The Project Gutenberg EBook of Der Wahn und die Trume in W. Jensens
Gradiva, by Sigmund Freud

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Title: Der Wahn und die Trume in W. Jensens Gradiva

Author: Sigmund Freud

Release Date: March 11, 2011 [EBook #35549]

Language: German

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  SCHRIFTEN ZUR ANGEWANDTEN SEELENKUNDE
  HERAUSGEGEBEN VON PROF. DR. SIGM. FREUD

  ERSTES HEFT


  DER WAHN UND DIE TRUME
  IN
  W. JENSENS GRADIVA


  VON
  PROF. DR. SIGM. FREUD

  WIEN


  WIEN UND LEIPZIG
  HUGO HELLER & CIE.
  1907




K. u. K. Hofbuchdruckerei Karl Prochaska in Teschen.




I.


In einem Kreise von Mnnern, denen es als ausgemacht gilt, da die
wesentlichsten Rtsel des Traumes durch die Bemhung des Verfassers(1)
gelst worden sind, erwachte eines Tages die Neugierde, sich um jene
Trume zu kmmern, die berhaupt niemals getrumt worden, die von
Dichtern geschaffen und erfundenen Personen im Zusammenhange einer
Erzhlung beigelegt werden. Der Vorschlag, diese Gattung von Trumen
einer Untersuchung zu unterziehen, mochte mig und befremdend
erscheinen; von einer Seite her konnte man ihn als berechtigt
hinstellen. Es wird ja keineswegs allgemein geglaubt, da der Traum
etwas Sinnvolles und Deutbares ist. Die Wissenschaft und die Mehrzahl
der Gebildeten lcheln, wenn man ihnen die Aufgabe einer Traumdeutung
stellt; nur das am Aberglauben hngende Volk, das hierin die
berzeugungen des Altertums fortsetzt, will von der Deutbarkeit der
Trume nicht ablassen, und der Verfasser der Traumdeutung hat es gewagt,
gegen den Einspruch der gestrengen Wissenschaft Partei fr die Alten und
fr den Aberglauben zu nehmen. Er ist allerdings weit davon entfernt, im
Traume eine Ankndigung der Zukunft anzuerkennen, nach deren Enthllung
der Mensch seit jeher mit allen unerlaubten Mitteln vergeblich strebt.
Aber vllig konnte auch er nicht die Beziehung des Traumes zur Zukunft
verwerfen, denn nach Vollendung einer mhseligen bersetzungsarbeit
erwies sich ihm der Traum als ein _erfllt_ dargestellter _Wunsch_ des
Trumers, und wer knnte bestreiten, da Wnsche sich vorwiegend der
Zukunft zuzuwenden pflegen.

  (1) Freud, Die Traumdeutung 1900.

Ich sagte eben: der Traum sei ein erfllter Wunsch. Wer sich nicht
scheut, ein schwieriges Buch durchzuarbeiten, wer nicht fordert, da ein
verwickeltes Problem zur Schonung seiner Bemhung und auf Kosten von
Treue und Wahrheit ihm als leicht und einfach vorgehalten werde, der mag
in der erwhnten Traumdeutung den weitlufigen Beweis fr diesen Satz
aufsuchen und bis dahin die ihm sicherlich aufsteigenden Einwendungen
gegen die Gleichstellung von Traum und Wunscherfllung zur Seite
drngen.

Aber wir haben weit vorgegriffen. Es handelt sich noch gar nicht darum,
festzustellen, ob der Sinn eines Traumes in jedem Falle durch einen
erfllten Wunsch wiederzugeben sei, oder nicht auch ebenso hufig durch
eine ngstliche Erwartung, einen Vorsatz, eine berlegung u.s.w.
Vielmehr steht erst in Frage, ob der Traum berhaupt einen Sinn habe, ob
man ihm den Wert eines seelischen Vorganges zugestehen solle. Die
Wissenschaft antwortet mit Nein, sie erklrt das Trumen fr einen blo
physiologischen Vorgang, hinter dem man also Sinn, Bedeutung, Absicht
nicht zu suchen brauche. Krperliche Reize spielten whrend des Schlafes
auf dem seelischen Instrument und brchten so bald diese, bald jene der
alles seelischen Zusammenhaltes beraubten Vorstellungen zum Bewutsein.
Die Trume wren nur Zuckungen, nicht aber Ausdrucksbewegungen des
Seelenlebens vergleichbar.

In diesem Streite ber die Wrdigung des Traumes scheinen nun die
Dichter auf derselben Seite zu stehen wie die Alten, wie das
aberglubische Volk und wie der Verfasser der Traumdeutung. Denn wenn
sie die von ihrer Phantasie gestalteten Personen trumen lassen, so
folgen sie der alltglichen Erfahrung, da das Denken und Fhlen der
Menschen sich in den Schlaf hinein fortsetzt, und suchen nichts anderes,
als die Seelenzustnde ihrer Helden durch deren Trume zu schildern.
Wertvolle Bundesgenossen sind aber die Dichter und ihr Zeugnis ist hoch
anzuschlagen, denn sie pflegen eine Menge von Dingen zwischen Himmel und
Erde zu wissen, von denen sich unsere Schulweisheit noch nichts trumen
lt. In der Seelenkunde gar sind sie uns Alltagsmenschen weit voraus,
weil sie da aus Quellen schpfen, welche wir noch nicht fr die
Wissenschaft erschlossen haben. Wre diese Parteinahme der Dichter fr
die sinnvolle Natur der Trume nur unzweideutiger! Eine schrfere Kritik
knnte ja einwenden, der Dichter nehme weder fr noch gegen die
psychische Bedeutung des einzelnen Traumes Partei; er begnge sich zu
zeigen, wie die schlafende Seele unter den Erregungen aufzuckt, die als
Auslufer des Wachlebens in ihr krftig verblieben sind.

Unser Interesse fr die Art, wie sich die Dichter des Traumes bedienen,
ist indes auch durch diese Ernchterung nicht gedmpft. Wenn uns die
Untersuchung auch nichts Neues ber das Wesen der Trume lehren sollte,
vielleicht gestattet sie uns von diesem Winkel aus einen kleinen
Einblick in die Natur der dichterischen Produktion. Die wirklichen
Trume gelten zwar bereits als zgellose und regelfreie Bildungen, und
nun erst die freien Nachbildungen solcher Trume! Aber es gibt viel
weniger Freiheit und Willkr im Seelenleben, als wir geneigt sind
anzunehmen; vielleicht berhaupt keine. Was wir in der Welt drauen
Zuflligkeit heien, lst sich bekanntermaen in Gesetze auf; auch was
wir im Seelischen Willkr heien, ruht auf -- derzeit erst dunkel
geahnten -- Gesetzen. Sehen wir also zu!

Es gbe zwei Wege fr diese Untersuchung. Der eine wre die Vertiefung
in einen Spezialfall, in die Traumschpfungen eines Dichters in einem
seiner Werke. Der andere bestnde im Zusammentragen und
Gegeneinanderhalten all der Beispiele, die sich in den Werken
verschiedener Dichter von der Verwendung der Trume finden lassen. Der
zweite Weg scheint der bei weitem trefflichere zu sein, vielleicht der
einzig berechtigte, denn er befreit uns sofort von den Schdigungen, die
mit der Aufnahme des knstlichen Einheitsbegriffes der Dichter
verbunden sind. Diese Einheit zerfllt bei der Untersuchung in die so
sehr verschiedenwertigen Dichterindividuen, unter denen wir in einzelnen
die tiefsten Kenner des menschlichen Seelenlebens zu verehren gewohnt
sind. Dennoch aber werden diese Bltter von einer Untersuchung der
ersten Art ausgefllt sein. Es hatte sich in jenem Kreise von Mnnern,
unter denen die Anregung auftauchte, so gefgt, da jemand sich besann,
in dem Dichtwerke, das zuletzt sein Wohlgefallen erweckt, wren mehrere
Trume enthalten gewesen, die ihn gleichsam mit vertrauten Zgen
angeblickt htten und ihn einlden, die Methode der Traumdeutung an
ihnen zu versuchen. Er gestand zu, Stoff und rtlichkeit der kleinen
Dichtung wren wohl an der Entstehung seines Wohlgefallens hauptschlich
beteiligt gewesen, denn die Geschichte spiele auf dem Boden von Pompeji
und handle von einem jungen Archologen, der das Interesse fr das Leben
gegen das an den Resten der klassischen Vergangenheit hingegeben htte
und nun auf einem merkwrdigen, aber vllig korrekten Umwege ins Leben
zurckgebracht werde. Whrend der Behandlung dieses echt poetischen
Stoffes rege sich allerlei Verwandtes und dazu Stimmendes im Leser. Die
Dichtung aber sei die kleine Novelle _Gradiva_ von _Wilhelm Jensen_,
vom Autor selbst als pompejanisches Phantasiestck bezeichnet.

Und nun mte ich eigentlich alle meine Leser bitten, dieses Heft aus
der Hand zu legen und es fr eine ganze Weile durch die 1903 im
Buchhandel erschienene Gradiva zu ersetzen, damit ich mich im weiteren
auf Bekanntes beziehen kann. Denjenigen aber, welche die Gradiva
bereits gelesen haben, will ich den Inhalt der Erzhlung durch einen
kurzen Auszug ins Gedchtnis zurckrufen, und rechne darauf, da ihre
Erinnerung allen dabei abgestreiften Reiz aus eigenem wiederherstellen
wird.

Ein junger Archologe, _Norbert Hanold_, hat in einer Antikensammlung
Roms ein Reliefbild entdeckt, das ihn so ausnehmend angezogen, da er
sehr erfreut gewesen ist, einen vortrefflichen Gipsabgu davon erhalten
zu knnen, den er in seiner Studierstube in einer deutschen
Universittsstadt aufhngen und mit Interesse studieren kann. Das Bild
stellt ein reifes junges Mdchen im Schreiten dar, welches ihr
reichfaltiges Gewand ein wenig aufgerafft hat, so da die Fe in den
Sandalen sichtbar werden. Der eine Fu ruht ganz auf dem Boden, der
andere hat sich zum Nachfolgen vom Boden abgehoben und berhrt ihn nur
mit den Zehenspitzen, whrend Sohle und Ferse sich fast senkrecht
emporheben. Der hier dargestellte ungewhnliche und besonders reizvolle
Gang hatte wahrscheinlich die Aufmerksamkeit des Knstlers erregt und
fesselt nach so viel Jahrhunderten nun den Blick unseres archologischen
Beschauers.

Dies Interesse des Helden der Erzhlung fr das geschilderte Reliefbild
ist die psychologische Grundtatsache unserer Dichtung. Es ist nicht ohne
weiteres erklrbar. Doktor Norbert Hanold, Dozent der Archologie, fand
eigentlich fr seine Wissenschaft an dem Relief nichts sonderlich
Beachtenswertes. (Gradiva p.3.) Er wute sich nicht klarzustellen,
was daran seine Aufmerksamkeit erregt habe, nur da er von etwas
angezogen worden und diese Wirkung sich seitdem unverndert forterhalten
habe. Aber seine Phantasie lt nicht ab, sich mit dem Bilde zu
beschftigen. Er findet etwas Heutiges darin, als ob der Knstler den
Anblick auf der Strae nach dem Leben festgehalten habe. Er verleiht
dem im Schreiten dargestellten Mdchen einen Namen: Gradiva, die
Vorschreitende; er fabuliert, sie sei gewi die Tochter eines
vornehmen Hauses, vielleicht eines patrizischen Aedilis, der sein Amt
im Namen der Ceres ausbte, und befinde sich auf dem Wege zum Tempel
der Gttin. Dann widerstrebt es ihm, ihre ruhige stille Art in das
Getriebe einer Grostadt einzufgen, vielmehr erschafft er sich die
berzeugung, da sie nach Pompeji zu versetzen sei und dort irgendwo auf
den wieder ausgegrabenen eigentmlichen Trittsteinen schreite, die bei
regnerischem Wetter einen trockenen bergang von einer Seite der Strae
zur anderen ermglicht und doch auch Durchla fr Wagenrder gestattet
hatten. Ihr Gesichtsschnitt dnkt ihm _griechischer_ Art, ihre
hellenische Abstammung unzweifelhaft; seine ganze Altertumswissenschaft
stellt sich allmhlich in den Dienst dieser und anderer auf das Urbild
des Reliefs bezglichen Phantasien.

Dann aber drngt sich ihm ein angeblich wissenschaftliches Problem auf,
das nach Erledigung verlangt. Es handelt sich fr ihn um eine kritische
Urteilsabgabe, ob der Knstler den Vorgang des Ausschreitens bei der
Gradiva dem Leben entsprechend wiedergegeben habe. Er selbst vermag ihn
an sich nicht hervorzurufen; bei der Suche nach der Wirklichkeit
dieser Gangart gelangt er nun dazu, zur Aufhellung der Sache selbst
Beobachtungen nach dem Leben anzustellen. (G. p.9.) Das ntigt ihn
allerdings zu einem ihm durchaus fremdartigen Tun. Das weibliche
Geschlecht war bisher fr ihn nur ein Begriff aus Marmor oder Erzgu
gewesen, und er hatte seinen zeitgenssischen Vertreterinnen desselben
niemals die geringste Beachtung geschenkt. Pflege der Gesellschaft war
ihm immer nur als unabweisbare Plage erschienen; junge Damen, mit denen
er dort zusammentraf, sah und hrte er so wenig, da er bei einer
nchsten Begegnung grulos an ihnen vorberging, was ihn natrlich in
kein gnstiges Licht bei ihnen brachte. Nun aber ntigte ihn die
wissenschaftliche Aufgabe, die er sich gestellt, bei trockener,
besonders aber bei nasser Witterung eifrig nach den sichtbar werdenden
Fen der Frauen und Mdchen auf der Strae zu schauen, welche Ttigkeit
ihm manchen unmutigen und manchen ermutigenden Blick der so Beobachteten
eintrug; doch kam ihm das eine so wenig zum Verstndnis wie das
andere. (G. p.10.) Als Ergebnis dieser sorgfltigen Studien mute er
finden, da die Gangart der Gradiva in der Wirklichkeit nicht
nachzuweisen war, was ihn mit Bedauern und Verdru erfllte.

Bald nachher hatte er einen schreckvoll bengstigenden Traum, der ihn in
das alte Pompeji am Tage des Vesuvausbruches versetzte und zum Zeugen
des Unterganges der Stadt machte. Wie er so am Rande des Forums neben
dem Jupitertempel stand, sah er pltzlich in geringer Entfernung die
Gradiva vor sich; bis dahin hatte ihn kein Gedanke an ihr Hiersein
angerhrt, jetzt aber ging ihm auf einmal und als natrlich auf, da sie
ja eine Pompejanerin sei, lebe sie in ihrer Vaterstadt und, _ohne da
er's geahnt habe, gleichzeitig mit ihm_. (G. p.12.) Angst um das ihr
bevorstehende Schicksal entlockte ihm einen Warnruf, auf den die
gleichmtig fortschreitende Erscheinung ihm ihr Gesicht zuwendete. Sie
setzte aber dann unbekmmert ihren Weg bis zum Portikus des Tempels
fort, setzte sich dort auf eine Treppenstufe und legte langsam den Kopf
auf diese nieder, whrend ihr Gesicht sich immer blasser frbte, als ob
es sich zu weiem Marmor umwandle. Als er ihr nacheilte, fand er sie mit
ruhigem Ausdruck wie schlafend auf der breiten Stufe hingestreckt, bis
dann der Aschenregen ihre Gestalt begrub.

Als er erwachte, glaubte er noch das verworrene Geschrei der nach
Rettung suchenden Bewohner Pompejis und die dumpf drhnende Brandung der
erregten See im Ohre zu haben. Aber auch nachdem die wiederkehrende
Besinnung diese Gerusche als die weckenden Lebensuerungen der
lrmenden Grostadt erkannt hatte, behielt er fr eine lange Zeit den
Glauben an die Wirklichkeit des Getrumten; als er sich endlich von der
Vorstellung frei gemacht, da er selbst vor bald zwei Jahrtausenden dem
Untergang Pompejis beigewohnt, verblieb ihm doch wie eine wahrhafte
berzeugung, da die Gradiva in Pompeji gelebt und dort im Jahre 79 mit
verschttet worden sei. Solche Fortsetzung fanden seine Phantasien ber
die Gradiva durch die Nachwirkung dieses Traumes, da er sie jetzt erst
wie eine Verlorene betrauerte.

Whrend er, von diesen Gedanken befangen, aus dem Fenster lehnte, zog
ein Kanarienvogel seine Aufmerksamkeit auf sich, der an einem
offenstehenden Fenster des Hauses gegenber im Kfig sein Lied
schmetterte. Pltzlich durchfuhr etwas wie ein Ruck den, wie es scheint,
noch nicht vllig aus seinem Traum Erwachten. Er glaubte, auf der Strae
eine Gestalt wie die seiner Gradiva gesehen und selbst den fr sie
charakteristischen Gang erkannt zu haben, eilte unbedenklich auf die
Strae, um sie einzuholen, und erst das Lachen und Spotten der Leute
ber seine unschickliche Morgenkleidung trieb ihn rasch wieder in seine
Wohnung zurck. In seinem Zimmer war es wieder der singende
Kanarienvogel im Kfig, der ihn beschftigte und ihn zum Vergleiche mit
seiner eigenen Person anregte. Auch er sitze wie im Kfig, fand er, doch
habe er es leichter, seinen Kfig zu verlassen. Wie in weiterer
Nachwirkung des Traumes, vielleicht auch unter dem Einflusse der linden
Frhlingsluft gestaltete sich in ihm der Entschlu einer Frhjahrsreise
nach Italien, fr welche ein wissenschaftlicher Vorwand bald gefunden
wurde, wenn auch der Antrieb zu dieser Reise ihm aus einer
unbenennbaren Empfindung entsprungen war. (G. p.24.)

Bei dieser merkwrdig locker motivierten Reise wollen wir einen Moment
Halt machen und die Persnlichkeit wie das Treiben unseres Helden nher
ins Auge fassen. Er erscheint uns noch unverstndlich und tricht; wir
ahnen nicht, auf welchem Wege seine besondere Torheit sich mit der
Menschlichkeit verknpfen wird, um unsere Teilnahme zu erzwingen. Es ist
das Vorrecht des Dichters, uns in solcher Unsicherheit belassen zu
drfen; mit der Schnheit seiner Sprache, der Sinnigkeit seiner Einflle
lohnt er uns vorlufig das Vertrauen, das wir ihm schenken, und die
Sympathie, die wir, noch unverdient, fr seinen Helden bereithalten. Von
diesem teilt er uns noch mit, da er schon durch die Familientradition
zum Altertumsforscher bestimmt, sich in seiner spteren Vereinsamung und
Unabhngigkeit ganz in seine Wissenschaft versenkt und ganz vom Leben
und seinen Genssen abgewendet hat. Marmor und Bronze waren fr sein
Gefhl das einzig wirklich Lebendige, den Zweck und Wert des
Menschenlebens zum Ausdruck Bringende. Doch hatte vielleicht in
wohlmeinender Absicht die Natur ihm ein Korrektiv durchaus
unwissenschaftlicher Art ins Blut gelegt, eine beraus lebhafte
Phantasie, die sich nicht nur in Trumen, sondern auch oft im Wachen zur
Geltung bringen konnte. Durch solche Absonderung der Phantasie vom
Denkvermgen mute er zum Dichter oder zum Neurotiker bestimmt sein,
gehrte er jenen Menschen an, deren Reich nicht von dieser Welt ist. So
konnte es sich ihm ereignen, da er mit seinem Interesse an einem
Reliefbild hngen blieb, welches ein eigentmlich schreitendes Mdchen
darstellte, da er dieses mit seinen Phantasien umspann, ihm Namen und
Herkunft fabulierte, und die von ihm geschaffene Person in das vor mehr
als 1800 Jahren verschttete Pompeji versetzte, endlich nach einem
merkwrdigen Angsttraum die Phantasie von der Existenz und dem Untergang
des Gradiva genannten Mdchens zu einem Wahn erhob, der auf sein Handeln
Einflu gewann. Sonderbar und undurchsichtig wrden uns diese Leistungen
der Phantasie erscheinen, wenn wir ihnen bei einem wirklich Lebenden
begegnen wrden. Da unser Held Norbert Hanold ein Geschpf des Dichters
ist, mchten wir etwa an diesen die schchterne Frage richten, ob seine
Phantasie von anderen Mchten als von ihrer eigenen Willkr bestimmt
worden ist.

Unseren Helden hatten wir verlassen, als er sich anscheinend durch das
Singen eines Kanarienvogels zu einer Reise nach Italien bewegen lie,
deren Motiv ihm offenbar nicht klar war. Wir erfahren weiter, da auch
Ziel und Zweck dieser Reise ihm nicht feststand. Eine innere Unruhe und
Unbefriedigung treibt ihn von Rom nach Neapel und von da weiter weg. Er
gert in den Schwarm der Hochzeitsreisenden und gentigt, sich mit den
zrtlichen August und Grete zu beschftigen, findet er sich ganz
auer stande, das Tun und Treiben dieser Paare zu verstehen. Er kommt zu
dem Ergebnis, unter allen Torheiten der Menschen nehme jedenfalls das
Heiraten, als die grte und unbegreiflichste, den obersten Rang ein,
und ihre sinnlosen Hochzeitsreisen nach Italien setzten gewissermaen
dieser Narretei die Krone auf. (G. p.27.) In Rom durch die Nhe eines
zrtlichen Paares in seinem Schlaf gestrt, flieht er alsbald nach
Neapel, nur um dort andere August und Grete wiederzufinden. Da er aus
deren Gesprchen zu entnehmen glaubt, da die Mehrheit dieser Vogelpaare
nicht im Sinne habe, zwischen dem Schutt von Pompeji zu nisten, sondern
den Flug nach Capri zu richten, beschliet er, das zu tun, was sie nicht
tten, und befindet sich wider Erwarten und Absicht wenige Tage nach
seiner Abreise in Pompeji.

Ohne aber dort die Ruhe zu finden, die er gesucht. Die Rolle, welche bis
dahin die Hochzeitspaare gespielt, die sein Gemt beunruhigt und seine
Sinne belstigt hatten, wird jetzt von den Stubenfliegen bernommen, in
denen er die Verkrperung des absolut Bsen und berflssigen zu
erblicken geneigt wird. Beiderlei Qulgeister verschwimmen ihm zu einer
Einheit; manche Fliegenpaare erinnern ihn an Hochzeitsreisende, reden
sich vermutlich in ihrer Sprache auch mein einziger August und meine
se Grete an. Er kann endlich nicht umhin zu erkennen, da seine
Unbefriedigung nicht allein durch das um ihn herum Befindliche
verursacht werde, sondern etwas ihren Ursprung auch aus ihm selbst
schpfe. (G. p.42.) Er fhlt, da er mimutig sei, weil ihm etwas
fehle, ohne da er sich aufhellen knne, was.

Am nchsten Morgen begibt er sich durch den Ingresso nach Pompeji und
durchstreift nach Verabschiedung des Fhrers planlos die Stadt,
merkwrdigerweise ohne sich dabei zu erinnern, da er vor einiger Zeit
im Traume bei der Verschttung Pompejis zugegen gewesen. Als dann in der
heien, heiligen Mittagsstunde, die ja den Alten als Geisterstunde
galt, die anderen Besucher sich geflchtet haben, und die Trmmerhaufen
verdet und sonnenglanzbergossen vor ihm liegen, da regt sich in ihm
die Fhigkeit, sich in das versunkene Leben zurckzuversetzen, aber
nicht mit Hilfe der Wissenschaft. Was diese lehrte, war eine leblose
archologische Anschauung, und was ihr vom Mund kam, eine tote,
philologische Sprache. Die verhalfen zu keinem Begreifen mit der Seele,
dem Gemt, dem Herzen, wie man's nennen wollte, sondern wer danach
Verlangen in sich trug, der mute als einzig Lebendiger allein in der
heien Mittagsstille hier zwischen den berresten der Vergangenheit
stehen, um nicht mit den krperlichen Augen zu sehen und nicht mit den
leiblichen Ohren zu hren. Dann .... wachten die Toten auf und Pompeji
fing an, wieder zu leben. (G. p.55.)

Whrend er so die Vergangenheit mit seiner Phantasie belebt, sieht er
pltzlich die unverkennbare Gradiva seines Reliefs aus einem Hause
heraustreten und leichtbehend ber die Lavatrittsteine zur anderen Seite
der Strae schreiten, ganz so, wie er sie im Traume jener Nacht gesehen,
als sie sich wie zum Schlafen auf die Stufen des Apollotempels hingelegt
hatte. Und mit dieser Erinnerung zusammen kommt ihm noch etwas anderes
zum erstenmal zum Bewutsein: Er sei, ohne selbst von dem Antrieb in
seinem Innern zu wissen, deshalb nach Italien und ohne Aufenthalt von
Rom und Neapel bis Pompeji weitergefahren, um danach zu suchen, ob er
hier Spuren von ihr auffinden knne. Und zwar im wrtlichen Sinne, denn
bei ihrer besonderen Gangart mute sie in der Asche einen von allen
brigen sich unterscheidenden Abdruck der Zehen hinterlassen haben. (G.
p.58.)

