The Project Gutenberg EBook of Reise in die Aequinoctial-Gegenden des
neuen Continents. Band 3. by Alexander von Humboldt



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Title: Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 3.

Author: Alexander von Humboldt

Release Date: , March 8, 2009 [Ebook #28280]

Language: German

Character set encoding: ISO 8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE IN DIE AEQUINOCTIAL-GEGENDEN DES NEUEN CONTINENTS. BAND 3.***





Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents. Band 3.


by Alexander von Humboldt




Project Gutenberg TEI Edition 01 , (, March 8, 2009)





               In deutscher Bearbeitung von Hermann Hauff.

         Nach der Anordnung und unter Mitwirkung des Verfassers.

   Einzige von A. v. Humboldt anerkannte Ausgabe in deutscher Sprache.

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                                   1859

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                               Dritter Band





INHALT


Achzehntes Kapitel.
Neunzehntes Kapitel.
Zwanzigstes Kapitel.
Einundzwanzigstes Kapitel.
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Liste explizit genannter Werke
Anmerkungen des Korrekturlesers






ACHZEHNTES KAPITEL.


    San Fernando de Apure. -- Verschlingungen und Gabeltheilungen der
           Flsse Apure und Arauca. -- Fahrt auf dem Rio Apure.


Bis in die zweite Hlfte des achtzehnten Jahrhunderts waren die groen
Flsse Apure, Payara, Arauea und Meta in Europa kaum dem Namen nach
bekannt, ja weniger als in den vorhergehenden Jahrhunderten, als der
tapfere Felipe de Urre und die Eroberer von Tocuyo durch die Llanos zogen,
um jenseits des Apure die groe Stadt des Dorado und das reiche Land
Omaguas, das Tombuctu des neuen Continents, aufzusuchen. So khne Zge
waren nur in voller Kriegsrstung auszufhren. Auch wurden die Waffen, die
nur die neuen Ansiedler schtzen sollten, bestndig wider die
unglcklichen Eingeborenen gekehrt. Als diesen Zeiten der Gewaltthtigkeit
und der allgemeinen Noth friedlichere Zeiten folgten, machten sich zwei
mchtige indianische Volksstmme, die Cabres und die Caraiben vom Orinoco,
zu Herren des Landes, welches die Conquistadoren jetzt nicht mehr
verheerten. Von nun an war es nur noch armen Mnchen gestattet, sdlich
von den Steppen den Fu zu setzen. Jenseits des Uritucu begann fr die
spanischen Ansiedler eine neue Welt, und die Nachkommen der
unerschrockenen Krieger, die von Peru bis zu den Ksten von Neu-Grenada
und an den Amazonenstrom alles Land erobert hatten, kannten nicht die
Wege, die von Coro an den Rio Meta fhren. Das Kstenland von Venezuela
blieb isolirt, und mit den langsamen Eroberungen der Missionre von der
Gesellschaft Jesu wollte es nur lngs der Ufer des Orinoco glcken. Diese
Vter waren bereits bis ber die Katarakten von Atures und Maypures
hinausgedrungen, als die andalusischen Kapuziner von der Kste und den
Thlern von Aragua aus kaum die Ebenen von Calabozo erreicht hatten. Aus
den verschiedenen Ordensregeln lt sich ein solcher Contrast nicht wohl
erklren; vielmehr ist der Charakter des Landes ein Hauptmoment, ob die
Missionen raschere oder langsamere Fortschritte machen. Mitten im Lande,
in Gebirgen oder auf Steppen, berall, wo sie nicht am selben Flusse
fortgehen, dringen sie nur langsam vor. Man sollte es kaum glauben, da
die Stadt San Fernando am Apure, die in gerader Linie nur fnfzig Meilen
von dem am frhesten bevlkerten Kstenstrich von Caracas liegt, erst im
Jahre 1789 gegrndet worden ist. Man zeigte uns ein Pergament voll
hbscher Malereien, die Stiftungsurkunde der kleinen Stadt. Dieselbe war
auf Ansuchen der Mnche aus Madrid gekommen, als man noch nichts sah als
ein paar Rohrhtten um ein groes, mitten im Flecken aufgerichtetes Kreuz.
Da die Missionre und die weltlichen obersten Behrden gleiches Interesse
haben, in Europa ihre Bemhungen fr Frderung der Cultur und der
Bevlkerung in den Provinzen ber dem Meer in bertriebenem Lichte
erscheinen zu lassen, so kommt es oft vor, da Stadt- und Dorfnamen lange
vor der wirklichen Grndung in der Liste der neuen *Eroberungen*
aufgefhrt werden. Wir werden an den Ufern des Orinoco und des Cassiquiare
dergleichen Ortschaften nennen, die lngst projektirt waren, aber nie
anderswo standen als auf den in Rom und Madrid gestochenen Missionskarten.

San Fernando, an einem groen schiffbaren Strome, nahe bei der Einmndung
eines andern, der die ganze Provinz Barinas durchzieht, ist fr den Handel
ungemein gnstig gelegen. Alle Produkte dieser Provinz, Hute, Cacao,
Baumwolle, der Indigo von Mijagual, der ausgezeichnet gut ist, gehen ber
diese Stadt nach den Mndungen des Orinoco. In der Regenzeit kommen groe
Fahrzeuge von Angostura nach San Francisco herauf, so wie auf dem Rio
Santo Domingo nach Torunos, dem Hafen der Stadt Barinas. Um diese Zeit
treten die Flsse aus und zwischen dem Apure, dem Capanaparo und Sinaruco
bildet sich dann ein wahres Labyrinth von Verzweigungen, das ber eine
Flche Landes von 400 Quadratmeilen reicht. Hier ist der Punkt, wo der
Orinoco, nicht wegen naher Berge, sondern durch das Geflle der Gegenhnge
seinen Lauf ndert und sofort, statt wie bisher die Richtung eines
Meridians zu verfolgen, ostwrts fliet. Betrachtet man die Erdoberflche
als einen vielseitigen Krper mit verschieden geneigten Flchen, so
springt schon bei einem Blick auf die Karten in die Augen, da zwischen
San Fernando am Apure, Caycara und der Mndung des Meta drei Gehnge, die
gegen Nord, West und Sd ansteigen, sich durchschneiden, wodurch eine
bedeutende Bodensenkung entstehen mute. In diesem Becken steht in der
Regenzeit das Wasser 12--14 Fu hoch auf den Grasfluren, so da sie einem
mchtigen See gleichen. Die Drfer und Hfe, die gleichsam auf Untiefen
dieses Sees liegen, stehen kaum 2--3 Fu ber dem Wasser. Alles erinnert
hier an die Ueberschwemmung in Untergypten und an die Laguna de Xarayes,
die frher bei den Geographen so vielberufen war, obgleich sie nur ein
paar Monate im Jahr besteht. Das Austreten der Flsse Apure, Meta und
Orinoco ist ebenso an eine bestimmte Zeit gebunden. In der Regenzeit gehen
die Pferde, welche in der Savane wild leben, zu Hunderten zu Grunde, weil
sie die Plateaus oder die gewlbten Erhhungen in den Llanos nicht
erreichen konnten. Man sieht die Stuten, hinter ihnen ihre Fllen, einen
Theil des Tags herumschwimmen und die Grser abweiden, die nur mit den
Spitzen ber das Wasser reichen. Sie werden dabei von Krokodilen
angefallen, und man sieht nicht selten Pferde, die an den Schenkeln Spuren
von den Zhnen dieser fleischfressenden Reptilien aufzuweisen haben. Die
Aase von Pferden, Maulthieren und Khen ziehen zahllose Geier herbei. Die
*Zamuros* [_Vultur aura_] sind die Ibis oder vielmehr Percnopterus des
Landes. Sie haben ganz den Habitus des _'Huhns der Pharaonen'_ und leisten
den Bewohnern der Llanos dieselben Dienste, wie der _Vultur Percnopterus_
den Egyptern.

Ueberdenkt man die Wirkungen dieser Ueberschwemmungen, so kann man nicht
umhin, dabei zu verweilen, wie wunderbar biegsam die Organisation der
Thiere ist, die der Mensch seiner Herrschaft unterworfen hat. In Grnland
frit der Hund die Abflle beim Fischfang, und gibt es keine Fische, so
nhrt er sich von Seegras. Der Esel und das Pferd, die aus den kalten,
drren Ebenen Hochasiens stammen, begleiten den Menschen in die neue Welt,
treten hier in den wilden Zustand zurck und fristen im heien tropischen
Klima ihr Leben unter Unruhe und Beschwerden. Jetzt von bermiger Drre
und darauf von bermiger Nsse geplagt, suchen sie bald, um ihren Durst
zu lschen, eine Lache auf dem kahlen, staubigten Boden, bald flchten sie
sich vor den Wassern der austretenden Flsse, vor einem Feinde, der sie
von allen Seiten umzingelt. Den Tag ber werden Pferde, Maulthiere und
Rinder von Bremsen und Moskitos gepeinigt, und bei Nacht von ungeheuren
Fledermusen angefallen, die sich in ihren Rcken einkrallen und ihnen
desto schlimmere Wunden beibringen, da alsbald Milben und andere bsartige
Insekten in Menge hineinkommen. Zur Zeit der groen Drre benagen die
Maulthiere sogar den ganz mit Stacheln besetzten Melocactus,(1) um zum
erfrischenden Saft und so gleichsam zu einer vegetabilischen Wasserquelle
zu gelangen. Whrend der groen Ueberschwemmungen leben dieselben Thiere
wahrhaft amphibisch, in Gesellschaft von Krokodilen, Wasserschlangen und
Seekhen. Und dennoch erhlt sich, nach den unabnderlichen Gesetzen der
Natur, ihre Stammart im Kampf mit den Elementen, mitten unter zahllosen
Plagen und Gefahren. Fllt das Wasser wieder, kehren die Flsse in ihre
Betten zurck, so berzieht sich die Savane mit zartem, angenehm duftendem
Gras, und im Herzen des heien Landstrichs scheinen die Thiere des alten
Europas und Hochasiens in ihr Heimathland versetzt zu seyn und sich des
neuen Frhlingsgrns zu freuen.

Whrend des hohen Wasserstandes gehen die Bewohner dieser Lnder, um die
starke Strmung und die gefhrlichen Baumstmme, die sie treibt, zu
vermeiden, in ihren Canoes nicht in den Flubetten hinauf, sondern fahren
ber die Grasfluren. Will man von San Fernando nach den Drfern San Juan
de Payara, San Raphael de Atamaica oder San Francisco de Capanaparo,
wendet man sich gerade nach Sd, als fhre man auf einem einzigen 20
Meilen breiten Strome. Die Flsse Guarico, Apure, Cabullare und Arauca
bilden da, wo sie sich in den Orinoco ergieen, 160 Meilen von der Kste
von Guyana, eine Art *Binnendelta*, dergleichen die Hydrographie in der
alten Welt wenige aufzuweisen hat. Nach der Hhe des Quecksilbers im
Barometer hat der Apure von San Fernando bis zur See nur ein Geflle von
34 Toisen. Dieser Fall ist so unbedeutend als der von der Einmndung des
Osageflusses und des Missouri in den Mississippi bis zur Barre desselben.
Die Savanen in Nieder-Louisiana erinnern berhaupt in allen Stcken an die
Savanen am untern Orinoco.

Wir hielten uns drei Tage in der kleinen Stadt San Francisco auf. Wir
wohnten beim Missionr, einem sehr wohlhabenden Kapuziner. Wir waren vom
Bischof von Caracas an ihn empfohlen und er bewies uns die grte
Aufmerksamkeit und Geflligkeit. Man hatte Uferbauten unternommen, damit
der Flu den Boden, auf dem die Stadt liegt, nicht unterwhlen knnte, und
er zog mich dehalb zu Rath. Durch den Einflu der Portuguesa in den Apure
wird dieser nach Sdost gedrngt, und statt dem Flu freieren Lauf zu
verschaffen, hatte man Dmme und Deiche gebaut, um ihn einzuengen. Es war
leicht vorauszusagen, da, wenn die Flsse stark austraten, diese Wehren
um so schneller weggeschwemmt werden muten, da man das Erdreich zu den
Wasserbauten hinter dem Damme genommen und so das Ufer geschwcht hatte.

San Fernando ist berchtigt wegen der unmigen Hitze, die hier den
grten Theil des Jahres herrscht, und bevor ich von unserer langen Fahrt
auf den Strmen berichte, fhre ich hier einige Beobachtungen an, welche
fr die Meteorologie der Tropenlnder nicht ohne Werth seyn mgen. Wir
begaben uns mit Thermometern aus das mit weiem Sand bedeckte Gestade am
Apure. Um 2 Uhr Nachmittags zeigte der Sand berall, wo er der Sonne
ausgesetzt war, 52,5 [42 R]. In achtzehn Zoll Hhe ber dem Sand stand
der Thermometer auf 42, in sechs Fu Hhe auf 38,7. Die Lufttemperatur
im Schatten eines Ceibabaums war 36,2. Diese Beobachtungen wurden bei
vllig stiller Luft gemacht. Sobald der Wind zu wehen anfing, stieg die
Temperatur der Luft um 3 Grad, und doch befanden wir uns in keinem
_'Sandwind'_. Es waren vielmehr Luftschichten, die mit einem stark
erhitzten Boden in Berhrung gewesen, oder durch welche _'Sandhosen'_
durchgegangen waren. Dieser westliche Strich der Llanos ist der heieste,
weil ihm die Luft zugefhrt wird, welche bereits ber die ganze drre
Steppe weggegangen ist. Denselben Unterschied hat man zwischen den
stlichen und westlichen Strichen der afrikanischen Wsten da bemerkt, wo
die Passate wehen. -- In der Regenzeit nimmt die Hitze in den Llanos
bedeutend zu, besonders im Juli, wenn der Himmel bedeckt ist und die
strahlende Wrme gegen den Erdboden zurckwirft. In dieser Zeit hrt der
Seewind ganz auf, und nach POZO's guten thermometrischen Beobachtungen
steigt der Thermometer im Schatten auf 39--39,5 [31,2--31,6 R], und
zwar noch ber 15 Fu vom Boden. Je nher wir den Flssen Portugueza,
Apure und Apurito kamen, desto khler wurde die Luft, in Folge der
Verdunstung so ansehnlicher Wassermassen. Die ist besonders bei
Sonnenaufgang fhlbar; den Tag ber werfen die mit weiem Sand bedeckten
Fluufer die Sonnenstrahlen auf unertrgliche Weise zurck, mehr als der
gelbbraune Thonboden um Calabozo und Tisnao.

Am 28. Mrz bei Sonnenaufgang befand ich mich am Ufer, um die Breite des
Apure zu messen. Sie betrgt 206 Toisen. Es donnerte von allen Seiten; es
war die das erste Gewitter und der erste Regen der Jahreszeit. Der Flu
schlug beim Ostwind starke Wellen, aber bald wurde die Luft wieder still,
und alsbald fingen groe Cetaceen aus der Familie der Spritzfische, ganz
hnlich den Delphinen unserer Meere, an sich in langen Reihen an der
Wasserflche zu tummeln. Die Krokodile, langsam und trge, schienen die
Nhe dieser lrmenden, in ihren Bewegungen ungestmen Thiere zu scheuen;
wir sahen sie untertauchen, wenn die Spritzfische ihnen nahe kamen. Da
Cetaceen so weit von der Kste vorkommen, ist sehr auffallend. Die Spanier
in den Missionen nennen sie, wie die Seedelphine, *Toninas*; ihr
indianischer Name ist _Orinucua_. Sie sind 3--4 Fu lang und zeigen, wenn
sie den Rcken krmmen und mit dem Schwanz auf die untern Wasserschichten
schlagen, ein Stck des Rckens und der Rckenfloe. Ich konnte keines
Stcks habhaft werden, so oft ich auch Indianer aufforderte, mit Pfeilen
auf sie zu schieen. Pater Gili versichert, die Guamos essen das Fleisch
derselben. Gehren diese Cetaceen den groen Strmen Sdamerikas
eigenthmlich an, wie der Lamantin (die Seekuh), der nach CUVIER's
anatomischen Untersuchungen gleichfalls ein *Swassersugethier* ist,
oder soll man annehmen, da sie aus der See gegen die Strmung so weit
heraufkommen, wie in den asiatischen Flssen der _Delphinapterus Beluga_
zuweilen thut? Was mir letztere Vermuthung unwahrscheinlich macht, ist der
Umstand, da wir im Rio Atabapo, oberhalb der groen Flle des Orinoco,
Toninas angetroffen haben. Sollten sie von der Mndung des Amazonenstroms
her durch die Verbindungen desselben mit dem Rio Negro, Cassiquiare und
Orinoco bis in das Herz von Sdamerika gekommen seyn? Man trifft sie dort
in allen Jahreszeiten an und keine Spur scheint anzudeuten, da sie zu
bestimmten Zeiten wandern wie die Lachse.

Whrend es bereits rings um uns donnerte, zeigten sich am Himmel nur
einzelne Wolken, die langsam, und zwar in entgegengesetzter Richtung dem
Zenith zuzogen. DELUC's Hygrometer stand auf 53, der Thermometer auf
23,7; der Elektrometer mit rauchendem Docht zeigte keine Spur von
Elektricitt. Whrend das Gewitter sich zusammenzog, wurde die Farbe des
Himmels zuerst dunkelblau und dann grau. Die Dunstblschen wurden sichtbar
und der Thermometer stieg um 3 Grad, wie fast immer unter den Tropen bei
bedecktem Himmel, weil dieser die strahlende Wrme des Bodens zurckwirft.
Jetzt go der Regen in Strmen nieder. Wir waren hinlnglich an das Klima
gewhnt, um von einem tropischen Regen keinen Nachtheil frchten zu
drfen; so blieben wir denn am Ufer, um den Gang des Elektrometers genau
zu beobachten. Ich hielt ihn 6 Fu ber dem Boden 20 Minuten lang in der
Hand und sah die Fliedermarkkgelchen meist nur wenige Secunden vor dem
Blitz auseinander gehen, und zwar 4 Linien. Die elektrische Ladung blieb
sich mehrere Minuten lang gleich; wir hatten Zeit, mittelst einer
Siegellackstange die Art der Elektricitt zu untersuchen, und so sah ich
hier, wie spter oft auf dem Rcken der Anden whrend eines Gewitters, da
die Luftelektricitt zuerst Positiv war, dann Null und endlich negativ
wurde. Dieser Wechsel zwischen Positiv und Negativ (zwischen Glas- und
Harzelektricitt) wiederholte sich fters. Indessen zeigte der
Elektrometer ein wenig vor dem Blitz immer nur Null oder positive
Elektricitt, niemals negative. Gegen das Ende des Gewitters wurde der
Westwind sehr heftig. Die Wolken zerstreuten sich und der Thermometer fiel
auf 22, in Folge der Verdunstung am Boden und der freieren Wrmestrahlung
gegen den Himmel.

Ich bin hier nher auf Einzelnes ber elektrische Spannung der Luft
eingegangen, weil die Reisenden sich meist darauf beschrnken, den
Eindruck zu beschreiben, den ein tropisches Gewitter auf einen neu
angekommenen Europer macht. In einem Land, wo das Jahr in zwei groe
Hlften zerfllt, in die trockene und in die nasse Jahreszeit, oder, wie
die Indianer in ihrer ausdrucksvollen Sprache sagen, in *Sonnenzeit* und
in *Regenzeit*, ist es von groem Interesse, den Verlauf der
meteorologischen Erscheinungen beim Uebergang von einer Jahreszeit zur
andern zu verfolgen. Bereits seit dem 18. und 19. Februar hatten wir in
den Thlern von Aragua mit Einbruch der Nacht Wolken aufziehen sehen. Mit
Anfang Mrz wurde die Anhufung sichtbarer Dunstblschen und damit die
Anzeichen von Luftelektricitt von Tag zu Tag strker. Wir sahen gegen Sd
wetterleuchten und der VOLTA'sche Elektrometer zeigte bei Sonnenuntergang
fortwhrend Glaselektricitt. Mit Einbruch der Nacht wichen die
Fliedermarkkgelchen, die sich den Tag ber nicht gerhrt, 3--4 Linien
auseinander, dreimal weiter, als ich in Europa mit demselben Instrument
bei heiterem Wetter in der Regel beobachtet. Vom 26. Mai an schien nun
aber das elektrische Gleichgewicht in der Luft vllig gestrt. Stundenlang
war die Elektricitt Null, wurde dann sehr stark -- 4 bis 5 Linien -- und
bald daraus war sie wieder unmerklich. DELUC's Hygrometer zeigte
fortwhrend groe Trockenheit an, 33--35, und dennoch schien die Luft
nicht mehr dieselbe. Whrend dieses bestndigen Schwankens der
Luftelektricitt fingen die kahlen Bume bereits an frische Bltter zu
treiben, als htten sie ein Vorgefhl vom nahenden Frhling.

Der Witterungswechsel, den wir hier beschrieben, bezieht sich nicht etwa
auf ein einzelnes Jahr. In der Aequinoctialzone folgen alle Erscheinungen
in wunderbarer Einfrmigkeit auf einander, weil die lebendigen Krfte der
Natur sich nach leicht erkennbaren Gesetzen beschrnken und im
Gleichgewicht halten. Im Binnenlande, ostwrts von den Cordilleren von
Merida und Neu-Grenada, in den Llanos von Venezuela und am Rio Meta,
zwischen dem 4. und 10. Breitegrad, aller Orten, wo es vom Mai bis Oktober
bestndig regnet und demnach die Zeit der grten Hitze, die im Juli und
August eintritt, in die Regenzeit fllt, nehmen die atmosphrischen
Erscheinungen folgenden Verlauf.

Unvergleichlich ist die Reinheit der Luft vom December bis in den Februar.
Der Himmel ist bestndig wolkenlos, und zieht je Gewlk auf, so ist das
ein Phnomen, das die ganze Einwohnerschaft beschftigt. Der Wind blst
stark aus Ost und Ost-Nord-Ost. Da er bestndig Luft von der gleichen
Temperatur herfhrt, so knnen die Dnste nicht durch Abkhlung sichtbar
werden. Gegen Ende Februar und zu Anfang Mrz ist das Blau des Himmels
nicht mehr so dunkel, der Hygrometer zeigt allmhlig strkere Feuchtigkeit
an, die Sterne sind zuweilen von einer feinen Dunstschicht umschleiert,
ihr Licht ist nicht mehr planetarisch ruhig, man sieht sie hin und wieder
bis zu 20 Grad ber dem Horizont flimmern. Um diese Zeit wird der Wind
schwcher, unregelmiger, und es tritt fter als zuvor vllige Windstille
ein. In Sd-Sd-Ost ziehen Wolken auf. Sie erscheinen wie ferne Gebirge
mit sehr scharfen Umrissen. Von Zeit zu Zeit lsen sie sich vom Horizont
ab und laufen ber das Himmelsgewlbe mit einer Schnelligkeit, die mit dem
schwachen Wind in den untern Luftschichten auer Verhltni steht. Zu Ende
Mrz wird das sdliche Stck des Himmels von kleinen, leuchtenden
elektrischen Entladungen durchzuckt, phosphorischen Ausleuchtungen, die
immer nur von Einer Dunstmasse auszugehen scheinen. Von nun an dreht sich
der Wind von Zeit zu Zeit und auf mehrere Stunden nach West und Sdwest.
Es ist die ein sicheres Zeichen, da die Regenzeit bevorsteht, die am
Orinoco gegen Ende April eintritt. Der Himmel fngt an sich zu beziehen,
das Blau verschwindet und macht einem gleichfrmigen Grau Platz. Zugleich
nimmt die Luftwrme stetig zu, und nicht lange, so sind nicht mehr Wolken
am Himmel, sondern verdichtete Wasserdnste hllen ihn vollkommen ein.
Lange vor Sonnenaufgang erheben die Brllaffen ihr klgliches Geschrei.
Die Luftelektricitt, die whrend der groen Drre vom December bis Mrz
bei Tag fast bestndig gleich 1,7--2 Linien am VOLTAschen Elektrometer
war, fngt mit dem Mrz an uerst vernderlich zu werden. Ganze Tage lang
ist sie Null, und dann weichen wieder die Fliedermarkkgelchen ein paar
Stunden lang 3--4 Linien auseinander. Die Luftelektricitt, die in der
heien wie in der gemigtenz Zone in der Regel Glaselektricitt ist,
schlgt auf 8--10 Minuten in Harzelektricitt um. Die Regenzeit ist die
Zeit der Gewitter, und doch erscheint als Ergebni meiner zahlreichen,
dreijhrigen Beobachtungen, da gerade in dieser Gewitterzeit die
elektrische Spannung in den tiefen Luftregionen geringer ist. Sind die
Gewitter die Folge dieser ungleichen Ladung der ber einander gelagerten
Luftschichten? Was hindert die Elektricitt in einer Luft, die schon seit
Merz feuchter geworden, auf den Boden herabzukommen? Um diese Zeit scheint
die Elektricitt nicht durch die ganze Luft verbreitet, sondern auf der
uern Hlle, auf der Oberflche der Wolken angehuft zu seyn. Da sich
das elektrische Fluidum an die Oberflche der Wolke zieht, ist, nach
GAY-LUSSAC, eben eine Folge der Wolkenbildung. In den Ebenen steigt das
Gewitter zwei Stunden nach dem Durchgang der Sonne durch den Meridian aus,
also kurze Zeit nach dem Eintritt des tglichen Wrmemaximums unter den
Tropen. Im Binnenlande hrt man bei Nacht oder Morgens uerst selten
donnern; nchtliche Gewitter kommen nur in gewissen Fluthlern vor, die
ein eigenthmliches Klima haben.

Auf welchen Ursachen beruht es nun, da das Gleichgewicht in der
elektrischen Spannung der Luft gestrt wird, da sich die Dnste
fortwhrend zu Wasser verdichten, da der Wind aufhrt, da die Regenzeit
eintritt und so lange anhlt? Ich bezweifle, da die Elektricitt bei
Bildung der Dunstblschen mitwirkt; durch diese Bildung wird vielmehr nur
die elektrische Spannung gesteigert und modificirt. Nrdlich und sdlich
vom Aequator kommen die Gewitter oder die groen Entladungen in der
gemigten und in der quinoctialen Zone um dieselbe Zeit vor. Besteht ein
Moment, das durch das groe Luftmeer aus jener Zone gegen die Tropen her
wirkt? Wie lt sich denken, da in letzterem Himmelsstrich, wo die Sonne
sich immer so hoch ber den Horizont erhebt, der Durchgang des Gestirns
durch das Zenith bedeutenden Einflu auf die Vorgnge in der Luft haben
sollte? Nach meiner Ansicht ist die Ursache, welche unter den Tropen das
Eintreten des Regens bedingt, keine rtliche, und das scheinbar so
verwickelte Problem wrde sich wohl unschwer lsen, wenn wir mit den obern
Luftstrmungen besser bekannt wren. Wir knnen nur beobachten, was in den
untern Luftschichten vorgeht. Ueber 2000 Toisen Meereshhe sind die Anden
fast unbewohnt, und in dieser Hhe uern die Nhe des Bodens und die
Gebirgsmassen, welche die *Untiefen* im Luftocean sind, bedeutenden
Einflu auf die umgebende Luft. Was man auf der Hochebene am Antisana
beobachtet, ist etwas Anderes, als was man wahrnhme, wenn man in
derselben Hhe in einem Luftballon ber den Llanos oder ber der
Meeresflche schwebte.

Wie wir gesehen haben, fllt in der nrdlichen Aequinoctialzone der Anfang
der Regenniederschlge und Gewitter zusammen mit dem Durchgang der Sonne
durch das Zenith des Orts, mit dem Aufhren der See- oder Nordostwinde,
mit dem hufigen Eintreten von Windstillen und _'Bendavales'_, das heit
heftigen Sdost- und Sdwestwinden bei bedecktem Himmel. Vergegenwrtigt
man sich die allgemeinen Gesetze des Gleichgewichts, denen die Gasmassen,
aus denen unsere Atmosphre besteht, gehorchen, so ist, nach meiner
Ansicht, in den Momenten, da der Strom, der vom *gleichnamigen* Pol
herblst, unterbrochen wird, da die Luft in der heien Zone sich nicht
mehr erneuert, und da fortwhrend ein feuchter Strom aufwrts geht,
einfach die Ursache zu suchen, warum jene Erscheinungen zusammenfallen. So
lange nrdlich vom Aequator der Seewind aus Nordost mit voller Kraft
blst, lt er die Luft ber den tropischen Lndern und Meeren sich nicht
mit Wasserdunst sttigen. Die heie, trockene Luft dieser Erdstriche
steigt aufwrts und fliet den Polen zu ab, whrend untere, trockenere und
kltere Luft herbeifhrende Polarstrmungen jeden Augenblick die
aufsteigenden Luftsulen ersetzen. Bei diesem unaufhrlichen Spiel zweier
entgegengesetzten Luftstrmungen kann sich die Feuchtigkeit in der
Aequatorialzone nicht anhufen, sondern wird kalten und gemigten
Regionen zugefhrt. Whrend dieser Zeit der Nordostwinde, wo sich die
Sonne in den sdlichen Zeichen befindet, bleibt der Himmel in der
nrdlichen Aequatorialzone bestndig heiter. Die Dunstblschen verdichten
sich nicht, weil die bestndig erneuerte Luft weit vom Sttigungspunkt
entfernt ist. Jemehr die Sonne nach ihrem Eintritt in die nrdlichen
Zeichen gegen das Zenith heraufrckt, desto mehr legt sich der Nordostwind
und hrt nach und nach ganz auf. Der Temperaturunterschied zwischen den
Tropen und der nrdlichen gemigten Zone ist jetzt der kleinstmgliche.
Es ist Sommer am Nordpol, und whrend die mittlere Wintertemperatur unter
dem 42.--52. Grad der Breite um 20--26 Grad niedriger ist als die
Temperatur unter dem Aequator, betrgt der Unterschied im Sommer kaum 4--6
Grad. Steht nun die Sonne im Zenith und hrt der Nordostwind auf, so
treten die Ursachen, welche Feuchtigkeit erzeugen und sie in der
nrdlichen Aequinoctialzone anhufen, zumal in vermehrte Wirksamkeit. Die
Luftsule ber dieser Zone sttigt sich mit Wasserdampf, weil sie nicht
mehr durch den Polarstrom erneuert wird. In dieser gesttigten und durch
die vereinten Wirkungen der Strahlung und der Ausdehnung beim Aufsteigen
erkalteten Luft bilden sich Wolken. Im Maa als diese Luft sich verdnnt,
nimmt ihre Wrmecapacitt zu. Mit der Bildung und Zusammenballung der
Dunstblschen huft sich die Elektricitt in den obern Luftregionen an.
Den Tag ber schlagen sich die Dnste fortwhrend nieder; bei Nacht hrt
die meist auf, hufig sogar schon nach Sonnenuntergang. Die Regengsse
sind regelmig am strksten und von elektrischen Entladungen begleitet,
kurze Zeit nachdem das Maximum der Tagestemperatur eingetreten ist. Dieser
Stand der Dinge dauert an, bis die Sonne in die sdlichen Zeichen tritt.
Jetzt beginnt in der nrdlichen gemigten Zone die kalte Witterung. Von
nun an tritt die Luftstrmung vom Nordpol her wieder ein, weil der
Unterschied zwischen den Wrmegraden im tropischen und im gemigten
Erdstrich mit jedem Tage bedeutender wird. Der Nordostwind blst stark,
die Luft unter den Tropen wird erneuert und kann den Sttigungspunkt nicht
mehr erreichen. Daher hrt es auf zu regnen, die Dunstblschen lsen sich
auf, der Himmel wird wieder rein und blau. Von elektrischen Entladungen
ist nichts mehr zu hren, ohne Zweifel weil die Elektricitt in den hohen
Luftregionen jetzt keine Haufen von Dunstblschen, fast htte ich gesagt,
keine Wolkenhllen mehr antrifft, auf denen sich das Fluidum anhufen
knnte.

Wir haben das Aufhren des Nordostwinds als die Hauptursache der
tropischen Regen betrachtet. Diese Regen dauern in jeder Halbkugel nur so
lange, als die Sonne die der Halbkugel gleichnamige Abweichung hat. Es mu
hier aber noch bemerkt werden, da, wenn der Nordost aufhrt, nicht immer
Windstille eintritt, sondern die Ruhe der Luft hufig, besonders lngs den
Westksten von Amerika, durch _'Bendavales'_, d. h. Sdwest- und
Sdostwinde unterbrochen wird. Diese Erscheinung scheint darauf
hinzuweisen, da die feuchten Luftsulen, die im nrdlichen quatorialen
Erdstrich aufsteigen, zuweilen dem Sdpol zustrmen. In der That hat in
den Lndern der heien Zone nrdlich und sdlich vom Aequator in ihrem
Sommer, wenn die Sonne durch ihr Zenith geht, der Unterschied zwischen
ihrer Temperatur und der am *ungleichnamigen* Pol sein Maximum erreicht.
Die sdliche gemigte Zone hat jetzt Winter, whrend es nrdlich vom
Aequator regnet und die mittlere Temperatur um 5--6 Grad hher ist als in
der trockenen Jahreszeit, wo die Sonne am tiefsten steht. Da der Regen
fortdauert, whrend die Bendavales wehen, beweist, da die Luftstrmungen
vom entfernteren Pol her in der nrdlichen Aequatorialzone nicht die
Wirkung uern wie die vom benachbarten Pole her, weil die
Sdpolarstrmung weit feuchter ist. Die Luft, welche diese Strmung
herbeifhrt, kommt aus einer fast ganz mit Wasser bedeckten Halbkugel; sie
geht, bevor sie zum achten Grad nrdlicher Breite gelangt, ber die ganze
sdliche Aequinoctialzone weg, ist folglich nicht so trocken, nicht so
kalt als der Nordpolarstrom oder der Nordostwind, und somit auch weniger
geeignet, als *Gegenstrom* aufzutreten und die Luft unter den Tropen zu
erneuern. Wenn die Bendavales an manchen Ksten, z. B. an denen von
Guatimala, als heftige Winde austreten, so rhrt die ohne Zweifel daher,
da sie nicht Folge eines allmhligen, regelmigen Absiusses der
tropischen Luft gegen den Sdpol sind, sondern mit Windstillen abwechseln,
von elektrischen Entladungen begleitet sind und ihr Charakter als wahre
Stowinde daraus hinweist, da im Luftmeer eine Rckstauung, eine rasche,
vorbergehende Strung des Gleichgewichts stattgefunden hat.

Wir haben hier eine der wichtigsten meteorologischen Erscheinungen unter
den Tropen aus einem allgemeinen Gesichtspunkt betrachtet. Wie die Grenzen
der Passatwinde keine mit dem Aequator parallelen Kreise bilden, so uert
sich auch die Wirkung der Polarluftstrmungen unter verschiedenen
Meridianen verschieden. In derselben Halbkugel haben nicht selten die
Gebirgsketten und das Kstenland entgegengesetzte Jahreszeiten. Wir werden
in der Folge Gelegenheit haben, mehrere Anomalien der Art zu erwhnen;
will man aber zur Erkenntni der Naturgesetze gelangen, so mu man, bevor
man sich nach den Ursachen lokaler Erscheinungen umsieht, den *mittleren
Zustand* der Atmosphre und die bestndige Norm ihrer Vernderungen
kennen.

Das Aussehen des Himmels, der Gang der Elektricitt und der Regengu am
28. Merz verkndeten den Beginn der Regenzeit; man rieth uns indessen, von
San Fernando am Apure noch ber San Francisco de Capanaparo, ber den Rio
Sinaruco und den Hato San Antonio nach dem krzlich am Ufer des Meta
gegrndeten Dorfe der Otomaken zu gehen und uns auf dem Orinoco etwas
oberhalb Carichana einzuschiffen. Dieser Landweg fhrt durch einen
ungesunden, von Fiebern heimgesuchten Strich. Ein alter Pchter, Don
Francisco Sanchez, bot sich uns gefllig als Fhrer an. Seine Tracht war
ein sprechendes Bild der groen Sitteneinfalt in diesen entlegenen
Lndern. Er hatte ein Vermgen von mehr als hunderttausend Piastern, und
doch stieg er mit nackten Fen, an die mchtige silberne Sporen
geschnallt waren, zu Pferde. Wir wuten aber aus mehrwchentlicher
Erfahrung, wie traurig einfrmig die Vegetation auf den Llanos ist, und
schlugen daher lieber den lngeren Weg auf dem Rio Apure nach dem Orinoco
ein. Wir whlten dazu eine der sehr breiten Piroguen, welche die Spanier
_'Lanchas'_ nennen; zur Bemannung waren ein Steuermann (_el patron_) und
vier Indianer hinreichend. Am Hintertheil wurde in wenigen Stunden eine
mit Coryphablttern gedeckte Htte hergerichtet. Sie war so gerumig, da
Tisch und Bnke Platz darin fanden. Letztere bestanden aus ber Rahmen von
Brasilholz straff gespannten und angenagelten Ochsenhuten. Ich fhre
diese kleinen Umstnde an, um zu zeigen, wie gut wir es auf dem Apure
hatten, gegenber dem Leben auf dem Orinoco in den schmalen elenden
Canoes. Wir nahmen in die Pirogue Lebensmittel auf einen Monat ein. In San
Fernando(2) gibt es Hhner, Eier, Bananen, Maniocmehl und Cacao im
Ueberflu. Der gute Pater Kapuziner gab uns Xereswein, Orangen und
Tamarinden zu khlender Limonade. Es war vorauszusehen, da ein Dach aus
Palmblttern sich im breiten Flubett, wo man fast immer den senkrechten
Sonnenstrahlen ausgesetzt ist, sehr stark erhitzen mute. Die Indianer
rechneten weniger auf die Lebensmittel, die wir angeschafft, als auf ihre
Angeln und Netze. Wir nahmen auch einige Schiegewehre mit, die wir bis zu
den Katarakten ziemlich verbreitet fanden, whrend weiter nach Sden die
Missionre wegen der bermigen Feuchtigkeit der Luft keine Feuerwaffen
mehr fhren knnen. Im Rio Apure gibt es sehr viele Fische, Seekhe und
Schildkrten, deren Eier allerdings nhrend, aber keine sehr angenehme
Speise sind. Die Ufer sind mit unzhligen Vgelschaaren bevlkert. Die
ersprielichsten fr uns waren der Pauxi und die Guacharaca, die man den
Truthahn und den Fasan des Landes nennen knnte. Ihr Fleisch kam mir
hrter und nicht so wei vor als das unserer hhnerartigen Vgel in
Europa, weil sie ihre Muskeln ungleich strker brauchen. Neben dem
Mundvorrath, dem Gerthe zum Fischfang und den Waffen verga man nicht ein
paar Fsser Branntwein zum Tauschhandel mit den Indianern am Orinoco
einzunehmen.

Wir fuhren von San Fernando am 30. Merz, um vier Uhr Abends, bei sehr
starker Hitze ab; der Thermometer stand im Schatten auf 34, obgleich der
Wind stark aus Sdost blies. Wegen dieses widrigen Windes konnten wir
keine Segel aufziehen. Auf der ganzen Fahrt auf dem Apure, dem Orinoco und
Rio Negro begleitete uns der Schwager des Statthalters der Provinz
Barinas, Don Nicolas Sotto, der erst krzlich von Cadix angekommen war und
einen Ausflug nach San Fernando gemacht hatte. Um Lnder kennen zu lernen,
die ein wrdiges Ziel fr die Wibegierde des Europers sind, entschlo er
sich, mit uns vier und siebzig Tage auf einem engen, von Moskitos
wimmelnden Canoe zuzubringen. Sein geistreiches, liebenswrdiges Wesen und
seine muntere Laune haben uns oft die Beschwerden einer zuweilen nicht
gefahrlosen Fahrt vergessen helfen. Wir fuhren am Einflu des Apurito
vorbei und an der Insel dieses Namens hin, die vom Apure und dem Guarico
gebildet wird. Diese Insel ist im Grunde nichts als ein ganz niedriger
Landstrich, der von zwei groen Flssen eingefat wird, die sich in
geringer Entfernung von einander in den Orinoco ergieen, nachdem sie
bereits unterhalb San Fernando durch eine erste Gabelung des Apure sich
vereinigt haben. Die *Isla* del Apurito ist 22 Meilen lang und 2--3 Meilen
breit. Sie wird durch den *Cao* de la Tigrera und den *Cao* del Manati
in drei Stcke getheilt, wovon die beiden uersten Isla de Blanco und
Isla de las Garzilas heien. Ich mache hier diese umstndlichen Angaben,
weil alle bis jetzt erschienenen Karten den Lauf und die Verzweigungen der
Gewsser zwischen dem Guarico und dem Meta aufs sonderbarste entstellen.
Unterhalb des Apurito ist das rechte Ufer des Apure etwas besser angebaut
als das linke, wo einige Htten der Yaruros-Indianer aus Rohr und
Palmblattstielen stehen. Sie leben von Jagd und Fischfang und sind
besonders gebt im Erlegen der Jaguars, daher die unter dem Namen
Tigerfelle bekannten Blge vorzglich durch sie in die spanischen Drfer
kommen. Ein Theil dieser Indianer ist getauft, besucht aber niemals eine
christliche Kirche. Man betrachtet sie als Wilde, weil sie unabhngig
bleiben wollen. Andere Stmme der Yaruros leben unter der Zucht der
Missionre im Dorfe Achaguas, sdlich vom Rio Payara. Die Leute dieser
Nation, die ich am Orinoco zu sehen Gelegenheit gehabt, haben einige Zge
von der flschlich so genannten tartarischen Bildung, die manchen Zweigen
der mongolischen Race zukommt. Ihr Blick ist ernst, das Auge stark in die
Lnge gezogen, die Jochbeine hervorragend, die Nase aber der ganzen Lnge
nach vorspringend. Sie sind grer, brauner und nicht so untersetzt wie
die Chaymas. Die Missionare rhmen die geistigen Anlagen der Yaruros, die
frher eine mchtige, zahlreiche Nation an den Ufern des Orinoco waren,
besonders in der Gegend von Caycara, oberhalb des Einflusses des Guarico.
Wir brachten die Nacht in *Diamante* zu, einer kleinen Zuckerpflanzung,
der Insel dieses Namens gegenber.

Auf meiner ganzen Reise von San Fernando nach San Carlos am Rio Negro und
von dort nach der Stadt Angostura war ich bemht, Tag fr Tag, sey es im
Canoe, sey es im Nachtlager, aufzuschreiben, was mir Bemerkenswerthes
vorgekommen. Durch den starken Regen und die ungeheure Menge Moskitos, von
denen die Luft am Orinoco und Cassiquiare wimmelt, hat diese Arbeit
nothwendig Lcken bekommen, die ich aber wenige Tage darauf ergnzt habe.
Die folgenden Seiten sind ein Auszug aus diesem Tagebuch. Was im Angesicht
der geschilderten Gegenstnde niedergeschrieben ist, hat ein Geprge von
Wahrhaftigkeit (ich mchte sagen von Individualitt), das auch den
unbedeutendsten Dingen einen gewissen Reiz gibt. Um unnthige
Wiederholungen zu vermeiden, habe ich hin und wieder in das Tagebuch
eingetragen, was ber die beschriebenen Gegenstnde spter zu meiner
Kenntni gelangt ist. Je gewaltiger und groartiger die Natur in den von
ungeheuren Strmen durchzogenen Wldern erscheint, desto strenger mu man
bei den Naturschilderungen an der Einfachheit festhalten, die das
vornehmste, oft das einzige Verdienst eines ersten Entwurfes ist.

Am 31. Mrz. Der widrige Wind nthigte uns, bis Mittag am Ufer zu bleiben.
Wir sahen die Zuckerfelder zum Theil durch einen Brand zerstrt, der sich
aus einem nahen Wald bis hieher fortgepflanzt hatte. Die wandernden
Indianer znden berall, wo sie Nachtlager gehalten, den Wald an, und in
der drren Jahreszeit wrden ganze Provinzen von diesen Brnden verheert,
wenn nicht das ausnehmend harte Holz die Bume vor der gnzlichen
Zerstrung schtzte. Wir fanden Stmme des Mahagonibaums (_caoba_) und von
Desmanthus, die kaum zwei Zoll tief verkohlt waren.

Vom Diamante an betritt man ein Gebiet, das nur von Tigern, Krokodilen und
_Chiguire_, einer groen Art von LINNs Gattung Cavia, bewohnt ist. Hier
sahen wir dichtgedrngte Vogelschwrme sich vom Himmel abheben, wie eine
schwrzlichte Wolke, deren Umrisse sich jeden Augenblick verndern. Der
Flu wird allmhlig breiter. Das eine Ufer ist meist drr und sandigt, in
Folge der Ueberschwemmungen; das andere ist hher und mit hochstmmigen
Bumen bewachsen. Hin und wieder ist der Flu zu beiden Seiten bewaldet
und bildet einen geraden, 150 Toisen breiten Canal. Die Stellung der Bume
ist sehr merkwrdig. Vorne sieht man Bsche von _Sauso_ (_Hermesia
castaneifolia_) die gleichsam eine vier Schuh hohe Hecke bilden, und es
ist, als wre diese knstlich beschnitten. Hinter dieser Hecke kommt ein
Gehlz von Cedrela, Brasilholz und Gayac. Die Palmen sind ziemlich selten;
man sieht nur hie und da einen Stamm der Corozo- und der stachligten
Piritupalme. Die groen Vierfer dieses Landstrichs, die Tiger, Tapire
und Pecarischweine, haben Durchgnge in die eben beschriebene Sausohecke
gebrochen, durch die sie zum trinken an den Strom gehen. Da sie sich nicht
viel daraus machen, wenn ein Canoe herbeikommt, hat man den Genu, sie
langsam am Ufer hinstreichen zu sehen, bis sie durch eine der schmalen
Lcken im Gebsch im Walde verschwinden. Ich gestehe, diese Auftritte, so
oft sie vorkamen, behielten immer groen Reiz fr mich. Die Lust, die man
empfindet, beruht nicht allein auf dem Interesse des Naturforschers,
sondern daneben auf einer Empfindung, die allen im Schooe der Cultur
aufgewachsenen Menschen gemein ist. Man sieht sich einer neuen Welt, einer
wilden, ungezhmten Natur gegenber. Bald zeigt sich am Gestade der
Jaguar, der schne amerikanische Panther; bald wandelt der Hocco (_Crax
alector_) mit schwarzem Gefieder und dem Federbusch langsam an der
Uferhecke hin. Thiere der verschiedensten Classen lsen einander ab. _es
como in el Paraiso_ (es ist wie im Paradies), sagte unser Steuermann, ein
alter Indianer aus den Missionen. Und wirklich, Alles erinnert hier an den
Urzustand der Welt, dessen Unschuld und Glck uralte ehrwrdige
Ueberlieferungen allen Vlkern vor Augen stellen; beobachtet man aber das
gegenseitige Verhalten der Thiere genau, so zeigt es sich, da sie
einander frchten und meiden. Das goldene Zeitalter ist vorbei, und in
diesem Paradies der amerikanischen Wlder, wie aller Orten, hat lange
traurige Erfahrung alle Geschpfe gelehrt, da Sanftmuth und Strke selten
beisammen sind.

Wo das Gestade eine bedeutende Breite hat, bleibt die Reihe von
Sausobschen weiter vom Strome weg. Auf diesem Zwischengebiet sieht man
Krokodile, oft ihrer acht und zehn, auf dem Sande liegen. Regungslos, die
Kinnladen unter rechtem Winkel aufgesperrt, ruhen sie neben einander, ohne
irgend ein Zeichen von Zuneigung, wie man sie sonst bei gesellig lebenden
Thieren bemerkt. Der Trupp geht auseinander, sobald er vom Ufer ausbricht,
und doch besteht er wahrscheinlich nur aus Einem mnnlichen und vielen
weiblichen Thieren; denn, wie schon DESCOURTILS, der die Krokodile auf St.
Domingo so fleiig beobachtet, vor mir bemerkt hat, die Mnnchen sind
ziemlich selten, weil sie in der Brunst mit einander kmpfen unds sich ums
Leben bringen. Diese gewaltigen Reptilien sind so zahlreich, da auf dem
ganzen Stromlauf fast jeden Augenblick ihrer fnf oder sechs zu sehen
waren, und doch fieng der Apure erst kaum merklich an zu steigen und
hunderte von Krokodilen lagen also noch im Schlamme der Savanen begraben.
Gegen vier Uhr Abends hielten wir an, um ein todtes Krokodil zumessen, das
der Strom ans Ufer geworfen. Es war nur 16 Fu 8 Zoll lang; einige Tage
spter fand Bonpland ein anderes (mnnliches), das 22 Fu 3 Zoll ma.
Unter allen Zonen, in Amerika wie in Egypten, erreicht das Thier dieselbe
Gre; auch ist die Art, die im Apure, im Orinoco und im Magdalenenstrom
so hufig vorkommt,(3) kein Cayman oder Alligator, sondern ein wahres
Krokodil mit an den uern Rndern gezhnten Fen, dem Nilkrokodil sehr
hnlich. Bedenkt man, da das mnnliche Thier erst mit zehn Jahren mannbar
wird und da es dann 8 Fu lang ist, so lt sich annehmen, da das von
Bonpland gemessene Thier wenigstens 28 Jahre alt war. Die Indianer sagten
uns, in San Fernando vergehe nicht leicht ein Jahr, wo nicht zwei, drei
erwachsene Menschen, namentlich Weiber beim Wasserschpfen am Flu, von
diesen fleischfressenden Eidechsen zerrissen wrden. Man erzhlte uns die
Geschichte eines jungen Mdchens aus Uritucu, das sich durch seltene
Unerschrockenheit und Geistesgegenwart aus dem Rachen eines Krokodils
gerettet. Sobald sie sich gepackt fhlte, griff sie nach den Augen des
Thiers und stie ihre Finger mit solcher Gewalt hinein, da das Krokodil
vor Schmerz sie fahren lie, nachdem es ihr den linken Vorderarm
abgerissen. Trotz des ungeheuern Blutverlusts gelangte die Indianerin, mit
der brig gebliebenen Hand schwimmend, glcklich ans Ufer. In diesen
Einden, wo der Mensch in bestndigem Kampfe mit der Natur liegt,
unterhlt man sich tglich von den Kunstgriffen, um einem Tiger, einer Boa
oder _Traga Venado_, einem Krokodil zu entgehen; jeder rstet sich
gleichsam auf die bevorstehende Gefahr. Ich wute, sagte das junge
Mdchen in Uritucu gelassen, da der Cayman ablt, wenn man ihm die
Finger in die Augen drckt. Lange nach meiner Rckkehr nach Europa erfuhr
ich, da die Neger im inneren Afrika dasselbe Mittel kennen und anwenden.
Wer erinnert sich nicht mit lebhafter Theilnahme, wie Isaaco, der Fhrer
des unglcklichen Mungo-Park, zweimal von einem Krokodil (bei Bulinkombu)
gepackt wurde, und zweimal aus dem Rachen des Ungeheuers entkam, weil es
ihm gelang, demselben unter dem Wasser die Finger in beide Augen zu
drcken! Der Afrikaner Isaaco und die junge Amerikanerin dankten ihre
Rettung derselben Geistesgegenwart, demselben Gedankengang.

Das Krokodil im Apure bewegt sich sehr rasch und gewandt, wenn es
angreift, schleppt sich dagegen, wenn es nicht durch Zorn oder Hunger
aufgeregt ist, so langsam hin wie ein Salamander. Luft das Thier, so hrt
man ein trockenes Gerusch, das von der Reibung seiner Hautplatten gegen
einander herzurhren scheint. Bei dieser Bewegung krmmt es den Rcken und
erscheint hochbeinigter als in der Ruhe. Oft hrten wir am Ufer dieses
Rauschen der Platten ganz in der Nhe; es ist aber nicht wahr, was die
Indianer behaupten, da die alten Krokodile, gleich dem Schuppenthier,
ihre Schuppen und ihre ganze Rstung sollen ausrichten knnen. Die
Thiere bewegen sich allerdings meistens gerade aus, oder vielmehr wie ein
Pfeil, der von Strecke zu Strecke seine Richtung nderte; aber trotz der
kleinen Anhngsel von falschen Rippen, welche die Halswirbel verbinden und
die seitliche Bewegung zu beschrnken scheinen, wenden die Krokodile ganz
gut, wenn sie wollen. Ich habe oft Junge sich in den Schwanz beien sehen;
Andere haben dasselbe bei erwachsenen Krokodilen beobachtet. Wenn ihre
Bewegung fast immer geradlinigt erscheint, so rhrt die daher, da
dieselbe, wie bei unsern kleinen Eidechsen, stoweise erfolgt. Die
Krokodile schwimmen vortrefflich und berwinden leicht die strkste
Strmung. Es schien mir indessen, als ob sie, wenn sie fluabwrts
schwimmen, nicht wohl rasch umwenden knnten. Eines Tags wurde ein groer
Hund, der uns auf der Reise von Caracas an den Rio Negro begleitete, im
Flu von einem ungeheuern Krokodil verfolgt; es war schon ganz nahe an ihm
und der Hund entging seinem Feinde nur dadurch, da er umwandte und auf
einmal gegen den Strom schwamm. Das Krokodil fhrte nun dieselbe Bewegung
aus, aber weit langsamer als der Hund, und dieser erreichte glcklich das
Ufer.

Die Krokodile im Apure finden reichliche Nahrung an den *Chiguire* (_Cavia
Capybara_; Wasserschwein), die in Rudeln von 50--60 Stcken an den
Fluufern leben. Diese unglcklichen Thiere, von der Gre unserer
Schweine, besitzen keinerlei Waffe, sich zu wehren; sie schwimmen etwas
besser, als sie laufen; aber auf dem Wasser werden sie eine Beute der
Krokodile und am Lande werden sie von den Tigern gefressen. Man begreift
kaum, wie sie bei den Nachstellungen zweier gewaltigen Feinde so zahlreich
seyn knnen; sie vermehren sich aber so rasch, wie die Cobayes, oder
Meerschweinchen, die aus Brasilien zu uns gekommen sind.

Unterhalb der Einmndung des Cao de la Tigrera, in einer Bucht, *Vuelta
de Joval* genannt, legten wir an, um die Schnelligkeit der Strmung an der
Oberflche zu messen; sie betrug nur 3-1/2 Fu in der Secunde, was 2,56
Fu mittlere Geschwindigkeit ergibt.(4) Die Barometerhhen ergaben, unter
Bercksichtigung der kleinen stndlichen Abweichungen, ein Geflle von
kaum 17 Zoll auf die Seemeile (zu 950 Toisen). Die Geschwindigkeit ist das
Produkt zweier Momente, des Falls des Bodens und des Steigens des Wassers
im obern Stromgebiet. Auch hier sahen wir uns von Chiguire umgeben, die
beim Schwimmen wie die Hunde Kopf und Hals aus dem Wasser strecken. Auf
dem Strand gegenber sahen wir zu unserer Ueberraschung ein mchtiges
Krokodil mitten unter diesen Nagethieren regungslos daliegen und schlafen:
Es erwachte, als wir mit unserer Pirogue nher kamen, und ging langsam dem
Wasser zu, ohne da die Chiguire unruhig wurden. Unsere Indianer sahen den
Grund dieser Gleichgltigkeit in der Dummheit des Thiers; wahrscheinlich
aber wissen die Chiguire aus langer Erfahrung, da das Krokodil des Apure
und Orinoco auf dem Lande nicht angreift, der Gegenstand, den es packen
will, mte ihm denn im Augenblick, wo es sich ins Wasser wirft, in den
Weg kommen.

Beim *Joval* wird der Charakter der Landschaft groartig wild. Hier sahen
wir den grten Tiger, der uns je vorgekommen. Selbst die Indianer
erstaunten ber seine ungeheure Lnge; er war grer als alle indischen
Tiger, die ich in Europa in Menagerien gesehen. Das Thier lag im Schatten
eines groen Zamang.(5) Es hatte eben einen Chiguire erlegt, aber seine
Beute noch nicht angebrochen; nur eine seiner Tatzen lag darauf. Die
Zamuros, eine Geierart, die wir oben mit dem Percnopterus in Unteregypten
verglichen haben, hatten sich in Schaaren versammelt, um die Reste vom
Mahle des Jaguars zu verzehren. Sie ergtzten uns nicht wenig durch den
seltsamen Verein von Frechheit und Scheu. Sie wagten sich bis auf zwei Fu
vom Jaguar vor, aber bei der leisesten Bewegung desselben wichen sie
zurck. Um die Sitten dieser Thiere noch mehr in der Nhe zu beobachten,
bestiegen wir das kleine Canoe, das unsere Pirogue mit sich fhrte. Sehr
selten greift der Tiger Khne an, indem er darnach schwimmt, und die
kommt nur vor, wenn durch langen Hunger seine Wuth gereizt ist. Beim
Gerusch unserer Ruder erhob sich das Thier langsam, um sich hinter den
Sausobschen am Ufer zu verbergen. Den Augenblick, wo er abzog, wollten
sich die Geier zu Nutze machen, um den Chiguire zu verzehren; aber der
Tiger machte, trotz der Nhe unseres Canoe, einen Satz unter sie und
schleppte zornerfllt, wie man an seinem Gang und am Schlagen seines
Schwanzes sah, seine Beute in den Wald. Die Indianer bedauerten, da sie
ihre Lanzen nicht bei sich hatten, um landen und den Tiger angreifen zu
knnen. Sie sind an diese Waffe gewhnt, und thaten wohl, sich nicht auf
unsere Gewehre zu verlassen, die in einer so ungemein feuchten Luft hufig
versagten.

Im Weiterfahren fluabwrts sahen wir die groe Heerde der Chiguire, die
der Tiger verjagt und aus der er sich ein Stck geholt hatte. Die Thiere
sahen uns ganz ruhig landen. Manche saen da und schienen uns zu
betrachten, wobei sie, wie die Kaninchen, die Oberlippe bewegten. Vor den
Menschen schienen sie sich nicht zu frchten, aber beim Anblick unseres
groen Hundes ergriffen sie die Flucht. Da das Hintergestell bei ihnen
hher ist als das Vordergestell, so laufen sie im kurzen Galopp, kommen
aber dabei so wenig vorwrts, da wir zwei fangen konnten. Der Chiguire,
der sehr fertig schwimmt, lt im Laufen ein leises Seufzen hren, als ob
ihm das Athmen beschwerlich wrde. Er ist das grte Thier in der Familie
der Nager; er setzt sich nur in der uersten Noth zur Wehr, wenn er
umringt und verwundet ist. Da seine Backzhne, besonders die hinteren,
ausnehmend stark und ziemlich lang sind, so kann er mit seinem Bi einem
Tiger die Tatze oder einem Pferd den Fu zerreien. Sein Fleisch hat einen
ziemlich unangenehmen Moschusgeruch; man macht indessen im Lande Schinken
daraus, und die rechtfertigt gewissermaen den Namen _'Wasserschwein'_,
den manche alte Naturgeschichtschreiber dem Chiguire beilegen. Die
geistlichen Missionare lassen sich in den Fasten diese Schinken ohne
Bedenken schmecken; in ihrem zoologischen System stehen das Grtelthier,
das Wasserschwein und der Lamantin oder die Seekuh neben den Schildkrten;
ersteres, weil es mit einer harten Kruste, einer Art Schaale bedeckt ist,
die beiden andern, weil sie im Wasser wie auf dem Lande leben. An den
Ufern des Santo Domingo, Apure und Arauca, in den Smpfen und auf den
berschwemmten Savanen der Llanos kommen die Chiguire in solcher Menge
vor, da die Weiden darunter leiden. Sie fressen das Kraut weg, von dem
die Pferde am fettesten werden, und das _Chiguirero_ (Kraut des Chiguire)
heit. Sie fressen auch Fische, und wir sahen mit Verwunderung, da das
Thier, wenn es, erschreckt durch ein nahendes Canoe, untertaucht, 8--10
Minuten unter Wasser bleibt.

Wir brachten die Nacht, wie immer, unter freiem Himmel zu, obgleich auf
einer *Pflanzung*, deren Besitzer die Tigerjagd trieb. Er war fast ganz
nackt und schwrzlich braun wie ein Zambo, zhlte sich aber nichts
destoweniger zum weien Menschenschlag. Seine Frau und seine Tochter, die
so nackt waren wie er, nannte er Donna Isabela und Donna Manuela. Obgleich
er nie vom Ufer des Apure weggekommen, nahm er den lebendigsten Antheil
an den Neuigkeiten aus Madrid, an den Kriegen, deren kein Ende abzusehen,
und an all den Geschichten dort drben (_todas las cosas de all_). Er
wute, da der Knig von Spanien bald zum Besuche Ihrer Herrlichkeiten im
Lande Caracas herber kommen wrde, setzte aber scherzhaft hinzu: Da die
Hofleute nur Weizenbrod essen knnen, werden sie nie ber die Stadt
Valencia hinaus wollen, und wir werden sie hier nicht zu sehen bekommen.
Ich hatte einen Chiguire mitgebracht und wollte ihn braten lassen; aber
unser Wirth versicherte uns, _nos otros cavalleros blancos_ weie Leute
wie er und ich, seyen nicht dazu gemacht, von solchem _'Indianerwildpret'_
zu genieen. Er bot uns Hirschfleisch an; er hatte Tags zuvor einen mit
dem Pfeil erlegt, denn er hatte weder Pulver noch Schiegewehr.

Wir glaubten nicht anders, als hinter einem Bananengehlze liege die Htte
des Gehftes; aber dieser Mann, der sich auf seinen Adel und seine
Hautfarbe so viel einbildete, hatte sich nicht die Mhe gegeben, aus
Palmblttern eine Ajoupa zu errichten. Er forderte uns auf, unsere
Hngematten neben den seinigen zwischen zwei Bumen befestigen zu lassen,
und versicherte uns mit selbstgeflliger Miene, wenn wir in der Regenzeit
den Flu wieder heraufkmen, wrden wir ihn *unter Dach* (_baxo techo_)
finden. Wir kamen bald in den Fall, eine Philosophie zu verwnschen, die
der Faulheit Vorschub leistet und den Menschen fr alle Bequemlichkeiten
des Lebens gleichgltig macht. Nach Mitternacht erhob sich ein furchtbarer
Sturmwind, Blitze durchzuckten den Horizont, der Donner rollte und wir
wurden bis auf die Haut durchnt. Whrend des Ungewitters versetzte uns
ein seltsamer Vorfall auf eine Weile in gute Laune. Donna Isabelas Katze
hatte sich auf den Tamarindenbaum gesetzt, unter dem wir lagerten. Sie
fiel in die Hngematte eines unserer Begleiter, und der Mann, zerkratzt
von der Katze und aus dem tiefsten Schlafe aufgeschreckt, glaubte, ein
wildes Thier aus dem Walde habe ihn angefallen. Wir liefen auf sein
Geschrei hinzu und rien ihn nur mit Mhe aus seinem Irrthum. Whrend es
auf unsere Hngematten und unsere Instrumente, die wir ausgeschifft, in
Strmen regnete, wnschte uns Don Ignacio Glck, da wir nicht am Ufer
geschlafen, sondern uns auf seinem Gute befnden, _entre gento blanca y
de trato_ (unter Weien und Leuten von Stande). Durchnt wie wir waren,
fiel es uns denn doch schwer, uns zu berzeugen, da wir es hier so
besonders gut haben, und wir hrten ziemlich widerwillig zu, wie unser
Wirth ein Langes und Breites von seinem sogenannten Kriegszuge an den Rio
Meta erzhlte, wie tapfer er sich in einem blutigen Gefechte mit den
Guahibos gehalten, und welche Dienste er Gott und seinem Knig geleistet,
indem er den Eltern die Kinder (_los Indiecitos_) genommen und in die
Missionen vertheilt. Welch seltsamen Eindruck machte es, in dieser weiten
Einde bei einem Manns der von europischer Abkunft zu seyn glaubt und
kein anderes Obdach kennt als den Schatten eines Baumes, alle eitle
Anmaaung, alle ererbten Vorurtheile, alle Verkehrtheiten einer alten
Cultur anzutreffen!

Am 1. April. Mit Sonnenaufgang verabschiedeten wir uns von Seor Don
Ignacio und von Seora Donna Isabela, seiner Gemahlin. Die Luft war
abgekhlt; der Thermometer, der bei Tag meist auf 30--35 stand, war auf
24 gefallen. Die Temperatur des Flusses blieb sich fast ganz gleich, sie
war fortwhrend 26--27. Der Strom trieb eine ungeheure Menge Baumstmme.
Man sollte meinen, auf einem vllig ebenen Boden, wo das Auge nicht die
geringste Erhhung bemerkt, htte sich der Flu durch die Gewalt seiner
Strmung einen ganz geraden Canal graben mssen. Ein Blick auf die Carte,
die ich nach meinen Aufnahmen mit dem Compa entworfen, zeigt das
Gegentheil. Das absplende Wasser findet an beiden Ufern nicht denselben
Widerstand, und fast unmerkliche Bodenerhhungen geben zu starken
Krmmungen Anla. Unterhalb des *Jovals*, wo das Flubett etwas breiter
wird, bildet dasselbe wirklich einen Canal, der mit der Schnur gezogen
scheint und zu beiden Seiten von sehr hohen Bumen beschattet ist. Dieses
Stck des Flusses heit _Cao ricco_; ich fand dasselbe 136 Toisen breit.
Wir kamen an einer niedrigen Insel vorber, auf der Flamingos,
rosenfarbige Lffelgnse, Reiher und Wasserhhner, die das mannigfaltigste
Farbenspiel boten, zu Tausenden nisteten. Die Vgel waren so dicht an
einander gedrngt, da man meinte, sie knnten sich gar nicht rhren. Die
Insel heit *Isla de Aves*. Weiterhin fuhren wir an der Stelle vorbei, wo
der Apure einen Arm (den Rio Arichuna) an den Cabullare abgibt und dadurch
bedeutend an Wasser verliert. Wir hielten am rechten Ufer bei einer
kleinen indianischen, vom Stamm der Guamos bewohnten Mission. Es standen
erst 16 bis 18 Htten aus Palmblttern; aber aus den statistischen
Tabellen, welche die Missionre jhrlich bei Hofe einreichen, wird diese
Gruppe von Htten als das *Dorf Santa Barbara de Arichuna* aufgefhrt.

Die Guamos sind ein Indianerstamm, der sehr schwer sehaft zu machen ist.
Sie haben in ihren Sitten Vieles mit den Achaguas, Guajibos und Otomacos
gemein, namentlich die Unreinlichkeit, die Rachsucht und die Liebe zum
wandernden Leben; aber ihre Sprachen weichen vllig von einander ab. Diese
vier Stmme leben grtentheils von Fischfang und Jagd aus den hufig
berschwemmten Ebenen zwischen dem Apure, dem Meta und dem Guaviare. Das
Wanderleben scheint hier durch die Beschaffenheit des Landes selbst
bedingt. Wir werden bald sehen, da man, sobald man die Berge an den
Katarakten des Orinoco betritt, bei den Piraoas, Macos und Maquiritares
sanftere Sitten, Liebe zum Ackerbau und in den Htten groe Reinlichkeit
findet. Auf dem Rcken der Gebirge, in undurchdringlichen Wldern sieht
sich der Mensch genthigt, sich fest niederzulassen und einen kleinen
Fleck Erde zu bebauen. Dazu bedarf es keiner groen Anstrengung, wogegen
der Jger in einem Lande, durch das keine andern Wege fhren als die
Flsse, ein hartes, mhseliges Leben fhrt. Die Guamos in der Mission
Santa Barbara konnten uns die Mundvorrthe, die wir gerne gehabt htten,
nicht liefern; sie bauten nur etwas Manioc. Sie schienen indessen
gastfreundlich, und als wir in ihre Htten traten, boten sie uns
getrocknete Fische und Wasser (in ihrer Sprache _Cub_) an. Das Wasser war
in porsen Gefen abgekhlt.

Unterhalb der *Vuelta del Cochino roto* an einer Stelle, wo sich der Flu
ein neues Bett gegraben hatte, bernachteten wir auf einem drren, sehr
breiten Gestade. In den dichten Wald war nicht zu kommen, und so brachten
wir nur mit Noth trockenes Holz zusammen, um Feuer anmachen zu knnen,
wobei man, wie die Indier glauben, vor dem nchtlichen Angriff des Tigers
sicher ist. Unsere eigene Erfahrung scheint diesen Glauben zu besttigen;
dagegen versichert AZARRO, zu seiner Zeit habe in Paraguay ein Tiger einen
Mann von einem Feuer in der Savane weggeholt.

Die Nacht war still und heiter und der Mond schien herrlich. Die Krokodile
lagen am Ufer; sie hatten sich so gelegt, da sie das Feuer sehen konnten.
Wir glauben bemerkt zu haben, da der Glanz desselben sie herlockt, wie
die Fische, die Krebse und andere Wasserthiere. Die Indianer zeigten uns
im Sand die Fhrten dreier Tiger, darunter zweier ganz jungen. Ohne
Zweifel hatte hier ein Weibchen seine Jungen zum Trinken an den Flu
gefhrt. Da wir am Ufer keinen Baum fanden, steckten wir die Ruder in den
Boden und befestigten unsere Hngematten daran. Alles blieb ziemlich ruhig
bis um eilf Uhr Nachts; da aber erhob sich im benachbarten Wald ein so
furchtbarer Lrm, da man beinahe kein Auge schlieen konnte. Unter den
vielen Stimmen wilder Thiere, die zusammen schrieen, erkannten unsere
Indianer nur diejenigen, die sich auch einzeln hren lieen, namentlich
die leisen Fltentne der Sapajous, die Seufzer der Alouatos, das Brllen
des Tigers und des Cuguars, oder amerikanischen Lwen ohne Mhne, das
Geschrei des Bisamschweins, des Faulthiers, des Hocco, des Parraqua und
einiger andern hhnerartigen Vgel. Wenn die Jaguars dem Waldrande sich
nherten, so fing unser Hund, der bis dahin fortwhrend gebellt hatte, an
zu heulen und suchte Schutz unter den Hngematten. Zuweilen, nachdem es
lange geschwiegen, erscholl das Brllen der Tiger von den Bumen herunter,
und dann folgte daraus das anhaltende schrille Pfeifen der Affen, die sich
wohl bei der drohenden Gefahr auf und davon machten.

Ich schildere Zug fr Zug diese nchtlichen Auftritte, weil wir zu Anfang
unserer Fahrt auf dem Apure noch nicht daran gewhnt waren. Monate lang,
aller Orten, wo der Wald nahe an die Fluufer rckt, hatten wir sie zu
erleben. Die Sorglosigkeit der Indianer macht dabei auch dem Reisenden
Muth. Man redet sich mit ihnen ein, die Tiger frchten alle das Feuer und
greifen niemals einen Menschen in seiner Hngematte an. Und solche
Angriffe kommen allerdings sehr selten vor und auf meinem langen
Aufenthalt in Sdamerika erinnere ich mich nur eines einzigen Falls, wo,
den Achaguas-Inseln gegenber, ein Llanero in seiner Hngematte
zerfleischt gefunden wurde.

Befragt man die Indianer, warum die Thiere des Waldes zu gewissen Stunden
einen so furchtbaren Lrm erheben, so geben sie die lustige Antwort: Sie
feiern den Vollmond. Ich glaube, die Unruhe rhrt meist daher, da im
innern Walde sich irgendwo ein Kampf entsponnen hat. Die Jaguars zum
Beispiel machen Jagd auf die Bisamschweine und Tapirs, die nur Schutz
finden, wenn sie beisammenbleiben, und in gedrngten Rudeln fliehend das
Gebsch, das ihnen in den Weg kommt, niederreien. Die Affen, scheu und
furchtsam, erschrecken ob dieser Jagd und beantworten von den Bumen herab
das Geschrei der groen Thiere. Sie wecken die gesellig lebenden Vgel
auf, und nicht lange, so ist die ganze Menagerie in Aufruhr. Wir werden
bald sehen, da dieser Lrm keineswegs nur bei schnem Mondschein, sondern
vorzugsweise whrend der Gewitter und starken Regengsse unter den wilden
Thieren ausbricht. Der Himmel verleihe ihnen eine ruhsame Nacht, wie uns
andern! sprach der Mnch, der uns an den Rio Negro begleitete, wenn er,
todtmde von der Last des Tages, unser Nachtlager einrichten half. Es war
allerdings seltsam, da man mitten im einsamen Wald sollte keine Ruhe
finden knnen. In den spanischen Herbergen frchtet man sich vor den
schrillen Tnen der Guitarren im anstoenden Zimmer; in denen am Orinoco,
das heit auf offenem Gestade oder unter einem einzeln stehenden Baum,
besorgt man durch Stimmen aus dem Walde im Schlaf gestrt zu werden.

Am 2. April. Wir gingen vor Sonnenaufgang unter Segel. Der Morgen war
schn und khl, wie es Leuten vorkommt, die an die groe Hitze in diesen
Lndern gewhnt sind. Der Thermometer stand in der Luft nur auf 28, aber
der trockene, weie Sand am Gestade hatte trotz der Strahlung gegen einen
wolkenlosen Himmel eine Tempetatur von 36 behalten. Die Delphine
(Toninas) zogen, in langen Reihen durch den Flu und das Ufer war mit
fischfangenden Vgeln bedeckt. Manche machen sich das Floholz, das den
Flu herabtreibt, zu Nutze und berraschen die Fische, die sich mitten in
der Strmung halten. Unser Canoe stie im Laufe des Morgens mehrmals an.
Solche Ste, wenn sie sehr heftig sind, knnen schwache Fahrzeuge
zertrmmern. Wir fuhren an den Spitzen mehrerer groer Bume auf, die
Jahre lang in schiefer Richtung im Schlamm stecken bleiben. Diese Bume
kommen beim Hochwasser aus dem Sarare herunter und verstopfen das Flubett
dergestalt, da die Piroguen stromaufwrts hufig zwischen den Untiefen
und berall, wo Wirbel sind, kaum durchkommen. Wir kamen an eine Stelle
bei der Insel Carizales, wo ungeheuer dicke Courbarilstmme aus dem Wasser
ragten. Sie saen voll Vgeln, einer Art Plotus, die der *Anhinga* sehr
nahe steht. Diese Vgel sitzen in Reihen auf, wie die Fasanen und die
Parraquas, und bleiben stundenlang, den Schnabel gen Himmel gestreckt,
regungslos, was ihnen ein ungemein dummes Aussehen gibt.

Von der Insel Carizales an wurde die Abnahme des Wassers im Flu desto
auffallender, da unterhalb der Gabelung bei der *Boca de Arichuna* kein
Arm, kein natrlicher Abzugscanal mehr dem Apure Wasser entzieht. Der
Verlust rhrt allein von der Verdunstung und Einsickerung auf sandigten,
durchnten Ufern her. Man kann sich vorstellen, wie viel die ausmacht,
wenn man bedenkt, da wir den trockenen Sand zu verschiedenen Tagesstunden
36--52, den Sand, ber dem drei bis vier Zoll Wasser standen, noch 32 Grad
warm fanden. Das Fluwasser erwrmt sich dem Boden zu, so weit die
Sonnenstrahlen eindringen knnen, ohne beim Durchgang durch die ber
einander gelagerten Wasserschichten zu sehr geschwcht zu werden. Dabei
reicht die Einsickerung weit ber das Flubett hinaus und ist, so zu
sagen, seitlich. Das Gestade, das ganz trocken scheint, ist bis zur Hhe
des Wasserspiegels mit Wasser getrnkt. Fnfzig Toisen vom Flu sahen wir
Wasser hervorquellen, so oft die Indianer die Ruder in den Boden steckten;
dieser unten feuchte, oben trockene und dem Sonnenstrahl ausgesetzte Sand
wirkt nun aber wie ein Schwamm. Er gibt jeden Augenblick durch Verdunstung
vom eingesickerten Wasser ab; der sich entwickelnde Wasserdampf zieht
durch die obere, stark erhitzte Sandschicht und wird sichtbar, wenn sich
am Abend die Luft abkhlt. Im Maa, als das Gestade Wasser abgibt, zieht
es aus dem Strom neues an, und man sieht leicht, da dieses fortwhrende
Spiel von Verdunstung und seitlicher Einsaugung dem Flu ungeheure
Wassermassen entziehen mu, nur da der Verlust schwer genau zu berechnen
ist. Die Zunahme dieses Verlustes wre der Lnge des Stromlaufes
proportional, wenn die Flsse von der Quelle bis zur Mndung berall
gleiche Ufer htten; da aber diese von den Anschwemmungen herrhren, und
die Gewsser, je weiter von der Quelle weg, desto langsamer flieen und
somit nothwendig im untern Stromlauf mehr absetzen als im obern, so werden
viele Flsse im heien Erdstrich ihrer Mndung zu seichter. BARROW hat
diese auffallende Wirkung des Sandes im stlichen Afrika an den Ufern des
Orangeflusses beobachtet. Sie gab sogar bei den verschiedenen Annahmen
ber den Lauf des Nigers zu sehr wichtigen Errterungen Anla.

Bei der *Vuelta de Basilio*, wo wir ans Land gingen, um Pflanzen zu
sammeln, sahen wir oben auf einem Baum zwei hbsche kleine pechschwarze
Affen, von der Gre des Sa, mit Wickelschwnzen. Ihrem Gesicht und ihren
Bewegungen nach konnte es weder der Coata, noch der Chamek, noch
berhaupt ein *Atele* seyn. Sogar unsere Indianer hatten nie dergleichen
gesehen. In diesen Wldern gibt es eine Menge Sapajous, welche die
Zoologen in Europa noch nicht kennen, und da die Affen, besonders die in
Rudeln lebenden und darum rhrigeren, zu gewissen Zeiten weit wandern, so
kommt es vor, da bei Eintritt der Regenzeit die Eingeborenen bei ihren
Htten welche ansichtig werden, die sie nie zuvor gesehen. Am selben Ufer
zeigten uns unsere Fhrer ein Nest junger Leguans, die nur vier Zoll lang
waren. Sie waren kaum von einer gemeinen Eidechse zu unterscheiden. Die
Rckenstacheln, die groen ausgerichteten Schuppen, all die Anhngsel, die
dem Leguan, wenn er 4 bis 5 Fu lang ist, ein so ungeheuerliches Ansehen
geben, waren kaum in Rudimenten vorhanden. Das Fleisch dieser Eidechse
fanden wir in allen sehr trockenen Lndern von angenehmem Geschmack,
selbst zu Zeiten, wo es uns nicht an andern Nahrungsmitteln fehlte. Es ist
sehr wei und nach dem Fleisch des Tatu oder Grtelthiers, das hier
_Cachicamo_ heit, eines der besten, die man in den Htten der
Eingeborenen findet.

Gegen Abend regnete es; vor dem Regen strichen die Schwalben, die
vollkommen den unsrigen glichen, ber die Wasserflche hin. Wir sahen
auch, wie ein Flug Papagayen von kleinen Habichten ohne Hauben verfolgt
wurden. Das durchdringende Geschrei der Papagayen stach vom Pfeifen der
Raubvgel seltsam ab. Wir bernachteten unter freiem Himmel am Gestade, in
der Nhe der Insel Carizales. Nicht weit standen mehrere indianische
Htten auf Pflanzungen. Unser Steuermann kndigte uns zum voraus an, da
wir den Jaguar hier nicht wrden brllen hren, weil er, wenn er nicht
groen Hunger hat, die Orte meidet, wo er nicht allein Herr ist. Die
Menschen machen ihn bellaunig, _los hombres lo enfadan_ sagt das Volk
in den Missionen, ein spahafter, naiver Ausdruck fr eine richtige
Beobachtung.

Am 3. April. Seit der Abfahrt von San Fernando ist uns kein einziges Canoe
auf dem schnen Strome begegnet. Ringsum herrscht tiefe Einsamkeit. Am
Morgen fingen unsere Indianer mit der Angel den Fisch, der hier zu Lande
_Caribe_ oder _Caribito_ heit, weil keiner so blutgierig ist. Er fllt
die Menschen beim Baden und Schwimmen an und reit ihnen oft ansehnliche
Stcke Fleisch ab. Ist man anfangs auch nur unbedeutend verletzt, so kommt
man doch nur schwer aus dem Wasser, ohne die schlimmsten Wunden davon zu
tragen. Die Indianer frchten diese Caraibenfische ungemein, und
verschiedene zeigten uns an Waden und Schenkeln vernarbte, sehr tiefe
Wunden, die von diesen kleinen Thieren herrhrten, die bei den Maypures
_Umati_ heien. Sie leben auf dem Boden der Flsse, giet man aber ein
paar Tropfen Blut ins Wasser, so kommen sie zu Tausenden herauf. Bedenkt
man, wie zahlreich diese Fische sind, von denen die gefrigsten und
blutgierigsten nur 4--5 Zoll lang werden, betrachtet man ihre dreiseitigen
schneidenden, spitzen Zhne und ihr weites retractiles Maul, so wundert
man sich nicht, da die Anwohner des Apure und des Orinoco den Caribe so
sehr frchten. An Stellen, wo der Flu ganz klar und kein Fisch zu sehen
war, warfen wir kleine blutige Fleischstcke ins Wasser. In wenigen
Minuten war ein ganzer Schwarm von Caraibenfischen da und stritt sich um
den Fra. Der Fisch hat einen kantigen, sgenfrmig gekerbten Bauch, ein
Merkmal, das mehreren Gattungen, den *Serra-Salmen*, den *Myleten* und den
*Pristigastern* zukommt. Nach dem Vorhandenseyn einer zweiten fetten
Rckenfloe und der Form der von den Lippen bedeckten, auseinander
stehenden, in der untern Kinnlade greren Zhne gehrt der Caribe zu den
Serra-Salmen. Er hat ein viel weiter gespaltenes Maul als CUVIERs Myleten.
Der Krper ist am Rcken aschgrau, ins Grnliche spielend; aber Bauch,
Kiemen, Brust-, Bauch- und Afterfloen sind schn orangegelb. Im Orinoco
kommen drei Arten (oder Spielarten?) vor, die man nach der Gre
unterscheidet. Die mittlere scheint identisch mit MARCGRAVs mittlerer Art
des Piraya oder Piranha (_Salmo rhombeus_, LINN). Ich habe sie an Ort und
Stelle gezeichnet. Der Caribito hat einen sehr angenehmen Geschmack. Weil
man nirgends zu baden wagt, wo er vorkommt, ist er als eine der grten
Plagen dieser Landstriche zu betrachten, wo der Stich der Moskitos und der
Ueberreiz der Haut das Baden zu einem dringenden Bedrfni machen.

Wir hielten gegen Mittag an einem unbewohnten Ort, *Algodonal* genannt.
Ich trennte mich von meinen Gefhrten, whrend man das Fahrzeug ans Land
zog und das Mittagessen rstete. Ich ging am Gestade hin, um in der Nhe
einen Trupp Krokodile zu beobachten, die in der Sonne schliefen, wobei sie
ihre mit breiten Platten belegten Schwnze auf einander legten. Kleine
schneeweie Reiher(6) liefen ihnen auf dem Rcken, sogar auf dem Kopf
herum, als wren es Baumstmme. Die Krokodile waren graugrn, halb mit
trockenem Schlamm berzogen; ihrer Farbe und ihrer Regungslosigkeit nach
konnte man sie fr Bronzebilder halten. Wenig fehlte aber, so wre mir der
Spaziergang bel bekommen. Ich hatte immer nur nach dem Flusse hin
gesehen, aber indem ich Glimmerblttchen aus dem Sande aufnahm, bemerkte
ich die frische Fhrte eines Tigers, die an ihrer Form und Gre so leicht
zu erkennen ist. Das Thier war dem Walde zu gegangen, und als ich nun
dorthin blickte, sah ich achtzig Schritte von mir einen Jaguar unter dem
dichten Laub eines Ceiba liegen. Nie ist mir ein Tiger so gro
vorgekommen.

Es gibt Vorflle im Leben, wo man vergeblich die Vernunft zu Hlfe ruft.
Ich war sehr erschrocken, indessen noch soweit Herr meiner selbst und
meiner Bewegungen, da ich die Verhaltungsregeln befolgen konnte, die uns
die Indianer schon oft fr dergleichen Flle ertheilt hatten. Ich ging
weiter, lief aber nicht; ich vermied es, die Arme zu bewegen, und glaubte
zu bemerken, da der Jaguar mit seinen Gedanken ganz bei einer Heerde
Capybaras war, die ber den Flu schwammen. Jetzt kehrte ich um und
beschrieb einen ziemlich weiten Bogen dem Ufer zu. Je weiter ich von ihm
weg kam, desto rascher glaubte ich gehen zu knnen. Wie oft war ich in
Versuchung, mich umzusehen, ob ich nicht verfolgt werde! Glcklicherweise
gab ich diesem Drange erst sehr spt nach. Der Jaguar war ruhig liegen
geblieben. Diese ungeheuren Katzen mit geflecktem Fell sind hier zu Lande,
wo es Capybaras, Bisamschweine und Hirsche im Ueberflu gibt, so gut
genhrt, da sie selten einen Menschen anfallen. Ich kam athemlos beim
Schiffe an und erzhlte den Indianern mein Abenteuer. Sie schienen nicht
viel daraus zu machen; indessen luden wir unsere Flinten und sie gingen
mit uns auf den Ceibabaum zu, unter dem der Jaguar gelegen. Wir trafen ihn
nicht mehr, und ihm in den Wald nachzugehen, war nicht gerathen, da man
sich zerstreuen oder in einer Reihe durch die verschlungenen Lianen gehen
mu.

Abends kamen wir an der Mndung des *Cao del Manati* vorber, so genannt
wegen der ungeheuern Menge Manatis oder Lamantins, die jhrlich hier
gefangen werden. Dieses grasfressende Wassersugethier, das die Indianer
_Apcia_ und _Avia_ nennen, wird hier meist 10--12 Fu lang und 500--800
Pfund schwer. Wir sahen das Wasser mit dem Koth desselben bedeckt, der
sehr stinkend ist, aber ganz dem des Rindviehs gleicht. Es ist im Orinoco
unterhalb der Katarakten, im Meta und im Apure zwischen den beiden Inseln
Carizales und Conserva sehr hufig. Wir fanden keine Spur von Ngeln auf
der uern Flche und am Rande der Schwimmfloen, die ganz glatt sind;
zieht man aber die Haut der Floe ab, so zeigen sich an der dritten
Phalange kleine Ngelrudimente. Bei einem 9 Fu langen Thier, das wir in
Carichana, einer Mission am Orinoco, zergliederten, sprang die Oberlippe
vier Zoll ber die untere vor. Jene ist mit einer sehr zarten Haut
bekleidet und dient als Rel oder Fhler zum Betasten der vorliegenden
Krper. Die Mundhhle, die beim frisch getdteten Thier auffallend warm
ist, zeigt einen ganz eigenthmlichen Bau. Die Zunge ist fast unbeweglich;
aber vor derselben befindet sich in jeder Kinnlade ein fleischiger Knopf
und eine mit sehr harter Haut ausgekleidete Hhlung, die in einander
passen. Der Lamantin verschluckt so viel Gras, da wir sowohl den in
mehrere Fcher getheilten Magen, als den 108 Fu langen Darm ganz damit
angefllt fanden. Schneidet man das Thier am Rcken auf, so erstaunt man
ber die Gre, Gestalt und Lage seiner Lunge. Sie hat ungemein groe
Zellen und gleicht ungeheuren Schwimmblasen; sie ist drei Fu lang. Mit
Luft gefllt hat sie ein Volumen von mehr als tausend Cubikzoll. Ich mute
mich nur wundern, da der Lamantin mit so ansehnlichen Luftbehltern so
oft an die Wasserflche heraufkommt, um zu athmen. Sein Fleisch, das, aus
irgend einem Vorurtheil, fr ungesund und _calenturioso_ (fiebererzeugend)
gilt, ist sehr schmackhaft; es schien mir mehr Aehnlichkeit mit
Schweinefleisch als mit Rindfleisch zu haben. Die Guamos und Otamacos
essen es am liebsten, daher geben sich auch diese zwei Stmme vorzugsweise
mit dem Seekuhfang ab. Das eingesalzene und an der Sonne gedrrte Fleisch
wird das ganze Jahr aufbewahrt, und da dieses Sugethier bei der Clerisei
fr einen Fisch gilt, so ist es in den Fasten sehr gesucht. Der Lamantin
hat ein uerst zhes Leben; man harpunirt ihn und bindet ihn sodann,
schlachtet ihn aber erst, nachdem er in die Pirogue geschafft worden. Die
geschieht oft, wenn das Thier sehr gro ist, mitten auf dem Flusse, und
zwar so, da man die Pirogue zu zwei Drittheilen mit Wasser fllt, sie
unter das Thier schiebt und mit einer Krbiflasche wieder ausschpft. Am
leichtesten sind sie am Ende der groen Ueberschwemmungen zu fangen, wenn
sie aus den Strmen in die umliegenden Seen und Smpfe gerathen sind und
das Wasser schnell fllt. Zur Zeit, wo die Jesuiten den Missionen am
untern Orinoco vorstanden, kamen diese alle Jahre in Cabruta unterhalb dem
Apure zusammen, um mit den Indianern aus ihren Missionen am Fue des
Bergs, der. gegenwrtig *el Capuchino* heit, eine groe Seekuhjagd
anzustellen. Das Fett des Thiers, die _manteca de manati_ wird in den
Kirchenlampen gebrannt, und man kocht auch damit. Es hat nicht den
widrigen Geruch des Wallfischthrans, oder des Fetts anderer Cetaceen mit
Spritzlchern. Die Haut der Seekuh, die ber anderthalb Zoll dick ist,
wird in Streifen zerschnitten und diese dienen in den Llanos, wie die
Streifen von Ochsenhaut, als Stricke. Kommt sie ins Wasser, so hat sie den
Fehler, da sie zu faulen anfngt. Man macht in den spanischen Colonien
Peitschen daraus, daher auch die Worte _latigo_ und _manati_
gleichbedeutend sind. Diese Peitschen aus Seekuhhaut sind ein
schreckliches Werkzeug zur Zchtigung der unglcklichen Sklaven, ja der
Indianer in den Missionen, die nach den Gesetzen als freie Menschen
behandelt werden sollten.

Wir bernachteten der Insel Conserva gegenber. Als wir am Waldsaume
hingingen, fiel uns ein ungeheurer, siebzig Fu hoher, mit versteten
Dornen bedeckter Baum auf. Die Indianer nennen ihn _barba de tigre_. Es
ist vielleicht ein Baum aus der Familie der Berberideen oder Sauerdorne.
Die Indianer hatten unsere Feuer dicht am Wasser angezndet; da fanden wir
wieder, da sein Glanz die Krokodile herlockte, und sogar die Delphine
(Toninas), deren Lrm uns nicht schlafen lie, bis man das Feuer
auslschte. Wir wurden in dieser Nacht zweimal auf die Beine gebracht, was
ich nur anfhre, weil es ein paar Zge zum Bilde dieser Wildni liefert.
Ein weiblicher Jaguar kam unserem Nachtlager nahe, um sein Junges am
Strome trinken zu lassen. Die Indianer verjagten ihn; aber noch geraume
Zeit hrten wir das Geschrei des Jungen, das wie das Miauen einer jungen
Katze klang. Bald darauf wurde unsere groe Dogge von ungeheuern
Fledermusen, die um unsere Hngematten flattevten, vorne an der Schnauze
gebissen, oder, wie die Eingeborenen sagen, *gestochen*. Sie hatten lange
Schwnze wie die Molossen; ich glaube aber, da es Phyllostomen waren,
deren mit Warzen besetzte Zunge ein Saugorgan ist, das sie bedeutend
verlngern knnen. Die Wunde war ganz klein und rund. Der Hund heulte
klglich, sobald er den Bi fhlte, aber nicht aus Schmerz, sondern weil
er ber die Fledermuse, als sie unter unsern Hngematten hervorkamen,
erschrak. Dergleichen Flle sind weit seltener, als man im Lande selbst
glaubt. Obgleich wir in Lndern, wo die Vampyre und hnliche
Fledermausarten so hufig sind, so manche Nacht unter freiem Himmel
geschlafen haben, sind wir doch nie von ihnen gebissen worden. Ueberdem
ist der *Stich* keineswegs gefhrlich und der Schmerz meist so
unbedeutend, da man erst aufwacht, wenn die Fledermaus sich bereits
davongemacht hat.

Am 4. April. Die war unser letzter Tag auf dem Apure. Der Pflanzenwuchs
an den Ufern wurde immer einfrmiger. Seit einigen Tagen, besonders seit
der Mission Arichuna, fingen wir an arg von den Insekten geqult zu
werden, die sich uns auf Gesicht und Hnde setzten. Es waren keine
*Moskitos*, die den Habitus kleiner Mcken von der Gattung _Simulium_
haben,(7) sondern *Zancudos*, chte Schnacken, aber von unserem _Culex
pipiens_ ganz verschieden. Sie kommen erst nach Sonnenuntergang zum
Vorschein; ihr Saugrssel ist so lang, da, wenn sie sich an die
Unterseite der Hngematte setzen, ihr Stachel durch die Hngematte und die
dicksten Kleider dringt.

Wir wollten in der *Vuelta del Palmito* bernachten, aber an diesem Strich
des Apure gibt es so viele Jaguars, da unsere Indianer, als sie unsere
Hngematten befestigen wollten, ihrer zwei hinter einem Courbarilstamm
versteckt fanden. Man rieth uns, das Schiff wieder zu besteigen und unser
Nachtlager auf der Insel Apurito, ganz nahe beim Einflu in den Orinoco,
aufzuschlagen. Dieser Theil der Insel gehrt zu der Provinz Caracas,
dagegen das rechte Ufer des Apure zu der Provinz Barinas und das rechte
Ufer des Orinoco zu spanisch Guyana. Wir fanden keine Bume, um unsere
Hngematten zu befestigen, und muten am Boden auf Ochsenhuten schlafen.
Die Canoes sind zu eng und wimmeln zu sehr von Zancudos, als da man darin
bernachten knnte.

An der Stelle, wo wir unsere Instrumente ans Land gebracht hatten, war das
Ufer ziemlich steil, und da sahen wir denn einen neuen Beweis von der oben
besprochenen Trgheit der hhnerartigen Vgel unter den Tropen. Die Hoccos
und Pauxis(8) kommen immer mehrmals des Tags an den Flu herunter, um
ihren Durst zu lschen. Sie trinken viel und in kurzen Pausen. Eine Menge
dieser Vgel und ein Schwarm Parraquas-Fasanen hatten sich bei unserem
Nachtlager zusammengefunden. Es wurde ihnen sehr schwer, am abschssigen
Ufer hinaufzukommen; sie versuchten es mehreremale, ohne ihre Flgel zu
brauchen. Wir jagten sie vor uns her wie Schaafe. Die Zamurosgeier
entschlieen sich gleichfalls sehr schwer zum Auffliegen.

Ich konnte nach Mitternacht eine gute Beobachtung der Meridianhhe von {~GREEK SMALL LETTER ALPHA~}
des sdlichen Kreuzes anstellen. Der Einflu des Apure liegt unter
7 36{~PRIME~} 23{~DOUBLE PRIME~} der Breite. Pater GUMILLA gibt 5 5{~PRIME~}, D'ANVILLE 7 3{~PRIME~}, CAULIN
7 26{~PRIME~} an. Die Lnge der *Boca* des Apure ist nach den Sonnenhhen, die
ich am 5. April Morgens aufgenommen, 69 7{~PRIME~} 29{~DOUBLE PRIME~}, oder 1 12{~PRIME~} 41{~DOUBLE PRIME~} stlich
vom Meridian von San Fernando.

*Am 5. April*. Es fiel uns sehr auf, wie gering die Wassermasse ist,
welche der Apure in dieser Jahreszeit dem Orinoco zufhrt. Derselbe Strom,
der nach meinen Messungen beim *Cao ricco* noch 136 Toisen breit war, ma
an seiner Ausmndung nur zwischen 60 und 80.(9) Seine Tiefe betrug hier
nur 3--4 Toisen. Er verliert allerdings Wasser durch den Rio Arichuna und
den Cao del Manati, zwei Arme des Apure, die zum Payara und Guarico
laufen; aber der grte Verlust scheint von der Einsickerung an den Ufern
herzurhren, von der oben die Rede war. Die Geschwindigkeit der Strmung
bei der Ausmndung war nur 3 Fu in der Secunde, so da ich die ganze
Wassermasse leicht berechnen knnte, wenn mir durch Sondirungen in kurzen
Abstnden alle Dimensionen des Querschnitts bekannt wren. Der Barometer,
der in San Fernando, 28 Fu ber dem mittleren Wasserstand des Apure, um
9-1/2 Uhr Morgens 335,6 Linien hoch gestanden hatte, stand an der
Ausmndung des Apure in den Orinoco 337,3 Linien hoch. Rechnet man die
ganze Lnge des Wegs (die Krmmungen des Stroms mitgerechnet(10)) zu 94
Seemeilen oder 893,000 Toisen und nimmt man die kleine, wegen der
stndlichen Schwankung des Barometers vorzunehmende Correction in
Rechnung, so ergibt sich im Durchschnitt ein Geflle von 13 Zoll auf die
Seemeile von 950 Toisen. LA CONDAMINE und der gelehrte Major RENNEL
glauben, da der Fall des Amazonenstroms und des Ganges durchschnittlich
kaum 4--5 Zoll auf die Seemeile betrgt.

Wir fuhren, ehe wir in den Orinoco einliefen, mehrmals auf; die
Anschwemmungen sind beim Zusammenflu der beiden Strme ungeheuer gro.
Wir muten uns lngs des Ufers am Tau ziehen lassen. Welcher Contrast
zwischen diesem Zustand des Stroms unmittelbar vor dem Beginn der
Regenzeit, wo die Wirkungen der Trockenheit der Luft und der Verdunstung
ihr Maximum erreicht haben, und dem Stand im Herbste, wo der Apure gleich
einem Meeresarm, so weit das Auge reicht, ber den Grasfluren steht! Gegen
Sd sahen wir die einzelnstehenden Hgel bei Coruato; im Osten fingen die
Granitfelsen von Curiquima, der Zuckerhut von Caycara und die *Cerros del
Tirano* an ber den Horizont emporzusteigen. Mit einem gewissen Gefhl der
Rhrung sahen wir zum erstenmale, wornach wir uns so lange gesehnt, die
Gewsser des Orinoco, an einem von der Meereskste so weit entfernten
Punkte.

                            ------------------





    1 Ganz besonders geschickt wissen die Esel sich die Feuchtigkeit im
      Innern des _Cactus melocactus_ zu Nutze zu machen. Sie stoen die
      Stacheln mit den Fen ab, und man sieht welche in Folge dieses
      Verfahrens hinken.

    2 Wir bezahlten von San Fernando de Apure bis Carichana am Orinoco
      (acht Tagereisen) 10 Piaster fr die Lancha, und auerdem dem
      Steuermann einen halben Piaster oder vier Realen und jedem der
      indianischen Ruderer zwei Realen Taglohn.

    3 Es ist die der _Arue_ der Tamanaken, der _Amana_ der Maypuren,
      CUVIERs _Crocodilus acutus_.

    4 Um die Geschwindigkeit eines Stroms an der Oberflche zu ermitteln,
      maa ich meist am Ufer eine Standlinie von 250 Fu ab und bemerkte
      mit dem Chronometer die Zeit, die ein frei im Strom schwimmender
      Krper brauchte, um dieselbe Strecke zurckzulegen.

    5 Eine Mimosenart.

_    6 Garzon Chico_. In Obergypten glaubt man, die Reiher haben eine
      Zuneigung zum Krokodil, weil sie sich beim Fischfang den Umstand zu
      Nutze machen, da die Fische sich ber das ungeheure Thier entsetzen
      und sich vor ihm vom Grunde des Wassers an die Oberflche
      heraufflchten; aber an den Ufern des Nils kommt der Reiher dem
      Krokodil klglich nicht zu nahe.

    7 LATREILLE hat gefunden, da die *Moustiques* in Sd-Carolina zur
      Gattung _Simulium_ (_Atractocera_, Meigen) gehren.

    8 Letzterer (_Crax Pauxi_) ist nicht so hufig als ersterer.

    9 Die ist nicht ganz die Breite der Seine am Pontroyal, den Tuilerien
      gegenber.

   10 Ich schtzte sie auf ein Viertheil der geraden Entfernung.





NEUNZEHNTES KAPITEL.


        Zusammenflu des Apure mit dem Orinoco. -- Die Gebirge von
     Encaramada. -- Uruana. -- Baraguan. -- Carichana. -- Der Einflu
                     des Meta. -- Die Insel Panumana.


