Project Gutenberg's ber die Schnheit hlicher Bilder, by Max Brod

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Title: ber die Schnheit hlicher Bilder
       Ein Vademecum fr Romantiker unserer Zeit

Author: Max Brod

Release Date: August 11, 2011 [EBook #37033]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BER DIE SCHNHEIT HLICHER ***




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  Max Brod

  ber die Schnheit hlicher Bilder

  Ein Vademecum fr Romantiker unserer Zeit


  =Falstaff=: --denn die armseligen Mibruche
  der Zeit haben Aufmunterung ntig


  1913
  Kurt Wolff Verlag, Leipzig


  Copyright by Kurt Wolff Verlag, Leipzig 1913

  Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig




Inhalt


                                        Seite

  ber die Schnheit hlicher Bilder       5
  Gegen moderne Mbel                      13
  Der Frauen-Nichtkenner                   24
  Der allerletzte Brief                    29
  Zufllige Konzerte                       36
  Mein Tod                                 41
  Unter Kindern                            49
  Der Ordnungsliebende                     55
  Panorama                                 59
  Kinematographentheater                   68
  Notwendigkeit des Theaters               72
  Torquato Tasso                           76
  Bewegungen auf der Bhne                 83
  Die Liebe wacht                          87
  Louskcek                                90
  Knig Wenzel IV.                         92
  Weie Wnde                              99
  Untergang des Dramas                    101
  Ideen fr Ausstattungsstcke            104
  Illusion                                112
  Die Vorstadtbhne                       117
  Das Wunderkind                          129
  Im Chantant                             135
  Liane de Vris                          139
  Hhere Welten                           144
  Kommentar zu Robert Walser              158
  Verworrene Nebengedanken                167
  Meyerbeer                               173
  Gustav Mahlers III. Symphonie           178
  VI. Symphonie von Mahler                181
  Kleine Konzerte                         189
  Smetana                                 195
  Das Berlioz-Theater                     205




ber die Schnheit hlicher Bilder


  Ach, warum ist nicht alles operettenhaft.
  Laforgue.