Die Spannung, in welcher der Dichter uns bisher erhalten hat, steigert
sich hier an dieser Stelle fr einen Augenblick zu peinlicher
Verwirrung. Nicht nur, da unser Held offenbar aus dem Gleichgewicht
geraten ist, auch wir finden uns angesichts der Erscheinung der Gradiva,
die bisher ein Stein- und dann ein Phantasiebild war, nicht zurecht.
Ist's eine Halluzination unseres vom Wahn betrten Helden, ein
wirkliches Gespenst oder eine leibhaftige Person? Nicht da wir an
Gespenster zu glauben brauchten, um diese Reihe aufzustellen. Der
Dichter, der seine Erzhlung ein Phantasiestck benannte, hat ja noch
keinen Anla gefunden uns aufzuklren, ob er uns in unserer, als
nchtern verschrieenen, von den Gesetzen der Wissenschaft beherrschten
Welt belassen oder in eine andere phantastische Welt fhren will, in der
Geistern und Gespenstern Wirklichkeit zugesprochen wird. Wie das
Beispiel des _Hamlet_, des _Macbeth_, beweist, sind wir ohne Zgern
bereit, ihm in eine solche zu folgen. Der Wahn des phantasievollen
Archologen wre in diesem Falle an einem anderen Mastabe zu messen.
Ja, wenn wir bedenken, wie unwahrscheinlich die reale Existenz einer
Person sein mu, die in ihrer Erscheinung jenes antike Steinbild
getreulich wiederholt, so schrumpft unsere Reihe zu einer Alternative
ein: Halluzination oder Mittagsgespenst. Ein kleiner Zug der Schilderung
streicht dann bald die erstere Mglichkeit. Eine groe Eidechse liegt
bewegungslos im Sonnenlicht ausgestreckt, die aber vor dem herannahenden
Fu der Gradiva entflieht und sich ber die Lavaplatten der Strae
davonringelt. Also keine Halluzination, etwas auerhalb der Sinne
unseres Trumers. Aber sollte die Wirklichkeit einer Rediviva eine
Eidechse stren knnen?

Vor dem Hause des Meleager verschwindet die Gradiva. Wir verwundern uns
nicht, da Norbert Hanold seinen Wahn dahin fortsetzt, da Pompeji in
der Mittagsgeisterstunde rings um ihn her wieder zu leben begonnen habe,
und so sei auch die Gradiva wieder aufgelebt und in das Haus gegangen,
das sie vor dem verhngnisvollen Augusttage des Jahres 79 bewohnt hatte.
Scharfsinnige Vermutungen ber die Persnlichkeit des Eigentmers, nach
dem dies Haus benannt sein mochte, und ber die Beziehung der Gradiva zu
ihm schieen durch seinen Kopf und beweisen, da sich seine Wissenschaft
nun vllig in den Dienst seiner Phantasie begeben hat. Ins Innere dieses
Hauses eingetreten, entdeckt er die Erscheinung pltzlich wieder auf
niedrigen Stufen zwischen zweien der gelben Sulen sitzend. Auf ihren
Knien lag etwas Weies ausgebreitet, das sein Blick klar zu
unterscheiden nicht fhig war; ein Papyrusblatt schien's zu sein....
Unter den Voraussetzungen seiner letzten Kombination ber ihre Herkunft
spricht er sie griechisch an, mit Zagen die Entscheidung erwartend, ob
ihr in ihrem Scheindasein wohl Sprachvermgen gegnnt sei. Da sie nicht
antwortet, vertauscht er die Anrede mit einer lateinischen. Da klingt es
von lchelnden Lippen: Wenn Sie mit mir sprechen wollen, mssen Sie's
auf Deutsch tun.

Welche Beschmung fr uns, die Leser! So hat der Dichter also auch unser
gespottet und uns wie durch den Widerschein der Sonnenglut Pompejis in
einen kleinen Wahn gelockt, damit wir den Armen, auf den die wirkliche
Mittagssonne brennt, milder beurteilen mssen. Wir aber wissen jetzt,
von kurzer Verwirrung geheilt, da die Gradiva ein leibhaftiges
deutsches Mdchen ist, was wir gerade als das Unwahrscheinlichste von
uns weisen wollten. In ruhiger berlegenheit drfen wir nun zuwarten,
bis wir erfahren, welche Beziehung zwischen dem Mdchen und ihrem Bild
in Stein besteht, und wie unser junger Archologe zu den Phantasien
gelangt ist, die auf ihre reale Persnlichkeit hinweisen.

Nicht so rasch wie wir wird unser Held aus seinem Wahn gerissen, denn
wenn der Glaube selig machte, sagt der Dichter, nahm er berall eine
erhebliche Summe von Unbegreiflichkeiten in den Kauf, (G. p.140) und
berdies hat dieser Wahn wahrscheinlich Wurzeln in seinem Innern, von
denen wir nichts wissen, und die bei uns nicht bestehen. Es bedarf wohl
bei ihm einer eingreifenden Behandlung, um ihn zur Wirklichkeit
zurckzufhren. Gegenwrtig kann er nicht anders, als den Wahn der eben
gemachten wunderbaren Erfahrung anpassen. Die Gradiva, die bei der
Verschttung Pompejis mit untergegangen, kann nichts anderes sein als
ein Mittagsgespenst, das fr die kurze Geisterstunde ins Leben
zurckkehrt. Aber warum entfhrt ihm nach jener in deutscher Sprache
gegebenen Antwort der Ausruf: Ich wute es, so klnge deine Stimme?
Nicht wir allein, auch das Mdchen selbst mu so fragen, und Hanold mu
zugeben, da er die Stimme noch nie gehrt, aber sie zu hren erwartet,
damals im Traum, als er sie anrief, whrend sie sich auf den Stufen des
Tempels zum Schlafen hinlegte. Er bittet sie, es wieder zu tun wie
damals, aber da erhebt sie sich, richtet ihm einen befremdenden Blick
entgegen und verschwindet nach wenigen Schritten zwischen den Sulen des
Hofes. Ein schner Schmetterling hatte sie kurz vorher einigemal
umflattert; in seiner Deutung war es ein Bote des Hades gewesen, der die
Abgeschiedene an ihre Rckkehr mahnen sollte, da die Mittagsgeisterstunde
abgelaufen. Den Ruf: Kehrst du morgen in der Mittagsstunde
wieder hieher? kann Hanold der Verschwindenden noch nachsenden.
Uns aber, die wir uns jetzt mehr nchterner Deutungen getrauen,
will es scheinen, als ob die junge Dame in der Aufforderung,
die Hanold an sie gerichtet, etwas Ungehriges erblickte und ihn darum
beleidigt verlie, da sie doch von seinem Traum nichts wissen konnte.
Sollte ihr Feingefhl nicht die erotische Natur des Verlangens
herausgesprt haben, das sich fr Hanold durch die Beziehung auf seinen
Traum motivierte?

Nach dem Verschwinden der Gradiva mustert unser Held smtliche bei der
Tafel anwesenden Gste des Hotels Diomde und darauf ebenso die des
Hotels Suisse und kann sich dann sagen, da in keiner der beiden ihm
allein bekannten Unterkunftssttten Pompejis eine Person zu finden sei,
die mit der Gradiva die entfernteste hnlichkeit besitze.
Selbstverstndlich htte er die Erwartung als widersinnig abgewiesen,
da er die Gradiva wirklich in einer der beiden Wirtschaften antreffen
knne. Der auf dem heien Boden des Vesuvs gekelterte Wein hilft dann
den Taumel verstrken, in dem er den Tag verbracht.

Vom nchsten Tage stand nur fest, da Hanold wieder um die Mittagsstunde
im Hause des Meleager sein msse, und diese Zeit erwartend, dringt er
auf einem nicht vorschriftsmigen Wege ber die alte Stadtmauer in
Pompeji ein. Ein mit weien Glockenkelchen behngter Asphodelosschaft
erscheint ihm als Blume der Unterwelt bedeutungsvoll genug, um ihn zu
pflcken und mit sich zu tragen. Die gesamte Altertumswissenschaft aber
dnkt ihm whrend seines Wartens das Zweckloseste und Gleichgltigste
von der Welt, denn ein anderes Interesse hat sich seiner bemchtigt, das
Problem: von welcher Beschaffenheit die krperliche Erscheinung eines
Wesens wie der Gradiva sei, das zugleich tot, und, wenn auch nur in der
Mittagsgeisterstunde, lebendig war. (G. p.80.) Auch bangt er davor,
die Gesuchte heute nicht anzutreffen, weil ihr vielleicht die Wiederkehr
erst nach langen Zeiten verstattet sein knne, und hlt ihre
Erscheinung, als er ihrer wieder zwischen den Sulen gewahr wird, fr
ein Gaukelspiel seiner Phantasie, welches ihm den schmerzlichen Ausruf
entlockt: O, da du noch wrest und lebtest! Allein diesmal war er
offenbar zu kritisch gewesen, denn die Erscheinung verfgt ber eine
Stimme, die ihn fragt, ob er ihr die weie Blume bringen wolle, und
zieht den wiederum Fassungslosen in ein langes Gesprch. Uns Lesern,
welchen die Gradiva bereits als lebende Persnlichkeit interessant
geworden ist, teilt der Dichter mit, da das Unmutige und
Zurckweisende, das sich tags zuvor in ihrem Blick geuert, einem
Ausdruck von suchender Neugier oder Wibegierde gewichen war. Sie
forscht ihn auch wirklich aus, verlangt die Aufklrung seiner Bemerkung
vom vorigen Tag, wann er bei ihr gestanden, als sie sich zum Schlafen
hingelegt, erfhrt so vom Traum, in dem sie mit ihrer Vaterstadt
untergegangen, dann vom Reliefbild und der Stellung des Fues, die den
Archologen so angezogen. Nun lt sie sich auch bereit finden, ihren
Gang zu demonstrieren, wobei als einzige Abweichung vom Urbild der
Gradiva der Ersatz der Sandalen durch sandfarbig helle Schuhe von feinem
Leder festgestellt wird, den sie als Anpassung an die Gegenwart
aufklrt. Offenbar geht sie auf seinen Wahn ein, dessen ganzen Umfang
sie ihm entlockt, ohne je zu widersprechen. Ein einziges Mal scheint sie
durch einen eigenen Affekt aus ihrer Rolle gerissen zu werden, als er,
den Sinn auf ihr Reliefbild gerichtet, behauptet, da er sie auf den
ersten Blick erkannt habe. Da sie an dieser Stelle des Gesprches noch
nichts von dem Relief wei, mu ihr ein Miverstndnis der Worte Hanolds
nahe liegen, aber alsbald hat sie sich wieder gefat, und nur uns will
es scheinen, als ob manche ihrer Reden doppelsinnig klingen, auer ihrer
Bedeutung im Zusammenhang des Wahnes auch etwas Wirkliches und
Gegenwrtiges meinen, so z.B. wenn sie bedauert, da ihm damals die
Feststellung der Gradivagangart auf der Strae nicht gelungen sei. Wie
schade, du httest vielleicht die weite Reise hieher nicht zu machen
gebraucht. (G. p.89.) Sie erfhrt auch, da er ihr Reliefbild
Gradiva benannt, und sagt ihm ihren wirklichen Namen Zo. Der Name
steht dir schn an, aber er klingt mir als ein bitterer Hohn, denn Zo
heit das Leben. -- Man mu sich in das Unabnderliche fgen,
entgegnet sie, und ich habe mich schon lange daran gewhnt, tot zu
sein. Mit dem Versprechen, morgen um die Mittagsstunde wieder an
demselben Orte zu sein, nimmt sie von ihm Abschied, nachdem sie sich
noch die Asphodelosstaude von ihm erbeten. Solchen, die besser daran
sind, gibt man im Frhling Rosen, doch fr mich ist die Blume der
Vergessenheit aus deiner Hand die richtige. (G. p.90.) Wehmut schickt
sich wohl fr eine so lang Verstorbene, die nun auf kurze Stunden ins
Leben zurckgekehrt ist.

Wir fangen nun an zu verstehen und eine Hoffnung zu fassen. Wenn die
junge Dame, in deren Gestalt die Gradiva wieder aufgelebt ist, Hanolds
Wahn so voll aufnimmt, so tut sie es wahrscheinlich, um ihn von ihm zu
befreien. Es gibt keinen anderen Weg dazu; durch Widerspruch versperrte
man sich die Mglichkeit. Auch die ernsthafte Behandlung eines
wirklichen solchen Krankheitszustandes knnte nicht anders, als sich
zunchst auf den Boden des Wahngebudes stellen und dieses dann
mglichst vollstndig erforschen. Wenn Zo die richtige Person dafr
ist, werden wir wohl erfahren, wie man einen Wahn wie den unseres Helden
heilt. Wir wollten auch gern wissen, wie ein solcher Wahn entsteht. Es
trfe sich sonderbar und wre doch nicht ohne Beispiel und Gegenstck,
wenn Behandlung und Erforschung des Wahnes zusammenfielen und die
Aufklrung der Entstehungsgeschichte desselben sich gerade whrend
seiner Zersetzung ergbe. Es ahnt uns freilich, da unser Krankheitsfall
dann in eine gewhnliche Liebesgeschichte auslaufen knnte, aber man
darf die Liebe als Heilpotenz gegen den Wahn nicht verachten, und war
unseres Helden Eingenommensein von seinem Gradivabild nicht auch eine
volle Verliebtheit, allerdings noch aufs Vergangene und Leblose
gerichtet?

Nach dem Verschwinden der Gradiva schallt es nur noch einmal aus der
Entfernung wie ein lachender Ruf eines ber die Trmmerstadt
hinfliegenden Vogels. Der Zurckgebliebene nimmt etwas Weies auf, das
die Gradiva zurckgelassen, kein Papyrusblatt, sondern ein Skizzenbuch
mit Bleistiftzeichnungen verschiedener Motive aus Pompeji. Wir wrden
sagen, es sei ein Unterpfand ihrer Wiederkehr, da sie das kleine Buch
an dieser Stelle vergessen, denn wir behaupten, man vergit nichts ohne
geheimen Grund oder verborgenes Motiv.

Der Rest des Tages bringt unserem Hanold allerlei merkwrdige
Entdeckungen und Feststellungen, die er zu einem Ganzen zusammenzufgen
verabsumt. In der Mauer des Portikus, wo die Gradiva verschwunden,
nimmt er heute einen schmalen Spalt gewahr, der doch breit genug ist, um
eine Person von ungewhnlicher Schlankheit durchzulassen. Er erkennt,
die Zo-Gradiva brauche hier nicht in den Boden zu versinken, was auch
so vernunftwidrig sei, da er sich dieses nun abgelegten Glaubens
schmt, sondern sie bentze diesen Weg, um sich in ihre Gruft zu
begeben. Ein leichter Schatten scheint ihm am Ende der Grberstrae vor
der sogen. Villa des Diomedes zu zergehen. Im Taumel wie am Vortage und
mit denselben Problemen beschftigt, treibt er sich nun in der Umgebung
Pompejis herum. Von welcher leiblichen Beschaffenheit wohl die
Zo-Gradiva sein mge, und ob man etwas verspren wrde, wenn man ihre
Hand berhrte. Ein eigentmlicher Drang trieb ihn zum Vorsatze, dieses
Experiment zu unternehmen, und doch hielt ihn eine ebenso groe Scheu
auch in der Vorstellung davon zurck. An einem heibesonnten Abhange
traf er einen lteren Herrn, der nach seiner Ausrstung ein Zoologe oder
Botaniker sein mute und mit einem Fange beschftigt schien. Der wandte
sich nach ihm um und sagte dann: Interessieren Sie sich auch fr die
Faraglionensis? Das htte ich kaum vermutet, aber mir ist es durchaus
wahrscheinlich, da sie sich nicht nur auf den Faraglionen bei Capri
aufhlt, sondern sich mit Ausdauer auch am Festland finden lassen mu.
Das vom Kollegen _Eimer_ angegebene Mittel ist wirklich gut; ich habe es
schon mehrfach mit bestem Erfolge angewendet. Bitte, halten Sie sich
ganz ruhig--. (G. p.96.) Der Sprecher brach dann ab und hielt eine
aus einem langen Grashalm hergestellte Schlinge vor eine Felsritze, aus
der das blulich schillernde Kpfchen einer Eidechse hervorsah. Hanold
verlie den Lacertenjger mit der kritischen Idee, es sei kaum
glaublich, was fr nrrisch merkwrdige Vorhaben Leute zu der weiten
Fahrt nach Pompeji veranlassen konnten, in welche Kritik er sich und
seine Absicht, in der Asche Pompejis nach den Fuabdrcken der Gradiva
zu forschen, natrlich nicht einschlo. Das Gesicht des Herrn kam ihm
brigens bekannt vor, als htte er es flchtig in einem der beiden
Gasthfe bemerkt, auch war dessen Anrede wie an einen Bekannten
gerichtet gewesen. Auf seiner weiteren Wanderung brachte ihn ein
Seitenweg zu einem bisher von ihm nicht entdeckten Haus, welches sich
als ein drittes Wirtshaus, der Albergo del Sole herausstellte. Der
unbeschftigte Wirt bentzte die Gelegenheit, sein Haus und die darin
enthaltenen ausgegrabenen Schtze bestens zu empfehlen. Er behauptete,
da er auch zugegen gewesen sei, als man in der Gegend des Forums das
junge Liebespaar aufgefunden, das sich bei der Erkenntnis des
unabwendbaren Unterganges fest mit den Armen umschlungen und so den Tod
erwartet habe. Davon hatte Hanold schon frher gehrt und darber als
ber eine Fabelerfindung irgend eines phantasiereichen Erzhlers die
Achsel gezuckt, aber heute erweckten die Reden des Wirtes bei ihm eine
Glubigkeit, die sich auch weiter erstreckte, als dieser eine mit grner
Patina berzogene Metallspange herbeiholte, die in seiner Gegenwart
neben den berresten des Mdchens aus der Asche gesammelt worden sei. Er
erwarb diese Spange ohne weitere kritische Bedenken, und als er beim
Verlassen des Albergo an einem offenstehenden Fenster einen mit weien
Blten besetzten Asphodelosschaft herabnicken sah, durchdrang ihn der
Anblick der Grberblume wie eine Beglaubigung fr die Echtheit seines
neuen Besitztums.

Mit dieser Spange hatte aber ein neuer Wahn von ihm Besitz ergriffen
oder vielmehr der alte ein Stckchen Fortsetzung getrieben, anscheinend
kein gutes Vorzeichen fr die eingeleitete Therapie. Unweit des Forums
hatte man ein junges Liebespaar in solcher Umschlingung ausgegraben, und
er hatte im Traume die Gradiva in eben dieser Gegend beim Apollotempel
sich zum Schlafe niederlegen gesehen. Wre es nicht mglich, da sie in
Wirklichkeit vom Forum noch weiter gegangen sei, um mit jemand
zusammenzutreffen, mit dem sie dann gemeinsam gestorben? Ein qulendes
Gefhl, das wir vielleicht der Eifersucht gleichstellen knnen,
entsprang aus dieser Vermutung. Er beschwichtigte es durch den Hinweis
auf die Unsicherheit der Kombination und brachte sich wieder so weit
zurecht, da er die Abendmahlzeit im Hotel Diomde einnehmen konnte.
Zwei neueingetroffene Gste, ein Er und eine Sie, die er nach einer
gewissen hnlichkeit fr Geschwister halten mute, -- trotz ihrer
verschiedenen Haarfrbung, -- zogen dort seine Aufmerksamkeit auf sich.
Die Beiden waren die ersten ihm auf seiner Reise Begegnenden, von denen
er einen sympathischen Eindruck empfing. Eine rote Sorrentiner Rose, die
das junge Mdchen trug, weckte irgend eine Erinnerung in ihm, er konnte
sich nicht besinnen, welche. Endlich ging er zu Bett und trumte; es war
merkwrdig unsinniges Zeug, aber offenbar aus den Erlebnissen des Tages
zusammengebraut. Irgendwo in der Sonne sa die Gradiva, machte aus
einem Grashalm eine Schlinge, um eine Eidechse drin zu fangen und sagte
dazu: 'Bitte, halte dich ganz ruhig -- die Kollegin hat recht, das
Mittel ist wirklich gut und sie hat es mit bestem Erfolge angewendet.'
Gegen diesen Traum wehrte er sich noch im Schlafe mit der Kritik, das
sei ja vollstndige Verrcktheit, und es gelang ihm, den Traum
loszuwerden mit Hilfe eines unsichtbaren Vogels, der einen kurzen
lachenden Ruf ausstie und die Eidechse im Schnabel forttrug.

Trotz all dieses Spuks erwachte er eher geklrt und gefestigt. Ein
Rosenstrauch, der Blumen von jener Art trug, wie er sie gestern an der
Brust der jungen Dame bemerkt hatte, brachte ihm ins Gedchtnis zurck,
da in der Nacht jemand gesagt hatte, im Frhling gbe man Rosen. Er
pflckte unwillkrlich einige der Rosen ab, und an diese mute sich
etwas knpfen, was eine lsende Wirkung in seinem Kopf ausbte. Seiner
Menschenscheu erledigt, begab er sich auf dem gewhnlichen Wege nach
Pompeji, mit den Rosen, der Metallspange und dem Skizzenbuch beschwert
und mit verschiedenen Problemen, welche die Gradiva betrafen,
beschftigt. Der alte Wahn war rissig geworden, er zweifelte bereits, ob
sie sich nur in der Mittagsstunde, nicht auch zu anderen Zeiten in
Pompeji aufhalten drfe. Der Akzent hatte sich dafr auf das zuletzt
angefgte Stck verschoben, und die an diesem hngende Eifersucht qulte
ihn in allerlei Verkleidungen. Beinahe htte er gewnscht, da die
Erscheinung nur seinen Augen sichtbar bleibe und sich der Wahrnehmung
anderer entziehe; so drfte er sie doch als sein ausschlieliches
Eigentum betrachten. Whrend seiner Streifungen im Erwarten der
Mittagsstunde hatte er eine berraschende Begegnung. In der Casa del
fauno traf er auf zwei Gestalten, die sich in einem Winkel unentdeckbar
glauben mochten, denn sie hielten sich mit den Armen umschlungen und
ihre Lippen zusammengeschlossen. Mit Verwunderung erkannte er in ihnen
das sympathische Paar von gestern abend. Aber fr zwei Geschwister
bednkten ihn ihr gegenwrtiges Verhalten, die Umarmung und der Ku von
zu langer Andauer; also war es doch ein Liebes- und vermutlich junges
Hochzeitspaar, auch ein August und eine Grete. Merkwrdigerweise erregte
dieser Anblick jetzt nichts anderes als Wohlgefallen in ihm, und scheu,
als htte er eine geheime Andachtsbung gestrt, zog er sich ungesehen
zurck. Ein Respekt, der ihm lange gefehlt hatte, war in ihm
wiederhergestellt.

Vor dem Hause des Meleager angekommen, berfiel ihn die Angst, die
Gradiva in Gesellschaft eines Anderen anzutreffen, noch einmal so
heftig, da er fr ihre Erscheinung keine andere Begrung fand, als die
Frage: Bist du allein? Mit Schwierigkeit lt er sich von ihr zum
Bewutsein bringen, da er die Rosen fr sie gepflckt, beichtet ihr den
letzten Wahn, da sie das Mdchen gewesen, das man am Forum in
Liebesumarmung gefunden, und dem die grne Spange gehrt hatte. Nicht
ohne Spott fragt sie, ob er das Stck etwa in der Sonne gefunden. Diese
-- hier Sole genannt -- bringe allerlei derart zu stande. Zur Heilung
des Schwindels im Kopfe, den er zugesteht, schlgt sie ihm vor, ihre
kleine Mahlzeit mit ihr zu teilen, und bietet ihm die eine Hlfte eines
in Seidenpapier eingewickelten Weibrotes an, dessen andere sie selbst
mit sichtlichem Appetit verzehrt. Dabei blitzen ihre tadellosen Zhne
zwischen den Lippen auf und verursachen beim Durchbeien der Rinde einen
leicht krachenden Ton. Auf ihre Rede: Mir ist's, als htten wir schon
vor zweitausend Jahren einmal so zusammen unser Brot gegessen. Kannst du
dich nicht darauf besinnen? (G. p.118) wute er keine Antwort, aber
die Strkung seines Kopfes durch das Nhrmittel und all die Zeichen von
Gegenwrtigkeit, die sie gab, verfehlten ihre Wirkung auf ihn nicht. Die
Vernunft erhob sich in ihm und zog den ganzen Wahn, da die Gradiva nur
ein Mittagsgespenst sei, in Zweifel; dagegen lie sich freilich
einwenden, da sie soeben selbst gesagt, sie habe schon vor zweitausend
Jahren die Mahlzeit mit ihm geteilt. In solchem Konflikt bot sich ein
Experiment als Mittel der Entscheidung, das er mit Schlauheit und
wiedergefundenem Mute ausfhrte. Ihre linke Hand lag mit den schmalen
Fingern ruhig auf ihren Knien, und eine der Stubenfliegen, ber deren
Frechheit und Nutzlosigkeit er sich frher so entrstet hatte, lie sich
auf dieser Hand nieder. Pltzlich fuhr Hanolds Hand in die Hh' und
klatschte mit einem keineswegs gelinden Schlag auf die Fliege und die
Hand der Gradiva herunter.

Zweierlei Erfolg trug ihm dieser khne Versuch ein, zunchst die
freudige berzeugung, da er eine unzweifelhaft wirkliche, lebendige und
warme Menschenhand berhrt, dann aber einen Verweis, vor dem er
erschrocken von seinem Sitz auf der Stufe aufflog. Denn von den Lippen
der Gradiva tnte es, nachdem sie sich von ihrer Verblffung erholt
hatte: Du bist doch offenbar verrckt, Norbert Hanold.

Der Ruf beim eigenen Namen ist bekanntlich das beste Mittel, einen
Schlfer oder Nachtwandler aufzuwecken. Welche Folgen die Nennung seines
Namens, von dem er niemand in Pompeji Mitteilung gemacht, durch die
Gradiva fr Norbert Hanold mit sich gebracht hatte, lie sich leider
nicht beobachten. Denn in diesem kritischen Augenblick tauchte das
sympathische Liebespaar aus der Casa di fauno auf, und die junge Dame
rief mit einem Ton frhlicher berraschung: Zo! du auch hier? Und auch
auf der Hochzeitsreise? Davon hast du mir ja kein Wort geschrieben! Vor
diesem neuen Beweis der Lebenswirklichkeit der Gradiva ergriff Hanold
die Flucht.