Mit der Ausfahrt aus dem Apure sahen wir uns in ein ganz anderes Land
versetzt. So weit das Auge reichte, dehnte sich eine ungeheure
Wasserflche, einem See gleich, vor uns aus. Das durchdringende Geschrei
der Reiher, Flamingos und Lffelgnse, wenn sie in langen Schwrmen von
einem Ufer zum andern ziehen, erfllte nicht mehr die Luft. Vergeblich
sahen wir uns nach den Schwimmvgeln um, deren gewerbsmszige Listen bei
jeder Sippe wieder andere sind. Die ganze Natur schien weniger belebt.
Kaum bemerkten wir in den Buchten der Wellen hie und da ein groes
Krokodil, das mittelst seines langen Schwanzes die bewegte Wasserflche
schief durchschnitt. Der Horizont war von einem Waldgrtel begrenzt, aber
nirgends traten die Wlder bis ans Strombett vor. Breite, bestndig der
Sonnengluth ausgesetzte Ufer, kahl und drr wie der Meeresstrand, glichen
in Folge der Luftspiegelung von weitem Lachen stehenden Wassers. Diese
sandigten Ufer verwischten vielmehr die Grenzen des Stromes, statt sie fr
das Auge festzustellen; nach dem wechselnden Spiel der Strahlenbrechung
rckten die Ufer bald nahe heran, bald wieder weit weg.

Diese zerstreuten Landschaftszge, dieses Geprge von Einsamkeit und
Groartigkeit kennzeichnen den Lauf des Orinoco, eines der gewaltigsten
Strme der neuen Welt. Aller Orten haben die Gewsser wie das Land ihren
eigenthmlichen, individuellen Charakter. Das Bett des Orinoco ist ganz
anders als die Betten des Meta, des Guaviare, des Rio Negro und des
Amazonenstroms. Diese Unterschiede rhren nicht blo von der Breite und
der Geschwindigkeit des Stromes her; sie beruhen auf einer Gesammtheit von
Verhltnissen, die an Ort und Stelle leichter aufzufassen, als genau zu
beschreiben sind. So erriethe ein erfahrener Schiffer schon an der Form
der Wogen, an der Farbe des Wassers, am Aussehen des Himmels und der
Wolken, ob er sich im atlantischen Meer, oder im Mittelmeer, oder im
tropischen Strich des groen Oceans befindet.

Der Wind wehte stark aus Ost-Nord-Ost; er war uns gnstig, um
stromaufwrts nach der Mission Encaramada zu segeln; aber unsere Pirogue
leistete dem Wogenschlag so geringen Widerstand, da, wer gewhnlich
seekrank wurde, bei der heftigen Bewegung selbst auf dem Flu sich sehr
unbehaglich fhlte. Das Scholken rhrt daher, da die Gewsser der beiden
Strme beider Bereinigung auf einander stoen. Dieser Sto ist sehr stark,
aber lange nicht so gefhrlich, als Pater GUMILLA behauptet. Wir fuhren an
der Punta Curiquima vorbei, einer einzeln stehenden Masse von quarzigem
Granit, einem kleinen, aus abgerundeten Blcken bestehenden Vorgebirge.
Hier, auf dem rechten Ufer des Orinoco, hatte zur Zeit der Jesuiten Pater
Rotella unter den Palenques- und Biriviri-Indianern eine Mission angelegt.
Bei Hochwasser waren der Berg Curiquima und das Dorf am Fu desselben
rings von Wasser umgeben. Wegen dieses groen Uebelstandes und wegen der
Unzahl Moskitos und _'Niguas'_,(11) von denen Missionre und Indianer
geplagt wurden, gab man den feuchten Ort auf. Jetzt ist er vllig
verlassen, whrend gegenber auf dem linken Ufer in den Hgeln von Coruato
herumziehende Indianer hausen, die entweder aus den Missionen oder aus
freien, den Mnchen nicht unterworfenen Stmmen ausgestoen worden sind.

Die ungemeine Breite des Orinoco zwischen der Einmndung des Apure und dem
Berge Curiquima fiel mir sehr auf; ich berechnete sie daher nach einer
Standlinie, die ich am westlichen Ufer zweimal abgemessen. Das Bett des
Orinoco war beim gegenwrtigen tiefen Wasserstand 1906 Toisen breit; aber
in der Regenzeit, wenn der Berg Curiquima und der Hof Capuchino beim Hgel
Pocopocori Inseln sind, mgen es 5517 Toisen werden. Zum starken
Anschwellen des Orinoco trgt auch der Druck der Wasser des Apure bei, der
nicht, wie andere Nebenflsse, mit dem Obertheil des Hauptstroms einen
spitzen Winkel bildet, sondern unter einem rechten Winkel einmndet. Wir
maen an verschiedenen Punkten des Bettes die Temperatur des Wassers;
mitten im Thalweg, wo die Strmung am strksten ist, betrug sie 28,3, in
der Nhe der Ufer 29,2.

Wir fuhren zuerst gegen Sdwest hinaus bis zum Gestade der
Guaricotos-Indianer auf dem linken Ufer des Orinoco, und dann gegen Sd.
Der Strom ist so breit, da die Berge von Encaramada aus dem Wasser
emporzusteigen scheinen, wie wenn man sie ber dem Meereshorizont she.
Sie bilden eine ununterbrochene, von Ost nach West streichende Kette, und
je nher man ihnen kommt, desto malerischer wird die Landschaft. Diese
Berge bestehen aus ungeheuren zerklfteten, auf einander gethrmten
Granitblcken. Die Theilung der Gebirgsmasse in Blcke ist eine Folge der
Verwitterung. Zum Reiz der Gegend von Encaramada trgt besonders der
krftige Pflanzenwuchs bei, der die Felswnde bedeckt und nur die
abgerundeten Gipfel frei lt. Man meint, altes Gemuer rage aus einem
Walde empor. Aus dem Berg, an den sich die Mission lehnt, dem *Tepupano*
der Tamanacos, stehen drei ungeheure Granitcylinder, von denen zwei
geneigt sind, whrend der dritte, unten schmlere und ber 80 Fu hohe,
senkrecht stehen geblieben ist. Dieser Felsen, dessen Form an die
*Schnarcher* im Harz oder an die *Orgeln von Actopan* in Mexico erinnert,
war frher ein Stck des runden Berggipfels. Zu allen Erdstrichen hat der
nicht geschichtete Granit das Eigenthmliche, da er durch Verwitterung in
prismatische, cylindrische oder sulenfrmige Blcke zerfllt.

Gegenber dem Gestade der Guaricotos kamen wir in die Nhe eines andern,
ganz niedrigen, drei bis vier Toisen langen Felshaufens. Er steht mitten
in der Ebene und gleicht nicht sowohl einem Tumulus als den Granitmassen,
die man in Holland und Niederdeutschland _'Hnenbetten'_ nennt. Der
Ufersand an diesem Stck des Orinoco ist nicht mehr reiner Quarzsand, er
besteht aus Thon und Glimmerblttchen in sehr dnnen Schichten, die meist
unter einen Winkel von 40--50 Grad fallen; er sieht aus wie verwitterter
Glimmerschiefer. Dieser Wechsel in der geologischen Beschaffenheit der
Ufer tritt schon weit oberhalb der Mndung des Apure ein; schon beim
Algodonal und beim Cao de Manati fingen wir in letzterem Flusse an
denselben zu bemerken. Die Glimmerblttchen kommen ohne Zweifel von den
Granitbergen von Curiquima und Encaramada, denn weiter nach Nord und Ost
findet man nur Quarzsand, Sandstein, festen Kalkstein und Gyps. Da
Anschwemmungen von Sd nach Nord gefhrt werden, kann am Orinoco nicht
befremden; aber wie erklrt sich dieselbe Erscheinung im Bett des Apure,
sieben Meilen westwrts von seiner Ausmndung? Beim gegenwrtigen Zustand
der Dinge luft der Apure auch beim hchsten Wasserstand des Orinoco nie
so weit rckwrts, und um sich von der Erscheinung Rechenschaft zu geben,
mu man annehmen, die Glimmerschichten haben sich zu einer Zeit
niedergeschlagen, wo der ganze, sehr tief gelegene Landstrich zwischen
Caycara, dem Algodonal und den Bergen von Encaramada ein Seebecken war.

Wir verweilten einige Zeit im Hafen von Encaramada; es ist die eine Art
Ladeplatz, wo die Schiffe zusammenkommen. Das Ufer besteht aus einem
40--50 Fu hohen Felsen, wieder jenen aufeinander gethrmten
Granitblcken, wie sie am Schneeberg in Franken und fast in allen
Granitgebirgen in Europa vorkommen. Manche dieser abgesonderten Massen
sind kugeligt; es sind aber keine Kugeln mit concentrischen Schichten,
sondern nur abgerundete Blcke, Kerne, von denen das umhllende Gestein
abgewittert ist. Der Granit ist bleigrau, oft schwarz, wie mit Manganoxyd
berzogen; aber diese Farbe dringt kaum 1/5 Linie tief ins Gestein, das
rthlich wei, grobkrnig ist und keine Hornblende enthlt.

Die indianischen Namen der Mission *San Luis del ** Encaramada* sind
_Guaja_ und _Caramana_.(12) Es ist die das kleine Dorf, das im Jahr 1749
vom Jesuitenpater GILI, dem Verfasser der in Rom gedruckten _Storia dell
Orinoco_, gegrndet wurde. Dieser in den Indianersprachen sehr bewanderte
Mann lebte hier achtzehn Jahre in der Einsamkeit bis zur Vertreibung der
Jesuiten. Man bekommt einen Begriff davon, wie de diese Landstriche sind,
wenn man hrt, da Pater Gili von Carichana, das 40 Meilen von Encaramada
liegt, wie von einem weit entlegenen Orte spricht, und da er nie bis zu
dem ersten Katarakt des Stromes gekommen ist, an dessen Beschreibung er
sich gewagt hat.

Im Hafen von Encaramada trafen wir Caraiben aus Panapana. Es war ein
Cazike, der in seiner Pirogue zum berhmten Schildkrteneierfang den Flu
hinausging. Seine Pirogue war gegen den Boden zugerundet wie ein *Bongo*
und fhrte ein kleineres Canoe, _'Curiara'_ genannt, mit sich. Er sa
unter einer Art Zelt (_Toldo_), das, gleich dem Segel, aus Palmblttern
bestand. Sein kalter, einsylbiger Ernst, die Ehrerbietung, die die
Seinigen ihm bezeugten, Alles zeigte, da man einen groen Herrn vor sich
hatte. Der Cazike trug sich brigens ganz wie seine Indianer; alle waren
nackt, mit Bogen und Pfeilen bewaffnet und mit *Onoto*, dem Farbestoff des
Rocou, bemalt. Huptling, Dienerschaft, Gerthe, Fahrzeug, Segel, Alles
war roth angestrichen. Diese Caraiben sind Menschen von fast athletischem
Wuchs; sie schienen uns weit hher gewachsen als die Indianer, die wir
bisher gesehen. Ihre glatten, dichten, auf der Stirne wie bei den
Chorknaben verschnittenen Haare, ihre schwarz gefrbten Augenbrauen, ihr
finsterer und doch lebhafter Blick gaben ihrem Gesichtsausdruck etwas
ungemein Hartes. Wir hatten bis jetzt nur in den Cabineten in Europa ein
paar Caraibenschdel von den Antillen gesehen und waren daher berrascht,
da bei diesen Indianern von reinem Blute die Stirne weit gewlbter war,
als man sie uns beschrieben. Die sehr groen, aber ekelhaft schmutzigen
Weiber trugen ihre kleinen Kinder auf dem Rcken. Die Ober- und
Unterschenkel der Kinder waren in gewissen Abstnden mit breiten Binden
aus Baumwollenzeug eingeschnrt. Das Fleisch unter den Binden wird stark
zusammengepret und quillt in den Zwischenrumen heraus. Die Caraiben
verwenden meist auf ihr Aeueres und ihren Putz so viel Sorgfalt, als
nackte und roth bemalte Menschen nur immer knnen. Sie legen bedeutenden
Werth auf gewisse Krperformen, und eine Mutter wrde gewissenloser
Gleichgltigkeit gegen ihre Kinder beschuldigt, wenn sie ihnen nicht durch
knstliche Mittel die Waden nach der Landessitte formte. Da keiner unserer
Indianer vom Apure caraibisch sprach, konnten wir uns beim Caziken von
Panapana nicht nach den Lagerpltzen erkundigen, wo man in dieser
Jahreszeit auf mehreren Inseln im Orinoco zum Sammeln der Schildkrteneier
zusammenkommt.

Bei Encaramada trennt eine sehr lange Insel den Strom in zwei Arme. Wir
bernachteten in einer Felsenbucht, gegenber der Einmndung des Rio
Cabullare, zu dem der Payara und der Atamaic sich vereinigen, und den
manche als einen Zweig des Apure betrachten, weil er mit diesem durch den
Rio Arichuna in Verbindung steht. Der Abend war schn; der Mond beschien
die Spitzen der Granitfelsen. Trotz der Feuchtigkeit der Luft war die
Wrme so gleichmig vertheilt, da man kein Sternflimmern bemerkte,
selbst nicht 4 oder 5 Grad ber dem Horizont. Das Licht der Planeten war
auffallend geschwcht, und liee mich nicht die Kleinheit des scheinbaren
Durchmessers Jupiters einen Irrthum in der Beobachtung frchten, so sagte
ich, wir alle glaubten hier zum erstenmal mit bloem Auge die Scheibe
Jupiters zu sehen. Gegen Mitternacht wurde der Nordostwind sehr heftig. Er
fhrte keine Wolken heraus, aber der Himmel bezog sich mehr und mehr mit
Dunst. Es traten starke Windste ein und machten uns fr unsere Pirogue
besorgt. Wir hatten den ganzen Tag ber nur sehr wenige Krokodile gesehen,
aber lauter ungewhnlich groe, 20--24 Fu lange. Die Indianer
versicherten uns, die jungen Krokodile suchen lieber die Lachen und
weniger breite und tiefe Flsse auf; besonders in den Caos sind sie in
Menge zu finden, und man knnte von ihnen sagen, was ABD-ALLATIF von den
Nilkrokodilen sagt, sie wimmeln wie Wrmer an den seichten Stromstellen
und im Schutz der unbewohnten Inseln.

Am 6. April. Wir fuhren erst gegen Sd, dann gegen Sdwest weiter den
Orinoco hinauf und bekamen den Sdabhang der *Serrania* oder der Bergkette
Encaramada zu Gesicht. Der dem Flu am nchsten gelegene Strich ist nicht
mehr als 140--160 Toisen hoch, aber die steilen Abhnge, die Lage mitten
in einer Savane; ihre in unfrmliche Prismen zerklfteten Felsgipfel
lassen die Serrania auffallend hoch erscheinen. Ihre grte Breite betrgt
nur drei Meilen; nach den Mittheilungen von Pareka-Indianern wird sie
gegen Ost bedeutend breiter. Die Gipfel der Encaramada bilden den
nrdlichsten Zug eines Bergstocks, welcher sich am rechten Ufer des
Orinoco zwischen dem 5. und 7-1/2 Grad der Breite, vom Einflu des Rio
Zama bis zu dem des Cabullare hinzieht. Zwischen den verschiedenen Zgen
dieses Bergstocks liegen kleine grasbewachsene Ebenen. Sie laufen einander
nicht ganz parallel, denn die nrdlichsten ziehen sich von West nach Ost,
die sdlichsten von Nordwest nach Sdost. Aus dieser verschiedenen
Richtung erklrt sich vollkommen, warum die Cordillere der Parime gegen
Ost, zwischen den Quellen des Orinoco und des Rio Paruspa, breiter wird.
Wenn wir einmal ber die groen Katarakten von Atures und Maypures hinauf
gelangt sind, werden wir hinter einander sieben Hauptketten erscheinen
sehen, die Berge Encaramada oder Sacuina, Chaviripa, Baraguan, Carichana,
Uniama, Calitamini und Sipapo. Diese Uebersicht mag einen allgemeinen
Begriff von der geologischen Beschaffenheit des Bodens geben. Ueberall auf
dem Erdball zeigen die Gebirge, wenn sie noch so unregelmig gruppirt
scheinen, eine Neigung zu regelmigen Formen. Jede Kette erscheint einem,
wenn man auf dem Orinoco fhrt, im Querschnitt als ein einzelner Berg,
aber die Isolirung ist nur scheinbar. Die Regelmigkeit im Streichen und
dem Auseinandertreten der Ketten scheint geringer zu werden, je weiter man
gegen Osten kommt. Die Berge der Encaramada hngen mit denen des Mato
zusammen, in welchen der Rio Asiveru oder Cuchivero entspringt; die Berge
von Chaviripe erstrecken sich durch ihre Auslufer, die Granitberge
Corosal, Amoco und Murcielago, bis zu den Quellen des Erevato und
Ventuari.

Ueber diese Berge, die von sanftmthigen, ackerbauenden Indianern bewohnt
sind, lie bei der Expedition an die Grenze General Iturriaga das Hornvieh
gehen, mit dem die neue Stadt San Fernando de Atobapo versorgt werden
sollte. Die Einwohner der Encaramada zeigten da den spanischen Soldaten
den Weg zum Rio Manapiari, der in den Ventuari mndet. Fhrt man diese
beiden Flsse hinab, so gelangt man in den Orinoco und Atobapo, ohne ber
die groen Katarakten zu kommen, ber welche Vieh hinaufzuschaffen so gut
wie unmglich wre. Der Unternehmungsgeist, der den Castilianern zur Zeit
der Entdeckung von Amerika in so vorzglichem Grade eigen war, lebte in
der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts auf kurze Frist noch einmal auf,
als Knig Ferdinand VI. die wahren Grenzen seiner ungeheuren Besitzungen
kennen lernen wollte, und in den Wldern von Guyana, dem classischen Lande
der Lge und der mhrchenhaften Ueberlieferungen, die Arglist der Indianer
die chimrische Vorstellung von den Schtzen des Dorado, welche die
Einbildungskraft der ersten Eroberer so gewaltig beschftigt hatte, von
Neuem in Umlauf brachte.

In diesen Bergen der Encaramada, die, wie der meiste grobkrnige Granit,
keine Gnge enthalten, fragt man sich, wo die Goldgeschiebe herkommen,
welche Juan MARTINEZ(13) und RALEGH bei den Indianern am Orinoco in so
groer Menge gesehen haben wollen. Nach meinen Beobachtungen in diesem
Theile von Amerika glaube ich, da das Gold, wie das Zinn, zuweilen in
kaum sichtbaren Theilchen durch die ganze Masse des Granitgesteins
zerstreut ist, ohne da man kleine verstete und in einander verschlungene
Gnge anzunehmen hat. Noch nicht lange fanden Indianer aus Encaramada in
der _Quebrada del tigre_ (Tigerschlucht) ein Goldkorn von zwei Linien
Durchmesser. Es war rund und schien im Wasser gerollt. Diese Entdeckung
war den Missionren noch wichtiger als den Indianern, aber sie blieb
alleinstehend.

Ich kann dieses erste Glied des Bergstocks der Encaramada nicht verlassen,
ohne eines Umstandes zu erwhnen, der Pater GILI nicht unbekannt geblieben
war und dessen man whrend unseres Aufenthalts in den Missionen am Orinoco
hufig gegen uns erwhnte. Unter den Eingeborenen dieser Lnder hat sich
die Sage erhalten, beim groen Wasser, als ihre Vter das Canoe besteigen
muten, um der allgemeinen Ueberschwemmung zu entgehen, haben die Wellen
des Meeres die Felsen der Encaramada besplt. Diese Sage kommt nicht nur
bei einem einzelnen Volke, den Tamanaken vor, sie gehrt zu einem Kreise
geschichtlicher Ueberlieferungen, aus dem sich einzelne Vorstellungen bei
den Maypures an den groen Katarakten, bei den Indianern am Rio Erevato,
der sich in den Caura ergiet, und fast bei allen Stmmen am obern Orinoco
finden. Fragt man die Tamanaken, wie das Menschengeschlecht diese groe
Katastrophe, die *Wasserzeit* der Mexicaner, berlebt habe, so sagen sie,
ein Mann und ein Weib haben sich auf einen hohen Berg, Namens Tamanacu,
am Ufer des Asiveru, geflchtet; da haben sie Frchte der Mauritiapalme
hinter sich ber ihre Kpfe geworfen, und aus den Kernen derselben seyen
Mnnlein und Weiblein entsprossen, welche die Erde wieder bevlkert. In
solch einfacher Gestalt lebt bei jetzt wilden Vlkern eine Sage, welche
von den Griechen mit allem Reiz der Einbildungskraft geschmckt worden
ist. Ein paar Meilen von Encaramada steht mitten in der Savane ein Fels,
der sogenannte *Tepumereme*, *der gemalte Fels*. Man sieht darauf
Thierbilder und symbolische Zeichen, hnlich denen, wie wir sie auf der
Rckfahrt auf dem Orinoco nicht weit unterhalb Encaramada bei der Stadt
Caycara gesehen. In Afrika heien dergleichen Felsen bei den Reisenden
_'Fetischsteine'_. Ich vermeide den Ausdruck, weil die Eingeborenen am
Orinoco von einem Fetischdienst nichts wissen, und weil die Bilder, die
wir an nunmehr unbewohnten Orten auf Felsen gefunden, Sterne, Sonnen,
Tiger, Krokodile, mir keineswegs Gegenstnde religiser Verehrung
vorzustellen scheinen. Zwischen dem Cassiquiare und dem Orinoco, zwischen
Encaramada, Capuchino und Caycara sind diese hieroglyphische n Figuren
hufig sehr hoch oben in Felswnde eingehauen, wohin man nur mittelst sehr
hoher Gerste gelangen knnte. Fragt man nun die Eingeborenen, wie es
mglich gewesen sey, die Bilder einzuhauen, so erwiedern sie lchelnd, als
sprchen sie eine Thatsache aus, mit der nur ein Weier nicht bekannt seyn
kann, zur Zeit des *groen Wassers* seyen ihre Vter so hoch oben im
Canoe gefahren.

Diese alten Sagen des Menschengeschlechts, die wir gleich Trmmern eines
groen Schiffbruchs ber den Erdball zerstreut finden, sind fr die
Geschichtsphilosophie von hchster Bedeutung. Wie gewisse Pflanzenfamilien
in allen Klimaten und in den verschiedensten Meereshhen das Geprge des
gemeinsamen Typus behalten, so haben die cosmogonischen Ueberlieferungen
der Vlker aller Orten denselben Charakter, eine Familienhnlichkeit, die
uns in Erstaunen setzt. Im Grundgedanken hinsichtlich der Vernichtung der
lebendigen Schpfung und der Erneuerung der Natur weichen die Sagen fast
gar nicht ab, aber jedes Volk gibt ihnen eine rtliche Frbung. Auf den
groen Festlndern, wie auf den kleinsten Inseln im stillen Meer haben
sich die brig gebliebenen Menschen immer auf den hchsten Berg in der
Nhe geflchtet, und das Ereigni erscheint desto neuer, je roher die
Vlker sind und je weniger, was sie von sich selbst wissen, weit
zurckreicht. Untersucht man die mexicanischen Denkmale aus der Zeit vor
der Entdeckung der neuen Welt genau, dringt man in die Wlder am Orinoco,
sieht man, wie unbedeutend, wie vereinzelt die europischen
Niederlassungen sind und in welchen Zustnden die unabhngig gebliebenen
Stmme verharren, so kann man nicht daran denken, die eben besprochene
Uebereinstimmung dem Einflu der Missionare und des Christenthums auf die
Volkssagen zuzuschreiben. Ebenso unwahrscheinlich ist es, da die Vlker
am Orinoco durch den Umstand, da sie Meeresprodukte hoch oben in den
Gebirgen gefunden, auf die Vorstellung vom groen Wasser gekommen seyn
sollten, das eine Zeit lang die Keime des organischen Lebens auf der Erde
vernichtet habe. Das Land am rechten Ufer des Orinoco bis zum Cassiquiare
und Rio Negro besteht aus Urgebirge. Ich habe dort wohl eine kleine
Sandstein- oder Conglomeratsormation angetroffen, aber keinen secundren
Kalkstein, keine Spur von Versteinerungen.

Der frische Nordostwind brachte uns mit vollen Segeln zur *Boca de la
Tortuga*. Gegen eilf Uhr Vormittags stiegen wir an einer Insel mitten im
Strome aus, welche die Indianer in der Mission Uruana als ihr Eigenthum
betrachten. Diese Insel ist berhmt wegen des Schildkrtenfangs, oder, wie
man hier sagt, wegen der _Cosecha_ der *Eierernte*, die jhrlich hier
gehalten wird. Wir fanden hier viele Indianer beisammen und unter Htten
aus Palmblttern gelagert. Das Lager war ber dreihundert Kpfe stark.
Seit San Fernando am Apure waren wir nur an de Gestade gewhnt, und so
fiel uns das Leben, das hier herrschte, ungemein auf. Auer den Guamos und
Otomacos aus Uruana, die beide fr wilde, unzhmbare Stmme gelten, waren
Caraiben und andere Indianer vom untern Orinoco da. Jeder Stamm lagerte
fr sich und unterschied sich durch die Farbe, mit der die Haut bemalt
war. Wir fanden in diesem lrmenden Haufen einige Weie, namentlich
_'Pulperos'_ oder Krmer aus Angostura, die den Flu herausgekommen waren,
um von den Eingeborenen Schildkrteneierl zu kaufen. Wir trafen auch den
Missionr von Uruana, der aus Alcala de Henarez gebrtig war. Der Mann
verwunderte sich nicht wenig, uns hier zu finden. Nachdem er unsere
Instrumente bewundert, entwarf er uns eine bertriebene Schilderung von
den Beschwerden, denen wir uns nothwendig aussetzten, wenn wir auf dem
Orinoco bis ber die Flle hinaufgingen. Der Zweck unserer Reise schien
ihm in bedeutendes Dunkel gehllt. Wie soll einer glauben, sagte er,
da ihr euer Vaterland verlassen habt, um euch auf diesem Flusse von den
Moskitos auszehren zu lassen und Land zu vermessen, das euch nicht
gehrt? Zum Glck hatten wir Empfehlungen vom Pater Gardian der
Franciscaner-Missionen bei uns, und der Schwager des Statthalters von
Barinas, der bei uns war, machte bald den Bedenken ein Ende, die durch
unsere Tracht, unsern Accent und unsere Ankunft auf diesem sandigen Eiland
unter den Weien aufgetaucht waren. Der Missionar lud uns zu seinem
frugalen Mahl aus Bananen und Fischen ein und erzhlte uns, er sey mit den
Indianern ber die Eierernte herbergekommen, um jeden Morgen unter
freiem Himmel die Messe zu lesen und sich das Oel fr die Altarlampe zu
verschaffen, besonders aber um diese _republica de Indios y Castellanos_
in Ordnung zu halten, in der jeder fr sich allein haben wolle, was Gott
allen bescheert.

Wir umgingen die Insel in Begleitung des Missionars und eines Pulpero, der
sich rhmte, da er seit zehn Jahren ins Lager der Indianer und zur _pesca
de Tortugas_ komme. Man besucht dieses Stck des Orinoco, wie man bei uns
die Messen von Frankfurt und Beaucaire besucht. Wir befanden uns auf einem
ganz ebenen Sandstrich. Man sagte uns: So weit das Auge an den Ufern hin
reicht, liegen Schildkrteneier unter einer Erdschicht. Der Missionar
trug eine lange Stange in der Hand. Er zeigte uns, wie man mit der Stange
(_vera_) sondirt, um zu sehen, wie weit die Eier*schicht* reicht, wie der
Bergmann die Grenzen eines Lagers von Mergel, Raseneisenstein oder
Steinkohle ermittelt. Stt man die Vara senkrecht in den Boden, so sprt
man daran, da der Widerstand auf einmal aufhrt, da man in die Hhlung
oder das lose Erdreich, in dem die Eier liegen, gedrungen ist. Wie wir
sahen, ist die Schicht im Ganzen so gleichfrmig verbreitet, da die Sonde
in einem Halbmesser von 10 Toisen rings um einen gegebenen Punkt sicher
darauf stt. Auch spricht man hier nur von *Quadratstangen Eiern*, wie
wenn man ein Bodenstck, unter dem Mineralien liegen, in Loose theilte und
ganz regelmig abbaute. Indessen bedeckt die Eierschicht bei weitem nicht
die ganze Insel; sie hrt berall auf, wo der Boden rasch ansteigt, weil
die Schildkrte auf diese kleinen Plateaus nicht hinaufkriechen kann. Ich
erzhlte meinen Fhrern von den hochtrabenden Beschreibungen Pater
GUMILLAs, wie die Ufer des Orinoco nicht soviel Sandkrner enthalten, als
der Strom Schildkrten, und wie diese Thiere die Schiffe in ihrem Lauf
aufhielten, wenn Menschen und Tiger nicht alljhrlich so viele tdteten.
_Son cuentos de frales_ sagte der Krmer aus Angostura leise, denn da
arme Missionre hier zu Lande die einzigen Reisenden sind, so nennt man
hier Pfaffenmhrchen, was man in Europa den Reisenden berhaupt
aufbrden wrde.

Die Indianer versicherten uns, von der Mndung des Orinoco bis zum Einflu
des Apure herauf finde man keine einzige Insel und kein einziges Gestade,
wo man Schildkrteneier in Masse sammeln knnte. Die groe Schildkrte,
der Arrau (sprich Arra-u), meidet von Menschen bewohnte oder von
Fahrzeugen besuchte Orte. Es ist ein furchtsames, scheues Thier, das den
Kopf ber das Wasser streckt und sich beim leisesten Gerusch versteckt.
Die Uferstrecken, wo fast smmtliche Schildkrten des Orinoco sich
jhrlich zusammenzufinden scheinen, liegen zwischen dem Zusammenflu des
Orinoco und des Apure und den groen Fllen oder *Raudales*, das heit
zwischen Cabruta und der Mission Atures. Hier befinden sich die drei
berhmten Fangpltze Encaramada oder _boca del Cabullare_, Cucuruparu oder
_boca de la Tortugay_ und Pararuma, etwas unterhalb Carichana. Die
Arrau-Schildkrte geht, wie es scheint, nicht ber die Flle hinauf, und
wie man uns versichert, kommen oberhalb Atures und Maypures nur
*Terekay*-Schildkrten vor. Es ist hier der Ort, einige Worte ber diese
beiden Arten und ihr Verhltni zu den verschiedenen Familien der
Schildkrten zu sagen.

Wir beginnen mit der Arrau-Schildkrte, welche die Spanier in den Colonien
kurzweg _'Tortuga'_ nennen, und deren Geschlecht fr die Vlker am untern
Orinoco von so groer Bedeutung ist. Es ist eine groe
Swasserschildkrte, mit Schwimmfen, sehr plattem Kopf, zwei
fleischigen, sehr spitzen Anhngen unter dem Kinn, mit fnf Zehen an den
Vorder- und vier an den Hinterfen, die unterhalb gefurcht sind. Der
Schild hat 5 Platten in der Mitte, 8 seitliche und 24 Randplatten; er ist
oben schwarzgrau, unten orangegelb, die Fe sind gleichfalls orangegelb
und sehr lang. Zwischen den Augen ist eine sehr tiefe Furche. Die Ngel
sind sehr stark und gebogen. Die Afterffnung befindet sich am letzten
Fnftheil des Schwanzes. Das erwachsene Thier wiegt 40--50 Pfund. Die
Eier, weit grer als Taubeneier, sind nicht so lnglicht wie die Gier des
Terekay. Sie haben eine Kalkschaale und sollen so fest seyn, da die
Kinder der Otomaken, die starke Ballspieler sind, sie einander zuwerfen
knnen. Kme der Arrau oberhalb der Kararakten im Strome vor, so gingen
die Indianer am obern Orinoco nicht so weit nach dem Fleisch und den Eiern
dieser Schildkrte; man sah aber frher ganze Volksstmme von den Flssen
Atabapo und Cassiquiare ber die Raudales herabkommen, um am Fang bei
Uruana Theil zu nehmen.

Die *Terekays* sind kleiner als die Arrau. Sie haben meist nur 14 Zoll
Durchmesser. Ihr Schild hat gleichviel Platten, sie sind aber etwas anders
vertheilt. Ich zhlte 4 im Mittelpunkt und zu jeder Seite 5 sechsseitige,
am Rand 24 vierseitige, stark gebogene. Der Schild ist schwarz, ins Grne
spielend; Fe und Ngel sind wie beim Arrau. Das ganze Thier ist
olivengrn, hat aber oben auf dem Kopf zwei aus roth und gelb gemischte
Flecke. Auch der Hals ist gelb und hat einen stachligten Anhang. Die
Terekays thun sich nicht in groe Schwrme zusammen, wie die Arraus, um
ihre Eier mit einander auf demselben Ufer zu legen. Die Eier des Terekay
haben einen angenehmen Geschmack und sind bei den Bewohnern von spanisch
Guyana sehr gesucht. Sie kommen sowohl im obern Orinoco als unterhalb der
Flle vor, ferner im Apure, Uritucu, Guarico und den kleinen Flssen,
welche durch die Llanos von Caracas laufen. Nach der Bildung der Fe und
des Kopfs, nach den Anhngen an Kinn und Hals und nach der Stellung der
Afterffnung scheint der Arrau und wahrscheinlich auch der Terekay eine
neue Untergattung zu bilden, die von den Emyden zu trennen wre. Durch die
Anhnge und die Stellung des Afters nhern sie sich der _Emys nasuta_
SCHWEIGGERs und dem *Matamata* in franzsisch Guyana, unterscheiden sich
aber von letzterem durch die Form der Schildplatten, die keine
pyramidalischen Buckel haben.

Die Zeit, wo die groe Arrau-Schildkrte ihre Eier legt, fllt mit dem
niedrigsten Wasserstand zusammen. Da der Orinoco von der Frhlings-Tag-
und Nachtgleiche an zu steigen anfngt, so liegen von Anfang Januar bis
zum 20. oder 25. Mrz die tiefsten Uferstrecken trocken. Die Arraus
sammeln sich schon im Januar in groe Schwrme; sie gehen jetzt aus dem
Wasser und wrmen sich auf dem Sand in der Sonne. Die Indianer glauben,
das Thier bedrfe zu seinem Wohlbefinden nothwendig starker Hitze und das
Liegen in der Sonne befrdere das Eierlegen. Den ganzen Februar findet man
die Arraus fast den ganzen Tag aus dem Ufer. Zu Anfang Mrz vereinigen
sich die zerstreuten Haufen und schwimmen zu den wenigen Inseln, auf denen
sie gewhnlich ihre Eier legen. Wahrscheinlich kommt dieselbe Schildkrte
jedes Jahr an dasselbe Ufer. Um diese Zeit, wenige Tage vor dem Legen,
erscheinen viele tausend Schildkrten in langen Reihen an den Ufern der
Inseln Cucuruparu, Uruana und Pararuma, recken den Hals und halten den
Kopf ber dem Wasser, ausschauend, ob nichts von Tigern oder Menschen zu
frchten ist. Die Indianer, denen viel daran liegt, da die vereinigten
Schwrme auch beisammen bleiben, da sich die Schildkrten nicht
zerstreuen und in aller Ruhe ihre Eier legen knnen, stellen lngs des
Ufers Wachen auf. Man bedeutet den Fahrzeugen, sich mitten im Strom zu
halten und die Schildkrten nicht durch Geschrei zu verscheuchen. Die Eier
werden immer bei Nacht gelegt, aber gleich von Sonnenuntergang an. Das
Thier grbt mit seinen Hinterfen, die sehr lang sind und krumme Klauen
haben, ein drei Fu weites und zwei Fu tiefes Loch. Die Indianer
behaupten, um den Ufersand zu befestigen, benetze die Schildkrte
denselben mit ihrem Harn, und man glaubt solches am Geruch wahrzunehmen,
wenn man ein frisch gegrabenes Loch oder _'Eiernest'_, wie man hier sagt,
ffnet. Der Drang der Thiere zum Eierlegen ist so stark, da manche in die
von andern gegrabenen, noch nicht wieder mit Erde ausgefllten Lcher
hinunter gehen und auf die frisch gelegte Eierschicht noch eine zweite
legen. Bei diesem strmischen Durcheinander werden ungeheuer viele Eier
zerbrochen. Der Missionr zeigte uns, indem er den Sand an mehreren
Stellen ausgrub, da der Verlust ein Drittheil der ganzen Ernte betragen
mag. Durch das vertrocknende Gelb der zerbrochenen Eier backt der Sand
noch strker zusammen, und wir fanden Quarzsand und zerbrochene
Eierschaalen in groen Klumpen zusammengekittet. Der Thiere, welche in der
Nacht am Ufer graben, sind so unermelich viele, da manche der Tag
berrascht, ehe sie mit dem Legen fertig werden konnten. Da treibt sie der
doppelte Drang, ihre Eier los zu werden und die gegrabenen Lcher
zuzudecken, damit der Tiger sie nicht sehen mge. Die Schildkrten, die
sich versptet haben, achten auf keine Gefahr, die ihnen selbst droht. Sie
arbeiten unter den Augen der Indianer, die frh Morgens auf das Ufer
kommen. Man nennt sie _'nrrische Schildkrten.'_ Trotz ihrer ungestmen
Bewegungen fngt man sie leicht mit den Hnden.

Die drei Indianerlager an den oben erwhnten Orten werden Ende Mrz und in
den ersten Tagen Aprils erffnet. Die Eierernte geht das einemal vor sich
wie das andere, mit der Regelmigkeit, die bei Allem herrscht, was von
Mnchen ausgeht. Ehe die Missionre an den Flu kamen, beuteten die
Eingeborenen ein Produkt, das die Natur hier in so reicher Flle bietet,
in weit geringerem Maae aus. Jeder Stamm durchwhlte das Ufer nach seiner
eigenen Weise und es wurden unendlich viele Eier muthwillig zerbrochen,
weil man nicht vorsichtig grub und mehr Eier fand, als man mitnehmen
konnte. Es war, als wrde eine Erzgrube von ungeschickten Hnden
ausgebeutet. Den Jesuiten gebhrt das Verdienst, da sie die Ausbeutung
geregelt haben, und die Franciskaner, welche die Jesuiten in den Missionen
am Orinoco abgelst haben, rhmen sich zwar, da sie das Verfahren ihrer
Vorgnger einhalten, gehen aber leider keineswegs mit der gehrigen
Vorsicht zu Werke. Die Jesuiten gaben nicht zu, da das ganze Ufer
ausgebeutet wurde; sie lieen ein Stck unberhrt liegen, weil sie
besorgten, die Arrau-Schildkrten mchten, wenn nicht ausgerottet werden,
doch bedeutend abnehmen. Jetzt whlt man das ganze Ufer rcksichtslos um,
und man meint auch zu bemerken, da die *Ernten* von Jahr zu Jahr geringer
werden.

Ist das Lager aufgeschlagen, so ernennt der Missionr von Uruana seinen
Stellvertreter oder den _'Commissr'_, der den Landstrich, wo die Eier
liegen, nach der Zahl der Indianerstmme, die sich in die Ernte theilen,
in Loose zerlegt. Es sind lauter Indianer aus den Missionen, aber so
nackt und versunken, wie die Indianer aus den Wldern; man nennt sie
_reducidos_ und _neofitos_ weil sie zur Kirche gehen, wenn man die Glocke
zieht, und gelernt haben bei der Wandlung auf die Kniee zu fallen.

Der _Comissionado del Padre_ beginnt das Geschft damit, da er den Boden
sondirt. Mit einer langen hlzernen Stange, wie oben bemerkt, oder mit
einem Bambusrohr untersucht er, wie weit die Eierschicht reicht. Nach
unsern Messungen erstreckt sich die Schicht bis zu 120 Fu vom Ufer und
ist im Durchschnitt drei Fu tief. Der Commissr steckt ab, wie weit jeder
Stamm arbeiten darf. Mit Verwunderung hrt man den Ertrag der Eierernte
gerade wie den Ertrag eines Getreideackers schtzen. Es kam vor, da ein
Areal genau hundertzwanzig Fu lang und dreiig breit hundert Krge oder
fr tausend Franken Oel gab. Die Indianer graben den Boden mit den Hnden
auf, legen die gesammelten Eier in kleine, _'Mappiri'_ genannte Krbe,
tragen sie ins Lager und werfen sie in groe mit Wasser gefllte hlzerne
Trge. In diesen Trgen werden die Eier mit Schaufeln zerdrckt und
umgerhrt und der Sonne ausgesetzt, bis das Eigelb (der ligte Theil), das
obenauf schwimmt, dick geworden ist. Dieser ligte Theil wird, wie er sich
auf dem Wasser sammelt, abgeschpft und bei einem starken Feuer gekocht.
Dieses thierische Oel, das bei den Spaniern _manteca de tortugas_ heit,
soll sich desto besser halten, je strker es gekocht wird. Gut zubereitet
ist es ganz hell, geruchlos und kaum ein wenig gelb. Die Missionre
schtzen es dem besten Olivenl gleich, und man braucht es nicht nur zum
Brennen, sondern auch, und zwar vorzugsweise, zum Kochen, da es den
Speisen keinerlei unangenehmen Geschmack gibt. Es hlt indessen schwer,
ganz reines Schildkrtenl zu bekommen. Es hat meist einen fauligten
Geruch, der davon herrhrt, da Eier darunter gerathen sind, in denen
sich, weil sie schon lnger der Sonne ausgesetzt gewesen, die jungen
Schildkrten (_los tortuguillos_) bereits ausgebildet hatten. Diese
unangenehme Erfahrung machten wir namentlich auf der Rckfahrt vom Rio
Negro, wo das flssige Fett, das wir hatten, braun und belriechend
geworden war. Die Gefe hatten einen faserigen Bodensatz, und die ist
das Kennzeichen des unreinen Schildkrtenls.

Ich theile hier einige statistische Angaben mit, die ich an Ort und Stelle
aus dem Munde des Missionrs von Uruana, seines Commissrs und der Krmer
aus Angostura herhalten. Das Ufer von Uruana gibt jhrlich tausend
Botijas(14) oder Krge Oel (_manteca_). Der Krug gilt in der Hauptstadt
von Guyana, gemeinhin Angostura genannt, 2--2-1/2 Piaster. Der ganze
Ertrag der drei Uferstrecken, wo jhrlich die _cosecha_ oder Ernte
gehalten wird, lt sich auf 5000 Botijas anschlagen. Da nun 200 Eier eine
Weinflasche oder _'limeta'_ voll Oel geben, so kommen 5000 Eier auf einen
Krug oder eine Botija. Nimmt man an, jede Schildkrte gebe 100--116 Eier,
und ein Drittheil werde whrend des Legens, namentlich von den
nrrischen Schildkrten zerbrochen, so ergibt sich, da, sollen jhrlich
5000 Krge Oel gewonnen werden, 330,000 Arrau-Schildkrten, die zusammen
165,000 Centner wiegen, auf den drei Erntepltzen 33 Millionen Eier legen
mssen. Und mit dieser Rechnung bleibt man noch weit unter der wahren
Zahl. Viele Schildkrten legen nur 60--70 Eier; viele werden im
Augenblick, wo sie aus dem Wasser gehen, von den Jaguars gefressen; die
Indianer nehmen viele Eier mit, um sie an der Sonne zu trocknen und zu
essen, und sie zerbrechen bei der Ernte sehr viele aus Fahrlssigkeit. Die
Menge der Eier, die bereits ausgeschlpft sind, ehe der Mensch darber
kommt, ist so ungeheuer, da ich beim Lagerplatz von Uruana das ganze Ufer
des Orinoco von jungen, einen Zoll breiten Schildkrten wimmeln sah, die
mit Noth den Kindern der Indianer entkamen, welche Jagd auf sie machten.
Nimmt man noch hinzu, da nicht alle Arraus zu den drei Lagerpltzen
kommen, da viele zwischen der Mndung des Orinoco und dem Einflu des
Apure einzeln und ein paar Wochen spter legen, so kommt man nothwendig
zum Schlu, da sich die Zahl der Schildkrten, welche jhrlich an den
Ufern des untern Orinoco ihre Eier legen, nahezu auf eine Million beluft.
Die ist ausnehmend viel fr ein Thier von betrchtlicher Gre, das einen
halben Centner schwer wird, und unter dessen Geschlecht der Mensch so
furchtbar aufrumt. Im Allgemeinen pflanzt die Natur in der Thierwelt die
groen Arten in geringerer Zahl fort als die kleinen.

Das Erntegeschft und die Zubereitung des Oels whren drei Wochen. Nur um
diese Zeit stehen die Missionen mit der Kste und den benachbarten
civilisirten Lndern in Verkehr. Die Franciskaner, die sdlich von den
Katarakten leben, kommen zur Eierernte nicht sowohl, um sich Oel zu
verschaffen, als um *weie Gesichter* zu sehen, wie sie sagen, und um zu
hren, ob der Knig sich im Escurial oder in San Ildefonso aufhlt, ob
die Klster in Frankreich noch immer aufgehoben sind, vor allem aber, ob
der Trke sich noch immer ruhig verhlt. Das ist Alles, wofr ein Mnch
am Orinoco Sinn hat, Dinge, worber die Krmer aus Angostura, die in die
Lager kommen, nicht einmal genaue Auskunft geben knnen. In diesen weit
entlegenen Lndern wird eine Neuigkeit, die ein Weier aus der Hauptstadt
bringt, niemals in Zweifel gezogen. Zweifeln ist fast so viel wie Denken,
und wie sollte man es nicht beschwerlich finden, den Kopf anzustrengen,
wenn man sein Lebenlang ber die Hitze und die Stiche der Moskitos zu
klagen hat?

Die Oelhndler haben 70--80 Procent Gewinn; denn die Indianer verkaufen
den Krug oder die Botija fr einen harten Piaster an sie und die
Transportkosten machen fr den Krug nur Zweifnftel Piaster. Die Indianer,
welche die _cosecha de huevos_ mitmachen, bringen auch ganze Massen an der
Sonne getrockneter oder leicht gesottener Eier nach Haus. Unsere Ruderer
hatten immer welche in Krben oder kleinen Scken von Baumwollenzeug. Der
Geschmack kam uns nicht unangenehm vor, wenn sie gut erhalten sind. Man
zeigte uns groe, von Jaguars geleerte Schildkrtenpanzer. Die Tiger gehen
den Arraus auf die Uferstriche nach, wo sie legen wollen. Sie berfallen
sie auf dem Sand, und um sie gemchlich verzehren zu knnen, kehren sie
sie um, so da der Brustschild nach oben sieht. Aus dieser Lage knnen die
Schildkrten sich nicht ausrichten, und da der Tiger ihrer weit mehr
umwendet, als er in der Nacht verzehren kann, so sachen sich die Indianer
hufig seine List und seine boshafte Habsucht zu Nutze.

Wenn man bedenkt, wie schwer der reisende Naturforscher den Krper der
Schildkrte herausbringt, wenn er Rcken- und Brustschild nicht trennen
will, so kann man die Gewandtheit des Tigers nicht genug bewundern, der
mit seiner Tatze den Doppelschild des Arrau leert, als wren die Anstze
der Muskeln mit einem chirurgischen Instrumente losgetrennt. Der Tiger
verfolgt die Schildkrte sogar ine Wasser, wenn dieses nicht sehr tief
ist. Er grbt auch die Eier aus und ist nebst dem Krokodil, den Reihern
und dem Gallinazogeier der furchtbarste Feind der frisch ausgeschlpften
Schildkrten. Im verflossenen Jahr wurde die Insel Pararuma whrend der
Eierernte von so vielen Krokodilen heimgesucht, da die Indianer in einer
einzigen Nacht ihrer achtzehn, 12--15 Fu lange, mit hakenfrmigen Eisen
und Seekuhfleisch daran, fingen. Auer den eben erwhnten Waldthieren thun
auch die wilden Indianer der Oelbereitung bedeutenden Eintrag. Sobald die
ersten kleinen Regenschauer, von ihnen _'Schildkrtenregen'_ genannt, sich
einstellen, ziehen sie an die Ufer des Orinoco und tdten mit vergifteten
Pfeilen die Schildkrten, die mit emporgerecktem Kopf und ausgestreckten
Tatzen sich sonnen.

Die jungen Schildkrten (_tortuguillos_) zerbrechen die Eischale bei Tag,
man sieht sie aber nie anders als bei Nacht aus dem Boden schlpfen. Die
Indianer behaupten, das junge Thier scheue die Sonnenhitze. Sie wollten
uns auch zeigen, wie der Tortuguillo, wenn man ihn in einem Sack weit weg
vom Ufer trgt und so an den Boden setzt, da er dem Flusse den Rcken
kehrt, alsbald den krzesten Weg zum Wasser einschlgt. Ich gestehe, da
dieses Experiment, von dem schon Pater GUMILLA spricht, nicht immer gleich
gut gelingt; meist aber schienen mir die kleinen Thiere sehr weit vom
Ufer, selbst auf einer Insel, mit uerst feinem Gefhl zu spren, von
woher die feuchteste Luft weht. Bedenkt man, wie weit sich die Eierschicht
fast ohne Unterbrechung am Ufer hin erstreckt, und wie viele tausende
kleiner Schildkrten gleich nach dem Ausschlpfen dem Wasser zugehen, so
lt sich nicht wohl annehmen, da so viele Schildkrten, die am selben
Ort ihre Nester gegraben, ihre Jungen herausfinden und sie, wie die
Krokodile thun, in die Lachen am Orinoco fhren knnen. Soviel ist aber
gewi, da das Thier seine ersten Lebensjahre in den seichtesten Lachen
zubringt und erst, wenn es erwachsen ist, in das groe Flubett geht. Wie
finden nun die Tortuguillos diese Lachen? Werden sie von weiblichen
Schildkrten hingefhrt, die sich ihrer annehmen, wie sie ihnen aufstoen?
Die Krokodile, deren weit nicht so viele sind, legen ihre Eier in
abgesonderte Lcher, und wir werden bald sehen, da in dieser
Eidechsenfamilie das Weibchen gegen das Ende der Brutzeit wieder hinkommt,
den Jungen ruft, die darauf antworten, und ihnen meist aus dem Boden
hilft. Die Arrau-Schildkrte erkennt sicher, so gut wie das Krokodil, den
Ort wieder, wo sie ihr Nest gemacht; da sie aber nicht wagt wieder zum
Ufer zu kommen, wo die Indianer ihr Lager aufgeschlagen haben, wie knnte
sie ihre Jungen von fremden Tortuguillos unterscheiden? Andererseits
wollen die Otomaken beim Hochwasser weibliche Schildkrten gesehen haben,
die eine ganze Menge junger Schildkrten hinter sich hatten. Die waren
vielleicht Arraus, die allein an einem einsamen Ufer gelegt hatten, zu dem
sie wieder kommen konnten. Mnnliche Thiere sind unter den Schildkrten
sehr selten; unter mehreren Hunderten trifft man kaum Eines. Der Grund
dieser Erscheinung kann hier nicht derselbe seyn wie bei den Krokodilen,
die in der Brunst einander blutige Gefechte liefern.

Unser Steuermann war in die *Playa de Huevos* eingelaufen, um einige
Mundvorrthe zu kaufen, die bei uns auf die Neige gingen. Wir fanden
daselbst frisches Fleisch, Reis aus Angostura, sogar Zwieback aus
Weizenmehl. Unsere Indianer fllten die Pirogue zu ihrem eigenen Bedarf
mit jungen Schildkrten und an der Sonne getrockneten Eiern. Nachdem wir
vom Missionr, der uns sehr herzlich aufgenommen, uns verabschiedet
hatten, gingen wir gegen vier Uhr Abends unter Segel. Der Wind blies
frisch und in Sten. Seit wir uns im gebirgigen Theil des Landes
befanden, hatten wir die Bemerkung gemacht, da unsere Pirogue ein sehr
schlechtes Segelwerk fhre; aber der Patron wollte den Indianern, die am
Ufer beisammen standen, zeigen, da er, wenn er sich dicht am Wind halte,
mit Einem Schlage mitten in den Strom kommen knne. Aber eben, als er
seine Geschicklichkeit und die Khnheit seines Manvers pries, fuhr der
Wind so heftig in das Segel, da wir beinahe gesunken wren. Der eine Bord
kam unter Wasser und dasselbe strzte mit solcher Gewalt herein, da wir
bis zu den Knieen darin standen. Es lief ber ein Tischchen weg, an dem
ich im Hintertheil des Fahrzeugs eben schrieb. Kaum rettete ich mein
Tagebuch, und im nchsten Augenblick sahen wir unsere Bcher, Papiere und
getrockneten Pflanzen umherschwimmen. Bonpland schlief mitten in der
Pirogue. Vom eindringenden Wasser und dem Geschrei der Indianer
aufgeschreckt, bersah er unsere Lage sogleich mit der Kaltbltigkeit, die
ihm unter allen Verhltnissen treu geblieben ist. Der im Wasser stehende
Bord hob sich whrend der Windste von Zeit zu Zeit wieder, und so gab er
das Fahrzeug nicht verloren. Sollte man es auch verlassen mssen, so
konnte man sich, glaubte er, durch Schwimmen retten, da sich kein Krokodil
blicken lie. Whrend wir so ngstlich gespannt waren, ri auf einmal das
Tauwerk des Segels. Derselbe Sturm, der uns auf die Seite geworfen, half
uns jetzt ausrichten. Man machte sich alsbald daran, das Wasser mit den
Frchten der _Crescentia Cujete_ auszuschpfen; das Segel wurde
ausgebessert, und in weniger als einer halben Stunde konnten wir wieder
weiter fahren. Der Wind hatte sich etwas gelegt. Windste, die mit
Windstillen wechseln, sind brigens hier, wo der Orinoco im Gebirge luft,
sehr hufig und knnen berladenen Schiffen ohne Verdeck sehr gefhrlich
werden. Wir waren wie durch ein Wunder gerettet worden. Der Steuermann
verschanzte sich hinter sein indianisches Phlegma, als man ihn heftig
schalt, da er sich zu nahe am Wind gehalten. Er uerte kaltbltig, es
werde hier herum den weien Leuten nicht an Sonne fehlen, um *ihre
Papiere* zu trocknen. Wir hatten nur ein einziges Buch eingebt, und
zwar den ersten Band von SCHREBERs _genera plantarum_ der ins Wasser
gefallen war. Dergleichen Verluste thun weh, wenn man auf so wenige
wissenschaftliche Werke beschrnkt ist.

Mit Einbruch der Nacht schlugen wir unser Nachtlager auf einer kahlen
Insel mitten im Strome in der Nhe der Mission Uruana auf. Bei herrlichem
Mondschein, auf groen Schildkrtenpanzern sitzend, die am Ufer lagen,
nahmen wir unser Abendessen ein. Wie herzlich freuten wir uns, da wir
alle beisammen waren! Wir stellten uns vor, wie es einem ergangen wre,
der sich beim Schiffbruch allein gerettet htte, wie er am den Ufer auf
und ab irrte, wie er jeden Augenblick an ein Wasser kam, das in den
Orinoco luft und durch das er wegen der vielen Krokodile und
Caraibenfische nur mit Lebensgefahr schwimmen konnte. Und dieser Mann mit
gefhlvollem Herzen wei nicht, was aus seinen Unglcksgefhrten geworden
ist, und ihr Loos bekmmert ihn mehr als das seine! Gerne berlt man
sich solchen wehmthigen Vorstellungen, weil einen nach einer
berstandenen Gefahr unwillkrlich nach starken Eindrcken fort verlangt.
Jeder von uns war innerlich mit dem beschftigt, was sich eben vor unsern
Augen zugetragen hatte. Es gibt Momente im Leben, wo einem, ohne da man
gerade verzagte, vor der Zukunft banger ist als sonst. Wir waren erst drei
Tage auf dem Orinoco und vor uns lag eine dreimonatliche Fahrt auf Flssen
voll Klippen, in Fahrzeugen, noch kleiner als das, mit dem wir beinahe zu
Grund gegangen wren.

Die Nacht war sehr schwl. Wir lagen am Boden auf Huten, da wir keine
Bume zum Befestigen der Hngematten fanden. Die Plage der Moskitos wurde
mit jedem Tag rger. Wir bemerkten zu unserer Ueberraschung, da die
Jaguars hier unsere Feuer nicht scheuten. Sie schwammen ber den Fluarm,
der uns vom Lande trennte, und Morgens hrten wir sie ganz in unserer Nhe
brllen. Sie waren auf die Insel, wo wir die Nacht zubrachten,
herbergekommen. Die Indianer sagten uns, whrend der Eierernte zeigen
sich die Tiger an den Ufern hier immer hufiger als sonst, und sie seyen
um diese Zeit auch am kecksten.

Am 7. April. Im Weiterfahren lag uns zur Rechten die Einmndung des groen
Rio Arauca, der wegen der ungeheuern Menge von Vgeln berhmt ist, die auf
ihm leben, zur Linken die Mission Uruana, gemeiniglich _Conception de
Uruana_ genannt. Das kleine Dorf von 500 Seelen wurde um das Jahr 1748 von
den Jesuiten gegrndet und daselbst Otomaken und Caveres- oder
Cabres-Indianer angesiedelt. Es liegt am Fue eines aus Granitblcken
bestehenden Berges, der, glaube ich, *Saraguaca* heit. Durch die
Verwitterung von einander getrennte Steinmassen bilden hier Hhlen, in
denen man unzweideutige Spuren einer. alten Cultur der Eingeborenen
findet. Man sieht hier hieroglyphische Bilder, sogar Zge in Reihen
eingehauen. Ich bezweifle indessen, da diesen Zgen ein Alphabet zu
Grunde liegt. Wir besuchten die Mission Uruana auf der Rckkehr vom Rio
Negro und sahen daselbst mit eigenen Augen die Erdmassen, welche die
Otomaken essen und ber die in Europa so viel gestritten worden ist.

Wir maen die Breite des Orinoco zwischen der Isla de Uruana und der Isla
de Manteca, und es ergaben sich, bei Hochwasser, 2694 Toisen, also beinahe
vier Seemeilen. Er ist demnach hier, 194 franzsische Meilen von der
Mndung, achtmal breiter als der Nil bei Mansalout und Syout. Die
Temperatur des Wassers an der Oberflche war bei Uruana 27,8; den Zaire-
oder Congoflu in Afrika, in gleichem Abstand vom Aequator, fand Capitn
TUCKEY im Juli und August nur 23,9--25,6 warm. Wir werden in der Folge
sehen, da im Orinoco, sowohl in der Nhe der Ufer, wo er in dichtem
Schatten fliet, als mitten im Strom, im Thalweg die Temperatur des
Wassers aus 29,5 [23,6 Reaumur] steigt und nicht unter 27,5 herabgeht;
die Lufttemperatur war aber auch damals, vom April bis Juni, bei Tag meist
28--30, bei Nacht 24--26, whrend im Thal des Congo von acht Uhr Morgens
bis Mittag der Thermometer nur zwischen 20,6 und 26,7 stand.

Das westliche Ufer des Orinoco bleibt flach bis ber den Einflu des Meta
hinaus, wogegen von der Mission Uruana an die Berge immer nher an das
stliche Ufer herantreten. Da die Strmung strker wird, je mehr das
Flubett sich einengt, so kamen wir jetzt mit unserem Fahrzeug bedeutend
langsamer vorwrts. Wir fuhren immer noch mit dem Segel stromaufwrts,
aber das hohe, mit Wald bewachsene Land entzog uns den Wind, und dann
brachen wieder aus den engen Schluchten, an denen wir vorbeifuhren,
heftige, aber schnell vorbergehende Winde. Unterhalb des Einflusses des
Rio Arauca zeigten sich mehr Krokodile als bisher, besonders dem groen
See Capanaparo gegenber, der mit dem Orinoco in Verbindung steht, wie die
Lagune Cabularito zugleich in letzteren Flu und in den Rio Arauca
ausmndet. Die Indianer sagten uns, diese Krokodile kommen aus dem innern
Lande, wo sie im trockenen Schlamm der Savanen begraben gelegen. Sobald
sie bei den ersten Regengssen aus ihrer Erstarrung erwachen, sammeln sie
sich in Rudel und ziehen dem Strome zu, auf dem sie sich wieder
zerstreuen. Hier, im tropischen Erdstrich, wachen sie auf, wenn es wieder
feuchter wird; dagegen in Georgien und in Florida, im gemigten
Erdstrich, reit die wieder zunehmende Wrme die Thiere aus der Erstattung
oder dem Zustand von Nerven- und Muskelschwche, in dem der Athmungsproce
unterbrochen oder doch sehr stark beschrnkt wird. Die Zeit der groen
Trockenheit, uneigentlich der _'Sommer der heien Zone'_ genannt,
entspricht dem Winter der gemigten Zone, und es ist physiologisch sehr
merkwrdig, da in Nordamerika die Alligators zur selben Zeit der Klte
wegen im *Winterschlaf* liegen, wo die Krokodile in den Llanos ihre
*Sommersiesta* halten. Erschiene es als wahrscheinlich, da diese
derselben Familie angehrenden Thiere einmal in einem nrdlicheren Lande
zusammen gelebt htten, so knnte man glauben, sie fhlen, auch nher an
den Aequator versetzt, noch immer, nachdem sie sieben bis acht Monate ihre
Muskeln gebraucht, das Bedrfni auszuruhen und bleiben auch unter einem
neuen Himmelsstrich ihrem Lebensgang treu, der aufs innigste mit ihrem
Krperbau zusammenzuhngen scheint.

Nachdem wir an der Mndung der Kanle, die zum See Capanaparo fhren,
vorbeigefahren, betraten wir ein Stromstck, wo das Bett durch die Berge
des *Baraguan* eingeengt ist. Es ist eine Art Engpa, der bis zum Einflu
des Rio Suapure reicht. Nach den Granitbergen hier hatten die Indianer
frher die Strecke des Orinoco zwischen dem Einflu des Arauca und dem des
Atabapo den Flu *Baraguan* genannt, wie denn bei wilden Vlkern groe
Strme in verschiedenen Strecken ihres Laufs verschiedene Namen haben. Der
Pa von Baraguan ist ein recht malerischer Ort. Die Granitfelsen fallen
senkrecht ab, und da die Bergkette, die sie bilden, von Nordwest nach
Sdost streicht, und der Strom diesen Gebirgsdamm fast unter einem rechten
Winkel durchbricht, so stellen sich die Hhen als freistehende Gipfel dar.
Die meisten sind nicht ber 170 Toisen hoch, aber durch ihre Lage inmitten
einer kleinen Ebene, durch ihre steilen, kahlen Abhnge erhalten sie etwas
Groartiges. Auch hier sind wieder ungeheure, an den Rndern abgerundete
Granitmassen, in Form von Parallelipipeden, ber einander gethrmt. Die
Blcke sind hufig 80 Fu lang und 20--30 breit. Man mte glauben, sie
seyen durch eine uere Gewalt bereinander gehuft, wenn nicht ein ganz
gleichartiges, nicht in Blcke getheiltes, aber von Gngen durchzogenes
Gestein anstnde und deutlich verriethe, da das Zerfallen in
Parallelipipede von atmosphrischen Einflssen herrhrt. Jene zwei bis
drei Zoll mchtigen Gnge bestehen aus einem quarzreichen, feinkrnigen
Granit im grobkrnigen, fast porphyrartigen, an schnen rothen
Feldspathkrystallen reichen Granit. Umsonst habe ich mich in der
Cordillere des Baraguan nach der Hornblende und den Specksteinmassen
umgesehen, die fr mehrere Granite der Schweizer Alpen charakteristisch
sind.

Mitten in der Stromenge beim Baraguan gingen wir ans Land, um dieselbe zu
messen. Die Felsen stehen so dicht am Flu, da ich nur mit Mhe eine
Standlinie von 80 Toisen abmessen konnte. Ich fand den Strom 889 Toisen
breit. Um begreiflich zu finden, wie man diese Strecke eine *Stromenge*
nennen kann, mu man bedenken, da der Strom von Uruana bis zum Einflu
des Meta meist 1500--2500 Toisen breit ist. Am selben, auerordentlich
heien und trockenen Punkt ma ich auch zwei ganz runde Granitgipfel, und
fand sie nur 110 und 85 Toisen hoch. Im Innern der Bergkette sind wohl
hhere Gipfel, im Ganzen aber sind diese so wild aussehenden Berge lange
nicht so hoch, als die Missionre angeben.

In den Ritzen des Gesteins, das steil wie Mauern dasteht und Spuren von
Schichtung zeigt, suchten wir vergeblich nach Pflanzen. Wir fanden nichts
als einen alten Stamm der _Aubletia Tiburba_ mit groer birnfrmiger
Frucht, und eine neue Art aus der Familie der Apocyneen (_Allamanda
salicifolia_). Das ganze Gestein war mit zahllosen Leguans und Geckos mit
breiten, hutigen Zehen bedeckt. Regungslos, mit aufgerichtetem Kopf und
offenem Maul saen die Eidechsen da und schienen sich von der heien Luft
durchstrmen zu lassen. Der Thermometer, an die Felswand gehalten, stieg
auf 50,2 [40,1 R] Der Boden schien in Folge der Luftspiegelung auf und
ab zu schwanken, whrend sich kein Lftchen rhrte. Die Sonne war nahe am
Zenith und ihr glnzendes, vom Spiegel des Stromes zurckgeworfenes Licht
stach scharf ab vom rthlichen Dunst, der alle Gegenstnde in der Nhe
umgab. Wie tief ist doch der Eindruck, den in diesen heien Landstrichen
um die Mittagszeit die Stille der Natur auf uns macht! Die Waldthiere
verbergen sich im Dickicht, die Vgel schlpfen unter das Laub der Bume
oder in Felsspalten. Horcht man aber in dieser scheinbaren tiefen Stille
auf die leisesten Laute, die die Luft an unser Ohr trgt, so vernimmt man
ein dumpfes Schwirren, ein bestndiges Brausen und Summen der Insekten,
von denen alle untern Luftschichten wimmeln. Nichts kann dem Menschen
lebendiger vor die Seele fhren, wie weit und wie gewaltig das Reich des
organischen Lebens ist. Myriaden Insekten kriechen aus dem Boden oder
umgaukeln die von der Sonnenhitze verbrannten Gewchse. Ein wirres Getne
dringt aus jedem Busch, aus faulen Baumstmmen, aus den Felsspalten, aus
dem Boden, in dem Eidechsen, Tausendfe, Ccilien ihre Gnge graben. Es
sind ebenso viele Stimmen, die uns zurufen, da Alles in der Natur athmet,
da in tausendfltiger Gestalt das Leben im staubigten, zerklfteten Boden
waltet, so gut wie im Schooe der Wasser und in der Luft, die uns umgibt.
Die Empfindungen, die ich hier andeute, sind keinem fremd, der zwar nicht
bis zum Aequator gekommen, aber doch in Italien, in Spanien oder in
Egypten gewesen ist. Dieser Contrast zwischen Regsamkeit und Stille,
dieses ruhige und doch wieder so bewegte Antlitz der Natur wirken lebhaft
auf die Einbildungskraft des Reisenden, sobald er das Becken des
Mittelmeers, die Zone der Olive, des Chamrops und der Dattelpalme
betritt.

Wir bernachteten am stlichen Ufer des Orinoco am Fue eines
Granithgels. An diesem den Fleck lag frher die Mission San Regis. Gar
gerne htten wir im Baraguan eine Quelle gefunden. Das Fluwasser hatte
einen Bisamgeruch und einen slichten, uerst unangenehmen Geschmack.
Beim Orinoco wie beim Apure ist es sehr auffallend, wie abweichend sich in
dieser Beziehung, am drrsten Ufer, verschiedene Stellen im Strome
verhalten. Bald ist das Wasser ganz trinkbar, bald scheint es mit
gallertigen Stoffen beladen. Das macht die Rinde (die lederartige
Hautdecke) der faulenden Caymans, sagen die Indianer. Je lter der
Cayman, desto bitterer ist seine Rinde. Ich bezweifle nicht, da die Aase
dieser groen Reptilien, die der Seekhe, die 500 Pfund wiegen, und der
Umstand, da die im Flu lebenden Delphine eine schleimigte Haut haben,
das Wasser verderben mgen, zumal in Buchten, wo die Strmung schwach ist.
Indessen waren die Punkte, wo man das belriechendste Wasser antraf, nicht
immer solche, wo wir viele todte Thiere am Ufer liegen sahen. Wenn man in
diesem heien Klima, wo man fortwhrend vom Durst geplagt ist, Fluwasser
mit einer Temperatur von 27--28 Grad trinken mu, so wnscht man
natrlich, da ein so warmes, mit Sand verunreinigtes Wasser wenigstens
geruchlos seyn mchte.

Am 8. April. Im Weiterfahren lagen gegen Ost die Einmndungen des Suapure
oder Sivapuri und des Caripo, gegen West die des Sinaruco. Letzterer Flu
ist nach dem Rio Arauca der bedeutendste zwischen Apure und Meta. Der
Suapure, der eine Menge kleiner Flle bildet, ist bei den Indianern wegen
des vielen wilden Honigs berhmt, den die Waldungen liefern. Die Meliponen
hngen dort ihre ungeheuren Stcke an die Baumste. Pater GILI hat im Jahr
1766 den Suapure und den Turiva, der sich in jenen ergiet, befahren. Er
fand dort Stmme der Nation der Areverier. Wir bernachteten ein wenig
unterhalb der Insel Macupina.

Am 9. April. Wir langten frh Morgens am *Strande von Pararuma* an und
fanden daselbst ein Lager von Indianern, hnlich dem, das wir an der _boca
de la Tortuga_ gesehen. Man war beisammen, um den Sand aufzugraben, die
Schildkrteneier zu sammeln und das Oel zu gewinnen, aber man war leider
ein paar Tage zu spt daran. Die jungen Schildkrten waren ausgekrochen,
ehe die Indianer ihr Lager aufgeschlagen hatten. Auch hatten sich die
Krokodile und die *Garzes*, eine groe weie Reiherart, das Sumni zu
Nutze gemacht. Diese Thiere lieben das Fleisch der jungen Schildkrten
sehr und verzehren unzhlige. Sie gehen auf diesen Fang bei Nacht aus, da
die Tortuguillos erst nach der Abenddmmerung aus dem Boden kriechen und
dem nahen Flusse zulaufen. Die Zamurosgeier sind zu trge [S. Band I.
Seite 402.], um nach Sonnenuntergang zu jagen. Bei Tag streifen sie an den
Ufern umher und kommen mitten ins Lager der Indianer herein, um Ewaaren
zu entwenden, und meist bleibt ihnen, um ihren Heihunger zu stillen,
nichts brig, als auf dem Lande oder in seichtem Wasser junge, 7--8 Zoll
lange Krokodile anzugreifen. Es ist merkwrdig anzusehen, wie schlau sich
die kleinen Thiere eine Zeitlang gegen die Geier wehren. Sobald sie einen
ansichtig werden, richten sie sich auf den Vorderfen auf, krmmen den
Rcken, strecken den Kopf aufwrts und reien den Rachen weit auf.
Fortwhrend, wenn auch langsam, kehren sie sich dem Feinde zu und weisen
ihm die Zhne, die bei den eben ausgeschlpften Thieren sehr lang und
spitz sind. Oft, whrend so ein Zamuro ganz die Aufmerksamkeit des jungen
Krokodils in Anspruch nimmt, bentzt ein anderer die gute Gelegenheit zu
einem unerwarteten Angriff. Er stt auf das Thier nieder, packt es am
Halse und steigt damit hoch in die Luft. Wir konnten diesem Kampfspiel
halbe Vormittage lang zusehen; in der Stadt Mompor am Magdalenenstrom
hatten wir mehr als 40 seit vierzehn Tagen bis drei Wochen ausgeschlpfte
Krokodile in einem groen, mit einer Mauer umgebenen Hofe beisammen.

Wir trafen in Pararuma unter den Indianern einige Weie, die von Angostura
herauf gekommen waren, um _manteca de tortuga_ zu kaufen. Sie langweilten
uns mit ihren Klagen ber die schlechte Ernte und den Schaden, den die
Tiger whrend des Eierlegens angerichtet, und fhrten uns endlich unter
eine Ajoupa mitten im Indianerlager. Hier saen die Missionre von
Carichana und von den Katarakten, Karten spielend und aus langen Pfeifen
rauchend am Boden. Mit ihren weiten blauen Kutten, geschorenen Kpfen und
langen Brten htten wir sie fr Orientalen gehalten! Die armen
Ordensleute nahmen uns sehr freundlich auf und ertheilten uns alle
Auskunft, deren wir zur Weiterfahrt bedurften. Sie litten seit mehreren
Monaten am dreitgigen Wechselfieber, und ihr blasses, abgezehrtes
Aussehen berzeugte uns unschwer, da in den Lndern, die wir zu betreten
im Begriff standen, die Gesundheit des Reisenden allerdings gefhrdet sey.

Dem indianischen Steuermann, der uns von San Fernando am Apure bis zum
Strande von Pararuma gebracht hatte, war die Fahrt durch die
*Stromschnellen*(15) des Orinoco neu, und er wollte uns nicht weiter
fhren. Wir muten uns seinem Willen fgen. Glcklicherweise fand sich der
Missionr von Carichana willig, uns zu sehr billigem Preise eine hbsche
Pirogue abzutreten; ja der Missionr von Atures und Maypures bei den
groen Katarakten, Pater Bernardo Zea, erbot sich, obgleich er krank war,
uns bis zur Grenze von Brasilien zu begleiten. Der Indianer, welche die
Canoes ber die *Raudales* hinauf schaffen helfen, sind so wenige, da
wir, htten wir keinen Mnch bei uns gehabt, Gefahr gelaufen wren,
wochenlang an diesem feuchten, ungesunden Orte liegen bleiben zu mssen.
An den Ufern des Orinoco gelten die Wlder am Rio Negro fr ein kstliches
Land. Wirklich ist auch die Luft dort frischer und gesunder, und es gibt
im Flu fast keine Krokodile; man kann unbesorgt baden und ist bei Tag und
Nacht weniger als am Orinoco vom Insektenstich geplagt. Pater Zea hoffte,
wenn er die Missionen am Rio Negro besuchte, seine Gesundheit
wiederherzustellen. Er sprach von der dortigen Gegend mit der
Begeisterung, mit der man in den Colonien auf dem Festland Alles ansieht,
was in weiter Ferne liegt.

Die Versammlung der Indianer bei Pararuma bot uns wieder ein Schauspiel,
wie es den Culturmenschen immer dazu anregt, den wilden Menschen und die
allmhliche Entwicklung unserer Geisteskrfte zu beobachten. Man strubt
sich gegen die Vorstellung, da wir in diesem gesellschaftlichen
Kindheitszustand, in diesem Haufen trbseliger, schweigsamer,
theilnahmloser Indianer das ursprngliche Wesen unseres Geschlechts vor
uns haben sollen. Die Menschennatur tritt uns hier nicht im Gewande
liebenswrdiger Einfalt entgegen, wie sie die Poesie in allen Sprachen so
hinreiend schildert. Der Wilde am Orinoco schien uns so widrig abstoend
als der Wilde am Mississippi, wie ihn der reisende Philosoph [VOLNEY], der
grte Meister in der Schilderung des Menschen in verschiedenen Klimaten,
gezeichnet hat. Gar gerne redet man sich ein, diese Eingeborenen, wie sie
da, den Leib mit Erde und Fett beschmiert, um ihr Feuer hocken oder auf
groen Schildkrtenpanzern sitzen und stundenlang mit dummen Gesichtern
auf das Getrnk glotzen, das sie bereiten, seyen keineswegs der
ursprngliche Typus unserer Gattung, vielmehr ein entartetes Geschlecht,
die schwachen Ueberreste von Vlkern, die versprengt lange in Wldern
gelebt und am Ende in Barbarei zurckgesunken.

Die rothe Bemalung ist gleichsam die einzige Bekleidung der Indianer, und
es lassen sich zwei Arten derselben unterscheiden, nach der greren oder
geringeren Wohlhabenheit der Individuen. Die gemeine Schminke der
Caraiben, Otomaken und Jaruros ist der _'Onoto'_, von den Spaniern
_'Achote'_, von den Colonisten in Cayenne _'Rocou'_ genannt. Es ist der
Farbstoff, den man aus dem Fruchtfleisch der _Bixa orellana_ auszieht.
Wenn sie Onoto bereiten, werfen die indianischen Weiber die Samen der
Pflanze in eine Kufe mit Wasser, peitschen das Wasser eine Stunde lang und
lassen dann den Farbstoff, der lebhaft ziegelroth ist, sich ruhig
absetzen. Das Wasser wird abgegossen; der Bodensatz herausgenommen, mit
den Hnden ausgedrckt, mit Schildkrteneierl geknetet und runde 3--4
Unzen schwere Kuchen daraus geformt. In Ermanglung von Schildkrtenl
vermengen einige Nationen den Onoto mit Krokodilfett. Ein anderer, weit
kostbarerer Farbstoff wird aus einer Pflanze aus der Familie der Bignonien
gewonnen, die Bonpland unter dem Namen _Bignonia Chica_ bekannt gemacht
hat. Die Tamanaken nennen dieselbe _'Craviri'_, die Maypures
_'Chirraviri'_. Sie klettert auf die hchsten Bume und heftet sich mit
Ranken an. Die zweilippigen Blthen sind einen Zoll lang, schn violett,
und stehen zu zweien oder dreien beisammen. Die doppelt gefiederten
Bltter vertrocknen leicht und werden rthlich. Die Frucht ist eine zwei
Fu lange Schote mit geflgelten Samen. Diese Bignonie wchst bei Maypures
in Menge wild, ebenso noch weiter am Orinoco hinauf jenseits des
Einflusses des Guaviare, von Santa Barbara bis zum hohen Berge Duida,
besonders bei Esmeralda. Auch an den Ufern des Cassiquiare haben wir sie
gefunden. Der rothe Farbstoff des Chica wird nicht, wie der Onoto, aus der
Frucht gewonnen, sondern aus den im Wasser geweichten Blttern. Er sondert
sich in Gestalt eines sehr leichten Pulvers ab. Man formt ihn, ohne ihn
mit Schildkrtenl zu vermischen, zu kleinen 8--9 Zoll langen, 2--3 Zoll
hohen, an den Rndern abgerundeten Broden. Erwrmt verbreiten diese Brode
einen angenehmen Geruch, wie Benzoe. Bei der Destillation zeigt der Chica
keine merkbare Spur von Ammoniak; es ist kein stickstoffhaltiger Krper
wie der Indigo. In Schwefel- und Salzsure, selbst in den Alkalien lst er
sich etwas auf. Mit Oel abgerieben, gibt der Chica eine rothe, dem Lack
hnliche Farbe. Trnkt man Wolle damit, so knnte man sie mit Krapproth
verwechseln. Es unterliegt wohl keinem Zweifel, da der Chica, der vor
unserer Reise in Europa unbekannt war, sich technisch ntzlich verwenden
liee: Am Orinoco wird diese Farbe am besten von den Vlkerschaften der
Salivas, Guipunaves, Caveres und Piravas bereitet. Die meisten Vlker am
Orinoco knnen mit dem Infundiren und Maceriren gut umgehen. So treiben
die Maypures ihren Tauschhandel mit kleinen Broden von *Pucuma*, einem
Pflanzenmehl, das wie der Indigo getrocknet wird und eine sehr dauerhafte
gelbe Farbe liefert. Die Chemie des Wilden beschrnkt sich auf die
Bereitung von Farbstoffen und von Giften und auf das Aussen der
strkmehlhaltigen Wurzeln der Arumarten und der Euphorbien.

Die meisten Missionre am obern und untern Orinoco gestatten den Indianern
in ihren Missionen, sich die Haut zu bemalen. Leider gibt es manche, die
auf die Nacktheit der Eingeborenen speculiren. Da die Mnche nicht
Leinwand und Kleider an sie verkaufen knnen, so handeln sie mit rother
Farbe, die bei den Eingeborenen so sehr gesucht ist. Oft sah ich in ihren
Htten, die vornehm _Conventos_ heien, Niederlagen von Chica. Der Kuchen,
die _turtu_, wird bis zu vier Franken verkauft. Um einen Begriff zu geben,
welchen Luxus die nackten Indianer mit ihrem Putze treiben, bemerke ich
hier, da ein hochgewachsener Mann durch zwei wchentliche Arbeit kaum
genug verdient, um sich durch Tausch so viel Chica zu verschaffen, da er
sich roth bemalen kann. Wie man daher in gemigten Lndern von einem
armen Menschen sagt, er habe nicht die Mittel, sich zu kleiden, so hrt
man die Indianer am Orinoco sagen: Der Mensch ist so elend, da er sich
den Leib nicht einmal halb malen kann. Der kleine Handel mit Chica wird
besonders mit den Stmmen am untern Orinoco getrieben, in deren Land die
Pflanze, die den kostbaren Stoff liefert, nicht wchst. Die Caraiben und
Otomaken frben sich blo Gesicht und Haare mit Chica, aber den Salives
steht die Farbe in solcher Menge zu Gebot, da sie den ganzen Krper damit
berziehen knnen. Wenn die Missionre nach Angostura auf ihre Rechnung
kleine Sendungen von Cacao, Tabak und *Chiquichiqui*(16) vom Rio Negro
machen, so packen sie immer auch Chicakuchen, als einen sehr gesuchten
Artikel, bei. Manche Leute europischer Abkunft brauchen den Farbstoff,
mit Wasser angerhrt, als ein vorzgliches harntreibendes Mittel.

Der Brauch, den Krpers zu bemalen, ist nicht bei allen Vlkern am Orinoco
gleich alt. Erst seit den hufigen Einfllen der mchtigen Nation der
Caraiben in diese Lnder ist derselbe allgemeiner geworden. Sieger und
Besiegte waren gleich nackt, und um dem Sieger gefllig zu seyn, mute man
sich bemalen wie er und seine Farbe tragen. Jetzt ist es mit der Macht der
Caraiben vorbei, sie sind auf das Gebiet zwischen den Flssen Carony,
Cuyuni und Paraguamuzi beschrnkt, aber die caraibische Mode, den ganzen
Krper zu frben, hat sich erhalten; der Brauch ist dauernder als die
Eroberung.

Ist nun der Gebrauch des Onoto und des Chica ein Kind der bei wilden
Vlkern so hufigen Gefallsucht und ihrer Liebe zum Putz, oder grndet er
sich vielleicht auf die Beobachtung, da ein Ueberzug von frbenden und
ligten Stoffen die Haut gegen den Stich der Moskitos schtzt? In den
Missionen am Orinoco und berall, wo die Luft von giftigen Insekten
wimmelt, habe ich diese Frage sehr oft errtern hren. Die Erfahrung
zeigt, da der Caraibe und der Saliva, die roth bemalt sind, von Moskitos
und Zancudos so arg geplagt werden als die Indianer, die keine Farbe
aufgetragen haben. Bei beiden hat der Stich des Insects keine Geschwulst
zur Folge; fast nie bilden sich die Blasen oder kleinen Beulen, die frisch
angekommenen Europern ein so unertrgliches Jucken verursachen. So lange
aber das Insekt den Saugrssel nicht aus der Hautgezogen hat, schmerzt der
Stich den Eingeborenen und den Weien gleich sehr. Nach tausend andern
nutzlosen Versuchen haben Bonpland und ich uns selbst Hnde und Arme mit
Krokodilfett und Schildkrteneierl eingerieben und davon nie die
geringste Erleichterung gesprt; wir wurden gestochen nach wie vor. Ich
wei wohl, da Oel und Fett von den Lappen als die wirksamsten
Schutzmittel gerhmt werden; aber die scandinavischen Insekten und die am
Orinoco sind nicht von derselben Art. Der Tabaksrauch verscheucht unsere
Schnacken, gegen die Zancudos hilft er nichts. Wenn die Anwendung vom
fetten und adstringirenden Stoffen(17) die unglcklichen Landeseinwohner
vor der Insektenplage schtzte, wie Pater GUMILLA behauptet, warum wre
der Brauch sich zu bemalen hier zu Lande nicht ganz allgemein geworden?
wie knnten so viele nackte Vlker, die sich blo das Gesicht bemalen,
dicht neben solchen wohnen, die den ganzen Krper frben?

Es erscheint auffallend, da die Indianer am Orinoco, wie die Eingeborenen
in Nordamerika, rothe Farbstoffe allen andern vorziehen. Rhrt diese
Vorliebe davon her, da der Wilde sich leicht ockerartige Erden oder das
Farbmehl des Rocou und des Chica verschafft? Das mchte ich sehr be-
zweifeln. In einem groen Theil des tropischen Amerika wchst der Indigo
wild, und diese Pflanze, wie so viele andere Schotengewchse, htten den
Eingeborenen reichlich Mittel geboten, sich blau zu frben wie die alten
Britannier, und doch sehen wir in Amerika keine mit Indigo bemalten
Stmme. Wenn die Amerikaner der rothen Farbe den Vorzug geben, so beruht
die, wie schon oben bemerkt, wahrscheinlich auf dem Triebe der Vlker,
Alles, was sie nationell auszeichnet, schn zu finden. Menschen, deren
Haut von Natur rothbraun ist, lieben die rothe Farbe. Kommen sie mit
niedriger Stirn, mit abgeplattetem Kopfe zur Welt, so suchen sie bei ihren
Kindern die Stirne niederzudrcken. Unterscheiden sie sich von andern
Vlkern durch sehr dnnen Bart, so suchen sie die wenigen Haare, welche
die Natur ihnen wachsen lassen, auszuraufen. Sie halten sich fr desto
schner, je strker sie die charakteristischen Zge ihres Stammes oder
ihrer Nationalbildung hervortreten lassen.

Im Lager auf Pararuma machten wir die auffallende Bemerkung, da sehr alte
Weiber mit ihrem Putz sich mehr zu schaffen machten als die jngsten. Wir
sahen eine Indianerin vom Stamme der Otomaken, die sich die Haare mit
Schildkrtenl einreiben und den Rcken mit Onoto und *Caruto* bemalen
lie; zwei ihrer Tchter muten dieses Geschft verrichten. Die Malerei
bestand in einer Art Gitter von schwarzen sich kreuzenden Linien auf
rothem Grund; in jedes kleine Viereck wurde mitten ein schwarzer Punkt
gemacht, eine Arbeit, zu der unglaubliche Geduld gehrte. Wir hatten sehr
lange botanisirt, und als wir zurckkamen, war die Malerei noch nicht halb
fertig. Man wundert sich ber einen so umstndlichen Putz um so mehr, wenn
man bedenkt, da die Linien und Figuren nicht ttowirt werden, und da das
so mhsam Aufgemalte sich verwischt,(18) wenn sich der Indianer
unvorsichtigerweise einem starken Regen aussetzt. Manche Nationen bemalen
sich nur, wenn sie Feste begehen, andere sind das ganze Jahr mit Farbe
angestrichen, und bei diesen ist der Gebrauch des Onoto so unumgnglich,
da Mnner und Weiber sich wohl weniger schmten, wenn sie sich ohne
*Guayuco*, als wenn sie sich unbemalt blicken lieen. Die *Guayucos*
bestehen am Orinoco theils aus Baumrinde, theils aus Baumwollenzeug. Die
Mnner tragen sie breiter als die Weiber, die berhaupt (wie die
Missionre behaupten) weniger Schamgefhl haben. Schon Christoph Columbus
hat eine hnliche Bemerkung gemacht. Sollte diese Gleichgltigkeit der
Weiber, dieser ihr Mangel an Scham unter Vlkern, deren Sitten doch nicht
sehr verdorben sind, nicht daher rhren, da das andere Geschlecht in
Sdamerika durch Mibrauch der Gewalt von Seiten der Mnner so tief
herabgewrdigt und zu Sklavendiensten verurtheilt ist?

Ist in Europa von einem Eingeborenen von Guyana die Rede, so stellt man
sich einen Menschen vor, der an Kopf und Grtel mit schnen Arras-,
Tucan-, Tangaras- und Colibrifedern geschmckt ist. Von jeher gilt bei
unsern Malern und Bildhauern solcher Putz fr das charakteristische
Merkmal eines Amerikaners. Zu unserer Ueberraschung sahen wir in den
Missionen der Chaymas, in den Lagern von Uruana und Pararuma, ja beinahe
am ganzen Orinoco und Cassiquiare nirgends jene schnen Federbsche, jene
Federschrzen, wie sie die Reisenden so oft aus Cayenne und Demerary
heimbringen. Die meisten Vlkerschaften in Guyana, selbst die, deren
Geisteskrfte ziemlich entwickelt sind, die Ackerbau treiben und
Baumwollenzeug weben, sind so nackt, so arm, so schmucklos wie die
Neuhollnder. Bei der ungeheuren Hitze, beim starken Schwei, der den
Krper den ganzen Tag ber und zum Theil auch bei Nacht bedeckt, ist jede
Bekleidung unertrglich. Die Putzsachen, namentlich die Federbsche werden
nur bei Tanz und Festlichkeit gebraucht. Die Federbsche der Guaypuaves
sind wegen der Auswahl der schnen Manakin- und Papagayenfedern die
berhmtesten.

Die Indianer bleiben nicht immer bei einem einfachen Farbenberzug stehen;
zuweilen ahmen sie mit ihrer Hautmalerei in der wunderlichsten Weise den
Schnitt europischer Kleidungsstcke nach. Wir sahen in Pararuma welche,
die sich blaue Jacken mit schwarzen Knpfen malen lieen. Die Missionre
erzhlten uns sogar, die Guaynaves am Rio Caura frben sich mit Onoto und
machen sich dem Krper entlang breite Querstreifen, auf die sie
silberfarbige Glimmerblttchen kleben. Von weitem sieht es aus, als trgen
die nackten Menschen mit Tressen besetzte Kleider. Wren die *bemalten*
Vlker so scharf beobachtet worden, wie die *bekleideten*, so wre man zum
Schlusse gelangt, da beim Bemalen, so gut wie bei der Bekleidung, der
Brauch von groer Fruchtbarkeit der Einbildungskraft und starkem Wechsel
der Laune erzeugt wird.

Das Bemalen und Ttowiren ist in beiden Welten weder auf Einen
Menschenstamm, noch auf Einen Erdstrich beschrnkt. Am hufigsten kommen
diese Arten von Putz bei Vlkern malayischer und amerikanischer Race vor;
aber zur Zeit der Rmer bestand die Sitte auch bei der weien Race im
Norden von Europa. Wenn Kleidung und Tracht im griechischen Archipel und
in Westasien am malerischsten sind, so sind Bemalung und Ttowirung bei
den Insulanern der Sdsee am hchsten ausgebildet. Manche bekleideten
Vlker bemalen sich dabei doch Hnde, Ngel und Gesicht. Die Bemalung
erscheint hier auf die Krpertheile beschrnkt, die allein blos getragen
werden, und whrend die Schminke, die an den wilden Zustand der Menschheit
erinnert, in Europa nach und nach verschwindet, meinen die Damen in
manchen Stdten der Provinz Peru ihre doch so feine und sehr weie Haut
durch Auftragen von vegetabilischen Farbstoffen, von Strke, Eiwei und
Mehl schner zu machen. Wenn man lange unter Menschen gelebt hat, die mit
Onoto und Chica bemalt sind, fallen einem diese Ueberreste alter Barbarei
inmitten aller Gebruche der gebildeten Welt nicht wenig auf.

Im Lager von Pararuma hatten wir Gelegenheit, manche Thiere, die wir bis
dahin nur von den europischen Sammlungen her kannten, zum erstenmal
lebend zu sehen. Die Missionre treiben mit dergleichen kleinen Thieren
Handel. Gegen Tabak, Maniharz, Chicafarbe, _'Gallitos'_ (Felshhner),
*Titi-*, *Kapuziner-* und andere an den Ksten sehr gesuchte Affen
tauschen sie Zeuge, Ngel, Aexte, Angeln und Stecknadeln ein. Die Producte
vom Orinoco werden den Indianern, die unter der Herrschaft der Mnche
leben, zu niedrigem Preise abgekauft, und dieselben Indianer kaufen dann
von den Mnchen, aber zu sehr hohen Preisen, mit dem Geld, das sie bei der
Eierernte erlsen, ihr Fischergerthe und ihre Ackerwerkzeuge. Wir kauften
mehrere Thiere, die uns auf der brigen Stromfahrt begleiteten und deren
Lebensweise wir somit beobachten konnten. Ich habe diese Beobachtungen in
einem andern Werke bekannt gemacht; da ich aber einmal von denselben
Gegenstnden zweimal handeln mu, beschrnke ich mich hier auf ganz kurze
Angaben und fge Notizen bei, wie sie mir seitdem hier und da in meinen
Reisetagebchern aufstieen.

Die *Gallitos* oder *Felshhner*, die man in Pararuma in niedlichen
kleinen Bauern aus Palmblattstielen verkauft, sind an den Ufern des
Orinoco und im ganzen Norden und Westen des tropischen Amerika weit
seltener als in franzsisch Guyana. Man fand sie bisher nur bei der
Mission Encaramada und in den *Raudales* oder Fllen von Maypures. Ich
sage ausdrcklich in den Fllen; denn diese Vgel nisten gewhnlich in den
Hhlungen der kleinen Granitfelsen, die sich durch den Orinoco ziehen und
so zahlreiche Wasserflle bilden. Wir sahen sie manchmal mitten im
Wasserschaum zum Vorschein kommen, ihrer Henne rufen und mit einander
kmpfen, wobei sie wie unsere Hhne den doppelten beweglichen Kamm, der
ihren Kopfschmuck bildet, zusammenfalten. Da die Indianer selten
erwachsene Gallitos fangen und in Europa nur die Mnnchen geschtzt sind,
die vom dritten Jahre an prchtig goldgelb werden, so mu der Kufer auf
der Hut seyn, um nicht statt junger Hahnen junge Hennen zu bekommen. Beide
sind olivenbraun; aber der _Pollo_ oder junge Hahn zeichnet sich schon
ganz jung durch seine Gre und seine gelben Fe aus. Die Henne bleibt
ihr Lebenlang dunkelfarbig, braun, und nur die Spitzen und der Untertheil
der Flgel sind bei ihr gelb. Soll der erwachsene Felshahn in unsern
Sammlungen die schne Farbe seines Gefieders erhalten, so darf man
dasselbe nicht dem Licht aussetzen. Die Farbe bleicht weit schneller als
bei andern Gattungen sperlingsartiger Vgel. Die jungen Hahnen haben, wie
die meisten Thiere, das Gefieder der Mutter. Es wundert mich, wie ein so
ausgezeichneter Beobachter wie LE VAILLANT in Zweifel ziehen kann, ob die
Henne wirklich immer dunkelfarbig, olivenbraun bleibt. Die Indianer bei
den Raudales versicherten mich alle, niemals ein goldfarbiges Weibchen
gesehen zu haben.

Unter den Affen, welche die Indianer in Paramara zu Markte gebracht, sahen
wir mehrere Spielarten des *Sa* [_Simia capucina_], der der kleinen
Gruppe der Winselaffen angehrt, die in den spanischen Colonien *Matchi*
heien, ferner *Marimondas* [_Simia Belzebuth_] oder Atelen mit rothem
Bauch, *Titis* und *Viuditas*. Die beiden letzteren Arten interessirten
uns besonders, und wir kauften sie, um sie nach Europa zu schicken.(19)
BUFFONs *Ouistiti* [_Simia Jacchus_] ist AZZARAs Titi, der *Titi* [_Simia
Oedipus_] von Carthagena und Darien ist BUFFONs Pinche, und der *Titi*
[_Simia sciurea_] vom Orinoco ist der Samiri der franzsischen Zoologen,
und diese Thiere drfen nicht verwechselt werden. In den verschiedenen
spanischen Colonien heien *Titi* Affen, die drei verschiedenen
Untergattungen angehren und in der Zahl der Backzhne von einander
abweichen. Nach dem eben Angefhrten ist die Bemerkung fast berflssig,
wie wnschenswerth es wre, da man in wissenschaftlichen Werken sich der
landesblichen Namen enthielte, die durch unsere Orthographie entstellt
werden, die in jeder Provinz wieder anders lauten, und so die klgliche
Verwirrung in der zoologischen Nomenclatur vermehren.

Der *Titi vom Orinoco* (_Simia sciurea_), bis jetzt schlecht abgebildet,
indessen in unsern Sammlungen sehr bekannt, heit bei den
Maypures-Indianern _Bititeni_. Er kommt sdlich von den Katarakten sehr
hufig vor. Er hat ein weies Gesicht und ber Mund und Nasenspitze weg
einen kleinen blauschwarzen Fleck. Die am zierlichsten gebauten und am
schnsten gefrbten (der Pelz ist goldgelb) kommen von den Ufern des
Cassiquiare. Die man am Guaviare fngt, sind gro und schwer zu zhmen.
Kein anderer Affe sieht im Gesicht einem Kinde so hnlich wie der Titi; es
ist derselbe Ausdruck von Unschuld, dasselbe schalkhafte Lcheln: derselbe
rasche Uebergang von Freude zu Trauer. Seine groen Augen fllen sich mit
Thrnen, sobald er ber etwas ngstlich wird. Er ist sehr lstern nach
Insekten, besonders nach Spinnen. Das kleine Thier ist so klug, da ein
Titi, den wir aus unserem Canoe nach Angostura brachten, die Tafeln zu
CUVIERs _Tableau lmentaire d'histoire naturelle_ ganz gut unterschied.
Diese Kupfer sind nicht colorirt, und doch streckte der Titi rasch die
kleine Hand aus, in der Hoffnung, eine Heuschrecke oder eine Wespe zu
erhaschen, so oft wir ihm die eilfte Tafel vorhielten, auf der diese
Insekten abgebildet sind. Zeigte man ihm Skelette oder Kpfe von
Sugethieren, blieb er vllig gleichgltig.(20) Setzt man mehrere dieser
kleinen Affen, die im selben Kfigt beisammen sind, dem Regen aus, und
fllt die gewhnliche Lufttemperatur rasch um 2--3 Grad, so schlingen sie
sich den Schwanz, der brigens kein Wickelschwanz ist, um den Hals und
verschrnken Arme und Beine, um sich gegenseitig zu erwrmen. Die
indianischen Jger erzhlten uns, man finde in den Wldern hufig Haufen
von zehn, zwlf solcher Affen, die erbrmlich schreien, weil die auswrts
Stehenden in den Knuel hinein mchten, um Wrme und Schutz zu finden.
Schiet man mit Pfeilen, die in _Curare destemplado_ (in verdnntes Gift)
getaucht sind, auf einen solchen Knuel, so fngt man viele junge Affen
auf einmal lebendig. Der junge Titi bleibt im Fallen an seiner Mutter
hngen, und wird er durch den Sturz nicht verletzt, so weicht er nicht von
Schulter und Hals des todten Thiers. Die meisten, die man in den Htten
der Indianer lebend antrifft, sind auf diese Weise von den Leichen ihrer
Mtter gerissen worden. Erwachsene Thiere, wenn sie auch von leichten
Wunden genesen sind, gehen meist zu Grunde, ehe sie sich an den Zustand
der Gefangenschaft gewhnt haben. Die Titis sind meist zarte, furchtsame
kleine Thiere. Sie sind aus den Missionen am Orinoco schwer an die Ksten
von Cumana und Caracas zu bringen. Sobald man die Waldregion hinter sich
hat und die Llanos betritt, werden sie traurig und niedergeschlagen. Der
unbedeutenden Zunahme der Temperatur kann man diese Vernderung nicht
zuschreiben, sie scheint vielmehr vom strkeren Licht, von der geringeren
Feuchtigkeit und von irgend welcher chemischen Beschaffenheit der Luft an
der Kste herzurhren.

Den Samiris oder Titis vom Orinoco, den Atelen, Sajous und andern schon
lange in Europa bekannten Vierhndern steht in scharfem Abstich, nach
Habitus und Lebensweise, der *Macavahu* [_Simia lugens_] gegenber, den
die Missionre _'Viudita'_ oder *Wittwe in Trauer* nennen. Das kleine
Thier hat feines, glnzendes, schn schwarzes Haar. Das Gesicht hat eine
weilichte, ins Blaue spielende Larve, in der Augen, Nase und Mund stehen.
Die Ohren haben einen umgebogenen Rand, sind klein, wohlgebildet und fast
ganz nackt. Vorn am Halse hat die *Wittwe* einen weien, zollbreiten
Strich, der ein halbes Halsband bildet. Die Hinterfe oder vielmehr Hnde
sind schwarz wie der brige Krper, aber die Vorderhnde sind auen wei
und innen glnzend schwarz. Diese weien Abzeichen deuten nun die
Missionare als Schleier, Halstuch und Handschuhe einer *Wittwe in Trauer*.
Die Gemthsart dieses kleinen Affen, der sich nur beim Fressen auf den
Hinterbeinen ausrichtet, verrth sich durch seine Haltung nur sehr wenig.
Er sieht sanft und schchtern aus; hufig berhrt er das Fressen nicht,
das man ihm bietet, selbst wenn er starken Hunger hat. Er ist nicht gerne
in Gesellschaft anderer Affen; wenn er den kleinsten Samri ansichtig
wird, luft er davon. Sein Auge verrth groe Lebhaftigkeit. Wir sahen ihn
stundenlang regungslos dasitzen, ohne da er schlief, und auf Alles, was
um ihn vorging, achten. Aber diese Schchternheit und Sanftmuth sind nur
scheinbar. Ist die Viudita allein, sich selbst berlassen, so wird sie
wthend, sobald sie einen Vogel sieht. Sie klettert und luft dann mit
erstaunlicher Behendigkeit; sie macht einen Satz auf ihre Beute, wie die
Katze, und erwrgt, was sie erhaschen kann. Dieser sehr seltene und sehr
zrtliche Affe lebt auf dem rechten Ufer des Orinoco in den Granitgebirgen
hinter der Mission Santa Barbara, ferner am Guaviare bei San Fernando de
Atabapo. Die Viudita hat die ganze Reise auf dem Cassiquiare und Rio Negro
mitgemacht und ist zweimal mit uns ber die Katarakten gegangen. Will man
die Sitten der Thiere genau beobachten, so ist es, nach meiner Meinung,
sehr vortheilhaft, wenn man sie Monate lang in freier Luft, nicht in
Husern, wo sie ihre natrliche Lebhaftigkeit ganz verlieren, unter den
Augen hat.

