The Project Gutenberg EBook of Der Hahn von Quakenbrck und andere Novellen, by 
Ricarda Huch

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Title: Der Hahn von Quakenbrck und andere Novellen

Author: Ricarda Huch

Release Date: December 8, 2008 [EBook #27446]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER HAHN VON QUAKENBRUCK ***




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  Ricarda Huch / Novellen


  Die Fnfzig Bcher
  Band 16


  Der Hahn von Quakenbrck
  und andere Novellen von Ricarda Huch




  Verlegt bei Ullstein & Co
  Berlin 1920



  Alle Rechte, insbesondere das Recht der bersetzung, vorbehalten
  Amerikanisches Copyright 1920 by Ullstein & Co, Berlin



  Inhalt


  Der Hahn von Quakenbrck      7

  Der Snger                   53

  Der neue Heilige             93




Der Hahn von Quakenbrck


Im folgenden wird gemeldet, was die Chroniken ber den staatswichtigen
Proze wegen des eierlegenden Hahnes berliefert haben, durch welchen
eine freie Reichsstadt Quakenbrck im Jahre 1650 ngstlich erschttert
wurde und leicht zu gnzlicher Auflsung gebracht worden wre.

Es hatte nmlich der Pfarrer an der Heiligengeistkirche, der der
Reformation anhing, mehrere Male auf der Kanzel vorgebracht, da der
Hahn des Brgermeisters, wider Natur und Gebrauch, als wre er eine
Henne, Eier lege, darber gewitzelt wie auch merken lassen, da
dergleichen ohne die Beihilfe des Teufels oder teuflischer Knste
nicht wohl zu bewerkstelligen sei. Dies verursachte der Zuhrerschaft
des beredten Pfarrers teils Belustigung, teils Grausen, und es wurde
in den Brgerhusern hin und her darber geredet, besonders in den
Kreisen der znftigen Handwerker, welche behaupteten, von
Brgermeister und Ratsherren aus dem Regimente verdrngt worden zu
sein, an dem sie vielerlei auszusetzen hatten. Allmhlich kam es so
weit, da die migen Buben, wenn der Brgermeister sich auf der
Strae blicken lie, anfingen zu krhen und zu gackern und mit solchen
Bezeigungen unehrerbietig hinter ihm herliefen. Auch dem
Stadthauptmann, der die Kriegsmacht von Quakenbrck im Namen des
Kaisers befehligte und eine gewaltige Person war, kam etwas davon zu
Ohren, und da er mit dem Brgermeister wie auch vorzglich mit der
Brgermeisterin, Frau Armida, befreundet war, begab er sich selbst in
sein Haus, um ihn deswegen zur Rede zu stellen. Bevor noch der
Brgermeister nach Gewohnheit eine Kanne Wein auftragen lassen konnte,
setzte sich der Stadthauptmann auf einen Sessel, schlug auf den Tisch
und sagte: Tile Stint -- denn so hie der Brgermeister --, das mit
dem Hahn mu aufhren, oder du sollst sehn, da ich nicht von Pappe
bin!

Tile Stint klopfte dem Stadthauptmann auf den Rcken, als ob er einen
Hustenanfall htte, und sagte begtigend. Wenn du mir sagst, was es
mit dem Hahne auf sich hat, so mag es meinetwegen aufhren, da dir
viel daran zu liegen scheint. Was, rief der Stadthauptmann noch
lauter als zuvor, so willst du zu der Schandbarkeit deiner Tat noch
die Dreistigkeit fgen, sie mir abzuleugnen, da doch das Gelichter der
Gasse ungestraft hinter dir her krht. Diese Worte stimmten den
Brgermeister nachdenklich, und er sagte: Das Krhen der mutwilligen
Buben ist mir in der Tat aufgefallen, und es wre mir lieb, den
eigentlichen Grund desselben zu erfahren. Ich dachte schon, es sei ein
Symbolum und diene den Reformierten, uns Altglubige damit zu
verspotten, doch will ich sie gern einer derartigen Herausforderung
und Tcke freisprechen, wenn es sich anders verhlt. Der
Stadthauptmann runzelte die Brauen und brummte: Firlefanz! Solltest
du nicht wissen, da auf das niedertrchtige Eierlegen deines Hahnes
gezielt wird?

Auf diese Insinuierung ffnet Tile von Stint seine matten blauen Augen
voll Staunen, indem er ausrief: Der kann Eier legen! Mache mir das
nicht weis! Tun es doch nicht einmal meine Hhner nach der Ordnung, so
da ich ihn schon habe abschlachten lassen wollen, da er noch dazu die
Federn lt und schbig wie von einer Rauferei daherkommt; aber ich
unterlie es, da er wegen seiner Magerkeit keinen guten Bissen
verspricht.

Das Gesicht des Stadthauptmanns verdsterte sich, und er herrschte den
Brgermeister an: Verlege dich mir gegenber nicht aufs Leugnen! Das
Mistvieh legt Eier und gehrt von Rechtens auf den Scheiterhaufen. Du
weit, da ich im Christentum unerbittlich bin und meine besten
Freunde nicht verschone, wenn ich sie bei Frivolitt und
Gotteslsterung ertappe. Das Volk mu in Respekt erhalten werden und
an den Regierenden ein Beispiel sehen; deshalb trage ich dir auf,
dafr zu sorgen, da der ble Leumund von dir abgewaschen und knftig
nichts Ungebhrliches mehr von deinem Haus und Hof vernommen wird, da
ich zuvor meinen Fu nicht wieder auf deine Schwelle setzen werde.

ber dies majesttische Auftreten seines Freundes heftig erschrocken,
rief der Brgermeister: Erlaubt wenigstens, da ich Frau Armida
rufe! und ri heftig an einem Klingelzuge, dessen Gelut sich
indessen noch kaum erhoben hatte, als die Erwnschte schon in das
Zimmer trat. Sie war eine prchtige Frau, die immer in einem
burgunderfarbenen Seidenkleide umherging und eine hochaufgetrmte,
weitlufige Frisur auf dem Kopfe trug, von deren Spitze ein Kranz von
weien und hellblauen Federn herunternickte. Infolge eines
liebenswrdigen Temperamentes erglomm sie zwar leicht zu groer
Heftigkeit, besnftigte sich aber auch unversehens, liebte die
Geselligkeit und verscheuchte mit viel Gerusch die Langeweile und
ble Laune, weswegen sie wohlgelitten und dem Stadthauptmann
unentbehrlich war.

Ihr seid es, Klterjahn, rief sie, als sie den erhabenen Mann
erblickte, und wollte mit einer angemessenen Begrung fortfahren;
allein der Brgermeister schnitt ihr die Rede ab, indem er klglichen
und gereizten Tones ausrief: Warum meldet man es mir nicht, wenn
solche Unrichtigkeiten im Hhnerstall vorfallen? Du bist die Hausfrau
und solltest es wissen, wer bei uns die Eier legt! Oder hlt man es
nicht fr ntig, mich von so grblichen Mistnden in Kenntnis zu
setzen?

Ereifere dich nicht! sagte Frau Armida strenge, denn sie mibilligte
es, wenn andere heftig wurden; wenn du selbst nicht weit, was du
sagst, verstehen es andere noch weniger. Diese Entgegnung brachte den
Brgermeister vollends auf, so da er bse rief: Verstehst du nicht,
da es Sache der Hhner ist, Eier zu legen, wie die der Weiber, Kinder
zu gebren! und hoffte mit dieser Anzglichkeit seine Frau zu rgern,
welche ihm keine Kinder geschenkt hatte. Diese jedoch hielt an sich
und lud nur durch einen funkelnden Blick den Stadthauptmann ein, ihr
unschuldiges Leiden zu bezeugen. Ich bin ein einfacher Kriegsmann,
aber ein guter Christ, sagte von Klterjahn, dster ihrem Blicke
ausweichend; bevor ihr diesen Schandfleck nicht von euch abgewaschen
habt, kann ich eure Schwelle nicht mehr betreten. Was ich gesagt habe,
kann ich nicht zurcknehmen, also mu es dabei bleiben! Damit stand
er eisern entschlossen auf und griff nach der Trklinke. Klterjahn!
schrie Frau Armida auf und brauste hinter dem Entweichenden her,
willens, ihn mit ihren Armen festzuhalten, konnte ihn aber nicht mehr
einholen, der gerade die Gartentr hinter sich zuwarf und mit starken
Schritten sich ihrem Klageruf entzog.

Unterdessen bereute es Tile von Stint schon, da er gegen seine Frau
ausgefallen war; denn er war keineswegs bsartig, vielmehr sanft und
vertrglich, nur hatte er schwache Nerven, konnte Lrm, Streit und
Aufregung nicht vertragen und wurde zuweilen hitzig, wenn es in seinem
Kopfe durcheinanderzugehen anfing. Er besa einen mittelmigen
Verstand, den er von jeher aus Bequemlichkeit nur selten in Betrieb
gesetzt hatte, und nun, seit er alterte und meist schlfrig war, wie
eine gute Stube mit berzogenen Kanapee und Sthlen vermuffen lie.
Die Ratsgeschfte liefen mehr oder weniger von selber, und zu Hause
bekmmerte er sich nur ein wenig um den Garten und die Hhner,
hauptschlich aber um die Kche, in der er sich gern aufhielt, um an
den Tpfen zu schieben und mit der blonden, rosigen und runden Kchin,
welche Molli hie, liebreich umzugehen. Nachdem der Stadthauptmann und
seine Frau das Zimmer verlassen hatten, klingelte er smtliche
Dienstleute zusammen und befragte sie wegen des Hahnes. Es war aus
ihnen nichts herauszubringen, als da sie von der Munkelei schon
vernommen hatten; brigens stotterten sie, verdrehten die Augen und
kratzten sich hinter den Ohren, was den Brgermeister so aufregte, da
er sie in groem Unwillen wieder fortschickte, sich in einen
Lehnsessel warf und einschlief.

Ganz anders war Frau Armida ttig: sie lie die vertrautesten Freunde
ihres Mannes zu einem Plauderstndchen am huslich beschickten Tische
bitten, nmlich die Ratsherren Lddeke und Druwel von Druwelstein und
den Rechtsgelehrten Engelbert von Wrmling, der nur von den
vornehmsten Familien als Beistand gewonnen wurde. Es zeigte sich, da
auch diesen Herren das hliche Gerede bereits zu Ohren gekommen war,
da sie aber aus verschiedenen Grnden gegen den Brgermeister
geschwiegen hatten, der kleine Lddeke, weil es eine heikle Sache und
Tile Stint vielleicht nicht genehm wre. Druwel, weil es ihm schien,
als wre eine Sache noch nicht ganz wahr, wenn man nicht davon
sprche, Wrmling dagegen, der italienische Universitten besucht
hatte und sehr aufgeklrt war, weil es ihm nicht wichtig vorgekommen
war. Ich glaube nicht, da ein Hahn Eier legen kann, sagte er, tut
er es aber dennoch, so mag er es meinetwegen, ich habe keine
Vorurteile. Es ist auergewhnlich; gut. Es ist unnatrlich; gut.
Schadet es mir? nein. berlassen wir es doch alten Weibern, ber
Himmel und Hlle, Tugend und Laster zu disputieren. Indessen doch,
wandte Druwel schchtern ein, da der Herr Stadthauptmann seine
Ungnade darber ausgesprochen hat, mchte die Sache noch von einem
anderen Gesichtspunkte aus zu betrachten sein. Herr Engelbert schlo
die Augen, wie wenn er sich davor behten wolle, den Anblick dummer
und schwacher Menschen in sich aufzunehmen, und sagte im Tone der
Erschpfung: Die Meinung des Herrn Stadthauptmann ist wohl, dem Volke
das Maul zu stopfen, vor dessen Unverstand und Aberglauben
allerdings manches Ungewhnliche verborgen bleiben mu.

Druwel war ein Kriegsmann und hatte sich bei allen Waffentaten der
Stadt hervorgetan, und wenn er daherkam mit steifem Knebelbart,
blitzenden Augen und sonnenverbrannter Haut, dick und steifbeinig wie
ein aufrechter Kanonenlauf, dachte ein jeder, es knne Quakenbrck
nicht fehlen, solange es seinen Druwel habe. Nur in moralischen Dingen
war er nicht beherzt, weil er wohl Neigung dafr, aber keine
Unterscheidung hatte und sich, so gut es gehen wollte, nach
irgendeinem ansehnlichen Manne, besonders dem Stadthauptmann von
Klterjahn, richtete. Er hatte immer Angst, da er sich unversehens
wider die Religion oder das Moralische verfehlen knnte, ja schon da
er etwas she und hrte, was ihn bei der Beichte in Ungelegenheiten
bringen knnte. Der kleine Lddeke dagegen, ein munteres Mnnchen,
lie das Christentum auf sich beruhen, wenn er nur das Vorschriftsmige
absolviert hatte, und freute sich schon des Abends beim Zubettgehen auf
die Neuigkeiten, die der folgende Tag bringen knnte. Gestrenger,
sagte er, sich ungeduldig am Brtchen zupfend, da wir nun doch einmal
daraufgekommen sind, so fhre uns doch in den Garten und zeige uns den
Teufelsbraten, und la ihn womglich ein Prbchen seiner Kunst ablegen.
Obwohl Druwel zgerte unter dem Vorwande, es dmmere und man knne doch
nichts sehen, ffnete Tile Stint die Tr, um den Herren voranzugehen: da
kam Frau Armida durch dieselbe hereingestoben und rief zornig, der
Grtner habe gekndigt, da er in einem solchen Hause nicht bleiben
knne, und Molli, die Kchin, liee das Trffelgemse in der Pfanne
verbrennen, um nicht Schaden an ihrer Seele zu nehmen. Htte man doch
der Bestie, dem Hahn, der an allem schuld sei, zeitig den Hals
umgedreht, wie sie gewollt habe! Nun werde man heute abend vor leeren
Schsseln sitzen mssen, oder sie werde kochen mssen, obwohl sie die
Hitze des Herdes nicht vertragen knne. Die ganze Gesellschaft begab
sich darauf in die Kche, wo Molli unter Hnderingen erzhlte, wie sie
fnf Eier bereits habe wegwerfen mssen, weil das Dotter in denselben
nicht gelb, sondern karminrot gewesen sei und noch dazu das Ei fast ganz
ausgefllt habe, wie sie sich darber bis ins Herz entsetzt habe und nun
die Geschichte glaube, was sie bisher nicht habe tun wollen, wie sie
keines von den verhexten Eiern mehr anrhren werde und folglich die
Trffelomelette auch nicht zu Ende bringen knne.

Molli, sagte der Brgermeister sanft, indem er den Arm um ihre
Schulter legte, was die Eier betrifft, so werde ich sie zerklopfen,
und wenn es mir gert, hoffe ich von deiner Liebe und Treue, da du
auch mir beistehst und die Trffelomelette, die du so geschmackvoll
wie kein anderes Mdchen zu backen verstehst, wie auch alle anderen
Speisen in gewohnter Weise vollendest. Darauf teilte er mit ziemlichem
Geschick ein Ei, obwohl ihm die Hnde zitterten, teils infolge seiner
schwachen Nerven, teils weil Druwel ihn durch Ziehen am Rocke von dem
Geschfte abzuhalten versuchte. Als sie ihren Brotherrn so hantieren
sah, wurde Molli weich, begann laut zu weinen und erklrte, den
Anblick seines Eierzerklopfens nicht lnger ertragen zu knnen; da
auerdem die von ihm aufgeschlagenen Eier recht und schlecht wie
andere auch waren, nahm sie ihm den Napf weg und schickte sich an,
unter einem Stogebet die Zurstung selbst wieder in die Hand zu
nehmen.

In dieser Zeit hatte Frau Armida ein groes Beil auf einem Kchentische
liegen sehen, bewaffnete sich damit und eilte in den Garten, was das
Zeichen zum allgemeinen Aufbruch gab, da die Herren nicht zweifelten,
sie wolle dem Hahn zu Leibe, und das Gefhl hatten, als mten sie
eine rasche Tat verhindern. Der kleine Lddeke lief so schnell er
konnte, und Druwel lie sich so weit hinreien, da er sie am Schweif
ihres rotseidenen Kleides fate, um sie aufzuhalten, whrend der
Brgermeister und Wrmling langsamer nachfolgten. Eben hatte die
Brgermeisterin die Tr des Hhnerstalles, der von einem hlzernen
Zaun umgeben war, erfat, und da sie glaubte, da ihr Kleid an einer
Latte festgehakt wre, suchte sie es rgerlich loszureien, wobei sie
sich umdrehte und den Druwel gewahrte, der sie beschwor, den Stall
nicht zu betreten, welcher vielleicht ein Bezirk des Teufels sei. Wer
ein gutes Gewissen hat, frchtet den Teufel nicht, sagte Frau Armida
spitz, ri mit einer scharfen Bewegung ihre Schleppe aus den Hnden
des Druwel und trat mit stiebendem Schritt unter die Hhner, die
erschreckt auseinanderflogen. Dem Hahn gelang es, sich mit Aufopferung
einer Schwanzfeder ihrem Griff zu entziehen und, an einer Scheune
hinaufflatternd, die den Hintergrund des Stalles bildete, eine offene
Luke zu entdecken, in der er sich niederlie.

Tile, Lddeke und Wrmling, die inzwischen nher gekommen waren,
versuchten der Frau zu erklren, man drfe das Tier nicht tten, da es
so ausgelegt werden wrde, als htten sie ein verrterisches Zeugnis
aus der Welt geschafft; aber sie war Belehrungen nicht leicht
zugnglich, wenn ihr Gemt in Aufruhr war, und forderte die Herren mit
Ungestm auf, die Bestie herunterzuschieen, wenn anders sie sie nicht
fr Feiglinge halten sollte. Herr Lddeke blinzelte mit seinen kleinen
Augen bald Frau Armida, bald den Hahn an, der in der viereckigen Luke
sa, mit den Flgeln schlug, den Schnabel weit aufreiend krhte und
in der einfallenden Dmmerung grer als natrlich aussah. Er hat
eine gellende Stimme und abscheuliche Figur, sagte er, und es wre
nicht schade um ihn; allein wenn Herr von Wrmling uns rt, da wir
uns nicht mit bereilungen verdchtig machen, so mssen wir wohl
unseren berechtigten Groll und unsere Verwegenheit einstweilen
zgeln.

Nun denn, rief Frau Armida, welche dass Zureden und die Grnde der
Herren wie Wassertropfen an sich ablaufen lie, wenn die Mnner kein
Herz in der Brust haben, so werde ich dem Federvieh seinen Lohn
geben, raffte ein paar groe Feldsteine auf, die inmitten des Stalles
einen Futtertrog bildeten, und warf sie weit ausholend nach der Luke.
Die Herren sputeten sich, aus dem Bereich der niedersausenden Blcke
zu kommen, woran sie durch das Lachen nicht wenig behindert wurden, in
das sie ber die Heftigkeit der Dame geraten waren; doch kehrte der
gute Tile wieder zurck, um seine Frau darauf aufmerksam zu machen,
da sie leichter sich selbst als den Hahn treffen wrde. Da ihr das
soeben selbst eingefallen war, verlie sie den Kampfplatz, auf dem das
Beil und die Steine wild umherlagen. Druwel, sagte sie streng, indem
sie vor den Herren stehenblieb, in manchem Korsett steckt ein Held
und in mancher Rstung eine Memme. Das erste, sagte der Druwel
demtig, wird niemand bestreiten, der Euch kennt; was mich betrifft,
so ist mein krperliches System derart beschaffen, da ich vor
geheimen Dingen, als Gespenster, Furien, Miasmen, Seuchen, Visionen,
Erdbeben und Gewittern, eine unberwindliche, innere Zurckhaltung und
Grausen verspre, whrend ein ganzes Kriegsheer mein Herz nicht um
einen einzigen Wirbel schneller schlagen lt. In Eurem Verzeichnis
habt Ihr die Weiber vergessen, bemerkte Frau Armida, und doch habt
Ihr Ursache, auch vor ihnen die Augen niederzuschlagen. Von dem
Blick einer schnen und edlen Dame berwunden zu werden, dessen
braucht sich kein Mann zu schmen, antwortete Druwel und bot der
nunmehr vershnten Brgermeisterin den Arm, um sie in den Speisesaal
zu fhren.

Die charaktervolle Molli hatte nicht wie die brigen Dienstboten dem
Auftritt im Garten zugeschaut, sondern war bei ihren Omeletten,
Pasteten und Bckereien geblieben, so da eitel Wohlgeschmack und
ppigkeit die Gesellschaft an der Tafel empfing. Frau Armida, die noch
stark atmete, erffnete das Tischgesprch, indem sie ausrief: Habe
ich mich bisher nicht darum gekmmert, so bin ich jetzt dessen sicher,
da der Bsewicht Eier legt, und schlau mu er es anfangen, da wir
ihn nie dabei betroffen haben. Von Wrmling sagte: Gndigste haben
dem Armen ihre Huld entzogen und halten ihn nun jeder beltat fhig:
das ist die Art der Frauen. Ei freilich, entgegnete sie rasch, die
Art der Frauen ist es, sich nicht verblenden zu lassen, weder durch
ein geschabtes Kinn noch durch einen langen Bart oder bunte Federn,
sondern die schlechten Faxen zu durchschauen und damit aufzurumen.
Als sie bemerkte, da Herr Lddeke sie der bedienenden Mdchen wegen
durch Zublinzeln und allerhand Zeichen zur Vorsicht zu mahnen suchte,
blickte sie sich herausfordernd um und sagte: Warum soll ich in
dieser Sache schweigen, wie wenn ich die Eier gelegt htte? Wir wollen
schon dahinterkommen und einen Stecken dabeistecken, so da jedermann
mit unserer Justiz zufrieden sein mu. Ja, sagte der Brgermeister,
so sollte es wohl sein, aber die Zeiten wren nicht mehr so, sondern
es herrsche Mutwillen und Unbotmigkeit im Volke, es gebe freche
Leute, die sich ungestraft aufbliesen und den hheren Personen etwas
am Zeuge flickten. Der Stadthauptmann habe ihm ernstlich aufgegeben,
das Gerede Lgen zu strafen, als lege sein Hahn Eier, wie sollte er
das aber anstellen, wenn sein eigenes Eheweib auf die Strae
hinausriefe, da es wahr sei?

Die Erwhnung des Stadthauptmanns stimmte Frau Armida nachdenklich und
trbe, so da sie aus Schwermut und wachsender Besorgnis das Knuel
der Unterhaltung sich entrollen lie. Indessen wurden Herr Lddeke und
der von Wrmling immer lustiger; der letztere nmlich fing an, wenn er
eine Flasche guten Weins getrunken hatte, umgnglich zu werden und
Witz und Laune spielen zu lassen, wie wenn das edle Feuerzeug ein Holz
anzndete, das zuvor stumm und dumm dagelegen hatte, nun aber
knisterte, wrmte, leuchtete und Wohlgeruch verbreitete. Sie
versuchten auch den Druwel in die Lustbarkeit hineinzuziehen; der
aber, nachdem ihn das Essen zuerst ein wenig ermuntert hatte, war
wieder in Sorgen verfallen, die ihn so drangsalierten, da er sich
zuweilen den Schwei von der Stirne trocknen mute.

Du weit, Tile, sagte er, da ich in allen Gefahren zu dir halte
und ein mannhafter Kriegsoberst immer gewesen bin, es ist dir aber
auch bekannt, da ich im Christentum heikel bin, und wenn ich einen
Eid habe schwren mssen, am liebsten den Mund nicht wieder auftte,
geschweige denn, da ich dagegen anlge. Wie soll ich mich denn nun
daraus ziehen, wenn ich wegen des Hahnes befragt werde? Wenn ich auf
die Folterbank gelegt und mit glhenden Zangen gekneipt wrde, liee
ich mir bei Gott ber dich und das Eierlegen nichts entschlpfen; wenn
sie mich aber mit drei Fingern gen Himmel schwren lassen, so ist mir
die Zunge wie vom Schlage gerhrt und geht keine Unwahrhaftigkeit mehr
darber.

Alle blieben betroffen, nur Herr Engelbert lchelte und sagte, indem
er seinen schlanken blassen Zeigefinger ber den Tisch auf des Druwels
Brust zu bewegte: Habt Ihr denn den Gockel Eier legen sehen? Der
Druwel rollte erstaunt seine Augen hin und her und sagte endlich
aufatmend mit groer Erleichterung: Wenn ich es recht bedenke, so
habe ich gar nichts gesehen. Nun, so knnt Ihr aussagen, was Euch
beliebt, ohne Euer Gewissen zu verstricken, sagte der Rechtsgelehrte,
und die Wahrheit wird uns so wenig schaden wie Euch die Lge. Jetzt
brachte der Brgermeister noch ein Bedenken vor, nmlich, da es doch
etwa besser gewesen wre, das Tier abzutun, denn wenn es in der
Untersuchung peinlich mit Schrauben und Drehen behandelt wrde, knnte
es durch einen unglcklichen Zufall doch noch Eier legen, wodurch sie
dann ohne Verschulden hlich blogestellt sein wrden; allein der
Druwel winkte heftig mit beiden Armen Schweigen und rief: Redet mir
nicht mehr von dem verfluchten Viehzeug. Lat mich ber die ganze
Sache im Dunkeln, da ich so wenig davon wei wie von der unbefleckten
Empfngnis Mari! Eure gelehrte Spitzfindigkeit, Herr Engelbert, mgt
Ihr vor dem Tribunal entfalten, einem einfachen Kriegsobersten wird
dadurch nur der Verstand verwirrt. Schenkt nur ein und fllt mir den
Teller, denn vorher hat sich mir jeder Schluck und Bissen in Galle
verwandelt.

So begann der Druwel das Festmahl von neuem, nachdem die brigen
bereits abgespeist hatten, und es ergab sich ein lautes Pokulieren bis
in die spte Nacht, wobei die Herren zum voraus ihren Sieg feierten
und beredeten, wie sie den alten Zustand wieder einfhren, den Znften
einen Denkzettel anhngen und die reformierte Sekte hinausbefrdern
wollten, am liebsten durch Feuer und Wasser, aber aus Mildherzigkeit
und anderen Grnden durch Verbannung, nachdem die Rdelsfhrer auf dem
Markte wacker ausgestupt wren.

So plauderten die Herren beim Weine, indessen von weitem greuliche
Wetterwolken gegen sie dahergefahren kamen. Der Pfarrer Splitterchen
war ein unerschrockener und vorwitziger Mann, und da er nun verklagt
wurde, die Herrlichkeit des Brgermeisters grblich verleumdet zu
haben, als ob er ein Zauberer und Heide sei, dermaen, da er einen
eierlegenden Hahn auf dem Hofe hege, war ihm keinerlei Beschmung oder
Kleinmut anzumerken, im Gegenteil, er trat noch dreister auf als sonst
und fhrte eine ganze Sippe seinesgleichen mit sich, die sich
gebrdeten, als wollten sie den Frsten Beelzebub vom Throne stoen
und die betrogene Welt vom Schwefelstanke ruchern. Er war annehmlich
von auen, kraushaarig und mager, mit so feurigen Augen, da es
zischte, wenn er sie umherwarf, dazu voll loser Worte, die wohlgezielt
geflossen kamen wie ein Wassergu, womit man kranke Gliedmaen
bearbeitet. Er hatte auch einen rechtsgelehrten Beistand mitgebracht,
den er aber nicht an die Rede gelangen lie und also fglich htte
daheim lassen knnen, wenn er nicht in seinem breiten schimmeligen
Gesichte ein giftgrnes Lcheln versteckt gehabt htte, das zuweilen
anzglich herausspritzte und die Gegner zu ihrem groen Schaden und
zum Vergngen der anderen Partei besabberte. Auerdem waren eine Reihe
von Zunftvorstehern und einige von der Kaufmannschaft gekommen, welche
aus alten Briefen ihr Recht erwiesen, einer solchen Verhandlung
beizuwohnen, whrend die Ratsherren lieber unter sich geblieben wren.