Noch heute, wenn aus der bronzierten Netzflche einer Dampfheizung lauer
Hauch von ungefhr mich befllt (o Erinnerung, erfolgreiche
Schmutzkonkurrentin des Gegenwrtigen!) ... dann fllt mir jene
Kunstausstellung im Knstlerhaus zu Wien ein, die mich erzogen hat. Das
war reizend, damals. Schon unterwegs im rauhen Mrzwind der Straen, der
allen Damen lngs emprter Frisuren die Hte in die Hh' trieb (Balzac
wrde sagen: In diesem Wind, der fr Wien ebenso charakteristisch ist
wie usf.) ... schon unterwegs freute ich mich auf dieses Knstlerhaus,
das ich mir warm und nach seinem Namen als einen Versammlungsort
hochgemuter Knstlerrecken vorstellte, ja lauter solcher Tiziane, die
dort auf und ab gehn, patrizisch, und in Prunkwmsern ohne Farbflecke
mit Knigen Gesprche fhren. Doch ich war kaum enttuscht, als ich nur
Bilder vorfand, Bilder ohne Zahl, und an manchen Stellen der Wand
zwischen zwei Bildern diese braven Siebe der Zentralheizung, die
unversehens mit Garben tropischer Witterung berschtten. Ich blieb
immer zwischen den Bildern. Aber meine Gefhrtin war von knstlerischen
Entzckungen schon umzingelt, attackiert, berwltigt. Die Luft deutlich
gemalter Sonnenuntergnge atmete sie, wiewohl in dieser Luft
fettglnzende Wolken aus Himbeerlimonade hingen, mit Vergngen ein, sie
fuhr in sauber-wuchtige Fjordkulissen, wurde durch Charlie Stuarts
Hinrichtung erschttert zugleich und belehrt ... Aber das ist doch
lauter Kitsch! Wie kann Ihnen so etwas gefallen? rief ich
lcherlich-ernsthaft, indem ich meiner durch Wrmebedrfnis erklrbaren
Stellung ein satirisches Cachet zu geben bemht war. Sie sah mir
gekrnkt zu und ging in den nchsten Saal. Ich folgte ... Auch hier
Korbsessel, Teppiche, Palmen, Oberlicht, und an den Wnden fhrten
Schutzengel mit aufgereckten Gnseflgeln kleine Mdchen ber Stege
unpraktischer Bauart, ein Lohengrin, dessen Bewegungen trotz seines
Silberpanzers wie unter geselligstem Frack sich zierten, kte sein
kokettes Elschen, nebenan sagten gesund und doch melancholisch
aussehende Handwerksburschen in vormrzlichen Kostmen ihrer aber schon
sehr poetischen Heimatstadt Ade, blondeste Backfische, rosarot, frisch
vom Konditor, hatten Noten und eine Lyra und einen auch im Schlafe
blassen Dichter, den sie amsant bekrnzten, auf Schneelandschaften
(wei, fraise, perlgrau) erschienen krchzende Raben durch das ein fr
allemal feststehende Zeichen zweier aneinander gefgter Beistriche
angedeutet, und das Exotische war vertreten durch Beduinen,
Schwerttnzerinnen, slowakische Bauern, Szenen aus Buchara, Zentauren im
Galopp, Fellahfrauen neben den bekannt schrgen Raen der Nilbarken. Ja,
dieser Orient, das ist doch noch was ... Indes mit mehr als meinem Tone
der Entrstung Und das gefllt dir nicht? fhrt mich meine Gefhrtin
vor die reizendste Zofe der Welt, die ihr Hndchen so geschickt hinter
eine Kerze zu halten wei, da die heraufsteigenden Lichtstrahlen
rotgelb ihr Gesicht schminken ... Und nun bin ich besiegt, nun gefllt
mir schon alles. Ich vergesse die Franzosen, den Fortschritt,
Meier-Graefe, die Verpflichtungen eines modernen Menschen. Schon
zurckgetaucht in Jahre unverantwortlicher Jugend, freue ich mich ber
die Zahnlosigkeit eines gutmtigen Mnches, der rechts-links umflochtene
Weinflaschen an sich pret, wie einfach-menschlich; und bin verblfft
von glattlasierten Schlachten, den sorgfltig-blutigen Kopftchern der
Verwundeten, den sauberen Reitersbeln. Und Rast im Manver heit es,
wenn auf Tornister gepackte Blechgefe grau dem grauen Straenstaub
entgegenblitzen. Und deutlich strichliertes Schilf wchst vor dem
Gewitter aus zinnweien Reflexen eines Sumpfspiegels. Am Klavier wird
Abschied genommen, fr ewig vielleicht. Rosen lsen sich welkend aus
Wasserglsern. Khe ruhen im Grnen. Mi nur, kleines Mderl, wer hher
ist, du oder euer Barry...

Seit damals liebe ich die Behaglichkeit, die bewutlose Grazie
schlechter Bilder, diese Ironie, die von sich selbst nichts wei, diese
Eleganz der unbeabsichtigten Effekte. Wie rmlich stellen sich serise
Bilder daneben dar, die den Geist des Beschauers in eine einzige, vom
Knstler eben gewollte Richtung drngen. Sie sind so eindeutig, so
vollkommen, so hlich ... die schnen Bilder. Aber Wonnen eines
triebhaften Balletts, die unwillkrliche, unausschpfliche Natur selbst,
das Chaos und urzeitliche Zeremonien lese ich aus Annoncenklischees,
Reklamebildern, Briefmarken, Klebebogen, aus Kulissen fr Kindertheater,
Abziehbildern, Vignetten; mich entzckt die Romantik des Geschmacklosen.