Die neue fr uns bestimmte Pirogue wurde noch am Abend geladen. Es war,
wie alle indianischen Canoes, ein mit Axt und Feuer ausgehhlter
Baumstamm, vierzig Fu lang und drei breit. Drei Personen konnten nicht
neben einander darin sitzen. Diese Piroguen sind so beweglich, sie
erfordern, weil sie so wenig Widerstand leisten, eine so gleichmige
Vertheilung der Last, da man, wenn man einen Augenblick aufstehen will,
den Ruderern (_bogas_) zurufen mu, sich auf die entgegengesetzte Seite zu
lehnen; ohne diese Vorsicht liefe das Wasser nothwendig ber den geneigten
Bord. Man macht sich nur schwer einen Begriff davon, wie bel man auf
einem solchen elenden Fahrzeug daran ist.

Der Missionr aus den *Raudales* betrieb die Zurstungen zur Weiterfahrt
eifriger, als uns lieb war. Man besorgte nicht genug Macos- und
Guahibos-Indianer zur Hand zu haben, die mit dem Labyrinth von kleinen
Kanlen und Wasserfllen, welche die Raudales oder Katarakten bilden,
bekannt wren; man legte daher die Nacht ber zwei Indianer in den *Cepo*,
das heit, man legte sie auf den Boden und steckte ihnen die Beine durch
zwei Holzstcke mit Ausschnitten, um die man eine Kette mit Vorlegeschlo
legte. Am frhen Morgen weckte uns das Geschrei eines jungen Mannes, den
man mit einem Seekuhriemen unbarmherzig peitschte. Es war *Zerepe*, ein
sehr verstndiger Indianer, der uns in der Folge die besten Dienste
leistete, jetzt aber nicht mit uns gehen wollte. Er war aus der Mission
Atures gebrtig, sein Vater war ein Maco, seine Mutter vom Stamme der
Maypures; er war in die Wlder (_al monte_) entlaufen und hatte ein paar
Jahre unter nicht unterworfenen Indianern gelebt. Dadurch hatte er sich
mehrere Sprachen zu eigen gemacht, und der Missionr brauchte ihn als
Dolmetscher. Nur mit Mhe brachten wir es dahin, da der junge Mann
begnadigt wurde. Ohne solche Strenge, hie es, wrde es euch an Allem
fehlen. Die Indianer aus den Raudales und vom obern Orinoco sind ein
strkerer und arbeitsamerer Menschenschlag als die am untern Orinoco. Sie
wissen wohl, da sie in Angostura sehr gesucht sind. Liee man sie machen,
so gingen sie alle den Flu hinunter, um ihre Produkte zu verkaufen und in
voller Freiheit unter den Weien zu leben, und die Missionen stnden
leer.

Diese Grnde mgen scheinbar etwas fr sich haben, richtig sind sie nicht.
Will der Mensch der Vortheile des geselligen Lebens genieen, so mu er
allerdings seine natrlichen Rechte, seine frhere Unabhngigkeit zum
Theil zum Opfer bringen. Wird aber das Opfer, das man ihm auferlegt, nicht
durch die Vortheile der Civilisation aufgewogen, so nhrt der Wilde in
seiner verstndigen Einfalt fort und fort den Wunsch, in die Wlder
zurckzukehren, in denen er geboren worden. Weil der Indianer aus den
Wldern in den meisten Missionen als ein Leibeigener behandelt wird, weil
er der Frchte seiner Arbeit nicht froh wird, dehalb verden die
christlichen Niederlassungen am Orinoco. Ein Regiment, das sich auf die
Vernichtung der Freiheit der Eingeborenen grndet, tdtet die
Geisteskrfte oder hemmt doch ihre Entwicklung.

Wenn man sagt, der Wilde msse wie das Kind unter strenger Zucht gehalten
werden, so ist die ein unrichtiger Vergleich. Die Indianer am Orinoco
haben in den Aeuerungen ihrer Freude, im raschen Wechsel ihrer
Gemthsbewegungen etwas Kindliches; sie sind aber keineswegs groe Kinder,
sowenig als die armen Bauern im stlichen Europa, die in der Barbarei des
Feudalsystems sich der tiefsten Verkommenheit nicht entringen knnen.
Zwang, als hauptschlichstes und einziges Mittel zur Sittigung des Wilden,
erscheint zudem als ein Grundsatz, der bei der Erziehung der Vlker und
bei der Erziehung der Jugend gleich falsch ist. Wie schwach, und wie tief
gesunken auch der Mensch seyn mag, keine Fhigkeit ist ganz erstorben. Die
menschliche Geisteskraft ist nur dem Grad und der Entwicklung nach
verschieden. Der Wilde, wie das Kind, vergleicht den gegenwrtigen Zustand
mit dem vergangenen; er bestimmt seine Handlungen nicht nach blindem
Instinkt, sondern nach Rcksichten der Ntzlichkeit. Unter allen Umstnden
kann Vernunft durch Vernunft aufgeklrt werden; die Entwicklung derselben
wird aber desto mehr niedergehalten, je weiter diejenigen, die sich zur
Erziehung der Jugend oder zur Regierung der Vlker berufen glauben, im
hochmthigen Gefhl ihrer Ueberlegenheit auf die ihnen Untergebenen
herabblicken und Zwang und Gewalt brauchen, statt der sittlichen Mittel,
die allein keimende Fhigkeiten entwickeln, die aufgeregten Leidenschaften
snftigen und die gesellschaftliche Ordnung befestigen knnen.

Am 10. April. Wir konnten erst um zehn Uhr Morgens unter Segel gehen. Nur
schwer gewhnten wir uns an die neue Pirogue, die uns eben ein neues
Gefngni war. Um an Breite zu gewinnen, hatte man auf dem Hintertheil des
Fahrzeugs aus Baumzweigen eine Art Gitter angebracht, das aus beiden
Seiten ber den Bord hinausreichte. Leider war das Bltterdach (_el
toldo_) darber so niedrig, da man gebckt sitzen oder ausgestreckt
liegen mute, wo man dann nichts sah. Da man die Piroguen durch die
Stromschnellen, ja von einem Flu zum andern schleppen mu, und weil man
dem Wind zu viel Flche bte, wenn man den _Toldo_ hher machte, so kann
auf den kleinen Fahrzeugen, die zum Rio Negro hinauf gehen, die Sache
nicht anders eingerichtet werden. Das Dach war fr vier Personen bestimmt,
die auf dem Verdeck oder dem Gitter aus Baumzweigen lagen; aber die Beine
reichen weit ber das Gitter hinaus, und wenn es regnet, wird man zum
halben Leib durchnt. Dabei liegt man auf Ochsenhuten oder Tigerfellen
und die Baumzweige darunter drcken einen durch die dnne Decke gewaltig.
Das Vordertheil des Fahrzeugs nahmen die indianischen Ruderer ein, die
drei Fu lange, lffelsrmige *Pagaies* fhren. Sie sind ganz nackt,
sitzen paarweise und rudern im Takt, den sie merkwrdig genau einhalten.
Ihr Gesang ist trbselig, eintnig. Die kleinen Kfige mit unsern Vgeln
und Affen, deren immer mehr wurden, je weiter wir kamen, waren theils am
Toldo, theils am Vordertheil aufgehngt. Es war unsere Reisemenagerie.
Obgleich viele der kleinen Thiere durch Zufall, meist aber am Sonnenstich
zu Grunde gingen, hatten wir ihrer bei der Rckkehr vom Cassiquiare noch
vierzehn. Naturaliensammler, die lebende Thiere nach Europa bringen
wollen, knnten sich in Angostura und Gran-Para, den beiden Hauptstdten
am Orinoco und Amazonenstrom, eigens fr ihren Zweck Piroguen bauen
lassen, wo im ersten Drittheil zwei Reihen gegen die Sonnengluth
geschtzter Kfige angebracht wren. Wenn wir unser Nachtlager
aufschlugen, befanden sich die Menagerie und die Instrumente immer in der
Mitte; ringsum kamen sofort unsere Hngematten, dann die der Indianer, und
zu uerst die Feuer, die man fr unentbehrlich hielt, um den Jaguar ferne
zu halten. Um Sonnenaufgang stimmten unsere Affen in das Geschrei der
Affen im Walde ein. Dieser Verkehr zwischen Thieren derselben Art, die
einander zugethan sind, ohne sich zu sehen, von denen die einen der
Freiheit genieen, nach der die andern sich sehnen, hat etwas Wehmthiges,
Rhrendes.

Auf der berfllten, keine drei Fu breiten Pirogue blieb fr die
getrockneten Pflanzen, die Koffer, einen Sextanten, den Inclinationscompa
und die meteorologischen Instrumente kein Platz als der Raum unter dem
Gitter aus Zweigen, auf dem wir den grten Theil des Tags ausgestreckt
liegen muten. Wollte man irgend etwas aus einem Koffer holen oder ein
Instrument gebrauchen, mute man ans Ufer fahren und aussteigen. Zu diesen
Unbequemlichkeiten kam noch die Plage der Moskitos, die unter einem so
niedrigen Dache in Schaaren hausen, und die Hitze, welche die Palmbltter
ausstrahlen, deren obere Flche bestndig der Sonnengluth ausgesetzt ist.
Jeden Augenblick suchten wir uns unseres Lage ertrglicher zu machen, und
immer vergeblich. Whrend der eine sich unter ein Tuch steckte, um sich
vor den Insekten zu schtzen, verlangte der andere, man solle grnes Holz
unter dem Toldo anznden, um die Mcken durch den Rauch zu vertreiben.
Wegen des Brennens der Augen und der Steigerung der ohnehin erstickenden
Hitze war das eine Mittel so wenig anwendbar als das andere. Aber mit
einem muntern Geiste, bei gegenseitiger Herzlichkeit, bei offenem Sinn und
Auge fr die groartige Natur dieser weiten Stromthler fllt es den
Reisenden nicht schwer, Beschwerden zu ertragen, die zur Gewohnheit
werden. Wenn ich mich hier auf diese Kleinigkeiten eingelassen habe,
geschah es nur, um die Schifffahrt auf dem Orinoco zu schildern und
begreiflich zu machen, da Bonpland und ich auf diesem Stck unserer Reise
beim besten Willen lange nicht alle die Beobachtungen machen konnten, zu
denen uns die an wissenschaftlicher Ausbeute so reiche Naturumgebung
aufforderte.

Unsere Indianer zeigten uns am rechten Ufer den Ort, wo frher die ums
Jahr 1733 von den Jesuiten gegrndete Mission Pararuma gestanden. Eine
Pockenepidemie, die unter den Salivas-Indianern groe Verheerungen
anrichtete, war der Hauptgrund, warum die Mission einging. Die wenigen
Einwohner, welche die schreckliche Seuche berlebten, wurden im Dorfe
Carichana aufgenommen, das wir bald besuchen werden. Hier bei Pararuma war
es, wo, nach Pater Nomans Aussage, gegen die Mitte des vorigen
Jahrhunderts bei einem starken Gewitter Hagel fiel. Die ist so ziemlich
der einzige Fall, der meines Wissens in einer fast im Niveau des Meeres
liegenden Niederung vorgekommen; denn im Allgemeinen hagelt es unter den
Tropen nur in mehr als 300 Toisen Meereshhe [S. Band II Seite 156].
Bildet sich der Hagel in derselben Hhe ber Niederungen und Hochebenen,
so mu man annehmen, er schmelze bei seinem Durchgang durch die untersten
Luftschichten (zwischen 0 und 300 Toisen), deren mittlere Temperatur 27,5
und 24 betrgt. Ich gestehe indessen, da es beim jetzigen Stande der
Meteorologie sehr schwer zu erklren ist, warum es in Philadelphia, Rom
und Montpellier in den heiesten Monaten mit einer mittleren Temperatur
von 25 bis 26 hagelt, whrend in Cumana, Guayra und berhaupt in den
Niederungen in der Nhe des Aequators die Erscheinung nicht vorkommt. In
den Vereinigten Staaten und im sdlichen Europa (unter dem 40--43. Grad
der Breite) ist die Temperatur auf den Niederungen im Sommer ungefhr eben
so hoch als unter den Tropen. Auch die Wrmeabnahme ist nach meinen
Untersuchungen nur wenig verschieden. Rhrt nun der Umstand, da in der
heien Zone kein Hagel fllt, davon her, da die Hagelkrner beim
Durchgang durch die untern Luftschichten schmelzen, so mu man annehmen,
da die Krner im Moment der Bildung in der gemigten Zone grer sind
als in der heien. Wir kennen die Bedingungen, unter denen in unserem
Klima das Wasser in einer Gewitterwolke friert, noch so wenig, da wir
nicht zu beurtheilen vermgen, ob unter dem Aequator ber den Niederungen
dieselben Bedingungen eintreten. Ich bezweifle, da sich der Hagel immer
in einer Luftregion bildet, deren mittlere Temperatur gleich Null ist, und
die bei uns im Sommer 1500--1600 Toisen hoch liegt. Die Wolken, in denen
man die Hagelkrner, bevor sie fallen, an einander schlagen hrt, und die
wagrecht ziehen, kamen mir immer lange nicht so hoch vor, und es erscheint
begreiflich, da in solch geringerer Hhe durch die Ausdehnung der
aufsteigenden Luft, welche an Wrmecapacitt zunimmt, durch Strme kalter
Luft aus einer hheren Breite, besonders aber (nach GAY-LUSSAC) durch die
Strahlung der obern Flche der Wolken, eine ungewhnliche Erkltung
hervorgebracht wird. Ich werde Gelegenheit haben, auf diesen Punkt
zurckzukommen, wenn von den verschiedenen Formen die Rede ist, unter
denen auf den Anden in 2000--2600 Toisen Meereshhe Hagel und Graupen
auftreten, und die Frage errtert wird, ob man die Wolken, welche die
Gebirge einhllen, als eine horizontale Fortsetzung der Wolkenschicht
betrachten kann, die wir in den Niederungen gerade ber uns sich bilden
sehen.

Im Orinoco sind sehr viele Inseln und der Strom fngt jetzt an sich in
mehrere Arme zu theilen, deren westlichster in den Monaten Januar und
Februar trocken liegt. Der ganze Strom ist 2900--3000 Toisen breit. Der
Insel Javanavo gegenber sahen wir gegen Ost die Mndung des *Cao*
Aujacoa. Zwischen diesem Cao und dem Rio Paruasi oder Paruati wird das
Land immer strker bewaldet. Aus einem Palmenwald nicht weit vom Orinoco
steigt, ungemein malerisch, ein einzelner Fels empor, ein Granitpfeiler,
ein Prisma, dessen kahle, schroffe Wnde gegen zweihundert Fu hoch sind.
Den Gipfel, der ber die hchsten Waldbume emporragt, krnt eine ebene,
wagrechte Felsplatte. Auf diesem Gipfel, den die Missionre Pic oder
_Mogote de Cocuyza_ nennen, stehen wieder Bume. Dieses groartig einfache
Naturdenkmal erinnert an die cyclopischen Bauwerke. Sein scharf
gezeichneter Umri und oben darauf die Bume und das Buschwerk heben sich
vom blauen Himmel ab, ein Wald ber einem Walde.

Weiterhin beim Einflu des Paruasi wird der Orinoco wieder schmaler. Gegen
Osten sahen wir einen Berg mit plattem Gipfel, der wie ein Vorgebirge
herantritt. Er ist gegen 300 Fu hoch und diente den Jesuiten als fester
Platz. Sie hatten ein kleines Fort darauf angelegt, das drei Batterien
entthielt und in dem bestndig ein Militrposten lag. In Carichana und
Atures sahen wir die Kanonen ohne Lafetten, halb im Sand begraben. Die
Jesuitenschanze (oder _Fortaleza de San Francisco Xavier_) wurde nach der
Aufhebung der Gesellschaft Jesu zerstrt, aber der Ort heit noch el
Castillo. Auf einer in neuester Zeit in Caracas von einem Weltgeistlichen
entworfenen, nicht gestochenen Karte fhrt derselbe den seltsamen Namen
_Trinchera del despotismo monacal_ (Schanze des Mnchsdespotismus). In
allen politischen Umwlzungen spricht sich der Geist der Neuerung, der
ber die Menge kommt, auch in der geographischen Nomenclatur aus.

Die Besatzung, welche die Jesuiten auf diesem Felsen hatten, sollte nicht
allein die Missionen gegen die Einflle der Caraiben schtzen, sie diente
auch zum Angriffskriege, oder, wie man hier sagt, zur Eroberung von Seelen
(_conquista de almas_). Die Soldaten, durch die ausgesetzten
Geldbelohnungen angefeuert, machten mit bewaffneter Hand Einflle oder
_Entradas_ auf das Gebiet unabhngiger Indianer. Man brachte um, was
Widerstand zu leisten wagte, man brannte die Htten nieder, zerstrte die
Pflanzungen und schleppte Greise, Weiber und Kinder als Gefangene fort.
Die Gefangenen wurden sofort in die Missionen am Meta, Rio Negro und obern
Orinoco vertheilt. Man whlte die entlegensten Orte, damit sie nicht in
Versuchung kmen, wieder in ihr Heimathland zu entlaufen. Dieses
gewaltsame Mittel, *Seelen zu erobern*, war zwar nach spanischem Gesetz
verboten, wurde aber von den brgerlichen Behrden geduldet und von den
Obern der *Gesellschaft*, als der Religion und dem Aufkommen der Missionen
frderlich, hchlich gepriesen. Die Stimme des Evangeliums, sagt ein
Jesuit vom Orinoco in den erbaulichen Briefen(21) uerst naiv, wird
nur da vernommen, wo die Indianer Pulver haben knallen hren (_el eco de
la polvora_). Sanftmuth ist ein gar langsames Mittel. Durch Zchtigung
erleichtert man sich die Belehrung der Eingebornen. Dergleichen die
Menschheit schndenden Grundstze wurden sicher nicht von allen Gliedern
einer Gesellschaft getheilt, die in der neuen Welt und berall, wo die
Erziehung ausschlielich in den Hnden von Mnchen geblieben ist, der
Wissenschaft und der Cultur Dienste geleistet hat. Aber die *Entradas*,
die *geistlichen Eroberungen* mit dem Bajonett waren einmal ein von einem
Regiment, bei dem es nur auf rasche Ausbreitung der Missionen ankam,
unzertrennlicher Gruel. Es thut dem Gemthe wohl, da die Franciskaner,
Dominikaner und Augustiner, welche gegenwrtig einen groen Theil von
Sdamerika regieren und, je nachdem sie von milder oder roher Sinnesart
sind, auf das Geschick von vielen Tausenden von Eingeborenen den
mchtigsten Einflu ben, nicht nach jenem System verfahren. Die Einflle
mit bewaffneter Hand sind fast ganz abgestellt, und wo sie noch vorkommen,
werden sie von den Ordensobern mibilligt. Wir wollen hier nicht
ausmachen, ob diese Wendung des Mnchsregiments zum Bessern daher rhrt,
da die frhere Thtigkeit erschlafft ist und der Lauheit und Indolenz
Platz gemacht hat, oder ob man darin, was man so gerne thte, einen Beweis
sehen soll, da die Aufklrung zunimmt und eine hhere, dem wahren Geist
des Christenthums entsprechendere Gesinnung Platz greift.

Vom Einflu des Rio Paruasi an wird der Orinoco wieder schmaler. Er ist
voll Inseln und Granitklippen, und so entstehen hier die *Stromschnellen*
oder kleinen Flle (_los remolinos_), die beim ersten Anblick wegen der
vielen Wirbel dem Reisenden bange machen knnen, aber in keiner Jahreszeit
den Schiffen gefhrlich sind. Man mu wenig zu Schiffe gewesen seyn, wenn
man wie Pater GILI, der sonst so genau und verstndig ist, sagen kann: e
terrible pe molti scogli il tratto del fiume tral Castello e Caricciana.
Eine Reihe von Klippen, die fast ber den ganzen Flu luft, heit *Raudal
de Marimara*. Wir legten sie ohne Schwierigkeit zurck, und zwar in einem
schmalen Kanal, in dem das Wasser ungestm, wie siedend, unter der *Piedra
de Marimara* heraufschiet, einer compakten Granitmasse, 80 Fu hoch und
300 im Umfang, ohne Spalten und ohne Spur von Schichtung. Der Flu tritt
weit ins Land hinein und bildet in den Felsen weite Buchten. Eine dieser
Buchten zwischen zwei kahlen Vorgebirgen heit der *Hafen von Carichana*.
Der Ort hat ein wildes Aussehen; das Felsenufer wirft Abends seine
mchtigen Schatten ber den Wasserspiegel und das Wasser erscheint
schwarz, wenn sich diese Granitmassen darin spiegeln, die, wie schon
bemerkt, wegen der eigenen Frbung ihrer Oberflche, bald wie Steinkohlen,
bald wie Bleierz aussehen. Wir bernachteten im kleinen Dorfe Carichana,
wo wir auf die Empfehlung des guten Missionrs Fray Jose Antonio de Torre
im Pfarrhaus oder _'Convento'_ Aufnahme fanden. Wir hatten seit fast
vierzehn Tagen unter keinem Dache geschlafen.

Am 11. April. Um die fr die Gesundheit oft so nachtheiligen Folgen der
Ueberschwemmungen zu vermeiden, wurde die Mission Carichana dreiviertel
Meilen vom Flu angelegt. Die Indianer sind vom Stamme der Salivas. Die
ursprnglichen Wohnsitze desselben scheinen auf dem westlichen Ufer des
Orinoco zwischen dem Rio Vichada und dem Guaviare, sowie zwischen dem Meta
und dem Rio Paute gewesen zu seyn. Gegenwrtig findet man Salivas nicht
nur in Carichana, sondern auch in den Missionen der Provinz Casanare, in
Cabapuna, Guanapalo, Cabiuna und Macuco. Letzteres im Jahr 1730 vom
Jesuiten Fray Manuel Roman gegrndete Dorf hat 1300 Einwohner. Die Salivas
sind ein geselliges, sanftes, fast schchternes Volk, und leichter, ich
sage nicht zu civilisiren, aber in der Zucht zu halten als andere am
Orinoco, Um sich der Herrschaft der Caraiben zu entziehen, lieen die
Salivas sich leicht herbei, sich den ersten Jesuitenmissionen
anzuschlieen. Die Patres rhmen aber auch in ihren Schriften durchgngig
ihren Verstand und ihre Gelehrigkeit. Die Salivas haben groen Hang zur
Musik; seit den ltesten Zeiten blasen sie Trompeten aus gebrannter Erde,
die vier bis fnf Fu lang sind und mehrere kugelfrmige Erweiterungen
haben, die durch enge Rhren zusammenhngen. Diese Trompeten geben sehr
klgliche Tne. Die Jesuiten haben die natrliche Neigung der Salivas zur
Instrumentalmusik mit Glck ausgebildet, und auch nach der Aufhebung der
Gesellschaft Jesu haben die Missionare am Rio Meta in San Miguel de Macuco
die schne Kirchenmusik und den musikalischen Unterricht der Jugend fort
gepflegt. Erst krzlich sah ein Reisender zu seiner Verwunderung die
Eingeborenen Violine, Violoncell, Triangel, Guitarre und Flte spielen.

In den vereinzelten Missionen am Orinoco wirkt die Verwaltung nicht so
gnstig auf die Entwicklung der Cultur der Salivas und die Zunahme der
Bevlkerung als das System, das die Augustiner auf den Ebenen am Casanare
und Meta befolgen. In Macuco haben die Eingeborenen durch den Verkehr mit
den Weien im Dorf, die fast lauter _'Flchtlinge von Socorro'_(22) sind,
sehr gewonnen. Zur Jesuitenzeit wurden die drei Drfer am Orinoco,
Pararuma, Castillo oder Marumarutu und Carichana in Eines, Carichana,
verschmolzen, das damit eine sehr ansehnliche Mission wurde. Im Jahr 1759,
als die _Fortaleza de San Francisco Xavier_ und ihre drei Batterien noch
standen, zhlte Pater Caulin in der Mission Carichana 400 Salivas; im Jahr
1800 fand ich ihrer kaum 150. Vom Dorfe ist nichts brig als einige
Lehmhtten, die symmetrisch um ein ungeheuer hohes Kreuz herliegen.

Wir trafen unter diesen Indianern eine Frau von weier Abkunft, die
Schwester eines Jesuiten aus Neu-Grenada. Unbeschreiblich ist die Freude,
wenn man mitten unter Vlkern, deren Sprache man nicht versteht, einem
Wesen begegnet, mit dem man sich ohne Dolmetscher unterhalten kann. Jede
Mission hat zum wenigsten zwei solche Dolmetscher, _lenguarazes_. Es sind
Indianer, etwas weniger beschrnkt als die andern, mittelst deren die
Missionre am Orinoco, die sich gegenwrtig nur selten die Mhe nehmen,
die Landessprachen kennen zu lernen, mit den Neugetauften verkehren. Diese
Dolmetscher begleiteten uns beim Botanisiren. Sie verstehen wohl spanisch,
aber sie knnen es nicht recht sprechen. In ihrer faulen Gleichgltigkeit
geben sie, man mag fragen, was man will, wie auf Gerathewohl, aber immer
mit geflligem Lcheln zur Antwort: Ja, Pater; nein, Pater. Man begreift
leicht, da einem die Geduld ausgeht, wenn man Monate lang solche
Gesprche zu fhren hat, statt ber Gegenstnde Auskunft zu erhalten, fr
die man sich lebhaft interessirt. Nicht selten konnten wir nur mittelst
mehrerer Dolmetscher und so, da derselbe Satz mehrmals bersetzt wurde,
mit den Eingeborenen verkehren.

Von meiner Mission an, sagte der gute Ordensmann in Uruana, werdet ihr
reisen wie Stumme. Und diese Vorhersagung ist so ziemlich in Erfllung
gegangen, und um nicht um allen Nutzen zu kommen, den man aus dem Verkehr
selbst mit den versunkensten Indianern ziehen kann, griffen wir zuweilen
zur Zeichensprache. Sobald der Eingeborene merkt, da man sich keines
Dolmetschers bedienen will, sobald man ihn unmittelbar befragt, indem man
auf die Gegenstnde deutet, so legt er seine gewhnliche Stumpfheit ab und
wei sich mit merkwrdiger Gewandtheit verstndlich zu machen. Er macht
Zeichen aller Art, er spricht die Worte langsam aus, er wiederholt sie
unaufgefordert. Es scheint seiner Eigenliebe zu schmeicheln, da man ihn
beachtet und sich von ihm belehren lt. Diese Leichtigkeit, sich
verstndlich zu machen, zeigt sich besonders auffallend beim unabhngigen
Indianer, und was die christlichen Niederlassungen betrifft, mu ich den
Reisenden den Rath geben, sich vorzugsweise an Eingeborene zu wenden, die
erst seit Kurzem *unterworfen* sind oder von Zeit zu Zeit wieder in den
Wald laufen, um ihrer frheren Freiheit zu genieen. Es unterliegt wohl
keinem Zweifel, da der unmittelbare Verkehr mit den Eingeborenen
belehrender und sicherer ist, als der mittelst des Dolmetschers [S.
Band II. Seite 25--26], wenn man nur seine Fragen zu vereinfachen wei und
dieselben hinter einander an mehrere Individuen in verschiedener Gestalt
richtet. Zudem sind der Mundarten, welche am Meta, Orinoco, Cassiquiare
und Rio Negro gesprochen werden, so unglaublich viele, da der Reisende
selbst mit dem bedeutendsten Sprachtalent nie so viele derselben sich
aneignen knnte, um sich lngs der schiffbaren Strme von Angostura bis
zum Fort San Carlos am Rio Negro verstndlich zu machen. In Peru und Quito
kommt man mit der Kenntni der Oquichua- oder Incasprache aus, in Chili
mit dem Araucanischen, in Paraguay mit dem Guarany; man kann sich
wenigstens der Mehrzahl der Bevlkerung verstndlich machen. Ganz anders
in den Missionen in spanisch Guyana, wo im selben Dorf Vlker
verschiedenen Stammes unter einander wohnen. Hier wre es nicht einmal
genug, wenn man folgende Sprachen verstnde: Caraibisch oder Carina,
Guamo, Guahiva, Jaruro, Ottomaco, Maypure, Saliva, Marivitano, Maquiritare
und Guaica, zehn Sprachen, von denen es nur ganz rohe Sprachlehren gibt
und die unter einander weniger verwandt sind, als Griechisch, Deutsch und
Persisch.

Die Umgegend der Mission Carichana schien uns ausgezeichnet schn. Das
kleine Dorf liegt auf einer der grasbewachsenen Ebenen, wie sie von
Encaramada bis ber die Katarakten von Maypures hinaus sich zwischen all
den Ketten der Granitberge hinziehen. Der Waldsaum zeigt sich nur in der
Ferne. Ringsum ist der Horizont von Bergen begrenzt, zum Theil bewaldet,
von dsterer Frbung, zum Theil kahl, mit felsigten Gipfeln, die der
Strahl der untergehenden Sonne vergoldet. Einen ganz eigenthmlichen
Charakter erhlt die Gegend durch die fast ganz kahlen Felsbnke, die oft
achthundert Fu im Umfang haben und sich kaum ein paar Zoll ber die
umgebende Grasflur erheben. Sie machen gegenwrtig einen Theil der Ebene
aus. Man fragt sich mit Verwunderung, ob hier ein ungewhnliches
strmisches Ereigni Dammerde und Gewchse weggerissen, oder ob der
Granitkern unseres Planeten hier nackt zu Tage tritt, weil sich die Keime
des Lebens noch nicht auf allen Punkten entwickelt haben. Dieselbe
Erscheinung scheint in *Shamo* zwischen der Mongolei und China
vorzukommen. Diese in der Wste zerstreuten Felsbnke heien _'Tsy'_. Es
wren, wie mir scheint, eigentliche Plateaus, wren von der Ebene umher
der Sand und die Erde weg, welche das Wasser an den tiefsten Stellen
angeschwemmt hat. Aus den Felsplatten bei Carichana hat man, was sehr
interessant ist, den Gang der Vegetation von ihren Anfngen durch die
verschiedenen Entwicklungsgrade vor Augen. Da sieht man Flechten, welche
das Gestein zerklften und mehr oder weniger dicke Krusten bilden; wo ein
wenig Quarzsand sich angehuft hat, finden Saftpflanzen Nahrung; endlich
in Hhlungen des Gesteins haben sich schwarze, aus zersetzten Wurzeln und
Blttern sich bildende Erdschichten abgesetzt, auf denen immergrnes
Buschwerk wchst. Handelte es sich hier von groartigen Natureffekten, so
kme ich nicht auf unsere Grten und die ngstlichen Knsteleien der
Menschenhand; aber der Contrast zwischen Felsgestein und blhendem
Gestruch, die Gruppen kleiner Bume da und dort in der Savane erinnern
unwillkrlich an die mannigfaltigsten und malerischsten Partien unserer
Parke. Es ist als htte hier der Mensch mit tiefem Gefhl fr
Naturschnheit den herben, rauhen Charakter der Gegend mildern wollen.

Zwei, drei Meilen von der Mission findet man auf diesen von Granitbergen
durchzogenen Ebenen eine ebenso ppige als mannigfaltige Vegetation. Allen
Drfern oberhalb der groen Katarakten gegenber kann man hier bei
Carichana auffallend leicht im Lande fortkommen, ohne da man sich an die
Fluufer hlt und auf Wlder stt, in die nicht einzudringen ist.
Bonpland machte mehrere Ausflge zu Pferd, auf denen er sehr viele
Gewchse erbeutete. Ich erwhne nur den Paraguatan, eine sehr schne Art
von Macrocnemum, deren Rinde roth frbt, den Guaricamo mit giftiger
Wurzel, die _Jacaranda obusifolia_ und den *Serrape* oder *Jape* der
Salivas-Indianer, AUBLETs Coumarouna, der in ganz Terra Firma wegen seiner
aromatischen Frucht berhmt ist. Diese Frucht, die man in Caracas zwischen
die Wsche legt, whrend man sie in Europa unter dem Namen *Tonca-* oder
*Tongobohne* unter den Schnupftabak mischt, wird fr giftig gehalten. In
der Provinz Cumana glaubt man allgemein, das eigenthmliche Arom des
vortrefflichen Liqueurs, der auf Martinique bereitet wird, komme vom
*Jape*; die ist aber unrichtig. Derselbe heit in den Missionen
*Simaruba*, ein Name, der zu argen Migriffen Anla geben kann, denn die
chte *Simaruba* ist eine Quassiaart, eine Fieberrinde, und wchst in
spanisch Guyana nur im Thal des Rio Caura, wo die Paudacotos-Indianer sie
*Achechari* nennen.

In Carichana, auf dem groen Platz, fand ich die Inclination der
Magnetnadel gleich 33,70, die Intensitt der magnetischen Kraft gleich
227 Schwingungen in zehn Zeitminuten, eine Steigerung, bei der rtliche
Anziehungen im Spiel seyn mochten. Die vom Wasser des Orinoco geschwrzten
Granitblcke wirken brigens nicht merkbar auf den Magnet. Der Barometer
stand um Mittag 336,6 Linien hoch, der Thermometer zeigte im Schatten
30,6. Bei Nacht fiel die Temperatur der Luft auf 26,2; der Delucsche
Hygrometer stand auf 46.

Am 10. April war der Flu um mehrere Zoll gestiegen; die Erscheinung war
den Eingeborenen auffallend, da sonst der Strom Anfangs fast unmerklich
steigt, und man ganz daran gewhnt ist, da er im April ein paar Tage lang
wieder fllt. Der Orinoco stand bereits drei Fu ber dem niedrigsten
Punkt. Die Indianer zeigten uns an einer Granitwand die Spuren der
gegenwrtigen Hochgewsser; sie standen nach unserer Messung 42 Fu hoch,
und die ist doppelt so viel als durchschnittlich beim Nil. Aber dieses
Maa wurde an einem Ort genommen, wo das Strombett durch Felsen bedeutend
eingeengt ist, und ich konnte mich nur an die Angabe der Indianer halten.
Man sieht leicht, da das Stromprofil, die Beschaffenheit der mehr oder
weniger hohen Ufer, die Zahl der Nebenflsse, die das Regenwasser
hereinfhren, und die Lnge der vom Flu zurckgelegten Strecke auf die
Wirkungen der Hochgewsser und auf ihre Hhe von bedeutendem Einflu seyn
mssen. Unzweifelhaft ist, und es macht auf Jedermann im Lande einen
starken Eindruck, da man bei Carichana, San Borja, Atures und Maypures,
wo sich der Strom durch die Berge Bahn gebrochen, hundert, zuweilen
hundert dreiig Fu ber dem hchsten gegenwrtigen Wasserstand schwarze
Streifen und Auswaschungen sieht, die beweisen, da das Wasser einmal so
hoch gestanden. So wre denn dieser Orinocostrom, der uns so groartig und
gewaltig erscheint, nur ein schwacher Rest der ungeheuren Strme sen
Wassers, die einst, geschwellt von Alpenschnee oder noch strkeren
Regenniederschlgen als den heutigen, berall von dichten Wldern
beschattet, nirgends von flachen Ufern eingefat, welche der Verdunstung
Vorschub leisten, das Land ostwrts von den Anden gleich Armen von
Binnenmeeren durchzogen? In welchem Zustande mssen sich damals diese
Niederungen von Guyana befunden haben, die jetzt alle Jahre die
Ueberschwemmungen durchzumachen haben? Welch ungeheure Massen von
Krokodilen, Seekhen und Boas mssen auf dem weiten Landstrich gelebt
haben, der dann wieder aus Lachen stehenden Wassers bestand, oder ein
ausgedrrter, von Sprngen durchzogener Boden war! Der ruhigeren Welt, in
der wir leben, ist eine ungleich strmischere vorangegangen. Auf den
Hochebenen der Anden finden sich Knochen von Mastodonten und
amerikanischen eigentlichen Elephanten, und auf den Ebenen am Uruguay
lebte das Megatherium. Grbt man tiefer in die Erde, so findet man in
hochgelegenen Thlern, wo jetzt keine Palmen und Baumfarn mehr vorkommen,
Steinkohlenfltze, in denen riesenhafte Reste monocotyledonischer Gewchse
begraben liegen. Es war also lange vor der Jetztwelt eine Zeit, wo die
Familien der Gewchse anders vertheilt, wo die Thiere grer, die Strme
breiter und tiefer waren. Soviel und nicht mehr sagen uns die
Naturdenkmale, die wir vor Augen haben. Wir wissen nicht, ob das
Menschengeschlecht, das bei der Entdeckung von Amerika ostwrts von den
Cordilleren kaum ein paar schwache Volksstmme aufzuweisen hatte, bereits
auf die Ebenen herabgekommen war, oder ob die uralte Sage vom *groen
Wasser*, die sich bei den Vlkern am Orinoco, Erevato und Caura findet,
andern Himmelsstrichen angehrt, aus denen sie in diesen Theil des neuen
Continents gewandert ist.

Am 11. April. Nach unserer Abfahrt von Carichana um 2 Uhr Nachmittags
fanden wir im Bette immer mehr Granitblcke, durch welche der Strom
aufgehalten wird. Wir lieen den Cao Orupe westwrts und fuhren darauf am
groen, unter dem Namen _Pieda del Tigre_ bekannten Felsen vorbei. Der
Strom ist hier so tief, da ein Senkblei von 22 Faden den Grund nicht
erreicht. Gegen Abend wurde der Himmel bedeckt und dster, Windste und
dazwischen ganz stille Luft verkndeten, da ein Gewitter im Anzug war.
Der Regen fiel in Strmen und das Bltterdach, unter dem wir lagen, bot
wenig Schutz. Zum Glck vertrieben die Regenstrme die Moskitos, die uns
den Tag ber grausam geplagt, wenigstens auf eine Weile. Wir befanden uns
vor dem Katarakt von Cariven, und der Zug des Wassers war so stark, da
wir nur mit Mhe ans Land kamen. Wir wurden immer wieder mitten in die
Strmung geworfen. Endlich sprangen zwei Salivas, ausgezeichnete
Schwimmer, ins Wasser, zogen die Pirogue mit einem Strick ans Ufer und
banden sie an der _Piedra de Carichana vieja_ fest, einer nackten
Felsbank, auf der wir bernachteten. Das Gewitter hielt lange in die Nacht
hinein an; der Flu stieg bedeutend und man frchtete mehreremale, die
wilden Wogen mchten unser schwaches Fahrzeug vom Ufer losreien.

Der Granitfels, auf dem wir lagerten, ist einer von denen, auf welchen
Reisende zu Zeiten gegen Sonnenaufgang unterirdische Tne, wie Orgelklang,
vernommen haben. Die Missionare nennen dergleichen Steine _'laxas de
musica'_. Es ist Hexenwerk (_cosa de bruxas_) sagte unser junger
indianischer Steuermann, der castilianisch sprach. Wir selbst haben diese
geheimnivollen Tne niemals gehrt, weder in Carichana, noch am obern
Orinoco; aber nach den Aussagen glaubwrdiger Zeugen lt sich die
Erscheinung wohl nicht in Zweifel ziehen, und sie scheint auf einem
gewissen Zustand der Luft zu beruhen. Die Felsbnke sind voll feiner, sehr
tiefer Spalten und sie erhitzen sich bei Tag auf 48--50 Grad. Ich fand oft
ihre Temperatur bei Nacht an der Oberflche 39, whrend die der
umgebenden Luft 28 betrug. Es leuchtet alsbald ein, da der
Temperaturunterschied zwischen der unterirdischen und der uern Luft sein
Maximum um Sonnenaufgang erreicht, welcher Zeitpunkt sich zugleich vom
Maximum der Wrme am vorhergehenden Tage am weitesten entfernt. Sollten
nun die Orgeltne, die man hrt, wenn man, das Ohr dicht am Gestein, auf
dem Fels schlft, nicht von einem Luftstrom herrhren, der aus den Spalten
dringt? Hilft nicht der Umstand, da die Luft an die elastischen
Glimmerblttchen stt, welche in den Spalten hervorstehen, die Tne
modificiren? Lt sich nicht annehmen, da die alten Egypter, die
bestndig den Nil auf und ab fuhren, an gewissen Felsen in der Thebais
dieselbe Beobachtung gemacht, und da _'die Musik der Felsen'_
Veranlassung zu den Gaukeleien gegeben, welche die Priester mit der
Bildsule Memnons trieben? Wenn die rosenfingerige Eos ihrem Sohn, dem
ruhmreichen Memnon, eine Stimme verlieh,(23) so war diese Stimme
vielleicht die eines unter dem Fugestell der Bildsule versteckten
Menschen, aber die Beobachtung der Eingeborenen am Orinoco, von der hier
die Rede ist, scheint ganz natrlich zu erklren, was zu dem Glauben der
Egypter, ein Stein tne bei Sonnenaufgang, Anla gegeben.

Fast zur selben Zeit, da ich diese Vermuthungen einigen Gelehrten in
Europa mittheilte, kamen franzsische Reisende, die Herrn JOMARD, JOLLOIS
und DEVILLIERS, auf hnliche Gedanken. In einem Denkmal aus Granit, mitten
in den Tempelgebuden von Karnak, hrten sie bei Sonnenaufgang ein
Gerusch wie von einer reienden Saite. Gerade denselben Vergleich
brauchen aber die Alten, wenn von der Stimme Memnons die Rede ist. Die
franzsischen Reisenden sind mit mir der Ansicht, das Durchstreichen der
Luft durch die Spalten eines klingenden Steins habe wahrscheinlich die
egyptischen Priester auf die Gaukeleien im Memnonium gebracht.

Am 12. April. Wir brachen um 4 Uhr Morgens auf. Der Missionr sah voraus,
da wir Noth haben wrden, ber die Stromschnellen und den Einflu des
Meta wegzukommen. Die Indianer ruderten zwlf und eine halbe Stunde ohne
Unterla. Whrend dieser Zeit nahmen sie nichts zu sich als Manioc und
Bananen. Bedenkt man, wie schwer es ist, die Gewalt der Strmung zu
berwinden und die Katarakten hinauszufahren, und wei man, da die
Indianer am Orinoco und Amazonenstrom auf zweimonatlichen Flufahrten in
dieser Weise ihre Muskeln anstrengen, so wundert man sich gleich sehr ber
die Krperkraft und ber die Migkeit dieser Menschen. Strkmehl- und
zuckerhaltige Stoffe, zuweilen Fische und Schildkrteneierfett ersetzen
hier die Nahrung, welche die zwei ersten Thierklassen, Sugethiere und
Vgel, Thiere mit rothem, warmem Blute, geben.

Wir fanden das Flubett auf einer Strecke von 600 Toisen voll
Granitblcken; die ist der sogenannte *Raudal de Cariven*. Wir liefen
durch Kanle, die nicht fnf Fu breit waren, und manchmal stak unsere
Pirogue zwischen zwei Granitblcken fest. Man suchte die Durchfahrten zu
vermeiden, durch die sich das Wasser mit furchtbarem Getse strzt. Es ist
keine ernstliche Gefahr vorhanden, wenn man einen guten indianischen
Steuermann hat. Ist die Strmung nicht zu berwinden, so springen die
Ruderer ins Wasser, binden ein Seil an die Felsspitzen und ziehen die
Pirogue heraus. Die geht sehr langsam vor sich, und wir bentzten
zuweilen die Gelegenheit und kletterten auf die Klippen, zwischen denen
wir staken. Es gibt ihrer von allen Gren; sie sind abgerundet, ganz
schwarz, bleiglnzend und ohne alle Vegetation. Es ist ein merkwrdiger
Anblick, wenn man auf einem der grten Strme der Erde gleichsam das
Wasser verschwinden sieht. Ja noch weit vom Ufer sahen wir die ungeheuern
Granitblcke aus dem Boden steigen und sich an einander lehnen. In den
Stromschnellen sind die Kanle zwischen den Felsen ber 25 Faden tief, und
sie sind um so schwerer zu finden, da das Gestein nicht selten nach unten
eingezogen ist und eine Wlbung ber dem Fluspiegel bildet. Im Raudal von
Cariven sahen wir keine Krokodile; die Thiere scheinen das Getse der
Katarakten zu scheuen.

Von Cabruta bis zum Einflu des Rio Sinaruco, aus einer Strecke von fast
zwei Breitegraden, ist das linke Ufer des Orinoco vllig unbewohnt; aber
westlich vom Raudal de Cariven hat ein unternehmender Mann, Don Felix
Relinchon, Jaruros- und Otomacos-Indianer in einem kleinen Dorfe
zusammengebracht. Auf diesen Civilisationsversuch hatten die Mnche
unmittelbar keinen Einflu. Es braucht kaum erwhnt zu werden, da Don
Felix mit den Missionren am rechten Ufer des Stroms in offener Fehde
lebt. Wir werden anderswo die wichtige Frage besprechen, ob, unter den
gegenwrtigen Verhltnissen in spanisch Amerika, dergleichen _'Capitanes
pobladores'_ und _'fundadores'_ an die Stelle der Mnche treten knnen,
und welche der beiden Regierungsarten, die gleich launenhaft und
willkrlich. sind, fr die armen Indianer die schlimmste ist.

Um 9 Uhr langten wir an der Einmndung des Meta an, gegenber dem Platze,
wo frher die von den Jesuiten gegrndete Mission Santa Teresa gestanden.
Der Meta ist nach dem Guaviare der bedeutendste unter den Nebenflssen des
Orinoco. Man kann ihn der Donau vergleichen, nicht nach der Lnge des
Laufs, aber hinsichtlich der Wassermasse. Er ist durchschnittlich 34, oft
bis zu 84 Fu tief. Die Vereinigung beider Strme gewhrt einen uerst
groartigen Anblick. Am stlichen Ufer steigen einzelne Felsen empor, und
aufeinander gethrmte Granitblcke sehen von ferne wie verfallene Burgen
aus. Breite sandigte Ufer legen sich zwischen den Strom und den Saum der
Wlder, aber mitten in diesen sieht man am Horizont auf den Berggipfeln
einzelne Palmen sich vom Himmel abheben.

Wir brachten zwei Stunden auf einem groen Felsen mitten im Orinoco zu,
auf der *Piedra de paciencia* so genannt, weil die Piroguen, die den Flu
hinauf gehen, hier nicht selten zwei Tage brauchen, um aus dem Strudel
herauszukommen, der von diesem Felsen herrhrt. Es gelang mir meine
Instrumente darauf aufzustellen. Nach den Sonnenhhen, die ich aufnahm,
liegt der Einflu des Meta unter 70 4{~PRIME~} 29{~DOUBLE PRIME~} der Lnge. Nach dieser
chronometrischen Beobachtung ist D'ANVILLEs Karte von Sdamerika, was
diesen Punkt betrifft, in der Lnge fast ganz richtig, whrend der Fehler
in der Breite einen ganzen Grad betrgt.

Der Rio Meta durchzieht die weiten Ebenen von Casanare; er ist fast bis
zum Fu der Anden von Neu-Grenada schiffbar und mu einmal fr die
Bevlkerung von Guyana und Venezuela politisch von groer Bedeutung
werden. Aus dem *Golfo triste* und der *Boca del Dragon* kann eine
Flottille den Orinoco und Meta bis auf 15--20 Meilen von Santa Fe de
Bogota herauffahren. Auf demselben Wege kann das Mehl aus Neu-Grenada
hinunterkommen. Der Meta ist wie ein Schiffsahrtskanal zwischen Lndern
unter derselben Breite, die aber ihren Produkten nach so weit auseinander
sind als Frankreich und der Senegal. Durch diesen Umstand wird es von
Belang, da man die Quellen des Flusses, der auf unsern Karten so schlecht
gezeichnet ist, genan kennen lernt. Der Meta entsteht durch die
Vereinigung zweier Flsse, die von den Paramos von Chingasa und Suma Paz
herabkomrnen. Ersterer ist der Rio Negro, der weiter unten den Pachaquiaro
aufnimmt; der zweite ist der Rio _de aguas blancas_ oder Umadea. Sie
vereinigen sich in der Nhe des Hafens von Marayal. Vom Passo de la
Cabulla, wo man den Rio Negro verlt, bis zur Hauptstadt Santa Fe sind es
nur 8--10 Meilen. Ich habe diese interessanten Notizen, wie ich sie aus
dem Munde von Augenzeugen erhalten, in der ersten Ausgabe meiner Karte vom
Rio Meta bentzt. Die _Reisebeschreibung_ des Canonicus DON JOSEF CORTES
MADARIAGA hat nicht allein meine erste Ansicht vom Laufe des Meta
besttigt, sondern mir auch schtzbares Material zur Berichtigung meiner
Arbeit geliefert. Von den Drfern Xiramena und Cabullaro bis zu den
Drfern Guanapalo und Santa Rosalia de Cabapuna, auf einer Strecke von 60
Meilen, sind die Ufer des Meta strker bewohnt als die des Orinoco. Es
sind dort vierzehn zum Theil stark bevlkerte christliche Niederlassungen,
aber vom Einflu des Pauto und des Casanare an, ber 50 Meilen weit,
machen die wilden Guahibos den Meta unsicher.

Zur Jesuitenzeit, besonders aber zur Zeit von ITURIAGAs Expedition im Jahr
1756 war die Schifffahrt auf dem Strom weit strker als jetzt. Missionre
aus Einem Orden waren damals Herrn an den Ufern des Meta und des Orinoco.
Die Drfer Macuco, Zurimena, Casimena einerseits, andererseits Uruana,
Encaramada, Carichana waren von den Jesuiten gegrndet. Die Patres gingen
damit um, vom Einflu des Casanare in den Meta bis zum Einflu des Meta in
den Orinoco eine Reihe von Missionen zu grnden, so da ein schmaler
Streif bebauten Landes ber die weite Steppe zwischen den Wldern von
Guyana und den Anden von Neu-Grenada gelaufen wre. Auer dem Mehl von
Santa Fe gingen damals zur Zeit der Schildkrteneierernte das Salz von
Chita, die Baumwollenzeuge von San Gil und die gedruckten Decken von
Socorro den Flu herunter. Um den Krmern, die diesen Binnenhandel
trieben, einigermaen Sicherheit zu verschaffen, machte man vom *Castillo*
oder Fort Carichana aus von Zeit zu Zeit einen Angriff auf die
Guahibos-Indianer.

Da auf demselben Wege, der den Handel mit den Produkten von Neu-Grenada
frderte, das geschmuggelte Gut von der Kste von Guyana ins Land ging, so
setzte es der Handelsstand von Carthagena de Indias bei der Regierung
durch, da der freie Handel auf dem Meta bedeutend beschrnkt wurde.
Derselbe Geist des Monopols schlo den Meta, den Rio Atracto und den
Amazonenstrom. Es ist doch eine wunderliche Politik von Seiten der
Mutterlnder, zu glauben, es sey vortheilhaft, Lnder, wo die Natur Keime
der Fruchtbarkeit mit vollen Hnden ausgestreut, unangebaut liegen zu
lassen. Da das Land nicht bewohnt ist, haben sich nun die wilden Indianer
aller Orten zu Nutze gemacht. Sie sind an die Flsse herangerckt, sie
machen Angriffe auf die Vorberfahrenden, sie suchen *wiederzuerobern*,
was sie seit Jahrhunderten verloren. Um die Guahibos im Zaume zu halten,
wollten die Kapuziner, welche als Leiter der Missionen am Orinoco auf die
Jesuiten folgten, an der Ausmndung des Meta unter dem Namen Villa de San
Carlos eine Stadt bauen. Trgheit und die Furcht vor dem dreitgigen
Fieber lieen es nicht dazu kommen, und ein sauber gemaltes Wappen auf
einem Pergament und ein ungeheures Kreuz am Ufer des Meta ist Alles, was
von der Villa de San Carlos bestanden hat. Die Guahibos, deren Kopfzahl,
wie man behauptet, einige Tausende betrgt, sind so frech geworden, da
sie, als wir nach Carichana kamen, dem Missionr hatten ankndigen lassen,
sie werden auf Flen kommen und ihm sein Dorf anznden. Diese Fle
(_valzas_), die wir zu sehen Gelegenheit hatten, sind kaum 3 Fu breit und
12 lang. Es fahren nur zwei bis drei Indianer darauf, aber 15 bis 16 Fle
werden mit den Stengeln von Paulinia, Dolichos und andern Rankengewchsen
aneinander gebunden. Man begreift kaum, wie diese kleinen Fahrzeuge in den
Stromschnellen beisammen bleiben knnen. Viele aus den Drfern am Casanare
und Apure entlaufene Indianer haben sich den Guahibos angeschlossen und
ihnen Geschmack am Rindfleisch und den Gebrauch des Leders beigebracht.
Die Hfe San Vicente, Rubio und San Antonio haben durch die Einflle der
Indianer einen groen Theil ihres Hornviehs eingebt. Ihretwegen knnen
auch die Reisenden, die den Meta hinaufgehen, bis zum Einflu des Casanare
die Nacht nicht am Ufer zubringen. Bei niedrigem Wasser kommt es ziemlich
hufig vor, da Krmer aus Neu-Grenada, die zuweilen noch das Lager bei
Pararuma besuchen, von den Guahibos mit vergifteten Pfeilen erschossen
werden.

Vom Einflu des Meta an erschien der Orinoco freier von Klippen und
Felsmassen. Wir fuhren auf einer 500 Toisen breiten offenen Stromstrecke.
Die Indianer ruderten fort, ohne die Pirogue zu schieben und zu ziehen und
uns dabei mit ihrem wilden Geschrei zu belstigen. Gegen West lagen im
Vorbeifahren die Caos Uita und Endava, und es war bereits Nacht, als wir
vor dem *Raudal de Tabaje* hielten. Die Indianer wollten es nicht mehr
wagen, den Katarakt hinaufzufahren, und wir schliefen daher am Lande, an
einem hchst unbequemen Ort, auf einer mehr als 18 Grad geneigten
Felsplatte, in deren Spalten Schaaren von Fledermusen staken. Die ganze
Nacht ber hrten wir den Jaguar ganz in der Nhe brllen, und unser
groer Hund antwortete darauf mit anhaltendem Geheul. Umsonst wartete ich,
ob nicht die Sterne zum Vorschein kmen; der Himmel war grauenhaft
schwarz. Das dumpfe Tosen der Flle des Orinoco stach scharf ab vom
Donner, der weit weg, dem Walde zu, sich hren lie.

Am 13. April. Wir fuhren am frhen Morgen die Stromschnellen von Tabaje
hinauf, bis wohin Pater GUMILLA auf seiner Fahrt gekommen war,(24) und
stiegen wieder aus. Unser Begleiter, Pater Zea, wollte in der neuen, seit
zwei Jahren bestehenden Mission San Borja die Messe lesen. Wir fanden
daselbst sechs von noch nicht catechisirten Guahibos bewohnte Huser. Sie
unterschieden sich in nichts von den wilden Indianern. Ihre ziemlich
groen schwarzen Augen verriethen mehr Lebendigkeit als die der Indianer
in den brigen Missionen. Vergeblich boten wir ihnen Branntwein an; sie
wollten ihn nicht einmal kosten. Die Gesichter der jungen Mdchen waren
alle mit runden schwarzen Tupfen bemalt; dieselben nahmen sich aus wie die
Schnpflsterchen, mit denen frher die Weiber in Europa die Weie ihrer
Haut zu heben meinten. Am brigen Krper waren die Guahibos nicht bemalt.
Mehrere hatten einen Bart; sie schienen stolz darauf, faten uns am Kinn
und gaben uns durch Zeichen zu verstehen, sie seyen wie wir. Sie sind
meist ziemlich schlank gewachsen. Auch hier, wie bei den Salivas und
Macos, fiel mir wieder auf, wie wenig Aehnlichkeit die Indianer am Orinoco
in der Gesichtsbildung mit einander haben. Ihr Blick ist dster,
trbselig, aber weder streng noch wild. Sie haben keinen Begriff von den
christlichen Religionsgebruchen (der Missionr von Carichana liest in San
Borja nur drei- oder viermal im Jahr Messe); dennoch benahmen sie sich in
der Kirche durchaus anstndig. Die Indianer lieben es, sich ein Ansehen zu
geben; gerne dulden sie eine Weile Zwang und Unterwrfigkeit aller Art,
wenn sie nur wissen, da man auf sie sieht. Bei der Communion machten sie
einander Zeichen, da jetzt der Priester den Kelch zum Munde fhren werde.
Diese Geberde ausgenommen, saen sie da, ohne sich zu rhren, vllig
theilnahmlos.

Die Theilnahme, mit der wir die armen Wilden betrachtet hatten, war
vielleicht Schuld daran, da die Mission einging. Einige derselben, die
lieber umherzogen als das Land bauten, beredeten die andern, wieder auf
die Ebenen am Meta zu ziehen; sie sagten ihnen, die Weien wrden wieder
nach San Borja kommen und sie dann in ihren Canoes fortschleppen und in
Angostura als _'Poitos'_, als Sklaven verkaufen. Die Guahibos warteten,
bis sie hrten, da wir vom Rio Negro ber den Cassiquiare zurckkamen,
und als sie erfuhren, da wir beim ersten groen Katarakt, bei Apures,
angelangt seyen, liefen alle davon in die Savanen westlich vom Orinoco. Am
selben Platz und unter demselben Namen hatten schon die Jesuiten eine
Mission gegrndet. Kein Stamm ist schwerer sehaft zu machen als die
Guahibos. Lieber leben sie von faulen Fischen, Tausendfen und Wrmern,
als da sie ein kleines Stck Land bebauen. Die andern Indianer sagen
daher sprchwrtlich: Ein Guahibo it Alles auf der Erde und unter der
Erde.

Kommt man auf dem Orinoco weiter nach Sden, so nimmt die Hitze keineswegs
zu, sondern wird im Gegentheil ertrglicher. Die Lufttemperatur war bei
Tag 26--27,5 [20,18--22 R], bei Nacht 23,7 [196 R]. Das Wasser des
Stroms behielt seine gewhnliche Temperatur von 27,7 [22,2 R]. Aber
trotz der Abnahme der Hitze nahm die Plage der Moskitos erschrecklich zu.
Nie hatten wir so arg gelitten als in San Borja. Man konnte nicht sprechen
oder das Gesicht entblen, ohne Mund und Nase voll Insekten zu bekommen.
Wir wunderten uns, da wir den Thermometer nicht auf 35 oder 36 Grad
stehen sahen; beim schrecklichen Hautreiz schien uns die Luft zu glhen.
Wir bernachteten am Ufer bei Guaripo. Aus Furcht vor den kleinen
Caraibenfischen badeten wir nicht. Die Krokodile, die wir den Tag ber
gesehen, waren alle auerordentlich gro, 22--24 Fu lang.

Am 14. April. Die Plage der Zancudos veranlate uns, schon um fnf Uhr
Morgens aufzubrechen. In der Luftschicht ber dem Flu selbst sind weniger
Insekten als am Waldsaume. Zum Frhstck hielten wir an der Insel
Guachaco, wo eine Sandsteinformation oder ein Conglomerat unmittelbar auf
dem Granit lagert. Der Sandstein enthlt Quarz-, sogar Feldspathtrmmer
und das Bindemittel ist verhrteter Thon. Es befinden sich darin kleine
Gnge von Brauneisenerz, das in liniendicken Schichten abblttert. Wir
hatten dergleichen Bltter bereits zwischen Encaramada und dem Baraguan am
Ufer gefunden, und die Missionre hatten dieselben bald fr Gold-, bald
fr Zinnerz gehalten. Wahrscheinlich ist diese secundre Bildung frher
ungleich weiter verbreitet gewesen. Wir fuhren an der Mndung des Rio
Parueni vorber, ber welcher die Macos-Indianer wohnen, und bernachteten
auf der Insel Panumana. Nicht ohne Mhe kam ich dazu, zur Bestimmung der
Lnge des Orts, bei dem der Flu eine scharfe Wendung nach West macht,
Hhenwinkel des Canopus zu messen. Die Insel Panumana ist sehr reich an
Pflanzen. Auch hier findet man wieder die kahlen Felsen, die
Melastomenbsche, die kleinen Baumpartien, deren Gruppirung uns schon in
der Ebene bei Carichana aufgefallen war. Die Berge bei den groen
Katarakten begrenzten den Horizont gegen Sdost. Je weiter wir hinauf
kamen, desto groartiger und malerischer wurden die Ufer des Orinoco.

                            ------------------





   11 Die Sandflhe (_pulex penetrans_, LINN) die sich beim Menschen und
      Affen unter die Ngel der Zehen eingraben und daselbst ihre Eier
      legen.

   12 Die Namen der Missionen in Sdamerika bestehen smmtlich aus zwei
      Worten, von denen das erste nothwendig ein Heiligenname ist (der
      Name des Schutzpatrons der Kirche), das zweite ein indianisches (der
      Name des Volks, das hier lebt, und der Gegend, wo die Mission
      liegt). So sagt man: _San Jose de Maypures_, _Santa Cruz de
      Cachipo_, _San Juan-Nepomuceno de los Atures_ etc. Diese
      zusammengesetzten Namen kommen aber nur in der amtlichen Sprache
      vor; die Einwohner brauchen nur Einen, meist, wenn er wohlklingend
      ist, den indianischen. Benachbarten Orten kommen oft dieselben
      Heiligennamen zu, und dadurch entsteht in der Geographie eine
      heillose Verwirrung. Die Namen San Juan, San Pedro, San Diego sind
      wie auf Gerathewohl auf unsern Karten umhergestreut.

   13 Der Begleiter des Diego de Ordaz.

   14 Die Botija hlt 25 franzsische Flaschen; sie hat 1000--1200
      Cubikzoll Inhalt.

   15 Kleine Wasserflle, _chorros_, _raudalitos_.

   16 Stricke aus den Blattstielen einer Palme mit gefiederten Blttern,
      von der unten die Rede seyn wird.

   17 Das Fleisch des Rocou und auch der Chica sind adstringirend und
      leicht abfhrend.

   18 Der schwarze, tzende Farbstoff des *Caruto* (_Genipa americana_)
      widersteht dem Wasser lnger, wie wir zu unserem groen Verdru an
      uns selbst erfuhren. Wir scherzten eines Tags mit den Indianern und
      machten uns mit Caruto Tupfen und Striche ins Gesicht, und man sah
      dieselben noch, als wir schon wieder in Angostura, im Schooe
      europischer Cultur waren.

   19 Einen schnen Samiri oder Titi vom Orinoco kauft man in Paramara
      fr 8 bis 9 Piaster; der Missionr bezahlt dem Indianer, der den
      Affen gefangen und gezhmt, 1-1/2 Piaster.

   20 Ich fhre bei dieser Gelegenheit an, da ich niemals bemerkt habe,
      da ein Gemlde, auf dem Hasen und Rehe in natrlicher Gre und
      vortrefflich abgebildet waren, auf Jagdhunde, bei denen doch der
      Verstand sehr entwickelt schien, den mindesten Eindruck gemacht
      htte. Gibt es einen beglaubigten Fall, wo ein Hund das Portrt
      seines Herrn in ganzer Figur erkannt htte? In allen diesen Fllen
      wird das Gesicht nicht vom Geruch untersttzt.

_   21 Cartas edificantes de la Compaa de Jesus_, 1757

   22 Die Stadt Socorro, sdlich vom Rio Sogamoza und nord-nord-stlich
      von Santa Fe de Bogota, war der Hauptherd des Aufruhrs, der im Jahr
      1781 im Knigreich Neu-Grenada unter dem Erzbischof Viceknig
      Gongora wegen der Plackereien ausbrach, denen das Volk in Folge der
      Einfhrung der Tabakspacht ausgesetzt gewesen. Viele fleiige
      Einwohner von Socorro wanderten damals in die Llanos am Meta aus, um
      sich den Verfolgungen zu entziehen, welche der vom Madrider Hof
      ertheilten allgemeinen Amnestie folgten. Diese Ausgewanderten heien
      in den Missionen _Socorreos refugiados_.

   23 So heit es in einer Inschrift, die bezeugt, da am 13. des Monats
      Pachon im zehnten Regierungsjahr Antonins die Tne vernommen worden.

   24 Und doch will Gumilla auf dem Guaviare gefahren seyn. Nach ihm liegt
      der Raudal de Tabaje unter 1 4{~PRIME~} der Breite, was um 5 10{~PRIME~} zu wenig
      ist.





ZWANZIGSTES KAPITEL.


      Die Mndung des Rio Anaveni. -- Der Pic Uniana. -- Die Mission
        Atures. -- Der Katarakt oder Raudal Mapara. -- Die Inseln
                         Surupamana und Uirapuri.


Auf seinem Lauf von Sd nach Nord streicht ber den Orinocostrom eine
Kette von Granitbergen. Zweimal in seinem Laufe gehemmt, bricht er sich
tosend an den Felsen, welche Staffeln und Querdmme bilden. Nichts
groartiger als dieses Landschaftsbild. Weder der Fall des Tequendama bei
Santa Fe de Bogota, noch die gewaltige Naturscenerie der Cordilleren
vermochten den Eindruck zu verwischen, den die Stromschnellen von Atures
und Maypures auf mich machten, als ich sie zum erstenmale sah. Steht man
so, da man die ununterbrochene Reihe von Katarakten, die ungeheure, von
den Strahlen der untergehenden Sonne beleuchtete Schaum- und Dunstflche
mit Einem Blicke bersieht, so ist es, als she man den ganzen Strom ber
seinem Bette hngen.

So ausgezeichnete Naturbildungen muten schon seit Jahrhunderten bei den
Bewohnern der neuen Welt Aufmerksamkeit erregen. Als Diego de Ordaz,
Alfonso de Herera und der unerschrockene RALEGH in der Mndung des Orinoco
vor Anker gingen, wurde ihnen Kunde von den groen Katarakten aus dem
Munde von Indianern, die niemals dort gewesen; sie verwechsclten sie sogar
mit weiter ostwrts, gelegenen Fllen. Wie sehr auch in der heien Zone
die Ueppigkeit des Pflanzenwuchses dem Verkehr unter den Vlkern
hinderlich ist, Alles, was sich auf den Lauf der groen Strme bezieht,
erlangt einen Ruf, der sich in ungeheure Fernen verbreitet. Gleich Armen
von Binnenmeeren durchziehen der Orinoco, Amazonenstrom und Uruguay einen
mit Wldern bedeckten Landstrich, auf dem Vlker hausen, die zum Theil
Menschenfresser sind. Noch ist es nicht zwei Jahrhunderte her, seit die
Cultur und das sanfte Licht einer menschlicheren Religion an den Ufern
dieser uralten, von der Natur gegrabenen Kanle aufwrts ziehen; aber
lange vor Einfhrung des Ackerbaus, ehe zwischen den zerstreuten, oft sich
befehdenden Horden ein Tauschverkehr zu Stande kam, verbreitete sich auf
tausend zuflligen Wegen die Kunde von auerordentlichen
Naturerscheinungen, von Wasserfllen, vulkanischen Flammen, vom Schnee,
der vor der Hitze des Sommers nicht weicht. Dreihundert Meilen von den
Ksten, im Herzen von Sdamerika, unter Vlkern, deren Wanderungen sich in
den Grenzen von drei Tagereisen halten, findet man die Kunde vom Ocean,
findet man Worte zur Bezeichnung einer Masse von Salzwasser, die sich
hinbreitet, soweit das Auge reicht. Verschiedene Vorflle, wie sie im
Leben des Wilden nicht selten sind, helfen zur Verbreitung solcher
Kenntnisse. In Folge der kleinen Kriege zwischen benachbarten Horden wird
ein Gefangener in ein fremdes Land geschleppt, wo er als _'Poito'_ oder
_'Mero'_, das heit als Sklave behandelt wird. Nachdem er mehreremale
verkauft und wieder im Kriege gebraucht worden, entkommt er und kehrt zu
den Seinigen zurck. Da erzhlt er denn, was er gesehen, was er andere hat
erzhlen hren, deren Sprache er hat lernen mssen. So kommt es, da man,
wenn man eine Rippe findet, von den groen Thieren weit im innern Lande
sprechen hrt; so kommt es, da man, wenn man das Thal eines groen
Flusses betritt, mit Ueberraschung sieht, wie viel die Wilden, die gar
nicht auf dem Wasser fahren, von weit entlegenen Dingen zu sagen wissen.
Auf den ersten Stufen der gesellschaftlichen Entwicklung tritt in gewissem
Grade der Gedankenaustausch frher ein als der Tausch von Erzeugnissen.

Die beiden groen Katarakten des Orinoco, die eines so ausgebreiteten,
uralten Rufs genieen, entstehen dadurch, da der Strom die Berge der
Parime durchbricht [S. Band II. Seite 374]. Bei den Eingeborenen heien
sie *Mapara* und *Quittuna*; aber die Missionre haben dafr Atures und
Maypures gesetzt nach den Namen der beiden Stmme, die sie in den beiden
den Fllen zunchst gelegenen Drfern zusammengebracht. An den Ksten von
Caracas nennt man die zwei groen Katarakten einfach: die zwei
*Raudales*(25) (Stromschnellen), was darauf hindeutet, da man die andern
Flle, sogar die Stromschnellen von Camiseta und Carichana, gegenber den
Katarakten von Apures und Maypures gar nicht der Beachtung werth findet.

Letztere liegen unter dem 5. und 6. Grad nrdlicher Breite, hundert Meilen
westwrts von den Cordilleren von Neu-Grenada, im Meridian von Porto
Cabello, und nur zwlf Meilen von einander. Es ist sehr auffallend, da
D'ANVILLE nichts von denselben gewut hat, da er doch auf seiner schnen
groen Karte von Sdamerika die unbedeutenden Flle von Marimara und San
Borja unter dem Namen Stromschnellen von Carichana und Tabaje angibt. Die
groen Katarakten theilen die christlichen Niederlassungen in spanisch
Guyana in zwei ungleiche Hlften. *Missionen am untern Orinoco* heien die
zwischen dem Raudal von Atures und der Strommndung; unter den *Missionen
am obern Orinoco* sind die Drfer zwischen dem Raudal von Maypures und den
Bergen des Duida verstanden. Der Lauf des untern Orinoco ist, wenn man mit
LA CONDAMINE die Krmmungen auf ein Drittheil der geraden Richtung
schtzt, 260 Seemeilen, der des obern Orinoco, die Quellen drei Grad
ostwrts vom Duida angenommen, 167 Meilen lang.

Jenseits der groen Katarakten beginnt ein unbekanntes Land. Es ist ein
zum Theil gebirgigter, zum Theil ebener Landstrich, ber den die
Nebenflsse sowohl des Amazonenstroms als des Orinoco ziehen. Wegen des
leichten Verkehrs mit dem Rio Negro und Gran Para scheint derselbe
vielmehr Brasilien als den spanischen Colonien anzugehren. Keiner der
Missionre, die vor mir den Orinoco beschrieben haben, die Patres GUMILLA,
GILI und CANLIN, ist ber den Raudal von Maypures hinaufgekommen.
Letzterer hat allerdings eine ziemlich genaue Topographie vom obern
Orinoco und vom Cassiquiare geliefert, aber nur nach den Angaben von
Militrs, die SOLANOs Expedition mitgemacht. Oberhalb der groen
Katarakten fanden wir lngs des Orinoco auf einer Strecke von hundert
Meilen nur drei christliche Niederlassungen, und in denselben waren kaum
sechs bis acht Weie, das heit Menschen europischer Abkunft. Es ist
nicht zu verwundern, da ein so des Land von jeher der classische Boden
fr Sagen und Wundergeschichten war. Hieher versetzten ernste Missionre
die Vlker, die Ein Auge auf der Stirne, einen Hundskopf oder den Mund
unter dem Magen haben; hier fanden sie Alles wieder, was die Alten von den
Garamanten, den Arimaspen und den Hyperborern erzhlen. Man thte den
schlichten, zuweilen ein wenig rohen Missionren Unrecht, wenn man
glaubte, sie selbst haben diese bertriebenen Mhren erfunden; sie haben
sie vielmehr groentheils den Indianergeschichten entnommen. In den
Missionen erzhlt man gern, wie zur See, wie im Orient, wie berall, wo
man sich langweilt. Ein Missionr ist schon nach Standesgebhr nicht zum
Sceptirismus geneigt; er prgt sich ein, was ihm die Eingeborenen so oft
vorgesagt, und kommt er nach Europa, in die civilisirte Welt zurck, so
findet er eine Entschdigung fr seine Beschwerden in der Lust, durch die
Erzhlung von Dingen, die er als Thatsachen aufgenommen, durch lebendige
Schilderung des im Raum so weit Entrckten, die Leute in Verwunderung zu
setzen. Ja, diese _cuentos de viageros y frailes_ werden immer
unwahrscheinlicher, je weiter man von den Wldern am Orinoco weg den
Ksten zu kommt, wo die Weien wohnen. Lt man in Cumana, Nueva Barcelona
und in andern Seehfen, die starken Verkehr mit den Missionen haben,
einigen Unglauben merken, so schliet man einem den Mund mit den wenigen
Worten: Die Patres haben es gesehen, aber weit ber den groen
Katarakten, _mos ariba de los Raudales._

Jetzt, da wir ein so selten besuchtes, von denen, die es bereist, nur zum
Theil beschriebenes Land betreten, habe ich mehrere Grnde, meine
Reisebeschreibung auch ferner in der Form eines Tagebuchs fortzusetzen.
Der Leser unterscheidet dabei leichter, was ich selbst beobachtet, und was
ich nach den Aussagen der Missionre und Indianer berichte; er begleitet
die Reisenden bei ihren tglichen Beschftigungen; er sieht zugleich, wie
wenig Zeit ihnen zu Gebot stand und mit welchen Schwierigkeiten sie zu
kmpfen hatten, und wird in seinem Urtheil nachsichtiger.

Am 15. April. Wir brachen von der Insel Panumana um vier Uhr Morgens aus,
zwei Stunden vor Sonnenaufgang; der Himmel war groentheils bedeckt und
durch dickes, ber 40 Grad hoch stehendes Gewlk fuhren Blitze. Wir
wunderten uns, da wir nicht donnern hrten: kam es daher, da das
Gewitter so ausnehmend hoch stand? Es kam uns vor, als wrden in Europa
die elektrischen Schimmer ohne Donner, das Wetterleuchten, wie man es mit
unbestimmtem Ausdruck nennt, in der Regel weit nher am Horizont gesehen.
Beim bedeckten Himmel, der die strahlende Wrme des Bodens zurckwarf, war
die Hitze erstickend; kein Lftchen bewegte das Laub der Bume. Wie
gewhnlich waren die Jaguars ber den Fluarm zwischen uns und dem Ufer
herbergekommen, und wir hrten sie ganz in unserer Nhe brllen. Im Lauf
der Nacht hatten uns die Indianer gerathen, aus dem Bivouac in eine
verlassene Htte zu ziehen, die zu den _'Conucos'_ der Einwohner von
Apures gehrt; sie verrammelten den Eingang mit Brettern, was uns ziemlich
berflssig vorkam. Die Tiger sind bei den Katarakten so hufig, da vor
zwei Jahren ein Indianer, der am Ende der Regenzeit, eben hier in den
Conucos von Panumana, seine Htte wieder aufsuchte, dieselbe von einem
Tigerweibchen mit zwei Jungen besetzt sand. Die Thiere hatten sich seit
mehreren Monaten hier aufgehalten; nur mit Mhe brachte man sie hinaus,
und erst nach hartnckigem Kampfe konnte der Eigenthmer einziehen. Die
Jaguars ziehen sich gern in verlassene Bauten, und nach meiner Meinung
thut der einzelne Reisende meist klger, unter freiem Himmel zwischen zwei
Feuern zu bernachten, als in unbewohnten Htten Schutz zu suchen.

Bei der Abfahrt von der Insel Panumana sahen wir auf dem westlichen
Stromufer die Lagerfeuer wilder Guahibos; der Missionr, der bei uns war,
lie einige blinde Schsse abfeuern, um sie einzuschchtern, sagte er, und
ihnen zu zeigen, da wir uns wehren knnten. Die Wilden hatten ohne
Zweifel keine Canoes und wohl auch keine Lust, uns mitten auf dem Strom zu
Leibe zu gehen. Bei Sonnenaufgang kamen wir am Einflu des Rio Anaveni
vorber, der von den stlichen Bergen herabkommt. Jetzt sind seine Ufer
verlassen; aber zur Jesuitenzeit hatte Pater Olmos hier Japuin- oder
Jaruro-Indianer in einem kleinen Dorfe zusammengebracht. Die Hitze am Tage
war so stark, da wir lange an einem schattigen Platze hielten und mit der
Leine fischten. Wir konnten die Fische, die wir gefangen, kaum alle
fortbringen. Erst ganz spt langten wir unmittelbar unter dem groen
Katarakt in einer Bucht an, die der *untere Hafen* (_puerto de abaxo_)
heit, und gingen, bei der dunkeln Nacht nicht ohne Beschwerde, auf
schmalem Fupfad in die Mission Atures, eine Meile vom Fluufer. Man kommt
dabei ber eine mit groen Granitblcken bedeckte Ebene.

Das kleine Dorf *San Juan Nepomuceno de los Atures* wurde im Jahr 1748 vom
Jesuiten Pater Francisco Gonzales angelegt. Es ist stromaufwrts die
letzte vom Orden des heiligen Ignatius gegrndete christliche
Niederlassung. Die weiter nach Sd gelegenen Niederlassungen am Atabapo,
Cassiquiare und Rio Negro rhren von den dem Franciskanerorden
angehrenden Observanten her. Wo jetzt das Dorf Atures steht, mu srher
der Orinoco geflossen seyn, und die vllig, ebene Grasflur um das Dorf war
ohne Zweifel ein Stck des Flubetts. Oestlich von der Mission sah ich
eine Felsreihe, die mir das alte Fluufer zu seyn schien. Im Lauf der
Jahrhunderte wurde der Strom gegen West hinbergedrngt, weil den
stlichen Bergen zu, von denen viele Wildwasser herabkommen, die
Anschwemmungen strker sind. Der Katarakt heit, wie oben bemerkt, Mapara,
whrend das Dorf nach dem Volke der Atures genannt ist, das man jetzt fr
ausgestorben hlt. Auf den Karten des siebzehnten Jahrhunderts finde ich:
Insel und Katarakt *Athule*; die ist *Atures* nach der Aussprache der
Tamanacas, die, wie so viele Vlker, die Consonanten l und r verwechseln.
Noch bis zur Mitte des achtzehnten Jahrhunderts war dieses gebirgigte Land
in Europa so wenig bekannt, da D'ANVILLE in der ersten Ausgabe seines
_Sdamerika_ beim *Salto de los Atures* vom Orinoco einen Arm abgehen
lt, der sich in den Amazonenstrom ergiet und der bei ihm Rio Negro
heit.

Die alten Karten, sowie Pater GUMILLA in seinem Werke, setzen die Mission
unter 1 30{~PRIME~} der Breite; der Abb GILI gibt 3 30{~PRIME~} an. Nach Meridianhhen
des Canopus und des {~GREEK SMALL LETTER ALPHA~} des sdlichen Kreuzes fand ich 5 38{~PRIME~} 4{~DOUBLE PRIME~} Breite und
durch Uebertrag der Zeit 4 Stunden 41 Minuten 17 Secunden westliche Lnge
vom Pariser Meridian. Die Inclination der Magnetnadel war am 16. April
3025; 223 Schwingungen in 10 Zeitminuten gaben das Ma der Intensitt der
magnetischen Kraft; in Paris sind es 245 Schwingungen.

Wir fanden die kleine Mission in der klglichsten Verfassung. Zur Zeit von
SOLANOs Expedition, gewhnlich _'die Grenzexpedition'_ genannt, waren noch
520 Indianer hier, und als wir ber die Katarakten gingen, nur noch 47,
und der Missionr versicherte uns, mit jedem Jahr werde die Abnahme
strker. Er zeigte uns, da in 32 Monaten nur eine einzige Ehe ins
Kirchenbuch eingetragen worden; zwei weitere Ehen waren von noch nicht
catechisirten Indianern vor dem indianischen *Governador* geschlossen und
damit, wie wir in Europa sagen, der Civilakt vollzogen worden. Bei der
Grndung der Mission waren hier Atures, Maypures, Meyepures, Abanis und
Quirupas unter einander; statt dieser Stmme fanden wir nur Guahibos und
ein paar Familien vom Stmme der Macos. Die Atures sind fast vllig
verschwunden; man kennt sie nur noch von ihren Grbern in der Hhle
Ataruipe her, die an die Grabsttten der Guanchen aus Teneriffa erinnern.
Wir hrten an Ort und Stelle, die Atures haben mit den Quaquas und den
Macos oder Piaroas dem groen Vlkerstamme der *Salivas* angehrt, wogegen
die Maypures, Abanis, Parenis und Guaypunaves Einer Abkunft seyen mit den
*Cabres* oder Caveres, die wegen ihrer langen Kriege mit den Caraiben viel
genannt werden. In diesem Wirrwarr kleiner Vlkerschaften, die einander so
schroff gegenberstehen, wie einst die Vlker in Latium, Kleinasien und
Sogdiana, lt sich das Zusammengehrige im Allgemeinsten nur an der
Sprachverwandtschaft erkennen. Die Sprachen sind die einzigen Denkmler,
die aus der Urzeit auf uns gekommen sind; nur sie, nicht an den Boden
gefesselt, beweglich und dauernd zugleich, sind so zu sagen durch Raum und
Zeit hindurchgegangen. So zh und ber so viele Strecken verbreitet
erscheinen sie aber weit weniger bei erobernden und bei civilisirten
Vlkern, als bei wandernden, halbwilden Stmmen, die auf der Flucht vor
mchtigen Feinden in ihr tiefes Elend nichts mit sich nehmen als ihre
Weiber, ihre Kinder und die Mundart ihrer Vter.

Zwischen dem vierten und achten Breitengrad bildet der Orinoco nicht nur
die Grenze zwischen dem groen Walde der Parime und den kahlen Savanen am
Apure, Meta und Guaviare, er scheidet auch Horden von sehr verschiedener
Lebensweise. Im Westen ziehen auf den baumlosen Ebenen die Guahibos,
Chiricoas und Guamos herum, ekelhaft schmutzige Vlker, stolz auf ihre
wilde Unabhngigkeit, schwer an den Boden zu fesseln und an regelmige
Arbeit zu gewhnen. Die spanischen Missionre bezeichnen sie ganz gut als
_Indios andantes_ (laufende, umherziehende Indianer). Oestlich vom
Orinoco, zwischen den einander nahe liegenden Quellen des Caura, des
Cataniapo und Ventuari, hausen die Macos, Salivas, Curacicanas, Parecas
und Maquiritares, sanftmthige, ruhige, Ackerbau treibende, leicht der
Zucht in den Missionen zu unterwerfende Vlker. Der *Indianer der Ebene*
unterscheidet sich vom *Indianer der Wlder* durch Sprache, wie durch
Sitten und die ganze Geistesrichtung; beide haben eine an lebendigen,
kecken Wendungen reiche Sprache, aber die des ersteren ist rauher, krzer,
leidenschaftlicher; beim zweiten ist sie sanfter, weitschweifiger und
reicher an abgeleiteten Ausdrcken.

In der Mission Atures, wie in den meisten Missionen am Orinoco zwischen
den Mndungen des Apure und des Atabapo, leben die eben erwhnten beiden
Arten von Volksstmmen neben einander; man trifft daselbst Indianer aus
den Wldern und frher nomadische Indianer (_Indios monteros_ und _Indios
andantes_ oder _llaneros_. Wir besuchten mit dem Missionr die Htten der
Macos, bei den Spaniern Piraoas genannt, und der Guahibos. In ersteren
zeigt sich mehr Sinn fr Ordnung, mehr Reinlichkeit und Wohlstand. Die
unabhngigen Macos (wilde mchte ich sie nicht nennen) haben ihre
_'Rochelas'_ oder festen Wohnpltze zwei bis drei Tagereisen stlich von
Atures bei den Quellen des kleinen Flusses Cataniapo. Sie sind sehr
zahlreich, bauen, wie die meisten Waldindianer, keinen Mais, sondern
Manioc, und leben im besten Einvernehmen mit den christlichen Indianern in
der Mission. Diese Eintracht hat der Franciskaner Pater Bernardo Zea
gestiftet und durch Klugheit erhalten. Der Alcade der *unterworfenen*
Macos verlie mit der Genehmigung des Missionrs jedes Jahr das Dorf
Atures, um ein paar Monate auf den Pflanzungen zuzubringen, die er mitten
in den Wldern beim Dorfe der unabhngigen Macos besa. In Folge dieses
friedlichen Verkehrs hatten sich vor einiger Zeit mehrere dieser _Indios
monteros_ in der Mission niedergelassen. Sie baten dringend um Messer,
Fischangeln und farbige Glasperlen, die trotz des ausdrcklichen Verbots
der Ordensleute nicht als Halsbnder, sondern zum Aufputz des *Guayuco*
(Grtels) dienen. Nachdem sie das Gewnschte erhalten, gingen sie in die
Wlder zurck, da ihnen die Zucht in der Mission schlecht behagte.
Epidemische Fieber, wie sie bei Eintritt der Regenzeit nicht selten heftig
auftreten, trugen viel zu der unerwarteten Ausreierei bei. Im Jahr 1799
war die Sterblichkeit in Carichana, am Ufer des Meta und im Raudal von
Atures sehr stark. Dem Waldindianer wird das Leben des civilisirten
Menschen zum Greuel, sobald seiner in der Mission lebenden Familie, ich
will nicht sagen ein Unglck, sondern nur unerwartet irgend etwas Widriges
zustt. So sah man neubekehrte Indianer wegen herrschender groer
Trockenheit fr immer aus den christlichen Niederlassungen fortlaufen, als
ob das Unheil ihre Pflanzungen nicht ebenso betroffen htte, wenn sie
immer unabhngig geblieben wren.

Welches sind die Ursachen der Fieber, die einen groen Theil des Jahrs
hindurch in den Drfern Atures und Maypures an den zwei groen Katarakten
des Orinoco herrschen und die Gegend fr den europischen Reisenden so
gefhrlich machen? Die groe Hitze im Verein mit der auerordentlich
starken Feuchtigkeit der Luft, die schlechte Nahrung und, wenn man den
Eingeborenen glaubt, giftige Dnste, die sich aus den kahlen Felsen der
Raudales entwickeln. Diese Orinoco-Fieber kommen, wie es uns schien,
vollkommen mit denen berein, die alle Jahre in der Nhe des Meeres
zwischen Nueva-Barcelona, Guayra und Porto Cabello auftreten und oft in
adynamische Fieber ausarten. Ich habe mein kleines Fieber (_mi
calenturita_) erst seit acht Monaten, sagte der gute Missionr von
Atures, der uns an den Rio Negro begleitete; er sprach davon wie von einem
gewohnten, wohl zu ertragenden Leiden. Die Anflle waren heftig, aber von
kurzer Dauer; bald traten sie ein, wenn er in der Pirogue auf einem Gitter
von Baumzweigen lag, bald wenn er auf offenem Ufer der heien Sonne
ausgesetzt war. Diese dreitgigen Fieber sind mit bedeutender Schwchung
des Muskelsystems verbunden; indessen sieht man am Orinoco arme
Ordensgeistliche sich jahrelang mit dieser _Calenturidas_ und _Tercianas_
schleppen; die Wirkungen sind nicht so tief greifend und gefhrlich als
bei krzer dauernden Fiebern in gemigten Himmelsstrichen.

Ich erwhnte eben, da die Eingeborenen und sogar die Missionre den
kahlen Felsen einen nachtheiligen Einflu auf die Salubritt der Luft
zuschreiben. Dieser Glaube verdient um so mehr Beachtung, da er mit einer
physikalischen Erscheinung zusammenhngt, die krzlich in verschiedenen
Landstrichen beobachtet worden und noch nicht gehrig erklrt ist. In den
Katarakten und berall, wo der Orinoco zwischen den Missionen Carichana
und Santa Barbara periodisch das Granitgestein besplt, ist dieses glatt,
dunkelfarbig, wie mit Wasserblei berzogen. Die frbende Substanz dringt
nicht in den Stein ein, der ein grobkrniger Granit ist, welcher hie und
da Hornblendecrystalle enthlt. Der schwarze Ueberzug ist 3/10 Linien dick
und findet sich vorzglich auf den quarzigen Stellen; die
Feldspathcrystalle haben zuweilen uerlich ihre rthlich weie Farbe
behalten und springen aus der schwarzen Rinde vor. Zerschlgt man das
Gestein mit dem Hammer, so ist es innen unversehrt, wei, ohne Spur von
Zersetzung. Diese ungeheuren Steinmassen treten bald in viereckigten
Umrissen auf, bald in der halbkugligten Gestalt, wie sie dem Granitgestein
eigen ist, wenn es sich in Blcke sondert. Sie geben der Gegend etwas
eigenthmlich Dsteres, da ihre Farbe vom Wasserschaum, der sie bedeckt,
und vom Pflanzenwuchs um sie her scharf absticht. Die Indianer sagen, die
Felsen seyen von der Sonnengluth verbrannt oder verkohlt. Wir sahen sie
nicht nur im Bett des Orinoco, sondern an manchen Punkten bis zu 500
Toisen vom gegenwrtigen Ufer in Hhen, bis wohin der Flu beim hchsten
Wasserstande jetzt nicht steigt.

Was ist diese schwarzbraune Kruste, die diesen Felsen, wenn sie kugligt
sind, das Ansehen von Meteorsteinen gibt? Wie hat man sich die Wirkung des
Wassers bei diesem Niederschlag oder bei diesem auffallenden Farbwechsel
zu denken? Vor allem ist zu bemerken, da die Erscheinung nicht auf die
Katarakten des Orinoco beschrnkt ist, sondern in beiden Hemisphren
vorkommt. Als ich, nach der Rckkehr aus Mexico, im Jahr 1807 die Granite
von Atures und Maypures Roziere sehen lie, der das Nilthal, die Kste des
rothen Meeres und den Berg Sinai bereist hat, so zeigte mir der gelehrte
Geolog, da das Urgebirgsgestein bei den kleinen Katarakten von Syene,
gerade wie das am Orinoco, eine glnzende, schwarzgraue, fast bleifarbige
Oberflche hat; manche Bruchstcke sehen aus wie mit Theer berzogen. Erst
neuerlich, bei der unglcklichen Expedition des Capitn Tuckey, fiel
dieselbe Erscheinung englischen Naturforschern an den *Yellalas*
(Stromschnellen und Klippen) auf, welche den Congo- oder Zaireflu
verstopfen. Dr. KNIG hat im britischen Museum neben Syenite vom Congo
Granite von Atures gestellt, die einer Suite von Gebirgsarten entnommen
sind, die Bonpland und ich dem Prsidenten der Londoner kniglichen
Gesellschaft berreicht hatten. Diese Handstcke, sagt Knig, sehen
beide aus wie Meteorsteine; bei beiden Gebirgsarten, bei der vom Orinoco
wie bei der afrikanischen, besteht die schwarze Rinde, nach der Analyse
von Children, aus Eisen- und Manganoxyd.

Nach einigen Versuchen, die ich in Mexico in Verbindung mit del Rio
gemacht, kam ich auf die Vermuthung, das Gestein von Atures, welches das
Papier, in das es eingeschlagen ist, schwarz frbt, mchte auer dem
Manganoxyd Kohle und berkohlensaures Eisen enthalten. Am Orinoco sind
40--50 Fu dicke Granitmassen gleichfrmig mit diesen Oxyden berzogen,
und so dnn diese Rinden erscheinen, enthalten sie doch ganz ansehnliche
Mengen Eisen und Mangan, da sie ber eine Quadratmeile Flche haben.

Es ist zu bemerken, da alle diese Erscheinungen von Frbung des Gesteins
bis jetzt nur in der heien Zone beobachtet worden sind, an Flssen, deren
Temperatur gewhnlich 24--28 Grad betrgt und die nicht ber Sandstein
oder Kalkstein, sondem ber Granit, Gnei und Hornblendegestein laufen.
Der Quarz und der Feldspath enthalten kaum 5--6 Tausendtheile Eisen- und
Manganoxyd; dagegen im Glimmer und in der Hornblende kommen diese Oxyde,
besonders das Eisenoxyd, nach KLAPROTH und HERRMANN, bis zu 15 und 20
Procent vor. Die Hornblende enthlt zudem Kohle, wie auch der lydische
Stein und der Kieselschiefer. Bildet sich nun diese schwarze Rinde durch
eine langsame Zersetzung des Granits unter dem doppelten Einflu der
Feuchtigkeit und der Sonne der Tropen, wie soll man es erklren, da die
Oxyde sich so gleichfrmig ber die ganze Oberflche des Gesteins
verbreiten, da um einen Glimmer- und Hornblendecrystall nicht mehr davon
liegt als ber dem Feldspath und dem milchigten Quarz? Der eisenschssige
Sandstein, der Granit, der Marmor, die aschfarbig, zuweilen braun werden,
haben ein ganz anderes Aussehen. Der Glanz und die gleiche Dicke der Rinde
lassen vielmehr vermuthen, da der Stoff ein Niederschlag aus dem Wasser
des Orinoco ist, das in die Spalten des Gesteins gedrungen. Geht man von
dieser Voraussetzung aus, so fragt man sich, ob jene Oxyde im Flu nur
suspendirt sind, wie der Sand und andere erdigten Substanzen, oder
wirklich chemisch ausgelst? Der ersteren Annahme widerspricht der
Umstand, da die Rinde vllig homogen ist und neben den Oxyden weder
Sandkrner noch Glimmerblttchen sich darin finden. Man mu daher
annehmen, da chemische Auflsung vorliegt, und die Vorgnge, die wir
tglich in unsern Laboratorien beobachten, widersprechen dieser
Voraussetzung durchaus nicht. Das Wasser groer Flsse enthlt
Kohlensure, und wre es auch ganz rein, so knnte es doch immer in sehr
groen Mengen einige Theilchen Metalloxyd oder Hydrat auflsen, wenn
dieselben auch fr unauflslich gelten. Im Nilschlamm, also im
Niederschlag der im Flu suspendirten Stoffe, findet sich kein Mangan; er
enthlt aber nach Reynaults Analyse 6 Procent Eisenoxyd und seine Anfangs
schwarze Farbe wird beim Trocknen und durch die Einwirkung der Luft
gelbbraun. Von diesem Schlamm kann also die schwarze Rinde an den Felsen
von Syene nicht herrhren. Auf meine Bitte hat BERZELIUS diese Rinde
untersucht; er fand darin Eisen und Mangan, wie in der auf den Graniten
vom Orinoco und Congo. Der berhmte Chemiker ist der Ansicht, die Oxyde
werden von den Flssen nicht dem Boden entzogen, ber den sie laufen, sie
kommen ihnen vielmehr aus ihren unterirdischen Quellen zu und sie schlagen
dieselben auf das Gestein nieder, wie durch Cmentation, in Folge
eigenthmlicher Affinitten, vielleicht durch Einwirkung des Kali im
Feldspath. Nur durch einen langen Aufenthalt an den Katarakten des
Orinoco, des Nil und des Congoflusses und durch genaue Beobachtung der
Umstnde, unter denen die Frbung auftritt, kann die Frage, die uns hier
beschftigt hat, ganz zur Entscheidung gebracht werden. Ist die
Erscheinung von der Beschaffenheit des Gesteins unabhngig? Ich beschrnke
mich auf die allgemeine Bemerkung, da weder Granitmassen, die weit vom
alten Bett des Orinoco liegen, aber in der Regenzeit abwechselnd
befeuchtet und von der Sonne erhitzt werden, noch der Granit, der von den
brunlichen Wassern des Rio Negro besplt wird, uerlich den
Meteorsteinen hnlich werden. Die Indianer sagen, die Felsen seyen nur da
schwarz, wo das Wasser wei ist. Sie sollten vielleicht weiter sagen: wo
das Wasser eine groe Geschwindigkeit erlangt hat und gegen das Gestein am
Ufer anprallt. Die Cmentation scheint zu erklren, warum die Rinde so
dnn bleibt.

Ob der in den Missionen am Orinoco herrschende Glaube, da in der Nhe des
kahlen Gesteins, besonders der Felsmassen mit einer Rinde von Kohle,
Eisen- und Manganoxyd die Luft ungesund sey, grundlos ist, wei ich nicht
zu sagen. In der heien Zone werden noch mehr als anderswo die
krankheiterregenden Ursachen vom Volke willkhrlich gehuft. Man scheut
sich dort im Freien zu schlafen, wenn einem der Vollmond ins Gesicht
schiene; ebenso hlt man es fr bedenklich, sich nahe am Flusse auf Granit
zu lagern, und man erzhlt viele Flle, wo Leute nach einer auf dem
schwarzen kahlen Gestein zugebrachten Nacht Morgens mit einem starken
Fieberanfall erwacht sind. Wir schenkten nun zwar dieser Behauptung der
Missionre und der Eingeborenen nicht unbedingt Glauben, mieden aber doch
die _laxas negras_ und lagerten uns auf mit weiem Sand bedeckten
Uferstrecken, wenn wir keine Bume fanden, um unsere Hngematten zu
befestigen. In Carichana will man das Dorf abbrechen und verlegen, nur um
von den *schwarzen Felsen* wegzukommen, von einem Ort, wo auf einer
Strecke von mehr als 10,000 Quadrattoisen die Bodenflche aus kahlem
Granitgestein besteht. Aus hnlichen Grnden, die den Physikern in Europa
als bloe Einbildungen erscheinen mssen, versetzten die Jesuiten Olmo,
Forneri und Mellis ein Dorf der Jaruros an drei verschiedene Punkte
zwischen dem Raudal von Tabaje und dem Rio Anaveni. Ich glaubte diese
Dinge, ganz wie sie mir zu Ohren gekommen, anfhren zu mssen, da wir so
gut wie gar nicht wissen, was eigentlich die Gasgemenge sind, wodurch die
Luft ungesund wird. Lt sich annehmen, da unter dem Einflu starker
Hitze und bestndiger Feuchtigkeit die schwarze Rinde des Gesteins auf die
umgebende Luft einwirkt und Miasmen, ternre Verbindungen von Kohlenstoff,
Stickstoff und Wasserstoff erzeugt? Ich zweifle daran. Der Granit am
Orinoco enthlt allerdings hufig Hornblende, und praktische Bergleute
wissen wohl, da die schlimmsten Schwaden sich in Stollen bilden, die
durch Syenit und Hornblendestein getrieben werden. Aber im Freien, wo die
Luft durch die kleinen Strmungen fortwhrend erneuert wird, kann die
Wirkung nicht dieselbe seyn wie in einer Grube.

Wahrscheinlich ist es nur dehalb gefhrlich, auf den _laxas negras_ zu
schlafen, weil das Gestein bei Nacht eine sehr hohe Temperatur behlt. Ich
fand dieselbe bei Tag 48, whrend die Luft im Schatten 29,7 warm war;
bei Nacht zeigte der Thermometer, an das Gestein gelegt, 36, die Luft nur
26. Wenn die Wrmeanhnfung in den Gesteinsmassen zum Stillstand gekommen
ist, so haben diese Massen zu denselben Stunden immer wieder ungefhr
dieselbe Temperatur. Den Ueberschu von Wrme, den sie bei Tag bekommen,
verlieren sie in der Nacht durch die Strahlung, deren Strke von der
Beschaffenheit der Oberflche des strahlenden Krpers, von der Anordnung
seiner Molecle im Innern, besonders aber von der Reinheit des Himmels
abhngt, das heit davon, ob die Luft durchsichtig und wolkenlos ist. Wo
der Unterschied in der Abweichung der Sonne nur gering ist, geht von ihr
jeden Tag fast die gleiche Wrmemenge aus und das Gestein ist am Ende des
Sommers nicht wrmer als zu Anfang desselben. Es kann ein gewisses Maximum
nicht berschreiten, weil sich weder der Zustand seiner Oberflche, noch
seine Dichtigkeit, noch seine Wrmecapacitt verndert hat. Steigt man am
Ufer des Orinoco bei Nacht aus der Hngematte und betritt den Felsboden
mit bloen Fen, so ist die Wrme, die man empfindet, sehr auffallend.
Wenn ich die Thermometerkugel an das nackte Gestein legte, fand ich fast
immer, da die _laxas negras_ bei Tag wrmer sind als der rthlich weie
Granit weitab vom Ufer, da aber letzterer sich bei Nacht nicht so schnell
abkhlt als jener. Begreiflich geben Massen mit einem schwarzen Ueberzug
den Wrmestoff rascher wieder ab als solche, in denen viele silberfarbige
Glimmerbltter stecken. Geht man in Carichana, Atures oder Maypures
zwischen ein und drei Uhr Nachmittags unter diesen hoch ausgethrmten
Felsblcken ohne alle Dammerde, so erstickt man beinahe, als stnde man
vor der Mndung eines Schmelzofens. Der Wind (wenn man ihn je in diesen
bewaldeten Lndern sprt) bringt statt Khlung nur noch heiere Luft
herbei, da er ber Steinschichten und aufgethrmte Granitkugeln
weggegangen ist. Durch diese Steigerung der Hitze wird das Klima noch
ungesunder, als es ohnehin ist.