Der Richter, welcher den Vorsitz fhrte, mit Namen Tiberius Tnephl,
hielt es im Herzen mit den Reformierten und freute sich, wenn den
Katholischen etwas aufgemutzt werden konnte, aber er hatte gleichsam
einen Pakt und Blutsbrderschaft mit der Gerechtigkeit abgeschlossen,
wonach sein eigener Trieb so wohl eingepfercht war, da er nicht
einmal die Schnauze durch die Gitterstbe zu stecken wagte; anstatt
dessen war die gttliche Themis bei ihm behaust und weissagte aus
seinem Munde heraus, bis auf einige Muestunden, wo das Behltnis
einmal aufgetan wurde und das Herz sich ein wenig tummeln und
verschnaufen durfte. Unter den beisitzenden Richtern befanden sich
auch ein katholischer und ein evangelischer Pfarrer, da die Sache
ebensosehr geistlicher wie weltlicher Natur sei. Tiberius Tnephl bot
zwar den bergriffen der Kirche die Stirn, lie ihr aber andererseits
das ihrige zukommen und betonte, wenn Gelegenheit war, da er als ein
Laie von den religisen Mysterien nichts wisse noch wissen wolle, und
jede Konfession ihre Ketzer verbrennen lasse, soviel ihr zustehe, aber
nicht ein Titelchen mehr.

Tnephl erffnete die Verhandlung damit, da er sagte, er tue es
nicht ohne Bedauern und Schamgefhl, da ein hochangesehener Mann, wie
der Brgermeister und beinahe die hchste Person im Gemeinwesen,
ffentlich eines solchen Greuels habe geziehen werden knnen, wie es
sei, einen Hahn zu besitzen, der Eier lege. Das wren anrchige Dinge,
die einen auf den Scheiterhaufen bringen knnten, wenn er die
geistliche Gerichtsbarkeit recht einschtze, der er brigens nicht
vorgreifen wolle. Was man auch sonst fr Grundstze haben mge, jeder
msse zugeben, sich mit dem Teufel einzulassen, sei das Laster aller
Laster, wie der Teufel der Vater aller Snde sei, und die Verehrung
der von Gott angeordneten natrlichen Leibesvorgnge deute auf einen
Auswuchs oder Monstruositt des Gewissens, die doppelt abscheulich an
einer Regierungsperson sei, die den Untergebenen beispielsweise in
fleckenloser Tugend voranleuchten solle. Er hoffe aber, es werde dem
Herrn Brgermeister gelingen, sich von dem peinlichen Verdacht zu
subern, und wenn der Pfarrer Splitterchen etwa jetzt schon fhle, da
er in seinen Behauptungen zu weit gegangen sei, so mge er dieselben
sogleich zurcknehmen, was doch besser sei, als hernach wie ein
Ehrabschneider dazustehen. Verleumdung sei von Moses in den zehn
Geboten gergt und sicherlich ein Haupt- und Grundlaster, das scharf
geahndet werden msse, und das vorzglich Geistliche sich nicht
sollten zuschulden kommen lassen. Man wisse ja wohl, da die Besorgnis
um das Heil des Gemeinwesens Splitterchen veranlat habe, von dem
berchtigten Hahn zu reden; um so mehr knne er ja zugestehen, da
eben diese feurige Liebe des Guten zu seiner Vaterstadt ihn
hingerissen habe, etwas als Tatsache hinzustellen, was eine zunchst
nur unsicher begrndete Vermutung sei. Es sei freilich tadelnswert,
berhaupt nur Anla zu einem so grlichen Verdacht gegeben zu haben,
aber man msse bedenken, da einer dem Rechte nach auch des Teufels
Buhle sein knne, solange es ihm nicht nachzuweisen sei, und so solle
sich niemand aufopfern, indem er auf eine Wahrheit poche, die nicht
ans Licht zu bringen sei. Er fordere also pflichtgem den Pfarrer
auf, seine Unterschiebungen zurckzunehmen und dem Herrn Brgermeister
frei zu gestehen, was zu gestehen sei; da sonst der Augenblick
gekommen sei, wo die Gerechtigkeit ihre eisernen Fe aufheben und
losmarschieren und ohne Ansehen der Person den Schuldigen zermalmen
werde.

Sogleich erhob sich der Pfarrer mit einer Handbewegung gegen seinen
Rechtsbeistand, Augustus Zirbeldrse, des Bedeutens, er mge sich
wegen einer solchen Kleinigkeit nicht bemhen, und sagte freimtig,
da er den heidnischen Unfug im Hhnerstalle des Herrn Brgermeisters
bisher nur leichthin angedeutet habe, damit der Herr Brgermeister
einlenken und die Schweinerei zudecken knne und das Gemeinwesen nicht
dadurch verseucht werde. Er befasse sich nicht damit, die katholische
Kirche anzutasten und die Obrigkeit zu unterwhlen, teils aus
natrlicher Friedfertigkeit, und dann auch, um den Herrn
Stadthauptmann, dem er wie jedermann treu ergeben sei, nicht zu
verstimmen, von dem man wisse, da er in herzlich vertraulichen
Beziehungen zum Herrn Brgermeister und seiner Familie stehe, so sehr,
da er gewissermaen mit ihm verschwgert sei. Aus diesen Grnden habe
er seine Entrstung hintangesetzt und zartsinnig geschwiegen, soweit
es mit seiner Pflicht vereinbar gewesen sei. Ob er ruhig htte zusehen
sollen, wie diejenigen, die Gottes Gebote in den Staub, ja in den
Dreck trten, mchtig am Steuer sen, whrend die guten Handwerker
und Brgersleute, die ihre in Zucht und schlichter Frmmigkeit
erworbenen Eier verzehrten, das Maul halten und unter jeder Willkr
sich ducken mten? Er habe trotzdem geschwiegen, solange er es
vermocht habe; nun aber der Brgermeister ihn nicht verstehen wolle,
sondern trotzig gegen ihn vorrcke, um ihm eine Grube zu graben, der
offen und redlich an ihm gehandelt habe, wolle er denn das aufgeklebte
Blatt von Piett und Rcksicht vom Munde reien und die Wahrheit
herauslassen.

Bei den Worten des Pfarrers, die Beziehungen des Stadthauptmanns zum
Hause des Brgermeisters betreffend, lchelte sein Rechtsbeistand
Augustus Zirbeldrse, so da sein Gesicht einem auseinanderlaufenden
Kse hnlich wurde, und gab ein leises Pfeifen von sich, das die
Zuhrer kichern machte und ein erwartungsvolles Schweigen im Saale
verbreitete.

Tile Stint, der nicht bemerkt hatte, woher das Pfeifen kam, sah sich
erschrocken und ein wenig verlegen um in der Meinung, es sei einem aus
Versehen entwischt und als eine Unschicklichkeit peinlich, und er
rusperte sich, um zu antworten und zugleich den kleinen Zwischenfall
zuzudecken. Allein von Wrmling drehte den Kopf ein wenig nach ihm und
sagte, ohne die Augenlider von den Augen zu heben, er sowohl wie der
Brgermeister wren recht neugierig, die Wahrheit kennenzulernen, die
nun sollte vorgefhrt werden. Dieselbe sei als ein sprdes
Frauenzimmer bekannt, die viele Propheten und Potentaten vergebens um
sich habe freien lassen, Herr Splitterchen drfe also billig stolz
sein, da er es einer so whlerischen Person angetan habe. Freilich
sei er ein verdienstlicher Mann in den besten Jahren und brauche sich
als ein Reformierter auch um das Zlibat nicht zu kmmern.

Zunchst, antwortete der Pfarrer keck, sollen einmal die
Krnzeljungfern und Brautfhrer antreten, zum Schlusse werde ich dann
die Braut zum Altare fhren.

Da begannen denn die Zeugen hervorzustrmen; es war, wie wenn die
Schleuse eines starken Stromes aufgemacht wird. Zuerst kam die Kchin
Molli, welche das Sacktuch an die Augen drckte und vor Schluchzen
nicht reden konnte, worauf Tiberius Tnephl sie einige Minute weinen
lie, sodann sie gelinde trstete, dann sachte zu fragen anhub, wie
sie heie, wie lange sie beim Herrn Brgermeister im Dienst sei, und
ob sie mit seinem Hahn jemals etwas zu schaffen gehabt habe. Bei
Erwhnung des Hahnes fing die Molli, welche sich eben ein wenig erholt
hatte, von neuem zu weinen an und sagte nach erneuerter Trstung, da
sie die Bestie einige Male habe abstechen wollen, da aber der Herr
Brgermeister solches verhindert habe, weil er zh und nicht
schmackhaft sein wrde. Hier wurde das Verhr durch Augustus
Zirbeldrse unterbrochen, der sich aufnotierte, da der Hahn, weil
zh, vermutlich sehr alt sei, und die Molli fragte, wie lange er sich
schon im Hause des Brgermeisters befinde.

Auf die Frage des Vorsitzenden, warum sie die Bestie habe abstechen
wollen, besann sie sich eine Weile und sagte, da es so Sitte sei, von
Zeit zu Zeit das Federvieh abzuschlachten, bevor es zu alt sei, da sie
ja auch dazu da wren und immer junge nachwchsen; wurde aber ermahnt,
sich an die Wahrheit zu halten und auch ihres Eides erinnert, da sie
unzweifelhaft ein tieferliegender Grund zu der sonst nicht gewhnlich
an ihr scheinenden Mordlust bewogen haben msse. Dies Zureden
bengstigte die Kchin, und sie gab errtend zu, da sie in der Tat
dem Hahne gram gewesen sei, da er eine hlich kreischende Stimme
habe, von der sie oft vor Tage geweckt sei. Wegen der Eier sagte sie
aus, da zwar letzthin mehrere Eier durch eine sonderlich rote Farbe
und Ausdehnung des Dotters ihr Bedenken gemacht htten, da sie aber
den Hahn niemals beim Eierlegen betroffen habe, und da sich etliche
Hhner im Hhnerhofe befnden, denen die vorkommenden Eier ihrer Zahl
und Beschaffenheit nach wohl zugeschrieben werden knnten.

Der Vorsitzende ging nun dazu ber, die Molli zu fragen, ob im Hause
des Brgermeisters viel Eier verbraucht, und ob sie im Familienkreise
oder mit Gsten genossen wrden, und als sie das letztere bejahte, wer
die Gste wren und wie sie sich auffhrten. Hierber wurde Molli
zornig und sagte, da zu den Gsten der Herr Stadthauptmann und der
Herr Druwel von Druwelstein gehrten, und da diese von niemandem
Lehren ber ihr Betragen anzunehmen brauchten, und da sie, obwohl sie
nur eine Kchin sei, Bildung genug besitze, um zu wissen, da es
ungehrig sei, solche Fragen stellen, auf welche sie nicht antworten
wrde. Tnephl, welcher infolge seiner Gerechtigkeit sich niemals
ereiferte, sagte: Liebes Kind, mir mut du Rede stehen, als ob ich
dein Beichtvater wre, sollte ich dich auch noch unziemlichere Dinge
fragen, als diese waren, worauf Augustus Zirbeldrse mit quiekender
Stimme einfiel, ihm stehe das Recht zu fragen nicht minder zu, und er
wolle denn auch gleich wissen, wie lange die Gesellschaft gemeinhin
bei Tafel gesessen habe, auf welche Weise Molli die Speisen,
insbesondere die Eierspeisen zubereitet, und ob die Frau
Brgermeisterin dabei geholfen habe. Die eingeschchterte Molli
erzhlte, wie einmal der Herr Brgermeister mit eigenen Hnden die
Eier zerklopft habe, berhaupt zuweilen in die Kche gekommen sei und
ihr zugesehen habe. Bei diesen Worten hob Zirbeldrse seinen dicken
Kopf ein wenig aus den Schultern und machte Kikeriki, was er halb
krhend, halb fltend beraus scherzhaft zuwegebrachte, um so mehr,
als er sein Gesicht dabei kaum bewegte und es schien, als ob der
Hahnenkraht wie ein Lebewesen eigenwillig aus seinem Munde stiege.
Nachdem der Pfarrer noch gefragt hatte, ob der Herr Brgermeister das
Tischgebet sprche, und ob in seinen Gemchern Heiligenbilder stnden
oder hingen, wurde Molli entlassen, von den wohlwollenden Blicken
Tnephls und Zirbeldrses begleitet.

Tile Stints brige Diener sagten aus, da sie freilich den Hahn nicht
htten Eier legen sehen, da er aber etwas Widriges an sich habe und
sie ihm wohl allerlei Unrichtiges zutrauten; ferner, wie oft der
Stadthauptmann zu Besuch gekommen sei, wie oft der Herr und die Frau
Brgermeister zur Kirche gegangen seien, da sie keine Kinder htten
und woran dies etwa liegen knne, was fr Aufwand sie trieben, wieviel
Rcke, Unterrcke, Pelze und Hauben die Brgermeisterin htte, da sie
alle ihre Bezahlung reichlich und pnktlich erhielten und auch sonst,
was ins Haus kme, auf den Heller bezahlt wrde.

Danach kamen die Freunde des Hauses, zuerst der Druwel, der sich
vorher mit einem Becher starken Weines Mut getrunken hatte und deshalb
mit glsernen Augen und blauroten Backen daherkam, so da ein
miflliges Murmeln durch die Reihe der Zunftvorsteher lief. Er hatte
indessen doch zu wenig getrunken und es wollte ihm mit dem Schwren
durchaus nicht glcken; der Schwei trat ihm tropfenweise auf die
Schlfen, und er mute um einen Stuhl bitten, wobei er sein Alter, die
Gicht und die ausgestandenen Feldzge vorschtzte. Wegen des Hahnes
wollte er sich von vornherein entschuldigen, da er durchaus nichts
davon wisse und verstehe, berhaupt ein einfacher Kriegsmann sei;
allein der Vorsitzende erklrte ihm lchelnd, da er nur auf jede
einzelne Frage der Wahrheit gem antworten msse, und da wurde er
denn freilich rger bedrngt, als er sich hatte trumen lassen. Bald
hatte er zugegeben, da Frau Armida den Hahn habe umbringen wollen,
da sie durch unberwindliche Abneigung dazu angetrieben worden sei,
und da der Brgermeister sie daran verhindert habe. Vollends aber
machte es jedermann stutzig, da es der Frau Armida trotz ihres festen
Willens nicht gelungen war, den Hahn zu tten, was nach der Aussage
mehrerer Sachverstndiger, die sogleich herbeigerufen wurden, kein
schweres Geschft sei, sondern durch Halsumdrehen von jedem Kinde
knne bewirkt werden. Bei dieser Gelegenheit erhob sich Zirbeldrse
und verlangte, da die Kchin Molli noch einmal vorgeladen werde,
damit man erfhre, ob es bei Brgermeisters blich gewesen sei, das
Geflgel durch Steinewerfen zu tten, widrigenfalls es sehr auffallend
und belastend sei, da Frau Armida sich zu einer so mhsamen und
umstndlichen Befrderungsart entschlossen habe.

Tnephl, der Vorsitzende, war mit dieser Wendung unzufrieden, weil er
bemerkt hatte, da Zirbeldrse auf Molli eine ebenso groe Zuneigung
geworfen hatte wie er selbst, und zum Anwachsen eines solchen Gefhls
keine Gelegenheit bieten wollte, zumal er auch fand, da zu
dergleichen verliebten Einfdelungen das Gericht in seiner Wrde der
Ort nicht sei, und lehnte daher ab mit der Begrndung, ein jeder habe
sich aus den Tatsachen, die Druwel von Druwelstein beigebracht habe,
genugsam seine Meinung bilden knnen; denn wenn die Frau Brgermeister
hufiger Hhner durch Steinwrfe gettet habe, beziehungsweise habe
tten wollen, so wrde es ihr entweder bei dem Hahne besser gelungen
sein, oder sie wrde es wegen der Ergebnislosigkeit fr den gemeinen
Gebrauch lngst aufgegeben haben. Whrend sich alle ber den
Scharfsinn des Tnephl wunderten und freuten, rgerte sich
Zirbeldrse dermaen, da er grn anlief, und es bildete sich
verdeckterweise eine grimmige Feindschaft zwischen beiden, die sich
nun als Nebenbuhler erkannten.

Der Druwel wurde noch mehrere Stunden lang ausgefragt, erstens ber
das Verhltnis des Stadthauptmanns zum Brgermeister, ber des
letzteren kirchliche Gewohnheiten, ob er die Fasten halte, ob er
zuweilen Abla kaufe, dann aber auch ber seinen eigenen Lebenswandel,
wieviel Wein er im Keller habe, ob er schon einmal Lotto oder Wrfel
gespielt habe und dergleichen mehr, so da er, zu Hause angekommen,
sich auf der Stelle zu Bette legte und nicht mehr zum Aufstehen zu
bewegen war.

Nachdem alle Freunde des Brgermeisters sowie alle Hndler, die ihm
Waren lieferten, und alle Ratsangestellten vernommen waren, kamen zum
Schlusse noch ein Nachtwchter, welcher den Hahn des fteren zur
unrichtigen Zeit, nmlich um Mitternacht statt um drei Uhr, hatte
krhen hren, und ein Dieb, welcher vor etwa einem Jahre in einem dem
Brgermeister benachbarten Hause hatte einbrechen wollen und jetzt
seine Strafe im Gefngnis verbte. Dieser sagte aus, da in jener
Nacht alle Fenster im Hause des Brgermeisters erleuchtet gewesen
wren und ein groer Schall von Bankettieren in den Garten und auf die
Strae gedrungen wre, da es einen recht gotteslsterlichen Eindruck
auf ihn gemacht habe und er in Zweifel gefallen sei, ob er sein
Vorhaben ausfhren solle, da doch nebenan so viele Menschen wach
wren. Er wre aber doch dabei verblieben, weil er sich gesagt htte,
da in einem solchen Taumel und Hexensabbat keiner auf sein gelindes
Wesen merken wrde, wie es denn auch wirklich geschehen sei, so da
alles gut herausgekommen wre, wenn nicht im Hause, wo er es vorhatte,
die Leute durch ein schreiendes Kind auf ihn aufmerksam geworden
wren.

Hiermit, sagte der Vorsitzende, knne man wohl das Zeugenverhr
schlieen. Es htten sich zwar noch an hundert gemeldet, die
merkwrdige Dinge ber den Brgermeister und ihn Betreffendes
vorzubringen versprchen, er glaube aber, es sei nun bergenug Stoff
gesammelt, daraus man sich ein Urteil bilden knne, und er wolle es
dabei bewenden lassen damit der Proze doch einmal zu Ende kme und
auch brigens wieder Gerechtigkeit gepflegt werden knne. Etwa kme es
noch in Frage, ob man den Stadthauptmann vorladen solle, was er als
ein tapferer und gerechtigkeitsliebender Mann ohne weiteres tun wrde,
wenn dadurch mehr Licht in eine vorhandene Dunkelheit gebracht wrde.
Er seinerseits she aber hell genug, womit er indessen den anderen
Richtern oder dem Klger und Beklagten nicht vorgreifen wolle. Da
niemand in betreff des Stadthauptmanns etwas wnschte, wollte oder
meinte, erteilte am folgenden Tage der Vorsitzende dem von Wrmling
das Wort, damit er die Klage seines Klienten noch einmal kurz und
falich begrnde.

Herr Engelbert, der whrend der Zeugenvernehmung meist das blasse
spitzbrtige Gesicht in die schlanke Hand gesttzt dagesessen hatte,
als ob er schliefe oder an etwas anderes dchte, ffnete die Augen ein
wenig und setzte auseinander, da der Pfarrer berhaupt hchst
unbefugterweise auf der Kanzel etwas gegen den Herrn Brgermeister
vorgebracht htte, da den Reformierten das Predigen nur unter der
Bedingung gestattet wre, da sie sich in allen Stcken ruhig und
gehorsam verhielten und weder durch Tat noch durch Wort sich gegen
eine hohe Obrigkeit aufsssig zeigten, welches zu beweisen er mehrere
Erlasse aus vergangener Zeit vorlas. Auch gab er einen schnen Abri
der Verfassung und der Rechte von Brgermeister und Ratsherren, welche
die Untertanen zu nichts anderem als zu schuldigem Gehorsam
verpflichteten, der durch den Pfarrer grblich verletzt war, und gab
verschiedene Beispiele, wie in vergangener Zeit vorwitzige Gesellen
wegen loser Worte enthauptet oder gevierteilt wren, welches zu
beweisen er wiederum einige Abschnitte aus den Bchern der Stadt
vorlas. Da es nun den Untertanen und den reformierten Pfarrern
insbesondere verboten sei, der Obrigkeit etwas Schmhliches
vorzuhalten oder nachzusagen, selbst wenn es wahr wr, so sei es ber
allen Ausdruck verbrecherisch und gemeingefhrlich, wenn dasselbe
erfunden und erlogen sei; und das sei eben hier der Fall. Der
Brgermeister sei ber sechzig Jahre alt und in Ehren ergraut, habe
fter kommuniziert und gebeichtet, sich niemals gegen die Kirchenzucht
verfehlt und wanke dem Grabe zu, so da es jeden rhren msse, und es
sei von vornherein widersinnig, einen solchen Mann mit verdchtigem
Teufelswerk in Verbindung zu bringen. Die Hauptsache sei aber dies,
da das Eierlegen des Gockels nimmermehr als bewiesen zu erachten sei,
da er weder von irgend jemand dabei betroffen sei noch auch vor
versammeltem Gerichtshof eine Probe seiner Unnatur abgelegt habe.

Ei, rief der Pfarrer aufspringend, da mchte wohl jeder
Kirchenschnder und Muttermrder frei ausgehen, wenn die Richter an
seine beltat nicht glaubten, bis er sie in ihrer Versammlung als ein
Schauspiel vorgestellt htte! Ist die Natur dieses Basilisken nicht
genugsam durch die hundertfachen Aussagen so vieler argloser Menschen
dargetan? Hat nicht eine unverdorbene Jungfrau, die Kchin Molli, aus
deren trnenden Augen abzulesen war, wie ungern sie wider ihren
Brotherrn zeugte, ihren unberwindlichen Abscheu vor der heillosen
Bestie gestanden? Haben nicht alle, die mit ihm in Berhrung kamen,
wes Alters, Standes und Geschlechtes sie waren, dasselbe unerklrliche
Gefhl des Grauens, gleichsam einen inneren Warner, im Herzen gesprt?
Hat nicht die Brgermeisterin selbst die Hllenausgeburt mit
feindlichen Gefhlen verfolgt, die sich bis zu einer der weiblichen
Natur sonst fremden Mordlust vergifteten? Selbst wenn der satanische
Vogel niemals mit Erlaubnis zu sagen Eier gelegt htte, mu es doch
jedem klar geworden sein, da er dies und noch viel anderes vermchte,
seiner Abkunft und Konnexion, die ich nicht nher bezeichnen will,
gem.

An dieser Stelle brllte Augustus Zirbeldrse so laut, da ein
allgemeines Lachen und Beifallklatschen entstand und der Redner erst
nach einigen Minuten fortfahren konnte.

O, schweigen wir, rief er mit edler Betonung, von diesen
unnennbaren, unkeuschen und unfltigen Dingen, da wir den
Unschuldschnee der Volksseele schon allzusehr mit Schlamm durchmistet
haben! Wie ungern habe ich meine Stimme in dieser Sache erhoben! Wie
leicht und lieblich ist es, die Nase wegzuwenden, wenn wo Gestank ist.
Uns Prediger aber hat Gott berufen, die Gemeinde vor bel zu bewahren,
und uns mit einem wundersamen Harnisch gerstet, da wir den Mchtigen
der Erde furchtlos als Angreifer und Entlarver entgegentreten. Liebe
Freunde, ich wei, da die Besten unter euch schon lange mit Murren
zugesehen haben, wie das Volkswohl, unbeachtet am Karren der Regierung
hngend, durch den Kot geschleift wird. Wir haben tchtige Mnner
genug, die zugreifen und die Ordnung herstellen knnten, die lblichen
Meister der Gilden, die Herren Bcker, Krschner, Kupferschmiede und
Gewrzkrmer, mit Herzen und Hnden, die in Entsagung und ehrlicher
Arbeit gelutert sind, das Steuer zu drehen; aber sie scheuen den
Aufruhr und warten, bis das Ma voll ist. Liebe Freunde, wir haben
gehrt, was fr Aufwand im Hause des Brgermeisters getrieben wird.
Wir wissen, wie berflssig mittags sowohl wie abends seine Tafel
besetzt ist. Von dem bermigen Eierverbrauch will ich nicht reden;
aber fhren wir uns noch einmal alle die Speisen vor, die das
zahlreich zusammengetriebene Gesinde, im sauren Frondienst schwitzend,
von frh bis spt herstellen mute: da folgen sich die mit Wein und
Nelken gewrzte Suppe, die Pastete voll Trffeln, die schwer mit
pfeln und Rosinen gespickte Mastgans, der ppige Kapaun, der
zartbltterige Salat, das Mandelgebck und die aus Pistazien, Mandeln
und anderen fremden Zutaten wie Mosaik gemusterte Magenmorselle. Und
alle diese Leckerbissen sind bezahlt! Bezahlt sind die Muskateller und
Malvasier, das bhmische Glas und der russische Hermelin! Wovon? Das
wrde ein Rtsel bleiben, wenn die Lsung nicht in einer anderen
hlichen Frage lge: Warum wchst der nrdliche Turm der
Hundertjungfrauenkirche nicht, zu dessen Vollendung seit Jahren unter
der Brgerschaft gesammelt wird? Da prahlt wohl ein Baumeister mit
seinen Plnen, da steigen Maurer an den Leitern auf und nieder, da ist
seit Jahren das Hauptportal mit Gersten verstellt; aber an dem Turme
ndert sich nichts, als da ein Jahr ums andere ein neues Krnzlein
von Steinen auf die alten kommt. Lat mich nebenbei bemerken, da die
Hundertjungfrauenkirche, wie schon in ihrem abgttischen Namen liegt,
der katholischen Konfession vorbehalten ist, wir also einen
selbstischen Zweck an ihrer Vollendung nicht haben knnen und uns nur
aus unparteilicher Gerechtigkeitsliebe um eine diesbezgliche
Verwahrlosung und Unterschleif bekmmern. Diejenigen, die mich des
Parteihasses bezichtigen und wohl selbst dessen voll sind, werden
berzeugt sein, ich lachte in mir hmisch und schadenfroh, wenn ich
die Mnstertrme der Papisten wie vom Blitz gekpft oder wie im Frost
verkohlte Strnke dem Untergang anheimfallen sehe. Nein, meine Lieben,
wo immer ich Mistnde und Treulosigkeit erblicke, unter denen das
Gemeinwesen leidet, rhre ich mich, dem Arzte vergleichbar, der, wenn
es an seinem Glckchen lutet, sei es auch um Mitternacht und zur
Winterszeit, aus dem lauschigen Federbett springt und ber die dunklen
Straen durch Tmpel und Pftzen der Pflicht nacheilt, die mit
bescheidenem Lmpchen voranleuchtet an das Wochenbett, an das
Sterbelager, manchmal auch zu Besessenen, die sich, unter dem Zwang
ihres teuflischen Schmarotzers, gegen den, der es gut mit ihnen meint
und das bel austreiben will, mit Beien und Kratzen zur Wehr setzen...