Die Zo-Gradiva war durch den unvorhergesehenen Besuch, der sie in
einer, wie es scheint, wichtigen Arbeit strte, auch nicht aufs
angenehmste berrascht. Aber bald gefat, beantwortet sie die Frage mit
einer gelufigen Antwortsrede, in der sie der Freundin, aber mehr noch
uns, Ausknfte ber die Situation gibt, und mittels welcher sie sich des
jungen Paares zu entledigen wei. Sie gratuliert, aber sie ist nicht auf
der Hochzeitsreise. Der junge Herr, der eben fortging, laboriert auch
an einem merkwrdigen Hirngespinst, mir scheint, er glaubt, da ihm eine
Fliege im Kopfe summt; nun, irgend eine Kerbtierart hat wohl Jeder drin.
Pflichtmig verstehe ich mich etwas auf Entomologie und kann deshalb
bei solchen Zustnden ein bichen von Nutzen sein. Mein Vater und ich
wohnen im Sole, er bekam auch einen pltzlichen Anfall und dazu den
guten Einfall, mich mit hieher zu nehmen, wenn ich mich auf meine eigene
Hand in Pompeji unterhalten und an ihn keinerlei Anforderungen stellen
wollte. Ich sagte mir, irgend etwas Interessantes wrde ich wohl schon
allein hier ausgraben. Freilich, auf den Fund, den ich gemacht, -- ich
meine das Glck, dich zu treffen, Gisa, hatte ich mit keinem Gedanken
gerechnet. (G. p.124.) Aber nun mu sie eilig fort, ihrem Vater am
Sonnentisch Gesellschaft leisten. Und so entfernt sie sich, nachdem sie
sich uns als die Tochter des Zoologen und Eidechsenfngers vorgestellt
und in allerlei doppelsinnigen Reden sich zur Absicht der Therapie und
zu anderen geheimen Absichten bekannt hat. Die Richtung, die sie
einschlug, war aber nicht die des Gasthofes zur Sonne, in dem ihr Vater
sie erwartete, sondern auch ihr wollte scheinen, als ob in der Umgegend
der Villa des Diomedes eine Schattengestalt ihren Tumulus aufsuche und
unter einem der Grberdenkmler verschwinde, und darum richtete sie ihre
Schritte mit dem jedesmal beinahe senkrecht aufgestellten Fu nach der
Grberstrae. Dorthin hatte sich in seiner Beschmung und Verwirrung
Hanold geflchtet und wanderte im Portikus des Gartenraumes unablssig
auf und ab, beschftigt, den Rest seines Problems durch Denkanstrengung
zu erledigen. Eines war ihm unanfechtbar klar geworden, da er vllig
ohne Sinn und Verstand gewesen zu glauben, da er mit einer mehr oder
weniger leiblich wieder lebendig gewordenen jungen Pompejanerin verkehrt
habe, und diese deutliche Einsicht seiner Verrcktheit bildete
unstreitig einen wesentlichen Fortschritt auf dem Rckweg zur gesunden
Vernunft. Aber anderseits war diese Lebende, mit der auch Andere wie mit
einer ihnen gleichartigen Leibhaftigkeit verkehrten, die Gradiva, und
sie wute seinen Namen, und dieses Rtsel zu lsen, war seine kaum
erwachte Vernunft nicht stark genug. Auch war er im Gefhl kaum ruhig
genug, um sich solcher schwierigen Aufgabe gewachsen zu zeigen, denn am
liebsten wre er vor zweitausend Jahren in der Villa des Diomedes
mitverschttet worden, um nur sicher zu sein, der Zo-Gradiva nicht
wieder zu begegnen.

Eine heftige Sehnsucht, sie wiederzusehen, stritt indessen gegen den
Rest von Neigung zur Flucht, der sich in ihm erhalten hatte.

Um eine der vier Ecken des Pfeilerganges biegend, prallte er pltzlich
zurck. Auf einem abgebrochenen Mauerstcke sa da eines der Mdchen,
die hier in der Villa des Diomedes ihren Tod gefunden hatten. Aber das
war ein bald abgewiesener letzter Versuch, in das Reich des Wahnsinns zu
flchten; nein, die Gradiva war es, die offenbar gekommen war, ihm das
letzte Stck ihrer Behandlung zu schenken. Sie deutete seine erste
instinktive Bewegung ganz richtig als einen Versuch, den Raum zu
verlassen, und bewies ihm, da er nicht entrinnen knne, denn drauen
hatte ein frchterlicher Wassersturz zu rauschen begonnen. Die
Unbarmherzige begann das Examen mit der Frage, was er mit der Fliege auf
ihrer Hand gewollt. Er fand nicht den Mut, sich eines bestimmten
Pronomens zu bedienen, wohl aber den wertvolleren, die entscheidende
Frage zu stellen:

Ich war -- wie jemand sagte -- etwas verwirrt im Kopf und bitte um
Verzeihung, da ich die Hand derartig -- wie ich so sinnlos sein konnte,
ist mir nicht begreiflich -- aber ich bin auch nicht im stande, zu
begreifen, wie ihre Besitzerin mir meine -- meine Unvernunft mit meinem
Namen vorhalten konnte. (G. p.134.)

So weit ist dein Begreifen also noch nicht vorgeschritten, Norbert
Hanold. Wunder nehmen kann's mich allerdings nicht, da du mich lange
daran gewhnt hast. Um die Erfahrung wieder zu machen, htte ich nicht
nach Pompeji zu kommen gebraucht, und du httest sie mir um gut hundert
Meilen nher besttigen knnen.

Um hundert Meilen nher; deiner Wohnung schrg gegenber, in dem
Eckhaus; an meinem Fenster steht ein Kfig mit einem Kanarienvogel,
erffnet sie jetzt dem noch immer Verstndnislosen.

Dies letzte Wort berhrt den Hrer wie eine Erinnerung aus einer weiten
Ferne. Das ist doch derselbe Vogel, dessen Gesang ihm den Entschlu zur
Reise nach Italien eingegeben.

In dem Hause wohnt mein Vater, der Professor der Zoologie _Richard
Bertgang_.

Als seine Nachbarin kannte sie also seine Person und seinen Namen. Uns
droht es wie eine Enttuschung durch eine seichte Lsung, die unserer
Erwartungen nicht wrdig ist.

Norbert Hanold zeigt noch keine wiedergewonnene Selbstndigkeit des
Denkens, wenn er wiederholt: Dann sind Sie -- sind Sie Frulein Zo
_Bertgang_? Die sah aber doch ganz anders aus....

Die Antwort des Fruleins _Bertgang_ zeigt dann, da doch noch andere
Beziehungen als die der Nachbarschaft zwischen den beiden bestanden
hatten. Sie wei fr das trauliche du einzutreten, das er dem
Mittagsgespenst natrlich geboten, vor der Lebenden wieder zurckgezogen
hatte, auf das sie aber alte Rechte geltend macht. Wenn du die Anrede
passender zwischen uns findest, kann ich sie ja auch anwenden, mir lag
nur die andere natrlicher auf der Zunge. Ich wei nicht mehr, ob ich
frher, als wir tglich freundschaftlich miteinander herumliefen,
gelegentlich uns zur Abwechslung auch knufften und pufften, anders
ausgesehen habe. Aber wenn Sie in den letzten Jahren einmal mit einem
Blick auf mich Acht gegeben htten, wre Ihren Augen vielleicht
aufgegangen, da ich schon seit lngerer Zeit so aussehe.

Eine Kinderfreundschaft hatte also zwischen den beiden bestanden,
vielleicht eine Kinderliebe, aus der das Du seine Berechtigung
ableitete. Ist diese Lsung nicht vielleicht ebenso seicht wie die erst
vermutete? Es trgt aber doch wesentlich zur Vertiefung bei, da uns
einfllt, dies Kinderverhltnis erklre in unvermuteter Weise so manche
Einzelheit von dem, was whrend ihres jetzigen Verkehrs zwischen den
Beiden vorgefallen. Jener Schlag auf die Hand der Zo-Gradiva, den sich
Norbert Hanold so vortrefflich mit dem Bedrfnis motiviert, durch eine
experimentelle Entscheidung die Frage nach der Leiblichkeit der
Erscheinung zu lsen, sieht er nicht anderseits einem Wiederaufleben des
Impulses zum Knuffen und Puffen merkwrdig hnlich, dessen Herrschaft
in der Kindheit uns die Worte Zos bezeugt haben? Und wenn die Gradiva
an den Archologen die Frage gerichtet, ob ihm nicht vorkomme, da sie
schon einmal vor zweitausend Jahren so die Mahlzeit miteinander geteilt
htten, wird diese unverstndliche Frage nicht pltzlich sinnvoll, wenn
wir anstatt jener geschichtlichen Vergangenheit die persnliche
einsetzen, die Kinderzeit wiederum, deren Erinnerungen bei dem Mdchen
lebhaft erhalten, bei dem jungen Manne aber vergessen zu sein scheinen?
Dmmert uns nicht pltzlich die Einsicht, da die Phantasien des jungen
Archologen ber seine Gradiva ein Nachklang dieser vergessenen
Kindheitserinnerungen sein knnten? Dann wren sie also keine
willkrlichen Produktionen seiner Phantasie, sondern bestimmt, ohne da
er darum wte, durch das von ihm vergessene, aber noch wirksam in ihm
vorhandene Material von Kindheitseindrcken. Wir mten diese Abkunft
der Phantasien im einzelnen nachweisen knnen, wenn auch nur durch
Vermutungen. Wenn z.B. die Gradiva durchaus _griechischer_ Abkunft sein
mu, die Tochter eines angesehenen Mannes, vielleicht eines Priesters
der Ceres, so stimmte das nicht bel zu einer Nachwirkung der Kenntnis
ihres griechischen Namens _Zo_ und ihrer Zugehrigkeit zur Familie
eines Professors der Zoologie. Sind aber die Phantasien Hanolds
umgewandelte Erinnerungen, so drfen wir erwarten, in den Mitteilungen
der Zo Bertgang den Hinweis auf die Quellen dieser Phantasien zu
finden. Horchen wir auf; sie erzhlte uns von einer intimen Freundschaft
der Kinderjahre, wir werden nun erfahren, welche weitere Entwicklung
diese Kinderbeziehung bei den Beiden genommen hat.

Damals, so bis um die Zeit, in der man uns, ich wei nicht weshalb,
Backfische tituliert, hatte ich mir eigentlich eine merkwrdige
Anhnglichkeit an Sie angewhnt und glaubte, ich knnte nie einen mir
angenehmeren Freund auf der Welt finden. Mutter und Schwester oder
Bruder hatte ich ja nicht, meinem Vater war eine Blindschleiche in
Spiritus bedeutend interessanter als ich, und etwas mu man, wozu ich
auch ein Mdchen rechne, wohl haben, womit man seine Gedanken und was
sonst mit ihnen zusammenhngt, beschftigen kann. Das waren also Sie
damals; doch als die Altertumswissenschaft ber Sie gekommen war, machte
ich die Entdeckung, da aus dir -- entschuldigen Sie, aber Ihre
schickliche Neuerung klingt mir doch zu abgeschmackt und pat auch nicht
zu dem, was ich ausdrcken will -- ich wollte sagen, da stellte sich
heraus, da aus dir ein unausstehlicher Mensch geworden war, der,
wenigstens fr mich, keine Augen mehr im Kopf, keine Zunge mehr im Mund
und keine Erinnerung mehr da hatte, wo sie mir an unsere
Kinderfreundschaft sitzen geblieben war. Darum sah ich wohl anders aus
als frher, denn wenn ich ab und zu in einer Gesellschaft mit dir
zusammenkam, noch im letzten Winter einmal, sahst du mich nicht, und
noch weniger bekam ich deine Stimme zu hren, worin brigens keine
Auszeichnung fr mich lag, weil du's mit allen Andern ebenso machtest.
Ich war Luft fr dich, und du warst, mit deinem blonden Haarschopf, an
dem ich dich frher oft gezaust, so langweilig, vertrocknet und mundfaul
wie ein ausgestopfter Kakadu und dabei so groartig wie ein --
_Archopteryx_ heit das ausgegrabene vorsintflutliche Vogelungetm ja
wohl. Nur da dein Kopf eine ebenfalls so groartige Phantasie
beherbergte, hier in Pompeji mich auch fr etwas Ausgegrabenes und
wieder lebendig Gewordenes anzusehen, -- das hatte ich nicht bei dir
vermutet, und als du auf einmal ganz unerwartet vor mir standest,
kostete es mich zuerst ziemliche Mhe, dahinter zu kommen, was fr ein
unglaubliches Hirngespinst deine Einbildung sich zurechtgearbeitet
hatte. Dann machte mir's Spa und gefiel mir auch trotz seiner
Tollhusigkeit nicht so bel. Denn, wie gesagt, das hatte ich bei dir
nicht vermutet.

So sagt sie uns also deutlich genug, was aus der Kinderfreundschaft mit
den Jahren bei ihnen Beiden geworden war. Bei ihr steigerte sich
dieselbe zu einer herzlichen Verliebtheit, denn etwas mu man ja haben,
woran man als Mdchen sein Herz hngt. Frulein Zo, die Verkrperung
der Klugheit und Klarheit, macht uns auch ihr Seelenleben ganz
durchsichtig. Wenn es schon allgemeine Regel fr das normal geartete
Mdchen ist, da sie ihre Neigung zunchst dem Vater zuwende, so war sie
ganz besonders dazu bereit, die keine andere Person als den Vater in
ihrer Familie fand. Dieser Vater aber hatte fr sie nichts brig, die
Objekte seiner Wissenschaft hatten all sein Interesse mit Beschlag
belegt. So mute sie nach einer anderen Person Umschau halten und hing
sich mit besonderer Innigkeit an ihren Jugendgespielen. Als auch dieser
keine Augen mehr fr sie hatte, strte es ihre Liebe nicht, steigerte
sie vielmehr, denn er war ihrem Vater gleich geworden, wie dieser von
der Wissenschaft absorbiert und durch sie vom Leben und von Zo
ferngehalten. So war es ihr gestattet, in der Untreue noch treu zu sein,
im Geliebten den Vater wiederzufinden, mit dem gleichen Gefhl die
Beiden zu umfassen oder, wie wir sagen knnen, die Beiden in ihrem
Fhlen zu identifizieren. Woher nehmen wir die Berechtigung zu dieser
kleinen psychologischen Analyse, die leicht als selbstherrlich
erscheinen knnte? In einem einzigen, aber hchst charakteristischen
Detail hat sie der Dichter uns gegeben. Wenn Zo die fr sie so
betrbende Verwandlung ihres Jugendgespielen schildert, so beschimpft
sie ihn durch einen Vergleich mit dem Archopteryx, jenem Vogelungetm,
das der Archologie der Zoologie angehrt. So hat sie fr die
Identifizierung der beiden Personen einen einzigen konkreten Ausdruck
gefunden; ihr Groll trifft den Geliebten wie den Vater mit demselben
Worte. Der Archopteryx ist sozusagen die Kompromi- oder
Mittelvorstellung, in welcher der Gedanke an die Torheit ihres Geliebten
mit dem an die analoge ihres Vaters zusammenkommt.

Anders hatte es sich bei dem jungen Manne gewendet. Die
Altertumswissenschaft kam ber ihn und lie ihm nur Interesse fr Weiber
aus Stein und Bronze brig. Die Kinderfreundschaft ging unter, anstatt
sich zu einer Leidenschaft zu verstrken, und die Erinnerungen an sie
gerieten in so tiefe Vergessenheit, da er seine Jugendgenossin nicht
erkannte und nicht beachtete, wenn er sie in der Gesellschaft traf.
Zwar, wenn wir das weitere berblicken, drfen wir in Zweifel ziehen, ob
Vergessenheit die richtige psychologische Bezeichnung fr das
Schicksal dieser Erinnerungen bei unserem Archologen ist. Es gibt eine
Art von Vergessen, welche sich durch die Schwierigkeit auszeichnet, mit
welcher die Erinnerung auch durch starke uere Anrufungen erweckt wird,
als ob ein innerer Widerstand sich gegen deren Wiederbelebung strubte.
Solches Vergessen hat den Namen Verdrngung in der Psychopathologie
erhalten; der Fall, den unser Dichter uns vorgefhrt, scheint ein
solches Beispiel von Verdrngung zu sein. Nun wissen wir ganz allgemein
nicht, ob das Vergessen eines Eindruckes mit dem Untergang von dessen
Erinnerungsspur im Seelenleben verbunden ist; von der Verdrngung
knnen wir aber mit Bestimmtheit behaupten, da sie nicht mit dem
Untergang, dem Auslschen der Erinnerung zusammenfllt. Das Verdrngte
kann zwar in der Regel sich nicht ohne weiteres als Erinnerung
durchsetzen, aber es bleibt leistungs- und wirkungsfhig, es lt eines
Tages unter dem Einflu einer ueren Einwirkung psychische Abfolgen
entstehen, die man als Verwandlungsprodukte und Abkmmlinge der
vergessenen Erinnerung auffassen kann, und die unverstndlich bleiben,
wenn man sie nicht so auffat. In den Phantasien Norbert Hanolds ber
die Gradiva glaubten wir bereits die Abkmmlinge seiner verdrngten
Erinnerungen an seine Kinderfreundschaft mit der Zo Bertgang zu
erkennen. Mit besonderer Gesetzmigkeit darf man eine derartige
Wiederkehr des Verdrngten erwarten, wenn an den verdrngten Eindrcken
das erotische Fhlen eines Menschen haftet, wenn sein Liebesleben von
der Verdrngung betroffen worden ist. Dann behlt der alte lateinische
Spruch recht, der vielleicht ursprnglich auf Austreibung durch uere
Einflsse, nicht auf innere Konflikte gemnzt ist: Naturam furca
expellas, semper redibit. Aber er sagt nicht alles, kndigt nur die
Tatsache der Wiederkehr des Stckes verdrngter Natur an, und beschreibt
nicht die hchst merkwrdige Art dieser Wiederkehr, die sich wie durch
einen tckischen Verrat vollzieht. Gerade dasjenige, was zum Mittel der
Verdrngung gewhlt worden ist -- wie die furca des Spruches--, wird
der Trger des Wiederkehrenden; in und hinter dem Verdrngenden macht
sich endlich siegreich das Verdrngte geltend. Eine bekannte Radierung
von _Flicien Rops_ illustriert diese wenig beachtete und der Wrdigung
so sehr bedrftige Tatsache eindrucksvoller, als viele Erluterungen es
vermchten, und zwar an dem vorbildlichen Falle der Verdrngung im Leben
der Heiligen und Ber. Ein asketischer Mnch hat sich -- gewi vor den
Versuchungen der Welt -- zum Bild des gekreuzigten Erlsers geflchtet.
Da sinkt dieses Kreuz schattenhaft nieder und strahlend erhebt sich an
seiner Stelle, zu seinem Ersatze, das Bild eines ppigen nackten Weibes
in der gleichen Situation der Kreuzigung. Andere Maler von geringerem
psychologischen Scharfblick haben in solchen Darstellungen der
Versuchung die Snde frech und triumphierend an irgend eine Stelle neben
dem Erlser am Kreuze gewiesen. _Rops_ allein hat sie den Platz des
Erlsers selbst am Kreuze einnehmen lassen; er scheint gewut zu haben,
da das Verdrngte bei seiner Wiederkehr aus dem Verdrngenden selbst
hervortritt.

Es ist des Verweilens wert, sich in Krankheitsfllen zu berzeugen, wie
feinfhlig im Zustande der Verdrngung das Seelenleben eines Menschen
fr die Annherung des Verdrngten wird, und wie leise und geringfgige
hnlichkeiten gengen, damit dasselbe hinter dem Verdrngenden und durch
dieses zur Wirkung gelange. Ich hatte einmal Anla, mich rztlich um
einen jungen Mann, fast noch Knaben, zu kmmern, der nach der ersten
unerwnschten Kenntnisnahme von den sexuellen Vorgngen die Flucht vor
allen in ihm aufsteigenden Gelsten ergriffen hatte und sich
verschiedener Mittel der Verdrngung dazu bediente, seinen Lerneifer
steigerte, die kindliche Anhnglichkeit an die Mutter bertrieb und im
ganzen ein kindisches Wesen annahm. Ich will hier nicht ausfhren, wie
gerade im Verhltnis zur Mutter die verdrngte Sexualitt wieder
durchdrang, sondern den selteneren und fremdartigeren Fall beschreiben,
wie ein anderes seiner Bollwerke bei einem kaum als zureichend zu
erkennenden Anlasse zusammenbrach. Als Ablenkung vom Sexuellen geniet
die Mathematik den grten Ruf; schon _J.J. Rousseau_ hatte sich von
einer Dame, die mit ihm unzufrieden war, raten lassen mssen: Lascia le
donne e studia la matematica. So warf sich auch unser Flchtling mit
besonderem Eifer auf die in der Schule gelehrte Mathematik und
Geometrie, bis seine Fassungskraft eines Tages pltzlich vor einigen
scheinbar harmlosen Aufgaben erlahmte. Von zweien dieser Aufgaben lie
sich noch der Wortlaut feststellen: Zwei Krper stoen aufeinander, der
eine mit der Geschwindigkeit ... u.s.w. -- Und: Einem Zylinder vom
Durchmesser der Grundflche m ist ein Kegel einzuschreiben u.s.w. Bei
diesen fr einen anderen gewi nicht aufflligen Anspielungen an das
sexuelle Geschehen fand er sich auch von der Mathematik verraten und
ergriff auch vor ihr die Flucht.

Wenn Norbert Hanold eine aus dem Leben geholte Persnlichkeit wre, die
so die Liebe und die Erinnerung an seine Kinderfreundschaft durch die
Archologie vertrieben htte, so wre es nur gesetzmig und korrekt,
da gerade ein antikes Relief die vergessene Erinnerung an die mit
kindlichen Gefhlen Geliebte in ihm erweckt; es wre sein wohlverdientes
Schicksal, da er sich in das Steinbild der Gradiva verliebt, hinter
welchem vermge einer nicht aufgeklrten hnlichkeit die lebende und von
ihm vernachlssigte Zo zur Wirkung kommt.

Frulein Zo scheint selbst unsere Auffassung von dem Wahn des jungen
Archologen zu teilen, denn das Wohlgefallen, dem sie am Ende ihrer
rckhaltlosen, ausfhrlichen und lehrreichen Strafrede Ausdruck
gegeben, lt sich kaum anders als durch die Bereitwilligkeit begrnden,
sein Interesse fr die Gradiva von allem Anfang an auf ihre Person zu
beziehen. Dieses war es eben, was sie ihm nicht zugetraut hatte, und was
sie trotz aller Wahnverkleidung doch als solches erkannte. An ihm aber
hatte nun die psychische Behandlung von ihrer Seite ihre wohlttige
Wirkung vollbracht; er fhlte sich frei, da nun der Wahn durch dasjenige
ersetzt war, wovon er doch nur eine entstellte und ungengende Abbildung
sein konnte. Er zgerte jetzt auch nicht, sich zu erinnern und sie als
seine gute, frhliche, klugsinnige Kameradin zu erkennen, die sich im
Grunde gar nicht verndert habe. Aber etwas anderes fand er hchst
sonderbar--

Da jemand erst sterben mu, um lebendig zu werden, meinte das
Mdchen. Aber fr die Archologen ist das wohl notwendig. (G. p.141.)
Sie hatte ihm offenbar den Umweg noch nicht verziehen, den er von der
Kinderfreundschaft bis zu dem neu sich knpfenden Verhltnis ber die
Altertumswissenschaft eingeschlagen hatte.

Nein, ich meine dein Name ... Weil _Bertgang_ mit _Gradiva_
gleichbedeutend ist und 'die im Schreiten Glnzende' bezeichnet. (G.
p.142.)

Darauf waren nun auch wir nicht vorbereitet. Unser Held beginnt sich aus
seiner Demtigung zu erheben und eine aktive Rolle zu spielen. Er ist
offenbar von seinem Wahn vllig geheilt, ber ihn erhoben, und beweist
dies, indem er die letzten Fden des Wahngespinstes selbstndig
zerreit. Genau so benehmen sich auch die Kranken, denen man den Zwang
ihrer wahnhaften Gedanken durch Aufdeckung des dahintersteckenden
Verdrngten gelockert hat. Haben sie begriffen, so bringen sie fr die
letzten und bedeutsamsten Rtsel ihres sonderbaren Zustandes selbst die
Lsungen in pltzlich auftauchenden Einfllen. Wir hatten ja bereits
vermutet, da die griechische Abkunft der fabelhaften Gradiva eine
dunkle Nachwirkung des griechischen Namens Zo sei, aber an den Namen
Gradiva selbst hatten wir uns nicht herangewagt, ihn hatten wir als
freie Schpfung der Phantasie Norbert Hanolds gelten lassen. Und siehe
da, gerade dieser Name erweist sich nun als Abkomme, ja eigentlich als
bersetzung des verdrngten Familiennamens der angeblich vergessenen
Kindergeliebten!