Unter den Ursachen der Entvlkerung der Raudales habe ich die Blattern
nicht genannt, die in andern Strichen von Amerika so schreckliche
Verheerungen anrichten, da die Eingeborenen, von Entsetzen ergriffen,
ihre Htten anznden, ihre Kinder umbringen und alle Gemeinschaft fliehen.
Am obern Orinoco wei man von dieser Geiel so gut wie nichts, und kme
sie je dahin, so ist zu hoffen, da ihr die Kuhpockenimpfung, deren Segen
man auf den Ksten von Terra Firma tglich empfindet, alsbald Schranken
setzte. Die Ursachen der Entvlkerung in den christlichen Niederlassungen
sind der Widerwillen der Indianer gegen die Zucht in den Missionen, das
ungesunde, zugleich heie und feuchte Klima, die schlechte Nahrung, die
Verwahrlosung der Kinder, wenn sie krank sind, und die schndliche Sitte
der Mtter, giftige Kruter zu gebrauchen, damit sie nicht schwanger
werden. Bei den barbarischen Vlkern in Guyana, wie bei den halb
civilisirten Bewohnern der Sdseeinseln gibt es viele junge Weiber, die
nicht Mtter werden wollen. Bekommen sie Kinder, so sind dieselben nicht
allein den Gefahren des Lebens in der Wildni, sondern noch manchen andern
ausgesetzt, die aus dem abgeschmacktesten Aberglauben herflieen. Sind es
Zwillinge, so verlangen verkehrte Begriffe von Anstand und Familienehre,
da man eines der Kinder umbringe. Zwillinge in die Welt setzen, heit
sich dem allgemeinen Spott preisgeben, heit es machen wie Ratten,
Beutelthiere und das niedrigste Gethier, das viele Junge zugleich wirft.
Aber noch mehr: Zwei zugleich geborene Kinder knnen nicht von Einem
Vater seyn. Das ist ein Lehrsatz in der Physiologie der Salivas, und
unter allen Himmelsstrichen, auf allen Stufen der gesellschaftlichen
Entwicklung sieht man, da das Volk, hat es sich einmal einen Satz der Art
zu eigen gemacht, zher daran festhlt, als die Unterrichteten, die ihn
zuerst aufs Tapet gebracht. Um des Hausfriedens willen nehmen es alte
Basen der Mutter oder die _mure japoic-nei_ (Hebamme) auf sich, eines der
Kinder auf die Seite zu schaffen. Hat der Neugeborene, wenn er auch kein
Zwilling ist, irgend eine krperliche Mibildung, so bringt ihn der Vater
auf der Stelle um. Man will nur wohlgebildete, krftige Kinder; denn bei
den Mibildungen hat der bse Geist *Joloquiamo* die Hand im Spiel, oder
der Vogel *Tikitiki*, der Feind des Menschengeschlechts. Zuweilen haben
auch blo sehr schwchliche Kinder dasselbe Loos. Fragt man einen Vater,
was aus einem seiner Shne geworden sey, so thut er, als wre er ihm durch
einen natrlichen Tod entrissen worden. Er verlugnet eine That, die er
fr tadelnswerth, aber nicht fr strafbar hlt. Das arme _Mure_ (Kind),
heit es, konnte nicht mit uns Schritt halten; man htte jeden Augenblick
auf es warten mssen; man hat nichts mehr von ihm gesehen, es ist nicht
dahin gekommen, wo wir geschlafen haben. Die ist die Unschuld und
Sitteneinfalt, die ist das gepriesene Glck des Menschen *im Urzustand!*
Man bringt sein Kind um, um nicht wegen Zwillingen lcherlich zu werden,
um nicht langsamer wandern, um sich nicht eine kleine Entbehrung
auferlegen zu mssen.

Grausamkeiten der Art sind nun allerdings nicht so hufig, als man glaubt;
indessen kommen sie sogar in den Missionen vor, und zwar zur Zeit, wo die
Indianer aus dem Dorfe ziehen und sich auf den _'Conucos'_ in den nahen
Wldern aushalten. Mit Unrecht schriebe man sie der Polygamie zu, in der
die nicht catechisirten Indianer leben. Bei der Vielweiberei ist
allerdings das husliche Glck und der Frieden in den Familien gefhrdet,
aber trotz dieses Brauchs, der ja auch ein Gesetz des Islams ist, lieben
die Morgenlnder ihre Kinder zrtlich. Bei den Indianern am Orinoco kommt
der Vater nur nach Hause, um zu essen und sich in seine Hngematte zu
legen; er liebkost weder seine kleinen Kinder, noch seine Weiber, die da
sind, ihn zu bedienen. Die vterliche Zuneigung kommt erst dann zum
Vorschein, wenn der Sohn so weit herangewachsen ist, da er an der Jagd,
am Fischfang und an der Arbeit in den Pflanzungen Theil nehmen kann.

Wenn nun aber auch der schndliche Brauch, durch gewisse Trnke Kinder
abzutreiben, die Zahl der Geburten vermindert, so greifen diese Trnke die
Gesundheit nicht so sehr an, da nicht die jungen Weiber in reiferen
Jahren wieder Mtter werden knnten. Diese physiologisch sehr merkwrdige
Erscheinung ist den Mnchen in den Missionen lngst aufgefallen. Der
Jesuit GILI, der fnfzehn Jahre lang die Indianer am Orinoco Beichte
gehrt hat und sich rhmt, _i segreti delle donne maritate_ zu kennen,
uert sich darber mit verwunderlicher Naivett. In Europa, sagt er,
frchten sich die Eheweiber vor dem Kinderbekommen, weil sie nicht
wissen, wie sie sie ernhren, kleiden, ausstatten sollen. Von all diesen
Sorgen wissen die Weiber am Orinoco nichts. Sie whlen die Zeit, wo sie
Mtter werden wollen, nach zwei gerade entgegengesetzten Systemen, je
nachdem sie von den Mitteln, sich frisch und schn zu erhalten, diese oder
jene Vorstellung haben. Die einen behaupten, und diese Meinung ist die
vorherrschende, es sey besser, man fange spt an Kinder zu bekommen, um
sich in den ersten Jahren der Ehe ohne Unterbrechung der Arbeit im Haus
und Feld widmen zu knnen. Andere glauben im Gegentheil, es strke die
Gesundheit und verhelfe zu einem glcklichen Alter, wenn man sehr jung
Mutter geworden sey. Je nachdem die Indianer das eine oder das andere
System haben, werden die Abtreibemittel in verschiedenen Lebensaltern
gebraucht. Sieht man hier, wie selbstschtig der Wilde seine Berechnungen
anstellt, so mchte man den civilisirten Vlkern in Europa Glck wnschen,
da *Ecbolia*, die dem Anschein nach der Gesundheit so wenig schaden,
ihnen bis jetzt unbekannt geblieben sind. Durch die Einfhrung von
dergleichen Trnken wrde vielleicht die Sittenverderbni in den Stdten
noch gesteigert, wo ein Viertheil der Kinder nur zur Welt kommt, um von
den Eltern verstoen zu werden. Leicht mglich aber auch, da die neuen
Abtreibemittel in unserem Klima so gefhrlich wren wie der Sevenbaum, die
Aloe und das flchtige Zimmt- und Gewrznelkenl. Der krftige Krper des
Wilden, in dem die verschiedenen organischen Systeme unabhngiger von
einander sind, widersteht besser und lnger bermigen Reizen und den
Gebrauch dem Leben feindlicher Substanzen, als die schwache Constitution
des civilisirten Menschen. Ich glaubte mich in diese nicht sehr
erfreulichen pathologischen Betrachtungen einlassen zu mssen, weil sie
auf eine der Ursachen hinweisen, aus denen im versunkensten Zustande
unseres Geschlechts, wie auf der hchsten Stufe der Cultur, die
Bevlkerung kaum merkbar zunimmt.

Zu den eben bezeichneten Ursachen kommen andere wesentlich verschiedene.
Im Collegium fr die Missionen von Piritu zu Nueva Barcelona hat man die
Bemerkung gemacht, da in den an sehr trockenen Orten gelegenen
Indianerdrfern immer auffallend mehr Kinder geboren werden als in den
Drfern an Fluufern. Die Sitte der indianischen Weiber, mehreremal am
Tage, bei Sonnenaufgang und nach Sonnenuntergang, also wenn die Luft am
khlsten ist, zu baden, scheint die Constitution zu schwchen.

Der Pater Gardian der Franciscaner sah mit Schrecken, wie rasch die
Bevlkerung in den beiden Drfern an den Katarakten abnahm und schlug
daher vor einigen Jahren dem Statthalter der Provinz in Angostura vor, die
Indianer durch Neger zu ersetzen. Bekanntlich dauert die afrikanische Race
in heiem und feuchtem Klima vortrefflich aus. Eine Niederlassung freier
Neger am ungesunden Ufer des Caura in der Mission San Luis Guaraguaraico
gedeiht ganz gut, und sie bekommen ausnehmend reiche Maisernten. Der Pater
Gardian beabsichtigte, einen Theil dieser schwarzen Colonisten an die
Katarakten des Orinoco zu verpflanzen, oder aber Sklaven aus den Antillen
zu kaufen und sie, wie man am Caura gethan, mit Negern, die aus Esquibo
entlaufen, anzusiedeln. Wahrscheinlich wre der Plan ganz gut gelungen.
Derselbe erinnerte im Kleinen an die Niederlassungen in Sierra Leone; es
war Aussicht vorhanden, da der Zustand der Schwarzen sich damit
verbesserte und so das Christenthum zu seinem ursprnglichen Ziele,
Frderung des Glcks und der Freiheit der untersten Volksklassen, wieder
hingefhrt wurde. Ein kleines Miverstndni vereitelte die Sache. Der
Statthalter erwiderte den Mnchen: Da man fr das Leben der Neger so
wenig brgen knne, als fr das der Indianer, so erscheine es nicht als
gerecht, jene zur Niederlassung in den Drfern bei den Katarakten zu
zwingen. Gegenwrtig hngt die Existenz dieser Missionen so ziemlich an
zwei Guahibo- und Maco-Familien, den einzigen, bei denen man einige Spuren
von Civilisation findet und die das Leben auf eigenem Grund und Boden
lieben. Sterben diese Haushaltungen aus, so laufen die andern Indianer,
die der Missionszucht lngst mde sind, dem Pater Zea davon, und an einem
Punkt, den man als den Schlssel des Orinoco betrachten kann, finden dann
die Reisenden nichts mehr, was sie bedrfen, zumal keinen Steuermann, der
die Canoes durch die Stromschnellen schafft; der Verkehr zwischen dem Fort
am Rio Negro und der Hauptstadt Angostura wre, wo nicht unterbrochen,
doch ungemein erschwert. Es bedarf ganz genauer Kenntni der
Oertlichkeiten, um sich in das Labyrinth von Klippen und Felsblcken zu
wagen, die bei Atures und Maypures das Strombett verstopfen.

Whrend man unsere Pirogue auslud, betrachteten wir von allen Punkten, wo
wir ans Ufer gelangen konnten, in der Nhe das ergreifende Schauspiel
eines eingeengten und wie vllig in Schaum verwandelten groen Stromes.
Ich versuche es, nicht unsere Empfindungen, sondern eine Oertlichkeit zu
schildern, die unter den Landschaften der neuen Welt so berhmt ist. Je
groartiger, majesttischer die Gegenstnde sind, desto wichtiger ist es,
sie in ihren kleinsten Zgen aufzufassen, die Umrisse des Gemldes, mit
dem man zur Einbildungslraft des Lesers sprechen will, fest zu zeichnen,
die bezeichnenden Merkmale der groen, unvergnglichen Denkmler der Natur
einfach zu schildern.

Von seiner Mndung bis zum Einflu des Anaveni, auf einer Strecke von 260
Meilen, ist die Schifffahrt auf dem Orinoco durchaus ungehindert. Bei
Muitaco, in einer Bucht, _'Boca del infierno'_ genannt, sind Klippen und
Wirbel; bei Carichana und San Borja sind Stromschnellen (_Raudalitos_);
aber an allen diesen Punkten ist der Strom nie ganz gesperrt, es bleibt
eine Wasserstrae, auf der die Fahrzeuge hinab- und hinauffahren knnen.

Auf dieser ganzen Fahrt auf dem untern Orinoco wird dem Reisenden nur
Eines gefhrlich, die natrlichen Fle aus Bumen, die der Flu
entwurzelt und bei Hochwasser forttreibt. Wehe den Piroguen, die bei Nacht
an solchem Gitterwerk aus Holz und Schlinggewchsen auffahren! Dasselbe
ist mit Wasserpflanzen bedeckt und gleicht hier, wie auf dem Mississippi,
schwimmenden Wiesen, den *Chinampas*(26) der mexicanischen Seen. Wenn die
Indianer eine feindliche Horde berfallen wollen, binden sie mehrere
Canoes mit Stricken zusammen; bedecken sie mit Krutern und Baumzweigen
und bilden so die Haufen von Bumen nach, die der Orinoco auf seinem
Thalweg abwrts treibt. Man sagt den Caraiben nach, sie seyen frher in
dieser Kriegslist ausgezeichnet gewesen, und gegenwrtig bedienen sich die
spanischen Schmuggler in der Nhe von Angostura desselben Mittels, um die
Zollaufseher hinter das Licht zu fhren.

Oberhalb des Rio Anaveni, zwischen den Bergen von Uniana und Sipapu, kommt
man zu den Katarakten von Mapara und Quittuna, oder, wie die Missionre
gemeiniglich sagen, zu den Raudales von Atures und Maypures. Diese beiden
vom einen zum andern Ufer laufenden Stromsperren geben im Groen ungefhr
dasselbe Bild: zwischen zahllosen Inseln, Felsdmmen, aufeinander
gethrmten, mit Palmen bewachsenen Granitblcken lst sich einer der
grten Strme der neuen Welt in Schaum auf. Trotz dieser Uebereinstimmung
im Aussehen hat jeder der Flle seinen eigenthmlichen Charakter. Der
erste, nrdliche, ist bei niedrigem Wasser leichter zu passiren; beim
zweiten, dem von Maypures, ist den Indianern die Zeit des Hochwassers
lieber. Oberhalb Maypures und der Einmndung des Cao Cameji ist der
Orinoco wieder frei auf einer Strecke von mehr als 169 Meilen, bis in die
Nhe seiner Quellen, das heit bis zum Raudalito der Guayaribos, ostwrts
vom Cao Chiguire und den hohen Bergen von Yumariquin.

Ich habe die beiden Becken des Orinoco und des Amazonenstroms besucht, und
es fiel mir ungemein auf, wie verschieden sie sich auf ihrem ungleich
langen Laufe verhalten. Beim Amazonenstrom, der gegen 980 Seemeilen (20
auf den Grad) lang ist, sind die groen Flle ziemlich nahe bei den
Quellen, im ersten Sechstheil der ganzen Lnge; fnf Sechstheile seines
Laufe sind vollkommen frei. Beim Orinoco sind die Flle, weit ungnstiger
fr die Schifffahrt, wenn nicht in der Mitte, doch unterhalb des ersten
Drittheils seiner Lnge gelegen. Bei beiden Strmen werden die Flle nicht
durch die Berge, nicht durch die Stufen der ber einander liegenden
Plateaus, wo sie entspringen, gebildet, sondern durch andere Berge, durch
andere ber einander gelagerte Stufen, durch die sich die Strme nach
langem friedlichen Lauf Bahn brechen mssen, wobei sie sich von Staffel zu
Staffel herabstrzen.

Der Amazonenstrom durchbricht keineswegs die Hauptkette der Anden, wie man
zu einer Zeit behauptete, wo man ohne Grund voraussetzte, da berall, wo
sich die Gebirge in parallele Ketten theilen, die mittlere oder
Centralkette hher seyn msse als die andern. Dieser groe Strom
entspringt (und dieser Umstand ist geologisch nicht ohne Belang) ostwrts
von der westlichen Kette, der einzigen, welche unter dieser Breite den
Namen einer hohen Andenkette verdient. Er entsteht aus der Vereinigung der
kleinen Flsse Aguamiros und Chavinillo, welch letzterer aus dem See
Llauricocha kommt, der in einem Lngenthale zwischen der westlichen und
der mittleren Kette der Anden liegt. Um diese hydrographischen
Verhltnisse richtig aufzufassen, mu man sich vorstellen, da der
colossale Gebirgsknoten von Pasco und Huanuco sich in drei Ketten theilt.
Die westlichste, hchste streicht unter dem Namen _Cordillera real de
Nieve_ (zwischen Huary und Caxatambo, Guamachuco und Lucma, Micuipampa und
Guangamarca) ber die *Nevados* von Viuda, Pelagatos, Moyopata und
Huaylillas, und die *Paramos* von Guamani und Guaringa gegen die Stadt
Loxa. Der mittlere Zug scheidet die Gewsser des oberen Amazonenstroms und
des Guallaga und bleibt lange nur tausend Toisen hoch; erst sdlich von
Huanuco steigt er in der Cordillere von Sasaguanca ber die Schneelinie
empor. Er streicht zuerst nach Nord ber Huacrachuco, Chachapoyas,
Moyobamba und den Paramo von Piscoguauna, dann fllt er allmhlig ab,
Peca, Copallin und der Mission San Yago am stlichen Ende der Provinz Jaen
de Bracamoros zu. Die dritte, stlichste Kette zieht sich am rechten Ufer
des Rio Guallaga hin und luft unter dem 7. Grad der Breite in die
Niederung aus. So lange der Amazonenstrom von Sd nach Nord im Lngenthal
zwischen zwei Gebirgszgen von ungleicher Hhe luft (das heit von den
Hfen Quivilla und Guancaybamba, wo man auf hlzernen Brcken ber den
Flu geht, bis zum Einflu des Rio Chinchipe), ist die Fahrt im Canoe
weder durch Felsen, noch durch sonst etwas gehemmt. Die Flle fangen erst
da an, wo der Amazonenstrom sich gegen Ost wendet und durch die mittlere
Andenkette hindurchgeht, die gegen Norden bedeutend breiter wird. Er stt
auf die ersten Felsen von rothem Sandstein oder altem Conglomerat zwischen
Tambillo und dem *Pongo* Rentema, wo ich Breite, Tiefe und Geschwindigkeit
des Wassers gemessen habe; er tritt aus dem rothen Sandstein ostwrts von
der vielberufenen Stromenge Manseriche beim Pongo Tayuchuc, wo die Hgel
sich nur noch 40--60 Toisen ber den Fluspiegel erheben. Den stlichen
Zug, der an den Pampas von Sacramento hinluft, erreicht der Flu nicht.
Von den Hgeln von Tayuchuc bis Gran-Para, auf einer Strecke von mehr als
750 franzsischen Meilen, ist die Schifffahrt ganz frei. Aus dieser
raschen Uebersicht ergibt sich, da der Maraon, htte er nicht das
Bergland zwischen San Yago und Tomependa, das zur Centralkette der Anden
gehrt, zu durchziehen, schiffbar wre von seinem Ausflu ins Meer bis
Pumpo bei Piscobamba in der Provinz Conchucos, 43 Meilen von seiner
Quelle.

Wir haben gesehen, da sich beim Orinoco wie beim Amazonenstrom die groen
Flle nicht in der Nhe des Ursprungs befinden. Nach einem ruhigen Lauf
von mehr als 160 Meilen vom kleinen Raudal der Guaharibos, ostwrts von
Esmeralda, bis zu den Bergen von Sipapu, und nachdem er sich durch die
Flsse Jao, Ventuari, Atabapo und Guaviare verstrkt, biegt der Orinoco
aus seiner bisherigen Richtung von Ost nach West rasch in die von Sd nach
Nord um und stt auf dem Lauf ber die _'Land-Meerenge'_(27) in den
Niederungen am Meta auf die Auslufer der Cordillere der Parime. Und
dadurch entstehen nun Flle, die weit strker sind und der Schifffahrt
ungleich mehr Eintrag thun als alle *Pongos* im obern Maraon, weil sie,
wie wir oben auseinandergesetzt, der Mndung des Flusses verhltnimig
nher liegen. Ich habe mich in diese geographischen Details eingelassen,
um am Beispiel der grten Strme der neuen Welt zu zeigen: 1) da sich
nicht absolut eine gewisse Toisenzahl, eine gewisse Meereshhe angeben
lt, ber welcher die Flsse noch nicht schiffbar sind; 2) da die
Stromschnellen keineswegs immer, wie in manchen Handbchern der
allgemeinen Topographie behauptet wird, nur am Abhang der ersten
Bergschwellen, bei den ersten Hhenzgen vorkommen, ber welche die
Gewsser in der Nhe ihrer Quellen zu laufen haben.

Nur der nrdliche der groen Katarakten des Orinoco hat hohe Berge zu
beiden Seiten. Das linke Stromufer ist meist niedriger, gehrt aber zu
einem Landstrich, der westwrts von Atures gegen den Pic Uniana ansteigt,
einen gegen 3000 Fu hohen Bergkegel auf einer steil abfallenden
Felsmauer. Dadurch, da er frei aus der Ebene aufsteigt, nimmt sich dieser
Pic noch groartiger und majesttischer aus. In der Nhe der Mission, auf
dem Landstrich am Kararakt nimmt die Landschaft bei jedem Schritt einen
andern Charakter an. Auf engem Raume findet man hier die rauhsten,
finstersten Naturgebilde neben freiem Feld, bebauten, lachenden Fluren. In
der uern Natur wie in unserem Innern ist der Gegensatz der Eindrcke,
das Nebeneinander des Groartigen, Drohenden, und des Sanften, Friedlichen
eine reiche Quelle unserer Empfindungen und Gensse.

Ich nehme hier einige zerstreute Zge einer Schilderung auf, die ich kurz
nach meiner Rckkehr nach Europa in einem andern Buche entworfen.(28) Die
mit zarten Krutern und Grsern bewachsenen Savanen von Atures sind wahre
Prrien, hnlich unsern europischen Wiesen; sie werden nie vom Flusse
berschwemmt und scheinen nur der Menschenhand zu harren, die sie
umbricht. Trotz ihrer bedeutenden Ausdehnung sind sie nicht so eintnig
wie unsere Ebenen. Sie laufen um Felsgruppen, um bereinander gethrmte
Granitblcke her. Dicht am Rand dieser Ebenen, dieser offenen Fluren stt
man auf Schluchten, in die kaum ein Strahl der untergehenden Sonne dringt,
auf Grnde, wo einem aus dem feuchten, mit Arum, Heliconia und Lianen
dicht bewachsenen Boden bei jedem Schritte die wilde Ueppigkeit der Natur
entgegentritt. Ueberall kommen, dem Boden gleich, die ganz kahlen
Granitplatten zu Tage, wie ich sie bei Carichana beschrieben, und wie ich
sie in der alten Welt nirgends so ausnehmend breit gesehen habe wie im
Orinocothal. Da wo Quellen aus dem Schooe dieses Gesteins vorbrechen,
haben sich Verrucarien, Psoren und Flechten an den verwitterten Granit
geheftet und Dammerde erzeugt. Kleine Euphorbien, Peperomien und andere
Saftpflanzen sind den cryptogamischen Gewchsen gefolgt, und jetzt bildet
immergrnes Strauchwerk, Rhexien, Melastomen mit purpurrothen Blthen,
grne Eilande inmitten der den steinigten Ebene. Man kommt immer wieder
darauf zurck: die Bodenbildung, die ber die Savanen zerstreuten Boskette
aus kleinen Bumen mit lederartigen, glnzenden Blttern, die kleinen
Bche, die sich ein Bett im Fels graben und sich bald ber fruchtbares
ebenes Land, bald ber kahle Granitbnke schlngeln, Alles erinnert einen
hier an die reizendsten, malerischsten Parthien unserer Parkanlagen und
Pflanzungen. Man meint mitten in der wilden Landschaft menschlicher Kunst
und Spuren von Cultur zu begegnen.

Aber nicht nur durch die Bodenbildung zunchst bei der Mission Atures
erhlt die Gegend eine so auffallende Physiognomie: die hohen Berge,
welche ringsum den Horizont begrenzen, tragen durch ihre Form und die Art
ihres Pflanzenwuchses das Ihrige dazu bei. Diese Berge erheben sich meist
nur 7--800 Fu ber die umgebenden Ebenen. Ihre Gipfel sind abgerundet,
wie in den meisten Granitgebirgen, und mit einem dichten Walde von
Laurineen bedeckt. Gruppen von Palmen (_el Cucurito_) deren gleich
Federbschen gekruselte Bltter unter einem Winkel von 70 Grad
majesttisch emporsteigen, stehen mitten unter Bumen mit wagerechten
Aesten; ihre nackten Stmme schieen gleich hundert bis hundertzwanzig Fu
hohen Sulen in die Luft hinauf und heben sich vom blauen Himmel ab, ein
Wald ber dem Walde. Wenn der Mond den Bergen von Uniana zu unterging und
die rthliche Scheibe des Planeten sich hinter das gefiederte Laub der
Palmen versteckte und dann wieder im Luftstrich zwischen beiden Wldern
zum Vorschein kam, so glaubte ich mich auf Augenblicke in die Einsiedelei
des Alten versetzt, die BERNARDIN DE SAINT PIERRE als eine der
herrlichsten Gegenden auf der Insel Bourbon schildert, und fhlte so
recht, wie sehr die Gewchse nach Wuchs und Gruppirung in beiden Welten
einander gleichen. Mit der Beschreibung eines kleinen Erdwinkels auf einer
Insel im indischen Ocean hat der unnachahmliche Verfasser von _Paul und
Virginie_ vom gewaltigen Bild der tropischen Landschaft eine Skizze
entworfen. Er wute die Natur zu schildern, nicht weil er sie als Forscher
kannte, sondern weil er fr all ihre harmonischen Verhltnisse in
Gestaltung, Farbe und innern Krften ein tiefes Gefhl besa.

Oestlich von Atures, neben jenen abgerundeten Bergen, auf denen. zwei
Wlder von Laurineen und Palmen ber einander stehen, erheben sich andere
Berge von ganz verschiedenem Aussehen. Ihr Kamm ist mit gezackten Felsen
besetzt, die wie Pfeiler ber die Bume und das Gebsch emporragen. Diese
Bildung kommt allen Granitplateaus zu, im Harz, im bhmischen Erzgebirge,
in Galizien, an der Grenze beider Castilien; sie wiederholt sich berall,
wo in unbedeutender Meereshhe (400--600 Toisen) ein Granit neuerer
Formation zu Tage kommt. Die in Abstnden sich erhebenden Felsen bestehen
entweder aus aufgethrmten Blcken oder sind in regelmige, wagerechte
Bnke getheilt. Auf die ganz nahe am Orinoco stellen sich die Flamingos,
die *Soldados*(29) und andere fischfangende Vgel, und nehmen sich dann
aus wie Menschen, die Wache stehen. Die ist zuweilen so tuschend, da,
wie mehrere Augenzeugen erzhlen, die Einwohner von Angostura eines Tags
kurz nach der Grndung der Stadt in die grte Bestrzung geriethen, als
sich auf einmal auf einem Berge gegen Sd Reiher, *Soldados* und *Garzas*
blicken lieen. Sie glaubten sich von einem Ueberfall der _Indios
monteros_ (der wilden Indianer) bedroht, und obgleich einige Leute, die
mit dieser Tuschung bekannt waren, die Sache aufklrten, beruhigte sich
das Volk nicht eher ganz, als bis die Vgel in die Luft stiegen und ihre
Wanderung der Mndung des Orinoco zu fortsetzten.

Die schne Vegetation der Berge ist, wo nur auf dem Felsboden Dammerde
liegt, auch ber die Ebenen verbreitet. Meistens sieht man zwischen dieser
schwarzen, mit Pflanzenfasern gemischten Dammerde und dem Granitgestein
eine Schichte weien Sandes. Der Missionr versicherte uns, in der Nhe
der Wasserflle sey das Grn bestndig frisch, in Folge des vielen
Wasserdampfes, der aus dem auf einer Strecke von 3000--4000 Toisen in
Strudel und Wasserflle zerschlagenen Strom aussteigt.

Kaum hatte man in Atures ein paarmal donnern hren, und bereits zeigte die
Vegetation aller Orten die krftige Flle und den Farbenglanz, wie man sie
auf den Ksten erst zu Ende der Regenzeit findet. Die alten Bume hingen
voll prchtiger Orchideen, gelber Bannisterien, Bignonien mit blauen
Blthen, Peperomia, Arum, Pothos. Auf einem einzigen Baumstamm waren
mannigfaltigere Pflanzengebilde beisammen, als in unserem Klima auf einem
ansehnlichen Landstrich. Neben diesen den heien Klimaten eigenen
Schmarotzergewchsen sahen wir hier mitten in der heien Zone und fast im
Niveau des Meeres zu unserer Ueberraschung Moose, die vollkommen den
europischen glichen. Beim groen Katarakt von Atures pflckten wir die
schne Grimmia-Art mit Fontinalis-Blttern, welche die Botaniker so sehr
beschftigt hat; sie hngt an den Aesten der hchsten Bume. Unter den
Phanerogamen herrschen in den bewaldeten Strichen Mimosen, Ficus und
Laurineen vor. Die ist um so charakteristischer, als nach BROWNs
neuerlicher Beobachtung auf dem gegenber liegenden Continent, im
tropischen Afrika, die Laurineen fast ganz zu fehlen scheinen. Gewchse,
welche Feuchtigkeit lieben, schmcken die Ufer am Wasserfall. Man findet
hier in den Niederungen Bsche von Heliconia und andern Scitamineen mit
breiten glnzenden Blttern, Bambusrohre, die drei Palmenarten *Murichi*,
*Jagua* und *Vadgiai*, deren jede besondere Gruppen bildet. Die
Murichipalme oder die Mauritia mit schuppigter Frucht ist die berhmte
Sagopalme der Guaranos-Indianer; sie ist ein wirkliches geselliges
Gewchs. Sie hat handfrmige Bltter und wchst nicht unter den Palmen mit
gefiederten und gekruselten Blttern, dem *Jagua*, der eine Art
Cocospalme zu seyn scheint, und dem *Vadgiai* oder *Cucurito*, den man
neben die schne Gattung _Oreodoxa_ stellen kann. Der *Cucurito*, bei den
Fllen von Atures und Maypures die hufigste Palme, ist durch seinen
Habitus ausgezeichnet. Seine Bltter oder vielmehr Wedel stehen auf einem
80--100 Fu hohen Stamm fast senkrecht, und zwar im jugendlichen Zustand
wie in der vollen Entwicklung; nur die Spitzen sind umgebogen. Es sind
wahre Federbsche vom zartesten, frischesten Grn. Der Cucurito, der Seje,
dessen Frucht der Aprikose gleicht, die _Oreodoxa regia_ oder _Palma real_
von der Insel Cuba und das _Ceroxylon_ der hohen Anden sind im Wuchs die
groartigsten Palmen der neuen Welt. Je nher man der gemigten Zone
kommt, desto mehr nehmen die Gewchse dieser Familie an Gre und
Schnheit ab. Welch ein Unterschied zwischen den eben erwhnten Arten und
der orientalischen Dattelpalme, die bei den europischen Landschaftsmalern
leider der Typus der Palmenfamilie geworden ist!

Es ist nicht zu verwundern, da, wer nur das nrdliche Afrika, Sicilien
oder Murcia bereist hat, nicht begreifen kann, da unter allen groen
Baumgestalten die Gestalt der Palme die groartigste und schnste seyn
soll. Unzureichende Analogieen sind Schuld, da sich der Europer keine
richtige Vorstellung vom Charakter der heien Zone macht. Jedermann wei
zum Beispiel, da die Contraste des Baumlaubs, besonders aber die groe
Menge von Gewchsen mit gefiederten Blttern ein Hauptschmuck dieser Zone
sind. Die Esche, der Vogelbeerbaum, die Inga, die Achazie der Vereinigten
Staaten, die Gleditsia, die Tamarinde, die Mimosen, die Desmanthus haben
alle gefiederte Bltter mit mehr oder weniger groen, dnnen, lederartigen
und glnzenden Blttchen. Vermag nun aber dehalb eine Gruppe von Eschen,
Vogelbeerbumen oder Sumachbumen uns einen Begriff vom malerischen Effekt
zu geben, den das Laubdach der Tamarinden und Mimosen macht, wenn das
Himmelsblau zwischen ihren kleinen, dnnen, zartgefiederten Blttern
durchbricht? Diese Betrachtungen sind wichtiger, als sie auf den ersten
Blick scheinen. Die Gestalten der Gewchse bestimmen die Physiognomie der
Natur, und diese Physiognomie wirkt zurck auf die geistige Stimmung der
Vlker. Jeder Pflanzentypus zerfllt in Arten, die im allgemeinen
Charakter mit einander bereinkommen, aber sich dadurch unterscheiden, da
dieselben Organe verschiedentlich entwickelt sind. Die Palmen, die
Scitamineen, die Malvaceen, die Bume mit gefiederten Blttern sind nicht
alle malerisch gleich schn, und meist, im Pflanzenreich wie im
Thierreich, gehren die schnsten Arten eines jeden Typus dem tropischen
Erdstrich an.

Die Protaceen, Croton, Agaven und die groe Sippe der Cactus, die
ausschlielich nur in der neuen Welt vorkommt, verschwinden allmhlig,
wenn man auf dem Orinoco ber die Mndungen des Apure und des Meta
hinaufkommt. Indessen ist vielmehr die Beschattung und die Feuchtigkeit,
als die Entfernung von den Ksten daran Schuld, wenn die Cactus nicht
weiter nach Sden gehen. Wir haben stlich von den Anden, in der Provinz
Bracamoros, dem obern Amazonenstrom zu, ganze Cactuswlder, mit Croton
dazwischen, groe drre Landstriche bedecken sehen. Die Baumfarn scheinen
an den Fllen des Orinoco ganz zu fehlen; wir fanden keine Art vor San
Fernando de Atabapo, das heit vor dem Einflu des Guaviare in den
Orinoco.

Wir haben die Umgegend von Atures betrachtet, und ich habe jetzt noch von
den Stromschnellen selbst zu sprechen, die an einer Stelle des Thales
liegen, wo das tief eingeschnittene Flubett fast unzugngliche Ufer hat.
Nur an sehr wenigen Punkten konnten wir in den Orinoco gelangen, um
zwischen zwei Wasserfllen, in Buchten, wo das Wasser langsam kreist, zu
baden. Auch wer sich in den Alpen, in den Pyrenen, selbst in den
Cordilleren aufgehalten hat, so vielberufen wegen der Zerrissenheit des
Bodens und der Spuren von Zerstrung, denen man bei jedem Schritte
begegnet, vermchte nach einer bloen Beschreibung sich vom Zustand des
Strombetts hier nur schwer eine Vorstellung zu machen. Auf einer Strecke
von mehr als fnf Seemeilen laufen unzhlige Felsdmme quer darber weg,
eben so viele natrliche Wehre, eben so viele *Schwellen*, hnlich denen
im Dnieper, welche bei den Alten _'Phragmoi'_ hieen. Der Raum zwischen
den Felsdmmen im Orinoco ist mit Inseln von verschiedener Gre gefllt;
manche sind hgligt, in verschiedene runde Erhhungen getheilt und
200--300 Toisen lang, andere klein und niedrig, wie bloe Klippen. Diese
Inseln zerfllen den Flu in zahlreiche reiende Betten, in denen das
Wasser sich kochend an den Felsen bricht; alle sind mit Jagua- und
Cucuritopalmen mit federbuschfrmigem Laub bewachsen, ein Palmendickicht
mitten auf der schumenden Wasserflche. Die Indianer, welche die leeren
Piroguen durch die Raudales schaffen, haben fr jede Staffel, fr jeden
Felsen einen eigenen Namen. Von Sden her kommt man zuerst zum *Salto del
Piapoco*, zum Sprung des Tucans; zwischen den Inseln Avaguri und
Javariveni ist der Raudal de Javariveni; hier verweilten wir auf unserer
Rckkehr vom Rio Negro mehrere Stunden mitten in den Stromschnellen, um
unser Canoe zu erwarten. Der Strom scheint zu einem groen Theil trocken
zu liegen. Granitblcke sind auf einander gehuft, wie in den Mornen,
welche die Gletscher in der Schweiz vor sich her schieben. Ueberall strzt
sich der Flu in die Hhlen hinab, und in einer dieser Hhlen hrten wir
das Wasser zugleich ber unsern Kpfen und unter unsern Fen rauschen.
Der Orinoco ist wie in eine Menge Arme oder Sturzbche getheilt, deren
jeder sich durch die Felsen Bahn zu brechen sucht. Man mu nur staunen,
wie wenig Wasser man im Flubett sieht, ber die Menge Wasserstrze, die
sich unter dem Boden verlieren, ber den Donner der Wasser, die sich
schumend an den Felsen brechen.

_ Cuncta fremunt undis; ac multo murmure montis _
_ Spumens invictis canescit fluctibus amnis._(_30_)_ _

Ist man ber den Raudal Javariveni weg (ich nenne hier nur die wichtigsten
der Flle), so kommt man zum Raudal *Canucari*, der durch eine Felsbank
zwischen den Inseln Surupamana und Uirapuri gebildet wird. Sind die Dmme
oder natrlichen Wehre nur zwei, drei Fu hoch, so wagen es die Indianer
im Canoe hinabzufahren. Flu aufwrts schwimmen sie voraus, bringen nach
vielen vergeblichen Versuchen ein Seil um eine der Felsspitzen ber dem
Damm und ziehen das Fahrzeug am Seil auf die Hhe des Raudals. Whrend
dieser mhseligen Arbeit fllt sich das Fahrzeug hufig mit Wasser;
anderemale zerschellt es an den Felsen, und die Indianer, mit
zerschlagenem, blutendem Krper, reien sich mit Noth aus dem Strudel und
schwimmen an die nchste Insel. Sind die Felsstaffeln oder Schwellen sehr
hoch und versperren sie den Strom ganz, so schafft man die leichten
Fahrzeuge ans Land, schiebt Baumste als Walzen darunter und schleppt sie
bis an den Punkt, wo der Flu wieder schiffbar wird.(31) Bei Hochwasser
ist solches selten nthig. Spricht man von den Wasserfllen des Orinoco,
so denkt man von selbst an die Art und Weise, wie man in alter Zeit ber
die Katarakten des Nil herunterfuhr, wovon uns SENECA(32) eine
Beschreibung hinterlassen hat, die poetisch, aber schwerlich richtig ist.
Ich fhre nur eine Stelle an, die vollkommen vergegenwrtigt, was man in
Atures, Maypures und in einigen *Pongos* des Amazonenstroms alle Tage
sieht. Je zwei mit einander besteigen kleine Nachen, und einer lenkt das
Schiff, der andere schpft es aus. Sodann, nachdem sie unter dem reienden
Toben des Nil und den sich begegnenden Wellen tchtig herumgeschaukelt
worden sind, halten sie sich endlich an die seichtesten Kanle, durch die
sie den Engpssen der Felsen entgehen, und mit der ganzen Strmung
niederstrzend, lenken sie den schieenden Nachen.

In den hydrographischen Beschreibungen der Lnder werden meistens unter
den unbestimmten Benennungen: _Saltos_, _Chorros_, _Pongos_,
_Cachoeiras_, _Raudales_; _Cataractes_, _Cascades_, _Chtes_, _Rapides_;
Wasserflle, Wasserstrze, Stromschnellen, strmische Bewegungen der
Wasser zusammengeworfen, die durch sehr verschiedene Bodenbildungen
hervorgebracht werden. Zuweilen strzt sich ein ganzer Flu aus
bedeutender Hhe in Einem Falle herunter, wodurch die Schifffahrt vllig
unterbrochen wird. Dahin gehrt der prchtige Fall des Rio Tequendama, den
ich in meinen _Vues des Cordillres_ abgebildet habe; dahin die Flle des
Niagara und der Rheinfall, die nicht sowohl durch ihre Hhe als durch die
Wassermasse bedeutend sind. Anderemale liegen niedrige Steindmme in
weiten Abstnden hinter einander und bilden getrennte Wasserflle; dahin
gehren die _Cachoeiras_ des Rio Negro und des Rio de la Madeira, die
_Saltos_ des Rio Cauca und die meisten _Pongos_ im obern Amazonenstrom
zwischen dem Einflu des Chinchipe und dem Dorfe San Borja. Der hchste
und gefhrlichste dieser Pongos, den man auf Flen herunter fhrt, der
bei Mayafi, ist brigens nur drei Fu hoch. Noch anderemale liegen kleine
Steindmme so nahe an einander, da sie auf mehrere Meilen Erstreckung
eine ununterbrochene Reihe von Fllen und Strudeln, _Chorros_ und
_Remolinos_ bilden, und die nennt man eigentlich _Raudales_, _Rapides_,
Stromschnellen. Dahin gehren die *Yellalas*, die Stromschnellen des
Zaire- oder Congoflusses, mit denen uns Capitn Tuckey krzlich bekannt
gemacht hat; die Stromschnellen des Orangeflusses in Afrika oberhalb
Pella, und die vier Meilen langen Flle des Missouri da, wo der Flu aus
den Rocky Mountains hervorbricht. Hieher gehren nun auch die Flle von
Atures und Maypures, die einzigen, die, im tropischen Erdstrich der neuen
Welt gelegen, mit einer herrlichen Palmenvegetation geschmckt sind. In
allen Jahreszeiten gewhren sie den Anblick eigentlicher Wasserflle und
hemmen die Schifffahrt auf dem Orinoco in sehr bedeutendem Grade, whrend
die Stromschnellen des Ohio und in Oberegypten zur Zeit der Hochgewsser
kaum sichtbar sind. Ein vereinzelter Wasserfall, wie der Niagara oder der
Fall bei Terni, gibt ein herrliches Bild, aber nur Eines; er wird nur
anders, wenn der Zuschauer seinen Standpunkt verndert; Stromschnellen
dagegen, namentlich wenn sie zu beiden Seiten mit groen Bumen besetzt
sind, machen eine Landschaft meilenweit schn. Zuweilen rhrt die
strmische Bewegung des Wassers nur daher, da die Strombetten sehr
eingeengt sind. Dahin gehrt die Angostura de Carare im Magdalenenflu,
ein Engpa, der dem Verkehr zwischen Santa Fe de Bogota und der Kste von
Carthagena Eintrag thut; dahin gehrt der Pongo von Manseriche im obern
Amazonenstrom, den LA CONDAMINE fr weit gefhrlicher gehalten hat, als er
in Wahrheit ist, und den der Pfarrer von San Borja hinauf mu, so oft er
im Dorfe San Yago eine Amtsverrichtung hat.

Der Orinoco, der Rio Negro und fast alle Nebenflsse des Amazonenstromes
oder Maraon haben Flle oder Stromschnellen entweder in der Nhe ihres
Ursprungs durch Berge laufen, oder weil sie auf der mittleren Strecke
ihres Laufs auf andere Berge stoen. Wenn, wie oben bemerkt, die Wasser
des Amazonenstroms vom Pongo von Manseriche bis zu seiner Mndung, mehr
als 750 Meilen weit, nirgends heftig aufgeregt sind, so verdankt er diesen
ungemein groen Vortheil dem Umstand, da er immer die gleiche Richtung
einhlt. Er fliet von Ost nach West ber eine weite Ebene, die gleichsam
ein Lngenthal zwischen der Bergkette der Parime und dem groen
brasilianischen Gebirgsstock bildet.

Zu meiner Ueberraschung ersah ich aus unmittelbarer Messung, da die
Stromschnellen des Orinoco, deren Donner man ber eine Meile weit hrt,
und die durch die mannigfaltige Vertheilung von Wasser, Palmbumen und
Felsen so ausnehmend malerisch sind, in ihrer ganzen Lnge schwerlich mehr
als 28 Fu senkrechte Hhe haben. Bei nherer Ueberlegung zeigt es sich,
da die fr Stromschnellen viel ist. whrend es fr einen einzelnen
Wasserfall sehr wenig wre. Bei den Yellalas im Congoflu, in der
Einschnrung seines Bettes zwischen Banza Noki und Banza Inga, ist der
Hhenunterschied zwischen den obern und den untern Staffeln weit
bedeutender; BARROW bemerkt aber, da sich hier unter den vielen
Stromschnellen ein Fall findet, der allein 30 Fu hoch ist. Andererseits
haben die vielberufenen Pongos im Amazonenstrom, wo die Bergfahrt so
gefhrlich ist, die Flle von Rentama, Escurrebragas und Mayasi, auch nur
ein paar Fu senkrechte Hhe. Wer sich mit Wasserbauten abgibt, wei,
welche Wirkung in einem groen Flusse eine Schwellung von 18--20 Zoll hat.
Das Toben des Wassers und die Wirbel werden berall keineswegs allein von
der Hhe der einzelnen Flle bedingt, sondern vielmehr davon, wie nahe die
Flle hinter einander liegen, ferner vom Neigungswinkel der Felsendmme,
von den sogenannten _'lames de rflexion'_ die in einander stoen und ber
einander weggehen, von der Gestalt der Inseln und Klippen, von der
Richtung der Gegenstrmungen, von den Krmmungen und engen Stellen in den
Kanlen, durch die das Wasser von einer Staffel zur andern sich Bahn
bricht. Von zwei gleich breiten Flssen kann der eine Flle haben, die
nicht so hoch sind als die des andern, und doch weit gefhrlicher und
tobender.

Meine obige Angabe ber die senkrechte Hhe der Raudales des Orinoco
lautet nicht ganz bestimmt, und ich habe damit auch nur eine *Grenzzahl*
gegeben. Ich brachte den Barometer auf die kleine Ebene bei der Mission
Atures und den Katarakten, ich konnte aber keine constanten Unterschiede
beobachten. Bekanntlich wird die barometrische Messung sehr schwierig,
wenn es sich um ganz unbedeutenden Hhenunterschied handelt. Durch kleine
Unregelmigkeiten in der stndlichen Schwankung (Unregelmigkeiten, die
sich mehr auf das Maa der Schwankung als auf den Zeitpunkt beziehen) wird
das Ergebni zweifelhaft, wenn man nicht an jedem der beiden Standpunkte
ein Barometer hat, und wenn man Unterschiede im Luftdruck von einer halben
Linie auffassen soll.

Wahrscheinlich wird die Wassermasse des Stromes durch die Katarakten
geringer, nicht allein weil durch das Zerschlagen des Wassers in Tropfen
die Verdunstung gesteigert wird, sondern auch, und hauptschlich, weil
viel Wasser in unterirdische Hhlungen versinkt. Dieser Verlust ist
brigens nicht sehr auffallend, wenn man die Wassermasse da, wo sie in die
Raudales eintritt, mit der vergleicht, welche beim Einflu des Rio Anaveni
davon wegzieht. Durch eine solche Vergleichung hat man gefunden, da unter
den Yelladas oder Raudales des Congoflusses unterirdische Hhlungen liegen
mssen. Im Pongo von Manseriche, der vielmehr eine Stromenge als ein
Wasserfall heien sollte, verschwindet auf eine noch nicht gehrig
ermittelte Weise das Wasser des obern Amazonenstroms zum Theil mit all
seinem Treibholz.

Sitzt man am Ufer des Orinoco und betrachtet die Felsdmme, an denen sich
der Strom donnernd bricht, so fragt man sich, ob die Flle im Lauf der
Jahrhunderte nach Gestaltung und Hhe sich verndern werden. Ich bin nicht
sehr geneigt, dem Sto des Wassers gegen Granitblcke und dem Zerfressen
kieselhaltigen Gesteins solche Wirkungen zuzuschreiben. Die nach unten
sich verengenden Lcher, die Trichter, wie man sie in den Raudales und bei
so vielen Wasserfllen in Europa antrifft, entstehen nur durch die Reibung
des Sandes und das Rollen der Quarzgeschiebe. Wir haben solche Geschiebe
gesehen, welche die Strmung am Boden der Trichter bestndig herumwirbelt
und diese dadurch nach allen Durchmessern erweitert. Die Pongos des
Amazonenstroms sind leicht zerstrlich, da die Felsdmme nicht aus Granit
bestehen, sondern aus Conglomerat, aus rothem, grobkrnigem Sandstein. Der
Pongo von Rentama strzte vor 80 Jahren theilweise ein, und da sich das
Wasser hinter einem neu gebildeten Damm staute, so lag das Flubett ein
paar Stunden trocken, zur groen Verwunderung der Einwohner des Dorfes
Puyaya, sieben Meilen unter dem eingestrzten Pongo. Die Indianer in
Atures versichern (und diese Aussage widerspricht der Ansicht des Paters
CAULIN), die Felsen im Raudal haben immer dasselbe Aussehen, aber die
einzelnen Strmungen, in die der groe Strom zerschlagen wird, ndern beim
Durchgang durch die aufgehuften Granitblcke ihre Richtung und werfen
bald mehr, bald weniger Wasser gegen das eine oder das andere Ufer. Die
Ursachen dieses Wechsels knnen den Katarakten sehr ferne liegen; denn in
den Flssen, die auf der Erdoberflche Leben verbreiten, wie die Adern in
den organischen Krpern, pflanzen sich alle Bewegungen weithin fort.
Schwingungen, die Anfangs ganz lokal scheinen, wirken auf die ganze
flssige Masse im Stamm und den vielen Verzweigungen desselben.

Ich wei wohl, da, vergleicht man den heutigen Zustand der Stromschnellen
bei Syene, deren einzelne Staffeln kaum sechs Zoll hoch sind,(33) mit den
groartigen Beschreibungen der Alten, man leicht geneigt ist, im Nilbett
die Wirkungen der Auswaschungen, berhaupt die gewaltigen Einflsse des
strmenden Wassers zu erblicken, aus denen man in der Geologie lange die
Bildung der Thler und die Zerrissenheit des Bodens in den Cordilleren
befriedigend erklren zu knnen meinte. Diese Ansicht wird durch den
Augenschein keineswegs untersttzt. Wir stellen nicht in Abrede, da die
Strme, berhaupt flieende Wasser, wo sie in zerreibliches Gestein, in
secundre Gebirgsformationen einschneiden, bedeutende Wirkungen ausben.
Aber die Granitfelsen bei Elephantine haben wahrscheinlich seit Tausenden
von Jahren an absoluter Hhe so wenig abgenommen, als der Gipfel des
Montblanc und des Canigou. Hat man die groen Naturscenerien in
verschiedenen Klimaten selbst gesehen, so sieht man sich zu der Anschauung
gedrngt, da jene tiefen Spalten, jene hoch aufgerichteten Schichten,
jene zerstreuten Blcke, all die Spuren einer allgemeinen Umwlzung
Wirkungen auergewhnlicher Ursachen sind, die mit denen, welche im
gegenwrtigen Zustand der Ruhe und des Friedens an der Erdoberflche
thtig sind, nichts gemein haben. Was das Wasser durch Auswaschung vom
Granit wegfhrt, was die feuchte Luft am harten, nicht verwitterten
Gestein zerstrt, entzieht sich unsern Sinnen fast ganz, und ich kann
nicht glauben, da, wie manche Geologen annehmen, die Gipfel der Alpen und
der Pyrenen niedriger werden, weil die Geschiebe sich in den Grnden am
Fue der Gebirge aufhufen. Im Nil wie im Orinoco knnen die
Stromschnellen einen geringeren Fall bekommen, ohne da die Felsdmme
merkbar anders werden. Die relative Hhe der Flle kann durch die
Anschwemmungen, die sich unterhalb der Stromschnellen bilden, abnehmen.

Wenn auch diese Betrachtungen einiges Licht ber die anziehende
Erscheinung der Katarakten verbreiten, so sind damit die bertriebenen
Beschreibungen der Stromschnellen bei Syene, welche von den Alten(34) auf
uns gekommen, allerdings nicht begreiflich zu machen. Sollten sie aber
nicht vielleicht auf diesen untern Wasserfall bertragen haben, was sie
vom Hrensagen von den obern Fllen des Flusses in Nubien und Dongola
wuten, die zahlreicher und gefhrlicher sind?(35) Syene lag an der Grenze
des rmischen Reichs,(36) fast an der Grenze der bekannten Welt, und im
Raume, wie in den Schpfungen des menschlichen Geistes fangen die
phantastischen Vorstellungen an, wo die klaren Begriffe aufhren.

Die Einwohner von Atures und Maypures werden, was auch die Missionre in
ihren Schriften sagen mgen, vom Tosen der groen Katarakte so wenig taub
als die Catadupen am Nil. Hrt man das Getse auf der Ebene bei der
Mission, eine starke Meile weit, so glaubt man in der Nhe einer felsigten
Meereskste mit starker Brandung zu seyn. Es ist bei Nacht dreimal strker
als bei Tag und gibt dem einsamen Ort unaussprechlichen Reiz. Woher mag
wohl diese Verstrkung des Schalls in einer Einde rhren, wo sonst
nichts. das Schweigen der Natur zu unterbrechen scheint? Die
Geschwindigkeit der Fortpflanzung des Schalls nimmt mit der Abnahme der
Temperatur nicht zu, sondern vielmehr ab. Der Schall wird schwcher, wenn
ein der Richtung desselben entgegengesetzter Wind weht, ferner durch
Verdnnung der Luft; der Schall ist schwcher in hohen Luftregionen als in
tiefen, wo die Zahl der erschtterten Lufttheilchen in jedem Strahl grer
ist. Die Strke desselben ist in trockener und in mit Wasserdunst
vermengter Luft gleich gro, aber in kohlensaurem Gas ist sie geringer als
in Gemengen von Stickstoff und Sauerstoff. Nach diesen Erfahrungsstzen
(und es sind die einzigen einigermaen zuverligen) hlt es schwer, eine
Erscheinung zu erklren, die man bei jedem Wasserfall in Europa
beobachtet, und die lange vor unserer Ankunft im Dorfe Atures Missionren
und Indianern aufgefallen war. Bei Nacht ist die Temperatur der Luft um
drei Grad niedriger als bei Tage; zugleich nimmt die merkbare Feuchtigkeit
bei Nacht zu und der Nebel, der auf den Katarakten liegt, wird dichter.
Wir haben aber eben gesehen, da der hygroscopische Zustand der Luft aus
die Fortpflanzung des Schalls keinen Einflu hat, und da die Abkhlung
der Luft die Geschwindigkeit vermindert.

Man knnte meinen, auch an Orten, wo keine Menschen leben, bringe am Tag
das Sumsen der Insekten, der Gesang der Vgel, das Rauschen des Laubs beim
leisesten Luftzug ein verworrenes Getne hervor, das wir um so weniger
wahrnehmen, da es sich immer gleich bleibt und es fortwhrend zu unserem
Ohre dringt. Dieses Getse, so unmerklich es seyn mag, kann nun allerdings
einen strkeren Schall schwchen, und diese Schwchung kann wegfallen,
wenn in der Stille der Nacht der Gesang der Vgel, das Sumsen der Insekten
und die Wirkung des Windes auf das Laub aufhren. Wre aber diese
Folgerung auch richtig, so findet sie keine Anwendung auf die Wlder am
Orinoco, wo die Luft fortwhrend von zahllosen Moskitoschwrmen erfllt
ist, wo das Gesumse der Insekten bei Nacht weit strker ist als bei Tag,
wo der Wind, wenn er je weht, sich erst, nach Sonnenuntergang aufmacht.

Ich bin vielmehr der Ansicht, da, so lange die Sonne am Himmel steht, der
Schall sich langsamer fortpflanzt und geschwcht wird, weil die Luftstrme
von verschiedener Dichtigkeit, die theilweisen Schwingungen der Atmosphre
in Folge der ungleichen Erwrmung der verschiedenen Bodenstcke,
Hindernisse bilden. In ruhiger Luft, sey sie nun trocken oder mit
gleichfrmig vertheilten Dunstblschen erfllt, pflanzt sich die
Schallwelle ungehindert fort; wird aber die Luft nach allen Richtungen von
kleinen Strmen wrmerer Luft durchzogen, so theilt sich die Welle da, wo
die Dichtigkeit des Mittels rasch wechselt, in zwei Wellen; es bilden sich
lokale Echos, die den Schall schwchen, weil eine der Wellen zurckluft:
es tritt die Theilung der Wellen ein, deren Theorie in jngster Zeit von
POISSON so scharfsinnig entwickelt worden ist. Nach unserer Anschauung
wird daher die Fortpflanzung der Schallwellen nicht dadurch gehemmt, da
durch die Ortsvernderung der im Luftstrome von unten nach oben
aufsteigenden Lufttheilchen, durch die kleinen schiefen Strmungen ein
Sto ausgebt wrde. Ein Sto auf die Oberflche einer Flssigkeit bringt
Kreise um den Mittelpunkt der Erschtterung hervor, selbst wenn die
Flssigkeit in Bewegung ist. Mehrere Arten von Wellen knnen sich im
Wasser wie in der Luft kreuzen, ohne sich in ihrer Fortpflanzung zu
stren; kleine Bewegungen schieben sich bereinander, und die wahre
Ursache der geringeren Strke des Schalls bei Tag scheint der zu seyn, da
das elastische Mittel dann nicht homogen ist. Bei Tag ndert sich die
Dichtigkeit rasch berall, wo kleine Luftzge von hoher Temperatur ber
ungleich erwrmten Bodenstcken aussteigen. Die Schallwellen theilen sich,
wie die Lichtstrahlen sich brechen, und berall, wo Luftschichten von
verschiedener Dichtigkeit sich berhren, tritt *Spiegelung* ein. Der
Schall pflanzt sich langsamer fort, wenn man in einer am einen Ende
geschlossenen Rhre eine Schicht Wasserstoffgas ber eine Schicht
atmosphrischer Luft aufsteigen lt, und BIOT erklrt den Umstand, da
ein Glas mit Champagner nicht hell klingt, so lange er perlt und die
Luftblasen im Wein aufsteigen, sehr gut eben daraus, da die Blschen von
kohlensaurem Gas die Flssigkeit ungleichfrmig machen.

Fr diese Ansichten knnte ich mich fast auf die Autoritt eines
Philosophen berufen, den die Physiker noch immer sehr geringschtzig
behandeln, whrend die ausgezeichnetsten Zoologen seinem Scharfsinn als
Beobachter lngst volle Gerechtigkeit widerfahren lassen. Warum, sagt
ARISTOTELES in seiner merkwrdigen Schrift von den _Problemen_, hrt man
bei Nacht Alles besser als bei Tag? Weil Alles bei Nacht regungsloser ist,
da die Wrme fehlt. Dadurch wird berhaupt Alles ruhiger, denn die Sonne
ist es, die Alles bewegt.(37) Sicher schwebte Aristoteles die wahre
Ursache der Erscheinung als unbestimmte Ahnung vor; er schreibt aber die
Bewegung der Luft dem Sto der kleinsten Theilchen derselben zu, was
vielmehr dem raschen Wechsel der Dichtigkeit in sich berhrenden
Luftschichten zuzuschreiben seyn mchte.

Am 16. April gegen Abend erhielten wir Nachricht, unsere Pirogue sey in
weniger als sechs Stunden ber die Stromschnellen geschafft worden und
liege wohlbehalten in einer Bucht, *Puerto de ariba*, *der obere Hafen*,
genannt. Eure Pirogue wird nicht in Stcken gehen, weil ihr kein
Kaufmannsgut fhrt und der Mnch aus den Raudales mit euch reist, so
hatte im Lager von Pararuma ein kleiner brauner Mann, in dem wir an der
Mundart den Catalonier erkannten, boshaft gegen uns geuert. Es war ein
Schildkrtenlhndler, der mit den Indianern in den Missionen in Verkehr
und eben kein Freund der Missionare war. Die Fahrzeuge, die leicht
zerbrechen, fuhr er fort, sind die der *Catalonier*, die mit einem
Licenzschein vom Statthalter von Guyana, nicht aber mit der Genehmigung
des Prsidenten der Missionen jenseits Atures und Maypures Handel treiben
wollen. Man lt unsere Piroguen in den Raudales, die der Schlssel sind
zu den Missionen am obern Orinoco, am Cassiquiare und Rio Negro, zu
Schanden gehen; man schafft uns dann durch die Indianer in Atures nach
Carichana zurck und zwingt uns unsere Handelsspeculationen aufzugeben.
Als unpartheiischer Geschichtschreiber der von mir bereisten Lnder kann
ich einer solchen, wohl etwas leichtfertig ausgesprochenen Meinung nicht
beitreten. Der gegenwrtige Missionar bei den Raudales ist nicht der Mann,
die Plackereien, ber welche die catalonischen Krmer klagen, sich zu
Schulden kommen zu lassen; man fragt sich aber, wehalb das Regiment in
den Missionen sogar in den spanischen Colonien so grndlich verhat ist?
Verlumdete man nur reiche Leute, so waren die Missionare am obern Orinoco
vor dergleichen boshaften Angriffen sicher. Sie besitzen kein Pferd, keine
Ziege, kaum eine Kuh, whrend ihre Ordensbrder, die Kapuziner in den
Missionen am Carony, Heerden von 40000 Stcken besitzen. Der Groll der
arbeitenden Classen unter den Colonisten gilt also nicht dem Wohlstand der
Observanten, sondern ihrem Prohibitivsystem, ihren beharrlichen
Bemhungen, ihr Gebiet gegen die Weien abzusperren, den Hindernissen, die
sie dem Austausch der Produkte in den Weg legen. Aller Orten emprt sich
das Volk gegen Monopole, nicht allein wenn sie auf den Handel und die
materiellen Lebensbedrfnisse Einflu uern, sondern auch wenn sich ein
Stand oder eine Schichte der Gesellschaft das Recht anmat, allein die
Jugend zu erziehen oder die Wilden in der Zucht zu halten, um nicht zu
sagen zu civilisiren.

Man zeigte uns in der kleinen Kirche von Atures einige Ueberbleibsel vom
einstigen Wohlstand der Jesuiten. Eine silberne Lampe von ansehnlichem
Gewicht lag, halb im Sand begraben, am Boden. Ein Gegenstand der Art wrde
allerdings nirgends die Habsucht des Wilden reizen; ich mu aber hier zur
Ehre der Eingeborenen am Orinoco erwhnen, da sie keine Diebe sind, wie
die lange nicht so rohen Bewohner der Sdseeinseln. Jene haben groe
Achtung vor dem Eigenthum; sie suchen nicht einmal Ewaaren, Fischangeln
und Aexte zu entwenden. In Maypures und Atures wei man nichts von
Schlssern an den Thren; sie werden eingefhrt werden, sobald Weie und
Mischlinge sich in den Missionen niederlassen.

Die Indianer in Atures sind gutmthig, leidenschaftslos, Dank ihrer
Trgheit an die grten Entbehrungen gewhnt Die Jesuiten frher trieben
sie zur Arbeit an, und da fehlte es ihnen nie an Lebensunterhalt. Die
Patres bauten Mais, Bohnen und andere europische Gemse; sie pflanzten um
das Dorf her sogar se Orangen und Tamarinden, sie besaen in den
Grasfluren von Atures und Carichana zwanzig bis dreiigtausend Pferde und
Stcke Rindvieh. Sie hielten fr die Heerden eine Menge Sklaven und
Knechte (_peones_). Gegenwrtig wird nichts gebaut als etwas Manioc und
Bananen. Und doch ist der Boden so fruchtbar, da ich in Atures an einem
einzigen Pisangbschel 108 Frchte zhlte, deren 4--5 fast zur tglichen
Nahrung eines Menschen hinreichen. Der Maisbau wird gnzlich
vernachligt, Rosse und Khe sind verschwunden. Ein Uferstrich am Raudal
heit noch *Passo del ganado* (Viehfurth), whrend die Nachkommen der
Indianer, mit denen die Jesuiten die Mission gegrndet, vom Hornvieh wie
von einer ausgestorbenen Thiergattung sprechen. Auf unserer Fahrt den
Orinoco hinauf San Carlos am Rio Negro zu sahen wir in Carichana die
letzte Kuh. Die Patres Observanten, welche gegenwrtig diese weiten
Landstriche unter sich haben, kamen nicht unmittelbar auf die Jesuiten.
Whrend eines achtzehnjhrigen Interregnums wurden die Missionen nur von
Zeit zu Zeit besucht, und zwar von Kapuzinern. Unter dem Namen kniglicher
Commissre verwalteten weltliche Regierungsbeamte die _Hatos_ oder Hfe
der Jesuiten, aber schndlich liederlich. Man stach das Vieh, um die Hute
zu verkaufen, viele jngere Thiere wurden von den Tigern gefressen, noch
viel mehr gingen an den Bissen der Fledermuse zu Grunde, die an den
Katarakten kleiner sind, aber kecker als in den Llanos. Zur Zeit der
Grenzexpedition wurden Pferde von Encaramada, Carichana und Atures bis San
Jose de Maravitanos am Rio Negro ausgefhrt, weil die Portugiesen dort
Pferde, und noch dazu geringe, nur aus weiter Ferne auf dem Amazonenstrom
und dem Gran-Para beziehen konnten. Seit dem Jahr 1795 ist das Vieh der
Jesuiten gnzlich verschwunden; als einziges Wahrzeichen des frheren
Anbaus dieser Lnder und der wirthschaftlichen Thtigkeit der ersten
Missionare sieht man in den Savanen hie und da mitten unter wilden Bumen
einen Orangen- oder Tamarindenstamm.

Die Tiger oder Jaguars, die den Heerden weniger gefhrlich sind als die
Fledermuse, kommen sogar ins Dorf herein und fressen den armen Indianern
die Schweine. Der Missionr erzhlte uns ein auffallendes Beispiel von der
Zuthulichkeit dieser sonst so wilden Thiere. Einige Monate vor unserer
Ankunft hatte ein Jaguar, den man fr ein junges Thier hielt, obgleich er
gro war, ein Kind verwundet, mit dem er spielte; der Ausdruck mag
sonderbar scheinen, aber ich brauche ihn ohne Bedenken, da ich an Ort und
Stelle Thatsachen kennen lernen konnte, die fr die Sittengeschichte der
Thiere nicht ohne Bedeutung sind. Zwei indianische Kinder von acht bis
neun Jahren, ein Knabe und ein Mdchen, saen bei Atures mitten in einer
Savane, ber die wir oft gegangen, im Gras. Es war zwei Uhr Nachmittags,
da kommt ein Jaguar aus dem Wald und auf die Kinder zu, die er springend
umkreist; bald versteckt er sich im hohen Gras, bald macht er mit
gekrmmtem Rcken und gesenktem Kopf einen Sprung, gerade wie unsere
Katzen. Der kleine Junge ahnt nicht, in welcher Gefahr er schwebt, und
wird sie erst inne, als der Jaguar ihn mit der Tatze auf den Kopf schlgt.
Erst schlgt er sachte, dann immer strker; die Krallen verwunden das Kind
und es blutet stark. Da nimmt das kleine Mdchen einen Baumzweig, schlgt
das Thier, und dieses luft vor ihr davon. Auf das Schreien der Kinder
kommen die Indianer herbeigelaufen und sehen den Jaguar, der sichtbar an
keine Gegenwehr dachte, in Sprngen sich davon machen.

Man fhrte uns den Jungen vor, der lebendig und gescheit aussah. Die
Kralle des Jaguars hatte ihm unten ander Stirne die Haut abgestreift, und
eine zweite Narbe hatte er oben auf dem Kopf. Woher nun auf einmal diese
muntere Laune bei einem Thiere, das in unsern Menagerien nicht schwer zu
zhmen, aber im Stand der Freiheit immer wild und grausam ist? Nimmt man
auch an, der Jaguar habe, sicher seiner Beute, mit dem kleinen Indianer
gespielt, wie unsere Katzen mit Vgeln mit beschnittenen Flgeln spielen,
wie soll man es sich erklren, da ein groer Jaguar so duldsam ist, da
er vor einem kleinen Mdchen davonluft? Trieb den Jaguar der Hunger nicht
her, warum kam er auf die Kinder zu? In der Zuneigung und im Ha der
Thiere ist manches Geheimnivolle. Wir haben gesehen, wie Lwen drei, vier
Hunde, die man in ihren Kfigt setzte, umbrachten und einen fnften, der
weniger furchtsam den Knig der Thiere an der Mhne packte, vom ersten
Augenblick an liebkoste. Das sind eben Aeuerungen jenes Instinkts, der
dem Menschen ein Rthsel ist. Es ist als ob der Schwache desto mehr fr
sich einnhme, je zutraulicher er ist.

Eben war von zahmen Schweinen die Rede, die von den Jaguars angefallen
werden. Auer den gemeinen Schweinen von europischer Race gibt es in
diesen Lndern verschiedene Arten von Pecaris mit Drsen an den Leisten,
von denen nur zwei den europischen Zoologen bekannt sind. Die Indianer
nennen den kleinen Pecari (_Dicoteles torquatus_) auf Maypurisch
_Chacharo_; _Apida_ aber heit bei ihnen ein Schwein, das keinen Beutel
haben soll und grer, schwarzbraun und am Unterkiefer und den Bauch
entlang wei ist. Der Chacharo, den man im Hause aufzieht, wird so zahm
wie unsere Schafe und Rehe. Sein sanftes Wesen erinnert an die anatomisch
nachgewiesene interessante Aehnlichkeit zwischen dem Bau der Pecaris und
dem der Wiederkuer. Der Apida, der ein Hausthier wird wie unsere
Schweine, zieht in Rudeln von mehreren hundert Stcken. Man hrt es schon
von weitem, wenn solche Rudel herbeikommen, nicht nur an den dumpfen,
rauhen Lauten, die sie von sich geben, sondern noch mehr, weil sie
ungestm das Gebsch auf ihrem Wege zerknicken. Bonpland rief einmal beim
Botanisiren sein indianischer Fhrer zu, er solle sich hinter einen Baum
verstecken, und da sah er denn diese Pecaris (_cochinos_ oder _puercos del
monte_) ganz nahe an sich vorberkommen. Der Rudel zog in dicht gedrngten
Reihen, die mnnlichen Thiere voran, jedes Mutterschwein mit seinen Jungen
hinter sich. Die Chacharos haben ein weichliches, nicht sehr angenehmes
Fleisch; sie werden brigens von den Indianern stark gegessen, die sie mit
kleinen an Stricke gebundenen Spieen erlegen. Man versicherte uns in
Atures, der Tiger frchte sich im Walde unter einen solchen Rudel von
Wildschweinen zu gerathen, und suche sich, um nicht erdrckt zu werden,
auf einen Baum zu flchten. Ist das nun eine Jgergeschichte oder eine
wirkliche Beobachtung? Wir werden bald sehen, da in manchen Lndern von
Amerika die Jger an die Existenz eines _'Javali'_ oder einheimischen
Ebers mit nach auen gekrmmten Hauern(38) glauben. Ich habe nie einen
gesehen, die amerikanischen Missionre fhren ihn aber in ihren Schriften
auf, und diese von unsern Zoologen zu wenig beachtete Quelle enthlt neben
den plumpsten Uebertreibungen sehr interessante lokale Beobachtungen.

Unter den Affen, die wir in der Mission Atures zu sehen bekamen, fanden
wir eine neue Art aus der Sippe der *Sas* oder *Sajous*, von den
Hispano-Amerikanern gewhnlich _'Machis'_ genannt. Es ist die der
*Ouavapavi* [_Simia albifrons_, HUMBOLDT.] mit grauem Pelz und blulichem
Gesicht. Augenrnder und Stirne sind schneewei, und dadurch unterscheidet
er sich auf den ersten Blick von der _Simia capucina_, der _Simia apella_,
_Simia trepida_ und den andern Winselaffen, in deren Beschreibung bis
jetzt so groe Verwirrung herrscht. Das kleine Thier ist so sanftmthig
als hlich. Jeden Tag sprang es im Hofe der Mission auf ein Schwein und
blieb auf demselben von Morgen bis Abend sitzen, whrend es auf den
Grasfluren umherlief. Wir sahen es auch auf dem Rcken einer groen Katze,
die mit ihm im Hause des Pater Zea aufgezogen worden war.

In den Katarakten hrten wir auch zum erstenmal von dem behaarten
Waldmenschen, dem sogenannten *Salvaje* sprechen, der Weiber entfhrt,
Htten baut und zuweilen Menschenfleisch frit. Die Tamanacas nennen ihn
_Achi_, die Maypures _Vasitri_ oder den groen Teufel. Die Eingeborenen
und die Missionre zweifeln nicht an der Existenz dieses menschenhnlichen
Affen, vor dem sie sich sehr frchten. Pater GILI erzhlt in vollem Ernst
eine Geschichte von einer Dame aus der Stadt San Carlos, welche dem
Waldmenschen wegen seiner Gutmthigkeit und Zuvorkommenheit das beste
Zeugni gab. Sie lebte mehrere Jahre sehr gut mit ihm und lie sich von
Jgern nur dehalb wieder in den Schoo ihrer Familie bringen, weil sie,
nebst ihren Kindern (die auch etwas behaart waren), der Kirche und der
heiligen Sacramente nicht langer entbehren mochte. Bei aller
Leichtglubigkeit gesteht dieser Schriftsteller, er habe keinen Indianer
auftreiben knnen, der ausdrcklich gesagt htte, er habe den *Salvaje*
mit eigenen Augen gesehen. Dieses Mhrchen, das ohne Zweifel von den
Missionren, den spanischen Colonisten und den Negern aus Afrika mit
verschiedenen Zgen aus der Sittengeschichte des Orangoutang, Gibbon, Joko
oder Chimpanse und Pongo ausstaffirt worden ist, hat uns fnf Jahre lang
in der nrdlichen wie in der sdlichen Halbkugel verfolgt, und berall,
selbst in den gebildetsten Kreisen, nahm man es bel, da wir allein uns
herausnahmen, daran zu zweifeln, da es in Amerika einen groen
menschenhnlichen Affen gebe. Wir bemerken zunchst, da in gewissen
Gegenden dieser Glaube besonders stark unter dem Volk verbreitet ist, so
namentlich am obern Orinoco, im Thale Upar beim See Maracaybo, in den
Bergen von Santa Martha und Merida, im Distrikt von Quixos und am.
Amazonenstrom bei Tomependa. An allen diesen, soweit auseinander gelegenen
Orten kann man hren, den Salvaje erkenne man leicht an seinen Fustapfen,
denn die Zehen seyen nach hinten gekehrt. Gibt es aber auf dem neuen
Continent einen Affen von ansehnlicher Gre, wie kommt es, da sich seit
dreihundert Jahren kein glaubwrdiger Mann das Fell desselben hat
verschaffen knnen? Was zu einem so alten Irrthum oder Glauben Anla
gegeben haben mag, darber lassen sich mehrere Vermuthungen aufstellen.
Sollte der vielberufene Kapuzineraffe von Esmeralda [_Simia chiropotes_],
dessen Hundszhne ber sechs und eine halbe Linie lang sind, der ein viel
menschenhnlicheres Gesicht hat als der Orangoutang,(39) der sich den Bart
mit der Hand streicht, wenn man ihn reizt, das Mhrchen vom Salvaje
veranlat haben? Allerdings ist er nicht so gro als der Coata (_Simia
paniscus_); wenn man ihn aber oben auf einem Baum und nur den Kopf von ihm
sieht, knnte man ihn leicht fr ein menschliches Wesen halten. Es wre
auch mglich (und die scheint mir das wahrscheinlichste), da der
Waldmensch einer der groen Bren ist, deren Fuspur der menschlichen
hnlich ist und von denen man in allen Lndern glaubt, da sie Weiber
anfallen. Das Thier, das zu meiner Zeit am Fu der Berge von Merida
geschossen und als ein *Salvaje* dem Obristen Ungaro, Statthalter der
Provinz Varinas, geschickt wurde, war auch wirklich nichts als ein Br mit
schwarzem, glnzendem Pelz. Unser Reisegefhrte Don Nicolas Sotto hat
denselben nher untersucht. Die seltsame Vorstellung von einem
Sohlengnger, bei dem die Zehen so stehen, als ob er rckwrts ginge,
sollte sie etwa daher rhren, da die wahren wilden Waldmenschen, die
schwchsten, furchtsamsten Indianerstmme, den Brauch haben, wenn sie in
den Wald oder ber einen Uferstrich ziehen, ihre Feinde dadurch irre zu
machen, da sie ihre Fustapfen mit Sand bedecken oder rckwrts gehen?

Ich habe angegeben, wehalb zu bezweifeln ist, da es eine unbekannte
groe Affenart auf einem Continente gibt, wo gar keine Vierhnder aus der
Familie der Orangs, Cynocephali, Mandrils und Pongos vorzukommen scheinen.
Es ist aber nicht zu vergessen, da jeder, auch der abgeschmackteste
Volksglaube auf wirklichen, nur unrichtig aufgefaten Naturverhltnissen
beruht. Wendet man sich von dergleichen Dingen mit Geringschtzung ab, so
kann man, in der Physik wie in der Physiologie, leicht die Fhrte einer
Entdeckung verlieren. Wir erklren daher auch keineswegs mit einem
spanischen Schriftsteller das Mhrchen vom Waldmenschen fr eine pfiffige
Erfindung der indianischen Weiber, die entfhrt worden seyn wollen, wenn
sie hinter ihren Mnnern lange ausgeblieben sind; vielmehr fordern wir die
Reisenden, die nach uns an den Orinoco kommen, auf, unsere Untersuchungen
hinsichtlich des Salvaje oder groen Waldteufels wieder aufzunehmen und zu
ermitteln, ob eine unbekannte Brenart oder ein sehr seltener, der _Simia
chiropotes_ oder _Simia Satanas_ hnlicher Affe so seltsame Mhrchen
veranlat haben mag.

Nach zweitgigem Aufenthalt am Katarakt von Atures waren wir sehr froh,
unsere Pirogue wieder laden und einen Ort verlassen zu knnen, wo der
Thermometer bei Tage meist auf 29, bei Nacht auf 26 Grad stand. Nach der
Hitze, die uns drckte, kam uns die Temperatur noch weit hher vor. Wenn
die Angabe des Instruments und die Empfindung so wenig bereinstimmten, so
rhrte die vom bestndigen Hautreiz durch die Moskitos her. Eine von
giftigen Insekten wimmelnde Luft kommt einem immer weit heier vor, als
sie wirklich ist. Das Saussuresche Hygrometer -- im Schatten beobachtet,
wie immer -- zeigte bei Tag, im Minimum (um drei Uhr Nachmittags), 782;
bei Nacht, im Maximum, 815. Diese Feuchtigkeit ist um 5 Grad geringer als
die mittlere Feuchtigkeit an der Kste von Cumana, aber um 10 Grad strker
als die mittlere Feuchtigkeit in den Llanos oder baumlosen Ebenen. Die
Wasserflle und die dichten Wlder steigern die Menge des in der Luft
enthaltenen Wasserdampfes. Den Tag ber wurden wir von den Moskitos und
den *Jejen*, kleinen giftigen Mcken aus der Gattung _Simulium_ furchtbar
geplagt, bei Nacht von den *Zancudos*, einer groen Schnakenart, vor denen
sich selbst die Eingeborenen frchten. Unsere Hnde fingen an stark zu
schwellen und die Geschwulst nahm tglich zu, bis wir an die Ufer des Temi
kamen. Die Mittel, durch die man die kleinen Thiere los zu werden sucht,
sind sehr merkwrdig. Der gute Missionar Bernardo Zea, der sein Leben
unter den Qualen der Moskitos zubringt, hatte sich neben der Kirche auf
einem Gerste von Palmstmmen ein kleines Zimmer gebaut, in dem man freier
athmete. Abends stiegen wir mit einer Leiter in dasselbe hinauf, um unsere
Pflanzen zu trocknen und unser Tagebuch zu schreiben. Der Missionr hatte
die richtige Beobachtung gemacht, da die Insekten in der tiefsten
Luftschicht am Boden, 15--20 Fu hoch, am hufigsten sind. In Maypures
gehen die Indianer bei Nacht aus dem Dorf und schlafen auf kleinen Inseln
mitten in den Wasserfllen. Sie finden dort einige Ruhe, da die Moskitos
eine mit Wasserdunst beladene Luft zu fliehen scheinen. Ueberall fanden
wir ihrer mitten im Strom weniger als an den Seiten; man hat daher auch
weniger zu leiden, wenn man den Orinoco hinab, als wenn man aufwrts
fhrt.

Wer die groen Strme des tropischen Amerika, wie den Orinoco oder den
Magdalenenflu nicht befahren hat, kann nicht begreifen, wie man ohne
Unterla, jeden Augenblick im Leben von den Insekten, die in der Luft
schweben, gepeinigt werden, wie die Unzahl dieser kleinen Thiere weite
Landstrecken fast unbewohnbar machen kann. So sehr man auch gewhnt seyn
mag, den Schmerz ohne Klage zu ertragen, so lebhaft einen auch der
Gegenstand, den man eben beobachtet, beschftigen mag, unvermeidlich wird
man immer wieder davon abgezogen, wenn *Moskitos*, *Zancudos*, *Jejen* und
*Tempraneros* einem Hnde und Gesicht bedecken, einen mit ihrem
Saugrssel, der in einen Stachel ausluft, durch die Kleider durch
stechen, und in Nase und Mund kriechen, so da man husten und nieen mu,
sobald man in freier Luft spricht. In den Missionen am Orinoco, in diesen
von unermelichen Wldern umgebenen Drfern am Stromufer, ist aber auch
die _plaga de los moscos_ ein unerschpflicher Stoff der Unterhaltung.
Begegnen sich Morgens zwei Leute, so sind ihre ersten Fragen: _Que le han
parecido los zancudos de noche?_ Wie haben Sie die Zancudos heute Nacht
gefunden? -- _Como stamos hoy de mosquitos?_ Wie steht es heute mit den
Moskitos? Diese Fragen erinnern an eine chinesische Hflichkeitsformel,
die auf den ehemaligen wilden Zustand des Landes, in dem sie entstanden
seyn mag, zurckweist. Man begrte sich frher im himmlischen Reich mit
den Worten: _Vou-to-hou?_ seyd ihr diese Nacht von Schlangen beunruhigt
worden? Wir werden bald sehen, da am Tuamini, auf dem Magdalenenstrom,
besonders aber in Choco, im Gold- und Platinaland, neben dem
Moskitoscompliment auch das chinesische Schlangencompliment am Platze
wre.

Es ist hier der Ort, von der *geographischen Vertheilung* dieser Insekten
aus der Familie der *Tipu1ae* zu sprechen, die ganz merkwrdige
Erscheinungen darbietet. Dieselbe scheint keineswegs blo von der Hitze,
der groen Feuchtigkeit und den dichten Wldern abzuhngen, sondern auch
von schwer zu ermittelnden rtlichen Verhltnissen. Vorab ist zu bemerken,
da die Plage der Moskitos und Zancudos in der heien Zone nicht so
allgemein ist, als man gemeiniglich glaubt. Auf Hochebenen mehr als 400
Toisen ber dem Meeresspiegel; in sehr trockenen Niederungen weit von den
groen Strmen, z. B. in Cumana und Calabozo, gibt es nicht auffallend
mehr Schnaken als in dem am strksten bevlkerten Theile Europas. In Nueva
Barcelona dagegen und weiter westwrts an der Kste, die gegen Cap Codera
luft, nehmen sie ungeheuer zu. Zwischen dem kleinen Hafen von Higuerote
und der Mndung des Rio Unare haben die unglcklichen Einwohner den
Brauch, sich bei Nacht auf die Erde zu legen und sich drei, vier Zoll tief
in den Sand zu begraben, so da nur der Kopf frei bleibt, den sie mit
einem Tuch bedecken. Man leidet vom Insektenstich, doch so, da es leicht
zu ertragen ist, wenn man den Orinoco von Cabruta gegen Angostura hinunter
und von Cabruta gegen Uruana hinauffhrt, zwischen dem siebenten und
achten Grad der Breite. Aber ber dem Einflu des Rio Arauca, wenn man
durch den Engpa beim Baraguan kommt, wird es auf einmal anders, und von
nun an findet der Reisende keine Ruhe mehr. Hat er poetische Stellen aus
DANTE im Kopfe, so mag ihm zu Muthe seyn, als htte er die _'Citt
dolente'_ betreten, als stnden an den Felswnden beim Baraguan die
merkwrdigen Verse aus dem dritten Buch der Hlle geschrieben:

_ Noi sem venuti al luogo, ov'i't'ho detto _
_ Che tu vedrai le genti dolorose. _
[_Inferno_. C. III. 16.]

Die tiefen Luftschichten vom Boden bis zu 15--20 Fu Hhe sind mit
giftigen Insekten wie mit einem dichten Dunste angefllt. Stellt man sich
an einen dunkeln Ort, z. B. in die Hhlen, die in den Katarakten durch die
aufgethrmten Granitblcke gebildet werden, und blickt man gegen die von
der Sonne beleuchtete Oeffnung, so sieht man Wolken von Moskitos, die mehr
oder weniger dicht werden, je nachdem die Thierchen bei ihren langsamen
und taktmigen Bewegungen sich zusammen- oder auseinanderziehen. In der
Mission San Borja hat man schon mehr von den Moskitos zu leiden als in
Carichana; aber in den Raudales, in Atures, besonders aber in Maypures
erreicht die Plage so zu sagen ihr Maximum. Ich zweifle, da es ein Land
auf Erden gibt, wo der Mensch grausamere Qualen zu erdulden hat als hier
in der Regenzeit. Kommt man ber den fnften Breitegrad hinaus, wird man
etwas weniger zerstochen, aber am obern Orinoco sind die Stiche
schmerzlicher, weil bei der Hitze und der vlligen Windstille die Luft
glhender ist und die Haut, wo sie dieselbe berhrt, mehr reizt.

Wie gut mu im Mond wohnen seyn! sagte ein Saliva-Indianer zu Pater
Gumilla. Er ist so schn und hell, da es dort gewi keine Moskitos
gibt. Diese Worte, die dem Kindesalter eines Volkes angehren, sind sehr
merkwrdig. Ueberall ist der Trabant der Erde fr den wilden Amerikaner
der Wohnplatz der Seligen, das Land des Ueberflusses. Der Eskimo, fr den
eine Planke, ein Baumstamm, den die Strmung an eine pflanzenlose Kste
geworfen, ein Schatz ist, sieht im Monde waldbedeckte Ebenen; der Indianer
in den Wldern am Orinoco sieht darin kahle Savanen, deren Bewohner nie
von Moskitos gestochen werden.

Weiterhin gegen Sd, wo das System der braungelben Gewsser beginnt,
gemeinhin _'schwarze Wasser'_, _aguas __ negras_ genannt, an den Ufern des
Atabapo, Temi, Tuamini und des Rio Negro genossen wir einer Ruhe, ich
htte bald gesagt eines Glcks, wie wir es gar nicht erwartet hatten.
Diese Flsse laufen, wie der Orinoco, durch dichte Wlder; aber die
Schnaken wie die Krokodile halten sich von den _'schwarzen Wassern'_
ferne. Kommen vielleicht die Larven und Nymphen der Tipul und Schnaken,
die man als eigentliche Wasserthiere betrachten kann, in diesen Gewssern,
die ein wenig khler sind als die weien und sich chemisch anders
verhalten, nicht so gut fort? Einige kleine Flsse, deren Wasser entweder
dunkelblau oder braungelb ist, der Toparo, Mataveni und Zama, machen eine
Ausnahme von der sonst ziemlich allgemeinen Regel, da es ber _'schwarzem
Wasser'_ keine Moskitos gibt. An jenen drei Flssen wimmelt es davon, und
selbst die Indianer machten uns auf die rthselhafte Erscheinung
aufmerksam und lieen uns ber deren Ursachen nachdenken. Beim Herabfahren
auf dem Rio Negro athmeten wir frei in den Drfern Maroa, Davipe und San
Carlos an der brasilianischen Grenze; allein diese Erleichterung unserer
Lage war von kurzer Dauer und unsere Leiden begannen von neuem, sobald wir
in den Cassiquiare kamen. In Esmeralda, am stlichen Ende des obern
Orinoco, wo die den Spaniern bekannte Welt ein Ende hat, sind die
Moskitowolken fast so dick wie bei den groen Katarakten. In Mandavaca
fanden wir einen alten Missionr, der mit jammervoller Miene gegen uns
uerte: *er habe seine zwanzig Moskitojahre auf dem Rcken* (_ya tengo
mis vento anos de mosquitos_). Er forderte uns auf, seine Beine genau zu
betrachten, damit wir eines Tags _'por alla'_ (ber dem Meer) davon zu
sagen wten, was die armen Missionre in den Wldern am Cassiquiare
auszustehen haben. Da jeder Stich einen kleinen schwarzbraunen Punkt
zurcklt, waren seine Beine dergestalt gefleckt, da man vor Flecken
geronnenen Blutes kaum die weie Haut sah. Auf dem Cassiquiare, der
*weies Wasser* hat, wimmelt es von Mcken aus der Gattung _Simulium_,
aber die *Zancudos*, der Gattung _Culex_ angehrig, sind desto seltener;
man sieht fast keine, whrend auf den Flssen mit schwarzem Wasser meist
einige *Zancudos*, aber keine *Moskitos* vorkommen. Wir haben schon oben
bemerkt, da wenn bei den kleinen Revolutionen im Schooe des Ordens der
Observanten der Pater Gardian sich an einem Laienbruder rchen will, er
ihn nach Esmeralda schickt; er wird damit verbannt, oder, wie der muntere
Ausdruck der Ordensleute lautet, *zu den Moskitos verurtheilt*.

Ich habe hier nach meinen eigenen Beobachtungen gezeigt, da in diesem
Labyrinth weier und schwarzer Wasser die geographische Vertheilung der
giftigen Insekten eine sehr ungleichfrmige ist. Es wre zu wnschen, da
ein tchtiger Entomolog an Ort und Stelle die specifischen Unterschiede
dieser bsartigen Insekten, die trotz ihrer Kleinheit in der heien Zone
eine bedeutende Rolle im Haushalt der Natur spielen, beobachten knnte.
Sehr merkwrdig schien uns der Umstand, der auch allen Missionren wohl
bekannt ist, da die verschiedenen Arten nicht unter einander fliegen, und
da man zu verschiedenen Tagesstunden immer wieder von andern Arten
gestochen wird. So oft die Scene wechselt, und ehe, nach dem naiven
Ausdruck der Missionre, andere Insekten auf die Wache ziehen, hat man
ein paar Minuten, oft eine Viertelstunde Ruhe. Nach dem Abzug der einen
Insekten sind die Nachfolger nicht sogleich in gleicher Menge zur Stelle.
Von sechs ein halb Uhr Morgens bis fnf Uhr Abends wimmelt die Luft von
Moskitos, die nicht, wie in manchen Reisebeschreibungen zu lesen ist,
unsern Schnaken,(40) sondern vielmehr einer kleinen Mcke gleichen. Es
sind die Arten der Gattung _Simulium_ aus der Familie der Nemoceren nach
LATREILLEs System. Ihr Stich hinterlt einen kleinen braunrothen Punkt,
weil da, wo der Rssel die Haut durchbohrt hat, Blut ausgetreten und
geronnen ist. Eine Stunde vor Sonnenuntergang werden die Moskitos von
einer kleinen Schnakenart abgelst, _'Tempraneros'_(41) genannt, weil sie
sich auch bei Sonnenaufgang zeigen; sie bleiben kaum anderhalb Stunden und
verschwinden zwischen sechs und sieben Uhr Abends, oder, wie man hier
sagt, nach dem *Angelus* (_a la oration_). Nach einigen Minuten Ruhe fhlt
man die Stiche der *Zancudos*, einer andern Schnakenart (_Culex_) mit sehr
langen Fen. Der Zancudo, dessen Rssel eine stechende Saugrhre enthlt,
verursacht die heftigsten Schmerzen und die Geschwulst, die dem Stiche
folgt, hlt mehrere Wochen an; sein Sumsen gleicht dem unserer
europischen Schnaken, nur ist es strker und anhaltender. Die Indianer
wollen *Zancudos* und *Tempraneros* am Gesang unterscheiden knnen;
letztere sind wahre Dmmerungsinsekten, whrend die Zancudos meist
*Nachtinsekten* sind und mit Sonnenaufgang verschwinden.

Auf der Reise von Carthagena nach Santa Fe de Bogota machten wir die
Beobachtung, da zwischen Mompox und Honda im Thal des groen
Magdalenenflusses die Zancudos zwischen acht Uhr Abends und Mitternacht
die Luft verfinstern, gegen Mitternacht abnehmen, sich drei, vier Stunden
lang verkriechen und endlich gegen vier Uhr Morgens in Menge und voll
Heihunger wieder erscheinen. Welches ist die Ursache dieses Wechsels von
Bewegung und Ruhe? Werden die Thiere vom langen Fliegen mde? Am Orinoco
sieht man bei Tag sehr selten wahre Schnaken, whrend man auf dem
Magdalenenstrom Tag und Nacht von ihnen gestochen wird, nur nicht von
Mittag bis zwei Uhr. Ohne Zweifel sind die Zancudos beider Flsse
verschiedene Arten; werden etwa die zusammengesetzten Augen der einen Art
vom starken Sonnenlicht mehr angegriffen als die der andern?

Wir haben gesehen, da die tropischen Insekten in den Zeitpunkten ihres
Auftretens und Verschwindens berall einen gewissen Typus befolgen. In
derselben Jahreszeit und unter derselben Breite erhlt die Luft zu
bestimmten, nie wechselnden Stunden immer wieder eine andere Bevlkerung;
und in einem Erdstrich, wo der Barometer zu einer Uhr wird,(42) wo Alles
mit so bewundernswrdiger Regelmigkeit auf einander folgt, knnte man
beinahe am Sumsen der Insekten und an den Stichen, die je nach der Art des
Giftes, das jedes Insekt in der Wunde zurcklt, wieder anders schmerzen,
Tag und Nacht mit verbundenen Augen errathen, welche Zeit es ist.

Zur Zeit, da die Thier- und Pflanzengeographie noch keine Wissenschaft
war, warf man hufig verwandte Arten aus verschiedenen Himmelsstrichen
zusammen. In Japan, auf dem Rcken der Anden und an der Magellanschen
Meerenge glaubte man die Fichten und die Ranunkeln, die Hirsche, Ratten
und Schnaken des nrdlichen Europa wieder zu finden. Hochverdiente,
berhmte Naturforscher glaubten, der Maringouin der heien Zone sey die
Schnake unserer Smpfe, nur krftiger, gefriger, schdlicher in Folge
des heien Klimas; die ist aber ein groer Irrthum. Ich habe die
Zancudos, von denen man am rgsten geqult wird, an Ort und Stelle
sorgfltig untersucht und beschrieben. Im Magdalenenflu und im Guayaquil
gibt es allein fnf ganz verschiedene Arten.

Die *Culex*arten in Sdamerika sind meist geflgelt, Bruststck und Fe
sind blau, geringelt, mit metallisch glnzenden Flecken und daher
schillernd. Hier, wie in Europa, sind die Mnnchen, die sich durch ihre
gefiederten Fhlhrner auszeichnen, sehr selten; man wird fast immer nur
von Weibchen gestochen. Aus dem groen Uebergewicht dieses Geschlechts
erklrt sich die ungeheure Vermehrung der Art, da jedes Weibchen mehrere
hundert Eier legt. Fhrt man einen der groen amerikanischen Strme
hinauf, so bemerkt man, da sich aus dem Auftreten einer neuen Culexart
schlieen lt, da bald wieder ein Nebenflu hereinkommt. Ich fhre ein
Beispiel dieser merkwrdigen Erscheinung an. Den _Culex lineatus_ dessen
Heimath der Cao Tamalameque ist, trifft man im Thal des Magdalenenstroms
nur bis auf eine Meile nrdlich vom Zusammenflu der beiden Gewsser an;
derselbe geht den groen Strom hinauf, aber nicht hinab; in hnlicher
Weise verkndigt in einem Hauptgang das Auftreten einer neuen Substanz in
der Gangmasse dem Bergmann die Nhe eines secundren Ganges, der sich mit
jenem verbindet.

Fassen wir die hier mitgetheilten Beobachtungen zusammen, so sehen wir,
da unter den Tropen die Moskitos und Maringouins am Abhang der
Cordilleren(43) nicht in die gemigte Region hinausgehen, wo die mittlere
Temperatur weniger als 19--20 Grad betrgt;(44) da sie mit wenigen
Ausnahmen die *schwarzen Gewsser* und trockene, baumlose Landstriche
meiden. Am obern Orinoco finden sie sich weit massenhafter als am untern,
weil dort der Strom an seinen Ufern dicht bewaldet ist und kein weiter
kahler Uferstrich zwischen dem Flu und dem Waldsaum liegt. Mit dem
Seichterwerden der Gewsser und der Ausrodung der Wlder nehmen die
Moskitos auf dem neuen Continent ab; aber alle diese Momente sind in ihren
Wirkungen so langsam als die Fortschritte des Anbaus. Die Stdte
Angostura, Nueva Barcelona und Mompox, wo schlechte Polizei auf den
Straen, den Pltzen und in den Hfen der Huser das Buschwerk wuchern
lt, sind wegen der Menge ihrer Zancudos in trauriger Weise vielberufen.

Alle im Lande Geborenen, Weie, Mulatten, Neger, Indianer, haben vom
Insektenstich zu leiden; wie aber der Norden Europas trotz des Frostes
nicht unbewohnbar ist, so hindern auch die Moskitos den Menschen nicht,
sich in Lndern, welche stark davon heimgesucht sind, niederzulassen, wenn
anders durch Lage und Regierungsweise die Verhltnisse fr Handel und
Gewerbflei gnstiger sind. Die Leute klagen ihr Lebenlang _de la plaga,
del insufrible tormento de las moscas_; aber trotz dieses bestndigen
Jammerns ziehen sie doch, und zwar mit einer gewissen Vorliebe, in die
Handelsstdte Angostura, Santa Martha und Rio la Hacha. So sehr gewhnt
man sich an ein Uebel, das man zu jeder Tagesstunde zu erdulden hat, da
die drei Missionen San Borja, Atures und Esmeralda, wo es, nach dem
hyperbolischen Ausdruck der Mnche, mehr Mcken als Luft gibt (_mas
moscas que ayre_), unzweifelhaft blhende Stdte wrden, wenn der Orinoco
den Colonisten zum Austausch der Produkte dieselben Vortheile gewhrte,
wie der Ohio und der untere Mississippi. Wo es sehr viele Insekten gibt,
nimmt zwar die Bevlkerung langsamer zu, aber gnzlicher Stillstand tritt
dehalb doch nicht ein; die Weien lassen sich aus diesem Grunde nur da
nicht nieder, wo bei den commerciellen und politischen Verhltnissen des
Landes kein erklecklicher Vortheil in Aussicht steht.

Ich habe anderswo in diesem Werke des merkwrdigen Umstandes Erwhnung
gethan, da die in der heien Zone geborenen Weien barfu ungestraft in
demselben Zimmer herumgehen, in dem ein frisch angekommener Europer
Gefahr luft, *Niguas* oder *Chiques*, Sandflhe (_Pulex penetrans_) zu
bekommen. Diese kaum sichtbaren Thiere graben sich unter die Zehenngel
ein und werden, bei der raschen Entwicklung der in einem eigenen Sack am
Bauche des Insekts liegenden Eier, so gro wie eine kleine Erbse. Die
*Nigua* unterscheidet also, was die feinste chemische Analyse nicht
vermchte, Zellgewebe und Blut eines Europers von dem eines weien
Creolen. Anders bei den Stechfliegen. Trotz allem, was man darber an den
Ksten von Sdamerika hrt, fallen diese Insekten die Eingeborenen so gut
an wie die Europer; nur die Folgen des Stichs sind bei beiden
Menschenracen verschieden. Dieselbe giftige Flssigkeit, in die Haut eines
kupferfarbigen Menschen von indianischer Race und eines frisch
angekommenen Weien gebracht, bringt beim ersteren keine Geschwulst
hervor, beim letzteren dagegen harte, stark entzndete Beulen, die mehrere
Tage schmerzen. So verschieden reagirt das Hautsystem, je nachdem die
Organe bei dieser oder jener Race, bei diesem oder jenem Individuum mehr
oder weniger reizbar sind.

