voll Heimlichkeit und List. Viel zu stolz, um
einen Dritten zum Mitwisser seiner niederschmetternden Erfahrungen zu
machen, begngte sich Herr von Tucher vorlufig, den Ereignissen ruhig
zuzusehen, wenn auch mit dem Verdru eines Mannes, der sich hintergangen
fhlt. Da Caspar sich nicht ein einziges Mal bewogen fand, ber die Art
seiner Beziehung zu dem Lord, ber den Gegenstand ihrer Gesprche sich
zu uern, verletzte ihn tief; einen solchen Mangel an zutraulicher
Mitteilsamkeit htte er zum allerwenigsten erwartet.

In der ersten Zeit hatte sich der Lord darauf beschrnkt, Caspar im
Tucherschen Haus zu besuchen oder ihn hchstens nach frmlich erbetener
Erlaubnis des Barons zu einer Spazierfahrt abzuholen. Allmhlich
nderte sich das, und er bestellte den Jngling an fremde Orte, wo
Caspars unvermeidliche Leibwache sich fnfzig Schritte entfernt halten
mute. Herr von Tucher fhrte beim Brgermeister Beschwerde; er
behauptete, der Lord handle damit seiner ausdrcklich gegebenen Zusage
entgegen. Aber was konnte Herr Binder tun? Durfte er den vornehmen Herrn
zur Rede stellen? Er wagte einmal eine schchterne Andeutung. Der Lord
beruhigte ihn mit einem Scherz; um nicht fr wortbrchig zu gelten, war
es leicht, den Versto auf Caspars Unbesonnenheit zu schieben.

So sah man die beiden auffallenden Gestalten hufig am Abend durch die
Gassen wandeln. Arm in Arm; im eifrigen Gesprch achteten sie der Blicke
nicht, die sie verfolgten. Meist gingen sie ber den Stadtgraben und
dann auf die Burg; hier durfte sich Caspar wehmtiger Erinnerung
berlassen; der dstere Turm barg die grten Schrecknisse seines
Lebens, und wenn er auf die Stadt niederschaute, wo zwinkernde Lichter
aus vielen Fenstern das dunkelverschlungene Gassengewirr belebten,
vernahm er mit ganz andern Gefhlen die Stundentne der Glocke; jetzt
band und einte die Zeit ihre Schlge und zerri sie nicht mehr zu Pausen
des Grauens.

Der Lord wurde nicht mde zu erzhlen. Er erzhlte von seinen Reisen. Er
verstand es, Dinge und Begebenheiten mit einfachen Worten zu malen.
Caspar erfuhr von den Alpen und da dort Berge mit ewigem Schnee seien
und glckliche Tler, wo freie Menschen lebten. Er sah Italien -- das
Wort war schon ein Rausch--, geschmckte Kirchen, enorme Palste,
Grten mit wunderbaren Statuen, voller Rosen, Lorbeer und Orangen, einen
mrchenhaft blauen Himmel und die schnsten Frauen. Er sah das Meer und
Schiffe mit blanken Segeln auf der Flut. Seine Sehnsucht wurde so gro,
da er manchmal pltzlich lachen mute. Einmal wirklich dort sein drfen
in den Lndern der Sonne und der unbekannten Frchte, dort sein drfen,
und das bald, solche Hoffnung machte das Herz stillstehen. Es war eine
Freude, die weh tat.

An einem regnerischen Abend befanden sie sich im Hotel. Der Lord ffnete
eine Truhe und zeigte einiges von den Schtzen, die er auf seinen Reisen
gesammelt. Da waren seltene Mnzen und Steine; Kupferstiche, Statuetten,
Gemmen, Kameen, Perlen und altertmliches Geschmeide; ein geweihter
Rosenkranz aus dem Heiligen Land; ein silberner Becher mit kunstvoll
gravierten Figuren; eine Bibel mit den herrlichsten Initialen und
Malereien, ein Damaszenerdolch mit goldenem Griff, der Siegelring eines
Papstes, ein indischer Mantel aus Seide, bestickt mit Sternen; ein
pompejanisches Lmpchen und altfranzsische Porzellanvschen und vieles
andre, alles seltsam, alles fremdartig, alles mit einem Duft von weiter
Welt und groem Schicksal.

Das habe ich vom Kurfrsten von Mainz bekommen, sagte der Lord etwa,
und dies ist ein Geschenk des Herzogs von Savoyen; diese schne
Miniature habe ich bei einem Hndler in Barcelona gekauft, und dies
Tonfigrchen stammt aus Syrakus. Da ist ein Talisman, den hat mir Scheik
Abderrahman verehrt, und diese orientalischen Stoffe hat mir meine Base
aus Syrien geschickt; sie ist eine wunderliche Person, zieht mit
Arabern und Beduinen durch die Wste, schlft in Zelten und treibt
Alchimie und Astrologie.

Welche Laute, welche Fernen! Mit offenbarer Lust schrte der Graf das
Feuer des Verlangens in Caspar. Vielleicht nahm er es mit seinen
Verheiungen ernst. Vielleicht bereitete es ihm blo eine Wonne, Wunsch
und Lste aufzupeitschen. Vielleicht war es nur ein Spiel der Rede.
Vielleicht aber das furchtbare Vergngen, dem Vogel im Bauer, im nie zu
ffnenden, so lange vom Flug durch den goldnen ther zu erzhlen, bis
endlich der jubelnde Freiheitsgesang durch seine Kehle bricht.

Wie er sprach, wie er die Worte besa! Zwischen den Lippen und den
weien Zhnen spielte das Lcheln wie ein listiges Tierchen. Er war
nicht gleichmig heiter. Was war das? Oft zog Finsternis ber sein
Gesicht. Bisweilen pflegte er aufzustehen und wie ein Lauscher an die
Tr zu treten. Seine Liebkosungen waren nicht selten voll Schwermut,
dann sa er wieder schweigend da, und sein suchender Blick glitt dster
an dem Jngling vorber. Da fate Caspar einmal Mut und fragte: Bist du
denn eigentlich glcklich, Heinrich?

Glcklich, Caspar? O nein. Glcklich, was sprichst du da? Hast du schon
von Ahasver gehrt, dem ewigen Juden, dem ewigen Wanderer? Er gilt als
der unglcklichste aller Menschen. Ach, ich mchte mein Leben vor dir
aufblttern, denn auf seinen dunkeln Seiten liegt der Gram. Aber ich
darf nicht, ich kann nicht. Spter vielleicht, wenn dein eignes Geschick
sich entschieden hat, wenn du mit mir in meine Heimat gehst...

Ist denn das mglich, wird denn das sein?

Es schttelte den Lord pltzlich; es war, als werfe er einen Mantel ab
oder wolle sich einem unsichtbaren Druck entziehen. Eine krampfhafte
Lebendigkeit ergriff ihn, er begann von Caspars knftiger Gre zu
sprechen, doch wie stets nur in geheimnisvollen Wendungen und mit der
feierlichen Ermahnung zur Verschwiegenheit. Ja, er sprach von Caspars
Reich, von seinen Untertanen, und das zum erstenmal, wie einem Zwang
gehorchend, selber schaudernd, selbst zitternd, immer von neuem das
Gelbnis des Schweigens betonend, hingerissen von einem Phantom
gleichsam und alle Gefahr vergessend. Ich will dich fhren; ich will
deine Feinde zermalmen, du bist tausendmal mehr wert als jeder einzelne
von ihnen. Wir gehen zuerst nach dem Sden, um sie irrezufhren, dann
fliehen wir zu mir nach Hause, schaffen uns einen Hinterhalt, von wo die
Verfolger zu treffen sind, wo man Krfte sammeln kann fr den
entscheidenden Schlag.

Wieder zur Tr; wieder lauschen; nachsehen, ob kein Horcher versteckt
sei. Dann, ngstlich ablenkend, schilderte der Graf seine Heimat, den
Frieden eines englischen Landsitzes, die herrenhafte Unabhngigkeit auf
erbgesessenem Gebiet; die tiefen Wlder und klaren Flsse, die
balsamische Luft, das behagliche Weilen berall, Frhling, Herbst und
Winter, eingeschlossen in einem Ring unschuldiger Gensse.

In solchen Bildern lag etwas von der Wehmut reuigen Gewissens und dem
Schmerz eines auf immer Verstoenen. Zum andern Teil aber enthielten sie
viel von der modischen Empfindsamkeit, die auch das verhrtetste Gemt
unter Umstnden davon schwrmen lie, seine selbstgeschaffene Unrast am
Busen der Natur zu besnftigen. Und dann sprach er doch von seinem
Leben. Er wute sich als einen Mann darzustellen, der, vielbeneidet, mit
Ehren und mtern und greifbaren Glcksgtern beladen, gleichwohl das
Opfer feindlicher Mchte ist. Das Schicksal trat in romantischer
Verkleidung auf und jagte den Sohn eines verfluchten Geschlechts unstet
von Land zu Land. Vater und Mutter tot, ehemalige Freunde gegen den
edeln Spro des Hauses verschworen und er, ein Mann von fnfzig Jahren,
ohne Heim und Weib und Kind, Ahasver!

Derlei Enthllungen ffneten wie nichts sonst Caspars Herz der
Freundschaft. Denn da war endlich einer, der sich gab, sich ffnete, die
Vermummung abwarf. Es war bitterse Lust, die angebetete Gestalt den
Sockel verlassen zu sehen, auf dem sie fr alle brigen thronte.

Was ihn betrifft, er bot in dieser Zeit das Schauspiel eines ruhenden
Menschen; auen und innen ruhend, gelst von hemmender Fessel, Blick und
Gebrde gelst, die Gestalt aufgerichtet, die Stirn wie entschleiert,
die Lippen geschwellt von einem bestndigen Lcheln.

Er wurde seiner Jugend inne. Er dehnte sich aus, es war ihm, als sei er
ein Baum und seine Hnde wie Zweige voller Blten. Ihm schien, als
strme sein Blut einen Wohlgeruch aus; die Luft schrie nach ihm, das
Land schrie nach ihm, alles war voll von ihm, alles nannte seinen Namen.

Er pflegte manchmal laut mit sich selbst zu reden, und wenn er dabei
berrascht wurde, lachte er. Die Leute, die mit ihm in Berhrung kamen,
waren bezaubert; sie fanden kein Ende, die ber alles liebliche
Erscheinung zu preisen, in der Kind und Jngling zu rhrendem Verein
gediehen waren. Es gab junge Frauen, die ihm zrtliche Briefchen
schrieben, und Herr von Tucher wurde vielfach mit Bitten belstigt, ihn
von einem Maler konterfeien zu lassen.

Das ble Gerede gegen ihn war auf einmal wie verblasen. Keiner wollte je
etwas Schlechtes gesagt haben, die eingefleischten Widersacher duckten
sich, die ganze Stadt warf sich pltzlich zu seinem Beschtzer auf. Es
hie mit immer khnerer Deutlichkeit, man msse ihn gegen die
Machenschaften des englischen Grafen in Schutz nehmen.

Eines Tages mute Stanhope zu seiner grten Bestrzung wahrnehmen, da
er von allen Seiten peinlich berwacht und behorcht war. Er mute sich
entschlieen zu handeln.




Die geheimnisvolle Mission und was ihrer Ausfhrung im Wege steht


Schon lange hie es an allen Wirtshaustischen, der Lord wolle Caspar
Hauser an Sohnes Statt annehmen. In der Tat stellte Stanhope Mitte Juni
den frmlichen Antrag an den Magistrat, ihm den Jngling zu berlassen,
er wnsche fr seine Zukunft zu sorgen. Der Magistrat lie durch den
Brgermeister erwidern: zum ersten, da ein solches Ersuchen #in pleno#
vorgetragen werden msse; zum zweiten, da der Lord vor allem den
Nachweis eines hinlnglichen Vermgens erbringen msse, damit die Stadt
eine sichere Gewhr fr das Wohlergehen ihres Pfleglings habe.

Stanhope nahm den Bescheid sehr ungndig auf. Er ging zum Brgermeister,
zeigte ihm seine Orden, die Beglaubigungen fremder Hfe, sogar
vertrauliche Briefe hoher Frstlichkeiten; Herr Binder, bei aller
Ehrfurcht vor Seiner Lordschaft, bedauerte, den einstimmigen Beschlu
des Kollegiums nicht rckgngig machen zu knnen.

Der Graf war unvorsichtig genug, in einer Gesellschaft, wo er zu Gast
geladen war, seine Geringschtzung gegen das pedantisch-berhebliche
Brgerpack zu uern. Dies wurde ruchbar, und obgleich er sich beeilte,
in einem Brief an den Magistratsvorstand sein Benehmen zu entschuldigen
und es als einen durch Weinlaune verursachten Ausbruch verzeihlichen
rgers hinzustellen, machte die Sache doch bses Blut. Der Argwohn war
einmal geweckt. Man wollte wissen, da er in seinem Hotel hufig
Persnlichkeiten von zweifelhaftem Aussehen empfange, mit denen er
hinter verschlossenen Tren lange Verhandlungen fhrte. Wie kommt es
berhaupt, fragte man sich, da der angeblich so reiche und vornehme
Mann sein Quartier in einem Gasthaus zweiten Ranges nimmt? Frchtet er
am Ende, von seinen eignen Landsleuten gesehen zu werden, wenn er wie
sie im Adler oder im Bayrischen Hof wohnt? Dies schien plausibel,
wenn man einer unverfolgbaren Nachricht trauen durfte, die irgendwer
eines Tages verbreitete und nach welcher der Lord ehedem als
Trakttchenverkufer im Dienst der Jesuiten in Sachsen herumgezogen sei.

Stanhope beeilte sich zu reisen. Er stattete dem Brgermeister in
seiner Kanzlei einen Abschiedsbesuch ab und sprach von dringlichen
Geschften, die ihn wegberiefen; bei seiner Rckkunft werde er den
geforderten Vermgensnachweis vorlegen. Zugleich deponierte er
fnfhundert Gulden in guten Scheinen, welche Summe ausschlielich fr
die kleinen Wnsche und Bedrfnisse seines Lieblings zu verwenden sei.
Der Brgermeister wandte ein, da eigentlich Herr von Tucher die
Verwaltung dieses Geldes bernehmen msse, doch der Lord schttelte den
Kopf und meinte, in Herrn von Tuchers Verfahren liege zu viel vorgefate
Strenge, er handle nach einem erdachten Ideal von Tugend, eine so zarte
Lebenspflanze knne nur in liebevollster Nachsicht aufgezogen werden.
Seien wir doch eingedenk, da das Schicksal eine alte Schuld an Caspar
abzutragen hat und da es engherzig ist, immerfort hemmen und
beschneiden zu wollen, wo die Natur selbst gegen den Willen der Menschen
ein so herrliches Gebilde erzeugt hat.

Der Ernst dieser Worte wie auch das hoheitsvolle Wesen des Lords machten
groen Eindruck auf den Brgermeister. Er sprach nochmals sein Bedauern
darber aus, da die Absichten des Grafen nicht sogleich verwirklicht
werden konnten, und versicherte, da die Stadt es sich stets zur Ehre
rechnen wrde, einen solchen Gast in ihren Mauern zu beherbergen.

Von hier begab sich Stanhope unverweilt zu Herrn von Tucher. Man sagte
ihm, der Baron sei mit einigen Bekannten auf die Jagd geritten, auch
Caspar sei ausgegangen, msse aber in Blde zurckkehren, er mge zu
warten geruhen. Ungeduldig schritt er in dem groen Salon auf und ab.
Er nahm die Brieftasche heraus, zhlte Geld, notierte mit dem Bleistift
Ziffern auf ein Blatt, wobei er mit den Zhnen knirschte und der feine
weie Hals sich langsam dunkelrot frbte wie bei einem Trinker. Er
stampfte auf den Boden, das Gesicht war frmlich aufgerissen, der Blick
glitzerte. Gottverdammte Bestien, murmelte er, und auf den schmalen
Lippen lag eine wilde Verachtung.

Da war nichts mehr von der Gemessenheit und Wrde des Edelmanns. O, Herr
Graf, mu der Vorhang des ffentlichen Theaters nur fr eine
Viertelstunde fallen, damit der Schauspieler, berdrssig der
gutgelernten Rolle, sein geschminktes Antlitz zu furchtbarer Wahrheit
verndere? Schade, da kein Spiegel in dem Raum angebracht war,
vielleicht htte er den Lord zur Besinnung gebracht und zur Behutsamkeit
ermahnt, denn es brauchte ja nur schnell eine Tr aufzugehen, und das
Stck begann von neuem. Aber zeugte dieser Umstand nicht zugunsten des
Grafen? Wre mehr Beherrschung nicht ein Beweis von grerer Kunst
gewesen? Der echte Komdiant tragiert sein Spiel auch leeren Rumen vor
und macht selbst die Wnde zu Zuschauern. In dieser Brust aber waren
noch Stimmen des Verrats, in ihrer Tiefe war noch Sturm, ihr dumpfes
Hhlengetier hatte noch Augen, die vom Strahl der Wandelbarkeit
getroffen wurden.

Es scheint, da der Lord ein schlechter Rechner war, denn die
aufgestellten Zahlen wollten nicht das notwendige Ergebnis liefern, so
da er immer wieder von neuem begann und mit gerunzelter Stirn einzelne
Posten auf ihre Richtigkeit prfte. Fr Popularittszwecke entschieden
zu wenig, sagte er mrrisch, eine uerung, deren Unbedachtsamkeit
dadurch gemildert war, da sie in englischer Sprache getan wurde. Dann
noch ein sonderbares Wort, unheimlich anzuhren, nicht wie aus einem
geistreichen Schauspiel, sondern wie aus einem Ruberdrama: Wenn der
Graue sich wieder blicken lt, will ich ihn in den Schwanz kneifen;
seine Beute ist wahrhaftig gro genug. Kronen sind keine Marktware, er
mag ehrlicher im Teilen sein.

Beklagenswerter Lord! Auch die Einsamkeit hat ihre Laute. Durch eine
schlechtverschlossene Fensterspalte zwngt sich der Wind, und es gleicht
einer Stimme, oder das Holz der jahrhundertalten Mbel zieht sich
zusammen, und es klingt wie ein Schu oder wie ein Miniaturgewitter.
Zudem war Graf Stanhope aberglubisch; das Rieseln der Kalkkrner hinter
den Tapeten erinnerte ihn an den Tod; wenn er mit dem linken Fu ein
Zimmer betrat, wurde ihm bel und ngstlich. Dies war hier geschehen; er
nahm sich zusammen und schwieg, um so mehr als er vom Flur herauf
Caspars helle Stimme hrte; er begab sich wieder in seine Rolle, die
Augen gewannen ihren gazellenhaften Glanz zurck, er holte einen Band
Rousseauscher Schriften aus dem Bcherregal in der Ecke, setzte sich in
den Lehnstuhl und begann mit sinniger Miene zu lesen.

Und doch, als Caspar eintrat, als das freudeverklrte Antlitz aus dem
Dmmer tauchte, da zitterte empfundener Schmerz ber die Zge des Lords
und eine pltzliche Verzagtheit raubte ihm die Sprache. Ja, er wurde
verwirrt, er lenkte den Blick abseits, und erst als Caspar, durch das
fremdere Wesen betroffen, ihn leise anrief, brach er das Schweigen; es
lag nahe, die bevorstehende Reise als Grund der Verstimmung anzufhren,
aber der Zustand inneren Zurckbebens und jhen Wankelmutes in solchen
Augenblicken war dem Lord nicht unbekannt, wenngleich er sich heute
strker als sonst fhlbar machte. Ihm war dann, als ob der Anblick des
Jnglings den vorgesetzten Willen lhme, als ob mhsam aufgebaute Plne
zusammenbrchen, wie von einem Orkan gefat, so da er das Werk wieder
von vorn beginnen konnte, wenn er allein war und sich erholt hatte; er
glich dann der Penelope, die, was sie tagsber kunstvoll gesponnen, bei
Nacht wieder in seine Fden trennte.

Caspars wehmtige Klage bei der unerwarteten Kunde wurde nicht
beschwichtigt durch den Hinweis, da sein eignes Wohl diese Trennung
erforderlich mache, auch nicht durch die Versicherung Stanhopes, da er
sobald als mglich, vielleicht schon nach Verlauf eines Monats,
zurckkehren werde. Caspar schttelte den Kopf und sagte mit erstickter
Stimme, die Welt sei gar zu gro; er umklammerte den Freund und bat
flehentlich, mitgenommen zu werden, der Graf solle den Diener entlassen,
er, Caspar, wolle dienen, er brauche kein Bett, auch keinen Lohn, er
wolle wieder von Brot und Wasser leben. Ach, tu es, Heinrich! rief er
unter Trnen. Was soll ich denn ohne dich hier anfangen?

Der Lord stand auf und befreite sich sanft aus den Armen des Jnglings.
Der Trost, den er spenden durfte, rettete ihn vor sich selbst und
verlieh seinen Worten greres Gewicht. Da du so kleinmtig bist,
Caspar, beweist ein kleines Vertrauen zu mir, sagte er, wie kannst du
nur glauben, da Gott, der uns endlich vereinigt hat, uns nun wieder
voneinander reien wird? Das hiee seine Weisheit und Gte verdchtigen.
Die Welt ist ein Bau von hoher Harmonie, und der Mensch findet sich zum
Menschen durch ein auserwhltes Gesetz; halte du deine Bestimmung fest,
so tragen dich Raum und Zeit ans Ziel, und ob ich eine Stunde lang oder
wochenlang von dir fort bin, gilt gleichviel vor der Gewiheit der
Erfllung. Wartet doch mancher bis zum Tod auf den Erlser und wird
nicht ungeduldig. Auch mut du dich beherrschen lernen, Caspar;
Frstenshne weinen nicht.

Es war mittlerweile dunkel geworden; der Lord fhrte Caspar zum offenen
Fenster und sprach bewegt: Blick auf zum Himmel, Caspar, schau, wie die
Sterne durch das Firmament brechen! In diesem Zeichen wollen wir uns
erkennen.

Mit Befriedigung bemerkte Stanhope, da Caspar nachdenklich wurde und,
feierlich gestimmt, sich der zgellosen Verzweiflung schmte, die keinen
Zwang des Wechsels anerkennen, keine Zukunft gegen die beglckte
Gegenwart in Kauf nehmen wollte. Es war, als spre Caspar die hhere
Notwendigkeit, welche die Schicksale steigert und heimlich ineinander
stickt; vielleicht erwachte sein verwundert umherschauendes Auge in
dieser Stunde zum Begreifen und der Damm, der den Strom der Sehnsucht
hemmte, wurde eine Kraft der Seele; die besiegte Leidenschaft adelt den
Jngling zum Mann. Frstenshne weinen nicht; ein starkes Wort; der
leise Windhauch, der die Vorhnge bauschte, flsterte es nach.

Der Lord schaute auf die Uhr und erklrte, da er Eile habe, er wolle
der Hitze wegen die Nacht durch fahren. Vor dem Wagen unten nahm er
Abschied; Stanhope reichte Caspar einen kleinen mit Goldstcken
gefllten Beutel; er gebot ihm, damit nach seinem Belieben zu schalten
und keiner Einrede Gehr zu leihen.

Diese unbedachte oder vielleicht schlau berechnete Weisung verschuldete
ein ernstes Zerwrfnis zwischen Caspar und seinem Vormund. Herr von
Tucher erfuhr von dem abermaligen Geschenk des Grafen und verlangte, da
Caspar ihm das Geld abliefere. Caspar weigerte sich wiederum, Herr von
Tucher bestand jedoch mit seiner ganzen Autoritt darauf, und er wrde
Gewalt angewendet haben, wenn nicht Caspar, eingeschchtert durch
Drohungen wie durch das Gefhl der Abwesenheit seines mchtigen
Freundes, klein beigegeben htte. Doch verharrte er in dumpfer
Auflehnung, und dies brachte Herrn von Tucher auer sich. Ich werde
dich aus dem Haus stoen, rief er, nicht mehr fhig, sich zu
beherrschen, ich werde deine Schande der Welt offenbaren; man soll dich
endlich kennen lernen, du Schlack!

Caspar, betrbt und erregt, glaubte in seiner Weise ebenfalls drohen zu
sollen. Ach, wenn das der Graf wte, der wrde Augen machen! sagte er
erbittert und mit naiver Bedeutsamkeit, als ob es in der Macht des
Grafen lge, jedes Unrecht zu shnen.

Der Graf? Auch gegen ihn machst du dich ja des Undanks schuldig,
versetzte Herr von Tucher. Wie oft hat er mir versichert, er habe dich
zur Folgsamkeit und Treue ermahnt, habe dich himmelhoch gebeten, deinen
Wohlttern keinen Anla zur Klage zu geben. Du aber miachtest sein
Gebot und bist seiner gromtigen Liebe ganz und gar unwrdig.

Caspar erstaunte. Von solchen Ratschlgen des Grafen wute er nichts,
eher vom Gegenteil; er bestritt daher, da der Lord dergleichen gesagt
habe. Da schalt ihn Herr von Tucher mit verchtlicher Ruhe einen Lgner,
woraus ersichtlich ist, da das so weise aufgerichtete Erziehungssystem
sich nicht einmal fr seinen Schpfer als tragfhig genug erwies, um
Ausbrche emprter Leidenschaft und verwundeten Selbstgefhls
hintanzuhalten.

Die Grundstze waren endgltig in die Flucht geschlagen. Herr von Tucher
war des unerquicklichen Kampfes mde; obwohl entschlossen, Caspar nicht
lnger zu behalten, verschob er die Ausfhrung seines Vorsatzes bis zur
Rckkehr des Grafen. Um nicht durch Caspars Anblick der bestndigen Pein
der Enttuschung ausgesetzt zu sein, folgte er der Einladung eines
Vetters und begab sich fr den Rest des Sommers auf ein Landgut in der
Nhe von Hersbruck, wo seine Mutter schon seit drei Monaten weilte. Da
es Ferienzeit war und der Lehrer ohnedies nicht ins Haus kam, brauchte
er fr den Unterricht Caspars keine Manahmen zu treffen; er empfahl ihm
fleiiges Eigenstudium, trug Sorge fr seine tglichen Bedrfnisse, lie
ihm vier Silbertaler an Taschengeld zurck und ging nach kaltem
Abschied, die Aufsicht ber ihn der Polizei und einem alten Diener des
Hauses berlassend.

Caspar zhlte die Tage und durchstrich jeden vergangenen mit roter
Kreide auf dem Kalender. Das lautlose Haus, die verdete Gasse, in der
die Sonne brtete, lieen ihm das Alleinsein stetig fhlbar werden.
Gesellschaft hatte er keine, Fremde, die noch immer zahlreich kamen,
zahlreicher noch, seit die passionierte Teilnahme eines Lord
Chesterfield den Findling wie mit einem Nimbus umgab, wurden nicht
zugelassen, die frheren Bekannten aufzusuchen hatte er keine Lust.

Am Abend nahm er manchmal sein Tagebuch zur Hand und schrieb; da war ihm
dann der Freund nher, es glich einer Unterhaltung mit ihm durch die
trennende Ferne. Ohne das Gelbnis des Stillschweigens ber das, was
Stanhope ihm anvertraut, zu vergessen, wurde doch auf solche Weise das
Papier zum Mitwisser der mysterisen Andeutungen. Aber aus seiner Art,
sie zu fassen, erhellte klar, da er sich im mindesten nicht dabei
zurechtfinden konnte. Es war ein Mrchen. Er verstand nicht den Bau der
Ordnungen, nicht das labyrinthisch verschlungene Gefge der menschlichen
Gesellschaft. Noch war das Schlo mit seinen weiten Hallen ein Traum: da
wehten die Schauer unbekannter Sterne. Nur heimzugehen war sein Wunsch,
dies Wort hatte Sinn und Kraft. Wehe, wenn er zum Begreifen erwachte;
erst wenn die Finsternis entwichen, kann der verirrte Wanderer ermessen,
wie weit er von seinem Ziel verschlagen worden.

Anfangs September erhielt Caspar die erste kurze Nachricht vom Grafen,
die auch dessen bevorstehende Rckkehr meldete. Seine Freude war gro,
doch war ihr ein ahnender Schmerz zugemischt, als knne es zwischen ihm
und dem Freund nicht mehr werden wie vordem, als htte die Zeit sein
Antlitz verwandelt. Bei jedem Wagenrollen, jedem Luten am Tor dehnte
sich sein Herz bis zum Springen. Als der Erwartete endlich erschien,
war Caspar keines Lautes mchtig; er taumelte nur so und griff um sich,
wie wenn er an der Wahrheit der Erscheinung zweifle. Der Lord vernderte
Haltung und Miene; es sah aus, als verschiebe er ein vorgesetztes
Anderssein fr spter, das Lauern seiner Blicke versank in der weicheren
Regung, in die der Jngling ihn stets versetzte, der einzige Mensch
vielleicht, dem er Macht ber sein Inneres zugestehen mute und dessen
Geschick er zugleich hinter sich herschleifte wie der Jger das
erbeutete Wild.

Er fand Caspar schlecht aussehend und fragte ihn, ob er genug zu essen
gehabt habe. Der Bericht ber die mit Herrn von Tucher vorgefallenen
Streitigkeiten entlockte ihm nur Sarkasmen, doch schien er nicht weiter
migelaunt darber. Hast du denn bisweilen an mich gedacht, Caspar?
erkundigte er sich, und Caspar antwortete mit dem Blick eines treuen
Hundes: Viel, immer. Dann fgte er hinzu: Ich habe sogar an dich
geschrieben, Heinrich.

An mich geschrieben? wiederholte der Lord verwundert. Du wutest doch
meinen Aufenthalt nicht!

Caspar drckte die Hnde zusammen und lchelte. In mein Buch hab' ich's
geschrieben, sagte er.

Der Graf wurde nervs, doch stellte er sich zutraulich. In welches
Buch? Und was hast du denn geschrieben? Darf ich's nicht lesen?

Caspar schttelte den Kopf.

Also Heimlichkeiten, Caspar?

Nein, keine Heimlichkeiten, aber zeigen kann ich dir's nicht.

Stanhope brach das Gesprch ab, nahm sich aber vor, der Sache auf den
Grund zu gehen.

Er war wieder im Wilden Mann abgestiegen, doch lebte er anders als
vorher. Zu jeder Mahlzeit bestellte er Champagner und teure Weine und
trieb den grten Aufwand, als sei es ihm darum zu tun, Reichtum zu
zeigen. Er brachte seine eigne Equipage mit, deren Rder vergoldet
waren, whrend am Schlag Wappen und Adelskrone prangten. Als
Dienerschaft hatte er einen Jger und zwei Kmmerlinge, und diese drei
Betreten erregten das Staunen der Nrnberger.

Er sumte nicht, sein Ansuchen um die berlassung Caspar Hausers zu
erneuern. Zum Beleg seines gnstigen Vermgensstandes wies er, scheinbar
nur nebenbei, auf die Kreditbriefe hin, die er seit seiner Rckkunft
beim Marktvorsteher Simon Merkel deponiert hatte. Es lag darin eine
Gebrde von Prahlerei, als seien so geringfgige Summen kaum der Rede
wert; in der Tat aber waren die Akkreditive, von deutschen
Wechselhusern aus Frankfurt und Karlsruhe ausgestellt, von riesiger
Hhe.

Der Magistrat sah sich jedes stichhaltigen Einwands gegen die Wnsche
des Lords beraubt. In der Versammlung der Stadtvter wurde die Frage
aufgeworfen: ja warum? Was will er eigentlich mit dem Hauser? Darauf las
Brgermeister Binder mit besonderem Nachdruck eine Stelle aus der
Zuschrift des Grafen vor, worin es hie: Der Unterzeichnete fhlt um so
mehr den Beruf, sich des unglcklichen Findlings anzunehmen, als er bei
langem Umgang mit ihm die selbst einem Vaterherzen wohltuende Erfahrung
gemacht hat, wie sehr ihm dies kindliche Gemt in liebender
Anhnglichkeit und Dankbarkeit ergeben ist.

Fragen wir also den Hauser selber, hie es, man mu wissen, ob er
Lust hat, dem Grafen zu folgen.

Caspar wurde vor Gericht zitiert. In tiefer Bewegung erklrte er, er sei
berzeugt, da der Herr Graf den innigsten Anteil an seinem Schicksal
nehme, erklrte, mit dem Grafen gehen zu wollen, wohin ihn dieser auch
fhren werde.

Trotz alledem verzgerte sich die frmliche Bewilligung des Magistrats
durch eine Reihe erst scheinhafter und ungreifbarer Umstnde, die aber
nach und nach zu entschiedenem Widerstand erwuchsen, bis sie sich
schlielich in einer einzelnen Stimme Gehr verschafften, welcher
niemand zu widerstehen wagte.

Der bermige Eifer des Lords, sich der Person Caspars zu versichern,
rhrte den unterirdisch murrenden Argwohn immer wieder empor. Sein
pomphaftes Auftreten mifiel dem Brger, der einer bescheidenen
Lebensfhrung, auch bei Groen, mehr Vertrauen entgegenbrachte als einer
Verschwendungssucht, die nur die schlechten Instinkte des Pbels nhrte.
Es erbitterte, wenn der Graf in seiner Prunkkarosse daherfuhr, mit
Absicht die belebtesten Pltze whlte und nach rechts und links
Kupfermnzen ins Volk streute, das sich dann, jeder Wrde bar, vor dem
in nachlssiger Leutseligkeit thronenden Fremdling im Kot wlzte.

Man sprach davon, da Stanhope vom Marktvorsteher Merkel auf die
Kreditbriefe hin hohe Summen entlehnt habe. Merkel, wenngleich er
gesichert schien, wurde zur Vorsicht ermahnt; es lief das Gercht, der
Lord drfe die Papiere gar nicht angreifen oder doch nur bis zu einer
vorgeschriebenen Grenze.

Mittlerweile war Herr von Tucher vom Land zurckgekehrt. Die Entwicklung
der Dinge war ihm bekannt; er wollte fr seinen Teil ein klares Ende
herbeifhren. Er richtete an den Lord einen ziemlich weitlufigen Brief,
in welchem er ihn schlielich vor die Wahl stellte: entweder den
Jngling ganz zu sich zu nehmen und ihn, den Baron, damit seiner
Verantwortlichkeitspflicht zu entheben, oder einen jhrlichen Beitrag
auszusetzen, welcher es ermgliche, Caspar einem verstndigen und
gebildeten Mann vollstndig zu bergeben; in letzterem Falle msse Seine
Herrlichkeit allerdings die Gte haben, jedem Verkehr mit Caspar
schriftlich wie mndlich fr die Dauer mehrerer Jahre zu entsagen; er
seinerseits wrde sich dafr gern verbinden, dem Lord regelmigen
Bericht ber Caspars Tun und Treiben abzustatten.

In der sonstigen Fassung des Schreibens herrschte jedoch die gebotene
Devotion vor. Mit dem wrmsten Dank habe ich, hochzuverehrender Herr,
die zahllosen Beweise des Wohlwollens anzuerkennen, mit denen Sie mich
seit den wenigen Wochen Ihres Hierseins berschttet haben, hie es
unter anderm; aus dem Grund meiner Seele habe ich die ungeheuchelte
Verehrung an den Tag zu legen, zu welcher mich Ihre Herzensgte und Ihr
seltener Edelmut zwingen. Aus dieser Gesinnung entspringt mir auch die
Pflicht des Vertrauens, zu der Sie mich so oft aufgefordert haben, und
so trete ich vor Ihnen, edler Mann, geraden und offenen Sinnes auf mit
der Zuversicht, da Sie meinen Worten ein geneigtes Ohr schenken
werden. Caspar ist nicht der, fr den Sie ihn zu halten scheinen. Wie
konnten Sie auch dieses wunderliche Zwitterding kennen lernen, da ihn ja
im Umgang mit Ihnen, dem er alles verdankt und von dem er alles
erwartet, was sein Sinn begehrt, auch alles dazu einlud, im besten Licht
zu leuchten. Herr Graf! Sie haben ihm eine Freundschaft bezeigt, wie man
sie nur einem Gleichgestellten schenkt. Bei der unbegrenzten Eitelkeit,
mit welcher die Natur neben so reichen Gaben seine Seele verunstaltet
hat und die von einfltigen Menschen hier noch grogezogen wurde, haben
Sie unschuldigerweise ein Gift in sein an sich schon krankes Wesen
gemischt, das kein Seelenarzt, auch nicht der geschickteste, wird jemals
wieder daraus entfernen knnen. Ich bin von nichts weiter entfernt, als
Ihnen damit einen Vorwurf zu machen, ich bitte Sie instndig, auch nicht
einen solchen finden zu wollen. Sie sind auer Schuld. Aber feststellen
mu ich, da whrend der ganzen Zeit, die Caspar in meinem Hause weilte,
kein Anla war, mit ihm unzufrieden zu sein, whrend er seit Ihrem
Aufenthalt dahier, ich sage es mit blutendem Herzen und mit der
Zaghaftigkeit, die mir Liebe und Ehrfurcht gegen Sie, vortrefflicher
Mann, gebieten, wie umgewandelt und verkehrt ist.

Eine solche Sprache mute auch dem verwhntesten Ohr schmeicheln.
Nichtsdestoweniger gab sich Lord Stanhope den Anschein, durch den Brief
des Freiherrn herausgefordert und verletzt worden zu sein, sprach auch
berall in Gesellschaft davon. In einer Eingabe an das Kreisgericht in
Ansbach, die sich als notwendig erwiesen und worin er seine
Bereitwilligkeit anzeigte, nicht nur whrend seines Lebens fr Caspar
Hauser zu sorgen, sondern auch dessen Erhaltung fr den Fall seines
Todes zu sichern, erwhnte er, da zwischen ihm und Herrn von Tucher
Verhltnisse eingetreten seien, die ihm fr jetzt und knftig jeden
Verkehr unmglich machten; es sei deshalb von Wichtigkeit, da Caspar
tunlichst bald in eine andre Umgebung versetzt werde.

Hofrat Hofmann in Ansbach beeilte sich, Herrn von Tucher von der
verhllten Anklage des Lords zu unterrichten. Herr von Tucher war auer
sich. Er teilte der Behrde seinen an Stanhope gerichteten Brief
wrtlich mit, schilderte noch einmal und in dsteren Farben den
unheilvollen Einflu des Grafen auf Caspars Charakter und ersuchte um
schleunige Decharge von einer Vormundschaft, die ihm, wie er sich
ausdrckte, Sorgen, Plagen und Lasten und zuletzt noch Undank und
Verargung seines redlichen Willens zugezogen habe. Da das Ansbacher Amt
ein Gutachten ber die Person des Lords gewnscht, schrieb er zurck, er
habe den Herrn Grafen als einen seltenen Mann von ausgezeichneten
Eigenschaften kennen gelernt. Das Gercht bezeichne ihn als sehr
vermglich, er selbst behaupte, eine jhrliche Rente von zwanzigtausend
Pfund Sterling, also dreimalhunderttausend Gulden, zu genieen, welches
Einkommen ihn brigens als Earl und erblichen Pair von Grobritannien
noch keineswegs unter die reichen Edelleute seines Landes setze.
Vorausgesetzt, da die hochlbliche Kuratelbehrde gengende Sicherheit
erlangt, schlo er sein mchtig langes Schreiben, auch solche, die
ber gewisse bedenkliche Konjunkturen in England Aufschlu gibt, habe
ich als Vormund gegen die Adoption Caspar Hausers durch Lord Stanhope,
sonderlich in finanzieller Hinsicht, nichts einzuwenden.

Ein umstndliches Verfahren, ein endloser Instanzenweg. Stanhope
zappelte schon vor Ungeduld und Wut. Doch schienen ungeachtet des
geschftigen Klatsches und der widerstreitenden Meinungen alle
Hindernisse beseitigt, und er sah sich dem von Anfang an mit langsamer
Zhigkeit verfolgten Ziele nahe, als pltzlich alles wieder vernichtet
wurde. Der Prsident Feuerbach legte nmlich sein Veto ein gegen die
Entfernung Caspars aus Nrnberg. Er schickte einen Privatboten an den
Brgermeister Binder und lie ihn wissen, da er soeben von seiner
Badekur in Karlsbad zurckgekommen und was im Werke sei als vollkommene
Neuigkeit vernehme. Er untersagte jede Entscheidung, bevor er den ihm
verworren und verdchtig erscheinenden Fall geprft und die
auszufhrenden Schritte gutgeheien habe.

Der Brgermeister fand sich verbunden, den Lord sogleich von der neuen
Wendung der Dinge in Kenntnis zu setzen. Stanhope empfing und las das
Briefchen Binders in seinem Hotel gerade whrend man ihn rasierte. Er
stie den Bader beiseite, sprang auf und rannte, noch mit dem
Seifenschaum auf seiner Wange, heftig erregt durch das Zimmer. Es
dauerte geraume Zeit, bis er sich seiner Toilettenpflicht wieder
erinnerte; er zerri den Zettel, den ihm Binder geschickt, in hundert
kleine Stcke und sa dann unter dem Rasiermesser mit einem Gesicht so
voll Ha und Galle, da die Hand des erschrockenen Barbiers zu zittern
begann und er sich nach vollendeter Arbeit eilig aus dem Staube machte.

Zu spt bedachte der Graf, da er sich vergessen habe; aber wie
empfindlich mute der Schlag sein, der ihn getroffen, wenn dadurch die
eherne Ruhe und Zurckhaltung eines so vom Zweck Umpanzerten erschttert
werden konnte!

Mit fliehender Hand schrieb er einige Zeilen, schlo und siegelte den
Brief, lie den Jger kommen, gebot ihm, ein Pferd zu satteln, und trug
ihm auf, die Botschaft vor Ablauf von achtundvierzig Stunden an Ort und
Stelle zu bringen, kost' es, was es wolle.

Der Mann entfernte sich schweigend. Er kannte seinen Herrn. Er wute,
da sein Herr sich nicht mit Spen beschftigte, Liebeshndeln und
kleinen Intrigen. Er kannte dieses Gesicht an Seiner Lordschaft, diese
Spannung eines grlichen Entweder-Oder, diese Miene eines angestrengten
Wettlufers, diese krampfhafte Fassung des Hasardspielers. Man hatte
dergleichen Ritte schon oft unternommen bei Tag wie bei Nacht; man mute
eine verschwiegene Zunge haben, um die unbehaglichen Zutaten solcher
Obliegenheiten vor einer wibegierigen Welt bergen zu knnen, denn es
hatte nicht selten den Anschein, als ob man der Mittler lichtscheuer
Geschfte sei. Eile war stets geboten; man kam auch stets zurecht, doch
jenes Kost' es, was es wolle war ein bichen aufschneiderisch, man
erhielt nicht immer seinen Lohn, man mute oft wochenlang warten und
heimlich nach den Brocken haschen, die von der grflichen Tafel
abgetragen wurden; Seine Herrlichkeit war eben nicht bei Kassa, man
erwartete Gelder aus England oder aus Frankreich oder man wurde sogar um
Geld zu irgendeinem vornehmen Herrn geschickt, und es war auffallend,
da dem grflichen Verlangen hufig nicht eben diensteifrig begegnet
wurde, der vornehme Herr lie in seiner Sprache eher etwas von
Geringschtzung als von Ehrfurcht gegen die Person des Lords merken.

Woran hing das alles? Wohin liefen die Fden, die dieses ber den Pbel
erhobene Schicksal an die gemeine Notdurft knpften? Der edle Abkmmling
eines edeln Geschlechts, seine Tage in einer erbrmlichen Spelunke
fristend, einer der stolzesten Namen eines stolzen Reiches, abhngig von
der schmierigen Freundlichkeit eines Gastwirts, verdammt, seines Lebens
Mark und Kern mit eignen Fen in den Schlamm zu treten, das strenge
Gedchtnis unantastbarer Ahnen preiszugeben, wofr? Woran hing das
alles?

Jede gegenwrtige Stunde war eine Ruine der Vergangenheit, jeder Tag die
Trmmersttte eines goldenen Ehemals; ehemals, da der Name Stanhope in
den Hauptstdten Europas noch jene Rolle gespielt, die seinem Trger
selbst nur noch wie eine Sage erschien, als der jugendliche Lord das
Entzcken der Salons von Paris und Wien gewesen war, als er reich
gewesen und den Reichtum benutzt hatte, um seine malose Jugend damit zu
sttigen und der Welt seiner Standesgenossen das Schauspiel einer
Verschwendung ohnegleichen zu geben. Seine Feste und Gastmhler waren
berhmt gewesen. Er war von Land zu Land gereist mit einem Hofstaat von
Kchen, Sekretren, Kammerdienern, Handwerkern und Spamachern. Er hatte
bei einer Pergola in Madrid fr fnfundzwanzigtausend Livres Blumen an
die Frauen verteilen lassen. Er hatte whrend des Wiener Kongresses die
Knige und Frsten bewirtet, Wettrennen veranstaltet, die allein ein
Vermgen verschlangen, und Oratorien und Opern fr eigne Rechnung
auffhren lassen. Seine luxurisen Launen hielten die Gesellschaft in
Atem; er beschenkte seine Freunde mit Villen und Landgtern und seine
Freundinnen mit Perlenketten. Er war jahrelang der Timon des Kontinents
gewesen, um den sich eine Armee von geilen Schmarotzern drngte, die
alle ihr Profitchen an ihm machten und ihre ausschweifenden Gelste bei
ihm befriedigten. Seine Gutherzigkeit und Freigebigkeit war
sprichwrtlich geworden, seine Art, mit immer gefllten Hnden Gold um
sich her zu streuen, achtlos, ob es in die Gosse oder auf die Teppiche
fiel, glich dem Wahnsinn oder einer tollen Probe auf die menschliche
Habgier.

Dann das Ende: Fallissement und Selbstmord eines Bankiers beschleunigten
den unaufhaltsamen Zusammenbruch. Es war an einem Abend im Palais
Bourbon, man hatte hoch gespielt, Stanhope verlor viele Tausende, um so
bezaubernder wirkte sein unbefangenes Geplauder, das Feuer und die Anmut
seines Geistes. Der Gesandte, Lord Castlereagh, trat zu ihm und machte
ihm eine hastige Mitteilung. Man sah ihn erblassen, ein Lcheln von
eigner Schwermut gefror auf den feinen Zgen, andern Tags reiste er. Er
glaubte in der Heimat das zurckgezogene Leben eines Landedelmannes
fhren zu knnen, dies milang. Die Gter waren berschuldet, von allen
Seiten drngten Glubiger, auerdem graute ihm vor der Einsamkeit, hate
er die menschenlose Natur. Er floh. Der Glanz vergangener Zeiten mute
Fetzen borgen fr ein Dasein, das allmhlich von innen ausgehhlt wurde
durch die Angst um das nackte Brot. Es war still um ihn geworden; seine
Wanderzge waren eine Jagd nach den frheren Freunden und Genossen, aber
auf einmal gab es keinen mehr, der nicht alles vorher gewut htte und
aus sicherer Schanze heraus Verdammnis predigte. In einem rmischen
Hotel nahm er, verzweifelt, erschpft, aller Hoffnung bar, Strychnin.
Eine junge Sizilianerin pflegte und rettete ihn. Das Gift, das seinen
Krper verlassen hatte, schien von seiner Seele Besitz zu ergreifen. Er
rang mit dem Dmon, der ihn niedergestoen; er wurde wild und kalt;
seine ans Erhabene streifende Menschenverachtung erleichterte ihm, die
Schwchen seiner Umgebung zu benutzen. Er begab sich in den Dienst hoher
Herren und studierte die schmutzigen Mysterien ihrer Vorzimmer und ihrer
Hintertreppen. Er wurde Emissr des Papstes und bezahlter Agent
Metternichs. Bald war sein Name ausgestrichen aus der Liste der
Untadeligen und jenen Abenteurern zugezhlt, die an den Grenzbezirken
der Gesellschaft eine gefrchtete Korsarenrolle spielen. Die
auerordentlichen Talente, die er besa, machten ihm keine Aufgabe
schwer; der unablssige Zwang zu handeln, die Vielfltigkeit der
Beziehungen erstickten die Stimmen des Gewissens und die Empfindung
dunkler Schmach. Oben gechtet und bei aller Ntzlichkeit gemieden, war
er in den Niederungen noch immer der erlauchte Mann; er wurde ein
gebter Menschenjger und Seelenfnger; was dem Druck des Unglcks
entsprungen war, wurde Metier; das unwiderstehliche, sanfte Lcheln:
Metier; die edeln Manieren, das ritterliche Betragen, die gewinnende
Konversation, die treffliche Bildung: alles Metier; jedes Zucken der
Wimpern, jede Verbeugung war Geschft; alles hatte Folgen, alles
Ursache, ein nachlssiges Wort konnte das Milingen einer Aufgabe
bedeuten -- und doch, wie entbehrungsvoll war ein solches Dasein, wie
jmmerlich der Lohn! Und wie ging es bei alldem langsam bergab, ins
Kleine hinein, als ob die Kette, an der er zog, von selber und ohne da
sie sich lockerte, Glied um Glied absetzte, um ihn in den Abgrund zu
zerren.

Eines Tages hie die Kriegslosung Caspar Hauser. Der Auftrag war
deutlich, seine Quelle klar, die Umstnde finster wie nichts zuvor. Man
sagte: Du bist der rechte Mann, das Unternehmen ist schwer, aber
eintrglich, es scheint von geringer Bedeutung, doch Ungeheures steht
auf dem Spiel. Die Verhandlungen wurden nicht von Gesicht zu Gesicht
gefhrt, alles war hinter Vorhngen versteckt, jeder Mittler trug das
Wort eines namenlosen Gebieters. Das Gespenstertreiben reizte die
Phantasie, der Abgrund begann zu leuchten. Das Ausspinnen des Plans
hatte etwas von Wollust; der seltene Vogel mute meisterlich beschlichen
werden.

Ja, der Auftrag war deutlich, er hatte Hand und Fu. Du hast den
Findling aus dem Bereich zu entfernen, in welchem er anfngt fr uns
gefhrlich zu werden, lautete die Weisung; nimm ihn zu dir, nimm ihn mit
in ein Land, wo niemand von ihm wei; la ihn verschwinden, strze ihn
ins Meer oder wirf ihn in eine Schlucht oder miete das Messer eines
Bravo oder la ihn unheilbar krank werden, wenn du dich auf
Quacksalberei verstehst, aber verrichte das Werk grndlich, sonst ist
uns nicht gedient. Unsers Dankes bist du versichert; wir notieren
unsern Dank mit der und der Summe bei Israel Blaustein in X.

Was war zu berlegen? Alle Not konnte zu Ende sein. Jedes Zgern machte
schon mitschuldig; den unttigen Wisser zu beseitigen war fr jene ein
Zwang. Es gab keine Wahl. Der Beginn des Unternehmens lag weit zurck;
schon damals, wo man den Mordgesellen in Daumers Haus geschickt, hatte
Stanhope Befehl, einzugreifen, falls der Anschlag, an dem er selber
unbeteiligt war, nicht gelingen sollte. Die Roheit und Verworfenheit der
angewandten Mittel schreckten ihn, beleidigten seinen guten Geschmack,
rttelten sein besseres Wesen auf. Er floh, er verbarg sich. Das Elend
und drohender Hunger lockten ihn wieder ins Garn, und so machte er sich
auf aus weiter Ferne, um sein Opfer zu betren.

Doch wie sonderbar war schon das erste Begegnen und Zusammensein! Welch
eine Stimme! Welch ein Auge! Was erschtterte den Verderber und ri ihn
hin? Er wurde betrt, er! Dieser Vogel verstand auch zu singen, das
hatte der Netzeknpfer nicht bedacht. Auf einmal sah er sich geliebt.
Nicht wie Frauen lieben, das hatte er erfahren, das kann gewrdigt und
auch vergessen werden, es liegt im Flu der Dinge begrndet, Zufall und
Trieb haben gleichen Anteil daran; auch nicht wie Mnner lieben oder
Eltern oder Geschwister oder wie ein Kind liebt; Gesetz und Aneignung,
Not und Wille binden die Kreatur an ihresgleichen; doch im tiefsten
Grund ruht Wetteifer, Kampf und Feindschaft. Dies aber war anders,
ungeahnt und wundersam rhrte die Schnheit einer Seele an das ummauerte
Herz.

Es gibt eine Sage, die von einem Land erzhlt, wo nicht Tau noch Regen
fiel, daher entstand Trockenheit und Wassermangel, weil nur ein einziger
Brunnen war, der Wasser erst in groer Tiefe enthielt; wie nun die Leute
zu verschmachten anfingen, da kam ein Jngling zu dem Brunnen, der die
Zither spielte und seinem Instrument so se Melodien entlockte, da das
Wasser bis zur Mndung des Brunnens heraufstieg und im berflu
dahinstrmte.

So wie dem Brunnen erging es dem Lord, wenn der Jngling Caspar bei ihm
weilte und die sen Melodien seines Wesens spielte. Sein Geist stieg
aus der Tiefe, ein jammernder Blick flog rckwrts, Scham entzndete das
bebende Gemt, leicht schien es das bel ungeschehen zu machen, er fand
sich selbst wieder, es strahlte ihm aus diesem Antlitz das Bild der
eignen noch unbefleckten Jugend entgegen, und so, wie er htte sein
knnen, wenn das Schicksal nicht sein Edelstes zermalmt htte, so sah er
sich genommen, geglaubt und verherrlicht. Und so wahr, so reich, so
grundlos schenkend, da der verruchteste Geizhals und Bsewicht seine
Truhe nach Kostbarkeiten durchwhlt htte, nur um sich der Qual der
Verschuldung zu entledigen.

Aber er gab -- nichts. Er konnte sich nicht selber geben, denn seine
Person war zum voraus verschrieben, sein Leben war von denen bezahlt,
denen er diente, bezahlt sein Tag und seine Nacht, bezahlt seine Reue,
sein Unfrieden, sein schlechtes Gewissen. Er fhrte eine Tat im Schilde,
die jede Falte seines Gesichts mit Lge bemalte, aber bisweilen dachte
er in Wirklichkeit daran, mit Caspar zu fliehen. Doch wohin? Wo gab es
eine Ruhestatt fr den Gechteten eines Erdteils? Ach, wenn er die
stillen Stunden mit Caspar verbrachte und dieses Antlitz ihm zugeneigt
war, in dem der reine Glanz des Menschen wohnte, da fhlte er, da auch
er noch ein Mensch war, und er konnte in unermelicher Wehmut vor sich
hintrauern. Dann verga er Zweck und Sendung und rchte sich an jenen,
deren schuldiges Opfer er war, indem er hinwarf, was er von ihren
Geheimnissen wute, und doppelten Verrat beging. Er erfllte Caspar mit
Erwartungen auf Macht und Gre, das war seine Gegengabe, das Geschenk
des Geizhalses. Ein Glck, da der Zauber an Kraft verlor, wenn er von
dem Jngling entfernt war und er nicht mehr jenen fragenden Blick auf
sich lasten fhlte, bei dem ihm zumute war, als sei ein Gesandter Gottes
neben ihn hingestellt. Inmitten der finstern berlegung und im Verfolg
der furchtbaren Plne schrieb er gleichwohl kurze leidenschaftliche
Briefchen an den Umgarnten, wie dies: In der ersten Woche, da ich dich
kennen lernte, hie ich mich deinen Vasall; solltest du je fr eine Frau
dasselbe fhlen, was du fr mich empfindest, so bin ich verloren. Oder:
Wenn du einmal Klte an mir bemerkst, so schreibe es nicht einer
Herzlosigkeit zu, sondern nimm es fr den Ausdruck jenes Schmerzes, den
ich bis ans Grab in mich verschlieen mu; meine Vergangenheit ist ein
Kirchhof, als ich dich fand, hatte ich Gott schon halb verloren, du
warst der Glckner, der mir die Ewigkeit einlutete. Es waren Wendungen
im Geschmack der Zeit, beeinflut durch Modepoeten, aber sie bekundeten
doch die Ratlosigkeit eines bis ins Innerste verworrenen Gemts.

So hin- und hergerissen, hemmte er selbst den Gang seiner Unternehmung.
Er lie geschehen, was geschah, und unterlag dem Anprall der Ereignisse,
denn sie waren mchtiger als seine Entschlsse. Er wute, da er sein
schndliches Werk enden wrde und enden msse, aber er zauderte, und
dies Zaudern gab ihm Zeit, sein Geschick zu beklagen. Er versuchte sich
eine Ausrede vor dem Himmel zu schaffen, indem er betete, und vor dem
Richter in sich selbst, indem er aus seinem Dasein ein Fatum machte. Den
an Genu und Wohlleben hngenden Geist beschwichtigte er durch den
Sophismus, da die Notwendigkeit strker sei als Liebe und Erbarmen, und
das klare Bild des Endes eskamotierte er hinweg mit einem billigen: es
wird ja so schlimm nicht werden!

Indessen wurde auch nach der hastigen Absendung des Jgers die
Unsicherheit seiner Lage immer grer, die Kosten des Aufenthalts
wuchsen bestndig, die Kreditbriefe nutzten wenig, sie waren einstweilen
nur ein Aushngeschild, die Bedrngnis zwang ihn zu Taten, und er fate
den Entschlu, nach Ansbach zu reisen und mit dem Prsidenten Feuerbach
persnlich zu unterhandeln.

An einem Samstag zu Ende November gebot er, eilends den Reisewagen
instand zu setzen, und schickte eine Nachricht ins Tuchersche Haus, da
Caspar sogleich zu ihm kommen mge. Er aber begab sich, nachdem er
Auftrag erteilt, Caspar bis zu seiner Wiederkehr zurckzuhalten, auf
einem Weg, wo er dem Gerufenen nicht zu begegnen frchten mute, selbst
dorthin, lie sich in Caspars Zimmer fhren, gab vor, auf ihn warten zu
wollen, und als er allein war, durchstberte er in gehetzter Eile alle
Schublden, Bcher und Hefte des Jnglings, um einen vor Wochen von ihm
selbst an Caspar geschriebenen Brief zu finden, in welchem ihm hchst
unbedachte, auf die Zukunft Caspars bezgliche Bemerkungen entschlpft
waren und den er um jeden Preis aus der Welt schaffen wollte, denn schon
hatte man ihn gewarnt, schon hatten die Finsteren hinter dem Vorhang
gedroht.

Sein Suchen war vergeblich.

Da ffnete sich auf einmal die Tr, und Herr von Tucher stand auf der
Schwelle. In seinem ngstlichen Eifer hatte der Lord die nahenden
Schritte berhrt. Herr von Tucher sah mchtig gro aus, da sein
Scheitel den oberen Pfosten der Tre berhrte; in seiner Haltung lag ein
schmerzliches Erstaunen, und nach einem langen Schweigen sagte er mit
heiserer Stimme: Herr Graf! Das sind doch nicht etwa die Geschfte
eines Spions?

Stanhope zuckte zusammen. Einen Anwurf solcher Art erlauben Sie mir
wohl mit Schweigen zu bergehen, entgegnete er mit gelassenem Hochmut.

Aber was soll das, fuhr Herr von Tucher fort, wie soll ich den
Augenschein deuten? Mir ahnt, Herr Graf, eine innere Stimme verrt es
mir, da hier nicht alles auf geraden Wegen vor sich geht.

Der Lord geriet in Verwirrung; er prete die eine Hand an die Stirn, und
mit flehendem Ton sagte er: Ich bedarf mehr des Mitleids und der
Nachsicht, als Sie denken, Baron. Er zog das Taschentuch aus der
Brusttasche, drckte es vor die Augen und begann pltzlich zu weinen,
wirkliche, unverstellte Trnen. Herr von Tucher war sprachlos. Seine
erste Regung war ein dsterer Argwohn und der Verdacht, da alle trben
und versteckten Redereien ber Caspars Schicksal eines ernstlichen
Grundes doch nicht entbehren mochten.

Stanhope, als ahne er, was in dem klugen Manne vorging, fate sich
schnell und sagte: Nehmen Sie sich eines schwankenden Herzens an. Ich
tappe im Dunkeln. Ja, es will in Worte gebracht sein, ich zweifle an
Caspar! Ich vermag ihn nicht loszusprechen von gewissen
Unaufrichtigkeiten und heuchlerischen Knsten...

Auch Sie also! konnte sich Herr von Tucher nicht enthalten auszurufen.

Und ich fahnde nach Beweisen.

Diese Beweise suchen Sie in Schubladen und Schrnken, Herr Graf?

Es handelt sich um geheime Aufzeichnungen, die er mir vorenthielt.

Wie? Geheime Aufzeichnungen? Davon ist mir nicht das mindeste bekannt.

Sie sind nichtsdestoweniger vorhanden.

Vielleicht meinen Sie am Ende das Tagebuch, das er vom Prsidenten
erhalten hat?

Stanhope griff diesen Gedanken, der ihn aus der schiefen Situation
halbwegs rettete, mit Vergngen auf. Ja, gerade dieses, ohne Frage
dasselbe, beteuerte er rasch, indem er sich zugleich gewisser
verrterischer Andeutungen Caspars darber entsann.

Ich wei nicht, wo er es aufbewahrt, sagte Herr von Tucher; ich wrde
auch Anstand nehmen, es Ihnen in seiner Abwesenheit auszuliefern. Im
brigen wei ich zufllig, da er vor einiger Zeit aus demselben
Tagebuch das Bildnis des Prsidenten, das sich auf der ersten Seite
befand, herausgeschnitten und das Ihre, Herr Graf, an dessen Stelle
gesetzt hat. Damit langte Herr von Tucher nach einer Mappe, die auf
dem Schreibpult lag, zog ein darin befindliches Blatt hervor und reichte
es Stanhope. Es war Feuerbachs Portrt.

Der Lord sah eine Weile darauf nieder, und beim Anschauen dieser
jupiterhaften Zge beschlich ihn eine niegekannte Furcht. Das ist also
der berhmte Mann, murmelte er; ich bin im Begriff, ihn aufzusuchen,
ich erwarte viel von seiner unbestechlichen Einsicht. Doch alles, was
er plante, der Weg dorthin, der Zwang, dem furchtbaren Blick dieser
Augen standhalten zu sollen, versetzte ihn in eine Befangenheit, deren
er nicht Herr werden konnte.

Exzellenz Feuerbach wird zweifellos entzckt sein, Ihre Bekanntschaft
zu machen, sagte Baron Tucher hflich, und da Stanhope sich anschickte
zu gehen, bat er ihn, dem Prsidenten seine verehrungsvollen Gre zu
bermitteln.

Zwei Stunden spter sauste der Wagen des Lords auf der Reichsstrae
dahin. Es war ein arger Sturm, in Wellen und Spiralen krmmte sich der
Staub empor, der Lord kauerte, in Tcher eingehllt, in der Ecke des
Gefhrts und wandte keinen Blick von der herbstlich-trbseligen
Landschaft. Doch sein krankhaft leuchtendes Auge sah weder Felder noch
Wlder, sondern schien die Ebene nach verborgenen Gefahren zu
durchsphen. Das Auge eines Besessenen oder eines Flchtlings. Als kurz
vor dem Stdtchen Heilsbronn das Gedudel eines Leiermanns hrbar wurde,
drckte er die Hnde gegen die Ohren, wandte sich ab und sthnte seine
zur Einsamkeit verdammte Qual in das seidene Ruhekissen des Wagens.
Danach sa er wieder aufrecht, hart und kalt wie Stahl, ein Hexenlcheln
um die dnnen Lippen.




Zweiter Teil




Gesprch zwischen einem, der maskiert bleibt, und einem, der sich
enthllt


Es regnete in Strmen, als die Kalesche des Lords am spten Abend ber
den Ansbacher Schloplatz donnerte. Dazu scheuten die Pferde pltzlich
vor einem ber den Weg trottenden Hund, und der elsssische Kutscher
fluchte in seinem greulichen Dialekt so laut, da sich hinter den
dunkeln Fensterquadraten ein paar weie Zipfelmtzen zeigten. Die Zimmer
im Gasthof zum Stern waren vorausgemietet, der Wirt tnzelte mit einem
Parapluie vors Tor und begrte den Fremdling mit unzhligen tiefen
Komplimenten und Kratzfen.

Stanhope schritt an ihm vorber zur Treppe, da trat ihm ein Herr in der
Uniform eines Gendarmerieoffiziers entgegen, sehr eilfertig, mit
regentriefendem Mantel und stellte sich ihm als Polizeileutnant Hickel
vor, der die Ehre gehabt habe, Seiner Lordschaft vor einigen Wochen beim
Rittmeister Wessenig in Nrnberg flchtig, leider allzu flchtig,
begegnet zu sein. Er nehme sich die Freiheit, dem Herrn Grafen seine
Dienste in der unbekannten Stadt anzubieten, und bitte um Vergebung fr
die einem berfall hnliche Strung, aber es sei zu vermuten, da Seine
Lordschaft wenig Zeit und vielerlei Geschfte habe, darum wolle er nicht
versumen, in erster Stunde nachzufragen.

Stanhope schaute den Mann verwundert und ziemlich von oben herab an. Er
sah ein frisches, volles Gesicht mit eigentmlich kecken und dabei
zrtlich ergebenen Augen. Unwillkrlich zurcktretend, hatte Stanhope
das Gefhl, da hier einer seine ganze Person als Werkzeug antrug,
gleichviel zu welchen Zwecken; nichts Neues war ihm der begehrlich
streberische Glanz solcher Blicke, schon glaubte er seinen Mann in- und
auswendig zu kennen. Aber woher wute der Dienstbeflissene davon? Wer
hatte ihn auf die Fhrte gebracht? Eine feine Nase war ihm jedenfalls
zuzutrauen. Der Lord dankte ihm kurz und erbat sich fr eine bestimmte
Stunde seinen Besuch, worauf der Polizeileutnant militrisch grte und
ebenso eilig, wie er gekommen war, wieder in den Regen hinausrannte.

Stanhope bewohnte den ganzen ersten Stock und lie sogleich in allen
Zimmern Kerzen aufstellen, da ihm unbeleuchtete Rume verhat waren;
whrend der Kammerdiener den Tee bereitete, nahm er ein in Saffian
gebundenes Andachtsbchlein aus der Reisetasche und begann darin zu
lesen. Oder wenigstens hatte es den Anschein, als lese er, in
Wirklichkeit dachte er hundert zerstreute Gedanken, die Ruhe des kleinen
Landstdtchens war ihm unheimlicher als Kirchhofsstille. Nach dem Imbi
lie er den Wirt rufen, befragte ihn ber dies und jenes, ber die
Verhltnisse im Ort, ber den ansssigen Adel und die Beamtenschaft. Der
Wirt zeigte sich den neuen Luften grndlich berlegen. Er hatte noch
die selige Markgrafenzeit erlebt, und mit dem Tag, wo Hfling und
Hofdame aus ihren ziervollen Rokokopalstchen die Flucht vor dem
heransausenden Kriegssturm ergriffen hatten, war es aus mit dem Glanz
der Welt; ein stinkendes Rattennest war sie geworden, ein
Aktentrdelmarkt mit dem hochtrabenden Namen Appellationssenat, eine
Tintenhhle, ein Paragraphenloch.

Damals, ach, damals! Wie verstand man zu schkern, wie heiter war das
Treiben, man spielte, man parlierte, man tanzte -- und der dicke Mann
fing vor den Augen des Lords an, einige gravittische Menuettposen und
Pas de deux zu illustrieren, wozu er eine verschollene Melodie trllerte
und mit zwei Fingern jeder Hand schelmisch die Rocksche hob.

Der Lord blieb vollkommen ernsthaft. Er fragte auch beilufig, ob Herr
von Feuerbach in der Stadt sei, doch bei diesen Worten zog der Dicke ein
suerliches Gesicht. Die Exzellenz? grollte er. Ja, die ist da.
Wohler wre uns, sie wr' nicht da. Wie ein brummiger Kater lauert sie
uns auf und faucht uns an, wenn wir ein bichen pfeifen. Er kmmert sich
um alles, ob die Straen gekehrt sind, ob die Milch verwssert ist;
berall ist er hinterher, aber Galanterie hat er keine im Leib. Nur
eines versteht er grndlich, er ist ein scharfer Esser, und halten zu
Gnaden, Herr Graf, wenn Sie mit ihm zu tun haben, mssen Sie alles
loben, was auf seinen Tisch kommt.

Stanhope entlie den Schwtzer huldvoll, dann bezeichnete er dem Diener
die Kleider, die fr morgen instand zu setzen seien, und begab sich zur
Ruhe. Am andern Morgen erhob er sich spt, schickte den Lakaien in die
Wohnung Feuerbachs und lie um eine Unterredung bitten. Der Mann kam mit
der Botschaft zurck, der Herr Staatsrat knne heute und wohl auch in
den nchsten Tagen nicht empfangen, er ersuche Seine Lordschaft, ihm das
Anliegen schriftlich mitzuteilen. Stanhope war wtend. Er begriff, da
er sich berstrzt habe, und fuhr sogleich zum Hofrat Hofmann, der ihm
empfohlen war.

Indessen hatte sich die Kunde von seiner Anwesenheit verbreitet, und
nach weiteren vierundzwanzig Stunden war schon ein Sagenkranz um seine
Person geflochten. Ein halb Dutzend mit Goldguineen gefllte Scke seien
auf dem Reisewagen des Fremdlings aufgeschnallt gewesen, hie es, und er
wolle das Markgrafenschlo samt dem Hofgarten kaufen, er fhre ein Bett
mit Schwanendaunen mit sich und gestickte Wsche, er sei ein Vetter des
Knigs von England und Caspar Hauser sein leiblicher Sohn. Stanhope,
khl bis in die Nieren, sah sich als Mittelpunkt kleinstdtischen
Schwatzes und war es zufrieden.

Der Hofrat hatte ihm keine Erklrung ber das Verhalten des Prsidenten
zu geben vermocht. Um die dienstlichen Schritte zu beraten, suchten sie
den Archivdirektor Wurm auf, der bei Feuerbach groes Vertrauen geno.
Stanhope sprte, da man nur mit scheuer Vorsicht an die Sache ging; die
amtssssigen Herren konnten sich keines freien Verhltnisses zu einem
Manne rhmen, dessen Hand wie Eisenlast auf ihnen ruhte.

Am Abend folgte Stanhope der Einladung in einen Familienkreis. Als er
hier die Rede auf den Prsidenten brachte, wurde eine Reihe von
Anekdoten erzhlt, die teils lcherlich, teils bizarr klangen, oder man
berichtete, wie um den Mangel an Liebe und echtem Sichbescheiden durch
Umstnde zu verdecken, welche das Mitleid herausforderten, von dem
Unglck, welches Feuerbach an zweien seiner Shne erlebe, von einer
zerrtteten Ehe, von der menschenhassenden Einsamkeit, in welcher der
Alte hauste, und in der man doch wieder etwas wie eine dunkle
Verschuldung sehen wollte. Er ist ein Fanatiker, lie sich ein
kahlkpfiger Kanzleivorstand vernehmen, er wrde, wie Horatius, seine
eignen Kinder dem Henkersknecht ausliefern.

Er vergibt niemals einem Feind, sagte ein andrer klagend, und dies
beweist keine christliche Gesinnung.

Das alles wre nicht so schlimm, wenn er nicht in jedem Menschen eine
Art von beltter sehen wrde, meinte die Dame des Hauses, und bei
jeder Harmlosigkeit gleich das ganze Strafgesetz aufmarschieren liee.
Neulich ging ich um die Dmmerung mit meiner Tochter auf der Triesdorfer
Strae spazieren, und wir waren unbedachtsam genug, ein paar pfel von
den Bumen zu pflcken; auf einmal steht die Exzellenz vor uns, schwingt
den Stock in der Luft und schreit mit einer frchterlich krhenden
Stimme: Oho, meine Gndige, das ist Diebstahl am Gemeindegut! Nun bitt'
ich einen Menschen, Diebstahl! Was soll denn das heien?

Du mut aber auch sagen, Mama, fgte die Tochter hinzu, da er dabei
ganz pfiffig geschmunzelt hat und sich kaum das Lachen verbeien konnte,
als wir, vor Schrecken zitternd, die pfel in den Graben warfen.

Der bloe Name des Mannes glich einem Steinblock im Strom, vor dem das
Wasser staut und aufprallt. Stanhope machte kein Hehl aus seiner
Bewunderung fr den Prsidenten. Er zitierte Stellen aus seinen
Schriften, schien selbst die trockensten juristischen Abhandlungen zu
kennen und pries die von Feuerbach durchgefhrte Abschaffung der Folter
als eine Tat, die ber die Jahrhunderte leuchten wrde. Es war ein
Mittel zu blenden, wie irgendein andres.

Auf allen Gassen, in allen Salons gab es alsbald nur einen einzigen
Gesprchsstoff, und das war Lord Stanhope. Lord Stanhope, der Held und
die Zuflucht der unschuldig Verfolgten; Lord Stanhope, der Gipfel der
Eleganz, Lord Stanhope, der Freigeist, Lord Stanhope, der Liebling des
Glcks und der Mode, Lord Stanhope, der Melancholische, und Lord
Stanhope, der Strengreligise. So viel Tage, so viel Gesichter; heute
ist Lord Stanhope kalt, morgen ist er leidenschaftlich; zeigt er sich
hier heiter und ungebunden, dort wird er tiefsinnig und wrdevoll sein;
Gelehrsamkeit und leichte Tndelei, die Stimme des Gemts und sittliche
Forderung: es kommt nur auf das Register an, das der geschickte
Orgelspieler braucht. Wie interessant sein Aberglauben, wenn er in einem
Zirkel bei Frau von Imhoff seine Furcht vor Gespenstern bekennt und
schildert, da er dabei gewesen, wie ein Landsmann in den Krater des
Vesuv zur Hlle gefahren sei; wie entzckend die Ironie, mit der er bei
andrer Gelegenheit gottlose Gedichte von Byron zu rezitieren versteht.

Die Elemente mischen sich, man wei nicht wie. Es ist eine Lust, die
Welle zu Schaum zu schlagen und den kleinen provinzlichen Sumpf im
vergoldeten Kahn zu durchfahren.

Am fnften Tag kam der Jger zurck. Er brachte erweiterte Vollmachten;
Befehle, denen Stanhope durch seine Reise nach Ansbach zum Teil
zuvorgekommen war, aus denen als bemerkenswert etwas wie Furcht vor den
Manahmen Feuerbachs auffiel. Es wurde ihm geboten, sich dem Prsidenten
in jedem Fall zu fgen, da Widerstand Verdacht erweckt htte; das
uerste zu versuchen, aber sich zu fgen und neue Minen zu graben, wenn
die alten wirkungslos geworden. Von einem gefhrlichen Dokument war die
Rede, das einstweilen beiseitegebracht oder unschdlich gemacht werden
msse, von dessen Inhalt aber jedenfalls Abschrift zu nehmen sei.

Das berreichte Schreiben sollte im Beisein des Jgers zerrissen und
verbrannt werden. Dies geschah. Vor allem brachte der Bursche Geld,
herrliches bares Geld. Stanhope atmete auf.

Am nchsten Abend lud er einige der vornehmsten Familien der Stadt zu
einem geselligen Beisammensein in die Rume des Kasinos. Man raunte sich
zu, da er die Speisen nach besonderen Rezepten habe bereiten lassen und
die Musikpiecen mit dem Kapellmeister selbst durchprobiert habe. Vor
Beginn des Tanzes erhielt jede Dame ein ebenso sinniges wie kostbares
Angebinde: ein kleines Schildchen von Gold, auf welchem in emaillierter
Schrift die Devise stand: #Dieu et le coeur.# Danach nahm der Lord sein
Glas und forderte die Anwesenden auf, mit ihm das Wohl eines Menschen
auszubringen, der ihm so teuer sei, da er den Namen vor so vielen Ohren
gar nicht auszusprechen wage, wten doch alle, wen er meine: jenes
wunderbare Geschpf, vom Schicksal wie auf eine Warte der Zeit
hingestellt: #Dieu et le coeur#, dies gelte ihm, dem Mutterlosen, dessen
die Mtter gedenken mchten, welche Kinder geboren, und die Jungfrauen,
die sich der Liebe weihten.

Man war gerhrt; man war auerordentlich gerhrt. Ein paar weie
Taschentcher flatterten in sanften Hnden, und eine ergriffene
Bastimme murrte: Seltener Mann. Der seltene Mann, als ob er seine
eigne Bewegung nicht anders meistern knne, begab sich auf den
anstoenden Balkon und schaute sinnend auf das Volk, das teils in
ehrfrchtig flsternden Gruppen stand, teils in der Dunkelheit auf und
ab promenierte. Viele auch hatten sich, der Musik lauschend, an die
gegenberliegende Mauer gedrngt, und eine ganze Reihe von Gesichtern
glnzte fahl in dem aus den Fenstern flutenden Lichtschein.

Da gewahrte Stanhope den Uniformierten, der sich ihm bei seiner Ankunft
in der Stadt prsentiert. Er hatte ihn seitdem vllig aus dem Gedchtnis
verloren, der Mann war zur festgesetzten Stunde im Hotel gewesen, doch
hatte Stanhope die Verabredung nicht gehalten, und jener hatte nur die
Karte zurckgelassen. Jetzt stand er wenige Schritte entfernt unter
einem Laternenpfahl, und sein Gesicht schien auffallend bse.

Ein Unbehagen berlief den Lord. Er verbeugte sich hflich nach der
Richtung, wo der Regungslose stand. Darauf hatte der nur gewartet; er
trat nher, und dicht am Balkon stehend, war sein Gesicht etwa in
Brusthhe des Grafen.

Polizeileutnant Hickel, wenn ich nicht irre, sagte Stanhope und
reichte ihm die Hand; ich hatte das Unglck, Ihren Besuch zu versumen,
ich bitte mich zu entschuldigen.

Der Polizeileutnant strahlte vor Ergebenheit und heftete den Blick
andchtig auf den redenden Mund des Grafen. Schade, versetzte er, ich
htte sonst gewi den Vorzug, den heutigen Abend in Mylords
Gesellschaft zu verbringen. Man rechnet meine Wenigkeit hier gleichfalls
zu den oberen Zehntausend, haha!

Stanhope rckte kaum merklich den Kopf. Was fr ein unangenehmer
Geselle, dachte er.