Weiter konnte der Pfarrer nicht reden; denn das Jauchzen und
Lebehochrufen der Gildenmeister und anderen Zuhrer verursachte ein
solches Gerusch, da seine tapfere Stimme nicht mehr hindurchzudringen
vermochte. Als er sich wieder vernehmlich machen konnte, wiederholte er
den letzten Satz und fgte noch mehrere voll rhmlicher Gesinnung hinzu,
worauf er mit den Worten schlo: aus allem diesem erhellte wohl fr
jeden, da der Hahn des Brgermeisters wider gttliche Ordnung Eier
lege, was er oben behauptet habe, zu welcher Behauptung er, da sie
gewissermaen wahr sei, nicht nur berechtigt, sondern sogar verpflichtet
gewesen sei, und wodurch er sich um den Brgermeister, fr den es
vielleicht noch Zeit sei, seine Seele zu retten, verdient gemacht zu
haben glaube.

Der Pfarrer hatte noch nicht ausgesprochen, als er von allen Seiten
unter Hndeklatschen beglckwnscht wurde, da niemand mehr an seinem
Siege zweifelte. Eben forderte der Vorsitzende die anderen Richter
auf, sich mit ihm zur Findung des Urteils zurckzuziehen, was sie, wie
er bedeutsam fallen lie, nun nicht mehr viel Zeit kosten wrde, als
etwas Unerwartetes eintrat, das dem Verlaufe der Sache eine andere
Wendung gab.

Unter dem erweichenden Einflu der sehnenden Liebe nmlich schien es
dem Stadthauptmann bald, als sei er allzu grausam gegen Frau Armida
gewesen; da er aber doch an seinem Worte, dem eine gewisse Heiligkeit
innewohnte, unerschtterlich festhalten mute, ergrimmte er gegen den
Pfarrer, der das ganze unntze Lrmen verursacht hatte. Wie sich im
Laufe des Prozesses merken lie, da der Brgermeister mit seiner
Anklage abprallte, dagegen selbst und vielleicht auch Frau Armida in
eine gefhrliche Malefizsache geriet, wurde sein Zorn unbndig, und er
schalt insgeheim auf seine eigene Langmut, mit der er den Aufruhrgeist
im Volke sich hatte ausbreiten lassen, anstatt es von vornherein mit
scharfen Mitteln zu Bescheidenheit und Gehorsam anzuhalten. Da er
ohnehin mit dem Bischofe von Osnabrck, einem ausnehmend feinen Manne,
Geschfte abzumachen hatte, reiste er zu ihm und stellte ihm die
Angelegenheit vor, lie auch einflieen, wieviel ihm daran lge, wenn
der Brgermeister aus der Falle gezogen wrde, dem reformierten
Pfarrer und seinem Anhang aber eine merkliche Belehrung fr die
Zukunft erteilt wrde. Aus diesem Grunde geschah es, da der Bischof
mit einem Male in den Gerichtssaal zu Quakenbrck trat und begehrte
vernommen zu werden, da er etwas Wichtiges in der Sache des Herrn
Brgermeisters auszusagen habe.

Die pltzliche Erscheinung des Kirchenfrsten wirkte so erbaulich, da
einige auf die Knie fielen, die anderen wenigstens sich tief und
eilfertig verbeugten; einzig Pfarrer Splitterchen blieb aufrecht
stehen, und der von Wrmling verneigte sich nur mit den Augenlidern.
Auf Grund seiner Vorurteilslosigkeit und Gerechtigkeitsliebe zgerte
Tnephl nicht, den Bischof in hflichen Worten zum Sprechen
aufzufordern, ja sogar ihm im voraus fr sein Kommen zu danken, falls
er etwas Frderliches in diesem schwierigen Handel beizubringen habe.
Nachdem sich der Bischof, der ein beleibter Mann war, mehrere Male
nach rechts und links umgesehen hatte, wurde ihm ein Sessel
herbeigerollt, in den er sich mit Anmut niedersetzte, und von dem aus
er nun behaglich um sich blickte und dem und jenem zulchelte, der ihm
bekannt vorkam. Unterweilen zog er eine funkelnde Schnupftabakdose
hervor und sagte lchelnd: Euer Pflaster ist holperig, ich habe
meinen Wagen am Tore stehenlassen und mich in einer Snfte hertragen
lassen; so bin ich zwar anstndig hereingekommen, aber die guten
Leute, die mich trugen, lieen die Zunge zum Verdampfen aus dem Munde
hngen, denn sie muten springen, damit ich zu rechter Zeit kme, und
dazu zeigt der Kalender noch den Hundsstern an. Nachdem er sich noch
einige Male nach rechts und links umgesehen hatte, brachte man ihm auf
einem Brett eine Flasche Wein nebst einem Glase, das man auf ein
Tischchen neben ihm stellte, so da er nun bequem und vergnglich
eingerichtet war. Es trifft sich gut, sagte er, indem er das Glas in
die Hand nahm, da heute kein Fastentag ist, sonst wrde ich mir
diesen Labetrunk versagen, und ging dann allmhlich zu der
schwebenden Sache ber, indem er folgendes erzhlte: Er sei vor einem
Jahre, um einen Abla fr den Turmbau zu verknden, in Quakenbrck
gewesen und habe bei der Gelegenheit Haus und Hof des Brgermeisters
samt allen Bewohnern, Mensch und Vieh, geweiht, und dieser Segen habe
auch den fraglichen Hahn getroffen, welcher dadurch entweder des
teuflischen Charakters ledig geworden sei oder niemals dergleichen an
sich gehabt habe, da er sonst der Weihespende ausgewichen sein wrde,
wie es bser Geister Sitte oder Unsitte sei.

Tnephl unterdrckte eine leichte Verlegenheit und sagte, er wisse
als Laie in weltlichen Dingen besser als in kirchlichen Bescheid,
allein er achte auch die letzteren und sei fern davon, etwas in der
Kirche zu Recht Bestehendes antasten zu wollen. Hochwrden mge
ausdrcklich feststellen, ob wirklich der fragliche, des Eierlegens
bezichtigte Hahn und nicht ein anderer sich unter dem Geflgel
befunden habe, dem der Bischof die Weihe gtigst habe angedeihen
lassen. Ein Hahn sei dabeigewesen, sagte der Bischof leutselig, ein
hbsches Tier von stattlichem Betragen, der ihm wegen seines bermig
geschwollenen Kammes aufgefallen sei; er habe damals diesen Kamm mit
der ppstlichen Tiara verglichen und den Hahn scherzweise Seine
Heiligkeit genannt, wessen sich namentlich die Frau Brgermeisterin
gewi noch entsinnen wrde.

Da der Bischof mit so gewaltigen Dingen tndelte, machte auf
Tnephl, der ein Freigeist war, sich dessen aber doch nicht getraut
htte, einen bedeutenden Eindruck, so da er begann, den Bischof als
seinesgleichen zu bewundern. Er lchelte ein wenig und sagte, da man
die Frau Brgermeisterin gern hren wrde, wenn es ihr belieben
sollte, der Darstellung des Bischofs ihre Glossen hinzuzufgen. Als
dann die Dame in ihrem burgunderroten Kleide wie ein Windessausen
dahergefahren kam, winkte er nach einem zweiten Sessel, da der Bischof
Miene machte aufzustehen und ihr den seinigen anzubieten, wobei er
sich aber etwas langsam und schwerfllig bewegte.

Frau Armida dankte kurz mit Kopfnicken und sagte, da der Hahn, der
die Weihe des Bischofs empfangen habe, derselbe sei, welcher jetzt von
Lsterzungen schmhlich besudelt werde, leide keinen Zweifel; denn sie
besen ihn seit zwei Jahren und htten inzwischen keinen anderen
gehabt. Es wrde dann wohl das beste sein, den Hahn selbst
herbeizuholen, damit der Bischof ihn anerkennte und auch die Richter
ihn in Augenschein nhmen, ob etwas Verdchtiges an ihm zu vermerken
sei.

Es soll mich freuen, das gute Tier wiederzusehen, sagte der Bischof
liebenswrdig. Und wie wre es, meinte er, wenn man, um ihn
zutraulich zu machen und des Vergleiches wegen, ein paar Hhner vom
Hofe des Herrn Splitterchen dazu lde? Es wre merkwrdig zu sehen,
wie diese, die zweifelsohne natur- und ordnungsgeme Hhner sind,
sich mit dem belbeleumdeten Hahn vertragen, ob sie etwas Anrchiges
an ihm wittern, oder ihn als einen tauglichen Hahn und Herrn
zulassen.

Splitterchen erwiderte mit beiender Freundlichkeit, er wolle mit
seinen Hhnern nicht zurckhalten, halte aber dafr, da es ein
schlechtes Appellieren sei von menschlicher Vernunft zu tierischer.

Nun, entgegnen der Bischof, es wird ja nichts anderes von ihnen
verlangt, als da sie den Bsen wittern, wozu man, meine ich, weder
des Verstandes noch der Vernunft bedarf, sondern des einfltigen
Instinktes, womit die Tiere vorzglich behaftet sind.

Nachdem noch einige Reden dieser Art zwischen den Parteien gewechselt
waren, entschied Tnephl, da der beschuldigte Hahn den
Splitterchenschen Hhnern sollte konfrontiert oder gegenbergestellt
werden, jedoch erst am folgenden Tage, da die Mittagsstunde sogar
schon vorber war und anzunehmen stand, da alle, besonders aber der
Bischof, der unaufhaltsam gereist war, einer Erfrischung bedrftig
wren.

Inzwischen hatte Molli gekocht und gebraten, damit dem Bischof eine
ziemliche Bewirtung vorgesetzt wrde. Whrend des Mahles wurde dem
hochwrdigen Manne ein Brief des Herrn von Klterjahn berbracht, der
sehr vertraulicher Natur war, und nach dessen Lesung er sagte, da der
Stadthauptmann bald wieder mit Freuden in diesem Hause verweilen
wrde, wie denn jetzt schon sein gerechter Unwille sich ein wenig
verkhlt htte und er dem Brgermeister seine volle Liebe und Gnade
wieder zuwenden wrde, wenn derselbe sein Christentum sauber gereinigt
vor aller Augen knnte glnzen lassen. Nachdem der Bischof sich ber
den schnen Glaubenseifer des Stadthauptmanns, ber den unbotmigen
Geist der Untertanen und der Reformierten insbesondere und die
Notwendigkeit, solchen zu dmpfen, unwiderleglich geuert hatte, ging
er zu den auserlesenen Speisen ber, die wie die Sterne am
Himmelsgewlbe nach einer weisen und festen Anordnung die Tafel
umliefen, erkundigte sich nach der Herstellung der einen oder anderen
bei der Hausfrau und sprach den Wunsch aus, der verdienstvollen Molli
seine Zufriedenheit selbst in der Kche auszudrcken.

Da man sich am Schlusse der Traktierung dorthin begab, stand das
Gesinde am Wege aufgereiht und begehrte den Segen des Bischofs, dessen
Herablassung bekannt war; dazu war er fett und schn, mit sicheren
blauen Augen und einer erhabenen Nase und einer Umgangsweise, als ob
er gewohnt wre, von einem Thron herunter mit den Leuten zu reden.
Molli empfing den hohen Gast in der Kche mit Kniebeugung und Handku,
worauf sie von ihm auf die Stirn gekt und sowohl wegen ihres Kochens
belobt wurde, als auch weil sie sich bei dem Verhr als ein tapferes,
kluges und ihrer Herrschaft ergebenes Mdchen erwiesen habe. Molli
lchelte verschmt und sagte, sie gehre freilich nicht zu denen, die
eine gute Herrschaft im Unglck verlieen. Zuerst sei sie wohl ber
die unanstndigen Dinge erschrocken gewesen, die man von dem Herrn
Brgermeister gemunkelt habe, und als ihr dann noch die karminroten
Eidotter in die Hnde geraten seien, habe sie den Kopf verloren,
nachher aber sich desto besser gefat und sich vorgesetzt, zu ihrem
Herrn zu halten, der doch einmal die Obrigkeit sei und bei der guten
katholischen Religion bleibe. Die Herren vom Gericht htten sich zwar
recht darangehalten, um sie auf ihre Seite zu ziehen, sie htte
gestern noch von Herrn Tiberius Tnephl sowie auch von Herrn Augustus
Zirbeldrse je ein hbsch gemaltes Schreiben erhalten, worin sie artig
um das Vergngen gebeten htten, sie als Kchin in ihr Haus einfhren
zu drfen, wenn der Herr Brgermeister, wie es doch nun wohl nicht
anders sein knnte, von Amt und Wrden hinunter in Schande und
vielleicht gar Lebensverlust strzte; aber sie htte nicht darauf
geantwortet, da sie erst htte erwarten wollen, ob der Herr
Brgermeister wirklich so bel daran sei, und dann auch aus den
Blicken der beiden Herren den Argwohn gezogen htte, da es ihnen nur
darum zu tun wre, die Ehre einer unschuldigen Jungfrau zu Falle zu
bringen. Diese letzten Worte gingen in ein zartfhlendes Schluchzen
ber, das nur durch liebreiches Zureden des Brgermeisters und des
Bischofs sowie durch eine Geldspende von beiden endlich gestillt
werden konnte.

Gegen Abend meldete sich Tiberius Tnephl zu einer Rcksprache bei
dem Brgermeister und trug vor, da es ihm ungeziemend vorkomme, wenn
das Geflgel im Saale des Rathauses vorgestellt wrde, der dadurch wie
ein Stall mit Geschrei und Unrat erfllt werden wrde. Man knnte den
Garten des Brgermeisters dazu verwenden, um diesem gefllig zu sein;
allein darin knnte Pfarrer Splitterchen eine Benachteiligung
erblicken, was er auch nicht scheinweise auf sich laden mchte; sein
Vorschlag gehe deshalb dahin, da die Sitzung vor dem Lindentore auf
dem Anger abgehalten werde, wo nach altem Gebrauch die stdtischen
Truppen eingebt und auch Mrkte und Feste veranstaltet wurden. Wegen
des Imbi, zu dem Tile Stint den Richter einlud, entschuldigte sich
Tnephl, da er in seinem Amte sich der weichen Regung, die ein
trauliches Verkehren bei Tische anfache, nicht unterstehen drfe,
vielmehr bestndig das Bild des Rechtes vor Augen haben msse,
gleichsam als den Nabel, auf den die indischen Mnche ihr unentwegtes
Augenmerk richteten, um zur Gefhllosigkeit zu erstarren.

Am folgenden Morgen strmten Fugnger, Wagen und Karren aus dem Tore
nach dem Stadtanger, der auf allen vier Seiten von alten, nun
blhenden Linden umrandet war. Wie ein Sternenkrper in einer
Lichtregion schwebt, die er von sich ausstrahlt, so schwamm der Anger
in einem Lindenduftgewoge, als ob ein elysisches Seligenland aus der
harten Erdenkruste hervorblhte oder daran vorberwehte. Wer der
Zauberinsel nahekam, sprte eine reizende Betubung und wurde mitten
in ein magisches Wohlgeruchsreich hineingezogen, wo es eitel Scherz
und Liebe und Wonnedasein gab. Einzig Pfarrer Splitterchen und sein
Rechtsbeistand Zirbeldrse gingen, wie wenn ihre irdischen Sinne mit
Wachs verstopft wren, in dieser sommerlichen Trunkenheit umher, als
zwei Gerechte zwischen ein Volk von Toren und Schelmen, und die wohl
wissen, da sie wegen ihrer berlegenheit und Tugend, deren sie sich
nun einmal nicht entbrechen knnen noch wollen, zuerst ausgelacht und
dann gekreuzigt werden mssen. Der Pfarrer rieb zuweilen die Zhne
aufeinander vor Verachtung und Ungeduld, oder er lachte, um
anzudeuten, er wisse wohl, da er in einer Komdie mitspiele;
Zirbeldrses Gesicht glich nicht mehr einem auseinanderlaufenden,
sondern einem hartgewordenen Kse, den man nicht schneiden, hchstens
zu einem grnlichen Pulver zerreiben kann. Sein Mund sah aus wie ein
Strick, an dessen Enden zwei schwere Gewichtsstcke hngen, und er
blinzelte von Zeit zu Zeit immer um sich wie ein Hund, der ein Loch im
Zaune sucht, durch das er entwischen knnte, der aber zu voll im Bauch
und zu trge ist, um davon Gebrauch zu machen, selbst wenn er eins
fnde. Zwischen den Linden standen einige Ratsbttel, um dem
zustrmenden Volke abzuwehren, allein sie nahmen es nicht genau und
lieen alt und jung lustwandeln, so weit die Macht der alten Bume
schattete, sofern sie sich nur nicht in den Ring des Gerichtes mitten
auf dem Platze wagten.

Auf die Nachricht von dem hilfreichen Erscheinen des Bischofs war
Druwel von Druwelstein vom Bette aufgestanden und kam mit festlich
strahlendem Gesicht auf den Lindenanger, ohne sich durch den Spott und
Mutwillen Frau Armidas beirren zu lassen. Da war ich, rief er, im
Getmmel unter mein Pferd geraten und sind mir die Knochen arg
zerquetscht worden; aber ich habe mich hervorgearbeitet und sitze
wieder aufrecht, bereit zu einem neuen Gange. So laget Ihr unter dem
Pferde, als man Euch allenthalben vergeblich suchte? erwiderte Frau
Armida, darunter ist man freilich vor Stich und Kugel sicherer als
darauf; aber ein Kavalier geht nach Ehre aus, und die ist unter einem
Pferdekadaver nicht zu holen! Warum nicht! rief Druwel frohmtig,
wenn man nur mit Ehren darunter gekommen ist. Den mchte ich sehen,
der den Druwel von Druwelstein nicht da finden wird, wo der Herrgott
und das Recht ist, gleichviel ob einer in ngsten ist oder florieret.
Verzagt nicht, gestrenge Freundin, solange Ihr mein Fhnlein flattern
seht, ist Eure Sache nicht verloren. Ei was, fr den Herrgott
brauche ich keine Freunde, aber wider den Teufel, sagte Frau Armida
ungeduldig, aber nicht herbe; denn sie lie vielmehr ein trstliches
Lcheln ber Druwels brunlichblinkende Wange und seinen straffen
Knebelbart gleiten.

Der Vorsitzende machte sich unterdessen mit der Einrichtung des
Tisches und mit dem Federvieh zu schaffen, das in Krben
herbeigeschafft war. Ratsherr Lddeke, der Brgermeister und die
Brgermeisterin legten selbst Hand an, um den Hahn aus der Watte
herauszuwickeln, in die er wegen neuerlicher Gebrechlichkeit verpackt
war. Als davon nichts mehr an ihm und um ihn sa, glich er einer
Leichnammumie, von der soeben der Kalkbewurf abgekratzt ist, welcher
sie jahrhundertelang bedeckt hatte; der kleine Lddeke, der sich
indessen nicht versehen hatte, geriet in einige Verlegenheit und sah
den Brgermeister von der Seite an, der gleichfalls die Augen
niederschlug; denn hier drauen, wo der lautere Sonnenglanz gleichsam
in einem kristallenen Bade zwiefach erglitzerte, stach das abgeschabte
Jammergerippe widriger hervor, als es sich zu Hause dargestellt hatte.
Der Armselige hatte sich an jenem Abend, als die Brgermeisterin mit
Steinwrfen nach seinem Leben trachtete, zwischen das Dachgeblk der
Scheune verkrochen und war erst am vorhergehenden Tage wieder
aufgefunden und gewaltsam ans Licht gefrdert. In dieser Zeit war
seine Ernhrung und sonstige Pflege ungengend gewesen: er sah nicht
anders aus, als ob der Bse ihn geholt, mit seinen ruigen Hnden ihm
das Gefieder zerzaust und den Hals umgedreht htte. Whrend der kleine
Lddeke und der Brgermeister sich unschlssig ansahen, und der Druwel
sich rusperte, rief Frau Armida mit heller Stimme: So ist der Arme
in der Zeit der Verfolgung heruntergekommen! Sollte er, was der Himmel
verhte, tdlich abgehen, so werden wir auf Ersatz des Schadens
klagen, da wir nicht nur einen guten alten Haushahn, sondern auch
unseren Liebling mit ihm verlieren! Auch der Bischof war nun
hinzugetreten und sagte: Wie sehe ich Eure Heiligkeit wieder! So kann
es Gott gefallen, die Hohen dieser Erde zu erniedrigen. Immerhin trgt
er noch die Tiara, an der ich ihn wiedererkenne, obwohl sie fr seinen
augenblicklichen Krftezustand zu schwer ist und trbselig wie eine
Zipfelmtze von seinem Haupt herabhngt!

Als der Bischof bei den Linden aus seiner Snfte gestiegen war, hatte
sich das lustwandelnde Volk um ihn geschart und im Schutze seines
leutseligen Lchelns wie eine bunte und brausende Schleppe hinter ihm
hergewlzt. Eine solche hinter sich herzuziehen, war er gewhnt und
htte sich ohne das unvollkommen bekleidet gefhlt, und ebensowenig
dachten die Bttel daran, ihm den Huldigungsschweif hinterrcks
abzureien. Demzufolge war der Hahn im Nu von vielen Frauen und
Kindern umgeben, die ihn streichelten und ihm allerlei Futter
beizubringen suchen, wovon er schlielich etwas nahm und angstvoll
hinunterschluckte. Die beobachtende Menge begrte dies und andere
Zeichen wiederkehrenden Lebens mit frohem Geschrei; denn er schlo nun
auch einige Male die Augen ganz und ffnete sie wieder, als wollte er
versuchen, ob die Maschine noch ginge. Als er sogar mit dem Schnabel,
wiewohl schwchlich, unter die Krner stie, die vor ihm ausgestreut
waren, mit den wackelnden Beinen nach hinten auszukratzen sich bemhte
und ein heiseres Krchzen von sich gab, kamen die Hhner, um die sich
niemand bekmmert hatte, erst schchtern, dann eilfertiger
herbeigerannt und fingen um das Scheusal herum zu picken und zu essen
an. Hierber erhob sich anhaltender Jubel, der mit leichten
Flgelschlgen den ausgebreiteten Lindenduft bewegte, so da ein
seliges Jagen von Balsam und Schall sich zu Hupten des Volkes auf und
ab wiegte und als ein Baldachin der Freude ber den Berauschten
schwebte.

Der Brgermeister begann vor Rhrung zu weinen, und auch dem Druwel
wurden die Augen feucht, als er seinem Freund und Frau Armida krftig
die Hand schttelte.

Nun, sagte der Bischof, auf die Hhner deutend, das Vlkchen hat
sich eintrchtlich zusammengefunden, wie es nicht der Fall sein
knnte, wenn die Hlle dazwischen nistete.

Tnephl lie den Bischof aus Achtung den Satz zu Ende bringen, fiel
dann aber schnell ein, damit er ihm nicht zuvorkme, und schickte sich
mit lchelndem Ernst zu einer Rede an. Wenn man sagt, da die Stimme
des Volkes die Stimme Gottes sei, so kann man diesen Spruch wohl mit
ebensoviel Recht auf die Tiere anwenden, die noch mehr als das Volk
aus der Tiefe untrglicher Grundgefhle heraus sich uern. Hier haben
wir nun beide, das Volk und das Vieh, vernommen. Es hat sich vor
unseren Augen ein Gottesgericht abgespielt, markerschtternd und doch
auch lieblich in seiner Ahnungslosigkeit. Wenn wir heute vom strengen
Gange der Justiz abgewichen sind, so ist es mit Fug und durchdachter
Absicht geschehen, da zuweilen Freiheit Weisheit sein kann. Mge doch
jeder sich berzeugen, wie unberechtigt die Klage ist, da in unserem
Gemeinwesen das Volk von der Regierung ausgeschlossen sei; wo es
ersprielich ist, geben wir seinem Urteil Raum und Gehr.

Hier wurde Tnephl durch einen Zwischenfall, der sich geruschvoll
abspielte, unterbrochen. Es ertnte nmlich aus der Mitte der Hhner
ein lautes Kreischen oder Krchzen, dem auf der Stelle ein Aufschreien
der Brgermeisterin folgte, eines von den Pfarrershhnern habe
Kikeriki gerufen. Sie bezeichnete das Huhn, dem sie den Hahnenkraht
zuschrieb, mit hindeutendem Finger und sagte, rot vor Entrstung, so
komme denn Ungebhrlichkeit und Unnatur unter den Hhnern desjenigen
vor, der ihren Hahn teuflischer Umtriebe beschuldigt habe. Mit raschen
Schritten nherte sich der Pfarrer und sagte spttisch: Wenn irgendwo
Kikeriki gerufen wird, so schliet man daraus, da ein Hahn anwesend
sei, und da in der Tat der Hahn des Herrn Brgermeisters hier
vorhanden ist, so wird jeder Vernnftige der Ansicht sein, da er es
getan habe. Freilich, freilich, rief Frau Armida, so meint man
auch, wenn irgendwo Eier gelegt werden, da es Hhner getan haben.
Indessen habe ich mit meinen Augen gesehen, da das Kikeriki aus dem
dnnen Halse jenes Huhnes kam, und stelle es auerdem den Anwesenden
anheim, ob unser armer schlotternder Hahn imstande wre, in so lauter,
durchdringender Weise zu krhen, wie eben geschehen ist. Gesehen
habe ich nichts, aber da eben vernehmlich und deutlich gekrht worden
ist, besttige ich als richtig, sagte Tnephl. Das kann jeder,
wandte Zirbeldrse hmisch ein. Ich sage, da von einem Hahn gekrht
worden ist, wiederholte Tnephl aufgebracht, aber doch gemessen;
und zwar von einem Hahn in der Gestalt eines eigentlichen Hahnes oder
eines wirklichen Huhnes.