Ich gebe hier mehrere Beobachtungen, aus denen klar hervorgeht, da die
Indianer, berhaupt alle Farbigen, so gut wie die Weien Schmerz
empfinden, wenn auch vielleicht in geringerem Grade. Bei Tage, selbst
whrend des Ruderns, schlagen sich die Indianer bestndig mit der flachen
Hand heftig auf den Leib, um die Insekten zu verscheuchen. Im Schlaf
schlagen sie, ungestm in allen ihren Bewegungen, auf sich und ihre
Schlafkameraden, wie es kommt. Bei ihren derben Hieben denkt man an das
persische Mhrchen vom Bren, der mit seiner Tatze die Fliegen auf der
Stirne seines schlafenden Herrn todtschlgt. Bei Maypures sahen wir junge
Indianer im Kreise sitzen und mit am Feuer getrockneter Baumrinde einander
grausam den Rcken zerreiben. Mit einer Geduld, deren nur die
kupfersarbige Race fhig ist, waren indianische Weiber beschftigt, mit
einem spitzen Knochen die kleine Masse geronnenen Bluts in der Mitte jeden
Stichs, die der Haut ein geflecktes Aussehen gibt, auszustechen. Eines der
barbarischsten Vlker am Orinoco, die Ottomacas, kennt den Gebrauch der
_Mosquiteros_ (Fliegennetze), die aus den Fasern der Murichipalme gewoben
werden. Wir haben oben gesehen, da die Farbigen in Higuerote an der Kste
von Caracas sich zum Schlafen in den Sand graben. In den Drfern am
Magdalenenflu forderten uns die Indianer oft auf, uns mit ihnen bei der
Kirche auf der *plaza grande* auf Ochsenhute zu legen. Man hatte daselbst
alles Vieh aus der Umgegend zusammen getrieben, denn in der Nhe desselben
findet der Mensch ein wenig Ruhe. Wenn die Indianer am obern Orinoco und
am Cassiquiare sahen, da Bonpland wegen der unaufhrlichen Moskitoplage
seine Pflanzen nicht einlegen konnte, forderten sie ihn auf, in ihre
_Hornitos_ (Oefen) zu gehen. So heien kleine Gemcher ohne Thre und
Fenster, in die man durch eine ganz niedrige Oeffnung auf dem Bauche
kriecht. Mittelst eines Feuers von feuchtem Strauchwerk, das viel Rauch
gibt, jagt man die Insekten hinaus und verschliet dann die Oeffnung des
Ofens. Da man jetzt die Moskitos los ist, erkauft man ziemlich theuer;
denn bei der stockenden Luft und dem Rauch einer Copalfackel, die den Ofen
beleuchtet, wird es entsetzlich hei darin. Bonpland hat mit einem Muth
und einer Geduld, die das hchste Lob verdienen, viele hundert Pflanzen in
diesen Hornitos der Indianer getrocknet.

Die Mhe, die sich die Eingebornen geben, um die Insektenplage zu lindern,
beweist hinlnglich, da der kupferfarbige Mensch, trotz der verschiedenen
Organisation seiner Haut, fr die Mckenstiche empfindlich ist, so gut wie
der Weie; aber, wir wiederholen es, beim ersteren scheint der Schmerz
nicht so stark zu seyn und der Stich hat nicht die Geschwulst zur Folge,
die mehrere Wochen lang fort und fort wiederkehrt, die Reizbarkeit der
Haut steigert und empfindliche Personen in den fieberhaften Zustand
versetzt, der allen Ausschlagskrankheiten eigen ist. Die im tropischen
Amerika geborenen Weien und die Europer, die sehr lange in den Missionen
in der Nhe der Wlder und an den groen Flssen gelebt, haben weit mehr
zu leiden als die Indianer, aber unendlich weniger als frisch angekommene
Europer. Es kommt also nicht, wie manche Reisende behaupten, auf die
Dicke der Haut an, ob der Stich im Augenblick, wo man ihn erhlt, mehr
oder weniger schmerzt, und bei den Indianern tritt nicht dehalb weniger
Geschwulst und Entzndung ein, weil ihre Haut eigenthmlich organisirt
ist; vielmehr hngen Grad und Dauer des Schmerzes von der Reizbarkeit des
Nervensystems der Haut ab. Die Reizbarkeit wird gesteigert durch sehr
warme Bekleidung, durch den Gebrauch geistiger Getrnke, durch das Kratzen
an den Stichwunden, endlich, und diese physiologische Bemerkung beruht auf
meiner eigenen Erfahrung, durch zu hufiges Baden. An Orten, wo man in den
Flu kann, weil keine Krokodile darin sind, machten Bonpland und ich die
Erfahrung, da das Baden, wenn man es bertreibt, zwar den Schmerz der
alten Schnakenstiche linderte, aber uns fr neue Stiche weit empfindlicher
machte. Badet man mehr als zweimal tglich, so versetzt man die Haut in
einen Zustand nervser Reizbarkeit, von dem man sich in Europa keinen
Begriff machen kann. Es ist einem, als zge sich alle Empfindung in die
Hautdecken.

Da die Moskitos und die Schnaken zwei Dritttheile ihres Lebens im Wasser
zubringen, so ist es nicht zu verwundern, da in den von groen Flssen
durchzogenen Wldern diese bsartigen Insekten, je weiter vom Ufer weg,
desto seltener werden. Sie scheinen sich am liebsten an den Orten
aufzuhalten, wo ihre Verwandlung vor sich gegangen ist und wo sie
ihrerseits bald ihre Eier legen werden. Daher gewhnen sich auch die
wilden Indianer (_Indios monteros_) um so schwerer an das Leben in den
Missionen, da sie in den christlichen Niederlassungen eine Plage
auszustehen haben, von der sie daheim im innern Lande fast nichts wissen.
Man sah in Maypures, Atures, Esmeralda Eingeborene _al monte_ (in die
Wlder) laufen, einzig aus Furcht vor den Moskitos. Leider sind gleich
Anfangs alle Missionen am Orinoco zu nahe am Flusse angelegt worden. In
Esmeralda versicherten uns die Einwohner, wenn man das Dorf auf eine der
schnen Ebenen um die hohen Berge des Duida und Maraguaca verlegte, so
knnten sie freier athmen und fnden einige Ruhe. _La nube de moscos_ die
Mckenwolke -- so sagen die Mnche -- schwebt nur ber dem Orinoco und
seinen Nebenflssen; die Wolke zertheilt sich mehr und mehr, wenn man von
den Flssen weggeht, und man machte sich eine ganz falsche Vorstellung von
Guyana und Brasilien, wenn man den groen, 400 Meilen breiten Wald
zwischen den Quellen der Madeira und dem untern Orinoco nach den
Fluthlern beurtheilte, die dadurch hinziehen.

Man sagte mir, die kleinen Insekten aus der Familie der Nemoceren wandern
von Zeit zu Zeit, wie die gesellig lebenden Affen der Gruppe der Alouaten.
Man sieht an gewissen Orten mit dem Eintritt der Regenzeit Arten
erscheinen, deren Stich man bis dahin nicht empfunden. Auf dem
Magdalenenflu erfuhren wir, in Simiti habe man frher keine andere
Culexart gekannt als den *Jejen*. Man hatte bei Nacht Ruhe, weil der Jejen
kein Nachtinsekt ist. Seit dem Jahr 1801 aber ist die groe Schnake mit
blauen Flgeln (_Culex __ cyanopterus_) in solchen Massen erschienen, da
die armen Einwohner von Simiti nicht wissen, wie sie sich Nachtruhe
verschaffen sollen. In den sumpfigten Kanlen (_esteros_) auf der Insel
Baru bei Carthagena lebt eine kleine weilichte Mcke, *Cafasi* genannt.
Sie ist mit dem bloen Auge kaum sichtbar und verursacht doch uerst
schmerzhafte Geschwlste. Man mu die *Toldos* oder Baumwollengewebe, die
als Mckennetze dienen, anfeuchten, damit der Cafasi nicht zwischen den
gekreuzten Fden durchschlpfen kann. Dieses zum Glck sonst ziemlich
seltene Insekt geht im Januar auf dem Kanal oder _Dique_ von Mahates bis
Morales hinauf. Als wir im Mai in dieses Dorf kamen, trafen wir Mcken der
Gattung _Simulium_ und Zancudos an, aber keine Jejen mehr.

Kleine Abweichungen in Nahrung und Klima scheinen bei denselben Mcken-
und Schnakenarten auf die Wirksamkeit des Giftes, das die Thiere aus ihrem
schneidenden und am untern Ende gezahnten Saugrssel ergieen, Einflu zu
uern. Am Orinoco sind die lstigsten oder, wie die Creolen sagen, die
wildesten (_los mas feroces_) Insekten die an den groen Katarakten, in
Esmeralda und Mandavaca. Im Magdalenenstrom ist der _Culex cyanopterus_
besonders in Mompox, Chilloa und Tamalameque gefrchtet. Er ist dort
grer und strker und seine Beine sind schwrzer. Man kann sich des
Lchelns nicht enthalten, wenn man die Missionre ber Gre und
Gefrigkeit der Moskitos in verschiedenen Strichen desselben Flusses
streiten hrt. Mitten in einem Lande, wo man gar nicht wei, was in der
brigen Welt vorgeht, ist die das Lieblingsthema der Unterhaltung. Wie
sehr bedaure ich Euch! sagte beim Abschied der Missionr aus den Raudales
zu dem am Cassiquiare. Ihr seyd allein, wie ich, in diesem Lande der
Tiger und der Affen; Fische gibt es hier noch weniger, und heier ist es
auch; was aber meine Mcken (_mis moscas_) anbelangt, so darf ich mich
rhmen, da ich mit Einer von den meinen drei von den Euren schlage.

Diese Gefrigkeit der Insekten an gewien Orten, diese Blutgier, womit
sie den Menschen anfallen,(45) die ungleiche Wirksamkeit des Giftes bei
derselben Art sind sehr merkwrdige Erscheinungen; es stellen sich ihnen
jedoch andere aus den Classen der groen Thiere zur Seite. In Angostura
greift das Krokodil den Menschen an, whrend man in Nueva Barcelona im Rio
Neveri mitten unter diesen fleischfressenden Reptilien ruhig badet. Die
Jaguars in Maturin, Cumanacoa und auf der Landenge von Panama sind feig
denen am obern Orinoco gegenber. Die Indianer wissen recht gut, da die
Affen aus diesem und jenem Thale leicht zu zhmen sind, whrend Individuen
derselben Art, die man anderswo fngt, lieber Hungers sterben, als sich in
die Gefangenschaft ergeben.

Das Volk in Amerika hat sich hinsichtlich der Gesundheit der Gegenden und
der Krankheitserscheinungen Systeme gebildet, ganz wie die Gelehrten in
Europa, und diese Systeme widersprechen sich, gleichfalls wie bei uns, in
den verschiedenen Provinzen, in die der neue Continent zerfllt, ganz und
gar. Am Magdalenenflu findet man die vielen Moskitos lstig, aber sie
gelten fr sehr gesund. Diese Thiere, sagen die Leute, machen uns
kleine Aderlen und schtzen uns in einem so furchtbar heien Land vor
dem _Tabardillo_, dem Scharlachfieber und andern entzndlichen
Krankheiten. Am Orinoco, dessen Ufer hchst ungesund sind, schreiben die
Kranken alle ihre Leiden den Moskitos zu. Diese Insekten entstehen aus
der Fulni und vermehren sie; sie entznden das Blut (_vician y incienden
la sangre_). Der Volksglaube, als wirkten die Moskitos durch rtliche
Blutentziehung heilsam, braucht hier nicht widerlegt zu werden. Sogar in
Europa wissen die Bewohner sumpfigter Lnder gar wohl, da die Insekten
das Hautsystem reizen, und durch das Gift, das sie in die Wunden bringen,
die Funktionen desselben steigern. Durch die Stiche wird der entzndliche
Zustand der Hautbedeckung nicht nur nicht vermindert, sondern gesteigert.

Die Menge der Schnaken und Mcken deutet nur insofern auf die Ungesundheit
einer Gegend hin, als Entwicklung und Vermehrung dieser Insekten von
denselben Ursachen abhngen, aus denen Miasmen entstehen. Diese lstigen
Thiere lieben einen fruchtbaren, mit Pflanzen bewachsenen Boden, stehendes
Wasser, eine feuchte, niemals vom Winde bewegte Luft; statt freier Gegend
suchen sie den Schatten auf, das Halbdunkel, den mittleren Grad von Licht,
Wrmestoff und Feuchtigkeit, der dem Spiel chemischer Affinitten Vorschub
leistet und damit die Fulni organischer Substanzen beschleunigt. Tragen
die Moskitos an sich zur Ungesundheit der Luft bei? Bedenkt man, da bis
auf 3--4 Toisen vom Boden im Cubikfu Luft hufig eine Million geflgelter
Insekten(46) enthalten ist, die eine tzende, giftige Flssigkeit bei sich
fhren; da mehrere Culexarten vom Kopf bis zum Ende des Bruststcks (die
Fe ungerechnet) 1-1/5 Linien lang sind; endlich da in dem Schnaken- und
Mckenschwarm, der wie ein Rauch die Luft erfllt, sich eine Menge todter
Insekten befinden, die durch den aufsteigenden Luftstrom, oder durch
seitliche, durch die ungleiche Erwrmung des Bodens erzeugte Strme
fortgerissen werden, so fragt man sich, ob eine solche Anhufung von
thierischen Stoffen in der Luft nicht zur rtlichen Bildung von Miasmen
Anla geben mu? Ich glaube, diese Substanzen wirken anders auf die Luft
als Sand und Staub; man wird aber gut thun, in dieser Beziehung keine
Behauptung aufzustellen. Von den vielen Rthseln, welche das Ungesundseyn
der Luft uns aufgibt, hat die Chemie noch keines gelst; sie hat uns nur
soviel gelehrt, da wir gar Vieles nicht wissen, was wir vor fnfzehn
Jahren Dank den sinnreichen Trumen der alten Eudiometrie zu wissen
meinten.

Nicht so ungewi und fast durch tgliche Erfahrung besttigt ist der
Umstand, da am Orinoco, am Cassiquiare, am Rio Caura, berall wo die Luft
sehr ungesund ist, der Stich der Moskitos die Disposition der Organe zur
Aufnahme der Miasmen steigert. Wenn man Monatelang Tag und Nacht von den
Insekten gepeinigt wird, so erzeugt der bestndige Hautreiz fieberhafte
Aufregung und schwcht, in Folge des schon so frhe erkannten Antagonismus
zwischen dem gastrischen und dem Hautsystem, die Verrichtung des Magens.
Man fngt an schwer zu verdauen, die Entzndung der Haut veranlat profuse
Schweie, den Durst kann man nicht lschen, und auf die bestndig
zunehmende Unruhe folgt bei Personen von schwacher Constitution eine
geistige Niedergeschlagenheit, in der alle pathogenischen Ursachen sehr
heftig einwirken. Gegenwrtig sind es nicht mehr die Gefahren der
Schifffahrt in kleinen Canoes, nicht die wilden Indianer oder die
Schlangen, die Krokodile oder die Jaguars, was den Spaniern die Reise auf
dem Orinoco bedenklich macht, sondern nur, wie sie naiv sich ausdrcken,
_el sudar y las moscas_ (der Schwei und die Mcken). Es ist zu hoffen,
da der Mensch, indem er die Bodenflche umgestaltet, damit auch die
Beschaffenheit der Luft allmlig umndert. Die Insekten werden sich
vermindern, wenn einmal die alten Bume im Wald verschwunden sind und man
in diesen den Lndern die Stromufer mit Drfern besetzt, die Ebenen mit
Weiden und Fruchtfeldern bedeckt sieht.

Wer lange in von Moskitos heimgesuchten Lndern gelebt hat, wird gleich
uns die Erfahrung gemacht haben, da es gegen die Insektenplage kein
Radikalmittel gibt. Die mit Onoto, Bolus oder Schildkrtenfett
beschmierten Indianer klatschen sich jeden Augenblick mit der flachen Hand
auf Schultern, Rcken und Beine, ungefhr wie wenn sie gar nicht *bemalt*
wren. Es ist berhaupt zweifelhaft, ob das Bemalen Erleichterung
verschafft; soviel ist aber gewi, da es nicht schtzt. Die Europer, die
eben erst an den Orinoco, den Magdalenenstrom, den Guayaquil oder den Rio
Chagre kommen (ich nenne hier die vier Flsse, wo die Insekten am
furchtbarsten sind), bedecken sich zuerst Gesichts und Hnde; bald aber
fhlen sie eine unertrgliche Hitze, die Langeweile, da sie gar nichts
thun knnen, drckt sie nieder, und am Ende lassen sie Gesicht und Hnde
frei. Wer bei der Fluschifffahrt auf jede Beschftigung verzichten
wollte, knnte aus Europa eine eigens verfertigte, sackfrmige Kleidung
mitbringen, in die er sich steckte und die er nur alle halbe Stunden
aufmachte; der Sack mte durch Fischbeinreife ausgespannt seyn, denn eine
bloe Maske und Handschuhe wren nicht zu ertragen. Da wir am Boden auf
Huten oder in Hngematten lagen, htten wir uns auf dem Orinoco der
Fliegennetze (_toldos_) nicht bedienen knnen. Der Toldo leistet nur dann
gute Dienste, wenn er um das Lager ein so gut verschlossenes Zelt bildet,
da auch nicht die kleinste Oeffnung bleibt, durch die eine Schnake
schlpfen knnte. Diese Bedingung ist aber schwer zu erfllen, und gelingt
es auch (wie zum Beispiel bei der Bergfahrt auf dem Magdalenenstrom, wo
man mit einiger Bequemlichkeit reist), so mu man, um nicht vor Hitze zu
ersticken, den Toldo verlassen und sich in freier Luft ergehen. Ein
schwacher Wind, Rauch, starke Gerche helfen an Orten, wo die Insekten
sehr zahlreich und gierig sind, so gut wie nichts. Flschlich behauptet
man, die Thierchen fliehen vor dem eigenthmlichen Geruch, den das
Krokodil verbreitet. In Bataillez auf dem Wege von Carthagena nach Honda
wurden wir jmmerlich zerstochen, whrend wir ein eilf Fu langes Krokodil
zerlegten, das die Luft weit umher verpestete. Die Indianer loben sehr den
Dunst von brennendem Kuhmist. Ist der Wind sehr stark und regnet es dabei,
so verschwinden die Moskitos auf eine Weile; am grausamsten stechen sie,
wenn ein Gewitter im Anzug ist, besonders wenn auf die elektrischen
Entladungen keine Regengsse folgen.

Alles was um Kopf und Hnde flattert, hilft die Insekten verscheuchen. Je
mehr ihr euch rhrt, desto weniger werdet ihr gestochen, sagen die
Missionre. Der Zancudo summt lange umher, ehe er sich niedersetzt; hat er
dann einmal Vertrauen gefat, hat er einmal angefangen, seinen Saugrssel
einzubohren und sich voll zu saugen, so kann man ihm die Flgel berhren,
ohne da er sich verscheuchen lt. Er streckt whrend dessen seine beiden
Hinterfe in die Luft, und lt man ihn ungestrt sich satt saugen, so
bekommt man keine Geschwulst, empfindet keinen Schmerz. Wir haben diesen
Versuch im Thale des Magdalenenstroms nach dem Rathe der Indianer oft an
uns selbst gemacht. Man fragt sich, ob das Insekt die reizende Flssigkeit
erst im Augenblick ergiet, wo es wegfliegt, wenn man es verjagt, oder ob
es die Flssigkeit wieder aufpumpt, wenn man es saugen lt, soviel es
will? Letztere Annahme scheint mir die wahrscheinlichere; denn hlt man
dem _Culex cyanopterus_ ruhig den Handrcken hin, so ist der Schmerz
anfangs sehr heftig, nimmt aber immer mehr ab, je mehr das Insekt
fortsaugt, und hrt ganz auf im Moment, wo es von selbst fortfliegt. Ich
habe mich auch mit einer Nadel in die Haut gestochen und die Stiche mit
zerdrckten Moskitos (_mosquitos machucados_) gerieben, es folgte aber
keine Geschwulst darauf. Die reizende Flssigkeit der _Diptera Nemocera_
die nach den bisherigen chemischen Untersuchungen sich nicht wie eine
Sure verhlt, ist, wie bei den Ameisen und andern Hymenopteren, in
eigenen Drsen enthalten; dieselbe ist wahrscheinlich zu sehr verdnnt und
damit zu schwach, wenn man die Haut mit dem ganzen zerdrckten Thiere
reibt.

Ich habe am Ende dieses Kapitels Alles zusammengestellt, was wir auf
unsern Reisen ber Erscheinungen in Erfahrung bringen konnten, die bisher
von der Naturforschung auffallend vernachlssigt wurden, obgleich sie auf
das Wohl der Bevlkerung, die Gesundheit der Lnder und die Grndung neuer
Colonien an den Strmen des tropischen Amerika von bedeutendem Einflu
sind. Ich bedarf wohl keiner Rechtfertigung, da ich diesen Gegenstand mit
einer Umstndlichkeit behandelt habe, die kleinlich erscheinen knnte,
fiele nicht derselbe unter einen allgemeineren physiologischen
Gesichtspunkt. Unsere Einbildungskraft wird nur vom Groen stark angeregt,
und so ist es Sache der Naturphilosophie, beim Kleinen zu verweilen. Wir
haben gesehen, wie geflgelte, gesellig lebende Insekten, die in ihrem
Saugrssel eine die Haut reizende Flssigkeit bergen, groe Lnder fast
unbewohnbar machen. Andere, gleichfalls kleine Insekten, die Termiten
(_Comejen_), setzen in mehreren heien und gemigten Lndern des
tropischen Erdstrichs der Entwicklung der Cultur schwer zu besiegende
Hindernisse entgegen. Furchtbar rasch verzehren sie Papier, Pappe,
Pergament; sie zerstren Archive und Bibliotheken. In ganzen Provinzen von
spanisch Amerika gibt es keine geschriebene Urkunde, die hundert Jahre alt
wre. Wie soll sich die Cultur bei den Vlkern entwickeln, wenn nichts
Gegenwart und Vergangenheit verknpft, wenn man die Niederlagen
menschlicher Kenntnisse fters erneuern mu, wenn die geistige
Errungenschaft der Nachwelt nicht berliefert werden kann?

Je weiter man gegen die Hochebene des Anden hinaufkommt, desto mehr
schwindet diese Plage. Dort athmet der Mensch eine frische, reine Luft,
und die Insekten stren nicht mehr Tagesarbeit und Nachtruhe. Dort kann
man Urkunden in Archiven niederlegen, ohne Furcht vor gefhrlichen
Termiten. In 200 Toisen Meereshhe frchtet man die Mcken nicht mehr; die
Termiten sind in 300 Toisen Hhe noch sehr hufig, aber in Mexico, Santa
Fe de Bogota und Quito kommen sie selten vor. In diesen groen
Hauptstdten auf dem Rcken der Cordilleren findet man Bibliotheken und
Archive, die sich durch die Theilnahme gebildeter Bewohner tglich
vermehren. Zu diesen Verhltnissen, die ich hier nur flchtig berhre,
kommen andere, welche der Alpenregion das moralische Uebergewicht ber die
niedern Regionen des heien Erdstrichs sichern. Nimmt man nach den uralten
Ueberlieferungen in beiden Welten an, in Folge der Erdumwlzungen, die der
Erneuerung unseres Geschlechts vorangegangen, sey der Mensch von den
Gebirgen in die Niederungen herabgestiegen, so lt sich noch weit
bestimmter annehmen, da diese Berge, die Wiege so vieler und so
verschiedener Vlker, in der heien Zone fr alle Zeit der Mittelpunkt der
Gesittung bleiben werden. Von diesen fruchtbaren, gemigten Hochebenen,
von diesen Inseln im Ocean der Luft, werden sich Aufklrung und der Segen
gesellschaftlicher Einrichtungen ber die unermelichen Wlder am Fue der
Anden verbreiten, die jetzt noch von Stmmen bewohnt sind, welche eben die
Flle der Natur in Trgheit niedergehalten hat.

                            ------------------





   25 Vom spanischen Wort _raudo_, schnell, _rapidus_.

   26 Schwimmende Grten.

   27 Diese Landenge, von der schon fters die Rede war, wird von den
      Cordilleren der Anden von Neu-Grenada und von der Cordillere der
      Parime gebildet. S. Bd. II. Seite 378--379.

_   28 Ansichten der Natur_, 2. Auflage, 1826, Bd. 1. S. 181; 3. Auflage,
      Bd. 1. S. 249.

   29 Eine groe Reiherart.

   30 LUCAN., _Pharsal._ X. 132.

*   31 Arastrando la Picagua*. Von diesem Wort _arastrar_ aus dem Boden
      ziehen, kommt der spanische Ausdruck: _Arastradero_, Trageplatz,
      Portage.

_   32 Nat. Quaest._ IV. c. 2.

   33 Der *Chellal* zwischen Phil und Syene hat zehn Staffeln, die
      zusammen einen 5 bis 7 Fu hohen Fall bilden, je nach dem tiefen
      oder hohen Wasserstand des Nil. Der Fall ist 500 Toisen lang.

   34 Auszunehmen ist STRABO, dessen Beschreibung eben so einfach als
      genau erscheint. Nach ihm htte seit dem ersten Jahrhundert vor
      unserer Zeitrechnung die Schnelligkeit des Wassersturzes abgenommen
      und seine Richtung sich verndert. Damals ging man den Chellal auf
      beiden Seiten hinauf, gegenwrtig ist nur auf Einer Seite eine
      Wasserstrae; der Katarakt ist also eher schwerer befahrbar
      geworden.

   35 Hatten wohl die Alten eine dunkle Kunde von den groen Katarakten
      des stlichen oder blauen Nil zwischen Fazuclo und Alata, die ber
      200 Fu hoch sind?

_   36 Claustra imperii romani_ sagt TACITUS. Im Namen der Insel *Phil*
      findet man das coptische Wort _phe-lakh_, Ende (Ende Egyptens)
      wieder.

   37 Ich bemerke bei dieser Gelegenheit, da, so mangelhaft noch die
      Physik der Alten war, die Werke des Philosophen von Stagira ungleich
      mehr scharfsinnige Beobachtungen enthalten, als die der andern
      Philosophen. Vergeblich sucht man bei ARISTOXENES (_Liber de
      musica_), bei THEOPHYLACTUS SIMOCATTA (_de quaestionibus physicis_),
      im fnften Buche von SENECAs _quaestiones naturales_ eine Erklrung
      der Verstrkung des Schalls bei Nacht. Ein in den Schriften der
      Alten sehr bewanderter Mann, Hr. Laurencit, hat mir eine Stelle des
      PLUTARCH mitgetheilt (_Tischgesprche_, Buch VIII. Frage 3), welche
      die angefhrte des Aristoteles untersttzt. -- Boethus, der erste
      der Disputirenden, behauptet, die Klte bei Nacht ziehe die Luft
      zusammen und verdichte sie, und man hre den Schall bei Tag nicht so
      gut, weil dann weniger Zwischenrume zwischen den Atomen seyen. Der
      zweite der Disputirenden, Ammonius, verwirft die leeren Rume, wie
      Boethus sie voraussetzt, und nimmt mit Anaxagoras an, die Luft werde
      von der Sonne in eine zitternde und schwankende Bewegung versetzt;
      man hre bei Tag schlecht wegen der Staubtheile, die im Sonnenschein
      herumtreiben und die ein gewisses Zischen und Gerusch verursachen;
      des Nachts aber hre diese Bewegung auf und folglich auch das damit
      verbundene Gerusch. Boethus versichert, da er keineswegs
      Anaxagoras meistern wolle, meint aber, das Zischen der kleinsten
      Theile msse man wohl aufgeben, die zitternde Bewegung und das
      Herumtreiben derselben im Sonnenschein sey schon hinreichend. Die
      Luft macht den Krper und die Substanz der Stimme aus; ist sie also
      ruhig und bestndig, so lt sie auch die Theile und Schwingungen
      des Schalls gerade, ungetheilt und ohne Hinderni fortgehen und
      befrdert deren Verbreitung. Windstille ist dem Schalle gnstig,
      Erschtterung der Luft aber zuwider. Die Bewegung in der Luft
      verhindert, da von einer Stimme artikulirte und ausgebildete Tne
      zu den Ohren gelangen, ob sie gleich immer von einer starken und
      vielfachen ihnen etwas zuzufhren pflegt. Die Sonne, dieser groe
      und mchtige Beherrscher des Himmels, bringt auch die kleinsten
      Theile der Luft in Bewegung, und sobald er sich zeigt, erregt und
      belebt er alle Wesen. -- (Auszug aus Kaltwassers Uebersetzung;
      Humboldt hat die alte franzsische Uebersetzung des Amyot
      ausgezogen. Anm. des Herausgebers).

   38 CORTES behauptet, er habe am Magdalenenflu einen Eber mit
      gekrmmten Hauern und Lngsstreifen auf dem Rcken geschossen.
      Sollte es dort verwilderte europische Schweine gehen?

   39 Im Gesammtausdruck der Zge, nicht der Stirne nach.

_   40 Culex pipiens_. Dieser Unterschied zwischen _Mosquito_ (kleine
      Mcke, _Simulium_) und _Zancudo_ (Schnake, _Culex_) besteht in allen
      spanischen Colonien. Das Wort _Zancudo_ bedeutet Langfu, _qui
      tiene las zancas largas_.

   41 Die frh auf sind, _temprano_.

   42 Durch die ausnehmende Regelmigkeit im stndlichen Wechsel des
      Luftdrucks.

   43 Der europische _Culex pipiens_ meidet das Gebirgsland nicht, wie
      die Culexarten der heien Zone Amerikas. GIESECKE wurde in Disco in
      Grnland unter dem 70. Breitegrad von Schnaken geplagt. In Lappland
      kommt die Schnake im Sommer in 300--400 Toisen Meereshhe bei einer
      mittleren Temperatur von 11--12 vor.

   44 Weniger als 15,2 und 16 Reaumur. Das ist die mittlere Temperatur
      von Montpellier und Rom.

   45 Diese Gefrigkeit, diese Blutgier bei kleinen Insekten, die sonst
      von Pflanzensften in einem fast unbewohnten Lande leben, hat
      allerdings etwas Auffallendes. Was fren die Thiere, wenn wir
      nicht hier vorberkmen? sagen oft die Creolen auf dem Wege durch
      ein Land, wo es nur mit einem Schuppenpanzer bedeckte Krokodile und
      behaarte Affen gibt.

   46 Bei dieser Gelegenheit soll nur daran erinnert werden, da der
      Cubikfu 2,985,984 Cubiklinien enthlt.





EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL.


        Der Raudal von Garcita. -- Maypures. -- Die Katarakten von
        Quittuna. -- Der Einflu des Vichada und Zama. -- Der Fels
                          Aricagua. -- Siquita.


Unsere Pirogue lag im *Puerto de arriba*, oberhalb des Katarakts von
Atures, dem Einflu des Rio Cataniapo gegenber; wir brachen dahin auf.
Auf dem schmalen Wege, der zum Landungsplatze fhrt, sahen wir den Pic
Uniana zum letztenmal. Er erschien wie eine ber dem Horizont der Ebenen
aufsteigende Wolke. Die Guahibos-Indianer ziehen am Fu dieser Gebirge
umher und gehen bis zum Rio Vichada. Man zeigte uns von weitem rechts vom
Flu die Felsen bei der Hhle von Ataruipe; wir hatten aber nicht Zeit,
diese Grabsttte des ausgestorbenen Stammes der Atures zu besuchen. Wir
bedauerten die um so mehr, da Pater Zea nicht mde wurde, uns von den mit
Onoto bemalten Skeletten in der Hhle, von den groen Gefen aus
gebrannter Erde, in welchen je die Gebeine einer Familie zu liegen
scheinen, und von vielen andern merkwrdigen Dingen zu erzhlen, so da
wir uns vornahmen, dieselben auf der Rckreise vom Rio Negro in
Augenschein zu nehmen. Sie werden es kaum glauben, sagte der Missionr,
da diese Gerippe, diese bemalten Tpfe, diese Dinge, von denen wir
meinten, kein Mensch in der Welt wisse davon, mir und meinem Nachbar, dem
Missionr von Carichana, Unglck gebracht haben. Sie haben gesehen, wie
elend ich in den Raudales lebe, von den Moskitos gefressen, oft nicht
einmal Bananen und Manioc im Hause! Und dennoch habe ich Neider in diesem
Lande gefunden. Ein Weier, der auf den Weiden zwischen dem Meta und dem
Apure lebt, hat krzlich der *Audiencia* in Caracas die Anzeige gemacht,
ich habe einen Schatz, den ich mit dem Missionr von Carichana gefunden,
unter den Grbern der Indianer versteckt. Man behauptet, die Jesuiten in
Santa Fe de Bogota haben zum voraus gewut, da die Gesellschaft werde
aufgehoben werden; da haben sie ihr Geld und ihre kostbaren Gefe bei
Seite schaffen wollen und dieselben auf dem Rio Meta oder auf dem Vichada
an den Orinoco geschickt, mit dem Befehl, sie auf den Inseln mitten in den
Raudales zu Verstecken. Diesen Schatz nun soll ich ohne Wissen meiner
Obern mir zugeeignet haben. Die Audiencia von Caracas fhrte beim
Statthalter von Guyana Klage, und wir erhielten Befehl, persnlich zu
erscheinen. Wir muten ganz umsonst eine Reise von hundert fnfzig Meilen
machen, und es half nichts, da wir erklrten, wir haben in den Hhlen
nichts gefunden als Menschengebeine, Marder und vertrocknete Fledermuse;
man ernannte mit groer Wichtigkeit Commissre, die sich hieher begeben
und an Ort und Stelle inspiciren sollen, was noch vom Schatze der Jesuiten
vorhanden sey. Aber wir knnen lange auf die Commissre warten. Wenn sie
auf dem Orinoco bis San Borja heraufkommen, werden sie vor den Moskitos
Angst bekommen und nicht weiter gehen. In der Mckenwolke (_nube de
moscas_), in der wir in den Raudales stecken, ist man gut geborgen.

Diese Geschichte des Missionrs wurde uns spter in Angostura aus dem
Munde des Statthalters vollkommen besttigt. Zufllige Umstnde geben zu
den seltsamsten Vermuthungen Anla. In den Hhlen, wo die Mumien und
Skelette der Atures liegen, ja mitten in den Katarakten, auf den
unzugnglichsten Inseln fanden die Indianer vor langer Zeit
eisenbeschlagene Kisten mit verschiedenen europischen Werkzeugen, Resten
von Kleidungsstcken, Rosenkrnzen und Glaswaaren. Man vermuthete, die
Gegenstnde haben portugiesischen Handelsleuten vom Rio Negro und
Gran-Para angehrt, die vor der Niederlassung der Jesuiten am Orinoco ber
Tragepltze und die Fluverbindungen im Innern nach Atures heraufkamen und
mit den Eingeborenen Handel trieben. Die Portugiesen, glaubte man, seyen
den Seuchen, die in den Raudales so hufig sind, erlegen und ihre Kisten
den Indianern in die Hnde gefallen, die, wenn sie wohlhabend sind, sich
mit dem Kostbarsten, was sie im Leben besaen, beerdigen lassen. Nach
diesen zweifelhaften Geschichten wurde das Mhrchen von einem versteckten
Schtze geschmiedet. Wie in den Anden von Quito jedes in Trmmern liegende
Bauwerk, sogar die Grundmauern der Pyramiden, welche die franzsischen
Akademiker bei der Messung des Meridians errichtet, fr ein _Inca pilca_,
das heit fr ein Werk des Inca gilt, so kann am Orinoco jeder verborgene
Schatz nur einem Orden gehrt haben, der ohne Zweifel die Missionen besser
verwaltet hat, als Kapuziner und Observanten, dessen Reichthum und dessen
Verdienste um die Civilisation der Indianer aber sehr bertrieben worden
sind. Als die Jesuiten in Santa Fe verhaftet wurden, fand man bei ihnen
keineswegs die Haufen von Piastern, die Smaragde von Muzo, die Goldbarren
von Choco, die sie den Widersachern der Gesellschaft zufolge besitzen
sollten. Man zog daraus den falschen Schlu, die Schtze seyen allerdings
vorhanden gewesen, aber treuen Indianern berantwortet und in den
Katarakten des Orinoco bis zur einstigen Wiederherstellung des Ordens
versteckt worden. Ich kann ein achtbares Zeugni beibringen, aus dem
unzweifelhaft hervorgeht, da der Viceknig von Neu-Grenada die Jesuiten
vor der ihnen drohenden Gefahr nicht gewarnt hatte. Don Vicente Orosco,
ein spanischer Genieofficier, erzhlte mir in Angostura, er habe mit Don
Manuel Centurion den Auftrag gehabt, die Missionre in Carichana zu
verhaften und dabei sey ihnen eine indianische Pirogue begegnet, die den
Rio Meta herabkam. Da dieses Fahrzeug mit Indianern bemannt war, die keine
der Landessprachen verstanden, so erregte sein Erscheinen Verdacht. Nach
langem fruchtlosem Suchen fand man eine Flasche mit einem Briefe, in dem
der in Santa Fe residirende Superior der Gesellschaft die Missionre am
Orinoco von den Verfolgungen benachrichtigte, welche die Jesuiten in
Neu-Grenada zu erleiden gehabt. Der Brief forderte zu keinerlei
Vorsichtsmaregeln auf; er war kurz, unzweideutig und voll Respekt vor der
Regierung, deren Befehle mit unnthiger, unvernnftiger Strenge vollzogen
wurden.

Acht Indianer von Atures hatten unsere Pirogue durch die Raudales
geschafft; sie schienen mit dem migen Lohne, der ihnen gereicht wurde
[kaum 30 Sous der Mann], gar wohl zufrieden. Das Geschft bringt ihnen
wenig ein, und um einen richtigen Begriff von den jmmerlichen Zustnden
und dem Darniederliegen des Handels in den Missionen am Orinoco zu geben,
merke ich hier an, da der Missionar in drei Jahren, auer den Fahrzeugen,
welche der Commandant von San Carlos am Rio Negro jhrlich nach Angostura
schickt, um die Lhnung der Truppen zu holen, nicht mehr als fnf Piroguen
vom obern Orinoco, die zur Schildkrteneierernte fuhren, und acht mit
Handelsgut beladene Canoes sah.

Am 17. April. Nach dreistndigem Marsch kamen wir gegen eilf Uhr Morgens
bei unserem Fahrzeug an. Pater Zea lie mit unsern Instrumenten den
wenigen Mundvorrath einschiffen, den man fr die Reise, die er mit uns
fortsetzen sollte, hatte auftreiben knnen: ein paar Bananenbschel,
Manioc und Hhner. Dicht am Landungsplatz fuhren wir am Einflu des
Cataniapo vorbei, eines kleinen Flusses, an dessen Ufern, drei Tagereisen
weit, die Macos oder Piaroas hausen, die zur groen Familie der
Salivas-Vlker gehren. Wir haben oben Gelegenheit gehabt, ihre
Gutmthigkeit und ihre Neigung zur Landwirthschaft zu rhmen.

Im Weiterfahren fanden wir den Orinoco frei von Klippen, und nach einigen
Stunden gingen wir ber den Raudal von Garcita, dessen Stromschnellen bei
Hochwasser leicht zu berwinden sind. Im Osten kommt die kleine Bergkette
Cumadaminari zum Vorschein, die aus Gnei, nicht aus geschichtetem Granit
besteht. Auffallend war uns eine Reihe groer Lcher mehr als 180 Fu ber
dem jetzigen Spiegel des Orinoco, die dennoch vom Wasser ausgewaschen
scheinen. Wir werden spter sehen, da diese Erscheinung beinahe in
derselben Hhe an den Felsen neben den Katarakten von Maypures und 50
Meilen gegen Ost beim Einflu des Rio Jao vorkommt. Wir bernachteten im
Freien am linken Stromufer unterhalb der Insel Tomo. Die Nacht war schn
und hell, aber die Moskitoschicht nahe am Boden so dick, da ich mit dem
Nivellement des knstlichen Horizonts nicht fertig werden konnte und um
die Sternbeobachtung kam. Ein Quecksilberhorizont wre mir auf dieser
Reise von groem Nutzen gewesen.

Am 18. April. Wir brachen um drei Uhr Morgens auf, um desto sicherer vor
Einbruch der Nacht den unter dem Namen *Raudal de Guahibos* bekannten
Katarakt zu erreichen. Wir legten am Einflu des Rio Tomo an; die Indianer
lagerten sich am Ufer, um ihr Essen zu bereiten und ein wenig zu ruhen. Es
war gegen fnf Uhr Abends, als wir vor dem Raudal ankamen. Es war keine
geringe Aufgabe, die Strmung hinaufzukommen und eine Wassermasse zu
berwinden, die sich von einer mehrere Fu hohen Gneibank strzt. Ein
Indianer schwamm auf den Fels zu, der den Fall in zwei Hlften theilt; man
band ein Seil an die Spitze desselben, und nachdem man die Pirogue nahe
genug hingezogen, schiffte man mitten im Raudal unsere Instrumente, unsere
getrockneten Pflanzen und die wenigen Lebensmittel, die wir in Atures
hatten auftreiben knnen, aus. Zu unserer Ueberraschung sahen wir, da auf
dem natrlichen Wehr, ber das sich der Strom strzt, ein betrchtliches
Stck Boden trocken liegt. Hier blieben wir stehen und sahen unsere
Pirogue heraufschaffen.

Der Gneifels hat kreisrunde Lcher, von denen die grten 4 Fu tief und
18 Zoll weit sind. In diesen Trichtern liegen Quarzkiesel und sie scheinen
durch die Reibung vom Wasser umhergerollter Krper entstanden zu seyn.
Unser Standpunkt mitten im Katarakt war sonderbar, aber durchaus nicht
gefhrlich. Unser Begleiter, der Missionar, bekam seinen Fieberanfall. Um
ihm den qulenden Durst zu lschen, kamen wir auf den Einfall, ihm in
einem der Felslcher einen khlenden Trank zu bereiten. Wir hatten von
Atures einen Mapire (indianischen Korb) mit Zucker, Citronen und
Grenadillen oder Frchten der Passionsblumen, von den Spaniern _Parchas_
genannt, mitgenommen. Da wir gar kein groes Gef hatten, in dem man
Flssigkeiten mischen konnte, so go man mit einer _Tutuma_ (Frucht der
_Crescentia Cujete_) Fluwasser in eines der Lcher und that den Zucker
und den Saft der sauren Frchte dazu. In wenigen Augenblicken hatten wir
ein treffliches Getrnke; es war das fast eine Schwelgerei am unwirthbaren
Ort; aber der Drang des Bedrfnisses machte uns von Tag zu Tag
erfinderischer.

Nachdem wir unsern Durst gelscht, hatten wir groe Lust zu baden. Wir
untersuchten genau den schmalen Felsdamm, auf dem wir standen, und
bemerkten, da er in seinem obern Theile kleine Buchten bildete, in denen
das Wasser ruhig und klar war, und so badeten wir denn ganz behaglich beim
Getse des Katarakts und dem Geschrei unserer Indianer. Ich erwhne dieser
kleinen Umstnde, einmal weil sie unsere Art zu reisen lebendig schildern,
und dann weil sie allen, die groe Reisen zu unternehmen gedenken,
augenscheinlich zeigen, wie man unter allen Umstnden im Leben sich Genu
verschaffen kann.

Nach einer Stunde Harrens sahen wir endlich die Pirogue ber den Raudal
heraufkommen. Man lud die Instrumente und Vorrthe wieder ein und wir
eilten vom Felsen der Guahibos wegzukommen. Es begann jetzt eine Fahrt,
die nicht ganz gefahrlos war. Der Flu ist 800 Toisen breit, und wir
muten oberhalb des Katarakts schief darber fahren, an einem Punkt, wo
das Wasser, weil das Bett strker fllt, dem Wehr zu, ber das es sich
strzt, mit groer Gewalt hinunterzieht. Wir wurden von einem Gewitter
berrascht, bei dem zum Glck kein starker Wind ging, aber der Regen go
in Strmen nieder. Man ruderte bereits seit zwanzig Minuten und der
Steuermann behauptete immer, statt stroman kommen wir wieder dem Raudal
nher. Diese Augenblicke der Spannung kamen uns gewaltig lang war. Die
Indianer sprachen nur leise, wie immer, wenn sie in einer verfnglichen
Lage zu seyn glauben. Indessen verdoppelten sie ihre Anstrengungen, und
wir langten ohne Unfall mit Einbruch der Nacht im Hafen von Maypures an.

Die Gewitter unter den Tropen sind eben so kurz als heftig. Zwei
Blitzschlge waren ganz nahe an unserer Pirogue gefallen, und der Blitz
hatte dabei unzweifelhaft ins Wasser geschlagen. Ich fhre diesen Fall an,
weil man in diesen Lndern ziemlich allgemein glaubt, die Wolken, die auf
ihrer Oberflche elektrisch geladen sind, stehen so hoch, da der Blitz
seltener in den Boden schlage als in Europa. Die Nacht war sehr finster.
Wir hatten noch zwei Stunden Wegs zum Dorfe Maypures, und wir waren bis
auf die Haut durchnt. Wie der Regen nachlie, kamen auch die Zancudos
wieder mit dem Heihunger, den die Schnaken nach einem Gewitter immer
zeigen. Meine Gefhrten waren unschlssig, ob wir im Hafen im Freien
lagern oder trotz der dunkeln Nacht unsern Weg zu Fu fortsetzen sollten.
Pater Zea, der in beiden Raudales Missionr ist, wollte durchaus noch nach
Hause kommen; Er hatte angefangen sich durch die Indianer in der Mission
ein groes Haus von zwei Stockwerken bauen zu lassen. Sie finden dort,
meinte er naiv, dieselbe Bequemlichkeit wie im Freien. Freilich habe ich
weder Tisch noch Bank, aber Sie htten nicht so viel von den Mcken zu
leiden; denn so unverschmt sind sie in der Mission doch nicht wie am
Flu.

Wir folgten dem Rath des Missionrs und er lie Copalfackeln anznden, von
denen oben die Rede war, drei Zoll dicke, mit Harz gefllte Rhren von
Baumwurzeln. Wir gingen anfangs ber kahle, gltte Felsbnke und dann
kamen wir in sehr dichtes Palmgehlz. Zweimal muten wir auf Baumstmmen
ber einen Bach gehen. Bereits waren die Fackeln erloschen; dieselben sind
wunderlich zusammengesetzt (der hlzerne Docht umgibt das Harz), geben
mehr Rauch als Licht und gehen leicht aus. Unser Gefhrte, Don Nicolas
Soto, verlor das Gleichgewicht, als er auf einem runden Stamm ber den
Sumpf ging. Wir waren anfangs sehr besorgt um ihn, da wir nicht wuten,
wie hoch er hinuntergefallen war. Zum Glck war der Grund nicht tief und
er hatte sich nicht verletzt. Der indianische Steuermann, der sich
ziemlich fertig auf spanisch ausdrckte, ermangelte nicht, davon zu
sprechen, da wir leicht von Ottern, Wasserschlangen und Tigern
angegriffen werden knnten. Solches ist eigentlich die obligate
Unterhaltung, wenn man Nachts mit den Eingeborenen unterwegs ist. Die
Indianer glauben, wenn sie dem europischen Reisenden Angst einjagen, sich
nothwendiger zu machen und das Vertrauen des Fremden zu gewinnen. Der
plumpste Bursche in den Missionen ist mit den Kniffen bekannt, wie sie
berall im Schwange sind, wo Menschen von sehr verschiedenem Stand und
Bildungsgrad mit einander verkehren. Unter dem absoluten und hie und da
etwas qulerischen Regiment der Mnche sucht er seine Lage durch die
kleinen Kunstgriffe zu verbessern, welche die Waffen der Kindheit und
jeder physischen und geistigen Schwche sind.

Da wir in der Mission *San Jose de Maypures* in der Nacht ankamen, fiel
uns der Anblick und die Verdung des Orts doppelt auf. Die Indianer lagen
im tiefsten Schlaf; man hrte nichts als das Geschrei der Nachtvgel und
das ferne Tosen des Katarakts. In der Stille der Nacht, in dieser tiefen
Ruhe der Natur hat das eintnige Brausen eines Wasserfalls etwas
Niederschlagendes, Drohendes. Wir blieben drei Tage in Maypures, einem
kleinen Dorfe, das von Don Jose Solano bei der Grenzexpedition gegrndet
wurde, und das noch malerischer, man kann wohl sagen wundervoller liegt
als Atures.

Der Raudal von Maypures, von den Indianern *Quittuna* genannt, entsteht,
wie alle Wasserflle, durch den Widerstand den der Flu findet, indem er
sich durch einen Felsgrat oder eine Bergkette Bahn bricht. Wer den
Charakter des Orts kennen lernen will, den verweise ich auf den Plan, den
ich an Ort und Stelle aufgenommen, um dem Generalgouverneur von Caracas
den Beweis zu liefern, da sich der Raudal umgehen und die Schifffahrt
bedeutend erleichtern liee, wenn man zwischen zwei Nebenflssen des
Orinoco, in einem Thal, das frher das Strombett gewesen zu seyn scheint,
einen Canal anlegte. Die hohen Berge Cunavami und Calitamini, zwischen den
Quellen der Flsse Cataniapo und Ventuari, laufen gegen West in eine Kette
von Granithgeln aus. Von dieser Kette kommen drei Flchen herab, die den
Katarakt von Maypures gleichsam umfassen, nmlich am stlichen Ufer der
Sanariapo, am westlichen der Cameji und der Toparo. Dem Dorfe Maypures
gegenber ziehen sich die Berge in einem Bogen zurck und bilden, wie eine
felsigte Kste, eine nach Sdwest offene Bucht. Zwischen dem Einflu des
Toparo und dem des Sanariapo, am westlichen Ende dieses groartigen
Amphitheaters, ist der Durchbruch des Stromes erfolgt.

Gegenwrtig fliet der Orinoco am Fu der stlichen Bergkette. Vom
westlichen Landstrich hat er sich ganz weggezogen, und dort, in einem
tiefen Grunde, erkennt man noch leicht das alte Ufer. Eine Grasflur, kaum
dreiig Fu ber dem mittleren Wasserstand, breitet sich von diesem
trockenen Grunde bis zu den Katarakten aus. Hier steht aus Palmstmmen die
kleine Kirche von Maypures und umher sieben oder acht Htten. Im trockenen
Grund, der in gerader Linie von Sd nach Nord luft, vom Cameji zum
Toparo, liegen eine Menge einzeln stehender Granithgel, ganz hnlich
denen, die als Inseln und Klippen im jetzigen Strombett stehen. Diese ganz
hnliche Gestaltung fiel mir auf, als ich die Felsen Keri und Oco im
verlassenen Strombett westlich von Maypures mit den Inseln Ouvitari und
Camanitamini verglich, die stlich von der Mission gleich alten Burgen
mitten aus den Katarakten ragen. Der geologische Charakter der Gegend, das
inselhafte Ansehen auch der vom gegenwrtigen Stromufer entlegensten
Hgel, die Lcher, welche das Wasser im Felsen Oco ausgesplt zu haben
scheint, und die genau im selben Niveau liegen (25--30 Toisen hoch) wie
die Hhlungen an der Insel Ouvitari gegenber -- alle diese Umstnde
zusammen beweisen, da diese ganze, jetzt trockene Bucht ehemals unter
Wasser stand. Das Wasser bildete hier wahrscheinlich einen See, da es
wegen des Dammes gegen Nord nicht abflieen konnte; als aber dieser Damm
durchbrochen wurde, erschien die Grasflur um die Mission zuerst als eine
ganz niedrige, von zwei Armen desselben Flusses umgebene Insel. Man kann
annehmen, der Orinoco habe noch eine Zeitlang den Grund ausgefllt, den
wir nach dem Fels, der darin steht, den Keri-Grund nennen wollen; erst als
das Wasser allmlig fiel, zog es sich ganz gegen die stliche Kette und
lie den westlichen Stromarm trocken liegen. Streifen, deren schwarze
Farbe ohne Zweifel von Eisen- und Manganoxyden herrhrt, scheinen die
Richtigkeit dieser Ansicht zu beweisen. Man findet dieselben auf allem
Gestein, weit weg von der Mission, und sie weisen darauf hin, da hier
einst das Wasser gestanden. Geht man den Flu hinauf, so ladet man die
Fahrzeuge am Einflu des Toparo in den Orinoco aus und bergibt sie den
Eingeborenen, die den Raudal so genau kennen, da sie fr jede Staffel
einen besondern Namen haben. Sie bringen die Canoes bis zum Einflu des
Cameji, wo die Gefahr fr berstanden gilt.

Der Katarakt von Quittuna oder Maypures stellt sich in den zwei
Zeitpunkten, in denen ich denselben beim Hinab- und beim Hinauffahren
beobachten konnte, unter folgendem Bilde dar. Er besteht, wie der von
Mapara oder Atures, aus einem Archipel von Inseln, die auf einer Strecke
von 3000 Toisen das Strombett verstopfen, und aus Felsdmmen zwischen
diesen Inseln. Die berufensten unter diesen Dmmen oder natrlichen Wehren
sind: *Purimarimi*, *Manimi* und der *Salto de la Sardina* (der
Sardellensprung). Ich nenne sie in der Ordnung, wie ich sie von Sd nach
Nord auf einander folgen sah. Die letztere dieser drei Staffeln ist gegen
neun Fu hoch und bildet, ihrer Breite wegen, einen prachtvollen Fall.
Aber, ich mu das wiederholen: das Getse, mit dem die Wasser
niederstrzen, gegen einander stoen und zerstuben, hngt nicht sowohl
von der absoluten Hhe jeder Staffel, jedes Querdammes ab, als vielmehr
von der Menge der Strudel, von der Stellung der Inseln und Klippen am Fu
der Raudalitos oder partiellen Flle, von der greren oder geringeren
Weite der Kanle, in denen das Fahrwasser oft nur 20--30 Fu breit ist.
Die stliche Hlfte der Katarakten von Maypures ist weit gefhrlicher als
die westliche, wehalb auch die indianischen Steuerleute die Canoes
vorzugsweise am linken Ufer hinauf- und hinabschaffen. Leider liegt bei
niedrigem Wasser dieses Ufer zum Theil trocken, und dann mu man die
Piroguen *tragen*, das heit auf Walzen oder runden Baumstmmen schleppen.
Wir haben schon oben bemerkt, da bei Hochwasser (aber nur dann) der
Raudal von Maypures leichter zu passiren ist als der von Atures.

Um diese wilde Landschaft in ihrer ganzen Groartigkeit mit Einem Blicke
zu umfassen, mu man sich auf den Hgel Manimi stellen, einen Granitgrat,
der nrdlich von der Missionskirche aus der Savane aufsteigt und nichts
ist als eine Fortsetzung der Staffeln, aus denen der Raudalito Manimi
besteht. Wir waren oft auf diesem Berge, denn man sieht sich nicht satt an
diesem auerordentlichen Schauspiel in einem der entlegensten Erdwinkel.
Hat man den Gipfel des Felsen erreicht, so liegt auf einmal, eine Meile
weit, eine Schaumflche vor einem da, aus der ungeheure Steinmassen
eisenschwarz aufragen. Die einen sind, je zwei und zwei beisammen,
abgerundete Massen, Basalthgeln hnlich; andere gleichen Thrmen,
Castellen, zerfallenen Gebuden. Ihre dstere Frbung hebt sich scharf vom
Silberglanze des Wasserschaums ab. Jeder Fels, jede Insel ist mit Gruppen
krftiger Bume bewachsen. Vom Fu dieser Felsen an schwebt, so weit das
Auge reicht, eine dichte Dunstmasse ber dem Strom, und ber den
weilichen Nebel schiet der Wipfel der hohen Palmen empor. Diese
groartigen Gewchse -- wie nennt man sie? Ich glaube es ist der
_Vadgiai_, eine neue Art der Gattung _Oreodoxa_, deren Stamm ber 80 Fu
hoch ist. Die einen Federbusch bildenden Bltter dieser Palme sind sehr
glnzend und steigen fast gerade himmelan. Zu jeder Tagesstunde nimmt sich
die Schaumflche wieder anders aus. Bald werfen die hohen Eilande und die
Palmen ihre gewaltigen Schatten darber, bald bricht sich der Strahl der
untergehenden Sonne in der feuchten Wolke, die den Katarakt einhllt.
Farbige Bogen bilden sich, verschwinden und erscheinen wieder, und im
Spiel der Lfte schwebt ihr Bild ber der Flche.

Solches ist der Charakter der Landschaft, wie sie auf dem Hgel Manimi vor
einem liegt, und die noch kein Reisender beschrieben hat. Ich wiederhole,
was ich schon einmal geuert: weder die Zeit, noch der Anblick der
Cordilleren und der Aufenthalt in den gemigten Thlern von Mexico haben
den tiefen Eindruck verwischt, den das Schauspiel der Katarakten auf mich
gemacht. Lese ich eine Beschreibung indischer Landschaften, deren
Hauptreize strmende Wasser und ein krftiger Pflanzenwuchs sind, so
schwebt mir ein Schaummeer vor, und Palmen, deren Kronen ber einer
Dunstschicht emporragen. Es ist mit den groartigen Naturscenen, wie mit
dem Hchsten in Poesie und Kunst: sie lassen Erinnerungen zurck, die
immer wieder wach werden und sich unser Lebenlang in unsere Empfindung
mischen, so oft etwas Groes und Schnes uns die Seele bewegt.

Die Stille in der Luft und das Toben der Wasser bilden einen Gegensatz,
wie er diesem Himmelsstriche eigenthmlich ist. Nie bewegt hier ein
Windhauch das Laub der Bume, nie trbt eine Wolke den Glanz des blauen
Himmelsgewlbes; eine gewaltige Lichtmasse ist durch die Luft verbreitet,
ber dem Boden, den Gewchse mit glnzenden Blttern bedecken, ber dem
Strom, der sich unabsehbar hinbreitet. Dieser Anblick hat fr den
Reisenden, der im Norden von Europa zu Hause ist, etwas ganz Befremdendes.
Stellt er sich eine wilde Landschaft vor, einen Strom, der von Fels zu
Fels niederstrzt, so denkt er sich auch ein Klima dazu, in dem gar oft
der Donner aus dem Gewlk mit dem Donner der Wasserflle sich mischt, wo
am dstern, nebligten Tage die Wolken in das Thal herunter steigen und in
den Wipfeln der Tannen hngen. In den Niederungen der Festlnder unter den
Tropen hat die Landschaft eine ganz eigene Physiognomie, eine
Groartigkeit und eine Ruhe, die selbst da sich nicht verlugnet, wo eines
der Elemente mit unberwindlichen Hindernissen zu kmpfen hat. In der Nhe
des Aequators kommen heftige Strme und Ungewitter nur auf den Inseln, in
pflanzenlosen Wsten, kurz berall da vor, wo die Luft auf Flchen mit
sehr abweichender Strahlung ruht.

Der Hgel Manimi bildet die stliche Grenze einer Ebene, aus der man
dieselben, fr die Geschichte der Vegetation, das heit ihrer allmhligen
Entwicklung auf nackten, kahlen Bodenstrecken wichtigen Erscheinungen
beobachtet, wie wir sie oben beim Raudal von Atures beschrieben. In der
Regenzeit schwemmt das Wasser Dammerde aus dem Granitgestein zusammen,
dessen kahle Bnke wagerecht daliegen. Diese mit den schnsten,
wohlriechendsten Gewchsen geschmckten Landeilande gleichen den mit
Blumen bedeckten Granitblcken, welche die Alpenbewohner Jardins oder
Courtils nennen, und die in Savoyen mitten aus den Gletschern emporragen.
Mitten in den Katarakten auf ziemlich schwer zugnglichen Klippen wchst
die Vanille. Bonpland hat ungemein gewrzreiche und auerordentlich lange
Schoten gebrochen.

An einem Platz, wo wir Tags zuvor gebadet hatten, am Fu des Felsen
Manimi, schlugen die Indianer eine sieben und einen halben Fu lange
Schlange todt, die wir mit Mue untersuchen konnten. Die Macos nannten sie
_Camudu_; der Rcken hatte auf schn gelbem Grunde theils schwarze, theils
braungrne Querstreifen, am Bauch waren die Streifen blau und bildeten
rautenfrmige Flecken. Es war ein schnes, nicht giftiges Thier, das, wie
die Eingeborenen behaupten, ber 15 Fu lang wird. Ich hielt den Camudu
Anfangs fr eine Boa, sah aber zu meiner Ueberraschung, da bei ihm die
Platten unter dem Schwanze in zwei Reihen getheilt waren. Es war also eine
Natter, vielleicht ein *Python* des neuen Continents; ich sage vielleicht,
denn groe Naturforscher (CUVIER) scheinen anzunehmen, da alle Pythons
der alten, alle Boas der neuen Welt angehren. Da die Boa des Plinius(47)
eine afrikanische und sdeuropische Schlange war, so htte DAUDIN wohl
die amerikanischen Boas Pythons und die indischen Pythons Boas nennen
sollen. Die erste Kunde von einem ungeheuern Reptil, das Menschen, sogar
groe Vierfer packt, sich um sie schlingt und ihnen so die Knochen
zerbricht, das Ziegen und Rehe verschlingt, kam uns zuerst aus Indien und
von der Kste von Guinea zu. So wenig an Namen gelegen ist, so gewhnt man
sich doch nur schwer daran, da es in der Halbkugel, in der Virgil die
Qualen Laokoons besungen hat (die asiatischen Griechen hatten die Sage
weit sdlicheren Vlkern entlehnt), keine _Boa constrictor_ geben soll.
Ich will die Verwirrung in der zoologischen Nomenclatur nicht durch neue
Vorschlge zur Abnderung vermehren, und bemerke nur, da, wo nicht der
groe Haufen der Colonisten in Guyana, doch die Missionre und die
*latinisirten* Indianer in den Missionen [S. Bd. II. Seite 24] ganz gut
die _Traga Venadas_ (Zauberschlangen, chte Boas mit einfachen
Afterschuppen) von den _Culebras de agua_, den dem Camudu hnlichen
Wasserottern (Pythons mit doppelten Afterschuppen), unterscheiden. Die
Traga Venadas haben auf dem Rcken keine Querstreifen, sondern eine Kette
rautenfrmiger oder sechseckiger Flecken. Manche Arten leben vorzugsweise
an ganz trockenen Orten, andere lieben das Wasser, wie die Pythons oder
_Culebras de agua_.

Geht man nach Westen, so sieht man die runden Hgel oder Eilande im
verlassenen Orinocoarm mit denselben Palmen bewachsen, die auf den Felsen
in den Katarakten stehen. Einer dieser Felsen, der sogenannte Keri, ist im
Lande berhmt wegen eines weien, weithin glnzenden Flecks, in dem die
Eingeborenen ein Bild des Vollmonds sehen wollen. Ich konnte die steile
Felswand nicht erklimmen, wahrscheinlich aber ist der weie Fleck ein
mchtiger Quarzknoten, wie zusammenscharende Gnge sie im Granit, der in
Gnei bergeht, hufig bilden. Gegenber dem Keri oder *Mondfelsen*, am
Zwillingshgel Ouivitari, der ein Eiland mitten in den Katarakten ist,
zeigen einem die Indianer mit geheimnivoller Wichtigkeit einen hnlichen
weien Fleck. Derselbe ist scheibenfrmig, und sie sagen, es sey das Bild
der Sonne, Camosi. Vielleicht hat die geographische Lage dieser beiden
Dinge Veranlassung gegeben, sie so zu benennen; Keri liegt gegen
Untergang, Camosi gegen Aufgang. Da die Sprachen die ltesten
geschichtlichen Denkmler der Vlker sind, so haben die Sprachforscher die
Aehnlichkeit des amerikanischen Wortes _Camosi_ mit dem Worte _Camosch_,
das in einem semitischen Dialekt ursprnglich Sonne bedeutet zu haben
scheint, sehr auffallend gefunden. Diese Aehnlichkeit hat zu Hypothesen
Anla gegeben, die mir zum wenigsten sehr gewagt scheinen.(48) Der Gott
der Moabiter, Chamos oder Camosch, der den Gelehrten so viel zu schaffen
gemacht hat, der Apollo Chomeus, von dem Strabo und Ammianus Marcellinus
sprechen, Beelphegor, Amun oder Hamon und Adonis bedeuten ohne Zweifel
alle die Sonne im Wintersolstitium; was will man aber aus einer einzelnen,
zuflligen Lauthnlichkeit in Sprachen schlieen, die sonst nichts mit
einander gemein haben?

Betrachtet man die Namen der von den spanischen Mnchen gestifteten
Missionen, so irrt man sich leicht hinsichtlich der Bevlkerungselemente,
mit denen sie gegrndet worden. Nach Encaramada und Atures brachten die
Jesuiten, als sie diese Drfer erbauten, Maypures-Indianer, aber die
Mission Maypures selbst wurde nicht mit Indianern dieses Namens gegrndet,
vielmehr mit Guipunabis-Indianern, die von den Ufern des Irinida stammen
und nach der Sprachverwandtschaft, sammt den Maypures, Cabres, Avani und
vielleicht den Parent, demselben Zweig der Orinocovlker angehren. Zur
Zeit der Jesuiten war die Mission am Raudal von Maypures sehr ansehnlich;
sie zhlte 600 Einwohner, darunter mehrere weie Familien. Unter der
Verwaltung der Observanten ist die Bevlkerung auf weniger als 60
herabgesunken. Man kann berhaupt annehmen, da in diesem Theile von
Sdamerika die Cultur seit einem halben Jahrhundert zurckgegangen ist,
whrend wir jenseits der Wlder, in den Provinzen in der Nhe der See,
Drfer mit 2000--3000 Indianern finden. Die Einwohner von Maypures sind
ein sanftmthiges, miges Volk, das sich auch durch groe Reinlichkeit
auszeichnet. Die meisten Wilden am Orinoco haben nicht den wsten Hang zu
geistigen Getrnken, dem man in Nordamerika begegnet. Die Otomacos,
Jaruros, Achaguas und Caraiben berauschen sich allerdings oft durch den
bermigen Genu der _Chiza_ und so mancher andern gegohrenen Getrnke,
die sie aus Manioc, Mais und zuckerhaltigen Palmfrchten zu bereiten
wissen; die Reisenden haben aber, wie gewhnlich, fr allgemeine Sitte
ausgegeben, was nur einzelnen Stmmen zukommt. Sehr oft konnten wir
Guahibos oder Macos-Piaroas, die fr uns arbeiteten und sehr erschpft
schienen, nicht vermgen, auch nur ein wenig Branntwein zu trinken. Die
Europer mssen erst lnger in diesen Lndern gesessen haben, ehe sich die
Laster ausbreiten, die unter den Indianern an den Ksten bereits so gemein
sind. In Maypures fanden wir in den Htten der Eingeborenen eine Ordnung
und eine Reinlichkeit, wie man denselben in den Husern der Missionre
selten begegnet.

Sie bauen Bananen und Manioc, aber keinen Mais. Siebzig bis achtzig Pfund
Manioc in Kuchen oder dnnen Scheiben, das landesbliche Brod, kosten
sechs Silberrealen, ungefhr vier Franken. Wie die meisten Indianer am
Orinoco haben auch die in Maypures Getrnke, die man nahrhafte nennen
kann. Eines dieser Getrnke, das im Lande sehr berhmt ist, wird von einer
Palme gewonnen, die in der Nhe der Mission, am Ufer des Auvana wild
wchst. Dieser Baum ist der Seje; ich habe an Einer Blthentraube 44,000
Blthen geschtzt; der Frchte, die meist unreif abfallen, waren 8000. Es
ist eine kleine fleischigte Steinfrucht. Man wirft sie ein paar Minuten
lang in kochendes Wasser, damit sich der Kern vom Fleische trennt, das
zuckers ist, und sofort in einem groen Gef mit Wasser zerstampft und
zerrieben wird. Der kalte Aufgu gibt eine gelblichte Flssigkeit, die wie
Mandelmilch schmeckt. Man setzt manchmal _Papelon_ oder Rohzucker zu. Der
Missionar versichert, die Eingeborenen werden in den zwei bis drei
Monaten, wo sie Seje-Saft trinken, sichtlich fetter; sie brocken
Cassavekuchen hinein. Die _Piaches_, oder indianischen Gaukler, gehen in
die Wlder und blasen unter der Sejepalme auf dem _Botuto_ (der heiligen
Trompete). Dadurch, sagen sie, wird der Baum gezwungen im folgenden
Jahr reichen Ertrag zu geben. Das Volk bezahlt fr diese Ceremonie, wie
man bei den Mongolen, Mauren, und manchen Vlkern noch nher bei uns,
Schamanen, Marabouts und andere Arten von Priestern dafr bezahlt, da sie
mit Zaubersprchen oder Gebeten die weien Ameisen und die Heuschrecken
vertreiben, oder lang anhaltendem Regen ein Ende machen und die Ordnung
der Jahreszeiten verkehren.

_Tengo en mi pueblo la fabrica de loza._ (ich habe in meinem Dorfe eine
Steingutfabrik), sprach Pater Zea und fhrte uns zu einer indianischen
Familie, die beschftigt war, unter freiem Himmel an einem Feuer von
Strauchwerk groe, zwei und einen halben Fu hohe Thongefe zu brennen.
Dieses Gewerbe ist den verschiedenen Zweigen des groen Volksstamms der
Maypures eigenthmlich und sie scheinen dasselbe seit unvordenklicher Zeit
zu treiben. Ueberall in den Wldern, weit von jedem menschlichen Wohnsitz,
stt man, wenn man den Boden aufgrbt, auf Scherben von Tpfen und
bemaltem Steingut. Die Liebhaberei fr diese Arbeit scheint frher unter
den Ureinwohnern Nord- und Sdamerikas gleich verbreitet gewesen zu seyn.
Im Norden von Mexico, am Rio Gila, in den Trmmern einer aztekischen
Stadt, in den Vereinigten Staaten bei den Grabhgeln der Miamis, in
Florida und berall, wo sich Spuren einer alten Cultur finden, birgt der
Boden Scherben von bemalten Geschirren. Und hchst auffallend ist die
durchgngige groe Aehnlichkeit der Verzierungen. Die wilden und solche
civilisirten Vlker, die durch ihre staatlichen und religisen
Einrichtungen dazu verurtheilt sind, immer nur sich selbst zu copiren,
(49) treibt ein gewisser Instinkt, immer dieselben Formen zu wiederholen,
an einem eigenthmlichen Typus oder Styl festzuhalten, immer nach
denselben Handgriffen und Methoden zu arbeiten, wie schon die Vorfahren
sie gekannt. In Nordamerika wurden Steingutscherben an den
Befestigungslinien und in den Ringwllen gefunden, die von einem
unbekannten, gnzlich ausgestorbenen Volke herrhren. Die Malereien auf
diesen Scherben haben die auffallendste Aehnlichkeit mit denen, welche die
Eingeborenen von Louisiana und Florida noch jetzt auf gebranntem Thon
anbringen. So malten denn auch die Indianer in Maypures unter unsern Augen
Verzierungen, ganz wie wir sie in der Hhle von Ataruipe auf den Gefen
gesehen, in denen menschliche Gebeine aufbewahrt sind. Es sind wahre
_'Grecques'_ Manderlinien, Figuren von Krokodilen, von Affen, und von
einem groen vierfigen Thier, von dem ich nicht wute, was es vorstellen
soll, das aber immer dieselbe plumpe Gestalt hat. Ich knnte bei dieser
Gelegenheit eines Kopfs mit einem Elephantenrssel gedenken, den ich im
Museum zu Velletri auf einem alten mexicanischen Gemlde gefunden; ich
knnte keck die Hypothese aufstellen, das groe vierfige Thier auf den
Tpfen der Maypures gehre einem andern Lande an und der Typus desselben
habe sich auf der groen Wanderung der amerikanischen Vlker von Nordwest
nach Sd und Sdost in der Erinnerung erhalten; wer wollte sich aber bei
so schwankenden, auf nichts sich sttzenden Vermuthungen aufhalten? Ich
mchte vielmehr glauben, die Indianer am Orinoco haben einen Tapir
vorstellen wollen, und die verzeichnete Figur eines einheimischen Thiers
sey einer der Typen geworden, die sich forterben. Oft hat nur Ungeschick
und Zufall Figuren erzeugt, ber deren Herkunft wir gar ernsthaft
verhandeln, weil wir nicht anders glauben, als es liege ihnen eine
Gedankenverbindung, eine absichtliche Nachahmung zu Grunde.

Am geschicktesten fhren die Maypures Verzierungen aus geraden, mannigfach
combinirten Linien aus, wie wir sie auf den grogriechischen Vasen, auf
den mexicanischen Gebuden in Mitla und auf den Werken so vieler Vlker
sehen, die, ohne da sie mit einander in Verkehr gestanden, eben gleiches
Vergngen daran finden, symmetrisch dieselben Formen zu wiederholen. Die
Arabesken, die Mander vergngen unser Auge, weil die Elemente, aus denen
die Bnder bestehen, in rhythmischer Folge an einander gereiht sind. Das
Auge verhlt sich zu dieser Anordnung, zu dieser periodischen Wiederkehr
derselben Formen wie das Ohr zur taktmigen Aufeinanderfolge von Tnen
und Accorden. Kann man aber in Abrede ziehen, da beim Menschen das Gefhl
fr den Rhythmus schon beim ersten Morgenroth der Cultur, in den rohesten
Anfngen von Gesang und Poesie zum Ausdruck kommt?

Die Eingeborenen in Maypures (und besonders die Weiber verfertigen das
Geschirr) reinigen den Thon durch wiederholtes Schlemmen, kneten ihn zu
Cylindern und arbeiten mit den Hnden die grten Gefe aus; Der
amerikanische Indianer wei nichts von der Tpferscheibe, die sich bei den
Vlkern des Orients aus dem frhesten Alterthum herschreibt. Man kann sich
nicht wundern, da die Missionre die Eingeborenen am Orinoco nicht mit
diesem einfachen, ntzlichen Werkzeug bekannt gemacht haben, wenn man
bedenkt, da es nach drei Jahrhunderten noch nicht zu den Indianern auf
der Halbinsel Araya, dem Hafen von Cumana gegenber, gedrungen ist.[S.
Bd. I. Seite 273] Die Farben der Maypures sind Eisen- und Manganoxyde,
besonders gelber und rother Ocker, der in Hhlungen des Sandsteins
vorkommt. Zuweilen wendet man das Satzmehl der _Bignonia Chica_ an,
nachdem das Geschirr einem ganz schwachen Feuer ausgesetzt worden. Man
berzieht die Malerei mit einem Firni von _Algarobo_, dem durchsichtigen
Harz der _Hymenaea Courbaril_. Die groen Gefe zur Aufbewahrung der
_Chiza_ heien _Ciamacu_, die kleineren _Mucra_, woraus die Spanier an der
Kste _Murcura_ gemacht haben. Uebrigens wei man am Orinoco nicht allein
von den Maypures, sondern auch von den Guaypunabis, Caraiben, Otomacos und
selbst von den Guamos, da sie Geschirr mit Malereien verfertigen. Frher
war dieses Gewerbe bis zum Amazonenstrom hin verbreitet. Schon ORELLANA
fielen die gemalten Verzierungen auf dem Geschirr der Omaguas aus, die zu
seiner Zeit ein zahlreiches, handeltreibendes Volk waren.

Ehe ich von diesen Spuren eines keimenden Gewerbfleies bei Vlkern, die
wir ohne Unterschied als Wilde bezeichnen, zu etwas Anderem bergehe,
mache ich noch eine Bemerkung, die ber die Geschichte der amerikanischen
Civilisation einiges Licht verbreiten kann. In den Vereinigten Staaten,
ostwrts von den Alleghanis, besonders zwischen dem Ohio und den groen
canadischen Seen, findet man im Boden fast berall bemalte Topfscherben
und daneben kupferne Werkzeuge. Die erscheint auffallend in einem Lande,
wo die Eingeborenen bei der Ankunft der Europer mit dem Gebrauch der
Metalle unbekannt waren. In den Wldern von Sdamerika, die sich vom
Aequator bis zum achten Grad nrdlicher Breite, das heit vom Fue der
Anden bis zum atlantischen Meer ausdehnen, findet man dasselbe bemalte
Tpfergeschirr an den einsamsten Orten; aber es kommen damit nur knstlich
durchbohrte Aexte aus Nephrit und anderem hartem Stein vor. Niemals hat
man dort im Boden Werkzeuge oder Schmucksachen aus Metall gefunden,
obgleich man in den Gebirgen an der Kste und auf dem Rcken der
Cordilleren Gold und Kupfer zu schmelzen und letzteres mit Zinn zur
Verfertigung von schneidenden Werkzeugen zu legiren verstand. Woher rhrt
dieser scharfe Gegensatz zwischen der gemigten und der heien Zone? Die
peruanischen Incas hatten ihre Eroberungen und Religionskriege bis an den
Napo und den Amazonenstrom ausgedehnt, und dort hatte sich auch ihre
Sprache auf einem beschrnkten Landstrich verbreitet; aber niemals scheint
die Cultur der Peruaner, der Bewohner von Quito und der Muyscas in
Neu-Grenada auf den moralischen Zustand der Vlker von Guyana irgend einen
merklichen Einflu geuert zu haben. Noch mehr: in Nordamerika, zwischen
dem Ohio, dem Miami und den Seen, hat ein unbekanntes Volk, das die
Systematiker von den Tolteken und Azteken abstammen lassen mchten, aus
Erde, zuweilen sogar aus Steinen(50) ohne Mrtel zehn bis fnfzehn Fu
hohe und sieben bis achttausend Fu lange Mauern gebaut. Diese
rthselhaften Ringwlle und Ringmauern umschlieen oft gegen 150 Morgen
Land. Bei den Niederungen am Orinoco, wie bei den Niederungen an der
Marietta, am Miami und Ohio liegt der Mittelpunkt einer alten Cultur
westwrts auf dem Rcken der Gebirge; aber der Orinoco und die Lnder
zwischen diesem groen Flu und dem Amazonenstrom scheinen niemals von
Vlkern bewohnt gewesen zu seyn, deren Bauten dem Zahn der Zeit
widerstanden htten. Sieht man dort auch symbolische Figuren ins hrteste
Felsgestein eingegraben, so hat man doch sdlich vom achten Breitengrade
bis jetzt nie weder einen Grabhgel, noch einen Ringwall, noch Erddmme
gefunden, wie sie weiter nordwrts auf den Ebenen von Barinas und Canagua
vorkommen. Solches ist der Gegensatz zwischen den stlichen Stcken der
beiden Amerika, zwischen denen, die sich von der Hochebene von
Cundinamarca und den Gebirgen von Cayenne gegen das atlantische Meer
ausbreiten, und denen, die von den Anden von Neu-Spanien gegen die
Alleghanis hinstreichen. In der Cultur vorgeschrittene Vlker, deren
Spuren uns am Ufer des Sees Teguyo und in den *Casas grandes* am Rio Gila
entgegen treten, mochten einzelne Stmme gegen Ost in die offenen Fluren
am Missouri und Ohio vorschieben, wo das Klima nicht viel anders ist als
in Neu-Mexico; aber in Sdamerika, wo die groe Vlkerstrmung von Nord
nach Sd ging, konnten Menschen, die schon so lange auf dem Rcken der
tropischen Cordilleren einer milden Temperatur genossen, keine Lust haben,
in die glhend heien, mit Urwald bedeckten, periodisch von den Flssen
berschwemmten Ebenen niederzusteigen. Man sieht leicht, wie in der heien
Zone die Ueberflle des Pflanzenwuchses, die Beschaffenheit von Boden und
Klima die Wanderungen der Eingeborenen in starken Haufen beschrnkten,
Niederlassungen, die eines weiten freien Raumes bedrfen, nicht aufkommen
lieen, das Elend und die Versunkenheit der vereinzelten Horden
verewigten.

Heutzutage geht die schwache Cultur, wie die spanischen Mnche sie
eingefhrt, wieder rckwrts. PATER GILI berichtet, zur Zeit der
Grenzexpedition habe der Ackerbau am Orinoco angefangen Fortschritte zu
machen; das Vieh, besonders die Ziegen hatten sich in Maypures bedeutend
vermehrt. Wir haben weder in dieser Mission, noch sonst in einem Dorfe am
Orinoco mehr welche angetroffen; die Tiger haben die Ziegen gefressen. Nur
die schwarzen und weien Schweine (letztere heien franzsische Schweine,
_puercos franceses_ weil man glaubt, sie seyen von den Antillen gekommen)
haben trotz der reienden Thiere ausgedauert. Mit groem Interesse sahen
wir um die Htten der Indianer _'Guacamayas'_ oder zahme Aras, die auf den
Feldern herumflogen wie bei uns die Tauben. Es ist die die grte und
prchtigste Papagaienart mit nicht befiederten Wangen, die wir aus unsern
Reisen angetroffen. Sie mit mit dem Schwanz 2 Fu 3 Zoll, und wir haben
sie auch am Atabapo, Temi und Rio Negro gefunden. Das Fleisch des _Cahuei_
-- so heit hier der Vogel -- das hufig gegessen wird, ist schwarz und
etwas hart. Diese Aras, deren Gefieder in den brennendsten Farben,
purpurroth, blau und gelb, schimmert, sind eine groe Zierde der
indianischen Hhnerhfe. Sie stehen an Pracht den Pfauen, Goldfasanen,
Pauxis und Alectors nicht nach. Die Sitte, Papagaien, Vgel aus einer dem
Hhnergeschlecht so ferne stehenden Familie aufzuziehen, war schon
CHRISTOPH COLUMBUS aufgefallen. Gleich bei der Entdeckung Amerikas hatte
er beobachtet, da die Eingeborenen auf den Antillen statt Hhner Aras
oder groe Papagaien aen.

Beim kleinen Dorfe Maypures wchst ein prchtiger, ber 60 Fu hoher Baum,
den die Colonisten _'Frutta de Burro'_ nennen. Es ist eine neue Gattung
_Unona_, die den Habitus von AUBLETs _Uvaria Zeylandica_ hat und die ich
frher _Uvaria febrifuga_ benannt hatte. Ihre Zweige sind gerade und
stehen pyramidalisch aufwrts, fast wie bei der Pappel vom Mississippi,
flschlich italienische Pappel genannt. Der Baum ist berhmt, weil seine
aromatischen Frchte, als Ausgu gebraucht, ein wirksames Fiebermittel
sind. Die armen Missionare am Orinoco, die den grten Theil des Jahres am
dreitgigen Fieber leiden, reisen nicht leicht, ohne ein Sckchen mit
_fruttas de Burro_ bei sich zu fhren. Unter den Tropen braucht man meist
lieber aromatische Mittel, z. B. sehr starken Kaffee, _Croton Cascarilla_
oder die Fruchthlle unserer Unona, als die adstringirenden Rinden der
_Cinchona_ und der _Bonplandia trifoliata_ welch letztere die China von
Angostura ist. Das amerikanische Volk hat ein tief wurzelndes Vorurtheil
gegen den Gebrauch der verschiedenen Chinaarten, und in dem Lande, wo
dieses herrliche Heilmittel wchst, sucht man die Fieber durch Aufgsse
von _Scoparia dulcis_ _'abzuschneiden'_, oder auch durch warme Limonade
aus Zucker und der kleinen wilden Citrone, deren Rinde ligt und
aromatisch zugleich ist.

Das Wetter war astronomischen Beobachtungen nicht gnstig; indessen
erhielt ich doch am 20. April eine gute Reihe eorrespondirender
Sonnenhhen, nach denen der Chronometer fr die Mission Maypures
70 37{~PRIME~} 33{~DOUBLE PRIME~} Lnge ergab; die Breite wurde durch Beobachtung eines Sterns
gegen Norden gleich 59 13{~PRIME~} 57{~DOUBLE PRIME~} gefunden. Die neuesten Karten sind in der
Lnge um 1/2 Grad, in der Breite um 1/4 Grad unrichtig. Wie mhsam und
qualvoll diese nchtlichen Beobachtungen waren, vermchte ich kaum zu
beschreiben. Nirgends war die Moskitowolke so dick wie hier. Sie bildete
ein paar Fu ber dem Boden gleichsam eine eigene Schicht und wurde immer
dichter, je nher man gegen den knstlichen Horizont hinleuchtete. Die
meisten Einwohner von Maypures gehen aus dem Dorf und schlafen auf den
Inseln mitten in den Katarakten, wo es weniger Insekten gibt; andere
machen aus Strauchwerk Feuer in ihren Htten an und hngen ihre Matten
mitten in den Rauch. Der Thermometer stand bei Nacht auf 27 und 29, bei
Tag auf 30. Am 19. April fand ich um zwei Uhr Nachmittags einen losen,
grobkrnigen Granitsand 60,3 [48,2 Reaumur, Grser von frischestem Grn
wuchsen in diesem Sand], einen gleichfalls weien, aber feinkrnigen und
dichteren Granitsand 52,5 hei; die Temperatur eines kahlen Granitfelsen
war 47,6. Zu derselben Stunde zeigte der Thermometer 8 Fu ber dem Boden
im Schatten 29,6, in der Sonne 36,2. Eine Stunde nach Sonnenuntergang
zeigte der grobe Sand 32, der Granitfels 38,8, die Luft 28,6, das
Wasser des Orinoco im Raudal, an der Oberflche, 27,6, das Wasser einer
schnen Quelle, die hinter dem Haus der Missionare aus dem Granit kommt,
27,8. Es ist die vielleicht etwas weniger als die mittlere
Jahrestemperatur der Luft in Maypures. Die Inclination der Magnetnadel in
Maypures betrug 31,10, also 1,15 weniger als im Dorfe Atures, das um
25 Minuten der Breite weiter nach Norden liegt.

Am 21. April. Nach einem Aufenthalt von zwei und einem halben Tag im
kleinen Dorfe Maypures neben dem obern groen Katarakt schifften wir uns
um zwei Uhr Nachmittags in derselben Pirogue wieder ein, die der Missionr
von Carichana uns berlassen; sie war vom Schlagen an die Klippen und
durch die Unvorsichtigkeit der indianischen Schiffsleute ziemlich
beschdigt; aber ihrer warteten noch grere Fahrlichkeiten. Sie mute vom
Rio Tuamini zum Rio Negro ber eine Landenge 36,000 Fu weit geschleppt
werden, sie mute ber den Cassiquiare wieder in den Orinoco herauf und
zum zweitenmal durch die beiden Raudales. Man untersuchte Boden und
Seitenwnde der Pirogue und meinte, sie sey stark genug, die lange Reise
auszuhalten.

Sobald man ber die groen Katarakten weg ist, befindet man sich in einer
neuen Welt; man fhlt es, man hat die Schranke hinter sich, welche die
Natur selbst zwischen den cultivirten Kstenstrichen und den wilden,
unbekannten Lndern im Innern gezogen zu haben scheint. Gegen Ost in
blauer Ferne zeigte sich zum letztenmale die hohe Bergkette des Cunavami;
ihr langer wagerechter Kamm erinnert an die Gestalt der Mesa im Bergantin
bei Cumana, nur endigt sie mit einem abgestutzten Kegel. Der Pic
Calitamini (so heit dieser Gipfel) ist bei Sonnenuntergang wie von
rthlichem Feuer bestrahlt, und zwar einen Tag wie den andern. Kein Mensch
ist je diesem Berge nahe gekommen, der nicht ber 600 Toisen hoch ist.(51)
Ich glaube, dieser gewhnlich rthliche, zuweilen silberweie Schimmer ist
ein Reflex von groen Talgblttern oder von Gnei, der in Glimmerschiefer
bergeht. Das ganze Land besteht hier aus Granitgestein, dem da und dort,
auf kleinen Ebenen, unmittelbar ein thonigter Sandstein mit Quarztrmmern
und Brauneisenstein aufgelagert ist.

Auf dem Wege zum Landungsplatz fingen wir auf einem Heveastamm [Einer der
Bume, deren Milch Cautschuc gibt.] eine neue, durch ihre schne Frbung
ausgezeichnete Froschart. Der Bauch war gelb, Rcken und Kopf schn
sammtartig purpurfarb; ein einziger ganz schmaler weier Streif lief von
der Spitze des Mauls zu den Hinterbeinen. Der Frosch war zwei Zoll lang,
nahe verwandt der _Rana tinctoria_, deren Blut (wie man behauptet), wenn
man es Papagaien da, wo man ihnen Federn ausgerauft, in die Haut einreibt,
macht, da die neuen gelben oder rothen Federn scheckigt werden. Den Weg
entlang zeigten uns die Indianer etwas, was hier zu Land allerdings sehr
merkwrdig ist, Rderspuren im Gestein. Sie sprachen, wie von einem
unbekannten Geschpf, von den Thieren mit groen Hrnern, welche zur Zeit
der Grenzexpedition die Fahrzeuge durch das Thal des Keri vom Rio Toparo
zum Rio Cameji gezogen, um die Katarakten zu umgehen und die Mhe des
Umladens zu ersparen. Ich glaube, diese armen Einwohner von Maypures
wunderten sich jetzt beim Anblick eines Ochsen von castilischer Race, wie
die Rmer ber die _'lucanischen Ochsen'_ (die Elephanten im Heere des
Pyrrhus).

Wenn man durch das Thal des Keri einen Canal zge, der die kleinen Flsse
Cameji und Toparo vereinigte, brauchten die Piroguen nicht mehr durch die
Raudales zu gehen. Auf diesem ganz einfachen Gedanken beruht der Plan, den
ich im ersten Entwurf durch den Generalcapitn von Caracas, Guevara
Basconzelos, der spanischen Regierung habe vorlegen lassen. Beim Katarakt
von Maypures sind die Bodenverhltnisse so gnstig, wie man sie bei Atures
vergeblich suchte. Der Canal wrde 2850 oder 1360 Toisen lang, je nachdem
man ihn nahe an der Mndung der beiden Flchen oder weiter ihren Quellen
zu anfangen liee. Das Terrain scheint im Durchschnitt von Sd Sd Ost
nach Nord Nord West um 6--7 Toisen zu fallen, und im Thal des Keri ist der
Boden ganz eben, mit Ausnahme eines kleinen Kamms oder einer
Wasserscheide, welche im Parallel der Kirche von Maypures die beiden
Nebenflsse des Stromes nach entgegengesetzten Seiten laufen lt. Die
Ausfhrung dieses Plans wre durchaus nicht kostspielig, da die Landenge
grtentheils aus angeschwemmtem Boden besteht, und Pulver htte man dabei
gar nicht nthig. Dieser Canal, der nicht ber zehn Fu breit zu seyn
brauchte, wre als ein schiffbarer Arm des Orinoco zu betrachten. Es
bedrfte keiner Schleue, und die Fahrzeuge, die in den obern Orinoco
gehen, wrden nicht mehr wie jetzt durch die Reibung an den rauhen Klippen
im Raudal beschdigt; man zge sie hinauf, und da man die Waaren nicht
mehr auszuladen brauchte, wrde viel Zeit erspart. Man hat die Frage
errtert, wozu der von mir in Vorschlag gebrachte Canal dienen sollte.
Hier ist die Antwort, die ich im Jahr 1801 auf meiner Reise nach Quito dem
Ministerium ertheilt habe: Auf den Bau eines Canals bei Maypures und
eines andern, von dem in der Folge die Rede seyn wird, lege ich nur in der
Voraussetzung Gewicht, da die Regierung sich mit Handel und Gewerbflei
am obern Orinoco ernstlich beschftigen wollte. Unter den gegenwrtigen
Verhltnissen, da, wie es scheint, die Ufer des majesttischen Stromes
gnzlich vernachlssigt bleiben sollen, wren Canle allerdings so gut wie
berflssig.

Nachdem wir uns im *Puerto de arriba* eingeschifft, gingen wir mit
ziemlicher Beschwerde ber den Raudal de Cameji; diese Stelle gilt bei
sehr hohem Wasserstand fr gefhrlich. Jenseits des Raudals fanden wir den
Strom spiegelglatt. Wir bernachteten auf einer felsigten Insel, genannt
Piedra Raton; sie ist gegen dreiviertel Meilen lang, und auch hier
wiederholt sich die interessante Erscheinung einer in der Entwicklung
begriffenen Vegetation, jener zerstreuten Gruppen von Buschwerk auf ebenem
Felsboden, wovon schon fters die Rede war. Ich konnte in der Nacht
mehrere Sternbeobachtungen machen und fand die Breite der Insel gleich
5 4{~PRIME~} 51{~DOUBLE PRIME~}, ihre Lnge gleich 70 57{~PRIME~}. Ich konnte die im Strom reflektirten
Sternbilder bentzen; obgleich wir uns mitten im Orinoco befanden, war die
Moskitowolke so dick, da ich nicht die Geduld hatte, den knstlichen
Horizont zu richten.

Am 22. April. Wir brachen anderthalb Stunden vor Sonnenaufgang auf. Der
Morgen war feucht, aber herrlich; kein Lftchen lie sich spren, denn
sdlich von Atures und Maypures herrscht bestndig Windstille. Am Rio
Negro und Cassiquiare, am Fu des Cerro Duida in der Mission Santa Barbara
hrten wir niemals das Rauschen des Laubs, das in heien Lndern einen
ganz eigenthmlichen Reiz hat. Die Krmmungen des Stroms, die schtzenden
Berge, die undurchdringlichen Wlder und der Regen, der einen bis zwei
Grade nrdlich vom Aequator fast gar nicht aussetzt, mgen diese
Erscheinung veranlassen, die den Missionen am Orinoco eigenthmlich ist.

In dem unter sdlicher Breite, aber eben so weit vom Aequator gelegenen
Thal des Amazonenstroms erhebt sich alle Tage, zwei Stunden nach der
Culmination der Sonne, ein sehr starker Wind. Derselbe weht immer gegen
die Strmung und wird nur im Flubett selbst gesprt. Unterhalb San Borja
ist es ein Ostwind; in Tomependa fand ich ihn zwischen Nord und Nord Nord
Ost. Es ist immer die Brise, der von der Umdrehung der Erde herrhrende
Wind, der aber durch kleine rtliche Verhltnisse bald diese, bald jene
Richtung bekommt. Mit diesem bestndigen Wind segelt man von Gran Para bis
Tefe, 750 Meilen weit, den Amazonenstrom hinauf. In der Provinz Jaen de
Bracamoros, am Fu des Westabhangs der Cordilleren, tritt dieser vom
atlantischen Meere herkommende Wind zuweilen als ein eigentlicher Sturm
auf. Wenn man auf das Fluufer zugeht, kann man sich kaum auf den Beinen
halten; so auffallend anders sind die Verhltnisse am obern Orinoco und am
obern Amazonenstrom.

Sehr wahrscheinlich ist es diesem bestndig wehenden Winde zuzuschreiben,
da der Amazonenstrom so viel gesunder ist. In der stockenden Luft am
obern Orinoco sind die chemischen Affinitten eingreifender und es
entwickeln sich mehr schdliche Miasmen. Die bewaldeten Ufer des
Amazonenstroms wren eben so ungesund, wenn nicht der Flu, gleich dem
Niger, seiner ungeheuren Lnge nach von West nach Ost, also in der
Richtung der Passatwinde, gerade fortliefe. Das Thal des Amazonenstroms
ist nur an seinem westlichen Ende, wo es der Cordillere der Anden nahe
rckt, geschlossen. Gegen Ost, wo der Seewind auf den neuen Continent
trifft, erhebt sich das Gestade kaum ein paar Fu ber den Spiegel des
atlantischen Meeres. Der obere Orinoco luft Anfangs von Ost nach West,
und dann von Nord nach Sd. Da wo sein Lauf dem des Amazonenstroms
ziemlich parallel ist, liegt zwischen ihm und dem atlantischen Meer ein
sehr gebirgiges Land, der Gebirgsstock der Parime und des hollndischen
und franzsischen Guyana, und lt den Rotationswind nicht nach Esmeralda
kommen; erst vom Einflu des Apure an, von wo der untere Orinoco von West
nach Ost ber eine weite, dem atlantischen Meer zu offene Ebene luft,
fngt der Wind an krftig aufzutreten; dieses Stromstck ist daher auch
nicht so ungesund als der obere Orinoco.

Als dritten Vergleichungspunkt fhre ich das Thal des Magdalenenstromes
an. Derselbe behlt, wie der Amazonenstrom, immer dieselbe Richtung, aber
sie ist ungnstig, weil sie nicht mit der des Seewinds zusammenfllt,
sondern von Sd nach Nord geht. Obgleich im Striche der Passatwinde
gelegen, hat der Magdalenenstrom eine so stockende Luft wie der obere
Orinoco. Vom Canal Mahates bis Honda, namentlich sdlich von der Stadt
Mompox, sprten wir niemals etwas von Wind, auer beim Anzug nchtlicher
Gewitter. Kommt man dagegen auf dem Flu ber Honda hinauf, so findet man
die Luft ziemlich oft in Bewegung. Die sehr starken Winde, die sich im
Thale des Neiva verfangen, sind als ungemein hei weit berufen. Man mag es
anfangs auffallend finden, da die Windstille aufhrt, wenn man im obern
Stromlauf dem Gebirge nher kommt; aber es erscheint erklrlich, wenn man
bedenkt, da die trockenen heien Winde in den Llanos am Neiva von
niedergehenden Luftstrmungen herrhren. Kalte Luftsulen strzen von den
*Nevadas* von Quindiu und Guanacas in das Thal nieder und jagen die untern
Luftschichten vor sich her. Ueberall unter den Tropen, wie in der
gemigten Zone, entstehen durch die ungleiche Erwrmung des Bodens und
durch die Nhe schneebedeckter Gebirge rtliche Luftstrmungen. Jene sehr
starken Winde am Neiva kommen nicht daher, da die Passatwinde
zurckgeworfen wrden; sie entstehen vielmehr da, wohin der Seewind nicht
gelangen kann, und wenn die meist ganz mit Bumen bewachsenen Berge am
obern Orinoco hher wren, so wrden sie in der Luft dieselben raschen
Gleichgewichtsstrungen hervorbringen, wie wir sie in den Gebirgen von
Peru, Abyssinien und Tibet beobachten. Dieser genaue ursachliche
Zusammenhang zwischen der Richtung der Strme, der Hhe und Stellung der
anliegenden Gebirge, den Bewegungen der Atmosphre und der Salubritt des
Klima verdient die grte Aufmerksamkeit. Wie ermdend und unfruchtbar
wre doch das Studium der Erdoberflche und ihrer Unebenheiten, wenn es
nicht aus allgemeinen Gesichtspunkten aufgefat wrde!

Sechs Meilen von der Insel Piedra Raton kam zuerst ostwrts die Mndung
des Rio Sipapo, den die Indianer Tipapu nennen, dann westwrts die Mndung
des Rio Vichada. In der Nhe der letzteren bilden Felsen ganz unter Wasser
einen kleinen Fall, einen _'Raudalito'_. Der Rio Sipapo, den PATER GILI im
Jahr 1757 hinauffuhr und der nach ihm zweimal breiter ist als der Tiber,
kommt aus einer ziemlich bedeutenden Bergkette. Im sdlichen Theil trgt
dieselbe den Namen des Flusses und verbindet sich mit dem Bergstock des
Calitamini und Cunavami. Nach dem Pic von Duida, der ber der Mission
Esmeralda aufsteigt, schienen mir die Cerros de Sipapo die hchsten in der
ganzen Cordillere der Parime. Sie bilden eine ungeheure Felsmauer, die
schroff aus der Ebene aussteigt und deren von Sd Sd Ost nach Nord Nord
West gerichteter Kamm ausgezackt ist. Ich denke, aufgethrmte Granitblcke
bringen diese Einschnitte, diese Auszackung hervor, die man auch am
Sandstein des Montserrat in Catalonien beobachtet. Jede Stunde war der
Anblick der Cerros de Sipapo wieder ein anderer. Bei Sonnenaufgang gibt
der dichte Pflanzenwuchs den Bergen die dunkelgrne, ins Brunlichte
spielende Farbe, wie sie Landstrichen eigen ist, wo Bume mit lederartigen
Blttern vorherrschen. Breite, scharfe Schatten fallen ber die anstoende
Ebene und stechen ab vom glnzenden Licht, das auf dem Boden, in der Luft
und auf der Wasserflche verbreitet ist. Aber um die Mitte des Tages, wenn
die Sonne das Zenith erreicht, verschwinden diese krftigen Schatten
allmhlig und die ganze Kette hllt sich in einen leisen Dust, der weit
satter blau ist als der niedrige Strich des Himmelsgewlbes. In diesem um
den Felskamm schwebenden Dust verschwimmen halb die Umrisse, werden die
Lichteffekte gedmpft, und so erhlt die Landschaft das Geprge der Ruhe
und des Friedens, das in der Natur, wie in den Werken CLAUDE LORRAINs und
POUSSINs, aus der Harmonie zwischen Form und Farbe entspringt.

