The Project Gutenberg eBook, Das Buch von Monelle, by Marcel Schwob,
Translated by Franz Blei


This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org





Title: Das Buch von Monelle


Author: Marcel Schwob



Release Date: March 11, 2011  [eBook #35547]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS BUCH VON MONELLE***


E-text prepared by Jens Sadowski



MARCEL SCHWOB

DAS BUCH VON MONELLE






Insel-Verlag

Originaltitel: Le livre de Monelle
Aus dem Franzsischen bertragen von Franz Blei

Copyright 1904 Insel-Verlag, Leipzig




Inhalt


Die Worte der Monelle

Die Schwestern der Monelle

Die Egoistin
Die Wollstige
Die Perverse
Die Betrogene
Die Wilde
Die Getreue
Die Auserwhlte
Die Trumerin
Die Erhrte
Die Gefhllose
Die Geopferte

Monelle

Von ihrer Erscheinung
Von ihrem Leben
Von ihrer Flucht
Von ihrer Geduld
Von ihrem Knigreich
Von ihrer Auferstehung




Die Worte der Monelle


Monelle traf mich auf der Heide, wo ich irrte, und nahm mich bei der Hand.

Sei nicht erstaunt, sagte sie, ich bin es und ich bin es nicht; du wirst
mich noch einmal wiederfinden und du wirst mich verlieren;

Noch einmal komme ich zu euch; denn wenige Mnner haben mich gesehen und
keiner hat mich verstanden;

Und du wirst mich vergessen und wirst mich wiedererkennen und wirst mich
vergessen.

                                * * *

Und Monelle sprach weiter: Ich will zu dir von kleinen Prostituierten
reden, und du wirst den Anfang wissen.

                                * * *

Bonaparte der Schlchter traf mit achtzehn Jahren unter den eisernen Toren
des Palais-Royal eine kleine Prostituierte. Sie war ganz bleich und
zitterte vor Klte. Aber man mu leben, sagte sie ihm. Weder du noch ich
kennen den Namen dieser Kleinen, die Bonaparte in einer Novembernacht auf
sein Zimmer in Cherbourg nahm. Sie war aus Nantes in der Bretagne. Sie war
schwach und mde, und ihr Geliebter hatte sie verlassen. Sie war einfach
und gut; ihre Stimme hatte einen sehr weichen Klang. Bonaparte erinnerte
sich an alles das. Und ich denke, da ihn spter die Erinnerung an ihre
Stimme zu Trnen bewegt hat, und da er sie lange gesucht hat, ohne sie zu
finden, an den Winterabenden.

Denn siehst du, die kleinen Prostituierten treten nur einmal aus der
nchtlichen Menge, um ein Gutes zu tun. Die arme Anne kam dem Thomas de
Quincey, dem Opiumtrinker zu Hilfe, da er unter den groen Lampen der
breiten Oxfortstreet ohnmchtig hinsank. Mit feuchten Augen brachte sie ein
Glas Wein an seine Lippen, umarmte ihn und liebkoste ihn. Dann ging sie in
die Nacht zurck. Vielleicht, da sie bald starb. Sie hustete, sagt de
Quincey, den letzten Abend, da ich sie sah. Vielleicht irrte sie noch in
den Straen umher; aber wie er sie auch suchte und dem Gelchter der Leute
trotzte, die er nach ihr fragte -- Anne war fr immer verloren. Spter, da
er ein warmes Haus hatte, dachte er oft mit Trnen, wie Anne nun bei ihm
htte leben knnen, statt da er sie krank denken mute, oder sterbend oder
verzweifelt in dem Elend eines Londoner Bordells, und da sie alle
erbarmungswrdige Liebe ihres Herzens weggegeben.

Sieh, sie schreien in Mitleid zu euch und streicheln eure Hand mit ihrer
mageren. Sie verstehen euch nur, wenn ihr sehr unglcklich seid; sie weinen
mit euch und trsten euch. Die kleine Nelly kam zu dem Strfling
Dostojewski aus ihrem schlechten Hause und sah ihn fiebersterbend an,
bange, mit ihren groen schwarzen zitternden Augen. Die kleine Sonja -- sie
lebte wie die andern -- hat den Mrder Rodion umarmt, als er sein
Verbrechen gestand. Du bist verloren! rief sie in Verzweiflung. Und erhob
sich pltzlich und warf sich an seine Brust . . . Nein, es gibt keinen
Menschen jetzt auf der Erde, der unglcklicher ist als du! rief sie ganz
voll Mitleiden und brach in Trnen aus.

Wie Anne und wie jene ohne Namen, die den jungen und traurigen Bonaparte
trstete, so tauchte Nelly im Nebel unter. Dostojewski hat nicht gesagt,
was aus der kleinen Sonja geworden ist, der blassen und mageren. Weder ich
noch du wissen, ob sie Raskolnikow bis ans Ende seiner Bue helfen konnte.
Ich glaube es nicht. Sie verging ganz sanft in seinen Armen, da sie zu viel
gelitten und geliebt hatte.

Keine von ihnen, sieh, kann mit euch bleiben. Sie wren zu traurig, und sie
schmen sich zu bleiben. Wenn ihr nicht mehr weint, wagen sie es nicht,
euch anzusehen. Sie lehren euch, was sie lehren knnen, und gehen. Sie
kommen durch Klte und Regen, euch auf die Stirn zu kssen, eure Augen zu
trocknen, und die bsen Dunkelheiten nehmen sie wieder auf. Vielleicht
mssen sie woanders hingehen.

Ihr kennt sie nur, whrend sie mitleidig sind. Man soll nicht an das andere
denken. Man soll nicht an das denken, was sie in den Dunkelheiten tun
knnten. Nelly in dem schlechten Hause, Sonja betrunken auf einer
Straenbank, Anne, die das leere Glas zu dem Weinhndler in der dunklen
Gasse bringt -- sie waren vielleicht grausam und lasterhaft. Es sind
Geschpfe aus Fleisch und Blut. Sie traten aus einem dsteren Durchgang,
uns einen mitleidsvollen Ku zu geben unter der leuchtenden Lampe der
groen Strae. In diesem Augenblick waren sie gttlich.

Alles andre mu man vergessen.

                                * * *

Monelle schwieg und sah mich an:

Ich komme aus der Nacht, sagte sie, und gehe wieder in die Nacht zurck.
Denn auch ich bin eine kleine Prostituierte.

                                * * *

Und Monelle sagte weiter:

Ich habe Mitleid mit dir, ich habe Mitleid mit dir, mein Geliebter.

Doch gehe ich in die Nacht zurck; denn es ist ntig, da du mich
verlierst, bevor du mich wiederfindest. Und wenn du mich wiederfindest,
entkomme ich dir aufs neue.

Denn ich bin die, die allein ist.

                                * * *

Und Monelle sagte weiter:

Weil ich allein bin, wirst du mir den Namen Monelle geben. Aber es wird dir
sein, als htte ich die andern Namen alle. Und ich bin diese und diese, und
diese auch, die keinen Namen hat.

Und ich werde dich unter meine Schwestern fhren, die ich selbst sind und
den Prostituierten ohne Verstand gleichen;

Und du wirst sie sehen, geqult von Eigensucht und Wollust und Grausamkeit
und Stolz und Geduld und Mitleid, und dies, weil sie sich noch nicht
gefunden haben;

Und du wirst sie sehen, wie sie weit gehen, sich zu suchen;

Und du wirst mich selbst finden und ich werde mich selbst finden; und du
wirst mich verlieren und ich werde mich verlieren. Denn ich bin die, die
verloren ist, sobald man sie gefunden hat.

                                * * *

Und Monelle sagte weiter:

An diesem Tag wird eine kleine Frau dich mit ihrer Hand berhren und
davoneilen;

Denn alle Dinge sind flchtig; aber Monelle ist das flchtigste von allen.

Und bevor du mich wiederfindest, werde ich dich belehren in dieser Einde,
und du wirst das Buch von Monelle schreiben.

                                * * *

Und Monelle reichte mir einen hohlen Stecken, auf dem rosige Staubfden
brannten.

-- Nimm diese Fackel, sprach sie, und brenne. Brenne alles auf Erden und am
Himmel. Und brich den Stecken und lsch ihn aus, wenn du verbrannt hast,
denn nichts soll weitergegeben werden;

Auf da du der zweite Narthekopher seiest und mit Feuer zerstrest und das
Feuer vom Himmel gekommen zum Himmel zurckkehre.

                                * * *

Und Monelle sagte weiter: Ich will zu dir von der Zerstrung sprechen.

                                * * *

Dies ist das Wort: Zerstre, zerstre, zerstre. Zerstre in dir, zerstre
um dich herum. Mach Platz fr deine Seele und fr die andern Seelen.

Zerstre alles Gute und alles Bse. Die Schutthaufen sind die gleichen.

Zerstre die alten Wohnungen der Menschen und die alten Wohnungen der
Seelen; die toten Dinge sind Spiegel, die entstellen.

Zerstre, denn alle Schpfung kommt aus der Zerstrung.

                                * * *

Und um der hheren Gte willen mu man die niedere Gte ausrotten. Und so
erstehe das neue Gute, gesttigt mit Bsem. Und um eine neue Kunst zu
erschaffen, mu man die alte Kunst zerbrechen. Die neue Kunst wird so dem
Bildersturme gleichen.

Denn jeder Bau ist aus Trmmern gemacht, und nichts ist neu in dieser Welt
als die Formen.

Aber man mu die Formen zerstren.

                                * * *

Und Monelle sagte weiter: Ich will dir von der Formwerdung sprechen.

                                * * *

Das Verlangen selbst nach dem Neuen ist nichts sonst als die Begierde der
Seele, die sich zu formen strebt.

Und die Seelen werfen die alten Formen von sich, wie die Schlange ihre alte
Haut von sich wirft.

Und die geduldigen Sammler alter Schlangenhute betrben die jungen
Schlangen, denn sie haben eine magische Gewalt ber diese.

Denn der, der die alten Schlangenhute besitzt, hindert die jungen
Schlangen, da sie sich umformen.

Deshalb huten die Schlangen ihren Leib in dem grnen Rinnsal eines tiefen
Dickichts; und einmal jedes Jahr kommen die Jungen zusammen, um die alten
Hute zu verbrennen.

Gleiche so den Jahreszeiten, die zerstren und bilden.

Baue selbst dein Haus und verbrenne es selbst.

Wirf nicht Schutt hinter dich; denn jeder soll sich seines eigenen Schuttes
bedienen. Baue nicht in der vergangenen Nacht. Und la, was du gebaut hast,
gehen und treiben.

Betrachte deine neuen Gebude mit der geringsten Begeisterung deiner Seele.

Fr jedes neue Begehren mache dir neue Gtter.

Und Monelle sagte weiter: Ich will dir von Gttern sprechen.

La die alten Gtter sterben; bleibe nicht wie ein Klageweib an ihren
Grbern sitzen;

Denn die alten Gtter heben sich weg aus ihren Grbern;

Und beschtze die jungen Gtter nicht, indem du sie in Bnder wickelst;

Auf da jeder Gott sich weg hebe von dir, kaum da er erschaffen ist;

Auf da alle Schpfung vergehe, kaum da sie erschaffen ist;

Auf da der alte Gott seine Schpfung dem jungen Gott opfere, damit sie von
ihm zerbrochen werde;

Auf da jeder Gott ein Gott des Augenblickes sei.

                                * * *

Und Monelle sagte weiter: Ich will dir von den Augenblicken sprechen.

Betrachte Alles von der Seite des Augenblickes.

La dein Ich mit dem Zufall des Augenblickes gehen. Denke im Augenblick.
Alles Denken, das dauert, ist Widerspruch.

Liebe den Augenblick. Alle Liebe, die dauert, ist Ha. Sei ehrlich mit dem
Augenblick. Alle Ehrlichkeit, die dauert, ist Lge.

Sei gerecht fr den Augenblick. Alle Gerechtigkeit, die dauert, ist
Unrecht.

Handle fr den Augenblick. Alles Tun, das dauert, ist ein verstorbenes
Reich.

Sei glcklich mit dem Augenblick. Alles Glck, das dauert, ist Unglck.

Habe Achtung vor allen Augenblicken, und mache keine Verhltnisse zwischen
den Dingen.

Verspte nicht den Augenblick: Du wrdest eine Agonie ermden.

Sieh: jeder Augenblick ist eine Wiege und ein Sarg: auf da jedes Leben und
jedes Sterben dir fremd und neu erscheine.

Und Monelle sagte weiter: Ich will dir vom Leben und vom Tode sprechen.

                                * * *

Die Augenblicke gleichen Stben, halb wei und halb schwarz.

Richte dein Leben nicht ein auf dem mit den weien Hlften gemachten Plane.
Denn du wrdest hierauf den mit den schwarzen Hlften gezeichneten Plan
finden.

Es soll jede Schwrze durchkreuzt sein von der Erwartung der knftigen
Weie.

Sag nicht: ich lebe jetzt, ich sterbe morgen. Teile nicht die Wirklichkeit
ein in das Leben und den Tod. Sag: jetzt lebe und sterbe ich.

Erschpfe in jedem Augenblick die positive und negative Ganzheit der Dinge.

Die Herbstrose dauert eine Zeit; jeden Morgen ffnet sie sich; jeden Abend
schliet sie sich.

Gleiche den Rosen: ffne deine Bltter dem Zerpflcken der Wollste, dem
Zerstampfen der Schmerzen.

Da jede deiner Ekstasen in dir sterben solle, jede Wollust zu sterben
verlange.

Da jeder Schmerz in dir das Niederlassen eines Insektes sei, das wieder
auffliegen wird. Schliee dich nicht ber dem nagenden Insekt. Werde nicht
verliebt in diese schwarzen Laufkfer.

Da jede Freude in dir das Niederlassen eines Insektes sei, das wieder
auffliegen wird. Schliee dich nicht ber dem saugenden Insekt. Werde nicht
verliebt in diese goldenen Glanzkfer.

Da alle Einsicht leuchte und erlsche in dir die Dauer eines Blitzes.

Da dein Glck geteilt sei in Wetterleuchten. So wird dein Teil Freude
gleich sein dem der andern.

Betrachte das Universum atomistisch.

Widerstehe nicht der Natur. Stelle nicht gegen die Dinge die Fe deiner
Seele. Da deine Seele nicht ihr Gesicht wegwende wie das schlechte Kind.

Leb in Frieden mit dem roten Licht des Morgens und dem grauen Schimmer des
Abends. Sei die Morgenrte gemengt mit der Dmmerung.

Menge den Tod mit dem Leben und teile beides in Augenblicke.

Erwarte nicht den Tod: er ist in dir. Sei sein Kamerad und drck ihn an
dich; er ist wie du selbst.

Stirb an deinem Tod; beneide nicht die alten Tode. ndre die Arten des
Todes mit den Arten des Lebens.

Halte jede unsichere Sache fr lebend, jede sichere Sache fr tot.

                                * * *

Und Monelle sagte weiter: Ich will dir von den toten Sachen sprechen.

                                * * *

Verbrenne sorgfltig die Toten, und streu ihre Asche in die vier Winde des
Himmels.

Verbrenne sorgfltig die vergangenen Taten und zerstube die Asche; denn
der Phnix, der daraus entstehen wrde, wre der gleiche.

Spiele nicht mit den Toten und streichle nicht ihr Antlitz. Lache nicht
ber sie und weine nicht ber sie: vergi sie.

Kmmere dich nicht um vergangene Dinge. Gib dich nicht damit ab, schne
Srge fr die vergangenen Augenblicke zu machen: denke daran, die
Augenblicke zu tten, die kommen.

Habe Mitrauen fr alle Leichname.

Umarme die Toten nicht: denn sie ersticken die Lebenden.

Achte das Tote so, wie man die Bausteine achten mu.

Beschmutze deine Hnde nicht die gebrauchten Wege entlang. Reinige deine
Finger in neuen Wssern.

Atme den Atem deines Mundes und sauge nicht toten Atem ein.

Betrachte die vergangenen Leben nicht mehr als dein vergangenes Leben.
Sammle nicht leere Hllen.

Trag keinen Friedhof in dir, die Toten geben die Pest.

                                * * *

Und Monelle sagte weiter: Ich will dir von deinen Handlungen sprechen.

                                * * *

Da jede dir bergebene tnerne Schale sich erschpfe in deinen Hnden.
Zerbrich jede Schale, aus der du getrunken hast.

Blase aus die Lampe des Lebens, die der Lufer dir hinhlt. Denn jede alte
Lampe schwelt.

Vermache nichts dir selber, nicht Lust, nicht Schmerz.

Sei nicht Sklave irgendeines Kleides, des Krpers oder der Seele. Schlage
niemals mit derselben Flche der Hand.

Bespiegle dich nicht im Tode; la dein Bild vom flieenden Wasser
hinwegtragen.

Fliehe die Ruinen und weine nicht zwischen ihnen.

Wenn du des Abends deine Kleider von dir legst, so entkleide dich auch
deiner Seele des Tages; mache dich nackt fr alle Augenblicke.

Jede Genugtuung wird dir tdlich scheinen. Peitsche sie im voraus.

Verdaue nicht die vergangenen Tage: nhre dich von knftigen Dingen.

Bekenne nicht die vergangenen Dinge, denn sie sind tot; bekenne vor dir die
knftigen Dinge.

Steige nicht ab, Blumen lngs des Weges zu pflcken. Begnge dich mit dem
Anblick. Aber la ihn und schau nicht zurck.

Schau niemals zurck: hinter dir luft das Schnauben der Flammen von Sodom,
und du wrdest in eine Sule versteinerter Trnen verwandelt werden.

Verwundere dich ber nichts aus einem Vergleichen mit der Erinnerung;
verwundere dich ber alles aus der Neuheit der Unwissenheit.

Verwundere dich ber alles; denn alles ist verschieden im Leben und hnlich
im Tode.

Baue in den Verschiedenheiten; zerstre in den hnlichkeiten.

Wende dich nicht zu fortdauernden Dingen; sie gibt es nicht auf Erden noch
im Himmel.

Wre die Vernunft fortdauernd, du wrdest sie zerstren und du lieest
deine Sinne wechseln.

Frchte nicht, dir zu widersprechen; es gibt keinen Widerspruch im
Augenblick.

Liebe nicht deinen Schmerz; denn er wird nicht dauern. Betrachte deine
Fingerngel, die sich abstoen, und die Schuppen deiner Haut, die fallen.

                                * * *

Sei aller Dinge vergelich.

Mit einem gespitzten Pfriem sollst du geduldig deine Erinnerungen tten,
wie der alte Kaiser die Fliegen ttete.

Mache dein Glck nicht dauern von der Erinnerung bis in die Zukunft.

Erinnere dich nicht und sieh nicht voraus.

Sag nicht: ich arbeite, um zu erwerben: ich arbeite, um zu vergessen. Sei
vergelich des Erwerbes und der Arbeit.

Erhebe dich gegen alle Arbeit; gegen alle Ttigkeit, die den Augenblick
berschreitet, erhebe dich.