Jetzt meldeten sich Mnner, Frauen und Kinder durcheinander, um zu
bezeugen, da das von der Frau Brgermeisterin bezeichnete Huhn den
vorgefallenen Hahnenkraht wirklich begangen habe. Auf den Befehl
Tnephls wurde das Huhn ergriffen und auf den Tisch gesetzt, wo es
verzweifelt herumstolperte, um zu entkommen, als ob es sich seiner
hlichen Erscheinung schme. Der Hals des Tieres war nmlich,
vielleicht durch die Arbeit von Ungeziefer, ganz von Federn entblt,
und so schien es von einer grausamen Kchin lebendigen Leibes gerupft,
aber noch vor Beendigung des Geschftes entsprungen zu sein. Das Tier
ist ein Greuel! rief Druwel von Druwelstein, mit markiger Stimme das
atemlose Schauen und Staunen der Menge durchbrechend. Man veranlasse
es, noch einmal einen Ton von sich zu geben, sagte der Bischof
heiter, damit jeder sich von dem Charakter desselben berzeugen
kann. Dieser Vorschlag wurde unmittelbar als so einsichtig befunden,
da die Richter ihre Gnsefedern ergriffen und das Huhn damit stachen
und belstigten, so gut sie konnten, wovon die Folge war, da der
entsetzte Vogel hierhin und dorthin flatterte und endlich auch in ein
mitnendes Kreischen ausbrach, dem sich ein nicht schwcheres,
sondern donnernd verstrktes Echo aus der Versammlung anschlo. Als
das Triumphgeschrei verhallt war, sagte Tnephl: Da das Huhn krhen
kann, halte ich hiermit fr bewiesen, in welchem Sinne auch die
brigen Richter ihre Stimme abgaben; dann wurde auf einen Wink des
Vorsitzenden das gesamte Federvieh in die Krbe gepackt und
fortgeschafft.

Der Pfarrer, der bisher zhneknirschend und hier und da den Kopf in
den Nacken werfend, als rufe er Gott zum Zeugen solcher Dummheit an,
zugehrt hatte, trat nun hastig vor und rief: Und was folgt daraus,
wenn es bewiesen wre, was ich nicht anerkenne? Es gibt Tauben, die
lachen, Pfauen, die trompeten, Papageien, die menschlich schwatzen,
warum soll ein Huhn nicht krhen? Hngt solches doch nur von der
zuflligen Bildung der Kehle ab!

Das Krhen, entgegnete Tnephl mit nachdrcklicher Ruhe, die dem
Pfarrer seine unanstndige Hitze beschmend zum Bewutsein bringen
sollte, das Krhen ist ein Abzeichen der Mnnlichkeit und kann auf
natrlichem Wege vom Huhne nicht erfolgreich nachgeahmt werden. Wir
haben vor mehreren Jahren eine Frau, die in Mnnerkleidern einherging
und auf ihrem Geschlecht ertappt wurde, ffentlich ausgestupt und des
Landes verwiesen, da das Weib sich die Tracht des Mannes, das ist des
hhergeborenen Menschen, nicht anmaen darf. Wie soll man es da
beurteilen, wenn ein Weibswesen sogar die dem Manne angeborenen
Eigenheiten, gleichsam die ihn auszeichnende Naturtracht, nachahmen
oder sich erwerben will? Wo sollte bei einer solchen Vermischung die
notwendige Zucht und Botmigkeit bleiben, die im Hause wie im
Hhnerstall herrschen mu? Wie nun der Pfarrer im hellen rger sich
die Worte entfahren lie: Wie konnte ich auch so albern sein, gegen
papistischen Aberglauben kmpfen zu wollen! entstand ein unwilliges
Murren in der Menge, und sie htten es ihm wohl bel eingetrnkt, wenn
nicht der Bischof beschwichtigende Zeichen gegeben und Tnephl
aufgefordert htte, den Pfarrer zu seinem Besten zu verhaften und in
ein gutes Gewahrsam zu bringen, damit ihm von dem zwar aus
verstndlichen und schtzbaren Ursachen, aber doch ber Gebhr
aufgeregten Volke nicht ein Leides zugefgt werde.

Dem Hahn war das hastige Fressen nach langer Enthaltsamkeit so
schlecht angeschlagen, da Molli fr gut fand, ihn abzuschlachten und
sein mageres und zhes Fleisch geschickt in eine lsterne Pastete
verwurstete, welche bei dem Sieges- und Vershnungsmahl, das unter
Teilnahme des Stadthauptmanns beim Brgermeister stattfand, verzehrt
wurde.




Der Snger


Durch die breiten widerhallenden Gnge des Gefngnisses San Callisto
gingen an einem warmen Frhlingsvormittage der Kardinal Mazzamori und
der Meister der ppstlichen Kapelle, Don Orazio, der seinen Stammbaum
auf den berhmten rmischen Dichter zurckfhrte, beide Gnstlinge des
Papstes Innozenz des Zehnten. Sie waren im Begriff, einen jungen
Menschen aufzusuchen, der des Mordes angeklagt und in Gefahr, das
Leben zu verlieren, dem Kardinal durch seine Geliebte, die schne
Donna Olimpia, empfohlen worden war. Diese Dame, die durch Heirat mit
einem Ottobuoni aus kleinbrgerlichem Stande gehoben war, hatte den
Zusammenhang mit ihrer im Schatten weiterlebenden Familie nicht
verloren und pflegte ihn besonders, wenn sie sich in ihren neuen
Verhltnissen beeintrchtigt und unzufrieden fhlte. Als nun eine
ihrer Tanten zu ihr gekommen war und sie angefleht hatte, das bedrohte
Leben des einzigen Sohnes zu retten, wozu sie vermittels ihres
Freundes, des Kardinals Mazzamori, wohl imstande sei, war sie nicht
nur von Mitleid, sondern von Ehrfurcht fr die Frau ergriffen worden,
die, von den Todesschmerzen der Mutter durchbohrt, ein geheiligtes
Schicksal zu erfllen schien, whrend sie selbst nie geboren noch die
eheliche Treue bewahrt hatte und jetzt sogar an ihrem geistlichen
Freunde die Lust zu verlieren begann. Ihrem herb erteilten Befehl
hatte der Kardinal sich nicht entziehen knnen, obwohl er die
Mglichkeit, Hilfe zu schaffen, in diesem Falle fr ausgeschlossen
hielt.

Es war nmlich der junge Lancelotto -- so hie der Vetter Olimpias --
durch seinen verstorbenen Vater, einen Kaufmann, der Glubiger eines
Anverwandten des Papstes und hatte sich im Auftrage seiner Mutter,
nachdem verschiedene Mahnungen nicht gefruchtet hatten, selbst in das
Haus des Schuldners begeben, um ihn zur Zahlung aufzufordern. Da der
Herr sich kurzweg weigerte, seiner Verpflichtung nachzukommen, oder
sie gar leugnete, entstand ein lebhafter Wortwechsel, in dessen
Verlaufe der Nepot einige seiner Leute herbeirief und ihnen befahl,
den unverschmten Drnger zu ergreifen und ihn durch das Fenster auf
die Strae zu werfen. So aufs uerste gereizt, hatte Lancelotto,
indem er sich der Mnner, die roh ber ihn herfielen, zu erwehren
suchte, einen derselben auf den Tod verwundet. So viel Ursache der
adlige Herr auch hatte, den Vorfall zu verbergen, machte er ihn doch
anhngig, um sich des lstigen Glubigers zu entledigen und zu seinem
Glck trafen mehrere Umstnde zusammen, durch welche die Richter gegen
den Angeklagten eingenommen wurden.

Unter den Papieren Lancelottos fand sich auer allerlei verbotenen
philosophischen Schriften ein Spottgedicht auf den Papst, und so
liebenswrdig und empfindungsvoll Innozenz der Zehnte in mancher
Beziehung auch war, so htten doch sogar seine verwhntesten
Vertrauten sich jher Ungnade versehen mssen, wenn sie ein gegen ihn
gerichtetes Witzwort zu verteidigen gewagt htten. Vornehmlich seine
Schwche, sich fr einen Dichter zu halten, mute von jedermann
geschont werden, und nichts htte ihn davon abgehalten, in demjenigen
einen Mrder und Ketzer zu sehen, der mit viel Geist und komischen
Wendungen seine sapphischen Oden parodiert hatte; denn dies war die
Form, in die er die Ergieungen seines Christenherzens vorzugsweise
einzukleiden liebte.

Das Gedicht war Die rmische Sirene betitelt und lautete etwa so:
Segle nicht an der rmischen Kste vorber, Odysseus, oder tust du es
dennoch, so versume nicht, deine Ohren mit Wachs zu verkleben, damit
du den Gesang des Papstes nicht vernimmst. Hrtest du ihn, so wrde
dich ein solcher Schauer ergreifen, da du nicht mehr imstande wrest,
dein Schiff zu lenken, und elend scheitern wrdest. Es wre tollkhn
gewesen, sich eines Menschen anzunehmen, der die Unvorsichtigkeit
gehabt hatte, eine solche Keckheit nicht nur aufzuschreiben und bei
sich finden zu lassen, sondern sogar seine Urheberschaft zuzugestehen.

Unter diesen Umstnden schritt Kardinal Mazzamori mit bekmmerter
Miene neben seinem Freunde Orazio her, ihm seine Sorgen und Bedenken
mitteilend. Ich kann Olimpias Teilnahme fr die Tante nicht anders
als liebenswert finden, sagte er, obschon ich darunter leide. Ihr
Mitgefhl fr ihre Verwandten macht ihr Herz unzugnglich gegen meine
Ansprche, die ich ihrer dsteren Miene gegenber kaum geltend zu
machen wage. Wie leicht wird die Tugend zum Feinde des Glcks, und wie
schwer ist es deswegen, zum Freunde der Tugend zu werden. Ich kann mir
keinen glcklichen Abschlu dieser Angelegenheit vorstellen, da ich
mich durchaus nicht in den Proze einmischen kann, der schon zu viele
Torheiten des Beklagten ans Licht gebracht hat, und da doch die
unberatene Olimpia ihre Zrtlichkeit fr mich an seine Rettung
geknpft hat.

Orazio gab zu, da es eine heikle Sache sei, und fgte bei, er knne
sich nicht genug freuen, da seine Veranlagung ihn vor dem
unheilvollen Einflu der Weiber beschtzt. Nach meinem Dafrhalten,
sagte er, wiegen die Vergngungen, die uns dies Geschlecht bereiten
kann, die rgernisse und Enttuschungen nicht auf, die aus seinem
Umgange flieen.

Der Kardinal seufzte statt der Erwiderung, ohnehin war inzwischen der
ihnen vorangehende Wrter vor einer der vielen Tren stehengeblieben,
die auf den Gang fhrten, und gab ihnen ein Zeichen, da sie am Ziele
seien.

Bei ihrem Eintritt richtete sich der Gefangene von seiner Pritsche
auf, sah die Fremden verdutzt und milaunig an, sprang dann auf und
sagte mit hflichem Gru, da er fest geschlafen habe und sich nicht
gleich auf seine Lage habe besinnen knnen. Die barmherzige Natur hat
mir, sagte er lachend, die Gabe reichlichen Schlafes verliehen,
womit ich die Zeit verscheuchen kann, da mir keine Gelegenheit gegeben
wird, sie mir durch Arbeit oder Unterhaltung zu befreunden.

Die Fhigkeit, zu schlafen, deutet auf ein freies Gewissen, bemerkte
der Kardinal, worauf der junge Mann erwiderte: Das habe ich freilich;
ich mchte den Mehlsack sehen, der sich von ehrlosen Schurken mit
Fen treten liee, ohne sich zu wehren. Wre meine Zunge so
fehlerlos, wie meine Hnde ohne Makel sind; aber die ist so
beschaffen, da sie alles ausspricht, was durch mein Gehirn zuckt, als
ob sie eine Glocke wre, an die der Schlegel der Gedanken bestndig
anschlge. Da wird denn manches laut, was den Leuten Verdru erregt;
sprchen alle aus, was sie denken, so htte ich zu viele
Gesinnungsgenossen, als da man sie alle einsperren oder ihnen allen
den Kopf abschlagen knnte.

Ihr redet nicht eben wie ein bufertiger Snder, sagte Don Orazio
nicht ohne Wohlgefallen an dem hbschen Jngling, dessen Munterkeit
durch seine jammervolle Lage nicht gebrochen zu sein schien.

Was wollt Ihr, mein Herr! entgegnen er zutraulich. Einen Mord habe
ich nicht begangen; soll ich zerknirscht sein, weil ich nach Magabe
meines Verstandes ber das Wunder des Daseins nachgedacht, oder etwa
gar, weil ich einen unbedeutenden Witz ber Seine Heiligkeit gemacht
habe? Ich mache wohl auch einmal einen frechen Scherz ber die
hchsten Herrschaften im Himmel, die doch ehrwrdigere Hupter sind
als der Papst, ohne da ich mich deshalb der Snde zeihe; denn was fr
Abbruch tut es ihrer Herrlichkeit, wenn ein Erdenwurm, ihnen fast
unsichtbar, ein wenig daran zupft? Ich bin nur ein armer Schlucker,
den man leicht des Lebens und der Ehre berauben kann, und bin doch den
Richtern nicht bse, die mich tglich als einen blutdrstigen Raufbold
und Rebellen traktieren.

Der Kardinal, welcher inzwischen verlegen seine weien Ngel
betrachtet hatte, sagte, indem er eine ernste Miene annahm: Die
Gerechtigkeit des Heiligen Vaters brgt dafr, da Euch kein Leid
widerfhrt, wenn Ihr so schuldlos seid, wie Ihr behauptet. Httet Ihr
nicht durch Euren Mutwillen die Anwartschaft auf Gnade verscherzt, so
mchte ich Euch raten, Euch mit Eurem Anliegen ganz zu den Fen
Seiner Heiligkeit zu werfen. Da der junge Mann nicht sogleich
antwortete, setzte Orazio im Tone wohlmeinender berredung hinzu:
Wrdet Ihr nicht wenigstens das leidige Gedicht, das Euch der Teufel
eingegeben hat, zurcknehmen?

Warum nicht? antwortete Lancelotto. Am liebsten auch alle Gedichte
Seiner Heiligkeit, wenn ich es knnte.

Es war Don Orazio unmglich, das Lachen zurckzuhalten; der Kardinal
indessen sprte nur einen schwachen Anreiz zur Heiterkeit, da das
Bewutsein der Widerwrtigkeit seiner Lage in ihm fortwhrend zunahm.

Wie der arme junge Mensch wahrzunehmen begann, da der Besuch durch
ein gewisses Interesse an seiner Befreiung veranlat war, frbte die
erwachende Hoffnung seine blassen Wangen um einen Hauch rter, und
durch sein vorher so gelassenes Benehmen zitterte verhaltene Unruhe.
Ob es nicht wirksamer wre, fragte er, indem er seine Blicke zwischen
den beiden Herren hin und her gehen lie, wenn seine Mutter sich an
die Gnade des Papstes wendete? Sie wrde alles tun, was ihn retten und
ihn ihr wiedergeben knnte. Auf ihr Betreiben wren gewi auch die
beiden Herren mit so viel gtigem Anteil zu ihm gekommen.

Der Kardinal nickte und lie einige Worte fallen, wie die Liebe der
unglcklichen Frau zu ihrem Sohne nicht nachlasse, obwohl er ihr so
schweren Kummer bereite.

Nicht durch meine Schuld, sagte Lancelotto frei und freundlich;
wre ich aber noch so schuldig, so wrde ich an ihrer Liebe doch
nicht zweifeln; denn ich bin noch in ihrem Herzen, wie ich einst in
ihrem Leibe war, und Gott selbst mit seiner Allmacht knnte mich nicht
herausreien.

Whrend er dies sagte, hatten seine Augen sich gefeuchtet und waren
dadurch glnzender und dunkler geworden, und den beiden Herren fiel es
jetzt auf, da diese Augen ungewhnlich schmal und lang waren, so wie
die lteren Maler die Augen der Cherubim und der verklrten Heiligen
zu bilden pflegten. Das geisthaft Schwebende, spielend Se, das ihnen
eigen war, mochte dadurch bedingt sein, da die kleinen Pupillen den
irdischen Leidenschaften keinen Versteck zu gewhren und die Vielheit
der bunten und vernderlichen Erdendinge nur von ferne spiegeln zu
knnen schienen.

Inzwischen hatten die scharfsichtigen Augen Lancelottos erfat, da
die Herren doch nicht eigentlich darauf ausgingen, etwas Wirksames fr
ihn zu tun, und die frohe Welle der Hoffnung sickerte langsam wieder
zurck. Wenn die Herren, sagte er nach einer Pause, einen Auftrag an
seine Mutter bernehmen wollten, so mchte er sie bitten, ihr einen
Bschel seiner Haare zuzustellen, der ihr als ein lebendiges Stck von
ihm teuer sein wrde. Ihm wrde jedoch weder ein Messer noch sonst ein
scharfes Instrument in die Hnde gegeben, so da er ohne ihre Hilfe
nicht imstande sein wrde, sich Haare abzuschneiden.

Der Kardinal zog ein mit Schmelz und farbigen Steinen verziertes
silbernes Bchschen aus dem weiten rmel, worin ein kleiner Spiegel,
eine Schere, ein Stckchen Wachs, eine Feile zum Gltten der Ngel und
dergleichen enthalten waren, ffnete es und blickte unschlssig
hinein. Whrend er zgerte, bemchtigte sich Don Orazio der Schere und
beugte sich ber den Kopf des jungen Mannes, um den erforderlichen
Schnitt zu tun, wobei er mit einer liebkosenden Bewegung in die ein
wenig geringelten kastanienbraunen Haare griff.

Bei diesem Anblick fiel es dem Kardinal ein, da die unglckliche
Mutter in der Besinnungslosigkeit ihres Schmerzes gewimmert hatte: Er
ist ja noch ein Kind! Er hat Lckchen wie ein Kind! und es berhrte
ihn beraus peinlich, die Klage mit eigenen Augen besttigt zu sehen.
Nachdem er sich leicht geruspert hatte, sagte er, da er Sorge tragen
werde, das Andenken in die Hnde der Mutter gelangen zu lassen, und
da er gern etwas tun wrde, um die Lage des Gefangenen zu
erleichtern. Ob er Wnsche in betreff des Essens habe? Oder womit ihm
sonst gedient wre?

Was das Essen angehe, sagte Lancelotto, so werde er durch seine Mutter
bekstigt, die ihm mehr Leckerbissen vorsetzen lasse, als er
bewltigen knne. Bcher, etwa ein Bndchen Gedichte, wrden ihn wohl
erfreuen, am liebsten wrde ihm aber sein, wenn er einen Gefhrten
zugesellt bekme, mit dem er ein wenig plaudern und lachen knnte.
Dieser Gedankengang brachte ihn darauf, da er seine Gste, von denen
namentlich der Kardinal augenscheinlich sehr niedergeschlagen und
durch die trbselige Umgebung bedrckt war, bisher nicht eben gut
unterhalten habe, und er begann ein munteres Geschwtz, wobei aus den
schmalen Augen die unschuldige Schelmerei eines bermtigen Knaben
blitzte. Er erzhlte Schulstreiche aus dem geistlichen Kolleg, das er
besucht hatte, von Lehrern und von dem Abt eines gewissen Klosters,
der ihn als einen jungen Heiligen angesehen habe und noch immer darauf
warte, ihn als Novizen eintreten zu sehen. Er habe den guten Mann oft
besucht und sich im Kloster wohl gefhlt; aber lange halte er es in
der Abgeschiedenheit nicht aus, dem Getmmel des Lebens zuzusehen, sei
ihm die liebste Beschftigung; je toller es um ihn her zugehe, desto
stiller und behaglicher fhle er sich im Innern.

Dann sei die enge Zelle freilich nicht der rechte Aufenthalt fr ihn,
meinte Orazio teilnehmend; aber der junge Mann erwiderte, es sei
immerhin so arg nicht, wie es den Anschein habe. Sein Fenster gehe auf
den Hof, wo die zur Gefangenschaft Verurteilten sich zu gewissen
Stunden ergehen drften und untereinander handelten, lachten, lrmten
und zankten, wie wenn Viehmarkt auf der Piazza Navona wre.
Zwischenhinein knne er schlafen, und schlielich befinde sich in
einer nicht weit entfernten Zelle ein Untersuchungsgefangener, der
eine so schne Stimme besitze, da man sich einbilden knne, schon im
Paradiese zu sein, wenn man ihn singen hre.

Die Pause, die hierauf entstand, benutzte der Kardinal, um Lancelotto
zu fragen, wie es denn in Hinsicht der Religion mit ihm bestellt sei.
Ob er auf das Jenseits vorbereitet sei, oder ob er etwa von einem
verstndigen Geistlichen ber den heiligen Glauben belehrt zu werden
wnsche.

Der junge Mann schttelte lachend den Kopf und sagten Ich habe
Augenblicke, wo der Glaube mich mitten in Gottes Scho trgt, und ich
habe Stunden, wo ich zweifle und denke, bis meine Gedanken an jenes
schwarze Tor stoen, das sie nicht durchdringen und bersteigen
knnen. Das vermag kein Priester zu ndern, und ich mchte es auch
nicht. Den Platz, der in der weiten Welt fr meine Seele ist, werde
ich erreichen; hat ja doch Gott dem Maultier eingepflanzt, bei Nacht
den rechten Weg, und einer Katze, das Haus zu finden, wo sie
hingehrt. Die Herren mssen nicht um mich besorgt sein, noch soll
meine Mutter sich um mich grmen. Soll ich sterben, so mu ich durch
ein paar bittere Stunden hindurch, die ebenso schnell vorbergehen
werden wie manche andere, die ich auch berstanden habe. Wie wohl wird
mir aber hernach sein, wenn mir Gott einen Anteil an der himmlischen
Vollkommenheit gewhrt. Dann werden meine neugemachten,
allgegenwrtigen und allwissenden Augen auf die Verwirrung und das
Hnderingen und Zhnefletschen der Menschen hinuntersehen und lachen,
da ich auch einmal mitten dazwischen war und von armseligem
Schlachtvieh zum Tode verurteilt und auf das Schafott geschleppt
wurde. Sein frischer feuchter Mund lchelte dabei mit besonderer
Lieblichkeit, die man kaum wehmtig nennen konnte, weil sie allzu
unbefangen war.

Als die beiden Herren die Zelle verlassen und der Wrter die Tr
abgeschlossen hatte, winkten sie diesem, da er nunmehr entlassen sei,
und gingen langsam den Gang hinunter. Der Kardinal tupfte sich mit dem
Taschentuch und sagte, es sei jammerschade, da ein solcher Knabe so
zu Falle gekommen sei. Was sei da zu machen? Der Mord knne
schlielich nicht ungestraft bleiben, er she keinen Ausweg.

Ein allerliebster Junge, sagte Don Orazio nachdenklich, und scheint
durchaus nichts Strafwrdiges begangen zu haben. Ich htte Lust, mich
seiner anzunehmen und ihn den Krallen dieses gottvergessenen Tribunals
zu entreien, wenn sich nur ein zweckmiger Weg dazu finden liee.

Mir fehlt der Mut, mich vor Olimpia sehen zu lassen, wenn ich keine
Hoffnung bringe, fuhr der Kardinal bekmmert fort. Und wie, wenn ich
gar die Mutter mir vor Augen stelle! Ohnehin werde ich diese Frau nie
mehr vergessen knnen, die aussah, als ob sie tausend Jahre gelebt und
Schmerzen gelitten htte. Sie sah aus wie ein verwitterter Stein, und
wenn sie zu weinen und zu schreien anhub, so war es, wie wenn ein Berg
sich bewegte und Feuer auswrfe.

So, so, sagte Don Orazio, ich hatte sie mir als ein anmutiges Weib
vorgestellt mit sen Lippen und zrtlichen Augen.

Ohne diesen Einwurf zu beachten, ging der Kardinal in seinen
Betrachtungen weiter: Was man ihr auch sagen mochte, sie schrie:
>Mein Kind, das ich geboren habe! Mein Paradiesvogel! Meines Herzens
Herz! Mein Eingeweide! Es ist mein, ich mu es wiederhaben!<, als ob
das Grnde wren, mit welchen sich etwas durchsetzen liee.

Das ist, fiel Don Orazio ein, wie alle Frauen sind. Die setzen
ihren Eigenwillen der offenkundigen Notwendigkeit entgegen und lassen
sich durch Vernunft nicht belehren.

Der Kardinal nickte verstndnisvoll und nahm Anla, in behutsamen
Andeutungen ber die Launenhaftigkeit der Donna Olimpia zu klagen, die
sie in letzter Zeit wie eine Krankheit berfallen habe, whrend sie
sonst liebevoll und vertrglich wie ein Engel gewesen sei. Was ihr
sonst eine willkommene Zerstreuung gewesen sei, gefalle ihr nicht
mehr, sie liebe Einsamkeit und trbe Gedanken, und die Verzweiflung
jener unglcklichen Tante vermehre ihren Tiefsinn. Sie werde es ihn
entgelten lassen, wenn der Proze des jungen Mannes bel auslaufe, als
wenn er etwas dazu zu tun vermge; so she er einer unfrohen Zukunft
entgegen. Da wrde es das beste sein, meinte Orazio, die launische
Dame zu meiden und bequemere Gesellschaft aufzusuchen; allein der
Kardinal sagte, die Frau habe sich doch um ihn verdient gemacht, und
er halte sich verpflichtet, nun, da sie offenbar krank und des
Beistandes bedrftig sei, bei ihr auszuharren. Er war beschmt, indem
er dies sagte, denn er fhlte, da sein Freund seine Worte fr eitel
Ausflucht und ihn fr einen verliebten Toren hielt.

Als die Freunde, in dies Gesprch vertieft, in dem breiten und kahlen,
widerhallenden Gange auf und ab gingen, vernahmen sie pltzlich den
Gesang einer Mnnerstimme und blieben augenblicklich, von dem Glanz
derselben betroffen, stehen. Es war ein Volkslied, das mit so viel
Kraft und Sicherheit gesungen wurde, als ob es von der Bhne eines
groen Theaters her tnte, und mit so viel Leidenschaft, als glte es,
ein zauderndes Mdchen zu einer Entfhrung willig zu machen. Mazzamori
und Orazio sahen einander, vor Staunen und Vergngen errtend, an, und
als der Snger dem Abschlu einer Strophe eine Kadenz folgen lie,
hielten sie den Atem an, besorgt, ob die schwindelnde Figur auch zu
einem glcklichen Ende gebracht wrde.

Whrend der Dauer des Liedes nherte sich ein wachehabender Soldat und
machte Miene, dem Snger Schweigen zu gebieten, wie das den
Vorschriften des Gefngnisses entsprochen htte, trat jedoch willig
zurck, als die beiden Herrschaften ihm einen Wink gaben, sich ruhig
zu verhalten. Diesen riefen sie heran, sowie das Lied zu Ende war, um
Auskunft ber die Wundererscheinung zu erhalten. Der Snger sei ein
Bauer, meldete der Soldat, dem wegen mehrfachen Mordes der Proze
gemacht werde; er sei ein wilder und bser Kerl, der den Mund nur zum
Fluchen ffne, aber der unerforschliche Gott habe fr gut befunden,
ihn mit einer Stimme zu begnaden, wie kein Engel der himmlischen
Heerscharen sie herrlicher besitzen knne. Niemand habe den Mut, ein
solches Wunder der Natur zu unterdrcken, darum liee man ihn singen,
womit auch der Direktor einverstanden sei, der manchmal selbst, wenn
er in der Nhe sei, stehenbleibe, um zuzuhren.