Waren Eure Herrlichkeit schon beim Staatsrat Feuerbach? fuhr der
Polizeileutnant fort. Ich meine heute. Die Exzellenz war nmlich bis
jetzt starrkpfig, wollte mit Eurer Herrlichkeit nur schriftlich
unterhandeln. Es ist mir endlich gelungen, den eigensinnigen Mann andern
Sinnes zu machen.

All das wurde in der biedersten Weise vorgebracht; doch Stanhope zeigte
ein befremdetes Gesicht. Wie das? fragte er stockend.

Nun ja, ich kann bei dem guten Prsidenten manches durchsetzen, woran
andre sich umsonst die Zhne ausbeien, erwiderte Hickel, ebenfalls mit
dem heitersten und geflligsten Ausdruck. Solche Hitzkpfe sind um den
Finger zu wickeln, wenn man sie zu nehmen versteht. Haha, das ist
lustig: um den Finger gewickelte Hitzkpfe, haha!

Stanhope blieb eisig. Er empfand einen an Ekel grenzenden Widerwillen.
Der Polizeileutnant lie sich nicht beirren. Mylord sollten keinesfalls
lange berlegen, sagte er. Wenn auch die Angelegenheit jetzt nicht
gerade sonderlich drngt, so treffen Sie doch den Staatsrat in einem
Zustand von Unentschlossenheit, dnkt mich, der auszunutzen ist. Und was
das bedrohliche Dokument anbelangt... Er hielt inne und machte eine
Pause.

Stanhope fhlte, da er bis in den Hals erbleichte. Das Dokument? Von
welchem Dokument sprechen Sie? murmelte er hastig.

Sie werden mich vollstndig verstehen, Herr Graf, wenn Sie mir eine
halbe Stunde Gehr schenken wollen, antwortete Hickel mit einer
Unterwrfigkeit, die sich beinahe wie Spott ausnahm. Was wir uns zu
sagen haben, ist nicht unwichtig, mu aber keineswegs noch heute gesagt
werden. Ich stehe zu jeder beliebigen Zeit zur Verfgung.

Seiner Unruhe trotzend, glaubte Stanhope Gleichgltigkeit zeigen zu
sollen. Obwohl ein Stichwort gefallen war, das er nicht berhren
durfte, verschanzte er sich hinter einer vornehmen Unnahbarkeit. Ich
werde mich sicherlich an Sie wenden, wenn ich Ihrer bedarf, Herr
Polizeileutnant, sagte er kurz und wandte sich stirnrunzelnd ab.

Hickel bi sich auf die Lippen, schaute mit einiger Verblffung dem
Grafen nach, der durch die offene Saaltr verschwunden war, und ging
dann leise pfeifend ber die Strae. Pltzlich drehte er sich um,
verbeugte sich hhnisch und sagte mit geschraubter Verbindlichkeit, wie
wenn Stanhope noch vor ihm stnde: Der Herr Graf sind im Irrtum; auch
bei dero Gnaden wird mit Wasser gekocht.

Als Stanhope wieder unter seine Gste getreten war, zog er den
Generalkommissr von Stichaner ins Gesprch. Im Verlauf der Unterhaltung
uerte er, er habe sich entschlossen, dem Prsidenten morgen seinen
Besuch zu machen; wenn Feuerbach auch dann bei seinem wunderlichen
Starrsinn verbleibe, werde er es als vorstzlichen Affront auffassen und
abreisen.

Er sagte das mit so lauter Stimme, da einige danebenstehende Herren und
Damen es hren muten; unter diesen befand sich auch Frau von Imhoff,
die mit Feuerbach sehr befreundet war. An sie hatte sich der Lord
offenbar wenden wollen. Frau von Imhoff war aufmerksam geworden, sie
blickte herber und sagte etwas verwundert: Wenn ich mich nicht
tusche, Mylord, so hat Exzellenz ja Ihnen einen Besuch abgestattet. Ich
traf ihn spt nachmittags in seinem Garten, als er eben im Begriff war,
zum 'Stern' zu gehen. Sie waren wohl nicht zu Hause?

Ich verlie mein Hotel um acht Uhr, antwortete Stanhope.

Eine Stunde spter schickten sich viele zum Aufbruch an. Der Lord erbot
sich, Frau von Imhoff, deren Gatte verreist war, in seinem Wagen nach
Hause zu bringen. Da sie der Weg vorberfhrte, lie Stanhope beim
Stern halten und erkundigte sich, ob in seiner Abwesenheit jemand
vorgesprochen habe. In der Tat hatte Feuerbach seine Karte abgegeben.

Am andern Vormittag um elf Uhr hielt die grfliche Karosse in der
Heiligenkreuzgasse vor dem Tor des Feuerbachschen Gartens. Mit
aristokratisch gebundenen Schritten, die gertenhaft biegsame Gestalt
unnachahmlich gestreckt, nherte sich Stanhope dem landhaushnlichen
Gebude, indem er genau die Mitte der kahlen Baumallee einhielt. Sein
Anzug bekundete peinliche Sorgfalt; in dem Knopfloch des braunen
Gehrocks glhte ein rotes Ordensbndchen, die Krawatte war durch eine
Diamantschliee gehalten und wie ein geistiger Schmuck umspielte ein
mdes Lcheln die glattrasierten Lippen. Als er ungefhr zwei Drittel
des Wegs zurckgelegt hatte, hrte er eine brllende Stimme aus dem
Haus, zugleich rannte eine Katze vor ihm ber den Kies. Ein bses Omen,
dachte er, verfrbte sich, blieb stehen und schaute unwillkrlich
zurck. Es war so neblig, da er seinen Wagen nicht mehr sah.

Er zog die Glocke am Tor und wartete geraume Weile, ohne da geffnet
wurde. Indes dauerte das Geschrei drinnen fort, es war eine Mnnerstimme
in Tnen wilder Wut. Stanhope drckte endlich auf die Klinke, fand den
Eingang unversperrt und betrat den Flur. Er sah niemand und trug
Bedenken, weiterzugehen. Pltzlich wurde eine Tr aufgerissen, ein
Frauenzimmer strzte heraus, anscheinend eine Magd, und hinterher eine
gedrungene Gestalt mit mchtigem Schdel, in welcher Stanhope sofort den
Prsidenten erkannte. Doch erschrak er dermaen vor dem zornverzerrten
Gesicht, den gestrubten Haaren und der durchdringenden Stimme, da er
wie angewurzelt stehen blieb.

Was hatte sich ereignet? War ein Unheil passiert? Ein Verbrechen zu Tag
gekommen? Nichts von alledem. Blo ein stinkender Qualm zog durch den
Korridor, weil ein Topf mit Milch in der Kche bergelaufen war. Die
Frauensperson hatte sich beim Wasserholen verschwatzt, und da war es
denn ein gar wrdeloser Anblick, den alten Berserker zu sehen, wie er
mit den Armen fuchtelte und bei jeder jammernden Widerrede der
Gescholtenen von neuem raste, die Zhne fletschte, mit den Fen
stampfte und sich vor Bosheit berschrie.

Ein komisches Mnnlein, dachte Stanhope voll Verachtung; und vor diesem
kleinen Provinztyrannen und Polizeiphilister habe ich gebebt! Sich
vornehm ruspernd, schritt er die drei Stufen empor, die ihn noch von
dem lcherlichen Kriegsschauplatz trennten, da wandte sich Feuerbach
blitzschnell um. Der Lord verneigte sich tief, nannte seinen Namen und
bat nachsichtig lchelnd um Entschuldigung, wenn er stre.

Schnelle Rte berflog das Gesicht Feuerbachs. Er warf einen seiner
jhen, fast stechenden Blicke auf den Grafen, dann zuckte es um Nase und
Mund, und auf einmal brach er in ein Gelchter aus, in welchem
Beschmung, Selbstironie und irgendeine gemtliche Versicherung lag,
kurz, es hatte einen befreienden, wohltuenden und berlegenen Klang.

Mit einer Handbewegung forderte er den Gast zum Eintreten auf; sie kamen
in ein groes wohlerhaltenes Zimmer, das bis in jeden Winkel von
auerordentlicher Akkuratesse zeugte. Feuerbach begann sogleich ber
sein bisheriges Verhalten gegen den Lord zu sprechen, und ohne Grnde
anzufhren, sagte er, die Notwendigkeit, die ihn bestimmt, sei strker
als die gesellschaftliche Pflicht. Doch habe er eingesehen, da er einen
Mann von solchem Rang und Ansehen nicht verletzen knne, zumal ihm
schtzenswerte Freunde so viel Anziehendes berichtet htten, deshalb
habe er Seine Lordschaft gestern aufgesucht.

Stanhope verbeugte sich abermals, bedauerte, da er Seiner Exzellenz
nicht habe aufwarten knnen, und fgte bescheiden hinzu, er msse diese
Stunde zu den hchsten seines Lebens rechnen, vergnne sie ihm doch die
Bekanntschaft eines Mannes, dessen Ruf und Ruhm einzig und ber die
Grenzen der Sprache wie der Nation hinausgedrungen sei.

Von neuem der jhe, scharfe Blick des Prsidenten, ein schamhaft
satirisches Schmunzeln in dem verwitterten Gesicht und dahinter, fast
rhrend, ein Strahl naiver Dankbarkeit und Freude. Der Lord seinerseits
stellte vollendet einen Mann der groen Welt dar, der vielleicht zum
erstenmal befangen ist.

Sie nahmen Platz, der Prsident durch die Gewohnheit des Berufs mit dem
Rcken gegen das Fenster, um seinen Gast im Licht zu haben. Er sagte,
eine der Ursachen, weshalb er ihn zu sprechen verlange, sei ein gestern
eingetroffener Brief des Herrn von Tucher, worin ihm dieser nahelege,
Caspar zu sich ins Haus zu nehmen. Diese pltzliche Sinnesnderung sei
ihm um so merkwrdiger erschienen, als er ja wisse, da Herr von Tucher
den Absichten des Grafen geneigt gewesen; er habe den Faden verloren,
die ganze Geschichte sei ihm verschwommen geworden, er habe nun sehen
und hren wollen.

Im Tone grten Befremdens erwiderte Stanhope, er knne sich das
Vorgehen Herrn von Tuchers durchaus nicht erklren. Man braucht den
Menschen nur den Rcken zu kehren und sie verwandeln ihr Gesicht, sagte
er geringschtzig.

Das ist nun so, versetzte der Prsident trocken. Ich will brigens
Ihre Erwartung nicht hinhalten, Herr Graf. Wie ich schon dem
Brgermeister Binder mitteilte, kann es auf keinen Fall geschehen, da
Ihnen Caspar berlassen werde. Ein solches Ansinnen mu ich gnzlich und
ohne Bedenken abweisen.

Stanhope schwieg. Ein schlaffer Unwillen malte sich in seinen Zgen. Er
blickte unablssig auf die Fe des Prsidenten, und als ob ihn das
Sprechen berwindung koste, sagte er endlich: Lassen Sie mich Ihnen,
Exzellenz, vor Augen fhren, da Caspars Lage in Nrnberg unhaltbar ist.
Aufs sonderbarste angefeindet und von keinem unter allen, die sich seine
Schtzer nennen, verstanden; mit dem Druck einer Dankesschuld beladen,
die das Schicksal selbst fr ihn aufgenommen hat und die er niemals wird
bezahlen knnen, da ihm ja sonst jeder Tag und jedes Erlebnis zu einer
wucherischen Zinsenabgabe wrde und er, ein Junger, ein Wachsender, der
er ist, sein Dasein fr sich verzehren mu, ist er waffenlos ausgesetzt.
Zudem will die Stadt, wie mir ausdrcklich versichert wurde, nur noch
bis zum nchsten Sommer fr ihn sorgen und ihn dann einem
Handwerksmeister in die Lehre geben. Das, Exzellenz, dnkt mich schade.
(Hier erhob der Lord seine Stimme ein wenig, und sein Gesicht mit den
niedergeschlagenen Augen erhielt den Ausdruck verbissenen Hochmuts.) Es
dnkt mich schade, die seltene Blume in einen von aller Welt
zerstampften Rasen setzen zu lassen.

Der Prsident hatte aufmerksam zugehrt. Gewi, das alles ist mir
bekannt, antwortete er. Eine seltene Blume, gewi. War doch sein
erstes Auftreten derart, da man einen durch ein Wunder auf die Erde
verlorenen Brger eines andern Planeten zu sehen vermeinte, oder jenen
Menschen des Plato, der, im Unterirdischen aufgewachsen, erst im Alter
der Reife auf die Oberwelt und zum Licht des Himmels gestiegen ist.

Stanhope nickte. Meine Hinneigung zu ihm, die dem allgemeinen Urteil
bertrieben erschienen ist, entstand mit dem ersten Hrensagen ber
seine Person; sie findet auch in der Geschichte meines Geschlechts
etwas wie eine atavistische Rechtfertigung, fuhr er in khlem
Plauderton fort. Einer meiner Ahnen wurde unter Cromwell gechtet und
floh in ein Grabgewlbe. Die eigne Tochter hielt ihn verborgen und
nhrte ihn, bis die Flucht gelang, kmmerlich mit erstohlenen Brocken.
Seitdem weht vielleicht ein wenig Grabesluft um die Nachgeborenen. Ich
bin der Letzte meines Stammes, ich bin kinderlos. Nur noch ein Traum
oder, wenn Sie wollen, eine fixe Idee bindet mich ans Leben.

Feuerbach warf den Kopf zurck. Die Linie seines Mundes zuckte in die
Lnge wie ein Bogen, dessen Sehne zerrissen ist. Pltzlich lag Gre in
seiner Gebrde. Eine innere Verantwortung hindert mich, Ihnen zu
willfahren, Herr Graf, sagte er. Hier steht so Ungeheures auf dem
Spiel, da jeder Gnadenbeweis und jedes Liebesopfer daneben gar nicht
mehr in Frage kommt. Hier ist den in Abgrnden kauernden Dmonen des
Verbrechens ein Recht zu entreien und dem bangen Auge der Mitwelt, wenn
nicht als Trophe, so doch als Beweis dafr entgegenzuhalten, da es
auch dort eine Vergeltung gibt, wo Untaten mit dem Purpurmantel bedeckt
werden.

Der Lord nickte wieder -- doch ganz mechanisch. Denn innerlich erstarrte
er. Es wurde ihm schwl vor der elementaren Gewalt, die aus der Brust
dieses Mannes zu ihm redete, und die selbst das Pathos verzehrte, das
ihm anfangs unbehaglich war und ihn ironisch gestimmt hatte. Er fhlte,
da gegen diesen Willen zu kmpfen, der sich wie Unwetter verkndigte,
ein aussichtsloses Mhen sein wrde, und wenn es ein Beschlu ber ihm
war, durch den er in das Labyrinth lichtscheuer Verrichtungen mehr
geglitten als geschritten war, so fand er sich jetzt ratlos und
ohnmchtig darin, und es wurde ihm auf einmal wichtig, einen Anschein
von Ehre und Tugend aus dem Chaos seines Innern zu retten. Er beugte
sich vor und fragte sanft: Und ist das Recht, das Sie jenen entreien
wollen, die Leiden dessen wert, dem es zukommt?

Ja! Auch dann, wenn er daran verbluten mte!

Und wenn er verblutet, ohne da Sie Ihr Ziel erreichen?

Dann wird aus seinem Grab die Shne wachsen.

Ich ermahne Sie zur Vorsicht, Exzellenz, um Ihretwillen, flsterte
Stanhope, indem sein Blick langsam von den Fenstern zur Tr wanderte.

Feuerbach sah berrascht aus. Es war etwas Verrterisches in dieser
Wendung, in irgendeinem Sinn verrterisch. Aber die blauen Augen des
Lords strahlten durchsichtig wie Saphire, und eine frauenhafte Trauer
lag in der Neigung des schmalen Hauptes. Der Prsident fhlte sich
hingezogen zu dem Manne, und unwillkrlich nahmen seine Worte einen
milden, ja fast liebreichen Klang an, als er sagte: Auch Sie? Auch Sie
sprechen von Vorsicht? Meine Sprache scheint Ihnen khn; sie ist es. Ich
bin es satt, auf einem Schiff zu dienen, das durch die Verblendung
seiner Offiziere in den schmhlichen Untergang rennt. Aber ich knnte
mir denken, da es einem Brger des freien England unbegreiflich ist,
wenn ein Mensch wie ich seine Ruhe und die Sicherheit der Existenz
aufgeben mu, um das Gewissen des Staats fr die primitivsten
Forderungen der Gesellschaft wachzurtteln. Es ist berflssig, mich zur
Vorsicht zu mahnen, Mylord. Ich wrde alles das auch demjenigen ins Ohr
schreien, der sich mir als Denunziant bekennte. Ich frchte nichts, weil
ich nichts zu hoffen habe.

Stanhope lie einige Sekunden verstreichen, bevor er versonnen
antwortete: Mein Unkenruf wird Sie weniger verwundern, wenn ich Ihnen
gestehe, da ich nicht uneingeweiht in die Verhltnisse bin, auf die Sie
hindeuten. Ich bin nicht das Werkzeug des Zufalls. Ich bin nicht ohne
ueren Antrieb zu dem Findling gekommen. Es ist eine Frau, es ist die
unglcklichste aller Frauen, als deren Sendboten ich mich betrachte.

Der Prsident sprang empor, als ob ein Blitz im Zimmer gezndet htte.
Herr Graf! rief er auer sich. Sie wissen also--

Ich wei, versetzte Stanhope ruhig. Nachdem er mit dsterer Miene
beobachtet hatte, wie der Prsident krampfhaft die Stuhllehne gepackt
hielt, so da die Arme sichtbar zitterten, und wie das groe Gesicht
sich verfaltete und bewegte, fuhr er mit monotoner Stimme und einem
matten, seltsam slichen Lcheln fort: Sie werden mich fragen: Wozu
die Umwege? Was wollen Sie mit dem Knaben? Ich antworte Ihnen: Ich will
ihn in Sicherheit bringen, ich will ihn in ein andres Land bringen, ich
will ihn verbergen, ich will ihn der Waffe entziehen, die fortwhrend
gegen ihn gezckt ist. Kann man klarer sein? Wollen Sie noch mehr?
Exzellenz, ich habe Kenntnis von Dingen, die mein Blut gefrieren lassen,
selbst wenn ich nachts erwache und in der Pause zwischen Schlaf und
Schlaf daran denke, wie man an ein Fieberbild denkt. Ersparen Sie mir
die Ausfhrlichkeit. Rcksichten, bindender als Schwre, machen meine
Zunge lahm. Auch Sie scheinen ja, es ist mir rtselhaft, auf welche
Weise, Einblick gewonnen zu haben in diesen grauenhaften Schlund von
Schande, Mord und Jammer; so darf ich Ihnen wohl sagen, da ich, der den
Knigen und Herren der Erde sehr genau und sehr nah ins Gesicht geschaut
hat, niemals ein Antlitz sah, dem Geburt und Geist einen gleich hohen
Adel und der Schmerz eine ergreifendere Macht verliehen haben als dem
jener Frau. Ich ward ihr Sklave mit dem Augenblick, wo das Bild ihrer
tragischen Erscheinung zum erstenmal mein Gemt belud. Es wurde meine
Lebensidee, die ihr vom Schicksal zugefgten Wunden in ihrem Dienst zu
mildern. Ich will schweigen darber, wie ich Gewiheit ber den Zustand
der gemarterten und am Rand des Todes hinsiechenden Seele gewann und wie
sich mir von denen, die ein Jahrzehnte hindurch fortgesponnenes Gewebe
von Leiden um das unbeschtzte Dasein der Unglcklichen flochten,
langsam Stirn um Stirn entschleierte. Das Haupt der Meduse kann nicht
grlicher sein. Genug damit, da ich meine wahre Natur unterdrcken und
mich harmlos geben mute; ich mute lgen, schmeicheln, schleichen und
Rnke durch Rnke schlagen, ich habe mich verkleidet und tuschungsvolle
Aufgaben bernommen. Dabei fra mir der Zorn am Mark und ich fragte
mich, wie es mglich sei, weiterzuleben mit solcher Wissenschaft in der
Brust. Aber das ist es ja eben: man lebt weiter. Man it, man trinkt,
man schlft, man geht zu seinem Schneider, man promeniert, man lt
sich die Haare scheren, und Tag reiht sich an Tag, als ob nichts
geschehen wre. Und genau so ist es mit jenen, von welchen man glaubt,
da das bse Gewissen ihre Sinne verwsten und ihre Adern verdorren
msse, sie essen, trinken, schlafen, lachen, amsieren sich, und ihre
Taten rinnen von ihnen ab wie Wasser von einem Dach.

Sehr wahr! Das ist es, so ist es! rief Feuerbach leidenschaftlich
bewegt. Er eilte ein paarmal durch das Zimmer, dann blieb er vor
Stanhope stehen und fragte streng: Und wei die Frau von allem--? Wei
sie von ihm? Was ist ihr bekannt? Was erwartet, was hofft sie?

Aus persnlicher Erfahrung kann ich darber nichts melden, entgegnete
der Lord mit derselben traurigen und matten Stimme wie bisher. Vor
kurzem wurde bei der Grfin Bodmer erzhlt, sie habe laut aufgeweint,
als man den Namen Caspar Hauser vor ihr genannt. Mag sein, ganz
glaubwrdig ist es nicht. Hingegen ist mir ein andrer Vorfall bekannt,
der auf eine fast bersinnliche Beziehung schlieen lt. Eines Mittags
vor zwei Jahren befand sich die Frstin allein in der Schlokapelle und
verrichtete ihr Gebet. Nachdem sie geendet und sich erheben wollte, sah
sie pltzlich ber dem Altar das Bild eines schnen Jnglings, dessen
Gesicht einen unendlichen Kummer ausdrckte. Sie rief den Namen ihres
Sohnes, Stephan hie er, der Erstgeborene, dann fiel sie in Ohnmacht.
Spter erzhlte sie die Vision einer vertrauten Dame, und diese, die
Caspar selbst in Nrnberg gesehen hatte, war von der hnlichkeit tief
berhrt. Und das Wunderbare ist, da die Erscheinung sich am selben Tag
und zur selben Stunde gezeigt hatte, wo der Mordanfall im Hause Daumers
stattfand. So viel ist klar, da sich auf beiden Seiten ein
geheimnisvolles Zusammenstreben offenbart. Ferner ist es klar,
Exzellenz, da jedes Zaudern Gefahr bedeutet und ein leichtfertiges
Vergeuden gnstiger Gelegenheit. Ich rufe Ihnen das in ernster Not
entgegen. Es knnte kommen, da unsre Versumnisse vor einen
Richterstuhl gefordert werden, wo keine Reue das Geschehene ausgleicht.

Der Lord erhob sich und trat zum Fenster. Seine Augenlider waren
gertet, sein Blick verdunkelt. Wen verriet er eigentlich, wen belog er?
Seine Auftraggeber? Den Jngling, den er an sich gekettet? Den
Prsidenten? Sich selbst? Er wute es nicht. Er war erschttert von
seinen eignen Worten, denn sie erschienen ihm wahr. Wie sonderbar, alles
das erschien ihm wahr, als ob er der Retter wirklich sei. Er liebte sich
in diesen Minuten und htschelte sein Herz. Eine Finsternis des
Vergessens kam ber ihn, und sofern er Mdigkeit und Ekel zu erkennen
gab, galten sie nur dem wesenlosen Schemen, das an seiner Stelle
gesessen, an seiner Statt geredet und gehandelt hatte. Er lschte
zwanzig Jahre Vergangenheit von der Tafel seines Gedchtnisses hinweg
und stand da -- reingewaschen durch eine Halluzination von Gte und
Mitleid.

Feuerbach hatte sich vor seinen Schreibtisch niedergelassen. Den Kopf in
die Hand gesttzt, schaute er sinnend in die Luft. Wir sind die Diener
unsrer Taten, Mylord, begann er nach langem Schweigen, und die sonst
polternde oder schrille Stimme hatte einen sanften und feierlichen
Klang. Vor dem schlimmen Ende zittern, hiee jede Schlacht aufgeben,
bevor sie geschlagen. Offenheit gegen Offenheit, Herr Graf! Bedenken
Sie, ich stehe hier auf einem verlorenen Posten des Landes. Mein Leben
war fr eine andre Bahn bestimmt, einst glaubte ich es wenigstens, als
in der Verborgenheit einer Kreisstadt beschlossen zu werden. Ich habe
meinem Knig Dienste geleistet, die gewrdigt worden sind und die
vielleicht dazu beigetragen haben, seinem Namen das stolze Attribut des
Gerechten zu verleihen. Noch grere wollte ich leisten, sein Volk
erhhen, die Krone zu einem Symbol der Menschlichkeit machen. Dies
scheiterte. Ich ward zurckgestoen. Freilich, man hat mich belohnt,
aber nicht anders als wie Domestiken belohnt werden.

Er hielt inne, rieb das Kinn mit dem Handrcken und knirschte mit den
Zhnen. Dann fuhr er fort: Von frher Jugend an habe ich mich dem
Gesetz geweiht. Ich habe den Buchstaben verachtet, um den Sinn zu
veredeln. Der Mensch war mir wichtiger als der Paragraph. Mein Streben
war darauf gerichtet, die Regel zu finden, die Trieb von Verantwortung
scheidet. Ich habe das Laster studiert wie ein Botaniker die Pflanze.
Der Verbrecher war mir ein Gegenstand der Obsorge; in seinem erkrankten
Gemt wog ich ab, was von seinen Snden auf die Verirrungen des Staates
und der Gesellschaft entfiel. Ich bin bei den Meistern des Rechts und
bei den groen Aposteln der Humanitt in die Lehre gegangen, ich wollte
das Zeitalter der berlebten Barbarei entreien und Pfade zur Zukunft
bauen. berflssig zu beteuern. Meine Schriften, meine Bcher, meine
Erlsse, meine ganze Vergangenheit, das heit eine Kette ruheloser Tage
und arbeitsvoller Nchte, sind Zeugen. Ich lebte nie fr mich, ich lebte
kaum fr meine Familie; ich habe die Vergngungen der Geselligkeit, der
Freundschaft, der Liebe entbehrt; ich zog keinen Gewinn aus eroberter
Gunst; kein Erfolg schenkte mir Rast oder nachweisbares Gut, ich war
arm, ich blieb arm, geduldet von oben, begeifert von unten, mibraucht
von den Starken, berlistet von den Schwachen. Meine Gegner waren
mchtiger, ihre Ansichten waren bequemer, ihre Mittel gewissenlos; sie
waren viele, ich einer. Ich bin verfolgt worden wie ein rudiger Hund;
Pasquillanten und Verleumder besudelten meine gute Sache mit Schmutz. Es
war eine Zeit, da konnte ich nicht durch die Straen der Residenz gehen,
ohne die grblichsten Insulten des Pbels frchten zu mssen. Als ich,
durch widerwrtige Intrigen und Anfeindungen gezwungen, mein
Professorenamt in Landshut aufgeben mute, als man den studentischen
Janhagel gegen mich in Raserei versetzt hatte und ich nach meiner Heimat
floh, Weib und Kind im Stich lassend, da trachteten mir bezahlte
Schergen nach dem Leben. Es war der groe Krieg, alle Ordnung war
zerrttet; von der sterreichischen Partei wurde ausgesprengt, da ich
mit der franzsischen Partei im Bndnis stehe, die dem Kaiser Napoleon
zur Errichtung eines okzidentalischen Kaiserreichs den Weg bahnen und
die souvernen Frsten strzen wolle, die Franzosen verdchtigten
umgekehrt meine Beziehungen zu sterreich. Es gab einen Mann, einen
Amts- und Berufsgenossen, einen Gelehrten, berhmt und angesehen -- o,
ein feiger Poltron, die Zeit wird seinen Namen an einen der Schandpfhle
des Jahrhunderts heften!--, der sich nicht entbldete, mich ffentlich
als Spion zu bezeichnen, und mein Protestantentum zum Vorwand nahm, den
Knig gegen mich mitrauisch zu machen. Ich erlag nicht. Die
Widrigkeiten hatten ein Ende, mein Frst nahm mich wieder in Gnaden auf,
freilich nur in Gnaden. Ein neuer Herr bestieg den Thron, ich blieb in
Gnaden. Heute bin ich ein alter Mann, sitze hier in der Stille, immer in
Gnaden. Auch meine Feinde sind besnftigt oder sie stellen sich so, auch
sie sind in Gnaden. Aber was es bedeutet, eine aufs Groe und Allgemeine
gerichtete Existenz vernichtet zu sehen, bevor noch die letzte Faser des
Geistes, der sie trug und nhrte, ihre Kraft verzehrt hat, das empfinden
nicht jene, das wei nur ich.

Feuerbach stand auf und atmete tief. Hierauf griff er zur
Schnupftabaksdose, nahm eine Prise, dann wandte er Stanhope voll das
Gesicht zu, und unter den barschen Brauen blitzte ein rhrend-ngstlicher
und dankbarer Blick hervor, whrend er sagte: Herr Graf, ich bin mir
nicht ganz klar darber, was mich bewegt, so zu Ihnen zu sprechen. Es
erstaunt mich selbst. Sie sind der erste, der zu hren bekommt, was so
verzweifelt den Klagen eines Zurckgesetzten hnelt und doch nur die
Erklrung fr eine unabnderliche Notwendigkeit bieten soll. Es ist mir
in der Angelegenheit Caspars nichts an dem Besonderen des Falles
gelegen, und nicht das Besondere der Person ist es, was meinen Beschlu
strkt. An mich tritt der hrteste Zwang heran, der einen Mann von
grauen Haaren treffen kann, und ntigt mich zu der Frage an das
Schicksal: ob denn alles Geopferte und Gewirkte umsonst gewesen, ob es
mir und den Gleichstrebenden keine andre Frucht gezeitigt hat als
Ohnmacht hier und Gleichgltigkeit dort. Ich mu die Probe machen, ich
mu es durchfhren, komme, was da wolle; ich mu wissen, ob ich in Wind
geredet und auf Sand geschrieben habe; ich mu wissen, ob die
Versprechungen, mit denen man die Bitterkeit meines Exils verst hat,
nur wohlfeile Lockspeise waren; ich mu und will wissen, ob man es ernst
meint mit mir und meiner Sache. Ich habe Beweise, Graf, es liegen
furchtbare Indizien vor; ich kann dreinschlagen, ich habe den Donnerkeil
und kann das Wetter machen, alles ist von mir fixiert und in einem
besonderen Dokument dargestellt; man wei es, man wird es nicht zum
uersten treiben, denn zum uersten bin ich entschlossen, um das
kostbare Gut zu wahren, zu dem ich vor Gott und den Menschen als Hter
bestellt bin. Immerhin, ich werde warten, groe Dinge brauchen viel
Geduld. Aber Caspar darf mir nicht entfernt werden. Er ist die lebendige
Waffe und der lebendige Zeuge, deren ich bedarf, und zwar in stets
erreichbarer Nhe. Verlre ich ihn, so wre das Fundament meines letzten
Werks dahin, ich spr' es wohl, es ist das letzte, und jeder Anspruch
auf Gehr wrde wesenlos. Und Sie, edler Mann, was verlren Sie? Wollen
Sie eine Tat der Barmherzigkeit oder der Liebe verrichten und der
Gerechtigkeit nicht gedenken? Das hiee Gold wegwerfen, um Hckerling zu
erhalten.

Stanhopes Gesicht war nach und nach so fahl geworden, als flsse kein
Blut mehr unter der Haut. Er hatte sich niedergesetzt, sich geduckt, wie
wenn er sich verkriechen wollte; ein paarmal waren Blicke aus seinen
Augen gebrochen wie wilde Tiere, die ihren Kfig zertrmmert haben, dann
rief er sie wieder zurck, saugte sie in sich hinein, hielt den Atem an,
nestelte mit den Fingern am Kettchen des Lorgnons, und als der Prsident
am Ende war, richtete er sich mit einer leidenschaftlichen Bewegung auf.
Er hatte Mhe, sich zu finden, er hatte Mhe, Worte zu finden, in
heftigem Wechsel zuckte es um seinen Mund, wie wenn er lachen oder einen
krperlichen Schmerz verbeien wollte, und als er die Hand des
Prsidenten ergriff, wurde ihm eiskalt; der Doppelgnger stand an seiner
Seite, dieser Schattenleib des Gelebten, Begangenen, Versumten, und
zischelte ihm das Wort des Verrats ins Ohr, aber seine Augen waren
feucht, als er sagte: Ich verstehe. Alles, was ich zu antworten vermag,
ist: nehmen Sie mich als Freund, Exzellenz, betrachten Sie mich als
Ihren Helfer. Ihr Vertrauen ist mir wie ein Wink von oben. Doch welche
Brgschaft haben Sie? Welche Gewhr, da Sie Ihr Herz nicht einem
Unwrdigen erffnet haben, der nur besser zu heucheln versteht als alle
andern? Ich htte Caspar entfhren knnen, ich knnte es noch--

Wenn dies Antlitz lgt, Mylord, mit dem Sie hier vor mir stehen, dann
will ich es meinetwegen fr ein Hirngespinst erklren, Wahrheit auf
Erden zu suchen, unterbrach ihn Feuerbach lebhaft. Entfhren, Caspar
entfhren? fuhr er gutmtig lachend fort. Sie scherzen; ich mchte das
jedem Manne widerraten, der noch Wert darauf legt, im Sonnenschein
spazierenzugehen.

Stanhope versank eine Weile in regungsloses Grbeln, dann fragte er
hastig: Was soll aber geschehen? Schnelles Handeln ist Pflicht. Wohin
mit Caspar?

Er soll hierher nach Ansbach, versetzte Feuerbach kategorisch.

Hierher? Zu Ihnen?

Zu mir, nein. Das ist leider unmglich, aus vielen Grnden unmglich.
Ich mu viel allein sein, ich habe viel zu arbeiten, ich bin viel auf
Reisen, meine Gesundheit ist erschttert, mein Charakter eignet sich
schlecht zu der Rolle, die ich dabei bernehmen mte, und auerdem
verbietet es die Sache, ein allzu persnliches Band zu knpfen.

Stanhope atmete auf. Wohin also mit ihm? beharrte er.

Ich werde nach einer Familie Umfrage halten, wo er gute Pflege und
geistige wie sittliche Untersttzung findet, sagte der Prsident. Noch
heute will ich mit Frau von Imhoff sprechen und ihren Rat einholen, sie
kennt die hiesigen Leute. Seien Sie dessen versichert, Mylord, da ich
ber den Jngling wachen werde wie ber mein eignes Kind. Die Nrnberger
Schwabenstreiche sind zu Ende. Da ich Ihrem Verkehr mit Caspar
keinerlei Schranken setze, bedarf nicht der Erwhnung. Herr Graf, mein
Haus ist das Ihre. Glauben Sie mir, auch unter der Hlle des Beamten und
Richters schlgt ein fr Freundschaft empfngliches Herz. Man wird in
diesem Land der Kleingeisterei nicht verwhnt durch den Umgang mit
Mnnern.

Nachdem sie noch flchtig ber die an Herrn von Tucher und den
Nrnberger Magistrat zu sendenden Nachrichten beraten hatten,
verabschiedete sich Stanhope.

Der Prsident schritt lange Zeit, in tiefe Gedanken versunken, auf und
ab. Von Minute zu Minute wurde sein Gesicht unruhiger und finsterer. Ein
sonderbares, nagendes, nicht abzuweisendes Mitrauen stieg in seiner
Brust empor. Je mehr Frist verstrich, seit der Graf das Zimmer verlassen
hatte, je mehr wuchs diese peinigende Empfindung. Er war ein zu
gewiegter Menschenkenner, um sich gewissen Merkmalen zu entziehen, die
ihn bedenklich stimmten. Pltzlich schlug er sich mit der Hand vor die
Stirn, begab sich an den Schreibtisch und schrieb in groer Hast drei
Briefe: einen nach Paris an einen hochgestellten englischen Freund,
einen an den bayrischen Geschftstrger nach London und einen dritten an
den Staatsminister der Justiz, Doktor von Kleinschrodt, in Mnchen. In
jenen beiden zog er genaue Erkundigungen ber die Person des Grafen
Stanhope ein, in letzterem meldete er seine baldige Ankunft in der
Residenz und ersuchte um Reiseurlaub.

Alle drei Briefe lie er zur Stunde mit expresser Post aufgeben.




Nacht wird sein


Stanhope hatte dem Kutscher befohlen, vorauszufahren, und ging zu Fu
durch die menschenleeren Gassen, in denen sein Schritt wie in einer
Kirche widerhallte. Er war verstrt, zerschlagen und auerstande, eine
vernnftige berlegung anzustellen. Im Gasthof angelangt, schlo er
sich ein und machte eine halbe Stunde lang Fechtbungen mit dem Florett.

Er unterbrach sich erst, als er von drauen eine Stimme vernahm, die mit
dem Kammerdiener unterhandelte, der Auftrag hatte, niemand vorzulassen.
Stanhope lauschte; er erkannte die Stimme, nickte gleichgltig, und mit
dem Degen noch in der Hand ffnete er. Es war Hickel, der auch sofort
eintrat und den ihn schweigend betrachtenden Grafen etwas verlegen
begrte.

Nach seinem Begehr gefragt, rusperte er sich und stotterte ein paar
unzusammenhngende Floskeln, aus denen hervorging, da er um den Besuch
Stanhopes bei Feuerbach wute. Sein Benehmen verriet trotz einer
unangenehm wirkenden Kriecherei eine nicht zu fassende freche
Vertraulichkeit.

Stanhope verwandte keinen Blick von dem aufgeregten Mann in der
kleidsamen Uniform. Was hatte es eigentlich zu bedeuten, da Sie mir zu
einer Zusammenkunft mit dem Herrn Prsidenten Ihre Hilfe anboten?
fragte er frostig.

Der Herr Graf haben sich aber meine Hilfe doch gefallen lassen,
erwiderte Hickel. Wer wei, ob der Staatsrat ohne mich zu haben gewesen
wre, er versteht es, sich zu verschanzen. Der Herr Graf geruhen das
nicht anzuerkennen. Je nun, fgte er achselzuckend hinzu, groe Herren
haben ihre Launen.

Wie kommen Sie denn berhaupt dazu, sich zum Zwischentrger
anzubieten?

Zwischentrger? Der Herr Graf legen meiner unschuldigen Zuvorkommenheit
ein zu groes Gewicht bei.

Das Gewicht gaben Sie selbst. Sie beliebten dunkel zu sein. Sie
gefielen sich in einigen Wendungen, um deren Aufklrung ich hflichst
gebeten haben mchte. Stanhope verbarg nach wie vor unter steifer Wrde
die Unsicherheit, die er diesem Menschen gegenber empfand.

Ich stehe dem Herrn Grafen ganz zu Diensten, versetzte Hickel. Darf
ich meinerseits fragen, inwieweit sich der Herr Graf zu erffnen
gedenken werden?

Zu erffnen? Wem zu erffnen? Ihnen? Ich habe nichts zu erffnen.

Der Herr Graf haben in mir einen Mann von unbedingter Verschwiegenheit
vor sich.

Was soll das heien? fuhr Stanhope auf. Wollen Sie mir Scharaden zu
lsen geben?

Man hat sich vor der Ankunft Eurer Lordschaft nach einer
vertrauenswrdigen Persnlichkeit umgesehen, sagte Hickel pltzlich mit
eisiger Ruhe. Meine langjhrigen Beziehungen zu Exzellenz Feuerbach
empfahlen mich mehr als einige bescheidene Fhigkeiten.

Stanhope entfrbte sich und sah zu Boden. Sie haben also direkte
Auftrge? murmelte er.

Der Polizeileutnant verbeugte sich. Auftrge? Nein, entgegnete er
zgernd. Man versicherte sich meines guten Willens und ich wurde
angewiesen, mich Eurer Lordschaft zur Verfgung zu stellen.

Es war Stanhope zumute, als ob er an diesem Tag schon einmal gestorben
wre, und zwar einen bufertigen Tod, und als ob er nun wieder zum Leben
aufgestanden und ein fr allemal seiner Bestimmung bergeben sei.

Er wollte um fnf Uhr bei Frau von Imhoff zum Tee erscheinen und fragte
den Polizeileutnant, ob er ein Stck Wegs mitfahre. Obwohl aus der Frage
der Wunsch einer Ablehnung klang, nahm Hickel, dem es darum zu tun war,
mit dem Lord ffentlich gesehen zu werden, das Anerbieten dankbar an.

Die Straen waren jetzt etwas belebter als am Mittag; die alten Beamten
und Pensionisten machten um diese Stunde ihren tglichen Spaziergang
ber die Promenade. Viele blieben stehen und grten gegen das Innere
der hocherlauchten Kutsche.

Nun passierte es, da an einer Straenecke der Mann auf dem Bock wieder
einmal sein welsches Geschrei ertnen lie; es stand nmlich mitten auf
dem Fahrdamm ein trumerisch wolkenwrts guckender Herr, der von dem
Herannahen der grflichen Karosse keine Notiz zu nehmen schien. Hchst
erschrocken sprang er beiseite, als der Elssser zu fluchen begann, doch
nicht schnell genug, da nicht seine Kleider durch den Kot beschmutzt
wurden, der von den Hufen der Pferde und den Rdern aufspritzte.

Hickel bog den Kopf zum Fenster hinaus und griente, denn der Besudelte
stand mit einem verdutzten und unglcklichen Gesicht, hielt die Arme vom
Leib und sah sich die Bescherung an.

Wer ist der ungeschickte Mann? erkundigte sich Stanhope, den die
Schadenfreude des Polizeileutnants verdro.

Das? Das ist der Lehrer Quandt, Mylord.

Eigner Zufall; eine halbe Stunde spter wurde bei Frau von Imhoff
derselbe Name genannt. Der Prsident und seine Freundin waren nach
langen Beratungen bereingekommen, Caspar in die Obhut des Lehrers
Quandt zu geben.

Er ist ein aufgeklrter und gebildeter Kopf und geniet als Brger wie
als Mensch allgemeine Achtung, sagte Frau von Imhoff.

Und ist er denn geneigt, eine so verantwortungsreiche Aufgabe zu
bernehmen? fragte der Lord zerstreut. Doch darber konnte Frau von
Imhoff keine Auskunft geben.

Als Stanhope sich am andern Morgen beim Prsidenten melden lie, traf er
Herrn Quandt dortselbst. Beide waren offenbar schon einig, denn
Feuerbach zeigte sich sehr aufgerumt, und als sich der Lord wegen des
gestrigen Zwischenfalls mit dem Wagen bei Quandt entschuldigte, hatte
der Prsident seinen Spa an der Verlegenheit des Lehrers, die er durch
harmlose Witzchen ber zerstreute Denker und dergleichen noch steigerte.
Sein Gelchter trieb einen wahren Angstschwei auf Quandts Stirn, er
verneigte sich vor Stanhope wie ein Muselmann vor dem Kalifen, und es
hatte den Anschein, als msse er sich geschmeichelt fhlen, da der Kot
der grflichen Karosse seine geringe Person der Beachtung wert gefunden.

Na, Quandt, machen Sie sich nicht so mausig, mahnte der Prsident
belustigt, ich wette, Ihre Ehefrau hat Ihnen tchtig den Marsch
geblasen und sich gemht, das Rcklein wieder sauber zu kriegen.

Es war ja nur der Mantel, Euer Exzellenz, erwiderte Quandt lchelnd
und von so viel Leutseligkeit beglckt.

Stanhope blieb gemessen. Sie befanden sich diesmal im Staatszimmer des
Prsidenten, und drei hohe Fenster gewhrten Aussicht gegen den Garten.
Der Raum war wohnlich geschmckt, auch hier alles von der grten
Nettigkeit. In einer Art von vertiefter Nische hing ein gutes lbild
Napoleon Bonapartes im Krnungsornat; Stanhope betrachtete es mit
vorgeblichem Interesse; in Wirklichkeit prfte er aufmerksam das Wesen
und Gehaben des Lehrers.

Quandt war mittelgro und hager; ber der hohen Stirn waren tabaksgelbe
Haare mit Hilfe von Pomade ganz lcherlich glatt zurckgekmmt. Die
Augen blickten schchtern, fast betrbt, und blinzelten bisweilen, die
Hakennase stach ein wenig prahlerisch in die Luft, der Mund, versteckt
unter demtigen und zerbissenen Schnurrbartstoppeln, hatte einen
suerlichen Zug, der die Berufsgewohnheit vielen Nrgelns verriet.

Der Lord war nicht unzufrieden mit dem Ergebnis seiner Beobachtung; er
fragte den Prsidenten, ob die Verhandlungen zum gewnschten Ziel
gefhrt htten, und als dieser bejahte, wandte er sich an Quandt,
reichte ihm stumm dankend die Rechte und sagte, er werde ihm am
Nachmittag seinen Besuch abstatten. Sehr benommen von solcher Huld,
verbeugte sich der Lehrer abermals tief, machte sein Kompliment gegen
den Prsidenten und ging.

Auch Stanhope entfernte sich bald, da Feuerbach zu einer Gerichtssitzung
mute. Im Hotel angekommen, verbrachte er zwei Stunden mit dem Schreiben
eines Briefes, und als er fertig war, schickte er den Jger damit ab. Um
halb zwei stellte sich, wie verabredet, der Polizeileutnant ein; sie
aen zusammen und gingen hernach zu Quandt.

Das Huschen des Lehrers, das am Kronacher Buck beim oberen Tor lag,
war auf den Glanz hergerichtet; Frau Quandt, eine frische, gefllige
junge Frau, mit dem rostfarbigen Seidenkleid wie zu einer Hochzeit
angetan, stand knicksend am Eingang, in der guten Stube war der Tisch
mit Konditorkuchen beladen, und das feine Porzellanservice blinkte
einladend auf dem schneeweien Tuch.

Der Lord war gegen die Lehrerin von vterlicher Freundlichkeit; da sie
guter Hoffnung war, wnschte er Glck, ein Hndedruck bekrftigte seine
zarte Teilnahme; er fragte, ob es das erstemal sei; das junge Weib wurde
purpurrot, schttelte den Kopf und sagte, sie habe schon einen
dreijhrigen Knaben. Als der Kaffee aufgetragen war, gab ihr Quandt
einen Wink, sie ging still hinaus und die drei Mnner blieben allein.

Stanhope sagte, noch knne er sich nicht in den Gedanken einer Trennung
von Caspar finden, aber er sei enchantiert von dieser friedlichen und
geordneten Huslichkeit und es beruhige ihn ungemein, seinen Liebling
hier untergebracht zu wissen. So drfe man denn endlich hoffen, da der
Unglckliche, an dem schon so viele Pfuscherhnde herumprobiert und der
dabei an Leib und Seele Schaden erlitten, einen rettenden Port erreicht
habe.

Quandt legte beteuernd die Hand auf die Brust.

Ja, mischte sich Hickel ein, indem er den letzten Bissen Kuchen
hinunterschluckte und Schnurrbart und Lippen mit dem Handrcken
abwischte, das wohl; und es mu nun einmal Licht werden um dieses Kind
der Dunkelheit.

Der Lord runzelte die Brauen, ein Zeichen des Unwillens, das Hickel
nicht entging; er lchelte leer vor sich hin, nahm aber eine drohende
Miene an.

Leider ist ja Anla zum Argwohn vorhanden, fuhr Stanhope fort, und
seine Stimme war tonlos und kalt; wohin man sich auch wendet und wie
man es auch betrachtet, berall Argwohn und Zweifel. Da ist es kein
Wunder, wenn die ursprngliche Neigung von Bitterkeit durchtrnkt ist.
Will ich mich gleich dem liebenden Gefhl hingeben, so melden sich doch
immer wieder Stimmen, deren Urteil oder Gewicht zu verdchtigen sinnlos
wre, und der schlummernde Funke des Mitrauens lscht nicht aus.

Nun also, lie sich Hickel wieder vernehmen, so hab' ich doch recht!
Man mu reinen Tisch machen. Man mu den hinterlistigen Burschen endlich
Mores lehren. Man mu ihm die Mucken aus dem Kopf jagen.

Stanhope erblate; ber Hickel hinwegblickend, sagte er schneidend:
Herr Polizeileutnant, ich mu mich gegen einen solchen Ton verwahren.
Was immer auch gegen den Jngling zeugen mag, so ist er doch nur als die
mileitete Kreatur eines unbekannten Frevlers zu betrachten.

Hickel senkte den Kopf, und von neuem irrte das leere Lcheln ber sein
Gesicht. Verzeihen Eure Lordschaft, entgegnete er hastig und ziemlich
erschrocken, aber das ist die Meinung der ganzen Welt, zumindest des
aufgeklrten und vernnftigen Publikums. Erst gestern war ich Zeuge, wie
der Ritter von Lang und der Pfarrer Fuhrmann sich ber den Findling und
die Dummheit der Nrnberger geuert haben. Das htten der Herr Graf
nur hren sollen. Wir wissen ja dahier auch, es ist von Gerichts wegen
bekannt geworden, was der Herr von Tucher ber den Undank und die
moralische Verderbtheit des Findlings an Eure Lordschaft geschrieben
hat. Zeigen Sie doch Herrn Quandt den Brief des Barons und er wird sich
berzeugen, da ich nur gesagt habe, was jeder anstndige und
vorurteilslose Mann darber denkt. Und Hickel heftete auf den Grafen
einen befremdet-forschenden Blick.

Dem ist nicht ganz so, versetzte Stanhope abweisend und nippte
mechanisch von der Kaffeetasse. Herr von Tucher spricht in seinem Brief
nur von einigen beln Gewohnheiten Caspars. Auch ich habe Augen; ein
liebendes Herz ist niemals blind; versteht es nicht abzuwgen, so ist
ihm doch die Gabe der Ahnung eigen. Im brigen wollen wir unserm
wrdigen Gastgeber nicht vorgreifen. An ihm wird es sein, zu richten.
Was krumm gewachsen ist, kann er grade biegen, und wenn er mir die
hlichen Flecken von meinem Kleinod nimmt, will ich's ihm frstlich
danken.

Hickel verzog das Gesicht und schwieg. Quandt hatte mit gespannter
Aufmerksamkeit das Gesprch verfolgt. Wozu der Wortstreit? dachte er;
als ob es nicht die leichteste Sache von der Welt wre, zu erkennen, ob
einer ein Spitzbube ist. Man mu die Augen offen halten, das ist alles;
der Gute ist gut, der Bse ist bs, wo liegt da die Schwierigkeit? Ein
bel auszurotten, wenn es sich nicht zu tief eingefressen hat, ist nur
eine Frage der Tatkraft und Umsicht. Aber mir scheint, mir scheint,
meditierte der Lehrer in seinem stillen Sinne weiter, da sind noch ganz
andre Dinge verborgen, die Herren reden nicht von der Leber weg.

Und damit traf er wohl das Richtige, wie sich bald erweisen sollte. Er
entwickelte dem hflich zuhrenden Lord seine Anschauungen ber Moral,
ber den Verkehr mit Menschen, den Umgang mit Schlern, die
Notwendigkeit der Aufmunterung, den Wert der Zensur; alles ein wenig
umstndlich und verklausuliert, aber einfach, staunenswert einfach; nur
die sorgenvolle Miene gab einen Anschein von Schwierigkeit und
Philosophie. Der Lord nickte ein paarmal mit dem Kopf, whrend Hickel
entschiedene Zeichen von Ungeduld von sich gab. Dann beim Fortgehen,
whrend Stanhope sich von der Frau verabschiedete, zog Hickel den Lehrer
beiseite und flsterte ihm zu: Lassen Sie sich nicht ins Bockshorn
jagen durch die Reden des Grafen, lieber Quandt. Der gute Graf betrgt
sich selber und mchte das Sonnenklare nicht wahr haben. Die
Teufelsgeschichte nimmt ihn absonderlich her. Sie leisten ihm einen
gewaltigen Dienst, wenn Sie den Schwindler entlarven.

Das war das Merkwort und der Anschlag. Es barg den Kern des Komplotts.
Nun, Caspar, sollst du in ein kleines Stdtchen gehen und in ein kleines
Haus, sollst in Verborgenheit leben, und die Wnde der Welt sollen sich
verengen, bis sie wieder zum Kerker werden. Gewalt hat sich der List
verbrdert; der Richter wird richten, was er sieht, und nicht wissen,
was er fhlt. Niedrig sollst du werden, damit die Freunde sich in Feinde
verwandeln und deine Einsamkeit leichtere Beute des Verfolgers sei. Das
Blut soll gegen sich selber zeugen, Licht soll verweslich werden,
Frucht soll nicht mehr wachsen, die Stimme des Himmels soll verstummen,
und auf die Nacht -- denn Nacht wird sein -- soll keine Frhe folgen.




Ein Kapitel in Briefen


Freiherr von Tucher an Lord Stanhope:

Seit geraumer Zeit bin ich ohne Nachricht von Eurer Herrlichkeit. Die
unsichere Lage, in der ich mich Caspar gegenber befinde, veranlat
mich, zudringlicher zu sein, als es Ihnen, verehrter Herr, genehm sein
mag, und Sie um eine rasche Erledigung der schwebenden Angelegenheit zu
bitten, um so mehr, da meine Teilnahme an dem Findling nicht mehr die
gleiche wie ehedem ist, und er selbst wiederum durch den gezwungenen
Aufenthalt in meinem Hause sich mehr als ein Gefangener, denn als Gast
und zugehriges Glied erscheinen mu. Ein endgltiger Zustand wre dem
Jngling ehestens zu wnschen; seine aufgeregten Hoffnungen enthalten
seinem Geist jede Ruhe vor, und Tag fr Tag glht er in einer so
fieberhaften Erwartung, da an ein vorgesetztes Studium nicht mehr zu
denken ist und auch dem bldesten Auge die Unruhe seines Gemts nicht
entgeht. Die Abende bringt er mit unntzen Schreibereien hin, und sein
Hauptvergngen ist, mit der Spitze eines Bleistifts auf einer groen
Landkarte die Straen zu verfolgen, die er bald mit Eurer Lordschaft zu
fahren hofft, jedenfalls eine praktische, wenn auch einseitige Art,
Geographie zu treiben. Er spricht, denkt und trumt von nichts anderm
als von der bevorstehenden Reise, und wenn Ihnen, Mylord, noch ein
Geringes an dem Wohl des unglcklichen Jnglings gelegen ist, so vermag
ich keinen strkeren Appell an Ihre Gte zu erheben als den, ein so
drngendes und fruchtloses Hinweben in mglichster Blde zu beenden. Sie
sind der einzige Mensch auf Erden, dessen Wort und Name noch Gewicht in
seinen Ohren hat, und sein grenzenloses Vertrauen gegen Sie mu auch das
Herz desjenigen bewegen, der sonst durch die Launen, die
Unverllichkeit und Zwitterhaftigkeit des rtselvollen Wesens eines
ehemals intensiven Attachements fr ihn beraubt wurde.


Daumer an den Prsidenten Feuerbach:

Eure Exzellenz haben mir die Ehre erwiesen, mich um Auskunft ber Caspar
Hausers nunmehrige Verfassung zu ersuchen. Ich mu gestehen, da mich
dies einigermaen in Verlegenheit gesetzt hat. Ich habe mich in den
letzten anderthalb Jahren wohl gehtet, dem so sorgfltig
Abgeschlossenen nahezutreten, weil ja hierzulande jeder ngstlich
bedacht ist, sein kleinstes Privileg vor fremdem Einspruch zu wahren,
und so wird ein Interesse, das die Menschheit angeht und jeden freien
Geist in Mitleidenschaft ziehen mu, unversehens zur Angelegenheit einer
Partei. Eure Exzellenz mge diese Insinuation entschuldigen, sie mge
lediglich fr meine unerloschene Teilnahme an dem Los des Findlings
zeugen, das seinen Freunden heute weniger als je Anla zu bertriebenen
Hoffnungen gibt. Die vertrauensvolle Zuschrift Eurer Exzellenz hat meine
Bedenklichkeit besiegt, ich habe Caspar letzter Tage im Tucherschen
Haus aufgesucht, er ist auch, zum erstenmal seit langer Zeit, bei mir
gewesen, und ich gebe Ihnen hier einige Mitteilungen ber ihn, die,
wiewohl allgemeiner Natur, doch das Besondere seiner gegenwrtigen Lage
erhellen.

Caspar ist ein hochaufgeschossener junger Mann geworden, der jetzt gut
und gern den Eindruck eines etwa Zweiundzwanzigjhrigen macht. Trte er,
der nun den gesitteten Menschen von Lebensart zugerechnet werden mu,
unerkannt in eine Gesellschaft, so wrde er doch als eine befremdliche
Erscheinung auffallen; sein Gang hat etwas von dem Furchtsam-Zaudernden
und Vorsichtigen einer Katze; seine Zge sind weder mnnlich noch
kindlich, weder jung noch alt: sie sind alt und jung zugleich, besonders
auf der Stirn verraten einige leicht gezogene Furchen seltsam ein
vorzeitiges Altern. Auf seiner Lippe sprot heller Bartflaum, dies
scheint ihn oft befangen zu machen, will auch nicht zu der sanften
Mdchenhaftigkeit des Gesichts und den noch immer bis zur Schulter
hngenden braunen Haarlocken stimmen. Seine Freundlichkeit ist
herzgewinnend, sein Ernst bedchtig, ber beiden schwebt stets ein Hauch
von Melancholie. Sein Benehmen ist altklug, hat aber eine vornehme, ganz
ungezwungene Gravitt. Tlpelhaft und schwerfllig sind blo noch manche
seiner Gebrden, auch seine Sprache ist hart und die Worte sind ihm
nicht immer bereit. Er liebt es, mit wichtiger Miene und in anmaendem
Ton Dinge zu sagen, die bei jedem andern lppisch klngen, aus seinem
Mund jedoch sich ein schmerzlich-mitleidiges Lcheln erzwingen; so ist
es hchst possierlich, wenn er von seinen Zukunftsplnen spricht, von
der Art, wie er sich einrichten wolle, wenn er was Rechtes gelernt, und
wie er es mit seiner Frau halten wolle. Eine Frau betrachtet er als
notwendigen Hausrat, als etwas wie eine Obermagd, die man behlt,
solange sie taugt, und fortschickt, wenn sie die Suppe versalzt oder die
Hemden nicht ordentlich flickt.

Sein immer sich gleichbleibendes stilles Gemt hnelt einem
spiegelglatten See in der Ruhe einer Mondscheinnacht. Er ist unfhig zu
beleidigen, er kann keinem Tier weh tun, er ist barmherzig gegen den
Wurm, den er zu zertreten frchtet. Er liebt den Menschen; jedes
Menschengesicht wird ihm zum Gtterantlitz, und er sucht den ganzen
Himmel darin. Nichts Auerordentliches ist mehr an ihm als das
Auerordentliche seines Schicksals. Ein reifer Jngling, der keine
Kindheit besessen, die erste Jugend verloren, er wei nicht wie, ohne
Vaterland, ohne Heimat, ohne Eltern, ohne Verwandte, ohne
Altersgenossen, ohne Freunde, gleichsam das einzige Geschpf seiner
Gattung, erinnert ihn jeder Augenblick an seine Einsamkeit mitten im
Gewhl der ihn umdrngenden Welt, an seine Ohnmacht, an seine
Abhngigkeit von der Gunst und Ungunst der Menschen. Und so ist
eigentlich all sein Tun nur Notwehr; Notwehr seine Gabe zu beobachten,
Notwehr der umsichtige Scharfblick, womit er jede Besonderheit und
Schwche des andern erfat, Notwehr die Klugheit, womit er seine Wnsche
anbringt und den guten Willen seiner Gnner sich dienstbar zu machen
wei.

Ja, Eure Exzellenz, er ist ohne Freunde. Denn wir, die ihm wohlwollen,
ihn vor der grbsten Bedrngnis des Lebens bewahren, wir sind doch nur
Zuschauer vor dem Ungeheuern seiner Existenz. Und jener vielberedete
Mann, Graf Stanhope, darf er in Wahrheit Caspars Freund genannt werden?
Was drfen wir glauben? Wo findet der begrndete Zweifel Stillung? Mir
ahnt Schreckliches, wenn ich der Erwartungen des Jnglings in bezug auf
den Grafen denke, der ein Heiliger, ein Ohnegleichen sein mte, wenn
sich alle Versprechungen erfllen wrden, die mit seinem Auftreten fr
Caspar verbunden waren. Und erfllen sie sich nicht, erfllt sich nur
ein Hundertstel von ihnen nicht, so prophezeie ich ein bses Ende. Denn
ein solches Herz, aus der Tiefe emporgehoben zum Leben der Welt, aus
uerstem Frieden den ausschweifendsten Lockungen erschlossen, will
alles, fordert das ganze Ma des Glcks oder mu, nur um ein weniges
betrogen, einer ungemessenen Devastation anheimfallen.

Ich gestehe, da mein schwarzsichtiges Temperament mehr als das immer
unverhohlener werdende Gerede der Hiesigen mir die Khnheit zu solchen
Erwgungen gibt; wie drfte sich auch mein Mitrauen an einem so
hochgestellten Mann vermessen. Aber man spricht seit heute davon, da
Caspar nach Ansbach in Pflege kommen solle. Frau Behold, die alte
Feindin Caspars, trgt das Gercht in der Stadt herum und verkndet
berall mit Schadenfreude, da aus der englischen Reise und aus den
Luftschlssern des Grafen nichts geworden sei. Wie mir meine Schwester
erzhlt, habe die Magistratsrtin indirekte Nachricht von der Lehrerin
Quandt erhalten; beide Frauen sind Jugendfreundinnen und in demselben
Haus mitsammen aufgewachsen. Gott verhte, da Caspar von diesem
Geschwtz etwas erfhrt. Ich wre Eurer Exzellenz sehr zu Dank
verpflichtet, wenn Sie mir darber genaue Auskunft berichten lieen,
damit ich dem ungereimten Geklatsche so entgegentreten kann, wie es fr
das Wohl unsers Schtzlings wnschbar ist.


Feuerbach an Herrn von Tucher:

Dem Verlangen Euer Hochgeboren wie der eingetretenen Notwendigkeit
Rechnung tragend, teile ich Ihnen hierdurch mit, da Sie Ihres Amtes als
Vormund Caspar Hausers von heute ab enthoben sind. Eine gleichzeitige
Urkunde des Kreis- und Stadtgerichtes wird Ihnen dies in amtlicher Form
bekanntgeben, wie auch weiterhin die Verfgung, da Caspar dem Grafen
Stanhope zu berlassen sei; freilich einstweilen nur der Form nach, denn
bis die schwierigen und verwickelten Verhltnisse eine nderung erlauben
werden, soll Caspar in der Familie des Lehrers Quandt Aufnahme finden;
Lord Stanhope hat whrend dieser Zeit fr seine zweckmige Erziehung
und Verpflegung zu sorgen, ich selbst werde in Abwesenheit des
Pflegevaters ber das Wohl des Jnglings wachen. Am siebenten des Monats
wird der Gendarmerieoberleutnant Hickel bei Ihnen eintreffen, ein
energischer Beamter, der durch Regierungsdekret zum Spezialkurator fr
die bersiedlung Caspars nach Ansbach bestellt ist. Seine Lordschaft,
Graf Stanhope, hat sich in letzter Stunde entschlossen, einer Handlung,
die in den Augen des Publikums einen durchaus amtlichen Charakter tragen
soll, fernzubleiben, und dieser Vorsatz hat meine volle Billigung. Ich
sehe keine Schwierigkeit darin, Caspar von der vernderten Lage der
Dinge zu unterrichten, und halte die Besorgnisse wegen dieses Punktes
fr bertrieben. Ich selbst werde dieser Tage eine lngst vorbereitete
Reise nach der Hauptstadt antreten, ich hoffe bei dieser Gelegenheit
eine gnstige Wendung in den Lebensumstnden Caspars endgltig
herbeizufhren.


Baron Tucher an den Prsidenten Feuerbach:

Eurer Exzellenz die untertnige Nachricht, da der pltzliche Tod meines
Oheims mich zwingt, die Stadt zu verlassen und nach Augsburg zu reisen.
Ich habe die Obsorge fr den noch in meinem Hause weilenden Caspar Herrn
Brgermeister Binder und Herrn Professor Daumer bergeben und es ihnen
anheimgestellt, Caspar hier zu belassen oder fr die restliche Frist
seines Aufenthaltes in der Stadt zu sich zu nehmen. Eine Mitteilung ber
das Bevorstehende oder auch nur eine Andeutung ist von meiner Seite aus
gegen den Jngling noch nicht erfolgt, und ich mu ohne Hehl bekennen,
da mich eine gewisse unbesiegbare Furcht davon abhlt. Caspar glaubt
noch steif und fest daran, da er mit seinem erlauchten Beschtzer nach
England oder Italien reisen soll, ihm erscheint eine, wenn auch nur
zeitweise Entfernung von dem Grafen als eine Sache der Unmglichkeit,
und derjenige, der ihm eine solche Kunde berbringt, mte eine
gttliche berredungskunst besitzen, um ihn mit den neuen Umstnden zu
vershnen. Meinem unmageblichen Erachten nach ist es ein Fehler, den
Knaben wiederum in enge Verhltnisse zu bringen, die ihn niemals werden
befriedigen, seinen Durst nach Leben und Bettigung nicht werden
stillen knnen. Der Hang seiner Ideen hat eine verhngnisvolle Anmaung
gewonnen, er ist dem Kreis friedlicher Brgerlichkeit entwachsen, sein
Lerneifer in den vergangenen Monaten war gleich Null, alle seine
Gedanken, sein ganzes Streben ist auf den Lord gerichtet, und wenn nun
Graf Stanhope von ihm gehen wird, dann bin ich sicher, da er einen
unglcklichen Gesellen, ein unntzes und bedauernswertes, aus jedem
sozialen Zusammenhang gelstes Glied der menschlichen Gesellschaft
zurcklassen wird. Wenn es der eigentliche Wesenszug der Frstenkinder
wre, da sie dem privaten Leben untauglich und hilflos gegenberstehen,
dann allerdings wre Caspar ein Auserwhlter unter den Prinzen.
Vielleicht aber schmiedet ihn das Schicksal noch, und es wird ein Mann
aus ihm, der eine Krone zu erwerben vermag, wenn es auch eben keine
Frstenkrone ist. Fr mich ist die Episode Caspar Hauser nunmehr
abgeschlossen, und was auch immer ich an Enttuschung und Bitterkeit
daraus gewonnen habe, sie hat mir einen Einblick in Menschenwahn und
Menschengeschfte gegeben, den ich fr mein ferneres Leben nicht missen
mchte. So mu eben jeder auf seine Weise bezahlen.


Daumer an den Prsidenten Feuerbach:

Ich fhle mich verpflichtet, Eurer Exzellenz von den Ereignissen der
letzten Tage eine wahrheitsgetreue Darstellung zu machen, insoweit eben
Wahrheit auf zwei Augen ruht. Vielleicht klingt vieles von dem, was ich
zu berichten habe, so ungewhnlich, da ich mich fragen mu, ob ein
Mann, der den beln Ruf eines nicht ganz nchternen Kopfes geniet, die
geeignete Person ist, solche Vorflle zu beschreiben. Aber die strenge
Einsicht Eurer Exzellenz habe ich noch am wenigsten zu frchten; wenn
ich sachlich bin, wird die Sache fr sich selber sprechen, und meiner
Hand bleibt nur die Aufgabe, die Reihenfolge der Begebnisse
festzuhalten, was freilich nicht immer ganz leicht sein mag.

Vor vier Tagen besuchte mich Herr von Tucher und teilte mir mit, da er
wegen eines Todesfalles verreisen msse. Schon vorher hatte er mich wie
auch Herrn Binder gebeten, die Aufsicht ber Caspar zu fhren so lange,
als der Jngling noch in Nrnberg bleiben msse. Da mir dies befremdlich
erschienen war, lie Herr von Tucher durchblicken, die an hherer Stelle
beliebte Umgehung seiner Person mache ihm ein solches Handeln zum Gebot.
Er meinte das Schreiben Eurer Exzellenz, durch welches ich, halb wider
Willen, bewogen wurde, Caspar aufzusuchen und mich neuerdings mit ihm zu
beschftigen. Dies hatte Herr von Tucher sehr bel aufgenommen. Ich gab
mir keine Mhe, den stolzen Mann andern Sinnes zu machen, auch vermute
ich zu seiner Ehre, da dies Betragen noch eine ernstere, menschliche
Regung habe, denn als ich ihn fragte, ob er Casparn schon eine Andeutung
ber die zu erwartende Ankunft des Polizeileutnants Hickel gemacht, wich
er aus und entgegnete hastig, er wolle dies mir berlassen, der ich doch
eines gewinnenderen Zuredens fhig sei und bei Caspar mehr Vertrauen
geniee.

Am Nachmittag beschlo ich, zu Caspar zu gehen. Als ich in sein Zimmer
trat, las er die christliche Andacht des Tages. Er schaute heiter von
dem Buch empor, blickte in mein Gesicht und, Seltsameres ist nicht zu
denken, im Nu berzogen sich seine Wangen mit leichenfahler Blsse. Es
war mir schwl um die Brust, ich setzte mich auf einen Stuhl und schwieg
ngstlich. Ganz und gar verga ich die bernommene Rolle, ich fhlte
blo mit ihm, ich sah, da er alles, was ich ihm zu sagen hatte und
weswegen ich gekommen war, von meinen Augen abgelesen hatte, die
unbewute Furcht mute wohl in seinem Innern geschlummert haben, anders
kann ich es auf natrlichem Weg nicht erklren, ich fhlte, wie
pltzlich die Wurzeln seines Herzens aufgerissen wurden. Er erhob sich,
er schwankte, ich wollte ihn halten, er gewahrte mich kaum, er schien
vllig betubt. Ich folgte ihm bis zum Bett, er warf sich darauf hin,
krmmte den Krper und fing in einer solchen Weise zu weinen an, da mir
das Mark in den Knochen gefror.

Noch war nichts geschehen, es konnte noch alles gut werden; so bildete
ich mir ein und lie es an trstlichen Worten nicht fehlen. Das Weinen
dauerte ungefhr eine halbe Stunde. Dann erhob er sich, schlich in den
Winkel, kauerte hin und bedeckte das Gesicht mit den Hnden. Ich redete
unablssig in ihn hinein, ich wei nicht mehr, was ich alles vorbrachte.
Gegen sechs Uhr abends verlie ich ihn, und obgleich er bis dahin noch
nicht einmal den Mund aufgetan, dachte ich mir, er werde mit der
Geschichte schon fertig werden. Ich empfahl dem Diener, sich bisweilen
nach Caspar umzusehen, und im stillen nahm ich mir vor, nach ein paar
Stunden wiederzukommen, aber es war unausfhrbar, meine Berufsarbeit
nahm mich bis in die Nacht in Anspruch. Als ich von Caspar fortgegangen
war, sa er auf einem Schemel zwischen Ofen und Wandschrank, am andern
Morgen um halb neun Uhr trat ich wieder in sein Zimmer, und wer
beschreibt das schmerzliche Erstaunen, das ich empfand, als ich ihn an
genau derselben Stelle, in unvernderter Haltung, noch immer die Hnde
vors Gesicht geschlagen, so sah, wie ich ihn vierzehn Stunden frher
verlassen. Das Bett war noch in demselben Zustand, etwas zerdrckt von
seinem ersten Draufhinsinken, kein Gegenstand war berhrt, auf dem Tisch
stand der mit einer dicken Haut berzogene Milchbrei, sein Nachtessen,
daneben die Schale mit erkaltetem Kaffee vom Morgen, und es herrschte
eine stickige, ungelftete Atmosphre. Der Diener kam, begegnete meiner
stummen Frage mit einem Achselzucken, ich wandte mich an Caspar selbst,
ich rttle ihn an der Schulter, ich packe seine eiskalte Hand -- nichts,
keine Antwort, kein Laut, er schwelt vor sich hin, kaum da sich seine
Augen rhren. So verging wieder eine Viertelstunde, da wurde mir's
unheimlich, ich beschlo nach dem Arzt zu schicken, vielleicht habe ich
auch dergleichen vor mich hingemurmelt, jedenfalls hatte Caspar
verstanden, was ich wollte, denn jetzt regte er sich, hob den Kopf wie
aus einer Grube heraus und schaute mich an. Ach, diesen Blick! Und wenn
ich Abrahams Alter erreichte, nie knnte ich diesen Blick vergessen. Das
war ein andrer Mensch. Leider liegt es nicht in meiner Natur, eine
Situation momentan in ihrer ganzen Bedeutung zu erfassen; anstatt zu
schweigen, begann ich wieder mit Scheintrstungen, aber ich sprte
gleich, da es besser sei, das letzte Abendrot der Hoffnung nicht noch
einmal ber die verdunkelte Seele heraufzubeschwren; was mich
entschuldigt, ist, da ich selber ja kaum mit Klarheit wute, was im
Werk war, und da mich die zermalmende Wirkung von etwas vollstndig
Unausgesprochenem, deren Zeuge ich war, mehr lhmte und erschtterte als
das Wissen darum. Doch will ich Eure Exzellenz nicht durch Betrachtungen
verwirren und hbsch in der Ordnung bleiben.

Ich hatte schon zuviel Zeit verloren, ich mute fort. Nach vieler Mhe
war es mir gelungen, Caspar zu berreden, da er sich ein bichen
niederlege, auch hatte er mir versprochen, mittags bei uns zu essen; das
war mehr als ich erwarten durfte, ich ging also beruhigter meinen
Geschften nach, war um halb eins wie gewhnlich zu Hause, wir warteten
einige Zeit, aber wer nicht kommt, ist Caspar. Ich vermutete, er sei
eingeschlafen, denn da er die Nacht ber nicht ein Auge geschlossen,
hatte ich ihm angesehen, und ohne bse Gedanken ging ich um zwei Uhr
wieder ins Gymnasium mit dem Vorsatz, beim Nachhauseweg in der
Hirschelgasse nachzuschauen. Das tat ich auch, es war halb fnf und
dmmerte schon stark, als ich am Tucherhaus war, aber wie wurde mir, als
mir der Pfrtner mitteilte, Caspar habe schon um zwlf Uhr das Haus
verlassen und angegeben, er gehe zu mir. Ich war wie vor den Kopf
geschlagen; neben aller Verantwortlichkeit durfte ich auch die
begrndetste Sorge fr den armen Menschen hegen; ich lief in meine
Wohnung, da hatte sich kein Caspar blicken lassen, ich schickte die
Schwester zum Brgermeister, die alte Mutter sogar machte sich auf die
Beine, um bei einigen Bekannten nachzufragen; whrenddessen beriet ich
mich mit dem Kandidaten Regulein, und als meine Schwester Anna binnen
kurzem zurckkam und wir gleich an ihrem Gesicht merkten, da sie nichts
erfahren hatte, schien es geboten, ohne Verzug die Polizei zu
unterrichten, die ja im Fall eines Unglcks mitschuldig war, da man die
Bewachung in letzter Zeit auffallend vernachlssigt hatte. Ich gab
hastig noch ein paar Anweisungen und war eben im Fortgehen begriffen,
als sich die Tr auftat und Caspar auf die Schwelle trat.

Aber war er es wirklich? Wir glaubten sein Gespenst zu sehen. Ich mache
mich keiner bertreibung schuldig, wenn ich versichere, da wir alle den
Trnen nahe waren. Ohne sich umzusehen und ohne zu gren, schritt er
mit sonderbarer Langsamkeit durch die Stube bis zum Tisch, nahm auf dem
Holzsessel Platz, sttzte das Kinn in die Hand und schaute mit
unverwandtem Blick regungslos ins Licht der Lampe. Wir waren alle drei
wie verzaubert, und meine Schwester sowie der Kandidat gestanden mir
spter, da ihnen ganz frstlich zumute gewesen sei. Mittlerweile war
auch meine Mutter zurckgekehrt, sie war die erste, die an den Tisch
trat und Caspar fragte, wo er gesteckt habe. Er gab keine Antwort. Meine
Schwester Anna glaubte ihn besser zum Reden bringen zu knnen, sie nahm
ihm den Hut vom Kopf, strich mit der Hand ber seine Haare und suchte
ihn mit leiser Stimme seinem Brten zu entreien. Ganz vergeblich; er
schaute immer nur ins Licht, immer ins Licht, die geffnete Hand an der
Wange, das Kinn ber dem Daumen. Ich sah mir ihn jetzt genauer an, indem
ich mich unauffllig nherte, jedoch sein Antlitz verriet nichts als
einen unbeweglichen, gar nicht einmal schmerzlichen, sondern starren,
fast stupiden Ernst. Meine Mutter fuhr fort, in ihn zu dringen, er solle
doch sagen, wo er herkomme und wo er gewesen sei. Da sah er uns alle der
Reihe nach an, schttelte den Kopf und faltete bittend die Hnde.

Wir beredeten uns nun, da Caspar in unserm Hause bleiben und da
bernachten solle; wir hatten, um das Aufsehen wegen Caspars
Verschwinden gleich wieder zu ersticken, die Magd zum Brgermeister
geschickt, auch zu den andern Leuten, die wir schon inkommodiert hatten,
und meine Mutter ging in die Kche, um frs Abendessen zu sorgen, da
erschien der Tuchersche Diener, erkundigte sich, ob Caspar bei uns sei,
und als wir dies bejahten, sagte er, er solle gleich nach Hause, der
Polizeileutnant Hickel aus Ansbach wre da und Caspar msse noch am
Abend mit ihm abfahren. Eine solche Botschaft kam mir nicht weiter
unerwartet, nur da die Sache gar so eilig sein solle, versetzte mich
einigermaen in Wallung, und ich war unberlegt genug, dem Menschen eine
scharfe Antwort zu geben; wenn ich mich recht erinnere, so sagte ich,
der Herr Polizeileutnant mge sich doch gedulden, es sei ja nicht ein
Sack Kartoffeln zu expedieren, den man holterdiepolter auflade. Meine
Erregung mu jedem verstndlich erscheinen, der das Vorhergegangene in
gerechte Erwgung zieht, es kamen mir aber doch Bedenken an, ich rgerte
mich nachher ber meine Unbesonnenheit und veranlate den Kandidaten
Regulein, da er ins Tuchersche Haus gehe, um mit dem Herrn aus Ansbach
zu sprechen und ihn tunlichst aufzuklren. Das wre soweit ganz gut
gewesen, nur passierte dabei die Fatalitt, da der Kandidat, der etwas
redseliger Natur ist und der froh war, den Fremden mit irgend etwas
unterhalten zu knnen, dem Herrn Polizeileutnant die Geschichte von dem
Verschwinden Caspars brhwarm hinterbrachte, woraus sich denn spter der
peinlichste Auftritt ergab.