Seit damals sind die Plakate an den Straenecken meine Gemldesammlungen.
Da steht und zeugt fr Laurin & Clement ein rotes Prachtautomobil,
bewohnt von Herr und Dame in totschicker Dre, steht vor
einer gelben Gebirgslandschaft aus aufgetrmten Rhreiern. Der Herr
scheint mit eleganter Handbewegung dieses seltene Naturschauspiel der
Dame zu prsentieren, die indes, ungerhrt von den Blicken aus seiner
imposanten Schutzbrille eines Tauchers, ihren Schleier mit spitzer Nase
zu zerstechen sucht ... Ein Chamberlain mit Monokel und
imperialistisch-frechen Mundwinkeln macht auf die Erffnung eines
Herrenkonfektionsgeschftes geziemend aufmerksam ... Nicht ganz so
glcklich fhrt sich Altvater Jgerndorf durch einen triefugigen
Greis, mit Federbarett und Grubenlampe jedoch, ein ... Werden wir dieser
arglos hochgeschrzten Galathea, dem witzreich verzeichneten Knaben
einer Variet-Affiche widerstehen?... Und nieder auf die Knie, die Knie
vor dem Portrt Zolas, vor seinem Stirnknittern, das dem Autor ernster
Bcher wohl ansteht, und das ein einsichtsvoller Plakatkleber durch
besonders runzliges Ankleben gerade dieses Plakates noch verstrkt hat
... Falls du immer noch die Wirkung dieser wahrhaft primitiven Kunst
anzweifelst, schwebt schon, nicht um zu strafen, nein, um sanft zu
berreden, ein Genius herbei, massiv, doch jungfrulich, in ein aus Bolero
und Chiffon kombiniertes Kleid gehllt und mit unbeteiligt-symmetrischen
Flgeln, whrend wilde Falten den unteren Gewandsaum wegblasen.
Er verkndigt Maifestspiele, schleudert in der Linken
einen Kranz nach vorn und, um sich im Gleichgewicht zu erhalten,
hat er den rechten Arm eingeknickt, wobei ihm freilich das Versehen
geschieht, die Posaune statt an den Mund ans Ohr zu setzen, so da sie
einem pompsen Hrrohr hnelt. Doch scheint dies kein unpassendes
Symbol, da er so vortrefflichen Opern, die er anzeigt, auch wohl selbst
zu lauschen Lust bekommt. Und unbekmmert um all dies jedenfalls dringt
er in die Photographie des Theatergebudes ein, trotz sichtlichen
Gegenwindes, und obwohl das Licht verwirrend genug ihn von links, das
Theater von rechts bestrahlt.

Glckselig darber, da nicht immer die Physik das letzte Wort behlt,
wende ich mich weiteren Kunstgenssen zu. Sie warten in allen Auslagen,
diese zauberhaften Offenbachiaden des Lebens, auf mich. Die Parfmerien
stehen im Farbenschmuck so schematischer Blumen, da man Kinder Floras
mit Lcheln sie zu nennen versucht ist ... Van Houtens Kakao ist schon
undenkbar ohne diese etwas nrdliche Dame, die im Eisenbahnkupee
vornehmer Klasse einer trostlosen Winterde den Rcken kehrt, um desto
neckischer ihr Lieblingstchen zu schlrfen, de smakelijkste, in't
Gebruk de vordeeligste. Klingt es nicht wie das phantastische Deutsch
eines ganz souvernen erstklassigen Schriftstellers? Lustig, lustig ...
In einem Seidengeschft ist die Wiener Mode aufgeschlagen. Was fr
seltsame, von mystischen Rhythmen beherrschte Gestalten, und die
Gesichter offen, klug, unschuldig, wie eben aus der Wiener Mode ...
Papierfirmen stellen Ansichtskarten aus, lustig, lustig, diese
verschneiten Kapellen im Walde, die photographierten Liebespaare im
Fortschritt der Situationen, harmlose Ostergre, als Hasen verkleidete
Kaninchen, operettenhafte Alpengletscher, Leid und Freud, Schusterbuben,
Villa Miramare, handkolorierte Unwahrscheinlichkeiten ... Und der
Delikatessenhndler nebenan. Wie drollig zieht das Baby seinen Karren
voll von Schokolade Suchard, wie abenteuerlich und unkontrollierbar wird
auf diesen Pckchen der Tee gepflckt. Von einer Weinflasche schwingt
ein Herrenreiter hflich uns den Zylinder entgegen, Spanierinnen
verfhren von Konservenbchsen herab, an Bonbonnieren treten wie in
einer Zauberposse Feen und Ritter auf, der Karlsbader Sprudel pltschert
auf jener Kolonne von Oblatenschachteln sechsfach dazu, manche
Schnapsfabrikanten ziehen Berglandschaften, andere den biederen Jger
vor, der die Pfeife auf den Holztisch stemmt, Herolde verknden den Ruhm
deutschen Schaumweins, whrend Biscuits Pernod mit ihren rothosigen
piou-pious Deutschland okkupieren.