Da dein Weg nicht von einem Ziel zu einem andern gehe; denn ein solches
gibt es nicht; aber da jeder deiner Blicke ein besserer Blick nach vorne
sei.

Du wirst mit deinem linken Fu die Spur deines rechten Fues verwischen.

Die rechte Hand soll nicht wissen, was die linke Hand tut.

Kenne dich selbst nicht.

Kmmere dich nicht um deine Freiheit: vergi dich dir selbst.

                                * * *

Und Monelle sagte weiter: Ich will dir von meinen Worten sprechen.

                                * * *

Die Worte sind Worte, whrend sie gesprochen werden.

Die aufbewahrten Worte sind tot und zeugen die Pest.

Hre meine gesprochenen Worte und handle nicht nach meinen geschriebenen
Worten.

                                * * *

Nachdem sie so auf der Heide gesprochen hatte, schwieg Monelle und wurde
traurig; denn sie mute in die Nacht zurck.

                                * * *

Und sie sagte mir von weitem:

Vergi mich und ich werde dir wiedergegeben sein.

                                * * *

Und ich blickte ber die Heide und sah die Schwestern der Monelle sich
erheben.




Die Schwestern der Monelle





Die Egoistin


ber den Heckenzaun, der das graue Erziehungshaus oben auf der Felskste
umgab, streckte sich ein Kinderarm mit einem Pckchen, um das ein schmales
rosenrotes Seidenband gewickelt war. --

-- Nimm das zuerst, sagte eine Kleinmdchenstimme. Gib acht: es ist
zerbrechlich. Nachher hilfst du mir.

Ein feiner Regen fiel gleichmig auf die ausgehhlten Felsen, die tiefe
Bucht, und durchsiebte die zurckflieenden Wellen am Klippenrand. Der
Fischerjunge, der an der Einzunung aufpate, kam nher und sagte ganz
leise:

-- Komm doch du zuvor, beeil dich.

Das Mdchen rief:

-- Nein, nein, nein! Ich kann nicht. Nimm das Papier. Ich will die Sachen,
die mir gehren, mitnehmen. Egoist! Egoist! Mach! Ganz na lt du mich
werden.

Der Junge verzog den Mund und griff nach dem Pckchen. Das feucht gewordene
Papier zerri, und in den Schmutz rollten gelbe und violette mit Blumen
bedruckte Seidenstckchen, Samtbndchen, eine kleine Puppenhose aus Batist,
ein hohles goldenes Kreuz mit einem Schlo und eine ganz neue Spule roter
Faden. Die Kleine kam ber den Zaun; sie zerstach sich ihre Hnde an den
harten Astspitzen, und ihre Lippen bebten.

-- Da hast du's, sagte sie. Du bist so eigensinnig. Alle meine Sachen sind
verdorben.

Die Nase ging in die Hh, die Augenbrauen zogen sich zusammen, der Mund
wurde breit -- und das Mdchen fing zu weinen an:

-- La mich, la mich. Ich will dich nicht mehr sehen. Mach, da du
fortkommst. Du bringst mich zum Weinen. Ich will zurck zum Frulein.

Dann suchte sie traurig ihre Sachen zusammen.

-- Meine hbsche Spule ist verloren, sagte sie. Und ich wollte Lilis Kleid
sticken!

Aus der weit offnen Tasche ihres kurzen Rockes guckte ein kleiner
regelmiger Porzellankopf mit einem auerordentlichen Schopf blonder
Haare.

-- Komm, sagte leise der Junge. Sicher sucht dich das Frulein schon.

Sie lie sich fortziehen, whrend sie sich die Augen mit dem
tintenfleckigen Handrcken wischte.

-- Und warum heut morgen auf einmal? fragte der Junge. Gestern wolltest du
nicht mehr.

-- Sie hat mich mit ihrem Besenstiel geschlagen, erzhlte das kleine
Mdchen und drckte die Lippen aufeinander. Geschlagen und mich im
Kohlenschrank eingesperrt, mit allen Spinnen und Tieren. Wenn ich
zurckkomme, dann steck ich den Besen in ihr Bett und znde das Haus an mit
den Kohlen und tte sie mit der Schere; ja, das tu ich. (Sie machte ein
spitzes Mndchen.) Oh! nimm mich mit fort, da ich sie nie mehr wiedersehe.
Ich frcht mich vor ihrer dnnen Nase und vor ihrer Brille. Aber ich habe
mich gut gercht, bevor ich davonging. Weit du, sie hat das Portrt ihres
Papa und ihrer Mama in Samt auf dem Kamin stehen. So ganz Alte, weit du,
nicht wie meine Mama. Aber du kannst das nicht wissen. Ich hab sie ganz mit
Sauerampfersalz verschmiert. Sie sehen grlich aus. Es ist gut geworden.
-- Du knntest etwas sagen, brigens.

Der Junge schaute auf das Meer. Es war dster und neblig. Ein Regenvorhang
bedeckte die ganze Bucht. Man sah weder die Klippen noch die Bojen.
Manchmal bekam das aus fadenfrmigen Trpfchen gewobene Laken ein Loch, und
man sah Bndel schwarzer Algen.

-- Wir knnen diese Nacht nicht weiter, sagte der Junge. Wir mssen in die
Zollhtte gehen, da gibt es Heu.

-- Ich will nicht, das ist schmutzig! rief das Mdchen.

-- Wie du willst. Du mchtest wohl gar dein Frulein wiedersehn?

-- Egoist! Ich hab nicht gewut, schluchzte die Kleine, da du so bist.
Htte ich's doch gewut! mein Gott, ich kannte dich nicht!

-- Du httest ja nicht fortzugehen brauchen. Wer hat mich gerufen, unlngst
morgens, wie ich auf der Landstrae vorbeikam?

-- Ich? O du Lgner! Ich wr nicht fort, wenn du mir's nicht gesagt
httest. Ich hatte Furcht vor dir. Aber jetzt will ich gehen. Ich mag nicht
im Heu schlafen. Ich will mein Bett.

-- Du bist frei, sagte der Junge.

Sie zog die Schultern hoch und schritt weiter neben ihm. Nach einer Weile:

-- Wenn ich's doch tue, so ist's, weil ich na bin, nur darum.

                                * * *

Die Htte lag am Strand; das trockne Schilf, das vom Dach zum Boden hing,
rauschte leise. Sie schoben das Brett vom Eingang fort. Im Hintergrund war
eine Art Verschlag aus Kistendeckeln und mit Heu gefllt.

Das Mdchen setzte sich. Der Junge wickelte ihre Fe und Beine in trocknes
Gras ein.

-- Das sticht, sagte sie.

-- Das macht warm, sagte der Junge.

Er setzte sich an die Tre hin und schaute hinaus. Die Feuchtigkeit machte
ihn leicht mit den Zhnen klappern.

-- Du frierst doch nicht gar! sagte das Mdchen. Dann wirst du krank und
was soll ich machen!

Der Junge schttelte den Kopf. Und sie saen schweigend. Trotz des
bedeckten Himmels sprte man die Dmmerung.

-- Ich hab Hunger, sagte das Mdchen. Heute abend gibt es Entenbraten mit
Kastanien beim Frulein. O du hast an nichts gedacht, an gar nichts. Ich
habe Brotrinde aus der Suppe mitgenommen. Da!

Sie streckte ihm die Hand hin. Ihre Finger waren ganz beschmiert mit einer
kalten Brhe.

-- Ich will Krabben suchen, sagte der Junge. Es gibt sie da drauen bei den
schwarzen Felsen. Ich nehme den Zollkahn unten.

-- Ich werde mich allein frchten.

-- Willst du nicht essen?

Sie gab keine Antwort.

Der Junge streifte die Halme von seinem Wollhemd und schlpfte hinaus. Der
graue Regen hllte ihn ein. Sie hrte das schmatzende Gerusch seiner
Schritte im Schlamm.

                                * * *

Dann kamen starke Ben und die groe Stille im rhythmischen Takte schweren
Regens. Und strker und trauriger kam die Nacht. Das Abendessen bei dem
Frulein war vorber. Die Zeit zum Schlafengehen war vorber. Dort schlief
nun alles unter den Hngelampen in den weien gesumten Kissen. Ein paar
Mwen schrien den Sturm. Der Wind heulte, und die Wogen schossen in die
Klipphhlen. Das Mdchen schlief in Erwartung ihres Abendessens ein, wachte
wieder auf. Der Junge spielt sicher mit den Krabben. Dieser Egoist! Sie
wute ganz gut, da die Boote immer auf dem Wasser schwimmen. Die Leute
ertrinken, wenn sie kein Boot haben.

-- Der wird schauen, wenn er mich schlafen sieht, sagte sie zu sich. Ich
werde mich so stellen und kein Wort antworten, wenn er was sagt. Ja, das
mach ich.

Gegen Mitternacht erwachte sie unter dem Schein einer Laterne. Ein Mann in
einer spitzen Kapuze entdeckte sie, zusammengekauert wie eine Maus. Ihr
Krper glitzerte von Wasser und Licht.

-- Wo ist die Barke? fragte er.

Und sie rief voll rger und Zorn:

-- Hab ich's doch gewut! Er hat keine Krabben fr mich gefunden und hat
das Boot verloren!




Die Wollstige


Schrecklich das, -- sagte das kleine Mdchen, -- es blutet weies Blut. Sie
grub ihre Ngel in die grnen Mohnkpfe. Ihr kleiner Kamerad schaute ganz
ruhig zu. Sie hatten Ruber gespielt zwischen den Kastanienbumen, hatten
die Rosen mit frischen Kastanien bombardiert, die jungen Schsse enthauptet
und die junge miauende Katze auf den Zaun gesetzt. Ganz unten im dunklen
Garten, wo ein weitstiger Baum stand, war Robinsons Insel gewesen. Eine
Gartenspritze hatte als Kriegsdrommete gegen die Angriffe der Wilden
gedient. Grser mit langen schwarzen Huptern wurden zu Gefangenen gemacht
und gekpft. Einige blaue und grne Kugelkfer, die erbeutet worden waren,
hoben schwerfllig ihre Flgeldecken im Wasser des Brunnenbeckens. Sie
hatten den Sand in den Alleen mit Wasser weggeschwemmt, um schwerbepackten
Armeen Weg zu machen. Jetzt griffen sie einen Wiesenhgel heftig an. Die
untergehende Sonne hllte sie in ein verklrtes Licht.

Sie streckten sich etwas mde auf dem eroberten Platze aus und bestaunten
die fernen scharlachnen Nebel des Herbstes.

-- Wenn ich Robinson wre, sagte der Junge, und du Freitag und wenn dort
unten ein groer Strand wre, so gingen wir die Fuspuren der Kannibalen im
Sand suchen.

Sie dachte darber nach und fragte: -- Hat Robinson den Freitag geschlagen,
da er ihm gehorcht?

-- Ich erinnere mich nicht mehr. Aber die alten hlichen Spanier haben sie
verhauen und die Wilden aus dem Land, wo Freitag her war.

-- Ich mag diese Sachen nicht, sagte das Mdchen; das sind Spiele fr
Jungens. Es wird dunkel. Wenn wir uns Geschichten erzhlen wrden, wir
wrden uns frchten, vor der Wirklichkeit.

-- Vor der Wirklichkeit?

-- Na, glaubst du denn, da das Haus des Menschenfressers mit den langen
Zhnen nicht wirklich jeden Abend im dunklen Wald erscheint?

Er schaute sie an und schlug die Zhne aufeinander:

-- Und als er die sieben kleinen Prinzessinnen aufa, da machte es njam,
njam, njam.

-- Nein, nicht, sagte sie; man kann entweder nur Menschenfresser sein oder
Dumling. Niemand kennt den Namen der kleinen Prinzessinnen. Wenn du
willst, so mache ich das Dornrschen im Schlo, und du kommst mich
aufwecken. Du mut mich sehr stark kssen. Die Prinzen kssen schrecklich,
mut du wissen.

Er fhlte sich schchtern und meinte:

-- Ich glaube, es ist schon zu spt, um im Gras zu schlafen. Dornrschen
lag in ihrem Bett, in einem Schlo ganz verwachsen mit Blumen und Dornen.

-- Dann spielen wir Blaubart, sagte sie: Ich bin deine Frau, und du
verbietest mir, das kleine Zimmer zu betreten. Fang an: Du kommst, um mich
zu freien. Mein Herr, ich wei nicht . . . Ihre sechs Frauen sind auf so
geheimnisvolle Weise verschwunden. Es ist ja wahr, Sie haben einen schnen
und groen blauen Bart und wohnen in einem herrlichen Schlo. Werden Sie
mir niemals was zu Leid tun, nie, nie?

Sie fragte ihn mit einem bittenden Blick.

-- Jetzt also hast du um mich angehalten, und meine Eltern waren nicht
dagegen. Wir sind nun verheiratet. Gib mir alle Schlssel. Und wozu ist
dieser ganz kleine hbsche da? jetzt verbietest du mir mit lauter Stimme
zu ffnen.

Jetzt, jetzt gehst du fort, und ich bin sofort ungehorsam. Oh!
Schrecklich! Sechs gemordete Frauen! Ich falle in Ohnmacht, und du kommst
und sttzt mich. So. Dann kommst du als Blaubart zurck. Du bist
belgelaunt. Mein Herr Gemahl, hier sind alle Schlssel, die Ihr mir
anvertraut habt. Du fragst mich nach dem kleinen Schlssel. Mein Gemahl,
ich wei nicht, ich hab ihn nicht angerhrt. Nun schreist du. Mein
Gemahl, verzeiht mir, hier ist er: er war ganz zuunterst in meiner Tasche.

Jetzt schaust du den Schlssel an. War Blut an dem Schlssel? -- Ja, sagte
der Junge, ein Blutfleck.

-- Ich erinnere mich, sagte das Mdchen. Ich habe daran gerieben, aber das
Blut ging nicht weg. Das war das Blut der sechs Frauen, nicht?

-- Ja, von den sechs Frauen.

-- Er hatte sie alle gettet, nicht wahr, weil sie in das Zimmer gegangen
waren? Wie hat er sie gettet? Schnitt ihnen den Hals ab und hing sie auf
in dem schwarzen Zimmer? Und das Blut lief ihnen an den Fen hinunter bis
auf den Boden? Rotes, ganz schwarzrotes Blut, nicht wie das von den
Mohnkpfen, wenn ich dran kratze. Man mu knien, wenn man den Hals
abgeschnitten bekommt, nicht?

-- Ich glaube, sagte er, man mu knien.

-- Das wird riesig lustig sein, sagte sie. Und du wirst mir ganz wirklich
den Hals abschneiden?

-- Natrlich, sagte er, aber Blaubart konnte sie nicht trsten.

-- Das macht nichts. Weshalb hat der Blaubart nicht seiner Frau den Kopf
abgeschnitten?

-- Weil ihre Brder gekommen sind.

-- Sie hatte Angst, nicht wahr?

-- Groe Angst.

-- Und schrie?

-- Sie rief nach ihrer Schwester Anna.

-- Ich, ich htte nicht geschrien.

-- Ja, sagte der Junge, aber Blaubart htte Zeit gehabt, dich zu tten. Die
Schwester Anna war auf dem Turm und sah das Gras, wie es grnte. Ihre
Brder, die sehr starke Musketiere waren, kamen im Galopp auf ihren
Pferden.

-- Ich mag so nicht spielen, sagte das kleine Mdchen. Das langweilt mich.
Denn ich hab doch gar keine Schwester Anna.

Sie drehte sich artig zu dem Jungen:

-- Weil meine Brder nicht kommen werden, mut du mich tten, mein kleiner
Blaubart, mich stark, stark tten!

Sie kniete hin. Er packte ihr Haar und legte es nach vorn; dann hob er die
Hand.

Langsam, mit geschlossenen Augen und zitternden Lidern, die Mundwinkel von
einem nervsen Lcheln bewegt, hielt sie den Flaum ihres Nackens und den
Hals und ihre wollstig eingezogenen Schultern dem grausamen Streich von
Blaubarts Sbel hin.

-- Oh . . . Au! schrie sie, das wird mir weh tun!




Die Perverse


Madge!

Die Stimme stieg durch eine viereckige ffnung des Fubodens herauf. Das
runde Dach durchquerte ein mchtiger glatter Eichstamm, der sich mit
Geknarr drehte. Der groe Flgel aus grauem Tuch, das an das Holzskelett
genagelt war, flog drauen vor der Dachluke im Sonnenstaub. Grade darunter
schien es, als ob zwei steinerne Tiere nach allen Regeln miteinander
kmpften, whrend die ganze Mhle schnaufte und im Grunde zitterte. Alle
fnf Sekunden durchschnitt ein langer gerader Schatten den kleinen Raum.
Die Leiter, die bis ins Dachinnere hinaufreichte, war ganz wei von Mehl.

-- Madge, kommst du? lie sich die Stimme von unten wieder vernehmen. Madge
hatte ihre Hand auf die eichene Radachse gelegt. Das fortwhrende Reiben
kitzelte ihr die Haut. Etwas vorgebeugt sah sie in das flache Land hinaus.
Der Hgel, auf dem die Mhle stand, hob sich darin wie ein geschorener Kopf
in die Hh. Die Flgel berhrten im Drehen fast das kurze Gras, auf dem
sich ihre Schatten verfolgten, ohne sich je zu erreichen. So mancher Esel
schien sich an der kaum beworfenen Mauer den Rcken gerieben zu haben, denn
der abgefallene Verputz zeigte die grauen Flecken der Steine. Vom Fu des
Hgelchens lief ein kleiner Pfad, den eine ausgetrocknete Wagenspur
furchte, bis hinab zu einem weiten Weiher, in den rote Bltter tauchten.

-- Madge, wir gehen! rief die Stimme wieder.

-- Gut, so geht doch, sagte Madge ganz leise.

Die kleine Tre der Mhle knarrte. Madge sah die zitternden Ohren des
Esels, und wie er vorsichtig seine Hufe aufs Gras setzte. Ein voller Sack
hing ihm auf dem Rcken. Der alte Mller und sein Knecht stieen ihn ins
Hinterteil. Alle drei stiegen sie den gefurchten Pfad hinunter. Madge blieb
allein, den Kopf durch die Dachluke hinausgestreckt.

                                * * *

Als ihre Eltern sie eines Abends auf dem Bauch liegend im Bett gefunden
hatten, den Mund voll mit Sand und Kohle, da hatten sie einige rzte um Rat
gefragt. Die meinten, man solle Madge aufs Land schicken, damit ihre Arme,
Beine und Rcken mde wrden. Aber seitdem sie in der Mhle war, flchtete
sie sich gleich bei Sonnenaufgang unter das kleine Dach und sah dem sich
drehenden Schatten der Flgel zu.

                                * * *

Pltzlich fuhr ihr ein Zittern durch den ganzen Leib. Jemand hatte den
Trriegel zurckgeschoben.

-- Wer ist da? fragte Madge durch die Luke im Boden.

Und sie hrte eine schwache Stimme:

-- Ob ich etwas zu trinken haben knnte: ich habe solchen Durst.