Ob man ihn nicht veranlassen knne, weiterzusingen? fragte Don Orazio.
Nein, sagte der Soldat, wenn man ihn um etwas bte, wrde er es
deswegen unterlassen, weil er bsartig und mitrauisch sei. Es knne
ein Tag vorbergehen, ohne da er die Stimme erhebe, andere Male hre
er stundenlang nicht auf; das sei von seiner Laune abhngig.

Ich kann mich nicht begngen, von der Stelle zu gehen, ohne ihn noch
einmal gehrt zu haben, sagte Don Orazio, sonst wrde ich morgen
whnen, da mich meine Einbildungskraft geneckt htte.

Auch der Kardinal zeigte sich nach einer Wiederholung des Genusses
begierig. Sie erwogen eben, ob sie nicht dennoch versuchen sollten,
den Gefangenen zu einem Vortrage zu bewegen, als der Gesang von neuem
begann, um sie nicht minder als der erste zu entzcken.

Ich habe einen Tenor wie diesen noch nie in meiner Kapelle besessen,
sagte Don Orazio.

Der Kardinal stimmte ihm bei; er habe zwar die unvergleichliche
Schulung des berhmten Mignotta nicht, die Unfehlbarkeit des Ansatzes
und die Gleichmigkeit des Organs beim An- und Abschwellen des Tones,
aber an Kraft, Schmelz und Sigkeit lasse er alle anderen hinter
sich. Ich wrde jederzeit, so schlo er, eine Stunde lang auf einem
Beine stehen, um ein solches Konzert in mich aufnehmen zu knnen.

Mein Freund, sagte Don Orazio, ich habe keine Ruhe, bevor ich nicht
Nheres ber diesen Mann erfahren habe; begleite mich augenblicklich
zum Direktor, damit wir Schritte tun knnen, um uns dieser Kostbarkeit
zu versichern.

Der Direktor besttigte die Aussage des Soldaten und fhrte sie dahin
aus, da es sich in diesem Falle um einen erwiesenen mehrfachen Mord
aus Rachsucht handle; es habe nmlich der Verbrecher, Ronco mit Namen,
die Gewohnheit gehabt, nachts die Khe seines Nachbarn zu melken, und
wie nun ein junger Bube, der Sohn eines in der Nhe wohnenden
Pchters, dem Geheimnis auf die Spur gekommen sei und den
Geschdigten, dessen rtselhafter Milchmangel im Dorfe bekannt
geworden sei, darauf aufmerksam gemacht habe, so habe er sich
anfnglich ruhig verhalten, als ob die Sache nur ein Scherz und des
Aufhebens nicht wert sei, aber nach acht Tagen nicht nur den Buben,
der ihn angegeben, sondern auch dessen Vater und Mutter sowie eine
alte Gromutter, die alle dieselbe Htte bewohnten, mit einem Messer
umgebracht. Die Entrstung ber die Tat sei allgemein, und der Mensch
habe den Tod verdient und werde ihm nicht entgehen; auch sei ihm
nichts daran gelegen, der Kerl sei so wild, da er kaum einen
Unterschied zwischen Leben und Tod zu machen wisse.

Das sei ein seltsamer Bericht, sagte Don Orazio; man msse doch
annehmen, da ein alter Hader zwischen den Familien bestanden habe,
wie es bei solchen Rachehandlungen meistens der Fall sei, und
unberlegt und empfindlich msse der Mann auch sein. Er htte Lust,
einmal selber mit ihm zu reden, um der Sache auf den Grund zu kommen.

Der Direktor zuckte die Achseln und sagte, die Herren Richter htten
sich schon genug Mhe mit ihm gegeben, die Bestie sei dessen nicht
wert; jedoch sei er bereit, die Herrschaften hinzufhren, mchte ihnen
aber raten, nicht ohne einen Wrter hineinzugehen, da man sich von
einem solchen Patron des Schlimmsten msse gewrtig sein.

An diesen Rat htte der Kardinal sich gern gehalten, allein Don Orazio
lachte hoch aus und sagte, seine krftige Gestalt reckend und seine
breite Brust aufblhend, er getraue sich wohl, es mit einem
maisfressenden Bauern aufzunehmen.

Auch war es in der Tat nicht eben Furcht, was den Meister der Kapelle
berlief, als er mit seinem Freunde dem Unhold gegenberstand, der sie
mit einem schnellen Blick mitrauischen Hasses streifte, um sogleich
wieder stumpfsinnig vor sich hinzustieren; sondern vielmehr ein
unwillkrliches Grauen vor dem bsen Blick, dessen das Scheusal
mchtig sein konnte. Vorher getroffener Verabredung gem begann der
Kardinal, nachdem er verschiedenemal angesetzt hatte, und sagte, sie
seien im Begriff, die Ordnung der Gefngnisse zu untersuchen; ob er,
der Gefangene, ber irgend etwas Klage zu fhren habe? ob er den
Besuch eines Geistlichen empfangen habe? ob er geneigt sei,
irgendwelche Gestndnisse zu machen oder seine Reue in den Scho einer
vertrauenswrdigen Person geistlichen Charakters zu ergieen?

Die Antwort Roncos auf die sorgfltige Anrede des Kardinals bestand
darin, da er knurrte und mit dem Daumen nach der Tr deutete, worauf
der Kardinal von neuem einigemal ansetzte und fortfuhr, er, Ronco, sei
eines grausamen und unerklrlichen Verbrechens angeklagt; ob er
vielleicht zur Erhrtung seiner Unschuld oder zur Verminderung seiner
Schuld etwas beizubringen habe, was Verwirrung oder Scham den
Inquisitoren gegenber ihn vielleicht gehindert htte auszusprechen?
Der Heilige Vater habe viel mehr Freude an einer erlsten Unschuld als
an der Bestrafung eines Schuldigen und dehne seine Milde auch ber
diejenigen aus, die durch Unbesonnenheit, Jhzorn oder Anstiftung des
Teufels wider ihren Willen zu einer bsen Tat hingerissen worden
seien.

Pest und Krebs ber den ppstlichen Saustall! zischte Ronco zwischen
den Zhnen hervor, indem er einen wilden Blick auf die Tr warf und
wiederum nach der Tr deutete, so da der Kardinal unwillkrlich einen
Schritt zurckwich, wie um einen Platz jenseits der Hrweite solcher
Schimpfworte zu gewinnen.

Don Orazio, der das Bedrfnis fhlte, seinem Freunde zu Hilfe zu
kommen, sagte: Weder der Heilige Vater noch seine Diener, mein
Freund, wollen dir bel, wie du vorauszusetzen scheinst. Wir wren
nicht an dieser Stelle, wenn wir deinen Tod suchten, den du allerdings
verdient zu haben scheinst. Gott der Allwissende hat dich mit einer
schnen Stimme begabt und dich dadurch nach unerforschlichem Beschlu
ausgezeichnet. Wie wre es, wenn du uns noch eine Probe dieser
wunderherrlichen Kunst gbest, der du mchtig bist, und die beweist,
da mehr Gttlichkeit in dir wohnt, als deine Taten, deine Worte und
selbst dein Anblick vermuten lassen.

Ob nun Ronco diese Worte als eine Verhhnung auffate, oder ob er das
Gesprch berhaupt als eine Belstigung empfand, er schrie in
ausgelassener Wut: Hinaus! hinaus! Oder ich werde euch etwas singen,
da euch die Lumpenschdel zerplatzen sollen! und begleitete die
Aufforderung mit einer so drohenden Gebrde, da die beiden Herren es
fr das beste hielten, sich zunchst zu bescheiden und den Rckzug
anzutreten. Mit dem Schwunge des Triumphes und der Verachtung spuckte
Ronco hinter ihnen her.

Kardinal Mazzamori war so erschrocken, da er nicht sofort weitergehen
konnte, sondern an dem nchsten Fenster des Ganges stehenblieb, um
Luft zu schpfen und sich ein wenig zu erholen.

Was fr ein Tier! sagte Orazio. Man mu zugeben, da unsere Bauern
nicht viel mehr als Vieh sind und die Anforderungen, die man an sie
stellt, danach bemessen.

Er hat eine wlfische Physiognomie, sagte der Kardinal, und ich
mchte wetten, da er ein echtes Wolfsgebi besitzt. Es scheint in der
Tat ntig, da die Menschheit vor einem solchen Wterich beschtzt
werde.

Seine letzten Worte wurden durch die Stimme Roncos bertnt, der eben
jetzt wieder zu singen begann, vielleicht aus Trotz, oder weil ihm die
Lobsprche der vornehmen Herren dennoch geschmeichelt hatten.

Gttlich, gttlich! flsterte Don Orazio. Dieses Wunderwerk von
Stimme darf nicht zerstrt werden! Ich werde nicht Mhe noch Kosten
scheuen, sie mir zu retten.

Unter den geschlossenen Augenlidern des lauschenden Kardinals perlten
Trnen hervor. Welcher Wohllaut quillt noch aus dem Rachen der
Hlle! hauchte er. O Geheimnisse der Allmacht! Jeder Ton ist rein,
weich und lauter, wie ein Tropfen Tau, der sich in der Frhe auf
Knospen wiegt. Was wird Seine Heiligkeit sagen, wenn sie diesen Gesang
hrt!

In groer Erregung verlieen die Herren das Gefngnis und lieen sich
in der bereitgehaltenen Snfte zu dem Palast des Kardinals tragen, um
ber die zunchst vorzunehmenden Schritte zu beraten; denn darin
stimmten sie berein, da der rare Vogel fr die ppstliche Kapelle
durchaus erworben werden msse. Nachdem sie sich bei einem Glase guten
Weins in einem kleinen wohnlichen Gemach, dessen Wnde mit schnen
Teppichen aus Arezzo verhngt waren, von den verschiedenen heftigen
Eindrcken des Vormittags erholt hatten, schien es ihnen nicht
unmglich, das Tribunal zu einem Freispruch des kostbaren Ronco zu
bewegen. Sie hatten in Erfahrung gebracht, da ein gewisser Guidobaldo
die Verteidigung des Verbrechers fhre, und mit diesem beschlossen sie
sich zunchst ins Vernehmen zu setzen. Don Orazio nmlich hatte ihn in
einem befreundeten Hause kennengelernt und sich gut mit ihm
unterhalten, obwohl der Advokat ein Freidenker und Feind des Klerus
war. Da er aber seine Ansichten nicht uerte, auer wenn es am Platze
war, die Formen der Religion mit groem Anstand in acht nahm, sobald
er sich beobachtet wute, und dazu ein frhlicher und gewandter Mann
war, so konnten auch Geistliche seinen vorurteilslosen Verstand und
seine geselligen Gaben genieen und waren es zufrieden, einstweilen in
gutem Einvernehmen mit ihm zu bleiben. Es traf sich glcklich, da der
Advokat gerade damals im Sinn hatte, eine Villa zu kaufen, deren
ausgedehnter Garten sich den Janikulus hinaufzog, da er aber den
hohen Preis, der dafr gefordert wurde, nicht zahlen konnte oder
wollte; denn dadurch bot sich die erwnschte Gelegenheit, den
ntzlichen Mann durch eine Geflligkeit zu gewinnen. Ohne Zaudern
suchten die Freunde den Advokaten noch am selben Tage auf und baten
ihn, an die Bekanntschaft mit Don Orazio knpfend, ihm die Summe,
deren er zum Erwerb der Villa bentige, vorstrecken zu drfen. Sie
hofften, sagte Don Orazio, sich dadurch ein Anrecht auf gtiges
Entgegenkommen seinerseits zu verdienen, wenn sich das, was sie von
ihm wnschten, mit seiner Ehre und anderen Rcksichten vereinigen
liee. Nach dieser Einleitung erzhlte er von seinem Funde im
Gefngnis, sprach von der Vorliebe des Papstes fr Musik, insbesondere
die menschliche Stimme, und von seinem Wunsch, eine so beraus seltene
Kraft fr die ppstliche Kapelle zu gewinnen, zumal damit ein
Menschenleben gerettet und auf eine nutzbringende, vielleicht
ruhmvolle Bahn gebracht wrde.

Der Advokat erwiderte, er habe bereits von der schnen Stimme des
Ronco gehrt, sich aber nicht sonderlich dafr interessiert; er trage
jedoch gern dazu bei, dem Heiligen Vater ein Vergngen zu bereiten,
auch sei es sowieso seines Amtes, die Verbrecher zu verteidigen und
womglich zu retten. Immerhin sei das im vorliegenden Falle schwierig,
weil der Bauer berwiesen und gestndig sei und viel zu stumpfsinnig
oder zu roh, um Schritte zu seiner Rettung zu tun oder zu
untersttzen, wenn solche berhaupt erfindlich wren. Nach einigem
Besinnen fuhr er fort, es lieen sich wohl Wege zum Ziel ausdenken,
wenn man fest entschlossen sei; es sei schon mancher freigesprochen,
der den Tod ebensowohl wie der schlimme Ronco verdient htte; von dem
Prsidenten des Tribunals, Monsignor Aloisio, sei es nur allzu
bekannt, da seine Stimme feil sei, freilich um kein Geringes,
wohingegen der weltliche Beisitzer fr ein billiges Trinkgeld zu haben
sei. Da sei aber Don Petronio, ein unzugnglicher Mann, dessen einzige
Eitelkeit und Liebhaberei seine Unbestechlichkeit sei, der stets den
Sittenrichter spiele und emsig aufpasse, damit ja nicht etwa unter
seiner Mitwirkung etwas Ungebhrliches unterliefe. Wenn man sich
diesem mit wohlgemeinten Anerbietungen irgendwelcher Art nherte, so
wrde man von vornherein alles verderben; wie man ihn aber umgehen
oder berlisten knne, dazu knne er noch keinen Plan absehen, wolle
die Sache aber bedenken. Ein belstand sei es auch, da der Proze im
vollen Gange sei und nur noch ein Verhr stattzufinden habe, worauf
der Urteilsspruch bei der Klarheit des Falles nicht auf sich warten
lassen wrde. Indessen ermutigte er die beiden Bittsteller damit, da
guter Rat sich oft ber Nacht einstelle, und gab ihnen anheim, sich
einstweilen mit dem Prsidenten in bereinstimmung zu setzen, offen
gegen ihn zu sein und etwa eine Art Mitwissen des Papstes anzudeuten,
was seiner Beflissenheit einen gedeihlichen Schwung geben wrde.

Monsignor Aloisio war ein prachtliebender Mann und heiteren
Temperaments, der gern gut lebte und auch anderen Gutes gnnte, wenn
er nur Geld genug zur Verfgung hatte, dessen Mangel das einzige war,
was seine Laune auf die Dauer zu trben vermochte. Als er innewurde,
da Kardinal Mazzamori und Don Orazio ihm einen erheblichen Zuflu des
geschtzten Metalls zu erffnen gedachten, nahm er sie mit lauter und
glnzender Gastlichkeit auf, fhrte sie durch die pomphaft
ausgestatteten Rume seines Hauses, zeigte ihnen eine Sammlung
chinesischer Porzellane und versprach fr seine Person, einem so
billigen und harmlosen Wunsche ohne kleinliche Bedenken
entgegenzukommen, fhrte aber, wie der Advokat, den unbestechlichen
Don Petronio ins Feld, der, seiner schrullenhaften Eitelkeit zuliebe,
jeden Versuch, den armen Snder durchschlpfen zu lassen, vereiteln
wrde. Nach meiner Meinung, sagte er behaglich, ist die
Gerechtigkeit bei Gott, der es nicht immer fr gut findet, uns zu
erleuchten. Wie kurz ist die Kette von Ursache und Wirkungen, der wir
folgen knnen! Nun ja, man urteilt nach seiner Kurzsichtigkeit und
glaubt, etwas Groes getan zu haben, wenn man einen Dieb oder Ruber
aufhngt. Wie oft dieser ein frommes Herz im Busen hatte, ein guter
Vater oder edler Freund war, whrend sein sogenanntes Opfer auf dem
Grunde der Seele, wohin kein sterbliches Auge blicken kann, die Farbe
der Hlle trug, wer mag das wissen? Unser guter Petronio hingegen
begreift nur den Buchstaben und meint, unsere Erde zu verbessern, wenn
die Paragraphen recht in Anwendung kommen.

Nachdem verschiedene Einflle, um zum Ziele zu gelangen, vorgebracht
und verworfen waren, trennten sich die Herren, ohne zu einem Schlu
gekommen zu sein, mit der Befrchtung, da ihnen der Snger dennoch
entgehen wrde. Indessen empfing Don Orazio noch zu spter Abendstunde
einen Brief des Prsidenten, der so lautete: Es sei ihm pltzlich ein
eigenartiger, aber wohl tunlicher Einfall gekommen. Wenn man nmlich
den Petronio knnte glauben machen, Richter und Advokat seien
bestochen, um den Ronco, der zwar ein ungebildeter Bauer, aber brav
und nichts als das Opfer tckischer Rnke sei, an den Galgen zu
bringen, und sie alle ihre Rolle gut spielten, auch der Advokat sich
willig finden lasse, so sei zu verhoffen, da Don Petronio seine Kraft
einsetze, die vermeintliche Unschuld zu retten, so da ihnen nach
einem Kampfe von gewisser Dauer nichts erbrige, als zu ihren eigenen
Gunsten nachzugeben.

Das Einverstndnis der Beteiligten wurde schleunig hergestellt.
Mazzamori und Don Orazio kargten nicht mit dem Gelde, indem sie nicht
zweifelten, der Heilige Vater wrde ihnen am Schlu reichlich
ersetzen, was sie auf die Ausbildung eines so erlesenen Sngers wrden
verwendet haben. Guidobaldo, der Advokat, trug Sorge, da Don Petronio
durch eine anonyme Zuschrift auf das Unwesen aufmerksam gemacht wurde,
dem diesmal ein hilfloser Bauer zum Opfer fallen sollte, und da die
Nachricht von seinem Hauskauf sich verbreitete, und nahm den launigen
Glckwunsch, den der Prsident ihm in Gegenwart des versammelten
Tribunals dazu machte, hndereibend entgegen. Er selbst, sagte der
Prsident, habe auch im Sinne, sich eine bescheidene Freude zu machen.
Der franzsische Gesandte, der von seinem Knig abberufen sei und Rom
zu verlassen gedenke, wolle eine goldene Karosse mit vier Pferden
verkaufen, und er habe ein Angebot darauf gemacht, wisse aber noch
nicht, ob es angenommen sei. Die Summe flsterte er dem Advokaten
lchelnd ins Ohr, wie er denn berhaupt es so einrichtete, da die
Mitteilung als eine vertrauliche, durch den zuflligen Lauf des
Gesprchs entlockte erscheinen mute. Petronio, der die Herren scharf
beobachtete, sumte nicht, ihre so pltzlich auftretende Verschwendung
mit der schmachvollen Rechtsbeugung in Einklang zu bringen, zu der sie
sich dem empfangenen Briefe nach hatten bereitfinden lassen. Um sicher
zu gehen, lenkte er selbst die Rede auf Ronco und sagte, mit dem
wrden sie hoffentlich heute zu Ende kommen; denn man solle darauf
halten, in einer so klaren Sache wenigstens keine Zeit zu verlieren.
Der Prsident stimmte bei, und der Advokat fgte mit liebenswrdig
scherzender Ironie hinzu, er wisse wohl, da er die Herren Richter,
die gern Zeugen einer breiten Entfaltung seiner Beredsamkeit wren,
damit enttuschte, habe aber doch beschlossen, diesmal schlechtweg
ohne weitere Worte um ein gndiges Urteil zu bitten, da er sich mit
der Verteidigung eines so verworfenen beltters nicht verunzieren
wolle. Das tne anders, sagte Petronio mit Nachdruck, als er,
Guidobaldo, sich zuvor habe vernehmen lassen. Er habe damals gesagt,
der Grund, der den Ronco zum Morde getrieben haben solle, sei zu
geringfgig, um eine solche Untat zu erklren, auch wrde ein gemeiner
Verbrecher die Bluttat zu leugnen versuchen, um sein Leben zu retten;
es lasse sich also erwgen, ob nicht der augenscheinlich halb
bldsinnig gemachte Bauer das Werkzeug Mchtiger sei, die sich nebst
ihren Absichten und Mitteln im Hintergrunde hielten.

Der Advokat lachte knstlich verlegen: Da sehen die Herren, sagte
er, wie weit ich den Pflichteifer getrieben habe! Nun aber scheint es
mir besser, an der Grenze der Hflichkeit haltzumachen, die ich euch
schulde, Mnnern, die leicht einsehen, da Mchtigen nicht mit der
Ermordung einer unschuldigen Pchterfamilie noch mit der Hinrichtung
eines Ronco gedient sein kann, und da das, was ich damit vorbrachte,
nichts als die Redensarten und Mutmaungen waren, die ein gebter
Advokat stets im Vorrat haben mu.

Sie, mein Teurer, sagte der Prsident mit heiterer Miene gegen Don
Petronio, wittern berall Ungerechtigkeiten, weil Ihr gromtiger
Trieb, Verfolgten beizustehen, sich die Gelegenheit zum Handeln
schaffen mu. Ach, die Schlechtigkeit ist weniger interessant, als Sie
meinen! Erleben wir es nicht alle Tage, da das rohe Gesindel
untereinander rauft und sticht? Wir brauchen keine Fabeln zu erfinden,
um das begreiflich zu machen.

Don Petronio, den nichts mehr beleidigte als wenn man ihn nicht ernst
nahm, begann nun einen unmittelbaren Angriff, wobei er sich
fortwhrend das Ansehen eines ruhigen, unbeeinflubaren Geistes zu
geben suchte. An dem Schicksal des Ronco sei nichts gelegen, sagte er,
das sei sonnenklar. Er sei nicht viel mehr als ein Tier, sei es nun,
da Stumpfsinn oder da Roheit seine Menschlichkeit gestrt habe. Man
mge nicht glauben, da er Teilnahme fr Ronco habe, fr ihn selbst
wie fr andere sei es vielleicht das beste, wenn er der Zeitlichkeit
enthoben wrde. Solche Rcksichten wrden ihn aber niemals abhalten,
der Wahrheit nachzutrachten und das Recht in Ausbung zu setzen. Nur
um Recht und Wahrheit handele es sich fr alle, nicht um das Wohl von
Klgern oder Beklagten, vor allen Dingen nicht um das eigene. Er wolle
nichts von jenem Ronco wissen, wolle nicht wissen, ob er Weib und
Kind, Verwandte oder Freunde habe. Eine derartige Gesinnung sei zwar
dem jetzigen Zeitalter fremd, um so mehr werde er daran festhalten. Er
werde niemals Landgter kaufen oder Kunstsammlungen anlegen knnen,
vielleicht stifte er nicht einmal Gutes mit seiner Handlungsweise; es
sei ihm genug, der Wahrheit und Gerechtigkeit, auf die er verpflichtet
sei, ohne Gewinn gedient zu haben.

Die Gegner lieen eine gewisse Gereiztheit merken, und es entspann
sich ein Streit, der noch im Gange war, als Ronco vorgefhrt wurde.
Dieser hatte sich zuvor nie so in Anspruch genommen gesehen, denn Don
Petronio lie jeder Frage, die der Prsident an ihn richtete, eine
anders gesetzte folgen, die den Zweck hatte, die bisher listig
verschttete Wahrheit ans Licht zu frdern. So viel hatte der Wilde
inzwischen gemerkt, da man sich von hoher Seite seiner anzunehmen
begonnen hatte, ja geradezu auf seine Befreiung hinarbeitete, und
seine vielberedete Stumpf- und Roheit hinderte ihn nicht, diese
Aussicht als angenehm zu empfinden und seinen Helfern, soweit er sie
verstand, in die Hnde zu arbeiten. Zuweilen begriff er den Sinn der
kreuz und quer an ihn gestellten Fragen so gut, da er Antworten gab,
die die Richtigkeit seiner frheren Aussagen in Frage stellten und
eine bse Verwirrung in den bisher so glatten Proze brachten. Bei
solchen Gelegenheiten warf Don Petronio jedesmal einen ernsten,
leidenschaftlich forschenden Blick auf seine Widersacher, die sich
scheinbar mehr verwickelten und erhitzten und gegen Ronco heftig und
beinahe drohend losfuhren, wodurch sie ihn in eine solche Gemtslage
versetzten, die fr ihren Zweck eben die richtige war. Denn er fing
allmhlich an, sich fr eine ansehnliche Person zu halten, und wenn er
schon vorher mit sich und seiner Untat durchaus zufrieden gewesen war,
so glaubte er jetzt vollends, da er sich nichts von dem gromuligen
Tribunal brauche gefallen zu lassen, das keineswegs besser und
wahrscheinlich dmmer sei als er. Er gab nun zwar keine Erklrungen,
mit denen sich etwas htte anfangen lassen, aber er bejahte das, was
ihm Don Petronio fleiig in den Mund legte, da er das Verbrechen
nicht aus eigenem Antriebe begangen habe, sondern, da er dazu
angestiftet, eigentlich gezwungen worden sei, aber nicht sagen drfe,
von wem, und schlo damit, man mge ihn zum Tode verurteilen, er sei
es zufrieden, doch sei er unschuldig und weniger ein Mrder, als
diejenigen sein wrden, die ihn an den Galgen brchten.

So schnell indessen gaben die Verschwrer nicht nach, vielmehr
stellten sie sich an, als wren sie erpicht darauf, den Ronco zu
liefern, und erhoben gegen Don Petronio den Vorwurf, als habe er dem
Fuchs, der schon in der Falle gewesen sei, ein Trlein geffnet und
halte sie unntzerweise bei einer nebenschlichen und blen Sache auf.
Dadurch reizten sie diesen immer mehr, so da er sich fest vornahm,
der hehren Wahrheit zum Siege zu helfen, was es ihm auch fr Mhe und
Verdrielichkeiten eintragen mchte.

Der Zufall wollte, da es Don Petronio gelang, einen bisher nicht
bekannt gewordenen Umstand zu ermitteln, da nmlich sowohl der Mrder
wie der Ermordete Besitzer freien Bauerngutes waren und vor Jahren
einmal mit dem Herrn, von dem sie das Land in Pacht hatten, in Streit
gewesen waren, weil er sie ganz und gar zu abhngigen Pchtern hatte
herabdrcken wollen. Es unterlag fr Petronio kaum einem Zweifel, da
dieser Herr, ein Aldobrandini, sich der beiden halsstarrigen Mnner,
die ihm zu trotzen wagten, auf einmal zu entledigen versucht hatte,
indem er sie gegeneinanderhetzte, und obwohl er darauf verzichtete,
den Schuldigen zu entlarven, der jedenfalls zu mchtig, schlau und
gerissen war, um sich fangen zu lassen, so wollte er ihm doch das
Opfer abjagen, so wenig es an sich der Teilnahme wert sein mochte.

Mittlerweile hatte der Meister der Kapelle, Don Orazio, eine
endgltige Aussprache mit Ronco, der sich auf vieles Zureden
bereitfinden lie, wenn er freigesprochen sein wrde, als Snger in
den Dienst des Heiligen Vaters zu treten. Er vermochte nunmehr seine
Rolle besser zu spielen und gebrdete sich tagtglich dreister, so da
das gesamte Tribunal endlich den Augenblick herbeisehnte, wo es die
Brde seines Schtzlings wrde abwerfen knnen. Die Freude und
Genugtuung war auf allen Seiten gleich gro, als der Freispruch
erfolgte, wenn auch der Prsident und der Advokat sich nichts davon
merken lieen, sondern Ingrimm und Beschmung zu verhehlen schienen,
um sich desto besser zu belustigen, wenn sie unter sich waren.