Ich gehe heim, verlasse das populre Ausstattungsstck des Tglichen.
Doch auch noch zu Hause habe ich Unterhaltung genug, die Phantastik der
Zigarettenschachteln, die Etiketten auf Parfumflaschen, mrchenhafte
Vaudevilleszenen auf Briefkassetten und Wandkalendern, Diplome,
Reiseandenken...

Und gar die geliebte Mappe japanischer Holzschnitte .. Halt! Zurck!...
Japanische Holzschnitte sind doch anerkannt schn! Mir scheint, da habe
ich etwas sehr Blamables gesagt (gesagt ist Ziererei ... nein,
geschrieben) ... Doch die Grenze zu ziehen, das ist die Schwierigkeit
dieser an sich so einfachen Sache.

Und ich sehe schon, da die gesamte Menschheit nichts dringender bedarf
als mein neues System der sthetik, das ich gewissenhaft und mit fast
barbarischem Flei schon lange schreibe, jedoch an meinem fnfzigsten
Geburtstage erst, das ist am siebenundzwanzigsten Mai 1934,
herauszugeben felsenfest entschlossen bin. Indes bin ich schon vorher
fr Abordnungen der durch diesen Aufsatz besonders in Verwirrung
versetzten Erdstriche zu sprechen, tglich zwischen drei und vier. Um
diese Stunde sitze ich sehr behaglich zu Hause und spiele Karten mit
zwei gleichgesinnten Freunden. Ach die Feerie dieser Bildchen auf den
Karten bertrifft doch alles. Lockige Burschen mit mden,
trumerisch-verschauten Augen turnen, kreuzen ein Schwert und ein
stumpfes Rapier, trommeln, flten, tragen stolz ihre weien Halskrausen,
die gestickten Westen. Auf Rot-Zehn schaut ein Amor ins Publikum und
trifft dennoch seitlich das zinnoberrote Herz. Welches Lied spielst du,
Knabe, in merkwrdiger Tracht, deinem treuen Hunde vor? Gravittische
Knige, wrdevoll trotz der zu kurzen Beine, wo sind eure Untertanen,
eure chimrischen Lnder?... Dann legen wir den Skat weg. Und in den
Taroks mit ihren Sarazenen, Albanesen auf Vorposten, mit
Csardastnzerinnen, Liebespaaren in Fez und Jgerhut, jugendlichen
Eheleuten, die an der Schalmei sich ergtzen, mit Wahrsagerinnen und
edlen Rossen umgibt uns der Zauber der Levante, Lord Byrons, die
abenteuerliche Luft der Trkenkriege, vielleicht der Kreuzzge. Uns
belustigt der heraldische Aar, der wtend seine altertmliche Devise in
den Klauen hlt: Industrie und Glck. Wir zittern fr das Schicksal
der edlen Dame, die zgernd den Gondoliere nicht anblickt und doch so
gern entfhrt werden mchte...




Gegen moderne Mbel


Ich habe mich mit modernen Mbeln im Grunde ebensowenig ernstlich befat
wie mit den andern Dingen, ber die ich so schreibe. Ich gehe meines
Weges und denke eigentlich ber ganz andre Sachen nach, zuweilen aber
fllt mir hier und dort etwas wie zwischen zwinkernden Augenlidern auf,
und dann notiere ich es, mgen andre zusehen, wie sie damit fertig
werden. -- Dies alles soll nicht etwa ironisch aufgefat werden. Ich
glaube nmlich, da in mancher Beziehung die oberflchliche Meinung
wirklich besser ist als die fachmnnische. Wir improvisieren nicht ohne
Grund.