Madge schaute durch die Leitersprossen. Es war ein alter Bettler von der
Strae. Er hatte ein Brot in seinem Bettelsack.

-- Er hat Brot, dachte Madge; schade, da er nicht Hunger hat.

Sie liebte die Bettler, wie die Raben, die Schnecken und die Kirchhfe, mit
einem gewissen Grauen.

Sie rief:

-- Wartet ein wenig!

Dann stieg sie die Leiter herunter, das Gesicht nach vorne. Unten angelangt
sagte sie:

-- Ihr seid wohl recht alt -- und habt groen Durst?

-- O ja, mein liebes kleines Frulein, sagte der Alte.

-- Die Bettler haben Hunger, fing Madge entschlossen an. Ich habe den
Mauerkalk gern. Da.

Sie riss eine weie Kruste von der Wand, steckte sie in den Mund und kaute.
Dann sagte sie:

-- Alle sind fort. Ich habe kein Glas. Da ist die Pumpe.

Sie wies auf das gebogene Rohr. Der alte Bettler bog sich nieder. Whrend
er trank, den Mund ganz an der ffnung, zog ihm Madge ganz behutsam das
Brot aus dem Sack und schob es in einen Haufen Mehl.

Als er sich umwandte, tanzten Madges Augen.

-- Dort unten, sagte sie, ist der groe Teich. Daraus knnen die Armen
trinken.

-- Wir sind keine Tiere, sagte der Alte.

-- Nein, aber unglcklich seid Ihr. Wenn Ihr hungrig seid, ich stehle ein
bichen Mehl und geb es Euch. Mit Wasser aus dem Weiher knnt Ihr Euch am
Abend dann Teig machen.

-- Rohen Teig! sagte der Bettler. Man hat mir ein Brot gegeben, Frulein,
ich danke schn.

-- Und was wrdet Ihr tun, wenn Ihr kein Brot httet? Wenn ich so alt wre,
ich wrde mich ertrnken. Die Ertrunkenen sollen sehr glcklich sein. Sie
sollen sehr schn sein. Ihr tut mir sehr leid, armer Alter.

-- Gott sei mit Ihnen, gutes Frulein, sagte der Alte. Ich bin recht mde.

-- Und Ihr werdet Hunger haben heute Abend, rief ihm Madge nach, whrend er
den Hgel hinabstieg. Nicht wahr, mein Lieber? Ihr werdet Hunger haben? Da
mt Ihr Euer Brot essen. Mt es in das Teichwasser tauchen, wenn Eure
Zhne schlecht sind. Der Teich ist sehr tief.

Madge horchte den Schritten nach bis sie verklangen. Sie zog leise das Brot
aus dem Mehl und betrachtete es. Es war ein Stck schwarzen Bauernbrots,
jetzt ganz mit Mehl bestaubt.

-- Puh! machte Madge. Wenn ich arm wre, wrde ich in den schnen
Bckerlden weies Brot stehlen.

                                * * *

Als der Mller heimkam, lag Madge auf dem Rcken, mit dem Kopf im Mahlkorn.
Sie drckte das Brot an die Brust mit beiden Hnden; und mit vortretenden
Augen, aufgeblhten Wangen, ein Stckchen violetter Zunge zwischen den
zusammengepreten Zhnen, versuchte sie das Bild nachzuahmen, das sie sich
von einem Ertrunkenen machte.

Nach der Suppe sagte Madge:

-- Nicht wahr, Meister, vor langer, langer Zeit einmal lebte ein ungeheurer
Riese in dieser Mhle, der sein Backmehl aus Menschenknochen mahlte.

Der Meister sagte:

-- Das sind Mrchen. Aber unter dem Hgel da sind Zimmer aus Stein, die
wollte mir einmal so eine Gesellschaft abkaufen, um sie auszugraben. Aber
lieber reie ich meine Mhle nieder.

Die sollen nur ihre alten Grber in ihren Stdten aufgraben. Das fault
genug.

-- Das mu geknackt haben, und wie! Tote Menschenknochen, sagte Madge. Mehr
als Ihr Korn, Meister. Und der Riese buk sehr gutes Brot daraus, und er a
es -- ja, er a es.

Jean, der Knecht, zog die Schultern hoch. Das chzen der Mhle hatte
aufgehrt. Der Wind blhte die Flgel nicht mehr. Die beiden runden
Steintiere hatten zu streiten aufgehrt. Das eine ruhte still an dem
andern.

-- Jean sagte mir einmal, begann Madge wieder, da man die Ertrunkenen
auffinden kann mit einem Stck Brot, in das man Quecksilber getan hat. Man
macht ein kleines Loch in die Rinde und schttet es hinein. Dann wirft man
das Brot ins Wasser, und es bleibt stehen, gerade ber dem Ertrunkenen.

-- Was wei ich, sagte der Mller. Das ist keine Beschftigung fr ein
junges Frulein. Was sind das fr Geschichten, Jean!

-- Frulein Madge hat mich darum gebeten, antwortete der Knecht.

-- Ich, ich werde Schrot hineintun, sagte Madge. Hier gibt es kein
Quecksilber. Vielleicht findet man Ertrunkene im Teich.

Vor der Tr erwartete sie die Dunkelheit, ihr Brot unter der Schrze,
kleine Bleistckchen fest in der Faust. Der Bettler mute hungrig geworden
sein. Er hatte sich im Teich ertrnkt. Sie wrde seinen Leichnam
heraufholen, und wie der Riese wrde sie dann aus den Knochen des Toten
Mehl mahlen und Teig kneten knnen.




Die Betrogene


Wo die beiden Kanle zusammenstieen, war eine hohe schwarze Schleuse; das
schlafende Wasser war grn bis in den Schatten der Mauern; gegen die Htte
des Schleusenwrters, die aus Brettern und ohne eine Blume war, schlug der
Wind die Fensterladen; durch die halboffne Tr sah man das schmale blasse
Gesicht eines kleinen Mdchens, die Haare offen hngend und das Kleid
zwischen die Beine geschoben. Oben am Rand des Kanals hoben und senkten
sich Brennesseln; geflgelter Grassamen des Sptherbstes strich durch die
Luft und kleine Wlkchen weien Staubes. Die Htte schien leer; das Land
war trostlos; ein Streifen gelblichen Rasens verlor sich am Horizont.

Als das kurze Licht des Tages abblate, hrte man das Fauchen eines kleinen
Schleppdampfers. Er tauchte jenseits der Schleuse auf, das Gesicht ganz
voll von der Kohle des Schlotes, der trg aus seinem Blechkasten schaute;
vom Hinterdeck rollte sich eine Kette ins Wasser ab. Dann kam schwebend und
ruhig eine lange und flache braune Barke; auf ihrer Mitte trug sie ein
weigestrichenes Huschen, dessen kleine Scheiben waren kreisrund und
angebrunt. Rote und gelbe Schlingpflanzen kletterten um die Fenster, und
zu beiden Seiten des Treingangs standen hlzerne erdgefllte Kbel, mit
Vergimeinnicht, Reseda und Geranium.

Ein Mann, der ein nasses Hemd klatschend ber die Bordwand schlug, sagte zu
dem, der mit dem Bootshaken hantierte:

-- Mahot, willst'n Happen essen, solang wir da auf die Schleuse warten?

-- Nicht bel, antwortete Mahot,

Er befestigte den Haken, sprang ber einen Sto zusammengerolltes Seil und
setzte sich zwischen die beiden Blumenkbel. Sein Kamerad schlug ihn auf
die Schulter, ging in das weie Huschen und brachte ein Paket in einem
fetten Papier, ein langes Stck Brot und einen irdenen Krug. Der Wind warf
die fettige Hlle auf die Vergimeinnicht. Mahot nahm sie weg und warf sie
gegen die Schleuse hin. Sie flog dem kleinen Mdchen zwischen die Fe.

-- Guten Appetit, da oben, rief der Mann, wir machen Mittag. Er fgte
hinzu:

-- Der Indier, Ihnen zu dienen, Landsmnnin. Kannst deinen Schulfreundinnen
sagen, da wir hier vorbeigekommen sind.

-- Bist du ein Aufschneider, Indier, sagte Mahot. La doch das Mdel. Ist
nur, weil er eine braune Haut hat, Frulein; wir nennen ihn auf dem Schiff
so.

Und eine kleine dnne Stimme antwortete ihnen:

-- Wohin fahrt ihr?

-- Wir fahren Kohle nach dem Sden, rief der Indier.

-- Wo es Sonne gibt? sagte die kleine Stimme.

-- So viel, da sie dem Alten die Haut gegerbt hat, antwortete Mahot.

Und nach einer Weile wieder die kleine Stimme:

-- Wollt ihr mich mit euch nehmen?

Mahot hielt im Kauen ein, und der Indier stellte den Krug hin, um zu
lachen.

-- Seh doch einer! rief Mahot. Das Frulein! Und deine Schleuse?

-- Morgen in der Frhe werden wir's sehen. Der Papa wre nicht erfreut.

-- Ist man im Schwnzen gro geworden? frug der Indier.

Die kleine Stimme sagte gar nichts mehr, und das schmale blasse Gesichtchen
verschwand in der Htte.

                                * * *

Die Nacht schlo die Mauern des Kanals. Das grne Wasser stieg an den Toren
der Schleuse hinauf. Man sah nichts als den Schimmer einer Kerze hinter den
weien und roten Vorhngen des Huschens. Das Wasser schlug regelmig
gegen den Kiel, und die Barke stieg schaukelnd hher. Kurz vor Tagesanbruch
knirschten die Haspeln, die Ketten rollten auf, und durch die offene
Schleuse zog das Boot weiter, von dem kleinen atemlosen Remorqueur
geschleppt. Als die runden Fenster die ersten roten Wolken widerstrahlten,
hatte die Barke schon diese trostlose Landschaft verlassen, wo der kalte
Wind ber die Brennesseln faucht.

Den Indier und Mahot weckte das zarte Plaudern einer Flte, die sprach, und
der kleinen Schlge gegen die Scheiben.

-- Die Spatzen haben es heute nacht kalt gehabt, Alter, sagte Mahot.

-- Nein, sagte der Indier, es ist eine Sptzin: die Kleine von der
Schleuse. Sie ist da, wahrhaftig! Der Racker!

Sie konnten sich des Lachens nicht enthalten. Das kleine Mdchen war ganz
rot vom Morgen und sprach mit seiner schmchtigen Stimme: Ihr habt's mir
erlaubt, da ich morgen frh komme. Jetzt ist morgen frh. Ich geh mit euch
in die Sonne.

-- In die Sonne? sagte Mahot.

-- Ja. Ich wei. Wo es blaue und grne Fliegen gibt, die die Nacht hell
machen; wo es Vgel gibt so gro wie ein Fingernagel, die auf den Blumen
leben; wo die Trauben an den Bumen hinaufsteigen; wo es Brot in den
Zweigen gibt und Milch in den Nssen, und Frsche, die wie groe Hunde
bellen und -- Dinge, -- die ins Wasser gehen, -- Krbisse -- nein -- Tiere,
die ihre Kpfe in eine Schale hineinziehen. Man legt sie auf den Rcken.
Man macht eine Suppe daraus. Krbisse -- Nein -- ich wei es nicht mehr --
helft mir.

-- Der Teufel hol mich, meinte Mahot, Schildkrten vielleicht?

-- Ja, sagte die Kleine. Schildkrten.

-- Nicht das alles, sagte Mahot. Und dein Papa?

-- Papa, der hat mich das gelehrt.

-- Das ist stark, sagte der Indier. Gelehrt was?

-- Alles was ich sage, die Fliegen, die leuchten, die Vgel und die --
Krbisse. Ihr mt wissen, Papa war Seemann, bevor er die Schleuse
erffnete. Aber Papa ist alt. Es regnet immer bei uns. Es gibt nur
schlechte Pflanzen. Wit ihr das nicht? Ich wollte einen Garten machen,
einen hbschen Garten in unserm Haus. Drauen im Freien ist zu viel Wind.
Ich htte in der Mitte vom Zimmer die Bretter aus dem Fuboden genommen,
gute Erde hingetan, und dann Gras und dann Rosen und dann rote Blumen, die
sich nachts schlieen, mit hbschen kleinen Vgeln, Nachtigallen, Ammern
und Hnflingen zum Plaudern. Papa hat's mir verboten. Er hat gesagt, das
wrde das Haus verderben und wrde Feuchtigkeit anziehen. Nun, ich wollte
keine Feuchtigkeit. Also fahre ich mit euch dort hinunter.

Die Barke zog leise weiter. An den Ufern des Kanals gingen die Bume
vorbei, einer nach dem andern. Die Schleuse war schon weit. Man konnte das
Boot nicht wenden. Der Remorqueur fauchte vorne.

-- Aber du wirst nichts sehen, sagte Mahot. Wir fahren nicht aufs Meer.
Niemals werden wir deine Fliegekfer finden und nicht die Vgel und nicht
die Frsche. Ein bichen mehr Sonne wird's geben -- das ist alles. -- Nicht
wahr, Indier?

-- Stimmt, sicher, sagte der.

-- Sicher? wiederholte das kleine Mdchen. Lgner! Ich wei es ganz gut.
Na!

Der Indier hob die Schultern:

-- Brauchst deshalb nicht Hungers sterben. Komm deine Suppe essen, Kleine.

                                * * *

Und durch die grauen und grnen Kanle, die kalten und milden, leistete
ihnen die Kleine Gesellschaft auf der Barke, in Erwartung des Wunderlandes.
Das Boot fuhr braune Felder entlang, auf denen die kleinen, grnen Halme
standen, und das magere Strauchwerk bekam Laub; und die Saat wurde gelb,
und die Klatschrosen bogen sich wie rote Becher gegen den Himmel. Aber die
Kleine wurde nicht mit dem Sommer lustig. Zwischen den Blumentpfen sa
sie, whrend der Indier und Mahot mit den Bootshaken hantierten, und
dachte, man habe sie betrogen. Wohl warf die Sonne ihre lustigen runden
Flecken durch die kleinen Scheiben auf den Boden und kreuzten die Eisvgel
ber dem Wasser und die Schwalben -- doch sie sah keine Vgel, die auf den
Blumen leben, noch Trauben, die an den Bumen hinaufklettern, noch dicke
Nsse voll Milch, noch Frsche, die wie Hunde sind.

Die Barke war im Sden angekommen. Die Huser an den Kanalufern standen in
Blttern und Blten. Die Tren krnten rote Paradiespfel, und vor den
Fenstern hatte die blaue Beibeere Vorhnge aufgemacht.

-- Das ist alles, sagte eines Tages Mahot. Jetzt werden wir bald die Kohlen
ausladen und heimkehren. Der Papa wird froh sein, nicht? Die Kleine
schttelte den Kopf.

Und am Morgen, die Barke war noch vertut, da hrten sie wieder kleine
Schlge gegen die runden Scheiben, und -- Lgner! rief eine kleine, feine
Stimme.

Der Indier und Mahot traten aus dem kleinen Haus. Ein schmales bleiches
Gesicht wandte sich ihnen zu, drben auf dem Ufer; und die Kleine rief
wieder, und wieder, whrend sie landeinwrts lief:

-- Lgner! Ihr seid alle Lgner!




Die Wilde


Jeden Morgen bei Tagesanbruch wurde Bchette vom Vater in den Wald gefhrt,
und sie blieb da bei ihm sitzen, whrend er die Bume fllte. Bchette sah,
wie das Beil in den Stamm fuhr und dnne Spne von der Rinde flogen; und
oft kam ihr graues Moos ins Gesicht. Achtung! rief der Vater, wenn der
Baum mit unterirdischem Krachen sich auf die Seite neigte. Sie wurde ein
bichen traurig, wenn sie den Riesen auf die Lichtung hingestreckt sah, mit
seinen zerbrochenen sten und verwundeten Zweigen. Am Abend glhte ein
rtlicher Kreis brennender Holzkohlen im Schatten auf. Bchette wute die
Stunde, wo sie den Weidenkorb ffnen mute, in dem fr den Vater der Krug
und das braune Brot waren. Er machte es sich in dem Astwerk, das herumlag,
bequem und kaute bedchtig. Bchette a ihre Suppe, wenn sie daheim waren.
Sie lief voraus, zwischen den gezeichneten Bumen hindurch, versteckte
sich, wenn sie der Vater nicht sah, und strzte hervor: Huhu!

Es war da eine Hhle, die nannte man Heilige Jungfrau vom Wolfsrachen, voll
Dorngestrpp und vielfacher Echos. Auf den Fuspitzen betrachtete Bchette
sie oft von weitem.

An einem Herbstmorgen war es, die gelben Waldwipfel brannten noch im
Morgenrot, da sah Bchette, wie sich vor der Wolfsrachenhhle etwas Grnes
bewegte. Das Ding hatte Arme und Beine, und der Kopf glich dem eines
Mdchens, das etwa so alt war wie Bchette.

Zuerst frchtete sich Bchette nher heranzugehen. Nicht einmal den Vater
traute sie sich zu rufen. Sie dachte, es sei eines jener Wesen, die
antworteten, wenn man laut in die Hhle hineinrief. Sie schlo die Augen
aus Angst, eine Bewegung zu machen und vielleicht angegriffen zu werden.
Und wie sie den Kopf neigte, hrte sie ein Schluchzen, das von der Hhle
her kam. Das merkwrdige grne Kind weinte. Da machte Bchette die Augen
wieder auf, und Mitleid ergriff sie. Denn sie sah das grne Gesicht dieses
merkwrdigen Mdchens, sanft und traurig, ganz in Trnen und zwei kleine
grne Hnde, die sie krampfhaft auf die Brust prete.

-- Sie ist vielleicht in hliche Bltter gefallen, die abfrben, sprach
Bchette zu sich.

Und mutig stieg sie durch das dornige Gestrpp auf die Hhle zu, da sie
beinah das sonderbare Geschpf berhrte. Kleine grnliche Arme streckten
sich Bchette aus verbleichten Wurzeln entgegen.

-- Sie sieht mir hnlich, sagte Bchette bei sich, aber was fr eine
sonderbare Farbe!

Das weinende grne Geschpf war mit einem aus Blttern genhten Hemd halb
bekleidet. Es war tatschlich ein kleines Mdchen, das die Farbe von einer
wilden Pflanze hatte. Bchette dachte sich, seine Fe mten in der Erde
verwurzelt sein. Aber die Kleine bewegte sie sehr flink.

Bchette strich ihr ber das Haar und nahm sie bei der Hand. Sie lie sich,
immer noch weinend, fortziehen. Sprechen schien sie nicht zu knnen.

-- Groer Gott! Eine grne Teufelin! rief Bchettes Vater, als er sie
kommen sah. -- Woher kommst du, Kleine, und warum bist du grn? Kannst du
nicht antworten?

Man konnte nicht sehen, ob das grne Mdchen verstanden hatte. Vielleicht
hat sie Hunger, sagte er. Und reichte ihr das Brot und den Krug. Sie
drehte das Brot in den Hnden und warf es auf die Erde; sie schttelte den
Krug und horchte auf das Gerusch, das der Wein da machte.