Hinter diesen Bergen am Sipapo lebte lange Cruzero, der mchtige Huptling
der Guaypunabis, nachdem er mit seiner kriegerischen Horde von den Ebenen
zwischen dem Rio Irinida und dem Chamochiquini abgezogen war. Die Indianer
versicherten uns, in den Wldern am Sipapo wachse in Menge der _'Vehuco de
Maimure'_. Dieses Schlinggewchs ist den Indianern sehr wichtig, weil sie
Krbe und Matten daraus verfertigen. Die Wlder am Sipapo sind vllig
unbekannt, und die Missionre versetzen hieher das Volk der _'Rayas'_,(52)
die den Mund am Nabel haben. Ein alter Indianer, den wir in Carichana
antrafen und der sich rhmte oft Menschenfleisch gegessen zu haben, hatte
diese kopflosen Menschen mit eigenen Augen gesehen. Diese abgeschmackten
Mhrchen haben sich auch in den Llanos verbreitet, und dort ist es nicht
immer gerathen, die Existenz der Rayas-Indianer in Zweifel zu ziehen. In
allen Himmelsstrichen ist Unduldsamkeit die Gefhrtin der
Leichtglubigkeit, und man knnte meinen, die Hirngespinnste der alten
Erdbeschreiber seyen aus der einen Halbkugel in die andere gewandert, wenn
man nicht wte, da die seltsamsten Ausgeburten der Phantasie, gerade wie
die Naturbildungen, berall in Aussehen und Gestaltung eine gewisse
Aehnlichkeit zeigen.

Bei der Mndung des Rio Vichada oder Visata stiegen wir aus, um die
Pflanzen des Landstrichs zu untersuchen. Die Gegend ist hchst merkwrdig;
der Wald ist nicht sehr dicht und eine Unzahl kleiner Felsen steht frei
auf der Ebene. Es sind prismatische Steinmassen und sie sehen wie
verfallene Pfeiler, wie einzeln stehende fnfzehn bis zwanzig Fu hohe
Thrmchen aus. Die einen sind von den Bumen des Waldes beschattet, bei
andern ist der Gipfel von Palmen gekrnt. Die Felsen sind Granit, der in
Gnei bergeht. Befnde man sich hier nicht im Bereich des Urgebirgs, man
glaubte sich in die Felsen von Adersbach in Bhmen oder von Streitberg und
Fantasie in Franken versetzt. Sandstein und secundrer Kalkstein knnen
keine groteskeren Formen annehmen. An der Mndung des Vichada sind die
Granitfelsen, und was noch weit auffallender ist, der Boden selbst mit
Moosen und Flechten bedeckt. Letztere haben den Habitus von _Cladonia
pyxidata_ und _Lichen rangiferinus_, die im nrdlichen Europa so hufig
vorkommen. Wir konnten kaum glauben, da wir uns keine hundert Toisen ber
dem Meer, unter dem fnften Breitegrad mitten in der heien Zone befanden,
von der man so lange glaubte, da keine kryptogamischen Gewchse in ihr
vorkommen. Die mittlere Temperatur dieses schattigen feuchten Ortes
betrgt wahrscheinlich ber 26 Grad des hunderttheiligen Thermometers. In
Betracht des wenigen Regens, der bis jetzt gefallen war, wunderten wir uns
ber das schne Grn der Wlder. Dieser Umstand ist fr das obere
Orinocothal charakteristisch; an der Kste von Caracas und in den Llanos
werfen die Bume ihr Laub im Winter(53) ab und man sieht am Boden nur
gelbes, vertrocknetes Gras. Zwischen den eben beschriebenen freistehenden
Felsen wuchsen mehrere groe Stmme Sulencactus (_Cactus
septemangularis_), was sdlich von den Katarakten von Atures und Maypures
eine groe Seltenheit ist.

Am selben malerischen Ort hatte Bonpland das Glck, mehrere Stmme von
_Laurus cinnamomoides_ anzutreffen, eines sehr gewrzreichen Zimmtbaumes,
der am Orinoco unter dem Namen _'Varimacu'_ und _'Canelilla'_ bekannt
ist.(54) Dieses kostbare Produkt kommt auch im Thale des Rio Caura, wie
bei Esmeralda und stlich von den groen Katarakten vor. Der Jesuit
FRANCISCO DE OLMA scheint die Canelilla im Lande der Piaroas bei den
Quellen des Cataniapo entdeckt zu haben. Der Missionar GILI, der nicht bis
in die Gegend kam, von der hier die Rede ist, scheint den *Varimacu* oder
*Guarimacu* mit der Myristica oder dem amerikanischen Muskatbaum zu
verwechseln. Diese gewrzhaften Rinden und Frchte, der Zimmt, die
Muskatnu, _Myrtus Pimenta_ und _Laurus pucheri_ wren wichtige
Handelsartikel geworden, wenn nicht Europa bei der Entdeckung von Amerika
bereits an die Gewrze und Wohlgerche Ostindiens gewhnt gewesen wre.
Der Zimmt vom Orinoco und der aus den Missionen der Andaquies, dessen
Anbau Mutis in Mariquita in Neu-Grenada eingefhrt hat, sind brigens
weniger gewrzhaft als der Ceylonzimmt, und wren solches selbst dann,
wenn sie ganz so getrocknet und zubereitet wrden.

Jede Halbkugel hat ihre eigenen Arten von Gewchsen, und es erklrt sich
keineswegs aus der Verschiedenheit der Klimate, warum das tropische Afrika
keine Laurineen, die neue Welt keine Heidekruter hervorbringt, warum es
in der sdlichen Halbkugel keine Calceolarien gibt, warum auf dem
indischen Festlande das Gefieder der Vgel nicht so glnzend ist wie in
den heien Landstrichen Amerikas, endlich warum der Tiger nur Asien, das
Schnabelthier nur Neuholland eigen ist? Die Ursachen der Vertheilung der
Arten im Pflanzen- wie im Thierreich gehren zu den Rthseln, welche die
Naturphilosophie nicht zu lsen im Stande ist. Mit dem Ursprung der Wesen
hat diese Wissenschaft nichts zu thun, sondern nur mit den Gesetzen, nach
denen die Wesen ber den Erdball vertheilt sind. Sie untersucht das, was
ist, die Pflanzen- und Thierbildungen, wie sie unter jeder Breite, in
verschiedenen Hhen und bei verschiedenen Wrmegraden neben einander
vorkommen; sie erforscht die Verhltnisse, unter denen sich dieser oder
jener Organismus krftiger entwickelt, sich vermehrt oder sich umwandelt;
aber sie rhrt nicht an Fragen, die unmglich zu lsen sind, weil sie mit
der Herkunft, mit dem Uranfang eines Lebenskeimes zusammenhngen. Ferner
ist zu bemerken, da die Versuche, die Vertheilung der Arten auf dem
Erdball allein aus dem Einflu der Klimate zu erklren, einer Zeit
angehren, wo die physische Geographie noch in der Wiege lag, wo man
fortwhrend an vermeintlichen Gegenstzen beider Welten festhielt und sich
vorstellte, ganz Afrika und Amerika gleichen den Wsten Egyptens und den
Smpfen Cayennes. Seit man den Sachverhalt nicht nach einem willkhrlich
angenommenen Typus, sondern nach positiven Kenntnissen beurtheilt, wei
man auch, da die beiden Continente in ihrer unermelichen Ausdehnung
Bodenstcke mit vllig bereinstimmenden Naturverhltnissen aufzuweisen
haben. Amerika hat so drre und glhend heie Landstriche als das innere
Afrika. Die Inseln, welche die indischen Gewrze erzeugen, zeichnen sich
keineswegs durch Trockenheit aus, und die Feuchtigkeit des Klimas ist
durchaus nicht, wie in neueren Werken behauptet wird, die Ursache, warum
auf dem neuen Continent die schnen Laurineen- und Myristiceenarten nicht
vorkommen, die im indischen Archipel in einem kleinen Erdwinkel neben
einander wachsen. Seit einigen Jahren wird in mehreren Lndern des neuen
Continents der chte Zimmtbaum mit Erfolg gebaut, und ein Landstrich, auf
dem der Coumarouna (die Tongabohne), die Vanille, der Pucheri, die Ananas,
_Myrtus pimenta_, der Tolubalsam, _Myroxylon peruvianum_, die Crotonarten,
die Citrosmen, der Pejoa (_Gaultheria odorata_), der Incienso der Silla
von Caracas [_Trixis nereifolia_. S. Bd. II Seite 183], der Quereme, die
Pancratium-Arten und so viele herrliche Lilienarten wachsen, kann nicht
fr einen gelten, dem es an Aromen fehlt. Zudem ist Trockenheit der Luft
der Entwicklung aromatischer und reizender Eigenschaften nur bei gewissen
Pflanzenarten frderlich. Die heftigsten Gifte werden im feuchtesten
Landstrich Amerikas erzeugt, und gerade unter dem Einflu der anhaltenden
tropischen Regen gedeiht der amerikanische Pfeffer (_capsicum baccatum_)
am besten, dessen Frucht hufig so scharf und beiend ist als der
ostindische Pfeffer. Aus diesen Betrachtungen geht Folgendes hervor: 1)
Der neue Continent besitzt sehr starke Gewrze, Arome und vegetabilische
Gifte, die ihm allein angehren, sich aber specifisch von denen der alten
Welt unterscheiden; 2) die ursprngliche Vertheilung der Arten in der
heien Zone ist allein aus dem Einflu des Klimas, aus der Vertheilung der
Wrme, wie sie im gegenwrtigen Zustand unseres Planeten stattfindet,
nicht zu erklren, aber diese Verschiedenheit der Klimate macht es uns
begreiflich, warum ein gegebener organischer Typus sich an der einen
Oertlichkeit krftiger entwickelt als an der andern. Wir begreifen von
einigen wenigen Pflanzenfamilien, wie von den Musen und Palmen, da sie
wegen ihres innern Baus und der Wichtigkeit gewisser Organe unmglich sehr
kalten Landstrichen angehren knnen; wir vermgen aber nicht zu erklren,
warum keine Art aus der Familie der Melastomeen nrdlich vom dreiigsten
Breitegrad wchst, warum keine einzige Rosenart der sdlichen Halbkugel
angehrt. Hufig sind auf beiden Continenten die Klimate analog, ohne da
die Erzeugnisse gleichartig wren.

Der Rio Vichada (Vichada), der bei seinem Zusammenflu mit dem Orinoco
einen kleinen Raudal hat, schien mir nach dem Meta und dem Guaviare der
bedeutendste unter den aus Westen kommenden Flssen. Seit vierzig Jahren
hat kein Europer den Vichada befahren. Ueber seine Quellen habe ich
nichts in Erfahrung bringen knnen; ich vermuthe sie mit denen des Tomo
auf den Ebenen sdwrts von Casimena. Wenigstens ist wohl nicht
zweifelhaft, da die frhesten Missionen an den Ufern des Vichada von
Jesuiten aus den Missionen am Casanare gegrndet worden sind. Noch in
neuester Zeit sah man flchtige Indianer von Santa Rosalia de Cabapuna,
einem Dorf am Meta, ber den Rio Vichada an den Katarakt von Maypures
kommen, was darauf hinweist, da die Quellen desselben nicht sehr weit vom
Meta seyn knnen. Pater GUMILLA hat uns die Namen mehrerer deutscher und
spanischer Jesuiten aufbewahrt, die im Jahr 1734 an den jetzt den Ufern
des Vichada von der Hand der Caraiben als Opfer ihres religisen Eifers
fielen.

Nachdem wir zuerst gegen Ost am Cao Pirajavi, sodann gegen West an einem
kleinen Flu vorbergekommen, der nach der Aussage der Indianer aus einem
See Namens Nao entspringt, bernachteten wir am Ufer des Orinoco, beim
Einflu des Zama, eines sehr ansehnlichen Flusses, der so unbekannt ist
als der Rio Vichada. Trotz des schwarzen Wassers des Zama hatten wir viel
von den Insekten auszustehen. Die Nacht war schn; in den niedern
Luftregionen wehte kein Lftchen, aber gegen zwei Uhr sahen wir dicke
Wolken rasch von Ost nach West durch das Zenith gehen. Als sie beim
Niedergehen gegen den Horizont vor die groen Nebelflecken im Schtzen
oder im Schiff traten, erschienen sie schwarzblau. Die Nebelflecken sind
nie lichtstrker, als wenn sie zum Theil von Wolkenstreifen bedeckt sind.
Wir beobachten in Europa dieselbe Erscheinung an der Milchstrae, beim
Nordlicht, wenn es im Silberlicht strahlt, endlich bei Sonnenauf- und
Untergang an dem Stck des Himmels, das wei wird aus Ursachen, welche die
Physik noch nicht gehrig ermittelt hat.

Kein Mensch kennt den weiten Landstrich zwischen Meta, Vichada und
Guaviare weiter als auf eine Meile vom Ufer. Man glaubt, da hier wilde
Indianer vom Stamm der Chiricoas hausen, die glcklicherweise keine Canoes
bauen. Frher, als noch die Caraiben und ihre Feinde, die Cabres, mit
ihren Geschwadern von Flen und Piroguen hier umherzogen, wre es
unvorsichtig gewesen, an der Mndung eines Flusses zu bernachten, der aus
Westen kommt. Gegenwrtig, da die kleinen Niederlassungen der Europer die
unabhngigen Indianer von den Ufern des obern Orinoco verdrngt haben, ist
dieser Landstrich so de, da uns von Carichana bis Javita und von
Esmeralda bis San Fernando de Atabapo auf einer Stromfahrt von 180 Meilen
nicht ein einziges Fahrzeug begegnete.

Mit der Mndung des Rio Zama betraten wir ein Flusystem, das groe
Aufmerksamkeit verdient. Der Zama, der Mataveni, der Atabapo, der Tuamini,
der Temi, der Guainia haben *schwarzes Wasser* (_aguas negras_), das
heit, ihr Wasser, in groen Massen gesehen, erscheint kaffeebraun oder
grnlich schwarz, und doch sind es die schnsten, klarsten,
wohlschmeckendsten Wasser. Ich habe schon oben erwhnt, da die Krokodile
und, wenn auch nicht die Zancudos, doch die Moskitos fast berall die
schwarzen Wasser meiden. Das Volk behauptet ferner, diese Wasser brunen
das Gestein nicht, und die weien Flsse haben schwarze, die schwarzen
Flsse weie Ufer. Und allerdings sieht man am Gestade des Guainia, den
die Europer unter dem Namen *Rio Negro* kennen, hufig blendend weie
Quarzmassen aus dem Granit hervorstehen. Im Glase ist das Wasser des
Mataveni ziemlich wei, das des Atabapo aber behlt einen braungelblichen
Schein. Wenn ein gelinder Wind den Spiegel dieser _'schwarzen Flsse'_
kruselt, so erscheinen sie schn wiesengrn wie die Schweizer Seen. Im
Schatten sind der Zama, der Atabapo, der Guainia schwarz wie Kaffeesatz.
Diese Erscheinungen sind so auffallend, da die Indianer aller Orten die
Gewsser in schwarze und weie eintheilen. Erstere haben mir hufig als
knstlicher Horizont gedient; sie werfen die Sternbilder wunderbar scharf
zurck.

Die Farbe des Quellwassers, Fluwassers und Seewassers gehrt zu den
physikalischen Problemen, die durch unmittelbare Versuche schwer oder gar
nicht zu lsen sind. Die Farben bei reflektirtem Licht sind meist ganz
andere als bei durchgehendem, besonders wenn es durch eine groe Masse
Flssigkeit durchgeht. Fnde keine Absorption der Strahlen statt, so htte
das durchgehende Licht immer die Farbe, welche die complementre des
reflektirten Lichtes wre, und meist beurtheilt man bei einem Wasser in
einem nicht tiefen Glase mit enger Oeffnung das durchgehende Licht falsch.
Bei einem Flusse gelangt das reflektirte farbige Licht immer von den
innern Schichten der Flssigkeit zu uns, nicht von der obersten Schicht
derselben.

Berhmte Physiker, welche das reinste Gletscherwasser untersucht haben, so
wie das, welches aus mit ewigem Schnee bedeckten Bergen entspringt, wo
keine vegetabilischen Reste sich in der Erde finden, sind der Meinung, die
eigenthmliche Farbe des Wassers mchte blau oder grn seyn. In der That
ist durch nichts erwiesen, da das Wasser von Natur wei ist und immer ein
Farbstoff im Spiele seyn mu, wenn dasselbe, bei reflektirtem Licht
gesehen, eine Frbung zeigt. Wo Flsse wirklich einen frbenden Stoff
enthalten, ist derselbe meist in so geringer Menge, da er sich jeder
chemischen Untersuchung entzieht. Die Frbung des Meeres scheint hufig
weder von der Beschaffenheit des Grundes, noch vom Reflex des Himmels und
der Wolken abzuhngen. Ein groer Physiker, DAVY, soll der Ansicht seyn,
die verschiedene Frbung der Meere knnte daher rhren, da das Jod in
verschiedenen Verhltnissen darin enthalten ist.

Aus den alten Erdbeschreibern ersehen wir, da bereits den Griechen die
blauen Wasser der Thermopylen, die rothen bei Joppe, die schwarzen der
heien Bder von Astyra, Lesbos gegenber, aufgefallen waren. Manche
Flsse, z. B. die Rhone bei Genf, haben eine entschieden blaue Farbe. Das
Schneewasser in den Schweizeralpen soll zuweilen smaragdgrn seyn, in
wiesengrn bergehend. Mehrere Seen in Savoyen und Peru sind brunlich, ja
fast schwarz. Die meisten dergleichen Farbenerscheinungen kommen bei
Gewssern vor, welche fr die reinsten gelten, und man wird sich vielmehr
an auf Analogien gegrndete Schlsse als an die unmittelbare Analyse
halten mssen, um ber diesen noch sehr dunkeln Punkt einiges Licht zu
verbreiten. In dem weit ausgedehnten Flusystem, das wir bereist -- und
dieser Umstand scheint mir sehr auffallend -- kommen die _'schwarzen
Wasser'_ vorzugsweise nur in dem Strich in der Nhe des Aequators vor. Um
den fnften Grad nrdlicher Breite fngt man an sie anzutreffen, und sie
sind ber den Aequator hinaus bis gegen den zweiten Grad sdlicher Breite
sehr hufig. Die Mndung des Rio Negro liegt sogar unter dem 3 9{~PRIME~} der
Breite; aber auf diesem ganzen Landstrich kommen in den Wldern und auf
den Grasfluren weie und schwarze Wasser dergestalt unter einander vor,
da man nicht wei, welcher Ursache man die Frbung des Wassers
zuschreiben soll. Der Cassiquiare, der sich in den Rio Negro ergiet, hat
weies Wasser wie der Orinoco, aus dem er entspringt. Von zwei
Nebenflssen des Cassiquiare nahe bei einander, Siapa und Pacimony, ist
der eine wei, der andere schwarz.

Fragt man die Indianer nach den Ursachen dieser sonderbaren Frbung, so
lautet ihre Antwort, wie nicht selten auch in Europa, wenn es sich von
physischen und physiolologischen Fragen handelt: sie wiederholen das
Faktum mit andern Worten. Wendet man sich an die Missionre, so sprechen
sie, als htten sie die strengsten Beweise fr ihre Behauptung, das
Wasser frbe sich, wenn es ber Sarsaparillewurzeln laufe. Die Smilaceen
sind allerdings am Rio Negro, Pacimony und Cababury sehr hufig, und ihre
Wurzeln geben in Wasser eingeweicht einen braunen, bittern, schleimigten
Extraktivstoff; aber wie viele Smilaxbsche haben wir an Orten gesehen, wo
die Wasser ganz wei sind! Wie kommt es, da wir im sumpfigten Wald, durch
den wir unsere Pirogue vom Rio Tuamini zum Cao Pimichin und an den Rio
Negro schleppen muten, auf demselben Landstrich jetzt durch Bche mit
weiem, jetzt durch andere mit schwarzem Wasser wateten? Warum hat man
niemals einen Flu gefunden, der seiner Quelle zu wei und im untern Stck
seines Laufes schwarz war? Ich wei nicht, ob der Rio Negro seine
braungelbe Farbe bis zur Mndung behlt, obgleich ihm durch den
Cassiquiare und den Rio Blanco sehr viel weies Wasser zufliet. Da LA
CONDAMINE den Flu nordwrts vom Aequator nicht sah, konnte er vom
Unterschied in der Farbe nicht urtheilen.

Die Vegetation ist wegen der Regenflle ganz in der Nhe des Aequators
allerdings krftiger als 8--10 Grad gegen Nord und gegen Sd; es lt sich
aber keineswegs behaupten, da die Flsse mit schwarzem Wasser
vorzugsweise in den dichtesten, schattigsten Wldern entspringen. Im
Gegentheil kommen sehr viele _aguas negras_ aus den offenen Grasfluren,
die sich vom Meta jenseits des Guaviare gegen den Caqueta hinziehen. Auf
einer Reise, die ich zur Zeit der Ueberschwemmung mit Herrn von Montufar
vom Hafen von Guyaquil nach den Bodegas de Babaojo machte, fiel es mir
auf, da die weiten Savanen am *Invernadero del Carzal* und am *Lagartero*
ganz hnlich gefrbt waren wie der Rio Negro und der Atabapo. Diese zum
Theil seit drei Monaten unter Wasser stehenden Grasfluren bestehen aus
Paspalum, Eriochloa und mehreren Cyperaceen. Wir fuhren in vier bis fnf
Fu tiefem Wasser; dasselbe war bei Tag 33--34 Grad warm; es roch stark
nach Schwefelwasserstoff, was ohne Zweifel zum Theil von den faulenden
Arum- und Heliconienstauden herrhrte, die auf den Lachen schwammen. Das
Wasser des Lagartero sah bei durchgehendem Licht goldgelb, bei
reflektirtem kaffeebraun aus. Die Farbe rhrt ohne Zweifel von gekohltem
Wasserstoff her. Man sieht etwas Aehnliches am Dngerwasser, das unsere
Grtner bereiten, und am Wasser, das aus Torfgruben abfliet. Lt sich
demnach nicht annehmen, da auch die schwarzen Flsse, der Atabapo, der
Zama, der Mataveni, der Guainia, von einer Kohlen- und
Wasserstoffverbindung, von einem Pflanzenextraktivstoff gefrbt werden?
Der starke Regen unter dem Aequator trgt ohne Zweifel zur Frbung bei,
indem das Wasser durch einen dichten Grasfilz sickert. Ich gebe diese
Gedanken nur als Vermuthung. Die frbende Substanz scheint in sehr
geringer Menge im Wasser enthalten; denn wenn man Wasser aus dem Guainia
oder Rio Negro sieden lt, sah ich es nicht braun werden wie andere
Flssigkeiten, welche viel Kohlenwasserstoff enthalten.

Es erscheint brigens sehr merkwrdig, da diese _'schwarzen Wasser'_, von
denen man glauben sollte, sie seyen auf die Niederungen der heien Zone
beschrnkt, gleichfalls, wenn auch sehr selten, auf den Hochebenen der
Anden vorkommen. Wir fanden die Stadt Cuenca im Knigreich Quito von drei
Bchen umgeben, dem Machangara, dem Rio del Matadero und dem Yanuncai. Die
zwei ersteren sind wei, letzterer hat schwarzes Wasser. Dasselbe ist, wie
das des Atabapo, kaffeebraun bei reflektirtem, blagelb bei durchgehendem
Licht. Es ist sehr schn, und die Einwohner von Cuenca, die es
vorzugsweise trinken, schreiben die Farbe ohne weiteres der Sarsaparille
zu, die am Rio Yanuncai sehr hufig wachsen soll.

Am 23. April. Wir brachen von der Mndung des Zama um drei Uhr Morgens
auf. Auf beiden Seiten lief fortwhrend dicker Wald am Strom hin. Die
Berge im Osten schienen immer weiter wegzurcken. Wir kamen zuerst am
Einflu des Rio Mataveni, und dann an einer merkwrdig gestalteten Insel
vorbei. Ein viereckigter Granitfels steigt wie eine Kiste gerade aus dem
Wasser empor; die Missionre nennen ihn el Castillito. Aus schwarzen
Streifen daran sollte man schlieen, da der Orinoco, wenn er anschwillt,
an dieser Stelle nicht ber 8 Fu steigt, und da die hohen Wasserstnde,
die wir weiter unten beobachtet, von den Nebenflssen herrhren, die
nrdlich von den Katarakten von Atures und Maypures hereinkommen. Wir
bernachteten am rechten Ufer, der Mndung des Rio Siucurivapu gegenber,
bei einem Felsen, der Aricagua heit. In der Nacht kamen zahllose
Fledermuse aus den Felsspalten und schwirrten um unsere Hngematten. Ich
habe frher von dem Schaden gesprochen, den diese Thiere unter den Heerden
anrichten. Sie vermehren sich besonders stark in sehr trockenen Jahren.

Am 24. April. Ein starker Regen zwang uns, schon sehr frh Morgens die
Pirogue wieder zu besteigen. Wir fuhren um zwei Uhr ab und muten einige
Bcher zurcklassen, die wir in der finstern Nacht auf dem Felsen Aricagua
nicht finden konnten. Der Strom luft ganz gerade von Sd nach Nord; die
Ufer sind niedrig und zu beiden Seiten von dichten Wldern beschattet. Wir
kamen an den Mndungen des Ucata, des Arapa und des Caranaveni vorber.
Gegen vier Uhr Abends stiegen wir bei den _'Conucos de Siquita'_ aus,
Pflanzungen von Indianern aus der Mission San Fernando. Die guten Leute
htten uns gern behalten, aber wir fuhren weiter gegen den Strom, der in
der Secunde fnf Fu zurcklegt. Die ist das Ergebni einer Messung, bei
der ich die Zeit schtzte, die ein schwimmender Krper braucht, um eine
gegebene Strecke zurckzulegen. Wir liefen bei finsterer Nacht in die
Mndung des Guaviare ein, fuhren ber den Zusammenflu des Atabapo mit dem
Guaviare hinaus und langten nach Mitternacht in der Mission an. Wir
erhielten unsere Wohnung, wie immer, im Kloster, das heit im Hause des
Missionrs, der von unserem unerwarteten Besuch hchlich berrascht war,
uns aber nichts desto weniger mit der liebenswrdigsten Gastlichkeit
aufnahm.

                            ------------------





   47 War es _Coluber Elaphis_ oder _Coluber Aesculapii_ oder ein Python,
      hnlich dem, der vom Heere des Regulus getdtet worden?

   48 Im Jahr 1806 erschien in Leipzig ein Buch unter dem Titel:
      _Untersuchungen, ber die von Humboldt am Orinoco entdeckten Spuren
      der phnicischen Sprache_.

   49 Die Hindus, die Tibetaner, die Chinesen, die alten Egypter, die
      Azteken, die Peruaner, bei denen der Trieb zur Massencultur die
      freie Entwicklung der Geistesthtigkeit in den Individuen
      niederhielt.

   50 Aus kieselhaltigem Kalkstein in Pique am groen Miami, aus Sandstein
      am Paint Creek zehn Meilen von Chillicothe, wo die Mauer 1500 Toisen
      lang ist.

   51 Er erscheint in Maypures unter einem Winkel von 1 Grad 27 Minuten.

*   52 Rochen*, wegen der angeblichen Aehnlichkeit mit dem Fisch dieses
      Namens, bei dem der Mund am Krper herabgerckt scheint.

   53 In der Jahreszeit, die man in Sdamerika nrdlich vom Aequator
      Sommer heit.

   54 Diminutiv des spanischen Worts _Canela_, das _Cinnamomum_
      (_Kinnamomon_ der Griechen) bedeutet. Letzteres Wort gehrt zu den
      wenigen, die seit dem hchsten Alterthum aus dem Phnicischen (einer
      semitischen Sprache) in die abendlndischen Sprachen bergegangen
      sind.





ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL.


     San Fernando de Atabapo. -- San Baltasar. -- Die Flsse Temi und
    Tuamini. -- Javita. -- Trageplatz zwischen dem Tuamini und dem Rio
                                  Negro.


Wir hatten in der Nacht fast unvermerkt die Gewsser des Orinoco verlassen
und sahen uns bei Sonnenaufgang wie in ein anderes Land versetzt, am Ufer
eines Flusses, dessen Namen wir fast noch nie hatten aussprechen hren,
und auf dem wir ber den Trageplatz am Pimichin zum Rio Negro an der
Grenze Brasiliens gelangen sollten. Sie mssen, sagte uns der Prsident
der Missionen, der in San Fernando seinen Sitz hat, zuerst den Atabapo,
dann den Temi, endlich den Tuamini hinauffahren. Knnen Sie bei der
starken Strmung der *schwarzen Wasser* nicht mehr weiter kommen, so fhrt
man Sie vom Flubett weg durch die Wlder, die Sie unter Wasser finden
werden. Auf diesem wsten Landstrich zwischen Orinoco und Rio Negro leben
nur zwei Mnche, aber in Javita finden Sie die Mittel, um Ihre Pirogue
vier Tagereisen weit ber Land zum Cao Pimichin ziehen zu zu lassen.
Zerbricht sie nicht, so fahren Sie ohne Anstand den Rio Negro (von
Nordwest nach Sdost) hinunter bis zur Schanze San Carlos, sodann den
Cassiquiare (von Sd nach Nord) herauf und kommen in Monatsfrist ber den
obern Orinoco (von Ost nach West) wieder nach San Fernando. Diesen Plan
entwarf man uns fr unsere Flufahrt, und wir fhrten ihn, nicht ohne
Beschwerden, aber immer leicht und ohne Gefahr in drei und dreiig Tagen
aus. Die Krmmungen in diesem Flulabyrinth sind so stark, da man sich
ohne die Reisekarte, die ich entworfen, vom Wege, auf dem wir von der
Kste von Caracas durch das innere Land an die Grenzen der Capitania
General von Gran-Para gelangt sind, so gut als keine Vorstellung machen
knnte. Fr diejenigen, welche nicht gerne in Karten blicken, auf denen
viele schwer zu behaltende Namen stehen, bemerke ich nochmals, da der
Orinoco von seinen Quellen, oder doch von Esmeralda an von Ost nach West,
von San Fernando, also vom Zusammenflu des Atabapo und des Guaviare an,
bis zum Einflu des Apure von Sd nach Nord fliet und auf dieser Strecke
die groen Katarakten bildet, da er endlich vom Einflu des Apure bis
Angostura und zur Seekste von West nach Ost luft. Auf der ersten
Strecke, auf dem Lauf von Ost nach West, bildet er die berhmte Gabelung,
welche die Geographen so oft in Abrede gezogen und deren Lage ich zuerst
durch astronomische Beobachtungen bestimmen konnte. Ein Arm des Orinoco,
der Cassiquiare, der von Nord nach Sd fliet, ergiet sich in den Guainia
oder Rio Negro, der seinerseits in den Maragnon oder Amazonenstrom fllt.
Der natrlichste Weg zu Wasser von Angostura nach Gran-Para wre also den
Orinoco hinauf bis Esmeralda, und dann den Cassiquiare, Rio Negro und
Amazonenstrom hinunter; da aber der Rio Negro auf seinem oberen Lauf sich
sehr den Quellen einiger Flsse nhert, die sich bei San Fernando de
Atabapo in den Orinoco ergieen (am Punkte, wo der Orinoco aus der
Richtung von Ost nach West rasch in die von Sd nach Nord umbiegt), so
kann man in den Rio Negro gelangen, ohne die Flustrecke zwischen San
Fernando und Esmeralda hinaufzufahren. Man geht bei der Mission San
Fernando vom Orinoco ab, fhrt die zusammenhngenden kleinen schwarzen
Flsse (Atabapo, Temi und Tuamini) hinauf, und lt die Pirogue ber eine
6000 Toisen breite Landenge an das Ufer eines Baches (Cao Pimichin)
tragen, der in den Rio Negro fllt. Dieser Weg, den wir einschlugen, und
der besonders seit der Zeit, da Don Manuel Centurion Statthalter von
Guyana war, gebruchlich geworden, ist so kurz, da jetzt ein Bote von San
Carlos am Rio Negro nach Angostura Briefschaften in 24 Tagen bringt,
whrend er frher ber den Cassiquiare herauf 50--60 brauchte. Man kann
also ber den Atabapo aus dem Amazonenstrom in den Orinoco kommen, ohne
den Cassiquiare herauf zu fahren, der wegen der starken Strmung, des
Mangels an Lebensmitteln und der Moskitos gemieden wird. Fr franzsische
Leser fhre ich hier ein Beispiel aus der hydrographischen Karte
Frankreichs an. Wer von Nevers an der Loire nach Montereau an der Seine
will, knnte, statt auf dem Canal von Orleans zu fahren, der, wie der
Cassiquiare, zwei Flusysteme verbindet, von den Zuflssen der Loire zu
denen der Seine sein Fahrzeug tragen lassen; er knnte die Nivre
hinauffahren, ber eine Landenge beim Dorfe Menou gehen und sofort die
Yonne hinab in die Seine gelangen.

Wir werden bald sehen, welche Vortheile es htte, wenn man ber den
sumpfigten Landstrich zwischen dem Tuamini und dem Pimichin einen Canal
zge. Kme dieser Plan einmal zur Ausfhrung, so htte die Fahrt vom Fort
San Carlos nach Angostura, der Hauptstadt von Guyana, nur noch den Rio
Negro herauf bis zur Mission Maroa einige Schwierigkeit; von da ginge es
auf dem Tuamini, dem Temi, Atabapo und Orinoco abwrts. Ueber den
Cassiquiare ist der Weg von San Carlos nach San Fernando am Atabapo weit
unangenehmer und um die Hlfte lnger als ber Javita und den Cao
Pimichin. Auf diesem Landstrich, in den zur Zeit der Grenzexpedition kein
astronomisches Werkzeug gekommen war, habe ich mit Louis Berthouds
Chronometer und durch Meridianhhen von Gestirnen Lnge und Breite von San
Balthasar am Atabapo, Javita, San Carlos am Rio Negro, des Felsen
Culimacari und der Mission Esmeralda bestimmt; die von mir entworfene
Karte hat somit die Zweifel ber die gegenseitigen Entfernungen der
christlichen Niederlassungen gehoben. Wenn es keinen andern Weg gibt, als
auf vielgekrmmten, verschlungenen Gewssern, wenn in dichten Wldern nur
kleine Drfer stecken, wenn auf vllig ebenem Lande kein Berg, kein
erhabener Gegenstand von zwei Punkten zugleich sichtbar ist, kann man nur
am Himmel lesen, wo man sich auf Erden befindet. In den wildesten Lndern
der heien Zone fhlt man mehr als anderswo das Bedrfni astronomischer
Beobachtungen. Dieselben sind dort nicht allein ntzliche Hlfsmittel, um
Karten zu vollenden und zu verbessern: sie sind vielmehr zur Aufnahme des
Terrains von vorne herein unerllich.

Der Missionr von San Fernando, bei dem wir zwei Tage verweilten, fhrt
den Titel eines Prsidenten der Missionen am Orinoco. Die sechs und
zwanzig Ordensgeistlichen, die am Rio Negro, Cassiquiare, Atabapo, Caura
und Orinoco leben, stehen unter ihm und er seinerseits steht unter dem
Gardian des Klosters in Nueva Barcelona, oder, wie man hier sagt, des
_'Colegio de la purissima Conception de Propaganda Fide'_. Sein Dorf sah
etwas wohlhabender aus, als die wir bis jetzt auf unserem Wege
angetroffen, indessen hatte es doch nur 266 Einwohner. Ich habe schon
fters bemerkt, da die Missionen in der Nhe der Ksten, die gleichfalls
unter den Observanten stehen, z. B. Pilar, Caigua, Huere und Cupapui,
zwischen 800 und 2000 Einwohnern zhlen. Es sind grere und schnere
Drfer als in den cultivirtesten Lndern Europas. Man versicherte uns, die
Mission San Fernando habe unmittelbar nach der Grndung eine strkere
Bevlkerung gehabt als jetzt. Da wir auf der Rckreise vom Rio Negro noch
einmal an den Ort kamen, so stelle ich hier die Beobachtungen zusammen,
die wir an einem Punkte des Orinoco gemacht, der einmal fr den Handel und
die Gewerbe der Colonien von groer Bedeutung werden kann.

San Fernando de Atabapo liegt an der Stelle, wo drei groe Flsse, der
Orinoco, der Guaviare und der Atabapo sich vereinigen. Die Lage ist
hnlich wie die von St. Louis oder Neu-Madrid am Einflu des Missouri und
des Ohio in den Mississippi. Je greren Aufschwung der Handel in diesen
von ungeheuren Strmen durchzogenen Lndern nimmt, desto mehr werden die
Stdte, die an zwei Flssen liegen, von selbst Schiffsstationen,
Stapelpltze fr die Handelsgter, wahre Mittelpunkte der Cultur. Pater
GUMILLA gesteht, da zu seiner Zeit kein Mensch vom Laufe des Orinoco
oberhalb des Einflusses des Guaviare etwas gewut habe. Er sagt ferner
sehr naiv, er habe sich an Einwohner von Timana und Pasto um einige, noch
dazu unsichere Auskunft ber den obern Orinoco wenden mssen. Heutzutage
erkundigt man sich allerdings nicht in den Anden von Popayan nach einem
Flusse, der am Westabhang der Gebirge von Cayenne entspringt. Pater
Gumilla verwechselte zwar nicht, wie man ihm Schuld gegeben, die Quellen
des Guaviare und die des Orinoco; da er aber das Stck des letzteren
Flusses, das von Esmeralda San Fernando zu von Ost nach West gerichtet
ist, nicht kannte, so setzt er voraus, man msse, um oberhalb der
Katarakten und der Einmndungen des Vichada und Guaviare den Orinoco
weiter hinaufzukommen, sich nach Sdwest wenden. Zu jener Zeit hatten die
Geographen die Quellen des Orinoco in die Nhe der Quellen des Putumayo
und Caqueta an den stlichen Abhang der Anden von Pasto und Popayan
gesetzt, also nach meinen Lngenbestimmungen auf dem Rcken der
Cordilleren und in Esmeralda, 240 Meilen vom richtigen Punkt. Unrichtige
Angaben LA CONDAMINEs ber die Verzweigungen des Caqueta, wodurch SANSONs
Annahmen Besttigung zu finden schienen, haben Irrthmer verbreiten
helfen, die sich Jahrhunderte lang erhalten haben. In der ersten Ausgabe
seiner groen Karte von Sdamerika (eine sehr seltene Ausgabe, die ich auf
der groen Pariser Bibliothek gefunden habe) zeichnete D'ANVILLE den Rio
Negro als einen Arm des Orinoco, der vom Hauptstrom zwischen den
Einflssen des Meta und des Vichada, in der Nhe des Katarakts von *los
Astures* (Atures) abgeht. Diesem groen Geographen war damals die Existenz
des Cassiquiare und des Atabapo ganz unbekannt, und er lie den Orinoco
oder Rio Paragua, den Japura und den Putumayo aus drei Zweigen des Caqueta
entspringen. Erst durch die Grenzexpedition unter dem Befehl Ituriagas und
SOLANOs wurde das wahre Verhltni bekannt. Solano war als Ingenieur bei
der Expedition und ging im Jahr 1756 ber die groen Katarakten bis zum
Einflu des Guaviare hinauf. Er sah, da man, um auf dem Orinoco weiter
hinaufzukommen, sich ostwrts wenden msse, und da die Wasser des
Guaviare, der zwei Meilen weiter oben den Atabapo aufgenommen hat, da
hereinkommen, wo der Strom unter 4 4{~PRIME~} der Breite die groe Wendung macht.
Da Solano daran gelegen war, den portugiesischen Besitzungen so nahe als
mglich zu kommen, so entschlo er sich, gegen Sd vorzudringen. Er fand
am Zusammenflu des Atabapo und Guaviare Indianer von der kriegerischen
Nation der Guaypunabis angesiedelt. Er lockte sie durch Geschenke an sich
und grndete mit ihnen die Mission San Fernando, die er, in der Hoffnung
sich beim Ministerium in Madrid wichtig zu machen, emphatisch *Villa*
betitelte.

Um die politische Bedeutung dieser Niederlassung zu wrdigen, mu man die
damaligen Machtverhltnisse zwischen den kleinen Indianerstmmen in Guyana
ins Auge fassen. Die Ufer des untern Orinoco waren lange der Schauplatz
der blutigen Kmpfe zwischen zwei mchtigen Vlkern, den Cabres und den
Caraiben, gewesen. Letztere, deren eigentliche Wohnsitze seit dem Ende des
siebzehnten Jahrhunderts zwischen den Quellen des Carony, des Esquibo, des
Orinoco und des Rio Parime liegen, waren nicht allein bis zu den groen
Katarakten Herren des Landes, sie machten auch Einflle in die Lnder am
obern Orinoco, und zwar ber die *Tragepltze* zwischen dem Paruspa und
dem Caura, dem Eredato und dem Ventuari, dem Conorichite und dem Atacavi.
Niemand wute so gut, wie sich die Flsse verzweigen, wo die Nebenflsse
zur Hand sind, wie man auf dem krzesten Wege ans Ziel kommt. Die Caraiben
hatten die Cabres geschlagen und beinahe ausgerottet; waren sie jetzt aber
Herren am untern Orinoco, so stieen sie auf Widerstand bei den
Guaypunabis, die sich am obern Orinoco die Herrschaft errungen hatten und
neben den Cabres, Manitivitanos und Parenis die rgsten Anthropophagen in
diesem Landstrich sind. Sie waren ursprnglich am groen Flu Inirida bei
seiner Vereinigung mit dem Chamochiquini und im Gebirgslande von Mabicore
zu Hause. Um das Jahr 1744 hie ihr Huptling oder, wie die Eingeborenen
sagen, ihr _'Apoto'_ (Knig), Macapu, ein Mann durch Geisteskraft und Muth
gleich ausgezeichnet. Er war mit einem Theil seiner Nation an den Atabapo
gekommen, und als der Jesuit Roman seinen merkwrdigen Zug vom Orinoco an
den Rio Negro machte, gestattete Macapu, da der Missionar einige Familien
Guaypunabis mitnahm, um sie in Uriana und beim Katarakt von Maypures
anzusiedeln. Diese Nation gehrt der Sprache nach dem groen Volksstamm
der Maypures an; sie ist gewerbfleiiger, man knnte beinahe sagen,
civilisirter als die andern Vlker am obern Orinoco. Nach dem Bericht der
Missionre waren die Guaypunabis, als sie in diesen Lndern die Herren
spielten, fast alle bekleidet und besaen ansehnliche Drfer. Nach Macapus
Tode ging das Regiment auf einen andern Krieger ber, auf Cuseru, von den
Spaniern Capitn Cruzero genannt. Er hatte am Inirida Vertheidigungslinien
und eine Art Fort aus Erde und Holz angelegt. Die Pfhle waren ber
sechzehn Fu hoch und umgaben das Haus des _Apoto_, sowie eine Niederlage
von Bogen und Pfeilen. Pater FORNERI beschreibt diese in einem sonst so
wilden Lande merkwrdigen Anlagen.

Am Rio Negro waren die Stmme der Marepizanas und Manitivitanos die
mchtigsten. Die Huptlinge der ersteren waren ums Jahr 175O zwei Krieger
Namens Imu und Cajamu; der Knig der Manitivitanos war Cocuy, vielberufen
wegen seiner Grausamkeit und seiner raffinirten Schwelgerei. Zu meiner
Zeit lebte noch seine Schwester in der Nhe der Mission Maypure. Man
lchelt, wenn man hrt, da Mnner wie Cuseru, Imu und Cocuy hier zu Lande
so berhmt sind, wie in Indien die Holkar, Tippo und die mchtigsten
Frsten. Die Huptlinge der Guaypunabis und Manitivitanos fochten mit
kleinen Haufen von zwei bis dreihundert Mann; aber in der langen Fehde
verwsteten sie die Missionen, wo die armen Ordensleute nur fnfzehn bis
zwanzig spanische Soldaten zur Verfgung hatten. Horden, wegen ihrer
Kopfzahl und ihrer Vertheidigungsmittel gleich verchtlich, verbreiteten
einen Schrecken, als wren es Heere. Den Patres Jesuiten gelang es nur
dadurch, ihre Missionen zu retten, da sie List wider Gewalt setzten. Sie
zogen einige mchtige Huptlinge in ihr Interesse und schwchten die
Indianer durch Entzweiung. Als Ituriaga und Solano auf ihrem Zuge an den
Orinoco kamen, hatten die Missionen von den Einfllen der Caraiben nichts
mehr zu befrchten. Cusaru hatte sich hinter den Granitbergen von Sipapo
niedergelassen; er war der Freund der Jesuiten; aber andere Vlker vom
obern Orinoco und Rio Negro, die Matepizanos, Amuizanos und Manitivitanos,
fielen unter Imus, Cajamus und Cocuys Fhrung von Zeit zu Zeit in das Land
nordwrts von den groen Katarakten ein. Sie hatten andere Beweggrnde zur
Feindseligkeit als Ha. Sie trieben *Menschenjagd*, wie es frher bei den
Caraiben Brauch gewesen und wie es in Afrika noch Brauch ist. Bald
lieferten sie Sklaven (_poitos_) den Hollndern oder _Paranaquiri_
(*Meerbewohner*); bald verkauften sie dieselben an die Portugiesen oder
_Jaranavi_ (*Musikantenshne*.)(55) In Amerika wie in Afrika hat die
Habsucht der Europer gleiches Unheil gestiftet; sie hat die Eingebornen
gereizt, sich zu bekriegen, um Gefangene zu bekommen [S. Bd. I. Seite 251]
Ueberall fhrt der Verkehr zwischen Vlkern auf sehr verschiedenen
Bildungsstufen zum Mibrauch der physischen Gewalt und der geistigen
Ueberlegenheit. Phnizien und Karthago suchten einst ihre Sklaven in
Europa; heutzutage liegt dagegen die Hand Europas schwer auf den Lndern,
wo es die ersten Keime seines Wissens geholt, wie auf denen, wo es
dieselben, so ziemlich wider Willen, verbreitet, indem es ihnen die
Erzeugnisse seines Gewerbfleies zufhrt.

Ich habe hier treu berichtet, was ich ber die Zustnde eines Landes in
Erfahrung bringen konnte, wo die besiegten Vlker nach und nach absterben
und keine andere Spur ihres Daseyns hinterlassen, als ein paar Worte ihrer
Sprache, welche die siegenden Vlker in die ihrige aufnehmen. Wir haben
gesehen, da im Norden, jenseits der Katarakten, die Caraiben und die
Cabres, sdwrts am obern Orinoco die Guaypunabis, am Rio Negro die
Marepizanos und Manitivitanos die mchtigsten Nationen waren. Der lange
Widerstand, den die unter einem tapfern Fhrer vereinigten Cabres den
Caraiben geleistet, hatte jenen nach dem Jahr 1720 zum Verderben gereicht.
Sie hatten ihre Feinde an der Mndung des Rio Caura geschlagen; eine Menge
Caraiben wurden auf ihrer eiligen Flucht zwischen den Stromschnellen des
Torno und der Isla del Infierno erschlagen. Die Gefangenen wurden
verzehrt; aber mit jener raffinirten Verschlagenheit und Grausamkeit, wie
sie den Vlkern Sd- wie Nordamerikas eigen ist, lieen sie Einen Caraiben
am Leben, der, um Zeuge des barbarischen Auftritts zu seyn, auf einen Baum
steigen und sofort den Geschlagenen die Kunde davon berbringen mute. Der
Siegesrausch Teps, des Huptlings der Cabres, war von kurzer Dauer. Die
Caraiben kamen in solcher Masse wieder, da nur kmmerliche Reste der
menschenfressenden Cabres am Rio Cuchivero brig blieben.

Am obern Orinoco lagen Cocuy und Cuseru im erbittertsten Kampf gegen
einander, als Solano an der Mndung des Guaviare erschien. Ersterer hatte
fr die Portugiesen Partei ergriffen; der letztere, ein Freund der
Jesuiten, that es diesen immer zu wissen, wenn die Manitivitanos gegen die
christlichen Niederlassungen in Atures und Carichana im Anzug waren.
Cuseru wurde erst wenige Tage vor seinem Tode Christ; er hatte aber im
Gefecht an seine linke Hfte ein Crucifix gebunden, das die Missionre ihm
geschenkt und mit dem er sich fr unverletzlich hielt. Man erzhlte uns
eine Anekdote, in der sich ganz seine wilde Leidenschaftlichkeit
ausspricht. Er hatte die Tochter eines indianischen Huptlings vom Rio
Temi geheirathet. Bei einem Ausbruch von Groll gegen seinen Schwiegervater
erklrte er seinem Weibe, er ziehe aus, sich mit ihm zu messen. Das Weib
gab ihm zu bedenken, wie tapfer und ausnehmend stark ihr Vater sey; da
nahm Cuseru, ohne ein Wort weiter zu sprechen, einen vergifteten Pfeil und
scho ihr ihn durch die Brust. Im Jahr 1756 versetzte die Ankunft einer
kleinen Abtheilung spanischer Truppen unter Solanos Befehl diesen
Huptling der Guaypunabis in ble Stimmung. Er stand im Begriff, es auf
ein Gefecht ankommen zu lassen, da gaben ihm die Patres Jesuiten zu
verstehen, wie es sein Vortheil wre, sich mit den Christen zu vertragen.
Cuseru speiste am Tisch des spanischen Generals; man kderte ihn mit
Versprechungen, namentlich mit der Aussicht, da man nchstens seinen
Feinden den Garaus machen werde. Er war Knig gewesen, nunmehr ward er
Dorfschulze und lie sich dazu herbei, sich mit den Seinigen in der neuen
Mission San Fernando de Atabapos niederzulassen. Ein solch trauriges Ende
nahmen meist jene Huptlinge, welche bei Reisenden und Missionren
indianische Frsten heien. In meiner Mission, sagt der gute Pater GILI,
hatte ich fnf _'Neyecillos'_ (kleine Knige) der Tamanacos, Avarigotos,
Parecas, Quaquas und Maypures. In der Kirche setzte ich alle neben
einander auf Eine Bank, ermangelte aber nicht, den ersten Platz Monaiti,
dem Knige der Tamanacos, anzuweisen, weil er mich bei der Grndung des
Dorfs untersttzt hatte. Er schien ganz stolz auf die Auszeichnung. Wir
sind auch Pater Gili's Meinung, da ehemalige, von ihrer Hhe
herabgesunkene Gewalthaber selten mit so Wenigem zufrieden zu stellen
sind.

Als Cuseru, der Huptling der Guaypunabis, die spanischen Truppen durch
die Katarakten ziehen sah, rieth er Don Jose Solano, die Niederlassung am
Atabapo noch ein ganzes Jahr aufzuschieben; er prophezeite Unheil, das
denn auch nicht ausblieb. Lat mich, sagte Cuseru zu den Jesuiten, mit
den Meinigen arbeiten und das Land umbrechen; ich pflanze Manioc, und so
habt ihr spter mit so vielen Leuten zu leben. Solano, in seiner
Ungeduld, weiter vorzudringen, hrte nicht auf den Rath des indianischen
Huptlings. Die neuen Ansiedler in San Fernando verfielen allen
Schrecknissen der Hungersnoth. Man lie mit groen Kosten zu Schiff auf
dem Meta und dem Vichada Mehl aus Neu-Grenada kommen. Die Vorrthe langten
aber zu spt an, und viele Europer und Indianer erlagen den Krankheiten,
die in allen Himmelsstrichen Folgen des Mangels und der gesunkenen
moralischen Kraft sind.

Man sieht in San Fernando noch einige Spuren von Anbau; jeder Indianer hat
eine kleine Pflanzung von Cacaobumen. Die Bume tragen vom fnften Jahr
an reichlich, aber sie hren damit frher auf als in den Thlern von
Aragua. Die Bohne ist klein und von vorzglicher Gte. Gin _Almuda_, deren
zehn auf eine Fanega gehen, kostet in San Fernando 6 Realen, etwa
4 Franken, an den Ksten wenigstens 20--25 Franken; aber die ganze Mission
erzeugt kaum 80 Fanegas im Jahr, und da, nach einem alten Mibrauch, die
Missionre am Orinoco und Rio Negro allein mit Cacao Handel treiben, so
wird der Indianer nicht aufgemuntert, einen Culturzweig zu erweitern, von
dem er so gut wie keinen Nutzen hat. Es gibt bei San Fernando ein paar
Savanen und gute Weiden; man sieht aber kaum sieben oder acht Khe darauf,
Ueberbleibsel der ansehnlichen Heerde, welche die Grenzexpedition ins Land
gebracht. Die Indianer sind etwas civilisirter als in den andern
Missionen. Zu unserer Ueberraschung trafen wir einen Schmied von der
eingeborenen Race.

Was uns in der Mission San Fernando am meisten auffiel und was der
Landschaft einen eigenthmlichen Charakter gibt, das ist die _'Pihiguao'_-
oder _'Pirijao'_-Palme. Der mit Stacheln bewehrte Stamm ist ber sechzig
Fu hoch; die Bltter sind gefiedert, sehr schmal, wellenfrmig und an den
Spitzen gekruselt. Hchst merkwrdig sind die Frchte des Baumes; jede
Traube trgt 50 bis 80; sie sind gelb wie Apfel, werden beim Reifen roth,
sind zwei bis drei Zoll dick und der Fruchtkern kommt meist nicht zur
Entwicklung. Unter den 80--90 Palmenarten, die ausschlielich der neuen
Welt angehren und die ich in den _nova genera plantarum aequinoctialium_
aufgezhlt, ist bei keiner das Fruchtfleisch so auerordentlich stark
entwickelt. Die Frucht des Pirijao enthlt einen mehligten, eigelben,
nicht stark sen, sehr nahrhaften Stoff. Man it sie wie die Banane und
die Kartoffel, gesotten oder in der Asche gebraten; es ist ein eben so
gesundes als angenehmes Nahrungsmittel. Indianer und Missionre erschpfen
sich im Lobe dieser herrlichen Palme, die man die _'Pfirsichpalme'_ nennen
knnte und die in San Fernando, San Balthasar, Santa Barbara, berall,
wohin wir nach Sd und Ost am Atabapo und obern Orinoco kamen, in Menge
angebaut fanden. In diesen Landstrichen erinnert man sich unwillkhrlich
der Behauptung LINNs, die Palmenregion sey die ursprngliche Heimath
unseres Geschlechts, der Mensch sey eigentlich ein
_'Palmfruchtesser'_.(56) Mustert man die Vorrthe in den Htten der
Indianer, so sieht man, da mehrere Monate im Jahr die mehligte Frucht des
Pirijao fr sie so gut ein Hauptnahrungsmittel ist als der Manioc und die
Banane. Der Baum trgt nur einmal im Jahr, aber oft drei Trauben, also
150--200 Frchte.

San Fernando de Atabapo, San Carlos und San Francisco Solano sind die
bedeutendsten Missionen am obern Orinoco. In San Fernando, wie in den
benachbarten Drfern San Balthasar und Javita, fanden wir hbsche
Pfarrhuser, mit Schlingpflanzen bewachsen und mit Grten umgeben. Die
schlanken Stmme der Pirijaopalme waren in unsern Augen die Hauptzierde
dieser Pflanzungen. Auf unsern Spaziergngen erzhlte uns der Pater
Prsident sehr lebhaft von seinen Fahrten auf dem Rio Guaviare. Er sprach
davon, wie sehr sich die Indianer auf Zge zur Eroberung von Seelen
freuen; jedermann, selbst Weiber und Greise wollen daran Theil nehmen.
Unter dem nichtigen Vorwand, man verfolge Neubekehrte, die aus dem Dorf
entlaufen, schleppt man dabei acht- bis zehnjhrige Kinder fort und
vertheilt sie an die Indianer in den Missionen als Leibeigene oder
_Poitos_. Die Reisetagebcher, die Pater BARTHOLOMEO MANCILLA uns gefllig
mittheilte, enthalten sehr wichtiges geographisches Material. Weiter
unten, wenn von den Hauptnebenflssen des Orinoco die Rede wird, vom
Guaviare, Ventuari, Meta, Caura und Carony, gebe ich eine Uebersicht
dieser Entdeckungen. Hier nur soviel, da es, nach meinen astronomischen
Beobachtungen am Atabapo und auf dem westlichen Abhang der Cordillere der
Anden beim Paramo de la Suma Paz, von San Fernando bis zu den ersten
Drfern in den Provinzen Caguan und San Juan de los Llanos nicht mehr als
107 Meilen ist. Auch versicherten mich Indianer, die frher westlich von
der Insel Amanaveni, jenseits des Einflusses des Rio Supavi, gelebt, sie
haben auf einer Lustfahrt im Canoe (was die Wilden so heien) auf dem
Guaviare bis ber die _Angostura_ (den Engpa) und den Hauptwasserfall
hinauf, in drei Tagereisen Entfernung brtige und bekleidete Mnner
getroffen, welche Eier der Terekey-Schildkrte suchten. Darber waren die
Indianer so erschrocken, da sie in aller Eile umkehrten und den Guaviare
wieder hinunterfuhren. Wahrscheinlich kamen diese weien, brtigen Mnner
aus den Drfern Aroma und San Martin, da sich die zwei Flsse Ariari und
Guayavero zum Guaviare vereinigen. Es ist nicht zu verwundern, da die
Missionare am Orinoco und Atabapo fast keine Ahnung davon haben, wie nahe
sie bei den Missionren von Mocoa, am Rio Fragua und Caguan leben. In
diesen den Landstrichen kann man nur durch Lngenbeobachtungen die wahren
Entfernungen kennen lernen, und nur nach astronomischen Ermittlungen und
den Erkundigungen, die ich in den Klstern zu Popayan und Pasto westwrts
von den Cordilleren der Anden eingezogen, erhielt ich einen richtigen
Begriff von der gegenseitigen Lage der christlichen Niederlassungen am
Atabapo, Guayavero und Caqueta.

So bald man das Bett des Atabapo betritt, ist Alles anders, die
Beschaffenheit der Luft, die Farbe des Wassers, die Gestalt der Bume am
Ufer. Bei Tage hat man von den Moskitos nicht mehr zu leiden; die Schnaken
mit langen Fen (_zancudos_) werden bei Nacht sehr selten, ja oberhalb
der Mission San Fernando verschwinden diese Nachtinsekten ganz. Das Wasser
des Orinoco ist trbe, voll erdigter Stoffe, und in den Buchten hat es
wegen der vielen todten Krokodile und anderer faulender Krper einen
bisamartigen, slichten Geruch. Um dieses Wasser trinken zu knnen,
muten wir es nicht selten durch ein Tuch seihen. Das Wasser des Atabapo
dagegen ist rein, von angenehmem Geschmack, ohne eine Spur von Geruch, bei
reflektirtem Licht brunlich, bei durchgehendem gelblich. Das Volk nennt
dasselbe leicht, im Gegensatz zum trben, schweren Orinocowasser. Es ist
meist um 2, der Einmndung des Rio Temi zu um 3 khler als der obere
Orinoco. Wenn man ein ganzes Jahr lang Wasser von 27--28 Grad
[22,4--22,8 Reaumur] trinken mu, hat man schon bei ein paar Graden
weniger ein uerst angenehmes Gefhl. Diese geringere Temperatur rhrt
wohl daher, da der Flu nicht so breit ist, da er keine sandigten Ufer
hat, die sich am Orinoco bei Tag auf 50 Grad erhitzen, und da der
Atabapo, Temi, Tuamini und der Rio Negro von dichten Wldern beschattet
sind.

Da die schwarzen Wasser ungemein rein seyn mssen, das zeigt ihre
Klarheit und Durchsichtigkeit und die Deutlichkeit, mit der sich die
umgebenden Gegenstnde nach Umri und Frbung darin spiegeln. Auf 20--30
Fu tief sieht man die kleinsten Fische darin und meist blickt man bis auf
den Grund des Flusses hinunter. Und dieser ist nicht etwa Schlamm von der
Farbe des Flusses, gelblich oder brunlich, sondern blendend weier Quarz-
und Granitsand. Nichts geht ber die Schnheit der Ufer des Atabapo; ihr
ppiger Pflanzenwuchs, ber den Palmen mit Federbuschlaub hoch in die Luft
steigen, spiegelt sich im Flu. Das Grn am reflektirten Bilde ist ganz so
satt als am direkt gesehenen Gegenstand, so glatt und eben ist die
Wasserflche, so frei von suspendirtem Sand und organischen Trmmern, die
auf der Oberflche minder heller Flsse Streifen und Unebenheiten bilden.

Wo man vom Orinoco abfhrt, kommt man, aber ohne alle Gefahr, ber mehrere
kleine Stromschnellen. Mitten in diesen _Raudalitos_ ergiet sich, wie die
Missionre annehmen, der Atabapo in den Orinoco. Nach meiner Ansicht
ergiet sich aber der Atabapo vielmehr in den Guaviare, und diesen Namen
sollte man der Flustrecke vom Orinoco bis zur Mission San Fernando geben.
Der Rio Guaviare ist weit breiter als der Atabapo, hat weies Wasser und
der ganze Anblick seiner Ufer, seine gefiederten Fischsnger, seine
Fische, die groen Krokodile, die darin hausen, machen, da er dem Orinoco
weit mehr gleicht als der Theil dieses Flusses, der von Esmeralda
herkommt. Wenn sich ein Strom durch die Vereinigung zweier fast gleich
breiten Flsse bildet, so ist schwer zu sagen, welchen derselben man als
die Quelle zu betrachten hat. Die Indianer in San Fernando haben noch
heute eine Anschauung, die der der Geographen gerade zuwider luft. Sie
behaupten, der Orinoco entspringe aus zwei Flssen, aus dem Guaviare und
dem Rio Paragua. Unter letzterem Namen verstehen sie den obern Orinoco von
San Fernando und Santa Barbara bis ber Esmeralda hinauf. Dieser Annahme
zufolge ist ihnen der Cassiquiare kein Arm des Orinoco, sondern des Rio
Paragua. Ein Blick auf die von mir entworfene Karte zeigt, da diese
Benennungen vllig willkhrlich sind. Ob man dem Rio Paragua den Namen
Orinoco abstreitet, daran ist wenig gelegen, wenn man nur den Lauf der
Flsse naturgetreu zeichnet, und nicht, wie man vor meiner Reise gethan,
Flsse, die unter einander zusammenhngen und Ein System bilden, durch
eine Gebirgskette getrennt seyn lt. Will man einen der beiden Zweige,
die einen groen Flu bilden, nach dem letzteren benennen, so mu man den
Namen dem wasserreichsten derselben beilegen. In den beiden Jahreszeiten,
wo ich den Guaviare und den obern Orinoco oder Rio Paragua (zwischen
Esmeralda und San Fernando) gesehen, kam es mir nun aber vor, als wre
letzterer nicht so breit als der Guaviare. Die Vereinigung des obern
Mississippi mit dem Missouri und Ohio, die des Maragnon mit dem Guallaga
und Ucayale, die des Indus mit dem Chumab und Gurra oder Sutledge haben
bei den reisenden Geographen ganz dieselben Bedenken erregt. Um die rein
willkhrlich angenommene Flunomenclatur nicht noch mehr zu verwirren,
schlage ich keine neuen Venennungen vor. Ich nenne mit Pater CAULIN und
den spanischen Geographen den Flu bei Esmeralda auch ferner Orinoco oder
obern Orinoco, bemerke aber, da, wenn man den Orinoco von San Fernando de
Atabapo bis zum Delta, das er der Insel Trinidad gegenber bildet, als
eine Fortsetzung des Rio Guaviare und das Stck des obern Orinoco zwischen
Esmeralda und der Mission San Fernando als einen Nebenflu betrachtete,
der Orinoco von den Savanen von San Juan de los Llanos und dem Ostabhang
der Anden bis zu seiner Mndung eine gleichfrmigere und natrlichere
Richtung von Sdwest nach Nordost htte.

Der Rio Paragua, oder das Stck des Orinoco, auf dem man ostwrts von der
Mndung des Guaviare hinauffhrt, hat klareres, durchsichtigeres und
reineres Wasser als das Stck unterhalb San Fernando. Das Wasser des
Guaviare dagegen ist wei und trb; es hat, nach dem Ausspruch der
Indianer, deren Sinne sehr scharf und sehr gebt sind, denselben Geschmack
wie das Wasser des Orinoco in den groen Katarakten. Gebt mir, sagte ein
alter Indianer aus der Mission Javita zu uns, Wasser aus drei, vier
groen Flssen des Landes, so sage ich euch nach dem Geschmack
zuverlssig, wo das Wasser geschpft worden, ob aus einem weien oder
einem schwarzen Flu, ob aus dem Orinoco oder dem Atabapo, dem Paragua
oder dem Guaviare. Auch die groen Krokodile und die Delphine (Toninas)
haben der Guaviare und der untere Orinoco mit einander gemein; diese
Thiere kommen, wie man uns sagte, im Rio Paragua (oder obern Orinoco
zwischen San Fernando und Esmeralda) gar nicht vor. Die sind doch sehr
auffallende Verschiedenheiten hinsichtlich der Beschaffenheit der Gewsser
und der Vertheilung der Thiere. Die Indianer verfehlen nicht, sie
aufzuzhlen, wenn sie den Reisenden beweisen wollen, da der obere Orinoco
stlich von San Fernando ein eigener, sich in den Orinoco ergieender
Flu, und der wahre Ursprung des letzteren in den Quellen des Guaviare zu
suchen sey. Die europischen Geographen haben sicher unrecht, da sie die
Anschauung der Indianer nicht theilen, welche die natrlichen Geographen
ihres Landes sind; aber bei Nomenclatur und Orthographie thut man nicht
selten gut, eine Unrichtigkeit, auf die man aufmerksam gemacht, dennoch
selbst beizubehalten.

Meine astronomischen Beobachtungen in der Nacht des 25. April gaben mir
die Breite nicht so bestimmt, als zu wnschen war. Der Himmel war bewlkt
und ich konnte nur ein paar Hhen von {~GREEK SMALL LETTER ALPHA~} im Centaur und dem schnen Stern
am Fu des sdlichen Kreuzes nehmen. Nach diesen Hhen schien mir die
Breite der Mission San Fernando gleich 4 2{~PRIME~} 48{~DOUBLE PRIME~}; Pater CAULIN gibt auf
der Karte, die SOLANOs Beobachtungen im Jahr 1756 zu Grunde legt,
4 4{~PRIME~} an. Diese Uebereinstimmung spricht fr die Richtigkeit meiner
Beobachtung, obgleich sich dieselbe nur auf Hhen ziemlich weit vom
Meridian grndet. Eine gute Sternbeobachtung in Guapasoso ergibt mir fr
San Fernando 4 2{~PRIME~}. (GUMILLA setzte den Zusammenflu des Atabapo und
Guaviare unter 0 30{~PRIME~}, D'ANVILLE unter 2 51{~PRIME~}). Die Lnge konnte ich auf
der Fahrt zum Rio Negro und auf dem Rckweg von diesem Flu sehr genau
bestimmen: sie ist 70 30{~PRIME~} 46{~DOUBLE PRIME~} (oder 4 0{~PRIME~} westlich vom Meridian von
Cumana). Der Gang des Chronometers war whrend der Fahrt im Canoe so
regelmig, da er vom 16. April bis 9. Juli nur um 27,9 bis 28,5 Secunden
abwich. In San Fernando fand ich die sehr sorgfltig rectificirte
Inclination der Magnetnadel gleich 29 70, die Intensitt der Kraft 219.
Der Winkel und die Schwingungen waren also seit Maypures bei einem
Breitenunterschied von 1 11{~PRIME~} betrchtlich kleiner und weniger geworden.
Das anstehende Gestein war nicht mehr eisenschssiger Sandstein, sondern
Granit, in Gnei bergehend.

Am 26. April. Wir legten nur zwei oder drei Meilen zurck und lagerten zur
Nacht auf einem Felsen in der Nhe der indianischen Pflanzungen oder
Conucos von Guapasoso. Da man das eigentliche Ufer nicht sieht, und der
Flu, wenn er anschwillt, sich in die Wlder verluft, kann man nur da
landen, wo ein Fels oder ein kleines Plateau sich ber das Wasser erhebt.
Der Atabapo hat berall ein eigenthmliches Ansehen; das eigentliche Ufer,
das aus einer acht bis zehn Fu hohen Bank besteht, sieht man nirgends; es
versteckt sich hinter einer Reihe von Palmen und kleinen Bumen mit sehr
dnnen Stmmen, deren Wurzeln vom Wasser besplt werden. Vom Punkt, wo man
vom Orinoco abgeht, bis zur Mission San Fernando gibt es viele Krokodile,
und dieser Umstand beweist, wie oben bemerkt, da dieses Flustck zum
Guaviare, nicht zum Atabapo gehrt. Im eigentlichen Bett des letzteren
oberhalb San Fernando gibt es keine Krokodile mehr; man trifft hie und da
einen *Bava* an und viele *Swasser-Delphine*, aber keine Seekhe. Man
sucht hier auch vergeblich den Chiguire, die Araguatos oder groen
Brllaffen, den Zamuro oder _Vultur aura_ und den Fasanen mit der Haube,
den sogenannten _'Guacharaca'_. Ungeheure Wassernattern, im Habitus der
*Boa* gleich, sind leider sehr hufig und werden den Indianern beim Baden
gefhrlich. Gleich in den ersten Tagen sahen wir welche neben unserer
Pirogue herschwimmen, die 12--14 Fu lang waren. Die Jaguars am Atabapo
und Temi sind gro und gut genhrt, sie sollen aber lange nicht so keck
seyn als die am Orinoco.

Am 27. April. Die Nacht war schn, schwrzlichte Wolken liefen von Zeit zu
Zeit ungemein rasch durch das Zenith. In den untern Schichten der
Atmosphre regte sich kein Lftchen, der allgemeine Ostwind wehte erst in
tausend Toisen Hhe. Ich betone diesen Umstand: die Bewegung, die wir
bemerkten, war keine Folge von Gegenstrmungen (von West nach Ost), wie
man sie zuweilen in der heien Zone auf den hchsten Gebirgen der
Cordilleren wahrzunehmen glaubt, sie rhrte vielmehr von einer
eigentlichen Brise, vom Ostwind her. Ich konnte die Meridianhhe von {~GREEK SMALL LETTER ALPHA~} im
sdlichen Kreuz gut beobachten; die einzelnen Resultate schwankten nur um
8--10 Secunden um das Mittel. Die Breite von Guapasoso ist 3 53{~PRIME~} 55{~DOUBLE PRIME~}. Das
schwarze Wasser des Flusses diente mir als Horizont, und diese
Beobachtungen machten mir desto mehr Vergngen, als wir auf den Flssen
mit weiem Wasser, auf dem Apure und Orinoco von den Insekten furchtbar
zerstochen worden waren, whrend Bonpland die Zeit am Chronometer
beobachtete und ich den Horizont richtete. Wir brachen um zwei Uhr von den
Conucos von Guapasoso aus. Wir fuhren immer nach Sden hinauf und sahen
den Flu oder vielmehr den von Bumen freien Theil seines Bettes immer
schmaler werden. Gegen Sonnenaufgang fing es an zu regnen. Wir waren an
diese Wlder, in denen es weniger Thiere gibt als am Orinoco, noch nicht
gewhnt, und so wunderten wir uns beinahe, da wir die Araguatos nicht
mehr brllen hrten. Die Delphine oder Toninas spielten um unser Canoe.
Nach COLEBROOKE begleitet der _Delphinus gangetius_, der Swasser-Delphin
der alten Welt, gleichfalls die Fahrzeuge, die nach Benares hinaufgehen;
aber von Benares bis zum Punkt, wo Salzwasser in den Ganges kommt, sind es
nur 200 Meilen, von Atabapo aber an die Mndung des Orinoco ber 320.

Gegen Mittag lag gegen Ost die Mndung des kleinen Flusses Ipurichapano,
und spter kamen wir am Granithgel vorbei, der unter dem Namen *piedra
del Tigre* bekannt ist. Dieser einzeln stehende Fels ist nur 60 Fu hoch
und doch im Lande weit berufen. Zwischen dem vierten und fnften Grad der
Breite, etwas sdlich von den Bergen von Sipapo, erreicht man das sdliche
Ende der *Kette der Katarakten*, fr die ich in einer im Jahr 1800
verffentlichten Abhandlung den Namen _'Kette der Parime'_ in Vorschlag
gebracht habe. Unter 4 20{~PRIME~} streicht sie vom rechten Orinocoufer gegen Ost
und Ost-Sd-Ost. Der ganze Landstrich zwischen den Bergen der Parime und
dem Amazonenstrom, ber den der Atabapo, Cassiquiare und Rio Negro ziehen,
ist eine ungeheure, zum Theil mit Wald, zum Theil mit Gras bewachsene
Ebene. Kleine Felsen erheben sich da und dort, wie feste Schlsser. Wir
bereuten es, unser Nachtlager nicht beim Tigerfelsen aufgeschlagen zu
haben; denn wir fanden den Atabapo hinauf nur sehr schwer ein trockenes,
freies Stck Land, gro genug, um unser Feuer anznden und unsere
Instrumente und Hngematten unterbringen zu knnen.

Am 28. April. Der Regen go seit Sonnenuntergang in Strmen; wir
frchteten unsere Sammlungen mchten beschdigt werden. Der arme Missionr
bekam seinen Anfall von Tertianfieber und bewog uns, bald nach Mitternacht
weiter zu fahren. Wir kamen mit Tagesanbruch an die Piedra und den
Raudalito von Guarinuma. Der Fels, auf dem stlichen Ufer, ist eine kahle,
mit Psora, Cladonia und andern Flechten bedeckte Granitbank. Ich glaubte
mich in das nrdliche Europa versetzt, auf den Kamm der Gnei- und
Granitberge zwischen Freiberg und Marienberg in Sachsen. Die Cladonien
schienen mir identisch mit dem _Lichen rangiferinus_, dem _L. pyxidatus_
und _L. polymorphus_ Linns. Als wir die Stromschnellen von Guarinuma
hinter uns hatten, zeigten uns die Indianer mitten im Wald zu unserer
Rechten die Trmmer der seit lange verlassenen Mission Mendaxari. Auf dem
andern, stlichen Ufer, beim kleinen Felsen Kemarumo, wurden wir auf einen
riesenhaften Ksebaum (_Bombax Ceiba_) aufmerksam, der mitten in den
Pflanzungen der Indianer stand. Wir stiegen aus, um ihn zu messen: er war
gegen 120 Fu hoch und hatte 14--15 Fu Durchmesser. Ein so
auerordentliches Wachsthum fiel uns um so mehr auf, da wir bisher am
Atabapo nur kleine Bume mit dnnem Stamm, von weitem jungen Kirschbumen
hnlich, gesehen hatten. Nach den Aussagen der Indianer bilden diese
kleinen Bume eine nur wenig verbreitete Gewchsgruppe. Sie werden durch
das Austreten des Flusses im Wachsthum gehemmt; auf den trockenen Strichen
am Atabapo, Temi und Tuamini wchst dagegen vortreffliches Bauholz. Diese
Wlder (und dieser Umstand ist wichtig, wenn man sich von den *Ebenen
unter dem Aequator am Rio Negro und Amazonenstrom* eine richtige
Vorstellung machen will), diese Wlder erstrecken sich nicht ohne
Unterbrechung ostwrts und westwrts bis zum Cassiquiare und Guaviare: es
liegen vielmehr die kahlen Savanen von Manuteso und am Rio Inirida
dazwischen. Am Abend kamen wir nur mit Mhe gegen die Strmung vorwrts,
und wir bernachteten in einem Gehlz etwas oberhalb Mendaxari. Hier ist
wieder ein Granitfels, durch den eine Quarzschicht luft; wir fanden eine
Gruppe schner schwarzer Schrlkrystalle darin.

Am 29. April. Die Luft war khler; keine Zancudos, aber der Himmel
fortwhrend bedeckt und sternlos. Ich fing an mich wieder auf den untern
Orinoco zu wnschen. Bei der starken Strmung kamen wir wieder nur langsam
vorwrts. Einen groen Theil des Tages hielten wir an, um Pflanzen zu
suchen, und es war Nacht, als wir in der Mission San Balthasar ankamen,
oder, wie die Mnche sagen (da Balthasar nur der Name eines indianischen
Huptlings ist), in der Mission _'la divina Pastora de Balthasar de
Atabapo'_. Wir wohnten bei einem catalonischen Missionr, einem muntern
liebenswrdigen Mann, der hier in der Wildni ganz die seinem Volksstamm
eigenthmliche Thtigkeit entwickelte. Er hatte einen schnen Garten
angelegt, wo der europische Feigenbaum der Persea, der Citronenbaum dem
Mamei zur Seite stand. Das Dorf war nach einem regelmigen Plan gebaut,
wie man es in Norddeutschland und im protestantischen Amerika bei den
Gemeinden der mhrischen Brder sieht. Die Pflanzungen der Indianer
schienen uns besser gehalten als anderswo. Hier sahen wir zum erstenmal
den weien, schwammigten Stoff, den ich unter dem Namen _'Dapicho'_ und
_'Zapis'_ bekannt gemacht habe. Wir sahen gleich, da derselbe mit dem
elastischen Harz Aehnlichkeit hat; da uns aber die Indianer durch
Zeichen bedeuteten, man finde denselben in der Erde, so vermutheten wir,
bis wir in die Mission Javita kamen, das *Dapicho* mchte ein *fossiles
Cautschuc* seyn, wenn auch abweichend vom *elastischen Bitumen* in
Derbyshire. In der Htte des Missionrs sa ein Poimisano-Indianer an
einem Feuer und verwandelte das Dapicho in schwarzes Cautschuc. Er hatte
mehrere Stcke auf ein dnnes Holz gespiet und briet dieselben wie
Fleisch. Je weicher und elastischer das Dapicho wird, desto mehr schwrzt
es sich. Nach dem harzigen, aromatischen Geruch, der die Htte erfllte,
rhrt dieses Schwarzwerden wahrscheinlich davon her, da eine Verbindung
von Kohlenstoff und Wasserstoff zersetzt und der Kohlenstoff frei wird,
whrend der Wasserstoff bei gelinder Hitze verbrennt. Der Indianer klopfte
die erweichte schwarze Masse mit einem vorne keulenfrmigen Stck
Brasilholz, knetete dann den Dapicho zu Kugeln von 3--4 Zoll Durchmesser
und lie ihn erkalten. Diese Kugeln gleichen vollkommen dem Cautschuc, wie
es in den Handel kommt, sie bleiben jedoch auen meist etwas klebrig. Man
braucht sie in San Balthasar nicht zum indianischen Ballspiel, das bei den
Einwohnern von Uruana und Encaramada in so hohem Ansehen steht; man
schneidet sie cylindrisch zu, um sie als Stpsel zu gebrauchen, die noch
weit besser sind als Korkstpsel. Diese Anwendung des Cautschuc war uns
desto interessanter, da uns der Mangel europischer Stpsel oft in groe
Verlegenheit gesetzt hatte. Wie ungemein ntzlich der Kork ist, fhlt man
erst in Lndern, wohin er durch den Handel nicht kommt. In Sdamerika
kommt nirgends, selbst nicht auf dem Rcken der Anden, eine Eichenart vor,
die dem _Quercus suber_ nahe stnde, und weder das leichte Holz der
Bombax- und Ochroma-Arten und anderer Malvaceen, noch die Maisspindeln,
deren sich die Indianer bedienen, ersetzen unsere Stpsel vollkommen. Der
Missionr zeigte uns vor der _'Casa de los Solteros'_ (Haus, wo sich die
jungen, nicht verheiratheten Leute versammeln) eine Trommel, die aus einem
zwei Fu langen und achtzehn Zoll dicken hohlen Cylinder bestand. Man
schlug dieselbe mit groen Stcken Dapicho, wie mit Trommelschlgeln; sie
hatte Lcher, die man mit der Hand schlieen konnte, um hhere oder
tiefere Tne hervorzubringen, und hing an zwei leichten Sttzen. Wilde
Vlker lieben rauschende Musik. Die Trommel und die _Botutos_ oder
Trompeten aus gebrannter Erde, 3--4 Fu lange Rhren, die sich an mehreren
Stellen zu Hohlkugeln erweitern, sind bei den Indianern unentbehrliche
Instrumente, wenn es sich davon handelt, mit Musik Effekt zu machen.

Am 30. April. Die Nacht war ziemlich schn, so da ich die Meridianhhen
des {~GREEK SMALL LETTER ALPHA~} im sdlichen Kreuz und der zwei groen Sterne in den Fen des
Centauren beobachten konnte. Ich fand fr San Balthasar eine Breite von
3 14{~PRIME~} 23{~DOUBLE PRIME~}. Als Lnge ergab sich aus Stundenwinkeln der Sonne nach dem
Chronometer 70 14{~PRIME~} 21{~DOUBLE PRIME~}. Die Inclination der Magnetnadel war 27{~PRIME~} 80. Wir
verlieen die Mission Morgens ziemlich spt und fuhren den Atabapo noch
fnf Meilen hinauf; statt ihm aber weiter seiner Quelle zu gegen Osten, wo
er Atacavi heit, zu folgen, liefen wir jetzt in den Rio Temi ein. Ehe wir
an die Mndung desselben kamen, beim Einflu des Guasacavi, wurden wir auf
eine Granitkuppe am westlichen Ufer aufmerksam. Dieselbe heit der *Fels
der Guahiba-Indianerin*, oder der Fels der Mutter, _Piedra de la madre_.
Wir fragten nach dem Grund einer so sonderbaren Benennung. Pater Zea
konnte unsere Neugier nicht befriedigen, aber einige Wochen spter
erzhlte uns ein anderer Missionr einen Vorfall, den ich in meinem
Tagebuch aufgezeichnet und der den schmerzlichsten Eindruck auf uns
machte. Wenn der Mensch in diesen Einden kaum eine Spur seines Daseyns
hinter sich lt, so ist es fr den Europer doppelt demthigend, da
durch den Namen eines Felsen, durch eines der unvergnglichen Denkmale der
Natur, das Andenken an die sittliche Verworfenheit unseres Geschlechts, an
den Gegensatz zwischen der Tugend des Wilden und der Barbarei des
civilisirten Menschen verewigt wird.

Der Missionr von San Fernando(57) war mit seinen Indianern an den
Guaviare gezogen, um einen jener feindlichen Einflle zu machen, welche
sowohl die Religion als die spanischen Gesetze verbieten. Man fand in
einer Htte eine Mutter vom Stamme der Guahibos mit drei Kindern, von
denen zwei noch nicht erwachsen waren. Sie bereiteten Maniocmehl. An
Widerstand war nicht zu denken; der Vater war auf dem Fischfang, und so
suchte die Mutter mit ihren Kindern sich durch die Flucht zu retten. Kaum
hatte sie die Savane erreicht, so wurde sie von den Indianern aus der
Mission eingeholt, die auf die *Menschenjagd* gehen, wie die Weien und
die Neger in Afrika. Mutter und Kinder wurden gebunden und an den Flu
geschleppt. Der Ordensmann sa in seinem Boot, des Ausgangs der Expedition
harrend, die fr ihn sehr gefahrlos war. Htte sich die Mutter zu stark
gewehrt, so wre sie von den Indianern umgebracht worden; Alles ist
erlaubt, wenn man auf die _conquista espiritual_ auszieht, und man will
besonders der Kinder habhaft werden, die man dann in der Mission als
Poitos oder Sklaven der Christen behandelt. Man brachte die Gefangenen
nach San Fernando und meinte, die Mutter knnte zu Land sich nicht wieder
in ihre Heimath zurckfinden. Durch die Trennung von den Kindern, die am
Tage ihrer Entfhrung den Vater begleitet hatten, gerieth das Weib in die
hchste Verzweiflung. Sie beschlo, die Kinder, die in der Gewalt des
Missionrs waren, zur Familie zurckzubringen; sie lief mit ihnen mehrere
male von San Fernando fort, wurde aber immer wieder von den Indianern
gepackt, und nachdem der Missionr sie unbarmherzig hatte peitschen
lassen, fate er den grausamen Entschlu, die Mutter von den beiden
Kindern, die mit ihr gefangen worden, zu trennen. Man fhrte sie allein
den Atabapo hinauf, den Missionen am Rio Negro zu. Leicht gebunden sa sie
auf dem Vordertheil des Fahrzeugs. Man hatte ihr nicht gesagt, welches
Loos ihrer wartete, aber nach der Richtung der Sonne sah sie wohl, da sie
immer weiter von ihrer Htte und ihrer Heimath wegkam. Es gelang ihr, sich
ihrer Bande zu entledigen, sie sprang in den Flu und schwamm dem linken
Ufer des Atabapo zu. Die Strmung trug sie an eine Felsbank, die noch
heute ihren Namen trgt. Sie ging hier ans Land und lief ins Holz; aber
der Prsident der Missionen befahl den Indianern, ans Ufer zu fahren und
den Spuren der Guahiba zu folgen. Am Abend wurde sie zurckgebracht, auf
den Fels (_piedra de la madre_) gelegt und mit einem Seekuhriemen, die
hier zu Lande als Peitschen dienen und mit denen die Alcaden immer
versehen sind, unbarmherzig gepeitscht. Man band dem unglcklichen Weibe
mit starken Mavacureranken die Hnde aus den Rcken und brachte sie in die
Mission Javita.

Man sperrte sie hier in eines der Caravanserais, die man _Cases del Rey_
nennt. Es war in der Regenzeit und die Nacht ganz finster. Wlder, die man
bis da fr undurchdringlich gehalten, liegen, 25 Meilen in gerader Linie
breit, zwischen Javita und San Fernando. Man kennt keinen andern Weg als
die Flsse. Niemals hat ein Mensch versucht zu Land von einem Dorf zum
andern zu gehen, und lgen sie auch nur ein paar Meilen aus einander. Aber
solche Schwierigkeiten halten eine Mutter, die man von ihren Kindern
getrennt, nicht auf. Ihre Kinder sind in San Fernando am Atabapo; sie mu
zu ihnen, sie mu sie aus den Hnden der Christen befreien, sie mu sie
dem Vater am Guaviare wieder bringen. Die Guahiba ist im Caravanserai
nachlig bewacht, und da ihre Arme ganz blutig waren, hatten ihr die
Indianer von Javita ohne Vorwissen des Missionrs und des Alcaden die
Bande gelockert. Es gelingt ihr, sie mit den Zhnen vollends loszumachen,
und sie verschwindet in der Nacht. Und als die Sonne zum vierten mal
aufgeht, sieht man sie in der Mission San Fernando um die Htte
schleichen, wo ihre Kinder eingesperrt sind. Was dieses Weib ausgefhrt,
sagte der Missionr, der uns diese traurige Geschichte erzhlte, der
krftigste Indianer htte sich nicht getraut es zu unternehmen. Sie ging
durch die Wlder in einer Jahreszeit, wo der Himmel immer mit Wolken
bedeckt ist und die Sonne Tage lang nur auf wenige Minuten zum Vorschein
kommt. Hatte sie sich nach dem Lauf der Wasser gerichtet? Aber da Alles
berschwemmt war, mute sie sich weit von den Fluufern, mitten in den
Wldern halten, wo man das Wasser fast gar nicht laufen sieht. Wie oft
mochte sie von den stachligten Lianen aufgehalten worden sehn, welche um
die von ihnen umschlungenen Stmme ein Gitterwerk bilden! Wie oft mute
sie ber die Bche schwimmen, die sich in den Atabapo ergieen! Man fragte
das unglckliche Weib, von was sie sich vier Tage lang genhrt; sie sagte,
vllig erschpft habe sie sich keine andere Nahrung verschaffen knnen als
die groen schwarzen Ameisen, _Vachacos_ genannt, die in langen Zgen an
den Bumen hinaufkriechen, um ihre harzigten Nester daran zu hngen. Wir
wollten durchaus vom Missionr wissen, ob jetzt die Guahiba in Ruhe des
Glckes habe genieen knnen, um ihre Kinder zu seyn, ob man doch endlich
bereut habe, da man sich so malos vergangen? Er fand nicht fr gut,
unsere Neugierde zu befriedigen; aber auf der Rckreise vom Rio Negro
hrten wir, man habe der Indianerin nicht Zeit gelassen, von ihren Wunden
zu genesen, sondern sie wieder von ihren Kindern getrennt und in eine
Mission am obern Orinoco gebracht. Dort wies sie alle Nahrung von sich und
starb, wie die Indianer in groem Jammer thun.

Die ist die Geschichte, deren Andenken an diesem unseligen Gestein, an
der _Piedra de la madre_ haftet. Es ist mit in dieser meiner
Reisebeschreibung nicht darum zu thun, bei der Schilderung einzelner
Unglcksscenen zu verweilen. Dergleichen Jammer kommt berall vor, wo es
Herren und Sklaven gibt, wo civilisirte Europer unter versunkenen Vlkern
leben, wo Priester mit unumschrnkter Gewalt ber unwissende, wehrlose
Menschen herrschen. Als Geschichtschreiber der Lnder, die ich bereist,
beschrnke ich mich meist darauf, anzudeuten, was in den brgerlichen und
religisen Einrichtungen mangelhaft oder der Menschheit verderblich
erscheint. Wenn ich beim *Fels der Guahiba* lnger verweilt habe, geschah
es nur, um ein rhrendes Beispiel von Mutterliebe bei einer Menschenart
beizubringen, die man so lange verlumdet hat, und weil es mir nicht ohne
Nutzen schien, einen Vorfall zu verffentlichen, den ich aus dem Munde von
Franciskanern habe, und der beweist, wie nothwendig es ist, da das Auge
des Gesetzgebers ber dem Regiment der Missionre wacht.

Oberhalb dem Einflu des Guasacavi liefen wir in den Rio Temi ein, der von
Sd nach Nord luft. Wren wir den Atabapo weiter hinaufgefahren, so wren
wir gegen Ost-Sd-Ost vom Guainia oder Rio Negro abgekommen. Der Temi ist
nur 80--90 Toisen breit, und in jedem andern Lande als Guyana wre die
noch immer ein bedeutender Flu. Das Land ist uerst einfrmig, nichts
als Wald auf vllig ebenem Boden. Die schne Pirijaopalme mit Frchten wie
Pfirsiche, und eine neue Art *Bache* oder Mauritia mit stachlichtem Stamm
ragen hoch ber den kleineren Bumen, deren Wachsthum, wie es scheint,
durch das lange Stehen unter Wasser niedergehalten wird. Diese _Mauritia
aculeata_ heit bei den Indianern _Juria_ oder _Cauvaja_. Sie hat
fcherfrmige, gegen den Boden gesenkte Bltter; auf jedem Blatte sieht
man gegen die Mitte, wahrscheinlich in Folge einer Krankheit des
Parenchyms, concentrische, abwechselnd gelbe und blaue Kreise; gegen die
Mitte herrscht das Gelb vor. Diese Erscheinung fiel uns sehr auf. Diese
wie ein Pfauenschweif gefrbten Bltter sitzen auf kurzen, sehr dicken
Stmmen. Die Stacheln sind nicht lang und dnn, wie beim Corozo und andern
stachligten Palmen; sie sind im Gegentheil stark holzigt, kurz, gegen die
Basis breiter, wie die Stacheln der _Hura crepitans_. An den Ufern des
Atabapo und Temi steht diese Palme in Gruppen von zwlf bis fnfzehn
Stmmen, die sich so nah an einander drngen, als kmen sie aus Einer
Wurzel. Im Habitus, in der Form und der geringen Zahl der Bltter gleichen
diese Bume den Fcherpalmen und Chamrops der alten Welt. Wir bemerkten,
da einige Juriastmme gar keine Frchte trugen, whrend andere davon ganz
voll hingen; die scheint auf eine Palme mit getrennten Geschlechtern zu
deuten.

Ueberall wo der Temi Schlingen bildet, steht der Wald ber eine halbe
Quadratmeile weit unter Wasser. Um die Krmmungen zu vermeiden und
schneller vorwrts zu kommen, wird die Schifffahrt hier ganz seltsam
betrieben. Die Indianer bogen aus dem Flubett ab, und wir fuhren sdwrts
durch den Wald auf sogenannten _'Sendas'_, das heit vier bis fnf Fu
breiten, offenen Canlen. Das Wasser ist selten ber einen halben Faden
tief. Diese *Sendas* bilden sich im berschwemmten Wald, wie auf trockenem
Boden die Fusteige. Die Indianer schlagen von einer Mission zur andern
mit ihren Canoes wo mglich immer denselben Weg ein; da aber der Verkehr
gering ist, so stt man bei der ppigen Vegetation zuweilen unerwartet
auf Hindernisse. Dehalb stand ein Indianer mit einem Machette (ein groes
Messer mit vierzehn Zoll langer Klinge) vorne auf unserem Fahrzeug und
hieb fortwhrend die Zweige ab, die sich von beiden Seiten des Canals
kreuzten. Im dicksten Walde vernahmen wir mit Ueberraschung einen
sonderbaren Lrm. Wir schlugen an die Bsche, und da kam ein Schwarm vier
Fu langer *Toninas* (Swasserdelphine) zum Vorschein und umgab unser
Fahrzeug. Die Thiere waren unter den Aesten eines Ksebaums oder _Bombax
Ceiba_ versteckt gewesen. Sie machten sich durch den Wald davon und warfen
dabei die Strahlen Wasser und comprimirter Luft, nach denen sie in allen
Sprachen Blasefische oder Spritzfische, _souffleurs_ u. s. w. heien. Ein
sonderbarer Anblick mitten im Lande, drei- und vierhundert Meilen von den
Mndungen des Orinoco und des Amazonenstroms! Ich wei wohl, da Fische
von der Familie Pleuronectes [_Limanda_] aus dem atlantischen Meer in der
Loire bis Orleans heraufgehen; aber ich bin immer noch der Ansicht, da
die Delphine im Temi, wie die im Ganges und wie die Rochen im Orinoco, von
den Seerochen und Seedelphinen ganz verschiedene Arten sind. In den
ungeheuren Strmen Sdamerikas und in den groen Seen Nordamerikas scheint
die Natur mehrere Typen von Seethieren zu wiederholen. Der Nil hat keine
Delphine;(58) sie gehen aus dem Meer im Delta nicht ber Biana und
Metonbis, Selamoun zu, hinauf.

Gegen fnf Uhr Abends gingen wir nicht ohne Mhe in das eigentliche
Flubett zurck. Unsere Pirogue blieb ein paar Minuten lang zwischen zwei
Baumstmmen stecken. Kaum war sie wieder losgemacht, kamen wir an eine
Stelle, wo mehrere Wasserpfade oder kleine Canle sich kreuzten, und der
Steuermann wute nicht gleich, welches der befahrenste Weg war. Wir haben
oben gesehen, da man in der Provinz Varinas im Canoe ber die offenen
Savanen von San Fernando am Apure bis an den Arauca fhrt; hier fuhren wir
durch einen Wald, der so dicht ist, da man sich weder nach der Sonne noch
nach den Sternen orientiren kann. Heute fiel es uns wieder recht auf, da
es in diesem Landstrich keine baumartigen Farn mehr gibt. Sie nehmen vom
sechsten Grad nrdlicher Breite an sichtbar ab, wogegen die Palmen dem
Aequator zu ungeheuer zunehmen. Die eigentliche Heimath der baumartigen
Farn ist ein nicht so heies Klima, ein etwas bergigter Boden, Plateaus
von 300 Toisen Hhe. Nur wo Berge sind, gehen diese prachtvollen Gewchse
gegen die Niederungen herab; ganz ebenes Land, wie das, ber welches der
Cassiquiare, der Temi, der Inirida und der Rio Negro ziehen, scheinen sie
zu meiden. Wir bernachteten an einem Felsen, den die Missionre Piedra de
Astor nennen. Von der Mndung des Guaviare an ist der geologische
Charakter des Bodens derselbe. Es ist eine weite aus Granit bestehende
Ebene, auf der jede Meile einmal das Gestein zu Tage kommt und keine
Hgel, sondern kleine senkrechte Massen bildet, die Pfeilern oder
zerfallenen Gebuden gleichen.

Am ersten Mai. Die Indianer wollten lange vor Sonnenaufgang aufbrechen.
Wir waren vor ihnen auf den Beinen, weil ich vergeblich auf einen Stern
wartete, der im Begriff war durch den Meridian zu gehen. Auf diesem
nassen, dicht bewaldeten Landstrich wurden die Nchte immer finsterer, je
nher wir dem Rio Negro und dem innern Brasilien kamen. Wir blieben im
Flubett, bis der Tag anbrach; man htte besorgen mssen, sich unter den
Bumen zu verirren. Sobald die Sonne aufgegangen war, ging es wieder, um
der starken Strmung auszuweichen, durch den berschwemmten Wald. So kamen
wir an den Zusammenflu des Temi mit einem andern kleinen Flu, dem
Tuamini, dessen Wasser gleichfalls schwarz ist, und gingen den letzteren
gegen Sdwest hinauf. Damit kamen wir auf die Mission Javita zu, die am
Tuamini liegt. In dieser christlichen Niederlassung sollten wir die
erforderlichen Mittel finden, um unsere Pirogue zu Land an den Rio Negro
schaffen zu lassen. Wir kamen in *San Antonio de Javita* erst um elf Uhr
Vormittags an. Ein an sich unbedeutender Vorfall, der aber zeigt, wie
ungemein furchtsam die kleinen Sagoins sind, hatte uns an der Mndung des
Tuamini eine Zeitlang aufgehalten. Der Lrm, den die Spritzfische machen,
hatte unsere Affen erschreckt, und einer war ins Wasser gefallen. Da diese
Affenart, vielleicht weil sie ungemein mager ist, sehr schlecht schwimmt,
so kostete es Mhe, ihn zu retten.

Zu unserer Freude trafen wir in Javita einen sehr geisteslebendigen,
vernnftigen und geflligen Mnch. Wir muten uns vier bis fnf Tage in
seinem Hause aufhalten, da so lange zum Transport unseres Fahrzeugs ber
den *Trageplatz* am Pimichin erforderlich war; wir bentzten diese Zeit
nicht allein, um uns in der Gegend umzusehen, sondern auch um uns von
einem Uebel zu befreien, an dem wir seit zwei Tagen litten. Wir hatten
sehr starkes Jucken in den Fingergelenken und auf dem Handrcken. Der
Missionr sagte uns, das seyen _aradores_ (Ackerer), die sich in die Haut
gegraben. Mit der Loupe sahen wir nur Streifen, parallele weilichte
Furchen. Wegen der Form dieser Furchen heit das Insekt der *Ackerer*. Man
lie eine Mulattin kommen, die sich rhmte, all die kleinen Thiere, welche
sich in die Haut des Menschen graben, die *Nigua*, den *Nuche*, die *Coya*
und den *Ackerer*, aus dem Fundament zu kennen; es war die _'Curandera'_,
der Dorfarzt. Sie versprach uns die Insekten, die uns so schreckliches
Jucken verursachten, eines um das andere herauszuholen. Sie erhitzte an
der Lampe die Spitze eines kleinen Splitters sehr harten Holzes und bohrte
damit in den Furchen, die auf der Haut sichtbar waren. Nach langem Suchen
verkndete sie mit dem pedantischen Ernst, der den Farbigen eigen ist, da
sey bereits ein Arador. Ich sah einen kleinen runden Sack, der mir das Ei
einer Milbe schien. Wenn die Mulattin einmal drei, vier solche Aradores
heraus htte, sollte ich mich erleichtert fhlen. Da ich an beiden Hnden
die Haut voll Acariden hatte, ging mir die Geduld ber der Operation aus,
die bereits bis tief in die Nacht gedauert hatte. Am andern Tag heilte uns
ein Indianer aus Javita radical und berraschend schnell. Er brachte uns
einen Zweig von einem Strauch, genannt *Uzao*, mit kleinen, denen der
Cassia hnlichen, stark lederartigen, glnzenden Blttern. Er machte von
der Rinde einen kalten Aufgu, der blulich aussah und wie Sholz
(_Glycyrrhiza_) schmeckte und geschlagen starken Schaum gab. Auf einfaches
Waschen mit dem Uzaowasser hrte das Jucken von den Aradores auf. Wir
konnten vom Uzao weder Blthe noch Frucht auftreiben. Der Strauch scheint
der Familie der Schotengewchse anzugehren, deren chemische Eigenschaften
so auffallend ungleichartig sind. Der Schmerz, den wir auszustehen gehabt,
hatte uns so ngstlich gemacht, da wir bis San Carlos immer ein paar
Uzaozweige im Canoe mitfhrten; der Strauch wchst am Pimichin in Menge.
Warum hat man kein Mittel gegen das Jucken entdeckt, das von den Stichen
der Zancudos herrhrt, wie man eines gegen das Jucken hat, das die
_Aradores_ oder mikroskopischen Acariden verursachen?