Gegen moderne Mbel nun trage ich seit langem eine merkwrdige Art von
Ha in mir, nicht gerade gierig, eher bersttigt ... nun, man wird
sehen. Ich will der Einteilung wegen bemerken, da ich moderne Mbel a)
aus Zeitschriften, b) aus Mbelausstellungen und c) aus bewohnten Rumen
kenne -- und habe somit den Schein der pedantischen Wissenschaft nicht
minder als den des Leichtsinns schon auf mich geladen. Sehe ich nun
diese Zeitschriften, deren Titel man sich durch beliebiges
Zusammensetzen der Worte Kunst, Kunsthandwerk, Innendekoration und
so weiter selbst bilden kann, so habe ich sofort die Zwangsvorstellung:
Das mu man berblttern. Als solche erkannt, veranlat mich nun diese
Zwangsvorstellung just zum bedchtigen Lesen und Bilderanschauen, da
haben wir das Malheur. Und obwohl ich dieses abwechslungslose Zeug
lngst schon kenne: stets wieder stehe ich vor Villen, denen
bermchtige Schindeldcher wie Hauben ber das Gesicht gerutscht sind,
wie Zylinderhte ber den kleinen Gernegro. Und wieder trete ich, vor
Langeweile meine Zunge mit den Zhnen zerpflckend, in diese Vorhallen
oder Dielen, wo dieselbe schamlos freistehende Treppe auf denselben
Kamin herabsieht ... Kurz, um es gleich hier zu sagen, wir sind einer
Konvention imitierter Renaissance entflohn, aber sofort in eine andre
Konvention geraten, die bedeutend unangenehmer ist, weil sie guter
Geschmack sein und bleiben will ... Hier einige Grundeinflle unsrer
Raumknstler, die sich zum berdru wiederholen: Die Wnde sind mit
spiegelnden Holzplatten belegt. Dazwischen hngen ein paar Bildchen, wie
gemaregelt, in Rahmen von jener impertinenten Einfachheit, die das
Aufdringlichste ist, was es gibt. Hier und dort in Vasen verteilte Bume
sollen leben, aber sie erfrieren sichtlich. Um den Kamin schart sich
etwas aus farbigem Marmor, Blcke und leere Flchen, dann ein Dchlein
aus Metall. Niemals fehlen Sitze, in Nischen eingebaut, von der
ungemtlichsten Gemtlichkeit, zu dnn oder zu dick bepolstert; ich wei
nicht, was mich strt. Gibt es denn in diesen Familien immer etwas zu
erzhlen, wozu das lodernde Herdfeuer traulich pat? Oder stehen diese
Sitze leer, noch rger!... Schaudernd treten wir in das Herrenzimmer.
Ich will die Klubfauteuils nicht bemerken, sie machen es mir zu leicht.
Aber diese Beleuchtungskrper, offenbar vom Juwelier, nicht vom
Klempner, mit Ringen, rasselnden Ketten, strengen, geschlossenen
Fransenrckchen. O Gott, speit niemand aus vor dieser erlesenen Kultur!
Oder diese immerdar in die Wand versenkten Bcherksten, hat noch
niemand das traurige Einerlei dieser Novitt bemerkt! Da findet sich
immer Glas, dahinter schrge, mde Buchrcken wie Kornfelder nach
Hagelschlgen, und immer das Glas durch schmale Holzstbe in Rechtecke
und Rhomben zerlegt. Rhomben, das ist die Hauptkunst unsrer
Wohnungsknstler. Rhomben und auf die Spitze gestellte Quadrate, die in
ein Netz von Meridianen und Parallelkreisen, mehr oder minder dicht,
Abwechslung bringen sollen: wer befreit uns von dieser Tyrannei! Und wer
zerbricht endlich diese Rhmchen- und Fensterl-Kultur, deren Vertreter
nur darin originell sind, da sie die unerllichen Stbchen bald
kantig, bald gerippt, bald glattgerundet anzufhlen machen ... Gehn wir
weiter, ber die Treppe etwa, deren Gelnder als Gitter derselben ewigen
Vertikallineale wie eine schrge Borte durch die Halle ziehen mu. Oben
empfngt uns die moderne Schablonenveranda, unbarmherzig ein seichtes
Kreissegment, die Fenster nahe beisammen, polygonal gestellt, die
schmalen, vom Licht berfluteten Streifen zwischen ihnen durch die
eingezogenen Vorhnge befahnt. Und wieder eingebaute Holzbnke, ber
ihnen breite Fensterbretter, Gesimse, und da berall so viel bequemer
Platz ist, Sachen hinzustellen und zu vergessen, das macht die Fadheit
vollstndig. Die Uhr versumt nicht, an einen aufgestellten Sarg zu
erinnern. Die Kredenz ist ein Grabmonument. Und da alles so
materialecht ist, da man den Birkenwald so vor den Augen hat -- es ist
zuviel, es macht auf mich wenigstens den Eindruck eines ungeheuren
Wasserkopfs. Ja, etwas Unheimliches liegt in der Behaglichkeit, etwas zu
Fettes und zu Ses, etwas wie verdorbener Magen. Und genau so kann ich
mir nicht vorstellen, da in diesem bertrieben hellen oder bertrieben
dunklen Musikzimmer wirklich gute Musik gemacht wird.