Bchette bat ihren Vater, er mchte doch das arme Geschpf nicht nachts im
Walde lassen. Die Holzkohlen verglimmten eine um die andere in der
Dmmerung, und das grne Mdchen sah zitternd in das Feuer. Als sie das
kleine Haus betrat, floh sie vor dem Licht. Sie konnte sich nicht an die
Flammen gewhnen, und jedesmal, wenn man eine Kerze anzndete, stie sie
einen Schrei aus.

Als Bchettes Mutter die Kleine sah, machte sie ein Kreuz: Gott, steh mir
bei, wenn das ein Teufel ist; aber ein Christenmensch ist es nicht.

Das grne Mdchen wollte weder Brot noch Wein noch Salz berhren, woraus
klar schien, da sie weder die Taufe noch das Abendmahl empfangen haben
konnte. Man verstndigte den Pfarrer, und er trat gerade ber die Schwelle,
als Bchette der Kleinen grne Schoten anbot.

Sie schien darber sehr erfreut und machte sich gleich daran, die Stengel
mit ihren Fingerngeln zu spalten, denn sie dachte, es seien darin die
Bohnen. Enttuscht wollte sie schon weinen, als Bchette ihr eine Schote
aufmachte. Dann knabberte sie an den Bohnen und schaute den Priester an.

Obschon man auch den Schullehrer kommen lie, konnte man ihr kein
menschliches Wort verstndlich machen, noch einen deutlichen Laut von ihr
hren. Sie weinte, lachte oder stie Schreie aus.

Der Pfarrer untersuchte sie sehr genau, konnte jedoch an ihrem Krper kein
hllisches Zeichen entdecken. Am nchsten Sonntag fhrte man sie in die
Kirche, wo sie gar keine Unruhe zeigte; sie jammerte nur, als man sie mit
Weihwasser na machte. Aber sie fuhr nicht vor dem Bild des Kreuzes zurck
und schien betrbt, als sie ihre Hnde auf die heiligen Male und die Risse
der Dornen legte.

Die Leute im Dorf waren alle sehr neugierig geworden; einige hatten Angst
vor ihr; und trotz der Meinung des Pfarrers sprach man von ihr als der
>grnen Teufelin<.

Sie nhrte sich nur von Krnern und Frchten; und jedesmal wenn man ihr
eine Hlsenfrucht oder einen Zweig gab, brach sie den Stengel oder das Holz
auf und weinte vor Enttuschung. Bchette gelang es nicht, ihr
beizubringen, wo sie die Krner oder die Kirschen suchen sollte, und ihre
Enttuschung war immer dieselbe.

Durch Nachahmen lernte sie bald Holz und Wasser tragen, kehren, putzen und
sogar nhen, wenn sie das Leinen auch mit einem gewissen Widerwillen
berhrte. Doch nie konnte sie sich dazu verstehen, Feuer anzumachen oder
sich auch nur dem Herd zu nhern.

                                * * *

Bchette war gro geworden, und ihre Eltern wollten sie in Dienst schicken.
Das machte ihr Kummer, und nachts weinte sie leise unter der Bettdecke. Das
grne Mdchen sah voll Mitleiden auf seine kleine Freundin. Am Morgen
schaute sie fest in Bchettes Augen, und ihre eigenen fllten sich mit
Trnen. Und des Nachts fhlte die weinende Bchette eine weiche Hand, die
ihr das Haar streichelte, und einen khlen Mund auf ihren Wangen.

Die Zeit kam, da Bchette ihren Dienstplatz antreten sollte. Sie schluchzte
jetzt fast eben so erbrmlich wie das grne Geschpf damals, an dem Tage,
als man sie verlassen vor der Wolfsrachenhhle fand.

Und am letzten Abend, als die Eltern Bchettes schliefen, strich das grne
Mdchen der Weinenden ber das Haar und nahm sie bei der Hand. Sie ffnete
die Tr und streckte den Arm in die Nacht. Und wie Bchette sie einst zu
den Husern der Menschen gebracht hatte, so fhrte sie sie nun an der Hand
in die unbekannte Freiheit.




Die Getreue


Jeanies Geliebter war Matrose geworden, und sie war nun allein, ganz
allein. Sie schrieb einen Brief und siegelte ihn mit ihrem kleinen Finger
und warf ihn in den Flu, zwischen die langen roten Grser. So wrde er bis
in den Ozean kommen. Jeanie konnte ja nicht wirklich schreiben; aber ihr
Geliebter wrde ihn schon verstehen, denn es war ein Brief der Liebe. Und
sie wartete lange auf die Antwort, die vom Meere kommen sollte; und die
Antwort kam nicht. Es war wohl kein Flu von ihm bis zu Jeanie.

Und eines Tages ging Jeanie fort auf die Suche nach ihrem Geliebten. Sie
schaute auf die Wasserblumen und ihre gebogenen Stiele; und alle Blumen
neigten sich gegen sie. Und Jeanie sprach im Gehen: Auf dem Meere ist ein
Schiff -- auf dem Schiff ist ein Zimmer -- in dem Zimmer ist ein Kfig --
in dem Kfig ist ein Vogel -- im Vogel ist ein Herz -- im Herz ist ein
Brief -- in dem Brief steht geschrieben: Ich liebe Jeanie. -- Ich liebe
Jeanie ist in dem Brief, der Brief ist im Herz, das Herz ist im Vogel, der
Vogel ist im Kfig, der Kfig ist im Zimmer, das Zimmer ist im Schiff, das
Schiff ist sehr weit auf dem groen Meer.

Und da Jeanie keine Furcht vor den Menschen hatte, gaben ihr die
mehlbestubten Mller Brot, wenn sie sie kommen sahen, einfach und arglos
und mit dem goldenen Reif am Finger, und erlaubten ihr, mit einem weien
Ku, bei den Mehlscken zu schlafen.

So durchzog sie ihr Land der fahlroten Felsen und die tiefen Wlder und die
flachen Wiesen, die in der Nhe der Stdte um die Flsse sich dehnten.
Viele von denen, die Jeanie beherbergten, gaben ihr Ksse; aber sie gab sie
nie zurck -- denn die treulosen Ksse der Geliebten lassen ein rotes
Blutmal auf ihren Wangen.

Sie kam in die Seestadt, wo sich ihr Geliebter eingeschifft hatte. Am Hafen
suchte sie den Namen seines Schiffes, aber sie konnte ihn nicht finden,
denn das Schiff mute in das Meer von Amerika geschickt worden sein, dachte
Jeanie.

Schiefe dunkle Gassen fhrten von der Stadt an die Quais hinunter. Manche
waren gepflastert, mit einer Gosse in der Mitte; andere waren nur schmale
Treppen aus alten Fliesen.

Jeanie sah gelb und blau gemalte Huser mit Kpfen von Negerinnen ber der
Tr und Bildern von Vgeln mit rotem Schnabel. Am Abend baumelten groe
Laternen davor. Sie sah Mnner hineingehen, die betrunken schienen.

Jeanie dachte, das seien Herbergen fr die Matrosen, die aus den Lndern
der schwarzen Frauen und bunten Vgel heimgekommen sind. Und es fate sie
ein groes Verlangen, ihren Geliebten in einer solchen Herberge zu
erwarten, in der es vielleicht nach dem fernen Meere roch.

Sie schaute auf und sah weie Frauengestalten, die sich auf die
Fenstergitter sttzten, um Luft zu holen. Jeanie trat durch eine Doppeltr
und fand sich in einem gepflasterten Raum unter halbnackten Frauen in roten
Kleidern. Im Hintergrund des warmen Zimmers blinzelte ein Papagei. In drei
dicken schmalen Glsern auf dem Tisch war etwas Schaumiges.

Vier Frauen umringten lachend Jeanie, und sie sah noch eine andere,
dunkelgekleidete, die in einem kleinen Verschlage nhte.

-- Sie ist vom Land, sagte eine der Frauen.

-- Psst! sagte eine andere, mut nichts sagen.

Und alle riefen durcheinander:

-- Willst du trinken, Kleine?

Jeanie lie sich kssen und trank aus einem der schmalen Glser. Eine dicke
Person sah den Ring.

-- Ihr redet, und das ist verheiratet!

Alle riefen auf einmal:

-- Was? du bist verheiratet, Kleine?

Jeanie wurde rot, denn sie wute nicht, ob sie auch wirklich verheiratet
sei und wie sie antworten msse.

-- Die kenne ich, diese Verheirateten, sagte eine. Ich auch, wie ich klein
war, wie ich sieben Jahre alt war, ich hatte kein Hemd am Leib. Nackt bin
ich in den Wald gegangen, um meine Kirche zu bauen -- und alle die kleinen
Vgel halfen mir dabei. Da war der Geier, der brach den Stein, und die
Taube, die schnitt ihn auseinander mit ihrem scharfen Schnabel, und der
Dompfaff, der spielte die Orgel. Das war meine Hochzeitskirche und meine
Messe.

-- Aber die Kleine hat ihren Ehering, hat sie nicht? sagte die Dicke.

Und alle riefen durcheinander:

-- Wirklich, einen Ehering?

Da kten sie Jeanie, eine nach der andren, streichelten sie und lieen sie
trinken, und es gelang ihnen sogar, die Dame zum Lachen zu bringen, die in
dem kleinen Verschlag nhte.

Whrenddem spielte eine Geige vor er Tre, und Jeanie war eingeschlafen.
Zwei von den Frauen trugen sie vorsichtig auf ein Bett, eine kleine Treppe
hinauf in einem Zimmerchen.

Dann redeten sie alle durcheinander:

-- Man mu ihr etwas schenken. Aber was?

Der Papagei wachte auf und schwatzte.

-- Ich will's euch sagen, erklrte die Dicke.

Und sie sprach lang mit leiser Stimme. Eine der Frauen wischte sich die
Augen.

-- Das ist wahr, sagte sie, wir haben keinen gehabt; das wird uns Glck
bringen.

-- Nicht? Sie fr uns vier, sagte eine andere.

-- Wir fragen Madame um Erlaubnis, sagte die Dicke.

                                * * *

Und am nchsten Morgen, als Jeanie weiterging, hatte sie an jedem Finger
ihrer linken Hand einen Ehering. Ihr Geliebter war weit fort; aber sie
wrde an sein Herz klopfen, um dort einzutreten, mit ihren fnf goldenen
Ringen.




Die Auserwhlte


Seitdem sie gro genug war, hatte Ilse die Gewohnheit, jeden Morgen vor
ihren Spiegel zu gehen, um zu sagen: Guten Morgen, meine kleine Ilse.
Dann spitzte sie die Lippen und kte das kalte Glas. Das Bild schien von
allein zu kommen. Es war in Wirklichkeit ganz fern. Und diese andere,
bleichere Ilse, die sich aus den Tiefen des Spiegels hob, war eine
Gefangene des khlen Mundes. Ilse gab ihr ihr Mitleid, denn sie schien
traurig und grausam. Ihr morgendliches Lachen war eine bleiche Morgenrte,
noch gefrbt vom nchtlichen Grauen.

Und doch liebte Ilse sie und sprach zu ihr: Niemand sagt dir guten
Morgen, arme kleine Ilse. Da, k mich. Wir wollen heute spazieren gehen,
Ilse. Mein Geliebter wird uns suchen. Komm. Ilse wandte sich, und die
andere Ilse flchtete melancholisch in den leuchtenden Schatten.

Ilse zeigte ihr ihre Puppen und ihre Kleider. Spiel mit mir. Zieh dich an
mit mir. Auch die andere Ilse zeigte eiferschtig Ilse bleichere Puppen
und farblose Kleider. Sie sprach nicht und tat nichts als die Lippen
bewegen, wenn Ilse sprach.

Manchmal wurde Ilse zornig wie ein Kind gegen die stumme Dame, und auch
die wurde bse. Schlimme, schlimme Ilse! rief sie, wirst du mir
antworten! willst du mich wohl umarmen! Sie schlug den Spiegel mit der
Hand. Eine fremde Hand, die an keinem Krper war, erschien vor der ihren.
Niemals konnte Ilse die andere Ilse greifen und halten.

Sie verzieh ihr des Nachts; und glcklich sie wiederzufinden, sprang sie
aus dem Bett, um sie zu kssen und flsterte: Guten Morgen, meine kleine
Ilse.

Als Ilse einen wirklichen Brutigam hatte, fhrte sie ihn vor ihren
Spiegel und sagte zur andern Ilse: Schau dir meinen Geliebten an, aber
schau ihn nicht zu viel an. Er gehrt mir, aber ich will dich ihn gern
sehen lassen. Wenn wir verheiratet sind, dann darf er dich mit mir kssen,
jeden Morgen. Ihr Brutigam mute lachen. Ilse im Spiegel lachte auch.
Nicht wahr, er ist schn, und ich liebe ihn, sagte Ilse. Ja, ja,
antwortete die andere Ilse. Wenn du mir ihn zu viel ansiehst, k ich
dich nie mehr wieder, sagte Ilse. Ich bin so eiferschtig wie du, weit
du! Auf Wiedersehn, meine kleine Ilse.

                                * * *

Je mehr Ilse die Liebe erfuhr, um so trauriger wurde Ilse im Spiegel.
Denn ihre Freundin kam nicht mehr des Morgens, sie zu kssen. Sie hatte sie
ganz vergessen. Dafr kam nach der Nacht das Bild ihres Verlobten zu Ilses
Morgenerwachen. Und tagsber sah Ilse nicht mehr die Dame im Spiegel, doch
ihr Geliebter schaute sie an. Oh! sagte Ilse, du denkst nicht mehr an
mich, du Bser. Es ist die andere, die du ansiehst. Aber sie ist gefangen;
sie wird nie kommen. Sie ist eiferschtig auf dich; aber ich bin
eiferschtiger als sie. Sieh sie nicht an, Geliebter, sieh mich an. Bse
Ilse im Spiegel, ich verbiete dir, meinem Brutigam zu antworten. Du
kannst nicht kommen; du wirst niemals kommen knnen. Nimm ihn mir nicht,
bse Ilse. Nachher, wenn wir verheiratet sind, darf er dich mit mir
kssen. Lach doch, Ilse! Du wirst mit uns sein.

                                * * *

Sie wurde eiferschtig auf die andere Ilse. Wenn der Tag verging, ohne da
der Geliebte gekommen war, rief Ilse: Du jagst ihn fort, du jagst ihn
fort mit deinem bsen Gesicht. Geh weg, du Bse, la uns

Und Ilse verbarg ihren Spiegel hinter einem weien und feinen Linnen. Und
hob ein Endchen davon auf, um den letzten kleinen Nagel durchzuschlagen.
Adieu, Ilse, sagte sie.

Doch ihr Brutigam blieb mde wie zuvor. >Er liebt mich nicht mehr<, dachte
Ilse, >er kommt nicht mehr, ich bleib allein, allein. Wo ist die andere
Ilse? Ist sie mit ihm fortgegangen!< Und mit ihrer kleinen goldenen Schere
schnitt sie ein Stckchen aus dem Linnen und schaute. ber dem Spiegel lag
ein weier Schatten. >Sie ist fort<, dachte Ilse.

                                * * *

Man mu Geduld haben, sagte sich Ilse. Die andere Ilse wird
eiferschtig und traurig sein. Mein Geliebter wird wiederkommen. Ich werde
ihn erwarten.

Jeden Morgen kam es ihr vor, als she sie ihn auf dem Kopfkissen, ganz nah
ihrem Gesicht, und sie murmelte im Halbschlaf: Oh, Geliebter, bist du nun
zurckgekommen? Guten Morgen. Guten Morgen, mein kleiner Liebling. Und sie
streckte die Hand aus und berhrte das khle Laken.

-- >Man mu ganz viel Geduld haben<, dachte Ilse noch.

                                * * *

Lange wartete Ilse auf ihren Brutigam. Ihre Geduld flo in Trnen. Und
ihre Augen blieben feucht, und verwirrte Linien zogen ber ihre Wangen. Ihr
ganzer Leib beugte sich. Jeder Tag, jeder Monat, jedes Jahr drckte mit
schwererem Finger ein Mal auf sie.

-- Oh! mein Geliebter, sagte Ilse, ich mu an dir zweifeln. Sie
schnitt das weie Linnen vom Spiegel, und in dem bleichen Rahmen war das
Glas ganz voll von dunklen Flecken. Feine Runzeln zogen ber den Spiegel,
und dort, wo sich das Metall vom Glas gelst hatte, sah man dunkle Teiche.

Die andere Ilse kam aus der Tiefe des Spiegels, schwarz gekleidet wie
Ilse, und das Gesicht abgemagert und gezeichnet von den sonderbaren
Zeichen des Glases. Und der Spiegel schien geweint zu haben.

-- Du bist traurig, wie ich, sagte Ilse.

Die Dame im Spiegel weinte. Ilse kte sie und sagte: Gute Nacht, meine
arme Ilse.

Und als Ilse, die Lampe in der Hand, in ihr Zimmer trat, stand sie voll
Staunen: denn die andere Ilse kam, eine Lampe in der Hand, auf sie zu mit
traurigen Augen. Ilse hob die Lampe ber ihren Kopf und setzte sich auf
das Bett. Und die andere Ilse hob die Lampe ber den Kopf und setzte sich
neben sie.

-- Ich versteh es wohl, dachte Ilse. Die Dame des Spiegels hat sich
befreit. Sie ist gekommen, mich zu holen. Ich werde sterben.




Die Trumerin


Nach dem Tode ihrer Eltern blieb Marjolaine in dem kleinen Huschen mit
ihrer alten Amme. Sie hatten ihr ein gebruntes Strohdach und das Gemuer
einer mchtigen Esse hinterlassen. Denn Marjolaines Vater war Erzhler und
Bildner von Trumen. Ein Freund seiner schnen Gedanken gab ihm seine Erde
zum Bilden, ein bichen Geld zum Trumen. Lange hatte er vielerlei Sorten
Ton mit dem Staub von Metallen gemischt, um ein kstliches Email daraus zu
brennen. Er hatte versucht, wunderbare Glser zu blasen, die er dann mit
Gold berzog. Er machte aus Kernen und Steinen eine harte Masse, und die
erkaltete Bronze irisierte, wie das Wasser der Smpfe. Doch blieben von ihm
nur zwei oder drei geschwrzte Tiegel erhalten, einige abgescheuerte ganz
von Schlacken verbeulte Erzplatten und sieben groe farbblasse Krge ber
dem Herd. Und von Marjolaines Mutter, einem frommen Landmdchen, war nichts
geblieben: denn sie hatte fr den >Tpfer< sogar ihren silbernen Rosenkranz
verkauft.