Einzig Kardinal Mazzamori machte bse Zeiten durch; denn die ble
Laune seiner Herrin Olimpia nahm zu, seit er in der Angelegenheit
ihres jungen Vetters nichts ausgerichtet hatte. Er mochte noch so sehr
beteuern, da er alles Erdenkliche unternommen habe, ihn zu retten,
da aber die Gerechtigkeit ihren Lauf htte nehmen mssen, und da es
ihn nicht minder als sie betrbe: sie beharrte dabei, er htte es sich
keine Mhe kosten lassen, weil seine Liebe zu ihr selbstischer Natur
sei und nur genieen, nicht wirken oder opfern wolle, und sie
bestrafte ihn durch eine durch nichts zu erhellende Traurigkeit. Der
Jammer ihrer unglcklichen Tante, sagte sie, habe ihr auf einmal die
Augen fr das Elend des Lebens erffnet, so da sie sich an den
irdischen Dingen nicht mehr ergtzen und nur in der Hingebung an Gott
einigen Trost finden knne. Wirklich war sie selten mehr zu Hause
anzutreffen, sondern hielt sich schwarz gekleidet in Kirchen auf, wo
sie bald vor diesem, bald vor jenem Altar sich in Trnen auflste.
Empfing sie den Freund einmal, so forderte sie ihn auf, von
geistlichen Dingen mit ihr zu reden, und wenn er ihr auf diesem
Gebiete nicht genugtun konnte, hielt sie ihm mit groer Bitterkeit
vor, da er seinen Beruf nicht verstehe, und lie ihn merken, da er
nicht viel Besseres als ein Heuchler und Betrger sei. Sie fhlte sich
tiefunglcklich und alles dessen beraubt, was frher ihrem Dasein Halt
und Inhalt gegeben hatte. Es schien ihr, als sei ihr Mann, von dem sie
nun schon lange getrennt lebte, im Grunde viel annehmbarer gewesen als
der Kardinal, insofern, als er sich doch fr nichts Hheres ausgegeben
hatte als er war. Wenn sie sich die Zeit zurckrief, wo Mazzamori ihre
Liebe erregt hatte, so vermochte sie in allen jenen Szenen, die
zwischen ihnen vorgefallen waren, den Zauber der Poesie nicht mehr zu
finden, der sie frher in ihrer Einbildung vergoldet hatte. Was war
daran, so dachte sie nun, anderes und Edleres gewesen, als was sich
alltglich in jedem Winkel abspielt und oft genug zu Gelchter und
Ekel reizt? Wie sehr sie sich bemhte, etwas Besonderes und
Ausgezeichnetes an dem Kardinal zu finden, ihr Gewissen wollte ihr
nichts sagen, als da er eine unkeusche Bestie sei wie die anderen
Mnner auch, mit dem Unterschiede, da sein geistlicher Beruf ihn noch
dazu zu einem gleisnerischen Lgner machte. Sie htte ihn am liebsten
nicht mehr gesehen; wenn sie ihn zuweilen dennoch herbeiwnschte und
seinen Besuch annahm, so tat sie es hauptschlich, um ihn fhlen zu
lassen, was sie von ihm dachte, und wie unglcklich sie sei.

Ein schweres Verhngnis war es fr den Kardinal, da der verdsterte
Gemtszustand der schnen Olimpia sie ihm noch weit liebenswerter
erscheinen lie als frher. Ihr Blick, da er so seelenvoll geworden
war, zog ihn mehr an, als es je ihr sinnlich erglhender getan hatte,
und ihre demtige Trauer, die ihn htte abwehren sollen, reizte mit
seinem Mitleid und seiner Bewunderung zugleich seine aufrichtigsten
Liebesempfindungen. Wieviel reicher und erhabener erschien sie ihm,
seit sie seiner nicht mehr bedurfte! Wenn er zusah, wie milde und
verstndnisvoll sie mit armen Leuten umging -- denn sie suchte nun
Gelegenheiten, um sich Notleidenden wohlttig zu erweisen --, wenn er
hrte, wie klug und frei sie ber alle Verhltnisse des Lebens zu
reden wute, so kam sie ihm wie eine Wiedergeborene vor, ihm weit
entrckt und doppelt begehrenswert. Er gab sich Mhe, auf ihre neuen
Gedankengnge einzugehen, ohne da er etwas anderes als Spott und
Bitterkeit dabei geerntet htte. Olimpia fand diese Bestrebungen, die
nicht der Sache galten, sondern nur ein Ausflu seiner Verliebtheit
waren, lcherlich oder gar abstoend und wurde durch sie in der
Meinung bestrkt, da der Kardinal ein seichter Heuchler sei.

In der Hoffnung, die ihm Entschlpfende zu fesseln und ihre weltlichen
Interessen wieder ein wenig anzufachen, erzhlte der Kardinal ihr von
dem wunderwrdigen Snger, den sein Freund Don Orazio krzlich
kennengelernt und fr den ppstlichen Dienst erworben habe. Dieser
Snger sei, erzhlte er, durch widrige Schicksalsflle verfolgt und
unter hchst seltsamen Umstnden von Don Orazio entdeckt worden, die
auch ihm noch Geheimnis wren. Gewi sei, da er die herrlichste
Stimme besitze, die je ein italienisches Ohr bezaubert habe, und die
durch die sorgfltige Ausbildung, der sie jetzt unterzogen werde, noch
gewinnen solle. Die Mittel dazu htten Orazio und er hergegeben, da
der Snger durch die erwhnten Schicksalsschlge mittellos geworden
sei; es reue sie aber das Opfer nicht, da jeder Ton aus der gesegneten
Kehle edleres Gold als das sei, was sie dafr ausgegeben htten. Wenn
Olimpia ihn zu hren geneigt sei, so wolle er eine Gelegenheit dazu in
seinem Hause veranstalten.

Indessen Olimpia war zu sehr in ihre schwermtigen Anschauungen
versenkt, um sich irgendwelche Zerstreuungen gefallen lassen zu mgen;
nichts war ihr recht, was sie davon entfernte, nur das willkommen, was
sie darin bestrkte. Schner Gesang wre ihr wohl lieb, sagte sie,
aber zu teuer erkauft, wenn sie ihn im Beisein anderer, etwa sogar
unter geselligen Zurstungen hren msse. Knne der Snger sie
aufsuchen und ihr seine Kunst vorfhren, ohne sie in ihrer einsamen
Beschaulichkeit zu stren, so wre es mglich, da sie Genu daran
htte. Das wute der Kardinal nun nicht einzurichten; denn einmal
wute er nicht, ob Ronco, der sich bermtig und habgierig entfaltete,
sich ohne weiteres und namentlich ohne die Aussicht betrchtlicher
Vorteile dazu verstehen wrde, und zudem htte er fr das Benehmen
seines Schtzlings nicht einzustehen gewagt, wenn derselbe ohne Zwang
und Aufsicht allein mit einer Dame gewesen wre. So mute er auf eine
Gelegenheit warten, um Olimpia mit dem Wundermanne bekannt zu machen,
und eine solche bot sich denn auch, als der Gesangmeister, der ihm
Unterricht erteilte, seine Stimme fr so geschult erklrte, da seiner
Vorstellung bei Hofe nichts mehr im Wege stehe.

Der Papst hatte zur Teilnahme an dem Konzert, das in seinen Gemchern
stattfinden sollte, einen kleinen gewhlten Kreis musikliebender
Freunde um sich versammelt, unter denen Kardinal Mazzamori, als um den
Fund so sehr verdient, nicht fehlen durfte. Auch war ihm bereitwillig
gestattet worden, seine Freundin Olimpia mitzubringen, die eine
Einladung des Heiligen Stuhls auszuschlagen sich denn doch nicht
getraute. Sie whlte zwar eine Frisur und Kleidung, die, dunkel und
schlicht, gegen die frher von ihr geliebte reichliche Ausschmckung
weit abstach, und hielt sich auch bescheiden und fast schamhaft im
Hintergrunde; aber da ihr zartes Fleisch um so lieblicher aus dem
Schatten hervorleuchtete, hatte sie durch diese Veranstaltung doch
nicht hindern knnen.

Innozenz war ein feiner, kleiner alter Herr mit einem zierlichen
Gesicht, mit etwas undeutlichen Augen, einer gebogenen zugespitzten
Nase und einem dnnlippigen, meist freundlichen Munde. Er nahm die
Huldigung der Gste geschwind entgegen und lie einem jeden einige
scherzende Worte zukommen, wobei ihm aber die Ungeduld wegen der
bevorstehenden Vorfhrung anzumerken war. Als es eine Minute ber die
Zeit war, auf welche man den Snger bestellt hatte, wurde ein nervses
Zucken um seine Augen sichtbar, und Mazzamori blickte ngstlich von
der kostbar verzierten Uhr, die auf dem Marmorkamine stand, zur
Flgeltr; er atmete auf, als diese sich ffnete und Don Orazio,
eintretend, um die Ehre bat, den Snger Ronco vorstellen zu drfen.
Ronco hatte sich in der Zeit seiner Vorbereitung eine Richtschnur
seines knftigen Betragens gemacht, die einfach, aber nichtsdestoweniger
ausnehmend zweckmig war: nmlich den Beifall des Papstes zu erwerben
und einzig darauf sein bestndiges Augenmerk zu richten. Von diesem
Vorsatz beseelt, ging er stracks, die Augen mit einer gewissen
eindringlichen Heftigkeit auf das erhabene Ziel gestellt, auf den alten
Herrn zu, fiel vor ihm nieder, kte ihm die Fe und verharrte in
dieser Stellung, indem er die Arme vor der Brust faltete. Diese
kindliche Gebrde inbrnstiger Hingebung rhrte Innozenz so sehr, da er
unwillkrlich die Lippen auf die Stirn und die Hnde auf die breiten
Schultern des vor ihm knienden Mannes drckte, worauf er ihn mit
ermunternden Worten begrte und aufzustehen und sich zu setzen
aufforderte. Fast frchtete der alte Herr, das erschtternde Gefhl,
sich zum erstenmal in seiner Gegenwart zu befinden, knne den Snger der
Macht ber seine Kehle berauben; es zeigte sich aber, da der starke
Mann mit der Hingebung die Unbefangenheit eines Kindes vereinte, denn
ohne durch das leiseste Zittern beeintrchtigt zu werden, rollten die
ersten Tne wie groe glnzende Perlen in den Saal. Infolge einer
Anordnung des Orazio sang er zuerst das Volkslied, das er und Mazzamori
im Gefngnis von ihm gehrt hatten, und das ohnehin als etwas Neues und
Befremdliches Aufsehen erregte und Eindruck machte.

Es war, als ob der Stab eines Zauberers die Herzen der Zuhrer berhrt
habe; einem jeden tauchten liebe Trume auf, allerschnste
Augenblicke, deren sie sich erinnerten oder die sie erhofften, und die
einen seren Duft aushauchten, als der zerkleinernden Wirklichkeit
brigzubleiben pflegt. Olimpia berkam ein gewaltsamer Schmerz, der
aber nicht niederdrckend war wie der, dem sie seit vielen Wochen in
wechselnder Art hingegeben war, sondern durchdringend und angenehm,
als eine Kraft, die sie ber das gemeine Leben emporzutragen schien.
Sie fhlte, was sie einst als Mdchen gewesen war, was sie von der
Zukunft erwartet und was sie selbst htte leisten und erringen wollen,
und mit der schrecklichen Einsicht zugleich, wie weit sie von diesem
Ziele abgewichen war, glaubte sie zu wissen, da es nur auf sie
ankomme, wieder die reine, starke und freudige Seele von damals zu
werden. Sie hrte nicht auf, ihre Beziehungen zu Mazzamori zu bereuen,
aber sie tadelte sich in diesem Augenblick, da sie ihn mit Hrte
behandelt hatte, da doch nicht er allein, sondern auch sie gesndigt
habe, und da er ihr doch nicht die Mglichkeit rauben knne, aus den
Irrwegen, auf die er sie gefhrt, zur Klarheit aufzusteigen. Es
erschien ihr wie ein Wunder, da sie trotz ihres Widerstrebens in die
Nhe des Mannes gebracht worden war, dessen Stimme ihr so trstlich
wurde, und der ihr dadurch fast wie ein Abgesandter Gottes erscheinen
wollte. Aus dem Winkel, wo sie Platz genommen hatte, konnte sie
ungestrt seine heldenhafte Gestalt bewundern und das dunkle Antlitz,
dessen Wildheit sie erbeben machte.

Ronco war bei der sorglichen Pflege, die er sich seit geraumer Zeit
hatte angedeihen lassen knnen, nur auf die Art schner geworden, wie
aus einem schbigen hungrigen Wolf ein wohlgenhrter wird; aber dies
gengte um auf aller Augen einen blendenden und berwltigenden
Eindruck zu machen. Die Begeisterung war allgemein; doch machte
niemand dem Heiligen Vater das Recht streitig, sie zuerst zu uern.
Der kleine Herr sa mit gerteten Wangen da, klopfte hie und da in die
Hnde, rief: Bravo! bravo!, wiegte den Kopf und unterbrach auch wohl
den Gesang mit Ausrufen des Entzckens: Ah! Welcher Ansatz! Welche
Sigkeit! Welche Erfindung!, wenn die Kadenzen wie aus dem Fllhorn
des berflusses aus seinem Munde strmten. Es vermehrte die
Bewunderung Olimpias, da der Snger keinen Blick auf die
Gesellschaft, geschweige denn in ihren Winkel warf; er schien nur fr
den Heiligen Vater da zu sein und auf seinen Wink zu singen oder zu
schweigen. Einem Erzengel mute sie ihn vergleichen, der, in voller
Pracht gerstet, demutvoll den Befehl des Herrn der Heerscharen
erwartet.

Erst als die Gesellschaft aufstand und auseinanderging, fiel ein Blick
des Sngers auf sie, der mehr als Gleichgltigkeit, der
niederschmetternde Verachtung auszudrcken schien. Sie schlo daraus,
da er wisse, in welchen Beziehungen sie zu Kardinal Mazzamori
gestanden habe, ja seiner Meinung nach noch stehe, und da er sie aus
diesem Grunde fr eine Verworfene halte, was sie ja im Grunde auch
sei.

In Wirklichkeit hatte der Snger weder sie noch sonst eine von den
Zuhrerinnen beachtet, da es ihm zunchst nur um den Papst zu tun war
und er berhaupt an den vornehmen Damen noch keinen Geschmack gewonnen
hatte. Allmhlich jedoch stellte sich das Verstndnis dafr ein, und
nunmehr konnte ihm die Verehrung nicht unbemerkt bleiben, mit der die
schne Olimpia zu ihm aufblickte. Es schmeichelte ihm nicht wenig, da
die Geliebte des Kardinals Mazzamori ihn diesem angesehenen,
einflureichen, liebenswrdigen und gebildeten Manne vorzog, den zu
beleidigen er ohnehin einen lebhaften Antrieb in sich versprte. Je
mehr seine Stellung beim Papst und in Rom sich befestigte, desto
unleidlicher wurden ihm die beiden Herren, denen seine Vergangenheit
so wohlbekannt war, so da er mit dem Gedanken umging, sie, wenn sich
ein Anla bte, aus Rom zu entfernen.

In den ersten Tagen, die dem Konzert folgten, war Mazzamori
hochbeglckt ber den Erfolg. Schien es doch die geliebte Frau weich
und zugnglich gestimmt zu haben. Um so schneidender war seine
Enttuschung, als sie ihm, wenn auch in gtigen Worten, ihren
unerschtterlichen Entschlu mitteilte, jeden Verkehr mit ihm
abzubrechen, da sie ein neues, reineres Leben in Gott nunmehr beginnen
wolle.

Da er sah, da jeder Versuch, sie ihrem Vorsatz abtrnnig zu machen,
scheiterte, ergab er sich und rang bereits mit dem Plane, ihr
nachzueifern, um ihr wenigstens in den Regionen der Entsagung wieder
zu begegnen, als er durch Neckereien Bekannter auf die zarten Fden
aufmerksam gemacht wurde, die zwischen dem Snger und der Berin hin
und her gingen. War er auch berzeugt, da bei Olimpia nichts vorlag
als die Schwrmerei einer empfnglichen Seele fr die Stimme, in der
etwas Gttliches sinnfllig zu werden schien, so zweifelte er doch
billig, ob der gewaltttige Bauer einer hnlichen Erhabenheit der
Empfindung fhig sei, dem er vielmehr die Absicht zutraute, das Weib
in die Niederungen seiner Sinnlichkeit herabzuziehen.

Dies wurde ihm zur Gewiheit, als verlautete, der Snger habe vor
einigen Tagen um Urlaub gebeten und solchen auch erhalten, um irgendwo
am Meere oder im Gebirge seine Stimme zu schonen, was zu deren
Erhaltung von den rzten fr durchaus notwendig erklrt worden sei.
Auer sich eilte der Kardinal zum Papste, um ihn darber aufzuklren,
welche Gefahr seiner Meinung nach eine edle Freundin bedrohe, und wie
freventlich die Gte des huldvollen Gebieters mibraucht werde.

Der alte Herr merkte kaum, da es sich um einen Angriff auf seinen
Liebling handelte, als seine Lippen sich rgerlich zusammenkniffen. Er
selbst litt unter dessen bevorstehender Abwesenheit, hatte seiner
Bitte aber dennoch willfahrt und ein Beispiel der Selbstverleugnung
gegeben; mute er dem geistvollen Zauberer nicht einmal ein Abenteuer,
in dem er sich austobte, gestatten? War er doch selbst jung gewesen!
Und wieviel mehr als ein anderer bedurfte der Feurige, der Zndende,
der Verschwender Zufuhr neuer Krfte, die ihm, dem Papst, und allen,
die ihn hrten, wieder zuteil werden wrden! Wenn er sich vorstellte,
wie der lwenhafte Mann das erstemal, die Arme ber der Brust
gekreuzt, vor ihm niedergekniet war, so pflegten ihm Trnen in die
Augen zu treten. Niemals war er seitdem von dieser kindlichen und
ritterlichen Hingebung abgewichen. Obwohl hitzigen Temperaments und
hochfahrenden Sinnes, wie er denn im Umgang mit anderen Menschen oft
durch zgellose Laune und Grobheit berraschte, nahte er sich ihm, dem
Heiligen Vater, dem zierlichen kleinen Manne, nie ohne Unterwrfigkeit,
nahm er von ihm jeden Tadel mit Bescheidenheit und Geduld entgegen und
rief in jeder Angelegenheit sein Urteil als das hchste, gleichsam von
Gott selbst ausgefertigte an, dem sich zu beugen ihm augenscheinlich
sowohl Lust wie Pflichtgebot war.

Indem er sich in seinem Sessel zurcksetzte, betrachtete Innozenz den
Kardinal erstaunt und bat um eine Erklrung des Anteils, den er an dem
Urlaub und der Reise des Sngers nhme. Ein wenig errtend sagte der
Kardinal, es sei dem Heiligen Vater vielleicht nicht bekannt, da
Ronco den Ausflug in Begleitung einer Dame zu machen gedenke, einer
Dame, mit der er weder in verwandtschaftlicher noch in ehelicher
Beziehung stehe, soviel ihm bekannt sei.

Und was weiter? fragte der Papst khl. Sollten Sie, mein Freund,
niemals, eine Reise mit Damen ohne verwandtschaftliche Beziehung
unternommen haben? Oder wenn Sie, ein Geistlicher, ein Diener Gottes,
es nicht getan haben, warum sollten Sie einem Snger diese Freiheit
mignnen?

Der Kardinal zitterte vor Verlegenheit, Angst und Enttuschung.
Verzeihen mir Eure Herrlichkeit, sagte er, wenn die Sorge um eine
Frau, die mir teuer ist, und ber deren Heil zu wachen ich mich
verpflichtet halte, mich zu weit hingerissen hat.

Bevor er noch mehreres hinzufgen konnte, unterbrach ihn der Papst,
indem er sagte: Gut, gut! berlassen Sie es mndigen Frauen, sich
selbst zu schtzen, wenn sie berhaupt des Schutzes bedrfen oder ihn
wnschen. Ich habe es stets so gehalten, da ich meinen Untergebenen
in Familiensachen freie Hand lie, denn dies ist der Punkt, wo aus
Herrschaft Tyrannei wrde.

Nach dieser Zurechtweisung wurde der Kardinal nicht ungndig
entlassen; ja, der Heilige Vater zeichnete ihn beim nchsten Empfang
mit liebenswrdigen Worten aus; aber als er nach einigen Tagen an die
Spitze einer Mission zur Bekehrung der Heiden in Japan gestellt wurde,
konnte er nicht umhin, darin mehr den Wunsch des Papstes, ihn zu
entfernen, als einen Beweis seiner Hochachtung zu sehen.

Das Bewutsein seiner Untauglichkeit zu einer solchen Aufgabe war so
stark in ihm, da er es wagte, dem Papst seine Befrchtungen
dieserhalb zu unterbreiten; doch beruhigte ihn dieser mit dem Hinweis
auf seine mannigfachen Talente, denen, wenn sie der Glaubenseifer
untersttze, nichts unmglich sein werde, und auf die Mrtyrerkrone,
die er sich im besten Fall erwerben knne.

Don Orazio hielt sich etwas lnger, schlielich jedoch wute der
unentwegte Ronco auch ihn zu strzen, indem er ihn durch fortwhrende
Widersetzlichkeiten und Krnkungen dahin brachte, sich beim Heiligen
Vater ber ihn zu beklagen. Als dieser ihn damit abwies und ihm
vielmehr empfahl, sich einem so herrlichen Knstler, der Zierde seines
Hofs, gegenber nicht zu berheben, brauste Orazio auf und rief aus:
Wie? Von diesem Vieh, das ich aus dem Morast gezogen habe, soll ich
mich ungerecht verhhnen lassen?, mit welcher unbesonnenen uerung
er die Gunst seines Herrn vollends verscherzte. Denn wie er sich wegen
des beleidigenden Ausdrucks rechtfertigen wollte, bedachte er, da er
den wahren Hergang seiner Bekanntschaft mit Ronco nicht wohl enthllen
konnte, ohne sich in verhngnisvolle Mihelligkeiten zu verwickeln,
und mute, da er sich ber sein Benehmen nicht ausreden konnte, als
verleumderischer Schwtzer oder ungezhmter Tollkopf dastehen. Die es
gut mit ihm meinten, waren der Ansicht, da er es noch fr Gnade und
Glcksfall ansehen msse, als der Papst ihn nach dem kleinen Hofe von
Lucca empfahl, wo er zwar in schmalen Verhltnissen, aber doch ohne
Not und Gefhrdung sein Dasein fristen konnte.

Schlimmer und besser zugleich erging es seinem Freunde Mazzamori, der
zwar mancherlei Entbehrungen und Todesgefahr zu bestehen hatte, aber,
wenn solche vorbergegangen war, auch Augenblicke bisher unbekannter
Seligkeit feierte, und ber dessen liebe und traurige Vergangenheit
die vielen absonderlichen Eindrcke, die er empfing, einen bunten
Schleier webten, der sie undeutlich machte. Zuweilen, wenn er in
fremder Einsamkeit am Gestade des Ozeans zwischen namenlosen
Riesenbumen und vorberhuschendem Getier in der Dmmerung sich
erging, erinnerte ihn, er wute nicht wie, ein lieblicher Himmelsglanz
zu seinen Hupten an die schmalen lnglichen Cherubsaugen jenes jungen
Lancelotto, mit denen er frei in paradiesischen Sphren auf die
verlassene Erde hinabsehen wollte. Vielleicht, dachte er, lchelt er
ber die Verworrenheit, in die wir armen Toren verstrickt sind, wenn
er sich nicht lange schon ermdet weggewendet hat zu den gelsten
Geheimnissen der Weltregierung. Auf Augenblicke schwieg dann das
Heimweh nach der goldenen Kste Italiens, das ihn in Stunden, wo er
allein war, zu beschleichen pflegte, und er dachte mit bnglicher
Sehnsucht an die Mrtyrerkrone, die seine Arbeit unter den bsen
Heiden ihm eintragen konnte, und die vielleicht, von unsichtbaren
Hnden bereit gehalten, schon ber ihm schwebte.




Der neue Heilige


Im Kchengarten des Kapuzinerklosters in Mnchen gingen zwei der
vornehmsten Vter, Pater Gumppenberg und Pater Wildgruber, in
ernstlichem Gesprch ber die schweren Zeitlufe zwischen den an
Stangen hochgezogenen Bohnen auf und nieder. Es tut nicht gut, sagte
Pater Gumppenberg, wenn die Frau strker ist als der Mann, im
Brgerhause so wenig wie auf dem Frstenthrone, das habe ich immer
gesagt und darum die savoyische Heirat widerraten. War es nicht
vorauszusehen, da sie mit ihren welschen Dienern und ihrer welschen
Pracht einwirken und mit ihrem welschen Gespreiz alles und jedes bei
unserem guten Herrn durchsetzen wrde? Es hatte nmlich vor einigen
Jahren der Kurfrst Ferdinand Maria die schne, stolze und kluge
Henriette von Savoyen geheiratet, die zwar in kirchlicher Gesinnung
niemandem nachstand, aber den Bedarf dazu von jenseits der Alpen in
Gestalt verschiedener Geistlicher italienischer und franzsischer
Herkunft mitgebracht hatte, unter denen ihr Beichtvater Filiberto aus
dem Orden der Theatiner der hervorragendste war. Der Anstand wrde
erfordern, fuhr Pater Gumppenberg fort, da diese Fremden sich in
die Gebruche unseres Landes zu schicken suchten; anstatt dessen
fahren sie nasermpfend daher wie Eroberer und mchten das
wohlerprobte einheimische Wesen mit ihrem scheckigen Tndelkram
austapezieren. Es sind bald hundert Jahre her, da unsere Stadt und
unser Frstenhaus unter dem Schutze des heiligen Benno nicht nur in
gutem Zustande verharren, sondern erst recht zu florieren angefangen
haben, wie denn auch unser seliger Herr, der verstorbene Kurfrst, ihm
allezeit die Ehre gegeben und es an Dank und Verherrlichung nicht hat
fehlen lassen. Auch wir haben uns den Dienst des uralten deutschen
Heiligen angelegen sein lassen, obwohl wir absonderlich auf den
heiligen Franziskus Seraphikus, diesen hochberhmten, eigentlich aus
Gottes Geiste geborenen Himmelsmann, verpflichtet sind, und haben also
doppelte Ursache, von den Welschen, die ber uns gekommen sind, ohne
da wir ihrer bedrfen, die gleiche Unterordnung zu verlangen. Mgen
sie in der Stille verehren, wen sie wollen; unertrglich aber mte es
jedem glubigen Bayernherzen sein, wenn wir in der altheiligen
Frauenkirche einen neumodischen Altar fr einen gewissen Cajetan sich
spreizen shen, der uns so wenig angeht wie ein Derwisch oder Mufti
der Heiden im Orient.