Ich gelange zum Kern der Sache: Sollen Mbel schn sein? Kann man es
wnschen, in einer Fuge von Bach zu schlafen und ein Gedicht von Goethe
als noch so sthetischen Speisetisch zu verwenden? -- Nein, ich bin
dafr, da das Kunsthandwerk in seine ehemalige Verchtlichkeit
zurckfalle, es verdient nicht mehr. Die Mbel seien bequem -- und es
lohnt sich nicht einmal, besonders lange ber neue Bequemlichkeit
nachzudenken. Aber wozu Brsseler Weltausstellungen, Kulturtaten, wozu
diese Pracht und dumme angewandte Kunst bei Sektkellereien! Ich bin
dafr, geschmacklose Mbel in Massen zu fabrizieren -- nicht aber der
Menschheit einzureden, es lasse sich auch nur ein Funken der reinen,
tugendhaften, gttlichen Schnheit, wie er etwa eine inspirierte
Prosazeile Gottfried Kellers erleuchtet, so nebenher auch noch in
Sesseln, Kredenzen und Trklinken einfangen. Ich will begeistert sein,
edel, getragen, heroisch -- nicht aber in einem lauen Mittelma
abgetragener Ornamente und zimperlicher Vitrinen mit zufriedener
fortschrittlicher Miene ausruhn.

Ich finde moderne geschmackvolle Mbel einfach unmoralisch. (Und nicht
anders geschmackvolle Buchausstattungen, knstlerische Photographien,
kurz: alle Mittelglieder und Vermittlungen zwischen Kunst und Alltag.)