Es war schon sieben, als das Essen auf den Tisch gesetzt wurde, der
Kandidat war noch nicht zurck, wir nahmen alle Platz und waren nun
wieder einmal, wie in frheren Zeiten, mit Caspar ganz unter uns. Aber
wie anders waren die Zeiten, wie anders Caspar! Ich mute mir den
Menschen bestndig ansehen, wie er mit niedergeschlagenen Augen dasa
und lustlos in der Grtze lffelte. Seine Blicke waren jetzt unruhig und
bisweilen berlief ein Schauder seine Haut. Lange konnte ich mich
solchen Betrachtungen nicht berlassen, denn gegen viertel acht wurde
mit sonderbarer Heftigkeit an der Hausglocke gerissen, Anna lief
hinunter, um zu ffnen, und alsbald erschien ein Offizier in
Gendarmenuniform, und bevor er noch seinen Namen nannte, wute ich
natrlich, wer es war. Caspar war bei dem grellen Glockenlrm stark
zusammengefahren. Hinzufgen mu ich noch, da die vorher erwhnte
Auseinandersetzung mit dem Diener sowie das Gesprch mit dem Kandidaten
im Flur vor der Treppe stattgefunden und Caspar nichts davon gehrt
hatte; er erhob sich jetzt und schaute mit einem langen Blick gegen die
Tre, und als er des Herrn Polizeileutnants ansichtig geworden, wurden
seine Wangen wieder genau so tdlich fahl wie tags zuvor, da ich in
sein Zimmer gekommen war. Ich kann mir, wenn ich die Tatsachen im
Zusammenhang gegeneinander halte, keine andre Erklrung denken, als da
Caspar alles das, was sich nun seit vierundzwanzig Stunden abspielte,
von innen aus erriet, sozusagen durch ein inneres Gesicht, und da er
der ueren Besttigung durch die Ereignisse gar nicht mehr bedurfte,
denn es gab sich eine Versunkenheit an ihm kund, die ich nur mit der
schrecklichen Ruhe eines Schlafwandlers vergleichen kann. Ich selbst war
nachgerade so benommen, da ich, wie ich frchte, Herrn Hickel mit einer
unfreundlich wirkenden Klte empfing. Glcklicherweise schien dieser
keine Notiz davon zu nehmen, und nachdem er sich gegen meine Damen
verbeugt, wandte er sich an Caspar und sagte mit einem Ton der
berraschung, der freilich nicht ganz aufrichtig klang: Das ist also
der Hauser! Ist ja ein ganz ausgewachsener Mensch, mit dem wird sich ja
reden lassen! Caspar schaute den Mann gro an, und zwar mit einem
finster prfenden Blick, in dem durchaus nichts Wehleidiges oder
Jmmerliches war. Es entstand nun ein allseitiges Schweigen; ich
berlegte mir, wie ich es anstellen knnte, damit Caspar die Nacht ber
noch in meinem Hause bleiben knne, denn in seinem Zustand ihn einem
Fremden zu berlassen erschien mir unratsam. Ich erklrte mich Herrn
Hickel mit offenen Worten, er hrte mich ruhig an, sagte aber dann, er
habe gemessenen Auftrag, Caspar gleich mitzunehmen, es sei keine Zeit zu
verlieren, die Sachen mten noch gepackt werden und der Wagen stehe
schon bereit. Meine Schwester Anna, unbndig wie sie ist, rief mir zu,
ich solle mich darum nicht kmmern, zugleich trat sie, wie um ihn zu
schtzen, an Caspars Seite. Herr Hickel lchelte und sagte, wenn uns so
viel an einem Aufschub gelegen sei und wir noch etwas mit Caspar zu
besprechen htten -- sein Ton war dabei so beziehentlich, da ich stutzig
wurde--, wolle er nicht den Spielverderber machen, ich msse mich aber
verpflichten, Caspar punkt neun Uhr zum Tucherschen Haus zu bringen.
Jetzt verlor auch ich die Fassung und fragte, ob denn die Sache um
Gottes willen so dringend sei, da er in die Nacht hineinreisen wolle.
Herr Hickel zuckte die Achseln, schaute auf die Uhr und antwortete kalt,
ich mge mich entschlieen. Jetzt begann Caspar zu sprechen, und mit
einer Stimme, deren Klarheit und Festigkeit mir bei ihm etwas ganz Neues
war, sagte er, er wolle sogleich mitgehen. Wir sahen aber alle, da er
vor Erschpfung zitterte und da er sich kaum auf den Beinen zu halten
vermochte. Meine Mutter und Schwester beschworen ihn zu bleiben, Herr
Hickel, der bei Caspars Worten abermals gelchelt hatte -- o, ich kenne
dieses Lcheln! wie oft hat es mir die Schamrte ins Gesicht
getrieben!--, kehrte sich gegen mich und sagte: Also um neun Uhr, Herr
Professor, und zu Caspar gewandt, erhob er den Finger und sagte
schalkhaft drohend: Da Sie mir ja pnktlich sind, Hauser! Auch mu ich
wissen, wo Sie sich den Nachmittag ber herumgetrieben haben. Lassen Sie
sich beileibe nicht einfallen, mich anzulgen, sonst gibt's was. Da
kenn' ich keinen Scherz.

Grend ging Hickel und lie uns in einem Zustand von Emprung, Zweifel
und Unruhe zurck. Das alles nahm sich ja schlimmer aus, als es die
rgste Befrchtung malen konnte. Besonders die letzten Worte des
Leutnants hatten mich wie auch meine Angehrigen mit Schrecken erfllt.
Was sollten wir von der Zukunft Caspars denken, was von seinem Glck
erhoffen, wenn Drohungen von so brutaler Art unverhllt auftreten
durften? Das Herz war mir schwer geworden. Doch war zu grbeln nicht die
Zeit. Ich beschlo, zum Brgermeister zu gehen und mich mit ihm zu
beraten. Anna hatte schnell auf dem Sofa ein Lager bereitet, sie fhrte
Caspar hin, er sank nieder, und kaum ruhte sein Kopf auf dem Kissen, so
schlief er auch schon. Indes ich mich zum Fortgehen anschickte, lutete
es, und Herr Binder kam selbst. Ich verstndigte ihn in Eile von dem
Vorgefallenen, er war hchlichst befremdet von dem Auftreten des
Ansbacher Herrn, und da er es fr tunlich hielt, mit diesem selbst zu
sprechen, forderte er mich auf, ihn zu begleiten. Wir berlieen Caspar
der Obhut der Frauen und gingen in die Hirschelgasse. Es hatten sich
trotz der Abendstunde eine Menge Menschen hauptschlich aus der niederen
Volksklasse vor dem Tucherschen Haus eingefunden, die, ich wei nicht
durch welche Umstnde, von der bevorstehenden Abreise Caspars
unterrichtet waren und teils laut, teils murrend ihre Mibilligung
ausdrckten.

Als wir die Tr von Caspars Zimmer geffnet hatten, bot sich uns ein
sonderbarer Anblick. Die Kommodeschubladen und Schrnke waren
vollstndig ausgerumt; Wsche, Kleider, Bcher, Papier, Spielwaren,
alles lag wst auf dem Boden und auf Sthlen, und Herr Hickel
kommandierte den Diener, der damit begonnen hatte, die Sachen
ordnungslos in einem Reisekoffer und einer kleinen Kiste unterzubringen.
Als er uns gewahrte und den Unwillen aus unsern Blicken las, sagte er
lchelnd, als ob es sich um eine Schmeichelei handle, jetzt fange ein
neues Regiment fr den Findling an, jetzt werde alles an den Tag kommen.
Mit finsterem Gesicht entgegnete Herr Binder, was er damit meine, was
denn eigentlich an den Tag kommen solle; zugleich gab er sich unter
Nennung seines Namens zu erkennen. Herr Hickel geriet in Verlegenheit;
mit einigen nichtssagenden Wendungen entschlug er sich der Antwort; er
behauptete, Caspar zu lieben; es sei ihm nur darum zu tun, den jungen
Menschen vor falschen Illusionen zu bewahren. Da stieg mir das Blut zu
Kopfe, und ich antwortete, wer denn anders solche Illusionen erzeugt und
genhrt htte als gewisse Herrschaften, die sich nun aus dem Staub zu
machen schienen; erst schmcke man den Arglosen mit einem festlichen
Kleid, und wenn er dann darin herumzuspazieren wage, sehe man einen
gefhrlichen berhebling in ihm. Das begreife wer wolle, ein solches
Spiel sei verdammungswrdig. Das war heftig, war unvorsichtig, es sei
gestanden, doch mu ich hinzufgen, da mich die ironische Ruhe des
Polizeileutnants aufreizte. Um so verblffter war ich, als er mir nun in
jedem Punkt beipflichtete, sich aber auf keine weitere Errterung
einlie und sich wieder zu dem Diener kehrte, indem er Eile vorschtzte,
da er nicht in so spter Nacht abreisen wolle. Herr Binder bemerkte ihm
darauf, da die Abfahrt sehr gut bis morgen verschoben werden knne,
Caspar bedrfe der Ruhe, die Verantwortung sei er bereit auf sich zu
nehmen. Herr Hickel versetzte, das sei unmglich, er habe strikten
Befehl und msse auf seiner Anordnung bestehen. Wir waren ratlos.

Der Polizeileutnant hatte sich auf den Tischrand gesetzt und blickte uns
Schweigende spttisch-erwartungsvoll an. Da vernahmen wir Schritte, und
als wir uns umwandten, die Tre stand offen, sahen wir Caspar und hinter
ihm meine Schwester. Anna flsterte mir zu, Caspar sei kurz nach unserm
Fortgehen erwacht, er habe erklrt, mit dem fremden Mann gehen zu
wollen, und sich durch keinen Einwand zurckhalten lassen; so habe sie
ihn denn begleitet.

Caspar schaute sich forschend um, dann sagte er, zu Herrn Hickel
gewandt: Nehmen Sie mich nur mit, Herr Offizier. Ich wei schon, wohin
Sie mich bringen wollen, ich frcht' mich nicht. Es war in diesen
Worten, so wenig Besonderes sie enthielten, ein wunderbarer Antrieb und
das, was man Haltung nennt, und ich kann nicht verhehlen, da ich durch
sie aufs tiefste bewegt wurde. Ich htte viel darum gegeben, wenn ich
Caspar jetzt eine Stunde lang fr mich allein htte haben knnen. Der
Herr Polizeileutnant verbarg seine Freude ber die unvermutete Wandlung
nicht und antwortete lachend: Na, frchten, Hauser! Warum nicht gar! Es
geht ja nicht nach Sibirien! Er nherte sich nun dem Jngling, legte
beide Hnde auf dessen Schulter und fragte: Jetzt seien Sie einmal ganz
offen, Hauser, und sagen Sie mir ohne Umschweife, wo Sie den Nachmittag
ber gesteckt haben? Caspar schwieg und besann sich, dann entgegnete er
dumpf: Das kann ich Ihnen nicht sagen. -- Ja wie denn, was denn, was
soll das heien, heraus mit der Sprache! rief der Leutnant, und Caspar
darauf: Ich hab' was gesucht. -- Ja, was denn gesucht? -- Einen Weg.
-- Zum Donnerwetter, begehrte Herr Hickel auf, spielen Sie mir kein
Theater vor und machen Sie keine Flausen, sonst werde ich Ihnen zeigen,
was die Glocke geschlagen hat. Wir in Ansbach werden Ihnen nicht auf das
aberwitzige Wesen hereinfallen, das lassen Sie sich nur gesagt sein.

Herr Binder und ich waren durch solche herausfordernde Redeweise wie
begreiflich sehr emprt. Aber Herr Hickel zeigte keine Lust, sich zu
rechtfertigen, er befahl Caspar in knappen Worten, sich fertigzumachen,
in einer halben Stunde werde er fahren. Whrenddem kamen der Baron
Scheuerl, der Assessor Enderlin und andre Bekannte Caspars, die von der
Abreise gehrt hatten und ihm Lebewohl sagen wollten; ich hatte keine
Zeit mehr, nur drei Worte mit ihm zu wechseln, binnen kurzem waren wir
alle im Hausflur versammelt. Die Menge auf der Strae hatte sich
vermehrt, in der Dunkelheit sah es aus, als ob ganz Nrnberg auf den
Beinen sei. Die Zunchststehenden stieen drohende Reden aus, Herr
Hickel forderte vom Brgermeister, da er die Wache aufziehen lassen
solle, doch eine solche Maregel erklrte dieser fr berflssig, und in
der Tat gengte sein bloes Erscheinen, um die Ruhe wiederherzustellen.

Als Caspar zum Wagenschlag trat, rannte alles zuhauf, jeder wollte ihn
noch einmal sehen. Die Fenster der gegenberliegenden Huser waren
erleuchtet und Frauen winkten mit Tchern herab. Die Kisten und Vachen
waren aufgebunden, der Kutscher schnalzte, die Pferde zogen an -- und
fort war er.

berzeugt, da Eure Exzellenz zu den wenigen aufrichtigen Gnnern des
Jnglings gehren, fhlte ich mich im Innersten gedrngt, Ihnen ber
diese Vorflle genauen Bericht zu erstatten. Nur einige Stunden sind
seit den erzhlten Begebenheiten verflossen, es ist weit ber
Mitternacht, die Feder will meiner Hand entsinken, aber ich durfte keine
Frist verstreichen lassen, um nicht selber zum Flscher meiner
Erinnerung zu werden. Wo die Verleumdung so unermdlich am Werk ist,
soll auch der Gutgesinnte eine Nachtwache nicht scheuen, wenn er zu
frchten hat, da ihn der bloe Schlaf nur um eine Linie von der
Deutlichkeit seines Erlebens betrgen knnte. Vielleicht finden Eure
Exzellenz, da ich die Dinge falsch deute oder in ihrer Wichtigkeit
berschtze. Mag sein, ich habe jedoch meine Pflicht erfllt und bin mir
keiner Versumnis bewut. Ich trage schwere Sorge um Caspar, ohne da
ich ganz zu sagen vermchte weshalb, aber ich bin nun einmal als
Geister- und Gespensterseher auf die Welt gekommen, und mein Auge sieht
den Schatten frher als das Licht.

Nicht vergessen will ich zum Schlu die Erwhnung, da mir Herr von
Tucher bei seinem letzten Besuch die hundert Goldgulden bergab, die
Caspar vom Herrn Grafen Stanhope geschenkt erhalten. Ich werde die Summe
mit nchster fahrender Post an Eure Exzellenz berschicken.


Frau Behold an Frau Quandt:

Werte Frau, #excusez#, da ich mich schriftlich an Sie wende, was Sie
extraordinaire finden werden, da ich Ihnen doch im ganzen fremd bin,
obwohl Sie in meiner Eltern Hause Ihre Jugend verlebten. Mit groem
Etonnement vernehme ich, da der Caspar Hauser nunmehr in Ihrem Heim
weilen wird, und ich fhle mich gedrungen, Ihnen zum Belehr etwelches
ber den Sonderling zu erffnen. Sie wissen doch, da der Hauser das
Wunderkind von Nrnberg war. Lob und Verhtschelei htten bei einem Haar
den Knaben zum Narren gemacht, es ist eben ein tolles Volk dahier. In
solchem verderbten Zustand haben wir ihn aus reinem christlichem Mitleid
und, ich schwre, ohne jede Nebenabsicht zu uns genommen. Bei aller
Tollheit haben die andern doch vor dem vermummten Kerl mit dem Beil
Angst gehabt, wir aber frchteten nichts, und der Hauser wurde bei uns
wie ein Kind geliebt und estimieret. bel ist uns das gelohnt worden;
keine Erkenntlichkeit vom Hauser, und noch dazu die bse Nachrede seines
Anhangs. Wieviel rgerliche Stunden, wieviel Verdru er uns durch seine
entsetzliche Lgenhaftigkeit bereitet hat, davon sind alle Muler stumm.
Nachher freilich hat er alleweil Besserung gelobet und ward mit frischer
Liebe an unser Herz geschlossen, aber fruchten tat es nichts, der
Lgengeist war nicht zu bannen, immer tiefer versank er in dieses
abscheuliche Laster. Ist viel Gerede gewesen von seinem keuschen Sinn
und seiner Innocence in allem Dahergehrigen. Auch hierber kann ich ein
Wrtlein melden, denn ich hab's mit meinen eignen Augen gesehen, wie er
sich meiner damals dreizehnjhrigen Tochter, heute ist sie in der
Schweiz in Pension, unziemlich und unmiverstehlich nherte. Nachher zur
Rede gestellt, wollt' er's nicht wahr haben, und aus Rache hat er mir
die arme Amsel umgebrungen, die ich ihm donationieret. Gebe Gott, da
Sie nicht hnliche Erfahrungen an ihm machen; er steckt voller
Eitelkeit, meine Liebe, voller Eitelkeit, und wenn er den Gutmtigen
agieret, ist der Schalk dahinter verborgen, und so man ihm den Willen
bricht, ist es mit seiner Katzenfreundlichkeit am Ende. Wieviel wir auch
durch sein detestables Betragen zu dulden hatten, Undank und Calomnie,
aus unsern Lippen ist keine Klage gefahren, denn warum, man htt' ihm
auch dann die Wahrheit nicht mehr glauben knnen, und ein Betrger ist
er nicht, nur ein armer Teufel, ein sehr armer Teufel. Ihnen und dem
Herrn Gemahl glaube ich hingegen einen Gefallen zu erweisen, wenn ich
die Decke lpfe, unter der er seinen Unfug treibet; der gegen ihn so
gtig gesinnte Graf Stanhope wird gewi bald zu der schmerzlichen
Entdeckung gelangen, da er eine Schlange an seinem Busen nhret. Wre
der Herr Graf nur zu mir gekommen, dieses aber hat der Pfiffikus Hauser
hintertrieben, und aus guten Grnden. Seien Sie nur recht wachsam, gute
Frau; er hatte alleweil Heimlichkeiten, bald da, bald dort versteckt er
was in einem Winkel, das lt auf nichts Gutes schlieen. Und nun bitte
ich Sie oder den Herrn Gemahl, mir in einiger Zeit Nachricht zu geben,
wie sich Ihr Zgling produzieret und was Sie von ihm halten, denn
ohneracht alles Geschehenen nimmt er doch ein Pltzchen in meinem Herzen
ein, und ich wnsche nur, da er ttig an seiner Selbstbesserung
arbeite, ehe er in die groe Welt entrieret, wo er viel mehr Kraft und
Bestndigkeit vonnten haben wird als in unsrer kleinen.

Von mir selbst ist nicht viel Gutes zu sagen, ich bin krank; der eine
Doktor meint, es ist ein Geschwr auf der Milz, der andre nennt's eine
#Maladie du coeur#. Die groe Teuerung der Lebensmittel ist auch nicht
angetan, einem die Laune zu verbessern, Gott sei Lob gehen die
Mannsgeschfte im allgemeinen gut.


Bericht Hickels ber den vollfhrten Auftrag der bersiedlung Caspar
Hausers:

Ich traf am 7. ds. vorschriftsgem in Nrnberg ein, verfgte mich
sogleich in die Wohnung des Freiherrn von Tucher, fand aber den Kuranden
nicht zu Hause und erfuhr zu meiner Verwunderung, da er sich den ganzen
Nachmittag ber aufsichtslos und unbekannt wo herumgetrieben habe, was
doch gegen die Vorschrift ist, und da er sich zurzeit beim Professor
Daumer aufhalte, wahrscheinlich in der Absicht, die Reise zu verzgern
und dabei die Untersttzung seiner Freunde zu finden. Denn als ich bei
Herrn Daumer vorsprach, wurden zu besagtem Zweck alle mglichen Ausreden
versucht, auch gefiel sich der Hauser selbst in einigen leicht
durchschaubaren Schnurrpfeifereien, was mich aber nicht hinderte, auf
der mir erteilten Weisung zu beharren. Eine strenge Inquisition nach
seinem Verbleib whrend des Nachmittags blieb fruchtlos, der Bursche gab
die albernsten Antworten von der Welt. Mein entschiedenes Auftreten
hatte die Wirkung, da von einer Verzgerung nicht weiter gesprochen
wurde, um neun Uhr war der Wagen zur Stelle, es war groer Zulauf in den
Gassen, die Leute, vermutlich insgeheim aufgehetzt, gebrdeten sich
einigermaen revoltant, wurden aber durch meine Drohung, da ich die
Wache aufziehen lassen wrde, schnell eingeschchtert. Dem Kutscher
gebot ich Eile, und nach einer Viertelstunde hatten wir das Weichbild
der Stadt verlassen. Whrend der ganzen drei Stunden bis zum Dorfe
Grohaslach lie mein Kurand nicht eine Silbe verlauten, sondern starrte
ununterbrochen in die Dunkelheit hinaus; gewi mag es ihm gar trbselig
zumute gewesen sein, da er nun doch erkennen mute, da es mit seinen
groen Hirngespinsten Matthi am letzten war. Ich hatte den Sergeanten
nach Grohaslach bestellt, und derweil die Pferde gefttert und getrnkt
wurden, verfgten wir uns in die Poststube. Hauser legte sich daselbst
alsogleich auf die Ofenbank und entschlief. Ich konnte aber des
Verdachts nicht ledig werden, da er sich nur schlafend stellte, um mich
und den Sergeanten sicher zu machen und unser Gesprch zu belauschen. In
diesem Argwohn bekrftigte mich auch das jedesmalige Blinzeln seiner
Lider, wenn ich in nicht gerade schmeichelhaften Ausdrcken seiner
Person erwhnte. Um der Sache auf den Grund zu gehen und zugleich
herauszubringen, was es mit dem allerwrts verbreiteten Mrchen von
seinem steinernen Schlummer fr eine Bewandtnis habe, nahm ich meine
Zuflucht zu einer kleinen List. Nach einer Weile gab ich nmlich dem
Sergeanten einen Wink, und wir erhoben uns leise, als ob wir gehen
wollten, und siehe da, kaum hatte ich die Trklinke gefat, so schnellte
mein Hauser wie von der Tarantel gestochen empor, tat ein wenig wirr und
verstrt und folgte uns, die wir uns kaum das Lachen verbeien konnten.
Im Wagen fragte mich Hauser pltzlich, ob der Herr Graf noch in Ansbach
weile; ich bejahte, fgte aber hinzu, da Seine Lordschaft dieser Tage
gen Frankreich fahren werde, worauf Hauser einen tiefen Seufzer
ausstie; er lehnte sich in die Ecke zurck, schlo die Augen und
schlief nun wirklich ein, wie ich aus seinen tiefen Atemzgen entnehmen
konnte. Die Weiterfahrt verlief ohne bemerkenswerte Vorflle, es war ein
Viertel nach drei, als wir bei Schneetreiben vor dem Sterngasthof
anlangten; ich hatte diesmal harte Mhe, den Hauser aus dem Schlaf zu
bringen, und erst als ich ihn energisch anschrie, entschlo er sich, aus
der Kutsche zu steigen. Da nur der Torwart zugegen war und ich den Herrn
Grafen nicht wecken lassen wollte, brachten wir den jungen Menschen in
eine Kammer unterm Dach; ich befahl ihm, sich zu Bette zu begeben,
sperrte der greren Sicherheit halber die Tr von auen zu und hie
meinen Sergeanten, bis zum Anbruch des Tages auf Wache zu bleiben. Soll
ich nun zum Schlusse ber die Person und das Betragen des Kuranden ein
Urteil abgeben, so mu ich bekennen, da mir der junge Mann wenig
Sympathie oder Mitgefhl abntigte. Sein verschlossenes, trotziges und
hinterhltiges Wesen lt auf einen, wenn auch nicht verdorbenen, so
doch angefaulten und widrigen Charakter schlieen. Von wunderbaren
Eigenschaften hab' ich an ihm nichts beobachtet, als eine in der Tat
wunderbare Begabung zur Schauspielerei, was noch milde ausgedrckt ist.
Ich frchte, man wird hiesigenorts manche Enttuschung an ihm erleben.


Binder an Feuerbach:

Um des ferneren allem berflssigen Gerede und Vermuten vorzubeugen, das
in derselben Sache schon an Eure Exzellenz gelangt sein mag, diene die
Nachricht, da ich bereits gengenden Aufschlu habe ber den
rtselhaften, vier bis fnf Stunden andauernden Verbleib Caspar Hausers
am letzten Nachmittag seines Aufenthalts in hiesiger Stadt. Freilich,
dieser Aufschlu ist im Grunde keiner, denn so wenig der Jngling sich
selbst hatte erklren wollen, so wenig erklren die mir bekannt
gewordenen Einzelheiten seine ganze Handlungsweise.

Ich will mich kurz fassen. Am Morgen nach Caspars Abreise kam der
Gefngniswrter Hill zu mir und berichtete, der Hauser sei gestern
mittag nach eins bei ihm auf dem Turm erschienen und habe gebeten, ihm
die Kammer zu zeigen, worin er einst gefangen gewesen. Zufllig war an
jenem Tag kein Hftling auf dem Luginsland, und er, Hill, habe nach
einigem verwunderten Fragen und Forschen Caspar eintreten lassen.
Nachdem er eine Weile grbelnd dagestanden, begab er sich in dieselbe
Ecke, wo ehedem sein Strohlager gewesen, hockte auf den Boden und
brtete stumm vor sich hin. Dem Hill war das befremdlich, und da alle
Versuche, den Jngling seiner Lethargie zu entreien, nichts fruchteten,
kehrte er in seine Wohnung zurck und machte seiner Ehefrau von dem
Vorfall Mitteilung. Sie berlegten gerade, was zu tun sei, da kam Caspar
von selbst die Stufen herunter und trat in das Zimmerchen, das ihm
ebenfalls von frher wohlbekannt war, das er jedoch mit bohrend
nachdenklichen Blicken durchmusterte, genau wie er oben in der Zelle
getan. Hill und sein Weib dachten nicht anders als der arme Mensch habe
den Verstand eingebt. Die Frau nherte sich ihm, stellte einige
Fragen, erhielt aber keine Antwort. Da fiel sein schweifendes Auge auf
die beiden Kinder des Wrters, die auf einem Tritt beim Fenster
mitsammen spielten, und pltzlich lchelte er gar wunderlich, schlich
sich heran und setzte sich am Rand des ber den Boden erhhten Tritts
nieder.

Hill tat das Vernnftigste, was er tun konnte, er lie ihn gewhren und
wartete ab, was daraus werden wrde. Nachdem sich Caspar also
niedergelassen, begann er die zwei Kinder auf eine Weise anzustarren,
als ob er nie im Leben Kinder gesehen htte; er beugte sich vorwrts, er
studierte frmlich ihre Finger, ihre Lippen, seine heihungrigen Blicke
verschlangen gleichsam jede ihrer Gebrden; der Frau wurde dabei angst
und bang, mit Mhe hielt Hill sie ab, dazwischenzufahren, denn er
frchtete nichts. Kenn' ich doch Hausers sanfte Seele, so drckte er
sich mir gegenber aus. Auf einmal sprang Caspar auf, streckte die Arme
in die Luft, sthnte, starrte vor sich hin, als sehe er einen Geist,
dann kehrte er sich um und rannte mit erstaunlicher Geschwindigkeit zur
Tr und die Treppe hinunter auf den Platz. Hill folgte ihm unverzglich,
denn er schlo mit Recht, da Caspar in einer bedenklichen Verfassung
sei und da man ihn so nicht sich selber berlassen drfe. Als er den
Burgberg herunter gegen die Fll lief, gewahrte er ihn noch rechtzeitig
und konnte ihn im Auge behalten.

Caspar eilte nun durch mehrere Gassen, und zwar ganz unsinnig die kreuz
und quer, danach ber die Glacis und nach St. Johannis hinber. Hill
folgte in einer Entfernung von fnfzig oder sechzig Ellen und hatte auf
jede Bewegung Caspars genau acht. Trotzdem es den Anschein ziellosen
Gehens hatte, war doch der Schritt des Jnglings so beschleunigt, ja
ungeduldig, als wolle er ein vor ihm fliehendes Etwas erhaschen. Es ging
nun durch die Mhlgasse, am Ende dieser Gasse breitet sich das flache
Feld aus und die Strae verwandelt sich in einen Wiesenweg, der lngs
der Mauer des Johanniskirchhofs zur Pegnitz und zum Wald hinunterfhrt.
An der Kirchhofsmauer, die so niedrig ist, da auch ein mittelgroer
Mensch leicht ber sie hinwegblicken kann, blieb Caspar jhlings stehen,
ri den Hut vom Kopf und prete die Hand gegen die Stirn. Es wird Eurer
Exzellenz bekannt sein, eine wie ungeheure Wirkung schon frher einmal
bei der Annherung an den Grberort an ihm wahrgenommen worden ist. Er
schien zu zittern, er atmete mit offenem Mund, seine Zge drckten
Grauen aus, die Hautfarbe wurde bleifahl, er sah aus, als knne er sich
nicht losreien, pltzlich aber strzte er so schnell weiter, da sein
Beobachter Mhe hatte, ihm nah zu bleiben, auch dachte Hill, Caspar
msse ins Wasser strzen, da er am Fluufer in ein wildes Torkeln
geriet. Glcklicherweise wandte er sich gegen den nahen Forst und
verschwand alsbald zwischen den Stmmen. Hill hatte Angst, da er ihm
entkommen knnte; er bemerkte einige Arbeiter, die an einer Erdgrube
Sand schaufelten, und forderte sie auf, ihm zu helfen; drei oder vier
gesellten sich zu ihm, und sie drangen verteilt ins Gehlz; doch Hill
selbst war es, der Caspar nach langem Suchen und als er schon
hchlichst besorgt wurde, zuerst wieder erblickte. Er sah ihn kniend am
Fu einer mchtigen Tanne, er sah, wie er die Hnde aufhob, und hrte
ihn mit einer leidenschaftlich flehenden Stimme rufen: O Baum! O du
Baum! Nichts weiter als diese Worte, und mit solchem Gefhl, wie man
ein Gebet spricht, wenn der Geist in hchster Bedrngnis ist. Hill sagte
aus, er habe es nicht ber sich gebracht, ihn anzurufen, berhaupt hat
der einfache Mann bei all diesen Vorgngen ein Zartgefhl und eine
Menschlichkeit bewiesen, um deretwillen ich ihm meine Anerkennung nicht
versagen kann. Die Arbeiter, die er mitgenommen, riefen ihm, er gab ein
Zeichen, sie kamen herbei; Caspar hatte sich indes erschrocken
aufgerichtet, blickte die Leute der Reihe nach an, und es schien, als
erkenne er Hill nicht. Dieser dankte den Mnnern und bedeutete ihnen,
da er sie nicht mehr brauche. Von ihm untergefat, lie sich Caspar
ohne Widerstand aus dem Forst herausfhren; im Gegensatz zu seinem
bisherigen Wesen zeigte er nun eine vollkommene Gelassenheit. Hill
fragte ihn, wohin er denn gehen wolle, und nach einigem Zgern
antwortete Caspar, er msse zum Mittagessen zu Herrn Daumer. Da lachte
Hill und erinnerte ihn, da Mittag lngst vorbei sei; als sie vor der
Stadtmauer ankamen, begann es schon zu dmmern. Caspar ging jetzt
auerordentlich langsam, und trotzdem Hill um vier Uhr auf der
Polizeiwache htte sein sollen, begleitete er ihn noch zu Professor
Daumers Haus und wich erst von der Stelle, als sich das Tor hinter
seinem Schtzling geschlossen hatte.

Dies, Exzellenz, die getreue Wiedergabe dessen, was der Mann berichtet
hat. Ich habe seine Erzhlung, deren Glaubwrdigkeit zu bezweifeln kein
Anla vorliegt, protokollieren lassen. Aus den Begebnissen selbst wei
ich, wie gesagt, nichts zu machen, auch ist es nicht an mir, den
Schlssen Eurer Exzellenz vorzugreifen. Gestern habe ich mich von Hill
zu der Stelle fhren lassen, wo Caspar kniend gefunden wurde, denn ich
dachte mir, da da vielleicht etwas Besonderes sei. Es ist, ungewhnlich
bei solcher Stadtnhe, ein friedensvoller Ort; der Wald ist dicht
bestanden, lautlose Einsamkeit fordert zu beschaulicher Stimmung auf.
Hill erkannte den Platz mit Sicherheit wieder und zeigte zum Beweis auf
Fuabdrcke und zerwhltes Moos. Sonst habe ich nichts Bemerkenswertes
wahrgenommen.

Der Polizeisoldat, der durch seine Nachlssigkeit in Caspars Bewachung
all dieses verschuldet hat, wurde der verdienten Strafe zugefhrt.


Lord Stanhope an den Grauen:

Ich weile noch immer in dem weltentlegenen Nest, obwohl ich zu
Weihnachten in Paris sein wollte. Ich sehne mich nach freier
Konversation, nach Maskenbllen, nach der italienischen Oper, nach einem
Spaziergang auf den Boulevards. Hier sind aller Augen auf mich
gerichtet, jeder will teilhaben an mir; von einer gewissen
Hofratsfamilie, die nicht in den besten Verhltnissen lebt, wird
erzhlt, sie habe eine goldene Stehuhr, ein vortreffliches Erbstck,
versetzt, um eine Soiree zu Ehren des Lords geben zu knnen. Man
verdchtigt eine Dame, Frau von Imhoff -- uralter Patrizieradel!--, der
nheren Beziehung zu mir, vielleicht nur deswegen, weil die Arme in
einer unglcklichen Ehe lebt, an der sich der Klatsch seit Jahren
mstet. Scherzhafter Unsinn. Die Dame ist, leider, ein makelloser
Mensch. Das brige Volk ist kaum der Rede wert. Die guten Deutschen sind
servil bis zum Erbrechen. Der behbige Kanzleidirektor, der mit einer
sklavisch tiefen Reverenz den Hut vor mir zieht, wrde mir mit Vergngen
die Stiefel putzen, wenn ich's ihm befhle. Nichts hindert mich, hier
eine Art Caligula zu spielen.

Zur Sache. Ein uerer Grund meines Verweilens hier ist nicht mehr
vorhanden. Der bislang vorgeschriebene Teil meiner Aufgabe ist erfllt.
Was verlangt man noch von mir? Wessen hlt man mich noch weiterhin fr
fhig? Hat Euer Hochgeboren oder dero Gebietende noch intime Wnsche, so
wre es geraten, sie in Blde vernehmen zu lassen, denn der ergebenst
Unterzeichnete ist satt. Die Mahlzeit fllt ihn bis zum Hals, er mu
jetzt ans Verdauen denken. Ich gehe mit der Absicht um, in Rom Prlat zu
werden oder mich hinter Klostermauern einzusperren, vorher mu ich noch
das ntige Schwergeld fr den Abla beisammen haben; wenn der Papst kein
Einsehen hat, kehr' ich in den Scho der puritanischen Kirche zurck, so
bin ich wenigstens der Sorge und des Ekels enthoben, mir den Bart
wachsen lassen zu mssen. Auch in meinem Land gibt es Masken und
jedenfalls ein wrdigeres Kostm. Ist der Minister H. in S., der
Pensionist, von allen Vorgngen verstndigt und hat man ihn gegen
berflle gesichert? An welcher Bankstelle kann ich meinen nchsten
Zinsgroschen beheben? Dreiig Silberlinge; mit welcher Zahl darf ich die
Summe multiplizieren? Denn auf Multiplikation ist nun einmal mein Leben
gestellt. Herr von F. ist vor einigen Tagen nach Mnchen abgereist; dies
zur Notiz. Das bewute Dokument ist, wie ein ranziges Stck Fleisch, von
einem gewissenhaften Raben in Aussicht genommen, vorlufig aber noch
unzugnglich. Wie hoch normiert man den Preis und, sollten im
Kriegsfalle khnere Maregeln geboten sein, was billigt man demjenigen
zu, der die Hlle um einen neuen Untertanen reicher machen will? Ich mu
dies wissen, gegenwrtig stellen auch die geringsten Diener des Satans
ihre Ansprche. Wenn Herr von F. so weit kommt, mit der Knigin zu
verhandeln, wie er beabsichtigt, mu ein geeigneter Reprsentant
gefunden werden, um das angefachte Feuer zu lschen; freilich wird dann
das ranzige Stck Fleisch anfangen zu stinken. Dabei fllt mir ein
penetranter Passus in dem letzten Schreiben von Eurer Hochgeboren ein;
wie lautet er doch gleich: Sie beginnen, mein lieber Graf, zu viel Wert
auf das Verruchte und Verfluchte zu legen, sobald es nur einen Anschein
von Zweckmigkeit und Behendigkeit hat. Ich nehme diesen Worten die
Schminke und lese: es ist unglaublich, was Sie fr ein Spitzbube sind.
Kennen Sie die hbsche Replik des alten Frsten M., als ihn der
amerikanische Gesandte ins Gesicht hinein einen Betrger nannte? Mein
Lieber, Teurer, erwiderte der Frst mit seinem sanftesten Lcheln, da
Sie doch in Ihren Ausdrcken niemals mahalten knnen! Ja, halten wir
Ma, wenn auch nicht im Tun, so doch im Reden. Wozu Sottisen? Ein
Schurke wird geboren so gut wie ein Edelmann. Wer sich anmat, in den
Lauf eines fremden Schicksals zu pfuschen, ist ein Philister oder ein
Dummkopf, wenn nicht beides. Wer kennt mich? Wer will mich richten oder
formen? Verrt mich nicht jeder Atemzug? Verwandte Sterne haben ber
Ihrer und meiner Wiege geleuchtet. Sie sind ein getreuer Diener. Das ist
eine wunderschne Ausrede. Werfen Sie ab, was Sie bindet, fliehen Sie in
eine Einde, auf das Meer, in die Wste, zum Pol, auf einen andern
Planeten, zu sich selbst und erproben Sie, ob Sie sich noch am Glanz des
Himmels und am Schein der Sonne zu freuen vermgen, und wenn das der
Fall ist, wollen wir ber das Thema weiter verhandeln. Schlagen wir uns
in die Nacht wie Wlfe und sammeln wir Mut, denn das Opfer knnte
wehrhaft werden.

Unser Schutzbefohlener bereitet mir neuestens mancherlei Sorge, und ich
mu gestehen, da er es ist, der mich in dieser gottverlassenen Gegend
noch immer festhlt. Allerdings ohne da er davon wei, aber er ist mir
in jeder Hinsicht verdchtig geworden, und ich komme mir bisweilen wie
ein tauber Musikant vor, der auf einer verstopften Flte spielen mu.
Aber nicht nur dies hlt mich, sondern auch noch ein andres, womit ich
jedoch Ihr allen Empfindsamkeiten abholdes Ohr nicht belstigen will.
Auf jeden Fall, und dies nun im Ernst, entlassen Sie mich aus der Arena.
Ich bin betubt, ich bin mde, meine Nerven gehorchen nicht mehr, ich
werde alt, ich fange an, den Geschmack an Treibjagden zu verlieren; es
erregt meinen Widerwillen, wenn der gengstigte Hase dem bissigsten der
Hunde von selbst in die Zhne rennt, ich bin zu sehr Schngeist, um dies
noch ergtzlich zu finden, und ich knnte kaum dafr einstehen, da ich
nicht im letzten Moment eine Bresche in die Treiberkette schlage, die
der verfolgten Kreatur zur Flucht verhilft. Dann aber knnte sich eine
merkwrdige Metamorphose begeben, der Hase knnte zum Lwen werden und
zurckkehren und die blutgierige Meute mte zitternd in ihre
Hinterhalte schleichen. Doch frchten Sie nichts: dies sind Zuckungen
und Phantasien eines senilen Gewissens. Auch ich bin ein treuer Diener --
meiner selbst. Das Werk befiehlt. Unsre Lste sind die Schergen der
Seele. Nur der Dieb, der keine Philosophie im Leibe hat, verdient
gehngt zu werden. In meiner Jugend hatte ich Trnen brig, wenn ich mir
den gitarrespielenden Knaben auf Carpaccios Bild in Venedig betrachtete,
jetzt bliebe ich ungerhrt, wenn man das Kind von der Mutterbrust risse
und seinen Schdel am Rinnstein zerschmetterte. Das macht die
Philosophie. Wenn sie sich besser bezahlte, wre ich vielleicht
frhlicher. Bei dieser Gelegenheit mu ich Ihnen einen amsanten Traum
erzhlen, den ich neulich hatte, eine wahre Gorgo von Traum. Wir beide,
ich und Sie, feilschten um eine gewisse Ware; pltzlich unterbrachen Sie
mich mit den Worten: Nehmen Sie, was ich Ihnen biete, denn wenn Sie
jetzt erwachen, bekommen Sie gar nichts. Ich fand dies Argument
gttlich und so wenig zu widerlegen, da ich in der Tat, mit
Angstschwei bedeckt, erwachte.

Genug, bergenug. Mein Jger berbringt Ihnen diesen Brief, der durch
seinen Mangel an Inhalt Ihren Verdru erregen wird. Das beiliegende
Akzept, um dessen Signierung ich bitte, drfte Sie noch weniger
vershnen. Dem Lehrer habe ich ein Halbjahr im voraus bezahlt. Er ist
ein brauchbarer Mann, unbestechlich wie Brutus und lenkbar wie ein
frommes Pferd. Wie alle Deutschen hat er Prinzipien, die sein
Selbstvertrauen hervorbringen. Gott befohlen, die Nacht will ihren
Schlaf.




Anbetung der Sonne


Am Morgen nach Caspars Ankunft blieb der Lord lnger als gewhnlich in
seinen Zimmern. Auch dann vermied er es noch, Caspar rufen zu lassen,
und machte erst die tgliche Promenade. Als er zurckkam, ging Caspar
vor dem Salon auf und ab; die Bewegung Stanhopes, als wolle er ihn
umarmen, schien Caspar zu bersehen; er blickte steif zu Boden. Sie
traten ins Zimmer, der Lord entledigte sich seines schneebedeckten
Pelzmantels und stellte mglichst unbefangen Fragen: wie es Caspar
ergangen, wie der Abschied, wie die Reise gewesen und mehr dergleichen.
Caspar antwortete bereitwillig, wenn auch ohne Ausfhrlichkeit, war
freundlich und keineswegs bedrckt oder vorwurfsvoll. Dies gab Stanhope
zu denken, und es bedurfte einer gewissen Anstrengung von seiner Seite,
um die sonderbar khle Unterhaltung fortzusetzen. Er konnte sogar einen
leisen Schrecken nicht unterdrcken, wenn er Caspar ansah, der ihn mit
seinen weinfarbigen Augen fortwhrend fremd betrachtete.

Es war eine Erlsung, als der Polizeileutnant gemeldet wurde. Stanhope
empfing ihn im Nebenzimmer; sie sprachen dort ber eine halbe Stunde
leise miteinander. Nachdem der Graf hinausgegangen war, trat Caspar zum
Schreibtisch, streifte den Diamantring von seinem Finger und legte ihn
mit bedchtiger Gebrde auf einen angefangenen, in englischer Sprache
geschriebenen Brief; dann schritt er zum Fenster und blickte in das
Schneetreiben.

Stanhope kam allein zurck. Er fragte, ob Caspar wisse, wo er
untergebracht werden solle. Caspar bejahte.

Es ist am besten, wir gehen mal gleich zu den Lehrersleuten hin, um
dein knftiges Quartier in Augenschein zu nehmen, sagte der Lord.

Caspar nickte und wiederholte: Ja, es ist am besten.

Der Weg ist nicht weit, meinte Stanhope, wir knnen zu Fu gehen;
wenn du es aber wnschest und die Zudringlichkeit der Menschen scheust,
die zu erwarten ist, kann ich den Wagen bestellen.

Nein, erwiderte Caspar freundlich, ich gehe lieber; die Leute werden
sich schon trsten, wenn sie sehen, da ich auch auf zwei Beinen
spaziere.

Da fiel Stanhopes Blick auf den Ring. Erstaunt nahm er ihn in die Hand,
sah Caspar an, sah den Ring an, berlegte mit zusammengezogenen Brauen,
lchelte flchtig und wild, dann legte er den Ring schweigend in eine
Lade, die er verschlo. Als ob nichts geschehen wre, zog er den Mantel
an und sagte: Ich bin bereit.

Das Aufsehen in den Gassen war ertrglich; es spielte sich alles in Ruhe
ab, das Volk hier war gutmtig und scheu.

ber dem Tor des Quandtschen Hauses war ein Kranz aus Immergrn
aufgehngt, in dessen Mitte auf einem Pappendeckel ein gemaltes
Willkommen prangte. Quandt trat den Ankmmlingen im braunen Bratenrock
entgegen, sonntglich aussehend, seine Frau hatte einen schottischen
Schal umgehngt, damit ihr krperlicher Zustand weniger auffllig
hervortrete.

Zuerst wurde Caspars Zimmerchen besichtigt, das im obern Flur lag. Der
Raum hatte auf einer Seite eine schiefe Mansardenwand, bot aber sonst
ein nettes Ansehen. ber dem altvterisch-bunten Kanapee hing ein
schwarzgerahmter Stich; das Bild stellte ein unsagbar schnes Mdchen
vor, das die Arme schmerzlich nach einem Jemand ausstreckte, von dem man
gerade noch zwischen Gebschen die Beine und einen fliegenden Mantel
sah. An der andern Wand hingen zwei lngliche Deckchen, worauf
Sinnsprche eingestickt waren; auf dem einen: Frh auf, spt nieder
bringt verlorene Gter wieder; auf dem andern: Hoffnung ist des Lebens
Stab von der Wiege bis zum Grab. Auf dem Sims standen Tpfe mit
Winterblumen, und ber niedriges Dcherwerk hinweg konnte sich der Blick
an einer lieblich geschlossenen Landschaft ergtzen; schneeweie Hgel
begrenzten in nicht zu groer Weite das ansteigende Tal.

Caspar war es beim Hinschauen recht jmmerlich zumute; er dachte
gewisser Vorstellungen von ehedem, die jetzt keinen Bezug mehr hatten:
eine Fahrt mit weitgestecktem Ziel; die Strae luft frhlich dem Wagen
voran; Wolken teilen sich beim Nherkommen; Berge treten gefllig zur
Seite; die Luft schwirrt vom Gesang der Fremde; Wlder und Wiesen,
Drfer und Stdtchen hpfen im besonnten Nebel vorber, und unter dem
schlieenden Ring des Himmels strmt Welt auf Welt hervor.

Es war nicht mehr an dem.

Unten im Wohnzimmer dunsteten die frischgefegten Dielen noch von
Feuchtigkeit. Quandt setzte dem Lord die wichtigsten Punkte seines
Programms auseinander. Bisweilen schaute er Caspar dabei an, und sein
Blick war dann durchdringend wie bei einem Schtzen, der das Ziel
fixiert, ehe er die Flinte anlegt.

Stanhope sagte, er schtze sich glcklich, da Caspar endlich Aussicht
auf eine geregelte Bildung habe, alles bisherige sei ja nur Willkr und
Ungefhr gewesen. Wenn der Herr Staatsrat nicht so fest darauf bestanden
htte, da Caspar in Ansbach bleibe -- dies sollte offenbar eine
Erklrung gegen den still zuhrenden Jngling sein--, wren sie ohne
Zweifel heute schon in England oder doch auf dem Weg dahin. Da ich ihn
aber in so guten Hnden wei, fgte er hinzu, bin ich
nichtsdestoweniger froh; man sieht daraus, da auch ein unerwnschter
Zwang oft die ersprielichsten Folgen hat.

Seine Worte waren trocken; es war, als rede sein Hut oder sein Stock.
Das Kompliment, das sie enthielten, war schal, oft gebraucht wie
Splwasser. Aber fr Quandt waren sie eine Herzenserquickung. Er belebte
sich zusehends und meinte eifrig, es sei am geratensten, wenn Caspar
noch heute einziehe. Stanhope schaute Caspar fragend an; dieser senkte
den Kopf, worauf sich der Lord zu einem nachsichtigen Lcheln zwang.
Wir wollen nichts berstrzen, sagte er. Ich lasse morgen frh das
Gepck herschaffen, heute soll er noch bei mir bleiben.

Es war dunkel geworden, als beide das Haus verlieen. Quandt begleitete
sie bis auf die Strae. Zurckkehrend schlo er ganz leise und langsam
die Tr, wie er immer zu tun pflegte, dann stellte er sich in die Mitte
des Zimmers, legte beide Hnde flach gegen die Brust und schttelte
mindestens eine Viertelminute lang in lautlosem Erstaunen den Kopf.

Warum schttelst du denn so den Kopf? fragte Frau Quandt.

Ich begreife nicht, ich begreife nicht, antwortete der Lehrer
bekmmert und schlich herum, als suche er etwas auf dem Boden.

Was begreifst du denn wieder nicht? fragte die Frau verdrielich.

Quandt zog einen Stuhl herbei, setzte sich neben seine Gattin und
schaute sie aus seinen blassen Augen fest an, bevor er fortfuhr: Hast
_du_ vielleicht etwas Wunderbares an dem Menschen bemerkt? Sprich dich
nur aus, liebe Jette, hast du etwas, irgend etwas Auergewhnliches
bemerkt, irgend etwas, das ihn von einem andern Menschen unterscheidet?

Frau Quandt lachte. Ich habe nur bemerkt, da er nicht besonders
hflich war und da er seidene Strmpfe trgt wie ein Marquis,
entgegnete sie leichthin.

Ja, nicht wahr? nicht besonders hflich, wie? und seidene Strmpfe,
ganz recht, sagte Quandt mit sonderbarer Hast, als sei er einer
Entdeckung auf der Spur. Na, die seidenen Strmpfe werden wir ihm schon
abgewhnen und das Modewestchen auch; dergleichen schickt sich nicht fr
unser einfaches Haus. Aber ich frage dich: verstehst du die Menschen?
verstehst du die Welt? Davon hrt man nun seit Jahren als von einem
noch nie dagewesenen Wunder reden! Dafr erhitzen sich geistreiche
Mnner, Mnner von Geschmack, von Welt, von Kenntnissen; ist es zu
fassen? Gibt es denn keinen, der mit seinen eignen, ihm von Gott
eingesetzten Augen sehen kann? Ist es zu fassen?

Mittlerweile waren Caspar und der Lord zum Gasthof zurckgekehrt.
Stanhope war nicht gerade rosig gestimmt. Die Schweigsamkeit seines
Begleiters erboste ihn; es war ihm, als werde hinter einem Vorhang eine
Pistole gegen ihn gerichtet.

Er war unruhig, fhlte sich in die Enge getrieben. Es gibt einen Punkt,
wo die Schicksale sich wie auf einem schmalen Pfad zwischen Abgrnden
begegnen und wo es zum Austrag kommen mu. Da stellen sich Worte
ungerufen ein; die Dmonen erheben sich aus dem Schlummer.

Stanhope schellte dem Diener, lie die Lichter anznden und Holz ins
Kaminfeuer legen. Gleich darauf wurde der Hofrat Hofmann gemeldet; der
Lord sagte, er sei nicht zu sprechen, gab auch Befehl, niemand mehr
vorzulassen. Er machte sich unter seinen Papieren zu schaffen und fragte
dabei Caspar: Wie haben dir die Lehrersleute gefallen?

Caspar wute nicht recht, wie, und gab eine unbestimmte Antwort. In
Wahrheit wute er berhaupt gar nicht mehr, wie Herr Quandt oder dessen
Frau oder das Haus aussahen. Er erinnerte sich blo, da Frau Quandt
ihren Kaffee aus der Untertasse getrunken und den Zucker dazu abgebissen
hatte, was ihm sehr albern erschienen war.

Pltzlich kehrte sich Stanhope um und fragte mit der Miene eines
Menschen, der die Geduld verliert: Also, was ist es mit dem Ring? Was
wolltest du damit sagen?

Caspar antwortete nicht; in traurigem Trotz schaute er ins Leere.
Stanhope nherte sich ihm, tippte ihm mit dem Zeigefinger auf die
Schulter und sagte scharf: Sprich; sonst wehe dir!

Mir ist schon weh genug, entgegnete Caspar eintnig, und sein Blick
glitt von der Gestalt des Grafen wie von etwas Schlpfrigem hinweg auf
die dunkelrote Tapete, auf welcher das Kaminfeuer Schatten malte.

Was htte er sagen sollen? War doch sein Gefhl fast ungemindert gegen
den, der ihm den Weg gewiesen, der zum erstenmal wie ein Mensch zu ihm
geredet. Sollte er von der furchtbaren Nacht im Tucherschen Haus
erzhlen, wo er gesessen, die Fuste in der Brust, das Herz zerrieben,
einsam und der Welt beraubt? Wie er angefangen hatte zu suchen, zu
suchen, wie er die Zeit aufgegraben, gleichwie man im Garten Erde
aufgrbt, wie es Tag geworden und er enteilt war, wie er Kinder gesehen,
den Flu gesehen, an einem Baume gekniet, alles wie nie zuvor, alles
anders, er selbst verwandelt, mit neuen Augen, von Unwissenheit
erlst... Unmglich, solches mitzuteilen; dafr gab es keine Worte.

Er fuhr fort, ins Leere zu starren, indes Stanhope, die Hnde auf dem
Rcken, auf und ab wanderte und widerwillig, hastig, stoweise zu reden
begann. Willst du mich etwa anklagen? Soll ich mich rechtfertigen?
Goddam, ich habe fr dich gekmpft wie fr mein eigen Fleisch und Blut,
Vermgen und Ehre zum Pfand gesetzt, keine Demtigung gescheut, mich
unter Pbelvolk und Pedanten herumgeschlagen, was denn noch? Wer das
Unmgliche von mir verlangt, ist mir nicht wohlgesinnt. Noch ist nicht
aller Tage Abend, das Garn ist noch nicht abgewickelt, ich stelle noch
immer meinen Mann, aber ich mu mir verbitten, da du mich wie den
Aussteller eines Schuldscheins beim Buchstaben packst und meine schne
Freiwilligkeit unter moralischen Druck setzest. Wenn du von mir
forderst, anstatt das Gewhrte dankbar zu erkennen, dann sind wir
geschiedene Leute.

Was er doch alles spricht, dachte Caspar, der kaum zu folgen vermochte.

Der nchste Gedanke Stanhopes war, Caspar habe vielleicht eine geheime
Verbindung und von daher Lehre und Ermunterung empfangen, denn er sah
wohl, und mit Angst nahm er es wahr, da er nicht mehr das willenlose
Geschpf von ehedem vor sich hatte. Aber auf seine rauh zufahrende Frage
machte Caspar ein so verwundertes Gesicht, da er den Argwohn sogleich
fallen lie. Caspar legte die Hnde flach zusammen und sagte nun in
seiner um Deutlichkeit bemhten Weise, er habe Stanhope nicht krnken
wollen, auch mit dem Ring nicht; es sei nur etwas geschehen, was die
Geschichten betreffe; man habe ihm immer Geschichten erzhlt,
Geschichten von ihm selbst, er habe zugehrt und doch nicht ordentlich
verstanden. Es sei wie mit dem Holzpferdchen gewesen, mit dem er in
seinem Kerker geredet und gespielt und das doch nichts Lebendiges
gewesen sei. Aber jetzt, fgte er stockend hinzu, jetzt ist das
Holzpferdchen lebendig geworden.

Stanhope warf den Kopf zurck. Wie? was denn? rief er schnell und
furchtsam, sprich deutlich. Er nahm die Lorgnette und schaute Caspar
stirnrunzelnd durch die Glser an, eine Gebrde, die Hochmut ausdrcken
sollte, aber im Grunde nur Verlegenheit war.

Ja, das Holzpferdchen ist lebendig geworden, wiederholte Caspar
bedeutungsvoll.

Ohne Zweifel glaubte er mit diesem kindlichen Sinnbild alles dargelegt
zu haben, was ihm das entschleierte Antlitz der Vergangenheit verraten
hatte. Er mochte die Gewalten ahnen, die sein Schicksal geformt hatten,
und jedenfalls begriff er das Wirkliche, das schwer von Grnden
Wirkliche seiner langen Gefangenschaft, die ihn, auerhalb der Gesetze,
bis ber das Jnglingsalter hinaus zum Zustand eines Halbtiers
verurteilt hatte. Es mochte ihm klar geworden sein, da es sich dabei um
eine Sache handelte, der in den Augen der Menschen ein hoher, ja der
hchste Wert zukam; da sein Anrecht auf diese Sache ungeschmlert
fortbestand und da, wenn er nur hinginge, um zu zeigen, da er lebe, um
zu sagen, da er wisse, aller Widerstand und Willkr zu Ende sei und er
besitzen durfte, wessen er freventlich beraubt.

Das war es etwa, aber es war noch mehr. Und es fgte sich, da der Lord
selbst, in Angst fr sich, fr seine Auftraggeber, fr die Zukunft, fr
das ganze Gebude, an dem er mitgezimmert und von dem er, wenn es
zusammenbrach, vielleicht mit zerschmetterten Gliedern in eine bodenlose
Tiefe strzen mute, da er selbst das Wort fand und aussprach, welches
dies andre, Grere, Unsagbare fr Caspar zauberhaft und schrecklich
erleuchtete.

Beinahe fhlte sich Stanhope besiegt, und er hatte nur noch wenig Lust,
gegen eine Macht zu kmpfen, die gleichsam aus dem Nichts entstanden war
und wie der Ifrid aus Salomons Wunderflasche den ganzen Himmel
verfinsterte. Ich war zu gromtig, dachte er; ich war zu lau; Wankelmut
trgt die eigne Haut zu Markt; lt man die Trumer aufwachen, so
greifen sie nach den Zgeln und machen die Rosse scheu; das se Zeug
schmeckt nicht lnger, nun gilt es Salz in den Brei zu tun.

Er setzte sich an den Tisch, Caspar gegenber, und indem er beim
Sprechen kaum die Zhne voneinander entfernte und fortwhrend dster und
blicklos lchelte, sagte er: Ich glaube dich zu verstehen. Man kann es
dir nicht verbeln, da du Schlsse aus meinen, wie ich bekennen mu,
ein wenig unvorsichtigen Erzhlungen gezogen hast. Ich werde in diesem
Augenblicke sogar noch weiter gehen und dir an Deutlichkeit nichts zu
wnschen briglassen. Ich will dein lebendig gewordenes Holzpferdchen
aufzumen, und wenn du dann Lust hast, kannst du es meinetwegen reiten.
Ich habe dich nicht getuscht: du bist durch deine Abkunft den
mchtigsten unter den Frsten ebenbrtig, du bist das Opfer der
scheulichsten Kabale, die Satans Bosheit je ersonnen hat; httest du
keine andre Instanz zu frchten als die der Tugend und des moralischen
Rechts, dann sest du nicht hier, und ich wre nicht gezwungen, dich so
zu warnen, wie ich es jetzt tue. Denn merk auf. So gegrndet deine
Ansprche, deine Hoffnungen sind, so verderblich mssen sie dir werden,
sobald sie dich nur den ersten Schritt zum vorgefaten Ziele lenken. Die
erste Handlung, das erste Wort besiegelt unabnderlich deinen Tod. Du
wirst vernichtet sein, eh du noch den Finger ausgestreckt hast, um zu
nehmen, was dir gebhrt. Vielleicht kommt eine Stunde, morgen oder in
einem Monat oder in einem Jahr, wo du an der Aufrichtigkeit dessen, was
ich dir sage, zweifeln knntest; nun, so beschwre ich dich: glaube mir!
La deine Lippen siebenfach vernietet sein. Frchte die Luft und den
Schlaf, da sie dich nicht verraten. Mglich, da einst der Tag kommt,
an dem du sein darfst, was du bist, aber bis dahin halte still, wenn dir
dein Leben lieb ist, und la dein Holzpferdchen hbsch im Stall.

Langsam hatte sich Caspar erhoben. Ein bergewaltiger Schrecken
donnerte, vielgestaltig wie die Blcke eines Felssturzes, um ihn her. Um
seine Gedanken anderswo hinzulenken, betrachtete er mit einer an
Wahnsinn grenzenden Aufmerksamkeit die leblosen Gegenstnde: Tisch,
Schrank und Sthle, den Leuchter, die Gipsfiguren am Kamin, den
krummgebogenen Schrhaken. War ihm dies alles neu oder nur unerwartet?
Keineswegs. Es hatte, wie giftige Luft, schon lange um ihn her gebrtet.
Aber ein andres das bloe Ahnen und Spren und ein andres das
zermalmende Wissen.

Auch Stanhope war aufgestanden; er trat nahe vor Caspar hin und fuhr mit
eigentmlich nselnder Stimme fort: Es hilft nichts; in diesem Zeichen
bist du eben geboren; in diesem Zeichen hat dich deine Mutter geboren.
Das ist das Blut. Es richtet dich und rechtfertigt dich; es ist dein
Fhrer und dein Verfhrer.

Und nach einer Weile: La uns nun schlafen gehen, es ist spt. Morgen
frh wollen wir in die Kirche und beten. Vielleicht schickt uns Gott
eine Erleuchtung.

Caspar schien nicht zu hren. Blut! das war das Wort. Das war die Kraft,
die alle Poren seines Wesens durchdrang. Schrie nicht sein Blut aus ihm,
und von fernher wurde der Schrei erwidert? Blut trug aller Erscheinungen
Grund, verborgen, wie es war, in Adern, im Gestein, in Blttern und im
Licht. Liebte er sich nicht in seinem Blut, sprte er nicht die eigne
Seele wie einen Spiegel aus Blut, in dem er sich ruhend beschauen
konnte? Wieviel Menschen in der Welt, so nahe beieinander, so reich
bewegt, so fremd und stumm, und alle durch einen Strom von Blut
wandelnd, und sein Blut doch besonders rauschend, ein besonderes Ding,
in einsamem Bette flieend, voll von Geheimnissen, unbekannter
Schicksale voll!

Auch als er den Blick wieder gegen den Grafen kehrte, war es, als wandle
der durch Blut, eine Vorstellung, die freilich durch die
scharlachfarbene Tapete begnstigt, wenn nicht erzeugt wurde. Wenn man
die Kerzen verlscht, dachte Caspar, wird alles tot sein, das Blut und
die Worte, er und ich; ich will nicht schlafen diese Nacht, nicht
sterben. Ja, Caspar htte, was sein Mund geredet, gern wieder in sich
hineingeschluckt, in jenen Kerker des Leibes gesperrt, der Schweigen
hie. Gehorsam sein, unwissend sein, unglcklich sein, Schande und
Schimpf ertragen, die Stimme des Blutes ersticken, nur nicht sterben
mssen, nur leben, leben, leben. Ei, man wird sich frchten, man wird
feig sein wie eine Maus, man wird Tren und Fenster verriegeln, man wird
die Trume vergessen, den Freund vergessen, man wird sich klein machen,
man wird das Holzpferdchen vergraben, aber man wird leben, leben,
leben...

Der Lord wnschte, da Caspar nicht in seiner Mansarde, sondern hier
unten nchtige. Er befahl dem Aufwrter, ein Bett auf dem Sofa zu
richten. Indes Caspar sich entkleidete, ging er hinaus, kam jedoch nach
einiger Zeit wieder, berzeugte sich, da der Jngling ruhig lag, und
verlschte die Lichter. Die Verbindungstr zu seinem Zimmer lie er
offen stehen.

Ungeachtet seines Vorsatzes schlief Caspar bald ein und nahm sein
aufgewhltes Gemt in den Schlummer hinber. Er mochte vier bis fnf
Stunden geschlafen haben, als sich sein bleiernes Daliegen in ein
ruheloses Herumwlzen verwandelte. Pltzlich erwachte er mit einem
tiefen Seufzer und starrte brennenden Auges in die Finsternis. An den
Fensterscheiben war ein Kribbeln und Tasten, das von den anprallenden
Schneeflocken herrhrte und dem leisen Pochen einer Hand hnlich war.
Aus dem Nebenraum hrte er die gleichmigen Atemzge des schlafenden
Stanhope; hchst befremdlich klang dies Atmen des andern Menschen in der
Nacht, wie ein drohendes Geflster: hte dich, hte dich.

Er ertrug es nicht mehr im Bett. Es war, als sei ihm der Krper mit
tausend Fden umschnrt, und als er aufstand, geschah es nur, weil er
sich vergewissern wollte, ob er sich noch frei bewegen knne. Er schlug
die Wolldecke um die Schultern und trat barfig ans Fenster.

Das ganze groe All war angefllt mit den gesprochenen Worten, die wie
rote Beeren in der Dunkelheit hingen. berall Gefahr; blo zu denken,
war schon Gefahr; jeder Anhauch aus fremdem Munde Gefahr.

Er fing an zu zittern. Die Knie saen loser in den Gelenken, es war ihm
so leicht und schwer zugleich; sein Nachdenken hatte eine andre, nhere
Folge, auch alle Gegenstnde waren nher, und das Ganze der Erde und des
Himmels, Wolken, Wind und Nacht hatten etwas eingebt, etwas
unbegreiflich Flchtiges und Wandelbares. Alles ist nun so wunderlich
wahr. Caspar hlt die Scherben eines kostbaren Gefes in der Hand, und
seine Phantasie will nicht einmal die schne Form, wie sie gewesen,
zurckgestalten.

Unten auf der Gasse geht lautlos der Nachtwchter. Der zuckende Schein
seiner Laterne vergoldet den Schnee. Caspar folgt ihm mit den Blicken,
denn es ist, als ob der Mann in irgendeinem unerklrlichen Zusammenhang
mit seinem Schicksal stehe. Sie wandeln miteinander ber ein
verschneites Feld, jener fragt Caspar, ob ihn friere, und wirft ihm
einen Teil seines Mantels um die Schultern, so da sie beide unter
derselben Hlle gehen. Auf einmal gewahrt Caspar, da es kein
Mnnergesicht ist, das sich so mild erbarmend zu ihm kehrt, sondern das
schne, traurige Gesicht einer Frau. Es enthalten diese Trauer und diese
Schnheit etwas Redendes, und da sie zusammen unter demselben Mantel
wandern, hat den allertiefsten Sinn, etwas, das mit Qual und Freuden
eines ist und vom Anfang der Dinge stammt.

Da tnte das ungeheure Wort des Grafen neuschallend in die Nacht: In
diesem Zeichen hat dich deine Mutter geboren.

Dich geboren! Welcher Laut! Was war darin beschlossen! Caspar legte
beide Hnde vors Gesicht; ihm schwindelte.

Da hrte er ein Gerusch von Schritten. Jh drehte er sich um, es war
ein Emportauchen aus finsterer Flut; der Graf stand im Schlafrock vor
ihm. Wahrscheinlich hatte Caspars nchtliches Wachsein ihn aufgeweckt,
er hatte einen leisen Schlummer.

Was treibst du? fragte Stanhope mrrisch.

Caspar machte einen Schritt auf ihn zu und sagte dringlich, atemlos,
drohend und flehend: Fhr mich zu ihr, Heinrich! Einmal la mich die
Mutter sehen, nur einmal, nur sehen; nicht jetzt, spter vielleicht.
Einmal, nur einmal! Nur sehen! Nur einmal!

Stanhope wich zurck. Dieser Aufschrei hatte etwas berirdisches.
Geduld, murmelte er, Geduld.

Geduld? Wie lange noch? Hab' schon lange Geduld.

Ich verspreche dir--

Du versprichst es, aber wie soll ich glauben?

Setzen wir die Frist eines Jahres fest.

Ein Jahr ist lang.

Lang und kurz. Ein kleines, kurzes Jahr und dann--

Dann--?

Dann will ich wiederkommen--

Und mich holen?

Dich holen.

Gelobst du das? Caspar heftete einen suchenden und wie ein mattes
Flmmchen erlschenden Blick auf den Grafen. Da der Widerschein des
Schnees die Nacht erhellte, konnte jeder des andern Zge deutlich
unterscheiden.

Ich gelob' es.

Du gelobst es, aber wie kann ich's wissen?

Stanhope geriet in eine sonderbare Bedrngnis; dies Gegenberstehen zu
solcher Stunde, die immer herrischer, strmischer werdenden Fragen des
Jnglings wirkten wie Gespensterschauer auf seine Einbildungskraft.
Rei mich aus deinem Herzen aus, wenn es nicht geschieht, murmelte er
dumpf; er mute in diesem Augenblick lebhaft des Mannes gedenken, der
vom Teufel lebendigen Leibes in den feuerspeienden Vesuv geschleudert
wurde.

Und Caspar darauf: Was kann mir das ntzen? Sag mir den Namen, sag mir
ihren Namen, sag mir meinen Namen.

Nein! niemals! niemals! Aber glaube mir nur. Es wacht ein Gott ber
dir, Caspar. Es kann dir nichts versagt sein, denn du hast die Kaufsumme
fr das Glck zum voraus entrichtet, die wir andern tglich in kleiner
Mnze bezahlen mssen. Und bezahlt mu werden, alles mu bezahlt werden,
das ist der Sinn des Lebens.

Du versprichst also, in einem Jahr wieder dazusein?

In einem Jahr.

Caspar bohrte die Finger in Stanhopes Hand und richtete einen tiefen,
seltsam seelenhaften, seltsam stolzen Blick auf den Lord, der
seinerseits die Augen senkte, whrend sein Gesicht steinalt aussah. Als
er in sein Zimmer zurckging, begann er pltzlich leise plappernd das
Vaterunser zu beten.

Erst gegen Morgen entschlief er wieder. Als er sich mittags erhob, war
Caspar lngst auf; er sa am Fenster und schien die Eisblumen zu
studieren.

Um ein Uhr verlie er mit ihm das Hotel. Arm in Arm, ein Schaugeprnge
fr die Einwohnerschaft, spazierten sie ber den hochliegenden Schnee
durch das Herrieder Tor zum Markt. Dort war eine groe Versammlung von
Bauern und Hndlern. Vor dem Portal der Gumbertuskirche blieb Stanhope
stehen und forderte Caspar auf, mit hineinzugehen. Caspar zgerte,
folgte jedoch dem Grafen in den hohen, schmucklosen, von schwarzem
Geblk berdachten Raum.

Mit raschen Schritten eilte Stanhope zum Altar, warf sich mit den Knien
auf die steinernen Stufen, beugte die Stirn herab und verblieb so in
vollkommener Unbeweglichkeit.

Caspar, peinlich berhrt, schaute sich unwillkrlich um, ob niemand
Zeuge dieser demtigen Handlung sei. Aber die Kirche war leer. Warum
krppelt er sich so zusammen, dachte er verstimmt, Gott kann doch nicht
im Boden drinnen sein. Allmhlich ward ihm bange; das Schweigen des
riesigen Raumes strmte bis in seine Brust. Und wie er nun in die Hhe
blickte, sah er oben, durch ein geffnetes Bogenfenster, wie die Sonne
mit Macht die winterlichen Nebel zu gewltigen suchte. Da rtete sich
sein blliches Gesicht zu schchterner Freude und das Schweigen in
seiner Brust wandelte sich zu einer hinaufziehenden Verehrung.

O Sonne, sagte er halblaut und mit einfltiger Inbrunst, mach doch,
da alles nicht so ist, wie es ist. Mach es doch anders, Sonne. Du weit
ja, wie es ist; du weit ja, wer ich bin. Scheine nur, Sonne, da meine
Augen dich immer sehen knnen, immer wollen dich meine Augen sehen.

Indem er so sprach, flutete eine goldene Lichtwelle bis auf die
kreidig-weien Fliesen, und Caspar, sehr zufrieden, meinte, die Sonne
htte ihm damit auf ihre Weise eine Antwort erteilt.




Man erfhrt einiges ber Herrn Quandt sowie ber eine vorlufig noch
ungenannte Dame


Die bersiedlung Caspars ins Lehrerhaus fand ohne Zwischenflle statt.

Nun wohlan denn, sagte Quandt whrend der ersten gemeinsamen Mahlzeit,
als die Suppenschssel aufgetragen wurde, jetzt beginnt fr Sie ein
neues Leben, Hauser. Hoffentlich ist es ein Leben der Gottesfurcht und
des Fleies. Wenn wir uns lobenswert bettigen und in unsern Gedanken
nicht den Schpfer aller Dinge vergessen, wird unser irdisches Bemhen
stets von Erfolg gekrnt sein.

Nach Tisch mute Quandt zur Schule, und als er um vier Uhr zurckkam,
erkundigte er sich beflissen, was Caspar die Zeit ber getrieben habe.
Seine Frau konnte ihm nur ungengenden Bescheid geben, und er tadelte
sie deshalb. Wir mssen aufpassen, liebe Jette, sagte er, wir mssen
die Augen offen halten.

In der Tat, Quandt pate auf. Wie ein emsiger Buchhalter legte er in
seinem Innern ein Konto an, um alle Worte und Handlungen seines
Pflegebefohlenen zu verzeichnen. Bei dieser umsichtigen Geschftsfhrung
stellte es sich bald heraus, da Soll und Haben einander nicht die Wage
hielten, da die Schuldseite nach und nach bedenklich berlastet wurde.
Das betrbte den Lehrer aufrichtig; jedoch gab es ein geheimes
Winkelchen in seiner Brust, worin er sich dessen freute.

Es war nmlich mit diesem Manne derart beschaffen, da er in einer
merkwrdigen Zweiheit existierte. Der eine Teil war die ffentliche
Person, der Brger, der Steuerzahler, der Kollege, das Familienhaupt,
der Patriot; der andre Teil war sozusagen der Quandt an sich. Jener war
ein Heros der Tugend, eine wahre Mustersammlung von Tugenden; dieser lag
versteckt in einer stillen Ecke und belauerte die liebe Gotteswelt. Die
ffentliche Person, der Brger, der Patriot nahm herzlichen Anteil an
den allgemeinen Angelegenheiten, wohingegen der Quandt an sich vergngt
die Hnde rieb, wenn irgendwo irgendwas passierte: sei es nun ein
unerwarteter Todesfall oder nur ein Beinbruch oder die Kaltstellung
eines verdienten Beamten oder ein Diebstahl bei einer Vereinskassa oder
ein Radschaden an der Postkutsche oder eine kleine Feuersbrunst beim
reichen Bauern Soundso oder die skandalse Heirat der Grfin Ypsilon mit
ihrem Stallburschen. So unverbrchlich der Steuerzahler, das
Familienhaupt, der Kollege seinen Pflichten nachkam, der Quandt an sich
hatte etwas von einem Revolutionr und war immer auf dem Posten, um der
Weltregierung auf die Finger zu schauen, und stets besorgt, da keinem
mehr Ehre geschah, als er nach genauer Bilanz ber seine Verdienste und
Mngel, seine Vorzge und Laster fglich beanspruchen durfte. Der
ffentliche Quandt schien zufrieden mit seinem Los, der geheime fand
sich allerorten und zu jeder Zeit zurckgesetzt, beleidigt, vor den
Kopf gestoen und in seinen vornehmsten Rechten gekrnkt.

Nun sollte man denken, mit zwei so verschieden gesinnten Kostgngern
unter einem Dach sei schwer zu wirtschaften. Nichtsdestoweniger kamen
die beiden Quandts trefflich nebeneinander aus. Freilich, der Neid ist
ein boshaftes Tier; er durchlcherte manchmal die Scheidewand zwischen
den zwei Seelen, und wie oft der strkste Damm nicht gengt, um eine
verheerende berschwemmung zu verhindern, so brach eben dieser Neid
bisweilen ein in die reinlichen, fruchtbaren und wohlbestellten Gefilde
des Gottes- und Menschenfreundes Quandt.

Und was gab es doch nicht alles in der Welt, worber das tckische
Untier sich gefrig hermachen konnte! Da hatte einer einen Orden
bekommen, der das ganze Leben lang hinterm Ofen hockte und Maulaffen
feilhielt; dort hatte ein andrer zehntausend Taler geerbt, der schon
ohnehin die Woche zweimal Pasteten a und Moselwein trank; da wurde ein
Name lobend in der Zeitung erwhnt, ohne da man erforschen konnte, ob
ihm eine solche Auszeichnung von Rechtswegen zukam, dort hatte ein
Ichweinichtwer eine Entdeckung gemacht, auf die man, htte man sich
zufllig mit dem Gegenstand beschftigt, leichterdings auch htte
verfallen knnen. Warum denn der? Warum nicht ich? murrte dann der
heimlich aufrhrerische Quandt. Es war ein bestndiger und unsichtbarer
Zweikampf mit dem Schicksal unter der Parole: Warum der andre, warum
nicht ich?

Vielleicht litt der gute Quandt unter seiner Abstammung; sein Vater war
Pastor gewesen, mtterlicherseits kam er von Bauern her. Er besa viel
vom Bauern und vom Pastor: sein sehr irdisches Streben war rundherum mit
Theologie behangen. Dabei war der Bauer dem Pastor bestndig im Wege,
denn wo htte man je gehrt, da ein auf Religion und Friedfertigkeit
gestimmtes Gemt rachschtig, mignstig und ehrgeizig gewesen wre? Die
Wahrheit liebte Quandt ber alles; er sagte es, er beteuerte es und es
war auch so. Nichts war ihm offenbar genug; nirgends stimmte die
Rechnung; berall hatten die Menschen eine falsche Addition gemacht oder
den Kasus verwechselt. Er sagte und beteuerte, da er niemals in seinem
Leben gelogen hatte. Ein bewundernswerter Fall; und wirklich stand es
fest und war nachzuweisen, da er mit dem einzigen Busenfreund, den er
je besessen, einem Schulamtskandidaten in Tauberbischofsheim, deshalb
fr immer gebrochen hatte, weil er ihm auf eine Lge gekommen war.