Marjolaine wuchs neben ihrem Vater heran, der eine grne Schrze trug,
dessen Hnde immer erdbeschmutzt und dessen Augen rot vom Feuer waren. Sie
bewunderte die sieben Krge, die ganz verraucht oben auf der Esse standen
und voller Geheimnisse waren. An einen hohlen und wellenfrmigen Regenbogen
mute man denken. Morgana hatte dem blutroten Kruge einen lgesalbten
Ruber entsteigen lassen, mit einem von Damascenerblumen ganz bedeckten
Sbel. In dem orangefarbenen Kruge konnte man wie Aladin Frchte aus Rubin
finden, Pflaumen aus Amethyst, Kirschen aus Granaten, Quitten aus Topas,
opalne Trauben und Beeren aus Diamanten. Der gelbe Krug war voll gefllt
mit Goldstaub, den Camaralzaman unter den Oliven versteckt hatte. Man sah
noch ein bichen eine Olive unter dem Deckel, und der Rand des Gefes
leuchtete; Der grne Krug mute mit einem groen Kupfersiegel mit dem
Zeichen des Knigs Salomo verschlossen werden. Das Alter hatte eine Decke
aus Grnspan darauf gemalt; denn der Krug bewohnte ehemals den Ozean, und
er enthielt seit vielen tausend Jahren einen Geist, der ein Prinz war. Ein
ganz junges reines Mdchen allein vermchte mit der Erlaubnis des Knigs
Salomo, der den Alraunen die Stimme gegeben hat, bei Vollmond den Zauber zu
lsen. In den hellblauen Krug hatte Giauhar alle seine Wasserkleider
geschlossen, die aus Algen gewebt, mit Gemmen aus Aquamarin bestickt und
gefrbt waren mit dem Purpur der Muscheln. Der ganze Himmel des irdischen
Paradieses und die reichen Frchte des Baumes und die brennenden Schuppen
der Schlange und das flammende Schwert des Engels waren in dem dunkelblauen
Kruge, und er glich der ungeheuren azurnen Kuppel einer australischen
Blume. Und die geheimnisvolle Lilith hatte den ganzen Himmel des
himmlischen Paradieses in den letzten Krug gegossen: so stand er violett
und starr wie die Mtze des Bischofs.

Die von diesen Dingen nichts wuten, die sahen nichts als sieben farblose
alte Krge auf dem bauchigen Dache der Esse. Aber Marjolaine wute die
Wahrheit aus den Erzhlungen ihres Vaters. Am winterlichen Feuer, im
wechselnden Schatten von Flamme und Kerzenlicht, folgte sie mit den Augen
dem Raunen der Wunder, bis zur Stunde da sie schlafen ging.

Da der Backtrog kaum leer war, mit der Salzbchse in der Hand, bat die Amme
Marjolaine: Verheirate dich, mein Kindchen: deine Mutter dachte an Jean;
willst du nicht Jean heiraten? Meine Jolaine, meine Jolaine, was wirst du
eine hbsche Frau geben!

-- Die Frau der Marjolaine hat Ritter gehabt, sagte die Trumende; ich
bekomme einen Prinzen.

-- Prinzessin Marjolaine, sagte die Amme, heirate Jean, und du machst
ihn zum Prinzen.

-- Ach nein, sagte die Trumende; ich will lieber spinnen. Ich bewahre
meine Diamanten und meine Kleider fr einen viel Schneren. Kauf Hanf und
eine glatte Spindel. Wir werden bald unsern Palast haben. Jetzt ist er in
einer schwarzen afrikanischen Wste. Und ein Zauberer wohnt darin, bedeckt
von Blut und Giften. Er mischt in den Wein der Wanderer ein braunes Pulver,
das sie in zottige Tiere verwandelt. Flackernde Fackeln leuchten in dem
Palast, und die Neger, die das Mahl auftragen, haben goldene Kronen. Mein
Prinz wird den Zauberer tten, und der Palast kommt in unser Land, und du
wiegst mein Kind.

-- O Marjolaine, heirate Jean! sagte die alte Amme.

Marjolaine setzte sich hin und spann. Geduldig zog sie die Spindel und
drehte den Faden. Und der Rocken wurde klein und schwoll wieder an. Neben
ihr sa Jean und sah sie voll Anbetung an. Aber sie achtete gar nicht auf
ihn. Denn die sieben Krge auf dem Sims der groen Esse waren voller
Trume. Tagsber glaubte sie, sie seufzen oder singen zu hren. Wenn sie im
Spinnen einhielt, zitterte der Rocken nicht mehr um der Krge willen, und
die Spindel hrte um ihretwillen auf zu sausen.

-- O Marjolaine, heirate Jean, sagte ihr die alte Amme jeden Abend.

Aber um Mitternacht erhob sich die Trumende. Wie Morgane warf sie
Sandkrner an die Krge, um die Geheimnisse zu erwecken. Und doch schlief
der Ruber weiter; die kostbaren Frchte erklangen nicht, und sie hrte
nicht den Goldstaub rieseln, noch die Stoffe der Kleider rauschen, und
Salomonis Siegel lag schwer auf dem eingeschlossenen Prinzen.

Eines ums andere warf Marjolaine ihre Sandkrner. Siebenmal schlugen sie
auf die harte Erde der Krge; und siebenmal wieder war es still.

-- Marjolaine, heirate Jean, sagte ihr jeden Morgen die alte Amme.

                                * * *

Da zog Marjolaine die Brauen zusammen, wenn sie Jean sah, und Jean kam
nicht mehr; Und an einem frhen Morgen fand man die alte Amme tot mit einem
Lcheln um den Lippen. Und Marjolaine tat ein schwarzes Kleid an und eine
dunkle Haube und spann weiter.

Jede Nacht stand sie auf und warf wie Morgane Sandkrner an die Krge, um
die Geheimnisse zu erwecken. Und die Trume schliefen immer.

                                * * *

Marjolaine wurde alt in ihrem geduldigen Warten. Aber der unter dem Siegel
Salomonis gefangene Prinz war gewi noch immer jung und lebte er auch schon
tausend Jahre und mehr. Und eines Nachts, da Vollmond war, stand die
Trumende auf wie eine Mrderin und nahm einen Hammer. In wilder Wut
zerschlug sie sechs Krge und der Angstschwei rann von ihrer Stirne. Die
Krge zerbrachen: sie waren leer.

Sie zauderte vor dem Kruge, in den Lilith das violette Paradies gegossen
hatte; dann ermordete sie ihn wie die anderen. Und in den Scherben lag eine
trockene graue Jerichorose. Als Marjolaine sie zum Blhen bringen wollte,
zerfiel sie in Staub.




Die Erhrte


Cice zog die Knie an in ihrem kleinen Bett und legte das Ohr an die Wand.
Das Fenster war bleich. Die Mauer zitterte und schien mit ganz leisem Atmen
zu schlafen. Der kleine weie Unterrock blhte sich ber dem Stuhl, von dem
zwei Strmpfe herabhingen, wie schwarze weiche und leere Beine. Ein Kleid
hob sich geheimnisvoll an die Wand, wie wenn es zur Decke hinaufklettern
wollte. Die Dielen des Fubodens knackten leise in der Nacht. Der
Wasserkrug glich einer weien Krte, die im Becken hockt und das Dunkel
schlrft.

-- Ich bin zu unglcklich, sagte Cice. Und sie fing an zu weinen. Die Mauer
seufzte strker; die beiden schwarzen Beine blieben regungslos, und das
Kleid hrte zu klettern auf, und die zusammengekauerte weie Krte schlo
nicht ihr feuchtes Maul.

Cice sprach weiter:

-- Alle sind sie gegen mich, und alle lieben hier nur meine Schwestern, und
man hat mich whrend des Abendessens zu Bett geschickt, darum will ich
fort, ja, ich will weit fort. Ich bin ein Aschenbrdel, ja, ein
Aschenbrdel bin ich. Aber ich will es ihnen schon zeigen. Ich bekomme
einen Prinzen, und sie bekommen niemand, gar niemand. Und dann komm ich in
meinem schnen Wagen, und mein Prinz neben mir; ja, das mach ich. Wenn sie
bis dahin gut sind, verzeih ich ihnen. Armes Aschenbrdel, ihr werdet schon
sehen, da sie besser ist als ihr, wartet nur!

Ihr kleines Herz wurde ganz gro, whrend sie ihre Strmpfe anzog und ihren
Unterrock band. Der leere Stuhl stand verlassen mitten im Zimmer.

Cice stieg leise hinunter in die Kche und kniete sich weinend am Herd hin,
die Hnde in der Asche.

Ein Gerusch wie das eines Spinnrades lie sie sich umwenden. Ein weicher
haariger Krper rieb ihre Knie.

-- Ich habe keine Patin, sagte Cice, aber ich habe meine Katze. Nicht wahr?

Sie hielt ihre Finger hin, und die Katze leckte sie langsam wie mit einer
kleinen warmen Raspel.

-- Komm, sagte Cice.

Sie stie die Tr in den Garten auf, und die frische Luft schlug ihr ins
Gesicht. Ein dunkler grnlicher Fleck war der Rasen; der groe Ahorn
zitterte, und die Sterne hingen in den Zweigen. Der Gemsegarten jenseits
der Bume war ganz deutlich, und die Melonen leuchteten wie helle Glocken.

Cice ri lange Grser aus, die sie ganz fein kitzelten. Sie lief zwischen
den Melonen hin, wo kleine Schimmer flackerten. -- Ich habe keine Patin:
Kannst du einen Wagen machen, Katze?

Das kleine Tier ghnte gegen den Himmel, an dem sich graue Wolken jagten.

-- Ich habe auch noch keinen Prinzen, sagte Cice. Wann kommt er?

Sie setzte sich neben eine dicke veilchenblaue Distel und schaute auf den
Zaun des Gemsegartens. Dann zog sie einen ihrer kleinen Schuhe aus und
warf ihn mit aller Kraft ber die Johannisbeerstrucher. Der Schuh fiel
hinaus auf die Landstrae. Cice streichelte die Katze:

-- Hr zu, Katze. Wenn mir der Prinz meinen Schuh nicht bringt, dann kauf
ich dir Stiefel, und wir ziehen aus, ihn zu finden. Es ist ein sehr schner
junger Mann. Er hat ein grnes Kleid an mit Diamanten. Er liebt mich sehr,
aber er hat mich nie gesehen. Du wirst schon nicht eiferschtig sein. Weit
du, wir bleiben zusammen, wir drei. Und ich werde viel glcklicher sein als
Aschenbrdel, denn ich war viel unglcklicher. Aschenbrdel ging jeden
Abend auf den Ball, und sie bekam sehr schne Kleider. Ich, ich habe nur
dich, meine geliebte Katze.

Sie kte sie auf ihre feuchte Maroquinnase. Die Katze miaute leise und
rieb sich mit einer Pfote das Ohr. Dann leckte sie sich und schnurrte.

Cice pflckte grne Johannisbeeren.

-- Eine fr mich, eine fr meinen Prinzen, eine fr dich. Eine fr meinen
Prinzen, eine fr dich, eine fr mich. Eine fr dich, eine fr mich, eine
fr meinen Prinzen. Siehst du, so werden wir leben. Wir teilen alles unter
uns drei und haben keine bsen Schwestern.

                                * * *

Die grauen Wolken am Himmel hatten sich zusammengezogen. Ein bleiches
blaues Band hob sich im Osten. Die Bume badeten in einem fahlen
Halbschatten. Pltzlich fuhr ein eiskalter Windsto Cice an die Kleider.
Alles frstelte. Der violette Ahorn beugte sich zwei, dreimal. Die Katze
machte einen Buckel und strubte das Fell.

Cice hrte weit auf der Strae das knirschende Gerusch von Rdern.

Ein glanzloses Feuer lief ber die wiegenden Wipfel und das Dach des
kleinen Hauses entlang.

Das Gerusch der Rder kam nher. Man hrte Pferdewiehern und undeutliche
Stimmen von Menschen.

-- Horch, Katze, sagte Cice. Horch. Dort kommt ein groer Wagen! Das ist
sein Wagen! Mein Prinz kommt! Schnell, schnell, er ruft mich!

Ein Schuh aus goldfarbnem Leder flog ber die Johannisbeerstrucher mitten
unter die Melonen.

Cice lief an den Weidenzaun und ffnete.

Ein langer dunkler Wagen kam schwerfllig heran. Der Zweispitz des
Kutschers leuchtete in einem roten Licht. Zwei schwarze Mnner gingen an
jeder Seite der Pferde. Der hintere Teil des Wagens war niedrig und
lnglich wie ein Sarg. Ein fader Geruch schwamm im Morgenwind.

Aber Cice verstand nichts von all dem. Sie sah nur eines: der wunderbare
Wagen war da. Und der Kutscher des Prinzen hatte Gold im Haar. Der schwere
Koffer war voll mit Brautgeschenken. Das schreckliche und herrische Parfm
umschlo sie wie ein Knigsmantel.

Und Cice streckte die Arme weit aus und rief:

-- Mein Prinz, nimm mich mit, nimm mich mit!




Die Gefhllose


Die Prinzessin Morgane liebte niemanden. Sie hatte eine kalte Keuschheit
und lebte unter den Blumen und den Spiegeln. Sie heftete rote Rosen in ihr
Haar und betrachtete sich. Sie sah kein junges Mdchen und keinen jungen
Mann, denn in allen Blicken, die man ihr gab, sah sie nur sich. Und sie
kannte nicht die Grausamkeit und nicht die Wollust. Ihre schwarzen Haare
fielen um ihr Gesicht wie langsame Wellen. Es verlangte sie, sich selbst zu
lieben: aber das Bild in den Spiegeln hatte eine stille und ferne Klte,
und das Bild in den Teichen war trb und bleich, und das Bild in den
Flssen zitterte und zerflo.

Die Prinzessin Morgane hatte in den Bchern die Geschichte vom Spiegel der
Schnee-Weie gelesen, der sprechen konnte und ihr ihre Ermordung
verkndete, und die Geschichte vom Spiegel der Ilse, aus dem eine andere
Ilse entstieg, die die Ilse ttete, und das Abenteuer vom nchtlichen
Spiegel der Stadt Milet, der es dahin brachte, da sich die Milesierinnen
beim Abendaufgang erdrosselten. Sie hatte das geheimnisvolle Bild gesehn,
worauf der Brutigam vor seiner Braut ein Schwert gezogen, weil sie selbst
einander in der Dmmerung des Abends begegnet waren: denn die Doppelgnger
verknden den Tod. Aber Morgane frchtete ihr Bild nicht, denn niemals war
sie sich begegnet anders als rein und verschleiert, nicht grausam und
wollstig, sie selbst fr sich selber. Und die glatten grngoldnen Rahmen,
die schweren quecksilbernen Tafeln zeigten Morgane nie die Morgane.

Die Priester ihres Landes waren Geomanten und Feueranbeter. Sie breiteten
den Sand in dem viereckigen Kstchen aus und zogen die Linien; sie
wahrsagten aus ihren ledernen Talismanen und machten den schwarzen Spiegel
aus Wasser und Rauch. Und des Abends begab sich Morgane zu ihnen und warf
drei Kuchen als Opfer ins Feuer. Sieh, sagte der Geomant; und er zeigte
den schwarzflssigen Spiegel. Morgane schaute hinein: und ein klarer Rauch
zog ber die Flche, dann kreiste ein farbiger Ring, und nun hob sich ein
Bild, das sich leise bewegte. Es war ein weies Haus, wie ein Wrfel, mit
hohen Fenstern; und unter dem dritten Fenster hing ein groer erzener Ring.
Und rings um das Haus war weit hin nichts als grauer Sand. Das ist der Ort
des wahrhaftigen Spiegels, sprach der Geomant; aber unsere Wissenschaft
kann ihn weder halten noch erklren.

Morgane beugte sich und warf drei andere Opferkuchen ins Feuer. Aber das
Bild schwankte und wurde dunkel; das weie Haus verging, und vergeblich
schaute Morgane in den schwarzen Spiegel.

Und am folgenden Tage verlangte es Morgane zu reisen. Denn es schien ihr,
als htte sie den dsteren Sand wiedererkannt, und sie wandte sich gegen
Westen. Ihr Vater gab ihr eine erlesene Karawane, Maultiere mit silbernen
Glckchen, und man trug Morgane in einer Snfte, deren Wnde waren aus
kostbaren Spiegeln.

So zog sie durch Persien und besuchte die einsamen Herbergen, und jene, die
an den Stadtgrben stehen und von den Wanderern als verrufene Huser
gemieden werden, wo nchtlich die Weiber singen und die Goldstcke rollen.

Und an den Grenzen des Perserreiches sah sie viele weie kubische Huser
mit hohen Fenstern; aber der eherne Ring hing an keinem davon. Und man
sagte ihr, der Ring wre im christlichen Lande der Syrer, gegen Westen.

Und Morgane kam an den flachen Ufern des Stromes vorbei, der das Land der
feuchten Ebene umgibt, wo dichte Sholzwlder stehen. Es gab da Schlsser
aus einem mchtigen Felsblock gehauen, der auf seiner Spitze stand; und die
Frauen, die in der Sonne an der Heerstrae saen, trugen Fransen um die
Stirne gewunden, die waren aus roten Pferdeschweifen. Und es leben dort
die, die groe Herden von Pferden hten und Lanzen mit silbernen Spitzen
tragen.

Und weiter noch ist ein wildes Gebirge; da leben Ruber, die trinken
Gerstenbranntwein zu Ehren ihrer Gtter. Sie beten grne, seltsam geformte
Steine an und prostituieren sich einander im Kreise brennender Strucher.
Morgane fate ein Grausen vor ihnen.

Und weiter noch ist eine unterirdische Stadt mit schwarzen Menschen, zu
denen ihre Gtter nur kommen, wenn sie schlafen. Sie essen die Fasern des
Hanfes und bedecken ihr Gesicht mit zerriebener Kreide. Und die sich an dem
Hanf berauschen, durchschneiden den Schlafenden den Hals und schicken sie
so zu den nchtlichen Gttern. Morgane fate ein Grausen vor ihnen.

Und weiter noch dehnte sich die graue Sandwste, wo Pflanzen und Steine dem
Sande gleichen. Und am Eingange in diese Wste fand Morgane das Haus mit
dem Ring.

Sie lie ihre Snfte halten, und die Treiber schirrten die Maultiere ab. Es
war ein altes Haus und ohne Mrtel gebaut; und seine steinernen Quader
waren sonngebleicht. Aber der Besitzer des Hauses konnte Morgane nichts vom
Spiegel sagen: denn er kannte ihn nicht.

Und des Abends, nachdem man die dnnen Fladen gegessen hatte, erzhlte der
Wirt Morgane, da dieses Haus vom Ringe in alten Zeiten von einer grausamen
Knigin bewohnt war. Und sie ist fr ihre Grausamkeit bestraft worden. Sie
hatte befohlen, da man einen frommen Mann kpfe, der da einsam inmitten
der Wste wohnte und die Pilger mit guten Worten im Flusse baden hie. Und
gleich darauf kam die Knigin um mit ihrem ganzen Stamm. Und das Zimmer, in
dem sie gewohnt hatte, wurde vermauert. Der Wirt zeigte Morgane die
steinverschlossene Tr.

Darauf legten sich alle im Haus zur Ruhe in den viereckigen Rumen und
unter dem Wetterdach.