Doch nein, etwas Schnes sind Mbelausstellungen, etwas phantastisch
Schnes, von niemandem noch bemerkt. Da stehen in einem groen,
prunkvollen Ausstellungspalais, in ganz kalten Riesenslen, in Nischen
verteilt: nicht einzelne Mbel, nein, ganze Zimmereinrichtungen, den
Blicken aller preisgegeben. Man ermesse die tiefe Komik und die Wehmut
zugleich dieser Situation. Die Zimmer sind keine Zimmer, nur Nischen
eines alten Riesensaales sind als Zimmer ausgebaut, und das soll man fr
ein gemtliches Zimmer halten. Fr ein Kinderzimmer dieses hier, die
Spielsachen sind auf dem Boden hingestreut wie von Kinderhnden, nicht
von Arrangeurhnden -- fr ein Schreibzimmer dieses, der fleiige Herr
ist nur fr einen Moment hinausgegangen, seine junge, schne Frau
liebkosen etwa, und hat seine Feder im Tintenfa gelassen, das offene
Heft hier, die dicken, funkelnagelneuen Nachschlagewerke auf dem Regal
-- oder dieses fr ein liebenswrdiges Speisezimmer, knapp vor dem
Eintritt der Familie, alles ist schon zur Mahlzeit vorbereitet, schon
die Themen der knftigen Unterhaltung lauern sprungbereit in den
Schatten der Serviette, die man gleich, sofort entfalten wird. -- Dieser
Schein ist beabsichtigt. Und doch, wie anders, merkt es niemand, stimmt
die Wirklichkeit. Traurige Zimmer, eure vierte Wand hat man eingerissen,
und nun steht ihr, nur durch eine luftige, gewellte, rote Seidenschnur,
durch schwache Stangen vom Gehweg getrennt, jeglichem Einbruch der
Barbaren offen. Niemals werden die idealen Besitzer, deren Geister jetzt
harmonisch euren unwesenhaften Raum bevlkern, niemals wird dieses
mrchenhafte, heroische, bescheidene Gedrnge biedermnnischer und
ehrbarer Gestalten zwischen euren Sesseln schreiten auf zarten
Teppichen, den Napf vom Ofen nehmen, in die Kanapeehhlung sich
hinflegeln. Sondern ein von euren Jugendtrumen gewi sehr verschiedenes
Einzelindividuum wird euch roh kaufen, einpacken, in den Speditionswagen
aufladen -- und ade, reizvolles Nachdenken in ungewissem Licht. Denn
auch diese Atelierbeleuchtung, die durch einen in ausgespannte Leinwand
verdnnten Plafond fllt, werdet ihr aufgeben mssen, diese
Aquariumsbeleuchtung, diese hellgelbe Teegebck-Sonne. Man wird
wahrhaftige Fenster in eure bisher noch geschlossenen Wnde bohren,
alles wird sich verndern. Traurige Zimmer, und man geht an ihnen
vorbei, als wren sie schon jetzt gewhnliche Zimmer. Indessen stehen
sie auf Podien, jedes auf seiner migen Holzerhhung wie ein kleiner,
wenig begabter Violinspieler, kein Virtuose etwa im Glanz der Konzerte,
sondern ein armer Knabe, den reiche Verwandte fr ihr Geld ins
Konservatorium geschickt haben und der jetzt nach dem Diner vorspielen
soll, etwas Eingelerntes mit miklingenden Doppelgriffen. So warten sie
und schauen die Betrachter an, beschmt im voraus vor lauter Angst. Und
ist es da zu verwundern, da sie ein wenig in Unordnung geraten sind, in
knstlerische Verwirrung, ganz, ganz klein wenig in Lampenfieber? Nein,
man kann nicht die normalen Verhltnisse von ihnen verlangen, wird sich
nicht darber bei dem diensthabenden Aufseher beschweren, da hier eine
Vase umgefallen ist -- hier eine Decke sich mit dem Futter nach oben
schlgt -- in diesen auf Podien gestellten Zimmern. berhaupt, alles ist
ein wenig, nur unmerklich anders als im Leben. Eine gespenstische
Miwirtschaft hat sich in das sorgfltige Arrangement eingeschlichen,
man kann kaum davon sprechen, z.B. da dieses Zimmer einen Eindruck wie
etwas Breitgequetschtes macht, jenes mit seinen Rosentapeten und
Seidenfauteuils trotz vorgespiegelter Eleganz entfernt an eine
Rumpelkammer erinnert, an ein staubiges Zusammengedrngtsein und
Zugrundegehen ... Ich erschrecke. Ich glaube vor hundert Bhnen zu
stehen, wo schlechte Schauspieler, als Zimmer verkleidet, unwahre
Grimassen schneiden. Zitternd laufe ich an der in meiner Hand
gleichfalls zitternden Seidenschnur hinaus, ich freue mich des neuen,
schrecklichen Gefhls -- endlich haben moderne Mbel einen Eindruck auf
mich gemacht!

Wenn ich sie aber im Leben sehe, im brauchbaren Tageslicht, dann mu ich
doch nur wieder lachen.