Die Herleitung und die Auflsung des Wahnes sind nun vollendet. Was noch
beim Dichter folgt, darf wohl dem harmonischen Abschlu der Erzhlung
dienen. Es kann uns im Hinblick auf Zuknftiges nur wohltuend berhren,
wenn die Rehabilitierung des Mannes, der frher eine so klgliche Rolle
als Heilungsbedrftiger spielen mute, weiterschreitet und es ihm nun
gelingt, etwas von den Affekten, die er bisher erduldet, bei ihr zu
erwecken. So trifft es sich, da er sie eiferschtig macht durch die
Erwhnung der sympathischen jungen Dame, die vorhin ihr Beisammensein im
Hause des Meleager gestrt, und durch das Gestndnis, da diese die
erste gewesen, die ihm vortrefflich gefallen hat. Wenn Zo dann einen
khlen Abschied mit der Bemerkung nehmen will: jetzt sei ja alles wieder
zur Vernunft gekommen, sie selbst nicht am wenigsten; er knne _Gisa
Hartleben_, oder wie sie jetzt heie, wieder aufsuchen, um ihr bei dem
Zweck ihres Aufenthaltes in Pompeji wissenschaftlich behilflich zu sein;
sie aber msse jetzt in den Albergo del Sole, wo der Vater mit dem
Mittagessen auf sie wartet; vielleicht shen sie sich beide noch einmal
in einer Gesellschaft in Deutschland oder auf dem Monde: so mag er
wieder die lstige Fliege zum Vorwand nehmen, um sich zuerst ihrer Wange
und dann ihrer Lippen zu bemchtigen und die Aggression, die nun einmal
Pflicht des Mannes im Liebesspiel ist, ins Werk zu setzen. Ein einziges
Mal noch scheint ein Schatten auf ihr Glck zu fallen, als Zo mahnt,
jetzt msse sie aber wirklich zu ihrem Vater, der sonst im Sole
verhungert. Dein Vater -- was wird der--? (G. p.147.) Aber das kluge
Mdchen wei die Sorge rasch zu beschwichtigen: Wahrscheinlich wird er
nichts, ich bin kein unentbehrliches Stck in seiner zoologischen
Sammlung; wr' ich das, htte sich mein Herz vielleicht nicht so unklug
an dich gehngt. Sollte der Vater aber ausnahmsweise anderer Meinung
sein wollen als sie, so gbe es ein sicheres Mittel. Hanold brauchte nur
nach Capri hinberzufahren, dort eine Lacerta faraglionensis zu fangen,
wofr er die Technik an ihrem kleinen Finger einben knne, das Tier
dann hier freizulassen, vor den Augen des Zoologen wieder einzufangen
und ihm die Wahl zu lassen zwischen der Faraglionensis auf dem Festlande
und der Tochter. Ein Vorschlag, in dem der Spott, wie man leicht merkt,
mit Bitterkeit vermengt ist, eine Mahnung gleichsam an den Brutigam,
sich nicht allzu getreu an das Vorbild zu halten, nach dem ihn die
Geliebte ausgewhlt hat. Norbert Hanold beruhigt uns auch hierber,
indem er die groe Umwandlung, die mit ihm vorgefallen ist, in allerlei
scheinbar kleinen Anzeichen zum Ausdruck bringt. Er spricht den Vorsatz
aus, die Hochzeitsreise mit seiner Zo nach Italien und nach Pompeji zu
machen, als htte er sich niemals ber die Hochzeitsreisenden August und
Grete entrstet. Es ist ihm ganz aus dem Gedchtnis geschwunden, was er
gegen diese glcklichen Paare gefhlt, die sich so berflssigerweise
mehr als hundert Meilen von ihrer deutschen Heimat entfernt haben. Gewi
hat der Dichter recht, wenn er solche Gedchtnisschwchung als das
wertvollste Zeichen einer Sinnesnderung auffhrt. Zo erwidert auf den
kundgegebenen Reisezielwunsch ihres _gewissermaen gleichfalls aus der
Verschttung wieder ausgegrabenen Kindheitsfreundes_ (G. p.150), sie
fhle sich zu solcher geographischen Entscheidung doch noch nicht vllig
lebendig genug.

Die schne Wirklichkeit hat nun den Wahn besiegt, doch harrt des
letzteren, ehe die Beiden Pompeji verlassen, noch eine Ehrung. An dem
Herkulestor angekommen, wo am Anfang der Strada consolare alte
Trittsteine die Strae berkreuzen, hlt Norbert Hanold an und bittet
das Mdchen voranzugehen. Sie versteht ihn, und mit der Linken das
Kleid ein wenig raffend, schreitet die Gradiva rediviva Zo Bertgang von
ihm mit traumhaft dreinblickenden Augen umfat, in ihrer ruhig-behenden
Gangart durch den Sonnenglanz ber die Trittsteine zur anderen
Straenseite hinber. Mit dem Triumph der Erotik kommt jetzt zur
Anerkennung, was auch am Wahne schn und wertvoll war.

Mit dem letzten Gleichnis von dem aus der Verschttung ausgegrabenen
Kindheitsfreunde hat uns aber der Dichter den Schlssel zur Symbolik in
die Hand gegeben, dessen sich der Wahn des Helden bei der Verkleidung
der verdrngten Erinnerung bediente. Es gibt wirklich keine bessere
Analogie fr die Verdrngung, die etwas Seelisches zugleich unzugnglich
macht und konserviert, als die Verschttung, wie sie Pompeji zum
Schicksal geworden ist, und aus der die Stadt durch die Arbeit des
Spatens wieder erstehen konnte. Darum mute der junge Archologe das
Urbild des Reliefs, welches ihn an seine vergessene Jugendgeliebte
mahnte, in der Phantasie nach Pompeji versetzen. Der Dichter aber hatte
ein gutes Recht, bei der wertvollen hnlichkeit zu verweilen, die sein
feiner Sinn zwischen einem Stck des seelischen Geschehens beim
Einzelnen und einem vereinzelten historischen Vorgang in der Geschichte
der Menschheit aufgesprt.




II.


Es war doch eigentlich nur unsere Absicht, die zwei oder drei Trume,
die sich in der Erzhlung Gradiva eingestreut finden, mit Hilfe
gewisser analytischer Methoden zu untersuchen; wie kam es denn, da wir
uns zur Zergliederung der ganzen Geschichte und zur Prfung der
seelischen Vorgnge bei den beiden Hauptpersonen fortreien lieen? Nun,
das war kein berflssiges Stck Arbeit, sondern eine notwendige
Vorarbeit. Auch wenn wir die wirklichen Trume einer realen Person
verstehen wollen, mssen wir uns intensiv um den Charakter und die
Schicksale dieser Person kmmern, nicht nur ihre Erlebnisse kurz vor dem
Traume, sondern auch solche in entlegener Vergangenheit in Erfahrung
bringen. Ich meine sogar, wir sind noch immer nicht frei, uns unserer
eigentlichen Aufgabe zuzuwenden, mssen noch bei der Dichtung selbst
verweilen und weitere Vorarbeiten erledigen.

Unsere Leser werden gewi mit Befremden bemerkt haben, da wir _Norbert
Hanold_ und _Zo Bertgang_ in allen ihren seelischen uerungen und
Ttigkeiten bisher behandelt haben, als wren sie wirkliche Individuen
und nicht Geschpfe eines Dichters, als wre der Sinn des Dichters ein
absolut durchlssiges, nicht ein brechendes oder trbendes Medium. Und
um so befremdender mu unser Vorgehen erscheinen, als der Dichter auf
die Wirklichkeitsschilderung ausdrcklich verzichtet, indem er seine
Erzhlung ein Phantasiestck benennt. Wir finden aber alle seine
Schilderungen der Wirklichkeit so getreulich nachgebildet, da wir
keinen Widerspruch uern wrden, wenn die Gradiva nicht ein
Phantasiestck, sondern eine psychiatrische Studie hiee. Nur in zwei
Punkten hat sich der Dichter der ihm zustehenden Freiheit bedient, um
Voraussetzungen zu schaffen, die nicht im Boden der realen
Gesetzmigkeit zu wurzeln scheinen. Das erstemal, indem er den jungen
Archologen ein unzweifelhaft antikes Reliefbildnis finden lt, welches
nicht nur in der Besonderheit der Fustellung beim Schreiten, sondern in
allen Details der Gesichtsbildung und Krperhaltung eine so viel spter
lebende Person nachahmt, so da er die leibliche Erscheinung dieser
Person fr das lebend gewordene Steinbild halten kann. Das zweitemal,
indem er ihn die Lebende gerade in Pompeji treffen lt, wohin nur seine
Phantasie die Verstorbene versetzte, whrend er sich eben durch die
Reise nach Pompeji von der Lebenden, die er auf der Strae seines
Wohnortes bemerkt hatte, entfernte. Allein diese zweite Verfgung des
Dichters ist keine gewaltsame Abweichung von der Lebensmglichkeit; sie
nimmt eben nur den Zufall zur Hilfe, der unbestritten bei so vielen
menschlichen Schicksalen mitspielt, und verleiht ihm berdies einen
guten Sinn, da dieser Zufall das Verhngnis widerspiegelt, welches
bestimmt hat, da man gerade durch das Mittel der Flucht sich dem
ausliefert, vor dem man flieht. Phantastischer und vllig der Willkr
des Dichters entsprungen erscheint die erste Voraussetzung, welche alle
weiteren Begebenheiten trgt, die so weitgehende hnlichkeit des
Steinbildes mit dem lebenden Mdchen, wo die Nchternheit die
bereinstimmung auf den einen Zug der Fuhaltung beim Schreiten
einschrnken mchte. Man wre versucht, hier zur Anknpfung an die
Realitt die eigene Phantasie spielen zu lassen. Der Name _Bertgang_
knnte darauf deuten, da sich die Frauen dieser Familie schon in alten
Zeiten durch solche Eigentmlichkeit des schnen Ganges ausgezeichnet
haben, und durch Geschlechtsabfolge hingen die germanischen _Bertgang_
mit jenen Rmern zusammen, von deren Stamm eine Frau den antiken
Knstler veranlat hatte, die Eigentmlichkeit ihres Ganges im Steinbild
festzuhalten. Da aber die einzelnen Variationen der menschlichen
Gestaltung nicht unabhngig von einander sind, und tatschlich auch in
unserer Mitte immer wieder die antiken Typen auftauchen, die wir in den
Sammlungen antreffen, so wre es nicht ganz unmglich, da eine moderne
_Bertgang_ die Gestalt ihrer antiken Ahnfrau auch in allen anderen Zgen
ihrer krperlichen Bildung wiederholte. Klger als solche Spekulation
drfte wohl sein, sich bei dem Dichter selbst nach den Quellen zu
erkundigen, aus denen ihm dieses Stck seiner Schpfung erflossen ist;
es ergbe sich uns dann eine gute Aussicht, wiederum ein Stck
vermeintlicher Willkr in Gesetzmigkeit aufzulsen. Da uns aber der
Zugang zu den Quellen im Seelenleben des Dichters nicht frei steht, so
lassen wir ihm das Recht ungeschmlert, eine durchaus lebenswahre
Entwicklung auf eine unwahrscheinliche Voraussetzung aufzubauen, ein
Recht, das z.B. auch _Shakespeare_ im King Lear in Anspruch genommen
hat.

Sonst aber, das wollen wir wiederholen, hat uns der Dichter eine vllig
korrekte psychiatrische Studie geliefert, an welcher wir unser
Verstndnis des Seelenlebens messen drfen, eine Kranken- und
Heilungsgeschichte, wie zur Einschrfung gewisser fundamentaler Lehren
der rztlichen Seelenkunde bestimmt. Sonderbar genug, da der Dichter
dies getan haben sollte! Wie nun, wenn er auf Befragen diese Absicht
ganz und gar in Abrede stellte? Es ist so leicht anzugleichen und
unterzulegen; sind es nicht vielmehr wir, die in die schne poetische
Erzhlung einen Sinn hineingeheimnissen, der dem Dichter sehr ferne
liegt? Mglich; wir wollen spter noch darauf zurckkommen. Vorlufig
aber haben wir versucht, uns vor solch tendenziser Ausdeutung selbst zu
bewahren, indem wir die Erzhlung fast durchwegs aus den eigenen Worten
des Dichter wiedergaben, Text wie Kommentar von ihm selbst besorgen
lieen. Wer unsere Reproduktion mit dem Wortlaut der Gradiva
vergleichen will, wird uns dies zugestehen mssen.

Vielleicht erweisen wir unserem Dichter auch einen schlechten Dienst im
Urteil der allermeisten, wenn wir sein Werk fr eine psychiatrische
Studie erklren. Der Dichter soll der Berhrung mit der Psychiatrie aus
dem Wege gehen, hren wir sagen, und die Schilderung krankhafter
Seelenzustnde den rzten berlassen. In Wahrheit hat kein richtiger
Dichter je dieses Gebot geachtet. Die Schilderung des menschlichen
Seelenlebens ist ja seine eigentlichste Domne; er war jederzeit der
Vorlufer der Wissenschaft und so auch der wissenschaftlichen
Psychologie. Die Grenze aber zwischen den normal und krankhaft benannten
Seelenzustnden ist zum Teil eine konventionelle, zum anderen eine so
flieende, da wahrscheinlich jeder von uns sie im Laufe eines Tages
mehrmals berschreitet. Anderseits tte die Psychiatrie unrecht, wenn
sie sich dauernd auf das Studium jener schweren und dsteren
Erkrankungen einschrnken wollte, die durch grobe Beschdigungen des
feinen Seelenapparats entstehen. Die leiseren und ausgleichsfhigen
Abweichungen vom Gesunden, die wir heute nicht weiter als bis zu
Strungen im psychischen Krftespiel zurckverfolgen knnen, fallen
nicht weniger unter ihr Interesse; ja erst mittels dieser kann sie die
Gesundheit wie die Erscheinungen der schweren Krankheit verstehen. So
kann der Dichter dem Psychiater, der Psychiater dem Dichter nicht
ausweichen, und die poetische Behandlung eines psychiatrischen Themas
darf ohne Einbue an Schnheit korrekt ausfallen.

Korrekt ist nun wirklich diese dichterische Darstellung einer
Krankheits- und Behandlungsgeschichte, die wir nach Abschlu der
Erzhlung und Sttigung der eigenen Spannung besser bersehen knnen und
nun mit den technischen Ausdrcken unserer Wissenschaft reproduzieren
wollen, wobei uns die Ntigung zur Wiederholung von bereits Gesagtem
nicht stren soll.

Der Zustand Norbert Hanolds wird vom Dichter oft genug ein Wahn
genannt, und auch wir haben keinen Grund, diese Bezeichnung zu
verwerfen. Zwei Hauptcharaktere knnen wir vom Wahn angeben, durch
welche er zwar nicht erschpfend beschrieben, aber doch von anderen
Strungen kenntlich gesondert ist. Er gehrt erstens zu jener Gruppe von
Krankheitszustnden, denen eine unmittelbare Einwirkung aufs Krperliche
nicht zukommt, sondern die sich nur durch seelische Anzeichen
ausdrcken, und er ist zweitens durch die Tatsache gekennzeichnet, da
bei ihm Phantasien zur Oberherrschaft gelangt sind, d.h. Glauben
gefunden und Einflu auf das Handeln genommen haben. Erinnern wir uns
der Reise nach Pompeji, um in der Asche nach den besonders gestalteten
Fuabdrcken der Gradiva zu suchen, so haben wir in ihr ein prchtiges
Beispiel einer Handlung unter der Herrschaft des Wahnes. Der Psychiater
wrde den Wahn Norbert Hanolds vielleicht der groen Gruppe Paranoia
zurechnen und etwa als eine fetischistische Erotomanie bezeichnen,
weil ihm die Verliebtheit in das Steinbild das Aufflligste wre, und
weil seiner alles vergrbernden Auffassung das Interesse des jungen
Archologen fr die Fe und Fustellungen weiblicher Personen als
Fetischismus verdchtig erscheinen mu. Indes haben alle solche
Benennungen und Einteilungen der verschiedenen Arten von Wahn nach ihrem
Inhalt etwas Miliches und Unfruchtbares an sich.(2)

  (2) Der Fall N. H. mte in Wirklichkeit als hysterischer, nicht als
  paranoischer Wahn bezeichnet werden. Die Kennzeichen der Paranoia
  werden hier vermit.

Der gestrenge Psychiater wrde ferner unseren Helden als Person, die
fhig ist, auf Grund so sonderbarer Vorliebe einen Wahn zu entwickeln,
sofort zum Dgnr stempeln und nach der Hereditt forschen, die ihn
unerbittlich in solches Schicksal getrieben hat. Hierin folgt ihm aber
der Dichter nicht; mit gutem Grunde. Er will uns ja den Helden nher
bringen, uns die Einfhlung erleichtern; mit der Diagnose Dgnr,
mag sie nun wissenschaftlich zu rechtfertigen sein oder nicht, ist uns
der junge Archologe sofort ferne gerckt; denn wir Leser sind ja die
Normalmenschen und das Ma der Menschheit. Auch die hereditren und
konstitutionellen Vorbedingungen des Zustandes kmmern den Dichter
wenig; dafr vertieft er sich in die persnliche seelische Verfassung,
die einem solchen Wahn den Ursprung geben kann.

Norbert Hanold verhlt sich in einem wichtigen Punkte ganz anders als
ein gewhnliches Menschenkind. Er hat kein Interesse fr das lebende
Weib; die Wissenschaft, der er dient, hat ihm dieses Interesse genommen
und es auf die Weiber von Stein oder Bronze verschoben. Man halte dies
nicht fr eine gleichgltige Eigentmlichkeit; sie ist vielmehr die
Grundvoraussetzung der erzhlten Begebenheit, denn eines Tages ereignet
es sich, da ein einzelnes solches Steinbild alles Interesse fr sich
beansprucht, das sonst nur dem lebenden Weib gebhrt, und damit ist der
Wahn gegeben. Vor unseren Augen entrollt sich dann, wie dieser Wahn
durch eine glckliche Fgung geheilt, das Interesse vom Stein wieder auf
eine Lebende zurckgeschoben wird. Durch welche Einwirkungen unser Held
in den Zustand der Abwendung vom Weibe geraten ist, lt uns der Dichter
nicht verfolgen; er gibt uns nur an, solches Verhalten sei nicht durch
seine Anlage erklrt, die vielmehr ein Stck phantastisches -- wir
drfen ergnzen: erotisches -- Bedrfnis mit einschliet. Auch ersehen
wir von spter her, da er in seiner Kindheit nicht von anderen Kindern
abwich; er hielt damals eine Kinderfreundschaft mit einem kleinen
Mdchen, war unzertrennlich von ihr, teilte mit ihr seine kleinen
Mahlzeiten, puffte sie auch und lie sich von ihr zausen. In solcher
Anhnglichkeit, solcher Vereinigung von Zrtlichkeit und Aggression
uert sich die unfertige Erotik des Kinderlebens, die ihre Wirkungen
erst nachtrglich, aber dann unwiderstehlich uert, und die whrend der
Kinderzeit selbst nur der Arzt und der Dichter als Erotik zu erkennen
pflegen. Unser Dichter gibt uns deutlich zu verstehen, da auch er es
nicht anders meint, denn er lt bei seinem Helden bei geeignetem Anla
pltzlich ein lebhaftes Interesse fr Gang und Fuhaltung der Frauen
erwachen, das ihn bei der Wissenschaft wie bei den Frauen seines
Wohnortes in den Verruf eines Fufetischisten bringen mu, das sich uns
aber notwendig aus der Erinnerung an diese Kindergespielin ableitet.
Dieses Mdchen zeigte gewi schon als Kind die Eigenheit des schnen
Ganges mit fast senkrecht aufgestellter Fuspitze beim Schreiten, und
durch die Darstellung eben dieses Ganges gewinnt spter ein antikes
Steinrelief fr Norbert Hanold jene groe Bedeutung. Fgen wir brigens
gleich hinzu, da der Dichter sich bei der Ableitung der merkwrdigen
Erscheinung des Fetischismus sich in voller bereinstimmung mit der
Wissenschaft befindet. Seit _A. Binet_ versuchen wir wirklich, den
Fetischismus auf erotische Kindheitseindrcke zurckzufhren.

Der Zustand der dauernden Abwendung vom Weibe ergibt die persnliche
Eignung, wie wir zu sagen pflegen: die Disposition fr die Bildung eines
Wahnes. Die Entwicklung der Seelenstrung setzt mit dem Momente ein, da
ein zuflliger Eindruck die vergessenen und wenigstens spurweise
erotisch betonten Kindererlebnisse aufweckt. Aufweckt ist aber gewi
nicht die richtige Bezeichnung, wenn wir, was weiter erfolgt, in
Betracht ziehen. Wir mssen die korrekte Darstellung des Dichters in
kunstgerechter psychologischer Ausdrucksweise wiedergeben. Norbert
Hanold erinnert sich nicht beim Anblick des Reliefs, da er solche
Fustellung schon bei seiner Jugendfreundin gesehen hat; er erinnert
sich berhaupt nicht, und doch rhrt alle Wirkung des Reliefs von
solcher Anknpfung an den Eindruck in der Kindheit her. Der
Kindheitseindruck wird also rege, wird aktiv gemacht, so da er
Wirkungen zu uern beginnt, er kommt aber nicht zum Bewutsein, er
bleibt _unbewut_, wie wir mit einem in der Psychopathologie
unvermeidlich gewordenen Terminus heute zu sagen pflegen. Dieses
Unbewute mchten wir allen Streitigkeiten der Philosophen und
Naturphilosophen, die oft nur etymologische Bedeutung haben, entzogen
sehen. Fr psychische Vorgnge, die sich aktiv benehmen und dabei doch
nicht zum Bewutsein der betreffenden Person gelangen, haben wir
vorlufig keinen besseren Namen, und nichts anderes meinen wir mit
unserem Unbewutsein. Wenn manche Denker uns die Existenz eines
solchen Unbewuten als widersinnig bestreiten wollen, so glauben wir,
sie htten sich niemals mit den entsprechenden seelischen Phnomenen
beschftigt, stnden im Banne der regelmigen Erfahrung, da alles
Seelische, was aktiv und intensiv wird, damit gleichzeitig auch bewut
wird, und htten eben noch zu lernen, was unser Dichter sehr wohl wei,
da es allerdings seelische Vorgnge gibt, die, trotzdem sie intensiv
sind und energische Wirkungen uern, dennoch dem Bewutsein ferne
bleiben.

Wir haben vorhin einmal ausgesprochen, die Erinnerungen an den
Kinderverkehr mit Zo befinden sich bei Norbert Hanold im Zustande der
Verdrngung; nun haben wir sie unbewute Erinnerungen geheien. Da
mssen wir wohl dem Verhltnis der beiden Kunstworte, die ja im Sinne
zusammenzufallen scheinen, einige Aufmerksamkeit zuwenden. Es ist nicht
schwer, darber Aufklrung zu geben. Unbewut ist der weitere Begriff,
verdrngt der engere. Alles was verdrngt ist, ist unbewut; aber
nicht von allem Unbewuten knnen wir behaupten, da es verdrngt sei.
Htte Hanold beim Anblick des Reliefs sich der Gangart seiner Zo
erinnert, so wre eine frher unbewute Erinnerung bei ihm gleichzeitig
aktiv und bewut geworden und htte so gezeigt, da sie frher nicht
verdrngt war. Unbewut ist ein rein deskriptiver, in mancher Hinsicht
unbestimmter, ein sozusagen statischer Terminus, verdrngt ist ein
dynamischer Ausdruck, der auf das seelische Krftespiel Rcksicht nimmt
und besagt, es sei ein Bestreben vorhanden, alle psychischen Wirkungen,
darunter auch die des Bewutwerdens, zu uern, aber auch eine
Gegenkraft, ein Widerstand, der einen Teil dieser psychischen Wirkungen,
darunter wieder das Bewutwerden, zu verhindern vermge. Kennzeichen des
Verdrngten bleibt eben, da es sich trotz seiner Intensitt nicht zum
Bewutsein zu bringen vermag. In dem Falle Hanolds handelt es sich also
von dem Auftauchen des Reliefs an um ein verdrngtes Unbewutes, kurzweg
um ein Verdrngtes.

Verdrngt sind bei Norbert Hanold die Erinnerungen an seinen
Kinderverkehr mit dem schn schreitenden Mdchen, aber dies ist noch
nicht die richtige Betrachtung der psychologischen Sachlage. Wir bleiben
an der Oberflche, so lange wir nur von Erinnerungen und Vorstellungen
handeln. Das einzig Wertbare im Seelenleben sind vielmehr die Gefhle;
alle Seelenkrfte sind nur durch ihre Eignung, Gefhle zu erwecken,
bedeutsam. Vorstellungen werden nur verdrngt, weil sie an
Gefhlsentbindungen geknpft sind, die nicht zu stande kommen sollen; es
wre richtiger zu sagen, die Verdrngung betreffe die Gefhle, nur sind
uns diese nicht anders als in ihrer Bindung an Vorstellungen fabar.
Verdrngt sind bei Norbert Hanold also die erotischen Gefhle, und da
seine Erotik kein anderes Objekt kennt oder gekannt hat, als in seiner
Kindheit die Zo Bertgang, so sind die Erinnerungen an diese vergessen.
Das antike Reliefbild weckt die schlummernde Erotik in ihm auf und macht
die Kindheitserinnerungen aktiv. Wegen eines in ihm bestehenden
Widerstandes gegen die Erotik knnen diese Erinnerungen nur als
unbewute wirksam werden. Was sich nun weiter in ihm abspielt, ist ein
Kampf zwischen der Macht der Erotik und den sie verdrngenden Krften;
was sich von diesem Kampf uert, ist ein Wahn.

Unser Dichter hat zu motivieren unterlassen, woher die Verdrngung des
Liebeslebens bei seinem Helden rhrt; die Beschftigung mit der
Wissenschaft ist ja nur das Mittel, dessen sich die Verdrngung bedient;
der Arzt mte hier tiefer grnden, vielleicht ohne in seinem Falle auf
den Grund zu geraten. Wohl aber hat der Dichter, wie wir mit Bewunderung
hervorgehoben haben, uns darzustellen nicht versumt, wie die Erweckung
der verdrngten Erotik gerade aus dem Kreise der zur Verdrngung
dienenden Mittel erfolgt. Es ist mit Recht eine Antike, das Steinbild
eines Weibes, durch welches unser Archologe aus seiner Abwendung von
der Liebe gerissen und gemahnt wird, dem Leben die Schuld abzutragen,
mit der wir von unserer Geburt an belastet sind.