Aber gegen Mitternacht weckte Morgane ihre Leute und lie sie die
vermauerte Tr aufbrechen. Und sie stieg durch das Mauerloch, eine eiserne
Fackel in der Hand.

Und die Leute der Prinzessin vernahmen einen Schrei und folgten Morgane. Da
lag sie inmitten des vermauerten Zimmers auf den Knien vor einem kupfernen
Becken, und das war voll Blut; und ihre Augen stierten in das Blut. Und der
Hauswirt hob die Arme: denn das Blut im Becken war nicht eingetrocknet seit
damals, als die grausame Knigin ein abgeschlagenes Haupt hineinlegen lie.

                                * * *

Niemand wei, was die Prinzessin in dem Spiegel aus Blut sah. Aber auf dem
Heimweg fand man jede Nacht einen ihres Gefolges ermordet, das graue
Gesicht dem Himmel zugewandt; und jeder war zuvor in der Snfte gewesen.
Und man nannte diese Prinzessin Morgane die Rote und sie war eine berhmte
Hure und eine furchtbare Mnnermrderin.




Die Geopferte


Lilly und Nan dienten auf einem Bauernhofe. Sie schleppten im Sommer das
Wasser aus dem Ziehbrunnen den in dem reifen Korn kaum sichtbaren Pfad
entlang; und im Winter, wenn es kalt war und die Eiszapfen an den Fenstern
hingen, kroch Lilly zu Nan ins Bett. Ganz vergraben in den Decken horchten
sie auf den heulenden Wind. Sie hatten immer blanke Geldstcke in ihren
Taschen und feine Brusttcher mit kirschroten Bndern; und ganz gleich
blond waren beide und lustig. Jeden Abend stellten sie in die Ecke des
Flurs einen Zuber mit schnem frischem Wasser; und da fanden sie auch, so
sagte man, wenn sie aus dem Bett sprangen, die Silbermnzen, die sie von
einer Hand in die andere klingen lieen. Denn die >Pixis< warfen es in den
Zuber, nachdem sie darin gebadet hatten. Aber weder Nan noch Lilly, noch
sonst wer hatte je die >Pixis< gesehen, wenn sie wirklich diese kleinen
bsartigen schwarzen Dinger mit dem beweglichen Schweif sind, von denen in
den Mrchen und Balladen steht.

Eines Nachts hatte Nan vergessen, Wasser heraufzuziehen; man war auch im
Dezember, und die Brunnenkette war ganz mit Eis berzogen. Und wie sie
schlief, die Hnde auf Lillys Schultern, da wurde sie pltzlich in die Arme
gezwickt und in die Waden und schrecklich an den Haaren gerissen. Weinend
wachte sie auf: Morgen werd ich ganz schwarz und blau sein! Und sie sagte
zu Lilly: Drck mich, halt mich: ich habe den Zuber mit frischem Wasser
vergessen; aber ich geh nicht aus dem Bett, allen >Pixis< von Devonshire
zum Trotz. Da kte sie die gute kleine Lilly, stand auf, zog Wasser aus
dem Brunnen und stellte den vollen Zuber in die Ecke. Als sie wieder ins
Bett kam, war Nan schon eingeschlafen.

Und in ihrem Schlafe hatte die kleine Lilly einen Traum. Es schien ihr, als
kme eine Knigin an ihr Bett, ganz in grnen Blttern und mit einer
goldnen Krone auf dem Kopfe; und sie rhrte sie an und sprach zu ihr. Sie
sagte: Ich bin die Knigin Mandosiane; Lilly, komm und hole mich. Und sie
sagte noch: Ich sitze in einer smaragdnen Wiese, und der Weg, der zu mir
fhrt, ist dreifarben: gelb, blau und grn. Und sie sagte: Ich bin die
Knigin Mandosiane; Lilly, komm und hole mich.

Darauf barg Lilly ihren Kopf in den schwarzen Kissen der Nacht, und sie sah
nichts mehr. Aber am nchsten Morgen, als der Hahn krhte, war es Nan nicht
mglich aufzustehen, und sie klagte und jammerte, denn ihre Beine waren
ohne Gefhl, und sie konnte sie nicht rhren. Des Tags kamen die rzte, und
nach langem Beraten entschieden sie, da Nan gewi immer so liegen werde
und nie mehr wieder gehen knnte. Und die arme Nan schluchzte, denn nun
wrde sie nie einen Mann finden.

Lilly fate ein groes Mitleiden. Wenn sie die Winterpfel pflckte, die
Mispeln in Reihen legte, die Milch butterte, die Molken durch ihre roten
Finger drckte, immer mute sie denken, wie man die arme Nan gesund machen
knnte. Und den Traum hatte sie schon ganz vergessen, als eines Abends, da
der Schnee in dichten Flocken fiel und man heies Bier mit Brotschnitten
trank, ein alter Balladenhndler an die Tr klopfte. Alle Mdchen des Hofes
sprangen um den Alten herum, denn er hatte Handschuhe, Liebeslieder,
Bnder, hollndische Leinwand, Strumpfbnder und gldne Hauben.

-- Hier die traurige Geschichte, sagte er, von der Wucherersfrau, die
zwlf Monate schwanger ging mit zwanzig Scken Talern und ganz versessen
darauf war, Vipernkpfe zu essen und Krtencarbonade.

Hier die Ballade von dem groen Fisch, der am vierzehnten Tage des April
auf den Strand kommt, mehr als vierzig Brassen aus dem Wasser holt und fnf
Tonnen ganz grn gewordene Eheringe ausspeit.

Hier das Lied von den drei schlechten Knigstchtern und von der einen,
die ein Glas voll Blut auf den Bart ihres Vaters schttet.

Und ich hatte auch noch die Abenteuer der Knigin Mandosiane; aber ein
Schuft von einem Windsto hat mir auf der Straenwende das letzte Blatt aus
den Hnden gerissen.

Sogleich dachte Lilly an ihren Traum, und sie wute, da ihr die Knigin
Mandosiane sagen lie zu kommen.

Und in derselbigen Nacht kte Lilly Nan ganz leise, zog ihre neuen Schuhe
an und machte sich auf den Weg. Aber da war der alte Balladenhndler
verschwunden, und sein Blatt von der Knigin Mandosiane war so weit
weggeflogen, da Lilly es nicht finden konnte; sie wute nicht, wer
Mandosiane war noch wo sie sie suchen sollte.

Und niemand konnte es ihr sagen, wie sie auch auf ihrem Wege die Leute auf
den Feldern fragte, die von weitem standen, ihre Augen mit den Hnden
beschattend; auch die jungen schwangern Frauen wuten nichts, die mig vor
den Tren standen, und nichts die Kinder, denen sie die Zweige der
Maulbeerbume ber die Zune bog. Die einen sagten: Es gibt keine
Kniginnen mehr; die andern: wir haben hier so etwas nicht; ja, frher in
alten Zeiten; und andere: Mandosiane? Heit so ein hbscher Bursch? Und
andere wieder, die schlecht waren, fhrten Lilly vor eines jener Huser,
die tagsber geschlossen sind und sich des Nachts ffnen und erhellen,
sagten und beteuerten, da drin wohne die Knigin Mandosiane und trge ein
rotes Hemd und htte nackte Frauen zu Dienerinnen.

Aber Lilly wute ganz gut, da die wirkliche Mandosiane grn und nicht rot
gekleidet sei, und da man auf einem dreifarbigen Weg zu ihr kme. So
erkannte sie die Lge der Schlechten. Und lange ging sie und weit. Ja, sie
ging den ganzen Sommer ihres Lebens dahin im weien Staub der Landstrae,
in den Kotpftzen der Radspuren, begleitet von den Fuhrmannskarren und
abends, wenn der Himmel sich rot frbte, von mchtig mit Garben beladenen
Wagen, aus denen die blinkenden Sensen staken. Aber niemand konnte ihr
etwas von der Knigin Mandosiane sagen.

Da sie den schwierigen Namen nicht verge, hatte sie drei Knoten in ihr
Strumpfband gemacht. An einem Mittag, weit war sie schon seit dem Morgen
gegangen, kam sie auf einen gelben gewundenen Weg, der fhrte an einem
blauen Kanal lang. Und wo sich der Kanal mit der Strae traf, da war eine
grne Bschung.

Da begegnete ihr ein kleiner Junge mit absonderlich geschlitzten Augen, der
zog eine schwere Barke den Kanal hinauf. Sie wollte ihn fragen, ob er die
Knigin gesehen, aber da ward sie mit Schrecken inne, da sie den Namen
vergessen hatte. Da klagte sie und weinte und betastete ihr Strumpfband --
umsonst. Und sie schrie strker, als sie sah, da sie auf dem dreifarbnen
Wege ginge, aus gelbem Staub, blauem Wasser und grner Bschung. Und von
neuem betastete sie die drei Knoten, die sie geknpft hatte, und
schluchzte. Und der kleine Junge, der sah, da sie litt, und ihren Schmerz
nicht verstand, brach vom Wegrand der gelben Strae ein armseliges Kraut
und gab es ihr in die Hand.

-- Die Mandosiane heilt, sagte er.

                                * * *

So fand Lilly ihre in Grn gekleidete Knigin.

Vorsichtig drckte sie sie an sich und ging den weiten Weg zurck. Aber die
Heimreise war noch langsamer als die andre, denn Lilly war mde. Es kam ihr
vor, als sei sie seit Jahren unterwegs. Aber sie war voll Freuden, denn sie
wute, da sie die arme Nan heilen knne.

Und sie zog ber das Meer, wo die Wellen wie Berge waren. Endlich kam sie
in Devonshire an und trug das Kraut zwischen Leib und Hemd. Und zuerst
erkannte sie die Bume nicht wieder; und das Vieh schien ihr verndert. Und
in der groen Stube des Bauernhofes sah sie ein altes Weib inmitten von
Kindern. Und sie lief hin und fragte nach Nan. Die Alte betrachtete Lilly
voll Staunen und sagte:

-- Aber Nan ist ja seit langem fort und verheiratet.

-- Und geheilt? fragte Lilly voll Freude.

-- Geheilt, nun, natrlich, sagte die Alte.

-- Und du, bist du nicht Lilly?

-- Ja, sagte Lilly; aber sag, wie alt mag ich wohl sein?

-- Fnfzig, nicht wahr, Gromutter, riefen die Kinder; sie ist nicht ganz
so alt wie du.

Und wie Lilly mde lchelte, da betubte sie der starke Duft der
Mandosiane, und sie starb in der Sonne. So ging Lilly die Knigin
Mandosiane holen und wurde von ihr hinweggenommen.




Monelle





Von ihrer Erscheinung


Ich wei nicht, wie ich durch einen dunklen Regen zu diesem merkwrdigen
Laden kam, der in der Nacht vor mir auftauchte. Ich wei die Stadt nicht
und nicht das Jahr; wei nur, da es eine Zeit war, da es viel regnete,
viel regnete.

Verbrgt ist, da in dieser selben Zeit die Menschen auf den Straen kleine
herumstreifende Kinder fanden, die nicht wachsen wollten. Mdchen von
sieben Jahren beteten auf den Knien darum, da sie nicht lter wrden, und
die Pubertt schon sah totgetroffen aus. Es gab da fahlweie Prozessionen
unter dem bleichen Himmel, und kleine Schatten, die kaum sprechen konnten,
mahnten das Volk der Kinder. Nichts sonst begehrten sie als eine ewige
Unwissenheit. Sie verlangten, sich immerwhrenden Spielen zu weihen. Sie
verzweifelten an der Arbeit des Lebens. Alles war fr sie nichts sonst als
Vergangenes.

In diesen trben trostlosen Tagen, in dieser Zeit endlosen Regens gewahrte
ich die fadendnnen Lichter der kleinen Lampenverkuferin.

Ich trat unter das Schutzdach ihres Ladens, und der Regen lief mir in den
Nacken, als ich den Kopf beugte.

Und ich sprach zu ihr:

-- Was verkaufst du da, kleine Hndlerin, in dieser traurigen Zeit des
Regens?

-- Lampen, gab sie die Antwort, nur brennende Lampen.

-- Und was bedeuten denn in Wahrheit diese brennenden Lampen, die so gro
sind wie ein kleiner Finger und mit einem Licht brennen, das nicht grer
ist als der Kopf einer Stecknadel?

-- Das sind die Lampen dieser finsteren Zeit. Ehemals waren es
Puppenlampen. Aber die Kinder wollen nicht mehr gro werden. Und so
verkaufe ich ihnen diese kleinen Lampen, die kaum durch den dunklen Regen
leuchten.

-- Und davon lebst du also, kleine schwarzgekleidete Verkuferin, und
ernhrst dich von dem Geld, das dir die Kinder fr deine Lampen bezahlen?

-- Ja, sagte sie einfach. Aber ich verdiene recht wenig. Denn der bse
Regen verlscht oft meine kleinen Lampen, gerade wenn ich sie hinreichen
will. Und wenn sie erloschen sind, dann wollen sie die Kinder nicht mehr.
Niemand kann sie wieder anznden. Es bleiben mir nur noch diese da. Ich
wei, ich kann keine andern mehr finden. Und wenn die letzten verkauft
sind, dann werden wir im Dunkel des Regens bleiben.

-- So ist es also das einzige Licht in dieser trben Zeit? Und wie erhellt
man denn mit einer so kleinen Lampe die feuchten Dunkelheiten?

-- Der Regen verlscht sie oft, sagte sie, und auf den Feldern und Straen
ntzen sie dann nicht mehr. Man mu sich damit einschlieen. Die Kinder
schtzen meine kleinen Lampen mit ihren Hnden und schlieen sich ein.
Jedes schliet sich ein mit seiner Lampe und einem Spiegel. Und sie gengt,
um ihnen im Spiegel ihr Bild zu zeigen.

Ich sah eine Weile auf die armseligen flackernden Flmmchen.

-- Ach, kleine Hndlerin, das ist ein trauriges Licht, und die Bilder im
Spiegel mssen traurige Bilder sein.

-- Sie sind nicht so sehr traurig, sagte das schwarzgekleidete Kind und
senkte den Kopf, -- solange sie nicht wachsen. Aber die kleinen Lampen
dauern nicht ewig. Ihre Flamme nimmt ab, als ob sie sich ber den dunklen
Regen grmte. Und wenn meine kleinen Lampen verlschen, dann sehen die
Kinder nicht mehr den Glanz des Spiegels und verzweifeln. Denn sie frchten
den Augenblick zu versumen, da sie zu wachsen beginnen. Das ist es,
weshalb sie zitternd in die Nacht fliehen. Aber ich darf jedem Kind nur
eine Lampe verkaufen. Versuchen sie eine zweite zu kaufen, verlscht sie in
ihren Hnden.

Ich neigte mich ein wenig zu der kleinen Hndlerin und wollte eine ihrer
Lampen nehmen.

-- Oh! nicht anrhren! rief sie. Ihr seid ber das Alter, fr das meine
Lampen brennen. Sie sind nur fr die Puppen und die Kinder. Habt Ihr keine
Lampe fr groe Leute bei Euch?

-- Leider sind es in dieser Zeit des dunklen Regens, in dieser vergessnen
trben Zeit, nur noch deine Kinderlampen, die leuchten. Und auch mich
verlangt es, noch einmal den Glanz des Spiegels zu sehen.

-- Komm, sagte sie, wir schauen zusammen.

ber eine kleine wurmstichige Treppe fhrte sie mich in ein
bretterverschlagenes Zimmer, da leuchtete ein Spiegel von der Wand.

-- Still, sagte sie, und ich la Euch schauen. Denn meine eigene Lampe ist
klarer und leuchtender als die anderen; und so bin ich nicht zu arm in
dieser regenvollen Dunkelheit. Und sie hob ihre kleine Lampe gegen den
Spiegel.

Da war ein klarer Glanz, und ich sah bekannte Geschichten kommen und gehen.
Aber die kleine Lampe log, log, log. Ich sah die Flaumfeder sich auf
Cordelias Lippen bewegen; und sie lchelte und wurde gesund; und lebte mit
ihrem alten Vater in einem groen Kfig, wie ein Vogel, und kte seinen
weien Bart. Ich sah Ophelia am Schilf des Wassers und wie sie die feuchten
veilchenumwundenen Arme um Hamlets Nacken legte. Ich sah Desdemona
wiedererwacht unter den Weiden wandeln. Ich sah die Prinzessin Maleine, sie
nahm ihre beiden Hnde weg von den Augen des alten Knigs, und sah sie
lachen und tanzen. Ich sah die befreite Melisande sich im Brunnen spiegeln.

Und ich rief aus: Kleine lgnerische Lampe . . .

-- Still, sagte die kleine Hndlerin und legte mir die Hand auf die Lippen.
Man darf nichts sagen. Ist der Regen nicht dunkel genug?

                                * * *

Da senkte ich den Kopf und ging durch die Regennacht in die unbekannte
Stadt.




Von ihrem Leben


Ich wei nicht, wo mich Monelle bei der Hand nahm. Aber ich meine, es war
an einem Herbstabend, wenn der Regen schon kalt ist.

-- Komm mit uns spielen, sagte sie.

Monelle trug alte Puppen in ihrer Schrze und Federblle mit zerdrckten
Federn und trbverblaten Borten.

Ihr Gesicht war bleich, und ihre Augen lachten.

-- Komm spielen, sagte sie. Wir arbeiten nicht mehr, wir spielen.

Windig war es und die Straen voll Schlamm. Das Pflaster glnzte. Von den
Vordchern der Lden tropfte das Wasser. Mdchen standen frstelnd in den
Eingngen der Krmerlden. Die Kerzen brannten rot.

Aber Monelle zog aus der Tasche einen bleiernen Wrfel, einen Sbel aus
Blech und einen Gummiball.

-- Das alles ist fr sie, sagte sie. Ich gehe aus und mache die Einkufe.

-- Und was fr ein Haus hast du denn, und was fr Arbeit und was fr Geld,
Kleine . . .

-- Monelle, sagte das Mdchen und drckte mir die Hand. Sie nennen mich
Monelle. Unser Haus ist ein Haus, wo man spielt: wir haben die Arbeit
davongejagt, und die Pfennige, die wir noch haben, die gab man uns fr
Kuchen.

Jeden Tag geh ich Kinder auf der Strae suchen, erzhle ihnen von unserem
Haus und nehme sie mit. Und wir verstecken uns gut, da man uns nicht
findet. Die groen Leute wollen uns heim haben und nehmen uns, was wir
haben. Und wir, wir wollen beisammen bleiben und spielen.

-- Und was spielt ihr denn, kleine Monelle?

-- Wir spielen alles. Die Groen, die machen sich Flinten und Pistolen; die
andern spielen Federball oder Reif oder Seilspringen; andere tanzen
Ringelreihen und nehmen sich bei den Hnden; andere zeichnen auf die
Scheiben schne Bilder, die man niemals sieht, oder blasen Seifenkugeln;
und andere ziehen ihre Puppen an und fhren sie spazieren, und wir zhlen
an den Fingern der ganz Kleinen und machen sie lachen.