Im Jahr 1755, vor der Grenzexpedition, gewhnlich Solanos Expedition
genannt, wurde dieser Landstrich zwischen den Missionen Javita und San
Balthasar als zu Brasilien gehrig betrachtet. Die Portugiesen waren vom
Rio Negro ber den Trageplatz beim Cao Pimichin bis an den Temi
vorgedrungen. Ein indianischer Huptling, Javita, berhmt wegen seines
Muthes und seines Unternehmungsgeistes, war mit den Portugiesen verbndet.
Seine Streifzge gingen vom Rio Jupura oder Caqueta, einem der groen
Nebenflsse des Amazonenstromes ber den Rio Uaupe und Xie, bis zu den
schwarzen Gewssern des Temi und Tuamini, ber hundert Meilen weit. Er war
mit einem Patent versehen, das ihn ermchtigte, Indianer aus dem Wald zu
holen, zur Eroberung der Seelen. Er machte von dieser Befugni
reichlichen Gebrauch; aber er bezweckte mit seinen Einfllen etwas, das
nicht so ganz geistlich war, Sklaven (_poitos_) zu machen und sie an die
Portugiesen zu verkaufen. Als Solano, der zweite Befehlshaber bei der
Grenzexpedition, nach San Fernando de Atabapo kam, lie er Capitn Javita
aus einem seiner Streifzge am Temi festnehmen. Er behandelte ihn
freundlich und es gelang ihm, ihn durch Versprechungen, die nicht gehalten
wurden, fr die spanische Regierung zu gewinnen. Die Portugiesen, die
bereits einige feste Niederlassungen im Lande gegrndet hatten, wurden bis
an den untern Rio Negro zurckgedrngt, und die Mission San Antonio, die
gewhnlich nach ihrem indianischen Grnder Javita heit, weiter nrdlich
von den Quellen des Tuamini, dahin verlegt, wo sie jetzt liegt. Der alte
Capitn Javita lebte noch, als wir an den Rio Negro gingen. Er ist ein
Indianer von bedeutender Geistes- und Krperkraft. Er spricht gelufig
spanisch und hat einen gewissen Einflu auf die benachbarten Vlker
behalten. Er begleitete uns immer beim Botanisiren und ertheilte uns
mancherlei Auskunft, die wir desto mehr schtzten, da die Missionre ihn
fr sehr zuverlssig halten. Er versichert, er habe in seiner Jugend fast
alle Indianerstmme, welche auf dem groen Landstrich zwischen dem obern
Orinoco, dem Rio Negro, dem Irinida und Jupura wohnen, Menschenfleisch
essen sehen. Er hlt die Daricavanas, Puchirinavis und Manitibitanos fr
die strksten Anthropophagen. Er hlt diesen abscheulichen Brauch bei
ihnen nur fr ein Stck systematischer Rachsucht: sie essen nur Feinde,
die im Gefecht in ihre Hnde gefallen. Die Beispiele, wo der Indianer in
der Grausamkeit so weit geht, da er seine Nchsten, sein Weib, eine
ungetreue Geliebte verzehrt, sind, wie wir weiter unten sehen werden, sehr
selten. Auch wei man am Orinoco nichts von der seltsamen Sitte der
scythischen und massagetischen Vlker, der Capanaguas am Rio Ucayale und
der alten Bewohner der Antillen, welche dem Todten zu Ehren die Leiche zum
Theil aen. Auf beiden Continenten kommt dieser Brauch nur bei Vlkern
vor, welche das Fleisch eines Gefangenen verabscheuen. Der Indianer auf
Haiti (St. Domingo) htte geglaubt dem Andenken eines Angehrigen die
Achtung zu versagen, wenn er nicht ein wenig von der gleich einer
Guanchenmumie getrockneten und gepulverten Leiche in sein Getrnk geworfen
htte. Da kann man wohl mit einem orientalischen Dichter sagen, am
seltsamsten in seinen Sitten, am ausschweifendsten in seinen Trieben sey
von allen Thieren der Mensch.

Das Klima in San Antonio de Javita ist ungemein regnerisch. Sobald man
ber den dritten Breitegrad hinunter dem Aequator zu kommt, findet man
selten Gelegenheit Sonne und Gestirne zu beobachten. Es regnet fast das
ganze Jahr und der Himmel ist bestndig bedeckt. Da in diesem
unermelichen Urwald von Guyana der Ostwind nicht zu spren ist und die
Polarstrme nicht hieher reichen, so wird die Luftsule, die auf dieser
Waldregion liegt, nicht durch trockenere Schichten ersetzt. Der
Wasserdunst, mit dem sie gesttigt ist, verdichtet sich zu quatorialen
Regengssen. Der Missionr versicherte uns, er habe hier oft vier, fnf
Monate ohne Unterbrechung regnen sehen. Ich ma den Regen, der am ersten
Mai innerhalb fnf Stunden fiel: er stand 21 Linien hoch, und am dritten
Mai bekam ich sogar 14 Linien in drei Stunden Und zwar, was wohl zu
beachten, wurden diese Beobachtungen nicht bei starkem, sondern bei ganz
gewhnlichem Regen angestellt. Bekanntlich fallen in Paris in ganzen
Monaten, selbst in den nassesten, Mrz, Juli und September, nur 28 bis 30
Linien Wasser. Allerdings kommen auch bei uns Regengsse vor, bei denen in
der Stunde ber einen Zoll Wasser fllt, man darf aber nur den mittleren
Zustand der Atmosphre in der gemigten und in der heien Zone
vergleichen. Aus den Beobachtungen, die ich hinter einander im Hafen von
Guayaquil an der Sdsee und in der Stadt Quito in 1492 Toisen Meereshhe
angestellt, scheint hervorzugehen, da gewhnlich auf dem Rcken der Anden
in der Stunde zwei- bis dreimal weniger Wasser fllt als im Niveau des
Meeres. Es regnet im Gebirge fter, dabei fllt aber in einer gegebenen
Zeit weniger Wasser. Am Rio Negro in Maroa und San Carlos ist der Himmel
bedeutend heiterer als in Javita und am Temi. Dieser Unterschied rhrt
nach meiner Ansicht daher, da dort die Savanen am untern Rio Negro in der
Nhe liegen, ber die der Ostwind frei wehen kann, und die durch ihre
Strahlung einen strkeren aufsteigenden Luftstrom verursachen als
bewaldetes Land.

Es ist in Javita khler als in Maypures, aber bedeutend heier als am Rio
Negro. Der hunderttheilige Thermometer stand bei Tag auf 26--27, bei
Nacht auf 21; nrdlich von den Katarakten, besonders nrdlich von der
Mndung des Meta, war die Temperatur bei Tag meist 28--30, bei Nacht
25--26. Diese Abnahme der Wrme am Atabapo, Tuamini und Rio Negro rhrt
ohne Zweifel davon her, da bei dem bestndig bedeckten Himmel die Sonne
so wenig scheint und die Verdunstung aus dem nassen Boden so stark ist.
Ich spreche nicht vom erkltenden Einflu der Wlder, wo die zahllosen
Bltter eben so viele dnne Flchen sind, die sich durch Strahlung gegen
den Himmel abkhlen. Bei dem mit Wolken umzogenen Himmel kann dieses
Moment nicht viel ausmachen. Auch scheint die Meereshhe von Javita etwas
dazu beizutragen, da die Temperatur niedriger ist. Maypures liegt
wahrscheinlich 60--70, San Fernando de Atabapo 122, Javita 166 Toisen ber
dem Meer. Da die kleine atmosphrische Ebbe und Fluth an der Kste (in
Cumana) von einem Tag zum andern um 0,8 bis 2 Linien variirt, und ich das
Unglck hatte, das Instrument zu zerbrechen, ehe ich wieder an die See
kam, so sind diese Resultate nicht ganz zuverlssig. Als ich in Javita die
stndlichen Variationen des Luftdrucks beobachtete, bemerkte ich, da eine
kleine Luftblase die Quecksilbersule zum Theil sperrte(59) und durch ihre
thermometrische Ausdehnung auf das Steigen und Fallen Einflu uerte. Auf
den elenden Fahrzeugen, in die wir eingezwngt waren, lie sich der
Barometer fast unmglich senkrecht oder doch stark aufwrts geneigt
halten. Ich bentzte unsern Aufenthalt in Javita, um das Instrument
auszubessern und zu berichtigen. Nachdem ich das Niveau gehrig
rertificirt, stand der Thermometer bei 23,4 Temperatur Morgens 11 1/2 Uhr
325,4 Linien hoch. Ich lege einiges Gewicht auf diese Beobachtung, da es
fr die Kenntni der Bodenbildung eines Continents von grerem Belang
ist, die Meereshhe der Ebenen zwei- bis dreihundert Meilen von der Kste
zu bestimmen, als die Gipfel der Cordilleren zu messen. Barometrische
Beobachtungen in Sego am Niger, in Bornou oder auf den Hochebenen von
Khoten und Hami wren fr die Geologie wichtiger als die Bestimmung der
Hhe der Gebirge in Abyssinien und im Musart. Die stndlichen Variationen
des Barometers treten in Javita zu denselben Stunden ein wie an den Ksten
und im Hof Antisana, wo mein Instrument in 2104 Toisen Meereshhe hing.
Sie betrugen von 9 Uhr Morgens bis 4 Uhr Abends 1,6 Linien, am vierten Mai
sogar fast 2 Linien. Der Deluc'sche auf den Saussure'schen reducirte
Hygrometer stand fortwhrend im Schatten zwischen 84 und 92, wobei nur
die Beobachtungen gerechnet sind, die gemacht wurden, so lange es nicht
regnete. Die Feuchtigkeit hatte somit seit den groen Katarakten bedeutend
zugenommen: sie war mitten in einem stark beschatteten, von
Aequatorialregen berflutheten Lande fast so gro wie auf der See.

Vom 29. April bis 4. Mai konnte ich keines Sterns im Meridian ansichtig
werden, um die Lnge zu bestimmen. Ich blieb ganze Nchte wach, um die
Methode der doppelten Hhen anzuwenden; all mein Bemhen war vergeblich.
Die Nebel im nrdlichen Europa sind nicht anhaltender, als hier in Guyana
in der Nhe des Aequators. Am 4. Mai kam die Sonne auf einige Minuten zum
Vorschein. Ich fand mit dem Chronometer und mittelst Stundenwinkeln die
Lnge von Javita gleich 70 22{~PRIME~} oder 1 1{~PRIME~} 5{~DOUBLE PRIME~} weiter nach West als die
Lnge der Einmndung des Apure in den Orinoco. Dieses Ergebni ist von
Bedeutung, weil wir damit aus unsern Karten die Lage des gnzlich
unbekannten Landes zwischen dem Xie und den Quellen des Issana angeben
knnen, die auf demselben Meridian wie die Mission Javita liegen. Die
Inclination der Magnetnadel war in der Mission 26,40; sie hatte demnach
seit dem groen nrdlichen Katarakt, bei einem Breitenunterschied von
3 50{~PRIME~}, um 5 85 abgenommen. Die Abnahme der Intensitt der magnetischen
Kraft war ebenso bedeutend. Die Kraft entsprach in Atures 223, in Javita
nur 218 Schwingungen in 10 Zeitminuten.

Die Indianer in Javita, 160 an der Zahl, sind gegenwrtig grtentheils
Poimisanos, Echinavis und Paraginis, und treiben Schiffbau. Man nimmt dazu
Stmme einer groen Lorbeerart, von den Missionren _'Sassafras'_(60)
genannt, die man mit Feuer und Axt zugleich aushhlt. Diese Bume sind
ber hundert Fu hoch; das Holz ist gelb, harzigt, verdirbt fast nie im
Wasser und hat einen sehr angenehmen Geruch. Wir sahen es in San Fernando,
in Javita, besonders aber in Esmeralda, wo die meisten Piroguen fr den
Orinoco gebaut werden, weil die benachbarten Wlder die dicksten
Sassafrasstmme liefern. Man bezahlt den Indianern fr die halbe Toise
oder *Vara* vom Boden der Pirogue, das heit fr den untern,
hauptschlichen Theil (der aus einem ausgehhlten Stamm besteht), einen
harten Piaster, so da ein 16 Varas langes Canoe, Holz und Arbeitslohn des
Zimmerers, nur 16 Piaster kostet; aber mit den Ngeln und den
Seitenwnden, durch die man das Fahrzeug gerumiger macht, kommt es
doppelt so hoch. Auf dem obern Orinoco sah ich 40 Piaster oder 200 Franken
fr eine 48 Fu lange Pirogue bezahlen.

Im Walde zwischen Javita und dem Cao Pimichin wchst eine erstaunliche
Menge riesenhafter Baumarten, Ocoteen und chte Lorbeeren (die dritte
Gruppe der Laurineen, die Persea, ist wild nur in mehr als 1000 Toisen
Meereshhe gefunden worden), die _Amasonia arborea_, das _Retiniphyllum
secundiflorum_ der Curvana, der Jacio, der Jacifate, dessen Holz roth ist
wie Brasilholz, der Guamufate mit schnen, 7--8 Zoll langen, denen des
Calophyllum hnlichen Blttern, die _Amyris Caranna_ und der Mani. Alle
diese Bume (mit Ausnahme unserer neuen Gattung _Retiniphyllum_) waren
hundert bis hundert zehn Fu hoch. Da die Aeste erst in der Nhe des
Wipfels vom Stamme abgehen, so kostete es Mhe, sich Bltter und Blthen
zu verschaffen. Letztere lagen hufig unter den Bumen am Boden; da aber
in diesen Wldern Arten verschiedener Familien durch einander wachsen und
jeder Baum mit Schlingpflanzen bedeckt ist, so schien es bedenklich, sich
allein auf die Aussage der Indianer zu verlassen, wenn diese uns
versicherten, die Blthen gehren diesem oder jenem Baum an. In der Flle
der Naturschtze machte uns das Botanisiren mehr Verdru als Vergngen.
Was wir uns aneignen konnten, schien uns von wenig Belang gegen das, was
wir nicht zu erreichen vermochten. Es regnete seit mehreren Monaten
unaufhrlich und Bonpland gingen die Exemplare, die er mit knstlicher
Wrme zu trocknen suchte, grtentheils zu Grunde. Unsere Indianer kauten
erst, wie sie gewhnlich thun, das Holz, und nannten dann den Baum. Die
Bltter wuten sie besser zu unterscheiden als Blthen und Frchte. Da sie
nur Bauholz (Stmme zu Piroguen) suchen, kmmern sie sich wenig um den
Blthenstand. Alle diese groen Bume tragen weder Blthen noch Frchte,
so lautete fortwhrend ihr Bescheid. Gleich den Kruterkennern im
Alterthum ziehen sie in Abrede, was sie nicht der Mhe werth gesunden zu
untersuchen. Wenn unsere Fragen sie langweilten, so machten sie ihrerseits
uns rgerlich.

Wir haben schon oben die Bemerkung gemacht, da zuweilen dieselben
chemischen Eigenschaften denselben Organen in verschiedenen
Pflanzenfamilien zukommen, so da diese Familien in verschiedenen Klimaten
einander ersetzen. Die Einwohner des tropischen Amerika und Afrika
gewinnen von mehreren Palmenarten das Oel, das uns der Olivenbaum gibt.
Was die Nadelhlzer fr die gemigte Zone, das sind die Terebenthaceen
und Guttiferen fr die heie. In diesen Wldern des heien Erdstrichs, wo
es keine Fichte, keine Tuya, kein Taxodium, nicht einmal einen Podocarpus
gibt, kommen Harze, Balsame, aromatisches Gummi von den Maronobea-,
Icica-, Amyrisarten. Das Einsammeln dieser Gummi und Harze ist ein
Erwerbszweig fr das Dorf Javita. Das berhmteste Harz heit *Mani*; wir
sahen mehrere Centner schwere Klumpen desselben, die Colophonium oder
Mastix glichen. Der Baum, den die Paraginis-Indianer *Mani* nennen, und
den Bonpland fr die _Moronobea coccinea_ hlt, liefert nur einen sehr
kleinen Theil der Masse, die in den Handel von Angostura kommt. Das meiste
kommt vom *Mararo* oder *Caragna*, der eine Amyris ist. Es ist ziemlich
auffallend, da der Name *Mani*, den AUBLET aus dem Munde der
Galibis-Indianer in Cayenne gehrt hat, uns in Javita, 300 Meilen von
franzsisch Guyana, wieder begegnete. Die Moronobea oder Symphonia bei
Javita gibt ein gelbes Harz, der *Caragna* ein stark riechendes,
schneeweies Harz, das gelb wird, wo es innen an alter Rinde sitzt.

Wir gingen jeden Tag in den Wald, um zu sehen, ob es mit dem Transport
unseres Fahrzeugs zu Land vorwrts ging. Drei und zwanzig Indianer waren
angestellt, dasselbe zu schleppen, wobei sie nach einander Baumste als
Walzen unterlegten. Ein kleines Canoe gelangt in einem oder anderthalb
Tagen aus dem Tuamini in den Cao Pimichin, der in den Rio Negro fllt;
aber unsere Pirogue war sehr gro, und da sie noch einmal durch die
Katarakten mute, bedurfte es besonderer Vorsichtsmaregeln, um die
Reibung am Boden zu vermindern. Der Transport whrte auch ber vier Tage.
Erst seit dem Jahr 1795 ist ein Weg durch den Wald angelegt. Die Indianer
in Javita haben denselben zur Hlfte vollendet, die andere Hlfte haben
die Indianer in Maroa, Davipe und San Carlos herzustellen. Pater Eugenio
Cereso ma den Weg mit einem hundert Varas [Eine Vara ist gleich
0,83 Meter] langen Strick und fand denselben 17,180 Varas lang. Legte man
statt des Trageplatzes einen Canal an, wie ich dem Ministerium Knig
Karls IV. vorgeschlagen, so wrde die Verbindung zwischen dem Rio Negro
und Angostura, zwischen dem spanischen Orinoco und den portugiesischen
Besitzungen am Amazonenstrom ungemein erleichtert. Die Fahrzeuge gingen
dann von San Carlos nicht mehr ber den Cassiquiare, der eine Menge
Krmmungen hat und wegen der starken Strmung gerne gemieden wird; sie
gingen nicht mehr den Orinoco von seiner Gabeltheilung bis San Fernando de
Atabapo hinunter. Die Bergfahrt wre ber den Rio Negro und den Cao
Pimichin um die Hlfte krzer. Vom neuen Canal bei Javita an ginge es ber
den Tuamini, Temi, Atabapo und Orinoco abwrts bis Angostura. Ich glaube,
man knnte auf diese Weise von der brasilianischen Grenze in die
Hauptstadt von Guyana leicht in 24--26 Tagen gelangen; man brauchte unter
gewhnlichen Umstnden 10 Tage weniger und der Weg wre fr die Ruderer
(Bogas) weniger beschwerlich, weil man nur halb so lang gegen die Strmung
anfahren mu, als auf dem Cassiquiare. Fhrt man aber den Orinoco herauf,
geht man von Angostura an den Rio Negro, so betrgt der Unterschied in der
Zeit kaum ein paar Tage; denn ber den Pimichin mu man dann die kleinen
Flsse hinauf, whrend man auf dem alten Wege den Cassiquiare hinunter
fhrt. Wie lange die Fahrt von der Mndung des Orinoco nach San Carlos
dauert, hngt begreiflich von mehreren wechselnden Umstnden ab, ob die
Brise zwischen Angostura und Carichana strker oder schwcher weht, wie in
den Katarakten von Atures und Maypures und in den Flssen berhaupt der
Wasserstand ist. Im November und December ist die Brise ziemlich krftig
und die Strmung des Orinoco nicht stark, aber die kleinen Flsse haben
dann so wenig Wasser, da man jeden Augenblick Gefahr luft aufzufahren.
Die Missionre reisen am liebsten im April, zur Zeit der
Schildkrteneierernte, durch die an ein paar Uferstriche des Orinoco
einiges Leben kommt. Man frchtet dann auch die Moskitos weniger, der
Strom ist halb voll, die Brise kommt einem noch zu gute und man kommt
leicht durch die groen Katarakten.

Aus den Barometerhhen, die ich in Javita und beim Landungsplatz am
Pimichin beobachtet, geht hervor, da der Canal im Durchschnitt von Nord
nach Sd einen Fall von 30--40 Toisen htte. Daher laufen auch die vielen
Bche, ber die man die Piroguen schleppen mu, alle dem Pimichin zu. Wir
bemerkten mit Ueberraschung, da unter diesen Bchen mit schwarzem Wasser
sich einige befanden, deren Wasser bei reflektirtem Licht so wei war als
das Orinocowasser. Woher mag dieser Unterschied rhren? Alle diese Quellen
entspringen auf denselben Savanen, aus denselben Smpfen im Walde. Pater
Cereso hat bei seiner Messung nicht die gerade Linie eingehalten und ist
zu weit nach Ost gekommen, der Canal wrde daher nicht 6000 Toisen lang.
Ich steckte den krzesten Weg mittelst des Compasses ab und man hieb hie
und da in die ltesten Waldbume Marken. Der Boden ist vllig eben; auf
fnf Meilen in der Runde findet sich nicht die kleinste Erhhung. Wie die
Verhltnisse jetzt sind, sollte man das Tragen wenigstens dadurch
erleichtern, da man den Weg besserte, die Piroguen auf Wagen fhrte und
Brcken ber die Bche schlge, durch welche die Indianer oft Tage lang
aufgehalten werden.

In diesem Walde erhielten wir endlich auch genaue Auskunft ber das
vermeintliche fossile Cautschuc, das die Indianer *Dapicho* nennen. Der
alte Kapitn Javita fhrte uns an einen Bach, der in den Tuamini fllt. Er
zeigte uns, wie man, um diese Substanz zu bekommen, im sumpfigten Erdreich
zwei, drei Fu zwischen den Wurzeln zweier Bume, des *Jacio* und des
*Curvana* graben mu. Ersterer ist AUBLETs Hevea oder die Siphonia der
neueren Botaniker, von der, wie man wei, das Cautschuc kommt, das in
Cayenne und Gran Para im Handel ist; der zweite hat gefiederte Bltter;
sein Saft ist milchigt, aber sehr dnn und fast gar nicht klebrigt. Das
Dapicho scheint sich nun dadurch zu bilden, da der Saft aus den Wurzeln
austritt, und die geschieht besonders, wenn die Bume sehr alt sind und
der Stamm hohl zu werden anfngt. Rinde und Splint bekommen Risse, und so
erfolgt auf natrlichem Wege, was der Mensch knstlich thut, um den
Milchsaft der Hevea, der Castilloa und der Cautschuc gehenden Feigenbume
in Menge zu sammeln. Nach AUBLETs Bericht machen die Galibis und Garipons
in Cayenne zuerst unten am Stamm einen tiefen Schnitt bis ins Holz; bald
darauf machen sie senkrechte und schiefe Einschnitte, so da diese von
oben am Stamm bis nahe ber der Wurzel in jenen horizontalen Einschnitt
zusammenlaufen. Alle diese Rinnen leiten den Milchsaft der Stelle zu, wo
das Thongef steht, in dem das Cautschuc aufgefangen wird. Die Indianer
in Carichana sahen wir ungefhr eben so verfahren.

Wenn, wie ich vermuthe, die Anhufung und das Austreten der Milch beim
*Jacio* und *Curvana* eine pathologische Erscheinung ist, so mu der
Proce zuweilen durch die Spitzen der lngsten Wurzeln vor sich gehen;
denn wir fanden zwei Fu breite und vier Zoll dicke Massen Dapicho acht
Fu vom Stamm entfernt. Oft sucht man unter abgestorbenen Bumen
vergebens, andere male findet man Dapicho unter noch grnenden Hevea- oder
Jaciostmmen. Die Substanz ist wei, korkartig, zerbrechlich und gleicht
durch die aufeinander liegenden Bltter und die gewellten Rnder dem
_Boletus igniarius_. Vielleicht ist zur Bildung des Dapicho lange Zeit
erforderlich; der Hergang dabei ist wahrscheinlich der, da in Folge eines
eigenthmlichen Zustandes des vegetabilischen Gewebes der Saft sich
verdickt, austritt und im feuchten Boden ohne Zutritt von Licht gerinnt;
es ist ein eigenthmlich beschaffenes, ich mchte fast sagen vergeiltes
Cautschuc. Aus der Feuchtigkeit des Bodens scheint sich das welligte
Ansehen der Rnder des Dapicho und seine Bltterung zu erklren.

Ich habe in Peru oft beobachtet, da, wenn man den Milchsaft der Hevea
oder den Saft der Carica langsam in vieles Wasser giet, das Gerinsel
wellenfrmige Umrisse zeigt. Das Dapicho kommt sicher nicht blo in dem
Walde zwischen Javita und dem Pimichin vor, obgleich es bis jetzt nur hier
gefunden worden ist. Ich zweifle nicht, da man in franzsisch Guyana,
wenn man unter den Wurzeln und alten Stmmen der Hevea nachsuchte,
zuweilen gleichfalls solche ungeheure Klumpen von korkartigem Cautschuc
fnde, wie wir sie eben beschrieben. In Europa macht man die Beobachtung,
da, wenn die Bltter fallen, der Saft sich gegen die Wurzeln zieht; es
wre interessant zu untersuchen, ob etwa unter den Tropen die Milchsfte
der Urticeen, der Euphorbien, und der Apocyneen in gewissen Jahreszeiten
gleichfalls abwrts gehen. Trotz der groen Gleichfrmigkeit der
Temperatur durchlaufen die Bume in der heien Zone einen
Vegetationscyclus, unterliegen Vernderungen mit periodischer Wiederkehr.
Das Dapicho ist wichtiger fr die Pflanzenphysiologie als fr die
organische Chemie. Wir haben eine Abhandlung ALLENs ber den Unterschied
zwischen dem Cautschuc in seinem gewhnlichen Zustande und der bei Javita
gefundenen Substanz, von der ich Sir Joseph Banks gesendet hatte.
Gegenwrtig kommt im Handel ein gelblich weies Cautschuc vor, das man
leicht vom Dapicho unterscheidet, da es weder trocken wie Kork, noch
zerreiblich ist, sondern sehr elastisch, glnzend und seifenartig. Ich sah
krzlich in London ansehnliche Massen, die zwischen 6 und 15 Francs das
Pfund im Preise standen. Dieses weie, fett anzufhlende Cautschuc kommt
aus Ostindien. Es hat den thierischen, nauseosen Geruch, den ich weiter
oben von einer Mischung von Ksestoff und Eiweistoff abgeleitet habe.
Wenn man bedenkt, wie unendlich viele und mannigfaltige tropische Gewchse
Cautschuc geben, so mu man bedauern, da dieser so ntzliche Stoff bei
uns nicht wohlfeiler ist. Man brauchte die Bume mit Milchsaft gar nicht
knstlich zu pflanzen; allein in den Missionen am Orinoco liee sich so
viel Cautschuc gewinnen, als das civilisirte Europa immer bedrfen mag. Im
Knigreich Neu-Grenada ist hie und da mit Glck versucht worden, aus
dieser Substanz Stiefeln und Schuhe ohne Nath zu machen. Unter den
amerikanischen Vlkern verstehen sich die Omaguas am Amazonenstrom am
besten auf die Verarbeitung des Cautschuc.

Bereits waren vier Tage verflossen und unsere Pirogue hatte den
Landungsplatz am Rio Pimichin immer noch nicht erreicht. Es fehlt Ihnen
an nichts in meiner Mission, sagte Pater Cereso; Sie haben Bananen und
Fische, bei Nacht werden Sie nicht von den Moskitos gestochen, und je
lnger Sie bleiben, desto wahrscheinlicher ist es, da Ihnen auch noch die
Gestirne meines Landes zu Gesicht kommen. Zerbricht Ihr Fahrzeug beim
Tragen, so geben wir Ihnen ein anderes, und mir wird es so gut, da ich
ein paar Wochen _con gente blanca y de razon_ lebe.(61) Trotz unserer
Ungeduld, hrten wir die Schilderungen des guten Missionrs mit groem
Interesse an. Er besttigte Alles, was wir bereits ber die sittlichen
Zustnde der Eingeborenen dieser Landstriche vernommen hatten. Sie leben
in einzelnen Horden von 40 bis 50 Kpfen unter einem Familienhaupte; einen
gemeinsamen Huptling (_apoto_, _sibierene_) erkennen sie nur an, sobald
sie mit ihren Nachbarn in Fehde gerathen. Das gegenseitige Mitrauen ist
bei diesen Horden um so strker, da selbst die, welche einander zunchst
hausen, gnzlich verschiedene Sprachen sprechen. Auf offenen Ebenen oder
in Lndern mit Grasfluren halten sich die Vlkerschaften gerne nach der
Stammverwandtschaft, nach der Aehnlichkeit der Gebruche und Mundarten
zusammen. Auf dem tartarischen Hochland wie in Nordamerika sah man groe
Vlkerfamilien in mehreren Marschcolonnen ber schwach bewaldete, leicht
zugngliche Lnder fortziehen. Der Art waren die Zge der toltekischen und
aztekischen Race ber die Hochebenen von Mexiko vom sechsten bis zum
eilften Jahrhundert unserer Zeitrechnung; der Art war vermuthlich auch die
Vlkerstrmung, in der sich die kleinen Stmme in Canada, die Mengwe
(Irokesen) oder fnf Nationen, die Algonkins oder Lenni-Lenapes, die
Chikesaws und die Muskohgees vereinigten. Da aber der unermeliche
Landstrich zwischen dem Aequator und dem achten Breitengrad nur Ein Wald
ist, so zerstreuten sich darin die Horden, indem sie den Fluverzweigungen
nachzogen, und die Beschaffenheit des Bodens nthigte sie mehr oder
weniger Ackerbauer zu werden. So wirr ist das Labyrinth der Flsse, da
die Familien sich niederlieen, ohne zu wissen, welche Menschenart
zunchst neben ihnen wohnte. In spanisch Guyana trennt zuweilen ein Berg,
ein eine halbe Meile breiter Forst Horden, die zwei Tage zu Wasser fahren
mten, um zusammenzukommen. So wirken denn in offenen oder in der Cultur
schon vorgeschrittenen Lndern Fluverbindungen mchtig auf Verschmelzung
der Sprachen, der Sitten und der politischen Einrichtungen; dagegen in den
undurchdringlichen Wldern des heien Landstrichs, wie im rohen Urzustand
unseres Geschlechts, zerschlagen sie groe Vlker in Bruchstcke, lassen
sie Dialekte zu Sprachen werden, die wie grundverschieden aussehen, nhren
sie das Mitrauen und den Ha unter den Vlkern. Zwischen dem Caura und
dem Padamo trgt Alles den Stempel der Zwietracht und der Schwche. Die
Menschen fliehen einander, weil sie einander nicht verstehen; sie hassen
sich, weil sie einander frchten.

Betrachtet man dieses wilde Gebiet Amerikas mit Aufmerksamkeit, so glaubt
man sich in die Urzeit versetzt, wo die Erde sich allmhlig bevlkerte;
man meint die frhesten gesellschaftlichen Bildungen vor seinen Augen
entstehen zu sehen. In der alten Welt sehen wir, wie das Hirtenleben die
Jgervlker zum Leben des Ackerbauers erzieht. In der neuen sehen wir uns
vergeblich nach dieser allmhligen Culturentwicklung um, nach diesen Ruhe-
und Haltpunkten im Leben der Vlker. Der ppige Pflanzenwuchs ist den
Indianern bei ihren Jagden hinderlich; da die Strme Meeresarmen gleichen,
so hrt des tiefen Wassers wegen der Fischfang Monate lang auf. Die Arten
von Wiederkuern, die der kostbarste Besitz der Vlker der alten Welt
sind, fehlen in der neuen; der Bison und der Moschusochse sind niemals
Hausthiere geworden. Die Vermehrung der Llamas und Guanacos fhrte nicht
zu den Sitten des Hirtenlebens. In der gemigten Zone, an den Ufern des
Missouri wie auf dem Hochland von Neu-Mexico, ist der Amerikaner ein
Jger; in der heien Zone dagegen, in den Wldern von Guyana pflanzt er
Manioc, Bananen, zuweilen Mais. Die Natur ist so berschwenglich
freigebig, da die Ackerflur des Eingeborenen ein Fleckchen Boden ist, da
das Urbarmachen darin besteht, da man die Strucher wegbrennt, das Ackern
darin, da man ein paar Samen oder Steckreiser dem Boden anvertraut. So
weit man sich in Gedanken in der Zeit zurckversetzt, nie kann man in
diesen dicken Wldern die Vlker anders denken als so, da ihnen der Boden
vorzugsweise die Nahrung lieferte; da aber dieser Boden auf der kleinsten
Flche fast ohne Arbeit so reichlich trgt, so hat man sich wiederum
vorzustellen, da diese Vlker immer einem und demselben Gewsser entlang
hufig ihre Wohnpltze wechselten: Und der Eingeborene am Orinoco wandert
ja mit seinem Saatkorn noch heute, und legt wandernd seine Pflanzung
(_conuco_) an, wie der Araber sein Zelt aufschlgt rund die Weide
wechselt. Die Menge von Culturgewchsen, die man mitten im Walde wild
findet, weisen deutlich auf ein ackerbauendes Volk mit nomadischer
Lebensweise hin. Kann man sich wundern, da bei solchen Sitten vom Segen
der festen Niederlassung, des Getreidebaus, der weite Flchen und viel
mehr Arbeit erfordert, so gut wie nichts brig bleibt?

Die Vlker am obern Orinoco, am Atabapo und Inirida verehren, gleich den
alten Germanen und Persern, keine andern Gottheiten als die Naturkrfte.
Das gute Princip nennen sie *Cachimana*; das ist der Manitu, der groe
Geist, der die Jahreszeiten regiert und die Frchte reifen lt. Neben dem
Cachimana steht ein bses Princip, der *Jolokiamo*, der nicht so mchtig
ist, aber schlauer und besonders rhriger. Die Indianer aus den Wldern,
wenn sie zuweilen in die Missionen kommen, knnen sich von einem Tempel
oder einem Bilde sehr schwer einen Begriff machen. Die guten Leute,
sagte der Missionr, lieben Processionen nur im Freien. Jngst beim Fest
meines Dorfpatrons, des heiligen Antonius, wohnten die Indianer von
Inirida der Messe bei. Da sagten sie zu mir: Euer Gott schliet sich in
ein Haus ein, als wre er alt und krank; der unsrige ist im Wald, auf dem
Feld, auf den Sipapubergen, woher der Regen kommt. Bei zahlreicheren und
eben dehalb weniger barbarischen Vlkerschaften bilden sich seltsame
religise Vereine. Ein paar alte Indianer wollen in die gttlichen Dinge
tiefer eingeweiht seyn als die andern, und diese haben das berhmte
*Botuto* in Verwahrung, von dem oben die Rede war, und das unter den
Palmen geblasen wird, damit sie reichlich Frchte tragen. An den Ufern des
Orinoco gibt es kein Gtzenbild, wie bei allen Vlkern, die beim
ursprnglichen Naturgottesdienst stehen geblieben sind; aber der *Botuto*,
die heilige Trompete, ist zum Gegenstand der Verehrung geworden. Um in die
Mysterien des Botuto eingeweiht zu werden, mu man rein von Sitten und
unbeweibt seyn. Die Eingeweihten unterziehen sich der Geielung, dem
Fasten und andern angreifenden Andachtsbungen. Dieser heiligen Trompeten
sind nur ganz wenige und die altberhmteste befindet sich auf einem Hgel
beim Zusammenflu des Tomo mit dem Rio Negro. Sie soll zugleich am Tuamini
und in der Mission San Miguel de Davipe, zehn Meilen weit, gehrt werden.
Nach Pater Ceresos Bericht sprechen die Indianer von diesem Botuto am Rio
Tomo so, als wre derselbe fr mehrere Vlkerschaften in der Nhe ein
Gegenstand der Verehrung. Man stellt Frchte und berauschende Getrnke
neben die heilige Trompete. Bald blst der Groe Geist (Cachimana) selbst
die Trompete, bald lt er nur seinen Willen durch den kund thun, der das
heilige Werkzeug in Verwahrung hat. Da diese Gaukeleien sehr alt sind (von
den Vtern unserer Vter her, sagen die Indianer), so ist es nicht zu
verwundern, da es bereits Menschen gibt, die nicht mehr daran glauben;
aber diese Unglubigen uern nur ganz leise, was sie von den Mysterien
des Botuto halten. Die Weiber drfen das wunderbare Instrument gar nicht
sehen; sie sind berhaupt von jedem Gottesdienste ausgeschlossen. Hat eine
das Unglck, die Trompete zu erblicken, so wird sie ohne Gnade umgebracht.
Der Missionr erzhlte uns, im Jahr 1798 habe er das Glck gehabt, ein
junges Mdchen zu retten, der ein eiferschtiger, rachschtiger Liebhaber
Schuld gegeben, sie sey aus Vorwitz den Indianern nachgeschlichen, die in
den Pflanzungen den Botuto bliesen. Oeffentlich htte man sie nicht
umgebracht, sagte Pater Cereso, aber wie sollte man sie vor dem
Fanatismus der Eingebornen schtzen, da es hier zu Lande so leicht ist,
einem Gift beizubringen? Das Mdchen uerte solche Besorgni gegen mich
und ich schickte sie in eine Mission am untern Orinoco. Wren die Vlker
in Guyana Herren dieses groen Landes geblieben, knnten sie, ungehindert
von den christlichen Niederlassungen, ihre barbarischen Gebruche frei
entwickeln,  so erhielte der Botutodienst ohne Zweifel eine politische
Bedeutung. Dieser geheimnivolle Verein von Eingeweihten, diese Hter der
heiligen Trompete wrden zu einer mchtigen Priesterkaste und das Orakel
am Rio Tomo schlnge nach und nach ein Band um benachbarte Vlker. Auf
diese Weise sind durch gemeinsame Gottesverehrung (_communia sacra_),
durch religise Gebruche und Mysterien so viele Vlker der alten Welt
einander nher gebracht, mit einander vershnt und vielleicht der
Gesittung zugefhrt worden.

Am vierten Mai Abends meldete man uns, ein Indianer, der beim Schleppen
unserer Pirogue an den Pimichin beschftigt war, sey von einer Natter
gebissen worden. Der groe starke Mann wurde in sehr bedenklichem Zustand
in die Mission gebracht. Er war bewutlos rcklings zu Boden gestrzt, und
auf die Ohnmacht waren Uebligkeit, Schwindel, Congestionen gegen den Kopf
gefolgt. Die Liane *Vejuco de Guaco*, die durch MUTIS so berhmt geworden,
und die das sicherste Mittel gegen den Bi giftiger Schlangen ist, war
hier zu Lande noch nicht bekannt. Viele Indianer liefen zur Htte des
Kranken und man heilte ihn mit dem Aufgu von *Raiz de Mato*. Wir knnen
nicht mit Bestimmtheit angeben, von welcher Pflanze dieses Gegengift
kommt. Der reisende Botaniker hat nur zu oft den Verdru, da er von den
nutzbarsten Gewchsen weder Blthe noch Frucht zu Gesicht bekommt, whrend
er so viele Arten, die sich durch keine besondern Eigenschaften
rauszeichnen, tglich mit allen Fructificationsorganen vor Augen hat. Die
*Raiz de Mato* ist vermuthlich eine Apocynee, vielleicht die _Cerbera
thevetia_ welche die Einwohner von Cumana _Lengua de Mato_ oder
_Contra-Culebra_ nennen und gleichfalls gegen Schlangenbi brauchen. Eine
der Cerbera sehr nahe stehende Gattung (_Ophioxylon serpentinum_) leistet
in Indien denselben Dienst. Ziemlich hufig findet man in derselben
Pflanzenfamilie vegetabilische Gifte und Gegengifte gegen den Bi der
Reptilien. Da viele tonische und narkotische Mittel mehr oder minder
wirksame Gegengifte sind, so kommen diese in weit auseinanderstehenden
Familien vor, bei den Aristolochien, Apocyneen, Gentianen, Polygalen,
Solaneen, Malvaceen, Drymyrhizeen, bei den Pflanzen mit zusammengesetzten
Blthen, und was noch auffallender ist, sogar bei den Palmen.

In der Htte des Indianers, der von einer Natter gebissen worden, fanden
wir 2--3 Zoll groe Kugeln eines erdigten, unreinen Salzes, _'Chivi'_
genannt, das von den Eingeborenen sehr sorgfltig zubereitet wird. In
Maypures verbrennt man eine Conferve, die der Orinoco, wenn er nach dem
Hochgewsser in sein Bett zurckkehrt, auf dem Gestein sitzen lt. In
Javita bereitet man Salz durch Einscherung des Blthenkolbens und der
Frchte der *Seje* oder *Chimupalme*. Diese schne Palme, die am Ufer des
Auvena beim Katarakt Guarinuma und zwischen Javita und dem Pimichin sehr
hufig vorkommt, scheint eine neue Art Cocospalme zu seyn. Bekanntlich ist
das in der gemeinen Cocosnu eingeschlossene Wasser hufig salzigt, selbst
wenn der Baum weit von der Meereskste wchst. Auf Madagascar gewinnt man
Salz aus dem Saft einer Palme Namens *Cira*. Auer den Blthenkolben und
den Frchten der Sejepalme laugen die Indianer in Javita auch die Asche
des vielberufenen Schlinggewchses *Cupana* aus. Es ist die eine neue Art
der Gattung Paullinia, also eine von LINNs Cupania sehr verschiedene
Pflanze. Ich bemerke bei dieser Gelegenheit, da ein Missionr selten auf
die Reise geht, ohne den zubereiteten Samen der Liane Cupana mitzunehmen.
Diese Zubereitung erfordert groe Sorgfalt. Die Indianer zerreiben den
Samen, mischen ihn mit Maniocmehl, wickeln die Masse in Bananenbltter und
lassen sie im Wasser ghren, bis sie safrangelb wird. Dieser gelbe Teig
wird an der Sonne getrocknet, und mit Wasser angegossen geniet man ihn
Morgens statt Thee. Das Getrnk ist bitter und magenstrkend, ich fand
aber den Geschmack sehr widrig.

Am Niger und in einem groen Theile des innern Afrika, wo das Salz sehr
selten ist, heit es von einem reichen Mann: Es geht ihm so gut, da er
Salz zu seinen Speisen it. Dieses Wohlergehen ist auch im Innern Guyanas
nicht allzu hufig. Nur die Weien, besonders die Soldaten im Fort San
Carlos, wissen sich reines Salz zu verschaffen, entweder von der Kste von
Caracas oder von Chita, am Ostabhang der Cordilleren von Neu-Grenada, aus
dem Rio Meta. Hier, wie in ganz Amerika, essen die Indianer wenig Fleisch
und verbrauchen fast kein Salz. Daher trgt auch die Salzsteuer aller
Orten, wo die Zahl der Eingeborenen bedeutend vorschlgt, wie in Mexico
und Guatimala, der Staatskasse wenig ein. Der *Chivi* in Javita ist ein
Gemenge von salzsaurem Kali und salzsaurem Natron, Aetzkalk und
verschiedenen erdigten Salzen. Man lst ein ganz klein wenig davon in
Wasser auf, fllt mit der Auflsung ein dtenfrmig aufgewickeltes
Heliconienblatt und lt wie aus der Spitze eines Filtrums ein paar
Tropfen auf die Speisen fallen.

Am 5. Mai machten wir uns zu Fu aus den Weg, um unsere Pirogue
einzuholen, die endlich ber den Trageplatz im Cao Pimichin angelangt
war. Wir muten ber eine Menge Bche waten, und es ist dabei wegen der
Nattern, von denen die Smpfe wimmeln, einige Vorsicht nthig. Die
Indianer zeigten uns auf dem nassen Thon die Fhrte der kleinen schwarzen
Bren, die am Temi so hufig vorkommen. Sie unterscheiden sich wenigstens
in der Gre vom _Ursus americanus_; die Missionre nennen sie _Osso
carnicero_ zum Unterschied vom _Osso palmero_ (_Myrmecophaga jubata_) und
dem _Osso hormigero_ oder Tamandua-Ameisenfresser. Diese Thiere sind nicht
bel zu essen; die beiden erstgenannten setzen sich zur Wehr und stellen
sich dabei auf die Hinterbeine. BUFFONs Tamanoir heit bei den Indianern
*Uaraca*; er ist reizbar und beherzt, was bei einem zahnlosen Thier
ziemlich auffallend erscheint. Im Weitergehen kamen wir auf einige
Lichtungen im Wald, der uns desto reicher erschien, je zugnglicher er
wurde. Wir fanden neue Arten von Coffea (die amerikanische Gruppe mit
Blthen in Rispen bildet wahrscheinlich eine Gattung fr sich), die
_Galega piscatorum_, deren, sowie der Jacquinia und einer Pflanze mit
zusammengesetzter Blthe vom Rio Temi [_Bailliera Barbasco_], die Indianer
sich als *Barbasco* bedienen, um die Fische zu betuben, endlich die hier
*Vejuco de Mavacure* genannte Liane, von der das vielberufene Gift
*Curare* kommt. Es ist weder ein _Phyllanthus_, noch eine _Coriaria_ wie
WILLDENOW gemeint, sondern nach KUNTHs Untersuchungen sehr wahrscheinlich
ein _Strychnos_. Wir werden unten Gelegenheit haben, von dieser giftigen
Substanz zu sprechen, die bei den Wilden ein wichtiger Handelsartikel ist.
Wenn ein Reisender, der sich gleich uns durch die Gastfreundschaft der
Missionre gefrdert she, ein Jahr am Atabapo, Tuamini und Rio Negro, und
ein weiteres Iahr in den Bergen bei Esmeralda und am obern Orinoco
zubrchte, knnte er gewi die Zahl der von AUBLET und RICHARD
beschriebenen Gattungen verdreifachen.

Auch im Walde am Pimichin haben die Bume die riesige Hhe von 80--120
Fu. Es sind die die Laurineen und Amyris, die in diesen heien
Himmelsstrichen das schne Bauholz liefern, das man an der Nordwestkste
von Amerika, in den Bergen, wo im Winter der Thermometer auf 20 Grad unter
Null fllt, in der Familie der Nadelhlzer findet. In Amerika ist unter
allen Himmelsstrichen und in allen Pflanzenfamilien die Vegetationskraft
so ausnehmend stark, da unter dem 57 Grad nrdlicher Breite, auf
derselben Isotherme wie Petersburg und die Orkneyinseln, _Pinus
canadensis_ 150 Fu hohe und 6 Fu dicke Stmme hat.(62) Wir kamen gegen
Nacht in einem kleinen Hofe an, dem *Puerto* oder Landungsplatz am
Pimichin. Man zeigte uns ein Kreuz am Wege, das die Stelle bezeichnet, wo
ein armer Missionr, ein Kapuziner, von den Wespen umgebracht worden. Ich
spreche die dem Mnch in Javita und den Indianern nach. Man spricht hier
zu Lande viel von giftigen Wespen und Ameisen; wir konnten aber keines von
diesen beiden Insekten auftreiben. Bekanntlich verursachen im heien
Erdstrich unbedeutende Stiche nicht selten Fieberanflle fast so heftig
wie die, welche bei uns bei sehr bedeutenden organischen Verletzungen
eintreten. Der Tod des armen Mnchs wird wohl eher eine Folge der
Erschpfung und der Feuchtigkeit gewesen seyn, als des Giftes im Stachel
der Wespen, vor deren Stich die nackten Indianer groe Furcht haben. Diese
Wespen bei Javita sind nicht mit den Honigbienen zu verwechseln, welche
die Spanier *Engelchen* nennen [S. Bd. II Seite 192] und die sich auf dem
Gipfel der Silla bei Caracas uns haufenweise auf Gesicht und Hnde
setzten.

Der Landungsplatz am Pimichin liegt in einer kleinen Pflanzung von
Cacaobumen. Die Bume sind sehr krftig und hier wie am Altabapo und Rio
Negro in allen Jahreszeiten mit Blthen und Frchten bedeckt. Sie fangen
im vierten Jahr an zu tragen, auf der Kste von Caracas erst im sechsten
bis achten. Der Boden ist am Tuamini und Pimichin berall, wo er nicht
sumpfigt ist, leichter Sandboden, aber ungemein fruchtbar. Bedenkt man,
da der Cacaobaum in diesen Wldern der Parime, sdlich vom sechsten
Breitengrad, eigentlich zu Hause ist, und da das nasse Klima am obern
Orinoco diesem kostbaren Baume weit besser zusagt als die Luft in den
Provinzen Caracas und Barcelona, die von Jahr zu Jahr trockener wird, so
mu man bedauern, da dieses schne Stck Erde in den Hnden von Mnchen
ist, von denen keinerlei Cultur befrdert wird. Die Missionen der
Observanten allein knnten 50,000 Fanegas(63) Cacao in den Handel bringen,
dessen Werth sich in Europa auf mehr als sechs Millionen Franken beliefe.
Um die Conugos am Pimichin wchst wild der *Igua*, ein Baum, hnlich dem
_Caryocar nuciferum_ den man in hollndisch und franzsisch Guyana baut,
und von dem neben dem Almendron von Mariquita (_Caryocar amygdaliferum_),
dem Juvia von Esmeralda (_Bertholletia excelsa_) und der _Geoffraea_ vom
Amazonenstrom die gesuchtesten Mandeln in Sdamerika kommen. Die Frchte
des Igua kommen hier gar nicht in den Handel; dagegen sah ich an den
Ksten von Terra Firma Fahrzeuge, die aus Demerary die Frchte des
_Caryocar tomentosum_, AUBLETs _Pecea tuberculosa_, einfhrten. Diese
Bume werden hundert Fu hoch und nehmen sich mit ihrer schnen
Blumenkrone und ihren vielen Staubfden prachtvoll aus. Ich mte den
Leser ermden, wollte ich die Wunder der Pflanzenwelt, welche diese groen
Wlder auszuweisen haben, noch weiter herzhlen. Ihre erstaunliche
Mannigfaltigkeit rhrt daher, da hier auf kleiner Bodenflche so viele
Pflanzenfamilien neben einander vorkommen, und da bei dem mchtigen Reiz
von Licht und Wrme die Sfte, die in diesen riesenhaften Gewchsen
circuliren, so vollkommen ausgearbeitet werden.

Wir bernachteten in einer Htte, welche erst seit kurzem verlassen stand.
Eine indianische Familie hatte darin Fischergerthe zurckgelassen,
irdenes Geschirr, aus Palmblattstielen geflochtene Matten, den ganzen
Hausrath dieser sorglosen, um Eigenthum wenig bekmmerten Menschenart.
Groe Vorrthe von *Mani* (eine Mischung vom Harz der _Moronobea_ und der
_Amyris_ Caraa) lagen um die Htte. Die Indianer bedienen sich desselben
hier wie in Cayenne zum Theeren der Piroguen und zum Befestigen des
knchernen Stachels der Rochen an die Pfeile. Wir fanden ferner Npfe voll
vegetabilischer Milch, die zum Firnissen dient und in den Missionen als
_leche para pindar_ viel genannt wird. Man bestreicht mit diesem
klebrichten Saft das Gerthe, dem man eine schne weie Farbe geben will.
An der Luft verdickt er sich, ohne gelb zu werden, und nimmt einen
bedeutenden Glanz an. Wie oben bemerkt worden [S. Bd. II. Seite 337], ist
das Cautschuc der fette Theil, die Butter in jeder Pflanzenmilch. Dieses
Gerinsel nun, diese weie Haut, die glnzt, als wre sie mit Copalfirni
berzogen, ist ohne Zweifel eine eigene Form des Cautschuc. Knnte man
diesem milchigten Firni verschiedene Farben geben, so htte man damit,
sollte ich meinen, ein Mittel, um unsere Kutschenkasten rasch, in Einer
Handlung zu bemalen und zu firnissen. Je genauer man die chemischen
Verhltnisse der Gewchse der heien Zone kennen lernt, desto mehr wird
man hie und da an abgelegenen, aber dem europischen Handel zugnglichen
Orten in den Organen gewisser Gewchse halbfertige Stoffe entdecken, die
nach der bisherigen Ansicht nur dem Thierreich angehren, oder die wir auf
knstlichem, zwar sicherem, oft aber langem und mhsamem Wege
hervorbringen. So hat man bereits das Wachs gefunden, das den Palmbaum der
Anden von Quindiu berzieht, die Seide der Mocoapalme, die nahrhafte Milch
des Palo de Vaca, den afrikanischen Butterbaum, den kseartigen Stoff im
fast animalischen Safte der _Carica Papaya_. Dergleichen Entdeckungen
werden sich hufen, wenn, wie nach den gegenwrtigen politischen
Verhltnissen in der Welt wahrscheinlich ist, die europische Cultur
groentheils in die Aequinoctiallnder des neuen Continents berfliet.

Wie ich oben erwhnt, ist die sumpfigte Ebene zwischen Javita und dem
Landungsplatz am Pimichin wegen ihrer vielen Nattern im Lande berchtigt.
Bevor wir von der verlassenen Htte Besitz nahmen, schlugen die Indianer
zwei groe, 4--5 Fu lange *Mapanare*-Schlangen todt. Sie schienen mir von
derselben Art wie die vom Rio Magdalena, die ich beschrieben habe. Es ist
ein schnes, aber sehr giftiges Thier, am Bauch wei, auf dem Rcken braun
und roth gefleckt. Da in der Htte eine Menge Kraut lag und wir am Boden
schliefen (die Hngematten lieen sich nicht befestigen), so war man in
der Nacht nicht ohne Besorgni; auch fand man Morgens, als man das
Jaguarfell aushob, unter dem einer unserer Diener am Boden gelegen, eine
groe Natter. Wie die Indianer sagen, sind diese Reptilien langsam in
ihren Bewegungen, wenn sie nicht verfolgt werden, und machen sich an den
Menschen, weil sie der Wrme nachgehen. Am Magdalenenstrom kam wirklich
eine Schlange zu einem unserer Reisebegleiter ins Bett und brachte einen
Theil der Nacht darin zu, ohne ihm etwas zu Leide zu thun. Ich will hier
keineswegs Nattern und Klapperschlangen das Wort reden, aber das lt sich
behaupten, wren diese giftigen Thiere so angriffslustig, als man glaubt,
so htte in manchen Strichen Amerikas, z. B. am Orinoco und in den
feuchten Bergen von Choco, der Mensch ihrer Unzahl erliegen mssen.

Am 6. Mai. Wir schifften uns bei Sonnenaufgang ein, nachdem wir den Boden
unserer Pirogue genau untersucht hatten. Er war beim Tragen wohl dnner
geworden, aber nicht gesprungen. Wir dachten, das Fahrzeug knne die
dreihundert Meilen, die wir den Rio Negro hinab, den Cassiquiare hinauf
und den Orinoco wieder hinab bis Angostura noch zu machen hatten, wohl
aushalten. Der Pimichin, der hier ein Bach (Cao) heit, ist so breit wie
die Seine, der Galerie der Tuilerien gegenber, aber kleine, gerne im
Wasser wachsende Bume, Corossols (Anona) und Achras, engen sein Bett so
ein, da nur ein 15--20 Toisen breites Fahrwasser offen bleibt. Er gehrt
mit dem Rio Chagre zu den Gewssern, die in Amerika wegen ihrer Krmmungen
berchtigt sind. Man zhlt deren 85, wodurch die Fahrt bedeutend
verlngert wird. Sie bilden oft rechte Winkel und liegen auf einer Strecke
von 2--3 Meilen hinter einander. Um den Lngenunterschied zwischen dem
Ladungsplatz und dem Punkt, wo wir in den Rio Negro einliefen, zu
bestimmen, nahm ich mit dem Compa den Lauf des Cao Pimichin auf und
bemerkte, wie lange wir in derselben Richtung fuhren. Die Strmung war nur
2,4 Fu in der Sekunde, aber unsere Pirogue legte beim Rudern 4,6 Fu
zurck. Meiner Schtzung nach liegt der Landungsplatz am Pimichin 1100
Toisen westwrts von seiner Mndung und 0 2{~PRIME~} westwrts von der Mission
Javita. Der Cao ist das ganze Jahr schiffbar; er hat nur einen einzigen
*Raudal*, ber den ziemlich schwer heraufzukommen ist; seine Ufer sind
niedrig, aber felsigt. Nachdem wir fnftehalb Stunden lang den Krmmungen
des schmalen Fahrwassers gefolgt waren, liefen wir endlich in den Rio
Negro ein.

Der Morgen war khl und schn. Sechs und dreiig Tage waren wir in einem
schmalen Canoe eingesperrt gewesen, das so unstet war, da es umgeschlagen
htte, wre man unvorsichtig aufgestanden, ohne den Ruderern am andern
Bord zuzurufen, sich berzulehnen und das Gleichgewicht herzustellen. Wir
hatten vom Insektenstich furchtbar gelitten, aber das ungesunde Klima
hatte uns nichts angehabt; wir waren, ohne umzuschlagen, ber eine ganze
Menge Wasserflle und Fludmme gekommen, welche die Stromfahrt sehr
beschwerlich und oft gefhrlicher machen als lange Seereisen. Nach allem,
was wir bis jetzt durchgemacht, wird es mir hoffentlich gestattet seyn
auszusprechen, wie herzlich froh wir waren, da wir die Nebenflsse des
Amazonenstroms erreicht, da wir die Landenge zwischen zwei groen
Flusystemen hinter uns hatten und nunmehr mit Zuversicht der Erreichung
des Hauptzwecks unserer Reise entgegensehen konnten, der astronomischen
Aufnahme jenes Arms des Orinoco, der sich in den Rio Negro ergiet, und
dessen Existenz seit einem halben Jahrhundert bald bewiesen, bald wieder
in Abrede gezogen worden. Ein Gegenstand, den man lange vor dem innern
Auge gehabt, wchst uns an Bedeutung, je nher wir ihm kommen. Jene
unbewohnten, mit Wald bedeckten, geschichtslosen Ufer des Cassiquiare
beschftigten damals meine Einbildungskraft, wie die in der Geschichte der
Culturvlker hochberhmten Ufer des Euphrat und des Oxus. Hier, inmitten
des neuen Continents, gewhnt man sich beinahe daran, den Menschen als
etwas zu betrachten, das nicht nothwendig zur Naturordnung gehrt. Der
Boden ist dicht bedeckt mit Gewchsen, und ihre freie Entwicklung findet
nirgends ein Hinderni. Eine mchtige Schicht Dammerde weist darauf hin,
da die organischen Krfte hier ohne Unterbrechung fort und fort gewaltet
haben. Krokodile und Boas sind die Herren des Stroms; der Jaguar, der
Pecari, der Tapir und die Affen streifen durch den Wald, ohne Furcht und
ohne Gefhrde; sie hausen hier wie auf ihrem angestammten Erbe. Dieser
Anblick der lebendigen Natur, in der der Mensch nichts ist, hat etwas
Befremdendes und Niederschlagendes. Selbst auf dem Ocean und im Sande
Afrika's gewhnt man sich nur schwer daran, wenn einem auch da, wo nichts
an unsere Felder, unsere Gehlze und Bche erinnert, die weite Einde,
durch die man sich bewegt, nicht so stark auffllt. Hier, in einem
fruchtbaren Lande, geschmckt mit unvergnglichem Grn, sieht man sich
umsonst nach einer Spur von der Wirksamkeit des Menschen um; man, glaubt
sich in eine andere Welt versetzt, als die uns geboren. Ein Soldat, der
sein ganzes Leben in den Missionen am obern Orinoco zugebracht hatte, war
einmal mit uns am Strome gelagert. Es war ein gescheiter Mensch, und in
der ruhigen, heitern Nacht richtete er an mich Frage um Frage ber die
Gre der Sterne, ber die Mondsbewohner, ber tausend Dinge, von denen
ich so viel wute als er. Meine Antworten konnten seiner Neugier nicht
gengen, und so sagte er in zuversichtlichem Tone: Was die Menschen
anlangt, so glaube ich, es gibt da oben nicht mehr, als ihr angetroffen
httet, wenn ihr zu Land von Javita an den Cassiquiare gegangen wret. In
den Sternen, meine ich, ist eben wie hier eine weite Ebene mit hohem Gras
und ein Wald (_mucho monte_), durch den ein Strom fliet. Mit diesen
Worten ist ganz der Eindruck geschildert, den der eintnige Anblick dieser
Einde hervorbringt. Mchte diese Eintnigkeit nicht auch auf das Tagebuch
unserer Flufahrt bergehen! Mchten Leser, die an die Beschreibung der
Landschaften und an die geschichtlichen Erinnerungen des alten Continents
gewhnt sind, es nicht ermdend finden!

                            ------------------





   55 Die wilden Vlker bezeichnen jedes europische Handelsvolk mit
      Beinamen, die ganz zufllig entstanden zu seyn scheinen. Ich habe
      schon oben bemerkt, da die Spanier vorzugsweise *bekleidete
      Menschen*, _gheme_ oder _Uavemi_ heien.

_   56 Homo __habitat__ inter tropicos, vescitur Palmis, Lotophagus;
      __hospitatur__ entre tropicos sub novercante Cerere, carnivorus._

   57 Einer der Vorgnger des Geistlichen, den wir in San Fernando als
      Prsidenten der Missionen fanden.

   58 Die Delphine, welche in die Nilmndung kommen, fielen indessen den
      Alten so auf, da sie auf einer Bste des Flugottes aus Syenit im
      Pariser Museum halb versteckt im wallenden Barte dargestellt sind.

   59 Ich fhre diesen geringfgigen Umstand hier an, um die Reisenden
      darauf aufmerksam zu machen, wie nthig es ist, nur solche Barometer
      zu haben, bei denen die Rhre der ganzen Lnge nach sichtbar ist.
      Eine ganz kleine Luftblase kann das Quecksilber zum Theil oder ganz
      sperren, ohne da der Ton beim Anschlagen des Quecksllbers am Ende
      der Rhre sich vernderte.

_   60 Ocotea cymbarum_, sehr verschieden vom _Laurus Sassafras_ in
      Nordamerika.

   61 Mit weien und vernnftigen Menschen. Die europische Eigenliebe
      stellt gemeiniglich die _gente de razon_ und die _gente parda_
      einander gegenber.

   62 LANGSDORF sah bei den Bewohnern der Norfolkbucht Canoes aus Einem
      Stck 50 Fu lang, 4 1/2 :breit und an den Rndern 3 Fu hoch; sie
      faten 30 Menschen. Auch _Populus balsamifera_ wird auf den Bergen
      um Norfolkbucht ungeheuer hoch.

   63 Die Fanega wiegt 110 spanische Pfund.





DREIUNDZWANZIGSTES KAPITEL.


               Der Rio Negro. -- Die brasilianische Grenze.


Der Rio Negro ist dem Amazonenstrom, dem Rio de la Plata und dem Orinoco
gegenber nur ein Flu zweiten Ranges. Der Besitz desselben war aber seit
Jahrhunderten fr die spanische Regierung von groer politischer
Wichtigkeit, weil er fr einen eiferschtigen Nachbar, fr Portugal, eine
offene Strae ist, um sich in die Missionen in Guyana einzudrngen und die
sdlichen Grenzen der _Capitania general_ von Caracas zu beunruhigen.
Dreihundert Jahre verflossen ber zu nichts fhrenden Grenzstreitigkeiten.
Je nach dem Geist der Zeiten und dem Culturgrad der Vlker hielt man sich
bald an die Autoritt des heiligen Vaters, bald an die Hlfsmittel der
Astronomie. Da man es meist vortheilhafter fand, den Streit zu
verschleppen, als ihm ein Ende zu machen, so haben nur die Nautik und die
Geographie des neuen Continents bei diesem endlosen Proce gewonnen. Es
ist bekannt, da durch die Bullen der Ppste Nicolaus V. und
Alexander VI., durch den Vertrag von Tordesillas und die Nothwendigkeit,
eine feste Grenzlinie zu ziehen, der Eifer, das Problem der Lngen zu
lsen, die Ephemeriden zu verbessern und die Instrumente zu
vervollkommnen, bedeutend gestachelt worden ist. Als die Hndel in
Paraguay und der Besitz der Colonie am Sacramento fr die beiden Hfe zu
Madrid und Lissabon Sachen von groem Belang wurden, schickte man
Grenzcommissre an den Orinoco, an den Amazonenstrom und an den Rio de la
Plata.

Unter den Miggngern, welche die Archive mit Verrechnungen und
Protokollen fllten, fand sich hie und da auch ein unterrichteter
Ingenieur, ein Marineofficier, der mit den Methoden, nach denen man weit
von den Ksten Ortsbestimmungen vornehmen kann, Bescheid wute. Das
Wenige, was wir am Schlu des vorigen Jahrhunderts von der astronomischen
Geographie des neuen Continents wuten, verdankt man diesen achtbaren,
fleiigen Mnnern, den franzsischen und spanischen Akademikern, die in
Quito den Meridian gemessen, und Officieren, welche von Valparaiso nach
Buenos Ayres gegangen waren, um sich Malaspinas Expedition anzuschlieen.
Mit Befriedigung gedenkt man, wie sehr die Wissenschaften fast zufllig
durch jene Grenzcommissionen gefrdert worden sind, die fr den Staat
eine groe Last waren und von denen, die sie ins Leben gerufen, noch fter
vergessen als ausgelst wurden.

Wei man, wie unzuverlssig die Karten von Amerika sind, kennt man aus
eigener Anschauung die unbewohnten Landstriche zwischen dem Jupura und Rio
Negro, dem Madeira und Ucayale, dem Rio Branco und der Kste von Cayenne,
die man sich in Europa bis auf diesen Tag allen Ernstes streitig gemacht,
so kann man sich ber die Beharrlichkeit, mit der man sich um ein paar
Quadratmeilen zankte, nicht genug wundern. Zwischen diesem streitigen
Gebiet und den angebauten Strichen der Colonien liegen meist Wsten, deren
Ausdehnung ganz unbekannt ist. Auf den berhmten Conferenzen in Puente de
Caya (vom 4. November 1681 bis 22. Januar 1682) wurde die Frage
verhandelt, ob der Papst, als er die Demarcationslinie 370 spanische
Meilen [Oder 22 Grad 14 Minuten, auf dem Aequator gezhlt.] westwrts von
den Inseln des grnen Vorgebirges zog, gemeint habe, der erste Meridian
solle vom Mittelpunkt der Insel St. Nicolas aus, oder aber (wie der
portugiesische Hof behauptete) vom westlichen Ende der kleinen Insel San
Antonio gezhlt werden. Im Jahr 1754, zur Zeit von Ituriagas und Solanos
Expedition, unterhandelte man ber den Besitz der damals vllig
unbewohnten Ufer des Tuamini und um ein Stck Sumpfland, ber das wir
zwischen Javita und dem Pimichin an Einem Abend gegangen. Noch in neuester
Zeit wollten die spanischen Commissre die Scheidungslinie an die
Einmndung des Apoporis in den Jupura legen, whrend die portugiesischen
Astronomen sie bis zum Salto Grande zurckschoben. Die Missionre und das
Publikum berhaupt betheiligten sich sehr lebhaft an diesen
Grenzstreitigkeiten. In den spanischen wie in den portugiesischen Colonien
beschuldigt man die Regierung der Gleichgltigkeit und Lssigkeit.
Ueberall wo die Vlker keine Verfassung haben, deren Grundlage die
Freiheit ist, gerathen die Gemther nur dann in Aufregung, wenn es sich
davon handelt, die Grenzen des Landes weiter oder enger zu machen.

Der Rio Negro und der Jupura sind zwei Nebenflsse des Amazonenstromes,
die in Lnge der Donau wenig nachgeben, und deren oberer Lauf den Spaniern
gehrt, whrend der untere in den Hnden der Portugiesen ist. An diesen
zwei majesttischen Strmen hat sich die Bevlkerung nur in der Nhe des
ltesten Mittelpunktes der Cultur bedeutend vermehrt. Die Ufer des obern
Jupura oder Caqueta wurden von Missionren cultivirt, die aus den
Cordilleren von Popayan und Neiva gekommen waren. Von Macoa bis zum
Einflu des Caguan gibt es sehr viele christliche Niederlassungen, whrend
am untern Jupura die Portugiesen kaum ein paar Drfer gegrndet haben. Am
Rio Negro dagegen konnten es die Spanier ihren Nachbarn nicht gleich thun.
Wie kann man sich auf eine Bevlkerung sttzen, wenn sie so weit abliegt
als die in der Provinz Caracas? Fast vllig unbewohnte Steppen und Wlder
liegen, 160 Meilen breit, zwischen dem angebauten Kstenstrich und den
vier Missionen Macoa, Tomo, Davipe und San Carlos, den einzigen, welche
die spanischen Franciscaner lngs des Rio Negro zu Stande gebracht. Bei
den Portugiesen in Brasilien hat das militrische Regiment, das System der
_Presides_ und _Capitanes pobladores_ dem Missionsregiment gegenber die
Oberhand gewonnen. Von Gran-Para ist es allerdings sehr weit zur
Einmndung des Rio Negro [In gerader Linie 150 Meilen.], aber bei der
bequemen Schifffahrt auf dem Amazonenstrom, der wie ein ungeheurer Canal
von West nach Ost gerade fortluft, konnte sich die portugiesische
Bevlkerung lngs des Stromes rasch ausbreiten. Die Ufer des untern
Amazonenstroms von Vistoza bis Serpa, so wie die des Rio Negro von Forte
da Bara bis San Jose de Marabitanos sind geschmckt mit reichem Anbau und
mit zahlreichen Stdten und ansehnlichen Drfern bedeckt.

An diese Betrachtungen ber die rtlichen Verhltnisse reihen sich andere
an, die sich auf die moralische Verfassung der Vlker beziehen. Auf der
Nordwestkste Amerikas sind bis auf diesen Tag keine festen
Niederlassungen auer den russischen und den spanischen Colonien. Noch ehe
die Bevlkerung der Vereinigten Staaten auf ihrem Zuge von Ost nach West
den Kstenstrich erreicht hatte, der zwischen dem 41. bis 50. Breitengrad
lange die castilianischen Mnche und die sibirischen Jger(64) getrennt,
lieen sich letztere sdlich vom Rio Colombia nieder. So waren denn in
Neucalifornien die Missionre vom Orden des heiligen Franz, deren
Lebenswandel und deren Eifer fr den Ackerbau alle Achtung verdienen,
nicht wenig erstaunt, als sie hrten, in ihrer Nachbarschaft seyen
griechische Priester eingetroffen, so da die beiden Vlker, welche das
Ost- und das Westende von Europa bewohnen, auf den Ksten Amerikas, China
gegenber, Nachbarn geworden waren. Anders wiederum gestalteten sich die
Verhltnisse in Guyana. Hier fanden die Spanier an ihren Grenzen dieselben
Portugiesen wieder, die mit ihnen durch Sprache und Gemeindeverfassung
einen der edelsten Reste des rmischen Europa bilden, die aber durch das
Mitrauen, wie es aus Ungleichheit der Krfte und allzu naher Berhrung
geflossen, zu einer nicht selten feindseligen, immer aber eiferschtigen
Macht geworden waren. Geht man von der Kste von Venezuela (wo, wie in der
Havana und auf den Antillen berhaupt, die europische Handelpolitik der
tgliche Gegenstand des Interesses ist) nach Sd, so fhlt man sich mit
jedem Tage mehr und mit wachsender Geschwindigkeit Allem entrckt, was mit
dem Mutterlande zusammenhngt. Mitten in den Steppen oder Llanos, in den
mit Ochsenhuten gedeckten Htten inmitten wilder Heerden unterhlt man
sich von nichts als von der Pflege des Viehs, von der Trockenheit des
Landes, die den Weiden Eintrag thut, vom Schaden, den die Fledermuse an
Frsen und Fllen angerichtet. Kommt man aus dem Orinoco in die Missionen
in den Wldern, so findet man die Einwohnerschaft wieder mit andern Dingen
beschftigt, mit der Unzuverlssigkeit der Indianer, die aus den Drfern
fortlaufen, mit der mehr oder minder reichen Ernte der Schildkrteneier,
mit den Beschwerden eines heien, ungesunden Klimas. Kommen die Mnche
ber der Plage der Moskitos noch zu einem andern Gedanken, so beklagt man
sich leise ber den Prsidenten der Missionen, so seufzt man ber die
Verblendung der Leute, die im nchsten Capitel den Gardian des Klosters in
Nueva Barcelona wieder whlen wollen. Alles hat hier ein rein rtliches
Interesse, und zwar beschrnkt sich dasselbe auf die Angelegenheiten des
Ordens, auf diese Wlder, wie die Mnche sagen, _estas selvas_, die Gott
uns zum Wohnsitz angewiesen. Dieser etwas enge, aber ziemlich trbselige
Ideenkreis erweitert sich, wenn man vom obern Orinoco an den Rio Negro
kommt und sich der Grenze Brasiliens nhert. Hier scheinen alle Kpfe vom
Dmon europischer Politik besessen. Das Nachbarland jenseits des
Amazonenstroms heit in der Sprache der spanischen Missionen weder
Brasilien, noch _Capitania general_ von Gran-Para, sondern *Portugal*; die
kupferfarbigen Indianer, die halbschwarzen Mulatten, die ich von Barcelos
zur spanischen Schanze San Carlos herauskommen sah, sind *Portugiesen*.
Diese Namen sind im Munde des Volkes bis an die Kste von Cumana, und mit
Behagen erzhlt man den Reisenden, welche Verwirrung sie im Kopfe eines
alten, aus den Bergen von Bierzo gebrtigen Commandanten von Vieja Guayana
angerichtet hatten. Der alte Kriegsmann beschwerte sich, da er zur See
habe an den Orinoco kommen mssen. Ist es wahr, sprach er, wie ich hier
hre, da spanisch Guyana, diese groe Provinz, sich bis nach Portugal
erstreckt (zu _los Portugueses_), so mchte ich wissen, warum der Hof mich
in Cadix sich hat einschiffen lassen? Ich htte gerne ein paar Meilen
weiter zu Lande gemacht. Diese Aeuerung von naiver Unwissenheit erinnert
an eine verwunderliche Meinung des Cardinals LORENZANA. Dieser Prlat, der
brigens in der Geschichte ganz zu Hause ist, sagt in einem in neuerer
Zeit in Mexico gedruckten Buche, die Besitzungen des Knigs von Spanien in
Neu-Californien und Neu-Mexico (ihr nrdliches Ende liegt unter 37 48{~PRIME~}
der Breite) hngen ber Land mit Sibirien zusammen.

Wenn zwei Vlker, die in Europa neben einander wohnen, Spanier und
Portugiesen, auch auf dem neuen Continent Nachbarn geworden sind, so
verdanken sie dieses Verhltni, um nicht zu sagen diesen Uebelstand, dem
Unternehmungsgeist, dem kecken Thatendrang, den beide zur Zeit ihres
kriegerischen Ruhmes und ihrer politischen Gre entwickelt. Die
castilianische Sprache wird gegenwrtig in Sd- und Nordamerika auf einer
1900 Meilen langen Strecke gesprochen; betrachtet man aber Sdamerika fr
sich, so zeigt sich, da das Portugiesische ber einen greren
Flchenraum verbreitet ist, aber von nicht so vielen Menschen gesprochen
wird, als das Castilianische. Das innige Band, das die schnen Sprachen
eines Camoens und Lope de Vega verknpft, hat, sollte man meinen, Vlker,
die widerwillig Nachbarn geworden, nur noch weiter auseinander gebracht.
Der Nationalha richtet sich keineswegs nur nach der Verschiedenheit in
Abstammung, Sitten und Culturstufe; berall, wo er sehr stark
ausgesprochen ist, erscheint er als die Folge geographischer Verhltnisse
und der damit gegebenen widerstreitenden Interessen. Man verabscheut sich
etwas weniger, wenn man weit auseinander ist und bei wesentlich
Verschiedenen Sprachen gar nicht in Versuchung kommt, mit einander zu
verkehren. Diese Abstufungen in der gegenseitigen Stimmung neben
einander-lebender Vlker fallen Jedem auf, der Neucalifornien, die innern
Provinzen von Mexico und die Nordgrenzen Brasiliens bereist.

Als ich mich am spanischen Rio Negro befand, war, in Folge der auseinander
gehenden Politik der beiden Hfe von Lissabon und Madrid, das
systematische Mitrauen, dem die Commandanten der benachbarten kleinen
Forts auch in den ruhigsten Zeiten gerne Nahrung geben, noch strker als
gewhnlich. Die Canoes kamen von Barcelos bis zu den spanischen Missionen
herauf, aber der Verkehr war gering. Der Befehlshaber einer
Truppenabtheilung von 16 bis 18 Mann plagte die Garnison mit
Sicherheitsmaregeln, welche der Ernst der Lage erforderlich machte, und
im Fall eines Angriffs hoffte er den Feind zu umzingeln. Sprachen wir
davon, da die portugiesische Regierung in Europa die vier kleinen Drfer,
welche die Franciscaner am obern Rio Negro angelegt, ohne Zweifel sehr
wenig beachte, so fhlten sich die Leute durch die Grnde, mit denen wir
sie beruhigen wollten, nur verletzt. Vlkern, die durch alle Wechsel im
Lauf von Jahrhunderten ihren Nationalha ungeschwcht erhalten haben, ist
jede Gelegenheit erwnscht, die demselben neue Nahrung gibt. Dem Menschen
ist bei Allein wohl, was sein Gemth aufregt, was ihm eine lebhafte
Empfindung zum Bewutseyn bringt, sey es nun ein Gefhl der Zuneigung,
oder jener eiferschtige Neid, wie er aus althergebrachten Vorurtheilen
entspringt. Die ganze Persnlichkeit der Vlker ist aus dem Mutterlande in
die entlegensten Colonien bergegangen, und der gegenseitige Widerwille
der Nationen hat nicht einmal da ein Ende, wo der Einflu der gleichen
Sprache wegfllt. Wir wissen aus KRUSENSTERNs anziehendem Reisebericht,
da der Ha zweier flchtigen Matrosen, eines Franzosen und eines
Englnders, zu einem langen Krieg zwischen den Bewohnern der
Marquesasinseln Anla gab. Am Amazonenstrom und Rio Negro knnen die
Indianer in den benachbarten portugiesischen und spanischen Drfern
einander nicht ausstehen. Diese armen Menschen sprechen nur amerikanische
Sprachen, sie wissen gar nicht, was am andern Ufer des Oceans, drben
ber der groen Salzlache vorgeht; aber die Kutten ihrer Missionre sind
von verschiedener Farbe, und die mifllt ihnen im hchsten Grade.

Ich habe bei der Schilderung der Folgen des Nationalhasses verweilt, den
kluge Beamte zu mildern suchten, ohne ihn ganz beschwichtigen zu knnen.
Diese Eifersucht ist nicht ohne Einflu auf den Umstand gewesen, da
unsere geographische Kunde von den Nebenflssen des Amazonenstromes bis
jetzt so mangelhaft ist. Wenn der Verkehr unter den Eingeborenen gehemmt
ist, und die eine Nation an der Mndung, die andere im obern Flugebiet
sitzt, so fllt es den Kartenzeichnern sehr schwer, genaue Erkundigungen
einzuziehen. Die periodischen Ueberschwemmungen, besonders aber die
Tragepltze, ber die man die Canoes von einem Nebenflu zum andern
schafft, dessen Quellen in der Nhe liegen, verleiten zur Annahme von
Gabelungen und Verzweigungen der Flsse, die in Wahrheit nicht bestehen.
Die Indianer in den portugiesischen Missionen zum Beispiel schleichen sich
(wie ich an Ort und Stelle erfahren) einerseits auf dem Rio Guaicia und
Rio Tomo in den spanischen Rio Negro, andererseits ber die Tragepltze
zwischen dem Cababuri, dem Pasimoni, dem Idapa und dem Mavaca in den obern
Orinoco, um hinter Esmeralda den aromatischen Samen des Pucherylorbeers zu
sammeln. Die Eingeborenen, ich wiederhole es, sind vortreffliche
Geographen; sie umgehen den Feind trotz der Grenzen, wie sie auf den
Karten gezogen sind, trotz der Schanzen und Estacamentos, und wenn die
Missionre sie von so weither, und zwar in verschiedenen Jahreszeiten
kommen sehen, so machen sie sich daran, Hypothesen ber vermeintliche
Fluverbindungen zu schmieden. Jeder Theil hat ein Interesse dabei, nicht
zu sagen, was er ganz gut wei, und der Hang zu allem Geheimnivollen, der
bei rohen Menschen so gemein und so lebendig ist, thut das Seinige dazu,
um die Sache im Dunkeln zu lassen. Noch mehr, die verschiedenen
Indianerstmme, welche dieses Wasserlabyrinth befahren, geben den Flssen
ganz verschiedene Namen, und diese Namen werden durch Endungen, welche
Wasser, groes Wasser, Strmung bedeuten, unkenntlich gemacht und
verlngert. Wie oft bin ich beim nothwendigen Geschft, die Synonymie der
Flsse ins Reine zu bringen, in grter Verlegenheit gewesen, wenn ich die
gescheitesten Indianer vor mir hatte und sie mittelst eines Dolmetschers
ber die Zahl der Nebenflsse, die Quellen und die Tragepltze befragte!
Da in derselben Mission drei, vier Sprachen gesprochen werden, so hlt es
sehr schwer, die Aussagen in Uebereinstimmung zu bringen. Unsere Karten
wimmeln von willkrlich abgekrzten oder entstellten Namen. Um
herauszubringen, was darauf richtig ist, mu man sich von der
geographischen Lage der Nebenflsse, fast mchte ich sagen von einem
gewissen etymologischen Takt leiten lassen. Der Rio Uaupe oder Uapes der
portugiesischen Karten ist der Guapue der spanischen und der Ucayari der
Eingeborenen. Der Anava der lteren Geographen ist ARROWSMITHs Anauahu,
und der Unanauhau oder Guanauhu der Indianer. Man lie nicht gerne einen
leeren Raum auf den Karten, damit sie recht genau aussehen mchten, und so
erschuf man Flsse und legte ihnen Namen bei, ohne zu wissen, da
dieselben nur Synonyme waren. Erst in der neuesten Zeit haben die
Reisenden in Amerika, in Persien und Indien eingesehen, wie viel darauf
ankommt, da man in der Namengebung correkt ist. Liest man die Reise des
berhmten RALEGH, so ist es eben nicht leicht, im See Mrecabo den See
Maracaybo und im Marquis Paraco den Namen Pizarros, des Zerstrers des
Reichs der Incas, zu erkennen.

Die groen Nebenflsse des Amazonenstroms heien, selbst bei den
Missionren von europischer Abstammung, in ihrem obern Lauf anders als im
untern. Der Ja heit weiter oben Putumayo; der Jupura fhrt seinen
Quellen zu den Namen Caqueta. Wenn man in den Missionen der Andaquies sich
nach dem wahren Ursprung des Rio Negro umsah, so konnte die um so weniger
zu etwas fhren, da man den indianischen Namen des Flusses nicht kannte.
In Javita, Maroa und San Carlos hrte ich ihn *Guainia* nennen. SOUTHEY,
der gelehrte Geschichtschreiber Brasiliens, den ich berall sehr genau
fand, wo ich seine geographischen Angaben mit dem, was ich selbst aus
meinen Reisen gesammelt, vergleichen konnte, sagt ausdrcklich, der Rio
Negro heie auf seinem untern Laufe bei den Eingeborenen Guiari oder
Curana, aus seinem obern Lauf *Ueneya*. Das ist soviel wie Gueneya statt
Guainia; denn die Indianer in diesen Landstrichen sprechen ohne
Unterschied Guanaracua und Uanaracua, Guarapo und Uarapo. Aus dem
letzteren haben HONDIUS [Auf seiner Karte zu Raleghs Reise.] und alle
alten Geographen durch ein komisches Miverstndni ihren _'Europa
fluvius'_ gemacht.

Es ist hier der Ort, von den Quellen des Rio Negro zu sprechen, ber
welche die Geographen schon so lange im Streit liegen. Diese Frage
erscheint nicht allein darum wichtig, weil es sich vom Ursprung eines
mchtigen Stromes handelt, was ja immer von Interesse ist; sie hngt mit
einer Menge anderer Fragen zusammen, mit den angeblichen Gabelungen des
Caqueta, mit den Verbindungen zwischen dem Rio Negro und dem Orinoco, und
mit dem *rtlichen Mythus* vom Dorado, frher Enim oder das Reich des
Groen Paytiti geheien. Studirt man die alten Karten dieser Lnder und
die Geschichte der geographischen Irrthmer genau, so sieht man, wie der
Mythus vom Dorado mit den Quellen des Orinoco allmhlich nach Westen
rckt. Er entstand auf dem Ostabhang der Anden und setzte sich zuerst, wie
ich spter nachweisen werde, im Sdwesten vom Rio Negro fest. Der tapfere
PHILIPP DE URRE ging, um die groe Stadt Manoa zu entdecken, ber den
Guaviare. Noch jetzt erzhlen die Indianer in San Jose de Maravitanos,
fahre man vierzehn Tage lang auf dem Guape oder Uaupe nach Nordost, so
komme man zu einer berhmten *Laguna de Oro*, die von Bergen umgeben und
so gro sey, da man das Ufer gegenber nicht sehen knne. Ein wildes
Volk, die Guanes, leide nicht, da man im Sandboden um den See Gold
sammle. Pater ACUA setzt den See Manoa oder Yenefiti zwischen den Japura
und den Rio Negro. Manaos-Indianer (die ist das Wort Manoa mit
Verschiebung der Vokale, was bei so vielen amerikanischen Vlkern
vorkommt) brachten dem Pater FRITZ im Jahr 1687 viele Bltter geschlagenen
Goldes. Diese Nation, deren Namen noch heute am Urarira zwischen Lamalonga
und Moreira bekannt ist, sa am Jurubesh (Yurubech, Yurubets). LA
CONDAMINE sagt mit Recht, dieses Mesopotamien zwischen dem Caqueta, dem
Rio Negro, dem Jurubesh und dem Iquiare sey der erste Schauplatz des
Dorado. Wo soll man aber die Namen Jurubesh und Iquiare der Patres Acua
und Fritz suchen? Ich glaube sie in den Flssen Urubaxi und Iguari der
handschriftlichen portugiesischen Karten wieder zu finden, die ich besitze
und die im hydrographischen Depot zu Rio Janeiro gezeichnet wurden. Seit
vielen Jahren habe ich nach den ltesten Karten und einem ansehnlichen,
von mir gesammelten, nicht verffentlichten Material mit anhaltendem Eifer
Untersuchungen ber die Geographie Sdamerikas nrdlich vom Amazonenstrom
angestellt. Da ich meinem Werke den Charakter eines wissenschaftlichen
Werkes bewahren mchte, darf ich mich nicht scheuen, von Gegenstnden zu
handeln, ber die ich hoffen kann einiges Licht zu verbreiten, nmlich von
den Quellen des Rio Negro und des Orinoco, von der Verbindung dieser
Flsse mit dem Amazonenstrom, und vom Problem vom Goldlande, das den
Bewohnern der neuen Welt so viel Blut und so viel Thrnen gekostet hat.
Ich werde diese Fragen nach einander behandeln, wie ich in meinem
Reisetagebuche an die Orte komme, wo sie von den Einwohnern selbst am
lebhaftesten besprochen werden. Da ich aber sehr ins Einzelne gehen mte,
wenn ich alle Beweise fr meine Ausstellungen beibringen wollte, so
beschrnke ich mich hier darauf, die hauptschlichsten Ergebnisse
mitzutheilen, und verschiebe die weitere Ausfhrung auf die _Analyse des
Cartes_ und den _Essai sur la gographie astronomique du
Nouveau-Continent_, welche den geographischen Atlas erffnen sollen.

Diese meine Untersuchungen fhren zum allgemeinen Schlu, da die Natur
bei der Vertheilung der flieenden Gewsser auf der Erdoberflche, wie
beim Bau der organischen Krper, lange nicht nach einem so verwickelten
Plane verfahren ist, als man unter dem Einflu unbestimmter Anschauungen
und des Hangs zum Wunderbaren geglaubt hat. Es geht auch daraus hervor,
da alle jene Anomalien, alle jene Ausnahmen von den Gesetzen der
Hydrographie, die im Innern Amerikas vorkommen, nur scheinbar sind; da in
der alten Welt beim Lauf flieender Gewsser gleich auerordentliche
Erscheinungen vorkommen, da aber diese Erscheinungen vermge ihres
unbedeutenden Umfangs den Reisenden weniger aufgefallen sind. Wenn
ungeheure Strme betrachtet werden knnen als aus mehreren, unter einander
parallelen, aber ungleich tiefen Rinnen bestehend, wenn diese Strme nicht
in Thler eingeschlossen sind, und wenn das Innere eines groen Festlandes
so eben ist als bei uns das Meeresufer, so mssen die Verzweigungen, die
Gabelungen, die netzfrmigen Verschlingungen sich ins Unendliche hufen.
Nach Allem, was wir vom Gleichgewicht der Meere wissen, kann ich nicht
glauben, da die neue Welt spter als die alte dem Schoo des Wassers
entstiegen, da das organische Leben in ihr jnger, frischer seyn sollte;
wenn man aber auch keine Gegenstze zwischen den zwei Halbkugeln desselben
Planeten gelten lt, so begreift sich doch, da auf derjenigen, welche
die grte Wasserflle hat, die verschiedenen Flusysteme lngere Zeit
gebraucht haben, sich von einander zu scheiden, sich gegenseitig vllig
unabhngig zu machen. Die Anschwemmungen, die sich berall bilden, wo
flieendes Wasser an Geschwindigkeit abnimmt, tragen allerdings dazu bei,
die groen Strombetten zu erhhen und die Ueberschwemmungen strker zu
machen; aber auf die Lnge werden die Fluarme und schmalen Kanle, welche
benachbarte Flsse mit einander verbinden, durch diese Anschwemmungen ganz
verstopft. Was das Regenwasser zusammensplt, bildet, indem es sich
aushuft, Schwellen, _'isthmes d'attrissement'_, Wasserscheiden, die
zuvor nicht vorhanden waren. Die Folge davon ist, da die natrlichen,
ursprnglichen Verbindungscanle nach und nach in zwei Wasserlufe
zerfallen, und durch die Aufhhung des Bodens in der Quere zwei Geflle
nach entgegengesetzten Richtungen erhalten. Ein Theil ihres Wassers fllt
in den Hauptwasserbehlter zurck, und zwischen zwei parallelen Becken
erhebt sich eine Bschung, so da die ehemalige Verbindung spurlos
verschwindet. Sofort bestehen zwischen verschiedenen Flusystemen keine
Gabelungen mehr, und wo sie zur Zeit der groen Ueberschwemmungen noch
immer vorhanden sind, tritt das Wasser vom Hauptbehlter nur weg, um nach
greren oder kleineren Umwegen wieder dahin zurckzukehren. Die Gebiete,
deren Grenzen anfangs schwankend durcheinander liefen, schlieen sich nach
und nach ab, und im Laufe der Jahrhunderte wirkt Alles, was an der
Erdoberflche beweglich ist, Wasser, Schwemmung und Sand, zusammen, um die
Flubetten zu trennen, wie die groen Seen in mehrere zerfallen und die
Binnenmeere ihre alten Verbindungen verlieren.(65)

Da die Geographen schon im sechzehnten Jahrhundert die Ueberzeugung
gewonnen hatten, da in Sdamerika zwischen verschiedenen Flusystemen
Gabeltheilungen bestehen, die sie gegenseitig von einander abhngig
machen, so nahmen sie an, da die fnf groen Nebenflsse des Orinoco und
des Amazonenstromes, Guaviare, Inirida, Rio Negro, Caqueta oder Hyapura,
und Putumayo oder Ia unter einander zusammenhngen. Diese Hypothesen,
welche auf unsern Karten in verschiedenen Gestalten dargestellt sind,
entstanden zum Theil in den Missionen in den Ebenen, zum Theil auf dem
Rcken der Cordilleren der Anden. Reist man von Santa Fe de Bogota ber
Fusagafuga nach Popayan und Pasto, so hrt man die Gebirgsbewohner
behaupten, am Ostabhang der _Paramos de la Suma Paz_ (des ewigen
Friedens), des Iscanc und Aponte entspringen alle Flsse, die zwischen
dem Meta und dem Putumayo durch die Wlder von Guyana ziehen. Da man die
Nebenflsse fr den Hauptstrom hlt und man alle Flsse rckwrts bis zur
Bergkette reichen lt, so wirft man dort die Quellen des Orinoco, des Rio
Negro und des Guaviare zusammen. Am steilen Ostabhang der Anden ist sehr
schwer herunterzukommen, eine engherzige Politik hat dem Handel mit den
Llanos am Meta, am San Juan und Caguan Fesseln angelegt, man hat wenig
Interesse, die Flsse zu verfolgen, um ihre Verzweigungen kennen zu
lernen: durch all diese Umstnde ist die geographische Verwirrung noch
grer geworden. Als ich in Santa Fe de Bogota war, kannte man kaum den
Weg, der ber die Drfer Usme, Ubaque und Caqueza nach Apiay und zum
Landungsplatz am Rio Meta fhrt. Erst in neuester Zeit konnte ich die
Karte dieses Flusses nach den _Reisetagebchern_ des CANONICUS CORTES
MADARIAGA und nach den Ermittlungen whrend des Unabhngigkeitskriegs in
Venezuela berichtigen.

Ueber die Lage der Quellen am Fu der Cordilleren zwischen dem 4 20{~PRIME~} und
1 10{~PRIME~} nrdlicher Breite wissen wir zuverlssig, was folgt. Hinter dem
Paramo de la Suma Paz, den ich von Pandi an aufnehmen konnte, entspringt
der Rio de Aguas Blancas, der mit dem Pachaquiaro oder Rio Negro von Apiay
den *Meta* bildet; weiter nach Sden kommt der Rio Ariari, ein Nebenflu
des *Guaviare*, dessen Mndung ich bei San Fernando de Atabapo gesehen.
Geht man auf dem Rcken der Cordillere weiter gegen Ceja und den Paramo
von Aponte zu, so kommt man an den Rio Guayavero, der am Dorfe Aramo
vorbeiluft und sich mit dem Ariari verbindet; unterhalb ihrer Vereinigung
bekommen die Flsse den Namen *Guaviare*. Sdwestlich vom Paramo de Aponte
entspringen am Fu der Berge bei Santa Rosa der Rio Caqueta, und auf der
Cordillere selbst der Rio de Mocoa, der in der Geschichte der Eroberung
eine groe Rolle spielt. Diese beiden Flsse, die sich etwas oberhalb der
Mission San Augustin de Nieto vereinigen, bilden den *Japura* oder
*Caqueta*. Der Cerro del Portachuelo, ein Berg, der sich auf der Hochebene
der Cordilleren selbst erhebt, liegt zwischen den Quellen des Mocoa und
dem See Sebondoy, aus dem der Rio *Putumayo* oder Ja entspringt. Der
Meta, der Guaviare, der Caqueta und der Putumayo sind also die einzigen
groen Flsse, die unmittelbar am Ostabhang der Anden von Santa Fe,
Popayan und Pasto entspringen. Der Vichada, der Zama, der Inirida, der Rio
Negro, der Uaupe und der Apoporis, die unsere Karten gleichfalls westwrts
bis zum Gebirge fortfhren, entspringen weit weg von demselben entweder in
den Savanen zwischen Meta und Guaviare oder im bergigten Land, das, nach
den Aussagen der Eingeborenen, fnf, sechs Tagereisen westwrts von den
Missionen am Javita und Maroa anfngt und sich als Sierra Tunuhy jenseits
des Xi dem Issana zu erstreckt.

Es erscheint ziemlich auffallend, da dieser Kamm der Cordillere, dem so
viele majesttische Flsse entspringen (Meta, Guaviare, Caqueta,
Putumayo), so wenig mit Schnee bedeckt ist als die abyssinischen Gebirge,
aus denen der blaue Nil kommt; dagegen trifft man, wenn man die Gewsser,
die ber die Ebenen ziehen, hinausgeht, bevor man an die Cordillere der
Anden kommt, einen noch thtigen Vulkan. Derselbe wurde erst in neuester
Zeit von den Franciscanern entdeckt, die von Ceja ber den Rio Fragua an
den Caqueta herunterkommen. Nordstlich von der Mission Santa Rosa,
westlich vom Puerto del Pescado, liegt ein einzeln stehender Hgel, der
Tag und Nacht Rauch ausstt. Es rhrt die von einem Seitenausbruch der
Vulkane von Popayan und Pasto her, wie der Guacamayo und der Sangay, die
gleichfalls am Fu des Ostabhangs der Anden liegen, von Seitenausbrchen
des Vulkansystems von Quito herrhren. Ist man mit den Ufern des Orinoco
und des Rio Negro bekannt, wo berall das Granitgestein zu Tage kommt,
bedenkt man, da in Brasilien, in Guyana, auf dem Kstenland von
Venezuela, vielleicht auf dem ganzen Continent ostwrts von den Anden,
sich gar kein Feuerschlund findet, so erscheinen die drei thtigen Vulkane
an den Quellen des Caqueta, des Napo und des Rio Macas oder Morona sehr
interessant.

Die imposante Gre des Rio Negro fiel schon ORELLANA auf, der ihn im Jahr
1539 bei seinem Einflu in den Amazonenstrom sah, _undas nigras spargens_;
aber erst ein Jahrhundert spter suchten die Geographen seine Quellen am
Abhang der Cordilleren auf. ACUAs Reise gab Anla zu Hypothesen, die sich
bis auf unsere Zeit erhalten haben und von LA CONDAMINE und D'ANVILLE
malos gehuft wurden. ACUA hatte im Jahr 1638 an der Einmndung des Rio
Negro gehrt, einer seiner Zweige stehe mit einem andern groen Strom in
Verbindung, an dem die Hollnder sich niedergelassen. SOUTHEY bemerkt
scharfsinnig, da man so etwas in so ungeheurer Entfernung von der Kste
gewut, beweise, wie stark und vielfach damals der Verkehr unter den
barbarischen Vlkern dieser Lnder (besonders unter denen von caraibischem
Stamme) gewesen. Es bleibt unentschieden, ob die Indianer, die Acua Rede
standen, den Cassiquiare meinten, den natrlichen Canal zwischen Orinoco
und Rio Negro, den ich von San Carlos nach Esmeralda hinaufgefahren bin,
oder ob sie ihm nur unbestimmt die Tragepltze zwischen den Quellen des
Rio Branco(66) und des Rio Essequebo andeuten wollten. Acua selbst dachte
nicht daran, da der groe Strom, dessen Mndung die Hollnder besaen,
der Orinoco sey; er nahm vielmehr eine Verbindung mit dem Rio San Felipe
an, der westlich vom Cap Nord ins Meer fllt, und auf dem nach seiner
Ansicht der Tyrann Lopez de Aguirre seine lange Flufahrt beschlossen
hatte. Letztere Annahme scheint mir sehr gewagt, wenn auch der Tyrann in
seinem nrrischen Briefe an Philipp II. selbst gesteht, er wisse nicht,
wie er und die Seinigen aus der groen Wassermasse herausgekommen. [S.
Bd. I. Seite 233].

Bis zu Acuas Reise und den schwankenden Angaben, die er ber Verbindungen
mit einem andern groen Flu nordwrts vom Amazonenstrom erhielt, sahen
die unterrichtetsten Missionare den Orinoco fr eine Fortsetzung des
Caqueta (Kaqueta, Caketa) an. Dieser Strom, sagte Fray PEDRO SIMON im
Jahr 1625, entspringt am Westabhang des Paramo d'Iscanc. Er nimmt den
Papamene auf, der von den Anden von Neiva herkommt, und heit nach
einander Rio Iscanc, Tama (wegen des angrenzenden Gebiets der
Tamas-Indianer), Guayare, Baraguan und Orinoco. Nach der Lage des Paramo
d'Iscanc, eines hohen Kegelbergs, den ich auf der Hochebene von Mamendoy
und an den schnen Ufern des Mayo gesehen, mu in dieser Beschreibung der
Caqueta gemeint seyn. Der Rio Papamene ist der Rio de la Fragua, der mit
dem Rio Mocoa ein Hauptzweig des Caqueta ist; wir kennen denselben von den
ritterlichen Zgen Georgs von Speier und Philipps von Hutten her.(67) Die
beiden Kriegsmnner kamen an den Papamene erst, nachdem sie ber den
Ariari und den Guayavero gegangen. Die Tamas-Indianer sind noch jetzt am
nrdlichen Ufer des Caqueta eine der strksten Nationen; es ist also nicht
zu verwundern, da, wie Fray Pedro Simon sagt, dieser Flu Rio Tama
genannt wurde. Da die Quellen der Nebenflsse des Caqueta und die
Nebenflsse des Guaviare nahe beisammen liegen, und da dieser einer der
groen Flsse ist, die in den Orinoco fallen, so bildete sich mit dem
Anfang des siebzehnten Jahrhunderts die irrige Ansicht, Caqueta (Rio de
Iscanc und Papamene), Guaviare (Guayare) und Orinoco seyen ein und
derselbe Flu. Niemand war den Caqueta dem Amazonenstrom zu hinabgefahren,
sonst htte man gesehen, da der Flu, der weiter unten Jupupa heit, eben
der Caqueta ist. Eine Sage, die sich bis jetzt unter der Bevlkerung
dieses Landstrichs erhalten hat, derzusolge ein Arm des Caqueta oberhalb
des Einflusses des Caguan und des Payoya zum Irinida und Rio Negro geht,
mu auch zu der Meinung beigetragen haben, da der Orinoco am Abhang der
Gebirge von Pasto entspringe.