Pater Wildgruber nickte nachdrcklich und fgte hinzu: Meine
sorgfltigen Erkundigungen haben besttigt, was ich dir schon sagte,
da dieser Cajetan erst krzlich vom Heiligen Vater selig gesprochen
ist, auf das beschwerliche Drangsalieren der adeligen Familie, die ihn
zu ihren Verwandten zhlt und ihre schbige Herrlichkeit mit seinem
Namen ausputzen mchte. Dergleichen Adel ist, wie du weit, ber den
Bergen billig wie der Kies im Bache zu haben. Es mag sein, da der
gute Mann aus Vicenza sich ein Verdienst um jenes Vlkchen erworben
hat, als er den Theatinerorden stiftete, in den nur Leute
seinesgleichen aufgenommen wurden, die dort eine ansehnliche
Versorgung finden. Wenn sie es dabei bewenden lassen und sich ruhig
verhalten, wohl und gut, so mag man es ihnen gnnen; ein anderes ist
es, wenn sie ihren Familien- und Standespatron uns hierorts als
Heiligen aufdrngen und das Volk zu dieser fremdartigen, belberufenen
Verehrung anlocken wollen. Dergleichen Seltsamkeit drfen diejenigen,
die Gott zu Htern seiner Schafe bestellt hat, nicht einschleichen
lassen.

Die herzhafte Zustimmung seines Freundes erheiterte Pater Gumppenberg,
so da er stehenblieb, eine Ranke der kletternden Bohnen zu sich bog
und den Ansatz der angenehmen Frucht, die sich zeigte, auf ihr
Wachstum untersuchte. In acht bis vierzehn Tagen, denke ich, knnen
wir ein erstes Bohnengericht auf unserer Tafel sehen, sagte er
behaglich. Unser Himmel reift die Gottesgabe langsam, ist es aber so
weit, dann hat sie eine gediegene Wrze, die sich nach meinem Urteil
ber alle die gepriesenen Erzeugnisse der Fremde erhebt.

Auch hierin war Pater Wildgruber derselben Meinung. Ich bin nicht von
denjenigen, sagte er, die ohne einen Tropfen franzsischen oder
welschen Weines die Mahlzeit fade finden; unser braunes Bier mag es
mit dem vielbeliebten Traubenstoff wohl aufnehmen, ja, indem es das
Blut nicht erhitzt, sondern khlt, und den erwnschten Schlaf
herbeifhrt, anstatt die Sinne zu kitzeln, ist es aus erheblichen und
auch gottgeflligen Grnden dem kostbaren Nebenbuhler wohl noch
vorzuziehen.

Weiterschreitend gingen die frommen Mnner zu der Erwgung ber, wie
der von seiten der welschen Geistlichen drohenden Gefahr fglich
entgegenzuarbeiten sei. Ich schrecke, sagte Pater Gumppenberg,
keineswegs davor zurck, unserem Herrn, dem Kurfrsten, eine
dringliche Vorstellung zu machen; habe ich doch auch das Antlitz
seines gestrengen Vaters nicht gefrchtet, da ich mich im Schutze
Gottes und seiner Heiligen sicher fhle.

Du hattest es damals nicht mit einem Weibe zu tun, gab Pater
Wildgruber zu bedenken, einem Weibe, das ich ganz und gar der Dalila
vergleichen mchte, wenn auch unser hochgeliebter Herr, der Kurfrst,
nichts mit dem Helden Simson gemein hat als die Bezauberung durch
seine Gemahlin.

Es ist meine Pflicht, mich durch nichts von dem abhalten zu lassen,
was zum Heil unserer Kirche notwendig ist, am wenigsten durch ein
Weib, sagte Pater Gumppenberg gefat, indem er seinen schwrzlichen,
mit vielen grauen Haaren durchschossenen Vollbart ber der breiten
Brust auseinanderstrich; es wird verhoffentlich nicht ohne Eindruck
bleiben, wenn ich den Geist seines hochseligen Vaters berufe, um meine
Vorstellungen zu untersttzen.

Fr den jungen Kurfrsten, der in seinem Vater das Abbild Gottes auf
Erden verehrt hatte, war die Anrufung desselben berwltigend, und er
wagte nicht leicht etwas durchzusetzen, wenn man ihn glauben machte,
da es seiner Gesinnung zuwider sei. Freilich bekmpfte den erhabenen
Schatten seit seiner Vermhlung das lebendige Auge der geliebten Frau,
allein er getraute sich in wichtigen Dingen noch nicht immer dieser
neuen, allzu reizenden Kraft nachzugeben, weil es ihm unglaubhaft
schien, da irgend jemand, und nun sogar ein junges Weib, seinem
gewaltigen Erzeuger in etwas sollte berlegen sein knnen. Demgem
erwiderte er dem Pater Gumppenberg auf dessen eindringlichen Vortrag,
es sei ihm unbekannt gewesen, da das Volk der Einfhrung des neuen
Heiligen so sehr entgegen sei; ein vortrefflicher Knstler habe zwar
den Entwurf zu einem Altare ihm bereits vorgelegt, die Genehmigung
habe er aber noch nicht erteilt und werde die Sache einstweilen ruhen
lassen, bis die Vortrefflichkeit des vicentinischen Cajetan in Bayern
besser bekannt und bezeugt sein werde.

Ein wenig betreten begab er sich in das nach dem neuesten
italienischen Kunstgeschmack erst krzlich fertiggestellte Wohnzimmer
seiner Gemahlin, bei der er zu seinem Troste Pater Filiberto anwesend
fand; denn obgleich dieser der Kurfrstin selbst einflsterte, was sie
in bezug auf die Religion und die Geistlichen ihrer Heimat verlangen
solle, suchte er doch immer zu begtigen, wenn der Kurfrst in seiner
Gegenwart darber verdrielich wurde, im Vertrauen darauf, da der
Streit sich hernach weiterspnne und zu dem erforderten Zwecke fhre.
Henriette Adelaide nahm die Botschaft ihres Mannes, die er unter
mancherlei Scherzen vorbrachte, unwillig entgegen und sagte: Das kann
ich am wenigsten leiden, da du deine eigene Einsicht geringer
anschlgst als die des Pater Gumppenberg, des ungeschlachten
Dickschdels. Glichen alle Menschen dir, so wrde die Stadt Mnchen in
Ewigkeit nichts anderes werden als ein Huflein burischer Htten um
die barbarische Ausgeburt der Frauenkirche herum. Soll etwa jeder
Christ zwischen Spanien und Ruland zu jenem Benno beten, dessen
Knochen man in nordischen Urwldern zwischen den Knochen von Bren und
Auerochsen zusammengelesen haben wird?

Er hat doch, sagte Ferdinand Maria, vor deinem Cajetan das voraus,
da er ein regelrechter Heiliger ist, whrend jener, wie ich hre, nur
der Seligsprechung wert befunden wurde, ihm also doch wohl etliche
schtzenswerte Qualitten abgehen mssen.

Das haben dir die Schelme weisgemacht! rief Henriette Adelaide
heftig. Die Heiligsprechung wird seinerzeit schon erfolgen, und wenn
Cajetan nur eine gute Tat getan htte, die beglaubigt ist, so glte
das mehr als hundert Wundertaten eines Benno, die niemand mit
angesehen hat, und von dem niemand beweisen kann, ob er berhaupt
gelebt habe.

Hier legte sich Filiberto ins Mittel, indem er mit liebenswrdigem
Lcheln einschaltete, da daran wohl kein Zweifel obwalten drfe, da
Papst Hadrian im Jahre 1523 den wrdigen Bischof und Heidenbekehrer
unter die Heiligen gestellt habe; indessen msse er auch besttigen,
was die Kurfrstin mit ihrem hohen Geiste bereits festgestellt habe,
da die Heiligsprechung des Cajetan der Seligsprechung sicher
nachfolgen werde, so da man sie schon fr geschehen annehmen knne.
Er fr seine Person msse jedoch sagen, wenn ihm eine Meinung
gestattet sei, da der Kurfrst tiefdurchdachte Regierungsweisheit an
den Tag lege, wenn er es vermeiden wolle, durch strmisches Vorgehen
rgernis in seinem treuen Volke zu erregen; die Kraft, die dem
heiligen Cajetan innewohne, sei so gro, da sie sich selbst
durchwirken und ihn bei jedermann beliebt machen wrde.

Es werde nie zu befrchten sein, sagte Henriette Adelaide, indem sie
den stolzen Mund ein wenig spttisch verzog, da ihr Gemahl strmisch
vorgehen werde. Sie wrde also darauf verzichten, die vandalische
Halle der Frauenkirche durch ein gelutertes Kunstwerk verschnt zu
sehen. Ihr knne es im Grunde gleich sein, da sie diese Kirche, deren
grobe nordische Bauart ihr nun einmal zuwider sei, sowieso nicht
besuche, und fr die Theatiner und den heiligen Cajetan knne
anderweitig gesorgt werden, indem man ihnen eine besondere Kirche
baue, was denn besser und grndlicher sei als ein bloer, unwillig im
fremden Raume geduldeter Altar. Sie warf diesen berraschenden Plan
nicht ohne Schelmerei hin, lie aber nur ein wenig davon aus den
beredten Augen und von dem ernsten Munde lcheln und trat voll
Unbefangenheit an das Fenster, indem sie sagte: Es ist hier gegenber
Platz genug, um einen groen Entwurf ins Werk zu richten. Eine weite
Kuppel und ein paar schmuckreiche Trme nach rmischer Art wren mehr
geeignet, unser Auge zu erfreuen, als die Wstenei, aus der wie die
Buckel erschpfter Kamele hie und da ein paar steile Dcher steigen.
Ferdinand Maria blickte zunchst nicht aus dem Fenster, sondern auf
die aufrechte Gestalt seiner Frau und sagte zwischen Erstaunen und
Bewunderung schwankend: Meine Teure, du bist eine neue Semiramis, und
ich frchte nur, da mein armes Mnchen und vielleicht auch dein armer
Gatte dir zu klein seien. Wie soll ich eine Kirche ausrichten, da ich
schon mit dem Altar angestoen habe?

Fr den, der will, entgegnete sie, gibt es keine Hindernisse; aber
nicht ein jeder kann wollen.

Der Beichtvater, dem es an der Zeit schien, die Gatten sich selbst zu
berlassen, pries sowohl die frstliche Gesinnung seiner Herrin wie
die landesvterliche Bedchtigkeit des Kurfrsten, worauf er um die
Erlaubnis bat, sich zurckziehen zu drfen.

Mchtest du nicht auch lieber Beherrscher einer prchtigen Stadt als
eines veralteten Dorfes sein? fragte Henriette Adelaide ihren Gatten,
als sie allein waren. Wir genieen des Friedens, wir knnen das Geld
nach unserem Herzen ausgeben. Richten wir uns denn eine schne
Wohnsttte her, wie sie uns behagt, nicht jenen Mnchen, die keine
Nasenlnge ber ihren Rosenkranz hinausblicken knnen.

Ach, sagte der Kurfrst, indem er einen komischen Seufzer ausstie,
wenn ich bedenke, wie kurze Zeit wir in dieser Wohnsttte bleiben
werden, so scheint es mir, da wir ein wenig zu viel Lrm darber
vollfhren, ob sie so oder so gestaltet ist.

Die Kurfrstin ma sein feines junges Gesicht mit dem uersten
Erstaunen und erst nach einer Minute mit aufgehendem Verstndnis
seiner Rede. Wenn du so willst, sagte sie, sollte man freilich in
Blockhusern leben und nichts als Pyramiden zu dauerhafter Versorgung
seiner Leiche bauen. Sie setzte sich bei diesen Worten neben ihn auf
die steife Lehne eines Damastsessels und kte ihn mit zrtlicher
Behutsamkeit auf die wohlgebildeten roten Lippen. Du hast eine
seltsame Art, das Leben anzusehen, sagte sie, mit welcher man nicht
viel ausrichten kann. Wer mchte denn Kinder erzeugen, wenn man
bestndig vor Augen htte, da er sie vielleicht morgen verlassen
mu?

Aus seinen dunklen Augen fiel ein warmer Strahl auf ihr lachend ihm
zugeneigtes, schnes Antlitz, und er sagte: Du hast recht, weil du
stark und gesund bist und Gott und dir vertraust. Darum mag ich auch
entschuldigt sein, wenn ich dir schon mehr nachgegeben habe, als
deinem Frsten und Eheherrn geziemt. Unter mancherlei Neckereien und
Scherzen zog sie ihn an das Fenster, um ihm die drftige Umgebung zu
weisen und den Einfall, den der Augenblick ihr gebracht hatte, zu
einem verlockenden Plane auszumalen. Obwohl das Herz des Kurfrsten
gestimmt war, sich durch die Unternehmungslust seiner Gemahlin
hinreien zu lassen, so hielt er doch mit der endgltigen Zustimmung
vorsichtig zurck. Bei sich bedachte er, da sie beide vor seinem
Volke anders dastehen wrden, wenn er ihm erst einmal einen Erben
vorzustellen htte, sprach dies aber nicht aus, da er wohl wute, wie
bel sie es aufnahm, wenn man sie daran wie an eine versumte
Schuldigkeit mahnte. Auch ging es ihm zuweilen durch den Sinn, da er
vielleicht von Gott nicht bestimmt sei, sich fortzupflanzen; denn er
hatte sich von jeher im Vergleich mit seinem bewunderten Vater als
einen schwachen, unwerten Spro gefhlt; oder er dachte, da es der
Kurfrstin an der rechten Liebe zu ihm fehle, und da diese
Ungeneigtheit der Seele auch ihren Leib gegen ihn verschliee, so da
sie kein Kind von ihm empfangen knne. Diese traurige Einbildung hatte
er einmal, einer wehmtigen Stimmung nachgebend, ihr gegenber laut
werden lassen, da sie ihn aber ausgelacht und ihn einen Phantasten
genannt hatte, kam er nie wieder darauf zurck; im stillen hatte er
gehofft, sie werde ihm eine liebevollere Antwort daraus geben.

Die Zurckhaltung ihres Gemahls veranlate Henriette Adelaide nicht,
auf ihren Einfall zu verzichten; vielmehr schrieb sie ihrer Mutter,
der Herzogin von Savoyen, sie mge ihr ohne Sumen einen erfahrenen
Baumeister schicken, der die jngsten Meisterwerke der Kirchenbaukunst
namentlich in Rom durch und durch studiert habe und willens und fhig
sei, seinen Geist auf eine auerordentliche Erfindung dieser Art zu
richten. Kaum war derselbe eingetroffen, so mute er den Platz, den
sie ausgewhlt hatte, besichtigen und die Zeichnungen und Risse
vorlegen, mit deren Besichtigung sie manche Stunde in ihren Gemchern
verbrachte, was alles den Personen, die einige Wachsamkeit auf das
ffentliche Leben richteten, nicht verborgen blieb. Es whrte nicht
lange, so stellte sich Pater Gumppenberg von neuem ein mit
kummervoller Anfrage, ob es denn an dem sei, da dem seligen Cajetan
nunmehr nicht nur ein Altar, sondern ein ganzer Kirchenbau errichtet
werden solle, und zwar dem Schlosse preislich gegenber, gerade als ob
ein sonderbares Einvernehmen zwischen dem Kurfrsten und dem
landsfremden Neuling bestehe? Was fr Ursache denn der Kurfrst habe,
mit den bewhrten Schutzheiligen des Bayerlandes, die bisher alles so
wohl gefhrt htten, unzufrieden zu sein oder ihnen einen hohlen Namen
von jenseits der Berge vorzuziehen?

In dem Bestreben, die Verlegenheit, die ihn berkam, nicht merken zu
lassen, winkte Ferdinand Maria beruhigend mit der Hand und sagte mit
nachdrcklicher Unbefangenheit, da sei kein Anla zu Mitrauen und
Empfindlichkeit! Die Sache sei so: Er habe dem heiligen Cajetan
gelobt, wenn ihm durch seine Frbitte ein Erbe geschenkt werde, so
wolle er ihm unweit seiner Residenz eine Kirche aufrichten, so schn
er irgend vermge, und damit er, wenn es so weit sei, sein Wort lsen
knne, habe er einstweilen die rtlichkeit besichtigen und einen
Voranschlag machen lassen, so da der Bau ohne Zeitverlust knne in
Angriff genommen werden, wenn der Erbe da sei.

Bei sich selbst lachte der Kurfrst ber die stattliche Antwort, die
ihm in der Not eingefallen war, und die den strengen Pater
augenscheinlich verblffte und verstummen machte; allein er erholte
sich geschwind und lie nun eine verdoppelte Mibilligung und
strafenden Eifer ohne Hehl merken. Es habe zwar, sagte er, gewi dem
Kurfrsten Gott eingegeben, da er durch ein frommes, christkatholisches
Gelbde sich den Segen der Nachkommenschaft erflehen wolle; wie er es
aber verantworten wolle, von den bungen seiner lblichen Vorfahren
eigenmtig abzuweichen? Auch seine hochselige Mutter, die gottergebene
Kurfrstin Maria Anna, habe bei dem ehrwrdigen Alter ihres Gemahls um
die Fruchtbarkeit ihrer Ehe besorgt sein mssen; sie habe aber ihre
Zuflucht nicht zu auslndischen Meerwundern genommen, sondern sei in
Demut und Sitte nach Alt-tting gepilgert und habe der hlzernen Maria
in der alten Kapelle viele auserlesene Kostbarkeiten gestiftet, worauf
sie denn zum Troste des ganzen Bayerlandes schwanger geworden sei und
ihn selbst, Ferdinand Maria, geboren habe. Wenn seine Gemahlin dem
Beispiel seiner erlauchten Mutter folgen wollte, so wrden die erprobten
Heiligen und Frbitter an ihr gewi kein geringeres Wunder als an jener
vollziehen, und die bekmmerten Untertanen wrden, der Sorge entledigt,
wieder ruhig in ihren Betten schlafen knnen. Wenn dann die erwartete
Gnade nicht eintrfe, mchte die Kurfrstin es immerhin mit ihren
einheimischen Patronen versuchen, er wrde der erste sein, seine Gebete
zum Gedeihen des Werkes mit denen der geliebten Herrschaft zu
vereinigen.

Das Heranziehen seiner in Gott ruhenden Eltern bewegte das Gemt des
Kurfrsten so sehr, da er fr den Vorschlag des Pater Gumppenberg
vllig gewonnen wurde und erst, als dieser fortgegangen war, mit
leisem Bangen den Widerstand seiner Frau in Betracht zog. Freilich zog
sie die feinen schwarzen Brauen rgerlich zusammen, aber mehr
deswegen, weil das Unternehmen nicht von ihr oder ihrem Beichtvater
ausgegangen war, als weil sie ihre Pflicht verkannt htte, dem Lande
einen Kurprinzen zu geben und alles Erdenkliche zu tun, um das hohe
Ziel zu erreichen. Auch htte ihr eine schne Wallfahrt, etwa nach
Loreto, als das rechte Mittel voll eingeleuchtet; aber da ein
armseliger burischer Ort wie Alt-tting fr eine Person ihrer Art das
Angemessene sei, hielt sie nicht fr wahrscheinlich und lehnte dies
mit Entschiedenheit ab, ohne jedoch die Sache selbst von der Hand zu
weisen. Schlielich erklrte sie sich bereit, nach Andechs zu
pilgern, welches zwar bei weitem wilder und wster gelegen war als
Alt-tting, fr sie aber den Vorzug hatte, da es ihr nicht von den
Kapuzinern aufgedrngt, sondern aus freien Stcken von ihr erwhlt
war. Ebenso widersetzte sie sich allen anderen Anordnungen, die Pater
Gumppenberg zu vorschriftsmiger Veranstaltung der Reise fr ntig
hielt. Er sagte nmlich, den letzten, beschwerlichen Aufstieg zum
heiligen Berg, welcher etwa eine Stunde dauerte, msse die Beterin
allein, ohne ihr Frauenzimmer oder sonstige Begleiter ausfhren, damit
aber keine Besorgnis ber ihr Wohlergehen in dieser Wildnis aufkommen
knne, wolle er ihr als Wegweiser und Beschtzer einen Bruder seines
Ordens mitgeben; denn einen geistlichen Gesellschafter bei sich zu
haben, sei ihr nicht nur nicht verboten, sondern empfohlen.

Entrstet sagte Henriette Maria, das Umherfahren in dem den
Gebirgslande verspreche ohnehin keine Kurzweil, durch einen Begleiter
aus dem Orden, der ihr nun einmal widerwrtig sei, werde es ihr
vollends unertrglich gemacht, sie wolle ihren Beichtvater, Pater
Filiberto, mitnehmen, an den sie gewhnt sei, und zu dem sie Vertrauen
habe. Gegen diesen wendete der Kurfrst ein, da er Land und Leute
nicht kenne und nicht einmal der deutschen Sprache mchtig sei; sie
solle sich doch den Bruder, den Pater Gumppenberg fr sie ausgelesen
habe, wenigstens einmal ansehen, es werde gewi ein bescheidener,
verstndiger Mann sein, der ihr nicht lstig fallen werde.

Die Kurfrstin erstaunte nicht wenig, als sich ihr bald darauf ein
schner Jngling vorstellte mit einem Kranz blulich-schwarzer Haare
um die breite, kindliche Stirn, mit Augen, deren dunkelbraune Farbe
eine starke Flamme zu verhllen schien, mit gerader Nase und schnem,
groem Munde, der selten lchelte, dann aber unversehens eine volle
Perlenreihe gelblich-weier Zhne sehen lie. Auf ihre Fragen teilte
er mit, da er aus dem sdlichen Tirol stamme und der jngste Sohn
adeliger Eltern sei, die ihn fr das Klosterleben bestimmt htten.
Sein Benehmen war, wenn auch nicht hfisch, so doch voll sicherer
Wrde, die auf gutem Blute und unantastbarer Unschuld zu beruhen
schien. Er war in Blicken und Worten bei aller Ehrerbietung so
zurckhaltend, da Henriette Adelaide kaum wute, wie sie ihn
ermuntern sollte; denn sie fhlte, da sein kindlich strenger Sinn
weder ihrem weiblichen Reiz noch ihrer frstlichen Hoheit zugnglich
war, und frchtete ebensosehr seine Reinheit zu verwirren, wie sie
wnschte, in seiner Seele irgendeinen Widerhall zu erregen. Ihrem
Gemahl sagte sie in guter Laune, da sie nicht geglaubt htte, in
einer Kapuzinerkutte knne sich ein so hbscher, wohlerzogener
Jngling verstecken; sie habe nichts an ihm auszusetzen, als da er
allzu schweigsam sei, vielleicht indessen sei das Frulein La Perouse,
ihr erstes Kammerfrulein, das sie nebst mehreren anderen mitzunehmen
beabsichtige, fromm genug, um von ihm eines Gesprches wert gehalten
zu werden. Der Kurfrst war hocherfreut, da sich das Unternehmen so
friedlich und aussichtsvoll ordnete; doch lie er die Gesellschaft
nicht abreisen, ohne ihr einen Teil seiner Leibgarde zum Schutze
beigeordnet zu haben unter der Fhrung ihres Kapitns, des Chevaliers
La Perouse, der der genannten Hofdame Bruder war.

Das Geschwisterpaar entstammte einer uralten, franzsischen, in
Savoyen ansssigen Familie, beide waren um mehrere Jahre lter als
Henriette Maria und seit sie denken konnten am Turiner Hofe
beschftigt und beliebt. Beide waren in groer Frmmigkeit erzogen,
was bei dem Frulein so gewirkt hatte, da sie trotz angeborener
Lebhaftigkeit sich jede Lustbarkeit versagte und auch die
schuldloseste Ausgelassenheit, zu der Jugend und Gelegenheit sie
einmal fortrissen, durch anhaltende Bubungen wieder einzubringen
suchte, bis sie zuletzt ein gedrcktes, leicht gengstetes Wesen
erhielt, aus dem die Wrme ihrer Natur zuweilen rhrend hervorbrach.
Ihr Bruder hatte im militrischen Dienst und bei den Gepflogenheiten
des mnnlichen Lebens die klsterliche Strenge aus dem Kinderdasein
beiseitegesetzt und vergessen, nur da er die erlernten Formen
getreulich beobachtete und das ganze Glaubenswesen bei den Frauen
seiner Familie und denen des achtbaren Umgangs berhaupt als
vornehmstes Erfordernis voraussetzte. Die Kurfrstin war nach seinem
Gefhl unter allen Frauen die in jedem Betracht vollendetste, und
seine Verehrung fr sie war so unbedingt, da selbst der Kurfrst vor
seinem rchenden Schwert nicht sicher gewesen wre, wenn er sie durch
ihn verletzt gewut htte.

Der Weisung gem, die er vom Kurfrsten empfangen hatte, hielt sich
der Chevalier mit seinen Leuten immer ein Stck von dem Wagen
entfernt, der seine Herrin einschlo, doch so, da er das umfangreiche
Gefhrt nie ganz aus den Augen verlor. Zuweilen sah er, wie der
Sommerwind, der ber die Hochebene spielte, einen lichten, aus dem
Wagenfenster hngenden Schleier hob und gegen den braunen Umhang des
Kapuziners trieb, der zu Pferde neben der Kutsche einherritt, oder ein
helles Lachen der Frstin berzeugte ihn, da sie einstweilen mit dem
Verlauf ihrer Wallfahrt nicht unzufrieden war. In Herrsching, wo im
grten Bauernhofe bernachtet wurde, lud Henriette sowohl den
Chevalier wie den Mnch ein, die Abendmahlzeit in ihrer und ihrer
Frulein Gesellschaft einzunehmen; es wurde dazu eine Tafel vor dem
Hause gedeckt, von wo man das allgemach untertauchende Sonnenfeuer
rtliche Farben ber den dmmernden See ergieen und das Leuchten der
fernen Alpen langsam in den Abend versinken sah. Der lndliche Tisch
war mit dem in einem Wagen mitgefhrten frstlichen Silbergeschirr und
Leckereien beladen, feingebackenem Brot, Obst, Wein und Sigkeiten;
einzig die gebackenen Fische, den edeln Amaul, den Kilch und die
geschtzte Bodenrenke, lieferte der Wirt als Erzeugnisse seines
Landes. Das appetitliche Essen wrzte die Kurfrstin durch die
frhliche Laune, mit der sie ihrem alten Freund und Diener La Perouse
wiedererzhlte, was der Mnch ihr unterwegs von den Wundern des
Heiligen Berges erzhlt hatte: wie, whrend zwischen den Andechsern
und den Wittelsbachern eine Fehde wtete, die Mnche alle Reliquien so
gut und tief verscharrten, da sie in der Folge nicht wiedergefunden
werden konnten, bis nach vielen Jahren, als gerade ein Franziskaner
die Messe feierte, eine Maus ber den Altar sprang, zwischen den
Zhnen einen Pergamentstreifen tragend, auf welchem nicht nur
smtliche Reliquien, die diesen Wallfahrtsort einst berhmt gemacht
hatten, sondern auch der Ort ihres Verstecks verzeichnet waren.