                                * * *

Das Haus, in das mich Monelle fhrte, schien zugemauerte Fenster zu haben.
Es war von der Strae abgewandt, und all sein Licht kam aus einem tiefen
Garten. Schon hier hrte ich glckliche Stimmen.

Drei Kinder sprangen auf uns zu.

-- Monelle, Monelle! riefen sie, Monelle ist zurck!

Und sie sahen mich an und sagten leise:

-- Wie ist der gro! wird er mit uns spielen, Monelle?

Und das Mdchen sagte zu ihnen:

-- Bald werden auch die groen Leute mit uns kommen. Sie werden zu den
kleinen Kindern gehen. Sie werden spielen lernen. Wir werden ihnen die
Schule halten, und in unserer Schule wird man nie arbeiten. Habt ihr
Hunger?

Stimmen riefen:

-- Ja, ja, ja. Es ist Zeit fr die Puppenmahlzeit.

Da wurden kleine runde Tische gebracht und Servietten gro wie
Veilchenbltter, und Glser so tief wie Fingerhte und Teller wie
Nuschalen. Das Mahl bestand aus Schokolade und Zuckerkrmchen; und der
Wein konnte nicht in die Glser flieen, denn die kleinen fingerlangen
weien Flschchen hatten einen zu dnnen Hals.

Es war ein alter und hoher Saal. berall brannten kleine rote und grne
Kerzen in ganz winzigen Zinnleuchtern. Die kleinen runden Spiegel an den
Wnden sahen aus wie silberne Taler. Man unterschied die Puppen unter den
Kindern nur an ihrer Unbeweglichkeit. Denn sie blieben in ihren Sthlen
oder kmmten, die Arme hoch, vor kleinen Toilettetischen ihr Haar oder
schliefen bereits, zugedeckt bis ans Kinn, in ihren kleinen Messingbetten.
Und der Boden war mit dem feinen grnen Moos bestreut, in das man die
hlzernen Schafe der Spielwarenschachteln packt.

Das Haus schien ein Gefngnis oder ein Spital zu sein. Aber ein Gefngnis,
in das man Unschuldige sperrte, um sie vor Leid zu bewahren, ein Spital, wo
man von der Arbeit des Lebens heilte. Und Monelle war die Wrterin und die
Krankenschwester.

                                * * *

Die kleine Monelle sah den spielenden Kindern zu. Aber sie war sehr bleich.
Vielleicht hatte sie Hunger.

-- Wovon lebst du, Monelle? fragte ich.

Und sie antwortete einfach:

-- Wir leben von nichts. Wir wissen es nicht.

Und dabei mute sie lachen. Aber sie war sehr schwach.

Und sie lie sich am Bettende eines Kindes nieder, das krank lag. Sie
reichte ihm eines der kleinen weien Flschchen, und blieb lang
vornbergebeugt und mit offnen Lippen.

                                * * *

Es gab da Kinder, die tanzten einen Reigen und sangen mit klaren Stimmen.
Monelle hob ein bichen die Hand und sagte:

-- Still!

Dann sprach sie leise, mit ihren kleinen Worten.

-- Ich glaube, ich bin krank. Geht nicht weg von mir. Spielt da bei mir.
Morgen sucht euch eine andre schne Spielsachen. Ich bleib zu Hause bei
euch. Wir wollen lustig sein und keinen Lrm machen. Und spter, da werden
wir auf den Straen und auf den Feldern spielen und man wird uns in allen
Lden zu essen geben. Jetzt, jetzt wrde man uns zwingen, wie die andern zu
leben. So mssen wir warten. Wir werden viel gespielt haben.

Monelle sagte noch:

-- Habt mich lieb. Ich liebe euch alle.

Dann schien sie neben dem kranken Kind einzuschlafen.

Alle Kinder sahen auf sie hin, mit vorgestrecktem Kopf.

Da war eine kleine zitternde Stimme, die sagte ganz schchtern: Monelle
ist gestorben. Und dann war eine groe Stille.

                                * * *

Die Kinder brachten die kleinen brennenden Kerzen um das Bett. Und da sie
dachten, da sie vielleicht schliefe, so stellten sie vor ihr, wie vor
einer Puppe, hellgrne geschnitzte Bumchen auf und stellten dazwischen
Schfchen aus weiem Holz, damit sie sie anschaue. Dann setzten sich alle
Kinder hin und warteten. Nach einer Weile fing das kranke Kind zu weinen
an, da es Monelles Wange kalt werden fhlte.




Von ihrer Flucht


Da war ein Kind, das mit Monelle zu spielen gewohnt war. Das war in der
alten Zeit, da Monelle noch nicht fortgegangen war. Jede Stunde des Tages
war es bei ihr und sah ihr in die zitternden Augen. Sie lachte ohne Grund,
und das Kind lachte ohne Grund. Wenn sie schlief, formten ihre halboffnen
Lippen gtige Worte. Wenn sie erwachte, lachte sie fr sich, denn sie
wute, das Kind wrde sie gleich suchen kommen.

Es war kein wirkliches Spiel, das man spielte: denn Monelle mute arbeiten.
So klein wie sie war, sa sie den ganzen Tag hinter einem alten blinden
Fenster. Die Mauer gegenber war blind von Zement unter dem traurigen Licht
des Nordens. Und die kleinen Finger der Monelle liefen ber die Leinwand,
als gingen sie auf einer Landstrae von weiem Tuch, und die auf die Knie
festgesteckten Nadeln bezeichneten die Meilensteine. Die rechte Hand war
geballt, sah aus wie ein kleiner Wagen aus Fleisch und lie hinter sich im
Vorwrtsgehen eine gesumte Furche; und knirschend, knirschend bohrte die
Nadel ihre sthlerne Zunge, verschwand und tauchte auf und zog den langen
Faden in der goldnen se. Und die linke Hand war gut anzusehen, denn sie
streichelte sanft die frische Leinwand, glttete alle ihre Falten, als ob
sie schweigend die frischen Linnen eines Kranken glattstriche.

So sah das Kind Monelle zu und freute sich wortlos, denn diese Arbeit sah
aus wie ein Spiel, und Monelle sagte ihm einfache Dinge, die nicht viel
Sinn hatten. Sie lachte zu Sonne und lachte zu Regen und lachte zu Schnee.
Sie liebte es, erhitzt zu sein und na und zu frieren. Hatte sie Geld, so
lachte sie, dachte, da sie in einem neuen Kleid zum Tanze ginge. Hatte sie
nichts, so lachte sie, dachte, da sie Bohnen essen wrde eine Woche lang.
Hatte sie ein paar Pfennige, so trumte sie von andern Kindern, die sie
damit lachen machen wrde; und mit leeren Hnden hoffte sie, sich in ihrem
Hunger und ihrer Armut vergraben und verstecken zu knnen.

Immer waren Kinder um sie, die sie mit groen Augen ansahen. Aber sie hatte
vielleicht das Kind am liebsten, das die Stunden des Tags bei ihr war. Und
doch ging sie fort und lie es allein. Nie sprach sie zu dem Kinde von
ihrem Fortgehen, aber sie wurde ernster und sah es lnger an. Und das Kind
erinnert sich auch noch, da Monelle aufhrte zu lieben, was sie umgab:
ihren kleinen Lehnstuhl, die bemalten Tiere, die man ihr schenkte, und all
ihr Spielzeug und allen Putz. Und sie trumte mit dem Finger auf dem Mund
von anderen Dingen.

An einem Dezemberabend ging sie fort, als das Kind gerade nicht da war. In
der Hand die kleine zuckende Lampe trat sie, ohne sich umzuwenden in die
Finsternis. Als das Kind kam, sah es noch am dunklen Ende der geraden
Strae eine kleine verhauchende Flamme. Das war alles. Monelle sah es
niemals wieder.

                                * * *

Lange fragte es sich, weshalb sie so ohne ein Wort fortgegangen war. Es
dachte, da sie nicht traurig sein wollte von seiner Traurigkeit. Und es
trstete sich, da sie wohl zu andern Kindern gegangen sei, die sie
brauchten. Mit ihrer kleinen ersterbenden Lampe ist sie ihnen Hilfe bringen
gegangen, die Hilfe eines lachenden Feuerfunkens in der Nacht. Vielleicht
hat sie gedacht, da man dieses eine Kind nicht allzusehr lieben solle,
damit man auch noch die andern fremden Kleinen lieben knne. Die Nadel mit
ihrem goldenen hr hatte das kleine Wgelchen der Hand vielleicht bis ans
Ziel gefhrt, bis ans letzte Ziel der gesumten Furche, und Monelle ist nun
mde geworden vom rauhen Weg des Linnens, auf dem ihre Hnde gingen. Sie
hat wohl sicher ewig spielen wollen. Und das Kind wute nicht die Kunst des
ewigwhrenden Spieles. Vielleicht hatte es sie darnach verlangt, zu sehen,
was wohl hinter der alten blinden Mauer sei, deren Augen seit Jahren mit
Zement verschlossen waren. Vielleicht kommt Monelle zurck. Und statt zu
sagen: Auf Wiedersehn, erwart mich, -- und sei brav! da es dann auf die
kleinen Schritte im Hausgang gehorcht htte und auf jedes Umdrehen eines
Schlssels im Schlo, da hat sie lieber geschwiegen und kommt berraschend
zurck, hinter seinem Rcken, und legt zwei matte Hnde auf seine Augen --
ach ja! -- und ruft: Kuckuck! mit der Stimme eines Vgleins, das in die
warme Heimat zurckkommt.

Das Kind erinnerte sich an den ersten Tag, da es Monelle sah; wie ein
zerbrechliches glitzerndes Stckchen Schnee sah sie aus und schttelte sich
vor Lachen. Und ihre Augen waren wie Wasser, in dem die Gedanken sich
bewegten wie Schatten von Pflanzen. Da, von der Straenecke her war sie
gekommen, ganz einfach und wie selbstverstndlich. Sie lachte, so ein
langsames Lachen, wie der Ton, wenn man auf ein Kristallglas schlgt. Das
war in der Winterdmmerung, und es war neblig; dieser Laden war offen --
gerade so. Derselbe Abend, dieselben Sachen dort und hier, dasselbe Summen
in den Ohren: doch das Jahr ist anders, und es ist die Erwartung.
Vorsichtig machte das Kind ein paar Schritte; ja, alles ist ganz so wie das
erstemal. Und es wartete: warum soll sie denn nicht zurckkommen? Und das
Kind streckte seine arme geffnete Hand durch den Nebel.

                                * * *

Diesmal trat Monelle nicht aus dem Unbekannten heraus. Kein kleines Lachen
kam durch den Nebel. Monelle war weit und erinnerte sich nicht an den Abend
noch an das Jahr. Wer wei? Vielleicht war sie des Nachts in das unbewohnte
Zimmerchen geschlpft und erwartete es leise zitternd hinter der Tr. Das
Kind ging ganz leise, es wollte sie berraschen. Aber Monelle war nicht da.
Sie wird zurckkommen, -- o ja! -- ganz sicher wird sie zurckkommen. Nun
haben die andern Kinder schon genug Gutes von ihr gehabt. Jetzt ist die
Reihe wieder an dem verlassenen Kinde. Und es hrte seine schelmische
Stimme leise sagen: Heut bin ich brav. -- Kleines verschwundenes
weitfernes Wort, verblat wie eine alte Farbe, und schon verbraucht von den
Echos der Erinnerung.

                                * * *

Das Kind setzte sich geduldig hin. Da war der kleine Korbstuhl mit der Spur
ihres kleinen Krpers, und das Tischchen, das sie gern hatte, und der
Spiegel, der ihr um seines Sprungs willen noch teurer war, und das letzte
kleine Hemd, das sie genht hatte, das kleine Hemd, das >sich Monelle
nannte<, ordentlich hingelegt, ein bichen gebauscht, als wartete es auf
seine Herrin.

Alle die kleinen Sachen des Zimmers warteten auf sie. Der Arbeitstisch war,
wie sie ihn verlassen hatte. Das kleine Maband in seiner runden Bchse
steckte seine grne Zunge heraus, sie war von einem Ring durchzogen. Das
entfaltete Linnen der Taschentcher hob sich in kleinen weien Hgeln.
Dahinter standen die Nadeln wie Lanzen im Hinterhalt. Der kleine eiserne
und ganz verarbeitete Fingerhut war eine verlassene Sturmhaube. Die Schere
hatte faul das Maul offen wie ein sthlerner Drache. So schlief alles in
der Erwartung. Der lebende Wagen, so weich und behend, fuhr nicht mehr,
brachte nicht mehr ber diese verzauberte Welt seine laue Wrme. Dieses
ganze kleine Schlo der Arbeit lag im Schlummer. Das Kind war voll
Hoffnung. Die Tr wird aufgehn, ganz leise; der lachende Feuerfunken wird
hereinspringen; die weien Hgel werden sich entfalten; die dnnen Lanzen
werden sich schtteln; die Sturmhaube wird ihr rosa Kpfchen finden; der
sthlerne Drache wird schnell mit dem Maul klappern, und der kleine lebende
Wagen wird berall herumkutschieren, und die vergehende Stimme wird wieder
sagen: >Ich bin brav heute!< -- Kommen denn die Wunder nicht zweimal?




Von ihrer Geduld


Ich kam an einen engen und dunklen Ort, aber es duftete da nach dem
traurigen Geruche verwelkter Veilchen. Und es war kein Mittel, diesen Ort
zu vermeiden, der wie ein langer Durchgang ist. Und um mich tastend
berhrte ich einen kleinen zusammengekauerten Krper wie damals im Traum,
und ich strich ber Haare, und meine Hand fhlte ein Gesicht, das ich
kannte; und es kam mir vor, als ob sich die kleine Stirne unter meinen
Fingern in Falten zge, und ich erkannte, da ich Monelle gefunden hatte,
die allein hier an dem dunklen Ort schlief.

berrascht entfuhr mir ein Ausruf, und ich sagte zu ihr, die weder lachte
noch weinte:

-- O Monelle! Hier hast du dich zum Schlaf gelegt, fern von uns, wie eine
geduldige Springmaus in der Hhlung einer Furche?

Und ihre Augen wurden weit, und ihre Lippen ffneten sich, wie frher, wenn
sie nicht verstand und die Klugheit dessen anflehte, den sie liebte.

-- O Monelle, sprach ich da, alle die Kinder weinen in dem leeren Hause;
und das Spielzeug ist mit Staub bedeckt, und die kleine Lampe ist
verloschen, und alles Lachen, das in allen Winkeln war, ist geflohen, und
die Welt ist zurckgekehrt zur Arbeit. Aber wir dachten dich anderswo. Wir
dachten, du spieltest weit von uns, an einem Ort, zu dem wir nicht gelangen
knnen. Und nun schlfst du hier wie ein kleines wildes Tier, unter dem
Schnee, dessen Wei du liebtest.

Da sprach sie, und, wie sonderbar, ihre Stimme war die gleiche an diesem
dunklen Ort, und ich mute weinen; und sie trocknete meine Trnen mit ihrem
Haar, denn sie war ganz entblt.

-- O mein Liebling, sagte sie, du mut nicht weinen; denn du brauchst deine
Augen fr die Arbeit, so lange man arbeitend leben wird; und die Zeit ist
noch nicht gekommen. Und du darfst hier an diesem kalten und dunklen Ort
nicht bleiben.

Ich schluckte und sagte zu ihr:

-- O Monelle, du frchtetest doch die Finsternis?

-- Ich frchte sie nicht mehr, sagte sie.

-- O Monelle, aber du hattest Angst vor der Klte wie vor der Hand eines
Toten?

-- Ich habe keine Angst vor der Klte mehr, sagte sie.

-- Und du bist ganz allein hier, ganz allein, ein Kind, und du weintest,
wenn du allein warst.

-- Ich bin nicht mehr allein, sagte sie; denn ich warte.

-- O Monelle, wen erwartest du, in Schlaf zusammengerollt an diesem dunklen
Ort?

-- Ich wei nicht, sagte sie; aber ich warte. Und ich bin mit meiner
Erwartung.

Und da sah ich, da ihr ganzes kleines Gesicht einer groen Hoffnung
hingegeben war.

-- Du darfst nicht hier bleiben, an diesem kalten und dunklen Ort, sagte
sie; geh zurck zu deinen Freunden, Geliebter.

Willst du mich nicht fhren und unterweisen, Monelle, da auch ich die
Geduld deiner Erwartung erlange? Ich bin so allein!

-- O mein Geliebter, sagte sie, ich wre ganz ungeschickt, dich zu
unterweisen wie frher, als ich, wie du sagtest, ein kleines Tier war; das
sind alles Dinge, die du sicher in langem und mhvollem Nachdenken finden
wirst, so wie ich sie ganz auf einmal fand, da ich schlief.

-- Hast du dich so eingenistet, Monelle, ohne da du dich deiner
Vergangenheit erinnerst, oder erinnerst du dich noch unser?

-- Wie knnte ich, mein Geliebter, dich vergessen? Seid ihr doch in meiner
Erwartung, gegen die hin ich schlafe; aber ich kann nicht erklren. Du
erinnerst dich, ich habe die Erde so geliebt und ri immer die Pflanzen
aus, um sie wieder einzusetzen; du erinnerst dich doch, wie ich oft sagte:
Wr ich ein kleiner Vogel, stecktest du mich in deine Tasche, wenn du
ausgingest. O mein Geliebter, ich bin hier in der guten Erde wie ein
schwarzes Korn, und ich warte, da ich ein kleiner Vogel werde.

-- O Monelle, du schlfst, bevor du ganz weit von uns fort gehst.

-- Nein, mein Geliebter, ich wei nicht, ob ich ganz fortgehe; denn ich
wei nichts. Aber ich habe mich eingehllt in das, was ich liebte, und ich
schlafe gegen meine Erwartung hin. Und bevor ich schlafen ging, da war ich
ein kleines Tier, wie du sagtest, denn ich glich einem nackten Wrmchen.
Eines Tages fanden wir zusammen eine ganz weie seidenumsponnene Puppe, und
nicht die kleinste ffnung war daran. Du schlechter Mensch hast sie
aufgemacht, und sie war leer. Meinst du, das kleine geflgelte Tier sei
nicht herausgegangen? Aber niemand kann wissen wie. Und es hatte lange
geschlafen. Und bevor es schlief, war es ein kleiner nackter Wurm; und die
kleinen Wrmer sind blind. Stell dir vor, mein Geliebter (es ist ja nicht
wahr, aber sieh, so denke ich manchmal), da ich meinen kleinen Kokon aus
all dem gewoben habe, was ich liebte, aus der Erde, dem Spielzeug, den
Blumen, den Kindern, den kleinen Worten und der Erinnerung an dich, mein
Geliebter; das ist ein weies und seidenweiches Nest und dnkt mich nicht
kalt und nicht dunkel. Aber es ist vielleicht nicht so fr die andern. Und
ich wei ganz gut, da es sich nicht ffnen wird und geschlossen bleibt,
wie damals die Schmetterlingspuppe. Aber ich werde nicht mehr darin sein,
Geliebter. Denn meine Erwartung ist, da ich weggehe wie das kleine
geflgelte Tier; niemand kann wissen wie. Und wohin ich gehen will, das
wei ich nicht; das ist meine Erwartung. Und auch die Kinder, und du, mein
Geliebter, und der Tag, da man nicht mehr arbeitet auf der Erde, sind meine
Erwartung. Ich bin ein kleines Tier, mein Geliebter; ich wei nicht besser
zu erklren.