Wie ratlos mute nun Caspar einer so ernsten Wachsamkeit, einer solchen
Vereinigung von seltenen und vorbildlichen Eigenschaften, wie sie der
bessere Teil des Lehrers bot, gegenberstehen. Wir, der Leser und ich,
haben darin leichtes Spiel, uns kann man nicht betrgen, uns sind die
Kleiderfalten offen und die Haut ber dem Herzen ist uns durchsichtig;
wir weilen auf einer hheren Warte, wir sind Seher und Humoristen; wir
verfolgen Herrn Quandt, wenn er in einen Krmerladen tritt, mit
hflicher Gemessenheit ein halbes Pfund Kse verlangt und dabei mit
unruhig-eifrigen Augen die Einkufe seiner Nebenmenschen, gleichviel ob
es Kchinnen oder Generale sind, in seinem Innern notiert; wir hren
ihn, wenn er mit dem Oberinspektor Kakelberg spricht und sich mit
Schmerz ber die zunehmende Verlotterung der Schuljugend beklagt; wir
sehen ihn jeden Sonntagmorgen gebrstet, frisiert, gewaschen zum
Gottesdienst eilen und mit Bescheidenheit sein Gebetbchlein
aufschlagen; wir wissen, da er respektvoll gegen Hhere und
unnachsichtig gegen Geringere ist, denn sein Pflichtbewutsein nach
beiden Seiten unterliegt keinem Zweifel. Aber wir wissen auch, da er
jeden Abend vor dem Schlafengehen im Nachthemd auf der Kante seines
Bettes sitzt und sich mit dsterer Miene erinnert, da ihn der
Regierungsrat Hermann heute ziemlich nachlssig gegrt hat; mit
Bedauern nehmen wir von der Tatsache Kenntnis, da er seine Schler,
selbstverstndlich nur die faulen und strrischen, mit einem sorgsam
getrockneten spanischen Rohrstock empfindlich zu zchtigen pflegt, und
leider drfen wir nicht verhehlen, da er seine gutmtige Frau nicht
immer so zart und rcksichtsvoll behandelt, wie es vor Fremden
geschieht, die nach ihren Beobachtungen ohne weiteres der Ansicht sind,
da diese Ehe als das leuchtende Beispiel eines guten Einvernehmens
zwischen Gatten zu betrachten sei.

So war fr Caspar, der den Vorteil unsrer Allwissenheit und Allgegenwart
natrlich nicht geniet, Herr Quandt eine zwar dunkle und unfrohe, aber
durchaus imponierende Gestalt. Ein bichen Alpdruck sprte er jedesmal,
wenn Quandt in wunderlich forschendem Ton und mit unabgewandtem Blick zu
ihm sprach. Er fhlte sich anfangs bedrckt in dieser gar engen
Huslichkeit, in der man fast nicht einmal mit seinen Gedanken allein
sein konnte, und der einzige Trost war, da der Graf, der schon anfangs
Dezember hatte reisen wollen, noch immer in der Stadt war. Stanhope
behauptete zwar, auf wichtige Briefe warten zu mssen, in Wirklichkeit
harrte er jedoch der Rckkehr des Prsidenten Feuerbach, da ihn das
Beginnen des Mannes, der Grund seines Fernseins beunruhigte wie den
Wanderer ein drohendes Gewitter.

Auch Caspar hielt ihn, und das in eigner Weise. Er pflegte den Jngling
jeden Nachmittag fr eine oder anderthalb Stunden zum Spazierengehen
abzuholen; sie gingen dann gewhnlich den Weg zum Schloberg hinauf und
gegen das Bernadotter Tal, das in schner Abgeschiedenheit wie eine
Vorhalle zu den finster umschlieenden und weitgedehnten Wldern lag.
Caspar empfand einen sehr wohltuenden Einflu von der Bewegung in der
kalten, meist frostklaren Luft.

Ihre Gesprche strebten stets von einem unverbindend persnlichen Punkt
aus ins Allgemeine, wo das zu Sagende gefahrlos wurde und doch das
Lehrhafte wie das Erzhlende nicht den Reiz einer anmutenden
Vertraulichkeit entbehrte. Es schien dem ein bereinkommen zugrunde zu
liegen, ein Friedensschlu vor einer dumpf gefhlten Wandlung, welche
die vergangene Schnheit ihres Verhltnisses vollends zerstren mute.
So gingen sie dahin, anzusehen wie Freunde, in einer ihrem
Schicksalskreis fremden Region aufrichtig einander ergeben, den
Unterschied der Jahre und der Erfahrung ausgleichend durch ein williges
Schenken von der einen und ein nicht minder williges Empfangen von der
andern Seite.

Der Lord fand sich durch diese Form eines Verkehrs lebhaft angezogen,
ja im wahrsten Sinn ergriffen. Durfte er sich doch auch einmal wieder
unbefangen fhlen, ohne Joch, von keiner Peitsche zu ausbedungenem Ziel
gezwungen; in sich selber ruhend, betrachtsam und nicht ohne Wehmut
berschauend, wie das Leben in seiner Brust gehaust und was es dem
zwecklos spielenden Geist brig gelassen, der ja das eigentliche Element
ist, in welchem der Mensch den Menschen erkennt. Er ging ber die Tiefen
seines Daseins hin wie ber eine gebrechliche Brcke, die der leichteste
Windhauch in den Abgrund strzen kann.

Am liebsten redete er ber Menschenlos und Menschendinge: erzhlte, wie
der begonnen, wie jener geendet, was diesen ins Unheil gestrzt und
jenem zu Ansehen verholfen; wie er einen im Glck gewahrt, an der Tafel
des Knigs schwelgend, und wie selbiger zwei Jahre spter in einer
Dachkammer elend krepiert war. Ungleich ging es zu auf Erden; in schwer
erklimmbarer Hhe blhten die Blumen; nichts sicher, nichts von Bestand,
nirgends Verla. Gewisse Regeln durften nicht unbeachtet bleiben, nach
welchen das Wirken des einzelnen sich zu fgen hatte. Stanhope erwhnte
das Buch des Lord Chesterfield, eines Vorfahrs und weitlufigen
Verwandten, der in berhmten Briefen an seinen Sohn gar treffliche
Maximen gegeben hatte; ganze Seiten daraus wute er aus dem Gedchtnis
herzusagen. Derselbe Chesterfield habe, um den Ahnenstolz des Adels zu
verspotten, in seinem Schlo zwei Bilder aufhngen lassen, einen nackten
Mann und ein nacktes Weib, und darunter geschrieben: Adam Stanhope, Eva
Stanhope.

Der Graf gab seiner berraschung darber oft drastischen Ausdruck,
einen wie klugen Kopf er in Caspar bei aller Einfalt und Schweigsamkeit
entdeckte: immer zutreffend im Widerpart, durchaus weltlich gestimmt, in
Frage und Antwort aus erster Hand, das Gegenstzliche mhelos erfassend
und phantasievoll verknpfend.

Die Wandlung kam bald. Ein unbedeutender Anla fhrte sie herbei.

Eines Tages, whrend der Rckkehr nach der Stadt, sprach sich Stanhope
darber aus, wie fruchtbar es fr die innere Haltung eines Menschen sei,
wenn er seine Erlebnisse nicht leichtsinnig vorberflieen lasse,
sondern sie moralisch zu ntzen suche, indem er durch schriftliche oder
mndliche Mitteilung den Stoff seines Nachdenkens bereichere. Caspar
fragte, wie er das meine; statt der Antwort stellte der Graf, den dieser
Umstand lngst beunruhigte, die lauernde Gegenfrage, ob Caspar noch ein
Tagebuch fhre.

Caspar bejahte.

Und willst du mir nicht gelegentlich daraus vorlesen?

Caspar erschrak, berlegte und antwortete zgernd, ja, er wolle es tun.

So nehmen wir die gute Stunde wahr und machen uns gleich daran, sagte
Stanhope. Ich wnsche nur einen ungefhren Einblick zu erhalten und bin
neugierig, wie du so etwas anpackst.

Zu Hause angelangt, begleitete der Lord Caspar auf dessen Zimmer und
nahm, der Erfllung des Versprechens gewrtig, auf dem Kanapee Platz. Im
Ofen prasselte Feuer; drauen herrschte seit dem Mittag starker Tauwind;
es dmmerte schon, die Hgel waren violett umschleiert.

Caspar machte sich unter seinen Bchern zu schaffen, doch Minute auf
Minute verging, ohne da er sich im geringsten anschickte zu tun, was
Stanhope erwartete.

Nun, Caspar, meldete sich endlich ungeduldig der Graf, ich bin
bereit.

Da gab sich Caspar einen Ruck und sagte, er knne nicht.

Stanhope sah ihn gro an; Caspar schlug die Augen nieder. Das Tagebuch
sei unter vielen andern Sachen versteckt, und es sei unbequem, es zu
erreichen, murmelte er stockend.

So so, versetzte der Lord und lachte fast lautlos durch die Nase. Wie
flink du in Ausflchten bist, Caspar; ich htte nicht geglaubt, da du
so flink in ... Ausflchten bist. Ei, sieh doch!

In diesem Moment klopfte und scharrte es an der Tr, der Lord rief und
die Gestalt Quandts schob sich langsam ins Zimmer. Er tat erstaunt, den
Herrn Grafen hier zu finden, und fragte, ob Seiner Lordschaft eine
kleine Erfrischung gefllig sei. Der Lord dankte stumm und heftete den
Blick fortgesetzt auf Caspar.

Quandt merkte gleich, da da was auf der Pfanne brodelte. Er erkundigte
sich, ob Seine Herrlichkeit Anla habe, mit dem Hauser unzufrieden zu
sein. Stanhope entgegnete, er habe allerdings einigen Grund, sich zu
rgern, und in kurzen Worten teilte er dem Lehrer mit, worum es sich
handle. Hierauf, zu Caspar gewandt, sagte er laut und markiert: Wenn es
von vornherein nicht in deiner Absicht lag, mir von deinen Intimitten
Kenntnis zu geben, so httest du es nicht versprechen drfen. Und wenn
du dein Versprechen bereut hast, so durftest du es schicklich wieder
zurcknehmen. Aber statt dessen zu einer solchen -- eine beredte kleine
Pause -- Ausflucht zu greifen, das scheint mir deiner und meiner nicht
wrdig.

Er erhob sich und verlie das Zimmer. Quandt folgte ihm. Unten im Flur
blieb Stanhope stehen und fragte den Lehrer kurz angebunden, ob er sich
in der verflossenen Zeit schon ein Urteil ber die Fhigkeiten und den
guten Willen Caspars gebildet habe.

Eben wollte ich Eure Lordschaft ergebenst ersuchen, mir zur Besprechung
dieses Punktes eine Viertelstunde Gehr zu schenken, erwiderte Quandt.
Er nahm das llmpchen vom Nagel und bekomplimentierte den Lord in sein
Studio. Indes sich Stanhope in den Lederstuhl setzte, Bein auf Bein
kreuzte und gelangweilt in die Luft starrte, ramschte Quandt seine
Notizbltter zusammen und sagte, er habe den Hauser gleich vom ersten
Tag an tchtig vorgenommen, ihm diktiert, ihn lesen und rechnen lassen,
die deutsche und lateinische Grammatik abgefragt, alles aus dem Grbsten
und nur des berblicks halber.

Und das Ergebnis? fragte Stanhope, wobei die Langweile seine
Nasenflgel auseinander dehnte.

Das Ergebnis? Leider ziemlich trostlos, leider!

Es mute ein Schmerz fr Herrn Quandt sein, denn in diesem leider lag
ein tiefgefhlter Ton. Es mute ein Schmerz fr ihn sein, da Caspars
Handschrift so viel zu wnschen briglie. Er hat nichts Freies und
Zgiges in seiner Hand, und mit der Orthographie steht er auf
gespanntem Fu, sagte er. Es mute ein Schmerz fr Quandt sein, wenn
ein Mensch den Dativ nicht in allen Fllen vom Akkusativ unterscheiden
konnte. Von der funktionellen Bedeutung des Konjunktivs hat er nicht
die geringste Vorstellung, sagte Quandt und fuhr fort: Im sprachlichen
Ausdruck scheint er nicht ungewandt, hier ragt er sogar ber seine
sonstige Bildungsstufe hinaus, und er kennt die Stze und ihre
Verbindungen so weit, da er den Punkt, das Kolon, das Anfhrungs-,
Frage- und Ausrufungszeichen genau und das sogar von Sprachforschern so
verschieden in Anwendung gebrachte Semikolon manchmal richtig zu setzen
wei.

Immerhin ein Lichtstrahl. Hingegen die Arithmetik, o weh! Er beherrscht
die vier Grundrechnungen in gleichbenannten Zahlen noch nicht mit
Sicherheit. Eine Null wird fr ihn bald da, bald dort zum
unberwindlichen Hindernis, sagte Quandt. Die Lehre von den Brchen,
vom Kettensatz, von den einfachen und zusammengesetzten Proportionen:
ein hoffnungsloses Dunkel. Erstaunlicherweise arbeitet er jedoch in
diesen Dingen am willigsten, sagte Quandt.

Wie erklren Sie sich das? erkundigte sich der Lord mit der Neugierde
eines Verschlafenen, den man an den Fen kitzelt.

Ich erklre mir das so: Jedes Exempel stellt sich als ein fr sich
bestehendes Ganzes dar. Ein solches zu gestalten, dazu hat er immer Lust
und Verlangen, und es macht ihm Spa, wenn er es vollendet sieht. Was
ihn aber lange beschftigt, erregt sein Mibehagen und kann ihn sogar zu
allerlei unwahren Entschuldigungen veranlassen. Daher zeigt er sich
auch verdrielich bis zum Zorn, wenn er ein leichtes Exempel falsch
gerechnet hat und den Fehler der Oberflchlichkeit nicht finden kann.

Weiter, weiter: Geschichte, Geographie, Malen, Zeichnen ... Was die
Geschichte betreffe, so habe Quandt noch niemals und bei keinem Menschen
eine hnliche Gleichgltigkeit gefunden, sowohl gegen vaterlndische
Begebenheiten wie gegen welthistorische Fakta, gegen Monarchen,
Staatsmnner, Schlachten, Umwlzungen, Helden und Entdecker. Nur die
Anekdote fesselt ihn, ein Geschichtlein, damit kann man ihn kdern.
Traurig! Und die Geographie? Auf der Erdkugel fhlt er sich keineswegs
zu Hause, sagte Quandt. Auch ist er oft zerstreut; er merkt nicht auf.
Die nrnbergische Schwrmerei ber sein wunderbares Gedchtnis ist mir
ein Rtsel, ein unsagbares Rtsel, Mylord.

Mylord hatte genug. Vom Malen und Zeichnen wollte Mylord nichts mehr
wissen; er unterbrach den Lehrer, der Proben zeigen wollte, und warf
ein, da ihm die Ausbildung in diesen Nebenfchern zwar wnschenswert
erscheine, da er aber kein groes Gewicht darauf lege.

Wnschenswert, jawohl, versetzte Quandt, und das Wnschenswerte
sollte doch gepflegt werden. Der Geist eines Menschen ist wie ein
Zuchtgarten, in welchem das Schne und das Ntzliche nebeneinander
gedeihen drfen. Ich glaube, der mchtigste Ansporn fr den Hauser ist
seine Eitelkeit. Wenn man es versteht, seine Eitelkeit zu befriedigen,
kann man ihn zu allem haben. Noch eine Frage, Mylord, haben Sie
besondere Wnsche wegen des Religionsunterrichts? Ich habe schon mit
Herrn Pfarrer Fuhrmann gesprochen, der sich erboten hat, zweimal
wchentlich Caspar eine Stunde zu geben. Die Bibel habe ich selbst mit
ihm durchzunehmen begonnen.

Stanhope hatte nichts dawider; er wollte aufbrechen, aber mit verlegenem
Stottern brachte Quandt jetzt das Quartiergeld aufs Tapet, seine Frau
liege ihm ber die zunehmende Teuerung am Hals. Der Lord, ganz Seigneur,
bewilligte kurzerhand einen Zuschu; es wurde vereinbart, da Caspar
einen Mittagstisch fr zwlf und einen Abendtisch fr acht Kreuzer
erhalten solle.

Um den beln Eindruck dieser Errterung zu verwischen, die ihn beschmte
und demtigte, uerte Quandt den Wunsch, Seiner Lordschaft nach deren
Abreise periodischen Bericht ber die Fortschritte Caspars zu senden.
Stanhope, schon vllig ergeben, stellte dies seinem Belieben anheim. Es
wre ratsam, schlug Quandt vor, Hausers Briefe an Eure Herrlichkeit
zugleich als Stilbungen zu betrachten. Ich knnte, ohne natrlich am
Gedanken etwas zu verndern, die Hauptfehler korrigieren und mit roter
Tinte eine Zensur darunter schreiben. So htten Sie immer ein Bild
seiner derzeitigen Fhigkeiten.

Stanhope fand diesen Gedanken unvergleichlich. Sie traten nun in den
Flur, Quandt trug wieder das llmpchen voran. Auf einmal prallte er
zurck und hielt das Lmpchen hoch. Am Stiegengelnder stand eine dunkle
Gestalt. Es war Caspar.

Aha, der hat gehorcht, fuhr es Quandt durch den Kopf. Er drehte sich um
und sah den Lord beziehungsvoll an.

Caspar trat auf Stanhope zu und bat ihn mit bewegter Stimme, noch
einmal auf sein Zimmer zu kommen. Der Graf antwortete kalt, er habe
wenig Zeit, Caspar mge sein Anliegen hier vorbringen. Caspar schttelte
den Kopf; der Lord dachte, Caspar habe sich eines Bessern besonnen, er
stellte sich, als ob es ihn berwindung koste, dem Wunsch zu willfahren,
dann ging er mit kleinen, wie gezhlten Schritten die Stiege hinan.
Quandt folgte unaufgefordert und blieb im Zimmer oben als stumme Person
neben der Tr stehen.

Caspar sagte, er wolle dem Lord das Tagebuch gerne zeigen, aber dieser
mge ihm versprechen, nichts darin zu lesen.

Der Lord verschrnkte die Arme ber der Brust. Dies wurde ihm denn doch
zu bunt. Aber er antwortete mit der Ruhe einer vollendeten
Selbstbeherrschung: Du kannst mir wohl glauben, da ich ohne deine
Einwilligung nicht in deine Privatangelegenheiten dringen werde.

Caspar ffnete die Schublade des Kommodekstchens und hob den Zipfel
eines Seidentchleins, unter welchem das blaue Heft lag. Der Graf
nherte sich und blickte in wortloser Befremdung bald auf das Heft, bald
auf Caspar. Was fr eine kindische Zeremonie! stie er finster heraus.
Ich hatte nicht die geringste Begierde geuert, deinen papierenen
Schatz zu sehen. Soviel ich wei, wolltest du mir daraus vorlesen; mit
Flunkereien bitte ich mich zu verschonen.

Auch Quandt war nun herangekommen, und mit zweifelnden Blicken ma er
das mysterise Heft. Caspar schaute whrenddem, auch indes der Lord das
Zimmer schweigend verlie, mit einem chinesisch-schiefen,
schief-besinnenden Blick vor sich hin, einem Blick der Versunkenheit
und Jenseitigkeit, wie ihn manche Kpfe auf sehr alten Bildern haben.

Wenn ich meine unmagebliche Meinung uern darf, sagte Quandt, der
den Grafen zum Tor begleitete, so mu ich gestehen, ich glaube nicht an
dieses Tagebuch. Ich glaube nicht, da ein Charakter wie der des Hauser
von sich selbst aus den Antrieb findet, ein Tagebuch zu fhren. Ich kann
mir nicht helfen, Mylord, aber ich glaube nicht daran.

Ja, denken Sie denn, da er uns da blo leeres Papier gezeigt hat?
versetzte Stanhope schroff.

Das nicht, aber...

Was also?

Je nun, man mu der Sache nachgehen, man mu sich damit beschftigen,
man mu sehen, was dahinter steckt.

Stanhope zuckte die Achseln und ging. Er hatte gehofft, aus den
Aufzeichnungen des Jnglings mancherlei ber sich selbst zu hren; dies
lockte; er wute, da er dort auf einem hohen Postament stand und da er
vergttert worden war; es ist schn, vergttert zu werden, wie wenig
hnlichkeit man auch mit einem Gott haben mag, und wenngleich das
Gtterbild vom Sockel gestrzt war, um seine Trmmer mute noch eine
reizende Romantik blhen. Dies lockte. An das Verrterische des
Bchleins dachte er nicht, wollte er nicht denken, damit mochten sich
die Schergen abfinden.

Trotzdem begab er sich am nchsten Mittag ins Lehrerhaus, trat in
Caspars Zimmer und forderte kurz und streng von dem Jngling die
Ablieferung der Briefe, die er ihm whrend ihrer Trennung nach Nrnberg
geschrieben. Caspar gehorchte ohne zu fragen. Die Briefe, es waren nur
drei, darunter der gefhrliche, geschwtzige, den der Graf zu frchten
hatte, lagen in einer besonderen Mappe in einer Hlle von Goldpapier.
Stanhope zhlte sie nach, steckte sie in die Brusttasche und sagte dann
etwas milderen Tons: Du holst mich heute abend um acht Uhr vom Hotel
ab. Wir sind aufs Schlchen zu Frau von Imhoff geladen. Zieh dich gut
an.

Caspar nickte.

Stanhope schritt zur Tr. Die Klinke in der Hand, drehte er sich noch
einmal um: Morgen reise ich. In der Krmmung seines Mundes lag
berdru und Grauen. Ihm graute pltzlich vor dieser Stadt und vor ihren
Menschen, ihm graute vor etwas, das er wie eine hllische Unholdfratze
ber sich in der Luft hngen sah und dem er durch die Geschwindigkeit
seiner Pferde zu entrinnen hoffte. Den Prsidenten zu erwarten hatte er
aufgegeben, denn Feuerbach hatte seinem Stellvertreter geschrieben, er
kme erst nach Neujahr.

Morgen schon? flsterte Caspar betrbt; und nach einer Pause fgte er
scheu hinzu: Was abgemacht ist, das gilt aber?

Was abgemacht ist, das bleibt bestehen.

Die Einladung der Imhoffs war zugleich eine Abschiedsfeier fr den
Grafen. Es waren gebeten: der Regierungsprsident Mieg, der Hofrat
Hofmann, der Direktor Wurm, Generalkommissr von Stichaner mit Frau und
Tchtern und einige andre Herrschaften; alle kamen in groer Gala. Man
war sehr gespannt auf Caspars erstes Erscheinen in der hiesigen
Gesellschaft.

Sein Auftreten enttuschte nicht. Wie fetierte man ihn, bemhte man
sich um ihn; man sagte ihm Komplimente, die lcherlichsten Komplimente,
lobte seine kleinen Ohren und schmalen Hnde, fand, da ihm die Narbe
auf der Stirn, die vom Schlage des Vermummten herrhrte, interessant zu
Gesicht stehe, bestaunte sein Reden und sein Schweigen und whnte damit
den Lord zu entzcken, der sich jedoch ber eine gemessene Hflichkeit
hinaus nicht verpflichtete und dem berschwenglichen Wesen der Damen
seinen verbindlichsten Sarkasmus entgegensetzte.

Nachdem die Tafel aufgehoben war, erschien der Kmmerling des Lords und
brachte ein Paket, welches in ungefhr einem Dutzend Exemplaren das in
Kupfer gestochene Portrt Stanhopes enthielt, worauf er in Pairstracht
mit der Grafenkrone dargestellt war. Er verteilte die Bilder an die
lieben Ansbacher Freunde, wie er mit bezauberndem Lcheln sagte.

Das Kunstwerk erfuhr die lauteste Bewunderung, sowohl in bezug auf die
hnlichkeit wie auf die Ausfhrung; als jeder seinen Dank gezollt, kam
das Gesprch auf Bilder berhaupt, und es entstand eine
Meinungsverschiedenheit darber, ob man aus den Zgen eines Portrts auf
die Charaktereigenschaften der betreffenden Person schlieen knne. Der
Hofrat Hofmann, als der negative Geist, der er berhaupt war, bestritt
es mit groer Lebhaftigkeit und mit Aufwand von vielen Grnden; er
sagte, jedes Bildnis gebe schlielich doch nur eine Essenz der besten
oder einschmeichelndsten oder am offensten sich darbietenden
Eigenschaften, es komme dem Maler oder Stecher nur darauf an, einen
besonderen, seinem Kunstwesen verwandten Zug bis zur vorgesetzten
Wirkung zu bertreiben, so da von der wahren Art des betreffenden
Menschen kaum noch etwas brigbleibe. Dem wurde heftig widersprochen;
das hnge ja vor allem von dem Genie des Knstlers ab, wurde erwidert,
und Lord Stanhope, der die uerungen des Hofrats bei diesem Anla als
einen Mangel an Delikatesse empfinden mute, ereiferte sich sehr gegen
seine sonstige Gepflogenheit und behauptete, er seinerseits getraue sich
aus jedem Bildnis, wen es auch darstelle und von wessen Hand auch immer
es gefertigt sei, die seelische Beschaffenheit der abgebildeten Person
zu erraten.

Bei diesen Worten lchelte die Hausfrau bedeutungsvoll. Sie verschwand
in einem Nebenraum und kehrte alsbald mit einem goldgerahmten ovalen
lbild zurck, das sie, noch immer lchelnd, in kurzer Entfernung von
dem Grafen aufrecht auf den Tischrand stellte. Die Gste drngten sich
herzu, und fast von allen Lippen erscholl ein Ausruf der Bewunderung.

Es war ein uerst lebendig und natrlich gemaltes Bild, welches eine
junge Frau von verblffender Schnheit darstellte: ein Gesicht wei wie
Alabaster und berhaucht von zartem Rosenrot; klare und ebenmige Zge,
einen Blick, dem offenbar die Kurzsichtigkeit etwas Poetisches und
Schchternes gab, und im ganzen der Physiognomie ein himmlisches
Leuchten von Gefhl.

Nun, Mylord? fragte Frau von Imhoff schelmisch.

Stanhope nahm eine neunmalweise Miene an und lie sich vernehmen:
Wahrlich, in diesem Geschpf verbindet sich orientalische Weichheit
mit andalusischer Grazie.

Frau von Imhoff nickte, als ob sie das Gesagte vortrefflich fnde.
Schn, Mylord, meinte sie, wir wollen etwas ber den Charakter der
Dame wissen.

O, man will mich attrappieren! versetzte Stanhope heiter. Nun gut.
Ich denke, es ist das eine Frau, welche jede Art von Leiden oder
Ungemach mit auerordentlicher Langmut zu ertragen versteht. Sie ist
sanft, sie ist gottesfrchtig, sie liebt den idyllischen Frieden des
Landlebens, ihre Neigungen gehren den schnen Knsten--

Frau von Imhoff konnte nicht mehr an sich halten und brach in
belustigtes Lachen aus. Ich bin sicher, Graf, da Sie nur, um mich zu
necken, eine so falsche Deutung unternommen haben, sagte sie.

Der Hofrat machte ein mokantes Gesicht, Stanhope errtete. Wenn ich
mich blamiert habe, so belehren Sie mich eines Bessern, gndige Frau,
antwortete er galant.

Um das zu knnen, mte ich Ihre Geduld lnger als wnschbar in
Anspruch nehmen, sagte Frau von Imhoff pltzlich ernst. Ich mte
Ihnen von dem ungewhnlichen Schicksal dieser Frau erzhlen, die meine
beste Freundin ist, und ich wrde Gefahr laufen, die gute Stimmung zu
zerstren, in der Sie sich alle befinden.

Aber man wollte sich nicht damit zufriedengeben, und Frau von Imhoff
mute schlielich dem allgemeinen Drngen willfahren.

Meine Freundin kam als Mdchen von achtzehn Jahren an den Hof einer
mitteldeutschen Residenz, begann sie mit einer reizenden Befangenheit.
Sie war vater- und mutterlos und in ihrer Existenz ganz auf ihren
Bruder angewiesen. Dieser Bruder, ich will ihn der Krze wegen den
Freiherrn nennen, galt trotz seiner Jugend, er war nur um zehn Jahre
lter denn seine schne Schwester, fr einen Mann von hervorragenden
Talenten; der Frst, obwohl schwchlich und ausschweifend, wute seine
Fhigkeiten vollauf zu wrdigen, gab eine der hchsten Stellen des
Landes unter seine Verwaltung und berhufte ihn mit Ehren und
Auszeichnungen. Doch nahm der Freiherr an den Vergngungen des Hofes nur
insofern teil, als er die Schwester in die Salons und Gesellschaften des
Adels einfhrte, und er hatte auch die Genugtuung, da sie nicht nur
durch ihre Schnheit, sondern auch durch Geist, Anmut und ein selten
befeuertes Naturell der Mittelpunkt jedes Kreises wurde, in dem sie sich
sehen lie.

Eines Tages nun wurde das ruhige Zusammenleben der beiden Menschen auf
eine furchtbare Weise zerstrt. Fast zufllig machte der Freiherr die
Entdeckung, da in der Finanzverwaltung des Landes ganz ungeheuerliche
Unterschleife stattgefunden hatten, es handelte sich um viele
Hunderttausende von Talern, und da der Frst selbst, in Bedrngnis
geraten durch eine arge Mtressen- und Protektionswirtschaft, bei diesen
zum Nachteil des Volkes ausgefhrten Manipulationen beteiligt war. Der
Freiherr wute sich keinen Rat. Er vertraute sich der Schwester an.
Diese sagte ihm: Hier gibt es kein Schwanken, geh zum Frsten und mach
ihn ohne Rckhalt auf die Schwere eines solchen Verbrechens aufmerksam.
Es geschah. Der Frst geriet in Zorn, wies dem jungen Mann die Tr und
deutete ihm an, da er seinen Abschied zu nehmen habe. Als der Freiherr
seiner Schwester von dem unerwarteten Ausgang seines Unternehmens
Mitteilung machte, drngte sie ihn, die Geschichte vor die versammelten
Landstnde zu bringen. Auch dazu erklrte sich der Freiherr bereit,
erffnete sich aber vorher noch einem seiner Freunde, der den Entschlu
zu billigen schien. Derselbe Freund schrieb ihm am nchsten Abend ein
Briefchen, worin er ihn dringlichst aufforderte, einer wichtigen
Besprechung halber sogleich in ein nahe der Stadt gelegenes Lusthaus zu
kommen. Ohne Zgern folgte der Freiherr dem Ruf, lie, trotzdem es schon
spt und die Nacht finster war, sein Pferd satteln und ritt davon.

Seit dieser Stunde wurde er nicht mehr gesehen. Einige Leute wollten
gegen Mitternacht in der Nhe jenes Lusthauses Schsse gehrt haben,
aber wie dem auch sein mochte, der Freiherr war verschwunden, und was
mit ihm geschehen war, blieb ein unerklrtes Rtsel. Den Schmerz der
Schwester kann man sich denken. Doch vom ersten Tag an verschmhte sie
es, diesem Schmerz sich hinzugeben, und entfaltete eine erstaunliche
Ttigkeit. Da sie nach und nach den Tod des Bruders glauben mute,
setzte sie alles daran, um wenigstens seinen Leichnam ausfindig zu
machen. Sie nahm Arbeiter auf, die in der Umgebung des Lusthauses
wochenlang die Erde aufgraben muten, mit Gte, mit List, mit Drohungen
beschwor sie den angeblichen Freund des Bruders, zu reden, wenn er etwas
wisse; es war umsonst, er behauptete, nichts zu wissen. Niemand wollte
etwas wissen. Sie warf sich dem Frsten zu Fen, der sie huldvoll
anhrte und, anscheinend selbst ergriffen, alles zu tun versprach, um
der Sache auf die Spur zu kommen. Es war umsonst. Einige Tage darauf
erkrankte sie, ohne Zweifel durch Gift; der Versuch wiederholte sich.
Pltzlich aber starb der Frst an einem Schlagflu. Ihres Bleibens an
jenem schrecklichen Ort war nun nicht mehr. Sie begann zu reisen und
suchte an allen kleinen und groen Hfen Deutschlands, spter sogar in
London und Paris Minister, Monarchen und Mnner der ffentlichkeit zu
gewinnen, um Shne oder wenigstens Aufklrung zu erlangen. Stellen Sie
sich das Leben vor, fuhr Frau Imhoff fort, das meine Freundin auf
solche Weise lnger als drei Jahre fhrte, immer unterwegs, immer in
Hast, mit bestndigen Widerwrtigkeiten kmpfend. Ein groer Teil ihres
Vermgens ging nach und nach durch ihre fruchtlosen Anstrengungen
verloren. Als sie nun endlich einsehen mute, da sie nichts erreichen
wrde, da die Verbrderung der Schlechten und Gleichgltigen zu mchtig
ist, entsagte sie mit derselben Entschlossenheit, die sie bisher an den
Tag gelegt, allen weiteren Versuchen, zog in eine kleine
Universittsstadt und warf sich mit einem wunderbaren Eifer auf das
Studium der Politik, der Jurisprudenz und der Nationalkonomie. Nicht
als ob sie sich damit gegen die Welt verschlo, ganz im Gegenteil. Sie
hatte ihre private Sache mit einer ffentlichen vertauscht. Ihre
glhende Seele, fr den Gedanken der Vlkerfreiheit und der
Menschenrechte entflammt, suchte Bettigung. Vor zwei Jahren heiratete
sie einen unbedeutenden und keineswegs geliebten Mann; es geschah
deshalb, weil sich der Mann, dem sie sich schon geweigert hatte, aus
Leidenschaft zu ihr im Bade die Adern geffnet hatte; er wurde gerettet
und sie nahm ihn. Doch wurde die Ehe schon nach wenigen Monaten in
friedlichem Einverstndnis gelst, der Mann ist nach Amerika gegangen
und Farmer geworden. Meine Freundin fing abermals ihr merkwrdiges
Wanderleben an; ich habe Briefe von ihr bald aus Ruland, bald aus Wien,
bald aus Athen; seit einigen Monaten weilt sie in Ungarn. berall
untersucht sie die Lage der Bauern und die Not des arbeitenden Volkes,
nicht etwa nur oberflchlich und empfindsam, sondern mit sachlicher
Grndlichkeit; ihr profundes Wissen und ihre Kenntnis der Gesetze,
Verfassungen und ffentlichen Einrichtungen hat schon manchem gelehrten
Herrn Bewunderung abgezwungen. Sie ist heute fnfundzwanzig Jahre alt
und sieht fast immer noch so aus wie auf diesem Bild, das vor sechs
Jahren gemalt wurde. Nach alledem werden Sie mir wohl glauben, Mylord,
da bei ihr von orientalischer Weichheit und sanfter Leidensdemut nicht
wohl die Rede sein kann. Sanft ist sie, ja sie ist sanft, aber ganz
anders, wie man sich das gewhnlich vorstellt. Ihre Sanftmut hat etwas
Freudiges und Ttiges, denn es ist in ihr ein khner Geist und ein
erhabenes Vertrauen zu allem, was menschlich ist. Immer ist ihr die
Gegenwart das Hchste.

Ein lautloses Schweigen bezeugte der Erzhlerin die tiefe Wirkung, die
sie hervorgerufen. Und ist es denn nicht prchtig, ist es nicht
prchtig-spannend und angenehm-gruselig, sich dergleichen im
wohldurchheizten, hellerleuchteten Zimmer vorerzhlen zu lassen? Der
Mann am Kamin reibt sich gemtlich die Hnde, wenn es drauen strmt und
wettert. Dem Mann am Kamin verursacht es ein sprickelndes Behagen,
wenn er sich vorstellt, da drauen einige Leute ohne berzieher und
Handschuhe herumspazieren. Er, der Mann am Kamin, ist sogar imstande,
mit solchen Unglcklichen auf das lebhafteste zu sympathisieren.

Caspar war, als Frau von Imhoff zu sprechen angefangen, etwas auerhalb
des Zuhrerkreises gesessen, dann hatte er sich langsam erhoben, war
nher gekommen, bis er an ihrer Seite stand, und hatte wie verzaubert
auf ihren redenden Mund geblickt. Jetzt, da sie fertig war, lachte er
pltzlich. Die Zge kamen in Bewegung und erhielten etwas unendlich
Anziehendes. Frau von Imhoff gestand spter, da ihr ein solcher
Ausdruck kindlicher Freude noch nirgends vorgekommen sei; ja, es glich
dem Lachen eines kleinen Kindes, nur da sich eine hhere und reinere
Kraft des Bewutseins darin zu erkennen gab und die Empfindung seines
Innern mit den strksten Farben malte. Die Umsitzenden waren neugierig,
was er sagen wrde, und beugten sich vor, doch er stellte nur die
zaghafte Frage: Wie heit denn die Frau?

Frau von Imhoff legte den Arm um seine Schulter und antwortete, gtig
lchelnd, das zu verraten stehe ihr jetzt nicht zu, spter vielleicht
werde er es erfahren, auch an ihm nehme sie herzlichen Anteil.

Er blieb nachdenklich. Auch als die Geselligkeit wieder geruschvoller
wurde und das jngste Frulein von Stichaner am Klavier Lieder sang,
behielt er seinen schief-besinnenden Blick. Sonderbar wurde sein Gefhl
durch das so beweglich geschilderte Schicksal jener Unbekannten nach
auen getrieben, und wie durch den Wink eines unsichtbaren Geistes
ffnete sich zum erstenmal sein Herz den Leiden eines andern Ichs, einer
fremden Existenz. Es kann doch nicht so mit den Frauen beschaffen sein,
wie ich's mir immer eingebildet habe, dachte er.

Das gab ihm zu denken. An irgendeinem Punkt erzitterte auf einmal der
Bau der Welt, und ein zwiefaches Antlitz zeigten die Kreaturen: das eine
wohlvertraut und nicht geliebt, das zweite unfabar wie Schatten, fern
wie der Mond, verschwistert beinahe dem der nie gesehenen Mutter.

Auf der Brcke zwischen Abend und Abend schreitet das Leben; was es
heute schenkt, wird morgen Besitz. Ohne diese Stunde htte ein Ereignis
der folgenden Nacht, bei dem er nur der flchtige und kaum bemerkte
Zeuge war, nicht so gewaltig in sein Inneres gewuchtet, da er tagelang
danach sich in der schmerzlichsten Verwirrung befand.




Joseph und seine Brder


Als Abschiedsgabe erhielt Caspar vom Lord zwei Paar Schuhe, eine
Schachtel mit Brsseler Spitzen und sechs Meter feinen Stoff zu einem
Anzug. Nachdem er schon den ganzen Vormittag mit ihm verbracht, kam
Stanhope nach Tisch ins Quandtsche Haus, um Caspar Lebewohl zu sagen.
Um halb vier fuhr der Wagen vor. Caspar geleitete den Grafen auf die
Gasse. Er war bleich bis in die Augen; dreimal umarmte er den
Scheidenden und bi die Zhne zusammen, um nicht aufschreien zu mssen,
war es doch ein Stck seines innigsten Seins, das sich grausam von ihm
trennte -- fr immer, das fhlte er wohl, ob er den so teuer gewordenen
Mann wiedersah oder nicht. Mit ihm nahm er Abschied von der Unschuld
seligsten Vertrauens und von der Sigkeit schner Wnsche und
Tuschungen.

Auch der Lord war zu Trnen gerhrt. Es entsprach seiner reizbaren
Natur, sich bei solchen Anlssen einer wohlttigen Gemtserschtterung
zu berlassen. Sein letztes Wort klang wie ein Schutz vor
Selbstvorwrfen; als wolle er geschwind noch ins Schicksalsrad greifen
und die Speichen zurckdrehen; die Kutsche war schon im Fahren, da rief
er Quandt und dem Polizeileutnant Hickel, die beide am Tor standen, mit
feierlich hochgezogenen Brauen zu: Bewahrt mir meinen Sohn!

Quandt drckte die Hnde beteuernd gegen seine Brust. Das Gefhrt rollte
gegen die Krailsheimer Strae.

Fnf Minuten spter erschienen Herr von Imhoff und der Hofrat Hofmann;
sie muten zu ihrem Leidwesen erfahren, da sie die Zeit verpat hatten.
Um Caspar seiner Traurigkeit zu entreien, forderten sie ihn zu einem
Spaziergang in den Hofgarten auf, ein Vorschlag, dem der Lehrer eifrig
zustimmte. Hickel bat, sich anschlieen zu drfen.

Kaum waren die vier Personen um die nchste Ecke gebogen, als Quandt
rasch ins Haus zurckeilte und seiner Frau einen Wink gab, die ihm,
ohne zu fragen, weil das Unternehmen verabredet war, in den oberen Flur
folgte, wo sie sich bei der Treppe als Schildwache aufstellte. Quandt
seinerseits machte sich nun daran, das Tagebuch zu suchen. Er hatte sich
zu dem Ende ein zweites Paar Schlssel anfertigen lassen und konnte
damit die Kommode und den Schrank ffnen. In der Kommodeschublade fand
er nichts, das blaue Heft war nicht mehr darin. Aber auch den Schrank
durchstberte er vergeblich, die Kleider, die Tischlade, die Bcher, das
Kanapee; vergeblich kroch er in jeden Winkel, es war nichts zu finden.

Erschpft trocknete er sich den Schwei von der Stirn und rief seiner
Frau durch die offene Tr zu: Siehst du, Jette, was ich immer sage: der
Kerl hat's faustdick hinter den Ohren.

Ja ja, er ist falsch wie Bohnenstroh, erwiderte die Frau, und lauter
Scherereien macht er einem. Sie schimpfte blo ihrem Mann zu Gefallen,
denn im Grund hatte sie den Jngling gern, weil noch nie ein Mensch sich
so hflich und nett gegen sie betragen hatte.

Quandt blieb fr den Rest des Tages verstimmt wie einer, der um ein
edles Werk betrogen wurde. Und war es nicht so? War es nicht seine
Mission auf dieser Erde, die Lge von der Wahrheit zu scheiden und als
rechter Herzensalchimist den Mitmenschen die unvermischten Elemente
aufzuzeigen? Er durfte nicht ruhig zusehen und nicht Nachsicht ben, wo
der Atem der Lge wehte.

Von solchen Empfindungen bewegt, hielt er am selben Abend seiner Gattin
eine lngere Rede, worin er sich folgendermaen aussprach: Sieh mal,
Jette, ist dir nicht sein gerades und aufrechtes Sitzen bei Tisch schon
aufgefallen? Kann man annehmen, da so ein Mensch jahrzehntelang in
einem unterirdischen Loch vegetiert hat? Kann man dies glauben, wenn man
seine fnf Sinne ordentlich beieinander hat? Von seiner gerhmten
Kindlichkeit und Unschuld kann ich, offen gestanden, nichts entdecken.
Er ist gutmtig, ja; gutmtig mag er sein, aber was beweist das? Und wie
er vor den reichen und vornehmen Leuten scharwenzelt und liebedienert
als der ausgemachte Duckmuser, der er ist! Da hat deine Freundin, die
Frau Behold, den Nagel auf den Kopf getroffen. Sieh mal, oft, wenn ich
unversehens in sein Zimmer trete, es liegt mir natrlich daran, ihn zu
berraschen, aber da hockt er dir manchmal in der Ecke -- es ist
sonderlich anzuschauen. Ich wei nicht, ist er so geistesabwesend oder
stellt er sich nur so, aber wenn er mich dann bemerkt, verndert sich
sein Gesicht blitzschnell zu der heuchlerischen Grimasse von
Freundlichkeit, die einen leider entwaffnet. Einmal hab' ich ihn sogar
am hellichten Tag bei heruntergelassenen Rouleaus gefunden. Was kann das
bedeuten? Es steckt eben was dahinter.

Was soll denn dahinter stecken? fragte die Lehrerin.

Quandt zuckte die Achseln und seufzte. Das mag Gott wissen, sagte er.
Bei alledem mag ich ihn leiden, schlo er mit versorgtem Stirnrunzeln;
ich mag ihn gut leiden, er ist ein aufgeweckter und trtabler Bursche.
Man mu aber sehen, was dahinter steckt. Es ist etwas Unheimliches um
den Menschen.

Die Lehrerin, die sich fr die Nacht frisierte, war des Schwatzens
mde. Ihr hbsches Gesicht hatte den Ausdruck eines dummen, schlfrigen
Vogels, und ihre auffallend nah beieinander stehenden Augen blinzelten
matt ins Kerzenlicht. Pltzlich lie sie den Kamm ruhen und sagte:
Horch mal, Quandt.

Quandt blieb stehen und lauschte. Caspars Zimmer lag ber dem ehelichen
Schlafgemach, und sie vernahmen nun in der eingetretenen Stille die
unaufhrlich auf und ab gehenden Schritte ihres rtselhaften
Hausgenossen.

Was mag er treiben? meinte die Frau verwundert.

Ja, was mag er treiben, wiederholte Quandt und starrte finster zur
Decke. Ich wei nicht, mir wurde immer gesagt, da er mit den Hhnern
schlafen geht; ich merke nichts davon. Nun siehst du's, da soll man sich
auskennen. Jedenfalls wollen wir ihm das Spazierengehen bei Nacht
abgewhnen. Quandt ffnete leise die Tr und schlich auf Pantoffeln
vorsichtig hinaus. Vorsichtig schlich er die Treppe empor, und als er
vor Caspars Tr angelangt war, versuchte er durchs Schlsselloch zu
sphen, aber da er nichts sehen konnte, legte er in derselben gebckten
Stellung das Ohr ans Schlo. Ja, da wandelte er herum, der
Unerforschliche, wandelte herum und schmiedete seine dunkeln Plne.

Quandt drckte die Klinke, die Tr war versperrt. Da erhob er seine
Stimme und forderte energisch Ruhe. Sogleich ward es drinnen
muschenstill.

Als nun der Lehrer wieder zu seiner Frau kam, fand sich, da mit
unerwarteter Pltzlichkeit deren schwere Stunde angebrochen war. Schon
lag sie sthnend auf dem Bett und verlangte nach der Hebamme. Quandt
wollte die Magd schicken; die Frau sagte: Nein, das geht nicht, geh du
selber, die Person ist blde und wird den Weg verfehlen. Wohl oder bel
mute sich Quandt dazu entschlieen, so unbequem auch die Sendung war,
denn erstlich hatte er sich aufs Bett gefreut, zweitens frchtete er
sich ein wenig vor dem Gang durch die finstern Gassen, war doch erst zu
Pfingsten hinter der Karlskirche ein Rechnungsakzessist berfallen und
halb erschlagen worden.

Verdrossen hastete er in die Kleider; hierauf holte er die Magd aus den
Federn und befahl ihr, eine befreundete Nachbarin zu rufen, die sich im
Notfall zur Hilfeleistung erboten hatte, dann schlurfte er wieder
herein, durchkramte die Truhe nach seinen Pistolen, wobei er das
Nhtischlein umwarf, was ihn wieder derart in Verzweiflung setzte, da
er mit den Hnden seinen Kopf packte und sein unseliges Los verwnschte.
Die Frau, der das Elend schon den Sinn verrckte, entnahm ihrem Zustand
den Mut, ihm allerlei sonst feig zurckgehaltene Aufrichtigkeiten
zuzuschleudern, welche ihn im besondern und das Mannsvolk im allgemeinen
trafen. Das hatte die beste Wirkung, und nachdem er sein kleines
Shnchen, das nebenan schlief und von dem Tumult erwacht war, in die
Magdkammer getragen hatte, trollte er sich endlich.

Caspar, im Begriff sich niederzulegen, vernahm auf einmal mit Schaudern
die schmerzensvolle Stimme der Frau unten. Immer furchtbarer wurden die
Laute, immer greller drangen sie herauf. Dann war es wieder eine
Zeitlang stille, dann knarrte die Haustre, Schritte gingen, Schritte
kamen, und nun begann das Schreien viel rger. Caspar dachte, ein groes
Unglck sei passiert; sein erster Trieb war, sich zu retten. Er lief zur
Tr, sperrte auf und eilte die Stiege hinab. Die Wohnzimmertre war
offen, berheizte Luft quoll ihm entgegen. Die Magd und die Nachbarin
standen geschftig am Bett der Frau Quandt; diese schrie nach ihrem
Mann, schrie zu Gott und bumte sich auf.

Ach, was sah Caspar da! Wie ward ihm doch zumute! Ein Kpflein sah er,
einen weien kleinen Rumpf, ein ganzes winziges Menschlein, emporgehoben
mit Hnden, die nicht kleiner waren als es selbst! Alle Glieder
zitterten an Caspar, er wandte sich um, und ohne da ihn jemand
erblickt, floh er die Stiege hinauf, sank auf dem obersten Treppenabsatz
atemlos hin und blieb sitzen.

Wieder ging die Haustr, Quandt erschien mit der Wehfrau, doch schon
strzte ihm die Nachbarin jubelnd entgegen: Ein Tchterlein, Herr
Lehrer!

Ei, sieh da! rief Quandt mit einer Stimme, so stolz, als htte er
dabei etwas Nennenswertes geleistet.

Piepsendes Geplrr besttigte die Anwesenheit der neuen Weltbrgerin.
Nach einer Weile kam trllernd die Magd, und Caspar sah, da sie eine
Schssel voll Blut trug.

Es mochte in allem nicht mehr denn eine Stunde verflossen sein, als
Caspar sich endlich erhob und in seine Kammer taumelte. Wie betrunken
entkleidete er sich, whlte sich in die Betten und vergrub das Gesicht.

Er konnte nichts dawider tun: aus der Nacht erhob sich gleich einer
purpurnen Scheibe die Schssel voll Blut.

Er konnte nichts andres sehen als dies: aus einem blutigen Schlund
krochen junge Wesen und wurden Menschen genannt. Nackend und winzig,
einsam und hilflos und unter dem Jammer der Mutter krochen sie wehevoll
aus einem Kerker ohnegleichen, wurden geboren, ja, geboren, sowie die
Mutter ihn geboren.

Das ist es also, dachte Caspar. Er sprte das Band, begriff den
Zusammenhang, fhlte seine Wurzeln tief in der blutenden Erde, alles
starre Leben regte sich, das Geheimnis war entschleiert, die Bedeutung
offenbar.

Doch Mitleid und Grauen, Sehnsucht und Furcht waren nun eines, Leben und
Sterben zu einem Namen verschmiedet. Er wollte nicht einschlafen und
schlief ein, aber je nher der Schlummer kam, eine je qualvollere
Todesangst umfing ihn, so da er sich nur widerstrebend ergab: ein
banger kleiner Tod im Leben.

Da er am Morgen ber die gewohnte Stunde ausblieb, verwunderte sich
Quandt, ging hinauf und pochte an der Tr. Obgleich er das Zimmer vom
Abend her versperrt wute, drckte er auf die Klinke, fand jedoch zu
seinem Erstaunen die Tr unverschlossen. An Caspars Bett tretend,
rttelte er ihn und sagte rgerlich: Nun, Hauser, Sie fangen ja an, ein
Siebenschlfer zu werden. Was ist's denn?

Caspar setzte sich auf, und der Lehrer sah, da das Kopfkissen ganz na
war; er deutete hin und fragte, was das sei. Caspar besann sich ein
wenig und antwortete, es sei vom Weinen, er habe im Schlaf geweint.

Was, geweint? dachte Quandt argwhnisch; warum geweint? wieso wei er
es denn so schnell, wenn er im Schlaf geweint hat? und warum hat er so
lange gewartet, bis ich mich entschlossen, ihn zu holen?

Dahinter steckt eine Finte, entschied Quandt, er will mich milde
stimmen. Forschend schaute er sich um, und sein Blick fiel auf das
Wasserglas, das auf dem Nachttischlein stand. Er nahm das Glas und hob
es prfend empor, es war halb leer. Haben Sie Wasser getrunken,
Hauser? fragte er dster.

Caspar sah ihn verstndnislos an. Der Blick des Lehrers, von dem Glas
auf das Kissen gleitend, bekam einen vorwurfsvollen Ausdruck. Sollten
Sie nicht aus Versehen das Wasser verschttet haben? fragte er weiter;
ich sage: aus Versehen und meine durchaus nichts andres, Sie knnen
freimtig mit mir reden, Hauser.

Caspar schttelte langsam den Kopf; er verstand nicht, was der Mann
wollte.

Verstockt, verstockt, dachte Quandt und gab das Verhr auf. Als Caspar
zum Unterricht ins Wohnzimmer kam, teilte ihm Quandt in geziemender
Wrde mit, da ihm eine Tochter geschenkt worden sei.

Wieso geschenkt? fragte Caspar naiv.

Quandt runzelte die Stirn. Die Gleichgltigkeit, mit welcher der
Jngling ein solches Ereignis aufnahm, verdro ihn sehr. Seine Haltung
war kalt und frmlich, als er sagte: Wir beginnen wie gewhnlich mit
der Bibelstunde. Lesen Sie Ihr Pensum vor.

Es war die Geschichte Josephs.

Da ist ein alter Mann, der viele Shne hat, aber den jngsten unter
ihnen am meisten liebt und ihm einen bunten Rock gibt, um ihn
auszuzeichnen. Deswegen hassen ihn nun die Brder und wollen nicht mehr
freundlich mit ihm reden. Und Joseph erzhlt ihnen einen Traum von den
Garben. Siehe, wir banden Garben auf dem Felde, erzhlt er, da stand
meine Garbe auf und blieb stehen und siehe, eure Garben waren ringsum
und beugten sich vor meiner Garbe. Da antworten die Brder: Willst du
denn Knig werden ber uns? willst du herrschen ber uns? Und sie
hassen ihn noch mehr wegen seiner Trume. Aber Joseph ist sehr arglos,
er scheint den Grund ihrer Abneigung nicht zu ahnen, er erzhlt ihnen
alsbald einen zweiten Traum, nmlich wie die Sonne, der Mond und elf
Sterne sich vor ihm beugten. Ein Traum von leichter Deutbarkeit, denn
elf ist die Zahl der Brder. Sogar der Vater schilt ihn wegen dieses
Traumes. Was denkst du, Joseph, spricht er vorwurfsvoll, soll ich und
deine Mutter und deine Brder, sollen wir kommen, uns vor dir zu
beugen? Und bald darauf gehen die Brder, die alle Hirten sind, aufs
Feld, um die Schafe zu weiden, und Joseph wird von seinem Vater zu ihnen
gesandt. Und wie die Brder ihn von ferne sehen, sprechen sie
zueinander: Seht, da kommt der Trumer. Und sie beschlieen ihn zu
erwrgen, sie wollen ihn in eine Grube werfen und vorgeben, ein wildes
Tier habe ihn verzehrt; dann werden wir ja sehen, was aus seinen
Trumen wird, sagen sie hohnvoll. Da ist aber einer unter den Brdern,
der Erbarmen hat, und er warnt die andern. Er rt ihnen, den Jngling in
die Grube zu werfen, ihn jedoch nicht zu tten. Und so geschieht es
auch; sie ziehen ihm den Rock aus, den bunten Rock, den er trgt, und
werfen den Knaben in die Grube, und als dies vollbracht ist, erscheint
ein Zug von Kaufleuten aus fernem Land, und die Brder einigen sich
jetzt, den Joseph zu verkaufen, und sie verkaufen ihn um Geld. Dann
nehmen sie Josephs Kleid, tauchen es in das Blut eines geschlachteten
Tieres und sprechen zum Vater: Das blutige Kleid haben wir gefunden,
sieh doch, ob es nicht deines jngsten Sohnes Kleid ist. Der Alte
zerreit sein Gewand und ruft aus: Trauernd will ich hinunterfahren zu
meinem Sohn in die Unterwelt.

Als Caspar so weit gekommen war, versagte ihm die Stimme. Er stand auf,
legte das Buch beiseite, und seine Brust ward von Seufzern nur so
geschttelt. Die Hand vor den Mund gepret, erstickte er mit groer
Anstrengung das heraufquellende Schluchzen.

Quandt stutzte. Er beobachtete den Jngling scharf. Er hatte dabei den
schrgen Blick einer an den Pfahl gebundenen Ziege. Hren Sie mal,
Hauser, sagte er endlich. Sie werden mir doch nicht weismachen wollen,
da Sie von dieser simpeln Geschichte so ergriffen sind, die Ihnen noch
dazu wohlbekannt sein mu; meines Wissens haben Sie ja diesen Teil des
Alten Testaments schon beim Professor Daumer durchgenommen. Da mu Ihnen
doch auch gegenwrtig sein, da es dem Joseph noch recht glcklich
ergangen ist, denn er war ein reiner und guter Mensch. Ich bitte, sparen
Sie sich also die Mhe. Wenn Sie pflichtgetreu, aufrichtig und folgsam
sind, werden Sie bei mir zehnmal besser fahren als durch die unzeitige
Schaustellung von so weit hergeholten Affekten. Ich glaube Ihnen Ihre
Trnen einfach nicht; ich denke Ihnen das heute schon einmal deutlich
genug bewiesen zu haben. Damit erzielen Sie bei mir nur das Gegenteil
von dem, was Sie beabsichtigen mgen, ich bin nmlich kein Freund von
Gefhlsausbrchen, im allgemeinen nicht, und bei so ungegrndetem Anla
schon gar nicht. Es ist nachgerade Zeit fr Sie, sich an den Ernst des
Lebens zu gewhnen. Und weil wir nun schon so offen miteinander reden,
mchte ich Sie dringend warnen, alle Leute, mit denen Sie zu tun haben,
fr dumm zu halten; das ist eine Verblendung von Ihnen, welche die
nachteiligsten Folgen haben wird. Ich bin Ihnen wohlgesinnt, Hauser, ich
meine es wahrhaft gut mit Ihnen, vielleicht haben Sie keinen bessern
Freund als mich, was Sie freilich erst einsehen werden, wenn es zu spt
sein wird. Aber hten Sie sich, mich hinters Licht zu fhren! Und nun
fahren wir fort. Ich will diesen Zwischenfall als nicht geschehen
betrachten.

Im Verlauf dieser eindrucksvollen Predigt war die Stimme des Lehrers
weich und gtig geworden, und es hatte beinahe den Anschein, als wolle
er nun Caspar nehmen und an sein Herz drcken. Aber Caspar stand mit
albernem Gesicht, in welchem ein Lcheln hilflos zuckte, vor ihm da. Was
ist denn das? dachte er, was will der Mann?

Es war ihm, auch bei spterem Nachdenken, ganz und gar nicht
verstndlich, worauf die Worte des Lehrers hinzielten, und er kam zu der
Ansicht, da Quandt der rtselhafteste Mensch sei, dem er je begegnet.




Schlo Falkenhaus


Der Prsident traf erst am Dreiknigstag, nach fast vierwchiger
Abwesenheit, wieder in der Stadt ein. Die ihm nahestehenden Personen
wollten eine bedeutende Vernderung seines Wesens an ihm bemerken; er
erschien wortkarg und finster, und sein Anteil an den Amtsgeschften
hatte bisweilen etwas von Lauheit.

Es fiel auf, da er mehrere Tage verstreichen lie, ehe er sich nach
Caspar erkundigte. Als ihn der Hofrat Hofmann whrend des gemeinsamen
Nachhausewegs unbefangen fragte, ob er den Jngling schon gesehen habe,
gab Feuerbach keine Antwort. Tags darauf erschien der Polizeileutnant
bei ihm. Hickel stellte sich um die Sicherheit des Hauser besorgt und
meinte, man solle fr eine berwachung sorgen; der Prsident ging auf
die Sache nicht weiter ein und sagte blo, er werde sich's berlegen. Am
selben Nachmittag lie er den Lehrer rufen und stellte ihn ber Befinden
und Betragen seines Zglings zur Rede. Quandt sagte dies und sagte das;
es war nicht schwarz noch wei; zum Schlu zog er einen Brief aus der
Tasche, es war das Schreiben der Magistratsrtin Behold, welches dem
Prsidenten zu berreichen er sich entschlossen hatte.

Feuerbach berlas das Schriftstck, und eine Wolke von Mimut lagerte
sich auf seine Stirn. Sie mssen auf derlei Zeug kein Gewicht legen,
lieber Quandt, sagte er barsch, wo kmen wir denn hin, wenn wir auf
das Gewsch jeder solchen Nrrin hren wollten? Sie haben sich nicht mit
der Vergangenheit des Hauser zu beschftigen, das ist nicht Ihres Amts;
ich habe Sie dazu bestellt, einen tchtigen Menschen aus ihm zu machen,
wenn Sie in der Hinsicht zu klagen haben, bin ich ganz Ohr, mit andern
Dingen verschonen Sie mich.

Es lt sich denken, da eine so grobe Abfertigung die Empfindlichkeit
des Lehrers tief verletzte. Er ging erbittert heim, und obwohl ihm der
Prsident den Auftrag gegeben hatte, Caspar am Sonntag frh zu ihm zu
schicken, teilte er dies dem Jngling erst zwei Tage spter, am Samstag
abend, mit.

Als Caspar zur bestimmten Stunde ins Feuerbachsche Haus kam, mute er im
Flur ziemlich lange warten, dann erschien erst Henriette, die Tochter
des Prsidenten, und fhrte ihn ins Wohnzimmer. Ich wei nicht, ob der
Vater Sie heute empfangen wird, sagte sie und erzhlte dann, in der
vergangenen Nacht sei ein Einbruch in das Arbeitszimmer des Prsidenten
verbt worden; die unbekannten Tter htten alle Papiere auf dem
Schreibtisch durchwhlt und mit Nachschlsseln die Laden geffnet; es
sei anzunehmen, da die Verbrecher irgend bestimmte Briefe oder
Handschriften htten an sich bringen wollen, denn es sei nichts geraubt
worden, auch die gewnschte Beute htten sie nicht machen knnen, da der
Vater seine wichtigen Papiere gut verwahrt habe; nur die erbrochenen
Fenster und eine gewaltige Unordnung habe von ihrem Treiben Zeugnis
gegeben.

Das Frulein schritt whrend dieses Berichts in mnnlicher Weise auf und
ab, die Arme ber der Brust verschrnkt, Groll und Zorn in Stimme und
Miene. Sie sagte, der Vater sei natrlich auer sich ber den Vorfall;
whrenddessen ffnete sich die Tr und der Prsident trat in Begleitung
eines schlanken, etwa dreiigjhrigen jungen Mannes auf die Schwelle.
Aha, da ist Caspar Hauser, Anselm, sagte der Prsident. Der Angeredete
stutzte und blickte Caspar gedankenvoll und zerstreut ins Gesicht.
Caspar war betroffen von der auergewhnlichen Schnheit dieses
Menschen; wie er spter erfuhr, war es der zweitlteste Sohn Feuerbachs,
der, verfolgt von einem widrigen Geschick, fr einige Tage ins
Elternhaus geflchtet war, um Rat und Hilfe seines Vaters in Anspruch zu
nehmen. Caspar liebte schne Gesichter, zumal wenn sie so voll Geist und
Schwermut waren, bei Mnnern ganz besonders; aber es war dies nur eine
kurze Erscheinung, er sah ihn nicht wieder.

Der Prsident lie Caspar ins Staatsgemach treten und kam erst nach
einer Weile. Sofort fiel Caspars Blick auf das Napoleonbildnis an der
Wand. Wie wunderlich es war: solche hnlichkeit im Ausdruck der
stolz-abweisenden Majestt und der finsteren Trauer um die anmutig
geschwungenen Lippen mit jenem Mann, den er soeben gesehen! Dazu noch
der prunkvolle Ornat, Krone, Halsschmuck und Purpurmantel. Caspar war
bewegt; eine hhere Welt tat sich ihm auf; am liebsten wre er
hingegangen, um, was an dem Bild gestalthaft schien, mit Hnden zu
packen und, was ihn so hoheitsvoll daraus anredete, in laute Zwiesprach
zu verwandeln. Unwillkrlich reckte er sich auf, als zwinge ihn die
knigliche Figur zur Nachahmung; er machte ein paar Schritte hin und her
und war freudig erschrocken bei der Wahrnehmung, da die Augen des
Bildes ihn mit dunkler Glut verfolgten.

Also beschftigt fand ihn der Prsident und blieb berrascht neben der
Tr stehen. Mochte es Zufall genannt werden oder war es eine der
unergrndlichen Verkettungen, in denen dies nicht gewhnliche Schicksal
sich offenbarte, Feuerbach sah in dem zauberartigen Gegenberstehen von
Bild und Jngling etwas wie ein Ordal, eine Beglaubigung von oben. War
doch Caspars Mutter (seine Mutter, ja, sofern der ganze Bau der
furchtbaren Annahmen und halben Gewiheiten im Licht der Wirklichkeit
nur irgend bestehen konnte) durch verwandtschaftliche Bande an jenen
Heros geknpft.

Wissen Sie denn auch, wer das ist, Caspar? fragte Feuerbach mit lauter
Stimme.

Caspar schttelte den Kopf.

So will ich's Ihnen sagen. Das ist ein Mann, der die Menschheit davon
berzeugt hat, da ein groer Wille alles vermag. Haben Sie denn noch
nie was vom Kaiser Napoleon gehrt? Ich kannte ihn, Caspar, ich habe ihn
gesehen, ich habe mit ihm gesprochen, ich war Mittelsmann zwischen ihm
und unserm Knig Max. Es war eine groe Zeit und nicht mehr viel ist von
ihr brig.

Mit wehmtig-sinnendem Blick wandte sich Feuerbach ab. Er sprte die
Last der Jahre; lange genug hatte er sich gegen ihre Pranken gewehrt;
fast mit Angst streifte sein Auge den immer noch schweigend dastehenden
Jngling, als erwarte er von ihm das Richterwort, das seine nicht mehr
zu verbergende Ohnmacht der Welt preisgeben mute. Das zuletzt
Erfahrene, dort bei den Mchtigen Erlittene berflutete sein Herz mit
Scham; eine Flamme des Ingrimms und des Hasses gegen alles, was
Menschen hie, loderte pltzlich in ihm auf, zhneknirschend rannte er
ein halbdutzendmal zwischen den Fenstern und der Tr hin und her, und
erst der Anblick des vor Furcht erbleichten Caspar gab ihm die Besinnung
einigermaen zurck, und er stellte die mrrische Frage, ob Caspar bei
Quandt genug zu essen bekomme.

Darber ist nicht zu klagen, antwortete Caspar.

Den zweideutigen Ton, in welchem er dies vorbrachte, schien Feuerbach zu
berhren. Und was ist es mit dem Lord? fragte er weiter mit einem
starr-drohenden Blick, haben Sie schon Nachricht von ihm? Haben Sie
selbst ihm schon geschrieben?

Einmal jede Woche schreib' ich ihm, sagte Caspar.

Wo befindet er sich?

Er will jetzt nach Spanien.

Nach Spanien; soso; nach Spanien. Das ist sehr weit, mein Bester.

Ja, das soll weit sein.

Diese einsilbige Unterhaltung wurde durch einen Polizeibeamten
unterbrochen, der eine schriftliche Meldung wegen des nchtlichen
Einbruchs brachte. Caspar verabschiedete sich.

Wo bleiben Sie denn so lang? empfing ihn Quandt rgerlich.

Ich war beim Prsidenten, das wissen Sie doch, versetzte Caspar.

Schn; aber es verrt wenig Lebensart, da Sie einen Besuch nicht zu
krzen verstehen, wenn man zu Haus mit dem Abendessen auf Sie wartet.

Das Essen war nmlich eine wichtige Angelegenheit bei Quandts. Der
Lehrer setzte sich immer mit einer gewissen Rhrung zu Tisch, und sein
prfender Blick schien alle Teilnehmer der Mahlzeit auf den Grad ihrer
Andacht zu examinieren. Wenn Frau Quandt verkndigte, was man des Guten
zu erwarten habe, begleitete der Lehrer ihre Aufzhlungen entweder mit
einem Kopfnicken oder bedenklichem Runzeln der Stirne. Schmeckte ihm ein
Gericht, so wuchs seine gute Laune, fand es nicht seinen Beifall, so a
er jeden Bissen mit einem Ausdruck weltberlegener Ironie. Fr manches
hatte er eine besondere Vorliebe, wie zum Beispiel fr saure Gurken oder
angewrmten Kartoffelsalat, und er unterlie es dann selten, whrend er
sich delektierte, die Einfachheit seiner Bedrfnisse hervorzuheben. Die
Lehrerin verstand trefflich zu kochen, und wenn ihr eine Leibspeise des
Mannes gelungen war, blieb sie fr sein Lob nicht unempfnglich, obschon
es bisweilen in eine zu gelehrte Form gekleidet war; so pflegte Quandt
im Scherz zu sagen, wenn er sie nicht genommen htte, wre sicherlich
der selige Trimalchio wieder auferstanden, um sie zu heiraten. Nach dem
Abendessen kam die gemtliche Stunde mit Pantoffeln, Schlafrock,
Lehnstuhl und Zeitungslesen. Ins Wirtshaus ging Quandt fast nie, einmal
wegen der Kosten und dann, weil er keine Ansprache fand. Er zog die
bequeme Ofenecke vor.

Aber seit Caspar im Haus weilte, war diese idyllische Abendstimmung ohne
rechten Reiz. Quandt war geqult und wute manchmal kaum die Ursache.
Stellen wir uns einen Hund vor, einen klugen, nervigen, wachsamen Hund.
Stellen wir uns vor, da dieser Hund bei seinem Schnuppern in dem
anvertrauten Revier irgendwo einen Brocken Gift erwischt hat und da er
nun, das verderbliche Feuer in seinem Leib, unbewut das Dunkel sucht,
alle feuchten Winkel lechzend durchrast, den Schatten verfolgt, die
Fliege beknurrt, alles um sich und ber sich nur auf das eine tolle
Drngen bezieht und die ganze Welt fr vergiftet hlt, whrend es blo
seine armen Gedrme sind, so htten wir ein anschauliches Bild von dem
Zustand des bedauernswerten Mannes. Sein Dmon schmiedete ihn fest an
den Jngling; es wurde ihm vor allen Dingen wichtig, dahinterzukommen;
er htte ein paar Jahre seines Lebens hergegeben, wenn er dadurch
geschwind zu der Kenntnis gelangt wre, was dahintersteckte.

Um acht Uhr kam der Polizeileutnant zu Besuch; er war schlecht gelaunt,
denn er hatte letzte Nacht im Kasino fnfundsechzig Gulden beim Pharao
verloren und war das Geld noch schuldig. Gegen Caspar zeigte er sich
auffallend freundlich; er fragte ihn aus, was er mit dem Prsidenten
gesprochen, nahm aber den getreuen Bericht des Jnglings, als zu
belanglos, mit Mitrauen auf.

Ja, unser guter Freund ist recht zurckhaltend, beklagte sich Quandt;
ich wute gar nichts von dem Einbruch beim Prsidenten, und mit Mh und
Not, da er berhaupt davon erzhlt hat. Wissen Sie Nheres, Herr
Polizeileutnant? Hat man schon Spuren?

Hickel erwiderte gleichmtig, man habe bei Altenmuhr einen verdchtigen
Landstreicher aufgegriffen.

Was doch alles vorgeht! rief Quandt; welche Frechheit gehrt dazu,
das Oberhaupt der Behrde zum Opfer eines solchen Anschlags zu machen!
Insgeheim aber rsonierte er: recht so; das wird den Unantastbarkeitswahn
der Exzellenz ein bichen erschttern; recht so; auch von den Spitzbuben
knnen die groen Herren mitunter eine ntzliche Lehre empfangen.

Es sollte mich sehr wundern, sagte Hickel mit vornehm geschlossenen
Lippen -- eine Finesse, die er dem Lord Stanhope abgeguckt--, wenn diese
Geschichte nicht wieder irgendwie mit unserm Hauser zusammenhinge.

Quandt machte groe Augen, dann schaute er schrg auf Caspar, dessen
erschrockener Blick dem seinen entglitt.

Ich habe Grnde zu einer solchen Vermutung, fuhr Hickel fort und
starrte die blankgescheuerten Ngel seiner roten Bauernhnde an; diese
Hnde flten Caspar stets einen namenlosen Widerwillen ein; ich habe
Grnde und werde vielleicht seinerzeit damit herausrcken. Der Staatsrat
selber ist gescheit genug, um zu wissen, was die Glocke geschlagen hat.
Aber er will's nicht Wort haben, es ist ihm nicht geheuer dabei zumut.

Nicht geheuer zumut? Was Sie sagen! versetzte Quandt, und ein
angenehmes Gruseln lief ihm ber den Rcken. Auch die Lehrerin hrte mit
dem Strmpfestopfen auf und sah neugierig von einem zum andern.

Ja ja, fuhr Hickel fort und lchelte den Lehrer mit seinen
gelbblinkenden Zhnen an, sie haben ihm dort unten in Mnchen gehrig
eingeheizt, und er trgt den Kopf bei weitem nicht mehr so
zuversichtlich. Meinen Sie nicht auch, Hauser? fragte er und sah bald
Quandt, bald dessen Frau strahlend an.

Ich meine, es ist nicht in der Ordnung, da Sie so vom Herrn Staatsrat
sprechen, antwortete Caspar khn.

Hickel verfrbte sich und bi sich auf die Lippen. Sieh mal an, sieh
mal an, sagte er dster. Haben Sie das gehrt, Herr Lehrer? Schon unkt
die Krte, es wird Frhjahr.

Eine hchst unpassende Bemerkung, Hauser, lie sich Quandt zrnend
vernehmen. Sie sind dem Herrn Polizeileutnant Ehrfurcht und
Bescheidenheit schuldig so wie mir. Gegen den Baron Imhoff oder den
Generalkommissr wrden Sie sich so etwas nicht unterstehen, des bin ich
sicher. Und ein doppelt Gesicht, ein falsch Gesicht, heit es. Ich werde
das dem Grafen schreiben.

Echauffieren Sie sich nicht, Herr Lehrer, unterbrach ihn Hickel, es
lohnt sich nicht, man mu es seinem Unverstand zugut halten. Im brigen
hab' ich gestern einen Brief vom Grafen bekommen; er griff in die
Rockbrust und zog ein zusammengefaltetes Papier heraus. Sie mchten
wohl gerne wissen, was er schreibt, Hauser? Na, gar so schmeichelhaft
ist es eben nicht fr Sie. Der gute Graf macht sich Sorgen wie immer und
empfiehlt uns rcksichtslose Strenge, falls Sie nicht parieren.

Caspar machte ein unglubiges Gesicht. Das hat er geschrieben? fragte
er stockend.

Hickel nickte.

Er hat sich auch damals zu sehr gergert ber die Heimlichtuerei mit
dem Tagebuch, sagte Quandt.

Das werd' ich ihm alles erklren, wenn er wiederkommt, versetzte
Caspar.

Hickel rieb den Rcken an der Ofenecke und lachte. Wenn er wiederkommt!
Wenn! Wer wei aber, ob er wiederkommt? Mir deucht, er hat nicht allzu
groe Lust dazu. Glauben Sie denn, Sie Kindskopf, so ein Mann hat nichts
Besseres zu tun, als seine Zeit dahier zu versitzen?

Er kommt wieder, Herr Polizeileutnant, sagte Caspar mit
triumphierendem Lcheln.

Oho, oho! rief Hickel, das klingt ja allerdings verllich. Woher
wei man denn das so genau?

Weil er es versprochen hat, entgegnete Caspar mit treuherziger
Offenheit. Er hat heilig versprochen, in einem Jahr wieder da zu sein.
Am achten Dezember hat er's versprochen, sind also noch zehn Monate und
sechzehn Tage bis dahin.

Hickel sah Quandt an, Ouandt sah seine Frau an, und alle drei brachen in
Gelchter aus. Im Rechnen scheint er sich ja gebt zu haben, meinte
Hickel trocken. Dann legte er Caspar die Hand auf den Kopf und fragte:
Wer hat Ihm denn die herrlichen Locken abgeschnitten?

Quandt erwiderte, Caspar habe es selbst gewnscht, nachdem er ihm
vorgestellt, da es fr einen erwachsenen Menschen nicht schicklich sei,
mit so einem Haarwald herumzulaufen. Sie knnen jetzt schlafen gehen,
Hauser, sagte er hierauf.

Caspar reichte jedem die Hand und ging. Als er drauen war, ffnete
Quandt leise die Tr und lauschte. Sehen Sie, Herr Polizeileutnant,
flsterte er Hickel bekmmert zu, wenn er wei oder annimmt, da man
ihn hrt, steigt er ganz langsam und bedchtig die Stiege hinan, wenn er
sich aber unbeachtet glaubt, da kann er wie ein Hase springen, gleich
ber drei Stufen auf einmal. Ist's nicht so, Frau?

Die Lehrerin besttigte es; und wieviel Umstnde er einem mache, fgte
sie verdrossen hinzu; jetzt sei er sechs Wochen im Haus und habe
vierzehn Hemden in der Wsche; immer msse er herausgeputzt sein wie
eine Docke, und schon in aller Herrgottsfrh fange er an, seine Kleider
zu brsten.

Sie setzte dem Polizeileutnant ein Glschen Schnaps vor und ging ins
Nebenzimmer, um den Sugling zu stillen, der sich schreiend meldete.

Ja, es ist des Teufels mit ihm, setzte Quandt das Lamento seiner
Gattin fort; da hab' ich neulich einmal aus der 'Bayrischen
Deputiertenkammer' vorgelesen. Der Hauser stellt sich hinter mich, und
wie ich fertig bin, liest er den Titel der Zeitung halblaut fr sich
hin, wie wenn ihn das Wort verwundere. Nun wird aber doch die 'Bayrische
Deputiertenkammer' in jedem anstndigen Hause gelesen, nicht wahr?
Auerdem hat er Tag fr Tag Gelegenheit gehabt, das Blatt auf unserm
Tisch zu sehen, und der Name konnte ihm unmglich neu sein. Ich frage
also, ob er denn nicht wisse, was das sei, eine Deputiertenkammer.
Darauf sagt er mir mit seinem unschuldigsten Gesicht: das sei wohl ein
Zimmer, wo man Leute einsperre. Nun bitt' ich Sie um alles in der Welt,
das geht doch ber den grnen Klee. Es mu schon ein Engel vom Himmel
herunterkommen, damit ich solche Ungereimtheiten auf Treu und Glauben
hinnehmen soll, und selbst dann getrau' ich mich noch zu bezweifeln, ob
es auch ein richtiger Engel ist und kein nachgemachter.

Was wollen Sie, antwortete der Polizeileutnant, es ist alles
Schwindel, alles ist Schwindel. Und indem er sich auf den gespreizten
Beinen hin und her wiegte, loderte in seinen Augen ein unbestimmter,
trger Ha.