Die ersten uerungen des nun in Hanold durch das Reliefbild angeregten
Prozesses sind Phantasien, welche mit der so dargestellten Person
spielen. Als etwas _Heutiges_ im besten Sinne erscheint ihm das
Modell, als htte der Knstler die auf der Strae Schreitende nach dem
_Leben_ festgehalten. Den Namen _Gradiva_ verleiht er dem antiken
Mdchen, den er nach dem Beiwort des zum Kampfe ausschreitenden
Kriegsgottes, des Mars Gradivus, gebildet; mit immer mehr Bestimmungen
stattet er ihre Persnlichkeit aus. Sie mag die Tochter eines
angesehenen Mannes sein, vielleicht eines _Patriziers_, der mit dem
_Tempeldienst_ einer Gottheit in Verbindung stand, _griechische_
Herkunft glaubt er ihren Zgen abzusehen, und endlich drngt es ihn, sie
ferne vom Getriebe einer Grostadt in das stillere _Pompeji_ zu
versetzen, wo er sie ber die Lavatrittsteine schreiten lt, die den
bergang von einer Seite der Strae zur anderen ermglichen. Willkrlich
genug erscheinen diese Leistungen der Phantasie und doch wieder harmlos
unverdchtig. Ja noch dann, als sich aus ihnen zum erstenmal ein Antrieb
zum Handeln ergibt, als der Archologe von dem Problem bedrckt, ob
solche Fustellung auch der Wirklichkeit entspreche, Beobachtungen nach
dem Leben anzustellen beginnt, um den zeitgenssischen Frauen und
Mdchen auf die Fe zu sehen, deckt sich dieses Tun durch ihm bewute
wissenschaftliche Motive, als wre alles Interesse fr das Steinbild der
Gradiva aus dem Boden seiner fachlichen Beschftigung mit der
Archologie entsprossen. Die Frauen und Mdchen auf der Strae, die er
zu Objekten seiner Untersuchung nimmt, mssen freilich eine andere, grob
erotische Auffassung seines Treibens whlen, und wir mssen ihnen recht
geben. Fr uns leidet es keinen Zweifel, da Hanold die Motive seiner
Forschung so wenig kennt wie die Herkunft seiner Phantasien ber die
Gradiva. Diese letzteren sind, wie wir spter erfahren, Anklnge an
seine Erinnerungen an die Jugendgeliebte, Abkmmlinge dieser
Erinnerungen, Umwandlungen und Entstellungen derselben, nachdem es ihnen
nicht gelungen ist, sich in unvernderter Form zum Bewutsein zu
bringen. Das vorgeblich sthetische Urteil, das Steinbild stelle etwas
Heutiges dar, ersetzt das Wissen, da solcher Gang einem ihm
bekannten, in der _Gegenwart_ ber die Strae schreitenden Mdchen
angehre; hinter dem Eindruck nach dem Leben und der Phantasie ihres
Griechentums verbirgt sich die Erinnerung an ihren Namen _Zo_, der auf
Griechisch _Leben_ bedeutet; Gradiva ist, wie uns der am Ende vom Wahn
Geheilte aufklrt, eine gute bersetzung ihres Familiennamens
_Bertgang_, welcher so viel bedeutet wie im Schreiten glnzend oder
prchtig; die Bestimmungen ber ihren Vater stammen von der Kenntnis,
da Zo Bertgang die Tochter eines angesehenen Lehrers der Universitt
sei, die sich wohl als Tempeldienst in die Antike bersetzen lt. Nach
Pompeji endlich versetzt sie seine Phantasie, nicht weil ihre ruhige,
stille Art es zu fordern schien, sondern weil sich in seiner
Wissenschaft keine andere und keine bessere Analogie mit dem
merkwrdigen Zustand finden lt, in dem er durch eine dunkle Kundschaft
seine Erinnerungen an seine Kinderfreundschaft versprt. Hat er einmal,
was ihm so nahe liegt, die eigene Kindheit mit der klassischen
Vergangenheit zur Deckung gebracht, so ergibt die Verschttung Pompejis,
dies Verschwinden mit Erhaltung des Vergangenen, eine treffliche
hnlichkeit mit der _Verdrngung_, von der er durch sozusagen
endopsychische Wahrnehmung Kenntnis hat. Es arbeitet dabei in ihm
dieselbe Symbolik, die zum Schlusse der Erzhlung der Dichter das
Mdchen bewuterweise gebrauchen lt.

Ich sagte mir, irgend etwas Interessantes wrde ich wohl schon allein
hier ausgraben. Freilich auf den Fund, den ich gemacht, ..... hatte ich
mit keinem Gedanken gerechnet. (G. p.124.) -- Zu Ende (G. p.150)
antwortet dann das Mdchen auf den Reisezielwunsch ihres gewissermaen
gleichfalls aus der Verschttung wieder ausgegrabenen Kindheitsfreundes.

So finden wir also schon bei den ersten Leistungen von Hanolds
Wahnphantasien und Handlungen eine zweifache Determinierung, eine
Ableitbarkeit aus zwei verschiedenen Quellen. Die eine Determinierung
ist die, welche Hanold selbst erscheint, die andere die, welche sich uns
bei der Nachprfung seiner seelischen Vorgnge enthllt. Die eine ist,
auf die Person Hanolds bezogen, die ihm bewute, die andere, die ihm
vllig unbewute. Die eine stammt ganz aus dem Vorstellungskreis der
archologischen Wissenschaft, die andere aber rhrt von dem in ihm rege
gewordenen verdrngten Kindheitserinnerungen und den an ihnen haftenden
Gefhlstrieben her. Die eine ist wie oberflchlich und verdeckt die
andere, die sich gleichsam hinter ihr verbirgt. Man knnte sagen, die
wissenschaftliche Motivierung diene der unbewuten erotischen zum
Vorwand, und die Wissenschaft habe sich ganz in den Dienst des Wahnes
gestellt. Aber man darf auch nicht vergessen, da die unbewute
Determinierung nichts anderes durchzusetzen vermag, als was gleichzeitig
der bewuten wissenschaftlichen gengt. Die Symptome des Wahnes --
Phantasien wie Handlungen -- sind eben Ergebnisse eines Kompromisses
zwischen den beiden seelischen Strmungen, und bei einem Kompromi ist
den Anforderungen eines jeden der beiden Teile Rechnung getragen worden;
ein jeder Teil hat aber auch auf ein Stck dessen, was er durchsetzen
wollte, verzichten mssen. Wo ein Kompromi zu stande gekommen, da gab
es einen Kampf, hier den von uns angenommenen Konflikt zwischen der
unterdrckten Erotik und den sie in der Verdrngung erhaltenden Mchten.
Bei der Bildung eines Wahnes geht dieser Kampf eigentlich nie zu Ende.
Ansturm und Widerstand erneuern sich nach jeder Kompromibildung, die
sozusagen niemals voll gengt. Dies wei auch unser Dichter und darum
lt er ein Gefhl der Unbefriedigung, eine eigentmliche Unruhe dieses
Stadium der Strung bei seinem Helden beherrschen, als Vorlufer und als
Brgschaft weiterer Entwicklungen.

Diese bedeutsamen Eigentmlichkeiten der zweifachen Determinierung fr
Phantasien und Entschlsse, der Bildung von bewuten Vorwnden fr
Handlungen, zu deren Motivierung das Verdrngte den greren Beitrag
geliefert hat, werden uns im weiteren Fortschritt der Erzhlung noch
fters, vielleicht noch deutlicher, entgegentreten. Und dies mit vollem
Rechte, denn der Dichter hat hiemit den niemals fehlenden Hauptcharakter
der krankhaften Seelenvorgnge erfat und zur Darstellung gebracht.

Die Entwicklung des Wahnes bei _Norbert Hanold_ schreitet mit einem
Traume weiter, der, durch kein neues Ereignis veranlat, ganz aus seinem
von einem Konflikt erfllten Seelenleben zu rhren scheint. Doch halten
wir ein, ehe wir daran gehen zu prfen, ob der Dichter auch bei der
Bildung seiner Trume unserer Erwartung eines tieferen Verstndnisses
entspricht. Fragen wir uns vorher, was die psychiatrische Wissenschaft
zu seinen Voraussetzungen ber die Entstehung eines Wahnes sagt, wie sie
sich zur Rolle der Verdrngung und des Unbewuten, zum Konflikt und zur
Kompromibildung stellt. Im kurzen, ob die dichterische Darstellung der
Genese eines Wahnes vor dem Richtspruch der Wissenschaft bestehen kann.

Und da mssen wir die vielleicht unerwartete Antwort geben, da es
sich in Wirklichkeit leider ganz umgekehrt verhlt: die Wissenschaft
besteht nicht vor der Leistung des Dichters. Zwischen den
hereditr-konstitutionellen Vorbedingungen und den als fertig
erscheinenden Schpfungen des Wahnes lt sie eine Lcke klaffen, die
wir beim Dichter ausgefllt finden. Sie ahnt noch nicht die Bedeutung
der Verdrngung, erkennt nicht, da sie zur Erklrung der Welt
psychopathologischer Erscheinungen durchaus des Unbewuten bedarf, sie
sucht den Grund des Wahnes nicht in einem psychischen Konflikt und
erfat die Symptome desselben nicht als Kompromibildung. So stnde denn
der Dichter allein gegen die gesamte Wissenschaft? Nein, dies nicht, --
wenn der Verfasser nmlich seine eigenen Arbeiten auch der Wissenschaft
zurechnen darf. Denn er selbst vertritt seit einer Reihe von Jahren --
und bis in die letzte Zeit ziemlich vereinsamt(3) -- alle die
Anschauungen, die er hier aus der Gradiva von _W. Jensen_ herausgeholt
und in den Fachausdrcken dargestellt hat. Er hat, am ausfhrlichsten
fr die als Hysterie und Zwangsvorstellen bekannten Zustnde, als
individuelle Bedingung der psychischen Strung die Unterdrckung eines
Stckes des Trieblebens und die Verdrngung der Vorstellungen, durch die
der unterdrckte Trieb vertreten ist, aufgezeigt, und die gleiche
Auffassung bald darauf fr manche Formen des Wahnes wiederholt.(4) Ob
die fr diese Verursachung in Betracht kommenden Triebe jedesmal
Komponenten des Sexualtriebes sind oder auch andersartige sein knnen,
das ist ein Problem, welches nur gerade fr die Analyse der Gradiva
gleichgltig bleiben darf, da es sich in dem vom Dichter gewhlten Falle
sicherlich um nichts als um die Unterdrckung des erotischen Empfindens
handelt. Die Gesichtspunkte des psychischen Konflikts und der
Symptombildung durch Kompromisse zwischen den beiden miteinander
ringenden Seelenstrmungen hat der Verfasser an wirklich beobachteten
und rztlich behandelten Krankheitsfllen in ganz gleicher Weise zur
Geltung gebracht, wie er es an den vom Dichter erfundenen Norbert Hanold
tun konnte.(5) Die Rckfhrung der nervsen, speziell der hysterischen
Krankheitsleistungen auf die Macht unbewuter Gedanken hatte vor dem
Verfasser schon _P. Janet_, der Schler des groen _Charcot_, und im
Vereine mit dem Verfasser _Josef Breuer_ in Wien unternommen.(6)

  (3) Siehe die wichtige Schrift von _E. Bleuler_, Affektivitt,
  Suggestibilitt, Paranoia und die Diagnostischen Assoziationsstudien
  von _C.G. Jung_, beide aus Zrich, 1906.

  (4) Vgl. des Verfassers: Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre
  1906.

  (5) Vgl. Bruchstck einer Hysterie-Analyse 1905.

  (6) Vgl. Breuer u. Freud, Studien ber Hysterie, 1895.

Es war dem Verfasser, als er sich in den auf 1893 folgenden Jahren in
solche Forschungen ber die Entstehung der Seelenstrungen vertiefte,
wahrlich nicht eingefallen, Bekrftigung seiner Ergebnisse bei Dichtern
zu suchen, und darum war seine berraschung nicht gering, als er an der
1903 verffentlichten Gradiva merkte, da der Dichter seiner Schpfung
das nmliche zu Grunde lege, was er aus den Quellen rztlicher Erfahrung
als neu zu schpfen vermeinte. Wie kam der Dichter nur zu dem gleichen
Wissen wie der Arzt, oder wenigstens zum Benehmen, als ob er das gleiche
wisse?--

Der Wahn Norbert Hanolds, sagten wir, erfahre eine weitere Entwicklung
durch einen Traum, der sich ihm mitten in seinen Bemhungen ereignet,
eine Gangart wie die der Gradiva in den Straen seines Heimatsortes
nachzuweisen. Den Inhalt dieses Traumes knnen wir leicht in Krze
darstellen. Der Trumer befindet sich in Pompeji an jenem Tage, welcher
der unglcklichen Stadt den Untergang brachte, macht die Schrecknisse
mit, ohne selbst in Gefahr zu geraten, sieht dort pltzlich die Gradiva
schreiten und versteht mit einem Male als ganz natrlich, da sie ja eine
Pompejanerin sei, lebe sie in ihrer Vaterstadt und, ohne da er's
geahnt habe, gleichzeitig mit ihm. Er wird von Angst um sie ergriffen,
ruft sie an, worauf sie ihm flchtig ihr Gesicht zuwendet. Doch geht
sie, ohne auf ihn zu achten, weiter, legt sich an den Stufen des
Apollotempels nieder, und wird vom Aschenregen verschttet, nachdem ihr
Gesicht sich entfrbt, wie wenn es sich zu weiem Marmor umwandelte, bis
es vllig einem Steinbild gleicht. Beim Erwachen deutet er noch den Lrm
der Grostadt, der an sein Bett dringt, in das Hilfegeschrei der
verzweifelten Bewohner Pompejis und in das Getse des wild erregten
Meeres um. Das Gefhl, da das, was er getrumt, sich wirklich mit ihm
zugetragen, will ihm noch lngere Zeit nach dem Erwachen nicht
verlassen, und die berzeugung, da die Gradiva in Pompeji gelebt und an
jenem Unglckstage gestorben sei, bleibt als neuer Ansatz an seinen Wahn
von diesem Traume brig.

Weniger bequem wird es uns zu sagen, was der Dichter mit diesem Traum
gewollt, und was ihn veranlat hat, die Entwicklung des Wahnes gerade an
einen Traum zu knpfen. Emsige Traumforscher haben zwar Beispiele genug
gesammelt, wie Geistesstrung an Trume anknpft und aus Trumen
hervorgeht,(7) und auch in der Lebensgeschichte einzelner hervorragender
Menschen sollen Impulse zu wichtigen Taten und Entschlieungen durch
Trume erzeugt worden sein. Aber unser Verstndnis gewinnt gerade nicht
viel durch diese Analogien; bleiben wir darum bei unserem Falle, bei dem
vom Dichter fingierten Falle des Archologen Norbert Hanold. An welchem
Ende mu man einen solchen Traum wohl anfassen, um ihn in den
Zusammenhang einzuflechten, wenn er nicht ein unntiger Zierat der
Darstellung bleiben soll?

  (7) _Sante de Sanctis_, Die Trume, 1901.

Ich kann mir etwa denken, da ein Leser an dieser Stelle ausruft: Der
Traum ist ja leicht zu erklren. Ein einfacher Angsttraum, veranlat
durch den Lrm der Grostadt, der von dem mit seiner Pompejanerin
beschftigten Archologen auf den Untergang Pompejis umgedeutet wird!
Bei der allgemein herrschenden Geringschtzung fr die Leistungen des
Traumes pflegt man nmlich den Anspruch auf die Traumerklrung dahin
einzuschrnken, da man fr ein Stck des getrumten Inhaltes einen
ueren Reiz sucht, der sich etwa mit ihm deckt. Dieser uere Anreiz
zum Trumen wre durch den Lrm gegeben, welcher den Schlfer weckt; das
Interesse an diesem Traume wre damit erledigt. Wenn wir nur einen Grund
htten anzunehmen, da die Grostadt an diesem Morgen lrmender gewesen
als sonst, wenn z.B. der Dichter nicht versumt htte, uns mitzuteilen,
da Hanold diese Nacht gegen seine Gewohnheit bei geffnetem Fenster
geschlafen. Schade, da der Dichter sich diese Mhe nicht gegeben hat!
Und wenn ein Angsttraum nur etwas so Einfaches wre! Nein, so einfach
erledigt sich dies Interesse nicht.

Die Anknpfung an einen ueren Sinnesreiz ist nichts Wesentliches fr
die Traumbildung. Der Schlfer kann diesen Reiz aus der Auenwelt
vernachlssigen, er kann sich durch ihn, ohne einen Traum zu bilden,
wecken lassen, er kann ihn auch in seinen Traum verweben, wie es hier
geschieht, wenn es ihm aus irgend welchen anderen Motiven so taugt, und
es gibt reichlich Trume, fr deren Inhalt sich eine solche
Determinierung durch einen an die Sinne des Schlafenden gelangenden Reiz
nicht erweisen lt. Nein, versuchen wir's auf einem anderen Wege.

Vielleicht knpfen wir an den Rckstand an, den der Traum im wachen
Leben Hanolds zurcklt. Es war bisher eine Phantasie von ihm gewesen,
da die Gradiva eine Pompejanerin gewesen sei. Jetzt wird ihm diese
Annahme zur Gewiheit, und die zweite Gewiheit schliet sich daran, da
sie dort im Jahre 79 mit verschttet worden sei.(8) Wehmtige
Empfindungen begleiten diesen Fortschritt der Wahnbildung, wie ein
Nachklang der Angst, die den Traum erfllt hatte. Dieser neue Schmerz um
die Gradiva will uns nicht recht begreiflich erscheinen; die Gradiva
wre doch heute auch seit vielen Jahrhunderten tot, selbst wenn sie im
Jahre 79 ihr Leben vor dem Untergange gerettet htte, oder sollte man in
solcher Weise weder mit Norbert Hanold noch mit dem Dichter selbst
rechten drfen? Auch hier scheint kein Weg zur Aufklrung zu fhren.
Immerhin wollen wir uns anmerken, da dem Zuwachs, den der Wahn aus
diesem Traum bezieht, eine stark schmerzliche Gefhlsbetonung anhaftet.

  (8) Vgl. den Text der Gradiva p.15.

Sonst aber wird an unserer Ratlosigkeit nichts gebessert. Dieser Traum
erlutert sich nicht von selbst; wir mssen uns entschlieen, Anleihen
bei der Traumdeutung des Verfassers zu machen und einige der dort
gegebenen Regeln zur Auflsung der Trume hier anzuwenden.

Da lautet eine dieser Regeln, da ein Traum regelmig mit den
Ttigkeiten am Tage vor dem Traum zusammenhngt. Der Dichter scheint
andeuten zu wollen, da er diese Regel befolgt habe, indem er den Traum
unmittelbar an die pedestrischen Prfungen Hanolds anknpft. Nun
bedeuten letztere nichts anderes als ein Suchen nach der Gradiva, die er
an ihrem charakteristischen Gange erkennen will. Der Traum sollte also
einen Hinweis darauf, wo die Gradiva zu finden sei, enthalten. Er
enthlt ihn wirklich, indem er sie in Pompeji zeigt, aber das ist noch
keine Neuigkeit fr uns.

Eine andere Regel besagt: wenn nach einem Traum der Glaube an die
Realitt der Traumbilder ungewhnlich lange anhlt, so da man sich
nicht aus dem Traume losreien kann, so ist dies nicht etwa eine
Urteilstuschung, hervorgerufen durch die Lebhaftigkeit der Traumbilder,
sondern es ist ein psychischer Akt fr sich, eine Versicherung, die sich
auf den Trauminhalt bezieht, da etwas darin wirklich so ist, wie man es
getrumt hat, und man tut recht daran, dieser Versicherung Glauben zu
schenken. Halten wir uns an diese beiden Regeln, so mssen wir
schlieen, der Traum gebe eine Auskunft ber den Verbleib der gesuchten
Gradiva, die sich mit der Wirklichkeit deckt. Wir kennen nun den Traum
Hanolds; fhrt die Anwendung der beiden Regeln auf ihn zu irgend einem
vernnftigen Sinne?

Merkwrdigerweise ja. Dieser Sinn ist nur auf eine besondere Art
verkleidet, so da man ihn nicht sogleich erkennt. Hanold erfhrt im
Traume, da die Gesuchte in einer Stadt und gleichzeitig mit ihm lebe.
Das ist ja von der Zo Bertgang richtig, nur da diese Stadt im Traum
nicht die deutsche Universittsstadt, sondern Pompeji, die Zeit nicht
die Gegenwart, sondern das Jahr 79 unserer Zeitrechnung ist. Es ist wie
eine Entstellung durch Verschiebung, nicht die Gradiva ist in die
Gegenwart, sondern der Trumer ist in die Vergangenheit versetzt; aber
das Wesentliche und Neue, _da er mit der Gesuchten Ort und Zeit teile_,
ist auch so gesagt. Woher wohl diese Verstellung und Verkleidung, die
uns sowie den Trumer selbst ber den eigentlichen Sinn und Inhalt des
Traumes tuschen mu? Nun wir haben bereits die Mittel in der Hand, um
eine befriedigende Antwort auf diese Frage zu geben.

Erinnern wir uns an all das, was wir ber die Natur und Abkunft der
Phantasien, dieser Vorlufer des Wahnes, gehrt haben. Da sie Ersatz
und Abkmmlinge von verdrngten Erinnerungen sind, denen ein Widerstand
nicht gestattet, sich unverndert zum Bewutsein zu bringen, die sich
aber das Bewutwerden dadurch erkaufen, da sie durch Vernderungen und
Entstellungen der Zensur des Widerstandes Rechnung tragen. Nachdem
dieses Kompromi vollzogen ist, sind jene Erinnerungen nun zu diesen
Phantasien geworden, die von der bewuten Person leicht miverstanden,
d.h. im Sinne der herrschenden psychischen Strmung verstanden werden
knnen. Nun stelle man sich vor, die Traumbilder seien die sozusagen
physiologischen Wahnschpfungen des Menschen, die Kompromiergebnisse
jenes Kampfes zwischen Verdrngtem und Herrschendem, den es
wahrscheinlich bei jedem, auch tagsber vllig geistesgesunden Menschen
gibt. Dann versteht man, da man die Traumbilder als etwas Entstelltes
zu betrachten hat, hinter dem etwas anderes, nicht Entstelltes, aber in
gewissem Sinne Anstiges zu suchen ist, wie die verdrngten
Erinnerungen Hanolds hinter seinen Phantasien. Dem so erkannten
Gegensatz wird man etwa Ausdruck schaffen, indem man das, was der
Trumer beim Erwachen erinnert, als _manifesten Trauminhalt_
unterscheidet von dem, was die Grundlage des Traumes vor der
Zensurentstellung ausmachte, den _latenten Traumgedanken_. Einen Traum
deuten heit dann so viel als den manifesten Trauminhalt in die latenten
Traumgedanken bersetzen, die Entstellung rckgngig machen, welche sich
letztere von der Widerstandszensur gefallen lassen muten. Wenden wir
diese Erwgungen auf den uns beschftigenden Traum an, so finden wir,
die latenten Traumgedanken knnen nur gelautet haben: Das Mdchen, das
jenen schnen Gang hat, nach dem du suchst, lebt wirklich in dieser
Stadt mit dir. Aber in dieser Form konnte der Gedanke nicht bewut
werden; es stand ihm ja im Wege, da eine Phantasie als Ergebnis eines
frheren Kompromisses festgestellt hatte, die Gradiva sei eine
Pompejanerin, folglich blieb nichts brig, wenn die wirkliche Tatsache
des Lebens am gleichen Orte und zur gleichen Zeit gewahrt werden sollte,
als die Entstellung vorzunehmen: du lebst ja in Pompeji zur Zeit der
Gradiva, und dies ist dann die Idee, welche der manifeste Trauminhalt
realisiert, als eine Gegenwart, die man durchlebt, darstellt.

Ein Traum ist nur selten die Darstellung, man knnte sagen: Inszenierung
eines einzigen Gedankens, meist einer Reihe von solchen, eines
Gedankengewebes. Aus dem Traume Hanolds lt sich noch ein anderer
Bestandteil des Inhaltes hervorheben, dessen Entstellung leicht zu
beseitigen ist, so da man die durch ihn vertretene latente Idee
erfhrt. Es ist dies ein Stck des Traumes, auf welches man auch noch
die Versicherung der Wirklichkeit ausdehnen kann, mit welcher der Traum
abschlo. Im Traum verwandelt sich nmlich die schreitende Gradiva in
ein Steinbild. Das ist ja nichts anderes als eine sinnreiche und
poetische Darstellung des wirklichen Herganges. Hanold hatte in der Tat
sein Interesse von der Lebenden auf das Steinbild bertragen; die
Geliebte hatte sich ihm in ein steinernes Relief verwandelt. Die
latenten Traumgedanken, die unbewut bleiben mssen, wollen dies Bild in
die Lebende zurckverwandeln; sie sagen ihm etwa im Zusammenhalt mit dem
vorigen: Du interessierst dich doch nur fr das Relief der Gradiva, weil
es dich an die gegenwrtige, hier lebende Zo erinnert. Aber diese
Einsicht wrde, wenn sie bewut werden knnte, das Ende des Wahnes
bedeuten.

Obliegt uns etwa die Verpflichtung, jedes einzelne Stck des manifesten
Trauminhaltes in solcher Weise durch unbewute Gedanken zu ersetzen?
Strenggenommen, ja; bei der Deutung eines wirklich getrumten Traumes
wrden wir uns dieser Pflicht nicht entziehen drfen. Der Trumer mte
uns dann auch in ausgiebigster Weise Rede stehen. Es ist begreiflich,
da wir solche Forderung bei dem Geschpf des Dichters nicht durchfhren
knnen; wir wollen aber doch nicht bersehen, da wir den Hauptinhalt
dieses Traumes noch nicht der Deutungs- oder bersetzungsarbeit
unterzogen haben.

Der Traum _Hanolds_ ist ja ein Angsttraum. Sein Inhalt ist schreckhaft,
Angst wird vom Trumer im Schlafe versprt und schmerzliche Empfindungen
bleiben nach ihm brig. Das ist nun gar nicht bequem fr unseren
Erklrungsversuch; wir sind wiederum zu groen Anleihen bei der Lehre
von der Traumdeutung gentigt. Diese mahnt uns dann, doch ja nicht in
den Irrtum zu verfallen, die Angst, die man in einem Traum empfindet,
von dem Inhalt des Traumes abzuleiten, den Trauminhalt doch nicht so zu
behandeln wie einen Vorstellungsinhalt des wachen Lebens. Sie macht uns
darauf aufmerksam, wie oft wir die grlichsten Dinge trumen, ohne da
eine Spur von Angst dabei empfunden wird. Vielmehr sei der wahre
Sachverhalt ein ganz anderer, der nicht leicht zu erraten, aber sicher
zu beweisen ist. Die Angst des Angsttraumes entspreche einem sexuellen
Affekt, einer libidinsen Empfindung, wie berhaupt jede nervse Angst,
und sei durch den Proze der Verdrngung aus der Libido
hervorgegangen.(9) Bei der Deutung des Traumes msse man also die Angst
durch sexuelle Erregtheit ersetzen. Die so entstandene Angst be nun --
nicht regelmig, aber hufig -- einen auswhlenden Einflu auf den
Trauminhalt aus und bringe Vorstellungselemente in den Traum, welche fr
die bewute und miverstndliche Auffassung des Traumes zum Angstaffekt
passend erscheinen. Dies sei, wie gesagt, keineswegs regelmig der
Fall, denn es gebe genug Angsttrume, in denen der Inhalt gar nicht
schreckhaft ist, wo man sich also die versprte Angst nicht
bewuterweise erklren knne.