-- Du mut, du mut mit mir von diesem dunklen Ort gehen, Monelle; denn ich
wei, du denkst alle diese Dinge nicht; und hast dich verborgen, um zu
weinen; und da ich dich nun endlich ganz allein fand, hier schlafend ganz
allein, hier im Warten, so komm mit mir, komm mit mir fort.

-- Bleib nicht hier, mein Geliebter, sagte Monelle, denn du wrdest
allzusehr leiden; und ich, ich kann nicht mit dir, denn das Haus, das ich
mir spann, ist ganz verschlossen, und nicht so kann ich es verlassen.

Dann legte Monelle ihre Arme mir um den Nacken, und ihr Kssen war, wie
sonderbar, ganz das gleiche wie frher, und darber mute ich weinen, und
sie trocknete meine Trnen mit ihren Haaren.

-- Du darfst nicht weinen, sagte sie, wenn du mich nicht betrben willst in
meinem Warten; und vielleicht warte ich auch gar nicht so lange. Nun sei
nicht lnger traurig. Denn ich segne dich dafr, da du mich schlafen
gefhrt hast in mein kleines seidenweiches Nest, dessen beste Seide aus dir
ist und in dem ich nun schlafe, zu mir selber gekehrt.

Und wie ehmals in ihrem Schlafe schmiegte sie sich an das Unsichtbare und
sagte: Ich schlafe, Geliebter.

So habe ich sie gefunden; aber wie bin ich sicher, da ich sie wiederfinde
an diesem so engen und dunklen Ort?




Von ihrem Knigreich


Ich las diese Nacht, und mein Finger folgte den Worten und Zeilen; meine
Gedanken waren woanders. Und drauen fiel ein schwarzer, schrger,
spitziger Regen. Und das Licht meiner Lampe leuchtete auf die kalte Asche
im Kamin. Und mein Mund war voll Geschmacks von Schmutz und gemeinem
Klatsch; denn die Welt schien mir dunkel, und meine Lichter waren
erloschen. Und dreimal rief ich mir zu:

-- Viel schlammiges Wasser mchte ich, um meinen Durst nach Schndlichkeit
zu lschen.

Ich bin mit den Schndlichen: richtet Eure Finger auf mich!

Man mu sie mit Kot werfen, denn sie verachten mich nicht.

Und die sieben Becher voll Blut erwarten mich auf dem Tisch, und das
Gleien einer goldnen Krone glimmt unter ihnen.

Doch eine Stimme schlug mir zurck, die mir nicht fremd war, und das
Gesicht jener, die erschien, war mir nicht unbekannt. Und sie rief die
Worte:

-- Ein weies Knigreich! ein weies Knigreich! ich wei ein weies
Knigreich. Und ich wandte mich um und sagte ganz ruhig:

-- Kleiner lgnerischer Kopf, kleiner Mund voll Lge, es gibt nicht Knige
noch Knigreiche mehr. Umsonst sehne ich mich nach einem roten Knigreich:
denn die Zeit ist vorbei, Und dieses Reich hier ist schwarz und ist kein
Knigreich; denn ein Volk von schwarzen Knigen rhrt hier seine Arme. Und
nirgends auf der Welt gibt es ein weies Knigreich, noch einen weien
Knig.

Aber sie rief von neuem diese Worte:

-- Ein weies Knigreich! Ich wei ein weies Knigreich!

Und ich wollte sie bei der Hand fassen; aber sie entschlpfte mir.

-- Nicht durch Traurigkeit, sagte sie, nicht durch Gewalt. Und doch gibt es
ein weies Knigreich. Komm mit meinen Worten; horch.

Und sie schwieg, da erinnerte ich mich.

-- Nicht durch die Erinnerung, sagte sie. Komm mit meinen Worten; horch.

Und sie schwieg; und ich hrte mich denken.

-- Nicht durch das Denken, sagte sie. Komm mit meinen Worten; horch.

Und sie schwieg.

Da zerstrte ich in mir die Traurigkeit meiner Erinnerung und das Verlangen
nach meiner Gewalt, und all mein Denken verschwand. Und ich wartete.

-- Du wirst das Knigreich sehen, sagte sie, aber ich wei nicht, ob du
hineingehen wirst. Denn ich bin schwer zu verstehen, auer fr jene, die
nicht verstehen; und ich bin schwer zu ergreifen, auer fr jene, die nicht
mehr ergreifen; und schwer bin ich zu erkennen, auer fr jene, die kein
Erinnern haben. In Wahrheit, du hast mich und du hast mich nicht mehr.
Horch;

Und ich horchte in meiner Erwartung.

Aber ich vernahm nichts. Und sie schttelte den Kopf und sagte:

-- Du bedauerst deine Heftigkeit und dein Erinnern, und ihre Zerstrung ist
noch nicht vollbracht. Man mu zerstren, um das weie Knigreich zu
erlangen. Bekenne und du wirst befreit sein; gib in meine Hnde deine
Heftigkeit und dein Erinnern, und ich will es zerstren; denn alles
Bekennen ist ein Zerstren.

Und ich rief aus:

-- Ich gebe dir alles, ja, ich gebe dir alles. Und du sollst es tragen und
selbst es vernichten, denn ich bin nicht mehr stark genug.

Ich habe nach einem roten Knigreich verlangt. Es gab dort blutdrstige
Knige, die ihre Klingen schrften. Frauen mit geschwrzten Augen weinten
auf opiumbeladenen Dschunken. Viele Piraten vergruben im Inselsand schwere
goldgefllte Koffer. Alle Prostituierten waren freigelassen. Die Diebe
lagen im Morgendmmer auf den Landstraen. Viele junge Mdchen fllten sich
mit Leckerbissen und Wollust. Einbalsamiererinnen vergoldeten Kadaver in
der blauen Nacht. Die Kinder begehrten ferne Erregungen und unbekannte
Morde. Nackte Krper bedeckten die Steinfliesen der heien Bder. Alle
Dinge waren mit brennenden Krutern eingerieben und von roten Kerzen
beleuchtet. Aber dieses Knigreich hat sich unter die Erde gesenkt, und ich
erwachte inmitten der Finsternis.

Und da hatte ich ein schwarzes Knigreich, das kein Knigreich ist: denn es
ist voller Knige, die sich Knige glauben und die es verdunkeln mit ihren
Werken und ihren Befehlen. Und ein trber Regen besudelt es Nacht und Tag.
Und ich irrte lange auf den Wegen, bis zu dem kleinen Leuchten einer
zitternden Lampe, die mir mitten in der Nacht erschien. Der Regen nte
mein Haupt; aber ich lebte unter der kleinen Lampe. Die sie hielt, nannte
sich Monelle, und wir spielten zu zweit in diesem schwarzen Knigreich.
Aber eines Abends verlosch die kleine Lampe, und Monelle verschwand. Und
ich suchte sie lange in dieser Finsternis: aber ich konnte sie nicht
wiederfinden. Und heute abend suchte ich sie in den Bchern; aber ich suche
sie vergeblich. Und ich bin verloren in dem schwarzen Knigreich; und ich
kann das kleine Leuchten der Monelle nicht vergessen. Und ich habe im Munde
einen Geschmack von Gemeinheit.

Und sowie ich gesprochen hatte, fhlte ich die Zerstrung in mir geschehen,
und mein Warten erleuchtete sich mit einem Beben, ich hrte die Finsternis,
und ihre Stimme sprach:

-- Vergi alles, und alles wird dir gegeben sein. Vergi Monelle, und sie
wird dir wieder gegeben sein. So ist das neue Wort. Mach es dem jungen
Hunde nach, dessen Augen noch geschlossen sind und der sich tastend einen
Platz fr seine kalte Schnauze sucht. Und die zu mir sprach, rief:

-- Ein weies Knigreich! ein weies Knigreich! Ich wei ein weies
Knigreich!

Und ich ward bermannt vom Vergessen und meine Augen erstrahlten von
Reinheit.

Und die zu mir sprach rief:

-- Ein weies Knigreich! ein weies Knigreich! Ich kenne ein weies
Knigreich!

Und das Vergessen ergriff mich ganz und die Stelle, wo mein Wissen wohnte,
wurde rein und tiefklar.

Und die zu mir sprach, rief noch einmal:

-- Ein weies Knigreich! ein weies Knigreich! Ich wei ein weies
Knigreich! Hier ist der Schlssel: in dem roten Knigreich ist ein
schwarzes Knigreich: in dem schwarzen Knigreich ist ein weies
Knigreich; in dem weien Knigreich . . .

-- Monelle, schrie ich, Monelle! In dem weien Knigreich ist Monelle!

Und das Knigreich erschien; aber es war von einer Mauer strahlender Weie
umgeben.

Da fragte ich:

-- Und wo ist der Schlssel zum Knigreich?

Aber die zu mir sprach, blieb ohne ein Wort.




Von ihrer Auferstehung


Louvette fhrte mich durch ein grnes Gefilde bis an den Saum des Feldes.
Weithin hob sich das Land, und am Horizont schnitt eine braune Linie den
Himmel. Schon senkten sich die brennenden Wolken im Westen. Im unsichern
Schimmer des Abends unterschied ich kleine irrende Schatten.

-- Gleich, sagte sie, werden die Feuer brennen. Und morgen wird das viel
weiter sein. Denn sie bleiben nirgends. Und brennen nur einmal das Feuer,
einmal an jedem Ort.

-- Wer sind sie? fragte ich Louvette.

-- Man wei es nicht. Es sind weigekleidete Kinder. Es sind welche aus
unsern Drfern darunter. Und andere kommen von weit und sind schon lange
unterwegs.

Wir sahen auf der Hhe eine kleine Flamme aufleuchten.

-- Da ist ihr Feuer, sagte Louvette. Jetzt knnen wir sie finden. Denn sie
rasten die Nacht, wo sie ihr Zelt aufgeschlagen haben, und am nchsten Tag
verlassen sie die Gegend.

                                * * *

Und als wir auf die Hgelhhe kamen, wo die Flamme brannte, sahen wir viele
weie Kinder um das Feuer.

Und unter ihnen erkannte ich, sie schien zu ihnen zu sprechen und sie zu
fhren, die kleine Lampenhndlerin, die ich einmal in der schwarzen
regnerischen Stadt getroffen hatte.

                                * * *

Und sie erhob sich unter den Kindern und sagte mir:

-- Ich verkaufe keine kleinen lgnerischen Lampen mehr, die im trben Regen
verlschen.

Denn die Zeit ist gekommen, da die Lge den Platz der Wahrheit eingenommen
hat und die elende Arbeit zugrundgegangen ist.

Wir haben im Haus der Monelle gespielt; aber die Lampen sind Spielzeug
gewesen und das Haus ein Asyl.

Monelle ist tot; ich bin dieselbe Monelle; und ich erhob mich in der Nacht,
und die Kleinen sind mit mir gekommen, und wir gehen durch die Welt.

Sie wandte sich zu Louvette:

-- Komm mit uns, sagte sie, und sei glcklich in der Lge. Und Louvette
lief unter die Kinder und war wei gekleidet wie sie.

                                * * *

-- Wir gehen, begann die wieder, die uns fhrte, und wir belgen jeden, der
kommt, um ihm Freude zu geben.

Unser Spielzeug war Lge, und jetzt sind die Dinge unser Spielzeug.

Bei uns leidet niemand, und niemand stirbt bei uns: wir sagen, da die sich
entkrften, die die traurige Wahrheit erkennen wollen, die es nirgends
gibt. Die die Wahrheit erkennen wollen, trennen sich von uns und verlassen
uns.

Wir dagegen haben gar keinen Glauben in die Wahrheiten der Welt; denn sie
fhren zur Traurigkeit.

Und wir wollen unsere Kinder zur Freude fhren.

Nun knnen die Groen zu uns kommen, und wir lehren sie die Unwissenheit
und die Tuschung.

Wir zeigen ihnen die kleinen Blumen des Feldes, die sie nie so gesehen
haben; denn jede ist eine neue.

Und wir staunen ber jedes Land, das wir sehen; denn jedes Land ist ein
neues.

Es gibt keine hnlichkeiten in dieser Welt, und es gibt fr uns kein
Erinnern.

Alles ndert sich ohne Unterla, und wir haben uns gewhnt an die nderung.

Darum brennen wir an jedem Abend an einem andern Ort ein Feuer; und am
Feuer erfinden wir fr das Vergngen des Augenblickes die Geschichten von
Zwergen und lebenden Puppen.

Und wenn das Feuer erloschen ist, fat uns eine andere Lge; und wir sind
voll Freude und staunen.

Und am Morgen erkennen wir nicht mehr unsere Gesichter: vielleicht da die
einen nach der Kenntnis der Wahrheit verlangt haben, die andern sich nur
noch an die Lge vom Vortag erinnern. So ziehen wir durch die Lande, und
man kommt in Scharen zu uns, und die uns folgen, werden glcklich.

Als wir noch in der Stadt lebten, zwang man uns zur ewig selben Arbeit und
wir liebten die ewig selben Menschen; und die gleiche Arbeit machte uns
mde, und wir waren untrstlich, die, die wir liebten, leiden und sterben
zu sehen.

Und unser Irrtum war, so im Leben stehenzubleiben und unbeweglich alles
rollen und sich bewegen zu sehen, oder zu versuchen, das Leben festzuhalten
und uns eine ewige Bleibe in fallenden Ruinen einzurichten.

Aber die kleinen lgnerischen Lampen haben uns auf den Weg des Glckes
geleuchtet.

Die Menschen suchen ihr Glck in der Erinnerung und widerstehen dem Leben
und berauschen sich an der Wahrheit der Welt, die nicht mehr wahr ist, da
sie Wahrheit geworden.

Sie betrben sich ber den Tod, der nichts sonst ist als das Bild ihres
Wissens und ihrer unumstlichen Gesetze; sie beklagen sich, da sie
schlecht in der Zukunft gewhlt haben, die sie nach vergangenen Wahrheiten
berechnet haben, oder sie whlen vergangene Wnsche.

Fr uns ist jedes Verlangen ein neues, und wir verlangen nichts sonst als
den lgnerischen Augenblick; alles Erinnern ist wahr, und wir haben uns von
der Wahrheit losgesagt.

Und wir sehen die Arbeit an als verderblich, weil sie unser Leben festhlt
und es sich selber hnlich macht.

Und wir sehen in jeder Gewhnung etwas Verderbliches; denn sie hindert uns
daran, da wir uns neuen Lgen vllig hingeben.

                                * * *

Das waren die Worte derer, die uns fhrte.

Und ich bat Louvette, mit mir zu ihren Eltern zurckzukommen; aber ich sah
in ihren Augen, da sie mich nicht mehr wiedererkannte.

                                * * *

Die ganze Nacht lebte ich in einer Welt von Trumen und Lgen und versuchte
die Unwissenheit zu lernen und die Tuschung und das Staunen des
neugeborenen Kindes.

Die kleinen tanzenden Flammen sanken zusammen.

Da sah ich in der traurigen Nacht aufrichtige Kinder, die weinten, weil sie
die Erinnerung noch nicht verloren hatten.

Und andere erfate pltzlich die Wut der Arbeit, und sie schnitten das Korn
und banden es im Schatten zu Garben.

Und andere, die die Wahrheit kennen wollten, wandten ihr bleiches Gesicht
der kalten Asche zu und starben erschauernd in ihren weien Kleidern.

Aber da der rosa Himmel zuckte, erhob sich die, die uns fhrte, und
erinnerte sich nicht an uns und nicht an die, welche die Wahrheit suchten,
und schritt dahin und viele weie Kinder folgten ihr. Und alle waren voll
Lustigkeit und lachten leicht ber alle Dinge.

Und als der Abend kam, machten sie wieder ihr Strohfeuer.

Und wieder sanken die Flammen zusammen und wurde die Asche kalt um
Mitternacht.

Da erinnerte sich Louvette, und sie mochte lieber lieben und leiden, und
kam zu mir in ihrem weien Kleid, und wir eilten zu zweit fort ber das
Land.



***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS BUCH VON MONELLE***


******* This file should be named 35547-8.txt or 35547-8.zip *******


This and all associated files of various formats will be found in:
http://www.gutenberg.org/dirs/3/5/5/4/35547



Updated editions will replace the previous one--the old editions
will be renamed.

Creating the works from public domain print editions means that no
one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
(and you!) can copy and distribute it in the United States without
permission and without paying copyright royalties.  Special rules,
set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark.  Project
Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
charge for the eBooks, unless you receive specific permission.  If you
do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
rules is very easy.  You may use this eBook for nearly any purpose
such as creation of derivative works, reports, performances and
research.  They may be modified and printed and given away--you may do
practically ANYTHING with public domain eBooks.  Redistribution is
subject to the trademark license, especially commercial
redistribution.



*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
Gutenberg-tm License (available with this file or online at
http://www.gutenberg.org/license).


Section 1.  General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
electronic works

1.A.  By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement.  If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.

1.B.  "Project Gutenberg" is a registered trademark.  It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement.  There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement.  See
paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
collection are in the public domain in the United States.  If an
individual work is in the public domain in the United States and you are
located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
are removed.  Of course, we hope that you will support the Project
Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
the work.  You can easily comply with the terms of this agreement by
keeping this work in the same format with its attached full Project
Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.

1.D.  The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work.  Copyright laws in most countries are in
a constant state of change.  If you are outside the United States, check
the laws of your country in addition to the terms of this agreement
before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
creating derivative works based on this work or any other Project
Gutenberg-tm work.  The Foundation makes no representations concerning
the copyright status of any work in any country outside the United
States.

1.E.  Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1.  The following sentence, with active links to, or other immediate
access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
copied or distributed:

This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
almost no restrictions whatsoever.  You may copy it, give it away or
re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
with this eBook or online at www.gutenberg.org

1.E.2.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
and distributed to anyone in the United States without paying any fees
or charges.  If you are redistributing or providing access to a work
with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
1.E.9.

1.E.3.  If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
terms imposed by the copyright holder.  Additional terms will be linked
to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
permission of the copyright holder found at the beginning of this work.

1.E.4.  Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5.  Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6.  You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
word processing or hypertext form.  However, if you provide access to or
distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
form.  Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7.  Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8.  You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
     owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
     must be paid within 60 days following each date on which you
     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
     address specified in Section 4, "Information about donations to
     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

- You comply with all other terms of this agreement for free
     distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
your equipment.

1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees.  YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3.  LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
the applicable state law.  The invalidity or unenforceability of any
provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://www.gutenberg.org/about/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://www.gutenberg.org/fundraising/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:
http://www.gutenberg.org/fundraising/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