Alles Schwindel; ein Urteil, das sich nicht etwa blo auf die
vorgetragene Anekdote bezog, sondern auf das ganze, ihm bis zum Ekel
gleichgltige Treiben der Menschen, sofern es nicht mit seinem
Wohlbehagen verknpft war. Mochten sie sich einander die Kpfe abhacken,
mochten sie ber Himmel und Hlle, um Knig und Land streiten, mochten
sie ihre Huser bauen, ihre Kinder zeugen, mochten sie morden, stehlen,
einbrechen, schnden und betrgen oder sich ehrlich rackern und edle
Taten vollbringen, ihm war letzten Endes alles Schwindel, ausgenommen
der Freibrief fr ein sorgenloses Dasein, den ihm die Gesellschaft nach
seiner Ansicht schuldig war.

Der Ritter von Lang, der an Hickel wegen seines einschmeichelnden Wesens
Gefallen hatte, pflegte gern zu erzhlen, wie Hickel einst mit seinem,
des Ritters, Sohn, einem jungen Doktor der Philosophie, ber die
Landstrae gegangen und wie der junge Mann, gegen das ausgestirnte
Firmament deutend, angefangen habe, von den zahllosen Welten dort oben
zu reden; da habe Hickel mit seinem mokantesten Gesicht erwidert: Ja,
glauben Sie denn im Ernst, Doktor, da diese hbschen Lichterchen etwas
andres sind als eben -- Lichterchen?

Das war nicht etwa blo Unbildung, sondern nur der Ausdruck jener
berlegenheit, die in dem Worte gipfelte: alles Schwindel.

Man wute in der ganzen Stadt, da Hickel ber seine Verhltnisse lebte.
Es war sein Ideal, fr einen Kavalier zu gelten, seine Leidenschaft,
elegant zu sein, auch besa er die feinste Nase fr die Echtheit und
Legitimitt aller damit zusammenhngenden Dinge. Als vor einiger Zeit
seine Aufnahme in den vornehmen Beamtenklub strittig gewesen war, hatte
man lange gezgert, denn er war keineswegs beliebt und auerdem war er
von niedriger Abkunft, seine Eltern waren arme Ktnersleute in Dombhl;
schlielich hatte er seinen Wunsch mit Hilfe einiger erschlichener
Familiengeheimnisse durchgesetzt, mit denen er den betreffenden
Persnlichkeiten bange zu machen verstand. Der Hofrat Hofmann, sein
frherer Vorgesetzter, gab dem vorherrschenden Gefhl gegen ihn
bezeichnenden Ausdruck, indem er versicherte: Er decouvriert sich
nicht; dieser Hickel decouvriert sich nicht. In der Tat hatte es stets
den Anschein, als ob der Polizeileutnant mit etwas Gefhrlichem im
Hinterhalt bleibe.

Ausgezeichnet verstand er es, sich mit dem Prsidenten zu stellen. Er
durfte sich sogar erlauben, dem sonst so Unnahbaren gewisse Wahrheiten
zu sagen, die liebenswrdig oder sorgenvoll klangen, im Grunde aber
nichts waren als verzuckerte Bosheiten. Er besa eine nicht zu leugnende
Geschicklichkeit im Erzhlen amsanter Histrchen und mancherlei
einlaufenden Stadtklatsches. Dies ergtzte Feuerbach und stimmte ihn fr
vieles andre nachsichtig. Rtselhaft, sagten die Leute, was der
Staatsrat an dem Hickel fr einen Narren gefressen hat. Jedenfalls fand
der Polizeileutnant stets williges Gehr bei Feuerbach, und mit
Schlauheit lie er sich dafr gern gefallen, da der Prsident in seiner
brbeiigen Manier an ihm herum erzog, seinen leichtsinnigen Wandel
tadelte und seine schlechten Instinkte mit erstaunlichem Scharfblick
sozusagen in den Wurzeln entblte. Ist es nicht wahrscheinlich, da
gerade dies den Prsidenten verfhrte und verstrickte? Indem er so klar
die Leerheit und Dsterkeit dieser Seele durchschaute, hatte er sich
vielleicht schon zu vertraut gemacht mit ihr, um sie von sich stoen zu
knnen.

Hickel wute den Prsidenten nach und nach zu berreden, da man Caspar
nicht so frei wie bisher herumgehen lassen drfe, und es wurde als
Wchter ein alter Veteran bestellt, der einen Stelzfu hatte und
einarmig war. Dieser Wackere fate seine neue Obliegenheit sehr
gewissenhaft auf und folgte Caspar auf Schritt und Tritt zum Gelchter
der Gassenjugend. Der Polizeileutnant hatte richtig spekuliert, wenn die
so frsorglich aussehende Maregel dazu dienen sollte, die
Bewegungsfreiheit des Jnglings mglichst zu hemmen. Es gab Beschwerden
ber Beschwerden, bald von Quandt, bald von Caspar, bald von dem
Invaliden, den Caspar nicht selten berlistete, indem er sich heimlich
davonstahl.

Er klagte dem Pfarrer Fuhrmann, bei dem er Religionsunterricht empfing,
seine Not; dieser ihm wohlgesinnte Greis ermahnte ihn zur Geduld. Was
soll es nutzen, geduldig zu sein! rief Caspar trotzig, wird ja doch
immer schlechter!

Was es nutzen soll? versetzte der Pfarrer mild. Was nutzt es Gott,
da er unserm unsinnigen Treiben zuschaut! Durch Geduld fhrt er uns zum
Guten. Geduld bringt Rosen.

Dennoch wandte sich Pfarrer Fuhrmann an den Prsidenten, und dieser
versprach Abhilfe, ohne jedoch vorlufig etwas zu unternehmen. Die
jhrliche Inspektionsreise durch den Bezirk entfernte ihn fr drei
Wochen aus der Stadt; als er zurckgekehrt war, lie er eines Tages den
Polizeileutnant auf sein Arbeitszimmer rufen. Hren Sie mal, Hickel,
redete er ihn an, Sie sind doch in der hiesigen Gegend ziemlich gut
bekannt? Schn. Haben Sie mal etwas ber das Falkenhaus gehrt?

Gewi, Exzellenz, antwortete Hickel. Das sogenannte Falkenhaus ist
ein uraltes markgrfliches Jagdschlchen im Triesdorfer Wald.

Stimmt. Das Objekt interessiert mich schon seit einiger Zeit. Ich habe
Nachforschungen eingezogen und habe folgendes erfahren. Das Falkenhaus
hat bis vor ungefhr vier Jahren als Frsterwohnung gedient, und zwar
hat der letzte Frster jahrzehntelang mutterseelenallein dort gelebt.
Der Mann hat nie mit irgendeinem Menschen verkehrt, ist nie in einem
Wirtshaus gesehen worden und hat seine Einkufe in den umliegenden
Drfern selbst besorgt. Eines Tages ist er pltzlich verschwunden
gewesen, und ein verabschiedeter Gendarm soll ihn im Schwbischen als
Besitzer oder Verwalter eines Gutshofs wiedergesehen haben. Ich bin auch
dieser Spur nachgegangen, und es hat sich herausgestellt, nicht nur, da
es damit seine Richtigkeit hat, sondern auch, da der Mann im Oktober
1830 des Nachts in seinem Bett ermordet worden ist.

Davon ist mir nichts bekannt. Ich wei nur, da das Falkenhaus verdet
und unbewohnt ist und da im Volk allerlei gespensterhaftes Zeug ber
die unheimliche Einsiedelei erzhlt wird.

Richten Sie jedenfalls Ihr Augenmerk darauf, sagte der Prsident; am
besten, Sie senden einen ortskundigen Mann hin, der sorgfltige
Erhebungen einziehen soll.

Zu Befehl, Exzellenz. Darf ich fragen, um welchen Fall es sich dabei
handelt?

Es handelt sich um Caspar Hauser und seine Gefangenschaft.

Ah! Hickel rusperte sich und machte eine Verbeugung, Gott wei warum.

Ich glaube mit Bestimmtheit annehmen zu drfen, da das Falkenhaus die
Sttte seiner grausamen Kerkerhaft ist. Es war mir schon seit den ersten
Erzhlungen Caspars ber die Art seiner Wanderung mit dem Unbekannten
zweifellos, da der Ort in Franken selbst, nicht allzu weit von Nrnberg
oder Ansbach zu suchen sei. Nun haben mich die Spuren zum Falkenhaus
gefhrt.

Wahrscheinlich brauchen Eure Exzellenz dieses Indizium zu der Schrift
ber den Hauser, bemerkte Hickel schmeichelnd.

So ist es.

Und soll die Verffentlichung des Werks noch in diesem Jahr vor sich
gehen? Exzellenz verzeihen meine Neugier, aber ich bin ja herzlich
interessiert bei der Sache.

Sie fragen mich zu viel, Hickel. Lassen Sie das. Da ist ein Briefchen
fr den Hofrat Hofmann, geben Sie es drauen zur Befrderung. Ich will
mit dem Hofrat und Caspar morgen nach Falkenhaus fahren. Benachrichtigen
Sie den Hauser, da er sich bereithlt, erwhnen Sie aber beileibe
nichts von dem Zweck der Fahrt.

Zur festgesetzten Stunde fand sich Caspar ein und sah sich alsbald zu
seiner Verwunderung in der bequemen Kalesche gegenber dem Prsidenten
und dem Hofrat sitzen. In selten unterbrochenem Schweigen ging es durch
die sonnige Frhlingslandschaft.

Sie langten an. Ein Gang durch das verlassene Waldhaus und die
eingehende Prfung seiner Lokalitten brachte nicht den geringsten
Aufschlu. War ein unterirdischer Raum zu jenem frchterlichen Gebrauch
vorhanden gewesen, so hatte der einstige Bewohner ihn sicherlich
verschttet, und die Zeit hatte alle Merkmale unsichtbar werden lassen.

Da entdeckte das scharf umhersuchende Auge des Prsidenten im Freien
neben dem rechten Trakt des Gebudes eine sonderbar gestaltete Erdgrube.
Die Anzeichen lieen darauf schlieen, da sich vordem ein Holzschuppen
oder dergleichen darber erhoben hatte, denn ringsum lagen noch
vermorschte Bretter und Balken und rissige Schindeln. Es fhrten sieben
in den Sand geschlagene und schon verfallene Stufen hinab, und unten war
die seltsam geglttete Erde von gelblichem Moos bedeckt.

Feuerbach verfrbte sich, als er dieses sah. Nach langem Versunkensein
stieg er hinunter, betastete einige Stellen der Wnde, bckte sich in
einer Ecke auf den Boden, alles dies finster und wortlos. Als er wieder
heraufkam, sah er Caspar durchdringend an. Der aber stand ruhig da und
lie den unwissenden Blick in die Tiefen des Forstes schweifen. Ahnt er
nichts? dachte Feuerbach; ahnt er nicht, worauf sein Fu tritt? Weckt
ihn kein Hauch der Vergangenheit? Sprechen die Bume nicht zu ihm?
Verrt ihm die Luft nichts? Und da es nicht so scheint, darf ich mich
unterfangen, mit einem Ja oder Nein die schauerliche Ungewiheit zu
entscheiden?

Der Wagen hielt an der Heerstrae drauen. Beim Rckweg durch den Wald
blieb Caspar, den pltzlich eine unbesiegbare Schwermut berfallen
hatte, die ihn zu langsamem Gehen zwang, ein groes Stck hinter den
beiden Mnnern.

Der Hofrat Hofmann benutzte die Gelegenheit, um dem Prsidenten seine
vernunftgemen Zweifel mitzuteilen. Ich mchte nur eines wissen,
sagte er mit verkniffenem Gesicht, ich mchte wissen, warum man den
Menschen, wenn er wirklich so lange in Gefangenschaft geschmachtet
hatte, auf einmal freilie, und nicht nur das, sondern mitten in eine
groe Stadt gebracht hat, wo er das ungeheuerste Aufsehen erregen, also
notwendigerweise seine Peiniger verraten mute. Eine solche Logik will
mir nicht einleuchten.

Mein Gott, dafr lassen sich mancherlei Erklrungen denken, erwiderte
der Prsident ruhig; entweder man war seiner berdrssig geworden; ihn
lnger zu beherbergen war mit Schwierigkeit, ja mit Gefahr verknpft;
sein Kerkermeister konnte den Auftrag erhalten haben, ihn zu tten,
fate jedoch in einer begreiflichen Regung des Erbarmens oder der
Anhnglichkeit oder der Furcht den Entschlu, ihn auf andre Art
verschwinden zu lassen, und wo konnte das mit mehr Aussicht auf Erfolg
geschehen als gerade in einer groen Stadt? Man dachte sich die Sache
so: der Rittmeister Wessenig, dem mitgegebenen Schreiben folgend, steckt
ihn unter die Soldaten; dort gibt es der Analphabeten und Halbidioten
die Menge, dort wird er nicht weiter auffallen, vermeinte der Verbrecher
in einem Optimismus, der freilich nur von seiner eignen Unbildung
zeugt. Als aber die Dinge einen ganz andern Weg nahmen, bekam er's mit
der Angst, teilte sich, mute sich denen mitteilen, welche die Fden von
Anfang an in der Hand hielten, und diese muten zusehen, wie sie den
furchtbarsten Zeugen ihrer Schuld wieder unschdlich machen konnten, der
nun, geschtzt von einer Welt, ihnen als Auferstandener gegenbertrat.

Sehr fein, sehr fein, murmelte der Hofrat beifllig, ohne merken zu
lassen, da er keineswegs berzeugt war.

Spt nachmittags kamen sie in die Stadt zurck. Caspar trennte sich von
den Herren und ging heimwrts. Auf dem Promenadeweg begegnete er Frau
von Imhoff. Sie begrte ihn und fragte, warum er sich so lange nicht
bei ihr sehen lasse.

Hab' keine Zeit, hab' viel zu arbeiten, antwortete Caspar, doch mit so
verlegenem Gesicht, da die kluge Dame merkte, dies knne nicht der
wahre Grund sein. Sie unterlie es aber, ihn auszuforschen, und fragte
ablenkend, ob er sich auch des Frhlings recht erfreue.

Caspar schaute in die Luft und in die Kronen der Ulmen, als habe er den
Frhling bis jetzt bersehen, und schttelte den Kopf. Gern htte er
vieles gesagt, das Herz war ihm voll, bervoll, doch auf der Zunge lag
es wie ein Stein, und er hatte nicht das Gefhl, da diese Frau, so
freundlich sie sich auch gab, wirklich fr ihn aufgelegt sei. Was kann
es nutzen? dachte er.

Ich habe Ihnen einen Gru zu bestellen, sagte sie dann beim Abschied
und nachdem sie ihn fr den Sonntag zu Tisch gebeten hatte; erinnern
Sie sich noch der Geschichte meiner Freundin, die ich am Abend, als Lord
Stanhope bei uns war, erzhlt habe? Die lt Sie gren. Und ein Gru
bedeutet bei ihr viel.

Wie heit die Frau? fragte Caspar, genau wie damals, nur nicht
lchelnd und froh, sondern zerstreut.

Frau von Imhoff lachte; diese Wibegier nach einem Namen erschien ihr
komisch. Kannawurf heit sie, Clara von Kannawurf, antwortete sie
gutmtig.

Ganz hbsch, da sie mich gren lt, dachte Caspar, whrend er seinen
Weg fortsetzte, aber was kann es nutzen? Was soll's mir nutzen?




Quandt begibt sich auf ein heikles Gebiet


Kaum war Caspar zu Haus in die Wohnstube getreten, so merkte er, da
etwas Besonderes los sein mute. Quandt sa am Tisch und korrigierte mit
finsterer Miene die Schlerhefte, die Lehrerin wiegte den Sugling auf
den Knien und erwiderte, dem Beispiel ihres Mannes folgend, seinen
Abendgru nicht. Die Lampe war noch nicht angezndet, ein scharlachner
Abendhimmel flammte durch die Fenster, und als Caspar seinen Hut
aufgehngt, ging er wieder hinaus in den Hof. Dort spielte das
vierjhrige Shnchen des Lehrers mit Schussern, Caspar setzte sich
daneben auf die Steinbank; nach einer Weile erschien Quandt, und kaum
hatte er die beiden beieinander gesehen, als er hineilte, das Kind bei
der Hand ergriff und es rasch wie von einem mit ansteckender Krankheit
Behafteten wegfhrte.

Caspar folgte alsbald dem Lehrer ins Haus. Doch Quandt war nicht im
Zimmer, und er traf die Frau allein. Was gibt es denn bei uns, Frau
Lehrerin? fragte er.

Na, wissen Sie denn nicht? versetzte die Frau befangen. Haben Sie
denn nichts davon gehrt, da sich die Magistratsrtin Behold zum
Fenster heruntergestrzt hat? Es steht in der Nrnberger Zeitung heut.

Heruntergestrzt? flsterte Caspar aufgeregt.

Ja; vom Dachboden ihres Hauses hat sie sich in den Hof gestrzt und den
Kopf zerschmettert. Die ganze letzte Zeit her soll sie sich wie eine
Verrckte aufgefhrt haben.

Caspar wute nichts zu sagen; seine Augen erweiterten sich, und er
seufzte.

Es scheint Ihnen ja nicht besonders nahezugehen, Hauser, lie sich
pltzlich die Stimme Quandts vernehmen, der leise hereingetreten war,
als er die beiden sprechen gehrt hatte.

Caspar wandte sich um und sagte traurig: Sie war ein schlechtes Weib,
Herr Lehrer.

Quandt stellte sich dicht vor ihn hin und rief schneidend: Unseliger,
der du dich nicht entbldest, das Andenken einer Toten zu besudeln! Das
soll Ihnen unvergessen bleiben! Nun haben Sie Ihre schwarze Seele
enthllt! Pfui, pfui, sage ich, und abermals pfui! Gehen Sie mir aus den
Augen! Fllt es Ihnen denn nicht aufs Herz, da die Hingegangene am Ende
vielleicht durch Sie, durch den Kummer ber den erlittenen Undank zu
einer solchen Tat getrieben wurde? Ahnen Sie das nicht? Freilich, ein
Selbstschtling wie Sie schert sich wenig um die Leiden andrer Menschen,
ihm ist nur das eigne Wohlergehen wichtig.

Mann, Mann, beruhige dich doch, mischte sich die Lehrerin ein mit
einem scheuen Blick auf Caspar, der aschfahl geworden war und mit vllig
geschlossenen Augen dastand, whrend er die Fingerspitzen seiner Hnde
gegeneinander gelegt hatte.

Du hast recht, Frau, erwiderte Quandt, ich vergeude meine Entrstung
an taube Ohren. Was kann an einem Menschen noch zu bessern sein, der
selbst dem Tod gegenber nicht ein bichen Andacht und Demut aufbringt?
Da ist Hopfen und Malz verloren.

Als Caspar in sein Zimmer kam, glnzte noch die letzte Glut des
Sonnenuntergangs ber den Hgeln. Er setzte sich ans Fenster, nahm einen
der Blumentpfe zur Hand und schaute darauf nieder. Die Stengel in den
Hyazinthenkelchen schttelten sich, und ihm war, als vernehme er fernes
Gelute. Er wnschte sich das Angesicht einer Blume, um keinen Blick
eines Menschenauges erwidern zu mssen. Oder er wnschte wenigstens sich
im Scho einer Blume bergen zu knnen, solange bis das Jahr vorber war,
von dessen Wende er so vieles hoffte. Dort knnte man stille sein und
warten.

In den nchsten Tagen wurde der Magistratsrtin keine Erwhnung getan,
Quandt vermied es sorgfltig, den Namen der Frau Behold zu nennen. Um so
mehr war er berrascht, als Caspar selbst davon anfing; am Samstag beim
Mittagessen sagte er pltzlich, es gereue ihn, was er ber die Tote
gesagt, er sehe ein, da es unrecht sei, eine Verstorbene anzuklagen.

Quandt horchte hoch auf. Aha, dachte er, sein Gewissen regt sich! Aber
er entgegnete nichts, sondern verzog nur das Gesicht, als wolle er
sagen: Lassen wir das, ich wei mein Teil. Doch stach ihn die Galle, und
whrend sie alle drei schweigend die Suppe lffelten, konnte er sich
nicht enthalten zu sagen: Sie mten sich doch eigentlich bis in den
Fuboden hinein schmen, Hauser, wenn Sie an Ihr Benehmen gegen die
unschuldige Tochter der Magistratsrtin denken.

Wieso? versetzte Caspar verwundert. Was hab' ich denn getan?

Ei, wollen Sie auch jetzt noch das Lmmchen spielen? antwortete der
Lehrer abschtzig. Gottlob hab' ich alles schriftlich und eigenhndig
von der Seligen, da hilft kein Leugnen.

Caspar staunte unruhig vor sich hin. Er fragte wieder, da ging Quandt
zum Sekretr, holte aus einer Schublade den Brief der Frau Behold hervor
und las, neben Caspar stehend, mit dumpfer Stimme vor: Ist viel Gerede
gewesen von seinem keuschen Sinn und seiner Innocence in allem
Dahergehrigen. Auch hierber kann ich ein Wrtlein melden, denn ich
hab's mit meinen eignen Augen gesehen, wie er sich meiner damals
dreizehnjhrigen Tochter... unziemlich und unmiverstehlich nherte.

Caspar begriff allmhlich. Langsam legte er Lffel und Brot beiseite,
und der Bissen blieb ihm im Munde stecken. Seine Augen wurden ganz
dunkel, er erhob sich, rief mit jammernder Stimme: Ach, diese Menschen,
diese Menschen! und strzte hinaus.

Das Ehepaar sah einander an. Die Lehrerin legte die Hand breit auf das
Tischtuch und sagte nachdrcklich: Nein, Quandt, ich kann's nicht
glauben. Da mu sich die selige Rtin geirrt haben. Er wei doch nicht
mal, was eine Frau ist.

Auch Quandt war gerhrt. Das eben steht dahin, das wre zu beweisen,
meinte er kopfschttelnd. Du bist leichtglubig, meine Gute. Ich
erinnere dich nur daran, da er bei der Geburt unsers Mdchens zu meiner
Befremdung wie ein gereifter Mann ber die Sache sprach. Es war mir das
gleich enorm verdchtig. Immerhin gebe ich zu, da Frau Behold in dem
Brief zu weit gegangen sein mag und da ich mich infolgedessen zu einer
bereilung habe hinreien lassen. Aber ich mu dahinterkommen, wie weit
seine Wissenschaft in dem Punkte geht, denn an sein Kindergemt, das
weit du, glaub' ich nun einmal nicht.

Du mut ihn wieder vershnen, Quandt, es war zu arg, das da, sagte die
Lehrerin.

Quandt machte eine bedenkliche Miene. Vershnen? Ja, gut; ich will's
gern tun. Aber er ist dann immer so lieb und anschmiegsam, da man ihm
schwer widerstehen kann, und dadurch wird das objektive Urteil getrbt.
Ich werde morgen einmal mit dem Pfarrer Fuhrmann ber das Thema
sprechen.

Gesagt, getan. Doch leider zeigte Quandt bei diesem Anla die
Umstndlichkeit einer alten Jungfer und umschrieb das, was er sagen
wollte, mit blhenden Redefiguren, als ob zwischen Mann und Weib nur
Beziehungen therischer Art wren, die zuweilen unglcklicherweise in
den Staub gezogen und befleckt wrden durch beleidigende, aber nicht
auszurottende Zwischenflle.

Der geistliche Herr mute lcheln. Nach einigem verwunderten Nachdenken
antwortete er, er habe an Hausers Charakter nach dieser Richtung etwas
Anstiges nicht im geringsten beobachtet, Caspar scheine ihm in allem,
was das Verhltnis der Geschlechter betreffe, noch ein vollstndiges
Kind. Zum Beweis dessen erzhlte er dem Lehrer, da Caspar vor ungefhr
einem Monat beim Lesen einer Bibelstelle, die ihm aufgefallen war und
die er ihm so gut es ging erklrt, mit schnem Zaudern von einer
gewissen wiederkehrenden Beunruhigung gesprochen habe, einem Zustande,
der ihn sicherlich schon oft bedrngt und fr dessen Deutung er nirgends
eine vertrauende Ansprache gefunden. Der alte Mann versicherte, da ihm
die Art und Weise, wie Caspar dies vorgebracht, unvergelich sein werde,
es habe wie ein ahnungsloser Vorwurf gegen die Natur geklungen, die
etwas mit ihm anstellte, wogegen er sich nicht wehren knne.

Quandt lie sich kein Wort entgehen. Er sah das mit ganz andern Augen
an. Er erblickte darin die Merkmale einer verderbten Phantasie. Doch
uerte er von seiner Ansicht gegen den Pfarrherrn nichts, sondern begab
sich in stillem Vorbedacht nach Hause, legte sich emsig auf die Lauer
und pate die Gelegenheit ab.

Am Tag darauf sollte Caspar bei Imhoffs essen, er kam aber wieder
zurck, denn die Baronin war krank und lag zu Bett. Beim Abendtisch kam
das Gesprch darauf, und da Quandt sein Bedauern ausdrckte, sagte
Caspar: Ach, die wird vielleicht nie mehr ganz gesund.

Was reden Sie da, Hauser, fiel die Lehrerin ein, so eine junge Frau,
so reich und so schn.

Ach, entgegnete Caspar wehmtig, Reichtum und Schnheit tun's nicht.
Die hat sich schon zu sehr hinuntergegrmt.

Ja, hat sie denn ihren Kummer am Ende Ihnen anvertraut? forschte
Quandt unglubig.

Caspar beantwortete die Frage nicht und fuhr wie zu sich selbst redend
fort: Nichts fehlt ihr auf der Welt, nur der Mann ist nicht wie er sein
sollte, hat andre lieber. Warum? Er ist doch sonst so gescheit! Aber
wenn sich die Frau auch zu Tod betrbt, deshalb wird es nicht besser.
Und die Leute hinterbringen ihr alles; ich hab' ihr gesagt, das sind
keine Freunde, die Ihnen solches Zeug erzhlen, wahre Freunde sind das
nicht.

Hm, machte Quandt und schaute eigentmlich lchelnd auf seinen Teller.
Er besiegte sein Schamgefhl und fragte mit gezwungener Leichtigkeit, ob
denn Herr von Imhoff in neuerer Zeit seiner Frau wieder Anla zur Sorge
gegeben habe, seines Wissens habe doch erst im Mrz eine Vershnung
stattgefunden.

Ja, freilich hat er Anla gegeben, versetzte Caspar unbefangen, es
ist ja wieder ein Kind von ihm da.

Quandt erschrak. Da haben wir's, dachte er. Und so hart es ihn auch
ankam, er beschlo, Caspar gleich auf den Zahn zu fhlen. Er wechselte
mit seiner Frau einen Blick des Einverstndnisses und bat sie, sie solle
nach den Kindern schauen. Als nun die Frau das Zimmer verlassen hatte,
wandte sich der Lehrer, bla und aufgeregt durch die Schwierigkeit
seines Vorhabens, an Caspar und fragte ihn unvermittelt, ob er schon
einmal mit einem Frauenzimmer etwas gehabt habe, es lgen verschiedene
Mutmaungen vor, und Caspar mge offen wie mit einem Vater zu ihm reden.

Diese Worte stimmten Caspar dankbar; er sah in ihnen ein Zeichen von
Teilnahme, obgleich er ihren Sinn und Zweck nicht verstand, sondern blo
das trbe Element, aus dem sie stiegen, furchtsam ahnte.

Er berlegte. Mit einem Frauenzimmer? Ja wie? murmelte er.

Meine Frage ist doch deutlich, Hauser; stellen Sie sich nicht so
kindisch.

Ja, ich versteh' schon, sagte Caspar eilig, um die gute Laune des
Lehrers nicht zu verscherzen; und da ist auch was gewesen.

Na, nur heraus damit! Nur Mut!

Und harmlos begann Caspar zu erzhlen: So vor ungefhr sechs Wochen
hab' ich meinen Sonntagsanzug zur Putzerin in die Uzensgasse getragen.
Sie wissen doch, Herr Lehrer, es ist das kleine Haus neben dem Bcker.
Wie ich hingekommen bin, war der Laden versperrt, da bin ich hinauf in
die Wohnung gegangen und hab' an die Tr geklopft. Da hat mir ein junges
Mdle aufgemacht und war im Nachtkleid, weiter hat sie nichts am Leib
gehabt, die ganze Brust hat man sehen knnen, es war scheulich. Sie hat
mir die Sachen abgenommen und hat gesagt, sie wollt' es der Putzerin
ausrichten. Ich war immer noch vor der Tr. Komm nur herein, sagt sie.
Da bin ich hinein und frage, was sie will. Da hat sie angefangen vor mir
herumzutnzeln, hat gelacht und sonderliches Zeug geredet, hat mich
gefragt, ob ich ihr Brutigam sein will, und zuletzt-- er zgerte
lchelnd.

Zuletzt? Was zuletzt? fragte Quandt, indem er den Kopf weit vorbeugte.

Zuletzt hat sie verlangt, ich soll ihr einen Ku geben.

Nun, und?

Da hab' ich ihr gesagt, dazu soll sie sich einen andern wnschen, ich
versteh' mich nicht aufs Schmatzen.

Und weiter?

Weiter? Weiter war nichts. Ich bin dann fortgegangen und sie hat mir
vom Fenster aus nachgeschaut.

Wie konnten Sie denn das bemerken?

Weil ich mich umgedreht hab'.

Soso. Umgedreht. Wie heit die Person?

Das wei ich nicht.

Das wissen Sie nicht? Hm. Und... ein zweites Mal waren Sie nicht
dort?

Caspar verneinte.

Schne Geschichten, murmelte Quandt und erhob sich mit einem Blick zum
Himmel.

Er sprte vorsichtig nach. Er erfuhr, da bei jener Putzmacherin
wirklich ein Frauenzimmer zweifelhafter Gattung zur Miete wohne. Der
Erzhlung Caspars noch nher auf den Grund zu gehen hinderte ihn die
Rcksicht auf seinen Ruf, hatte er doch ohnehin den Eindruck gewonnen,
da der Jngling an der ganzen Begebenheit so unschuldig nicht sein
konnte, als er sich anstellte; denn, so argumentierte er, zu einem
derartig niedrigen Benehmen wie dem jenes weiblichen Geschpfs kann nur
ein Mensch Anla geben, dem eine gewisse moralische Unzulnglichkeit auf
der Stirn geschrieben steht.

Ja, wenn er nicht lgen wrde, dann wre alles anders, dachte Quandt;
aber er lgt, er lgt, und das ist das Frchterliche. Hat er mir nicht
erzhlt, die Herzogin von Kurland habe ihm ein Dutzend gestickter
Taschentcher geschenkt? Kein Wort wahr. Hat er nicht behauptet, er
kenne den Ministerialrat von Spie und habe im Schlotheater mit ihm
gesprochen? Lge. Hat er nicht dem Musikus Schler weisgemacht, er habe
die Idyllen von Gener gelesen, und als ich ihn danach fragte, wute er
kein Wort darber zu sagen, wute nicht einmal, was eine Idylle ist?
Gibt er nicht immer vor, dringende Besorgungen zu haben, einmal fr den
Prsidenten, das andre Mal fr den Hofrat, und spter zeigt es sich, da
er blo herumgebummelt ist, um einen neuen Schlips spazierenzutragen?
Steht das nicht alles fest, oder bin ich selbst so dumm und so
ungerecht, da ich diesen Dingen eine Bedeutung zumesse, die niemand
sonst darin finden kann?

Quandt wandte sich an den Pfarrer Fuhrmann und legte ihm Punkt fr Punkt
die verdammenswerten Vergehungen vor.

Sehen Sie denn nicht, lieber Quandt, sagte darauf der Pfarrer, da
das lauter armselige, kleine Lglein sind, kaum da sie den Namen
verdienen? Es ist das mehr ein Sichliebmachenwollen oder eine durch ihre
Ohnmacht bemitleidenswerte Anstrengung, Fesseln abzustreifen, oder gar
nur das harmlose Vergngen an einem Wort, an einer Redensart. Vielleicht
spielt er nur mit seiner Zunge, wie er andre Menschen damit spielen
sieht, nur eben viel ungeschickter.

So? ereiferte sich Quandt, dann will ich Ihnen, Hochwrden, eine
Geschichte erzhlen, die den strikten Beweis des Gegenteils erbringt.
Hren Sie zu. Vorige Woche findet unsre Magd des Morgens seinen Leuchter
mit abgebrochener Handhabe; sie zeigt es meiner Frau, meine Frau macht
mich darauf aufmerksam, und ich konstatiere, da der Henkel nicht
abgebrochen, sondern abgeschmolzen ist; das Rohr war bis ganz hinunter
von der Hitze des Lichtes schwarzgebrannt und von auen rtlichblau
berflammt, in der Schale konnte man deutlich sehen, wie hoch das
zerflossene Unschlitt gereicht und wie es an mehreren Stellen abgeschabt
war; von der ganzen Kerze, die Hauser den Abend zuvor erhalten, war
keine Spur mehr da. Nun mssen Sie wissen, da ich ihm streng verboten
hatte, bei Kerzenlicht zu lesen oder zu arbeiten; trotzdem wollte ich
ihn schonen und lie ihn nur durch meine Frau verwarnen. Aber da leugnet
er pltzlich alles ab, versichert, da er die Kerze weder wissentlich
habe verbrennen lassen, noch dabei eingeschlafen sei und erkhnt sich am
Ende zu der Behauptung, es sei gar nicht sein Leuchter, sondern der der
Magd, denn beide shen gleich aus. Was sagen Sie dazu?

Der Pfarrer zuckte die Achseln. Wir drfen doch nicht vergessen, da er
trotz allem ein Wesen von besonderer Beschaffenheit ist, erwiderte er
nachdenklich. Ich habe mich selbst davon berzeugt. Ich besitze eine
kleine Elektrisiermaschine, mit der ich manchmal ein bichen
experimentiere. Neulich nahm ich das Ding vor, whrend Caspar dabei war,
lie die Funken springen und lud die Leidener Flasche. Da wird mir der
arme Mensch bleich und zusehends bleicher, fngt zu zittern an, spreizt
die Finger starr von sich und sein Krper zuckt wie ein Hecht, den man
auf den Sand wirft. Ich war sehr erschrocken und rumte das Zeug
beiseite, worauf er wieder in seinen gewhnlichen Zustand zurckkehrte.
Doch schmerzte ihn der Kopf noch tagelang nachher, wie er mir gestand;
wenn er im Bette lag, hatte er kalten Schwei, und die Dinge, die er
anfhlte, stachen ihn wie mit winzigen Nadeln. Bezeichnenderweise sagte
er, beim Gewitter sei ihm jedesmal hnlich, da kitzle ihn und brenne ihn
das Blut, da er immerfort schreien mchte.

Und daran glauben Sie? rief Quandt, die Hnde zusammenschlagend.

Ja, warum denn nicht?

Nun, wenn Sie daran glauben, befinde ich mich allerdings in einem
groen Nachteil gegen den Menschen, das mu ich zugeben, sagte Quandt.
Das mu ich zugeben, wiederholte er bekmmert.

So ist es immer, dachte der Lehrer auf dem Nachhauseweg; erst wird
entschuldigt und beschnigt, und wenn man seine triftigen Grnde
vorbringt, werden die Achseln gezuckt, und man tischt einem Histrchen
auf, die nicht gestogen und geflogen sind, und von denen sich kein Jota
beweisen lt. Was fr ein Satan steckt doch in dem Burschen, da er
berall Neigung und Teilnahme zu erwecken versteht, wo er sich auch
zeigen mag! Da kein Mensch seine Laster sehen will und ganz fremde
Leute, darauf versessen, ihn kennen zu lernen, das windigste Entzcken
uern und ihn verhtscheln, als ob sie verzaubert wren, als ob er
ihnen ein Liebestrnkchen eingegeben htte!

Das erbitterte Quandt. Er sagte sich: nehmen wir an, ich trte unter
unbekannte Menschen und gbe vor, der Heilige Geist oder sein Apostel zu
sein oder spielte mich als Wundertter auf, und es fiele dem oder jenem
bei, ein wirkliches Wunder zu verlangen, und ich mte zugeben, es sei
die blanke Spiegelfechterei, was wrde da passieren? Man wrde mich ins
Narrenhaus stecken oder mit Prgeln traktieren; ja, das wrde man, wenn
ich auch noch so ein Engelsgesicht aufsetzte, das wrde man, und mit
Recht; nicht aber wrde man mich mit Geschenken berhufen und mich
anhimmeln und meine schnen Augen und weien Hnde bewundern und mir
Haare zum Andenken abschneiden, wie ich das, Gott sei's geklagt, von
einer verblendeten Menschheit hier erleben mu.

Aus einem Selbstgesprch solcher Art geht klar hervor, wieviel
Kopfzerbrechen und welche ernste Seelenkmpfe dem Lehrer aus dem Umgang
mit seinem Zgling erwuchsen.

Und was war frher mit ihm? grbelte Quandt. Wo kommt er eigentlich her?
Dahinter mte doch zu kommen sein. Wie hat er sich das alles
zurechtgelegt, womit er die Dunkelmnner betrt? Ja, das ist eben das
Geheimnis, sagen die Dunkelmnner. Geheimnis? Es gibt kein Geheimnis;
ich verwerfe das Geheimnis. Die Welt von oben bis unten ist ein klares
Gebilde, und wo die Sonne scheint, verstecken sich die Eulen. Gbe mir
nur der Herrgott einen Wink, wie ich dieser diabolischen
Verstellungskunst zu Leibe gehen knnte! Man mte einmal ernstlich
zusehen, wie es mit dem Tagebuch beschaffen ist und was dahintersteckt.
Das Tagebuch scheint zu existieren, es scheint damit seine Richtigkeit
zu haben, abgesehen von allem Geflunker; vielleicht ist es eine Art
Beichtgelegenheit fr ihn; man mu dahinterkommen.

Die Begebenheiten halfen Quandt, rascher dahinterzukommen, als er
gehofft.




Eine Stimme ruft


Eines Nachmittags im Hochsommer erschien Hickel und reichte Caspar einen
an ihn, den Polizeileutnant, gerichteten, aber im Grunde fr Caspar
bestimmten Brief des Grafen Stanhope, in welchem dieser dem Jngling
klipp und klar befahl, das Tagebuch an Hickel auszuliefern.

Caspar berlas das Schreiben dreimal, ehe er endlich Worte fand; er
weigerte sich zu gehorchen.

Ja, mein Bester, sagte Hickel, wenn es nicht gutwillig geht, mu ich
leider Gewalt anwenden.

Caspar besann sich, dann sagte er mit trber Stimme, der einzige, dem er
das Tagebuch geben knne, sei der Prsident, und dem wolle er es morgen
bringen, wenn man darauf bestehe.

Gut, entgegnete der Polizeileutnant, ich werde Sie morgen frh
abholen, und dann gehen wir mit dem Heft zum Prsidenten.

Hickel wollte Zeit gewinnen. Er hatte natrlich keine Lust, das Tagebuch
in die Hnde Feuerbachs kommen zu lassen, gerade dies zu verhindern,
hatte er Auftrag, und er berlegte, was zu tun sei. Was Caspar betrifft,
so stahl er sich gegen Mittag aus dem Haus und lief in die Wohnung des
Prsidenten, um sich zu beschweren. Feuerbach war im Senat; Caspar
vertraute seine Sorge der Tochter an, und diese versprach dem Vater
Bericht zu geben.

Nachmittags lutete es bei Quandts, und der Prsident trat ins Zimmer.
Mittlerweile hatte Caspar, um auch diesem sonst verehrten Mann den
gehteten Schatz nicht ausliefern zu mssen, sich eine Ausrede erdacht,
und als der Prsident im Beisein Quandts nach dem Tagebuch fragte und ob
es wahr sei, da er es nicht zeigen wolle, sagte er schnell, er habe es
verbrannt.

Da gab es dem Lehrer einen Ruck, und er konnte sich eines zornigen
Ausrufs nicht enthalten.

Wann haben Sie es verbrannt? fragte Feuerbach ruhig.

Heute.

Und warum?

Damit ich's nicht hergeben mu.

Warum wollen Sie es nicht hergeben?

Caspar schwieg und starrte zu Boden.

Das ist eine Lge, er hat es nicht verbrannt, Exzellenz, zeterte
Quandt, bebend vor rger. Und wenn er berhaupt ein Tagebuch gefhrt
hat, so mu es schon lnger beiseitegebracht sein. Von Weihnachten an
hab' ich es berall gesucht, in jedem Winkel seines Zimmers hab' ich
Umschau gehalten, und nie, niemals war eine Spur davon zu finden.

Der Prsident schaute Quandt aus groen Augen stumm und verwundert an;
es war ein Blick, der etwas Mattes und Gramvolles hatte. Wo war denn
das Tagebuch aufbewahrt, Caspar? fuhr er dann zu fragen fort.

Caspar antwortete zaudernd, er habe es bald da, bald dort versteckt;
bald unter den Bchern, bald im Schrank, zuletzt an einem Nagel hinter
der Schreibkommode. Quandt schttelte dabei unaufhrlich den Kopf und
lchelte bse. Haben Sie denn den Nagel selbst eingeschlagen?
inquirierte er.

Ja.

Wer hat Ihnen die Erlaubnis dazu erteilt?

Gehen Sie jetzt, Caspar, schnitt der Prsident das Zwiegesprch
gebieterisch ab. Ich begreife nicht, wandte er sich, als Caspar
drauen war, an den Lehrer, weshalb Lord Stanhope pltzlich so groes
Gewicht auf das Tagebuch legt; wahrscheinlich berschtzt er die ohne
Zweifel harmlosen Schreibereien. Mit Gte und berredung wre man
brigens besser gefahren als durch einen kategorischen Befehl.

Gte, berredung? versetzte Quandt hnderingend. Da haben Euer
Exzellenz einen schlechten Begriff von diesem Menschen. Durch Gte
entfesselt man nur seine Selbstsucht, und jeder Versuch, ihn zu
berreden, vergrert seine Bockbeinigkeit. Ja, er dnkt sich schon
etwas, stellt sich auf die Hinterfe, hlt Widerpart und ist fhig, mir
eine Antwort zu geben, da ich dastehe wie vor den Mund geschlagen. Euer
Exzellenz mgen verzeihen, aber ich bin der Meinung, da sogar Sie durch
Gte und berredung nichts mehr bei ihm ausrichten knnen.

Na, na, machte Feuerbach, schritt zum Fenster und sah dster in die
regentriefenden Zweige des Birnbaums, der an der Hofmauer wuchs.

Ich getraue mich auch, Euer Exzellenz auf das allerbestimmteste zu
versichern, da er das Tagebuch nicht verbrannt hat, schlo Quandt mit
beschwrender Stimme.

Der Prsident antwortete nichts. Wie widerwrtig war es ihm, all den
kleinen Hader austragen zu sollen, den sie ihm da herbeischleppten. Ihn
drstete nach Frieden. Das eine Werk noch, vollendet mute es werden,
dann -- Friede.

Kaum war Feuerbach gegangen, so eilte Quandt in Caspars Zimmer, rckte
die Schreibkommode von der Wand und sah nach, ob dort ein Nagel stecke.
In der Tat war ein Nagel ins Holz geschlagen. Quandt rief die Magd
herauf. Hat der Hauser in letzter Zeit den Hammer gehabt und haben Sie
ihn klopfen gehrt? fragte er. Die Magd bejahte; er habe vorige Woche
Hammer und Ngel aus der Kche geholt, und sie habe ihn klopfen gehrt.

Pltzlich hatte Quandt eine Erleuchtung. Wir sind ja im Sommer, dachte
er, und wenn er das Heft wirklich verbrannt hat, mu die Asche noch im
Ofen zu finden sein. Er ging zum Ofen, kniete nieder, ffnete das
Trchen und scheuerte mit gierigen Hnden alles, was von verbrannten und
verkohlten Resten in dem Loch war, heraus auf den Boden.

Es kam viel Papierasche zum Vorschein. Quandt gab acht, da die greren
Stcke nicht zerbrachen, da man auf Asche eine Schrift noch lesen kann.
Sorgsam schob er die Trmmer auseinander. Er frchtete das eine oder das
andre mit dem Finger anzugreifen und blies es mit dem Atem seines Mundes
zur Seite; wenn es beschrieben war, versuchte er die Worte zu lesen,
fand aber keinen Zusammenhang.

Da nherten sich Schritte und Caspar trat ein, nicht wenig erstaunt ber
die Lage, in der er den Lehrer sah, dessen Hnde und Gesicht von Ru
geschwrzt waren, indes ihm der Schwei von den Haaren troff.

Quandt lie sich nicht stren. So viel Asche kann doch unmglich von
dem einen Tagebuch herrhren, sagte er.

Ich hab' auch alte Briefe und Schriften damit verbrannt, erwiderte
Caspar.

Die khlsachliche Antwort trieb Quandt die Zornrte ins Gesicht; er
stand hastig auf, murmelte etwas durch die Zhne und verlie das Zimmer,
die Tr hinter sich zudonnernd. Sie kommen mir heut abend nicht mit auf
die 'Ressource', schrie er auf der Stiege.

In der Ressource war ein Gartenfest, das der Schtzenverein
veranstaltete. Quandt hatte eigentlich keine Lust, hinzugehen,
dergleichen kostete immer Geld. Aber die Frau wollte auch einmal ein
Amsement haben, war des verdrielichen Zuhausehockens satt. Sie hatte
sich schon vor acht Tagen ein Kattunkleid fr diesen Zweck gemacht, und
so mute denn der Lehrer sich fgen und, wie er sich ausdrckte, der
Unvernunft seinen Zoll entrichten, zumal das Wetter gegen Abend schn
geworden war.

Caspar blieb, bis die Dunkelheit anbrach, am offenen Fenster sitzen und
geno der Stille. Dann machte er Licht, und ein Lcheln umspielte seine
Lippen, als er zur Wand ging, den Stahlstich ber dem Kanapee
herunternahm, die hinter dem Bild befestigte Holztafel loslste und nun
das so verborgene Tagebuch hervorzog. Er setzte sich damit zum Tisch,
bltterte nachdenklich in dem Heft herum und berlas einige Stellen.

Hier war ein Lebensalter, eine Menschwerdung zusammengepret in den
Verlauf von nicht mehr als vier Jahren, mit unheimlicher
Geschwindigkeit Epoche an Epoche drngend. Was es an mangelhaft
Ausgesprochenem, Geschildertem enthielt, die unschuldigen Ergsse erster
Freuden und Schmerzen, das erste bange Welterkennen, knabenhafte
Philosophie und trotziges Hadern mit ahnungsvoll als feindlich
empfundenen Mchten irdischer und berirdischer Natur, alles das htte
die auf diese Beute versessenen Jger bitter enttuscht. Aber es war
nicht fr jene, es war fr die Mutter, ihr war es zugelobt ein fr
allemal, und mit der ihm eignen Wunderlichkeit war Caspar der Gedanke
ganz unfalich, da ein andres Auge je auf diesen Blttern ruhen sollte.
Es mag auch sein, da ihm das Heft nach und nach in der Einbildung zu
seinem einzigen wirklichen Besitz geworden war; das einzige Ding, das
ihm vllig zugehrte und sein ganzes Vertrauen besa.

Auf einer der ersten Seiten stand: Neulich hab' ich aus Gartenkresse
meinen Namen geset, ist recht schn gewachsen und hat mir groe Freude
gemacht. Ist einer in den Garten hereingekommen, hat Birnen gestohlen,
der hat mir meinen Namen zertreten, da hab' ich geweint. Herr Daumer hat
gesagt, ich soll ihn wieder machen, hab' ich ihn wieder gemacht, am
andern Morgen haben ihn Katzen zertreten.

Es folgten in demselben unbeholfenen Stil einige Versuche, seine
Kerkerhaft zu beschreiben, etwa so: Die Geschichte von Caspar Hauser;
ich will es selbst erzhlen, wie hart es mir ergangen. Zwar da, wo ich
eingesperrt war in dem Gefngnis, ist es mir recht gut vorgekommen, weil
ich von der Welt nichts gewut und keinen Menschen niemals gesehen
habe.

In diesem Ton ging es weiter; spterhin kamen einige zum
Schnrednerischen strebende Stellen, und eine begann mit dem Satz:
Welcher Erwachsene gedchte nicht mit trauriger Rhrung an meine
unverdiente Einsperrung, in der ich meine blhendste Lebenszeit
zugebracht habe, und wo so manche Jugend in goldenen Vergngungen lebte,
da war meine Natur noch gar nicht erwecket.

Trume, Hoffnungen, Sehnsuchtsbilder, Berichte ber kleine Ausflge,
ber Unterhaltungen mit Fremden; hier und da ein beherzigenswertes Wort,
in einem Buch gefunden oder aus einem Wust sonst inhaltloser Gesprche
geklaubt; allmhlich Stze, an denen etwas wie persnlicher Schliff
hervortrat und eine merkwrdige verhllte Dsterkeit des Stils.
Unmittelbar war nie ein Kummer, ein Urteil, eine Meinung ausgedrckt; er
hatte es eben, wie Quandt diese Eigenschaft formulierte, hinter den
Ohren. Von einem bedeutungsvollen Tag stand oft nur das Datum vermerkt
und daneben ein Sternchen; manches Ereignisses war nur in scheuen
Umschreibungen gedacht; auch Lakonismen waren diesem Geist nicht fremd;
so hie es von dem Mordanfall in Daumers Hause kurz: Der Erntemonat
wre bald mein Sterbemonat worden.

Kleine Vorflle des tglichen Lebens: Gestern hat mich eine Biene
gestochen, das Frulein von Stichaner hat mir die Wunde ausgesaugt, sie
sagte, wen die Biene sticht, der hat Glck. Oder: Gestern war eine
Feuersbrunst, ber Dautenwinden hat der Wald gebrannt, ich bin die halbe
Nacht am Fenster gesessen und hab' gedacht, die Welt geht unter.

Sinnliche Empfindlichkeiten kamen zu lapidarem Ausdruck: Herr Quandt
riecht nach alter Luft, die Lehrerin nach Wolle, der Hofrat nach Papier,
der Prsident nach Tabak, der Polizeileutnant nach l, der Herr Pfarrer
nach Kleiderschrank. Fast alle Menschen riechen schlecht, nur der Graf
hat wie ein Leib gerochen, an dem nichts ist als guter Odem.

Dem Grafen war manche Seite gewidmet; hier wurde der Ton poetisch und
nicht selten drngend in der Art eines Gebets. Stanhope und die Sonne
wurden zu Bildern von verwandter Kraft. Seit dem Abschied aus Nrnberg
hatte das aufgehrt, der Name des Lords wurde nicht mehr erwhnt, nur
das Gelbnis vom achten Dezember war aufgeschrieben.

Aus den letzten Tagen stammte eine Zeichnung, welche ber die Hlfte
einer Seite fllte: die Umrisse eines mnnlichen Kopfes, mit auffallend
geschickter Hand festgehalten. Es war ein fremdartiges Gesicht, keinem
irdischen hnlich, eher dem einer Statue, doch wie aus einer
schauerlichen Vision gerissen, von schmerzlicher Unbewegtheit. Darunter
war geschrieben:

    O groer Mensch, was tuest du mir an?
    Du folgest mir, und meine Spur ist blind,
    Und so du mich erschaust, bin ich verwandelt.
    Dem Kerker ist entflohn das arme Kind,
    Der Mantel fehlt und Krone auch und Schwert,
    Und ohne Reiter luft das weie Pferd.

Die Zeichnung war in der Nacht gefertigt worden; aus einem Traum
auffahrend, hatte Caspar das Gesicht vor sich gesehen; er war aus dem
Bett gesprungen und hatte es beim Mondlicht gezeichnet. Die Verse hatte
er am Morgen beim Erwachen fertig auf den Lippen gefunden. Ihrem Sinn
hatte er nicht weiter nachgegrbelt, erst jetzt wurde er stutzig und
flsterte die Worte mehrere Male vor sich hin.

Mittlerweile war es spt geworden, Caspar wollte gerade vom Tisch
aufstehen, da hrte er das Haustor knarren, rasche Schritte nherten
sich, es klopfte an die Tr, und Quandts Stimme befahl zu ffnen.
Erschrocken blies Caspar das Licht aus. Im Finstern tastete er sich zum
Sofa, brachte das Tagebuch wieder in sein Versteck, und whrend Quandt
immer strker pochte, gelang es ihm, das Bild an den Nagel zu hngen.

Quandt hatte nmlich, vom Spitalweg kommend, schon aus der Ferne in
Caspars Zimmer Licht bemerkt. Er packte seine Frau am Arm und rief:
Sieh mal, Frau, sieh mal!

Was gibt's denn schon wieder? murrte die Frau, die voll rger darber
war, da Quandt ihr mit seiner beln Laune den ganzen Abend verdorben
hatte.

Jetzt hast du doch den Beweis, da er bei der Kerze sitzt, sagte
Quandt.

Das Haus hatte durch ein Gartenpfrtchen auch einen Zugang von der
Rckseite. Quandt whlte den, und als er mit der Frau im Hof stand, fiel
ihm ein, ob er nicht zuerst den Jngling auf irgendwelche Art belauschen
und sehen knne, was er treibe. Der Birnbaum an der Mauer war wie
geschaffen dazu. Quandt war geschickt und krftig, ohne Mhe erklomm er
die Mauer und dann einen breiten Ast, von wo er Caspars Zimmer
berschauen konnte. Was er sah, gengte. Nach kurzer Weile kam er
aufgeregt herab, raunte seiner Frau zu: Ich hab' ihn erwischt, Jette,
und strzte ins Haus und die Stiege empor.

Da sich auf sein Klopfen drinnen nichts rhrte, geriet er in Wut. Er
fing an, mit den Fusten, sodann mit den Abstzen an die Tr zu
trommeln, und als auch dies nichts half, beschlo der beklagenswerte
Mann in seiner Raserei, ein Beil zu holen und die Tre einzuschlagen.
Vorher lief er noch geschwind in den Hof zurck und sah, da es in
Caspars Zimmer indessen finster geworden war, ein Umstand, der seinen
Zorn nur noch steigerte.

Von dem Lrm waren die Kinder und die Magd aufgewacht; die Lehrerin trat
Quandt jammernd entgegen, als er mit der Holzhacke aus der Kche rannte.
Er stie sie weg, schumte: Ich will's ihm schon zeigen, und strzte
wieder hinauf.

Nach dem ersten Schlag mit dem Beil ffnete sich die Tr, und Caspar
trat im Hemd auf die Schwelle. Der Anblick der ruhigen Gestalt hatte
etwas so Unerwartetes und Ernchterndes fr den Lehrer, da er frmlich
znsammenklappte, nichts zu sagen und zu tun wute und nur sonderbar mit
den Zhnen knirschte. Machen Sie Licht, murmelte er nach einem langen
Stillschweigen. Doch schon kam die Frau mit einem Licht, leise heulend,
die Stiege herauf. Caspar erblickte das Beil im gesenkten Arm des
Lehrers und fing an, heftig zu zittern. Bei diesem Zeichen von Furcht
verlor Quandt vollends die Haltung. Er schmte sich, und tief
aufseufzend sagte er: Hauser, Sie bereiten mir groen Kummer. Damit
drehte er sich um und ging langsam hinunter.

Caspar schlief erst ein, als der Tag dmmerte. Beim Frhstck, vor der
gewohnten Unterrichtsstunde, erfuhr er, da Quandt schon ausgegangen
sei. Es wurde Mittag, und whrend des Essens war der Lehrer vollkommen
stumm; mit dem letzten Bissen erhob er sich und sagte. Um fnf Uhr
seien Sie auf Ihrem Zimmer, Hauser. Der Polizeileutnant will mit Ihnen
sprechen.

Caspar legte sich oben aufs Kanapee. Es war ein heier Augusttag,
Gewitterwolken lagerten am Himmel, am offenen Fenster flogen Schwalben
ngstlich zwitschernd vorber, die schwl erhitzte Luft surrte und sang
im engen Gemach. Noch mde von der Nacht, entschlummerte Caspar alsbald,
und erst ein heftiges Rtteln an seiner Schulter weckte ihn. Hickel und
der Lehrer standen neben ihm, er setzte sich auf, rieb die Augen und sah
die beiden Mnner schweigend an. Hickel knpfte mit einer amtlichen
Gebrde seinen Uniformrock zu und sagte: Ich fordere Sie hiermit auf,
Hauser, mir Ihr Tagebuch abzuliefern.

Caspar erhob sich tiefatmend und antwortete mit einer mehr von innerem
Zwang als Mut eingegebenen Festigkeit: Herr Polizeileutnant, ich werde
Ihnen mein Tagebuch nicht geben.

Quandt schlug die Hnde zusammen und rief klagend: Hauser! Hauser! Sie
treiben Ihre unkindliche Widersetzlichkeit zu weit.

Caspar schaute sich verzweifelt um und erwiderte zuckenden Mundes: Ja,
bin ich denn ein Eigentum von einem andern? Bin ich denn wie ein Tier?
Was wollen Sie denn noch? Ich hab' ja schon gesagt, da ich das Buch
verbrannt habe!

Wollen Sie etwa leugnen, Hauser, da Sie heute nacht bei der Kerze
geschrieben haben? fragte Quandt dringlich. Briefe haben Sie doch
nicht zu schreiben gehabt und mit den Exerzitien waren Sie fertig.

Caspar schwieg. Er wute nicht ein noch aus.

Ein guter Mensch hat berhaupt die Einsicht in sein Tagebuch nicht zu
scheuen, fuhr Quandt fort, im Gegenteil, sie mu ihm erwnscht sein,
da doch seine Unbescholtenheit damit bezeugt wird. Sie am
allerwenigsten, lieber Hauser, haben Grund, ein geheimes Tagebuch zu
fhren.

Wie lange werden Sie uns noch warten lassen? fragte Hickel mit
hflicher Klte.

Da will ich doch lieber sterben, als da ich das alles aushalten soll!
rief Caspar und hob den Arm, um sein Gesicht darin zu verbergen.

Nun, nun, sagte Quandt beunruhigt, wir meinen es ja gut mit Ihnen,
auch der Herr Polizeileutnant will nur Ihr Bestes.

Freilich, besttigte Hickel trocken; brigens kann ich Ihnen sagen,
da das Sterben zurzeit nicht der beste Einfall von Ihnen wre. Da
knnte man unter Umstnden auf Ihrem Grabstein lesen: Hier liegt der
Betrger Caspar Hauser.

Ganz abgesehen davon, da sich in einem solchen Satz eine hchst
verwerfliche Gesinnung ausdrckt, fgte Quandt tadelnd hinzu, eine
feige und unsittliche Gesinnung.

Es liegt mir am Leben nichts, wenn man mich immer mit solchen
Geschichten plagt und mir nicht glaubt, entgegnete Caspar bedrckt;
ich hab' ja frher auch nicht gelebt und hab' lange nicht gewut, da
ich lebe.

Hickel ging indes an der Wand entlang und klopfte mit den Kncheln wie
spielend an einige Stellen der Mauer; pltzlich schien sich seine
Aufmerksamkeit gegen das Bild ber dem Sofa zu richten. Er nahm es
lchelnd herab, betrachtete es nach allen Seiten und klappte
schlielich die Scharniere auf, um die Holztafel zu entfernen.

Caspar wurde schlohwei und bebte wie Espenlaub.

Aber als nun Hickel das blaue Heft schmunzelnd in seiner Hand hielt,
ging eine seltsame Verwandlung mit Caspar vor. Es sah aus, als wachse er
pltzlich und werde um Kopfeslnge grer. Mit zwei Schritten stand er
dicht vor dem Polizeileutnant. Sein Gesicht war frmlich aufgerissen. In
seiner Miene war etwas Erhabenes. Sein Blick glhte von einer
leidenschaftlichen und gebieterischen Kraft. Hickel, in dem dumpfen
Gefhl, als werde er zermalmt oder zertreten, wich langsam und
fasziniert gegen die Tr zurck. Der kalte Schwei brach aus seiner
Haut, als ihm Caspar folgte, Schritt fr Schritt, den Arm ausstreckte,
das Heft mit einem Ruck aus seinen umklammernden Fingern zog, es mitten
durchri, die beiden Hlften noch einmal und noch einmal zerri, bis
alles in Fetzen auf dem Boden lag.

Wer wei, was noch geschehen wre, wenn die Dazwischenkunft einer
vierten Person in diesem Augenblick nicht die Situation verndert htte.
Es war der Pfarrer Fuhrmann, der im Vorbergehen Caspar hatte besuchen
wollen, um ihn zu fragen, weshalb er heute vom Unterricht fortgeblieben
war. Als er eintrat, mute sich ihm eine Ahnung des Geschehenen
aufdrngen; er blickte stumm von einem zum andern. Quandt, der dem
ganzen Vorgang mit entsetzten Augen zugeschaut, gewann nur mhsam seine
Fassung und sagte in verlegenem Ton: Was haben Sie denn da fr ein
Geschnitzel gemacht, Hauser?

Hickel wanderte mit ein paar groen Schritten durchs Zimmer, dann
grte er den Pfarrer militrisch und ging mit kaltem und finsterem
Gesicht. Unter der Tr drehte er sich um, deutete auf den Papierhaufen
und machte eine befehlende Kopfbewegung gegen Quandt. Dieser begriff. Er
bckte sich, um die Schnitzel zusammenzuscharren. Aber Caspar
durchschaute seine Absicht; er stellte sich mit den Fen darauf und
sagte: Das kommt ins Feuer, Herr Lehrer.

Er kniete nieder, raffte das Papier mit zwei Hnden auf, trug es zum
Ofen, ffnete mit dem Fu das Trchen und warf alles hinein. Darauf
schlug er Feuer, und eine Minute spter brannte es lichterloh.

Der Pfarrer Fuhrmann war blo schweigender Zeuge des Auftritts, Hickel
war gegangen, und der Lehrer, bestndig hstelnd, schritt mit der
Gleichmigkeit eines Wachpostens vor dem Ofen auf und ab, indes Caspar
kauernd zuschaute, bis das letzte Fnkchen verglommen war; dann nahm er
den Schrhaken und zerschlug die Aschenreste zu Staub.

Der Pfarrer hatte nachher eine Unterredung mit Caspar, welche trotz dem
herabgestimmten Gemtszustande des jungen Menschen und einer schier
krankhaften Unlust zu sprechen doch zu mancherlei Erffnungen fhrte,
die den geistlichen Herrn bewogen, sich wegen des Vorgefallenen an den
Prsidenten Feuerbach zu wenden.

Es ist eigen mit dem Lehrer Quandt, sagte er im Verlauf seiner
Mitteilungen zu Feuerbach; ein sonst so vortrefflicher Mann, und in
allem, was den Hauser betrifft, wie verhext. Die Ruhe des Hauser macht
ihn kribblig, seine Sanftheit rauh, seine Schweigsamkeit redselig,
seine Melancholie spttisch, seine Heiterkeit traurig, und seine
Ungeschicklichkeit gibt ihm die durchtriebensten Listen ein. Aus allem,
was der Hauser tut und sagt, schliet er im stillen das Gegenteil, sogar
das Einmaleins aus diesem Mund scheint ihm eine Lge. Ich glaube, er
mchte ihm am liebsten die Brust aufschneiden, um zu sehen, was drinnen
ist. Das ist, wei Gott, kein christlicher Gedanke von mir, aber ich
kann mir nicht helfen, wenn ich sehe, wie da alles verdchtig gemacht
wird. Verdchtig ist, wenn dem Hauser etwas neu erscheint, und
verdchtig, wenn er es schon kennt; verdchtig, wenn er lange schlft,
und verdchtig, wenn er frh aufsteht; da er das Theater liebt und die
Musik nicht liebt, verdchtig; da er es hinunterschluckt, wenn man ihn
zankt, hingegen die Streitigkeiten zwischen andern, zum Beispiel
zwischen Quandt und seiner Frau, immer schlichten will: verdchtig.
Alles ist verdchtig. Wie soll das enden!

Aber, wie man so bezeichnend sagt, ein Wort gab das andre, und zum
Schlu kam nichts heraus.

Der Prsident, merkwrdig zerstreut, versprach, den Polizeileutnant zur
Rede zu stellen. Er lie Hickel rufen und schrie ihn gleich beim
Eintritt an, da dem Verdutzten Hren und Sehen verging. Leider diente
die Schimpferei der Sache schlecht; als der Zorn verdampft war, trug
Hickels berlegene Ruhe und berechnete Schmiegsamkeit den Sieg davon. Es
kam nichts heraus. Es blieb alles beim alten. Nur da der
Polizeileutnant, in seiner Eitelkeit tief gekrnkt, doppelt still und
kalt seiner Wege ging.

Die Bemhung, dem Hauser eine annehmliche Existenz zu verschaffen, mu
man wohl als gescheitert betrachten, sagte Feuerbach eines Tages zu
seiner Tochter. Der Mensch leidet in seiner jetzigen Umgebung, und die
Art, wie man ihn behandelt, scheint gegen alle Vernunft und Billigkeit.

Mag sein; aber kann man es ndern? versetzte Henriette achselzuckend.

Mich beruhigt nur die Zuversicht, da ja eine Entscheidung ohnehin
fallen mu, wenn die Schrift einmal erschienen ist, sagte der Prsident
vor sich hin.

Was schadet es auch dem jungen Menschen, wenn die Wogen des Lebens ber
seinem Kopf zusammenschlagen? fuhr Henriette fort. Vielleicht lernt er
schwimmen dabei. Es ist nicht an Ihnen, Vater, seinen Przeptor zu
machen.

Vielleicht lernt er schwimmen dabei. Vortrefflich ausgedrckt, meine
Tochter. Dereinst mag er dann der berstandenen Prfungen dankbar
gedenken. Ein Gekrnter, der eine solche Schicksalsschule erfahren hat,
von der tiefsten Tiefe zur hchsten Hhe gestiegen ist -- ei, das gbe
Hoffnungen! Fehlte es den Groen der Erde nicht an Lebenskenntnis, so
wre ihnen das Volk mehr und etwas andres als eine Melkkuh. Lassen wir
also den Stahl glhen, damit er hart werde. Sind heute Korrekturen
gekommen?

Henriette verneinte und ging seufzend hinaus.

Es gibt eine innere Stimme, die beredsamer ist als die Weisheit der
Sentenzen. Feuerbach erfuhr die Gewalt dieser Stimme stets aufs neue,
wenn er sich Caspar gegenberbefand. Es war ihm nicht gegeben, sich um
den Appell einer hheren Instanz, als es Vernunft und Erfahrung sind,
herumzulgen. Den Freimut der Verantwortlichkeit, den er vor dem eignen
Herzen empfand, hatte das Alter nicht abgestumpft, sondern gelutert; er
mute sich bekennen, da das, was ihn qulte, ganz einfach das schlechte
Gewissen war.

Welch ein Dilemma fr einen solchen Mann! Auf der einen Seite die bis
zur Selbstverleugnung getriebene Erfllung der Idee, auf der andern das
vorwurfsvolle Auge dessen, dem die Idee galt und dem er sich nicht
ergeben konnte und durfte -- aus Furcht vor dem allzu beteiligten Gefhl,
aus Furcht vor der Trbung des Urteils, aus Furcht, da der Engel der
Gerechtigkeit seiner vorgesetzten Bahn entfliehen wrde, wenn Neigung,
Rcksicht und herzliche Annherung ins Spiel kmen.

So wie an die nchsten Freunde schickte der Prsident in diesen Tagen
die Aushngebogen seiner Caspar-Hauser-Schrift auch an Stanhope, der
sich zurzeit in Rom aufhielt. Der Graf dankte oder antwortete mit keinem
Wort.

Eines schlimmeren Zeichens bedurfte Feuerbach nicht. Wie hatte doch das
groe Wort gelautet, das er einst in lebendiger Stunde zu jenem Mann
gesprochen? Wenn dieses Antlitz trgt, Mylord, mit dem Sie hier vor mir
stehen, dann...

Ja, dann! Was dann? Kindliche Anmaung! Wrde die Welt untergehen, weil
ein Feuerbach sich getuscht? Wie vielfltig ist der Mensch, wie viele
Gesichter sind ihm eigen, wie viele Worte findet er um eines
erbrmlichen Vorteils willen! Fr den Bissen Brot ist jeder Bettler
schon ein Frst der Worte, und was Staatskarossen, was Pairschaft, was
anmutige Manieren und berredendes Gefhl, wenn dem allen nur das Wort
die Schminke ist, das eine ausstzige Haut verschnt? Dazu also Herzen
zergliedert, im Dunkel der Seelen gewhlt, mit Richterkunst und -pathos
Tat und Untat auf ihr menschlich Ma geprft, damit ein aufgeschmckter
Schelm aus England kam, um damit ein sardonisches Spiel zu treiben und
alles lchelnd ins Absurde zu fhren.

Den alten Mann ekelte. Aber die Vorstellung von der Macht und den
Hilfsmitteln der Feinde, mit denen er sich in ungleichen Kampf
eingelassen, wurde allmhlich ungeheuer, und wenn auch sein Vorhaben
nicht die geringste Beeintrchtigung erfuhr und er nicht fr die Dauer
eines Augenblicks ins Schwanken geriet, nahm doch eine verdsternde
Unruhe von ihm Besitz. Seit jenem nchtlichen Einbruch, dessen Anstifter
aller aufgewandten Mhe zum Trotz unentdeckt geblieben waren, entbehrte
er des dauernden Schlafs. Er erhob sich bisweilen aus dem Bett, wanderte
mit dem Licht durch die Zimmer, ber Treppen und Flur, rttelte an den
Fenstern, probierte die Festigkeit der Schlsser und erschrak nicht
selten vor seinem eignen Schatten. Es war fr seine Kinder ein
erschtterndes Schauspiel, diesen Mann der Leidenschaft und des
eingefleischten Mutes in dergleichen Gespensterwesen verstrickt zu
sehen. Einstmals am frhen Morgen fand man an der ueren Seite des
Haustors folgende mit Kreide angeschriebenen Verse:

    Anselm, Ritter von Feuerbach!
    Lsch 's Feuer unter deinem Dach!
    La den falschen Freund nimmer ein!
    Zieh den Degen und hau drein,
    Sonst wird's um dich geschehen sein.

An einem Abend zu Ende Oktober kam Quandt und begehrte den Prsidenten
zu sprechen. Feuerbach lie ihn eintreten und beobachtete sofort in
seinem Benehmen etwas Verlegenes und Bestrztes, doch zeigte der Lehrer
nicht die gewhnliche Umstndlichkeit, sondern rckte schnell mit seinem
Anliegen heraus. Er berichtete, Caspar habe vorgestern einen Brief des
Grafen erhalten und seitdem habe er sich ganz verndert; ob Seine
Exzellenz nicht eine Stunde erbrigen knne, um mit dem Menschen zu
reden, er selbst bringe kein Wort aus ihm heraus.

Der Prsident fragte, worin die Vernderung bestehe.

Es ist, als wre er taubstumm geworden, versetzte Quandt. Bei Tisch
lt er die Speisen unberhrt, beim Unterricht ist er uerst
unaufmerksam, ja geistesabwesend, die Aufgaben macht er nicht mehr, auf
Fragen antwortet er nicht, schleicht herum wie ein Todkranker und starrt
in die Luft. Gestern nachts hab' ich und meine Frau ihn belauscht und
wir haben zugehrt, wie er erst eine ganze Weile vor sich hingewimmert,
dann auf einmal hat er einen grlichen Schrei ausgestoen.

Wissen Sie vielleicht, was in dem Brief des Grafen gestanden hat?
forschte der Prsident.

O ja, das wei ich wohl, entgegnete der Lehrer harmlos; es ist meine
Gepflogenheit, alle Briefe, die er erhlt, vorher zu ffnen.

Feuerbach blickte jh empor und sah den Lehrer mit finsterer Neugier an.
Nun, und? fragte er.

Ich knnte den Inhalt des Schreibens durchaus nicht mit einer solchen
Wirkung zusammenreimen, erwiderte Quandt bedchtig.

Der Prsident stampfte ungeduldig mit dem Fu. Gut, gut, rief er
barsch, aber was stand denn drin, da Sie es doch einmal wissen?

Quandt erschrak. Es stand drin, der Graf knne in diesem Jahr nicht
mehr nach Ansbach kommen, unerwartete Zwischenflle ntigten ihn, diesen
Plan ins Unbestimmte zu verschieben. Nun ist mir freilich bekannt, da
Hauser mit der Herkunft des Lords stark gerechnet hat, er sprach sogar
immer von einem festen Termin und hielt es fr einen Frevel, wenn man
ihm das ausreden wollte; er schien es geradezu fr eine Pflicht des
Grafen zu erachten, denn in seinem kindischen Kopf glaubt er noch fix
daran, da ihn der Graf mit nach England auf seine Schlsser nehmen
werde, und er ahnt gar nicht, da der Herr Graf schon lngst sein Herz
von ihm abgewandt hat--

Woher wissen Sie das, Mann? brauste der Prsident auf und erhob sich
mit solchem Ungestm, da der Stuhl hinter ihm umstrzte.

Eure Exzellenz verzeihen, stotterte Quandt furchtsam, aber das ist
doch sonnenklar. Er ging hin, stellte den Stuhl mit einer hflichen
Grimasse wieder auf, und whrend der Prsident mit seinen steifen,
kurzen Schritten auf und ab wanderte, sagte er schchtern: Trotz allem
ist mir die Wirkung dieser in den urbansten Formen gehaltenen Absage
unerklrlich und besorgniserregend; es mu da etwas dahinter stecken,
und Eure Exzellenz sind vielleicht imstande, es herauszubringen.

Ich werde der Sache nachgehen, schnitt Feuerbach das Gesprch kurz ab.
Quandt machte seinen Bckling und entfernte sich. Er ging nicht
heimwrts, sondern wandte sich gegen die Herrieder Vorstadt, da er
seine Frau vom Haus ihrer Mutter abholen wollte. Es war ein heftiger
Sturm, Bltter und Zweige wirbelten durch die Luft, Quandts Mantelumhang
flatterte hochauf, und mit beiden Hnden mute er die Rnder seines
Schlapphuts festhalten.

Kurz nach dem Lehrer hatte Caspar heimlich das Haus verlassen,
eigentlich ohne Ziel. Als er auf der Strae war, fiel ihm ein, ob er
nicht zu Frau von Imhoff gehen knne, und ungeachtet der Dunkelheit und
des bsen Wetters, und obgleich das Imhoffschlchen eine Viertelstunde
vor der Stadt gelegen war, entschlo er sich dazu. Aber als er angelangt
war, als er am Gittertor stand und zu den erleuchteten Fenstern
hinaufschaute, schwand ihm alle Lust und er frchtete sich vor den
hellen Zimmern. Sah er sich doch schon droben; hrte er doch schon die
Worte, die ihm nichts waren und nichts galten, er kannte sie alle, er
htte sie auswendig an der Schwelle hersagen knnen. Ja, er kannte nun
die Worte der Menschen, er erfuhr nichts Neues durch sie, sie fielen in
das unermeliche Meer seiner Traurigkeit wie kleine trbe Tropfen, deren
Aufschall die Tiefe verschlang.

Ein Schatten glitt an den Fenstern vorbei, ein andrer folgte. So weilten
sie in ihren Wohnungen, still und emsig, zndeten ihre Lichter an und
wuten nicht, wer drauen stand am Tor.

Mitten im Windgebrause vernahm Caspar Tne wie von einem
Saiteninstrument, das unter den Wolken aufgehngt war. Es befand sich
nmlich auf dem Dach des Schlchens eine Aeolsharfe, Caspar wute dies
nicht und hielt es fr eine geisterhafte Musik. Als er den Rckweg
antrat, schlugen immer von Zeit zu Zeit die orgelnden Akkorde an sein
Ohr.

Er wnschte noch nicht heimzugehen; der gleiche dumpfe Drang, der ihn
vor das Schlchen der Imhoffs getrieben hatte, fhrte ihn noch zum
Hause des Generalkommissrs, dann zum Haus des Regierungsprsidenten,
dann zum Feuerbachschen Haus und schlielich vor ein Gebude, das
unbewohnt war und das mit seinen verschlossenen Lden, seinen bemosten
Simsen und seinem hochbogigen Tor, ber welchem ein Auge in den Stein
und darber die Worte gemeielt waren: Zum Auge Gottes, schon lang
vorher seine Wibegier aufgeweckt hatte. Zur Markgrafenzeit sollte ein
Goldmacher darin gewohnt haben.

Es war ihm zumute, wie wenn er in all diesen Husern zu Gast gewesen
sei, wie wenn er unsichtbar unter ihren Bewohnern oder in ihren leeren
Rumen herumgegangen sei und als ob er dabei eine merkwrdige Kenntnis
von dem vergangenen und gegenwrtigen Leben ihrer Menschen gewonnen
htte.

Ziemlich mde und dabei tief erregt langte er im Lehrerhaus an. Quandt
und seine Frau waren noch nicht daheim, die Kinder schliefen, die Magd
war nicht zu sehen, es herrschte eine groe Stille, nur der Wind
umheulte die Mauern, und das Flurlmpchen flackerte wie vor Furcht. Da,
whrend Caspar zur Treppe schritt, vernahm er eine langgezogene feine
Stimme, hnlich dem Zirpen der Sommergrille, und die Stimme rief:

Stephan!

Er blieb befremdet stehen und sah sich um. Da alles ruhig war, glaubte
er sich getuscht zu haben, glaubte, es sei eine Stimme drauen auf der
Strae gewesen. Aber kaum hatte er drei Schritte getan, so erschallte
die Stimme neuerdings, nur unvergleichlich lauter, anscheinend aus
dichterer Nhe:

Stephan!

Es war etwas unendlich Ergreifendes in dem Ton; es klang, wie wenn
einer, der zu ertrinken frchtet, aus dem Wasser ruft. Unverkennbar war
es eine mnnliche Stimme, die nun zum drittenmal wie von Schluchzen
erstickt ausrief:

Stephan!

Kein Zweifel, der Ruf galt ihm, ihm, Caspar. Er streckte die Arme aus
und fragte: Wo? Wo bist du? Wo bist du?

Da sah er oben ber der Tr, krperlos schwebend, ein fahlleuchtendes
Gesicht. Es war das Gesicht Stanhopes, mit aufgerissenen Augen und
aufgerissenem Mund, wie in uerstem Schrecken verzerrt, hlich, schier
unkenntlich hlich.