  (9) Vgl. Sammlung kl. Schriften zur Neurosenlehre, V., und
  Traumdeutung p.344.

Ich wei, da diese Aufklrung der Angst im Traume sehr befremdlich
klingt und nicht leicht Glauben findet; aber ich kann nur raten, sich
mit ihr zu befreunden. Es wre brigens recht merkwrdig, wenn der Traum
Norbert Hanolds sich mit dieser Auffassung der Angst vereinen und aus
ihr erklren liee. Wir wrden dann sagen, beim Trumer rhre sich
nchtlicherweise die Liebessehnsucht, mache einen krftigen Vorsto, um
ihm die Erinnerung an die Geliebte bewut zu machen und ihn so aus dem
Wahn zu reien, erfahre aber neuerliche Ablehnung und Verwandlung in
Angst, die nun ihrerseits die schreckhaften Bilder aus der
Schulerinnerung des Trumers in den Trauminhalt bringe. Auf diese Weise
werde der eigentliche unbewute Inhalt des Traumes, die verliebte
Sehnsucht nach der einst gekannten Zo, in den manifesten Inhalt vom
Untergang Pompejis und vom Verlust der Gradiva umgestaltet.

Ich meine, das klingt so weit ganz plausibel. Man knnte aber mit Recht
die Forderung aufstellen, wenn erotische Wnsche den unentstellten
Inhalt dieses Traumes bilden, so msse man auch im umgeformten Traum
wenigstens einen kenntlichen Rest derselben irgendwo versteckt aufzeigen
knnen. Nun, vielleicht gelingt selbst dies mit Hilfe eines Hinweises
aus der spter folgenden Erzhlung. Beim ersten Zusammentreffen mit der
vermeintlichen Gradiva gedenkt Hanold dieses Traumes und richtet an die
Erscheinung die Bitte, sich wieder so hinzulegen, wie er es damals
gesehen.(10) Daraufhin aber erhebt sich die junge Dame entrstet und
verlt ihren sonderbaren Partner, aus dessen wahnbeherrschten Reden sie
den unziemlichen erotischen Wunsch herausgehrt hat. Ich glaube, wir
drfen uns die Deutung der Gradiva zu eigen machen; eine grere
Bestimmtheit fr die Darstellung des erotischen Wunsches wird man auch
von einem realen Traume nicht immer fordern drfen.

  (10) G. p.70: Nein, gesprochen nicht. Aber ich rief dir zu, als du
  dich zum Schlafen hinlegtest, und stand dann bei dir -- dein Gesicht
  war so ruhig-schn wie von Marmor. Darf ich dich bitten -- leg' es
  noch einmal wieder so auf die Stufe zurck.

Somit hatte die Anwendung einiger Regeln der Traumdeutung auf den ersten
Traum Hanolds den Erfolg gehabt, uns diesen Traum in seinen Hauptzgen
verstndlich zu machen und ihn in den Zusammenhang der Erzhlung
einzufgen. Er mu also wohl vom Dichter unter Beachtung dieser Regeln
geschaffen worden sein? Man knnte nur noch eine Frage aufwerfen, warum
der Dichter zur weiteren Entwicklung des Wahnes berhaupt einen Traum
einfhre. Nun, ich meine, das ist recht sinnreich komponiert und hlt
wiederum der Wirklichkeit die Treue. Wir haben schon gehrt, da in
realen Krankheitsfllen eine Wahnbildung recht hufig an einen Traum
anschliet, brauchen aber nach unseren Aufklrungen ber das Wesen des
Traumes kein neues Rtsel in diesem Sachverhalt zu finden. Traum und
Wahn stammen aus derselben Quelle, vom Verdrngten her; der Traum ist
der sozusagen physiologische Wahn des normalen Menschen. Ehe das
Verdrngte stark genug geworden ist, um sich im Wachleben als Wahn
durchzusetzen, kann es leicht seinen ersten Erfolg unter den gnstigeren
Umstnden des Schlafzustandes in Gestalt eines nachhaltig wirkenden
Traumes errungen haben. Whrend des Schlafes tritt nmlich, mit der
Herabsetzung der seelischen Ttigkeit berhaupt, auch ein Nachla in der
Strke des Widerstandes ein, den die herrschenden psychischen Mchte dem
Verdrngten entgegensetzen. Dieser Nachla ist es, der die Traumbildung
ermglicht, und darum wird der Traum fr uns der beste Zugang zur
Kenntnis des unbewuten Seelischen. Nur, da fr gewhnlich mit der
Herstellung der psychischen Besetzungen des Wachens der Traum wieder
verfliegt, der vom Unbewuten gewonnene Boden wieder gerumt wird.




III.


Im weiteren Verlaufe der Erzhlung findet sich noch ein anderer Traum,
der uns vielleicht noch mehr als der erste verlocken kann, seine
bersetzung und Einfgung in den Zusammenhang des seelischen Geschehens
beim Helden zu versuchen. Aber wir ersparen wenig, wenn wir hier die
Darstellung des Dichters verlassen, um direkt zu diesem zweiten Traum zu
eilen, denn wer den Traum eines anderen deuten will, der kann nicht
umhin, sich mglichst ausfhrlich um alles zu bekmmern, was der Trumer
uerlich und innerlich erlebt hat. Somit wre es fast das beste, wenn
wir beim Faden der Erzhlung verblieben und diese fortlaufend mit
unseren Glossen vershen.

Die Wahnneubildung vom Tode der Gradiva beim Untergang Pompejis im Jahre
79 ist nicht die einzige Nachwirkung des von uns analysierten ersten
Traumes. Unmittelbar nachher entschliet sich Hanold zu einer Reise nach
Italien, die ihn endlich nach Pompeji bringt. Vorher aber begibt sich
noch etwas anderes mit ihm; aus dem Fenster lehnend, glaubt er auf der
Strae eine Gestalt mit der Haltung und dem Gange seiner Gradiva zu
bemerken, eilt ihr trotz seiner mangelhaften Bekleidung nach, erreicht
sie aber nicht, sondern wird durch den Spott der Leute auf der Strae
zurckgetrieben. Nachdem er wieder in sein Zimmer zurckgekehrt ist,
ruft das Singen eines Kanarienvogels, dessen Kfig an einem Fenster des
Hauses gegenber hngt, eine Stimmung in ihm hervor, als ob auch er aus
der Gefangenschaft in die Freiheit wollte, und die Frhjahrsreise ist
ebenso schnell beschlossen wie ausgefhrt.

Der Dichter hat diese Reise Hanolds in ganz besonders scharfes Licht
gerckt und ihm selbst teilweise Klarheit ber seine inneren Vorgnge
gegnnt. Hanold hat sich selbstverstndlich einen wissenschaftlichen
Vorwand fr sein Reisen angegeben, aber dieser hlt nicht vor. Er wei
doch eigentlich, da ihm der Antrieb zur Reise aus einer unnennbaren
Empfindung entsprungen war. Eine eigentmliche Unruhe heit ihn mit
allem, was er antrifft, unzufrieden sein und treibt ihn von Rom nach
Neapel, von dort nach Pompeji, ohne da er sich, auch nicht in dieser
letzten Station, in seiner Stimmung zurechtfnde. Er rgert sich ber
die Torheit der Hochzeitsreisenden und ist emprt ber die Frechheit der
Stubenfliegen, die Pompejis Gasthuser bevlkern. Aber endlich tuscht
er sich nicht darber, da seine Unbefriedigung wohl nicht allein durch
das um ihn herum Befindliche verursacht werde, sondern etwas ihren
Ursprung auch aus ihm selbst schpfe. Er hlt sich fr berreizt,
fhlt, da er mimutig sei, weil ihm etwas fehle, ohne da er sich
aufhellen knne, was. Und diese Mistimmung bringt er berallhin mit
sich. In solcher Verfassung emprt er sich sogar gegen seine
Herrscherin, die Wissenschaft; wie er das erstemal in der
Mittagssonnenglut durch Pompeji wandelt, hatte seine ganze Wissenschaft
ihn nicht allein verlassen, sondern lie ihn auch ohne das geringste
Begehren, sie wieder aufzufinden; er erinnerte sich ihrer nur wie aus
einer weiten Ferne, und in seiner Empfindung war sie eine alte,
eingetrocknete, langweilige Tante gewesen, das ledernste und
berflssigste Geschpf auf der Welt. (G. p.55.)

In diesem unerquicklichen und verworrenen Gemtszustand lst sich ihm
dann das eine der Rtsel, welche an dieser Reise hngen, in dem Moment,
da er zuerst die Gradiva durch Pompeji schreiten sieht. Es kommt ihm
zum erstenmal zum Bewutwerden: Er sei, ohne selbst von dem Antrieb in
seinem Innern zu wissen, deshalb nach Italien und ohne Aufenthalt von
Rom und Neapel bis Pompeji weitergefahren, um danach zu suchen, ob er
hier Spuren von ihr auffinden knne. Und zwar im wrtlichen Sinne, denn
bei ihrer besonderen Gangart mute sie in der Asche einen von allen
brigen sich unterscheidenden Abdruck der Zehen hinterlassen haben. (G.
p.58.)

Da der Dichter so viel Sorgfalt auf die Darstellung dieser Reise
verwendet, mu es auch uns der Mhe wert sein, deren Verhltnis zum Wahn
Hanolds und deren Stellung im Zusammenhang der Begebenheiten zu
erlutern. Die Reise ist ein Unternehmen aus Motiven, welche die Person
zunchst nicht erkennt und erst spter sich eingesteht, Motiven, welche
der Dichter direkt als unbewute bezeichnet. Dies ist gewi dem Leben
abgelauscht; man braucht nicht im Wahn zu sein, um so zu handeln;
vielmehr ist es ein alltgliches Vorkommnis, selbst bei Gesunden, da
sie sich ber die Motive ihres Handelns tuschen und ihrer erst
nachtrglich bewut werden, wenn nur ein Konflikt mehrerer
Gefhlsstrmungen ihnen die Bedingung fr solche Verworrenheit
herstellt. Die Reise Hanolds war also von Anfang an darauf angelegt, dem
Wahne zu dienen, und sollte ihn nach Pompeji bringen, um die
Nachforschung nach der Gradiva dort fortzusetzen. Wir erinnern, da vor
und unmittelbar nach dem Traum diese Nachforschung ihn erfllte, und da
der Traum selbst nur eine von seinem Bewutsein erstickte Antwort auf
die Frage nach dem Aufenthalt der Gradiva war. Irgend eine Macht, die
wir nicht erkennen, hemmt aber zunchst auch das Bewutwerden des
wahnhaften Vorsatzes, so da zur bewuten Motivierung der Reise nur
unzulngliche, streckenweise zu erneuernde Vorwnde erbrigen. Ein
anderes Rtsel gibt uns der Dichter auf, indem er den Traum, die
Entdeckung der vermeintlichen Gradiva auf der Strae und die
Entschlieung zur Reise durch den Einflu des singenden Kanarienvogels
wie Zuflligkeiten ohne innere Beziehung aufeinander folgen lt.

Mit Hilfe der Aufklrungen, die wir den spteren Reden der Zo Bertgang
entnehmen, wird dieses dunkle Stck der Erzhlung fr unser Verstndnis
erhellt. Es war wirklich das Urbild der Gradiva, Frulein Zo selbst,
das Hanold von seinem Fenster aus auf der Strae schreiten sah (G.
p.89) und das er bald eingeholt htte. Die Mitteilung des Traumes: sie
lebt ja am heutigen Tage in der nmlichen Stadt wie du, htte so durch
einen glcklichen Zufall eine unwiderstehliche Bekrftigung erfahren,
vor welcher sein inneres Struben zusammengebrochen wre. Der
Kanarienvogel aber, dessen Gesang Hanold in die Ferne trieb, gehrte
Zo, und sein Kfig stand an ihrem Fenster, dem Hause Hanolds schrg
gegenber. (G. p.135.) Hanold, der nach der Anklage des Mdchens die
Gabe der negativen Halluzination besa, die Kunst verstand, auch
gegenwrtige Personen nicht zu sehen und nicht zu erkennen, mu von
Anfang an die unbewute Kenntnis dessen gehabt haben, was wir erst spt
erfahren. Die Zeichen der Nhe Zos, ihr Erscheinen auf der Strae und
der Gesang ihres Vogels so nahe seinem Fenster, verstrken die Wirkung
des Traumes, und in dieser fr seinen Widerstand gegen die Erotik so
gefhrlichen Situation -- ergreift er die Flucht. Die Reise entspringt
einem Aufraffen des Widerstandes nach jenem Vorsto der Liebessehnsucht
im Traum, einem Fluchtversuch von der leibhaftigen und gegenwrtigen
Geliebten weg. Sie bedeutet praktisch einen Sieg der Verdrngung, die
diesmal im Wahne die Oberhand behlt, wie bei seinem frheren Tun, den
pedestrischen Untersuchungen an Frauen und Mdchen, die Erotik
siegreich gewesen war. berall aber ist in diesem Schwanken des Kampfes
die Komprominatur der Entscheidungen gewahrt; die Reise nach Pompeji,
die von der lebenden Zo wegfhren soll, fhrt wenigstens zu ihrem
Ersatz, zur Gradiva. Die Reise, die den latenten Traumgedanken zum
Trotze unternommen wird, folgt doch der Weisung des manifesten
Trauminhaltes nach Pompeji. So triumphiert der Wahn von neuem, jedesmal
wenn Erotik und Widerstand von neuem streiten.

Diese Auffassung der Reise Hanolds als Flucht vor der in ihm erwachenden
Liebessehnsucht nach der so nahen Geliebten harmoniert allein mit den
bei ihm geschilderten Gemtszustnden whrend seines Aufenthaltes in
Italien. Die ihn beherrschende Ablehnung der Erotik drckt sich dort in
seiner Verabscheuung der Hochzeitsreisenden aus. Ein kleiner Traum im
Albergo in Rom, veranlat durch die Nachbarschaft eines deutschen
Liebespaares, August und Grete, deren Abendgesprch er durch die dnne
Zwischenwand belauschen mu, wirft wie nachtrglich ein Licht auf die
erotischen Tendenzen seines ersten groen Traumes. Der neue Traum
versetzt ihn wieder nach Pompeji, wo eben wieder der Vesuv ausbricht,
und knpft so an den whrend der Reise fortwirkenden Traum an. Aber
unter den gefhrdeten Personen gewahrt er diesmal -- nicht wie frher
sich und die Gradiva--, sondern den Apoll von Belvedere und die
kapitolinische Venus, wohl als ironische Erhhungen des Paares im
Nachbarraum. Apoll hebt die Venus auf, trgt sie fort und legt sie auf
einen Gegenstand im Dunkeln hin, der ein Wagen oder Karren zu sein
scheint, denn ein knarrender Ton schallt davon her. Der Traum bedarf
sonst keiner besonderen Kunst zu seiner Deutung. (G. p.31.)

Unser Dichter, dem wir lngst zutrauen, da er auch keinen einzelnen Zug
mig und absichtslos in seiner Schilderung auftrgt, hat uns noch ein
anderes Zeugnis fr die Hanold auf der Reise beherrschende asexuelle
Strmung gegeben. Whrend des stundenlangen Umherwanderns in Pompeji
kommt es ihm merkwrdigerweise nicht ein einziges Mal in Erinnerung,
da er vor einiger Zeit einmal getrumt habe, bei der Verschttung
Pompejis durch den Kraterausbruch im Jahre 79 zugegen gewesen zu sein.
(G. p.47.) Erst beim Anblick der Gradiva besinnt er sich pltzlich
dieses Traumes, wie ihm auch gleichzeitig das wahnhafte Motiv seiner
rtselhaften Reise bewut wird. Was knnte nun dies Vergessen des
Traumes, diese Verdrngungsschranke zwischen dem Traum und dem
Seelenzustand auf der Reise anders bedeuten, als da die Reise nicht auf
direkte Anregung des Traumes erfolgt ist, sondern in der Auflehnung
gegen denselben, als Ausflu einer seelischen Macht, die vom geheimen
Sinne des Traumes nichts wissen will?

Anderseits aber wird Hanold dieses Sieges ber seine Erotik nicht froh.
Die unterdrckte seelische Regung bleibt stark genug, um sich durch
Mibehagen und Hemmung an der unterdrckenden zu rchen. Seine Sehnsucht
hat sich in Unruhe und Unbefriedigung verwandelt, die ihm die Reise
sinnlos erscheinen lt; gehemmt ist die Einsicht in die Motivierung der
Reise im Dienste des Wahnes, gestrt sein Verhltnis zu seiner
Wissenschaft, die an solchem Orte all sein Interesse rege machen sollte.
So zeigt uns der Dichter seinen Helden nach seiner Flucht vor der Liebe
in einer Art von Krisis, in einem gnzlich verworrenen und zerfahrenen
Zustand, in einer Zerrttung, wie sie auf der Hhe der Krankheitszustnde
vorzukommen pflegt, wenn keine der beiden streitenden Mchte
mehr um so viel strker ist als die andere, da die Differenz ein
strammes, seelisches Regime begrnden knnte. Hier greift dann der
Dichter helfend und schlichtend ein, denn an dieser Stelle lt er die
Gradiva auftreten, welche die Heilung des Wahnes unternimmt. Mit seiner
Macht, die Schicksale der von ihm geschaffenen Menschen zum Guten zu
lenken, trotz all der Notwendigkeiten, denen er sie gehorchen lt,
versetzt er das Mdchen, vor dem Hanold nach Pompeji geflohen ist,
ebendahin und korrigiert so die Torheit, die der Wahn den jungen Mann
begehen lie, sich von dem Wohnort der leibhaftigen Geliebten zur
Todessttte der sie in der Phantasie ersetzenden zu begeben.

Mit dem Erscheinen der Zo Bertgang als Gradiva, welches den Hhepunkt
der Spannung in der Erzhlung bezeichnet, tritt bald auch eine Wendung
in unserem Interesse ein. Haben wir bisher die Entwicklung eines Wahnes
miterlebt, so sollen wir jetzt Zeugen seiner Heilung werden und drfen
uns fragen, ob der Dichter den Hergang dieser Heilung blo fabuliert
oder im Anschlu an wirklich vorhandene Mglichkeiten gebildet hat. Nach
Zos eigenen Worten in der Unterhaltung mit der Freundin haben wir
entschieden das Recht, ihr solche Heilungsabsicht zuzuschreiben. (G.
p.124.) Wie schickt sie sich aber dazu an? Nachdem sie die Entrstung
zurckgedrngt, welche die Zumutung, sich wieder wie damals zum
Schlafen hinzulegen, bei ihr hervorgerufen, findet sie sich zur gleichen
Mittagsstunde des nchsten Tages am nmlichen Orte ein und entlockt nun
Hanold all das geheime Wissen, das ihr zum Verstndnis seines Benehmens
am Vortage gefehlt hat. Sie erfhrt von seinem Traum, vom Reliefbild der
Gradiva und von der Eigentmlichkeit des Ganges, welche sie mit diesem
Bilde teilt. Sie akzeptiert die Rolle des fr eine kurze Stunde zum
Leben erwachten Gespenstes, welche, wie sie merkt, sein Wahn ihr
zugeteilt, und weist ihm leise in mehrdeutigen Worten eine neue Stellung
an, indem sie die Grberblume von ihm annimmt, die er ohne bewute
Absicht mitgebracht, und das Bedauern ausspricht, da er ihr nicht Rosen
gegeben hat. (G. p.90.)

Unser Interesse fr das Benehmen des berlegen klugen Mdchens, welches
beschlossen hat, sich den Jugendgeliebten zum Manne zu gewinnen, nachdem
sie hinter seinem Wahn seine Liebe als treibende Kraft erkannt, wird
aber an dieser Stelle wahrscheinlich von dem Befremden zurckgedrngt,
welches dieser Wahn selbst bei uns erregen kann. Dessen letzte
Ausgestaltung, da die im Jahre 79 verschttete Gradiva nun als
Mittagsgespenst fr eine Stunde mit ihm Rede tauschen knne, nach deren
Ablauf sie versinke oder ihre Gruft wieder aufsuche, dieses
Hirngespinst, welches weder durch die Wahrnehmung ihrer modernen
Fubekleidung noch durch ihre Unkenntnis der alten Sprachen und ihre
Beherrschung des damals nicht existierenden Deutschen beirrt wird,
scheint wohl die Bezeichnung des Dichters Ein pompejanisches
Phantasiestck zu rechtfertigen, aber jedes Messen an der klinischen
Wirklichkeit auszuschlieen. Und doch scheint mir bei nherer Erwgung
die Unwahrscheinlichkeit dieses Wahnes zum greren Teile zu zergehen.
Einen Teil der Verschuldung hat ja der Dichter auf sich genommen und in
der Voraussetzung der Erzhlung, da Zo in allen Zgen das Ebenbild des
Steinreliefs sei, mitgebracht. Man mu sich also hten, die
Unwahrscheinlichkeit von dieser Voraussetzung auf deren Konsequenz, da
Hanold das Mdchen fr die belebte Gradiva hlt, zu verschieben. Die
wahnhafte Erklrung wird hier dadurch im Wert gehoben, da auch der
Dichter uns keine rationelle zur Verfgung gestellt hat. In der
Sonnenglut Kampaniens und in der verwirrenden Zauberkraft des Weines,
der am Vesuv wchst, hat der Dichter ferner andere helfende und
mildernde Umstnde fr die Ausschreitung des Helden herangezogen. Das
wichtigste aller erklrenden und entschuldigenden Momente bleibt aber
die Leichtigkeit, mit welcher unser Denkvermgen sich zur Annahme eines
absurden Inhaltes entschliet, wenn stark affektbetonte Regungen dabei
ihre Befriedigung finden, Es ist erstaunlich und findet meist viel zu
geringe Wrdigung, wie leicht und hufig selbst intelligenzstarke
Personen unter solchen psychologischen Konstellationen die Reaktionen
partiellen Schwachsinnes geben, und wer nicht allzu eingebildet ist, mag
dies auch beliebig oft an sich selbst beobachten. Und nun erst dann,
wenn ein Teil der in Betracht kommenden Denkvorgnge an unbewuten oder
verdrngten Motiven haftet! Ich zitiere dabei gern die Worte eines
Philosophen, der mir schreibt: Ich habe auch angefangen, mir
selbsterlebte Flle von frappanten Irrtmern zu notieren, gedankenloser
Handlungen, die man sich nachtrglich motiviert (in sehr unvernnftiger
Weise). Es ist erschreckend, aber typisch, wieviel Dummheit dabei zu
Tage kommt. Und nun nehme man dazu, da der Glaube an Geister und
Gespenster und wiederkehrende Seelen, der so viel Anlehnungen in den
Religionen findet, denen wir alle wenigstens als Kinder angehngt haben,
keineswegs bei allen Gebildeten untergegangen ist, da so viele sonst
Vernnftige die Beschftigung mit dem Spiritismus mit der Vernunft
vereinbar finden. Ja selbst der nchtern und unglubig Gewordene mag mit
Beschmung wahrnehmen, wie leicht er sich fr einen Moment zum
Geisterglauben zurckwendet, wenn Ergriffenheit und Ratlosigkeit bei ihm
zusammentreffen. Ich wei von einem Arzt, der einmal eine seiner
Patientinnen an der Basedowschen Krankheit verloren hatte und einen
leisen Verdacht nicht bannen konnte, da er durch unvorsichtige
Medikation vielleicht zum unglcklichen Ausgange beigetragen habe. Eines
Tages, mehrere Jahre spter, trat ein Mdchen in sein rztliches Zimmer,
in dem er, trotz alles Strubens, die Verstorbene erkennen mute. Er
konnte keinen anderen Gedanken fassen als, es sei doch wahr, da die
Toten wiederkommen knnen, und sein Schaudern wich erst der Scham, als
die Besucherin sich als die Schwester jener an der gleichen Krankheit
Verstorbenen vorstellte. Die Basedowsche Krankheit verleiht den von ihr
Befallenen eine oft bemerkte, weitgehende hnlichkeit der Gesichtszge,
und in diesem Falle war die typische hnlichkeit ber der
schwesterlichen aufgetragen. Der Arzt aber, dem sich dies ereignet, war
ich selbst, und darum bin gerade ich nicht geneigt, dem Norbert Hanold
die klinische Mglichkeit seines kurzen Wahnes von der ins Leben
zurckgekehrten Gradiva zu bestreiten. Da in ernsten Fllen chronischer
Wahnbildung (Paranoia) das uerste an geistreich ausgesponnenen und gut
vertretenen Absurditten geleistet wird, ist endlich jedem Psychiater
wohlbekannt.--

Nach der ersten Begegnung mit der Gradiva hatte Norbert Hanold zuerst in
dem einen und dann im anderen der ihm bekannten Speisehuser Pompejis
seinen Wein getrunken, whrend die anderen Besucher mit der
Hauptmahlzeit beschftigt waren. Selbstverstndlich war ihm mit keinem
Gedanken die widersinnige Annahme in den Sinn gekommen, er tue so, um
zu erfahren, in welchem Gasthof die Gradiva wohne und ihre Mahlzeiten
einnehme, aber es ist schwer zu sagen, welchen anderen Sinn dies sein
Tun sonst htte haben knnen. Am Tage nach dem zweiten Beisammensein im
Hause des Meleager erlebt er allerlei merkwrdige und scheinbar
unzusammenhngende Dinge: er findet einen engen Spalt in der Mauer des
Portikus, dort, wo die Gradiva verschwunden war, begegnet einem
nrrischen Eidechsenfnger, der ihn wie einen Bekannten anredet,
entdeckt ein drittes, versteckt gelegenes Wirtshaus, den Albergo del
Sole, dessen Besitzer ihm eine grnpatinierte Metallspange als
Fundstck bei den berresten eines pompejanischen Mdchens aufschwatzt,
und wird endlich in seinem eigenen Gasthof auf ein neu angekommenes
junges Menschenpaar aufmerksam, welches er als Geschwisterpaar
diagnostiziert, und dem er seine Sympathie schenkt. Alle diese Eindrcke
verweben sich dann zu einem merkwrdig unsinnigen Traum, der folgenden
Wortlaut hat:

Irgendwo in der Sonne sitzt die Gradiva, macht aus einem Grashalm eine
Schlinge, um eine Eidechse darin zu fangen, und sagt dazu: 'Bitte, halte
dich ganz ruhig -- die Kollegin hat recht, das Mittel ist wirklich gut,
und sie hat es mit bestem Erfolge angewendet'.