Jetzt erst bemerkte der Chevalier, was fr ein schner Jngling der
Mnch war, den er bisher nur flchtig in Augenschein genommen hatte,
und auch mit wieviel zarter und bescheidener Frsorge die Kurfrstin
ihn behandelte. Dies war nun freilich nicht merkwrdig, insofern der
junge Mann eine geistliche Person war, allein bei seiner Schnheit
fiel es schwer, sich dessen bewut zu bleiben, und der Chevalier
ertappte sich immer wieder darauf, da er sich hinter dem unbekannten
und unberhmten Jngling zurckgesetzt fhlte. An ihm war indessen
kein Fehler irgendwelcher Art zu entdecken: er a mig, trank nichts
als Wasser und blickte mit unbefangenem Ernst auf seinen Teller, wenn
er nicht der Kurfrstin auf eine Anrede Auskunft zu geben hatte.

Den letzten Teil des Weges, der sich zwischen Tannen an einem
wildabrauschenden Bache steil hinaufwand, wollte die Kurfrstin mit
ihrem geistlichen Begleiter zu Fu zurcklegen; da jedoch die
Frauenzimmer dringend baten, den Heiligen Berg gleichfalls besteigen
zu drfen, und der Chevalier sich in ritterlicher Ehrerbietung
weigerte, die ihm Anvertraute ganz ohne Schutz der Waffen zu lassen,
gab sie allen die Erlaubnis, ihr in einiger Entfernung nachzugehen,
und schritt tapfer voraus, ohne sich um ihr Gefolge zu bekmmern. Der
Chevalier bekam sie erst am spten Nachmittage wieder zu Gesicht, als
sie alle die vorgeschriebenen Gebete und die Verehrung der
berhmtesten Reliquien vollendet hatte und sich zum Abstieg
anschickte. Sie war von der herben Luft und der Anstrengung des
Steigens gertet, und es schien ihm, als blicke sie zerstreut an ihm
vorber, wie es sonst nicht ihre Art war. Obwohl an dem Kapuziner im
Gegensatz zu ihr keine Spur von Erregung wahrzunehmen, die
brunlichblasse Farbe seines edlen Gesichtes unverndert, seine Miene
ebenso kindlich strenge wie zuvor war, so konnte der Chevalier doch
eines feindseligen Verdachtes nicht Herr werden, als habe er ihren
Stolz und ihre berlegenheit durch irgendeine unerlaubte Einwirkung
ins Wanken gebracht. Whrend des Abendessens, das im selben Bauernhofe
von Herrsching verzehrt wurde, neckte die Frstin ihn mehrmals, er
habe solchen Ernst auf die Wallfahrt gestellt, da ihm das Lachen
abhanden gekommen sei und er knftig nur noch zu einem Fhrer auf
Pilgerfahrten taugen werde, und wenn er auch die Scherze sich hflich
und untertnig gefallen lie, schnellte er doch unversehens einen
scharfen, zrnenden Blick auf sie, der sie befremdete und leise in
sich erschauern machte. Sie erhob sich zeitiger als am vergangenen
Tage von der Tafel, indem sie sagte, in dieser unwirtlichen Gegend sei
der Abend feucht und frostig, sie wolle mit ihren Frauen das Lager
aufsuchen, die Mnner mchten es halten, wie sie wollten.

So kam es, da der Chevalier mit dem Kapuziner alleinblieb, der sein
Brevier aus einer Tasche seiner Kutte zog und, die langbewimperten
Lider ber die umflorte Flamme seiner Augen senkend, still fr sich zu
lesen anhub. Bei diesem Anblick schwoll der schlecht bemeisterte
Unwille des La Perouse so an, als sollte er ihm die Brust zersprengen;
wider sein Gewissen, das ihn zurckhalten wollte, machte er seine
Stimme stark und sagte unvermittelt zu dem Lesenden: Ihr habt da
einen kurzweiligen Auftrag von Euerem Kloster empfangen! Es mu eine
Wonne fr einen jungen Mann sein, mit einer schnen Dame wie die
Kurfrstin durch die Wildnis zu lustwandeln. Der Angeredete hob seine
Augen ruhig von dem Brevier auf und sagte: Die Kurfrstin wrde
schner sein, wenn sie glcklicher, und glcklicher, wenn sie
gehorsamer wre.

Die unerwartete Antwort versetzte den Chevalier in ein so groes
Erstaunen, da er eine Weile still und steif auf seinem Sitze blieb
und erst, als der Kapuziner sich schon wieder zum Lesen anschickte,
gedmpfter als zuvor fragte, wie diese Worte zu verstehen seien: Was
einer so hochgestellten Dame zum Glck fehle, und wer von ihr Gehorsam
verlangen knne?

Der junge Mnch richtete die Augen seinerseits verwundert auf den
Kapitn und sagte: Wre sie glcklich, htte sie die Wallfahrt nicht
zu machen brauchen, und wenn sie Gott widerstrebt, dem auch die Kaiser
und Knige unterworfen sind, wird ihr auch dieser Bittgang nicht
anschlagen; denn Gott vollbringt zwar Wunder, aber nicht wider die
Natur, und wird sie kein Kind gebren lassen, ohne da sie es zuvor
empfangen habe. Wenn nun Gottes Ratschlu nicht ihren Gemahl, sondern
einen anderen dazu auserwhlt hat, so sollte sie nach dem Vorbild der
allerseligsten Jungfrau Maria sich dem Herrn unterwerfen, wohingegen
sie sich strrisch erweist und durch keinen als den Kurfrsten Mutter
werden will. Dunkelrot vor Zorn sprang der Chevalier auf und rief
drohend: Ihr hingegen wrdet gehorsam sein und Euch nicht weigern,
wenn Gott Euch zu diesem Werk auserwhlt haben sollte?

Jetzt errtete auch das Marmorgesicht des Jnglings ein wenig, und er
sagte mit stolzer Gebrde abweisend: Mich, einen Gottgelobten, kann
Gott dazu nicht befehlen. Ich habe der Frstin die Meinung der Kirche
erklrt; eine andere Pflicht hat die Welt nicht von mir zu fordern.
Diene ich auch, soweit ich frei bin, Reichen und Armen mit meinem
Leben, so seid ihr alle doch, soweit ich Gottes bin, meiner nicht
mchtig.

Dem Kapitn war so zumute, als wenn die Ordnung der Dinge, so wie sie
bis jetzt in seinem Kopfe gewesen war, sich durcheinanderzudrehen
begnne. Er htte glauben mgen, da der Kapuziner ein Einfltiger
sei, aber wenn auch aus seinem schnen Gesichte nicht gerade
berflssiger Verstand sprach, so glnzte doch in diesem Augenblick
eine edle Entrstung darauf, der gegenber er sich seines unsittlichen
Argwohns schmte. Verzeiht mir, sagte er, ihm gutmtig die Hand
reichend; Ihr habt mit unserem Treiben nichts zu schaffen und seid
wohl deshalb um so glcklicher. Erlaubt mir aber, da ich Euch um eine
Erklrung bitte: Wenn die Ehe ein Sakrament ist, wie kann die Kirche
den Ehebruch anraten oder billigen? Wir sind Katholiken, nicht aber
Ketzer oder Heiden!

Den instndigen Blick des Chevalier freimtig erwidernd, sagte der
Bruder, hier handle es sich eben um keinen Ehebruch, insofern als
Gott, um dem kurfrstlichen Hause Erben zu schenken, was sonst Snde
sei, in Recht umwandle. Wie dies mglich sei, das sei fr Menschen
unfabar und knne auch von der Kirche nur ausgelegt, nicht in seinem
Wesen erklrt werden.

Woran man denn aber erkennen knne, fragte der Chevalier lebhaft, wer
der Gottgesandte sei? Knne sich nicht ein jeder fr den Auserwhlten
halten und der Kurfrstin mit strafbaren Gelsten nachstellen? Wo
strafbares Gelsten ist, sagte der Mnch ernst, da ist die Hand
Gottes nicht. Wen der Geist treibt, den verwirren keine Zweifel.
Nachdem er das gesagt hatte, beugte er sich mit einer nachdrcklichen
Wendung ber sein Brevier, als wolle er zu verstehen geben, da er die
Auseinandersetzung hiermit fr beendet halte.

Die Nacht brachte der Chevalier ohne Schlaf zu und sah am folgenden
Morgen bleich und hohlwangig aus, was an dem blhenden Manne etwas so
Aufflliges war, da die Kurfrstin wieder Gelegenheit nahm, ihn zu
necken, whrend die Frhsuppe eingenommen wurde. Wieder empfing sie
neben der in angemessener Untertnigkeit gegebenen Erwiderung den
stolzen Blick, der sie seltsam durchschauerte, obwohl sie sich
anstellte, als habe sie ihn gar nicht aufgefangen. Bei der Rckfahrt
fhrte er seine Leibwache in einiger Entfernung der Kutsche nach und
sah den Kapuziner zu Pferde, wie er den Kopf in sein Brevier neigte
und ihn nur zuweilen wendete, um einer Anrede der Kurfrstin zu
entsprechen; ihr Lachen indessen hrte er nicht so hell und hufig wie
auf dem Hinwege, was der Ermdung zuzuschreiben sein mochte.

Als man wieder in der Residenz angelangt war, wurde der Kapuziner von
dem kurfrstlichen Paare liebreich und ehrerbietig entlassen, war aber
nicht zur Annahme eines anderen Geschenkes zu bewegen als einer dem
Kloster zu berweisenden Stiftung, die den Armen zugutekommen sollte.
Er sprach zugleich mit seinem Dank den Wunsch aus, Gott mge die
Wallfahrt der hohen Frau an ihrem Leibe segnen, wobei sie ein wenig
errtete, whrend der anmutige Ernst seiner Miene sich nicht um einen
Hauch vernderte.

Auch Pater Gumppenberg und Pater Wildgruber forschten vergeblich,
whrend sie den Bericht ihres jungen Abgesandten entgegennahmen, nach
der Spur eines Eindrucks, den die merkwrdige Reise ihm hinterlassen
habe. Ich frchte, wir haben kein Glck mit dem jesuitischen
Systema, sagte Pater Gumppenberg nachdenklich: ein biderbes,
altdeutsches Gemt tut nicht wohl, sich mit den spanischen Kniffen
abzugeben.

Eben darum, sagte Pater Wildgruber, hatten wir doch den Tiroler
Buben ausgelesen! Mit diesem mu es einen Haken haben, und wenn mich
nicht alles trgt, sitzt derselbe in seinem Verstande, sei es nun, da
er zu dumm oder nicht dumm genug fr eine so heikelige Konstellation
ist.

Whrend die Vter sorgenvoll den Erfolg der Wallfahrt erwarteten,
hatte der Chevalier La Perouse scharfe Schlachten in seiner Brust
geschlagen; denn die Leidenschaft fr die Kurfrstin, die ihn
ergriffen hatte, nahm tglich zu und war um so schwieriger zu
bekmpfen, als sein Amt ihn in ihrer Nhe hielt. Es entging ihm nicht,
da das Feuer, das in ihm wtete, auch sie erfate und ihre Wrde und
ihren Hochmut schmolz, so da sie auf Augenblicke wie erweichtes Wachs
erschien, das durch seine Hand geformt werden sollte. Freilich war sie
wiederum herb und launisch, wie sie es nie zuvor gegen ihn gewesen
war, und legte es darauf ab, ihn durch nichtachtende Behandlung zu
reizen. Eines Abends, als sie ihn, der bestellt war, eine Partie
Tricktrack mit ihr zu spielen, ungebhrlich lange im Vorzimmer hatte
warten lassen, weil sie mit ihrem Musikmeister den Entwurf zu einer
Oper durchgenommen habe, und er, ohnehin von Leidenschaft erregt und
glhend, sich ber die Vernachlssigung beklagte, sagte sie: Bei der
Arbeit verga ich, da ich mit Euch spielen wollte, und betonte die
Worte so, da er den herabsetzenden Sinn wohl verstand, den sie
hineinlegen wollte. Seine Stirn frbte sich dunkelrot, und indem er
rasch auf sie zutrat, herrschte er sie drohend an: Aber ich verga
nicht, da ich Euch besiegen wollte!, ri sie an sich und kte sie
so gewaltsam, als ob er sie zermalmen wollte. Mit erlschendem und
todesseligem Herzen ertrug sie die liebkosende Mihandlung und war
ihrer sich kaum noch bewut geworden, als er sie freigab, vor ihr
niederkniete und sagte: Nun lege ich mein Haupt vor Eure Fe. Die
Brust noch ungestm wogend, das Antlitz bleich, erschien er ihr
herrlicher als je zuvor; Trnen brachen aus ihren Augen, und mit
bebender Stimme sagte sie: Ich bin die Schuldige!, worauf sie
schnellen Schrittes das Zimmer verlie.

Unter bitteren Schmerzen erkmpfte Henriette Adelaide am nchsten Tage
den Entschlu, den unseligen Mann zu sich zu befehlen und ihn mit
angemessenen Worten in die Stellung zurckzuweisen, die ihrer und
seiner Wrde und Ehre entsprchen; jedoch, sowie sie ihn eintreten
sah, mit dem sieghaften Blick in den groen Augen, mit den Hnden,
die, fein und gepflegt, sie doch grausam angefat und ihr Schmerz
zugefgt hatten, erlahmte ihre mhsam gesammelte Kraft sogleich, und
anstatt einer Herrin stand sie ihm, einer Sklavin nicht ungleich,
gegenber. Ein solches Gefhl hatte sie noch niemals vorher empfunden,
und es war ein Rausch fr sie, sich ihm hinzugeben, in welchem
Zustande es ihr erschien, als sei sie jetzt in den Mittelpunkt des
Lebens gerissen worden. War er nicht bei ihr, so fhlte sie sich zwar
gengstigt und geqult; allein sie brauchte sich nur die Empfindung zu
vergegenwrtigen, mit der sie die Wange an seine Schulter schmiegte,
um ber jeden Zwiespalt hoch emporgehoben zu werden.

Voll Sorge und Schrecken bemerkte das Frulein La Perouse, was
vorging; ihr Bruder, an den sie sich mit flehenden und drohenden
Vorstellungen wendete, verwies ihr die Einmischung, und der Kurfrstin
gegenber wagte sie keine Andeutung zu machen. Sie wute in ihrer Not
kein anderes Hilfsmittel, als in der Kirche oder in ihrem Schlafgemach
vor dem Betpult zu weinen und zu beten, und durch ihre Anwesenheit, zu
der ihr Amt als Kammerfrulein ihr Anla gab, den beiden Frevlern das
Alleinsein zu erschweren. Das verweinte Gesicht ihrer Gesellschafterin
trug dazu bei, die Kurfrstin trbe zu stimmen, wenn sie von dem
Gegenstand ihrer Leidenschaft entfernt war. Vor allem aber ergriff sie
der Anblick ihres Gemahls, so da ihr zuweilen, wenn sie bei den
Mahlzeiten ihm gegenbersa, Trnen in die Augen traten, ohne da sie
einen Grund dafr angeben konnte. Eine solche Reizbarkeit war ihr
frher nicht eigen gewesen, da im Gegenteil der Strahlenglanz ihres
Blickes noch selten durch Weinen verwischt worden war, und der
Kurfrst besorgte ernstlich, ihre Gesundheit knne etwa bei der
Wallfahrt Schaden gelitten haben. berhaupt, dachte er, htte er sie
nicht dazu veranlassen sollen, weil vielleicht der Gedanke fr sie
belastend sei, da sie ihn im Hinblick auf den mangelnden Erben
enttusche.

Eines Tages begab es sich, da der Kurfrst, um seine Gemahlin zu
zerstreuen, sie einlud, ihn in den Grottenhof zu begleiten, wo die
beschdigte Figur einer Nymphe durch italienische Arbeiter
wiederhergestellt wurde. Ein etwa dreijhriges Kind, das zu diesen
gehren mochte, spielte am Rande des Beckens, aus dem die Schale mit
der Statue des Perseus aufsteigt, und bckte sich eben mit ganzem
Leibe so tief ber das Wasser, da der Kurfrst, im Gefhl, es sei in
Gefahr hineinzufallen, es rasch ergriff und auf seinen Arm hob.
Sogleich eilte einer von den Arbeitern erschrocken hinzu,
entschuldigte die Anwesenheit des Kindes und wollte es dem Kurfrsten
abnehmen; der jedoch machte eine beschwichtigende Bewegung mit der
Hand, als bedrfe es der Entschuldigung nicht, und nickte dem Kinde
zu, das ber den pltzlichen Eingriff des fremden Mannes zunchst ein
wenig entrstet zu sein schien. Seine Versuche, mit ihm zu spielen,
lie es sich gefallen, ohne sie gerade zu billigen, und betrachtete
ihn trotzig und aufmerksam untersuchend, wobei es einen mit Rubinen
und Diamanten besetzten Knopf entdeckte, der nebst anderen hnlichen
sein Gewand schmckte. Nachdem es ihn eine Weile miflligen Blickes
angesehen hatte, ergriff es ihn pltzlich mit einer seiner kleinen
schmutzigen Hnde und ri ihn, sich krftig gegen die Brust des
Kurfrsten stemmend, mit entschlossenem Ruck los. Der Kurfrst lachte,
drckte einen Ku auf den kleinen trotzigen Mund des Kindes und sagte:
Behalte diesen, aber die anderen lasse mir! worauf er es
niedersetzte und dem Vater empfahl, es besser zu beaufsichtigen, damit
es nicht in das Wasser falle.

Im Weitergehen schob Henriette Adelaide leise ihren Arm in den ihres
Mannes, und als sie im Mnzhof angekommen waren, der kalt und stillag,
ergriff sie seine Hand, zog sie zrtlich und demtig an ihre Lippen
und sagte: Nur dich habe ich lieb! nur dich, nur dich! mit
anschmiegender Stimme. Nach einem Augenblick der berraschung zog er
sie rasch an sich, kte sie und sah ihr ins Gesicht, wobei er
wahrnahm, da ihre Augen feucht waren, und fhlte, da ihr Herz
unruhig klopfte. Wie sie so standen, kam ihr der Gedanke, da sie dem
schmhlichen Zustande, in dem sie lebte, jetzt ein Ende machen msse,
bevor ihr die Kraft dazu wieder entfiele, und sie sagte, den Arm ihres
Mannes fest umfassend: Ich mchte dir, lieber Freund, den Vorschlag
zu einer Vernderung in meinem Hofstaate machen. Du weit, da mein
Vater mir den Chevalier La Perouse als Oberhofmeister mitgab, da ich
ihn seit meinen Kinderjahren kenne und an seinen Umgang gewhnt bin.
Nun scheint es mir aber, da fr einen Mann seiner Art dies Amt zu
hfisch und weichlich ist, und da er sich nach der rhmlicheren
Laufbahn des Soldaten sehnt, und ich mchte ihn in so berechtigten
Wnschen nicht hindern, vielmehr frdern.

Der Kurfrst sah sie gro an und sagte mit fester Stimme: Es ist mir
vor einiger Zeit einmal aufgefallen, da La Perouse einen Blick auf
dich warf, der einem Funken glich. Hngt dein Gesuch mit der Gefahr
zusammen, die das Umherfliegen zndenden Stoffes mit sich bringt?

Sie erwiderte tapfer, indem sie sich ein wenig aufrichtete und den
Kopf hob: Ja, so ist es, und wollte die Bitte hinzufgen, er mge
den Chevalier nicht ein Gefhl entgelten lassen, das sie sich anklagen
msse, nicht im Keim unterdrckt zu haben. Er jedoch unterbrach sie,
indem er sagte: Was ich nicht gesehen habe, ist nicht. Der Chevalier
hat keine andere Schuld als jenen Blick, den ich zufllig aufgefangen
habe, und diese vergebe ich ihm. In seinem Wesen und seiner Haltung
lag, wie er das sagte, etwas Knigliches, das Henriette Adelaide
schweigen machte; sie lehnte sich still an ihn, worauf er mit
herzlicher Sicherheit einen Ku auf ihre Stirn drckte und ihr, durch
das Antiquarium schreitend, die Herkunft und den Wert verschiedener
Kunstmerkwrdigkeiten erklrte, die dort aufgestellt waren, ohne da
eines von ihnen die schaurige Klte empfunden htte, die bei der
herbstlichen Jahreszeit in dem breiten Gewlbe herrschte.

Seit diesem Tage war der Kurfrst von zuversichtlichem Frohsinn
beseelt, und wenn er ohnehin stets bedacht war, seine Gemahlin zu
erfreuen, so legte er es jetzt vollends darauf ab, den leichten
Schleier von Niedergeschlagenheit von ihr abzulsen, der die stolze
Heiterkeit ihres Wesens seit einiger Zeit verhllte. Zu dem Zweck
ermunterte er ihre frhere Baulust und begann von der Kirche des
heiligen Cajetan zu sprechen, die sie hatte begrnden wollen, was denn
auch nicht verfehlte, ihre Teilnahme zu erregen und ihre
Unternehmungslust anzuschwellen. Bald lag ihr knstlich eingelegter
Tisch aus Lapislazuli und Korallen, dessen Flche ein dunkelblaues,
von scharlachroten Segeln durchflammtes Meer darstellte, voll von den
Plnen rmischer Kirchen und den neuen Entwrfen des italienischen
Baumeisters, die den Sommer ber in Vergessenheit geraten waren, und
es wurde beschlossen, sowie die gnstige Frhlingszeit eintrte, mit
der Arbeit zu beginnen.

Als im Scheine der krftigen Maisonne auf dem der Residenz
gegenberliegenden freien Platze ein frohgemchliches Hantieren von
Arbeitern sich zu entfalten begann und das Volk von der jesuitischen
Kirche munkelte, die dort errichtet werden sollte, schrzte sich Pater
Gumppenberg noch einmal und erschien mit ernstem Vorwurf vor dem
Kurfrsten. Dieser hrte die Klage ohne Verlegenheit, vielmehr fragte
er erstaunt, ob der ehrwrdige Vater sich nicht erinnere, da er
selbst ihm, dem Kurfrsten, geraten habe, es mit dem heiligen Cajetan
zu versuchen, wenn die Wallfahrt nicht fruchten werde? Er habe den
ganzen Sommer und Winter hindurch gehofft und geharrt, nun habe er
betrbt auf den erflehten Segen verzichtet und beschlossen, das
Anliegen seines Hauses dem heiligen Cajetan anheimzustellen, obwohl
derselbe dem Bayerlande fremd und in keiner Weise verbunden sei. In
der Hoffnung, da er sich wunderttig erweise, errichte er ihm einen
wrdigen Altar, damit er und seine Untertanen ihm Dank und Preis
darbringen knnten fr die Hilfe, die er ihnen in der Bedrngnis
erwiesen.

Diese Erklrung schlug zwar den Kampfesmut des Pater Gumppenberg
betrchtlich nieder, doch gab er seine Sache noch nicht vllig auf,
sondern rckte dem Kurfrsten einige Gegengrnde vor: Ob man denn in
Bayern schon so rat- und mittellos sei, da man gleich zum
Entlegensten greifen mte? Wenn die Frau Kurfrstin, wie er empfohlen
htte, nach dem Herkommen zu der hlzernen Maria in Alt-tting
gepilgert wre, mchte alles andere gekommen sein. Ob da nicht der
heilige Franz Xaver, der heilige Michael und vor allen Dingen der
schon vielerwhnte heilige Benno wren? Htte nicht der heilige Benno
sogar den blutdrstigen Schwedenknig im Zaune gehalten, da er, ohne
der Kirche und der Stadt einigen Schaden zu tun, vorbergezogen wre?
Htte nicht die heilige Mutter Gottes mancher Pest Einhalt geboten,
die sonst Land und Leute verzehrt haben wrde? Was aber wrde in
dieser Art von dem sogenannten heiligen Cajetan berichtet? Und wenn er
auch einmal ein Wunder tte, so mte man noch zweifeln, ob es zum
Guten ausschlge.

So weit wolle er sich nicht einlassen, entgegnete der Kurfrst, wisse
auch nicht, wie es zu verstehen sei, da seine Nachkommenschaft, die
Enkel so hochberhmter Ahnen, bel ausschlagen sollten.

Pater Gumppenberg entschuldigte sich, da er so etwas, als des
kurfrstlichen Hauses treuester Knecht und Berater, niemals habe
andeuten wollen. Auch wrde er der erste sein, dem heiligen Cajetan zu
danken, wenn durch seine Frbitte die Kurfrstin gesegnet werden
sollte; nur gebe er zu bedenken, ob der Kurfrst nicht erst die Gnade
erwarten wolle, bevor er den Dank darbringe, wie das jederzeit mit
einem Gelbde gehalten worden sei. Nein, erwiderte der Kurfrst
freundlich, er gedenke nun einmal, den Heiligen durch sein Vertrauen
und seine Dienstwilligkeit zuvor zu ermuntern. Suche doch ein Volk die
Huld eines fremden Monarchen durch Geschenke sich zu verdienen,
anstatt da es die empfangene belohne; und nicht weniger ehrerbietig
wolle er sich Gott und seinen Heiligen gegenber verhalten.

Es war erst ein kleines Krnzlein von Steinen an dem neuen Bau ablegt
worden, als die glorreiche Kunde sich verbreitete, die Kurfrstin sei
guter Hoffnung, und wenn Gott sich ferner gndig erweise, werde die
Not des Landes binnen Jahresfrist ein Ende nehmen. Nun wurde lustig
gebaut, und als zu rechter Zeit ein frstlicher Knabe das heitere
Licht der Stadt Mnchen erblickte, stiegen die Mauern vollends hurtig
empor, ohne da fernerhin jemand ein Mifallen daran laut werden zu
lassen htte wagen drfen. Freilich erst wenige Jahre vor ihrem Tode
konnte Henriette Adelaide die im frhlichen Triumphe thronende Kuppel
vollendet sehen, von der unermelich schwebenden Himmelsrotunde
lchelnd umwlbt.

Nach der Geburt des Kronprinzen blieb die Gesundheit der Frstin
gebrechlich, wiewohl sie in ungetrbtem Eheglck bis an ihr Ende lebte
und noch manches herrliche Lustgebude errichtete und auszierte. Indes
sie glanzvolle Feste voll Musik und schner Symbole anordnete und in
bedeutungsvollen Tnzen selbst ausfhrte, bte das Frulein La Perouse
die Reue und Bue, die nach ihrem Dafrhalten durch die strafbare
Leidenschaft ihres Bruders zu seiner Herrin verpfndet war. Abend fr
Abend las sie stundenlang in Gebetbchern und rollte, auf dem
Betschemel kniend, unermdlich Rosenkrnze ab, wodurch ihr Gesicht
lnger, ihre Wangen hohler, ihre Augen tiefer wurden. Dieser
Gewohnheit frnend, verursachte sie in einer Nacht den Brand des
Schlosses, der nicht wenig Kunst und Pracht zerstrte und dazu noch
das zarte Leben Henriette Adelaides antastete; denn sie vermochte die
Folgen des Schrecks und der Flucht vor den nachjagenden Flammen nicht
zu berwinden und starb nach kurzem Krnkeln, ihren Gemahl nach sich
ziehend, der nur noch auf Erden zu verweilen schien, um ein Denkmal
unsterblicher Trauer ber dem verschwindenden Leibe zu errichten und
sich dann fr die Dauer der Grabesruhe ihm beizugesellen.




Ullstein & Co

Berlin





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Novellen, by Ricarda Huch

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