Wie wir gesehen, setzte man in Neu-Grenada voraus, die Wasser des Caqueta
laufen, wie die des Ariari, Meta und Apure, dem groen Orinocobecken zu.
Htte man genauer auf die Richtung dieser Nebenflsse geachtet, so wre
man gewahr geworden, da allerdings das ganze Land im Groen nach Osten
abfllt, da aber die Bodenpolyeder, aus denen die Niederungen bestehen,
schiefe Flchen zweiter Ordnung bilden, die nach Nordost und Sdost
geneigt sind. Eine fast unmerkliche Wasserscheide luft unter dem zweiten
Breitengrad von den Anden von Timana zu der Landenge zwischen Javita und
dem Cao Pimichin, ber die unsere Pirogue geschafft worden. Nrdlich vom
Parallel von Timana laufen die Gewsser [Inirida, Guaviare, Vichada, Zama,
Meta, Casanare, Apure.] nach Nordost und Ost: es sind die Nebenflsse des
Orinoco oder die Nebenflsse seiner Nebenflsse. Aber sdlich vom Parallel
von Timana, aus den Ebenen, welche denen von San Juan vollkommen zu
gleichen scheinen, laufen der Caqueta oder Jupura, der Putumayo oder Ja,
der Napo, der Pastaa und der Morona nach Sdost und Sd-Sdost und
ergieen sich ins Becken des Amazonenstroms. Dabei ist sehr merkwrdig,
da diese Wasserscheide selbst nur als eine Fortsetzung derjenigen
erscheint, die ich in den Cordilleren auf dem Wege von Popayan nach Pasto
gefunden. Zieht man den Landhhen nach eine Linie ber Ceja (etwas sdlich
von Timana) und den Paramo de las Papas zum Alto del Noble, zwischen
1 45{~PRIME~} und 2 20{~PRIME~} der Breite, in 970 Toisen Meereshhe, so findet man die
_'divortia aquarum'_ zwischen dem Meere der Antillen und dem stillen
Ocean.

Vor Acuas Reise herrschte bei den Missionren die Ansicht, Caqueta,
Guaviare und Orinoco seyen nur verschiedene Benennungen desselben Flusses;
aber der Geograph SANSON lie auf den Karten, die er nach ACUAs
Beobachtungen entwarf, den Caqueta sich in zwei Arme theilen, deren einer
der Orinoco, der andere der Rio Negro oder Curiguacuru seyn sollte. Diese
Gabeltheilung unter rechtem Winkel erscheint auf allen Karten von SANSON,
CORONELLI, DU VAL und DE L'ISLE von 1656 bis 1730. Man glaubte auf diese
Weise die Verbindungen zwischen den groen Strmen zu erklren, von denen
Acua die erste Kunde von der Mndung des Rio Negro mitgebracht, und man
ahnte nicht, da der Jupura die Fortsetzung des Caqueta sey. Zuweilen lie
man den Namen Caqueta ganz weg und nannte den Flu, der sich gabelt, Rio
Paria oder Yuyapari, wie der Orinoco ehemals hie. DE L'ISLE lie in
seiner letzten Zeit den Caqueta sich nicht mehr gabeln, zum groen Verdru
LA CONDAMINES; er machte den Putumayo, den Jupura und Rio Negro zu vllig
unabhngigen Flssen, und als wollte er alle Aussicht auf eine Verbindung
zwischen Orinoco und Rio Negro abschneiden, zeichnete er zwischen beiden
Strmen eine hohe Bergkette. Bereits Pater FRITZ hatte dasselbe System und
zur Zeit des Hondius galt es fr das wahrscheinlichste.

LA CONDAMINEs Reise, die ber verschiedene Striche Amerikas so viel Licht
verbreitet, hat in die ganze Angelegenheit vom Laufe des Caqueta, Orinoco
und Rio Negro nur noch mehr Verwirrung gebracht. Der berhmte Gelehrte sah
allerdings wohl, da der Caqueta (bei Mocoa) der Flu ist, der am
Amazonenstrom Jupura heit; dennoch nahm er nicht allein SANSONs Hypothese
an, er brachte die Zahl der Gabeltheilungen des Caqueta sogar auf drei.
Durch die erste gibt der Caqueta einen Arm (den Jaoya) an den Putumayo ab;
eine zweite bildet den Rio Jupura und den Rio Paragua; in einer dritten
theilt sich der Rio Paragua wiederum in zwei Flsse, den Orinoco und den
Rio Negro. Dieses rein ersonnene System sieht man in der ersten Ausgabe
von D'ANVILLEs schner Karte von Amerika dargestellt. Es ergibt sich
daraus, da der Rio Negro vom Orinoco unterhalb der groen Katarakten
abgeht, und da man, um an die Mndung des Guaviare zu kommen, den Caqueta
ber die Gabelung, aus der der Rio Jupura entspringt, hinauf mu. Als LA
CONDAMINE erfuhr, da der Orinoco keineswegs am Fu der Anden von Pasto,
sondern auf der Rckseite der Berge von Cayenne entspringe, nderte er
seine Vorstellungen auf sehr sinnreiche Weise ab. Der Rio Negro geht jetzt
nicht mehr vom Orinoco ab; Guaviare, Atabapo, Cassiquiare und die Mndung
des Inirida (unter dem Namen Iniricha) erschienen auf D'ANVILLES zweiter
Karte ungefhr in ihrer wahren Gestalt, aber aus der dritten Gabelung des
Caqueta entstehen der Inirida und der Rio Negro; Dieses System wurde von
Pater CAULIN gut geheien, auf der Karte von LA CRUZ dargestellt und auf
allen Karten bis zum Anfang des neunzehnten Jahrhunderts copirt. Diese
Namen: Caqueta, Orinoco, Inirida, haben allerdings nicht so viel
Anziehendes, wie die Flsse im Innern Nigritiens; es knpfen sich eben
keine geschichtlichen Erinnerungen daran; aber die mannigfaltigen
Combinationen der Geographen der neuen Welt erinnern an die krausen
Zeichnungen vom Laufe des Niger, des weien Nil, des Gambaro, des Joliba
und des Zare. Von Jahr zu Jahr nimmt das Bereich der Hypothesen an Umfang
ab; die Probleme sind bndiger gefat und das alte Stck Geographie, das
man speculative, um nicht zu sagen divinatorische Geographie nennen
knnte, zieht sich in immer engere Grenzen zusammen.

Also nicht am Caqueta, sondern am Guainia oder Rio Negro kann man genaue
Auskunft ber die Quellen des letzteren Flusses erhalten. Die Indianer in
den Missionen Maroa, Tomo und San Carlos wissen nichts von einer oberen
Verbindung des Guainia mit dem Jupura. Ich habe seine Breite bei der
Schanze San Agostino gemessen; es ergaben sich 292 Toisen;(68) die
mittlere Breite war 200--250 Toisen. LA CONDAMINE schtzt dieselbe in der
Nhe der Ausmndung in den Amazonenstrom an der schmalsten Stelle auf 1200
Toisen; der Flu wre also auf einem Lauf von 10 Grad in gerader Linie um
1000 Toisen breiter geworden. Obgleich die Wassermasse, wie wir sie
zwischen Maroa und San Carlos gesehen, schon ziemlich bedeutend ist,
versichern die Indianer dennoch, der Guainia entspringe fnf Tagereisen zu
Wasser nordwestwrts von der Mndung des Pimichin in einem bergigten
Landstrich, wo auch die Quellen des Inirida liegen. Da man den Cassiquiare
von San Carlos bis zum Punkt der Gabeltheilung am Orinoco in 10--11 Tagen
hinauffhrt, so kann man fnf Tage Bergfahrt gegen eine lange nicht so
starke Strmung zu etwas ber einen Grad 20 Minuten in gerader Richtung
annehmen, womit die Quellen des Guainia, nach meinen Lngenbeobachtungen
in Javita und San Carlos, unter 71 35{~PRIME~} westlich vom Meridian von Paris zu
liegen kmen. Obgleich die Aussagen der Eingeborenen vollkommen
bereinstimmten, liegen die Quellen wohl noch weiter nach Westen, da die
Canoes nur so weit hinaufkommen, als das Flubett es gestattet. Nach der
Analogie der europischen Flsse lt sich das Verhltni zwischen der
Breite und Lnge des obern Flustcks(69) nicht bestimmt beurtheilen. In
Amerika nimmt hufig die Wassermasse in den Flssen auf kurzen Strecken
sehr auffallend zu.

Der Guainia ist in seinem obern Lauf vorzglich dadurch ausgezeichnet, da
er keine Krmmungen hat; er erscheint wie ein breiter Kanal, der durch
einen dichten Wald gezogen ist. So oft der Flu die Richtung verndert,
liegt eine gleich lange Wasserstrecke vor dem Auge. Die Ufer sind hoch,
aber eben und selten felsigt. Der Granit, den ungeheure Quarzgnge
durchsetzen, kommt meist nur mitten im Bett zu Tage. Fhrt man den Guainia
nach Nordwest hinauf, so wird die Strmung mit jeder Tagreise reiender.
Die Fluufer sind unbewohnt; erst in der Nhe der Quellen (_las
cavezeras_), im bergigten Land, hausen die Manivas- oder
Poignaves-Indianer. Die Quellen des Inirida (Iniricha) liegen, nach der
Aussage der Indianer, nur 2--3 Meilen von denen des Guainia und es liee
sich dort ein Trageplatz anlegen. Pater Caulin hrte in Cabruta aus dem
Munde eines indianischen Huptlings Namens Tapo, der Inirida sey sehr nahe
beim Patavita (Paddavida auf der Karte von LA CRUZ), der ein Nebenflu des
Rio Negro ist. Die Eingeborenen am obern Guainia kennen diesen Namen
nicht, so wenig als den eines Sees (_laguna del Rio Negro_), der auf alten
portugiesischen Karten vorkommt. Dieser angebliche Rio Patavita ist
wahrscheinlich nichts als der Guainia der Indianer in Maroa; denn so lange
die Geographen an die Gabeltheilung des Caqueta glaubten, lieen sie den
Rio Negro aus diesem Arm und einem Flusse entstehen, den sie Patavita
nannten. Nach dem Bericht der Eingeborenen sind die Berge bei den Quellen
des Inirida und Guainia nicht hher als der Baraguan, der nach meiner
Messung 120 Toisen hoch ist.

Portugiesische handschriftliche Karten, die in neuester Zeit im
hydrographischen Depot zu Rio Janeiro entworfen worden sind, besttigen,
was ich an Ort und Stelle in Erfahrung gebracht. Sie geben keine der vier
Verbindungen des Caqueta oder Japura mit dem Guainia (Rio Negro), dem
Inirida, dem Uaupes (Guapue) und dem Putumayo an; sie stellen jeden dieser
Nebenflsse als einen unabhngigen Strom dar; sie lassen den Rio Patavita
weg und setzen die Quellen des Guainia nur 2 15{~PRIME~} westwrts vom Meridian
von Javita. Der Rio Uaupes, ein Nebenflu des Guainia, scheint viel weiter
aus Westen herzukommen als der Guainia selbst; und seine Richtung ist so,
da kein Arm des Caqueta in den obern Guainia kommen knnte, ohne ihn zu
schneiden. Ich bringe zum Schlu dieser Errterung einen Beweis bei, der
direkt gegen die Annahme spricht, nach welcher der Guainia, wie der
Guaviare und der Caqueta, am Ostabhang der Cordilleren der Anden
entspringen soll.

Whrend meines Aufenthalts in Popayan machte mir der Gardian des
Franciskanerklosters, Fray Francisco Pugnet, ein liebenswrdiger,
verstndiger Mann, zuverlssige Mittheilungen ber die Missionen der
Adaquies, in denen er lange gelebt hat. Der Pater hatte eine beschwerliche
Reise vom Caqueta zum Guaviare unternommen. Seit Philipp von Hutten (Urre)
und den ersten Zeiten der Eroberung war kein Europer durch dieses
unbekannte Land gekommen. Pater Pugnet kam von der Mission Caguan am
Flusse dieses Namens, der in den Caqueta fllt, ber eine unermeliche,
vllig baumlose Savane, in deren stlichem Striche die Tamas- und
Coreguajes-Indianer hausen. Nach sechstgigem Marsch nordwrts kam er in
einen kleinen Ort Namens Aramo am Guayavero, etwa 15 Meilen westlich vom
Punkt, wo der Guayavero und der Ariari den groen Guaviarestrom bilden.
Aramo ist das am weitesten nach West gelegene Dorf der Missionen von San
Juan de los Llanos. Pater Pugnet hrte dort von den groen Katarakten des
Rio Guaviare (ohne Zweifel denselben, die der Prsident der Missionen am
Orinoco auf seiner Fahrt von San Fernando de Apure den Guaviare hinauf
gesehen, s. Bd. III. Seite 296), aber er kam zwischen Caguan und Aramo
ber keinen Flu. Es ist also erwiesen, da unter dem 75. Grad der Lnge,
auf 40 Meilen vom Abhang der Cordilleren, mitten in den Llanos weder Rio
Negro (Patavita, Guainia), noch Guapue (Uaupe), noch Inirida zu finden
sind und da diese drei Flsse ostwrts von diesem Meridian entspringen.
Diese Angaben sind von groem Werth; denn im innern Afrika ist die
Geographie kaum so verworren als hier zwischen dem Atabapo und den Quellen
des Meta, Guaviare und Caqueta. Man glaubt es kaum, sagt CALDAS in einer
wissenschaftlichen Zeitschrift, die in Santa Fe de Bogota erscheint, da
wir noch keine Karte von den Ebenen besitzen, die am Ostabhang der Gebirge
beginnen, die wir tglich vor Augen haben und auf denen die Kapellen
Guadeloupe und Monserrate stehen. Kein Mensch wei, wie breit die
Cordilleren sind, noch wie die Flsse laufen, die in den Orinoco und in
den Amazonenstrom fallen, und doch werden einst in besseren Zeiten eben
auf diesen Nebenflssen, dem Meta, dem Guaviare, dem Rio Negro, dem
Caqueta, die Einwohner von Cundinamarca mit Brasilien und Paraguay
verkehren.

Ich wei wohl, da in den Missionen der Andaquies ziemlich allgemein der
Glaube herrscht, der Caqueta gebe zwischen dem Einflu des Rio Fragua und
des Caguan einen Arm an den Putumayo, und weiter unten, unterhalb der
Einmndung des Rio Payoya, einen andern an den Orinoco ab; aber diese
Meinung sttzt sich nur auf eine unbestimmte Sage der Indianer, welche
hufig Tragepltze und Gabeltheilungen verwechseln. Wegen der Katarakten
an der Mndung des Payoya und der wilden Huaques-Indianer, auch
Murcielagos (Fledermuse) genannt, weil sie den Gefangenen das Blut
aussaugen, knnen die spanischen Missionre nicht den Caqueta hinabfahren.
Nie hat ein weier Mensch den Weg von San Miguel de Mocoa zum Einflu des
Caqueta in den Amazonenstrom gemacht. Bei der letzten Grenzcommission
fuhren die portugiesischen Astronomen zuerst den Caqueta bis zu 0 36{~PRIME~}
sdlicher Breite, dann den Rio de los Engaos (den trgerischen Flu) und
den Rio Cunare, die in den Caqueta fallen, bis zu 0 28{~PRIME~} nrdlicher Breite
hinauf. Auf dieser Fahrt sahen sie nordwrts keinen Arm vom Caqueta
abgehen. Der Amu und der Yabilla, deren Quellen sie genau untersucht, sind
Flchen, die in den Rio de los Engaos und mit diesem in den Caqueta
fallen. Findet also wirklich eine Gabeltheilung statt, so wre sie nur auf
der ganz kurzen Strecke zwischen dem Einflu des Payoya und dem zweiten
Katarakt oberhalb des Einflusses des Rio de los Engaos zu suchen; aber,
ich wiederhole es, wegen dieses Flusses, wegen des Cunare, des Apoporis
und des Uaupes knnte dieser angebliche Arm des Caqueta gar nicht zum
obern Guainia gelangen. Alles scheint vielmehr darauf hinzuweisen, da
zwischen den Zuflssen des Caqueta und denen des Uaupes und Rio Negro eine
Wasserscheide ist. Noch mehr: durch barometrische Beobachtung haben wir
fr das Ufer des Pimichin 130 Toisen Meereshhe gefunden. Vorausgesetzt,
das bergigte Land an den Quellen des Guainia liege 50 Toisen ber Javita,
so folgt daraus, da das Bett des Flusses in seinem oberen Lauf wenigstens
200 Toisen ber dem Meere liegt, also nur so hoch, als wir mit dem
Barometer das Ufer des Amazonenstroms bei Tomependa in der Provinz Jaen de
Bracamoros gefunden. Bedenkt man nun, wie stark dieser ungeheure Strom von
Tomependa bis zum Meridian von 75 fllt und wie weit es von den Missionen
am Rio Caguan bis zur Cordillere ist, so bleibt kein Zweifel, da das Bett
des Caqueta unterhalb der Mndungen des Caguan und des Payoya viel tiefer
liegt als das Bett des obern Guainia, an den er einen Theil seines Wassers
abgeben soll. Ueberdie ist das Wasser des Caqueta durchaus wei, das des
Guainia dagegen schwarz oder kaffeebraun; man hat aber kein Beispiel, da
ein weier Flu auf seinem Laufe schwarz wrde. Der obere Guainia kann
also kein Arm des Caqueta seyn. Ich zweifle sogar, da man Grund hat
anzunehmen, dem Guainia, als vornehmsten und unabhngigen Wasserbehlter,
komme sdwrts durch einen Seitenzweig einiges Wasser zu.

Die kleine Berggruppe an den Quellen des Guainia, die wir haben kennen
lernen, ist um so interessanter, da sie einzeln in der Ebene liegt, die
sich sdwestlich vom Orinoco ausdehnt. Nach der Lnge, unter der sie
liegt, knnte man vermuthen, von ihr gehe ein Kamm ab, der zuerst die
Stromenge (Angostura) des Guaviare und dann die groen Katarakten des
Uaupes und des Jupura bildet. Kommt vielleicht dort, wo die Gebirgsart
wahrscheinlich, wie im Osten, Granit ist, Gold in kleinen Theilen im Boden
vor? Gibt es vielleicht weiter nach Sden, dem Uaupes zu, am Iquiare
(Iguiari, Iguari) und am Yurubesh (Yurubach, Urubaxi) Goldwschen? Dort
suchte PHILIPP VON HUTTEN zuerst den Dorado und lieferte mit einer
Handvoll Leute den Omaguas das im sechzehnten Jahrhundert vielberufene
Gefecht. Entkleidet man die Berichte der Conquistadoren des Fabelhaften,
so erkennt man an den erhaltenen Ortsnamen immerhin, da geschichtliche
Wahrheit zu Grunde liegt. Man folgt dem Zuge Huttens ber den Guaviare und
den Caqueta; man erkennt in den *Guaypes* unter dem Caziken von Macatoa
die Anwohner des Uaupes, der auch *Guape* oder Guapue heit; man erinnert
sich, da Pater Acua den Iquiari (Quiguiare) einen *Goldflu* nennt, und
da fnfzig Jahre spter Pater FRITZ, ein sehr glaubwrdiger Missionr, in
seiner Mission Yurimaguas von den Manaos (Manoas) besucht wurde, die mit
Goldblechen geputzt waren und aus dem Landstrich zwischen dem Uaupe und
dem Caqueta oder Jupura kamen. Die Flsse, die am Ostabhang der Anden
entspringen, (z. B. der Napo) fhren viel Gold, auch wenn ihre Quellen im
Trachytgestein liegen: warum sollte es ostwrts von den Cordilleren nicht
so gut goldhaltiges aufgeschwemmtes Land geben, wie westwrts bei Sonora,
Choco und Barbacoas? Ich bin weit entfernt, den Reichthum dieses
Landstrichs bertreiben zu wollen; aber ich halte mich nicht fr
berechtigt, das Vorkommen edler Metalle im Urgebirge von Guyana nur
dehalb in Abrede zu ziehen, weil wir auf unserer Reise durch das Land
keinen Erzgang gefunden haben. Es ist auffallend, da die Eingeborenen am
Orinoco in ihren Sprachen ein Wort fr Gold haben (caraibisch Carucuru,
tamanakisch *Caricuri*, maypurisch *Cavitta*), whrend das Wort, das sie
fr Silber gebrauchen, *Prata*, offenbar dem Spanischen entlehnt ist. Die
Nachrichten ber Goldwschen sdlich und nrdlich vom Rio Uaupes, die
Acua, Pater Fritz und La Condamine gesammelt, stimmen mit dem berein,
was ich ber die Goldlager in diesem Landstrich in Erfahrung gebracht. So
stark man sich auch den Verkehr unter den Vlkern am Orinoco vor der
Ankunft der Europer denken mag, so haben sie doch ihr Gold gewi nicht
vom Ostabhang der Cordilleren geholt. Dieser Abhang ist arm an Erzgruben,
zumal an solchen, die schon von Alters her in Betrieb waren; er besteht in
den Provinzen Popayan, Pasto und Quito fast ganz aus vulkanischem Gestein.
Wahrscheinlich kam das Gold nach Guyana aus dem Lande ostwrts von den
Anden. Noch zu unserer Zeit wurde in einer Schlucht bei der Mission
Encaramada ein Goldgeschiebe gefunden, und man darf sich nicht wundern,
da man, sobald sich Europer in diesen Einden niederlassen, weniger von
Goldblech, Goldstaub und Amuletten aus Nephrit sprechen hrt, die man sich
frher von den Caraiben und andern umherziehenden Vlkern im Tauschhandel
verschaffen konnte. Die edlen Metalle waren am Orinoco, Rio Negro und
Amazonenstrom nie sehr hufig, und sie verschwinden fast ganz, sobald die
Zucht in den Missionen dem Verkehr der Eingeborenen ber weite Strecken
ein Ende macht.

Am obern Guainia ist das Klima nicht so hei, vielleicht auch etwas
weniger feucht als am Tuamini. Ich fand das Wasser des Rio Negro im Mai
23,9 [19,2 Reaumur] warm, whrend der Thermometer in der Luft bei Tag
auf 22,7, bei Nacht auf 21,8 stand. Diese Khle des Wassers, die fast
ebenso beim Congoflu beobachtet wird, ist so nahe beim Aequator (1 53{~PRIME~}
bis 2 15{~PRIME~} nrdliche Breite) sehr auffallend. Der Orinoco ist zwischen dem
vierten und achten Grad der Breite meist 27,5 bis 29,5 warm. Die
Quellen, die bei Maypures aus dem Granit kommen, haben 27,8. Diese
Abnahme der Wrme dem Aequator zu stimmt merkwrdig mit den Hypothesen
einiger Physiker des Alterthums;(70) es ist indessen nur eine rtliche
Erscheinung und nicht sowohl eine Folge der Meereshhe, des Landstrichs,
als vielmehr des bestndig bedeckten, regnerischen Himmels, der
Feuchtigkeit des Bodens, der dichten Wlder, der starken Ausdnstung der
Gewchse und des Umstandes, da kein sandiges Ufer den Wrmestoff anzieht
und durch Strahlung wieder von sich gibt. Der Einflu eines bezogenen
Himmels zeigt sich recht deutlich am Kstenstrich in Peru, wo niemals
Regen fllt und die Sonne einen groen Theil des Jahres, zur Zeit der
*Garua* (Nebel), dem bloen Auge wie die Mondscheibe erscheint. Dort,
zwischen dem 10. und 12. Grad sdlicher Breite ist die mittlere Temperatur
kaum hher als in Algier und Cairo. Am Rio Negro regnet es fast das ganze
Jahr, December und Januar ausgenommen, und selbst in der trockenen
Jahreszeit sieht man das Blau des Himmels selten zwei, drei Tage hinter
einander. Bei heiterer Luft erscheint die Hitze desto grer, da sonst das
Jahr ber die Einwohner sich bei Nacht ber Frost beklagen, obgleich die
Temperatur immer noch 21 betrgt. Ich stellte in San Carlos, wie frher
in Javita, Beobachtungen ber die Regenmenge an, die in einer gegebenen
Zeit fllt. Diese Untersuchungen sind von Belang, wenn es sich davon
handelt, die ungeheure Anschwellung der Flsse in der Nhe des Aequators
zu erklren, von denen man lange glaubte, sie werden von den Cordilleren
mit Schneewasser gespeist. Ich sah zu verschiedenen Zeiten in 2 Stunden
7,5 Linien, in 3 Stunden 18 Linien, in 9 Stunden 48,2 Linien Regen fallen.
Da es unaufhrlich fort regnet (der Regen ist fein, aber sehr dicht), so
knnen, glaube ich, in diesen Wldern jhrlich nicht wohl unter 90 bis 100
Zoll Wasser fallen. So auerordentlich viel die auch scheinen mag, so
wird diese Schtzung doch durch die sorgfltigen Beobachtungen des
Ingenieurobristen COSTANZO in Neuspanien besttigt. In Vera-Cruz fielen
allein in den Monaten Juli, August und September 35 Zoll 2 Linien, im
ganzen Jahr 62 Zoll 2 Linien Regenwasser; aber zwischen dem Klima der
drren, kahlen mexicanischen Ksten und dem Klima in den Wldern ist ein
groer Unterschied. Auf jenen Ksten fllt in den Monaten December und
Januar kein Tropfen Regen und im Februar, April und Mai meist nur
2--2,3 Zoll; in San Carlos dagegen ist es neun, zehn Monate hinter
einander, als ob die Luft sich in Wasser auflste. In diesem nassen
Himmelsstriche wrde ohne die Verdunstung und den Abzug der Wasser der
Boden im Verlauf eines Jahres mit einer 8 Fu hohen Wasserschicht bedeckt.
Diese Aequatorialregen, welche die majesttischen Strme Amerikas speisen,
sind von elektrischen Entladungen begleitet, und whrend man am Ende
desselben Continents, auf der Westkste von Grnland,(71) in fnf und
sechs Jahren nicht Einmal donnern hrt, toben in der Nhe des Aequators
die Gewitter fast Tag fr Tag. Die Gleichzeitigkeit der elektrischen
Entladungen und der Regengsse untersttzt brigens keineswegs die alte
Hypothese, nach der sich in der Luft durch Verbindung von Sauerstoff und
Wasserstoff Wasser bildet. Man hat bis zu 3600 Toisen Hhe vergeblich
Wasserstoff gesucht. Die Menge des in der gesttigten Luft enthaltenen
Wassers nimmt von 20 bis 25 Grad weit rascher zu als von 10 bis 15 Grad.
Unter der heien Zone bildet sich daher, wenn sich die Luft um einen
einzigen Grad abkhlt, weit mehr sichtbarer Wasserdunst als in der
gemigten. Eine durch die Strmungen fortwhrend erneuerte Luft kann
somit alles Wasser liefern, das bei den Aequatorialregen fllt und dem
Physiker so erstaunlich gro dnkt.

Das Wasser des Rio Negro ist (bei reflektirtem Licht) dunkler von Farbe
als das des Atabapo und des Tuamini. Ja die Masse weien Wassers, die der
Cassiquiare hereinbringt, ndert unterhalb der Schanze San Carlos so wenig
an der Farbe, da es mir auffiel. Der Verfasser der _Chorographie moderne
du Brsil_ sagt ganz richtig, der Flu habe berall, wo er nicht tief sey,
eine Bernsteinfarbe, wo das Wasser aber sehr tief sey, erscheine es
schwarzbraun, wie Kaffeesatz. Auch bedeutet *Curana*, wie die Eingeborenen
den untern Guainia nennen, schwarzes Wasser. Die Vereinigung des Guainia
oder Rio Negro mit dem Amazonenstrom gilt in der Statthalterschaft
Gran-Para fr ein so wichtiges Moment, da der Rio das Amazonas westlich
vom Rio Negro seinen Namen ablegt und fortan Rio dos Solimes heit
(eigentlich Sorimes, mit Anspielung auf das Gift der Nation der
Sorimans). Westlich von Ucayale nimmt der Amazonenstrom den Namen Rio
Maranhao oder Maraon an. Die Ufer des obern Guainia sind im Ganzen
ungleich weniger von Wasservgeln bevlkert als die des Cassiquiare, Meta
und Arauca, wo die Ornithologen die reichste Ausbeute fr die europischen
Sammlungen finden. Da diese Thiere so selten sind, rhrt ohne Zweifel
daher, da der Strom keine Untiefen und keine offenen Gestade hat, so wie
von der Beschaffenheit des schwarzen Wassers, in dem (gerade wegen seiner
Reinheit) Wasserinsekten und Fische weniger Nahrung finden. Trotz dem
nhren sich die Indianer in diesem Landstrich zweimal im Jahr von
Zugvgeln, die auf ihrer langen Wanderung am Ufer des Rio Negro ausruhen.
Wenn der Orinoco zu steigen anfngt, also nach der Frhlings-Tag- und
Nachtgleiche, ziehen die Enten (_Patos careteros_) in ungeheuern Schwrmen
vom 8. bis 3. Grad nrdlicher zum 1. bis 4. Grad sdlicher Breite gegen
Sd-Sd-Ost. Diese Thiere verlassen um diese Zeit das Thal des Orinoco,
ohne Zweifel weil sie, wenn das Wasser steigt und die Gestade berfluthet,
keine Fische, Wasserinsekten und Wrmer mehr fangen knnen. Man erlegt sie
zu Tausenden, wenn sie ber den Rio Negro ziehen. Auf der Wanderung zum
Aequator sind sie sehr fett und wohlschmeckend, aber im September, wenn
der Orinoco fllt und in sein Bett zurcktritt, ziehen die Enten, ob sie
nun der Ruf der erfahrensten Zugvgel dazu antreibt, oder jenes innere
Gefhl, das man Instinkt nennt, weil es nicht zu erklren ist, vom
Amazonenstrom und Rio Branco wieder nach Norden. Sie sind zu mager, als
da die Indianer am Rio Negro lstern darnach wren, und sie entgehen
ihren Nachstellungen um so eher, da eine Reiherart (Gavanes) mit ihnen
wandert, die ein vortreffliches Nahrungsmittel abgibt. So essen denn die
Eingeborenen im Mrz Enten, im September Reiher. Sie konnten uns nicht
sagen, was aus den *Gavanes* wird, wenn der Orinoco ausgetreten ist, und
warum sie die Patos careteros auf ihrer Wanderung vom Orinoco an den Rio
Branco nicht begleiten. Dieses regelmige Ziehen der Vgel aus einem
Striche der Tropen in den andern, in einer Zone, die das ganze Jahr ber
dieselbe Temperatur hat, sind eine ziemlich auffallende Erscheinung. So
kommen auch jedes Jahr, wenn in Terra Firma die groen Flsse austreten,
viele Schwrme von Wasservgeln vom Orinoco und seinen Nebenflssen an die
Sdksten der Antillen. Man mu annehmen, da unter den Tropen der Wechsel
von Trockenheit und Nsse auf die Sitten der Thiere denselben Einflu hat,
wie in unserem Himmelsstrich bedeutende Temperaturwechsel. Die Sonnenwrme
und die Insektenjagd locken in den nrdlichen Lndern der Vereinigten
Staaten und in Canada die Colibris bis zur Breite von Paris und Berlin
herauf; gleicherweise zieht der leichtere Fischfang die Schwimmvgel und
die Stelzenlufer von Nord nach Sd, vom Orinoco zum Amazonenstrom. Nichts
ist wunderbarer, und in geographischer Beziehung noch so dunkel als die
Wanderungen der Vgel nach ihrer Richtung, ihrer Ausdehnung und ihrem
Endziel.

Sobald wir aus dem Pimichin in den Rio Negro gelangt und durch den kleinen
Katarakt am Zusammenflu gegangen waren, lag auf eine Viertelmeile die
Mission Maroa vor uns. Dieses Dorf mit 150 Indianern sieht so sauber und
wohlhabend aus, da es angenehm auffllt. Wir kauften daselbst schne
lebende Exemplare einiger Tucanarten (_Piapoco_), muthiger Vgel, bei
denen sich die Intelligenz wie bei unsern zahmen Raben entwickelt.
Oberhalb Maroa kamen wir zuerst rechts am Einflu des Aquio, dann an dem
des Tomo vorbei; an letzterem Flusse wohnen die Cheruvichahenas-Indianer,
von denen ich in San Francisko Solano ein paar Familien gesehen habe.
Derselbe ist ferner dadurch interessant, da er den heimlichen Verkehr mit
den portugiesischen Besitzungen vermitteln hilft. Der Tomo kommt auf
seinem Lauf dem Rio Guaicia (Xie) sehr nahe, und auf diesem Wege gelangen
zuweilen flchtige Indianer vom untern Rio Negro in die Mission Tomo. Wir
betraten die Mission nicht, Pater Zea erzhlte uns aber lchelnd, die
Indianer in Tomo und in Maroa seyen einmal in vollem Aufruhr gewesen, weil
man sie zwingen wollte, den vielberufenen Teufelstanz zu tanzen. Der
Missionr hatte den Einfall gehabt, die Ceremonien, womit die *Piaches*,
die Priester, Aerzte und Zauberer zugleich sind, den bsen Geist
*Jolokiamo* beschwren, in burleskem Styl darstellen zu lassen. Er hielt
den Teufelstanz fr ein treffliches Mittel, seinen Neubekehrten
darzuthun, da Jolokiamo keine Gewalt mehr ber sie habe. Einige junge
Indianer lieen sich durch die Versprechungen des Missionrs bewegen, die
Teufel vorzustellen, und sie hatten sich bereits mit schwarzen und gelben
Federn geputzt und die Jaguarfelle mit lang nachschleppenden Schwnzen
umgenommen. Die Soldaten, die in den Missionen liegen, um die Ermahnungen
der Ordensleute eindringlicher zu machen, stellte man um den Platz vor der
Kirche auf und fhrte die Indianer zur Festlichkeit herbei, die aber
hinsichtlich der Folgen des Tanzes und der Ohnmacht des bsen Geistes
nicht so ganz beruhigt waren. Die Partei der Alten und Furchtsamen gewann
die Oberhand; eine aberglubische Angst kam ber sie, alle wollten _al
monte_ laufen, und der Missionr legte seinen Plan, den Teufel der
Eingeborenen lcherlich zu machen, zurck. Was fr wunderliche Einflle
doch einem migen Mnche kommen, der sein Leben in den Wldern zubringt,
fern von Allem, was ihn an menschliche Cultur mahnen knnte! Da man in
Tomo den geheimnivollen Teufelstanz mit aller Gewalt ffentlich wollte
auffhren lassen, ist um so auffallender, da in allen von Missionren
geschriebenen Bchern davon die Rede ist, wie sie sich bemht, das; keine
Tnze aufgefhrt werden, keine Todtentnze, keine Tnze der heiligen
Trompete, auch nicht der alte Schlangentanz, der _'Queti'_, bei dem
vorgestellt wird, wie diese listigen Thiere aus dem Wald kommen und mit
den Menschen trinken, um sie zu hintergehen und ihnen die Weiber zu
entfhren.

Nach zweistndiger Fahrt kamen wir von der Mndung des Tomo zu der kleinen
Mission San Miguel de Davipe, die im Jahr 1775 nicht von Mnchen, sondern
von einem Milizlieutenant, Don Francisco Bobadilla, gegrndet worden. Der
Missionr Pater Morillo, bei dem wir ein paar Stunden verweilten, nahm uns
sehr gastfreundlich auf und setzte uns sogar Maderawein vor. Als
Tafelluxus wre uns Weizenbrod lieber gewesen. Auf die Lnge fllt es
einem weit schwerer, das Brod zu entbehren, als geistige Getrnke. Durch
die Portugiesen am Amazonenstrom kommt hie und da etwas Maderawein an den
Rio Negro, und da *Madera* auf Spanisch *Holz* bedeutet, so hatten schon
arme, in der Geographie nicht sehr bewanderte Missionre Bedenken, ob sie
mit Maderawein das Meopfer verrichten drften; sie hielten denselben fr
ein irgend einem Baume abgezapftes gegohrenes Getrnk, wie Palmwein, und
forderten den Gardian der Missionen auf, sich darber auszusprechen, ob
der _vino de Madera_ Wein aus Trauben _de uvas_) sey oder aber der Saft
eines Baumes (_vino de algun palo_). Schon zu Anfang der Eroberung war die
Frage aufgeworfen worden, ob es den Priestern gestattet sey, mit einem
gegohrenen, dem Traubenwein hnlichen Saft das Meopfer zu verrichten. Wie
vorauszusehen, wurde die Frage verneint.

Wir kauften in Davipe einigen Mundvorrath, namentlich Hhner und ein
Schwein. Dieser Einkauf war unsern Indianern sehr wichtig, da sie schon
lange kein Fleisch mehr gegessen hatten. Sie drngten zum Aufbruch, damit
wir zeitig auf die Insel Dapa kmen, wo das Schwein geschlachtet und in
der Nacht gebraten werden sollte. Kaum hatten wir Zeit, im Kloster
(_convento_) groe Haufen *Maniharz* zu betrachten, sowie Seilwerk aus der
Chiquichiqui-Palme, das in Europa besser bekannt zu seyn verdiente.
Dasselbe ist ausnehmend leicht, schwimmt auf dem Wasser und ist auf der
Flufahrt dauerhafter als Tauwerk aus Hanf. Zur See mu man es, wenn es
halten soll, fter anfeuchten und es nicht oft der tropischen Sonne
aussetzen. DON ANTONIO SANTOS, der im Lande wegen seiner Reise zur
Auffindung des Parimesees viel genannt wird, lehrte die Indianer am
spanischen Rio Negro die Blattstiele des Chiquichiqui bentzen, einer
Palme mit gefiederten Blttern, von der wir weder Blthen noch Frchte zu
Gesicht bekommen haben. Dieser Officier ist der einzige weie Mensch, der,
um von Angostura nach Gran-Para zu kommen, von den Quellen des Rio Carony
zu denen des Rio Branco den Landweg gemacht hat. Er hatte sich in den
portugiesischen Colonien mit der Fabrikation der Chiquichiqui-Taue bekannt
gemacht und fhrte, als er vom Amazonenstrom zurckkam, den Gewerbszweig
in den Missionen in Guyana ein. Es wre zu wnschen, da am Rio Negro und
Cassiquiare groe Seilbahnen angelegt werden knnten, um diese Taue in den
europischen Handel zu bringen. Etwas Weniges wird bereits von Angostura
auf die Antillen ausgefhrt. Sie kosten dort 50 bis 60 Procent weniger als
Hanftaue.(72) Da man nur junge Palmen bentzt, mten sie angepflanzt und
cultivirt werden.

Etwas oberhalb der Mission Davipe nimmt der Rio Negro einen Arm des
Cassiquiare auf, der in der Geschichte der Fluverzweigungen eine
merkwrdige Erscheinung ist. Dieser Arm geht nrdlich von Vasiva unter dem
Namen Itinivini vom Cassiquiare ab, luft 25 Meilen lang durch ein ebenes,
fast ganz unbewohntes Land und fllt unter dem Namen Conorichite in den
Rio Negro. Er schien mir an der Mndung ber 120 Toisen breit und bringt
eine bedeutende Masse weien Wassers in das schwarze Gewsser. Obgleich
die Strmung im Conorichite sehr stark ist, krzt dieser natrliche Kanal
dennoch die Fahrt von Davipe nach Esmeralda um drei Tage ab. Eine doppelte
Verbindung zwischen Cassiquiare und Rio Negro kann nicht auffallen, wenn
man wei, wie viele Flsse in Amerika beim Zusammenflu mit andern Delta's
bilden. So ergieen sich der Rio Branco und der Jupura mit zahlreichen
Armen in den Rio Negro und in den Amazonenstrom. Beim Einflu des Jupura
kommt noch etwas weit Auffallenderes vor. Ehe dieser Flu sich mit dem
Amazonenstrom vereinigt, schickt dieser, der Hauptwasserbehlter, drei
Arme, genannt Uaranapu, Manhama und Avateperana, zum Jupura, also zum
Nebenflu. Der portugiesische Astronom RIBEIRO hat diesen Umstand auer
Zweifel gesetzt. Der Amazonenstrom gibt Wasser an den Jupura ab, ehe er
diesen seinen Nebenflu selbst aufnimmt.

Der Rio Conorichite oder Itinivini spielte frher im Sklavenhandel, den
die Portugiesen auf spanischem Gebiet trieben, eine bedeutende Rolle. Die
Sklavenhndler fuhren auf dem Cassiquiare und dem Cao Mee in den
Conorichite hinauf, schleppten von da ihre Piroguen ber einen Trageplatz
zu den *Rochelas* von Manuteso und kamen so in den Atabapo. Ich habe
diesen Weg auf meiner Reisekarte des Orinoco angegeben. Dieser schndliche
Handel dauerte bis um das Jahr 1756. Solanos Expedition und die Errichtung
der Missionen am Rio Negro machten demselben ein Ende. Alte Gesetze von
Carl V. und Philipp III. verboten unter Androhung der schwersten Strafen
(wie Verlust brgerlicher Aemter und 2000 Piaster Geldbue), Eingeborene
durch gewaltsame Mittel zu bekehren und Bewaffnete gegen sie zu schicken;
aber diesen weisen, menschenfreundlichen Gesetzen zum Trotz hatte der Rio
Negro noch in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, wie sich LA CONDAMINE
ausdrckt, fr die europische Politik nur in sofern Interesse, als er die
*Entradas* oder feindlichen Einflle erleichterte und dem Sklavenhandel
Vorschub that. Die Caraiben, ein kriegerisches Handelsvolk, erhielten von
den Portugiesen und den Hollndern Messer, Fischangeln, kleine Spiegel und
Glaswaaren aller Art. Dafr hetzten sie die indianischen Huptlinge gegen
einander auf, so da es zum Kriege kam; sie kauften ihnen die Gefangenen
ab und schleppten selbst mit List oder mit Gewalt Alles fort, was ihnen in
den Weg kam. Diese Streifzge der Caraiben erstreckten sich ber ein
ungeheures Gebiet. Dieselben gingen vom Essequebo und Carony aus auf dem
Rupunuri und dem Paraguamuzi einerseits gerade nach Sd dem Rio Branco zu,
andererseits nach Sdwest ber die Tragepltze zwischen dem Rio Paragua,
dem Caura und dem Ventuario. Waren sie einmal bei den zahlreichen
Vlkerschaften am obern Orinoco, so theilten sie sich in mehrere Banden
und kamen ber den Cassiquiare, Cababury, Itinivini und Atabapo an vielen
Punkten zugleich an den Guainia oder Rio Negro und trieben mit den
Portugiesen Sklavenhandel. So empfanden die unglcklichen Eingeborenen die
Nachbarschaft der Europer schwer, lange ehe sie mit diesen selbst in
Berhrung kamen. Dieselben Ursachen haben berall dieselben Folgen. Der
barbarische Handel, den die civilisirten Vlker an der afrikanischen Kste
trieben und zum Theil noch treiben, wirkt Verderben bringend bis in Lnder
zurck, wo man vom Daseyn weier Menschen gar nichts wei.

Nachdem wir von der Mndung des Conorichite und der Mission Davipe
aufgebrochen, langten wir bei Sonnenuntergang bei der Insel Dapa an, die
ungemein malerisch mitten im Strome liegt. Wir fanden daselbst zu unserer
nicht geringen Verwunderung einige angebaute Grundstcke und auf einem
kleinen Hgel eine indianische Htte. Vier Eingeborene saen um ein Feuer
von Buschwerk und aen eine Art weien, schwarz gefleckten Teigs, der
unsere Neugierde nicht wenig reizte. Es waren *Vachacos*, groe Ameisen,
deren Hintertheil einem Fettknopf gleicht. Sie waren am Feuer getrocknet
und vom Rauch geschwrzt. Wir sahen mehrere Scke voll ber dem Feuer
hngen. Die guten Leute achteten wenig auf uns, und doch lagen in der
engen Htte mehr als vierzehn Menschen ganz nackt in Hngematten ber
einander. Als aber Pater Zea erschien, wurde er mit groen
Freudenbezeugungen empfangen. Am Rio Negro stehen wegen der Grenzwache
mehr Soldaten als am Orinoco, und berall, wo Soldaten und Mnche sich die
Herrschaft ber die Indianer streitig machen, haben diese mehr Zuneigung
zu den Mnchen. Zwei junge Weiber stiegen aus den Hngematten, um uns
Casavekuchen zu bereiten. Man fragte sie durch einen Dollmetscher, ob der
Boden der Insel fruchtbar sey; sie erwiederten, der Manioc gerathe
schlecht, dagegen sey es ein *gutes Ameisenland*, man habe gut zu leben.
Diese *Vachacos* dienen den Indianern am Nio Negro wirklich zur Nahrung.
Man it die Ameisen nicht aus Leckerei, sondern weil, wie die Missionre
sagen, das *Ameisenfett* (der weie Theil des Unterleibs) sehr nahrhaft
ist. Als die Casavekuchen fertig waren, lie sich Pater Zea, bei dem das
Fieber die Elust vielmehr zu reizen als zu schwchen schien, einen
kleinen Sack voll gerucherter Vachacos geben. Er mischte die zerdrckten
Insekten mit Maniocmehl und lie nicht nach, bis wir davon kosteten. Es
schmeckte ungefhr wie ranzige Butter, mit Brodkrumen geknetet. Der Manioc
schmeckte nicht sauer, es klebte uns aber noch soviel europisches
Vorurtheil an, da wir mit dem guten Missionr, wenn er das Ding eine
vortreffliche *Ameisenpaste* nannte, nicht einverstanden seyn konnten.

Da der Regen in Strmen herabgo, muten wir in der berfllten Htte
bernachten. Die Indianer schliefen nur von acht bis zwei Uhr; die brige
Zeit schwatzten sie in ihren Hngematten, bereiteten ihr bitteres Getrnk
Cupana, schrten das Feuer und klagten ber die Klte, obgleich die
Lufttemperatur 21 Grad war. Diese Sitte, vier, fnf Stunden Vor
Sonnenaufgang wach, ja auf den Beinen zu seyn, herrscht bei den Indianern
in Guyana allgemein. Wenn man daher bei den Entradas die Eingeborenen
berraschen will, whlt man dazu die Zeit, wo sie im ersten Schlafe
liegen, von neun Uhr bis Mitternacht.

Wir verlieen die Insel Dapa lange vor der Morgendmmerung und kamen trotz
der starken Strmung und des Fleies unserer Ruderer erst nach
zwlfstndiger Fahrt bei der Schanze San Carlos del Rio Negro an. Links
lieen wir die Einmndung des Cassiquiare, rechts die kleine Insel
Cumarai. Man glaubt im Lande, die Schanze liege gerade unter dem Aequator;
aber nach meinen Beobachtungen am Felsen Culimacari liegt sie unter
1 54{~PRIME~} 11{~DOUBLE PRIME~}. Jede Nation hat die Neigung, den Flchenraum ihrer Besitzungen
auf den Karten zu vergrern und die Grenzen hinauszurcken. Da man es
versumt, die Reiseentfernungen auf Entfernungen in gerader Linie zu
reduciren, so sind immer die Grenzen am meisten verunstaltet. Die
Portugiesen setzen, vom Amazonenstrom ausgehend, San Carlos und San Jose
de Maravitanos zu weit nach Nord, wogegen die Spanier, die von der Kste
von Caracas aus rechnen, die Orte zu weit nach Sd schieben. Die gilt von
allen Karten der Colonieen. Wei man, wo sie gezeichnet worden und in
welcher Richtung man an die Grenzen gekommen, so wei man zum voraus, nach
welcher Seite hin die Irrthmer in Lnge und Breite laufen.

In San Carlos fanden wir Quartier beim Commandanten des Forts, einem
Milizlieutenant. Von einer Galerie des Hauses hatte man eine sehr hbsche
Aussicht auf drei sehr lange, dicht bewachsene Inseln. Der Strom luft
geradeaus von Nord nach Sd, als wre sein Bett von Menschenhand gegraben.
Der bestndig bedeckte Himmel gibt den Landschaften hier einen ernsten,
finstern Charakter. Wir fanden im Dorfe ein paar Juviastmme; es ist die
das majesttische Gewchs, von dem die dreieckigten Mandeln kommen, die
man in Europa Mandeln vom Amazonenstrom nennt. Wir haben dasselbe unter
dem Namen _ __Bertholletia__ excelsa_ bekannt gemacht. Die Bume werden in
acht Jahren dreiig Fu hoch.

Die bewaffnete Macht an der Grenze hier bestand aus siebzehn Mann, wovon
zehn zum Schutz der Missionre in der Nachbarschaft detachirt waren. Die
Luft ist so feucht, da nicht vier Gewehre schufertig sind. Die
Portugiesen haben fnf und zwanzig bis dreiig besser gekleidete und
bewaffnete Leute in der Schanze San Jose de Maravitanos. In der Mission
San Carlos fanden wir nur eine *Garita*, ein viereckigtes Gebude aus
ungebrannten Backsteinen, in dem sechs Feldstcke standen. Die Schanze,
oder, wie man hier gerne sagt, das *Castillo de San Felipe* liegt San
Carlos gegenber am westlichen Ufer des Rio Negro. Der Commandant trug
Bedenken, Bonpland und mich die *Fortalezza* sehen zu lassen; in unsern
Pssen stand wohl, da ich sollte Berge messen und berall im Lande, wo es
mir gefiele, trigonometrische Operationen vornehmen drfen, aber vom
Besehen fester Pltze stand nichts darin. Unser Reisebegleiter, Don
Nicolas Soto, war als spanischer Offizier glcklicher als wir. Man
erlaubte ihm, ber den Flu zu gehen, und er fand auf einer kleinen
abgeholzten Ebene die Anfnge eines Erdwerkes, das, wenn es vollendet
wre, zur Vertheidigung 500 Mann erforderte. Es ist eine Viereckigte
Verschanzung mit kaum sichtbarem Graben. Die Brustwehr ist fnf Fu hoch
und mit groen Steinen verstrkt. Dem Flusse zu liegen zwei Bastionen, in
denen man vier bis fnf Stcke aufstellen knnte. Im ganzen Werk sind
14--15 Geschtze, meist ohne Lafetten und von zwei Mann bewacht. Um die
Schanze her stehen drei oder vier indianische Htten. Die heit das Dorf
San Felipe, und damit das Ministerium in Madrid Wunder meine, wie sehr
diese christlichen Niederlassungen gedeihen, fhrt man fr das angebliche
Dorf ein eigenes Kirchenbuch. Abends nach dem Angelus wurde dem
Commandanten Rapport erstattet und sehr ernsthaft gemeldet, da es berall
um die Festung ruhig scheine; die erinnerte mich an die Schanzen an der
Kste von Guinea, von denen man in Reisebeschreibungen liest, die zum
Schutz der europischen Faktoreien dienen sollen und in denen vier bis
fnf Mann Garnison liegen. Die Soldaten in San Carlos sind nicht besser
daran als die in den afrikanischen Faktoreien, denn. berall an so
entlegenen Punkten herrschen dieselben Mibruche in der
Militrverwaltung. Nach einem Brauche, der schon sehr lange geduldet wird,
bezahlen die Commandanten die Truppen nicht in Geld, sondern liefern ihnen
zu hohen Preisen Kleidung (Ropa), Salz und Lebensmittel. In Angostura
frchtet man sich so sehr davor, in die Missionen am Carony, Caura und Rio
Negro detachirt oder vielmehr verbannt zu werden, da die Truppen sehr
schwer zu rekrutiren sind. Die Lebensmittel sind am Rio Negro sehr theuer,
weil man nur wenig Manioc und Bananen baut und der Strom (wie alle
schwarzen, klaren Gewsser) wenig Fische hat. Die beste Zufuhr kommt von
den portugiesischen Niederlassungen am Rio Negro, wo die Indianer regsamer
und wohlhabender sind. Indessen werden bei diesem Handel mit den
Portugiesen jhrlich kaum fr 3000 Piaster Waaren eingefhrt.

Die Ufer des obern Rio Negro werden mehr ertragen, wenn einmal mit
Ausrodung der Wlder die bermige Feuchtigkeit der Luft und des Bodens
abnimmt und die Insekten, welche Wurzeln und Bltter der krautartigen
Gewchse verzehren, sich vermindern. Beim gegenwrtigen Zustand des
Ackerbaus kommt der Mais fast gar nicht fort; der Tabak, der auf den
Ksten von Caracas von ausgezeichneter Gte und sehr gesucht ist, kann
eigentlich nur aus alten Bausttten, bei zerfallenen Htten, bei _'pueblo
viejo'_ gebaut werden. In Folge der nomadischen Lebensweise der
Eingeborenen fehlt es nun nicht an solchen Bausttten, wo der Boden
umgebrochen worden und der Luft ausgesetzt gewesen, ohne da etwas darauf
wuchs. Der Tabak, der in frisch ausgerodeten Wldern gepflanzt wird, ist
wssrigt und ohne Arom. Bei den Drfern Maroa, Davipe und Tomo ist der
Indigo verwildert. Unter einer andern Verwaltung, als wir sie im Lande
getroffen, wird der Rio Negro eines Tags Indigo, Kaffee, Cacao, Mais und
Reis im Ueberflu erzeugen.

Da man von der Mndung des Rio Negro nach Gran-Para in 20--25 Tagen fhrt,
so htten wir den Amazonenstrom hinab bis zur Kste von Brasilien nicht
viel mehr Zeit gebraucht, als um ber den Cassiquiare und den Orinoco an
die Nordkste von Caracas zurckzukehren. Wir hrten in San Carlos, der
politischen Verhltnisse wegen sey im Augenblick aus den spanischen
Besitzungen schwer in die portugiesischen zu kommen; aber erst nach
unserer Rckkehr nach Europa sahen wir in vollem Umfang, welcher Gefahr
wir uns ausgesetzt htten, wenn wir bis Barcellos hinabgegangen wren. Man
hatte in Brasilien, vielleicht aus den Zeitungen, deren wohlwollender,
unberlegter Eifer schon manchem Reisenden Unheil gebracht hat, erfahren,
ich werde in die Missionen am Rio Negro kommen und den natrlichen Canal
untersuchen, der zwei groe Stromsysteme verbindet. In diesen den Wldern
hatte man Instrumente nie anders als in den Hnden der Grenzcommission
gesehen, und die Unterbeamten der portugiesischen Regierung hatten bis
dahin so wenig als der gute Missionr, von dem in einem frheren Capitel
die Rede war, einen Begriff davon, wie ein vernnftiger Mensch eine lange
beschwerliche Reise unternehmen kann, um Land zu vermessen, das nicht
sein gehrt. Es war der Befehl ergangen, sich meiner Person und meiner
Instrumente zu versichern, ganz besonders aber der Verzeichnisse
astronomischer tz Beobachtungen, welche die Sicherheit der Staaten so
schwer gefhrden knnten. Man htte uns auf dem Amazonenflu nach
Gran-Para gefhrt und uns von dort nach Lissabon geschickt. Diese
Absichten, die, wren sie in Erfllung gegangen, eine aus fnf Jahre
berechnete Reise stark gefhrdet htten, erwhne ich hier nur, um zu
zeigen, wie in den Colonialregierungen meist ein ganz anderer Geist
herrscht als an der Spitze der Verwaltung im Mutterland. Sobald das
Ministerium in Lissabon vom Diensteifer seiner Untergebenen Kunde erhielt,
erlie es den Befehl, mich in meinen Arbeiten nicht zu stren, im
Gegentheil sollte man mir hilfreich an die Hand gehen, wenn ich durch
einen Theil der portugiesischen Besitzungen kme. Von diesem aufgeklrten
Ministerium selbst wurde mir kundgethan, welch freundliche Rcksicht man
mir zugedacht, um die ich mich in so groer Entfernung nicht hatte
bewerben knnen. Unter den Portugiesen, die wir in San Carlos trafen,
befanden sich mehrere Officiere, welche die Reise von Barcellos nach
Gran-Para gemacht hatten. Ich stelle hier Alles zusammen, was ich ber den
Lauf des Rio Negro in Erfahrung bringen konnte. Selten kommt man aus dem
Amazonenstrom ber den Einflu des Cababuri herauf, der wegen der
Sarsaparill-Ernte weitberufen ist, und so ist Alles, was in neuerer Zeit
ber die Geographie dieser Lnder verffentlicht worden, selbst was von
Rio Janeiro ausgeht, in hohem Grade verworren.

Weiter den Rio Negro hinab lt man rechts den Cao Maliapo, links die
Caos Dariba und Guy. Fnf Meilen weiter, also etwa unter 1 38{~PRIME~}
nrdlicher Breite, liegt die Insel San Josef, die provisorisch (denn in
diesem endlosen Grenzproce ist Alles provisorisch) als sdlicher Endpunkt
der spanischen Besitzungen gilt. Etwas unterhalb dieser Insel, an einem
Ort, wo es viele verwilderte Orangebume gibt, zeigt man einen kleinen,
200 Fu hohen Felsen mit einer Hhle, welche bei den Missionren Cocuys
*Glorieta* heit. Dieser *Lustort*, denn solches bedeutet das Wort
Glorieta im Spanischen, weckt nicht die angenehmsten Erinnerungen. Hier
hatte Cocuy, der Huptling der Manitivitanos, von dem oben die Rede war
[S. Bd. III. Seite 277.], sein *Harem*, und hier verspeiste er -- um Alles
zu sagen -- aus besonderer Vorliebe die schnsten und fettesten seiner
Weiber. Ich zweifle nicht, da Cocuy allerdings ein wenig ein
Menschenfresser war; es ist die, sagt Pater Gili mit der Naivitt eines
amerikanischen Missionrs, eine ble Gewohnheit dieser Vlker in Guyana,
die sonst so sanft und gutmthig sind; aber zur Steuer der Wahrheit mu
ich hinzufgen, da die Sage vom Harem und den abscheulichen
Ausschweifungen Cocuys am untern Orinoco weit verbreiteter ist als am Rio
Negro. Ja in San Carlos lt man nicht einmal den Verdacht gelten, als
htte er eine die Menschheit entehrende Handlung begangen; geschieht
solches vielleicht, weil Cocuys Sohn, der Christ geworden und der mir ein
verstndiger, civilisirter Mensch schien, gegenwrtig Hauptmann der
Indianer in San Carlos ist?

Unterhalb der Glorieta kommen auf portugiesischem Gebiet das Fort San
Josef de Maravitanos, die Drfer Joam Baptista de Mabbe, San Marcellino
(beim Einflu des Guaisia oder Uexie, von dem oben die Rede war), Nossa
Senhora da Guya, Boavista am Rio Ianna, San Felipe, San Joaquin de Coanne
beim Einflu des vielberufenen Rio Guape [S. Bd. III. Seite 348--367],
Calderon, San Miguel de Iparanna mit einer Schanze, San Francisco de las
Caculbaes, und endlich die Festung San Gabriel de Cachoeiras. Ich zhle
diese Ortsnamen absichtlich auf, um zu zeigen, wie viele Niederlassungen
die portugiesische Regierung sogar in diesem abgelegenen Winkel von
Brasilien gegrndet hat. Auf einer Strecke von 25 Meilen liegen eilf
Drfer, und bis zum Ausflu des Rio Negro kenne ich noch neunzehn weitere,
auer den sechs Drfern Thomare, Moreira (am Rio Demenene oder Uaraca, wo
ehmals die Guayannas-Indianer wohnten), Barcellos, San Miguel del Rio
Branco, am Flusse desselben Namens, der in den Fabeln vom Dorado eine so
groe Rolle spielt, Moura und Villa de Rio Negro. Die Ufer dieses
Nebenflusses des Amazonenstroms allein sind daher zehnmal bevlkerter als
die Ufer des obern und des untern Orinoco, des Cassiquiare, des Atabapo
und des spanischen Rio Negro zusammen. Dieser Gegensatz beruht keineswegs
blo auf dem Unterschied in der Fruchtbarkeit des Bodens, noch darauf, da
der Rio Negro, weil er fortwhrend von Nordwest nach Sdost luft,
leichter zu befahren ist; er ist vielmehr Folge der politischen
Einrichtungen. Nach der Colonialverfassung der Portugiesen stehen die
Indianer unter Civil- und Militrbehrden und unter den Mnchen vom Berge
Carmel zumal. Es ist eine gemischte Regierung, wobei die weltliche Gewalt
sich unabhngig erhlt. Die Observanten dagegen, unter denen die Missionen
am Orinoco stehen, vereinigen alle Gewalten in Einer Hand. Die eine wie
die andere dieser Regierungsweisen ist drckend in mehr als Einer
Beziehung; aber in den portugiesischen Colonien wird fr den Verlust der
Freiheit wenigstens durch etwas mehr Wohlstand und Cultur Ersatz
geleistet.

Unter den Zuflssen, die der Rio Negro von Norden her erhlt, nehmen drei
besonders unsere Aufmerksamkeit in Anspruch, weil sie wegen ihrer
Verzweigungen, ihrer Tragepltze und der Lage ihrer Quellen bei der so oft
verhandelten Frage nach dem Ursprung des Orinoco stark in Betracht kommen.
Die am weitesten sdwrts gelegenen dieser Nebenflsse sind der Rio
Branco, von dem man lange glaubte, er entspringe mit dem Orinoco aus dem
Parimesee, und der Rio Padaviri, der mittelst eines Trageplatzes mit dem
Mavaca und somit mit dem obern Orinoco ostwrts von der Mission Esmeralda
in Verbindung steht. Wir werden Gelegenheit haben, vom Rio Branco und dem
Padaviri zu sprechen, wenn wir in der letztgenannten Mission angelangt
sind; hier brauchen wir nur beim dritten Nebenflu des Rio Negro, dem
Cababuri, zu verweilen, dessen Verzweigungen mit dem Cassiquiare in
hydrographischer Beziehung und fr den Sarsaparillehandel gleich wichtig
sind. Von den hohen Gebirgen der Parime, die am Nordufer des Orinoco in
seinem obern Lauf oberhalb Esmeralda hinstreichen, geht ein Zug nach Sden
ab, in dem der Cerro de Unturan einer der Hauptgipfel ist. Dieser
gebirgigte Landstrich ist nicht sehr gro, aber reich an vegetabilischen
Produkten, besonders an *Mavacure*-Lianen, die zur Bereitung des
Curaregiftes dienen, an Mandelbumen (Juvia oder _Bertholletia excelsa_),
aromatischem *Puchery* und wildem Cacao, und bildet eine Wasserscheide
zwischen den Gewssern, die in den Orinoco, in den Cassiquiare und in den
Rio Negro gehen. Gegen Norden oder dem Orinoco zu flieen der Mavaca und
der Daracapo, nach Westen oder zum Cassiquiare der Idapa und der Pacimoni,
nach Sden oder zum Rio Negro der Padaviri und der Cababuri. Der letztere
theilt sich in der Nhe seiner Quelle in zwei Arme, von denen der
westlichste unter dem Namen Baria bekannt ist. In der Mission San
Francisco Solano gaben uns die Indianer die umstndlichsten Nachrichten
ber seinen Lauf. Er verzweigt sich, was sehr selten vorkommt, so, da zu
einem untern Zuflu das Wasser eines obern nicht herunterkommt, sondern
da im Gegentheil jener diesem einen Theil seines Wassers in einer der
Richtung des Hauptwasserbehlters entgegengesetzten Richtung zusendet. Ich
habe mehrere Beispiele dieser Verzweigungen mit Gegenstrmungen, dieses
scheinbaren Wasserlaufs bergan, dieser Flugabelungen, deren Kenntni fr
die Hydrographen von Interesse ist, auf Einer Tafel meines Atlas
zusammengestellt. Dieselbe mag ihnen zeigen, da man nicht geradezu Alles
fr Fabel erklren darf, was von dem Typus abweicht, den wir uns nach
Beobachtungen gebildet, die einen zu unbedeutenden Theil der Erdoberflche
umfassen.

Der Cababuri fllt bei der Mission Nossa Senhora das Caldas in den Rio
Negro; aber die Flsse Ya und Dimity, die weiter oben hereinkommen, stehen
auch mit dem Cababuri in Verbindung, so da von der Schanze San Gabriel de
Cachoeiras an bis San Antonio de Castanheira die Indianer aus den
portugiesischen Besitzungen auf dem Baria und dem Pacimoni auf das Gebiet
der spanischen Missionen sich einschleichen knnen. Wenn ich sage Gebiet,
so brauche ich den ungewhnlichen Ausdruck der Observanten. Es ist schwer
zu sagen, aus was sich das Eigenthumsrecht in unbewohnten Lndern grndet,
deren natrliche Grenzen man nicht kennt, und die man nicht zu cultiviren
versucht hat. In den portugiesischen Missionen behaupten die Leute, ihr
Gebiet erstrecke sich berall so weit, als sie im Canoe auf einem Flu,
dessen Mndung in portugiesischem Besitz ist, gelangen knnen. Aber
Besitzergreifung ist eine Handlung, die durchaus nicht immer ein
Eigenthumsrecht begrndet, und nach den obigen Bemerkungen ber die
vielfachen Verzweigungen der Flsse drfte es fr die Hfe von Madrid und
Lissabon gleich gefhrlich seyn, diesen seltsamen Satz der
Missions-Jurisprudenz gelten zu lassen.

Der Hauptzweck bei den Einfllen auf dem Rio Cababuri ist, Sarsaparille
und die aromatischen Samen des Puchery-Lorbeers (_Laurus pichurim_) zu
sammeln. Man geht dieser kostbaren Produkte wegen bis auf zwei Tagereisen
von Esmeralda an einen See nrdlich vom Cerro Unturan hinauf, und zwar
ber die Tragepltze zwischen dem Pacimoni und Idapa, und dem Idapa und
dem Mavaca, nicht weit vom See desselben Namens. Die Sarsaparille von
diesem Landstrich steht in Gran-Para, in Angostura, Cumana, Nueva
Barcelona und andern Orten von Terra Firma unter dem Namen _'Zarza del Rio
Negro'_ in hohem Ruf. Es ist die wirksamste von allen, die man kennt; man
zieht sie der *Zarza* aus der Provinz Caracas und von den Bergen von
Merida weit vor. Sie wird sehr sorgfltig getrocknet und absichtlich dem
Rauch ausgesetzt, damit sie schwrzer wird. Diese Schlingpflanze wchst in
Menge an den feuchten Abhngen der Berge Unturan und Achivaquery. DE
CANDOLLE vermuthet mit Recht, da verschiedene Arten von Smilax unter dem
Namen Sarsaparille gesammelt werden. Wir fanden zwlf neue Arten, von
denen _Smilax syphilitica_ vom Cassiquiare und _Smilax officinalis_ vom
Magdalenenstrom wegen ihrer harntreibenden Eigenschaften die gesuchtesten
sind. Da syphilitische Uebel hier zu Lande unter Weien und Farbigen so
gemein als gutartig sind, so wird in den spanischen Colonien eine sehr
bedeutende Menge Sarsaparille als Hausmittel verbraucht. Wir ersehen aus
den Werken des CLUSIUS, da Europa in den ersten Zeiten der Eroberung
diese heilsame Arznei von der mexicanischen Kste bei Honduras und aus dem
Hafen von Guayaquil bezog. Gegenwrtig ist der Handel mit *Zarza*
lebhafter in den Hfen, die mit dem Orinoco, Rio Negro und Amazonenstrom
Verbindungen haben.

Versuche, die in mehreren botanischen Grten in Europa angestellt worden,
thun dar, da _Smilax glauca_ aus Virginien, die man fr LINN _Smilax
Sarsaparilla_ erklrt, berall im Freien gebaut werden kann, wo die
mittlere Temperatur des Winters mehr als 6 bis 7 Grad des hunderttheiligen
Thermometers betrgt;(73) aber die wirksamsten Arten gehren
ausschlielich der heien Zone an und verlangen einen weit hheren
Wrmegrad. Wenn man des CLUSIUS Werke liest, begreift man nicht, warum in
unsern Handbchern der _materia medica_ ein Gewchs der Vereinigten
Staaten fr den ltesten Typus der officinellen Smilaxarten gilt.

Wir fanden bei den Indianern am Rio Negro einige der grnen Steine, die
unter dem Namen *Amazonensteine* bekannt sind, weil die Indianer nach
einer alten Sage behaupten, sie kommen aus dem Lande der Weiber ohne
Mnner (_Cougnantainsecouima_ oder _Aikeambenano_ -- Weiber, die allein
leben). In San Carlos und den benachbarten Drfern nannte man uns die
Quellen des Orinoco stlich von Esmeralda, in den Missionen am Carony und
in Angostura die Quellen des Rio Branco als die natrlichen Lagersttten
der grnen Steine. Diese Angaben besttigen den Bericht eines alten
Soldaten von der Garnison von Cayenne, von dem LA CONDAMINE spricht, und
demzufolge diese Mineralien aus dem *Lande der Weiber* westwrts von den
Stromschnellen des Oyapoc kommen. Die Indianer im Fort Topayos am
Amazonenstrom, 5 Grad ostwrts vom Einflu des Rio Negro, besaen frher
ziemlich viele Steine der Art. Hatten sie dieselben von Norden her
bekommen, das heit aus dem Lande, das die Indianer am Rio Negro angeben,
und das sich von den Bergen von Cayenne bis an die Quellen des Essequebo,
des Carony, des Orinoco, des Parime und des Rio Trombetas erstreckt, oder
sind diese Steine aus dem Sden gekommen, ber den Rio Topayos, der von
der groen Hochebene der Campos Parecis herabkommt? Der Aberglaube legt
diesen Steinen groe Wichtigkeit bei; man trgt sie als Amulette am Hals,
denn sie schtzen nach dem Volksglauben vor Nervenleiden, Fiebern und dem
Bi giftiger Schlangen. Sie waren daher auch seit Jahrhunderten bei den
Eingeborenen nrdlich und sdlich vom Orinoco ein Handelsartikel. Durch
die Caraiben, die fr die Bokharen der neuen Welt gelten knnen, lernte
man sie an der Kste von Guyana kennen, und da dieselben Steine, gleich
dem umlaufenden Geld, in entgegengesetzten Richtungen von Nation zu Nation
gewandert sind, so kann es wohl seyn, da sie sich nicht vermehren und da
man ihre Lagersttte nicht verheimlicht, sondern gar nicht kennt. Vor
wenigen Jahren wurden mitten im hochgebildeten Europa, aus Anla eines
lebhaften Streites ber die einheimische China, allen Ernstes die grnen
Steine vom Orinoco als ein krftiges Fiebermittel in Vorschlag gebracht;
wenn man der Leichtglubigkeit der Europer soviel zutraut, kann es nicht
Wunder nehmen, wenn die spanischen Colonisten auf diese Amulette so viel
halten als die Indianer, und sie zu sehr bedeutenden Preisen verkauft
werden.(74) Gewhnlich gibt man ihnen die Form der der Lnge nach
durchbohrten und mit Inschriften und Bildwerk bedeckten persepolitanischen
Cylinder. Aber nicht die heutigen Indianer, nicht diese so tief
versunkenen Eingeborenen am Orinoco und Amazonenstrom haben so harte
Krper durchbohrt und Figuren von Thieren und Frchten daraus geschnitten.
Dergleichen Arbeiten, wie auch die durchbohrten und geschnittenen
Smaragde, die in den Cordilleren von Neu-Grenada und Quito vorkommen,
weisen auf eine frhere Cultur zurck. Die gegenwrtigen Bewohner dieser
Lnder, besonders der heien Zone, haben so wenig einen Begriff davon, wie
man harte Steine (Smaragd, Nephrit, dichten Feldspath und Bergkrystall)
schneiden kann, da sie sich vorstellen, der grne Stein komme
ursprnglich weich aus dem Boden und werde erst hart, nachdem er
bearbeitet worden.

Aus dem hier Angefhrten erhellt, da der Amazonenstein nicht im Thale des
Amazonenstromes selbst vorkommt, und da er keineswegs von diesem Flusse
den Namen hat, sondern, wie dieser selbst, von einem Volke kriegerischer
Weiber, welche Pater Acua und Oviedo in seinem Brief an den Cardinal
Bembo mit den Amazonen der alten Welt vergleichen. Was man in unsern
Sammlungen unter dem falschen Namen Amazonenstein sieht, ist weder
Nephrit noch dichter Feldspath, sondern gemeiner apfelgrner Feldspath,
der vom Ural am Onegasee in Ruland kommt und den ich im Granitgebirg von
Guyana niemals gesehen habe. Zuweilen verwechselt man auch mit dem so
seltenen und so harten Amazonenstein Werners *Beilstein*,(75) der lange
nicht so zh ist. Das Mineral, das ich aus der Hand der Indianer habe, ist
zum *Saussurit*(76) zu stellen, zum eigentlichen Nephrit, der sich
oryctognostisch dem dichten Feldspath nhert und ein Bestandtheil des
*Verde de Corsica* oder des Gabbro ist. Er nimmt eine schne Politur an
und geht vom Apfelgrnen ins Smaragdgrne ber; er ist an den Rndern
durchscheinend, ungemein zh und klingend, so da von den Eingeborenen in
alter Zeit geschliffene, sehr dnne, in, der Mitte durchbohrte Platten,
wenn man sie an einem Faden aufhngt  und mit einem andern harten
Krper(77) anschlgt, fast einen metallischen Ton geben.

Bei den Vlkern beider Welten finden wir auf der ersten Stufe der
erwachenden Cultur eine besondere Vorliebe fr gewisse Steine, nicht
allein fr solche, die dem Menschen wegen ihrer Hrte als schneidende
Werkzeuge dienen knnen, sondern auch fr Mineralien, die der Mensch wegen
ihrer Farbe oder wegen ihrer natrlichen Form mit organischen
Verrichtungen, ja mit psychischen Vorgngen verknpft glaubt. Dieser
uralte Steincultus, dieser Glaube an die heilsamen Wirkungen des Nephrits
und des Blutsteins kommen den Wilden Amerikas zu, wie den Bewohnern der
Wlder Thraciens, die wir wegen der ehrwrdigen Institutionen des Orpheus
und des Ursprungs der Mysterien nicht wohl als Wilde ansprechen knnen.
Der Mensch, so lange er seiner Wiege noch nher steht, empfindet sich als
Autochthone; er fhlt sich wie gefesselt an die Erde und die Stoffe, die
sie in ihrem Schooe birgt. Die Naturkrfte, und mehr noch die
zerstrenden als die erhaltenden, sind die frhesten Gegenstnde seiner
Verehrung. Und diese Krfte offenbaren sich nicht allein im Gewitter, im
Getse, das dem Erdbeben vorangeht, im Feuer der Vulkane; der leblose
Fels, die glnzenden, harten Steine, die gewaltigen, frei aufsteigenden
Berge wirken auf die jugendlichen Gemther mit einer Gewalt, von der wir
bei vorgeschrittener Cultur keinen Begriff mehr haben. Besteht dieser
Steincultus einmal, so erhlt er sich auch fort neben spteren
Cultusformen, und aus einem Gegenstand religiser Verehrung wird ein
Gegenstand aberglubischen Vertrauens. Aus Gttersteinen werden Amulette,
die vor allen Leiden Krpers und der Seele bewahren. Obgleich zwischen dem
Amazonenstrom und dem Orinoco und der mexicanischen Hochebene fnfhundert
Meilen liegen, obgleich die Geschichte von keinem Zusammenhang zwischen
den wilden Vlkern von Guyana und den civilisirten von Anahuac wei, fand
doch in der ersten Zeit der Eroberung der Mnch BERNHARD VON SAHAGUN in
Cholula *grne Steine*, die einst Quetzalcohuatl angehrt, und die als
Reliquien aufbewahrt wurden. Diese geheimnivolle Person ist der Buddha
der Mexicaner; er trat auf im Zeitalter der Tolteken, stiftete die ersten
religisen Vereine und fhrte eine Regierungsweise ein, die mit der in
Meroe und Japan Aehnlichkeit hat.

Die Geschichte des Nephrits oder grnen Steins in Guyana steht in inniger
Verbindung mit der Geschichte der kriegerischen Weiber, welche die
Reisenden des sechzehnten Jahrhunderts die Amazonen der neuen Welt nennen.
LA CONDAMINE bringt viele Zeugnisse zur Untersttzung dieser Sage bei.
Seit meiner Rckkehr vom Orinoco und Amazonenstrom bin ich in Paris oft
gefragt worden, ob ich die Ansicht dieses Gelehrten theile, oder ob ich
mit mehreren Zeitgenossen desselben glaube, er habe den
_'Cougnantainsecouima'_ den unabhngigen Weibern, die nur im Monat April
Mnner unter sich aufnahmen, nur dehalb das Wort geredet, um in einer
ffentlichen Sitzung der Akademie einer Versammlung, die gar nicht ungern
etwas Neues hrt, sich angenehm zu machen. Es ist hier der Ort, mich offen
ber eine Sage auszusprechen, die einen so romantischen Anstrich hat, um
so mehr, als LA CONDAMINE behauptet, die Amazonen vom Rio Cayame seyen
ber den Maragnon gegangen und haben sich am Rio Negro niedergelassen. Der
Hang zum Wunderbaren und das Verlangen, die Beschreibungen der neuen Welt
hie und da mit einem Zuge aus dem classischen Alterthum aufzuputzen, haben
ohne Zweifel dazu beigetragen, da ORELLANAs erste Berichte so wichtig
genommen wurden. Liest man die Schriften des VESPUCCI, FERDINAND COLUMBUS,
GERALDINI, OVIEDO, PETER MARTYR VON ANGHIERA, so begegnet man berall der
Neigung der Schriftsteller des sechzehnten Jahrhunderts, bei neu
entdeckten Vlkern Alles wieder zu finden, was uns die Griechen vom ersten
Zeitalter der Welt und von den Sitten der barbarischen Scythen und
Afrikaner erzhlen. An der Hand dieser Reisenden, die uns in eine andere
Halbkugel versetzen, glauben wir durch Zeiten zu wandern, die lngst dahin
sind; denn die amerikanischen Horden in ihrer primitiven Einfalt sind ja
fr Europa eine Art Alterthum, dem wir fast als Zeitgenossen gegenber
stehen. Was damals nur Stylblume und Geistesergtzlichkeit war, ist
heutzutage zum Gegenstand ernster Errterungen geworden. In einer in
Louisiana erschienenen Abhandlung wird die ganze griechische Mythologie,
die Amazonen eingeschlossen, aus den Oertlichkeiten am Nicaraguasee und
einigen andern Gegenden in Amerika entwickelt.

Wenn Oviedo in seinen Briefen an Cardinal Bembo dem Geschmack eines mit
dem Studium des Alterthums so vertrauten Mannes schmeicheln zu mssen
glaubte, so hatte der Seefahrer Sir WALTHER RALEGH einen minder poetischen
Zweck. Ihm war es darum zu thun, die Aufmerksamkeit der Knigin Elisabeth
auf das groe *Reich Guyana* zu lenken, das nach seinem Plan England
erobern sollte. Er beschrieb die Morgentoilette des *vergoldeten Knigs*
(_'el dorado'_)(78), wie ihn jeden Tag seine Kammerherren mit
wohlriechenden Oelen salben und ihm dann aus langen Blaserohren den
Goldstaub auf den Leibblasen; nichts mute aber die Einbildungskraft
Elisabeths mehr ansprechen als die kriegerische Republik der Weiber ohne
Mnner, die sich gegen die castilianischen Helden wehrten. Ich deute
hiemit die Grnde an, welche die Schriftsteller, die die amerikanischen
Amazonen vorzugsweise in Ruf gebracht, zur Uebertreibung verfhrt haben;
aber diese Grnde berechtigen uns nach meiner Ansicht nicht, eine Sage,
die bei verschiedenen, in gar keinem Verkehr mit einander stehenden
Vlkern verbreitet ist, gnzlich zu verwerfen.

Die Zeugnisse, die LA CONDAMINE gesammelt, sind sehr merkwrdig; er hat
dieselben sehr umstndlich bekannt gemacht, und mit Vergngen bemerke ich
noch, da dieser Reisende, wenn er in Frankreich und England fr einen
Mann von der unermdlichsten Neugier galt, in Quito, im Lande, das er
beschrieben, im Ruf des redlichsten, wahrheitsliebendsten Mannes steht.
Dreiig Jahre nach La Condamine hat ein portugiesischer Astronom, der den
Amazonenstrom und seine nrdlichen Nebenflsse befahren, RIBEIRO, Alles,
was der gelehrte Franzose vorgebracht, an Ort und Stelle besttigt
gefunden. Er fand bei den Indianern dieselben Sagen und sammelte sie desto
unparteiischer, da er selbst nicht an Amazonen glaubt, die eine besondere
Vlkerschaft gebildet htten. Da ich keine der Sprachen verstehe, die am
Orinoco und Rio Negro gesprochen werden, so konnte ich hinsichtlich der
Volkssagen von den *Weibern ohne Mnner* und der Herkunft der *grnen
Steine*, die damit in genauer Verbindung stehen sollen, nichts Sicheres in
Erfahrung bringen. Ich fhre aber ein neueres Zeugni an, das nicht ohne
Gewicht ist, das des Pater GILI. Dieser gebildete Missionr sagt: Ich
fragte einen Quaqua-Indianer, welche Vlker am Rio Cuchivero lebten, und
er nannte mir die Achirigotos, Pajuros und Aikeam-benanos. Da ich gut
tamanakisch verstand, war mir gleich der Sinn des letzteren Wortes klar:
es ist ein zusammengesetztes Wort und bedeutet: *Weiber, die allein
leben*. Der Indianer besttigte die auch und erzhlte, die Aikeam-benanos
seyen eine Gesellschaft von Weibern, die lange Blaserohre und anderes
Kriegsgerthe verfertigten. Sie nehmen nur einmal im Jahre Mnner vom
anwohnenden Stamme der Vokearos bei sich auf und machen ihnen zum Abschied
Blaserohre zum Geschenk. Alle mnnlichen Kinder, welche in dieser
Weiberhorde zur Welt kommen, werden ganz jung umgebracht. Diese
Geschichte erscheint wie eine Copie der Sagen, welche bei den Indianern am
Maragnon und bei den Caraiben in Umlauf sind. Der Quaqua-Indianer, von dem
Pater Gili spricht, verstand aber nicht spanisch; er hatte niemals mit
Weien verkehrt und wute sicher nicht, da es sdlich vom Orinoco einen
andern Flu gibt, der der Flu der Aikeam-benanos oder der Amazonen heit.

Was folgt aus diesem Bericht des alten Missionrs von Encaramada?
Keineswegs, da es am Cuchivero Amazonen gibt, wohl aber, da in
verschiedenen Landstrichen Amerikas Weiber, mde der Sklavendienste, zu
denen die Mnner sie verurtheilen, sich wie die flchtigen Neger in ein
*Palenque* zusammengethan; da der Trieb, sich die Unabhngigkeit zu
erhalten, sie kriegerisch gemacht; da sie von einer befreundeten Horde in
der Nhe Besuche bekamen, nur vielleicht nicht ganz so methodisch als in
der Sage. Ein solcher Weiberverein durfte nur irgendwo in Guyana einmal zu
einer gewissen Festigkeit gediehen seyn, so wurden sehr einfache Vorflle,
wie sie an verschiedenen Orten vorkommen mochten, nach Einem Muster
gemodelt und bertrieben. Die ist ja der eigentliche Charakter der Sage,
und htte der groe Sklavenaufstand, von dem oben die Rede war [S. Bd. II.
Seite 354.], nicht auf der Kste von Venezuela, sondern mitten im
Continent stattgefunden, so htte das leichtglubige Volk in jedem
*Palenque* von Marronnegern den Hof des Knigs Miguel, seinen Staatsrath
und den schwarzen Bischof von Buria gesehen. Die Caraiben in Terra Firma
standen mit denen auf den Inseln in Verkehr, und hchst wahrscheinlich
haben sich auf diesem Wege die Sagen vom Maragnon und Orinoco gegen Norden
verbreitet. Schon vor Orellanas Flufahrt glaubte Christoph Columbus auf
den Antillen Amazonen gefunden zu haben. Man erzhlte dem groen Manne,
die kleine Insel Madanino (Montserrate) sey von kriegerischen Weibern
bewohnt, die den grten Theil des Jahrs keinen Verkehr mit Mnnern
htten. Anderemale sahen die Conquistadoren einen Amazonenfreistaat, wo
sie nur Weiber vor sich hatten, die in Abwesenheit der Mnner ihre Htten
vertheidigten, oder auch -- und dieses Miverstndni ist schwerer zu
entschuldigen -- jene religisen Vereine, jene Klster mexicanischer
Jungfrauen, die zu keiner Zeit im Jahre Mnner bei sich aufnahmen, sondern
nach der strengen Regel Quetzalcohuatls lebten. Die allgemeine Stimmung
brachte es mit sich, da von den vielen Reisenden, die nach einander in
der neuen Welt Entdeckungen machten und von den Wundern derselben
berichteten, jeder auch gesehen haben wollte, was seine Vorgnger gemeldet
hatten.

Wir brachten in San Carlos del Rio Negro drei Nchte zu. Ich zhle die
Nchte, weil ich sie in der Hoffnung, den Durchgang eines Sterns durch den
Meridian beobachten zu knnen, fast ganz durchwachte. Um mir keinen
Vorwurf machen zu drfen, waren die Instrumente immer zur Beobachtung
hergerichtet; ich konnte aber nicht einmal doppelte Hhen bekommen, um
nach der Methode von Douwes die Breite zu berechnen. Welch ein Contrast
zwischen zwei Strichen derselben Zone! dort der Himmel Cumanas, ewig
heiter wie in Persien und Arabien, und hier der Himmel am Rio Negro, dick
umzogen wie auf den Farerinseln, ohne Sonne, Mond und Sterne! Ich verlie
die Schanze San Carlos mit desto grerem Verdru, da ich keine Aussicht
hatte, in der Nhe des Orts eine gute Breitenbeobachtung machen zu knnen.
Die Inclination der Magnetnadel fand ich in San Carlos gleich 20 60; 216
Schwingungen in zehn Zeitminuten gaben das Maa der magnetischen Kraft. Da
die magnetischen Parallelen gegen West aufwrts gehen und ich auf dem
Rcken der Cordilleren zwischen Santa Fe de Bogota und Popayan dieselben
Inclinationswinkel beobachtet habe wie am obern Orinoco und am Rio Negro,
so sind diese Beobachtungen fr die Theorie der *Linien von gleicher **
Intensitt* oder *isodynamischen Linien* von groer Bedeutung geworden.
Die Zahl der Schwingungen ist in Javita und Quito dieselbe, und doch ist
die magnetische Inclination am ersteren Ort 26 40, am zweiten 14 85.
Nimmt man die Kraft unter dem magnetischen Aequator (in Peru) gleich eins
an, so ergibt sich fr Cumana 1,1779, fr Carichana 1,1575, fr Javita
1,0675, fr San Carlos 1,0480. In diesem Verhltni nimmt die Kraft von
Nord nach Sd auf 8 Breitengraden zwischen dem 66 1/2 und 69sten Grad
westlicher Lnge von Paris ab. Ich gebe absichtlich die
Meridian-Unterschiede an; denn ein Mathematiker, der auf dem Gebiete des
Erdmagnetismus groe Erfahrung besitzt, HANSTEEN, hat meine
*isodynamischen Beobachtungen* einer neuen Prfung unterworfen und
gefunden, da die Intensitt der Kraft auf demselben magnetischen Parallel
nach sehr constanten Gesetzen wechselt, und da die scheinbaren Anomalien
der Erscheinung grtentheils verschwinden, wenn man diese Gesetze kennt.
Im Allgemeinen steht fest, was fr mich aus der ganzen Reihe meiner
Beobachtungen hervorgeht, da die Intensitt der Kraft vom magnetischen
Aequator gegen den Pol zunimmt; aber diese Zunahme scheint unter
verschiedenen Meridianen mit ungleicher Geschwindigkeit zu erfolgen. Wenn
zwei Orte dieselbe Inclination haben, so ist die Intensitt westwrts vom
Meridian, der mitten durch Sdamerika luft, am strksten, und sie nimmt
unter demselben Parallel ostwrts, Europa zu ab. In der sdlichen
Halbkugel scheint sie ihr Minimum an der Ostkste von Afrika zu erreichen;
sie nimmt dann unter demselben magnetischen Parallel gegen Neuholland hin
wieder zu. Ich fand die Intensitt der Kraft in Mexico beinahe so gro wie
in Paris, aber der Unterschied in der Inclination betrgt mehr als 31
Grad. Meine Nadel, die unter dem magnetischen Aequator (in Peru) 211 mal
schwang, htte unter demselben Aequator auf dem Meridian der Philippinen
nur 202 oder 203 mal geschwungen. Dieser auffallende Unterschied ergibt
sich aus der Zusammenstellung meiner Beobachtungen der Intensitt in Santa
Cruz auf Teneriffa mit denen, die ROSSEL daselbst sieben Jahre frher
gemacht.

Die magnetischen Beobachtungen am Rio Negro sind unter allen, die auf
einem groen Festland bekannt geworden, die nchsten am magnetischen
Aequator. Sie dienten somit dazu, die Lage dieses Aequators zu bestimmen,
ber den ich weiter westwrts auf dem Kamm der Anden zwischen Micuipampa
und Caxamarca unter dem 7. Grad sdlicher Breite gegangen bin. Der
magnetische Parallel von San Carlos (der von 22 60) luft durch Popayan
und in die Sdsee an einem Punkt (unter 3 12{~PRIME~} nrdlicher Breite und
89 36{~PRIME~} westlicher Lnge), wo ich so glcklich war, bei ganz stiller Luft
beobachten zu knnen.

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   64 Diese Jger gehren zu Militrposten und hngen von der russischen
      Gesellschaft ab, deren Hauptactionre in Irkutsk sind. Im Jahr 1804
      war die kleine Festung (Crepoft) in der Bucht von Jakutal noch 600
      Meilen von den nrdlichslen mexicanischen Besitzungen entfernt.

   65 Die geologische Bodenbeschaffenheit scheint, trotz der gegenwrtigen
      Verschiedenheit in der Hhe des Wasserspiegels, darauf hinzudeuten,
      da in vorgeschichtlicher Zeit das schwarze Meer, das caspische Meer
      und der Aralsee mit einander in Verbindung gestanden haben. Der
      Ausflu des Arals in das caspische Meer scheint zum Theil sogar
      jnger und unabhngig von der Gabeltheilung des Gihon (Oxus), ber
      die einer der gelehrtesten Geographen unserer Zeit, RITTER, neues
      Licht verbreitet hat.

   66 Die ist der Rio Parime, Rio Blanco, Rio de Aguas Blancas unserer
      Karten, der unterhalb Barcellos in den Rio Negro fllt.

   67 Den berhmten Namen Hutten erkennt man in den spanischen
      Geschichtschreibern kaum wieder. Sie nennen Philipp von Hutten, mit
      Wegwerfung des aspirirten H, Felipe de Uten, de Urre, oder de Utre.

   68 Die ist dreimal die Breite der Seine beim _Jardin des plantes_

   69 Bei Seine und Marne z. B. sind es von Paris bis zu den Quellen in
      gerader Richtung mehr als zwei Grade.

   70 Geminus, Isagoge in Aratum cap. 13. STRABO, _lib. II_

   71 Der Ritter Giseke, der sieben Jahre unter dem 70sten Breitegrad
      gelebt hat, sah in der langen Verbannung, der er sich aus Liebe zur
      Wissenschaft unterzogen, nur ein einzigesmal blitzen. Auf der Kste
      von Grnland verwechselt man hufig das Getse der Lawinen oder
      strzender Eismassen mit dem Donner.

   72 Ein Chiquichiqui-Tau, 66 Varas (171 Fu) lang und 5 Zoll 4 Linien im
      Durchmesser, kostet den Missionr 12 harte Piaster und es wird in
      Angostura fr 25 Piaster verkauft. Ein Stck von einem Zoll
      Durchmesser, 70 Varas (182 Fu) lang, wird in den Missionen fr
      3 Piaster, an der Kste fr 5 verkauft.

   73 Wintertemperatur in London und Paris 4,2 und 3,7, in Montpellier
      7,7, in Rom 7,7, in dem Theile von Mexico und Terra Firma, wo wir
      die wirksamsten Sarsaparille-Arten (diejenigen, welche aus den
      spanischen und portugiesischen Colonien in den Handel kommen) haben
      wachsen sehen, 20--26.

   74 Ein zwei Zoll langer Cylinder kostet 12--15 Piaster.

   75 Punamuftein, _Jade axinien_. Die Steinxte, die man in Amerika,
      z. B. in Mexico findet, sind kein Beilstein, sondern dichter
      Feldspath.

_   76 Jade de Saussure_ nach BRONGNIARTs System, _Jade tenace_ und
      _Feldspath compacte tenace_ nach HAILY, einige Varietten des
      Varioliths nach WERNER.

   77 Brongniart, dem ich nach meiner Rckkehr nach Europa solche Platten
      zeigte, verglich diese Nephrite aus der Parime ganz richtig mit den
      klingenden Steinen, welche die Chinesen zu ihren musikalischen
      Instrumenten, den sogenannten King, verwenden.

*   78 Dorado* ist nicht der Name eines Landes; es bedeutet nur den
      *Vergoldeten*, _'el rey dorado'_






LISTE EXPLIZIT GENANNTER WERKE


Die folgenden Werke werden von Humboldt im Text in Kurzform genannt.

ACUA, CHRISTOBAL DE Christian Edschlager Fernandez, Juan Patricio _
Nachricht von dem grossen Strom Derer Amazonen in der neuen Welt. Darinnen
enthalten seynd alle eintzele Begebenheiten der Reise, welche P.
Christophorus de Acunna, aus der Gesellschaft Jesu im Jahr 1639. auf
Befehl Philippi des vierdten Knigs in Spanien verrichtet. Gezogen aus der
Spanischen Schrifft P. de Acunna selbst, und mit andern Nachrichten zu
besserer Erluterung vermehret._ _Erbauliche und angenehme Geschichten
derer Chiqvitos, und anderer von denen Patribus der Gesellschafft Jesu in
Paraquaria neubekehrten Vlcker, samt einem ausfhrlichen Bericht von dem
Amazonen-Strom/ wie auch einigen Nachrichten von der Landschaft Guiana, in
der neuen Welt. Alles aus dem Spanisch- und Franzsischen in das Teutsche
bersetzet/ von einem aus erwehnter Gesellschaft_ Wien Paul Straub 1729
551-772
ACUA, CHRISTOBAL DE _ Nvevo Descvbrimento del Gran Rio de las Amazonas.
Por el Padre Chrstoval de Acua, Religioso de la Compaia de Iesus, y
Calificador de la Suprema General Inquisicion, al qval fue, y se hizo por
Orden de su Magestad, el ao de 1639. Por la Provincia de Qvito en los
Reynos del Per al Excelentissimo Seor Conde Duque de Oliuares (Escudo de
la Compaa de Jess, llevado por dos angelitos)._ Madrid Imprenta del
Reyno 1641
CAULIN, ANTONIO _Historia Coro-Graphica Natural y Evangelica de la Nueva
Andalucia, Provincias de Cuman, Guayana y Vertientes del Rio Orinoco,
Dedicada al Rei N.S. D. Carlos III Por el M. R. P. fr. Antonio Caulin, dos
vezes Prov.l  de los Observantes de Granada. Dada  luz de orden y a
Expensas de S. M. ao de 1779._ Madrid Juan de San Martin 1779
GILIJ, PHILIPPE SALVATORE _Nachrichten von dem Lande Guiana; dem
Oronocoflus und den dortigen Wilden._ _Aus dem Italienischen des Abt
Philip Salvator Gilii Auszugsweise bersetzt._ Matthias Christian Sprengel
Hamburg 1785 Bohn XVI, 528 S.
GILIJ, PHILIPPE SALVATORE _Saggio di Storia Americana o sia Storia
naturale, civile, e sacra De regni, e delle provincie Spagnuole di
Terra-ferma nell America meridionale descritta dall Abbate Filippo
Salvadore Gilij._ Rom 1780--1784 T.1-4
GUMILLA, JOS _ El Orinoco Ilustrado, y Defendido, Historia Natural, Civil
y Geografica de este gran Rio, y de sus Caudalosas vertientes: Govierno,
Usos y Costumbres de los Indios sus habitadores, con nuevas y tiles
noticias de Animales, Arboles, Frutos, Aceytes, Resinas, Yervas y Races
medicinales; y sobre todo, se hallaran conversiones muy singulares  N.
Santa F, y casos de mucha edificacion. Escrita por el Padre Joseph
Gumilla, de la Compaia de Jesus, Missionero, y Superior de las Misiones
del Orinoco, Meta, y Casanare, Calificador, y Consultor del Santo Tribunal
de la Inquisicion de Cartagena de Indias, y Examinador Synodal del Mismo
Obispado, Provincial que fu de su Provincia del Nuevo Reyno de Granada, y
actual Procurador  emtrambas Curias, por sus dichas Missiones y
Provincia. Segunda Impression, revista y aumentada por su mismo Autor y
dividida en dos partes. (Dos volmenes)._ Madrid Por Manuel Fernndez,
Impressor de el Supremo Consejo de la Inquisicion, y de la Reverenda
Camara Apostolica, en la Caba Baxa. 1745
LA CONDAMINE, CHARLES-MARIE DE _Geschichte der zehenjhrigen Reisen der
Mitglieder der Akademie der Wissenschaften zu Paris vornemlich des Herrn
de la Condamine nach Peru in America in den Jahren 1735 bis 1745 worinne
ausser verschiedenen Nachrichten von der gegenwrtigen Beschaffenheit der
spanischen Colonien in America, und einer vollstndigen Beschreibung des
berhmten Amazonenflusses, auch noch verschiedene und besondere
Anmerkungen zur Aufnahme der Sternkunde, Erdbeschreibung und Naturlehre
befindlich sind, herausgegeben und mit einigen Beylagen und Kupfern
begleitet von J. C. S._ Erfurt Johann Friedrich Hartung 1763
LA CONDAMINE, CHARLES-MARIE DE _Relation abrge dun Voyage fait dans
lInterieur de lAmerique Mridionale. Depuis la Cte de la Mer du Sud,
jusqu aux Ctes du Brsil & de la Guiane, en descendant La Riviere des
Amazones; Le  lAssemble publique de lAcademie des Sciences, le 28.
Avril 1745. Par M. de la Condamine, de la mme Acadmie._ Paris la Veuve
Pissot 1745
OVIEDO Y BAOS, JOSEPH DE _Historia de la Conquista, y Poblacin de la
Provincia de Venezuela. Escrita por D. Joseph de Oviedo y Baos Vecino de
la Ciudad de Santiago de Len de Caracas. Quien la Consagra, y dedica a su
Hermano el Seor D. Diego Antonio de Oviedo y Baos, Oydor de las reales
Audiencias de Santo Domingo, Guatemala, y Mxico, del Consejo de su
Magestad en el Real, y Supremo de las Indias. Primera parte. Con
Privilegio._ Madrid en la Imprenta de D. Gregorio Hermosilla, en la calle
de los Jardines 1723
SAINT PIERRE, BERNARDIN DE _Paul et Virginie_ 1788
RALEGH, SIR WALTER _Die Fnffte Kurtze Wunderbare Beschreibung de
Goldreichen Knigsreichs Guian in America oder newen Welt unter der linea
quinoctiali gelegen: So newlich Anno 1594. 1595. vnd 1596. von dem
Wolgebornen Hern, Hern Walthero Raleigh einem Engelischen Ritter, besucht
worden: Erstlich auf Befehl seiner Gnaden in zweyen Bchlein beschrieben,
darauss Jodocus Hondius, eine schne Landt Tafel, mit einer
Niderlndischen Erklrung gemacht. Jetzt aber ins Hochteutsch gebracht,
vnd au vnterschiedlichen Authoribus erklret._ Frankfurt (Main) Leuini
Hulsii Wittibe 1612
RALEGH, SIR WALTER _The Discoverie of the Large, Rich, And Beavtifvl
Empire of Gviana, With a relation of the great and Golden Citie of Manoa,
(which the Spanyards call El Dorado) And of the Prouinces of Emeria,
Arromaia, Amapaia, and other Countries, with their riuers adioyning.
Performed in the yeare 1595. by Sir W. Ralegh Knight, Captaine of her
Maiesties Guard, Lo. Warden of the Scanneries, and her Highnesse
Lieutenant generall of the Countie of Cornewall._ London Robert Robinson
1598
THEOPHYLACTUS SIMOCATTA _Theophylacti Simocat Qustiones physic nunquam
antehac edit. Eiusdem, Epistol morales, rustic, amatori. Cassii
Qustiones medic. Iuliani Imp. Galli Cs. Basilij, & Greg. Nazianzeni
Epistol aliquot nunc primum edit; opera Bon. Vulcanii Brugensis._
Lugduni Batauorum Ex officina Ioannis Balduini. M.D. XCVII.





ANMERKUNGEN DES KORREKTURLESERS


Vom Korrekturleser wurden mehrere nderungen am Originaltext vorgenommen.
Inkonsistente Schreibweisen, die nichts an der Aussprache des Wortes
ndern, wurden im Text belassen.

Es folgen paarweise Textzeilen im Original und in der vorliegenden
genderten Fassung.



      die berhmte Sagopalme der Guaraons-Indianer;
      die berhmte Sagopalme der Guaranos-Indianer;

      wenn es sich von ganz unbedeutenden Hhenunterschieden handelt.
      wenn es sich um ganz unbedeutenden Hhenunterschied handelt.

      trafen wir Mcken der Gattung Simulium und Zanducos an,
      trafen wir Mcken der Gattung Simulium und Zancudos an,





***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE IN DIE AEQUINOCTIAL-GEGENDEN DES NEUEN CONTINENTS. BAND 3.***




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March 8, 2009

            Project Gutenberg TEI edition 01
            R. Stephan




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