Gegen diesen Traum wehrt er sich noch im Schlafe mit der Kritik, das sei
in der Tat vollstndige Verrcktheit, und wirft sich herum, um von ihm
loszukommen. Dies gelingt ihm auch mit Beihilfe eines unsichtbaren
Vogels, der einen kurzen, lachenden Ruf ausstt und die Lacerte im
Schnabel forttrgt.

Wollen wir den Versuch wagen, auch diesen Traum zu deuten, d.h. ihn
durch die latenten Gedanken zu ersetzen, aus deren Entstellung er
hervorgegangen sein mu? Er ist so unsinnig, wie man es nur von einem
Traume erwarten kann, und diese Absurditt der Trume ist ja die
Hauptsttze der Anschauung, welche dem Traum den Charakter eines
vollgiltigen psychischen Aktes verweigert und ihn aus einer planlosen
Erregung der psychischen Elemente hervorgehen lt.

Wir knnen auf diesen Traum die Technik anwenden, welche als das
regulre Verfahren der Traumdeutung bezeichnet werden kann. Es besteht
darin, sich um den scheinbaren Zusammenhang im manifesten Traum nicht zu
bekmmern, sondern jedes Stck des Inhaltes fr sich ins Auge zu fassen
und in den Eindrcken, Erinnerungen und freien Einfllen des Trumers
die Ableitung desselben zu suchen. Da wir aber Hanold nicht examinieren
knnen, werden wir uns mit der Beziehung auf seine Eindrcke zufrieden
geben mssen, und nur ganz schchtern unsere eigenen Einflle an die
Stelle der seinigen setzen drfen.

Irgendwo in der Sonne sitzt die Gradiva, fngt Eidechsen und spricht
dazu -- an welchen Eindruck des Tages klingt dieser Teil des Traumes
an? Unzweifelhaft an die Begegnung mit dem lteren Herrn, dem
Eidechsenfnger, der also im Traum durch die Gradiva ersetzt ist. Der
sa oder lag an einem heibesonnten Abhang und sprach auch Hanold an.
Auch die Reden der Gradiva im Traum sind nach der Rede jenes Mannes
kopiert. Man vergleiche: Das vom Kollegen _Eimer_ angegebene Mittel ist
wirklich gut, ich habe es schon mehrmals mit bestem Erfolg angewendet.
Bitte, halten Sie sich ganz ruhig--. Ganz hnlich spricht die Gradiva
im Traum, nur da der Kollege _Eimer_ durch eine unbenannte Kollegin
ersetzt ist; auch ist das mehrmals aus der Rede des Zoologen im Traume
weggeblieben und die Bindung der Stze etwas gendert worden. Es scheint
also, da dieses Erlebnis des Tages durch einige Abnderungen und
Entstellungen zum Traume umgewandelt worden ist. Warum gerade dieses,
und was bedeuten die Entstellungen, der Ersatz des alten Herrn durch die
Gradiva und die Einfhrung der rtselhaften Kollegin?

Es gibt eine Regel der Traumdeutung, welche lautet: Eine im Traum
gehrte Rede stammt immer von einer im Wachen gehrten oder selbst
gehaltenen Rede ab. Nun, diese Regel scheint hier befolgt, die Rede der
Gradiva ist nur eine Modifikation der bei Tag gehrten Rede des alten
Zoologen. Eine andere Regel der Traumdeutung wrde uns sagen, die
Ersetzung einer Person durch eine andere oder die Vermengung zweier
Personen, indem etwa die eine in einer Situation gezeigt wird, welche
die andere charakterisiert, bedeutet eine Gleichstellung der beiden
Personen, eine bereinstimmung zwischen denselben. Wagen wir es, auch
diese Regel auf unseren Traum anzuwenden, so ergbe sich die
bersetzung: die Gradiva fngt Eidechsen wie jener Alte, versteht sich
auf den Eidechsenfang wie er. Verstndlich ist dieses Ergebnis gerade
noch nicht, aber wir haben ja noch ein anderes Rtsel vor uns. Auf
welchen Eindruck des Tages sollen wir die Kollegin beziehen, die im
Traum den berhmten Zoologen _Eimer_ ersetzt? Wir haben da zum Glck
nicht viel Auswahl, es kann nur ein anderes Mdchen als Kollegin gemeint
sein, also jene sympathische junge Dame, in der Hanold eine in
Gesellschaft ihres Bruders reisende Schwester erkannt hatte. Sie trug
eine rote Sorrentiner Rose am Kleid, deren Anblick an etwas im
Gedchtnis des aus seiner Stubenecke Hinberschauenden rhrte, ohne da
er sich darauf besinnen konnte, was es sei. Diese Bemerkung des
Dichters gibt uns wohl das Recht, sie fr die Kollegin im Traume in
Anspruch zu nehmen. Das, was Hanold nicht erinnern konnte, war gewi
nichts anderes als das Wort der vermeintlichen Gradiva, glcklicheren
Mdchen bringe man im Frhling Rosen, als sie die weie Grberblume von
ihm verlangte. In dieser Rede lag aber eine Werbung verborgen. Was mag
das nun fr ein Eidechsenfang sein, der dieser glcklicheren Kollegin so
gut gelungen?

Am nchsten Tage berrascht Hanold das vermeintliche Geschwisterpaar in
zrtlicher Umarmung und kann so seinen Irrtum vom Vortage berichtigen.
Es ist wirklich ein Liebespaar, und zwar auf der Hochzeitsreise
begriffen, wie wir spter erfahren, als die beiden das dritte
Beisammensein Hanolds mit der Zo so unvermutet stren. Wenn wir nun
annehmen wollen, da Hanold, der sie bewut fr Geschwister hlt, in
seinem Unbewuten sogleich ihre wirkliche Beziehung erkannt hat, die
sich tags darauf so unzweideutig verrt, so ergibt sich allerdings ein
guter Sinn fr die Rede der Gradiva im Traume. Die rote Rose wird dann
zum Symbol der Liebesbeziehung; Hanold versteht, da die beiden das
sind, wozu er und die Gradiva erst werden sollen, der Eidechsenfang
bekommt die Bedeutung des Mnnerfanges, und die Rede der Gradiva heit
etwa: La mich nur machen, ich verstehe es ebenso gut, mir einen Mann zu
gewinnen wie dieses andere Mdchen.

Warum mute aber dieses Durchschauen der Absichten der Zo durchaus in
der Form der Rede des alten Zoologen im Traume erscheinen? Warum die
Geschicklichkeit Zos im Mnnerfang durch die des alten Herrn im
Eidechsenfang dargestellt werden? Nun, wir haben es leicht, diese Frage
zu beantworten: wir haben lngst erraten, da der Eidechsenfnger kein
anderer ist als der Zoologieprofessor Bertgang, Zos Vater, der ja auch
Hanold kennen mu, so da sich verstehen lt, da er Hanold wie einen
Bekannten anredet. Nehmen wir von neuem an, da Hanold im Unbewuten den
Professor gleichfalls sofort erkannt habe, -- Ihm war's dunkel, das
Gesicht des Lacertenjgers sei schon einmal, wahrscheinlich in einem der
beiden Gasthfe, an seinen Augen vorbergegangen--, so erklrt sich
die sonderbare Einkleidung des der Zo beigelegten Vorsatzes. Sie ist
die Tochter des Eidechsenfngers, sie hat diese Geschicklichkeit von
ihm.

Die Ersetzung des Eidechsenfngers durch die Gradiva im Trauminhalt ist
also die Darstellung fr die im Unbewuten erkannte Beziehung der beiden
Personen; die Einfhrung der Kollegin an Stelle des Kollegen _Eimer_
gestattet es dem Traum, das Verstndnis ihrer Werbung um den Mann zum
Ausdruck zu bringen. Der Traum hat bisher zwei der Erlebnisse des Tages
zu einer Situation zusammengeschweit, verdichtet, wie wir sagen, um
zwei Einsichten, die nicht bewut werden durften, einen allerdings sehr
unkenntlichen Ausdruck zu verschaffen. Wir knnen aber weiter gehen, die
Sonderbarkeit des Traumes noch mehr verringern und den Einflu auch der
anderen Tageserlebnisse auf die Gestaltung des manifesten Traumes
nachweisen.

Wir knnten uns unbefriedigt durch die bisherige Auskunft erklren,
weshalb gerade die Szene des Eidechsenfanges zum Kern des Traumes
gemacht worden ist, und vermuten, da noch andere Elemente in den
Traumgedanken fr die Auszeichnung der Eidechse im manifesten Traum
mit ihrem Einflu eingetreten sind. Es knnte wirklich leicht so sein.
Erinnern wir uns, da Hanold einen Spalt in der Mauer entdeckt hatte, an
der Stelle, wo ihm die Gradiva zu verschwinden schien, der immerhin
breit genug war, um eine Gestalt von ungewhnlicher Schlankheit
durchschlpfen zu lassen. Durch diese Wahrnehmung wurde er bei Tag zu
einer Abnderung in seinem Wahn veranlat, die Gradiva versinke nicht im
Boden, wenn sie seinen Blicken entschwinde, sondern begebe sich auf
diesem Wege in ihre Gruft zurck. In seinem unbewuten Denken mochte er
sich sagen, er habe jetzt die natrliche Erklrung fr das berraschende
Verschwinden des Mdchens gefunden. Mu aber nicht das sich durch enge
Spalten Zwngen und das Verschwinden in solchen Spalten an das Benehmen
von Lacerten erinnern? Verhlt sich die Gradiva dabei nicht selbst wie
ein flinkes Eidechslein? Wir meinen also, diese Entdeckung des Spaltes
in der Mauer habe mitbestimmend auf die Auswahl des Elementes Eidechse
fr den manifesten Trauminhalt gewirkt, die Eidechsensituation des
Traumes vertrete ebensowohl diesen Eindruck des Tages wie die Begegnung
mit dem Zoologen, Zos Vater.

Und wenn wir nun, khn geworden, versuchen wollten, auch fr das eine,
noch nicht verwertete Erlebnis des Tages, die Entdeckung des dritten
Albergo del Sole, eine Vertretung im Trauminhalt zu finden? Der
Dichter hat diese Episode so ausfhrlich behandelt und so vielerlei an
sie geknpft, da wir uns verwundern mten, wenn sie allein keinen
Beitrag zur Traumbildung abgegeben htte. Hanold tritt in dieses
Wirtshaus, welches ihm wegen seiner abgelegenen Lage und Entfernung vom
Bahnhofe unbekannt geblieben war, um sich eine Flasche kohlensauren
Wassers gegen seinen Blutandrang geben zu lassen. Der Wirt bentzt diese
Gelegenheit, um seine Antiquitten anzupreisen, und zeigt ihm eine
Spange, die angeblich jenem pompejanischen Mdchen angehrt hatte, das
in der Nhe des Forums in inniger Umschlingung mit seinem Geliebten
aufgefunden wurde. Hanold, der diese oft wiederholte Erzhlung bisher
niemals geglaubt, wird jetzt durch eine ihm unbekannte Macht gentigt,
an die Wahrheit dieser rhrenden Geschichte und an die Echtheit des
Fundstckes zu glauben, erwirbt die Fibula und verlt mit seinem Erwerb
den Gasthof. Im Fortgehen sieht er an einem der Fenster einen in ein
Wasserglas gestellten, mit weien Blten behngten Asphodelosschaft
herabnicken und empfindet diesen Anblick als eine Beglaubigung der
Echtheit seines neuen Besitztums. Die wahrhafte berzeugung durchdringt
ihn jetzt, die grne Spange habe der Gradiva angehrt, und sie sei das
Mdchen gewesen, das in der Umarmung ihres Geliebten gestorben sei. Die
qulende Eifersucht, die ihn dabei erfat, beschwichtigt er durch den
Vorsatz, sich am nchsten Tage bei der Gradiva selbst durch das
Vorzeigen der Spange Sicherheit wegen seines Argwohnes zu holen. Dies
ist doch ein sonderbares Stck neuer Wahnbildung, und es sollte keine
Spur im Traume der nchstfolgenden Nacht darauf hinweisen!

Es wird uns wohl der Mhe wert sein, uns die Entstehung dieses
Wahnzuwachses verstndlich zu machen, das neue Stck unbewuter Einsicht
aufzusuchen, das sich durch das neue Stck Wahn ersetzt. Der Wahn
entsteht unter dem Einflu des Wirtes vom Sonnenwirtshaus, gegen den
sich Hanold so merkwrdig leichtglubig benimmt, als htte er eine
Suggestion von ihm empfangen. Der Wirt zeigt ihm eine metallene
Gewandfibel als echt und als Besitztum jenes Mdchens, das in den Armen
seines Geliebten verschttet aufgefunden wurde, und Hanold, der kritisch
genug sein knnte, um die Wahrheit der Geschichte sowie die Echtheit der
Spange zu bezweifeln, ist sofort glubig gefangen und erwirbt die mehr
als zweifelhafte Antiquitt. Es ist ganz unverstndlich, warum er sich
so benehmen sollte, und es deutet nichts darauf, da die Persnlichkeit
des Wirtes selbst uns dieses Rtsel lsen knnte. Es ist aber noch ein
anderes Rtsel in dem Vorfall, und zwei Rtsel lsen sich gern
miteinander. Beim Verlassen des Albergo erblickt er einen
Asphodelosschaft im Glase an einem Fenster und findet in ihm eine
Beglaubigung fr die Echtheit der Metallspange. Wie kann das nur
zugehen? Dieser letzte Zug ist zum Glck der Lsung leicht zugnglich.
Die weie Blume ist wohl dieselbe, die er zu Mittag der Gradiva
geschenkt, und es ist ganz richtig, da durch ihren Anblick an einem der
Fenster dieses Gasthofes etwas bekrftigt wird. Freilich nicht die
Echtheit der Spange, aber etwas anderes, was ihm schon bei der
Entdeckung dieses bisher bersehenen Albergo klar geworden. Er hatte
bereits am Vortage sich so benommen, als suchte er in den beiden
Gasthfen Pompejis, wo die Person wohne, die ihm als Gradiva erscheine.
Nun, da er so unvermuteterweise auf einen dritten stt, mu er sich im
Unbewuten sagen: Also hier wohnt sie; und dann beim Weggehen: Richtig,
da ist ja die Asphodelosblume, die ich ihr gegeben; das ist also ihr
Fenster. Dies wre also die neue Einsicht, die sich durch den Wahn
ersetzt, die nicht bewut werden kann, weil ihre Voraussetzung, die
Gradiva sei eine Lebende, von ihm einst gekannte Person, nicht bewut
werden konnte.

Wie soll nun aber die Ersetzung der neuen Einsicht durch den Wahn vor
sich gegangen sein? Ich meine so, da das berzeugungsgefhl, welches
der Einsicht anhaftete, sich behaupten konnte und erhalten blieb,
whrend fr die bewutseinsunfhige Einsicht selbst ein anderer, aber
durch Denkverbindung mit ihr verknpfter Vorstellungsinhalt eintrat. So
geriet nun das berzeugungsgefhl in Verbindung mit einem ihm eigentlich
fremden Inhalt, und dieser letztere gelangte als Wahn zu einer ihm
selbst nicht gebhrenden Anerkennung. Hanold bertrgt seine
berzeugung, da die Gradiva in diesem Hause wohne, auf andere
Eindrcke, die er in diesem Hause empfngt, wird auf solche Weise
glubig fr die Reden des Wirtes, die Echtheit der Metallspange und die
Wahrheit der Anekdote von dem in Umarmung aufgefundenen Liebespaar, aber
nur auf dem Wege, da er das in diesem Hause Gehrte mit der Gradiva in
Beziehung bringt. Die in ihm bereitliegende Eifersucht bemchtigt sich
dieses Materials, und es entsteht, selbst im Widerspruch mit seinem
ersten Traum, der Wahn, da die Gradiva jenes in den Armen ihres
Liebhabers verstorbene Mdchen war, und da ihr jene von ihm erworbene
Spange gehrt hat.

Wir werden aufmerksam darauf, da das Gesprch mit der Gradiva und ihre
leise Werbung durch die Blume bereits wichtige Vernderungen bei
Hanold hervorgerufen haben. Zge von mnnlicher Begehrlichkeit,
Komponenten der Libido, sind bei ihm erwacht, die allerdings der
Verhllung durch bewute Vorwnde noch nicht entbehren knnen. Aber das
Problem der leiblichen Beschaffenheit der Gradiva, das ihn diesen
ganzen Tag ber verfolgt, kann doch seine Abstammung von der erotischen
Wibegierde des Jnglings nach dem Krper des Weibes nicht verleugnen,
auch wenn es durch die bewute Betonung des eigentmlichen Schwebens der
Gradiva zwischen Tod und Leben ins Wissenschaftliche gezogen werden
soll. Die Eifersucht ist ein weiteres Zeichen der erwachenden Aktivitt
Hanolds in der Liebe; er uert diese Eifersucht zu Eingang der
Unterredung am nchsten Tage und setzt es dann mit Hilfe eines neuen
Vorwandes durch, den Krper des Mdchens zu berhren und sie, wie in
lngst vergangenen Zeiten, zu schlagen.

Nun aber ist es Zeit, uns zu fragen, ob denn der Weg der Wahnbildung,
den wir aus der Darstellung des Dichters erschlossen haben, ein sonst
bekannter oder ein berhaupt mglicher sei. Aus unserer rztlichen
Kenntnis knnen wir nur die Antwort geben, es sei gewi der richtige
Weg, vielleicht der einzige, auf dem berhaupt der Wahn zu der
unerschtterlichen Anerkennung gelangt, die zu seinen klinischen
Charakteren gehrt. Wenn der Kranke so fest an seinen Wahn glaubt, so
geschieht dies nicht durch eine Verkehrung seines Urteilsvermgens, und
rhrt nicht von dem her, was am Wahne irrig ist. Sondern in jedem Wahn
steckt auch ein Krnchen Wahrheit, es ist etwas an ihm, was wirklich den
Glauben verdient, und dieses ist die Quelle der also so weit
berechtigten berzeugung des Kranken. Aber dieses Wahre war lange Zeit
verdrngt; wenn es ihm endlich gelingt, diesmal in entstellter Form zum
Bewutsein durchzudringen, so ist das ihm anhaftende berzeugungsgefhl
wie zur Entschdigung berstark, haftet nun am Entstellungsersatz des
verdrngten Wahren und schtzt denselben gegen jede kritische
Anfechtung. Die berzeugung verschiebt sich gleichsam von dem unbewuten
Wahren auf das mit ihm verknpfte, bewute Irrige, und bleibt gerade
infolge dieser Verschiebung dort fixiert. Der Fall von Wahnbildung, der
sich aus Hanolds erstem Traum ergab, ist nichts als ein hnliches, wenn
auch nicht identisches Beispiel einer solchen Verschiebung. Ja, die
geschilderte Entstehungsweise der berzeugung beim Wahne ist nicht
einmal grundstzlich von der Art verschieden, wie sich berzeugung in
normalen Fllen bildet, wo die Verdrngung nicht im Spiele ist. Wir alle
heften unsere berzeugung an Denkinhalte, in denen Wahres mit Falschem
vereint ist, und lassen sie vom ersteren aus sich ber das letztere
erstrecken. Sie diffundiert gleichsam von dem Wahren her ber das
assoziierte Falsche und schtzt dieses, wenn auch nicht so unabnderlich
wie beim Wahn, gegen die verdiente Kritik. Beziehungen, Protektion
gleichsam, knnen auch in der Normalpsychologie den eigenen Wert
ersetzen.--

Ich will nun zum Traum zurckkehren und einen kleinen, aber nicht
uninteressanten Zug hervorheben, der zwischen zwei Anlssen des Traumes
eine Verbindung herstellt. Die Gradiva hatte die weie Asphodelosblte
in einen gewissen Gegensatz zur roten Rose gebracht; das Wiederfinden
des Asphodelos am Fenster des Albergo del Sole wird zu einem wichtigen
Beweisstck fr die unbewute Einsicht Hanolds, die sich im neuen Wahn
ausdrckt, und dem reiht sich an, da die rote Rose am Kleid des
sympathischen jungen Mdchens Hanold im Unbewuten zur richtigen
Wrdigung ihres Verhltnisses zu ihrem Begleiter verhilft, so da er sie
im Traum als Kollegin auftreten lassen kann.

Wo findet sich nun aber im manifesten Trauminhalt die Spur und
Vertretung jener Entdeckung Hanolds, welche wir durch den neuen Wahn
ersetzt fanden, der Entdeckung, da die Gradiva mit ihrem Vater in dem
dritten versteckten Gasthof Pompejis, im Albergo del Sole wohne? Nun, es
steht ganz und nicht einmal sehr entstellt im Traume drin; ich scheue
mich nur darauf hinzuweisen, denn ich wei, selbst bei den Lesern, deren
Geduld so weit bei mir ausgehalten hat, wird sich nun ein starkes
Struben gegen meine Deutungsversuche regen. Die Entdeckung Hanolds ist
im Trauminhalt, wiederhole ich, voll mitgeteilt, aber so geschickt
versteckt, da man sie notwendig bersehen mu. Sie ist dort hinter
einem Spiel mit Worten, einer Zweideutigkeit geborgen. Irgendwo in der
Sonne sitzt die Gradiva, das haben wir mit Recht auf die rtlichkeit
bezogen, an welcher Hanold den Zoologen, ihren Vater, traf. Aber soll es
nicht auch heien knnen: in der Sonne, d.i. im Albergo del Sole, im
Gasthaus zur Sonne wohnt die Gradiva? Und klingt das Irgendwo, welches
auf die Begegnung mit dem Vater keinen Bezug hat, nicht gerade darum so
heuchlerisch unbestimmt, weil es die bestimmte Auskunft ber den
Aufenthalt der Gradiva einleitet? Ich bin nach meiner sonstigen
Erfahrung in der Deutung realer Trume eines solchen Verstndnisses der
Zweideutigkeit ganz sicher, aber ich getraute mich wirklich nicht,
dieses Stckchen Deutungsarbeit meinen Lesern vorzulegen, wenn der
Dichter mir nicht hier seine mchtige Hilfe leihen wrde. Am nchsten
Tage legt er dem Mdchen beim Anblick der Metallspange das nmliche
Wortspiel in den Mund, welches wir fr die Deutung der Stelle im
Trauminhalt annehmen. Hast du sie vielleicht in der _Sonne_ gefunden,
die macht hier solche Kunststcke. Und da Hanold diese Rede nicht
versteht, erlutert sie, sie meine den Gasthof zur _Sonne_, die sie hier
Sole heien, von woher auch ihr das angebliche Fundstck bekannt ist.

Und nun mchten wir den Versuch wagen, den merkwrdig unsinnigen Traum
Hanolds durch die hinter ihm verborgenen, ihm mglichst unhnlichen,
unbewuten Gedanken zu ersetzen. Etwa so: Sie wohnt ja in der Sonne mit
ihrem Vater, warum spielt sie solches Spiel mit mir? Will sie ihren
Spott mit mir treiben? Oder sollte es mglich sein, da sie mich liebt
und mich zum Manne nehmen will? -- Auf diese letztere Mglichkeit
erfolgt wohl noch im Schlaf die abweisende Antwort: das sei ja die
reinste Verrcktheit, die sich scheinbar gegen den ganzen manifesten
Traum richtet.

Kritische Leser haben nun das Recht, nach der Herkunft jener bisher
nicht begrndeten Einschaltung zu fragen, die sich auf das
Verspottetwerden durch die Gradiva bezieht. Darauf gibt die
Traumdeutung die Antwort, wenn in den Traumgedanken Spott, Hohn,
erbitterter Widerspruch vorkommt, so wird dies durch die unsinnige
Gestaltung des manifesten Traumes, durch die Absurditt im Traume
ausgedrckt. Letztere bedeutet also kein Erlahmen der psychischen
Ttigkeit, sondern ist eines der Darstellungsmittel, deren sich die
Traumarbeit bedient. Wie immer an besonders schwierigen Stellen kommt
uns auch hier der Dichter zu Hilfe. Der unsinnige Traum hat noch ein
kurzes Nachspiel, in dem ein Vogel einen lachenden Ruf ausstt und die
Lacerte im Schnabel davontrgt. Einen solchen lachenden Ruf hatte Hanold
aber nach dem Verschwinden der Gradiva gehrt. Er kam wirklich von der
Zo her, die den dsteren Ernst ihrer Unterweltsrolle mit diesem Lachen
von sich abschttelte. Die Gradiva hatte ihn wirklich ausgelacht. Das
Traumbild aber, wie der Vogel die Lacerte davontrgt, mag an jenes
andere in einem frheren Traum erinnern, in dem der Apoll von Belvedere
die kapitolinische Venus davontrug.

Vielleicht besteht noch bei manchem Leser der Eindruck, da die
bersetzung der Situation des Eidechsenfanges durch die Idee der
Liebeswerbung nicht gengend gesichert sei. Da mag denn der Hinweis zur
Untersttzung dienen, da Zo in dem Gesprch mit der Kollegin das
nmliche von sich bekennt, was Hanolds Gedanken von ihr vermuten, indem
sie mitteilt, sie sei sicher gewesen, sich in Pompeji etwas
Interessantes auszugraben. Sie greift dabei in den archologischen
Vorstellungskreis, wie er mit seinem Gleichnis vom Eidechsenfang in den
zoologischen, als ob sie einander entgegenstreben wrden und jeder die
Eigenart des anderen annehmen wollte.