Caspar verharrte angewurzelt an seinem Platz, seine Glieder, ja seine
Augen waren wie versteinert. Als er zum zweitenmal hinblickte, war das
Antlitz verschwunden, auch die Stimme lie sich nicht mehr vernehmen.
Flur und Stiege erleuchtet, alle Tren zu, kein Mensch zu sehen, kein
Laut zu hren.




Es wird eine Reise beschlossen


Eines Nachmittags im Dezember sahen erstaunte Nachbarn den Lehrer Quandt
wie besessen aus seinem Haus und gegen die Neustadt strmen, wo die
Wohnung des Polizeileutnants lag. Er trat ins Zimmer des Leutnants, und
ohne sich Zeit zu gnnen, seinen Hut vom Kopf zu nehmen, griff er in die
Rocktasche und hielt Hickel wortlos ein dnnes Druckheft entgegen.

Es war die vor kurzem erschienene Caspar-Hauser-Broschre Feuerbachs.
Quandt hatte das Bchlein erst heute in die Hnde bekommen und es in
einem Zug durchgelesen.

Hickel nahm das Heft, besah es rundum und sagte gelassen: Na, und? Was
soll's? Meinen Sie, da das eine Neuigkeit fr mich ist? Sie
echauffieren sich doch nicht etwa? Der Alte schreibt, weil das sein
Geschft ist. Eher knnen Sie einer Henne das Eierlegen abgewhnen als
einem geborenen Federfuchser das Schreiben.

Quandt atmete tief auf. Schreiben, schn; ich lasse ja vieles gelten,
antwortete er, aber das geht denn doch zu weit. Erlauben Sie-- er
packte das Heft, schlug das Titelblatt auf und las vor: Caspar Hauser
oder Beispiel eines Verbrechens am Seelenleben des Menschen. Das klingt
ja nach etwas, sagte er bitter; es streut den Leuten von vornherein
Sand in die Augen. Aber das Ganze ist ein Roman, und nicht einmal einer
von der besten Sorte.

Er bltterte und deutete mit dem Finger auf eine Stelle, die er
gleichfalls hhnisch betont vorlas: Caspar Hauser, das rare Exemplar
der Gattung Mensch--! Lieber Herr Polizeileutnant, da bin ich mit meiner
Weisheit zu Ende. Das kommt mir so vor, als ob man den notorisch
schlechtesten meiner Schler vor versammeltem Volk als einen groen
Gelehrten erklrte. Rares Exemplar! In dem Punkt wei ich besser
Bescheid, halten zu Gnaden, Exzellenz; da knnte ich einem verehrlichen
Publiko ganz anders die Augen ffnen. Rares Exemplar, gewi! Aber man
mu nur auch das Alphabet von vorne und nicht von hinten lesen. Das ist
also der groe Kriminalist, der bestaunte Alleswisser! So sieht der Ruhm
aus, wenn man ihn aus der Nhe betrachtet! Und nun erst das ganze
dynastische Hintertreppenmrchen! Es wre ja zum Lachen, wenn es nicht
so traurig wre. Herrgott, ist das eine Zeit, ist das eine Welt!

Der Polizeileutnant hrte mit kaum merklichem Lcheln den Ausbruch des
Lehrers an. Als Quandt zu Ende war, sagte er gleichmtig: Was wollen
Sie? Als getreue Diener sind wir nun einmal dazu verurteilt, die dummen
Streiche unsrer Herrschaft mitanzusehen. brigens kann ich Sie in einer
Hinsicht beruhigen. Der Prsident hat selber keine rechte Freude an dem
Bchlein. Er klagt ber Gedchtnisfehler, die ihm dabei passiert sind,
und da es ihn mehr Mhe gekostet hat, die Geschichte zu Papier zu
bringen, denn ein ganzes Corpus juris. Und jetzt mu er's erleben, da
man ihm drauen im Reich hart zusetzt. Es geht die Rede, da die
Bundeskommission zu Frankfurt die Schrift konfiszieren wird.

Recht so, rief Quandt. Auch die Frsten sollten etwas dagegen
unternehmen.

Das lassen Sie nur die Sache der Frsten sein, versetzte Hickel,
dessen Gesicht pltzlich bse und sorgenvoll wurde. Potz Kreuz, lieber
Quandt, Sie ereifern sich ja da, als ob's Ihnen an den Kragen ginge. Ich
mchte nur gar zu gern wissen, ob Sie auch so viel Mut zeigen wrden,
wenn die Exzellenz dahier im Zimmer wre.

Quandt schaute sich mitrauisch um. Dann zuckte er die Achseln und
erwiderte: Sie belieben zu scherzen, Herr Polizeileutnant. Schlimm
genug, da man mit seiner wahren Meinung hinterm Berg halten mu. Wir
haben alle vergessen, wie ein Mann den Kopf tragen soll. Kuschen, das
haben wir gelernt, das verstehen wir von Grund aus. Aber ich will nicht
mehr kuschen.

Pst! unterbrach ihn Hickel unwirsch; lassen wir das; es schmeckt nach
Demagogentum. Sagen Sie mir lieber: Hat der Hauser Kenntnis von der
Broschre?

Nicht da ich wte, entgegnete Quandt. Aber es wird nicht zu
vermeiden sein, da er davon erfhrt, gibt es doch Unverstndige genug,
die sich ein Vergngen daraus machen werden. Haben Sie, Herr
Polizeileutnant, nicht auch von der Schrift eines gewissen Garnier
gehrt?

Bei der Nennung dieses Namens zuckte Hickel zusammen und sah den Lehrer
finster an. Es dauerte eine ganze Weile, bevor er sich zu einer Antwort
entschlo. Garnier? Ja, das ist ein landesflchtiges Subjekt. In seinem
Pamphlet bringt er dieselben sinnlosen Dinge vor wie der Staatsrat, blo
noch verbrmt mit dem windigsten Hofklatsch. Das Machwerk ist nicht der
Rede wert.

Wie soll ich mich aber verhalten, wenn der Hauser irgendwie in den
Besitz eines dieser Produkte kommt? fragte Quandt.

Hickel spazierte mit seinen langen Schritten herum und nagte mit den
Zhnen nervs an der Unterlippe. Treffen Sie Vorsorge, erwiderte er
kalt. Lassen Sie ihn nicht aus den Augen. Mich kmmert das brigens gar
nicht; ist mir vllig egal. Man wird den jungen Mann schon karwanzen.

Quandt seufzte. Herr Polizeileutnant, sagte er bedrckt, ich kann
Ihnen nicht schildern, wie mir ist. Meine halbe Seligkeit gb' ich drum,
wenn es mir vergnnt wre, den Menschen zu einem offenen Gestndnis zu
bringen.

Man wird's Ihnen billiger machen, versetzte Hickel dster.

Wissen Sie denn das Neueste? fuhr Quandt fort. Der Prsident will den
Hauser als Schreiber beim Appellgericht beschftigen. Morgen soll er
schon anfangen.

Und was wird der Graf dazu sagen?

Man hat es ihm schreiben wollen; wei aber nicht, wo er sich aufhlt.
Es ist seit vier Wochen nur ein einziger Brief von ihm gekommen, und den
hat der Hauser nicht einmal angesehen. Meines Erachtens mu er sich ber
die Maregel freuen. Fr ein Metier im engeren Sinn ist der Hauser doch
nicht zu brauchen, er hat leider den Verkehr mit den gebildeten und
hheren Stnden zu lange genossen, als da es ihn nicht rebellisch
machen mte, wenn er ihn pltzlich mit der Umgebung in einer Werksttte
vertauschen mte. Anderseits ist er auch zu einem Beruf ungeeignet, der
eine tiefere Ausbildung erfordert, denn zu einem ernsthaften Studium
fehlt ihm Sinn und Ausdauer. Der Staatsrat hat demnach die beste Lsung
getroffen, die auch mich von einem Teil meiner Verantwortlichkeit
entlastet. Bei der Schreiberei kann sich der Hauser nicht nur zu einem
Beamten des niederen Dienstes, sondern bei einigem Flei sogar fr eine
Stelle beim Registratur- oder Rechnungswesen ausbilden.

Hickel hrte der weitlufigen Auseinandersetzung kaum zu. Sie gingen nun
zusammen fort; vor der Hofapotheke verabschiedete sich Hickel, um sich,
wie er sagte, ein Plverchen gegen Schlaflosigkeit verschreiben zu
lassen.

Auf dem Nachhauseweg wurde Quandt vom Hofrat Hofmann sehr freundlich
gegrt, eine Tatsache, die hinreichend war, seine mrrische Stimmung
ungemein aufzuheitern. Beim Mittagessen, es gab Kalbsbrust und
Ochsenmaulsalat, wurde er sogar lustig und trieb allerlei Scherze mit
seiner Gattin. Aber wie es bei serisen Naturen der Fall zu sein pflegt,
geriet seine Aufgerumtheit ziemlich ins Plumpe. Unter anderm nahm er
das Messer und fuchtelte der Lehrerin lachend damit vor der Nase herum.
Da erblate Caspar, stand auf und sagte: Um Gottes willen, Herr Lehrer,
legen Sie doch das Messer weg, ich kann's nicht sehen.

Quandt, gleich wieder verdrielich, brummte: Na, hren Sie mal, Hauser,
ein solches Betragen schmeckt stark nach Affektation.

Sie sind ein schner Tappel, sagte die Lehrerin, ein Mann mu mutig
sein. Was wollen Sie denn tun, wenn's mal Krieg gibt? Da heit es mit
Anstand sterben.

Sterben? Nein, da sag' ich Dank, sterben mag ich nicht, erwiderte
Caspar hastig.

Und doch haben Sie sich damals vor dem Polizeileutnant in einer hchst
widerwrtigen Weise ber denselben Punkt geuert, lie sich Quandt
vernehmen.

Nein, so feig, fuhr die Lehrerin fort, mit dem Kadetten Hugenpoet
von den Dragonern haben Sie sich letzten Sommer ja auch einmal so feig
benommen.

Was ist denn das fr eine Geschichte? erkundigte sich Quandt, davon
wei ich gar nichts.

Er war doch mit dem Kadetten oft beisammen; der hat dem Hauser immerzu
vorgeschwrmt, er soll Soldat werden, in ein paar Jahren brcht' er es
leicht zum Offizier. Wr' ja nicht so bel, die Kadetten haben es gut
und kommen schnell vorwrts. Unser Hauser war auch begeistert von der
Idee, aber auf einmal war die Freundschaft aus.

Ei, und aus welchem Grund?

Das war so. An einem Abend im September ist er mit dem Kadetten am
Rezatufer spazieren gegangen, und sie sind zu einer Stelle gekommen, wo
viele Knaben und Burschen sich gebadet haben, denn es war furchtbar warm
an dem Tag. Der Kadett sagt, das wollen wir auch machen, zieht sich aus
und will den Hauser berreden, gleichfalls zu baden. Der war aber zu Tod
erschrocken von dem Vorschlag und sagt, ins Wasser geht er nicht. Das
hren die andern, steigen heraus, stellen sich um ihn herum, verspotten
ihn und wollen ihn mit Gewalt ins Wasser bringen. Da reit er sich los,
eh' man sich's versieht, ist er in seiner Hllenangst ber die Felder
davongelaufen, und die nackigten Kerle hhnen hinter ihm her. Dem
Kadetten war's zu bunt, und er sieht ihn nicht mehr an seitdem. Ist's
wahr, Hauser, oder nicht?

Caspar nickte. Der Lehrer schttelte sich vor Lachen.

Ein paar Tage spter kamen Frau von Imhoff und das Frulein von
Stichaner, um Caspar zu besuchen. Die Lehrerin, stolz auf die vornehmen
Gste, wich nicht vom Fleck. Der Unterhaltung zuliebe und weil ihr
nichts Gescheiteres einfiel, erzhlte sie im Beisein Caspars abermals
die Geschichte mit dem Kadetten und dem verweigerten Bad, doch hatte sie
nicht denselben Erfolg wie vor ihrem Ehegemahl. Die beiden Damen hrten
schweigend zu.

Solche Feigheit ist eigentlich nicht schn, bemerkte das Frulein von
Stichaner dann auf der Strae gegen Frau von Imhoff.

Man kann es nicht gut Feigheit nennen, antwortete diese; er liebt das
Leben zu sehr, das ist es. Er liebt das Leben wie ein Toller, wie ein
Tier liebt er es, wie ein Geizhals sein Gold. Er hat mir selbst
gestanden, da er jedesmal vor dem Einschlafen Angst hat, sein Schlaf
knne sich ihm unbewut in Tod verwandeln, und er betet, Gott mge ihn
doch ganz gewi am andern Morgen wieder aufwachen lassen. Nein, es ist
nicht Feigheit; es ist vielleicht die Ahnung einer groen Gefahr, auch
der Trieb, viel Versumtes nachzuholen. Man mu ihn nur manchmal sehen,
wie er sich freuen kann, und ber das Allergeringste, woran jeder andre
stumpf vorbergeht. Seine Freude hat etwas Groartiges, etwas
Erdentrcktes, so wie seine Furcht und seine Traurigkeit etwas
Schauerliches haben.

Zu Hause wurde Frau von Imhoff durch einen Brief ihrer Freundin, der
Frau von Kannawurf, berrascht, doppelt angenehm berrascht, da Frau von
Kannawurf, sie weilte gegenwrtig in Wien, schrieb, sie wolle im Mrz
nach Ansbach kommen. In dem Brief war berdies viel von Caspar die
Rede. Ich habe in den letzten Tagen die Feuerbachsche Schrift gelesen,
hie es unter anderm, und mu dir gestehen, da mich noch niemals ein
Buch dermaen im Innersten aufgewhlt hat. Ich kann seitdem nichts
andres denken, und es flieht mich der Schlaf. Wei Caspar Hauser selbst
von dieser Schrift? Und wie stellt er sich dazu? Was uert er darber?

Frau von Imhoff versumte es, ber den Punkt Bescheid zu geben; es fiel
ja auch schwer, Caspar zu befragen. Hat er das Buch nicht gelesen, so
ist es peinlich und sonderbar, ihn darber in Unwissenheit zu sehen,
dachte sie; noch peinlicher und sonderbarer, wenn er es gelesen hat;
peinlich und sonderbar sein Aufenthalt hier, sein Kopistenamt auf dem
Gericht, sein ganzes Treiben; und wie ist es mglich, eine Aussprache
herbeizufhren? Jedes offene Wort kann unheilvoll werden.

Trotzdem unternahm es Frau von Imhoff, Caspar vorsichtig auszuholen, ob
er berhaupt von der Sache wisse oder davon reden gehrt. Und er wute
davon. Nicht im entferntesten aber hegte er den Wunsch, sich Klarheit zu
verschaffen. Erstens aus Furcht; die Furcht lie ihn vor jedem Schritt
zurckbeben, der auf eine Vernderung seiner Lage zielte, seine Gedanken
von der krampfhaft umklammerten Gegenwart ablenken konnte; und dann,
weil er wahrscheinlich annahm, es handle sich bei der Schrift des
Prsidenten auch nur um das bodenlose Gerede, das er in- und auswendig
wute und von dem ihm, wie er zu sagen pflegte, blo Kopf- und Herzweh
und ein dummes Nachschauen blieb. Er hatte dergleichen oft genug
erfahren, und aus lauter berdru daran war er am Ende so unneugierig
geworden, da eine einzige Andeutung, whrend eines Gesprchs etwa,
hinreichte, um seinem Gesicht den Ausdruck schalster Langweile zu geben.

Wie er schlielich doch dazu gelangte, das fr ihn und um seinetwillen
geschaffene Werk kennen zu lernen, das hatte eine eigentmliche
Bewandtnis.

Es war an einem unfreundlichen Vormittag im Mrz, da verbreitete sich
pltzlich im Appellgerichtsgebude und bald darauf in der ganzen Stadt
die Nachricht, der Prsident sei im groen Gerichtssaal whrend einer
Verhandlung, die er leitete, ohnmchtig vom Stuhl gestrzt. Alle Beamten
liefen sofort aus ihren Zimmern und standen alsbald auf den Treppen und
Korridoren. Auch Caspar hatte seinen Arbeitstisch verlassen und gesellte
sich zu den brigen. Er schlich aber absichtlich wieder davon, um nicht
Zeuge sein zu mssen, wie man den Prsidenten von oben heruntertrug.

Als er sich in das Zimmer zurckbegab, in welchem er an allen
Vormittagen von acht bis zwlf Uhr schrieb, und zwar nur in Gesellschaft
eines alten Kanzlisten, eines gewissen Dillmann, war dieser sein
Amtsgefhrte noch nicht wieder da. Caspar, sehr traurig und erschrocken,
stellte sich zum Fenster und malte, schmerzlich versonnen, wie er war,
mit dem Finger den Namen Feuerbach in die beschweite Scheibe.

Indes trat Dillmann ein und ging hnderingend auf seinen Platz zu.

Bis auf diesen Tag hatte der alte Kanzlist, und Caspar befand sich nun
ber neun Wochen auf dem Amt, noch nicht ein Dutzend berflssiger
Worte mit dem neuen Kollegen gewechselt; er hatte sich im mindesten
nicht um ihn gekmmert und eine grmliche Gleichgltigkeit gegen ihn zur
Schau getragen. Im Verlauf der dreiig Jahre, whrend welcher er Akten,
Erlsse, Verordnungen und Urteile kopierte, hatte er es zu einer
besonderen Geschicklichkeit im Schlafen gebracht, und es war komisch zu
sehen, wenn er, den Federkiel aufs Papier gespiet, leise schnarchend
seine Siesta hielt und sogleich die Hand schreibend weiterbewegte, wenn
sich drauen der Schritt eines Vorgesetzten vernehmen lie, da er die
Gangart jedes einzelnen Herrn genau studiert und sozusagen im Kopf
hatte.

Um so verwunderter war Caspar, als Dillmann auf ihn zuschritt und mit
zitternder Stimme sagte: Der unvergleichliche Mann! Wenn ihm nur nichts
zustt! Wenn ihm nur nichts Menschliches passiert!

Caspar drehte sich um, entgegnete aber nichts.

Na, Hauser, und fr Sie wre es gar ein unersetzlicher Verlust, fuhr
der Alte seltsam keifend und znkisch fort; wo gibt's denn in dieser
lummerigen Welt einen Menschen, der sich so fr einen andern Menschen
einsetzt? Sollte mich nicht erstaunen, wenn das ein schlimmes Ende
nhme. Ja, es wird ein schlimmes Ende nehmen, ein schlimmes Ende.

Caspar hrte schweigend zu; seine Augen blinzelten.

So ein Mann! rief Dillmann aus. Ich hab', seit ich hier sitze, schon
sieben Prsidenten und zweiundzwanzig Regierungsrte zum Grab geleitet,
Hauser, aber so einer war nicht dabei. Ein Titan, Hauser, ein Titan!
Die Sterne knnt' er vom Himmel reien um der Gerechtigkeit willen. Man
mu ihn nur betrachten; haben Sie ihn mal genau betrachtet? Der Buckel
ber der Nase! Das deutet, wie man sagt, auf eine genialische
Konzeption; diese Jupiterstirn! Und das Buch, Hauser, das er fr Sie
geschrieben hat! Das ist ein Buch! Ein wahrer Scheiterhaufen ist's! Die
Zhne mu man zusammenbeien und die Fuste ballen, wenn man's liest.

Caspar machte ein mrrisches Gesicht. Ich hab's nicht gelesen, sagte
er kurz.

Dem alten Kanzlisten gab es einen Ruck. Er ri den Mund auf und
schnappte. Nicht gelesen? stotterte er. Sie -- nicht gelesen? Ja wie
ist denn das mglich? Da soll mich doch gleich der Teufel holen! Eilig
trippelte er zu seinem Tisch, schob eine Lade auf, suchte herum und
brachte das Bchlein zum Vorschein. Er reichte es Caspar hin, stie es
ihm frmlich in die Hand und knurrte: Lesen, lesen! Sapperlot, lesen!

Caspar machte es beinahe wie Hickel dem Lehrer Quandt gegenber. Er
drehte das Buch um und um und zeigte eine unschlssige Miene. Dann erst
schlug er es auf und las, sichtlich erbleichend, den Titel. Immerhin
gengte auch dies noch nicht, um ihn neugierig oder ungeduldig werden zu
lassen. Er steckte das Buch in die Tasche und sagte trocken: Zu Hause
will ich's lesen.

Schlag zwlf Uhr verlie er, wie gewhnlich, das Amt, setzte sich zu
Hause, als ob nichts geschehen wre, zu Tisch und hrte still den
Gesprchen zu, die sich ausschlielich um das dem Prsidenten
widerfahrene Unglck drehten. Am letzten Sonntag vor dem Kirchgang,
plauderte die Lehrerin, da hab' ich den Staatsrat gesehen, gerade wie
ihm vier Totenweiber begegnet sind. Der Staatsrat ist ganz erschrocken
gewesen, ist stehengeblieben und hat ihnen nachgeschaut. Ich hab' mir
gleich gedacht, das kann nichts Gutes bedeuten.

Wenn ihr Frauenzimmer nur nicht alleweil euch anmaen wolltet, dem
Herrgott in die Karten zu gaffen, versetzte Quandt unwirsch. Da
predigt man und predigt das liebe lange Jahr, glaubt wunders wie auf den
Hhen der Aufklrung zu wandeln und schlielich spuckt einem die eigne
Sippschaft am krftigsten in die Suppe.

Caspar belachte diese Worte, was ihm von der Lehrerin einen giftigen
Blick eintrug.

Er begab sich dann in sein Zimmer.

Um zwei Uhr sollte er zum Unterricht kommen, erst von vier Uhr an
brauchte er im Amt zu sein. Als zehn Minuten ber die Zeit vergangen
waren, trat Quandt in den Hausflur und rief. Es erfolgte keine Antwort.
Er ging hinauf und berzeugte sich, da Caspar nicht da war. Sein
Unwillen verwandelte sich in Schrecken, als er bei seiner spionierenden
Umschau die Feuerbachsche Schrift auf Caspars Tisch liegen sah.

Also doch, murmelte er bitter.

Er nahm das Buch an sich, suchte unten seine Frau und sagte mit tonloser
Stimme: Jette, ich habe da eine furchtbare Entdeckung gemacht. Der
Hauser hat die Schrift des Staatsrats auf seinem Zimmer gehabt. O die
gewissenlosen Menschen! Wer doch das wieder eingefdelt hat!

Die Lehrerin zeigte wenig Verstndnis fr den Vorfall. La ihn gehen,
oder sag's ihm doch, oder gib's ihm nur ordentlich, war meist alles,
was sie zu entgegnen wute, wenn Quandt ungehalten ber Caspar war.

Wann ist denn der Hauser fort? erkundigte sich Quandt bei der Magd.
Diese wute von nichts. Da trat Caspar selber ins Zimmer und
entschuldigte sich hflich.

Wo waren Sie denn? forschte der Lehrer.

Ich bin zu Feuerbachs gegangen und wollte fragen, wie es dem Staatsrat
geht.

Quandt schluckte seinen Verdru hinunter und begngte sich, Caspars
Fortgehen als Eigenmchtigkeit zu tadeln. Als er mit dem Jngling allein
war, wandelte er eine Weile ratlos auf und ab. Endlich begann er: Ich
war vorhin auf Ihrer Kammer, Hauser. Ich habe bei dieser Gelegenheit
einen Fund gemacht, der mich, gelinde ausgedrckt, sehr mit Bedenken
erfllt. Ich will mich nun ber die Schrift des Herrn Staatsrats nicht
weiter auslassen, obwohl alle vernnftigen Menschen darber einer
Meinung sind; ich halte mich nicht fr befugt, Ihnen gegenber einen so
verdienstvollen Mann herunterzusetzen. Auch will ich nicht weiter
untersuchen, wer Ihnen das Buch in die Hand gespielt hat, da ich mich
dabei doch nur der Gefahr aussetzen wrde, von Ihnen angelogen zu
werden. Aber mein Bedenken hat es erregt, da Sie sogar bei einem
solchen Anla heimlich verfahren zu mssen glauben. Warum kommen Sie
nicht, wie sich's gehrt, zu mir und sprechen sich aus? Denken Sie denn,
da ich Sie des Vergngens beraubt htte, eine hbsche Fabel zu lesen,
die ein ehemals groer und berhmter, doch nun kranker und geistesmder
Mann verfat hat? Wei ich denn nicht auch, wie Ihnen in Ihrem Innern
zumute sein mu, wenn man ein solches Mrchen in Ihre Vergangenheit
hineinspinnt? Eine Vergangenheit, die Ihnen wahrlich besser bekannt ist
als dem armen Staatsrat? Aber warum denn um Gottes willen die ewige
Versteckenspielerei? Hab' ich das um Sie verdient? Bin ich nicht wie ein
Vater zu Ihnen gewesen? Sie leben in meinem Haus, Sie essen an meinem
Tisch, Sie genieen mein Vertrauen, Sie nehmen teil an unserm Wohl und
Wehe, kann Sie denn nichts in der Welt bewegen, Sie heimlicher Mensch,
einmal offen und rckhaltlos zu sein?

O wundersam! Dem Lehrer standen die Augen voller Trnen. Er zog die
Schrift des Prsidenten aus der Tasche, ging zum Tisch und legte das
Bchlein mit Affekt vor Caspar hin.

Caspar blickte den Lehrer an, als ob dieser in einer weiten Entfernung
stehe. Es war etwas Stieres in seinem Blick und eine vollkommene
Abwesenheit der Gedanken. Auf der Stirn lag es wie geisterhaftes Gewlk,
die Lippen waren geffnet und zuckten.

Wie bse er aussieht, dachte Quandt und fing an, sich zu ngstigen.
Sprechen Sie doch! schrie er heiser.

Caspar schttelte langsam den Kopf. Man mu Geduld haben, sagte er wie
im Traum. Es wird sich was ereignen, Herr Lehrer, passen Sie nur auf.
Es wird sich bald was ereignen, glauben Sie mir. Unwillkrlich streckte
er die Hand nach dem Lehrer aus.

Quandt kehrte sich angewidert ab. Verschonen Sie mich mit Ihren
Redensarten, sagte er kalt. Sie sind ein abscheulicher Komdiant.

Damit war das Gesprch beendet und Quandt verlie das Zimmer.

Durch den Archivdirektor Wurm erfuhr Quandt, da Caspar allerdings zu
Mittag im Feuerbachschen Haus gewesen war, da er aber nicht blo nach
dem Befinden des Prsidenten gefragt, sondern auch mit auffallender
Dringlichkeit den Staatsrat zu sprechen verlangt habe. Natrlich habe
man ihm durchaus nicht willfahren knnen. Er war noch eine halbe Stunde
lang unbeweglich am Tor stehengeblieben, und bevor er sich entfernt, war
er um das ganze Haus herumgegangen und hatte zu den Fenstern
hinaufgeschaut, wobei sein Gesicht anders als je, wild und verstrt,
ausgesehen.

Nun kam er aber den nchsten Tag wieder, und ebenso am dritten und
vierten Tag, jedesmal mit demselben dringenden Begehren, und jedesmal
wurde er abgewiesen. Der Prsident bedrfe der Ruhe, wurde ihm gesagt;
sein Zustand, der anfangs zu Besorgnissen Grund gegeben, bessere sich
jedoch stetig.

Direktor Wurm erzhlte endlich dem Prsidenten davon. Feuerbach befahl,
da man Caspar zu ihm fhren solle, wenn er das nchste Mal kme, und
bestand trotz dem Abreden Henriettes auf seinem Willen. Es verging aber
die ganze Woche, ehe sich Caspar wieder sehen lie.

Eines Nachmittags, schon ziemlich spt, erschien er und wurde von
Henriette, nicht eben freundlich empfangen, in das Zimmer ihres Vaters
geleitet. Der Prsident sa im Lehnstuhl und hatte einen kleinen Berg
von Akten vor sich aufgeschichtet. Er sah sehr gealtert aus, weie
Bartstoppeln umstanden Kinn und Wangen, sein Auge blickte ruhig, hatte
aber einen ngstlichen Schimmer, wie bei einem, dem der uerst
gefrchtete Tod nher gewesen ist als er denken will.

Nun, was wnschen Sie von mir, Hauser? wandte er sich an Caspar, der
neben der Tr stehengeblieben war.

Caspar trat heran, stolperte vor dem Schemel, fiel pltzlich auf die
Knie und beugte in pagenhafter Demut das Haupt. Auch seine Arme sanken
schlaff herunter, und er verharrte mit ergebener und dsterer Miene in
derselben Stellung.

Feuerbach verfrbte sich. Er packte Caspar bei den Haaren und bog den
Kopf zurck, aber die Augen Caspars blieben geschlossen. Was gibt's,
junger Mann? rief der Prsident hart.

Jetzt erhob Caspar den sprechenden Blick. Ich hab' es gelesen, sagte
er.

Der Prsident ballte die Lippen aufeinander, und seine Augen
verschwanden unter den Brauen. Ein langes Schweigen trat ein.

Stehen Sie auf, herrschte endlich der Prsident Caspar an. Dieser
gehorchte.

Feuerbach packte ihn beim Handgelenk und sagte halb drohend, halb
beschwrend: Nicht mucksen, Hauser, nicht mucksen! Stille halten!
Stille sein! Abwarten! Ist vorlufig nichts weiter zu tun.

Caspars Gesicht, stumm erregt wie das eines Fiebernden, wurde starrer.

Es graut Ihnen, jawohl, fuhr der Prsident fort, auch mir graut, und
dabei mu es sein Bewenden haben. Unserm Arm sind nicht alle Fernen und
Hhen erreichbar. Wir haben nicht Josuas Schlachttrompeten und Oberons
Horn. Die hochgewaltigen Kolosse sind mit Flegeln bewehrt und dreschen
so hageldicht, da zwischen Schlag und Schlag sich unzerknickt kein
Lichtstrahl zwngen kann. Geduld, Hauser, und nicht mucksen, nicht
mucksen. Zu versprechen ist nichts; eine Hoffnung bleibt noch, aber dazu
brauch' ich Gesundheit. Genug fr jetzt!

Er machte eine verabschiedende Geste.

Caspar sah den alten Mann zum erstenmal klar und ruhig an. Der feste
Blick wunderte den Prsidenten. Ei der Tausend, dachte er, der Bursche
hat Blut in sich und kein Zuckerwasser. Schon im Fortgehen begriffen,
drehte sich Caspar noch einmal um und sagte: Exzellenz, ich htte eine
groe Bitte.

Eine Bitte? Heraus damit!

Es ist mir so lstig, da ich bei jedem Ausgehen immer auf den
Invaliden warten soll. Er kommt oft so spt, da es sich gar nicht mehr
ums Weggehen lohnt. Ins Appellgericht kann ich doch alleine gehen und zu
meinen Bekannten auch.

Hm, machte Feuerbach, will's berlegen, werd' es richten.

Als Caspar das Zimmer verlie, huschte eine weibliche Gestalt lngs des
Korridors davon, einer ertappten Lauscherin gleich. Es war Henriette,
die, in bestndiger Angst um den Vater nichts so sehr frchtete wie die
Gefahr, die aus dessen leidenschaftlichem Anteil an dem Schicksal
Caspars drohte. Es mag dafr ein Brief Zeugnis geben, den sie an ihren
in der Pfalz wohnenden Bruder Anselm schrieb und der die unheilschwere
Luft, die in der Umgebung des Prsidenten lastete, mit jeder Zeile
spren lie.

Der Zustand unsers Vaters, so begann das Schreiben, hat sich, Gott
sei Dank, zum Bessern gewandt. Er vermag schon, auf einen Stock
gesttzt, durchs Zimmer zu gehen und hat auch wieder Freude an einem
guten Braten, wenngleich sein Appetit nicht mehr der frhere ist und er
hin und wieder ber Magenschmerzen klagt. Was aber seine Stimmung im
allgemeinen anbelangt, so ist sie schlechter denn je, und zwar hngt
dies vornehmlich mit der unglckseligen Caspar-Hauser-Schrift zusammen.
Du weit, welch riesiges Aufsehen die Broschre im ganzen Land
hervorgerufen hat. Tausende von Stimmen haben sich dafr und dawider
erhoben, aber es scheint, da das Dawider allmhlich die Oberhand
behalten hat. Die gelesensten Zeitungen brachten Artikel, die einander
auffallend hnlich waren und worin das Werk als Produkt eines
berspannten Kopfes hhnisch abgetan wurde. Nachdem zwei Auflagen in
rascher Folge verkauft waren, weigerte der Verleger pltzlich unter
allerlei Ausflchten den Druck, und als man sich an zwei andre wandte,
kamen ebenfalls Absagen. Da dahinter die tckischesten Umtriebe
stecken, samt und sonders aus ein und derselben Quelle, kann man sich
nicht verhehlen, und ich mchte mir die Lippen wund beien, wenn ich
daran denke, in was fr Zustnden wir zu leben gezwungen sind, da
selbst ein Mann wie unser Vater fr eine Sache, die so, wie sie ist,
zum Himmel schreit, kein williges Ohr findet, von ttiger Hilfe ganz zu
schweigen. Wahrhaftig, die Menschen sind trge, stumpfe, dumme Tiere,
sonst wre mehr Emprung in der Welt. Nun magst du dir aber erst unsern
Vater vorstellen: seine bittere Verstimmung, seinen Schmerz, seine
Verachtung, und alles zurckgehalten, in seiner Brust zugeschlossen. Was
mute er fhlen, da sogar aus dem nchsten Freundeskreis kein Zeichen
des Beifalls, des Dankes, der Liebe mehr zu ihm flog! Gewisse
hochgestellte Personen hielten mit ihrem rger nicht zurck, und hier,
in dem abscheulichen Krhwinkel, hatte man ohnehin wenig Aufhebens von
der ganzen Geschichte gemacht, begreiflicherweise, denn Christus mag Rom
erobern, zu Jerusalem ist er nur ein schbiger Rabbi. Ich bin in groer
Sorge fr unsern Vater. Ich kenne ihn genug, um zu wissen, da seine
jetzige uerliche Ruhe nur den inneren Sturm verbirgt. Manchmal sitzt
er stundenlang und starrt auf eine einzige Stelle an der Wand, und wenn
man ihn dann strt, schaut er einen mit groen Augen an und lacht
lautlos und weh. Neulich sagte er ganz pltzlich und mit finsterer Miene
zu mir: das Rechte sei, wenn aus solcher Ursache heraus wie in frheren
Zeiten der ganze Mann sich stelle, mit Haut und Haar msse man sich
opfern und drfe sich nicht hinter einem Wall bedruckten Papiers
verschanzen. Er wlzt Plne in seinem Hirn, die Nachricht, da im
Badischen eine Revolution ausgebrochen ist, hat ihn mchtig angegriffen,
und in der Tat scheint diese Katastrophe mit der Caspar-Hauser-Sache in
innigem Zusammenhange zu stehen. Er glaubt in einem verabschiedeten und
irgendwo am Main lebenden Minister einen der Hauptanstifter der an dem
Findling begangenen Greuel vermuten zu drfen, und -- kaum will mir der
Satz in die Feder! -- er hat die Absicht, den Mann aufzusuchen, ihn zu
einem Gestndnis zu zwingen. Der Polizeileutnant Hickel, der unheimliche
Geselle, dem ich nicht ber den Weg traue, kommt nun fast tglich ins
Haus und hat lange Konferenzen mit Vater, und soviel ich bis jetzt den
Andeutungen des Vaters entnommen habe, soll ihn Hickel in einigen Wochen
auf die Reise begleiten. Knnt' ich doch das, nur das verhindern! Er
wird um dieser unseligen Geschichte willen den letzten Frieden seines
Alters hingeben und er wird nichts ausrichten, nichts, nichts und wre
er ein Jesajas an Beredsamkeit, ein Simson an Kraft und ein Makkabus an
Mut. Ach, wir Feuerbachs sind ein gezeichnetes Geschlecht! Das Kainsmal
der Ruhelosigkeit bedeckt unsre Stirnen. Sinnlos wirtschaften wir mit
unsern Krften und unsern Vermgen, und wenn die berbleibsel noch
gerade bis zur Kirchhofsmauer reichen, ist es schon ein Glck. Es ist
uns nicht gegeben, einen harmlosen Spaziergang zu machen, wir mssen
immer gleich ein Ziel haben, wir knnen nicht atmen, ohne eines
wichtigen Zweckes zu gedenken, und in der Erwartung des nchsten Tages
entgleitet uns jede holde Gegenwart. So ist er, so bist du, so bin ich,
so sind wir alle. Ich habe noch nie an einer Rose gerochen, ohne darber
zu trauern, da sie morgen verwelkt sein wird, noch nie ein schnes
Bettelkind erblickt, ohne ber die Ungleichheit der Lose zu
spintisieren. Leb wohl, Bruder, der Himmel mache meine schlimmen
Ahnungen unwirklich.

So der Brief. Das darin zum Ausdruck gebrachte Mitrauen gegen den
Polizeileutnant wuchs schlielich dermaen, da Henriette alle mglichen
Anstrengungen machte, um den Vater mit Hickel zu entzweien. Es fruchtete
nichts, aber Hickel roch Lunte und zeigte in seinem Benehmen gegen die
Tochter des Prsidenten alsbald eine undurchdringliche, sliche
Liebenswrdigkeit. Als ihn Quandt aufsuchte und sich lebhaft darber
beklagte, da der Prsident sich von Hauser habe beschwatzen lassen und
dessen unbewachtes und unbehindertes Herumlaufen in der Stadt bewilligt
habe, sagte Hickel, das passe ihm nicht, er werde dem Staatsrat schon
den Kopf zurechtsetzen.

Er lie sich bei Feuerbach melden und trug ihm seine Bedenken gegen die
unerwnschte Maregel vor. Eure Exzellenz drften nicht berlegt haben,
welche Verantwortung Sie mir damit aufbrden, sagte er. Wenn ich keine
Kontrolle habe, wo der Mensch seine Zeit hinbringt, wie soll ich dann
fr seine Sicherheit Garantie bieten?

Larifari, knurrte Feuerbach; ich kann einen erwachsenen Menschen
nicht einsperren, damit Sie Ihre Nachmittagsstunden mit Gemtsruhe im
Kasino versitzen knnen.

Hickel heftete einen bsen Blick auf seine Hnde, antwortete aber mit
einer nicht bel gespielten Treuherzigkeit: Ich bin mir ja eines
Lasters bewut, das Eure Exzellenz so streng verurteilen. Immerhin, ein
Pltzchen mu der Mensch doch haben, wo er sich wrmen kann, sonderlich
wenn er ein Hagestolz ist. Wenn Sie in meiner Haut steckten, Exzellenz,
und ich in der Ihren, wrde ich milder ber einen geplagten Beamten
denken.

Feuerbach lachte. Was ist Ihnen denn ber die Leber gekrochen? fragte
er gutmtig. Haben Sie Liebeskummer? Er hielt den Polizeileutnant fr
einen groen Suitier.

In diesem Punkt, Exzellenz, bin ich leider zu hartgesotten, entgegnete
Hickel, obgleich ein Anla dafr vorhanden wre; seit einigen Tagen hat
unsre Stadt die Ehre, eine ganz ausgezeichnete Schnheit zu
beherbergen.

So? fragte der Prsident neugierig. Erzhlen Sie mal. Er hatte,
nicht zu leugnen, eine kleine naive Schwche fr die Frauen.

Die Dame ist bei Frau von Imhoff zu Besuch--

Jawohl, richtig, die Baronin sprach davon, unterbrach Feuerbach.

Sie wohnte zuerst im 'Stern', fuhr Hickel fort, ich ging ein paarmal
vorber und sah sie gedankenvoll am Fenster weilen, den Blick zum Himmel
aufgeschlagen wie eine Heilige; ich blieb dann immer stehen und schaute
hinauf, aber kaum da sie mich bemerkte, trat sie erschrocken zurck.

Na, das lass' ich mir gefallen, das heit gut beobachten, neckte der
Prsident, es ist also schon eine Art Einverstndnis geschaffen.

Leider nein, Exzellenz; offen gestanden, fr galante Abenteuer ist die
Zeit zu ernst.

Das sollt' ich meinen, besttigte Feuerbach, und das Lcheln erlosch
auf seinen Zgen. Er erhob sich und sagte energisch: Aber sie ist auch
reif, die Zeit. Ich gedenke am 28. April aufzubrechen. Sie nehmen vorher
Dispens vom Amt und stellen sich mir zur Verfgung.

Hickel verbeugte sich. Er schaute den Prsidenten erwartungsvoll an,
und dieser verstand den Blick. Ach so, sagte er. Ich mu Ihnen
allerdings zugeben, da es sein Untunliches hat, den Hauser sich selbst
zu berlassen. Anderseits ist es nicht billig, ihm die Welt vor der Nase
zuzuriegeln. Davon mag er genug haben. Durch Einbue an freiwilliger
Bettigung wird ein zum Leben gewandter Wille ebenso empfindlich
getroffen wie durch Ketten und Handfessel. Er konnte nicht einig mit
sich werden; wie immer dem Polizeileutnant gegenber fand er sich in
seinen Entschlssen beengt; es war ein Anprall von Kraft, Jugend, Klte
und Gewissenlosigkeit, dem er dabei unterlag.

Aber Eure Exzellenz kennen doch die Gefahren-- wandte Hickel ein.

Solange ich in dieser Stadt die Augen offen habe, wird niemand wagen,
ihm ein Haar zu krmmen, dessen seien Sie ganz gewi.

Hickel hob die Brauen hoch und betrachtete wieder die gestreckten Finger
seiner Hand. Und wenn er uns eines Tages ber alle Berge rennt? fragte
er finster. Dem ist manches zuzutrauen. Ich schlage vor, da man ihn
wenigstens des Abends und auf Spaziergngen berwachen lt. Bei
Besorgungen in der Stadt mag er im Notfall allein bleiben. Dem alten
Invaliden knnen wir den Laufpa geben, und ich will statt dessen meinen
Burschen abrichten. Er soll sich tglich um fnf Uhr nachmittags im
Lehrerhaus melden.

Das wre eine Lsung, sagte Feuerbach. Ist der Mann verllich?

Treu wie Gold.

Wie heit er?

Schildknecht; ist ein Bckerssohn aus dem Badischen.

Erledigt; sei es so.

Als Hickel schon unter der Tr war, rief ihn der Prsident noch einmal
zurck und schrfte ihm wegen der bevorstehenden gemeinsamen Reise
unbedingtes Stillschweigen ein. Hickel versetzte, einer solchen Mahnung
bedrfe es nicht.

Ich knnte die Reise keinesfalls allein unternehmen, sagte der
Prsident, ich brauche die Hilfe eines umsichtigen Mannes. Die
Gelegenheit mu sorgfltig ausgekundschaftet werden. Vorsicht ist
geboten. Vergessen Sie niemals, da ich Ihnen in dieser Sache einen
groen Beweis von Vertrauen gebe.

Er schaute den Polizeileutnant durchbohrend an. Hickel nickte
mechanisch. ber Feuerbachs Stirn senkte sich pltzlich eine Wolke
ahnungsvoller Sorge. Gehen Sie, befahl er kurz.




Die Reise wird angetreten


Am selben Abend suchte Hickel den Lehrer auf und teilte ihm mit, da der
Soldat Schildknecht von nun an den Hauser berwachen werde. Caspar war
nicht daheim, und auf die Frage nach ihm antwortete Quandt, er sei ins
Theater.

Schon wieder ins Theater! rief Hickel. Das dritte Mal seit vierzehn
Tagen, wenn ich recht zhle.

Er hat eine groe Vorliebe dafr gefat, erwiderte Quandt; beinahe
sein ganzes Taschengeld verwendet er dazu, um Billette zu kaufen.

Mit dem Taschengeld wird es, nebenbei bemerkt, nchstens hapern, sagte
der Polizeileutnant, der Graf hat mir diesmal nur die Hlfte des
vereinbarten Monatswechsels geschickt. Offenbar wird ihm die Sache zu
kostspielig.

Stanhope hatte von Anfang an die fr Caspar zu verwendenden Gelder an
Hickel gesandt.

Kostspielig? Dem Lord? Einem Pair der Krone Grobritannien? Diese
Lappalie kostspielig! Quandt ri vor Erstaunen die Augen auf.

Das erzhlen Sie nur keinem andern, sonst denkt man, Sie machen sich
lustig ber den Grafen, sagte die Lehrerin. Neugierig prfend schaute
sie den Polizeileutnant an. Dieser aalglatte und geschniegelte Mann war
ihr stets merkwrdig und reizvoll erschienen. Er brachte das bichen
Phantasie, das sie hatte, in Bewegung.

Kann nicht helfen, schlo Hickel unwirsch das Gesprch, es ist so.
Der Postzettel liegt bei mir zur Einsicht vor. Der Graf wird schon
wissen, was er tut.

Als Caspar nach Hause kam, fragte ihn Quandt, wie er sich unterhalten
habe. Gar nicht, es war soviel von Liebe in dem Stck, antwortete er
rgerlich. Ich kann das Zeug nun einmal nicht ausstehen. Da schwtzen
sie und jammern, da einem ganz dumm wird, und was ist das Ende? Es wird
geheiratet. Da will ich lieber mein Geld einem Bettler schenken.

Vorhin war der Herr Polizeileutnant hier und hat uns erffnet, da der
Graf Ihre Bezge erheblich gemindert hat, sagte Quandt. Sie werden
also alle Ausgaben berhaupt beschrnken und den Theaterbesuch, frchte
ich, ganz aufgeben mssen.

Caspar setzte sich zum Tisch, a sein Abendbrot und sagte lange nichts.
Schade, lie er sich endlich vernehmen, bernchste Woche ist der
'Don Carlos' von Schiller. Das soll ein herrliches Stck sein, das
mcht' ich noch sehen.

Wer hat Ihnen denn mitgeteilt, da es ein herrliches Stck ist? fragte
Quandt mit der nachsichtig berlegenen Miene des Fachmannes.

Ich hab' Frau von Imhoff und Frau von Kannawurf im Theater getroffen,
erklrte Caspar, beide haben es gesagt.

Die Lehrerin hob den Kopf: Frau von Kannawurf? Wer ist denn das nun
wieder?

Eine Freundin von der Imhoff, erwiderte Caspar.

Quandt besprach sich mit seiner Frau noch bis Mitternacht darber, wie
man sich in die vom Grafen getroffene Vernderung zu schicken habe. Es
wurde vereinbart, da Caspar von jetzt ab den Mittagstisch fr zehn und
den Abendtisch fr acht Kreuzer haben solle. Wenn das so ist, wie der
Polizeileutnant sagt, mu ich in jedem Fall draufzahlen, meinte die
Lehrerin.

Wir drfen nicht vergessen, da der Hauser im Essen und Trinken
wirklich beispiellos mig ist, versetzte Quandt, dessen Redlichkeit
sich gegen eine unrechtmige Beschrnkung strubte.

Macht nichts, beharrte die Frau, ich mu doch immer um so viel mehr
in der Kche haben, da ein Hungriger satt wird. Das krieg' ich nicht
geschenkt.

Am andern Nachmittag brachte Hickel das Monatsgeld. Er und Quandt traten
gerade in den Flur, als Caspar, zum Ausgehen fertig, aus seinem Zimmer
herunterkam. Vom Lehrer gefragt, wohin er gehe, antwortete er verlegen,
er wolle zum Uhrmacher, seine Uhr sei nicht in Ordnung, und er msse sie
richten lassen. Quandt verlangte die Uhr zu sehen, Caspar reichte sie
ihm, der Lehrer hielt sie ans Ohr, beklopfte das Gehuse, probierte, ob
sie aufzuziehen sei, und sagte schlielich: Der Uhr fehlt ja nicht das
mindeste.

Caspar errtete und sagte nun, er habe sich blo seinen Namen auf den
Deckel gravieren lassen wollen; doch er htte ein viel geschickterer
Heuchler sein mssen, um seinen Worten den Stempel der Ausflucht zu
nehmen. Quandt und Hickel sahen einander an. Wenn Sie einen Funken
Ehrgefhl im Leib haben, so gestehen Sie jetzt offen, wohin Sie gehen
wollten, sagte Quandt ernst.

Caspar besann sich und erwiderte zgernd, er habe die Absicht gehabt, in
die Orangerie zu gehen.

In die Orangerie? Warum? Zu welchem Zweck?

Der Blumen wegen. Es sind dort im Frhjahr immer so schne Blumen.

Hickel rusperte sich bedeutsam. Er blickte Caspar scharf an und sagte
ironisch: Ein Poet. Unter Blumen -- la mich seufzen... Dann nahm er
seine militrische Miene an und erklrte bndig, er habe den Prsidenten
bestimmt, die unbedacht gewhrte Erlaubnis zu freiem Ausgehen wieder zu
kassieren. Tglich um fnf Uhr werde sein Bursche antreten, und in
dessen Gesellschaft mge Caspar tun, was ihm beliebe.

Caspar blickte still auf die Gasse hinaus, wo die Frhlingssonne lag.
Es scheint-- murmelte er, stockte aber und sah ergeben vor sich hin.

_Was_ scheint? fragte der Lehrer. Nur heraus damit. Halbgesagtes
verbrennt die Zunge.

Caspar richtete die Augen forschend auf ihn. Es scheint, beendete er
den Satz, da beim Prsidenten doch recht behlt, wer zuletzt kommt.
Als er der Wirkung dieser bitteren Worte inne ward, htte er sie gern
wieder ungesprochen gemacht. Der Lehrer schttelte entsetzt den Kopf,
Hickel pfiff leise durch die gespitzten Lippen. Dann nahm er sein
Notizbuch, das zwischen zwei Knpfen seines Rockes stak, und schrieb
etwas auf. Caspar beobachtete ihn mit scheuen Blicken, es flackerte wie
ein Blitz ber seine Stirn.

Natrlich werde ich den Staatsrat von dieser unziemlichen Bemerkung
unterrichten, sagte Hickel in amtlichem Ton.

Als der Polizeileutnant gegangen war, bat Caspar den Lehrer, er mge ihn
doch ausnahmsweise heute fortlassen, weil so schnes Wetter sei. Es tut
mir leid, entgegnete Quandt, ich mu nach meiner Instruktion handeln.

Der Bursche Hickels erschien erst gegen halb sechs. Caspar begab sich
mit ihm auf den Weg nach dem Hofgarten, aber als sie hinkamen, war die
Orangerie schon geschlossen. Schildknecht schlug vor, am Onolzbach
entlang spazierenzugehen; Caspar schttelte den Kopf. Er stellte sich an
eines der offenen Fenster des Gewchshauses und blickte hinein.

Suchen Sie wen? fragte Schildknecht.

Ja, eine Frau wollte mich hier treffen, erwiderte Caspar. Macht
nichts, gehen wir wieder heim.

Sie kehrten um; als sie auf den Schloplatz gelangten, sah Caspar Frau
von Kannawurf, die in der Mitte des Platzes stand und einer groen
Menge von Spatzen Brosamen hinstreute. Caspar blieb auerhalb der
Sperlingsversammlung stehen; er schaute zu und verga ganz zu gren.
Die Ftterung war bald beendet, Frau von Kannawurf setzte den Hut wieder
auf, den sie am Band ber den Arm gehngt hatte, und sagte, sie sei
anderthalb Stunden lang im Gewchshaus gewesen.

Ich bin kein freier Mensch, kann nicht halten, was ich verspreche,
antwortete Caspar.

Sie gingen die Promenade hinunter, dann links gegen die Vorstadtgrten.
Schildknecht marschierte hinterdrein; der rotbackige kleine Mensch in
der grnen Uniform sah drollig aus. Der grte von den dreien war
berhaupt Caspar, denn auch Frau von Kannawurf hatte eine kindliche
Gestalt.

Nachdem sie lange Zeit schweigend nebeneinander her gewandert waren,
sagte die junge Frau: Ich bin eigentlich Ihretwegen in diese Stadt
gekommen, Hauser. Die ein wenig singende Stimme hatte einen fremden
Akzent, und whrend sie sprach, pflegte sie hie und da mit den Lidern zu
blinzeln, wie Leute tun, die ermdete Augen haben.

Ja, und was wollen Sie von mir? versetzte Caspar mehr unbeholfen als
schroff. Das haben Sie mir schon gestern im Theater gesagt, da Sie
meinetwegen gekommen sind.

Das ist Ihnen nichts Neues, denken Sie. Aber ich will nichts von Ihnen
haben, im Gegenteil. Es ist sehr schwer, im Gehen darber zu reden.
Setzen wir uns dort oben ins Gras.

Sie stiegen den Abhang des Nubaumberges hinan und lieen sich vor einer
Hecke auf den Rasen nieder. Ihnen gegenber sank die Sonne gegen die
Waldkuppen der schwbischen Berge. Caspar schaute andchtig hin, Frau
von Kannawurf sttzte den Ellbogen aufs Gras und sah in die violette
Luft. Schildknecht, als verstehe er, da seine Gegenwart nicht erwnscht
sei, hatte sich weit unterhalb auf einen umgestrzten Baum gesetzt.

Ich besitze ein kleines Gut in der Schweiz, begann Frau von Kannawurf,
ich habe es vor zwei Jahren gekauft, um mir in einem freien Land einen
Zufluchts- und Ruheplatz zu schaffen. Ich mache Ihnen den Vorschlag, mit
mir dorthin zu reisen. Sie knnen dort ganz nach Ihrem Wunsch leben,
ohne Belstigung und ohne Gefahr. Nicht einmal ich selbst werde Sie
stren, denn ich kann nirgends bleiben, es treibt mich immer woanders
hin. Das Haus liegt vollstndig einsam zwischen hohen Bergen im Tal und
an einem See. Nichts Groartigeres lt sich denken als der Anblick des
ewigen Schnees, wenn man dort im Garten unter den Apfelbumen sitzt. Da
es viel Schwierigkeiten und viel Zeit kosten wrde, wenn ich es
durchsetzen wollte, Sie vor aller Welt hinzubringen, bin ich dafr, da
Sie mit mir fliehen. Sie brauchen nur ja zu sagen und alles ist bereit.

Sie hatte Caspar jetzt das Gesicht voll zugewandt, und dieser kehrte den
etwas geblendeten Blick von dem roten Sonnenball weg und schaute sie an.
Er htte von Holz sein mssen, um diesem wunderschnen Antlitz gegenber
unempfindlich zu bleiben, und ganz von selbst, und als ob er ihr gar
nicht zugehrt htte, fielen die verwunderten Worte von seinen Lippen:
Sie sind aber sehr schn.

Frau von Kannawurf errtete. Es gelang ihr nicht, hinter ihrem
spttischen Lcheln ein schmerzliches Gefhl zu verbergen. Ihr Mund, der
etwas Kindlich-Ses hatte, zuckte bestndig, wenn sie schwieg. Caspar
geriet in Verwirrung unter ihrem erstaunten Blick und sah wieder in die
Sonne.

Sie antworten mir nicht? fragte Frau von Kannawurf leise und
enttuscht.

Caspar schttelte den Kopf. Es ist unmglich zu tun, was Sie von mir
wollen, sagte er.

Unmglich? warum? Frau von Kannawurf richtete sich jh auf.

Weil ich dort nicht hingehre, sagte Caspar fest.

Das junge Weib sah ihn an. Ihr Gesicht hatte den Ausdruck eines
aufmerksamen Kindes und wurde nach und nach so bla wie der Himmel ber
ihnen. Wollen Sie sich denn opfern? fragte sie starr.

Weil ich dorthin mu, wo ich hingehre, fuhr Caspar unbeirrt fort und
blickte immer noch gegen die Stelle, wo die Sonne jetzt verschwunden
war.

Ihn zu meinem Plan zu bekehren, ist vergeblich, dachte Frau von
Kannawurf sogleich; groer Gott, wie wahr, wie einfach alles vor ihm
liegt: ja -- nein, schn -- hlich; er betrachtet die Dinge nur von oben.
Und wie sein Gesicht grenzenlose Gte mit einer naiven und zrtlichen
Traurigkeit vereint; man ist benommen und erstaunt, wenn man ihn
anschaut.

Was aber wollen Sie tun? fragte sie zaudernd.

Ich wei es noch nicht, entgegnete er wie im Traum und verfolgte mit
den Augen eine Wolke, welche die Gestalt eines laufenden Hundes hatte.

Also was man mir berichtet hat, ist falsch; er frchtet sich ja gar
nicht, dachte das junge Weib. Sie erhob sich und ging ungestm voraus,
den Hgel hinunter an Schildknecht vorbei, der zu schlafen schien. Man
mu ihn schtzen, dachte sie weiter, er ist imstande und rennt in sein
Verderben; was er tun wird, wei er nicht, natrlich, er ist
wahrscheinlich nicht fhig, einen Plan zu machen, aber er wird handeln,
er trgt eine Tat mit sich herum und wird vor nichts mehr
zurckschrecken; es ist nicht schwer, ihn zu erraten, obwohl er aussieht
wie das Schweigen selbst.

Sie blieb stehen und wartete auf Caspar. Ei, Sie knnen ordentlich
laufen, sagte er bewundernd, als er wieder an ihrer Seite war.

Die frische Luft macht mich ein bichen wild, antwortete sie und holte
tief Atem.

Als Frau von Kannawurf und Caspar durch den Torbogen des Herrieder
Turmes gingen, sahen sie pltzlich neben einem leeren Schilderhuschen
den Polizeileutnant. Und beide blieben unwillkrlich stehen, denn der
Anblick hatte etwas Erschreckendes. Hickel lehnte nmlich mit der
Schulter gegen das Huschen und sah aus wie zur Bildsule erstarrt.
Trotz der Dunkelheit konnte man wahrnehmen, da sein Gesicht aschfahl
war, und es lag ber seinen Zgen eine bleierne Dsterkeit. Hinter ihm
stand sein Hund, eine groe graue Dogge; das Tier war genau so
regungslos wie sein Herr und blickte unverwandt an ihm empor.

Caspar zog grend den Hut; Hickel bemerkte es nicht. Frau von Kannawurf
sah noch einmal zurck und flsterte frstelnd: Wie furchtbar! Was fr
ein Mann! Was mag ihn peinigen!

War es denkbar, da der Polizeileutnant, etwa durch neue Spielverluste
in Verzweiflung gebracht, sich so weit vergessen konnte, da er,
wennschon durch die Dunkelheit und einen Mauerwinkel geschtzt, auf
offener Gasse das Schauspiel eines vom Krampf Befallenen darbot? Das ist
den Spielern sonst nicht eigen; sie berschlafen ihren Unglcksrausch
und geben sich kaltbltig dem tckischen Zufall von neuem in die Hnde.
Aber Spieler pflegen skrupellos zu sein; setzen sie nicht Geld auf
Karten, so setzen sie auf Seelen, und dabei kann es sich wohl ereignen,
da ihnen der Teufel eine grliche Schuldverschreibung vorhlt, die sie
mit ihrem Blut unterzeichnen mssen.

Als Hickel am Nachmittag nach Hause gekommen war, trat ihm vor der Tr
seiner Wohnung ein unbekannter Mann entgegen, bergab ihm ein
versiegeltes Schreiben und verschwand wieder, ohne gesprochen zu haben.
Der erfahrene Blick des Polizeileutnants konnte nicht im unklaren
darber bleiben, da der Mensch falsches Haar und falschen Bart getragen
hatte. Der Brief, den Hickel sogleich ffnete, war chiffriert; seine
Entzifferung kostete, trotzdem der Schlssel bekannt war, den Rest des
Nachmittags. Der Inhalt des Schreibens bezog sich auf die mit dem
Prsidenten gemeinschaftlich anzutretende Reise. Hickel las, las und las
wieder. Er hatte schon beim ersten Male verstanden, aber er las, um
nicht denken zu mssen.

Punkt sieben Uhr erhob er sich vom Schreibtisch und ging zehn Minuten
lang pfeifend im Zimmer auf und ab. Sodann ffnete er ein
Glasschrnkchen, nahm eine Flasche mit Whisky heraus, die er vom Grafen
Stanhope geschenkt erhalten hatte, fllte ein nettes silbernes
Becherchen damit und trank es in einem Zuge leer. Hierauf griff er zur
Brste, reinigte den Rock, danach hing er den Sbel um und um halb acht
verlie er mit dem Hund seine Wohnung. Er schien gutgelaunt, denn er
pfiff und summte noch immer vor sich hin und knipste hier und da mit den
Fingern. Doch unter dem Bogen des Herrieder Turmes blieb er auf einmal
stehen und sah angelegentlich zur Erde nieder. Ein durchfahrender
Handwagen stie ihn an der Hfte an, deshalb ging er ein paar Schritte
weiter bis zum Schilderhause um die Ecke. Dort gewahrte ihn das
heimkehrende Paar.

Es wrde einen ungengenden Einblick in den Charakter des
Polizeileutnants beweisen, wenn man annehmen wollte, da diese
Sinnesverdunklung lnger gedauert habe, als gemeinhin eine
vorbergehende Blutleere im Kopf dauert. Um acht Uhr sa er schon mit
einigen Kollegen beim Fischessen in der Goldenen Gabel und um neun Uhr
war er im Kasino; sollte diese genaue Stundenangabe etwas Verdrieliches
haben, so sei hinzugefgt, da er in der Zeit von neun bis vier Uhr
berhaupt keinen Glockenschlag mehr, sondern nur noch das eintnige
Knistern der Spielkarten vernahm. Er gewann. Auf dem Heimweg durch die
grauende Frhe passierte dann das Auffllige, da er vor dem
Sterngasthof in der Mitte der Strae Halt machte, den Sbel an das Bein
prete und einen langen, saugenden Blick gegen dasselbe Fenster
hinaufschickte, hinter dem er einst die schne Fremde gesehen hatte.

Am Morgen schlief er lange, und als der Bursche mit dem Rapport kam,
hrte er kaum zu. Schildknecht war verpflichtet, jeden Morgen Bericht
zu erstatten, wo er den Nachmittag oder Abend vorher mit Caspar gewesen.
Fast jedesmal hie es von nun ab: wir haben die Frau von Kannawurf
abgeholt, oder: die Frau von Kannawurf ist uns begegnet und wir sind
spazierengegangen, oder bei Regenwetter: wir sind im Imhoffschen Garten
in der Laube gesessen. Dieses Wir hatte aber in Schildknechts Mund
einen sehr bescheidenen Klang; er sprach von Caspar stets mit
achtungsvoller Zurckhaltung. Da er die Wahrnehmung machte, da sein
Herr die Berichte ber das regelmige Beisammensein der beiden mit
Unruhe aufnahm, wute er in seinen Ton etwas wie eine Versicherung von
Harmlosigkeit zu legen, fgte zum Beispiel hinzu: sie haben viel ber
das Wetter gesprochen, oder: sie haben sich ber gebildete Sachen
unterhalten. Solche Einzelheiten erfand er, denn in Wirklichkeit hielt
er sich jedesmal in einer taktvollen Entfernung hinter den beiden.

Hickel begann dem jungen Menschen zu mitrauen.

Eines Abends erwischte er ihn, wie er in einem Winkel der Kche hockte,
eine Kerze vor sich, und mit dem Zeigefinger buchstabierend ber die
Zeilen eines Buches glitt. Als er sich gestrt fand, war er wie
entgeistert, seine roten Backen hatten die Farbe verloren. Hickel nahm
das Buch, und sein Gesicht wurde finster wie die Nacht, als er sah, da
es die Feuerbachsche Schrift war. Woher hat Er das? schrie er
Schildknecht an. Der Bursche erwiderte, er habe es auf dem Bcherschrank
des Herrn Leutnant gefunden. Das ist eine widerrechtliche Aneignung,
ich werde Ihn davonjagen und disziplinieren lassen, wenn so etwas
nochmal vorkommt, merk' Er sich das! donnerte Hickel.

Wahrscheinlich htte die erstbeste Seerubergeschichte die Neugier des
Tlpels ebenso gereizt, sagte sich Hickel spter und erklrte sein
Aufbrausen fr eine Unbesonnenheit. Gleichwohl witterte er Gefahr, der
Bursche war nicht nach seinem Sinn, und er beschlo, sich seiner zu
entledigen. Ein Anla ergab sich bald.

Als Schildknecht tags darauf Caspar abholte, merkte er, da dieser
verstimmt war. Er suchte ihn aufzuheitern, indem er ein paar lustige
Schnurren aus dem Kasernenleben vorbrachte. Caspar ging auf die
Unterhaltung ein, er fragte den zutraulichen Menschen nach seiner
Heimat, nach seinen Eltern, und Schildknecht bemhte sich, auch davon
mglichst gutgelaunt zu erzhlen, obschon es ein trauriges Kapitel fr
ihn war. Er hatte eine Stiefmutter gehabt, der Vater hatte ihn in frher
Jugend unter fremde Leute gegeben, kaum war er von Hause fort, so hatte
ein Liebhaber der Frau den Vater im Raufhandel erschlagen. Jetzt sa der
Liebhaber samt der Frau im Zuchthaus, und die Brder hatten das Vermgen
durchgebracht.

Schildknecht wagte zu fragen, weshalb Caspar heute seine Freundin nicht
treffe.

Sie geht ins Theater, antwortete Caspar.

Warum denn er nicht gehe, fragte Schildknecht weiter.

Er habe kein Geld.

Kein Geld? Wieviel braucht man denn dazu?

Sechs Groschen.

Soviel hab' ich grad' bei mir, meinte Schildknecht, ich leih's
Ihnen.

Caspar nahm das Anerbieten mit Vergngen an. Es wurde nmlich der Don
Carlos gegeben, auf den er sich schon lange gefreut hatte.

Das Stck erregte mit Ausnahme des verrckten Frauenzimmers, das den
Prinzen verfhren will, sein Entzcken. Und wie ward ihm, als der
Marquis zum Knig sprach:

        Sie haben umsonst
    Den harten Kampf mit der Natur gerungen,
    Umsonst ein groes knigliches Leben
    Zerstrenden Entwrfen hingeopfert.
    Der Mensch ist mehr, als Sie von ihm gehalten.
    Des langen Schlummers Bande wird er brechen
    Und wiederfordern sein geheiligt Recht.

Er erhob sich von seinem Platz, starrte gierig, mit funkelnden Augen auf
die Bhne und enthielt sich nur mit Mhe eines lauten Ausrufs. Zum Glck
wurde die Strung in der herrschenden Dunkelheit nicht weiter beachtet;
sein Nachbar, ein bser alter Kanzleirat, zerrte ihn grob auf den Sitz
zurck.

Das Ausbleiben ber den Abend hatte zunchst ein Verhr durch den Lehrer
zur Folge. Er gestand, im Schlotheater gewesen zu sein. Woher haben
Sie Geld? fragte Quandt. Caspar erwiderte, er habe das Billett
geschenkt bekommen. Von wem? Gedankenlos, noch ganz gefangen von der
Dichtung, nannte Caspar irgendeinen Namen. Quandt erkundigte sich am
andern Tag, erfuhr selbstverstndlich, da ihn Caspar belogen hatte, und
stellte ihn zur Rede. In die Enge getrieben, bekannte Caspar die
Wahrheit, und Quandt machte dem Polizeileutnant Mitteilung.

Um fnf Uhr nachmittags ertnte im Hof vor Caspars Fenster der
wohlbekannte Pfiff, zwei melodische Triolen, mit denen sich
Schildknecht zu melden pflegte. Caspar ging hinunter.

Es ist aus mit uns beiden, sagte Schildknecht zu ihm, der
Polizeileutnant hat mich entlassen, weil ich Ihnen das Geld geliehen
hab'. Ich mu jetzt wieder Kasernendienst tun.

Caspar nickte trbselig. So geht mir's eben, murmelte er, sie
wollen's nicht leiden, wenn einer zu mir hlt. Er reichte Schildknecht
die Hand zum Abschied.

Hren Sie mal zu, Hauser, sagte Schildknecht eifrig, ich will jede
Woche zwei- oder dreimal, berhaupt wenn ich frei bin, dahier in den Hof
kommen und meinen Pfiff pfeifen. Vielleicht brauchen Sie mich mal. Warum
nicht, kann ja mglich sein.

Es lag in den Worten eine ber alle Maen tiefe Herzlichkeit. Caspar
richtete den aufmerksamen Blick in Schildknechts freundlich lchelndes
Gesicht und erwiderte langsam und bedchtig: Es kann mglich sein, das
ist wahr.

Topp! Abgemacht! rief Schildknecht.

Sie gingen durch den Flur nach der Strae. Vor dem Tor stand ein
Amtsdiener, und da er Caspars ansichtig wurde, sagte er, er habe ihn
gesucht, der Herr Staatsrat schicke ihn her, Caspar solle gleich
hinkommen. Caspar fragte, was es gbe. Der Herr Staatsrat reist um
sechs Uhr mit dem Herrn Polizeileutnant ab und will noch mit Ihnen
sprechen, antwortete der Mann.

Caspar machte sich auf den Weg. Ein paar hundert Schritte vom Lehrerhaus
entfernt konnte er nicht weiter. Ein Ziegelwagen war vor dem Einfahren
in ein Tor mit gebrochener Radachse umgestrzt und versperrte die Gasse.
Caspar wartete eine Weile, kehrte dann um und mute nun durch die
Wrzburger Strae und ber die Felder. Infolgedessen kam er zu spt. Als
er vor dem Feuerbachschen Garten anlangte, war der Prsident schon
weggefahren. Henriette und der Hofrat Hofmann standen am Gartentor und
nahmen Caspars triftige Entschuldigung schweigend auf. Henriette hatte
verweinte Augen. Sie blickte lange die Gasse hinunter, wo der Wagen
verschwunden war, dann drehte sie sich wortlos um und schritt gegen das
Haus.




Schildknecht


Der Mai brachte viel Regen. Wenn das Wetter es irgend erlaubte,
wanderten Caspar und Frau von Kannawurf ganze Nachmittage lang durch die
Umgegend. Caspar vernachlssigte pltzlich sein Amt. Auf Vorhaltungen
entgegnete er: Ich bin der dummen Schreiberei berdrssig. Was ihm von
den magebenden Personen hchlichst verbelt wurde.

Der von Hickel neuaufgenommene und fr die Dauer seiner Abwesenheit
streng unterwiesene Bursche ward gleich zu Anfang so lstig, da sich
Frau von Kannawurf beim Hofrat Hofmann darber beschwerte. Weniger aus
Einsicht als um der schnen Frau gefllig zu sein, gestattete der
Hofrat, da Caspar seine Spaziergnge mit ihr allein unternehme.
Hoffentlich entfhren Sie mir den Hauser nicht, sagte er mit seinem
fiskalisch-schlauen Lcheln zu der Sprachlosen.

Nun aber machte wieder Quandt Schwierigkeiten. Ich bestehe auf meiner
Instruktion, war sein eisernes Sprchlein. Eines Morgens erschien daher
Frau von Kannawurf in der Studierstube des Lehrers und stellte ihn khn
zur Rede. Quandt konnte ihr nicht ins Gesicht sehen; er war vollkommen
verdattert und wurde abwechselnd rot und bla. Ich bin ganz zu Ihren
Diensten, Madame, sagte er mit dem Ausdruck eines Menschen, der sich
auf der Folter zu allem entschliet, was man von ihm haben will.

Frau von Kannawurf schaute sich mit gelassener Neugier im Zimmer um.
Wie verhalten Sie sich eigentlich innerlich zu Caspar? fragte sie auf
einmal. Lieben Sie ihn?

Quandt seufzte. Ich wollte, ich knnte ihn so lieben, wie seine
achtungswerten Freunde glauben, da er es verdient, antwortete er
meisterhaft verschnrkelt.

Frau von Kannawurf erhob sich. Wie soll ich das verstehen? brach sie
leidenschaftlich aus, wie kann man ihn nicht lieben, ihn nicht auf
Hnden tragen? Ihr Gesicht glhte, sie trat dicht vor den erschrockenen
Lehrer hin und sah ihn drohend und traurig an.

Doch sie besnftigte sich schnell und sprach nun von andern Dingen, um
den ihr erstaunlichen Mann besser kennen zu lernen. Ihr war jeder Mensch
ein Wunder und fast alles, was Menschen taten, etwas Wunderbares.
Deshalb erreichte sie selten ein vorgesetztes Ziel. Sie verga sich und
berschritt die Grenze, die ein oberflchlicher Verkehr bedingt.

Quandt rgerte sich nachher grndlich ber seine nachgiebige Haltung.
Was mag denn da wieder dahinter stecken? grbelte er. So oft die
kleinen Briefchen von Frau von Kannawurf an Caspar kamen, ffnete er
und las sie, ehe er sie dem Jngling gab. Er brachte nichts heraus; der
Inhalt war zu unverfnglich. Wahrscheinlich verstndigen sie sich in
irgendeiner Geheimsprache, dachte Quandt und stellte gewisse
wiederkehrende Phrasen zusammen in der Hoffnung, damit den Schlssel zu
finden. Caspar wehrte sich gegen diese Eingriffe, worauf Quandt ihm mit
ungewhnlicher Beredsamkeit das Recht der Erzieher auf die Korrespondenz
ihrer Pfleglinge bewies.

Schlielich bat Caspar seine Freundin, ihm nicht mehr zu schreiben. So
unverfnglich wie die Briefe htte der Lehrer auch, wenn er unsichtbar
die beiden htte belauschen knnen, ihre Gesprche gefunden. Es kam vor,
da sie stundenlang ohne zu reden nebeneinander her gingen. Ist es
nicht schn im Wald? fragte dann die junge Frau mit dem innigsten Klang
ihrer sen Stimme und einem kleinen, vogelhaft zwitschernden Lachen.
Oder sie pflckte eine Blume vom Wiesenrain und fragte: Ist das nicht
schn?

Es ist schn, antwortete Caspar.

So trocken, so ernsthaft?

Da es schn ist, wei ich noch nicht gar lange, bemerkte Caspar tief,
das Schne kommt zuletzt.

Ihn machte der Frhling diesmal glcklich. Mit jedem Atemzug fhlte er
sich eigentmlich bevorzugt. Wahrhaftig, da es schn war, hatte er bis
jetzt noch nie bedacht. Die seiende Welt schlang sich wie ein Kranz um
ihn. Solang die Sonne am blauen Himmel stand, leuchteten seine Augen in
verwundertem Glck. Er ist wie ein Kind, das man nach langer Krankheit
zum erstenmal in den Garten fhrt, sagte sich Frau von Kannawurf. Ihr
gtiges Herz klopfte hher bei dem Gedanken, da sie vielleicht nicht
ohne Einflu auf diese Stimmung war. Bisweilen wand sie junges Waldlaub
um seinen Hut, und dann sah er stolz aus. Aber er war doch immer in sich
gekehrt und immer so verhalten, als ringe er mit einem groen Entschlu.

Eines Tages kamen sie berein, da er sie einfach Clara und sie ihn
Caspar nennen solle. Sie amsierte sich ber die geschftsmige
Gesetztheit, mit der er seinerseits diesen Vertrag einhielt. Er
belustigte sie berhaupt oft, besonders wenn er ihr kleine
Moralpredigten hielt oder etwas, was er frauenzimmerlich nannte,
gergert tadelte. Er ermahnte sie auch, nicht gar so viel herumzulaufen
und ihre Gesundheit zu schonen. Nun sah es ja manchmal wirklich aus, als
habe sie die Absicht, sich zu ermden und zu erschpfen. Eine ihrer
Leidenschaften bestand darin, auf Trme zu steigen; auf dem Turm der
Johanniskirche wohnte ein alter Glckner, ein weiser Mann in seiner Art,
durch lange Einsamkeit beschaulich und sanft geworden; sie scheute nicht
die Anstrengung der vielen hundert Stufen und lief oft zweimal tglich
zu dem Alten hinauf, plauderte mit ihm wie mit einem Freund oder lehnte
ber die eiserne Brstung der schmalen Galerie und schaute ber das Land
in die Fernen. Der Glckner hatte sie auch so ins Herz geschlossen, da
er zu gewissen Abendstunden nach der Richtung des Imhoffschlchens
verabredete Zeichen mit seiner Laterne gab.

Jeden Tag machte sie neue Reiseplne, denn sie gefiel sich nicht in der
kleinen Stadt. Caspar fragte, warum sie denn so fortdrnge, aber darber
wute sie im Grund keinen Aufschlu zu geben. Ich darf nicht wurzeln,
sagte sie, ich werde unglcklich, wenn ich zufrieden bin, ich mu immer
auf Entdeckungsfahrten gehen, ich mu Menschen suchen. Sie blickte
Caspar zrtlich an, indes ihr kleiner Mund unaufhrlich zuckte.

Einmal, und das war das einzige Mal berhaupt, da davon gesprochen
wurde, erwhnte sie der Feuerbachschen Schrift. Caspar griff nach ihrer
Hand, die er mit sonderbarer Kraft so stark prete, als wolle er damit
das Wort zerquetschen, das er vernommen. Frau von Kannawurf stie einen
leisen Schrei aus.

Es war schon Abend; sie gingen noch bis zu der Straenkreuzung, an der
sie sich gewhnlich voneinander trennten. Da sagte Frau von Kannawurf
rasch und eindringlich, indem sie sich nah zu ihm stellte und auf seine
Stirn starrte: Also wollen Sie es auf sich nehmen?

Was? entgegnete er mit sichtlichem Unbehagen.

Alles--?

Ja, alles, sagte er dumpf, aber ich wei nicht, ich bin ja ganz
allein.

Natrlich allein, aber etwas andres wnschen Sie doch gar nicht. Allein
wie im Kerker, das ist es eben, nur nicht mehr drunten, sondern
droben-- Sie konnte nicht weiterreden, er legte die eine Hand auf ihren
Mund und die andre auf den seinen. Dabei glnzten seine Augen beinahe
voll Ha. Pltzlich dachte er mit einer Art freudiger Bestrzung: ob
meine Mutter so hnlich ist wie diese da? Er hatte ein durstiges und
brennendes Gefhl auf den Lippen, und es war zugleich etwas in ihm,
wovor ihn widerte. Ich geh' jetzt heim, stie er mit wunderlichem
Unwillen hervor und entfernte sich voll Eile.

Frau von Kannawurf sah ihm nach, und als die Dunkelheit schon lngst
seine Gestalt verschlungen hatte, heftete sie noch die groen
Kinderaugen in die Richtung seines Weges. Es war ihr furchtbar bang ums
Herz. Er ist sicher der mutigste aller Menschen, dachte sie, er ahnt
nicht einmal, wieviel Mut er besitzt; was bewegt mich doch so sehr, wenn
ich mit ihm rede oder schweige? Warum ngstigt's mich so, wenn ich ihn
sich selbst berlassen wei?

Sie ging heimwrts und brauchte zu einem Weg von wenig mehr als tausend
Schritten ber eine halbe Stunde. Im Westen leuchteten Blitze wie
feurige Adern.

Caspar hatte sich frhzeitig zu Bett begeben. Es mochte ungefhr vier
Uhr morgens sein, da wurde er durch einen lauten Ruf aufgeweckt. Es war
auf der Strae auerhalb des Hofs, und die Stimme rief: Quandt!
Quandt!

Caspar, noch im Halbschlaf, glaubte die Stimme Hickels zu erkennen. Es
wurde irgendwo ein Fenster geffnet, der von der Strae sagte etwas, was
Caspar nicht verstehen konnte, bald hernach ging eine Tr im Haus. Es
blieb dann eine Weile ruhig. Caspar legte sich auf die Seite, um
weiterzuschlafen, da pochte es an seine Zimmertr. Was gibt's? fragte
Caspar.

Machen Sie auf, Hauser! antwortete Quandts Stimme.

Caspar sprang aus dem Bett und schob den Riegel zurck. Quandt,
vollstndig angekleidet, trat auf die Schwelle. Sein Gesicht sah im
Morgengrauen grnlich fahl aus.

Der Prsident ist tot, sagte er.

In einem schwindelnden Gefhl setzte sich Caspar auf den Bettrand.

Ich bin im Begriff hinzugehen, wenn Sie sich anschlieen wollen, machen
Sie rasch, fuhr Quandt murmelnd fort.

Caspar schlpfte in die Kleider; er war wie betrunken.

Zehn Minuten darauf schritt er neben Quandt auf dem Weg zur
Heiligenkreuzgasse. Im Garten vor dem Feuerbachschen Haus standen Leute,
die halb verschlafen, halb bestrzt aussahen. Ein Bckerjunge sa auf
der Treppe und heulte in seine weie Schrze hinein. Glauben Sie, da
man nach oben darf? fragte Quandt den Schreiber Dillmann, der mit
ingrimmigem Gesicht und tief in die Stirn gedrcktem Hut auf und ab
ging.

Die Leiche ist ja noch gar nicht in der Stadt, sagte ein alter
Artilleriehauptmann, an dessen Schnurrbart kleine Regentropfen hingen.

Das wei ich, entgegnete Quandt, und er folgte etwas beklommen Caspar,
der ins Haus eingetreten war. Im unteren Stock standen alle Tren offen.
In der Kche saen zwei Mgde vor einem Haufen Holz, das zu Scheiten
geschlagen war. Sie schienen angstvoll zu horchen. Caspar und Quandt
vernahmen eine durchdringende Stimme, die sich nherte. Sie sahen
alsbald eine weibliche Gestalt mit hochgehobenen Armen durch eines der
Zimmer laufen. Sie schrie vor sich hin wie rasend.

Die Unglckliche, sagte Quandt verstrt.

Es war Henriette. Ihr Geschrei dauerte ununterbrochen fort, bis einige
Damen erschienen, darunter Frau von Stichaner. Quandt begab sich mit
Caspar an die Schwelle des Staatsgemachs. Die Frauen bemhten sich um
Henriette, sie aber stie jede mit den Fusten von sich. Ich hab's
gewut, schrie sie, ich hab's gewut, sie haben ihn mir vergiftet,
haben ihn vergiftet! Ihre Augen waren blutunterlaufen, und ihr Blick
war rot. Sie strmte in ein andres Zimmer, das lose Nachtgewand
flatterte hinter ihr, und immer gellender schallte ihr Geschrei: Sie
haben ihn vergiftet! vergiftet! vergiftet!

Caspar hatte keinen andern Ruhepunkt fr sein Auge als das Napoleonbild,
dem er gegenberstand. Es kam ihm vor, als msse der gemalte Kaiser
schon mde sein von der unablssigen majesttischen Drehung, die sein
Hals machte.

Lassen Sie uns gehen, Hauser, sagte Quandt, es ist zuviel des
Jammers.

Im Flur stand der Regierungsprsident Mieg im Gesprch mit Hickel. Der
Polizeileutnant berichtete alle Einzelheiten der Katastrophe. In
Ochsenfurt am Main habe Seine Exzellenz ber Unwohlsein geklagt und sei
zu Bett gegangen; in der Nacht habe er gefiebert, der gerufene Arzt habe
ihm zur Ader gelassen und habe behauptet, die Krankheit sei
bedeutungslos. Am Morgen darauf sei pltzlich das Ende eingetreten.

Und welcher Ursache schrieb der Arzt seinen Tod zu? erkundigte sich
Herr von Mieg und verbeugte sich gleichzeitig, da Frau von Imhoff und
Frau von Kannawurf an seine Seite traten. Frau von Imhoff weinte.

Hickel zuckte die Achseln. Er glaubte an Herzschwche, erwiderte er.

Ungeachtet des frhen Morgens war schon die ganze Stadt auf den Beinen.
ber dem Dach des Appellgerichts wehten zwei schwarze Fahnen.

Caspar blieb den Tag ber in seinem Zimmer. Niemand strte ihn. Er lag
auf dem Sofa, die Hnde unterm Kopf, und starrte in die Luft. Spt
nachmittags bekam er Hunger und ging in die Wohnstube. Quandt war nicht
da. Die Lehrerin sagte: Um vier Uhr ist die Leiche angekommen; Sie
sollten eigentlich hingehen, Hauser, und ihn nochmal sehen, bevor er
begraben wird.

Caspar wrgte an einem Stck Brot und nickte.

Sehen Sie, wie recht ich damals hatte mit den Totenweibern, fuhr die
Lehrerin geschwtzig fort, aber die Mnner denken immer, alles geht so,
wie sie's ausrechnen.

Der Flur des Feuerbachschen Hauses war angefllt von Menschen. Caspar
drckte sich in einen Winkel und stand eine Weile unbeachtet. Er
zitterte an allen Gliedern. Der eigentmliche Geruch, der im Hause
herrschte, benahm ihm die Sinne. Da sprte er sich bei der Hand gepackt.
Aufschauend, erkannte er Frau von Imhoff. Sie gab ihm ein Zeichen, ihr
zu folgen. Sie fhrte ihn in ein groes Zimmer, in dessen Mitte der Tote
aufgebahrt war. Drei Shne Feuerbachs saen zu Hupten des Vaters,
Henriette lag regungslos ber die Leiche hingeworfen. Am Fenster standen
der Hofrat Hofmann und der Archivdirektor Wurm. Sonst war niemand im
Zimmer.

Das Gesicht des Toten war gelb wie eine Zitrone. Um die Winkel des
scharfen, verbissenen Mundes hatten sich groe Muskelknoten gebildet.
Das schiefergraue Kopfhaar glich einem kurzgeschorenen Tierfell. Es war
nichts mehr von Gre in diesen Zgen, nur zhneknirschender Schmerz und
eine unmenschliche, eisige Angst.

Caspar hatte noch nie einen Toten gesehen. Sein Gesicht bekam einen
qualvoll-wibegierigen Ausdruck, die Augpfel drehten sich in die
Winkel, und mit allen zehn Fingern umkrampfte er Kinn und Mund. Sein
ganzes Herz lste sich in Trnen auf.

Henriette Feuerbach erhob den Kopf von der Bahre, und als sie den
Jngling sah, verzerrten sich ihre Zge grlich. Deinetwegen hat er
sterben mssen! schrie sie mit einer Stimme, vor der alle erbebten.

Caspar ffnete die Lippen. Weit nach vorn gebeugt, starrte er das
halbwahnsinnige Weib an. Zweimal klopfte er sich mit der Hand gegen die
Brust -- er schien zu lachen--, pltzlich gab er einen dumpfen Laut von
sich und strzte ohnmchtig zu Boden.

Alle waren erstarrt. Die Shne des Prsidenten waren aufgestanden und
schauten bekmmert auf den am Boden liegenden Jngling. Direktor Wurm
eilte, als er sich gefat hatte, zur Tr, wahrscheinlich um einen Arzt
zu rufen. Der besonnene Hofrat hielt ihn zurck und meinte, man solle
kein unntiges Aufsehen machen. Frau von Imhoff kniete neben Caspar und
befeuchtete seine Schlfe mit ihrem Riechwasser. Er kam langsam zu sich,
doch dauerte es eine Viertelstunde, bis er sich erheben und gehen
konnte. Frau von Imhoff begleitete ihn hinaus. Damit sie sich nicht
durch die Menge der Besucher im Korridor zu drngen brauchten, fhrte
sie ihn ber eine Hintertreppe in den Garten und anerbot sich, ihn nach
Haus zu bringen. Nein, sagte er unnatrlich leise, ich will allein
gehen. Er steckte seine Nase in die Luft und schnffelte unbewut. Sein
Puls ging so schnell, da die Adern am Hals frmlich flogen.

Er entwand sich dem liebreichen Zuspruch der jungen Frau und ging mit
trgen Schritten gegen die Hauptallee des Gartens. Vor dem Portal stie
er auf den Polizeileutnant. Nun, Hauser! redete ihn Hickel an.

Caspar blieb stehen.

Zur Trauer haben Sie gegrndeten Anla, sagte Hickel mit unheilvoller
Betonung, denn wer wird eines Feuerbach gewichtiges Frwort ersetzen?

Caspar antwortete nichts und schaute gleichsam durch den Polizeileutnant
hindurch, als ob er aus Glas wre.

Guten Abend, ertnte da eine glockenhelle Stimme, die Caspar wundersam
berhrte. Frau von Kannawurf trat an seine Seite. Hickels Gesicht wurde
um eine Schattierung bleicher. Gndigste Frau, sagte er mit einer
Galanterie, die sich krampfhaft ausnahm, darf ich die Gelegenheit
benutzen, Ihnen meine ungemessene Verehrung zu Fen zu legen?

Frau von Kannawurf trat unwillkrlich einen Schritt zurck und sah
erschrocken aus.

Der Polizeileutnant hatte die Miene eines Menschen, der sich in ein
tiefes Wasser strzt. Er beugte sich nieder, und ehe Frau von Kannawurf
es hindern konnte, packte er ihre Hand und drckte einen Ku darauf,
und zwar mit den nackten Zhnen; als er sich aufrichtete, waren seine
Lippen noch getrennt. Ohne eine Silbe weiter zu sprechen, eilte er
davon.

Mit weiten Augen blickte ihm Frau von Kannawurf nach. Grauenhaft ist
mir der Mensch, flsterte sie. Caspar blieb vllig teilnahmlos. Frau
von Kannawurf begleitete ihn schweigend nach Hause.

Als er in seinem Zimmer war, bekamen seine Augen einen geisterhaften
Glanz und flammten in der Dmmerung wie zwei Glhwrmer. Er stellte sich
in die Mitte des Raumes, und vom Kopf bis zu den Fen zitternd, sagte
er in beschwrendem Ton folgendes:

Kenn' ich dich, so nenn' ich dich. Bist du die Mutter, so hre mich.
Ich geh' zu dir. Ich mu zu dir. Einen Boten schick' ich dir. Bist du
die Mutter, so frag' ich dich: warum das lange Warten? Keine Furcht hab'
ich mehr, und die Not ist gro. Caspar Hauser heien sie mich, aber du
nennst mich anders. Zu dir mu ich gehn ins Schlo. Der Bote ist treu,
Gott wird ihn fhren und die Sonne ihm leuchten. Sprich zu ihm, gib mir
Kunde durch ihn.

Pltzlich ergriff ihn eine sonderbare Ruhe. Er setzte sich an den Tisch,
nahm einen Bogen Papier und schrieb, ohne da ihn die Dunkelheit
hinderte, dieselben Worte nieder. Darauf faltete er den Bogen zusammen,
und da er kein Wachs besa, zndete er die Kerze an, lie das Unschlitt
aufs Papier trufeln und drckte das Siegel darauf, das ein Pferd
vorstellte mit der Legende: Stolz, doch sanft.

Es verging eine halbe Stunde; er sa regungslos da und lchelte mit
geschlossenen Augen. Bisweilen schien es, als bete er, denn seine Lippen
bewegten sich suchend. Er dachte an Schildknecht. Er wnschte ihn herbei
mit aller Kraft seiner Seele.

Und als ob diesem Wnschen die Macht innegewohnt htte, Wirklichkeit zu
erzeugen, schallte auf einmal vom Hof herauf der wohllautende
Triolenpfiff. Caspar ging zum Fenster und ffnete; es war Schildknecht.
Ich komm' hinunter, rief ihm Caspar zu.

Unten angelangt, packte er Schildknecht beim Rockrmel und zog ihn durch
das Pfrtchen auf die einsame Gasse. Dort forderte er ihn stumm auf, ihm
weiter zu folgen. Bisweilen hielt er zgernd inne und sphte umher. Sie
kamen beim Huschen des Zolleinnehmers vorber und auf einen Wiesenplan.
Auf dem Rain stand ein Bauernwagen. Caspar setzte sich auf die Deichsel
und zog Schildknecht neben sich. Er nherte seinen Mund dem Ohr des
Soldaten und sagte: Jetzt brauch' ich Sie.

Schildknecht nickte.

Es geht um alles, fuhr Caspar fort.

Schildknecht nickte.

Da ist ein Brief, sagte Caspar, den soll meine Mutter bekommen.

Schildknecht nickte wieder, diesmal voll Andacht. Wei schon,
antwortete er, die Frstin Stephanie--

Woher wissen Sie's? hauchte Caspar betroffen.

Hab's gelesen. Hab's in dem Buch vom Staatsrat gelesen.

Und weit auch, wo du hingehen mut, Schildknecht?

Wei es. Ist ja unser Land.

Und willst ihr den Brief geben?

Will es.

Und schwrst bei deiner Seligkeit, da du ihr selber den Brief gibst?
Aufs Schlo gehst? In die Kirche, wenn sie dort ist? Ihren Wagen
aufhltst, wenn sie auf der Strae fhrt?

Ist kein Schwren ntig. Ich tu's, und wenn's Knollen regnet.

Wenn ich's tun wollte, Schildknecht, ich km' nicht bis ins nchste
Dorf. Sie wrden mich abfangen und einsperren.

Wei es.

Wie willst du's anstellen?

Bauernkleider anziehen, bei Tag im Wald schlafen, bei Nacht laufen.

Und wo den Brief verstecken?

Unter der Sohle, im Strumpf.

Und wann kannst du fort?

Wann's beliebt. Morgen, heute, gleich, wenn's beliebt. Ist zwar
Fahnenflucht, macht aber nichts.

Wenn's gelingt, macht es nichts. Hast du Geld?

Nicht einen Taler. Macht aber nichts.

Nein. Geld ist ntig. Brauchst viel Geld. Geh mit mir, ich hole Geld.

Caspar sprang empor und schritt in der Richtung des Imhoffschlchens
voran. Am Tor gebot Caspar dem Soldaten zu warten. Er ging hinein und
sagte zum Pfrtner, er msse Frau von Kannawurf sprechen. Es war etwas
in seinem Aussehen, was dem alten Hausmeister Beine machte. Frau von
Kannawurf kam ihm alsbald entgegen. Sie fhrte ihn ber eine Stiege in
einen kleinen Saal, der nicht erleuchtet war. Ein wandhoher Spiegel
glitzerte im Mondschein. Der Pfrtner machte Licht und entfernte sich
zgernd.

Fragen Sie mich nichts, sagte Caspar mit fliegendem Atem zu der
Freundin, die keines Wortes mchtig war, ich brauche zehn Dukaten.
Geben Sie mir zehn Dukaten.

Sie blickte ihn ngstlich an. Warten Sie, antwortete sie leise und
ging hinaus.

Es dnkte Caspar eine Ewigkeit, bis sie wiederkam. Er stand am Fenster
und strich bestndig mit der einen Hand ber seine Wange. Still, wie sie
gegangen, kehrte Frau von Kannawurf zurck und reichte ihm eine kleine
Rolle. Er nahm ihre Hand und stammelte etwas. Ihr Gesicht zuckte ber
und ber, ihre Augen schwammen wie im Nebel. Verstand sie ihn? Sie mute
wohl ahnen; doch sie fragte nicht. Ein trbes Lcheln irrte um ihre
Lippen, als sie Caspar hinausbegleitete. Sie war ergreifend schn in
diesem Augenblick.

Schildknecht lehnte am Mauerpfeiler des Tors und guckte ernsthaft in den
Mond. Sie gingen zusammen stadtwrts; nach ein paar hundert Schritten
blieb Caspar stehen und gab Schildknecht den Brief und die Geldrolle.
Schildknecht sagte keine Silbe. Er blies ein wenig die Backen auf und
sah harmlos aus.

Vor dem Kronacher Buck meinte Schildknecht, es sei besser, wenn man sie
nicht mehr beieinander she. Ein Hndedruck, und sie schieden. Dann
drehte sich Schildknecht noch einmal um und rief anscheinend frhlich:
Auf Wiedersehen!

Caspar blieb noch lange wie verhext an demselben Fleck stehen. Er hatte
Lust, sich ins Gras zu werfen und die Arme in die Erde zu whlen, fr
die er pltzlich Dankbarkeit empfand.

Spt kam er heim, blieb aber glcklicherweise ungefragt, denn Quandt war
einer wichtigen Besprechung halber zum Hofrat Hofmann befohlen. Er
brachte eine Neuigkeit mit. Hre nur, Jette, sagte er, der Staatsrat
hat sich whrend der letzten Tage, die er mit dem Polizeileutnant
beisammen war, von der Sache des Hauser gnzlich losgesagt. Er soll
sogar mit dem Plan umgegangen sein, die Denkschrift fr den Hauser
ffentlich als einen Irrtum zu erklren.

Wer hat's gesagt? fragte die Lehrerin.

Der Polizeileutnant; es heit auch allgemein so. Der Hofrat ist
derselben Ansicht.

Es heit aber auch, da der Staatsrat vergiftet worden ist.

Ach was, dummes Geschwtz, fuhr Quandt auf. Hte dich nur, da du
dergleichen verlauten lt. Der Polizeileutnant hat gedroht, da er die
Verbreiter von so gefhrlichen Redensarten verhaften lassen und
unerbittlich zur Rechenschaft ziehen werde. Was macht der Hauser?

Ich glaube, er ist schon schlafen gegangen. Nachmittags war er bei mir
in der Kche und beklagte sich ber die vielen Fliegen in seinem
Zimmer.

Weiter hat er jetzt keine Sorgen? Das sieht ihm hnlich.

Ja. Ich sagte ihm, er soll sie doch hinausjagen. Das tu' ich ja,
antwortete er, aber dann kommen immer gleich zwanzig wieder herein.

Zwanzig? sagte Quandt mibilligend. Wieso zwanzig? Das ist doch nur
eine willkrliche Zahl?

Man begab sich zur Ruhe.

Am Tage von Feuerbachs Begrbnis trafen Daumer und Herr von Tucher aus
Nrnberg ein und stiegen im Stern ab. Daumer suchte alsbald Caspar
auf. Caspar war gegen seinen ersten Beschtzer frei und offen, und doch
hatte Daumer den qulenden Eindruck, als sehe und hre ihn Caspar gar
nicht. Er fand ihn bla, grer geworden, schweigsam wie stets und von
einer wunderlichen Heiterkeit; ja, ganz zugeschlossen, ganz eingesponnen
in diese Heiterkeit, die, seltsam wirkend, dunkle Schatten um ihn warf.

In einem Brief an seine Schwester schrieb Daumer unter anderm: Ich
mte lgen, wenn ich behaupten wollte, es mache mir Freude, den
Jngling zu sehen. Nein, es ist mir schmerzlich, ihn zu sehen, und
fragst du mich nach dem Grund, so mu ich wie ein dummer Schler
antworten: Ich wei nicht. brigens lebt er hier ganz in Frieden und
wird wohl, trbselig zu melden, all seine Tage hindurch als ein obskurer
Gerichtsschreiber oder dergleichen figurieren.

Whrend Herr von Tucher am selben Nachmittag wieder abreiste, und zwar
ohne sich um Caspar zu kmmern, blieb Daumer noch drei Tage in der
Stadt, da er Geschfte bei der Regierung hatte. Beim Begrbnis des
Prsidenten sah er Caspar nicht; er erfuhr spter, da Frau von Imhoff
seine Anwesenheit zu verhindern gewut hatte. Er machte bald die
krnkende Entdeckung, da Caspar ihm geflissentlich auswich. Eine Stunde
vor seiner Abreise sprach er mit dem Lehrer Quandt darber.

Kann ein Mann von Ihrer Einsicht um eine Erklrung dieses Betragens
verlegen sein? sagte Quandt erstaunt. Es ist doch ganz klar, da er
jetzt, wo er eine immer grer werdende Gleichgltigkeit um sich
entstehen sieht und die Folgen davon tglich empfinden mu, da er jetzt
durch den Anblick seiner Nrnberger Freunde in Verlegenheit gert und
sie nach Krften zu meiden sucht. Denn dort stand er ja #in floribus#
und glaubte wunder was fr Rosinen in seinem Kuchen steckten. Wir aber,
verehrter Herr Professor, sind ihm dicht auf der Spur; es wird nicht
mehr lange dauern und Sie werden merkwrdige Nachrichten hren.

Quandt sah bekmmert aus, und seine Worte klangen fanatisch. Ob danach
Daumer gerade mit hoffnungsvoller Brust die Fahrt zum heimatlichen
Bezirk angetreten habe, steht zu bezweifeln. Fast htte er wie in jener
stillen Nacht, als er Caspar im Geist und leibhaftig an sich gedrckt,
klagend ber die sommerlichen Felder gerufen: Mensch, o Mensch! Aber
dabei hatte es sein Bewenden nicht. Ein zwangvolles Grbeln bemchtigte
sich des verwirrten Mannes; in seinem Hirn ghrte es wie schlechtes
Gewissen, und langsam, den Entschlu zur Tat und Shne weckend, zur viel
zu spten Tat und Shne, entstand eine erste Ahnung der Wahrheit.




Ein unterbrochenes Spiel


Im Verlauf der folgenden Wochen gab es in den Salons und Brgerstuben
der Stadt allerlei sonderliche Dinge zu munkeln. Ohne da das Gerede
bestimmte Formen annahm, wollte man doch in dem pltzlichen Tod des
Prsidenten Feuerbach auch weiterhin nichts sehen als die Frucht einer
mysterisen Verschwrung. Eine greifbare uerung fiel natrlich nicht;
die Flsterer nahmen sich in acht. Sehr insgeheim raunten sie sich zu,
auch Lord Stanhope sei an dieser Verschwrung beteiligt, und nach und
nach tauchte das bestimmte Gercht auf, der Lord gehe damit um, einen
Kriminalproze gegen Caspar Hauser anzustrengen, und habe sich zu dem
Ende schon der Hilfe eines bedeutenden Rechtsgelehrten versichert. Auf
einmal bekannte sich kein Mensch mehr zu dem frheren Enthusiasmus fr
den Grafen, das groartige Andenken, das er hinterlassen, war verwischt,
und in einigen magebenden Familien, wo er der Abgott gewesen, sprach
man bereits mit ngstlicher Vorsicht seinen Namen aus.

Caspars Freunde wurden besorgt. Frau von Imhoff suchte eines Tages den
Polizeileutnant auf und erkundigte sich, was von dem Gemunkel zu halten
sei. Mit khlem Bedauern erwiderte Hickel, da die ffentliche Meinung
in diesem Punkt nicht fehlgehe. Das Blatt hat sich eben gewendet,
sagte er; Seine Lordschaft sieht in Caspar Hauser jetzt nur einen
gewhnlichen Schwindler.

Darauf verlie Frau von Imhoff den Polizeileutnant, ohne ein Wort zu
entgegnen und ohne Gru.

Ei, die sanften Seelen, hhnte Hickel fr sich, das Grausen fat sie an.

Hickel hatte eine neue Wohnung auf der Promenade gemietet und lebte wie
ein groer Herr. Woher mag er die Mittel haben? fragten die Leute. Er
hat Glck am Kartentisch, sagten einige; andre behaupteten im Gegenteil,
da er fortwhrend groe Summen verliere.

Auch damit war der Gesprchsstoff nicht erschpft. Eine andre
Seltsamkeit: Im Sommer war aus der Infanteriekaserne ein Soldat auf
unaufgeklrte Weise verschwunden. Zu andrer Zeit wre ein solches
Ereignis vielleicht unbeachtet geblieben. Jetzt hefteten sich auch daran
allerlei Fabeleien. Es wurde gesagt, jener Soldat, der den Hauser
beaufsichtigt, habe von gewissen Geheimnissen Kenntnis erhalten und sei
beiseitegeschafft worden. Man wurde furchtsam; man verschlo bei Nacht
sorgfltig die Haustren. Es war nicht mehr geheuer in der guten,
stillen Stadt. Wer fremden Namens war, wurde beargwhnt.

Selbst Frau von Kannawurf erfuhr solchen Argwohn, wenngleich um sie
etwas Unantastbares war, das den verleumderischen Worten die Kraft
raubte. Dennoch fiel es auf, da sie sich des Umgangs mit ihresgleichen
entzog und sich anstatt dessen hufig unter Menschen der niedersten
Volksklasse herumtrieb. Sie verbrachte viele Stunden in geistlosem
Gesprch mit Bauernweibern und Arbeiterfrauen, stieg zu ihrem Trmer
hinauf oder gesellte sich zu den Kindern, die von der Schule
heimkehrten. Da geschah es denn oft, da sie zum malosen Staunen der
begegnenden Brger einen lrmenden Schwarm von Knaben und Mdchen um
sich versammelt hatte und in ihrer Mitte lchelnd durch die Gassen zog.

Wahrscheinlich ist sie eine Demagogin, hie es. Gesinnungstchtige
Eltern verboten ihren Sprlingen, sich an den skandalsen Aufzgen zu
beteiligen. Kein Zweifel, auch die Behrde fand das Treiben anstig,
denn einmal am Abend hatte man beobachtet, da der Polizeileutnant vor
dem Imhoffschlchen Posten fate; zwei Stunden lang war er in der
Dunkelheit unbeweglich unter einem Baum gestanden.

Es ist wahr, Frau von Kannawurf war eine auffallende Person und benahm
sich auffallend. Aber ihre kuriosen Handlungen hatten einen Anschein von
Leichtigkeit, ja Lssigkeit. Sie hatte eine Art von Lcheln, in welchem
sich selbstvergessene Hingebung an irgendein Gedachtes, Gefhltes mit
der Verzweiflung ber die eigne Unzulnglichkeit aufs rhrendste
mischten. Sie lebte an allem und in allem, starb mit jedem Seufzer
gleichsam dahin, flog mit jeder Freude in eine entrckte Region.

Eines Abends im August trat sie ins Zimmer ihrer Freundin, warf sich wie
atemlos vom Laufen auf das Sofa und war lange nicht zu sprechen fhig.

Was hast du nur wieder getrieben, Clara? sagte Frau von Imhoff
vorwurfsvoll; das heit nicht leben, das heit sich verbrennen.

Es hilft nichts, murmelte das junge Weib erschlafft, ich mu reisen.

Frau von Imhoff schttelte liebenswrdig tadelnd den Kopf. Diese Worte
hatte sie seit drei Monaten des fteren vernommen. Bis zu unserm
Familienfest wirst du doch noch bleiben, Clara, erwiderte sie herzlich.

Wieviel Willenskraft gehrt doch manchmal dazu, einen Entschlu nicht
auszufhren, sagte Clara von Kannawurf zu sich selbst; und nach einer
Pause des Schweigens wandte sie das Gesicht der Freundin entgegen und
fragte: Warum, Bettine, kannst du Caspar nicht zu dir ins Haus nehmen?
Er soll und darf nicht lnger beim Lehrer Quandt bleiben. Dieses Haus zu
betreten ist mir unmglich. Seine Lage ist schauderhaft, Bettine. Wozu
sage ich dir das! Du weit es, ihr wit es ja alle; ihr bedauert es
alle, aber keiner rhrt nur den Finger. Keiner, keiner hat den Mut zu
tun, was er getan zu haben wnscht, wenn das geschehen ist, was er im
stillen frchtet.

Frau von Imhoff blickte betreten auf ihre Handarbeit. Ich bin nicht
glcklich und nicht unglcklich genug, um mit Aufopferung des eignen
einem fremden Schicksal mich hinzugeben, versetzte sie endlich.

Clara sttzte den Kopf in die Hand. Ihr lest ein schnes Buch, ihr seht
ein ergreifendes Theaterstck und seid erschttert von diesen nur
eingebildeten Leiden, fuhr sie bewegt und eindringlich fort. Ein
trauriges Lied kann dir Trnen entlocken, Bettine; erinnere dich nur,
wie du weintest, als Frulein von Stichaner neulich den 'Wanderer' von
Schubert sang. Bei den Worten: Dort, wo du nicht bist, ist das Glck,
hast du geweint. Du konntest eine Nacht lang nicht schlafen, als man uns
erzhlte, drben in Weinberge habe eine Mutter ihr eignes Kind
verhungern lassen. Warum ist es immer nur das Unwirkliche oder das
Ferne, woran ihr eure Teilnahme verschwendet? Warum immer nur dem Wort,
dem Klang, dem Bild glauben und nicht dem lebendigen Menschen, dessen
Not handgreiflich ist? Ich versteh' es nicht, versteh' es nicht, das
qult mich, daran, ja daran verbrenn' ich.

Das leise, melodische Stimmchen verging in einem Hauchen. Frau von
Imhoff sttzte den Kopf in die Hand und schwieg lange. Dann erhob sie
sich, setzte sich neben Clara, streichelte die Stirn der Freundin und
sagte: Sprich mal mit ihm. Er soll zu uns kommen. Ich will es
durchsetzen.

Clara umschlang sie mit beiden Armen und kte sie dankbar. Aber nicht
mit freiem Herzen hatte Frau von Imhoff diesen Entschlu gefat, und sie
atmete seltsam erleichtert auf, als ihr am andern Tag Frau von Kannawurf
die Erffnung machte, Caspar habe sich unbegreiflicherweise hartnckig
gegen den Vorschlag gestrubt, das Haus des Lehrers zu verlassen. Zuerst
habe er keinen Grund fr seine Weigerung nennen wollen, als er aber
Claras Betrbnis wahrgenommen, habe er gesagt: Dort hat man mich
hingebracht, und dort will ich bleiben. Ich will nicht, da es heit,
beim Lehrer Quandt hat er's nicht gut genug gehabt, da haben ihn aus
Mitleid die Imhoffs genommen. Ich hab' ja mein Brot und mein Bett, mehr
brauch' ich nicht, und das Bett ist das Allerbeste, was ich auf der Welt
kennen gelernt habe, alles andre ist schlecht.

Da fruchtete keine Einrede mehr. Schlielich knnt ihr ja mit mir
anstellen, was ihr wollt, fgte er hinzu, aber da ich freiwillig
hingehen soll, das wird nicht geschehen. Wozu auch? Lang kann's nimmer
dauern.

So war ihm denn das Wort entschlpft. War deshalb der tiefe Glanz in
seinen Augen? Blickte er deshalb mit stummer Spannung die Straen
entlang, wenn er morgens zum Appellgericht ging? War's deswegen, da er
stundenlang am Fenster lehnte und hinbersphte gegen die Chaussee? Da
er gierig aufhorchte, wenn er irgendwo zwei Menschen leise miteinander
reden sah? Da er tglich dabei sein mute, wenn der Postwagen ankam,
und da er den Briefboten ausfragte, ob er nichts fr ihn habe?

Dem rtselhaften Wesen tat die Zeit keinen Abbruch. Es lag Frau von
Kannawurf daran, ihn einer Gebundenheit zu entreien, die ihn einem
innigen Verhltnis zur umgebenden Welt entziehen und jede frohe
Bettigung zwangvoll machen mute. Sie sann immer auf Ablenkung, und
jenes Familienfest, von dem ihre Freundin Bettine gesprochen, gab
Gelegenheit, damit Caspar wieder einmal aus sich heraus und einer
anteilvollen Welt gegenbertrete.

Die Feier wurde von Herrn von Imhoff zu Ehren der Goldenen Hochzeit
seiner Eltern veranstaltet und sollte am zwlften September stattfinden.
Der junge Doktor Lang, ein Freund des Hauses, hatte zu der Gelegenheit
ein sinnreiches Bhnenspiel in Versen verfat, welches von einigen Damen
und Herren der Gesellschaft ausgefhrt werden sollte. Bei den Proben,
die im oberen Saal des Schlosses abgehalten wurden, zeigte es sich, da
einer der jungen Leute, der die Rolle eines stummen Schfers darstellte,
seines plumpen Benehmens halber unfhig war, den Part zu gewnschter
Wirkung zu bringen. Da hatte Frau von Kannawurf, die selbst mitspielte,
den Einfall, diese Rolle Caspar zu bertragen. Die Anregung fand
Beifall.

Caspar willigte ein. Da er eine Person vorzustellen hatte, die nichts
zu sprechen brauchte, glaubte er sich der Aufgabe leichterdings
gewachsen, die seiner alten Neigung fr das Theater entgegenkam. Er ging
fleiig zu den Proben, und wenngleich das phrasenhafte Wesen des Stcks
nicht eben sein Gefallen erweckte, so erfreute er sich doch an der
wechselvollen Bewegung innerhalb eines abgemessenen Vorgangs.

Das harmlose Spiel hatte einen berechneten und fr das Publikum unschwer
durchschaubaren Bezug auf ein schon weit zurckliegendes Ereignis in der
Familie der Imhoffs. Einer der Brder des Barons hatte sich zu Anfang
der zwanziger Jahre an burschenschaftlichen Umtrieben beteiligt und war,
von dem feierlichen Bannfluch des Vaters und nebenbei von den
politischen Behrden verfolgt, nach Amerika entflohen. Nach erlassener
Amnestie war er zurckgekehrt, hatte vor dem Familienhaupt alle
freiheitlichen Ideen abgeschworen, und von da ab hatte ihm die
vterliche Gnade wieder geleuchtet.

Diese etwas philistrse Begebenheit hatte den Hauspoeten zu seiner
Dichtung begeistert. Ein Knig gibt einem ihn besuchenden Freund und
Waffengenossen ein Gastmahl. Ein zweiter Polykrates, brstet er sich bei
diesem Anla mit seiner Macht, dem Frieden seiner Lnder, den Tugenden
seiner Untertanen. Die Hflinge an der Tafel bestrken ihn voll
schmeichlerischen Eifers in seinem Glckswahn, nur der Gastfreund wagt
das khne Wort, da er auf dem Purpur des Herrschers doch einen Makel
bemerke. Der Knig fhlt sich getroffen und lt jenen hart an, auch
wei er zu verhindern, da der Freund weiterspreche, da seine Gemahlin
Zeichen eines groen Seelenschmerzes von sich gibt. Unterdessen ziehen
im Burghof Schnitter und Schnitterinnen mit Lachen und munteren
Zwiegesprchen auf, und Musik begleitet die Erntefeier. Pltzlich
entsteht ein Stillschweigen; die Geigen, die Rufe, das Gelchter
verstummen, und auf die Frage des Knigs wird mitgeteilt, der schwarze
Schfer, der sich schon seit Menschengedenken nicht im Land habe sehen
lassen, sei unter das Volk getreten. Der Gastfreund begehrt zu wissen,
was fr eine Bewandtnis es mit diesem Schfer habe, und man antwortet
ihm, der Wunderbare besitze die Gabe, durch seinen bloen Anblick bei
jedem Menschen die Erinnerung an dessen strkste Schuld wachzurufen,
Schuldlose aber den Gegenstand langgehegter Sehnsucht schauen zu lassen.
Zur Besttigung dessen hrt man auch aus der Mitte des Volkes Weinen und
allerlei klagende Tne. Der Knig befiehlt, da sich der Fremdling
entferne, doch die Knigin, untersttzt von den Bitten des Gastfreunds
und der Hflinge, fleht den Gemahl an, ihn heraufkommen zu lassen. Der
Knig fgt sich, und alsbald betritt der stumme Schfer die Szene. Er
schaut den Knig an; der verhllt sein Gesicht; er schaut die Knigin
an, und diese, dunkel ergriffen, ergeht sich in einem lngeren
Selbstgesprch, aus welchem deutlich wird, da ihr erstgeborener Sohn
wegen einer unbesonnen angestifteten Verschwrung vom Vater verstoen
wurde und seitdem verschollen ist. Mit ausgebreiteten Armen,
unwiderstehlich gezogen, geht sie auf den Schfer zu, und siehe, es ist
der reuig zurckgekehrte Prinz. Man erkennt, man umarmt ihn, das Eis des
kniglichen Herzens schmilzt, und alles lst sich in Wonne auf.

Caspar benahm sich nicht ungeschickt. Im Lauf der Vorbereitungen fand
er von sich selbst aus einen heftigen Antrieb zu der Rolle und fhlte
sich so hinein, als ob sein alltgliches Leben von ihm abgelst wre.
hnlich verhielt es sich mit Frau von Kannawurf, die die Knigin machte;
auch sie gab sich ihrer Aufgabe mit einem Ernst hin, der das Spielhafte
des Vorgangs undienlich vertiefte und daher die Rollen ihrer Partner
schattenhaft werden lie. So webten die beiden gleichsam in einer eignen
Welt fr sich.

Es war ein sehr warmer Septembertag, als gegen sechs Uhr abends die
geladenen Gste erschienen, im ganzen etwa fnfzig Personen, die Frauen
in groer Pracht, unmig aufgedonnert, die Mnner in Frcken und
gestickten Uniformen. Das Podium fr die Komdie nahm die Schmalwand des
Saales vllig ein, Kulissen und Requisiten, auch eine Anzahl Statisten
waren vom Direktor des Schlotheaters zur Verfgung gestellt worden. Die
Tafel befand sich in einem Nebensaal; dort hatte sich auch die
Musikkapelle eingefunden, denn nach dem Essen sollte getanzt werden.

Um sieben Uhr ertnte ein Glockenzeichen, alles begab sich auf die
Pltze. Der Vorhang rollte auf, und der Knig begann seine berhebliche
Tirade. Der Gastfreund, vom Verfasser selbst gemimt, hielt respektvollen
Widerpart, dann kam das heitere Zwischenspiel auf dem Hof, und das
Folgende nahm seinen ruhigen Fortgang. Nun trat Caspar auf. Das schwarze
Gewand kleidete ihn trefflich und hob die Blsse seines Gesichts. Sein
Erscheinen auf der Bhne hatte eine unmittelbare Wirkung. Das Husten und
Ruspern hrte auf; Totenstille entstand. Wie er den Knig und die
Knigin anblickte, wie er auf sie zuschritt und traumhaft lchelte, das
war ergreifend. Einige sahen ihn sogar zittern und beobachteten, da
sich seine Finger wie im Krampf in die Hand schlossen. Nun der Monolog
der Knigin; auch dies klang anders, als Schauspieler sonst sich geben,
sie tritt an den Jngling heran, sie legt die Arme um seinen Hals...

In diesem Augenblick eilte ein Mann aus dem Hintergrund des Saales bis
vor die Rampe und rief ein gellendes: Halt! Die Spieler auf der Szene
fuhren erschrocken zusammen, die Zuschauer erhoben sich, und eine
allgemeine Unruhe entstand. Wer ist das? Wer wagt das? Was gibt's?
wurde durcheinander gerufen; man drngte nach vorn, die Frauen schrien
ngstlich, Sthle wurden umgeworfen, und nur mit Mhe gelang es dem
Hausherrn, eine gefhrliche Panik zu verhten.

Indes stand der Urheber der Verwirrung noch immer unbeweglich vor dem
Podium. Es war Hickel. Bleich und feindselig stierte er auf die Szene
und schien nichts zu gewahren auer Caspar und Frau von Kannawurf, die,
aneinander gedrngt, furchtsam in den verdunkelten Saal schauten. Der
erste, der sich an Hickel wandte, war der junge Doktor Lang. In seinem
Phantasiekostm des Gastfreundes trat er an den Rand der Estrade und
fragte wtend nach dem Grund einer so unverantwortlichen Handlungsweise.

Der Polizeileutnant holte tief Atem und sagte laut mit einer glsernen
Stimme: Ich mu die hochgeehrte Versammlung tausendmal um
Entschuldigung bitten, und da ich selbst zu den hier Geladenen gehre,
wird meine Versicherung vielleicht Glauben finden, da mir ein solcher
Schritt nicht leicht geworden ist. Aber ich kann nicht dulden, da der
Hauser ein frivoles Amsement zu einer Stunde fortsetzt, wo ich die
Nachricht von einem schrecklichen Unglck erfahren habe, das ihn wie
keinen andern trifft und fr sein ferneres Leben von folgenschwerer
Bedeutung sein wird.

Finstere, neugierige und unwillige Augen blickten auf den
Polizeileutnant. Der Doktor Lang entgegnete zornig: Unsinn! Eine
Teufelei ist es, weiter nichts. Was auch immer vorgefallen ist, so kann
weder ich noch irgend jemand von den Anwesenden Ihnen das Recht zu einer
so groben Eigenmchtigkeit zugestehen. Ist es schlimm, was Sie zu melden
haben, so war um so mehr Grund zu warten, unser Spiel war ja am Ende. Es
ist ein Wahnsinn, ein Mibrauch der Gastfreundschaft.

Jawohl, der Doktor hat recht, riefen einige Stimmen.

Hickel senkte den Kopf und legte die Hand vor die Stirn.

Darf ich wissen, worum es sich handelt? trat nun Herr von Imhoff
dazwischen.

Hickel raffte sich empor und erwiderte dumpf: Graf Stanhope hat seinem
Leben freiwillig ein Ende gemacht.

Es entstand eine lange Stille. Fast alle blickten auf Caspar, der gegen
eine Soffitte lehnte und langsam die Augen schlo.

Er hat sich erschossen? fragte Herr von Imhoff.

Nein, antwortete Hickel, er hat sich erhngt.

Raschelnde Laute des Schreckens lieen sich vernehmen. Herr von Imhoff
bi sich auf die Lippen. Wei man Nheres? fuhr er fort zu fragen.

Nein. Das heit, ich habe nur eine allgemein gehaltene Nachricht von
seinem Jger. Er war bei einem Freund, dem Grafen von Belgarde, an der
normannischen Kste zu Besuch. Am Morgen des vierten September fand man
ihn im Turmzimmer des Schlosses an einer Seidenschnur hngend als
Leiche.

Herr von Imhoff sah zu Boden. Als er wieder aufblickte, fixierte er den
Polizeileutnant fremd und sagte: Es tut uns allen von Herzen leid. Ich
glaube, da niemand in diesem Saal ist, der dem unglcklichen Mann nicht
ein lebendiges Andenken bewahren wird. Nichtsdestoweniger, Herr
Leutnant, bleiben Sie mir Ihres sonderbaren Vorgehens halber
Rechenschaft schuldig.

Hickel verbeugte sich stumm.

Die Hausfrau und mit ihr einige andre Damen waren bemht, die Gste zu
beruhigen, aber whrend die Diener die Kerzen des groen Kronleuchters
anzndeten, meldete man Frau von Imhoff, da ihre Schwiegermutter, die
Jubilarin, infolge der ausgestandenen Aufregung unwohl geworden sei und
sich auf ihr Zimmer begeben habe. Sie folgte sogleich nach. Dies war ein
Signal zu allgemeinem Aufbruch. Der Regierungsprsident und der
Generalkommissr mit ihren Frauen verlieen zuerst den Saal, und
schlielich blieben nur ein paar intime Freunde des Barons um diesen
versammelt und nahmen in gedrckter Stimmung an der weitlufigen Tafel
Platz.

Ich hab' es immer geahnt, da uns der gute Lord noch einmal eine
grimmige berraschung bereiten wrde, sagte Herr von Imhoff.

Was wird aber nun mit dem armen Hauser geschehen? meinte einer aus der
Gesellschaft.

Man sprach allerlei Vermutungen darber aus; die Unterhaltung kam in
Flu, und wie oft ein unglckliches Ereignis dazu dient, die Phantasie
der entfernt Beteiligten wohlttig anzuregen, so auch hier. Man gab sich
bis ber Mitternacht lebhaften Gesprchen hin.

Caspar hatte sich whrend des raschen Aufbruchs der Gste in dem kleinen
Ankleidezimmer fr die Schauspieler versteckt. Die jungen Leute
entledigten sich eilfertig ihres Kostms und verschwanden. Nach einer
Weile kam ein Diener, um die Lichter auszulschen, und dieser entdeckte
Caspar. Als Caspar gegen die Treppe zu ging, hrte er Schritte hinter
sich, und Frau von Kannawurf trat an seine Seite. Sie fragte ihn, ob er
nach Hause wolle, und er bejahte. Es regnet, sagte sie unten beim Tor
und streckte die Hand hinaus. Sie wartete ein wenig, um den Regen
vorbergehen zu lassen, aber es wurde ein heftiger Gu daraus, und das
Wasser knatterte lrmend auf die Bume und den ausgedrrten Boden. Ein
kaltfeuchter Luftstrom schlug ihnen entgegen, und Frau von Kannawurf
forderte Caspar auf, mit ihr ins Zimmer zu gehen, es knne allzulang
dauern. Er folgte still.

Oben machte sie Licht, dann stand sie und sah versonnen in die Flamme.
Ihre Schultern bebten frstlich. Caspar hatte sich auf das Sofa
gesetzt. Allgemach sprte er eine so groe Mdigkeit, da es ihn
frmlich hintberzog, und er mute sich auf den Rcken legen. Da trat
Clara zu ihm und ergriff seine Hand, die er ihr jedoch hastig wieder
entri. Er machte die Augen zu, und einen Moment lang war sein Gesicht
vollkommen leblos. Frau von Kannawurf stie einen matten Angstruf aus
und fiel neben ihm auf die Knie. Dann rief sie ihre Kammerzofe und bat
um Wasser; sie schenkte ein Glas voll und reichte es ihm zu trinken. Er
trank ein paar Schlcke. Was ist dir, Caspar? flsterte sie, und zum
erstenmal duzte sie ihn. Er lchelte dankbar. Du bist wie eine
Schwester, sagte er scheu und berhrte mit den Fingern das Haar ihres
ber ihn gebeugten Kopfes. Dieses Wort Schwester hatte in seinem Mund
einen eignen Klang; es tnte wie ein nie zuvor gesprochenes Wort.

Clara schmiegte sich an seine Seite; ihr war, als mte sie ihn wrmen,
er aber rckte ngstlich fort, da wollte sie sich wieder erheben, doch
betastete er mit der Hand ihren Arm und sah sie an mit einem bittenden
Ausdruck von Schmerz und Liebe. Clara, sagte er, und sie glaubte
vergehen zu sollen oder zu einem andern Leben erwachen zu mssen, denn
die schchtern-flehentliche Art, wie er diesen Namen aussprach, hatte
etwas berirdisches.

Es kam nun so, da Stunde auf Stunde verging und sie immer nebeneinander
lagen, stumm, stumm, regungslos und ber und ber zitternd beide. Sie
streckte die Hand nach ihm aus, und der Atem seines Mundes flo in die
Luft gleich dem ihren.

Als es von der Schlouhr zwlf schlug, schauerte Clara zusammen. Sie
erhob sich und sagte mit tiefer Beteuerung vor sich hin: Nie, nie, nie,
nie. Dann schritt sie zum Fenster und ffnete es. Der Regen hatte
lngst aufgehrt, das Firmament war klar, der ganze Sternenhimmel lag
funkelnd vor ihr da. Ihre volle Brust drngte den unbekannten Welten
entgegen, denn von dieser, auf der sie lebte, war sie satt.

Sie sagte zu Caspar, er knne die Nacht im Schlo verbleiben, aber er
entgegnete, das wolle er nicht. Sie ging dann hinaus, um zu sehen, ob
Frau von Imhoff noch wach sei. Sie schritt am Speisesaal vorbei, wo die
Herren noch beim Wein saen und laut redeten. Die Baronin hatte sich
gleichfalls noch nicht zur Ruhe begeben. Clara teilte ihr mit, da
Caspar bis jetzt bei ihr gewesen sei. Frau von Imhoff nickte, sah aber
die Freundin etwas verlegen und verwundert an. Ich werde morgen frh
meinen Koffer packen und reisen, sagte Clara leise und mit einem
Ausdruck unwiderruflicher Bestimmtheit, der ihr bisweilen eigen war und
ihre kindlichen Zge seltsam hart und leidend machte. Frau von Imhoff
erhob sich berrascht und trat nahe an die Freundin heran. Pltzlich
fielen sie einander in die Arme, und Clara schluchzte.

Sie verstanden sich; es war nicht ntig zu sprechen.

Als sich Clara losri, sagte sie, sie werde Caspar noch in die Stadt
begleiten. Das kannst du unmglich tun, wandte Frau von Imhoff ein,
oder ich werde dir wenigstens den Diener mitgeben.

Bitte, nicht, antwortete Clara lchelnd, du weit doch, da ich
keine Furcht habe. Es beirrt mich auch, wenn man meinethalben ngstlich
ist. Die Nacht tut mir gut, und ich freue mich auf den einsamen
Rckweg.

Eine Viertelstunde spter wanderte sie mit Caspar ber die noch feuchte
Strae gegen die Stadt. Sie redeten auch jetzt nichts, und vor dem
Lehrerhaus reichten sie einander die Hnde. Jetzt gehst du
wahrscheinlich fort von mir, Clara, sagte da pltzlich Caspar und
schaute sie mit einem verschleierten Blick an.

Sie war ebenso erstaunt wie bewegt ber diese Worte, die ein tiefes
Vorgefhl verrieten. Wie schn sind seine Augen, dachte sie, sie sind
hellbraun wie die eines Rehs; gleicht er doch auch sonst einem Reh, das
traurig-verwundert im dunkeln Wald steht.

Ja, ich gehe, erwiderte sie endlich.

Und warum denn? Bei dir war mir wohl.

Ich komme wieder, versicherte sie mit einer gezwungenen Herzlichkeit,
hinter der ein Aufschrei erstarb. Ich komme wieder. Wir werden uns
schreiben. Zu Weihnachten komm' ich wieder.

Ich komme wieder; das hab' ich schon einmal gehrt, sagte Caspar
bitter. Bis Weihnachten ist lang. Und schreiben tu' ich nicht. Was hat
man vom Schreiben, ist ja doch nur Papier. Geh nur, leb wohl.

Es kann nicht anders sein, flsterte Clara, und ihr Blick suchte die
Sterne. Sieh, Caspar, dort oben ist das Ewige. Wir wollen es nicht
vergessen wie alle andern. Wir wollen nichts vergessen. Ach, vergessen,
vergessen, darin liegt alle Bosheit der Welt. Uns gehren die Sterne,
Caspar, und wenn du hinaufschaust, bin ich bei dir.

Caspar schttelte den Kopf. Leb wohl, sagte er matt.

Im Erdgescho wurde ein Fenster geffnet, und das mit einer Bettmtze
gekrnte Haupt des Lehrers wurde sichtbar, um gleich darauf wieder zu
verschwinden. Es war eine schweigende Mahnung.

Ich will Bettine bitten, da sie ihn tglich besucht, berlegte Clara,
whrend sie allein durch die den Gassen ging; ich bring' ihm Unheil,
wenn ich bleibe, ein Abgrund ghnt mir entgegen, wie er frchterlicher
nicht zu denken ist. Schwester! Wie war mir doch, als er mich Schwester
nannte! Die himmlische Seligkeit pochte mir an die Brust. So htt' ich
einen verlorenen Bruder gefunden, und mehr noch; aber, gerechter Gott,
mehr darf es nicht sein. Ihn anzutasten! Seinen Schlummer stren! O
verbrecherische Lippen, denen ein Ku nichts bedeutet! Htt' ich's
getan, ich mte seine Mrderin heien, was kann ich Besseres tun als
fliehen? Ein guter Genius wird ihn schtzen; vermessen, wollt' ich durch
meine armselige Gegenwart ihn behtet glauben; ein so edles Ding kann
nicht zugrunde gehen, weil sich zwei Augen von ihm wenden.

Diese wirre und aufgeregte Gedankenfolge entschleiert ein rettungslos
verstricktes Gemt, das in seiner Schwrmerei den Entschlu eines Opfers
fat, verzagt, geblendet durch den Anblick von so viel Schicksal und in
seiner Betrbnis irregehend an den Kreuzwegen der Liebe.

Den Blick bestndig zum Himmel gerichtet, und zwar auf das schne
Sternbild des Wagens, das wie ein erstarrter Zackenblitz im
Dunkelblauen schwamm, bemerkte Clara nicht, da am Portal des Schlosses
eine Gestalt lehnte. Sie prallte erst zurck, als ihr die nchtige
Person den Weg verstellte. O Gott, der Grauenvolle, dachte sie.

Hickel, denn dieser war es, verneigte sich gegen die bestrzte Frau.
Vergebung, Madame, Vergebung, murmelte er. Und nicht nur fr diesen
berfall, auch fr das andre. Sie sind zu schn, Madame. Wenn Sie die
Gnade htten, zu erwgen, da Ihre sublime Schnheit mit meinem Kopf
umspringt wie ein mutwilliger Knabe mit seinem Kreisel, wenn Sie in
Betracht ziehen wollten, da es selbst beim Komdiespiel einen Punkt
gibt, wo die verrckt gewordene Phantasie den Gegenstand ihrer Wnsche
besudelt und das Bildliche eiferschtig fr ein Wirkliches hlt, so
wrden Sie vielleicht Ihren zerknirschten Diener durch ein trstliches
Wort beglcken.

Alles dies klang einfltig, formlos, geziert, hhnisch und verzweifelt.
Er schien die Worte zwischen den Zhnen zu zerquetschen, und man konnte
ihm ansehen, da er sich nur mit Anstrengung steif und ruhig hielt.

Clara trat einen Schritt zurck, verschrnkte die Arme, drckte sie fest
gegen die Brust und sagte befehlend: Lassen Sie mich vorbei!

Madame, von Ihrem Mund hngt zur Stunde manches ab, fuhr Hickel fort
und hob den Arm mit der starren Bewegung einer Wachsfigur. Ich bin nie
ein Bettler gewesen. Hier steh' ich und bettle. Verleugnen Sie nicht Ihr
Gesicht, das einen Engel glauben lt!

Er trat zur Seite, wortlos ging Clara an ihm vorber. Sie lutete, und
der Pfrtner, der auf sie gewartet, ffnete sogleich. Als sie drinnen
war, sprte sie eine entsetzliche belkeit. In ihrem Hirn war etwas wie
zerrissen. Auf der Treppe stockte sie; ihr war, als msse sie umkehren
und den furchtbaren Mann noch einmal anreden.

Als Caspar am nchsten Nachmittag zu Imhoffs kam, wurde ihm mitgeteilt,
da Frau von Kannawurf schon abgereist sei. Er bat Frau von Imhoff, sie
mchte ihm Claras Bild zeigen, das er seit dem ersten Gesellschaftsabend,
dem er im Schlosse beigewohnt, nicht mehr gesehen. Die Baronin fhrte
ihn in ein Erkergemach, wo das Portrt zwischen zwei Ahnenbildnissen an
der Wand hing.

Er setzte sich davor und betrachtete es lange mit stummer
Aufmerksamkeit. Als er ging, versprach Frau von Imhoff, ihm eine
Zeichnung von dem Bild anfertigen zu lassen. Er war so zerstreut, da er
nicht einmal dankte.




Quandt unternimmt den letzten Sturm auf das Geheimnis


Obwohl eine Zeitlang von einer Strafversetzung Hickels die Rede war,
verlautete darber nichts Nheres, und die Sache schien allmhlich in
Vergessenheit zu geraten. Ohne Zweifel waren da allerlei verborgene
Einflsse im Spiel, die den Polizeileutnant sicherstellten. Dem Mann
ist nicht beizukommen, sagten die Eingeweihten; er ist zu gefhrlich
und wei zuviel. Freilich war Hickel brauchbar im Dienst und von seinen
Untergebenen uerst gefrchtet. Dabei wurde sein Lebenswandel immer
undurchdringlicher; auer im Kasino und im Amt sprach er mit keinem
Menschen. Auf der Polizeiwache sa er halbe Nchte, aber nur deswegen,
um seine Leute zu drangsalieren.

Sogar Quandt hatte ihn frchten gelernt. Eines Nachmittags im Oktober,
der Lehrer sa mit seiner Frau und Caspar beim Kaffee, trat pltzlich
sbelrasselnd Hickel ins Zimmer, schritt ohne Gru auf Caspar zu und
fragte herrisch: Sagen Sie mal, Hauser, wissen Sie vielleicht etwas
ber den Verbleib des Soldaten Schildknecht?

Caspar wurde aschfahl. Der Polizeileutnant fixierte ihn mit glitzernden
Augen und donnerte, ungeduldig ber das lange Schweigen: Wissen Sie
etwas oder wissen Sie nichts? Reden Sie, Mensch, oder, so wahr mir Gott
helfe, ich lasse Sie auf der Stelle ins Gefngnis bringen!

Caspar erhob sich. Ein Knopf seiner Joppe verwickelte sich in die
Fransen des Tischtuchs, und whrend er zurckwich, fiel die Kaffeekanne
um und das schwarze Gebru ergo sich ber das Linnen.

Die Lehrerin tat einen Schrei; Quandt aber machte ein rgerliches
Gesicht, denn das grospurige Auftreten des Polizeileutnants verdro
ihn, auch war es ihm um so verwunderlicher, als Hickel gerade Caspar
gegenber sich seit Monaten einer steifen und finsteren Zurckhaltung
beflissen hatte. Was soll er denn mit dem Deserteur zu schaffen haben?
sagte er unwillig.

Das lassen Sie nur meine Sorge sein! brauste Hickel auf.

Oho, Herr Polizeileutnant, in meinem Hause bitte ich mir ein
hflicheres Benehmen aus, versetzte Quandt.

Ach was! Sie sind ein Schwachmatikus, Herr Lehrer. Was nicht auf Ihrem
Mist wchst, das stimieren Sie nicht. berhaupt, was ist's denn? Zwei
Jahre sind's her, seit der Mensch bei Ihnen wohnt, und wir sind genau so
klug wie zuvor. Wenn das Ihre ganze Kunst war, dann lassen Sie sich nur
heimgeigen.

Der Hieb sa. Quandt verbi seinen Groll und schwieg.

Aber es hat ein Ende jetzt, fuhr Hickel fort; ich werde mit dem
Hofrat reden, und der Hauser kommt zu mir in die Pflege.

Damit werden Sie mir blo einen Gefallen erweisen, erwiderte Quandt
und verlie hochaufgerichtet das Zimmer.

Die Lehrerin blieb mit gesenkten Augen sitzen. Hickel marschierte hastig
auf und ab und trocknete mit dem rmel seine Stirn. Wie mir nur ist,
wie mir nur ist, murmelte er fast verstrt. Dann wandte er sich wieder
schimpfend an Caspar. Unglckseliger, verdammt Unglckseliger! Was fr
ein Teufel hat Sie geritten! brigens, fgte er leise hinzu und stellte
sich neben Caspar, der Bursche ist verhaftet und wird ausgeliefert.
Kommt auf die Plassenburg, der Kerl.

Das ist nicht wahr, sagte Caspar, ebenfalls leise, gedehnt und etwas
singend. Er lchelte, dann lachte er, ja, er lachte, wobei sein Gesicht
stark erbleichte.

Hickel wurde stutzig. Er kaute an seiner Lippe und sah dster ins Leere.
Pltzlich griff er nach seiner Kappe, und mit einem bsen, eiligen Blick
auf Caspar entfernte er sich.

Quandt war nicht gesonnen, den Schimpf, den ihm der Polizeileutnant
angetan, auf sich sitzen zu lassen. Er beschwerte sich beim Hofrat
Hofmann, doch dieser schien nicht sehr bereit, sich einzumischen. Der
Lehrer nahm die Gelegenheit wahr, noch eine andre Sache zum Austrag zu
bringen.

Seit Feuerbachs Tod hatte der Hofrat die Oberaufsicht ber Caspars
Pflege. Auf eine Hilfe wie die vom Grafen Stanhope war nicht mehr zu
rechnen, man hatte den Brgermeister Enders und die Gemeinde um
Untersttzung angegangen, aber ein Beschlu war noch in der Schwebe.
Einstweilen erhielt Caspar vom Gericht eine kleine Lohnerhhung fr
seine Schreiberei; das Geld lieferte er pnktlich dem Lehrer ab. Die
beschrnkten Verhltnisse erlaubten ihm nicht die geringste Freiheit in
seinen Ausgaben. Anfangs Oktober war er konfirmiert worden, und mit
Sehnsucht erwartete er das sogenannte Taggeld, das ihm von der Stadt
dafr ausgesetzt war. Ungehalten ber die Verschleppung, wandte er sich
an den Pfarrer Fuhrmann; dieser riet ihm, er solle den Lehrer ersuchen,
aufs Gemeindeamt zu gehen, um die Auszahlung zu betreiben.

So etwas tu' ich nicht, Herr Hofrat, ich mache nicht den Bittsteller,
mein Stolz erlaubt das nicht, sagte Quandt.

Der Hofrat zuckte die Achseln. Geben Sie ihm doch die paar Taler
einstweilen aus Ihrer Tasche, sagte er, man wird's Ihnen gewi bald
ersetzen.

In Hinsicht auf den Hauser gibt es keine Gewiheiten, versetzte
Quandt; ich habe ohnehin Auslagen genug und wei nicht, ob ich noch
lange so zusehen kann.

Der Hofrat berlegte. Er hat doch wohlhabende und reiche Freunde,
sagte er dann, die knnen doch helfen.

Ach du lieber Gott, seufzte der Lehrer, denen ist er viel zu
interessant, als da sie an seine kleine Notdurft denken.

Ich will einmal morgen zu Ihnen kommen und den Hauser fragen, wozu er
denn eigentlich so dringend Geld braucht, schlo der Hofrat das
Gesprch.

Des Abends kam Caspar noch spt in Quandts Zimmer und flehte ihn mit
aufgehobenen Hnden an, ihn doch nicht aus dem Haus zu geben, er wolle
ja alles tun, was man von ihm verlange; nur nicht zum Polizeileutnant,
alles, nur das nicht, sagte er.

Der Lehrer beruhigte ihn nach Krften und sagte, davon knne vorlufig
keine Rede sein, der Polizeileutnant habe ihn blo schrecken wollen.
Nein, antwortete Caspar, auch der Offiziant Maier hat heute auf dem
Gericht davon gesprochen.

Nun, Hauser, jetzt gebrden Sie sich aber wie ein kleiner Knabe und
sind doch schlielich ein erwachsener Mann, sagte Quandt tadelnd. Ich
kann das nicht ganz ernst nehmen, Sie lieben es zu bertreiben und sich
kindisch zu stellen. Der Polizeileutnant wrde Ihnen auch nicht den Kopf
abbeien, wennschon ich zugebe, da er bisweilen etwas derbe Manieren
hat. Aber Sie sind ja jetzt auch ein Christ in des Wortes voller
Bedeutung, und ohne Zweifel haben Sie den Spruch schon gehrt: Tue
deinen Feinden Gutes, damit du feurige Kohlen auf ihrem Haupt
sammelst.

Caspar nickte. Es steht ein Gestzlein darber in Dittmars
'Weizenkrnern', erwiderte er.

Ganz recht; wir haben es ja zusammen durchgenommen, fuhr Quandt
lebhaft fort. Wissen Sie was! Damit Sie das schne Merkwort genau im
Gedchtnis behalten, schlage ich Ihnen vor, mir Ihre eignen Gedanken
darber niederzuschreiben. Ich will es meinetwegen als ein Pensum fr
sich betrachten und Sie knnen den ganzen morgigen Nachmittag dazu
verwenden.

Caspar schien einverstanden.

Der Hofrat kam nicht, wie er versprochen, am nchsten, sondern erst am
zweitfolgenden Tag. Als er ins Zimmer trat, redete der Lehrer gerade mit
zornigen Gebrden auf Caspar ein. Auf die Frage des Hofrats, was Caspar
verbrochen habe, sagte Quandt: Ich mu mich doch gar zu viel mit ihm
herumrgern. Vorgestern stellte ich ihm ein Thema fr den deutschen
Aufsatz, er versprach mir, es auszuarbeiten, und er hatte den ganzen
gestrigen Nachmittag dazu Zeit. Soeben verlang' ich nun sein Heft, und
hier, berzeugen Sie sich selbst, Herr Hofrat, auch nicht eine Zeile hat
er geschrieben. Eine solche Trgheit ist himmelschreiend.

Quandt reichte dem Hofrat das aufgeschlagene Heft: oben auf einer Seite
stand der Titel des Aufsatzes: Tue deinen Feinden Gutes, damit du
feurige Kohlen auf ihrem Haupt sammelst; danach kam aber nichts und die
Seite war leer. Warum haben Sie's denn nicht gemacht? fragte der
Hofrat khl.

Caspar antwortete: Ich kann nicht.

Das mssen Sie knnen! rief Quandt. Vorgestern haben Sie mir ja
erzhlt, da der Gegenstand in Ihrem Lesebuch behandelt ist, eine
Gedankenfolge zu finden, htte Ihnen also nicht schwerfallen knnen,
wenn Sie dort angeknpft htten.

Probieren Sie's doch einmal, Hauser, fiel der Hofrat besnftigend ein.
Schreiben Sie meinetwegen nur ein paar Stze nieder. Ich werde mich mit
dem Herrn Lehrer ins Nebenzimmer begeben, und wenn wir zurckkommen,
sollen Sie uns irgend etwas vorzeigen und den Beweis liefern, da Sie
wenigstens den guten Willen haben.

Quandt nickte und ging mit dem Hofrat hinaus. Als sie im Wohnzimmer
waren, bergab der Hofrat dem Lehrer zwei Golddukaten und sagte, die
seien von Frau von Imhoff, der er Caspars Verlegenheit geschildert habe;
die gtige Dame habe sich noch hoch entschuldigt, da es nur so wenig
sei, aber sie habe ber das Geld keine freie Verfgung. brigens war
der Hauser gestern bei mir, fuhr der Hofrat fort, und zwar kam er, um
mich zu bitten, ich mchte es doch verhindern, da er dem
Polizeileutnant in Pflege gegeben werde.

Es ist doch des Teufels; er belstigt alle Leute mit seinen kindischen
Miseren, klagte Quandt, auch mich hat er schon darum angegangen.

Vor dem Hickel scheint er ja eine Heidenangst zu haben.

Ja, der Polizeileutnant ist eben sehr streng mit ihm.

Ich sagte ihm, da von meiner Seite eine solche Absicht nicht
vorliege, und er mge nur seine Pflicht tun, dann werde ihm niemand zu
nahe treten.

Sehr wahr.

Wir redeten noch ber seine Geldkalamitt, und da wollte er nicht mit
der Farbe heraus. Ich versprach, ihm zu seinem Geburtstag fnf Taler zu
schenken, und fragte ihn, wann er Geburtstag habe. Darauf antwortete er
traurig, das wisse er nicht, und ich mu gestehen, es war da etwas in
seinem Wesen, was mich rhrte. Aber sonst schien er mir doch gar zu
schmeichlerisch, und sein freundlich Geblinzel und Getue mifiel mir.

Leider, leider, schmeichlerisch ist er, da haben Sie recht, Herr
Hofrat; besonders wo er seine Plne durchsetzen will.

Nach diesem Meinungsaustausch kehrten sie wieder zu Caspar zurck. Er
sa am Tisch, den Kopf in die Hand gesttzt. Na, was haben Sie
fertiggebracht? rief der Hofrat jovial. Er nahm das Heft, stutzte, da
er nur einen einzigen Satz geschrieben fand, und las vor: Wenn sie dir
bles an deinem Krper zugefgt haben, tue ihnen Gutes dafr. -- Das
ist alles, Hauser?

Sonderbar, murmelte Quandt.

Der Hofrat stellte sich vor Caspar hin, drehte den Kopf gegen die
Schulter und begann unvermittelt: Sagen Sie mal, Hauser, wen haben Sie
denn eigentlich von allen Menschen, die Sie bisher kennen gelernt haben,
am meisten liebgewonnen? Sein Gesicht sah pfiffig aus; er hatte von
seinem Amt als Gerichtsfunktionr die Manier behalten, auch das Harmlose
mit einem Ausdruck von suerlichem Spott zu uern.

Stehen Sie doch auf, wenn der Herr Hofrat mit Ihnen spricht,
flsterte der Lehrer Caspar zu.

Caspar stand auf. Er blickte ratlos vor sich hin. Er witterte eine Falle
hinter der Frage. Er dachte pltzlich: Wahrscheinlich ist der Lehrer
darum so bse, da ich den Aufsatz nicht gemacht habe, weil er glaubt,
ich halte ihn fr meinen Feind. Er schaute zu Quandt hinber und sagte
versonnen: Den Herrn Lehrer hab' ich am liebsten.

Der Hofrat wechselte mit Quandt einen Blick des Einverstndnisses und
rusperte sich bedeutsam.

Aha, ein Bestechungsversuch, dachte Quandt und war stolz darauf, nicht
im mindesten von der Antwort erbaut zu sein.

Caspars Leben wurde nun immer einfrmiger und zurckgezogener. Er hatte
niemand, mit dem er eine vertrauliche Unterhaltung fhren konnte. Frau
von Kannawurf lie auch nichts von sich hren, und das wurmte ihn denn
doch, trotzdem er behauptet hatte, an Briefen sei ihm nichts gelegen. Wo
war sie berhaupt? Lebte sie noch? Er mochte oft nicht ausgehen, alle
Wege waren ihm verhat, jede Verrichtung fand ihn lau. Zudem war das
Wetter immer schlecht, der November brachte gewaltige Strme, und so sa
er in der freien Zeit auf seinem Zimmer, glitt mit den Blicken ber die
Hgelrnder oder streifte bang den Himmel und sinnierte unablssig. Er
wartete, wartete. Einmal ging er insgeheim in die Kaserne und erkundigte
sich vorsichtig, ob man dort etwas ber Schildknecht wisse. Man konnte
ihm keine Auskunft geben. Das nhrte die verflackernde Hoffnungsflamme,
aber in den darauffolgenden Tagen fhlte er sich krank und wollte sich
des Morgens kaum zum Verlassen des Bettes entschlieen. Es kamen noch
manchmal Fremde zu Besuch; er verhielt sich strrisch und einsilbig.
Wenn er aufgefordert wurde, in Gesellschaft zu gehen, sagte er bitter:
Was soll mir das Schwtzen? Als er eines Abends ber den Schloplatz
ging und an der mchtigen Fassade mit den hohen, immer geschlossenen
Fenstern emporsah, glaubte er in den leergedachten Slen bergroe
Gestalten wahrzunehmen, die ihn feindselig beobachteten. Sie schienen
alle in Purpur gekleidet, mit goldenen Ketten um den Hals. Ein
grenzenlos ermattender Schmerz drckte ihn nieder, und er war nahe
daran, sich auf das Pflaster zu werfen und zu heulen gleich einem Hund.

Er fhlte sich so kalt, so trb. In einer Nacht trumte er, er she auf
einem grnen Steinblock eine goldene Schale und darauf lagen fnf
seltsam qualmende Herzen, doch nicht in natrlicher Form, sondern so wie
Lebkchner die Herzen backen; er stand davor und sagte laut: Das ist
meines Vaters Herz, das ist meiner Mutter Herz, das ist meines Bruders
Herz, das ist meiner Schwester Herz, das ist mein eignes Herz. Sein
eignes lag oben und hatte zwei lebendige, traurige Augen.

Nicht selten hatte er das bestimmte Gefhl von der fernen Wirkung einer
beraus teuern Person. Die Person handelte, sprach und litt fr ihn,
aber eine Welt lag dazwischen, und was auch immer sie unternahm, konnte
die Weite zwischen ihm und ihr nicht verringern. Er sprte unheimliche
Vorgnge so deutlich, da er oft dastand und lauschte wie auf ein
Gesprch hinter einer dnnen Wand. Und er faltete die Hnde unterm Kinn
und lchelte ngstlich.

Blind htte der Lehrer sein mssen, wenn er von alledem nichts bemerkt
htte. Seine Beobachtungen sammelte er sozusagen unter einem Titel, und
dieser Titel lautete: Der Kampf mit dem schlechten Gewissen. Ich habe
kein Wohlwollen mehr fr den Menschen, erklrte Quandt, ich habe kein
Wohlwollen mehr fr ihn, seit ich gesehen habe, wie gleichgltig ihn die
Katastrophe mit dem Lord gelassen hat. War mir selbst doch zumut, als
htte ich einen Bruder verloren, und er wollte sich nicht einmal zu
einer den Schein wahrenden Trauer verstellen. Er hat ein Herz von Stein
und eine ganz pbelhafte Undankbarkeit.

Wir sehen den Lehrer gleichsam hinter einer Hecke, wir sehen ihn lauern,
wir sehen, wie er mannigfaltige Nachrichten ber Caspar aus frheren
Jahren zusammentrgt, Fakten und Umstnde, die er mit dem Sprsinn eines
Untersuchungsrichters aufstbert, deutet, beleuchtet und still zum Zweck
bereithlt. Wir sehen ihn in Ha entbrennen gegen den ewig Verstockten,
immer Verschlossenen, und wir knnen nicht umhin, ihn einem Menschen
hnlich zu finden, den ein Irrlicht so lange geneckt und gelockt hat,
bis er endlich in eine Art von rasender Trunkenheit gert.

Zu Anfang Dezember, es war an einem Donnerstag, abends nach Tisch,
fragte Quandt Caspar, ob er seine bersetzung fr morgen schon fertig
habe. Caspar erwiderte in ernster Stimmung, doch mit unaufrichtiger
Freundlichkeit, wie es Quandt vorkam, ja, er sei damit fertig. Quandt
nahm das Buch, zeigte ihm, wie gro die Aufgabe sei, und fragte noch
einmal, ob er denn wirklich so weit bersetzt habe.

Caspar bejahte. Ich bin sogar noch um einen Absatz weitergekommen,
sagte er.

Quandt glaubte es nicht; es war ihm unwahrscheinlich; die Aufgabe
enthielt ein paar Flle, mit denen Caspar nicht allein htte fertig
werden knnen und bei denen er seine Hilfe unbedingt htte in Anspruch
nehmen mssen. Indes fand er es fr gut, im Beisein seiner Frau nichts
weiter zu bemerken, sondern ihn ungestrt auf sein Zimmer gehen zu
lassen.

Ungefhr fnf Minuten spter ergriff Quandt das lateinische
Elementarbuch und folgte Caspar. Caspar hatte die Tr schon zugeriegelt,
und bevor er ffnete, fragte er, ob der Lehrer noch etwas wnsche.
Machen Sie auf! befahl Quandt kurz. Als er drinnen war, las er ihm
einige willkrlich herausgerissene Stze vor und ersuchte ihn zu sagen,
wie er es bersetzt habe. Caspar schwieg eine Weile, dann entgegnete er,
er habe blo prpariert, er wolle erst jetzt bersetzen. Quandt blickte
ihn ruhig an, sagte ausdrucksvoll: So, wnschte gute Nacht und
entfernte sich.

Drunten erzhlte er den Sachverhalt seiner Frau, und sie kamen berein,
da dahinter ein bbischer Trotz stecke, weiter nichts. Am andern Morgen
berichtete er auch dem Hofrat darber, dieser schrieb ein kurzes
Briefchen an Caspar und gab es dem Lehrer mit. Caspar las das Schreiben
in Quandts Gegenwart, und als er zu Ende war, reichte er es dem Lehrer,
sichtlich verstimmt. In dem Brief warnte ihn der Hofrat schonend vor
Eigenschaften, denen nur gemeine Naturen sich berlieen, die jedoch, so
war der Wortlaut, unserm Hauser leider nicht fremd zu sein scheinen.

Am selben Abend, wiederum nach dem Nachtmahl, brachte Quandt eines der
bungshefte Caspars zum Vorschein und sagte: Aus diesem Heft ist ein
Blatt herausgeschnitten, Hauser. Sie wissen doch, da ich Ihnen das
schon zahllose Male verboten habe.

Ich hatte in das Blatt einen Flecken gemacht, und den wollte ich nicht
in der Schrift haben, versetzte Caspar.

Statt aller Antwort forderte Quandt den Jngling auf, mit ihm in sein
Studierzimmer zu kommen. Seiner Frau sagte er, sie mge die Kerze
anznden, ergriff die Lampe und schritt voran. Im andern Zimmer
angelangt, schlo er sorgfltig beide Tren, hie Caspar Platz nehmen
und begann: Sie werden mir doch wohl nicht zumuten, da ich Ihre
Ausrede fr bare Mnze nehme?

Was fr eine Ausrede? fragte Caspar matt.

Nun, das mit dem Flecken. Ich glaube nicht an diesen Flecken.

Warum wollen Sie es denn nicht glauben?

Sie kennen doch das Sprichwort: Wer einmal lgt, dem glaubt man nicht,
und wenn er auch die Wahrheit spricht. Sie, lieber Freund, lgen fter
als einmal.

Ich lge nicht, erwiderte Caspar ebenso matt und tonlos.

Das getrauen Sie sich mir ins Gesicht zu behaupten?

Ich wei nicht, da ich lge.

O, schelmischer Rabulist! rief Quandt bitter. Wenn ich Ihre hufigen
Unwahrheiten nicht jedesmal berede, so bestimmt mich dazu die nach und
nach gewonnene Einsicht, da ich Sie von dem bel doch nicht heilen
kann. Wozu also soll ich mich vergeblich grmen? Sie sind gewohnt, so
lange nein zu sagen, bis man Sie dermaen berfhrt hat, da Sie nicht
mehr nein sagen knnen, und dann sprechen Sie dennoch kein Ja.

Soll ich ja sagen, wenn nein ist? Beweisen Sie mir, da ich gelogen
habe. Caspar sah den Lehrer mit einem jener Blicke an, die dieser als
tckisch zu bezeichnen pflegte.