So htten wir die Deutung auch dieses zweiten Traumes erledigt. Beide
sind unserem Verstndnis zugnglich geworden unter der Voraussetzung,
da der Trumer in seinem unbewuten Denken all das wei, was er im
bewuten vergessen hat, all das dort richtig beurteilt, was er hier
wahnhaft verkennt. Dabei haben wir freilich manche Behauptung aufstellen
mssen, die dem Leser, weil fremd, auch befremdlich klang, und
wahrscheinlich oft den Verdacht erweckt, da wir fr den Sinn des
Dichters ausgeben, was nur unser eigener Sinn ist. Wir sind alles zu tun
bereit, um diesen Verdacht zu zerstreuen, und wollen darum einen der
heikelsten Punkte -- ich meine die Verwendung zweideutiger Worte und
Reden wie im Beispiele: Irgendwo in der _Sonne_ sitzt die Gradiva --
gern ausfhrlicher in Betrachtung ziehen.

Es mu jedem Leser der Gradiva auffallen, wie hufig der Dichter
seinen beiden Hauptpersonen Reden in den Mund legt, die zweierlei Sinn
ergeben. Bei Hanold sind diese Reden eindeutig gemeint, und nur seine
Partnerin, die Gradiva, wird von deren anderem Sinn ergriffen. So, wenn
er nach ihrer ersten Antwort ausruft: Ich wute es, so klnge deine
Stimme, und die noch unaufgeklrte Zo fragen mu, wie das mglich sei,
da er sie noch nicht sprechen gehrt habe. In der zweiten Unterredung
wird das Mdchen fr einen Augenblick an seinem Wahne irre, da er
versichert, er habe sie sofort erkannt. Sie mu diese Worte in dem Sinne
verstehen, der fr sein Unbewutes richtig ist als Anerkennung ihrer in
die Kindheit zurckreichenden Bekanntschaft, whrend er natrlich von
dieser Tragweite seiner Rede nichts wei und sie auch nur durch
Beziehung auf den ihn beherrschenden Wahn erlutert. Die Reden des
Mdchens hingegen, in deren Person die hellste Geistesklarheit dem Wahn
entgegengestellt wird, sind mit Absicht zweideutig gehalten. Der eine
Sinn derselben schmiegt sich dem Wahne Hanolds an, um in sein bewutes
Verstndnis dringen zu knnen, der andere erhebt sich ber den Wahn und
gibt uns in der Regel die bersetzung desselben in die von ihm
vertretene unbewute Wahrheit. Es ist ein Triumph des Witzes, den Wahn
und die Wahrheit in der nmlichen Ausdrucksform darstellen zu knnen.

Durchsetzt von solchen Zweideutigkeiten ist die Rede der Zo, in welcher
sie der Freundin die Situation aufklrt und sich gleichzeitig von ihrer
strenden Gesellschaft befreit; sie ist eigentlich aus dem Buche
herausgesprochen, mehr fr uns Leser als fr die glckliche Kollegin
berechnet. In den Gesprchen mit Hanold ist der Doppelsinn meist dadurch
hergestellt, da Zo sich der Symbolik bedient, welche wir im ersten
Traume Hanolds befolgt fanden, der Gleichstellung von Verdrngung und
Verschttung, Pompeji und Kindheit. So kann sie mit ihren Reden
einerseits in der Rolle verbleiben, die ihr der Wahn Hanolds anweist,
anderseits an die wirklichen Verhltnisse rhren und im Unbewuten
Hanolds das Verstndnis fr dieselben wecken.

Ich habe mich schon lange daran gewhnt, tot zu sein. (G. p.90.) --
Fr mich ist die Blume der Vergessenheit aus deiner Hand die richtige.
(G. p.90.) In diesen Reden _meldet_ sich leise der Vorwurf, der dann in
ihrer letzten Strafpredigt deutlich genug hervorbricht, wo sie ihn mit
dem Archopteryx vergleicht. Da jemand erst sterben mu, um lebendig
zu werden. Aber fr die Archologen ist das wohl notwendig (G. p.141),
sagt sie noch nachtrglich nach der Lsung des Wahnes, wie um den
Schlssel zu ihren zweideutigen Reden zu geben. Die schnste Anwendung
ihrer Symbolik gelingt ihr aber in der Frage: (G. p.118) Mir ist's,
als htten wir schon vor zweitausend Jahren einmal so zusammen unser
Brot gegessen. Kannst du dich nicht darauf besinnen?, in welcher Rede
die Ersetzung der Kindheit durch die historische Vorzeit und das
Bemhen, die Erinnerung an die erstere zu erwecken, ganz unverkennbar
sind.

Woher nun diese auffllige Bevorzugung der zweideutigen Reden in der
Gradiva? Sie erscheint uns nicht als Zuflligkeit, sondern als
notwendige Abfolge aus den Voraussetzungen der Erzhlung. Sie ist nichts
anderes als das Seitenstck zur zweifachen Determinierung der Symptome,
insofern die Reden selbst Symptome sind und wie diese aus Kompromissen
zwischen Bewutem und Unbewutem hervorgehen. Nur da man den Reden
diesen doppelten Ursprung leichter anmerkt als etwa den Handlungen, und
wenn es gelingt, was die Schmiegsamkeit des Materials der Rede oftmals
ermglicht, in der nmlichen Fgung von Worten jedem der beiden
Redeabsichten guten Ausdruck zu verschaffen, dann liegt das vor, was wir
eine Zweideutigkeit heien.

Whrend der psychotherapeutischen Behandlung eines Wahnes oder einer
analogen Strung entwickelt man hufig solche zweideutige Reden beim
Kranken, als neue Symptome von flchtigstem Bestand, und kann auch
selbst in die Lage kommen, sich ihrer zu bedienen, wobei man mit dem fr
das Bewutsein des Kranken bestimmten Sinn nicht selten das Verstndnis
fr den im Unbewuten giltigen anregt. Ich wei aus Erfahrung, da diese
Rolle der Zweideutigkeit bei den Uneingeweihten den grten Ansto zu
erregen und die grbsten Miverstndnisse zu verursachen pflegt, aber
der Dichter hatte jedenfalls recht, auch diesen charakteristischen Zug
der Vorgnge bei der Traum- und Wahnbildung in seiner Schpfung zur
Darstellung zu bringen.




IV.


Mit dem Auftreten der Zo als Arzt erwache bei uns, sagten wir bereits,
ein neues Interesse. Wir wrden gespannt sein zu erfahren, ob eine
solche Heilung, wie sie von ihr an Hanold vollzogen wird, begreiflich
oder berhaupt mglich ist, ob der Dichter die Bedingungen fr das
Schwinden eines Wahnes ebenso richtig erschaut hat wie die seiner
Entstehung.

Ohne Zweifel wird uns hier eine Anschauung entgegentreten, die dem vom
Dichter geschilderten Falle solches prinzipielle Interesse abspricht und
kein der Aufklrung bedrftiges Problem anerkennt. Dem Hanold bleibe
nichts anderes brig, als seinen Wahn wieder aufzulsen, nachdem das
Objekt desselben, die vermeintliche Gradiva selbst, ihn der
Unrichtigkeit all seiner Aufstellungen berfhre und ihm die
natrlichsten Erklrungen fr alles Rtselhafte, z.B. woher sie seinen
Namen wisse, gebe. Damit wre die Angelegenheit logisch erledigt; da
aber das Mdchen ihm in diesem Zusammenhange ihre Liebe gestanden, lasse
der Dichter, gewi zur Befriedigung seiner Leserinnen, die sonst nicht
uninteressante Erzhlung mit dem gewhnlichen glcklichen Schlu, der
Heirat, enden. Konsequenter und ebenso mglich wre der andere Schlu
gewesen, da der junge Gelehrte nach der Aufklrung seines Irrtums mit
hflichem Danke von der jungen Dame Abschied nehme und die Ablehnung
ihrer Liebe damit motiviere, da er zwar fr antike Frauen aus Bronze
oder Stein und deren Urbilder, wenn sie dem Verkehr erreichbar wren,
ein intensives Interesse aufbringen knne, mit einem zeitgenssischen
Mdchen aus Fleisch und Bein aber nichts anzufangen wisse. Das
archologische Phantasiestck sei eben vom Dichter recht willkrlich mit
einer Liebesgeschichte zusammengekittet worden.

Indem wir diese Auffassung als unmglich abweisen, werden wir erst
aufmerksam gemacht, da wir die an Hanold eintretende Vernderung nicht
nur in den Verzicht auf den Wahn zu verlegen haben. Gleichzeitig, ja
noch vor der Auflsung des letzteren, ist das Erwachen des
Liebesbedrfnisses bei ihm unverkennbar, das dann wie selbstverstndlich
in die Werbung um das Mdchen ausluft, welches ihn von seinem Wahn
befreit hat. Wir haben bereits hervorgehoben, unter welchen Vorwnden
und Einkleidungen die Neugierde nach ihrer leiblichen Beschaffenheit,
die Eifersucht und der brutale mnnliche Bemchtigungstrieb sich bei ihm
mitten im Wahne uern, seitdem die verdrngte Liebessehnsucht ihm den
ersten Traum eingegeben hat. Nehmen wir als weiteres Zeugnis hinzu, da
am Abend nach der zweiten Unterredung mit der Gradiva ihm zuerst ein
lebendes weibliches Wesen sympathisch erscheint, obwohl er noch seinem
frheren Abscheu vor Hochzeitsreisenden die Konzession macht, die
Sympathische nicht als Neuvermhlte zu erkennen. Am nchsten Vormittag
aber macht ihn ein Zufall zum Zeugen des Austausches von Zrtlichkeiten
zwischen diesem Mdchen und seinem vermeintlichen Bruder, und da zieht
er sich scheu zurck, als htte er eine heilige Handlung gestrt. Der
Hohn auf August und Grete ist vergessen, der Respekt vor dem
Liebesleben bei ihm hergestellt.

So hat der Dichter die Lsung des Wahnes und das Hervorbrechen des
Liebesbedrfnisses innigst miteinander verknpft, den Ausgang in eine
Liebeswerbung als notwendig vorbereitet. Er kennt das Wesen des Wahnes
eben besser als seine Kritiker, er wei, da eine Komponente von
verliebter Sehnsucht mit einer Komponente des Strubens zur Entstehung
des Wahnes zusammengetreten sind, und er lt das Mdchen, welches die
Heilung unternimmt, die ihr genehme Komponente im Wahne Hanolds
herausfhlen. Nur diese Einsicht kann sie bestimmen, sich seiner
Behandlung zu widmen, nur die Sicherheit, sich von ihm geliebt zu
wissen, sie bewegen, ihm ihre Liebe zu gestehen. Die Behandlung besteht
darin, ihm die verdrngten Erinnerungen, die er von innen her nicht
freimachen kann, von auen her wiederzugeben; sie wrde aber keine
Wirkung uern, wenn die Therapeutin dabei nicht auf die Gefhle
Rcksicht nehmen, und die bersetzung des Wahnes nicht schlielich
lauten wrde: Sieh', das bedeutet doch alles nur, da du mich liebst.

Das Verfahren, welches der Dichter seine Zo zur Heilung des Wahnes bei
ihrem Jugendfreunde einschlagen lt, zeigt eine weitgehende
hnlichkeit, nein, eine volle bereinstimmung im Wesen, mit einer
therapeutischen Methode, welche Dr. _J. Breuer_ und der Verfasser im
Jahre 1895 in die Medizin eingefhrt haben, und deren Vervollkommnung
sich der letztere seitdem gewidmet hat. Diese Behandlungsweise, von
_Breuer_ zuerst die kathartische genannt, vom Verfasser mit Vorliebe
als analytische bezeichnet, besteht darin, da man bei den Kranken,
die an analogen Strungen wie der Wahn Hanolds leiden, das Unbewute,
unter dessen Verdrngung sie erkrankt sind, gewissermaen gewaltsam zum
Bewutsein bringt, ganz so wie es die Gradiva mit den verdrngten
Erinnerungen an ihre Kinderbeziehungen tut. Freilich, die Gradiva hat
die Erfllung dieser Aufgabe leichter als der Arzt, sie befindet sich
dabei in einer nach mehreren Richtungen ideal zu nennenden Position. Der
Arzt, der seinen Kranken nicht von vornherein durchschaut und nicht als
bewute Erinnerung in sich trgt, was in jenem unbewut arbeitet, mu
eine komplizierte Technik zu Hilfe nehmen, um diesen Nachteil
auszugleichen. Er mu es lernen, aus den bewuten Einfllen und
Mitteilungen des Kranken mit groer Sicherheit auf das Verdrngte in ihm
zu schlieen, das Unbewute zu erraten, wo es sich hinter den bewuten
uerungen und Handlungen des Kranken verrt. Er bringt dann hnliches
zu stande, wie es Norbert Hanold am Ende der Erzhlung selbst versteht,
indem er sich den Namen Gradiva in Bertgang rckbersetzt. Die
Strung schwindet dann, whrend sie auf ihren Ursprung zurckgefhrt
wird; die Analyse bringt auch gleichzeitig die Heilung.

Die hnlichkeit zwischen dem Verfahren der Gradiva und der analytischen
Methode der Psychotherapie beschrnkt sich aber nicht auf diese beiden
Punkte, das Bewutmachen des Verdrngten und das Zusammenfallen von
Aufklrung und Heilung. Sie erstreckt sich auch auf das, was sich als
das Wesentliche der ganzen Vernderung herausstellt, auf die Erweckung
der Gefhle. Jede dem Wahne Hanolds analoge Strung, die wir in der
Wissenschaft als Psychoneurose zu bezeichnen gewohnt sind, hat die
Verdrngung eines Stckes des Trieblebens, sagen wir getrost des
Sexualtriebes, zur Voraussetzung, und bei jedem Versuch, die unbewute
und verdrngte Krankheitsursache ins Bewutsein einzufhren, erwacht
notwendig die betreffende Triebkomponente zu erneutem Kampf mit den sie
verdrngenden Mchten, um sich mit ihnen oft unter heftigen
Reaktionserscheinungen zum endlichen Ausgang abzugleichen. In einem
Liebesrezidiv vollzieht sich der Proze der Genesung, wenn wir alle die
mannigfaltigen Komponenten des Sexualtriebes als Liebe zusammenfassen,
und dies Rezidiv ist unerllich, denn die Symptome, wegen deren die
Behandlung unternommen wurde, sind nichts anderes als Niederschlge
frherer Verdrngungs- oder Wiederkehrkmpfe und knnen nur von einer
neuen Hochflut der nmlichen Leidenschaften gelst und weggeschwemmt
werden. Jede psychoanalytische Behandlung ist ein Versuch, verdrngte
Liebe zu befreien, die in einem Symptom einen kmmerlichen
Kompromiausweg gefunden hatte. Ja, die bereinstimmung mit dem vom
Dichter geschilderten Heilungsvorgang in der Gradiva erreicht ihre
Hhe, wenn wir hinzufgen, da auch in der analytischen Psychotherapie
die wiedergeweckte Leidenschaft, sei sie Liebe oder Ha, jedesmal die
Person des Arztes zu ihrem Objekte whlt.

Dann setzen freilich die Unterschiede ein, welche den Fall der Gradiva
zum Idealfall machen, den die rztliche Technik nicht erreichen kann.
Die Gradiva kann die aus dem Unbewuten zum Bewutsein durchdringende
Liebe erwidern, der Arzt kann es nicht; die Gradiva ist selbst das
Objekt der frheren, verdrngten Liebe gewesen, ihre Person bietet der
befreiten Liebesstrebung sofort ein begehrenswertes Ziel. Der Arzt ist
ein Fremder gewesen und mu trachten, nach der Heilung wieder ein
Fremder zu werden; er wei den Geheilten oft nicht zu raten, wie sie
ihre wiedergewonnene Liebesfhigkeit im Leben verwenden knnen. Mit
welchen Auskunftsmitteln und Surrogaten sich dann der Arzt behilft, um
sich dem Vorbild einer Liebesheilung, das uns der Dichter gezeichnet,
mit mehr oder weniger Erfolg zu nhern, das anzudeuten, wrde uns viel
zu weit weg von der uns vorliegenden Aufgabe fhren.--

Nun aber die letzte Frage, deren Beantwortung wir bereits einigemal aus
dem Wege gegangen sind. Unsere Anschauungen ber die Verdrngung, die
Entstehung eines Wahnes und verwandter Strungen, die Bildung und
Auflsung von Trumen, die Rolle des Liebeslebens und die Art der
Heilung bei solchen Strungen sind ja keineswegs Gemeingut der
Wissenschaft, geschweige denn bequemer Besitz der Gebildeten zu nennen.
Ist die Einsicht, welche den Dichter befhigt, sein Phantasiestck so
zu schaffen, da wir es wie eine reale Krankengeschichte zergliedern
knnen, von der Art einer Kenntnis, so wren wir begierig, die Quellen
dieser Kenntnis kennen zu lernen. Einer aus dem Kreise, der, wie
eingangs ausgefhrt, an den Trumen in der Gradiva und deren mglichen
Deutung Interesse nahm, wandte sich an den Dichter mit der direkten
Anfrage, ob ihm von den so hnlichen Theorien in der Wissenschaft etwas
bekannt worden sei. Der Dichter antwortete, wie vorauszusehen war,
verneinend und sogar etwas unwirsch. Seine Phantasie habe ihm die
Gradiva eingegeben, an der er seine Freude gehabt habe; wem sie nicht
gefalle, der mge sie eben stehen lassen. Er ahnte nicht, wie sehr sie
den Lesern gefallen hatte.

Es ist sehr leicht mglich, da die Ablehnung des Dichters nicht dabei
Halt macht. Vielleicht stellt er berhaupt die Kenntnis der Regeln in
Abrede, deren Befolgung wir bei ihm nachgewiesen haben, und verleugnet
alle die Absichten, die wir in seiner Schpfung erkannt haben. Ich halte
dies nicht fr unwahrscheinlich; dann aber sind nur zwei Flle mglich.
Entweder wir haben ein rechtes Zerrbild der Interpretation geliefert,
indem wir in ein harmloses Kunstwerk Tendenzen verlegt haben, von denen
dessen Schpfer keine Ahnung hatte, und haben damit wieder einmal
bewiesen, wie leicht es ist, das zu finden, was man sucht, und wovon man
selbst erfllt ist, eine Mglichkeit, fr die in der Literaturgeschichte
die seltsamsten Beispiele verzeichnet sind. Mag nun jeder Leser selbst
mit sich einig werden, ob er sich dieser Aufklrung anzuschlieen
vermag; wir halten natrlich an der anderen, noch erbrigenden
Auffassung fest. Wir meinen, da der Dichter von solchen Regeln und
Absichten nichts zu wissen brauche, so da er sie in gutem Glauben
verleugnen knne, und da wir doch in seiner Dichtung nichts gefunden
haben, was nicht in ihr enthalten ist. Wir schpfen wahrscheinlich aus
der gleichen Quelle, bearbeiten das nmliche Objekt, ein jeder von uns
mit einer anderen Methode, und die bereinstimmung im Ergebnis scheint
dafr zu brgen, da beide richtig gearbeitet haben. Unser Verfahren
besteht in der bewuten Beobachtung der abnormen seelischen Vorgnge bei
Anderen, um deren Gesetze erraten und aussprechen zu knnen. Der Dichter
geht wohl anders vor; er richtet seine Aufmerksamkeit auf das Unbewute
in seiner eigenen Seele, lauscht den Entwicklungsmglichkeiten desselben
und gestattet ihnen den knstlerischen Ausdruck, anstatt sie mit
bewuter Kritik zu unterdrcken. So erfhrt er aus sich, was wir bei
Anderen erlernen, welchen Gesetzen die Bettigung dieses Unbewuten
folgen mu, aber er braucht diese Gesetze nicht auszusprechen, nicht
einmal sie klar zu erkennen, sie sind infolge der Duldung seiner
Intelligenz in seinen Schpfungen verkrpert enthalten. Wir entwickeln
diese Gesetze durch Analyse aus seinen Dichtungen, wie wir sie aus den
Fllen realer Erkrankung herausfinden, aber der Schlu scheint
unabweisbar, entweder haben beide, der Dichter wie der Arzt, das
Unbewute in gleicher Weise miverstanden, oder wir haben es beide
richtig verstanden. Dieser Schlu ist uns sehr wertvoll; um seinetwegen
war es uns der Mhe wert, die Darstellung der Wahnbildung und
Wahnheilung sowie die Trume in _Jensens_ Gradiva mit den Methoden der
rztlichen Psychoanalyse zu untersuchen.--

Wir wren am Ende angelangt. Ein aufmerksamer Leser knnte uns noch
mahnen, wir htten eingangs hingeworfen, Trume seien als erfllt
dargestellte Wnsche, und wren dann den Beweis dafr schuldig
geblieben. Nun, wir erwidern, unsere Ausfhrungen knnten wohl zeigen,
wie ungerechtfertigt es wre, die Aufklrungen, die wir ber den Traum
zu geben haben, mit der einen Formel, der Traum sei eine
Wunscherfllung, decken zu wollen. Aber die Behauptung besteht und ist
auch fr die Trume in der Gradiva leicht zu erweisen. Die latenten
Traumgedanken -- wir wissen jetzt, was darunter gemeint ist -- knnen
von der mannigfaltigsten Art sein; in der Gradiva sind es Tagesreste,
Gedanken, die ungehrt und unerledigt vom seelischen Treiben des Wachens
brig gelassen sind. Damit aber aus ihnen ein Traum entstehe, wird die
Mitwirkung eines -- meist unbewuten -- Wunsches erfordert; dieser
stellt die Triebkraft fr die Traumbildung her, die Tagesreste geben das
Material dazu. Im ersten Traume Norbert Hanolds konkurrieren zwei
Wnsche miteinander, um den Traum zu schaffen, der eine selbst ein
bewutseinsfhiger, der andere freilich dem Unbewuten angehrig und aus
der Verdrngung wirksam. Der erste wre der bei jedem Archologen
begreifliche Wunsch, Augenzeuge jener Katastrophe des Jahres 79 gewesen
zu sein. Welches Opfer wre einem Altertumsforscher wohl zu gro, wenn
dieser Wunsch noch anders als auf dem Wege des Traumes zu verwirklichen
wre! Der andere Wunsch und Traumbildner ist erotischer Natur; dabei zu
sein, wenn die Geliebte sich zum Schlafen hinlegt, knnte man ihn in
grober oder auch unvollkommener Fassung aussprechen. Er ist es, dessen
Ablehnung den Traum zum Angsttraum werden lt. Minder augenfllig sind
vielleicht die treibenden Wnsche des zweiten Traumes, aber wenn wir uns
an dessen bersetzung erinnern, werden wir nicht zgern, sie gleichfalls
als erotische anzusprechen. Der Wunsch, von der Geliebten gefangen
genommen zu werden, sich ihr zu fgen und zu unterwerfen, wie er hinter
der Situation des Eidechsenfanges konstruiert werden darf, hat
eigentlich passiven, masochistischen Charakter. Am nchsten Tage schlgt
der Trumer die Geliebte, wie unter der Herrschaft der gegenstzlichen
erotischen Strmung. Aber wir mssen hier innehalten, sonst vergessen
wir vielleicht wirklich, da Hanold und die Gradiva nur Geschpfe des
Dichters sind.




Anzeige.


Die =Schriften zur angewandten Seelenkunde=, deren erstes Heft hiemit
vor die ffentlichkeit tritt, wenden sich an jenen weiteren Kreis von
Gebildeten, die, ohne gerade Philosophen oder Mediziner zu sein, doch
die Wissenschaft vom Seelischen des Menschen nach ihrer Bedeutung fr
das Verstndnis und die Vertiefung unseres Lebens zu wrdigen wissen.
Die Abhandlungen werden in zwangloser Folge erscheinen und jedesmal eine
einzige Arbeit bringen, welche die Anwendung psychologischer
Erkenntnisse auf Themata der Kunst und Literatur, Kultur- und
Religionsgeschichte und analoger Gebiete unternimmt. Diese Arbeiten
werden bald den Charakter einer exakten Untersuchung, bald den einer
spekulativen Bemhung an sich tragen, das eine Mal ein greres Problem
zu umfassen, das andere Mal ein beschrnkteres zu durchdringen
versuchen; in allen Fllen aber werden sie von der Natur originaler
Leistungen sein und es vermeiden, bloen Referaten oder Kompilationen zu
gleichen.

Der Herausgeber fhlt sich verpflichtet, fr die Originalitt und die
allgemeine Wrdigkeit der in dieser Sammlung erscheinenden Aufstze
einzustehen. Im brigen will er weder die Unabhngigkeit seiner
Beitrger antasten, noch fr die uerungen derselben verantwortlich
gemacht werden. Da die ersten Nummern der Sammlung besondere Rcksicht
auf die von ihm selbst in der Wissenschaft vertretenen Lehren nehmen,
soll fr die Auffassung des Unternehmens nicht bestimmend werden. Die
Sammlung steht vielmehr den Vertretern abweichender Meinungen offen und
hofft, der Mannigfaltigkeit von Gesichtspunkten und Prinzipien in der
heutigen Wissenschaft Ausdruck geben zu knnen.

    =Der Verlag.=
    =Der Herausgeber.=




  [ Im folgenden werden alle genderten Textzeilen angefhrt, wobei
    jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte Zeile
    steht.

  untergangen, dann vom Reliefbild und der Stellung des Fues, die den
  untergegangen, dann vom Reliefbild und der Stellung des Fues, die den

  die hier in der Villa des Diomdes ihren Tod gefunden hatten. Aber das
  die hier in der Villa des Diomedes ihren Tod gefunden hatten. Aber das

  Indentifizierung der beiden Personen einen einzigen konkreten Ausdruck
  Identifizierung der beiden Personen einen einzigen konkreten Ausdruck

  des Asphodels am Fenster des Albergo del Sole wird zu einem wichtigen
  des Asphodelos am Fenster des Albergo del Sole wird zu einem wichtigen

  Traumgedanken -- wir wissen jetzt, was darunter gemeint ist-- knnen
  Traumgedanken -- wir wissen jetzt, was darunter gemeint ist -- knnen

  ]






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Gradiva, by Sigmund Freud

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     and discontinue all use of and all access to other copies of
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1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
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both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
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or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


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editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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