Ach, Hauser, wie schmerzt es mich, Sie mir gegenber so zu sehen,
versetzte Quandt. Ich bin um Beweise nicht verlegen und habe so viele,
da ich gar nicht wei, wo ich anfangen soll. Erinnern Sie sich nicht an
die Geschichte mit dem Leuchter? Sie behaupteten, die Handhabe sei
abgebrochen, und es ist doch unwiderleglich nachgewiesen, da sie
abgeschmolzen war?

Es war so, wie ich gesagt habe.

Damit lasse ich mich nicht abspeisen. Sie knnen brigens versichert
sein, da ich mir den Vorfall mit allem Flei notiert habe, nmlich
schriftlich, um ntigenfalls vollstndige Rechenschaft ber Sie geben zu
knnen.

Caspar machte ein sehr betroffenes Gesicht; er schwieg.

Und weiter, betrachten wir einen Fall jngsten Datums, fuhr Quandt
fort; es war doch einerlei, ob Sie vorgestern mit der bersetzung
fertig waren oder ob Sie sie erst im Zimmer machen wollten. Da Sie
tagsber beschftigt waren, so konnten und durften Sie die Arbeit
abends machen. Warum sagten Sie, Sie seien fertig, whrend Sie nicht das
geringste daran getan hatten?

Ich habe gemeint, Sie fragen, ob ich prpariert htte.

Lcherlich. Sie hatten neulich schon die Frechheit, meine Worte einfach
zu verdrehen. Ich habe deutlich gefragt: Haben Sie Ihre bersetzung
gemacht? Meine Frau war zugegen und ist Zeuge.

Wenn Sie es gesagt haben, habe ich's eben anders verstanden.

Die gewohnten Ausflchte. Sie hatten ja nicht einmal prpariert. Das
knnen Sie jemand aufbinden, der Sie nicht so genau kennt wie ich. Ich
wnschte, ich htte Sie nie kennen gelernt; am Ende kommt man durch Sie
noch um den Ruf eines redlichen Mannes. Aber Sie werden durchschaut,
nicht nur von mir, sondern auch von andern. Es gibt nur noch wenig
Familien, bei denen Sie fr liebenswrdig und aufrichtig gelten; die
meisten sehen ein, da Sie eine alltgliche Einbildung und einen
niedrigen Hochmut besitzen, da Sie gleichgltig und anmaend gegen
weniger Vornehme sind, sobald Sie bei Vornehmeren Zutritt finden. Und
was Ihre Verlogenheit betrifft, so bin ich erbtig, Ihnen in jedem
einzelnen Fall auf den Kopf zuzusagen, ob Sie bei der Wahrheit geblieben
sind, was in und auer Ihrem Horizont liegt, was Ihre Aufmerksamkeit
fesseln kann und was nicht. Ich gebe Ihnen ein artiges Exempelchen aus
der letzten Zeit. Es war beim Mittagstisch die Rede vom Regierungsrat
Flieen. Meine Frau meinte, es sei dem guten alten Mann unangenehm, da
er nicht bei den Seinen in Worms sein knne. Ich bemerkte hierauf, da
der Regierungsrat eine groe Verwandtschaft im Rheinkreis und so und so
viele Enkel habe. Darauf sagten Sie: Elf Enkel hat er, es wurde beim
Generalkommissr davon gesprochen. Ich antwortete, da ich von neunzehn
Enkeln gehrt, Sie versicherten aber, es seien elf. Ich wute dem nun
allerdings nichts entgegenzusetzen, aber das wute ich bestimmt, da Sie
die Zahl nur in der Geschwindigkeit aufgegriffen hatten, um uns zu
imponieren, um den Namen des Generalkommissrs in den Mund nehmen zu
knnen und uns zu zeigen, da Sie mit den Verhltnissen der Personen
vertraut seien, die jenes Haus besuchten. Hand aufs Herz: ist's nicht
so?

Jemand hat an der Tafel von elf Enkeln gesprochen. Ganz gewi.

Das glaube ich nicht.

Doch.

Pfui, schmen Sie sich, Hauser, in einem so ernsten Augenblick auf der
Lge zu beharren. Dazu gehrt ein hoher Grad von Erbrmlichkeit, um
nicht zu sagen Nichtswrdigkeit. An der Sache selbst ist ja wenig
gelegen, aber Ihre fortgesetzte dreiste Behauptung lt tief blicken.
Sie zeigt, da Sie nie einen Fehler auf eigne Rechnung nehmen, da Sie
nie eine Schwche zugestehen wollen und es dabei aufs uerste ankommen
lassen. In der ersten freien Stunde werde ich den Regierungsrat selbst
fragen, wie viele Enkel er hat. Sind es wirklich elf, so werde ich Ihnen
gehrige Genugtuung geben, im andern Fall will ich Sie in einer Weise
beschmen, da Sie an mich denken sollen.

Caspar senkte ergeben den Kopf.

Aber das Eigentliche, was ich Ihnen vorzuhalten habe, kommt noch,
lieber Freund, begann Quandt nach einer Pause, whrend welcher man den
Sturmwind gegen die Fenster donnern und im Kamin wimmern hrte. Es ist
jetzt endlich an der Zeit, da Sie einem Mann wie mir, der an Ihrem
Schicksal ungeheuchelten Anteil nimmt, reinen Wein einschenken. Sie
scheinen immer noch der Meinung, die ganze Welt stehe Ihrem Mrchen von
der geheimnisvollen Einkerkerung oder gar von der hohen Abkunft glubig
gegenber. Sie befinden sich in einem schmhlichen Irrtum, lieber
Hauser. Anfangs, ich gebe es zu, hat man sich damit als einem
rtselhaften Vorgang beschftigt, aber nach und nach sind doch alle
vernnftigen Menschen zu der Einsicht gelangt, da sie das Opfer --
lassen Sie mich die Eigenschaft nicht nennen, deren Opfer sie geworden
waren. Ich kann mir wohl denken, Hauser, da Sie den Anschlag
ursprnglich nicht so weit treiben wollten. Im vorigen Winter, als die
Schrift des Prsidenten erschienen war, da zeigten Sie sich selbst
erschrocken von den Folgen Ihrer Tat, und Sie erinnerten mich an ein
Kind, das ein bichen mit dem Feuer gespielt hat und unversehens das
ganze Haus in Flammen sieht. Sie frchteten, den Futterplatz zu
verlieren, den Sie sich durch Ihre Pfiffigkeit verschafft hatten, Sie
muten gerade da eine Entdeckung und die wohlverdiente Strafe frchten,
wo Ihre verblendeten Freunde das Glck fr Sie sahen. Prfen Sie sich
doch in Ihrem Innern, ob ich nicht recht habe.

Caspar sah dem Lehrer mit einem leblosen Blick ins Auge.

Schn; ich will Sie nicht zur Antwort zwingen, fuhr Quandt mit
dsterer Befriedigung fort. Es ist nun wieder still um Sie geworden,
Hauser. Eigentmlich still ist es geworden. Man will sich nicht mehr
recht um Sie kmmern. So still war es auch damals um Sie geworden, bevor
der angebliche Mordanfall im Hause des Professors Daumer sich ereignet
hat. Kein Mensch unter all den vielen Tausenden, welche die Stadt
Nrnberg bewohnen, hat zur kritischen Zeit oder spter eine Person
beobachtet, die auch nur im entferntesten im Zusammenhang mit einer
solchen Greueltat gedacht werden konnte. Ihre Freunde glaubten trotzdem
an den vermummten Unhold, so wie sie an den phantastischen Kerkermeister
glaubten, der Sie das Lesen und Schreiben gelehrt haben soll.
Nichtsdestoweniger hat Sie der Professor Daumer alsbald vor die Tr
gesetzt. Er wird wohl gewut haben, warum. Und heute steht Ihre Sache
so, da Sie sich entschlieen mssen. Ihre mchtigsten Gnner, der
Staatsrat, der Lord Stanhope, die Frau Behold, haben das Zeitliche
verlassen. Erkennen Sie darin nicht einen Wink des Himmels? Es hat ja
nun keinen Zweck mehr fr Sie, die Fiktion aufrechtzuerhalten. Sie sind
doch jetzt ein Mann, Sie wollen doch ein ntzliches Glied der
menschlichen Gesellschaft werden. Sprechen Sie zu mir, Hauser, erffnen
Sie sich! Sprechen Sie mit Ihrem wahren Mund, aus wahrem Herzen!

Ja, was soll ich denn sprechen? fragte Caspar dumpf und langsam, indes
seine Gestalt verfiel wie die eines Greises und auch in seinem Gesicht
lauter greisenhafte Falten entstanden.

Der Lehrer trat zu ihm und ergriff seine schwere steinkalte Hand. Die
Wahrheit sollen Sie sprechen! rief er beschwrend. Ach, Hauser, es ist
ja ein Jammer, Sie anzuschauen, wie das schlechte Gewissen
gespensterhaft aus jedem Ihrer Blicke lugt. Ihr Gemt ist bedrckt. Auf!
die gequlte Brust, Hauser! Lassen Sie endlich einmal die Sonne
hineinscheinen! Mut, Mut, Vertrauen! Die Wahrheit! Die Wahrheit! Er
packte Caspar am Kragen des Rocks, als wolle er ihm mit seinen Hnden
das Geheimnis entreien.

Was denn? Was denn? dachte Caspar, und sein Blick flatterte wehevoll
umher.

Ich will Ihnen entgegenkommen, sagte Quandt. Knpfen wir an ein
Greifbares an. Als Sie nach Nrnberg kamen, zeigten Sie einen Brief. Sie
trugen in den Taschen Ihres verschnittenen Fracks mehrere Bcher, es
waren alte Mnchsschriften, darunter eine mit dem Titel: Kunst, die
verlorenen Jahre einzubringen. Wer hat den Brief geschrieben? Wer hat
Ihnen die Bcher gegeben?

Wer? Der, bei dem ich gewesen.

Das ist ja klar, versetzte Quandt mit erregtem Lcheln, aber Sie
sollen mir sagen, wie der hie, bei dem Sie gewesen. Sie werden mich
doch nicht fr so nrrisch halten, da ich glaube, Sie wten das nicht.
Ohne Zweifel war es doch Ihr Vater oder Ihr Oheim oder ein Bruder oder
ein Spielgenosse, gleichviel. Hauser! Stellen Sie sich vor, Sie befnden
sich vor Gottes Angesicht. Und Gott wrde fragen: Woher kommst du? Wo
ist deine Heimat, der Ort, wo du geboren bist? Wer hat dir einen
falschen Namen angedichtet und wie heit du mit dem Namen, den du in der
Wiege empfangen hast? Wer hat dich unterrichtet und angelernt, die
Menschen zu tuschen? Was wrden Sie in Ihrer Seelennot antworten, was
antworten, wenn der erhabene Gott Sie zur Rechtfertigung aufforderte,
zur Shnung des verbten Trugs?

Caspar starrte den Lehrer atemlos an. Das Blut stockte ihm. Die ganze
Welt verkehrte sich ihm.

Was wrden Sie antworten? wiederholte Quandt mit einem Ton zwischen
Angst und Hoffnung; ihm schien es, als sei er nahe daran, die
verschlossene Pforte zu sprengen.

Caspar stand schwerfllig auf und sagte mit zuckendem Mund: Ich wrde
antworten: Du bist kein Gott, wenn du solches von mir verlangst.

Quandt prallte zurck und schlug die Hnde zusammen. Lsterer! schrie
er mit durchdringender Stimme. Dann streckte er den rechten Arm aus und
rief: Hebe dich weg, du Unzucht, du verfluchter Lgengeist! Hinaus mit
dir, Infamer! Besudle meine Luft nicht lnger!

Caspar kehrte sich um, und whrend er nach der Trklinke tastete,
krchzte hinter ihm die Wanduhr zehn Schlge in das Sturmgebrodel.

Seufzend, schlaflos wlzte sich Quandt die ganze Nacht auf den Kissen.
Seine Heftigkeit mochte ihn gereuen, denn im Lauf des folgenden Tages
suchte er sich Caspar wieder zu nhern. Aber Caspar blieb kalt und in
sich gekehrt. Abends brachte Quandt das Gesprch auf den Regierungsrat
Flieen; er sagte, da er sich erkundigt habe, und rief Caspar scherzend
zu: Achtzehn Enkel, Hauser, achtzehn sind es! Na, sehen Sie, da ich
recht gehabt habe?

Caspar schwieg.

Aber Hauser, Sie essen ja gar nichts mehr, sagte die Lehrerin besorgt.

Ich habe keinen Appetit, erwiderte Caspar; kaum da ich angefangen
habe zu essen, bin ich auch schon satt.

Am Mittwoch, dem elften Dezember, kam Quandt versptet und sehr erregt
zu Tisch. Er hatte auf dem Heimweg von der Schule einen heftigen
Auftritt mit einem Fuhrknecht gehabt, der in der bergigen Pfarrgasse
sein Pferd zuschanden geschlagen hatte, weil es den schwerbeladenen
Wagen nicht zum Hafenmarkt hinaufziehen konnte. Quandt hatte dem rohen
Kumpan Vorstellungen gemacht und einige hinzukommende Brger zu Zeugen
der unmenschlichen Qulerei angerufen. Dafr war der Fuhrknecht mit
erhobenem Peitschenstiel auf ihn losgegangen und hatte ihn angebrllt,
er solle sich zum Teufel scheren und sich nicht um Sachen kmmern, die
ihn nichts angingen. Gott sei Dank ist mir der Name des Kerls bekannt,
und ich werde dem Polizeileutnant darber Meldung erstatten, schlo
Quandt. Er wurde nicht mde zu beschreiben, wie der armselige Klepper
vor dem Gefhrt immer wieder vergeblich an den Strngen gezerrt habe und
wie das schwarze Blut unter seinen Rippen hervorgequollen sei. Der
Spitzbube, grollte er, ich werde es ihm zeigen, ein Tier so zu
rackern.

Nachher, als Caspar weggegangen war, fragte ihn seine Frau, ob es ihm
denn nicht aufgefallen sei, da Caspar gar kein Wort ber die Geschichte
fallen gelassen habe.

Ja, er war ganz stumm, es ist mir aufgefallen, besttigte Quandt.

Eine halbe Stunde darauf ging er in Caspars Zimmer und bat ihn, die
schriftliche Anzeige gegen den Fuhrknecht, die er verfat hatte, in der
Wohnung Hickels abzugeben. Um drei Uhr kehrte Caspar mit der Nachricht
zurck, der Polizeileutnant habe einen mehrtgigen Urlaub genommen und
sei verreist.




#Aenigma sui temporis#


Es geschah am bernchsten Tage, einem Freitag, als Caspar kurz nach
zwlf das Gerichtsgebude verlassen wollte, da er im Korridor vor der
unteren Treppe von einem fremden Herrn angesprochen wurde, einem
anscheinend sehr vornehmen Mann, der gro und schlank war, einen
schwarzen Backen- und Kinnbart trug, und der ihn aufforderte, ihm wenige
Minuten Gehr zu schenken.

Caspar stutzte, denn in der Stimme des Mannes war etwas sehr Dringliches
und etwas sehr Achtungsvolles.

Sie gingen ein paar Schritte seitwrts von der Treppe, wo niemand
vorberkommen konnte. Der Fremde lchelte ermutigend, als er Caspars
scheues Wesen bemerkte, und begann sogleich in derselben dringlichen und
achtungsvollen Weise: Sie sind Caspar Hauser? Bis heute sind Sie es
gewesen. Morgen werden Sie diesen Namen abstreifen. Wie mich schon der
erste Blick in Ihr Gesicht belehrt und erschttert hat! Prinz, mein
Prinz! Erlauben Sie mir, Ihnen die Hand zu kssen.

Er bckte sich rasch und kte ehrfurchtsvoll Caspars Hand.

Caspar hatte keine Worte. Er sah aus wie einer, dem pltzlich das Herz
stillsteht.

Ich komme vom Hof, ich komme als Abgesandter Ihrer Mutter, ich komme,
Sie zu holen, fuhr der Fremde fort, nicht weniger hastig, nicht weniger
respekterfllt. Ich vermute, da Sie seit langem darauf vorbereitet
sind. Doch mssen wir auf der Hut sein. Wir haben groe Hindernisse zu
scheuen. Sie mssen mit mir entfliehen. Alles ist bereit. Die Frage ist
nur, ob Sie willens sind, sich ohne Rckhalt mir anzuvertrauen, und ob
ich auf Ihre unbedingte Verschwiegenheit rechnen darf?

Wie sollte Caspar imstande sein, darauf zu antworten? Er schaute in das
Gesicht des Mannes, das ihm in jeder Beziehung auergewhnlich, ja
mrchenhaft erschien, und mit stupider Aufmerksamkeit haftete sein Blick
auf den zahllosen kleinen Blatternarben, die auf der Nase und den Wangen
des Fremden sichtbar waren.

Ihr Schweigen ist fr mich beredt, sagte der Fremde mit einer
schnellen Verbeugung. Der Plan ist der: Sie finden sich morgen
nachmittag um vier Uhr im Hofgarten ein, und zwar neben der Lindenallee,
wenn man vom Freibergschen Haus kommt. Man wird Sie von dort zu einem
bereitstehenden Wagen fhren. Die einbrechende Dunkelheit wird unsre
Flucht begnstigen. Kommen Sie ohne Mantel, so wie Sie sind; Sie werden
standesgeme Kleider finden. Bei der ersten Raststation an der Grenze,
die wir in drei Stunden erreichen knnen, werden Sie sich umkleiden. Ich
bin Ihnen unbekannt. Sie sollen sich dem Unbekannten nicht auf Treu und
Glauben bergeben. Bevor Sie in den Wagen steigen, werde ich Ihnen ein
Zeichen behndigen, an dem Sie unzweifelhaft erkennen werden, da ich zu
meinem Auftrag von Ihrer Mutter bevollmchtigt bin.

Caspar rhrte sich nicht. Nur sein ganzer Krper schwankte ein wenig,
als wre er erstarrt und der Wind drohe ihn umzublasen.

Darf ich dies alles als abgemacht ansehen? fragte der Fremde.

Er mute die Frage wiederholen. Da nickte Caspar -- ernsthaft, schwer,
und auf einmal war ihm die Kehle wie verbrannt.

Werden Sie sich zur bestimmten Stunde am bestimmten Platze einfinden,
mein Prinz?

Mein Prinz! Caspar wurde leichenbla. Er schaute wieder die
Blatternarben mit verzehrender Aufmerksamkeit an. Dann nickte er
abermals, mit einer Bewegung, die den Schein von Klte oder von
Verschlafenheit hatte.

Der Fremde lpfte mit demutsvoller Hflichkeit den Hut; hierauf ging er
und verschwand in der Richtung gegen die Schwanengasse.

Whrend des ganzen Auftrittes, der etwa acht bis zehn Minuten gedauert
hatte, war also nicht ein einziges Wort aus Caspars Lippen gekommen.

War es Freude, die Caspar empfand? War Freude so beschaffen, da einen
dabei fror bis ins Mark? Da bestndig Schauder ber den Rcken liefen
wie kaltes Wasser?

Er machte immer nur ein halb Dutzend Schritte und hielt dann inne, weil
er glaubte, der Erdboden sinke unter seinen Fen. Menschen, geht mir
aus dem Weg, dachte er; weh mich nicht an, Schnee; Wind, sei nicht so
wild. Er betrachtete seine Hand und berhrte mit der Spitze seines
Fingers starr nachdenklich die Stelle, auf die der Fremde ihn gekt.

Warum arbeiten die Schustergesellen noch, es ist ja Mittagszeit,
grbelte er, als er im Vorbeigehen in einen Laden blickte. Unaufhrlich
rannen die Schauder ber den Nacken herab.

Es war schn, zu wissen, da mit jedem Schritt, mit jedem Blick, mit
jedem Gedanken Zeit verging. Denn darum handelte es sich jetzt ganz
allein: da die Zeit verging.

Als er nach Hause kam, sagte er zur Magd, er wolle nichts essen, und
sperrte sich in seinem Zimmer ein. Er stellte sich ans Fenster, und
whrend ihm die Trnen ber die Backen liefen, sagte er: Dukatus ist
gekommen.

Seine Gedanken hatten etwas von einem nchtlichen Flug wilder Vgel. Bis
heute war ich Caspar Hauser, dachte er, von morgen an bin ich der andre;
und was bin ich jetzt? Gestern war ich noch ein Schreiberlein, und
morgen werd' ich vielleicht einen blauen Mantel tragen, mit goldenen
Borten verziert; auch einen Degen soll mir Dukatus bringen, lang und
schmal und aufrecht wie ein Binsenhalm. Aber ist denn alles wahr, kann
es denn sein? Freilich kann es sein, weil es doch sein mu.

Erst als es vllig finster war, zndete Caspar das Licht an. Die
Lehrerin schickte herauf und lie fragen, ob er nichts zu sich nehmen
wolle. Er bat um ein Stck Brot und ein Glas Milch. Dies wurde gebracht.
Sodann fing er an, seine Laden auszurumen; einen ganzen Sto von
Papieren und Briefen warf er ins Feuer, die Schreibhefte und Bcher
ordnete er mit peinlicher Sorgfalt. Er ffnete eine Truhe und zog unter
mancherlei Kram das Holzpferdchen hervor, das er noch von der
Gefangenschaft auf dem Vestnerturm her besa. Er betrachtete es lange;
es war wei lackiert, mit schwarzen Flecken, und hatte einen Schweif,
der bis auf das Brettchen fiel. O Rlein, dachte er, hast mich manches
Jahr begleitet, was wird nun aus dir? Ich will wiederkommen und dich
holen, und einen silbernen Stall werd' ich dir bauen. Damit stellte er
das Spielding behutsam auf ein Ecktischchen neben dem Fenster.

Es mag fglich wundernehmen, da ein Gemt wie das seine, so mit Ahnung
begabt, so mit Erfahrungen vielerlei Art gefllt, vom ersten Augenblick
der vermeintlichen Wandlung seines Schicksals in eine dermaen blinde
Glubigkeit verfiel, da auch nicht ein Funke des Mitrauens, der Furcht
oder nur des zweifelnden Staunens in ihm erglomm. Ein Vorgang, so weit
auerhalb des gebundenen Wirklichen, so abenteuerlich in seiner
Pltzlichkeit, so zierdelos und simpel, da ein Schler, ein Kind, ein
Verrckter daran Ansto genommen htte, und er, dem so viele
Menschengesichter unvermummt oder durch Schuld entmummt
gegenbergetreten waren, er, dem die Welt nichts andres war, als was der
Schwalbe, die vom Sden kommt, das durch Bubenhnde zerstrte Nest, er
ergriff mit unerschtterlicher Zuversicht die unbekannte Hand, die sich
aus unbekanntem Dunkel ihm entgegenstreckte, die starre, kalte, stumme
Hand.

Aber bei ihm war keine andre Hoffnung mehr. Oder es war berhaupt von
Hoffnung keine Rede. Hier war das selbstverstndlich Endliche, das
jenseitig Sichere, das Ungefragte, dem kein Wort der menschlichen
Sprache, ja nicht einmal ein Gedanke, eine Vorstellung, eine Vision mehr
nahekommen konnte und das sich so vorbestimmt vollzieht wie der Aufgang
der Sonne, wenn es Tag wird. O ihr mdgetriebenen Glieder, ihr Ketten an
den Gliedern, ihr trgen Minuten, ihr schweigenden Stunden! Noch
prasselt der Kalk in der Mauer, noch bellt von fern ein Hund, noch blst
der Sturm den Schnee ans Fenster, noch knistert das Licht auf der Kerze,
und alles dies ist voll Bosheit, weil es so bestndig scheint, so
langsam vergeht.

Um neun Uhr begab er sich zur Ruhe. Er schlief fest, spter in der Nacht
hrte er alle Viertelstundenschlge von den Kirchen. Bisweilen richtete
er sich auf und schaute beklommen in die Finsternis. Dann kam ein Traum,
in dem Schlaf und Wachen unmerklich ineinander flossen. Ihm trumte
nmlich, er stehe vor dem Spiegel, und er dachte: Wie sonderbar, ich
habe ein so bestimmtes Gefhl von der Gltte des Spiegelglases, und doch
trume ich nur. Er erwachte oder glaubte zu erwachen, verlie das Bett
oder glaubte es zu tun, machte sich im Zimmer zu schaffen, legte sich
wieder hin, schlief ein, erwachte abermals und grbelte: Sollte ich das
mit dem Spiegel nur getrumt haben? Jetzt trat er vor den Spiegel hin,
gewahrte sein umschattetes Bild, fand etwas Fremdes daran, wovor ihm
graute, und bedeckte den Spiegel mit einem Tuch, das blau war und
goldene Borten hatte. Als er sich nun hingelegt hatte und nach einer
Weile wirklich erwachte, da erkannte er, da alles nur ein Traum
gewesen war, denn der Spiegel war keineswegs verhngt.

Es war eine lange Nacht.

Des Morgens ging er wie gewhnlich aufs Gericht. Er verrichtete seine
Schreibarbeit wie mit verschleierten Augen. Um elf Uhr klappte er das
Tintenfa zu, rumte auch hier alles suberlich zusammen und entfernte
sich still.

Quandt war wegen einer Lehrerkonferenz ber Mittag vom Hause fort.
Caspar sa mit der Frau allein bei Tisch. Sie sprach bestndig vom
Wetter. Der Sturm hat den Schlot auf unserm Dach umgerissen, erzhlte
sie, und der Schneider Wst von nebenan ist durch die herunterfallenden
Ziegel beinahe erschlagen worden.

Caspar blickte schweigend hinaus: er konnte kaum das gegenberliegende
Gebude sehen; Regen und Schnee untermischt wirbelten durch die
verdunkelte Gasse.

Caspar a nur die Suppe; als das Fleisch kam, stand er auf und ging in
sein Zimmer.

Punkt drei Uhr kam er wieder herunter, nur mit seinem alten braunen Rock
bekleidet und ohne Mantel.

Wo wollen Sie denn hin, Hauser? rief ihn die Lehrerin von der Kche
aus an.

Ich mu beim Generalkommissr etwas holen, entgegnete er ruhig.

Ohne Mantel? Bei der Klte? fragte die Frau erstaunt und trat auf die
Schwelle.

Er sah zerstreut an sich herab, dann sagte er: Adieu, Frau Lehrerin,
und ging.

Bevor er die Haustr schlo, warf er noch einen Abschiedsblick in den
Flur, auf das geschweifte Gelnder der Treppe, auf den alten braunen
Schrank mit den Messingschnallen, der zwischen Kchen- und Wohnzimmertr
stand, auf das Kehrichtfa in der Ecke, das mit Kartoffelschalen,
Kserinden, Knochen, Holzspnen und Glassplittern angefllt war, und auf
die Katze, die stets heimlich und genschig hier herumschlich. Trotz des
blitzhaft schnellen Anschauens dieser Dinge schien es Caspar, als ob er
sie nie deutlicher und nie so absonderlich gesehen htte.

Als die Klinke eingeschnappt war, lie der schier unertrgliche Druck,
der seine Brust verschnrte, ein wenig nach, und seine Lippen verzogen
sich zu einem schalen Lcheln.

Dem Lehrer werd' ich schreiben, dachte er; oder nein, besser ist es,
selber zu kommen; wenn der Winter vorbei ist, werd' ich kommen und mit
dem Wagen vors Haus fahren; ich werd' es einrichten, da es Nachmittag
sein wird, da ist er daheim. Wenn er vors Tor tritt, werd' ich ihm nicht
die Hand reichen, ich will mich stellen, als ob ich ein andrer wre, in
meinen schnen Kleidern wird er mich ja nicht erkennen. Er wird einen
tiefen Bckling machen: Wollen Euer Gnaden gndigst eintreten? wird er
sprechen. Wenn wir im Zimmer sind, stell' ich mich vor ihn hin und
frage: Erkennen Sie mich nun? Er wird auf die Knie fallen, aber ich
reiche ihm die Hand und sage: Sehen Sie jetzt ein, da Sie mir unrecht
getan haben? Er wird es einsehen. Ei, sag' ich, zeigen Sie mir doch
mal Ihre Kinder und schicken Sie nach dem Polizeileutnant. Den Kindern
werd' ich Geschenke bringen, und wenn dann der Polizeileutnant kommt, zu
dem werd' ich nicht reden, den werd' ich nur anschauen, nur
anschauen...

Von der Gumbertuskirche schlug es halb vier. Es war noch viel zu frh.
Auf dem unteren Markt ging Caspar rings an den Husern herum. Vor dem
Pfarrhaus blieb er eine Weile sinnend stehen. Infolge seiner inneren
Hitze sprte er die Klte kaum. Er sah nur wenige Leute, die, wie vom
Wind gepeitscht, schnell vorberhuschten.

Als er sich von der Hofapotheke rechts gegen den Schlodurchla wandte,
schlug es dreiviertel. Da rief jemand; er blickte empor, der Fremde von
gestern stand neben ihm. Er trug einen Mantel mit mehreren Kragen und
darber noch einen Pelzkragen. Er verbeugte sich und sagte ein paar
hfliche Worte. Caspar verstand ihn nicht, denn der Wind war gerade so
heftig, da man htte schreien mssen, um einander zu hren. Daher
machte der Fremde blo eine Gebrde, durch die er Caspar bat, mit ihm
gehen zu drfen. Offenbar war er selbst eben im Begriff gewesen, den Ort
des Stelldicheins aufzusuchen.

Bis zum Hofgarten waren es nur noch wenige Schritte. Der Fremde ffnete
das Trchen und lie Caspar den Vortritt. Caspar ging voran, als ob es
so sein msse. Eine Mischung von einfltiger Ergebenheit und ruhigem
Stolz zeigte sich in seinem Gesicht, um mit sonderbarer Raschheit einem
Ausdruck des Grauens Platz zu machen, denn der Augenblick war zu stark,
er konnte seine Wucht nicht ertragen. In dem Zeitraum, den er brauchte,
um von dem Pfrtchen ber den dichtbeschneiten Orangerieplatz zu den
Bumen der ersten Allee zu gehen, durchlebte er in seinem Innern eine
Reihe gnzlich unzusammenhngender Szenen aus ferner Vergangenheit, eine
Erscheinung, die von Seelenforschern auf dieselbe Wurzel zurckgefhrt
werden kann wie etwa die, da ein von einem Turm Fallender whrend der
Zeit des Sturzes sein ganzes Dasein an sich vorbergleiten sieht. Er
erblickte zum Beispiel die Amsel, die mit ausgebreiteten Flgeln auf dem
Tisch lag; dann sah er mit ungemeiner Deutlichkeit den Wasserkrug, aus
dem er in seinem Kerker getrunken; dann sah er eine schne goldene
Kette, die ihm der Lord aus seinen Schtzen gezeigt, womit die angenehme
Empfindung verbunden war, die ihm Stanhopes weie, feine Hand erregte;
ferner sah er sich im Saal der Nrnberger Burg, wohin Daumer ihn
gefhrt, und sein Auge weilte auf der sanften Linie einer gotischen
Fensterwlbung mit einem Entzcken, das er damals sicherlich nicht
versprt hatte.

Sie kamen zum Kreuzweg, da eilte der Fremde voraus und gab mit erhobenem
Arm irgendein Zeichen. Caspar gewahrte hinter dem Gebsch noch zwei
andre Personen, deren Gesichter durch die aufgestellten Mantelkragen
vllig verhllt waren.

Wer sind diese? fragte er und zauderte, weil er annahm, hier sei der
verabredete Platz.

Mit den Blicken suchte er den Wagen. Das Schneegestber erlaubte jedoch
nicht weiter als zehn Ellen zu sehen.

Wo ist der Wagen? fragte er. Da der Fremde auf beide Fragen nicht
antwortete, schaute er ratlos gegen die zwei hinter dem Gebsch. Diese
nherten sich oder es schien wenigstens so. Sie riefen dem
Blatternarbigen etwas zu, erst der eine, dann der andre. Darauf
entfernten sie sich wieder und standen dann auf der andern Seite des
Wegs.

Der Fremde drehte sich um, griff in die Tasche seines Mantels, brachte
ein lilafarbenes Beutelchen zum Vorschein und sagte mit heiserer Stimme:
ffnen Sie es; Sie werden darin das Zeichen finden, das uns Ihre Mutter
bergab.

Caspar nahm das Beutelchen entgegen. Whrend er sich bemhte, die Schnur
zu entknpfen, durch die es zugebunden war, hob der Fremde einen langen,
blitzenden Gegenstand in der Faust und schnellte mit dem Arm gegen
Caspars Brust.

Was ist das? dachte Caspar bestrzt. Er fhlte etwas Eiskaltes tief in
sein Fleisch glitschen. Ach Gott, das sticht ja, dachte er und wankte
dabei. Den Beutel lie er fallen.

O ungeheurer, ungeheurer Schrecken! Er griff nach einem der
Baumstmmchen und versuchte zu schreien, aber es ging nicht. Auf einmal
brach er in die Knie. Vor seinen Augen wurde es schwarz. Er wollte den
Fremden bitten, da er ihm helfe, doch die Fe des Mannes, die er noch
eine Sekunde zuvor gesehen, waren verschwunden. Die Schwrze vor den
Augen wich wieder; er sah sich um; niemand war mehr da; auch die beiden
hinter dem Gebsch waren nicht mehr da.

Er kroch nun auf allen vieren ein wenig am Gebsch entlang und senkte
den Kopf herunter, um sein Gesicht vor dem nassen Schneestaub zu
schtzen, den ihm der Wind entgegenspritzte. Er machte ein paar
Bewegungen mit dem Krper, als suche er in der Erde eine Hhlung zum
Hineinschlpfen, konnte dann nicht weiter und blieb sitzen. Ihm schien,
als riesle etwas im Innern seines Leibes. Es fror ihn jetzt erbrmlich.

Mcht' sehen, was in dem Beutel ist, dachte er, whrend seine Zhne
klapperten. O ungeheurer Schrecken, der ihn abhielt, nach jener Stelle
zu blicken, wo der Fremde gestanden.

Wenn ich nur ein Wort wte, durch das mir leichter wrde, dachte er,
wie einer, der sich durch Zauberformeln zu schtzen whnt. Und er sagte
zweimal: Dukatus.

Welches Wunder, pltzlich ward ihm leicht. Er glaubte aufstehen und nach
Hause gehen zu knnen. Er erhob sich. Er sah, da er gehen konnte.
Nachdem er einige taumelnde Schritte gemacht, fing er an zu laufen. Ihm
war, als ob sein Krper ohne Schwere sei, ihm war, als fliege er. Er
lief, lief, lief. Bis zum Tor des Gartens; ber den Schloplatz; ber
den Markt an der Kirche vorbei; bis zum Kronacher Buck, bis in den Flur
des Quandtschen Hauses; lief, lief, lief.

In Schwei gebadet, strzte er in den Flur. Weiter ging's nicht mehr;
keuchend lehnte er sich an die Wand. Die Magd gewahrte ihn zuerst. ber
sein Aussehen entsetzt, gab sie einen gellenden Schrei von sich. Da kam
Quandt aus der Stube; seine Frau folgte ihm.

Caspar starrte ihnen entgegen, sprach aber nichts, sondern deutete blo
auf seine Brust.

Was ist geschehen? fragte Quandt rauh und kurz.

Hofgarten -- gestochen, stammelte Caspar.

Und Quandt? Wir sehen ihn schmunzeln. Nichts andres: wir sehen ihn
schmunzeln. Und wenn Jahrhunderte, feierlich in Purpur angetan wie
Gottes Engel, auf uns zutreten und uns beschwren, die Tatsachen nicht
zu verzerren, so ist nichts andres zu erwidern, als da Quandt
schmunzelte, seltsam schmunzelte. Wo sind Sie denn gestochen, mein
Lieber? fragte er gedehnt.

Wieder deutete Caspar auf seine Brust.

Quandt knpfte ihm Rock, Weste und Hemd auf, um die Wunde anzuschauen.
Richtig, da war ein Stich, nicht grer als eine Haselnu. Aber nicht
die geringste Spur von Blut war zu bemerken. Eine Wunde ohne Blut, das
gibt es nicht; das ist wie eine Behauptung ohne Beweis.

Also gestochen, sagte Quandt. So lassen Sie uns sofort umkehren und
zeigen Sie mir den Platz im Hofgarten, wo das passiert sein soll, fgte
er energisch hinzu. Was haben Sie denn zu dieser Stunde und bei solchem
Wetter im Hofgarten zu tun gehabt? Marsch, kommen Sie! Die Sache mu
unverzglich aufgeklrt werden.

Caspar widersprach nicht. Er schleppte sich an des Lehrers Seite wieder
auf die Gasse. Quandt fate ihn unter, wie ein Krppel schlich Caspar
dahin.

Nach langem Schweigen sagte Quandt in verbissenem Ton: Diesmal haben
Sie Ihren dmmsten Streich gemacht, Hauser. Diesmal wird es keinen so
guten Ausgang nehmen wie beim Professor Daumer, das kann ich Ihnen
schriftlich geben.

Caspar blieb stehen, warf einen schnellen Blick gen Himmel und sagte:
Gott -- wissen.

Machen Sie nur keine Faxen, zeterte Quandt, ich wei, was ich wei.
Wenn Sie sich auch noch so sehr auf Gott berufen, damit haben Sie bei
mir kein Glck, denn Sie sind ein gottloser Mensch von Grund auf. Ich
kann Ihnen nur raten, spielen Sie nicht lnger die Stumme von Portici
und gestehen Sie lieber gleich. Ein wenig bange machen wollen Sie uns,
die Leute wollen Sie durcheinander hetzen. Gestochen? Wer soll Sie denn
gestochen haben? Vielleicht um Ihnen Ihre jmmerlichen paar Moneten aus
der Tasche zu ziehen? So ein Unsinn! Gehen Sie nicht so langsam, Hauser,
meine Zeit ist knapp.

Den Beutel -- will ich holen, stammelte Caspar leise.

Was denn fr einen Beutel?

Der Mann -- mir gegeben.

Was fr ein Mann?

Der mich gestochen.

Aber Hauser, Hauser, es ist ja himmelschreiend! Bilden Sie sich denn
ein, da ich an diesen Mann nur im entferntesten glaube? So wenig wie an
den schwarzen Peter. Bilden Sie sich denn ein, da ich ber den wahren
Tter einen Augenblick im Zweifel bin? Gestehen Sie's doch! Gestehen
Sie, da Sie sich selber ein bichen gestochen haben. Ich will ber die
Sache noch einmal schweigen, ich will Gnade fr Recht ergehen lassen.

Caspar weinte.

Dicht vor dem Hofgarten brach er pltzlich zusammen. Quandt war
verwirrt. Es kamen einige Mnner des Weges, diese bat er, da sie den
Jngling nach Hause fhren mchten, er selbst wolle zur Polizei. Die
Mnner muten erst geraume Weile warten, bis sich Caspar ein wenig
erholt hatte; auch dann hielt es schwer, ihn zum Gehen zu bewegen.

Es wurde spter von den rzten als eine Unbegreiflichkeit bezeichnet,
da Caspar mit der furchtbaren Verletzung in der Brust imstande gewesen
war, den Weg vom Hofgarten zum Lehrerhaus, hernach vom Lehrerhaus zum
Schloplatz und endlich vom Schloplatz wieder nach Hause zurckzulegen,
das erstemal laufend, das zweitemal am Arme Quandts, das drittemal von
den Mnnern halb gezogen, im ganzen ber sechzehnhundert Schritte.

Als Quandt den Weg nach dem Rathaus einschlug, war es finster geworden.
Der diensttuende Offiziant erklrte, da ohne speziellen Auftrag des
Brgermeisters, der im Bade sei, die Anzeige nicht protokolliert werden
drfe. Der Lehrer schwatzte noch eine Weile mit ihm, dann begab er sich
unwillig und verdrossen in die eine Viertelstunde vor der Stadt gelegene
Kleinschrottsche Badewirtschaft, wo der Brgermeister im Kreis seiner
Vertrauten beim Bier sa. Quandt trug den Fall vor. Man staunte,
zweifelte, pldierte, bestieg den Amtsschimmel und gestattete hierauf
die frmliche Protokollaufnahme. Um sechs Uhr wurde das interessante
Aktenprodukt bei Laternen- und Kerzenschein dem Stadtgericht zur
weiteren Untersuchung bergeben.

Quandt kehrte nach Hause zurck. Auf der Gasse vor seiner Wohnung fand
er viele Menschen, und zwar waren es Personen jeglichen Standes, die dem
Unwetter zum Trotz gekommen waren und in einem Schweigen verharrten, das
den Lehrer stutzig machte. Er ging sogleich in das Zimmer Caspars, der
zu Bett gebracht worden war. Der Doktor Horlacher war zugegen. Er hatte
die Wunde schon untersucht.

Wie steht's? fragte Quandt.

Der Doktor antwortete, es sei kein Grund zu ernster Besorgnis vorhanden.

Das dacht' ich mir, versetzte Quandt.

Jetzt erschien der Hofrat Hofmann. Ein Polizeisoldat hatte ihm unten den
lilafarbenen Beutel bergeben, der an der Unglckssttte gefunden worden
war.

Kennen Sie diesen Beutel? fragte der Hofrat.

Mit fieberglnzenden Augen blickte Caspar auf den Beutel, den der Hofrat
ffnete. Es lag ein Zettel darin, der, so schien es zunchst, mit
Hieroglyphen bedeckt war.

Die Lehrerin, die dabeistand, schttelte den Kopf. Sie zog ihren Mann
beiseite und sagte zu ihm: Es ist doch eigen; genau so legt der Hauser
immer seine Briefe zusammen, wie das Papier im Beutel zusammengefaltet
war.

Quandt nickte und trat an die Seite des Hofrats, der den Zettel erst
prfend betrachtete und dann einen Handspiegel verlangte.

Es ist wohl Spiegelschrift, sagte Quandt lchelnd.

Ja, erwiderte der Hofrat; eine sonderbare Kinderei.

Er stellte Schrift und Spiegel einander gegenber und las vor: Caspar
Hauser wird Euch genau erzhlen knnen, wie ich aussehe und wer ich bin.
Dem Hauser die Mhe zu sparen, denn er knnte schweigen mssen, will ich
aber selber sagen, woher ich komme. Ich komme von der bayrischen Grenze
am Flu. Ich will Euch sogar meinen Namen verraten: M.L.O.

Das klingt ja geradezu hhnisch, sagte der Hofrat nach einem
verwunderten Schweigen.

Quandt nickte erbittert vor sich hin.

Als Caspar die vorgelesenen Worte vernommen hatte, fiel sein Kopf schwer
in das Kissen und eine grenzenlose Verzweiflung malte sich in seinen
Zgen. Es schlo sich sein Mund mit einem Ausdruck, als wolle er von nun
an nie mehr reden. Und _da_ er htte reden knnen, womit dieser
M.L.O. offenbar nicht gerechnet hatte, empfand er bis in das Fieber
hinein als eine Art schmerzlichen Triumphes.

Quandt, den Zettel, den ihm der Hofrat gegeben, zwischen den Hnden,
wanderte aufgeregt hin und her. Das sind schne Streiche, rief er aus,
schne Streiche! Sie halten das Mitleid Ihres Jahrhunderts zum besten,
Hauser. Sie verdienen eine Tracht Prgel, das verdienen Sie.

Der Hofrat runzelte die Stirn. Gemach, Herr Lehrer; lassen Sie das
doch! sagte er mit ungewhnlich ernstem Ton. Bevor er sich
verabschiedete, versprach er, am nchsten Morgen den Kreisphysikus zu
schicken, woraus ersichtlich war, da auch er an keine unmittelbare
Gefahr dachte.

Indes kam der Kreisphysikus, von Frau von Imhoff dazu bewogen, noch am
selben Abend. Es war der Medizinalrat Doktor Albert. Er untersuchte
Caspar mit groer Sorgfalt; als er fertig war, machte er ein
bedenkliches Gesicht. Quandt, seltsam gereizt dadurch, sagte fast
herausfordernd: Es fliet ja gar kein Blut aus der Wunde.

Das Blut sickert nach innen, entgegnete der Medizinalrat mit einem den
Lehrer nur streifenden Blick. Er legte einen Umschlag von Senfteig auf
das Herz und empfahl die mglichste Ruhe.

Quandt griff sich an die Stirn. Wie, sagte er zu seiner Frau, sollte
sich der Bursche in seinem Leichtsinn doch ernstlichen Schaden zugefgt
haben?

Die Lehrerin schwieg.

Ich bezweifle es, ich mu es bezweifeln, fuhr Quandt fort. Sieh doch
selbst, der sonst so wehleidige Mensch klagt ja mit keiner Silbe ber
Schmerzen.

Er antwortet auch nichts, wenn man ihn fragt, fgte die Frau hinzu.

Um neun Uhr fing Caspar an zu delirieren. Quandt war entschlossen, an
das Delirium nicht zu glauben. Als Caspar aus dem Bett springen wollte,
schrie er ihn an: Machen Sie nicht solche widerlichen Umstnde, Hauser!
Gehen Sie schleunig in Ihr Bett zurck.

Der Pfarrer Fuhrmann trat gerade in das Zimmer und hrte dies. Aber
Quandt! Quandt! sagte er entsetzt. Ein wenig Milde, Quandt, im Namen
unsrer Religion.

O, versetzte Quandt kopfschttelnd, Milde ist hier schlecht
angebracht. In Nrnberg, wo er doch auch so eine verworfene Komdie
aufgefhrt hat, gebrdete er sich genau so, und ich habe mir sagen
lassen mssen, da er dabei von zwei Mnnern ist gehalten worden. Was
mich betrifft, ich lasse mir so ein Schauspiel nicht bieten.

Frau von Imhoff hatte eine Pflegerin vom Krankenhaus geschickt, die ber
Nacht an Caspars Lager wachte. Er schlummerte zwei bis drei Stunden.

Schon frh am Morgen erschien eine Gerichtskommission. Caspar war bei
klarem Bewutsein. Vom Untersuchungsrichter aufgefordert, erzhlte er,
ein fremder Herr habe ihn zum artesischen Brunnen in den Hofgarten
bestellt.

Zu welchem Zweck bestellt?

Das wei ich nicht.

Er hat darber gar nichts gesagt?

Doch; er hat gesagt, man knnte die Tonarten des Brunnens besichtigen.

Und daraufhin sind Sie ihm schon gefolgt? Wie sah er aus?

Caspar gab eine kurze, abgerissen gelallte Beschreibung und der Art, wie
ihn der Fremde gestochen. Sonst war nichts aus ihm herauszubringen.

       *       *       *       *       *

Es wurde nach Zeugen gefahndet. Es stellten sich Zeugen. Zu spt fr die
Verfolgung des Tters. Schon die erste Anzeige war, durch die Mitschuld
Quandts, unverantwortlich verzgert worden. Als man die am Ort des
Verbrechens befindlichen Blutspuren untersuchen wollte, ergab es sich,
da inzwischen schon zuviele Menschen dagewesen waren und den Schnee
zertreten hatten. Aus einem so wichtigen Umstand Nutzen zu ziehen mute
also von vornherein verzichtet werden.

Zeugen fanden sich genug. Die Zirkelwirtin in der Rosengasse bekundete,
gegen zwei Uhr sei ein Mann in ihr Haus gekommen, den sie nie zuvor
gesehen, und habe gefragt, wann eine Retour nach Nrdlingen gehe. Der
Mann war ungefhr fnfunddreiig Jahre alt gewesen, von mittlerer Gre,
brunlicher Hautfarbe und mit Blatternarben im Gesicht.

Er habe einen blauen Mantel mit Pelzkragen, einen runden schwarzen Hut,
grne Pantalons und Stiefel mit gelben Schraubsporen getragen. In der
Hand hielt er eine Reitgerte. Er habe nur fnf Minuten geweilt und ganz
wenig gesprochen; auffallend sei es gewesen, da er nicht sagen gewollt,
wo er logierte.

So beschrieb auch der Assessor Donner einen Mann, den er um drei Uhr im
Hofgarten neben der Lindenallee gesehen, und zwar in Gesellschaft von
zwei andern Mnnern, die der Assessor jedoch nicht betrachtet hatte.

Ein Spiegelarbeiter namens Leich ging ein paar Minuten vor vier Uhr von
seiner Wohnung auf dem neuen Weg durch die Poststrae auf die Promenade
und von da ber den Schloplatz. Er sah vom Schlo her zwei Mnner ber
die Gasse schreiten und, die Reitbahn zur Linken lassend, zum Hofgarten
gehen. Er erkannte in dem einen von ihnen Caspar Hauser. Als die beiden
zum Laternenpfahl am Eck der Reitbahn kamen, wandte sich Caspar Hauser
um und blickte den Schloplatz hinauf, so da ihn der Beobachter noch
einmal und genau hatte sehen knnen. Bei den Schranken blieb der Fremde
stehen, um Hauser mit hflicher Gebrde den Vortritt zu lassen. Der
Arbeiter dachte fr sich: wie doch die Herren bei solchem Sturm und
Schnee spazierengehen mgen.

Drei Viertelstunden spter, erzhlte der Mann, als ich von einer
Besorgung beim Bttner Pfaffenberger zurckkam, standen auf dem
Schloplatz viele Leute, die jammerten und sagten, der Hauser sei im
Hofgarten erstochen worden.

Und weiter. Ein Grtnergehilfe, der in der Orangerie beschftigt ist,
hrt gegen vier Uhr Stimmen. Er blickt zum Fenster hinaus und sieht
einen Mann im Mantel vorberlaufen. Der Mann luft einen guten Trab. Die
Stimmen sind etwa einen Bchsenschu weit vom Orangeriehaus entfernt
gewesen, nicht so weit, wie das Uzsche Denkmal ist. Es waren zweierlei
Stimmen, eine Ba- und eine helle Stimme.

Neben der Weidenmhle wohnt eine Nherin. Ihr Fenster geht auf den
Hofgarten; sie sieht bis in die zwei gegen den hlzernen Tempel zu
fhrenden Alleen. Bei beginnender Dmmerung gewahrt sie den Mann im
Mantel; er tritt aus dem neuen Gittertor und steigt am Abhang der
Rezatwiese hinab. Er stutzt, als er vor dem hochgeschwollenen Wasser
steht. Er kehrt um und wendet sich gegen die Stffelchen an der Mhle,
geht ber den Steg auf der Eiberstrae und verschwindet. Die Frau hat
von seinem Gesicht nur einen schrglaufenden schwarzen Bart wahrnehmen
knnen.

Es meldet sich auch der Schreiber Dillmann zu einer Aussage. Die
unverbrchliche Gewohnheit des alten Kanzlisten ist es, jeden
Nachmittag, wie das Wetter auch beschaffen ist, zwei Stunden lang im
Hofgarten zu promenieren. Er hat Caspar und den Fremden gesehen. Er
versichert aber, nicht vorangegangen sei Caspar dem Fremden, sondern
hintennach sei er gegangen. Er ist ihm gefolgt, wie das Lamm dem
Metzger zur Schlachtbank folgt, sagt er.

Zu spt. Zu spt der Eifer. Zu spt die erlassenen Steckbriefe und
Streifzge der Gendarmerie. Es konnte nicht mehr fruchten, da man sogar
den Rezatstrom aus seinem Bett leitete, um vielleicht das Mordinstrument
zu entdecken, das der Unbekannte bei seiner Flucht von sich geworfen
haben mochte. Was lag an diesem Dolch?

Was lag an den Zeugen? Was lag an den Verhren? Was lag an den Indizien,
womit eine saumselige Justiz ihre Unfhigkeit prahlerisch verbrmte? Es
wurde gesagt, da die Nachforschungen planlos und kopflos betrieben
wurden. Es wurde gesagt, eine geheimnisvolle Hand sei im Spiel, deren
Machenschaften darin gipfelten, die wahren Spuren allmhlich und mit
Absicht zu verwischen und die Aufmerksamkeit der Behrde irrezuleiten.
_Wer_ es sagte, konnte natrlich nicht erkundet werden, denn die
ffentliche Meinung, ein Ding, ebenso feig wie ungreifbar, orakelt nur
aus sicheren Hinterhalten. Und sie schwieg gar bald stille hier, wo
Verleumdung, Bosheit, Lge, Dummheit und Heuchelei ein schnes
Menschenbild wie zwischen Mhlrdern zermalmten, bis da nichts mehr
brigblieb als ein rmliches Mrchen, wovon sich das Volk dieser
Gegenden an rauhen Winterabenden vor dem Ofen unterhlt.

       *       *       *       *       *

Am Sonntag nachmittag traf Quandt den jungen Feuerbach, den Philosophen,
auf der Strae.

Wie geht's dem Hauser? fragte der den Lehrer.

Ei, er ist ganz auer Gefahr; dank' der Nachfrage, Herr Doktor,
antwortete Quandt geschwtzig; die Gelbsucht ist eingetreten, aber das
soll ja die gewhnliche Folge einer heftigen Erregung sein. Ich bin
berzeugt, da er in ein paar Tagen das Bett wird verlassen knnen.

Sie sprachen noch eine Weile von andern Dingen, hauptschlich von der
neuerdings zwischen Nrnberg und Frth geplanten Dampfschienenbahn, ein
Unternehmen, gegen das Quandt eine ganze Kanonade von Skepsis auffahren
lie, dann verabschiedete er sich von dem stillen jungen Mann mit der
Dankbarkeit eines beklatschten Redners und eilte, bestndig vor sich
hinlchelnd, nach Hause. Er war in einer hchst zuversichtlichen
Stimmung, einer Stimmung, in der man bereit ist, seinen rgsten Feinden
Nachsicht angedeihen zu lassen. Warum, das mochten die Gtter wissen.
War der schne Tag daran schuld? Man darf nicht vergessen, da in Quandt
auch eine Art von Poet steckte; oder war es die Nhe des
Weihnachtsfestes, das jedem guten Christenmenschen gleichsam eine
Erneuerung seiner Seele verspricht? Oder war es am Ende der Umstand, da
gegenwrtig so viele vornehme und ausgezeichnete Personen sein
bescheidenes Heim aufsuchten und da er inmitten dieses bescheidenen
Heims eine Stellung von ungeahnter Wichtigkeit innehatte? Genug, wie dem
auch sein mochte, er war mit sich zufrieden, folglich stammte sein
Lcheln aus der lautersten Quelle.

Vor seiner Wohnung traf er auf den Polizeileutnant. Ah, vom Urlaub
zurck? begrte er ihn mit gedankenloser Freundlichkeit. Gleich darauf
sagte er sich: mit dem habe ich ja noch ein Hhnchen zu rupfen.

Hickel drckte die Augen zusammen und sah aus, als ob er lachen wollte.

Sie gingen miteinander hinauf.

Caspar sa mit nacktem Oberleib im Bette, gegen aufgetrmte Kissen
gelehnt, starr wie eine Figur aus Lehm, das Gesicht grau wie Bimsstein,
die Haut des Krpers strahlend wei wie eine Magnesiumflamme. Der
Medizinalrat hatte soeben den Verband abgenommen und wusch die Wunde.
Auerdem war noch ein Kommissionsaktuar zugegen. Dieser hatte am Tisch
Platz genommen; ein Protokollformular lag bei ihm, auf dem die
lakonischen Worte standen: Der Damnifikat verbleibt bei seinen
bisherigen Depositionen. ber einen eingefangenen Straenruber htte
man sich nicht besser und niedlicher ausdrcken knnen.

Kaum hatte Caspar den eintretenden Hickel gewahrt, als er den wie einen
gebrochenen Blumenkelch seitwrts gesenkten Kopf aufrichtete und mit
weitgeffneten Augen, in denen ein ganz unsglicher Schrecken lag, dem
Ankmmling ins Gesicht starrte.

Ohne zu sprechen, erhob Hickel drohend den Zeigefinger. Diese Gebrde
schien den Schrecken Caspars aufs uerste zu treiben; er faltete die
Hnde und murmelte chzend: Nicht nahekommen! Ich hab's ja doch nicht
selber getan.

Aber Hauser! Was fllt Ihnen denn ein! rief Hickel mit einer
Lustigkeit, die man etwa im Wirtshaus zur Schau trgt, und seine gelben
Zhne blinkten zwischen den vollen Lippen; ich hab' Ihnen ja nur
gedroht, weil Sie ohne Erlaubnis in den Hofgarten gegangen sind. Wollen
Sie das vielleicht auch leugnen?

Keine Auseinandersetzungen, wenn ich bitten darf, mahnte der
Medizinalrat unwillig. Er hatte den Verband erneuert, zog nun den Lehrer
beiseite und sagte leise und ernst: Ich kann Ihnen nicht verhehlen,
da Hauser wahrscheinlich die Nacht nicht berleben wird.

Offenen Mundes stierte Quandt den Arzt an. Seine Knie wurden weich wie
Butter. Wie? Was? hauchte er, ist's mglich? Er schaute alle
Anwesenden der Reihe nach langsam an, wobei sein Gesicht dem eines
Menschen glich, der sich soeben behaglich zum Essen setzen wollte und
dem pltzlich Schssel, Teller, Messer und Gabel, ja der ganze Tisch
weggezaubert wird.

Kommen Sie mit mir, Herr Lehrer, sagte mit heiserer Stimme Hickel, der
am Ofen stand und mit sinnloser Geschftigkeit seine Hnde an den
Kacheln rieb.

Quandt nickte und schritt mechanisch voraus.

Ist's mglich! murmelte er wieder, als er auf der Stiege stand. Ist's
mglich! Hilfesuchend blickte er den Polizeileutnant an. Ach, fuhr er
elegisch fort, wir haben doch unser redlich Teil getan. An treuer
Frsorge haben wir's wahrlich nicht fehlen lassen.

Lassen Sie doch die Flausen, Quandt, antwortete der Polizeileutnant
grob. Sagen Sie mir lieber, was hat denn der Hauser alles geredet in
seinem Wahn?

Unsinn, lauter Unsinn, versetzte Quandt bekmmert.

Achtung, Herr Lehrer, da sehen Sie mal hinunter, rief Hickel, indem er
sich ber das Gelnder beugte.

Was denn? gab Quandt erschrocken zurck, ich sehe nichts.

Sie sehen nichts? Potz Kbel, ich auch nicht. Es scheint, wir sehen
beide nichts. Er lachte wunderlich, richtete sich wieder kerzengerade
auf und hstelte trocken. Dann ging er, indes Quandt ihm nicht wenig
betroffen nachguckte.

Wohin soll es auch kommen mit der Welt, wenn Leute wie Hickel unter die
Gespensterseher geraten? Auf ihren robusten Schultern ruhen die
Fundamente der Ordnung, des Gehorsams und aller staatlich anerkannten
Tugenden. Mag es auch in diesem besonderen Fall so beschaffen gewesen
sein, da die Ausgeburt rhmenswerter Untertaneneigenschaften dennoch
einer Regung bsen Gewissens anheimfiel, nun, dann mu erklrt werden,
da dieses bse Gewissen mit einem martialischen Aussehen gesegnet war,
da es zu allen Mahlzeiten einen beneidenswerten Appetit entwickelte und
da es das sanfteste Ruhekissen fr einen unvergleichlich gesunden
Schlaf war, der durch keine Feuerglocke und kein Tedeum htte gestrt
werden knnen.

Im Zimmer Caspars hatte der Kommissionsaktuar neuerdings ein Verhr
begonnen. Caspar sollte sagen, ob noch ein Dritter zugegen gewesen sei,
whrend er im Appellgericht mit dem fremden Mann gesprochen.

Caspar antwortete matt, er habe niemand bemerkt, nur vor dem Tor seien
Leute gewesen. Arme Leute passen mir immer dort auf, sagte er, zum
Beispiel eine gewisse Feigelein, der hab' ich manchmal einen Kreuzer
gegeben, auch die Tuchmacherswitwe Weigel.

Der Aktuar wollte weiterfragen, doch Caspar lispelte: Mde -- recht
mde.

Wie ist Ihnen, Hauser? erkundigte sich die Wrterin.

Mde, wiederholte er; werd' jetzt bald weggehen von dieser
Lasterwelt.

Eine Weile schrie und redete er fr sich hin, hernach wurde er wieder
ganz stille.

Er sah ein Licht, das langsam erlosch. Er vernahm Tne, die aus dem
Innern seines Ohrs zu dringen schienen; es klang, wie wenn man mit einem
Hammer auf eine Metallglocke haut. Er erblickt eine weite, einsame,
dmmernde Ebene. Eine menschliche Gestalt rennt schnell darber hin. O
Gott, es ist Schildknecht. Was lufst du so, Schildknecht? ruft er ihm
zu. Hab' Eile, groe Eile, antwortet jener. Auf einmal schrumpft
Schildknecht zusammen, bis er eine Spinne ist, die an einem glhenden
Faden zum Ast eines riesengroen Baumes emporklimmt. Trnen des Grauens
fallen wie Regen aus Caspars Augen.

Er sah ein seltsames Gebude; es glich einer kolossalen Kuppel; es hatte
kein Tor, keine Tr, kein Fenster. Aber Caspar konnte fliegen, flog
hinauf und schaute durch eine kreisrunde ffnung in das Innere, das von
himmelblauer Luft erfllt war. Auf himmelblauen Marmorfliesen stand eine
Frau. Vor diese trat ein Mensch, kaum deutlicher zu sehen als ein
Schatten, und er teilte ihr mit, da Caspar gestorben sei. Die Frau hob
die Arme und schrie vor Schmerz, da die Wlbung erzitterte. Da klaffte
der Boden auseinander und es kam ein langer Zug von Menschen, die alle
weinten. Und Caspar sah, da ihre Herzen zitterten und zuckten wie
lebendige Fische in der Hand des Fischers. Und einer trat heraus, der
gerstet war und ein Schwert trug, der sprach ungeheure Worte, aus denen
sich das ganze Geheimnis enthllte. Und alle, die zuhrten, preten die
Hnde gegen die Ohren, schlossen die Augen und strzten vor Kummer zu
Boden.

Dann war alles verwandelt. Caspar sprte sich voll von wunderbaren
Krften. Er sprte die Metalle in der Erde, von tief unten zogen sie ihn
an, und die Steine sprte er, die Adern von Erz hatten. Dazwischen ruhte
vielfltiger Samen, und er brach auf, und die Wrzlein schossen und
bebend hoben sich die Grser. Aus dem Boden sprangen Quellen hoch empor
wie Fontnen und auf ihren Spitzen leuchtete die willkommene Sonne. Und
inmitten des Weltalls stand ein Baum mit weitem Gipfel und unzhligen
Verstelungen; rote Beeren wuchsen aus den Zweigen, und auf der Krone
oben bildeten die Beeren die Form eines Herzens. Innen im Stamm flo
Blut, und wo die Rinde zerrissen war, sickerten schwrzlichrote Tropfen
hindurch.

Mitten in diesem Wogen verzweiflungsvoller Bilder und krankhafter
Entzckungen war es Caspar, als ob ihn jemand in einen Raum trge, wo
keine Luft zum Atmen mehr war. Da half kein Struben und Sichbumen, es
trug ihn hin und ein khler Wind wehte ber sein Haar, seine Finger
krmmten sich, als suche er sich irgendwo zu halten. Es war eine
namenlose Erschpfung, von welcher der vergebliche Kampf begleitet war.

Auf der Strae fuhr der Nrnberger Postwagen vorbei, und der Postillon
blies ins Horn.

Es kamen bis zum Abend viele Leute, um nach seinem Befinden zu fragen.
Frau von Imhoff blieb lange an seinem Bett sitzen.

Um acht Uhr schickte die Pflegerin zum Pfarrer Fuhrmann, der mit grter
Schnelligkeit eintraf. Er legte Caspar die Hand auf die Stirn. Mit
angstvoll groen Augen schaute sich Caspar um; seine Schultern
zitterten. Er machte mit dem Zeigefinger auf dem Deckbett Bewegungen,
als wolle er schreiben. Das dauerte jedoch nicht lange.

Sie haben mir einmal gesagt, lieber Hauser, da Sie auf Gott vertrauen
und mit seiner Hilfe jeden Kampf kmpfen wollen, sagte der Pfarrer.

Wei es nicht, flsterte Caspar.

Haben Sie denn heute schon zu Gott gebetet und ihn um seinen Beistand
angerufen?

Caspar nickte.

Und wie ist Ihnen darauf gewesen? Haben Sie sich nicht gestrkt
gefhlt?

Caspar schwieg.

Wollen Sie nicht wieder beten?

Bin zu schwach; vergehen mir gleich die Gedanken. Und nach einer Weile
sagte er wie fr sich, seltsam leiernd: Das ermdete Haupt bittet um
Ruhe.

So will ich ein Gebet sprechen, fuhr der Pfarrer fort, beten Sie im
stillen mit. Vater, nicht mein--

Sondern dein Wille geschehe, vollendete Caspar hauchend.

Wer hat so gebetet?

Der Heiland.

Und wann?

Vor -- seinem -- Sterben. Bei diesem Wort strubte sich sein Krper
empor und ber sein Gesicht ging ein hchst qualvolles Zucken. Er
knirschte mit den Zhnen und schrie dreimal gellend: Wo bin ich denn?

Aber, Hauser, in Ihrem Bett sind Sie, beruhigte ihn Quandt. Es kommt
ja bei Kranken fter vor, da sie sich an einem andern Ort zu befinden
whnen, wandte er sich erklrend an den Pfarrer Fuhrmann.

Geben Sie ihm zu trinken, sagte dieser.

Die Lehrerin brachte ein Glas frisches Wasser.

Als Caspar getrunken hatte, wischte ihm Quandt den kalten Schwei von
der Stirn. Er selber bebte an allen Gliedern. Er beugte sich ber den
Jngling und fragte dringend, feierlich beschwrend: Hauser! Hauser!
Haben Sie mir nichts mehr zu sagen? Sehen Sie mich einmal so recht
aufrichtig an, Hauser! Haben Sie mir nichts mehr zu beichten?

Da packte Caspar in hchster Herzensnot die Hand des Lehrers. Ach Gott,
ach Gott, so abkratzen mssen mit Schimpf und Schande! stie er
jammernd hervor.

Das waren seine letzten Worte. Er kehrte sich ein wenig auf die rechte
Seite und drehte das Gesicht zur Wand. Jedes Glied seines Krpers starb
einzeln ab.

Zwei Tage spter wurde er begraben. Es war nachmittags und der Himmel
von wolkenloser Blue. Die ganze Stadt war in Bewegung. Ein berhmter
Zeitgenosse, der Caspar Hauser das Kind von Europa nennt, erzhlt, es
sei zu der Stunde Mond und Sonne gleicher Zeit am Firmament gestanden,
jener im Osten, diese im Westen, und beide Gestirne htten im selben
fahlen Glanz geleuchtet.

       *       *       *       *       *

Etwa anderthalb Wochen spter, drei Tage nach Weihnachten, es war Abend
und Quandt und seine Frau wollten sich eben zu Bett begeben, erschallten
starke Schlge gegen das Haustor. Sehr erschrocken, zgerte Quandt eine
Weile; erst als sich die Schlge wiederholten, nahm er das Licht und
ging, um zu ffnen.

Drauen stand Frau von Kannawurf. Fhren Sie mich in Caspars Zimmer,
sagte sie zum Lehrer.

Jetzt noch? In der Nacht? wagte dieser einzuwenden.

Jetzt, in der Nacht, beharrte die Frau.

Ihr Wesen schchterte Quandt dergestalt ein, da er stumm zur Seite
trat, sie vorangehen lie und mit dem Licht folgte.

In Caspars Zimmer erinnerte wenig an den Verstorbenen. Es war alles
umgestellt und verrumt. Nur das Holzpferdchen stand noch auf dem
Ecktisch neben dem Fenster.

Lassen Sie mich allein, gebot Frau von Kannawurf. Quandt stellte den
Leuchter hin, entfernte sich schweigend und wartete in Gemeinschaft mit
seiner Frau unten an der Stiege. Es ist sehr gutmtig von mir, da ich
mir so etwas in meinem Hause gefallen lasse, murrte er.

Mit verschrnkten Armen schritt Clara von Kannawurf im Zimmer auf und
ab. Ihr Blick fiel auf den Tisch, wo eine Abschrift des
Sektionsprotokolles lag; es ging daraus hervor, da man nach dem Tode
Caspars die Seitenwand seines Herzens ganz durchstochen gefunden hatte.
Clara nahm das Papier mit beiden Hnden und zerknitterte es in ihren
Fusten.

Was fruchtet aller Schmerz und Reue? Man kann nicht die Gewesenen aus
Luft zurckgestalten; man kann der Erde nicht ihre Beute abfordern.
Trnen beruhigen; aber diese Trauernde hatte keine Trnen mehr; fr sie
waren keine Sterne mehr, kein Glanz des Himmels; fr sie wuchs kein
Gras mehr, duftete keine Blume mehr, ihr schmeckte der Tag nicht mehr
und die Nacht nicht mehr, fr sie hatte sich alles Menschentreiben, ja
selbst das Schaffen der Elemente in eine einzige dstere Wolke von nie
wieder gutzumachender Schuld zusammengeballt.

Es mochte eine halbe Stunde verflossen sein, als Clara wieder herabkam.
Sie blieb ganz dicht vor dem Lehrer stehen, und whrend sie ihn mit
weitaufgeschlagenen Augen ansah, sagte sie bebend und kalt: Mrder.

Dies war fr Quandt etwa so, wie wenn man ihm einen Schwefelbrand unter
die Nase gehalten htte. Es lt sich denken, der wackere Mann war
vollkommen ahnungslos; im Schlafrock, gesticktem Hauskppchen und mit
Schlappschuhen an den Fen wartet er, da der ungebetene Gast sein Haus
wieder verlasse, und da fllt ein Wort, wie es nicht einmal ein bser
Traum erzeugen kann.

Das Weib ist wahnsinnig! Ich werde sie zur Rechenschaft ziehen, tobte
er noch im Bette.

Clara wohnte bei Imhoffs. Sie fand die Freundin noch auf. Frau von
Imhoff sagte ihr, da man morgen auf den Kirchhof gehen wolle, weil das
Kreuz auf Caspar Hausers Grab errichtet werde. Frau von Imhoff empfand
Claras Schweigsamkeit wie einen Alpdruck und erzhlte, erzhlte. Vieles
von Caspar, vieles von denen, die um ihn waren. Quandt wolle ein Buch
schreiben, worin er haarklein nachzuweisen gedenke, da Caspar ein
Betrger gewesen; da Hickel den Dienst quittiert habe und aus Ansbach
wegziehe, wohin, wisse niemand, da alle Bemhungen, dem furchtbaren
Verbrechen auf den Grund zu kommen, vergeblich gewesen seien.

Clara blieb wie aus Stein. Als sie sich fr die Nacht trennten, sagte
sie leise und mit unheimlicher Sanftmut: Auch du bist seine Mrderin.

Frau von Imhoff prallte zurck. Doch Clara fuhr ebenso leise und sanft
fort: Weit du es denn nicht? willst du's nicht wissen? Versteckst du
dich vor der Wahrheit wie Kain vor Gottes Ruf? Weit du denn nicht, wer
er war? Glaubst du denn, da die Welt immer und ewig darber schweigen
wird, so wie sie jetzt schweigt? Er wird auferstehen, Bettine, er wird
uns zur Rechenschaft fordern und unsre Namen mit Schmach bedecken; er
wird das Gewissen der Nachgebornen vergiften, er wird so mchtig im Tode
sein, als er ohnmchtig im Leben war. Die Sonne bringt es an den Tag.

Darauf verlie Clara das Zimmer ruhig wie ein Schatten.

Am andern Morgen ging sie frh vom Hause fort. Sie besuchte ihren Trmer
auf der Johanniskirche, sa lange oben auf der Steinbank in der schmalen
Galerie und blickte weit ber die winterliche Ebene. Sie sah aber nicht
Schnee, sie sah nur vergossenes Blut. Sie sah nicht das Land, sie sah
nur ein durchstochenes Herz.

Dann schlug sie den Weg nach dem Kirchhof ein. Der Totengrber fhrte
sie zum Grab. Eben kamen zwei Arbeiter und lehnten ein hlzernes Kreuz
gegen den Stamm einer Trauerweide.

Nach wenigen Minuten erschien der Pfarrer Fuhrmann. Er erkannte Clara
und grte sie ernst und hflich. Sie, ohne zu danken, schaute an ihm
vorber, ihr Blick streifte den mit schmutzigem Schnee bedeckten
Grabhgel und die Arbeiter, die jetzt das Kreuz zu Hupten des Grabes
einrammten. Auf einem groen, herzfrmigen Schild, das inmitten des
Grabkreuzes befestigt war, standen in weien Lettern die Worte:

                             #_HIC JACET
                            CASPARUS HAUSER
                                AENIGMA
                             SUI TEMPORIS
                           IGNOTA NATIVITAS
                             OCCULTA MORS._#

Sie las es, schlug die Hnde vors Gesicht und brach in ein gellend wehes
Gelchter aus. Jhlings wurde sie aber wieder ganz still. Sie drehte
sich gegen den Pfarrer um und rief ihm zu: Mrder!

In diesem Augenblick kamen vom Hauptpfad her einige Leute, die der
Zeremonie der Kreuzaufstellung hatten beiwohnen wollen: Herr und Frau
von Imhoff, Herr von Stichaner, Medizinalrat Albert, der Hofrat Hofmann,
Quandt und seine Frau. Sie sahen den Pfarrer bleich und aufgeregt, und
der Eindruck eines jeden war, da etwas Schlimmes vor sich gehe. Frau
von Imhoff, voller Ahnung, eilte auf ihre Freundin zu und umschlang sie
mit den Armen. Aber mit verwilderten Gebrden machte sich Clara los,
strzte der Gruppe der Nahenden entgegen und schrie mit durchdringender
Stimme: Mrder seid ihr! Mrder! Mrder! Mrder!

Nun rannte sie an ihnen vorbei, auf die Strae hinaus, wo sich alsbald
viele Menschen um sie versammelten, und schrie, schrie! Endlich wurde
sie von einigen Mnnern umringt und am Weiterlaufen verhindert.

Quandt hatte wieder einmal recht behalten. Sie war wahnsinnig geworden.
Noch am selben Tag wurde sie in eine Anstalt gebracht. Mit der Zeit
verging die Raserei, aber ihr Geist blieb umnachtet.

Sehr zu Herzen war der Auftritt am Grabe dem Pfarrer Fuhrmann gegangen.
Er wollte sich nicht zufrieden geben, wenn man ihm vorhielt, da es doch
eine Irre gewesen, die so gehandelt. Noch vor seinem kurz darauf
erfolgten Ableben sagte er zu Frau von Imhoff, die ihn besuchte: Mich
freut die Welt nicht mehr. Warum klagte sie mich an? Mich, gerade mich?
Ich hab' ihn ja liebgehabt, den Hauser.

Die Unglckliche, erwiderte Frau von Imhoff leise, an Liebe allein
hatte sie nicht genug.

Ich trage keine Schuld, fuhr der alte Mann fort. Oder doch nicht
mehr, als dem sterblichen Leib berhaupt zukommt. Schuldig sind alle,
die wir da wandeln. Aus Schuld keimt Leben, sonst htte unser Stammvater
im Paradies nicht sndigen drfen. Auch unsern hingeschiedenen Freund
kann ich nicht freisprechen. Was hat es ihm gefrommt, das Trumen ber
seine Herkunft? Wo Verrat von allen Lippen quillt, flieht der Tchtige
in den Kreis fruchtbarer Neigungen. Aber Schwrmer hren nur sich
selbst. Unschuldig, meine Beste, unschuldig ist nur Gott. Er gnade
meiner Seele und der des edeln Caspar Hauser.


_Ende._




Von demselben Verfasser sind bei _S. Fischer Verlag_ in _Berlin_
folgende Werke erschienen:


Die Juden von Zirndorf. Roman. Umgearb. Ausgabe

Die Geschichte der jungen Renate Fuchs

Der niegekte Mund. Hilperich. Novellist. Studien

Der Moloch. Roman. Umgearbeitete Ausgabe

Alexander in Babylon. Roman

Die Schwestern. Drei Novellen


bei _Marquardt & Co._ in _Berlin_:

Die Kunst der Erzhlung. Ein Dialog.




[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
Grundlage der 1908 erschienenen Erstausgabe erstellt. Die Umlaute Ae, Oe
und Ue wurden durch , ,  ersetzt. Die nachfolgende Tabelle enthlt
eine Auflistung aller gegenber dem Originaltext vorgenommenen
Korrekturen.

S. 120: Pauvre diable, -> Pauvre
S. 316: was der Mann berichtet bat -> berichtet hat
S. 354: in Kupfer gestochene Portt -> Portrt
S. 379: wie zum Bespiel -> Beispiel
S. 436: ber den Punkt Bescheid zugeben -> zu geben
S. 439: als obnichts geschehen wre -> ob nichts
S. 517: [Punkt ergnzt] bei den Seinen in Worms sein knne.
S. 521: [berzhliges Anfhrungszeichen] Als Sie nach Nrnberg kamen
S. 533: und seine Auge weilte auf der sanften Linie -> sein

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
wurden folgendermaen ersetzt:

Sperrung:       _gesperrter Text_
Antiquaschrift: #Antiquatext# ]



[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the first print
edition published in 1908. The Umlauts Ae, Oe and Ue have been replaced
by , , . The table below lists all corrections applied to the
original text.

p. 120: Pauvre diable, -> Pauvre
p. 316: was der Mann berichtet bat -> berichtet hat
p. 354: in Kupfer gestochene Portt -> Portrt
p. 379: wie zum Bespiel -> Beispiel
p. 436: ber den Punkt Bescheid zugeben -> zu geben
p. 439: als obnichts geschehen wre -> ob nichts
p. 517: [missing fullstop] bei den Seinen in Worms sein knne.
p. 521: [removed extra quote] Als Sie nach Nrnberg kamen
p. 533: und seine Auge weilte auf der sanften Linie -> sein

The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
replaced by:

Spaced-out: _spaced out text_
Antiqua:    #text in Antiqua font# ]





End of the Project Gutenberg EBook of Caspar Hauser, by Jakob Wassermann

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK CASPAR HAUSER ***

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including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
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Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
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Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
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state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
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https://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
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The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
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809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
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     Chief Executive and Director
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