Ich besuchte auf einer Reise mehrere Schriftsteller. Und berall fand
ich diese geometrischen Regelmigkeiten, diese Glasscheiben, die nicht
flach in den Rahmen sitzen, sondern vorher noch funkelnd sich
abschrgen, ehe sie mnden -- es sind gleichsam keine Glasscheiben,
sondern riesige, simpel allerdings geschliffene Brillanten. Und berall
die flache Veranda, die Metallbeschlge, die Rhomben, die weilackierten
Ksten, die das Innere der Wand wie einen Berg Sesam ffnen ... Ein
Freund gar fhrte mich in sein von oben bis unten ganz schwarz gebohntes
Bibliothekszimmer, wie eine Totenburg ragte der Bcherkasten auf,
Fabrikat der Wiener Werksttten. Die monumentale Einfachheit dieser
Riesenkiste stimmte mich weinerlich, das mu ich schon sagen, diese
Einfachheit hat zu sehr das Gigantische einer groen Geldbrse, nicht
eines groen Menschen. Dieses Kolossale ist nicht wie das Meer, nicht
wie eine unermeliche Aussicht auf eine Landschaft hinab: es gleicht
eher einer Fabriksmauer oder einem unliebenswrdigen Vorgesetzten im
Bureau. Kurz, es macht keinen lustigen Eindruck. Aber dann, als man mir
im Speisesaal nebenan zu einem Braten kleine, weie, suerliche
Perlzwieberl anbot, brachte mich die Erinnerung an den mchtigen Schrank
pltzlich zum Lachen. Erklren kann ich das nicht, konnte das zu meiner
groen Verlegenheit auch damals nicht. Nur das gleichzeitige
Vorhandensein eines so kniglichen Brokatmantel-Kastens und dieses
winzigen Gemses mit seinem schlechten, zhen, belriechenden, delikaten
Geschmack -- man mu das empfinden, oder man versteht es nicht -- man
mu an Mephisto neben dem langbrtigen, dummen Faust denken oder an den
merkwrdigen Zufall, der manchmal passiert, wenn man ein reizendes,
rotbckiges Baby auf den Scho nimmt.

Wie ich mir also ein Zimmer vorstelle, damit man darin nicht immer
weinen oder lachen mu, sondern arbeiten kann nach Herzenslust?...
Mglichst kitschig und geschmacklos, natrlich ... Ich habe mir z.B.
ein Sofa machen lassen, aus rotem Plsch, in der abscheulichsten
Vorstadt-Sezession, mit einem Ornament aus gelben Dreiecken, die wie
Zungen auflecken und die Bestimmung haben, wenn ich mittags zu lange
schlafe, mich in den Leib zu zwicken. Mein Schreibtisch kann ohne
gedrehte Sulchen, ohne imitierte Schlsser, die gar nicht fr Schlssel
eingerichtet sind, ohne Balustraden und verkleinerte Palastarchitektur
gar nicht existieren. So strt er mich nmlich am wenigsten, nur
manchmal danke ich ihm, wenn ich ermdet bin, durch leises Streicheln
fr seine diskrete Hlichkeit. Man mge entschuldigen, da rote Tcher
flchenhaft ber meine Bchergestelle niederwallen. Das soll kein
Kunstwerk sein, nur das Billigste in seiner Art. Und die lange Leiter
gehrt dazu, die an den alten Biedermeierkasten gelehnt jede etwa
reizvolle und stilechte Linie glcklich verhindert ... So ist es, ich
kann nicht heftig genug betonen (denn ich nehme von diesem Thema
Abschied), wie gleichgltig mir Mbel sind, und da ich die leuchtenden
Erfrischungen meiner Sinne nicht bei ihnen und nicht stndlich suche,
sondern in konzentrierter Form, in auserwhlten Momenten. Und das Beste
fr diese Lebensweise wren natrlich Mbel aus Wasserstaub, aus Luft,
aus therwellen. Der Leser wird schon bemerkt haben: das geschmacklose
Zimmer ist mein irdisches Surrogat fr das unsichtbare, das ich einmal
im Himmel bewohnen werde. Da ist alles in wohltuende Ruhe bergegangen,
an keine Kante stt man an, niemals ist ein Buch oder ein Manuskript
verlegt, denn in dem Augenblick, in dem ich es hinter die lautlose,
gewichtlose Kastenwand stelle, ist es verschwunden, hat sich ganz
einfach in Nichts aufgelst. Und im Nichts berhren sich ja alle Bcher,
alle Dinge, die man sucht, alles ist vorhanden, ohne irgendeine leiseste
Spur von Nervositt ... Es klingelt. Der Brieftrger ist es, und ich
sehe an der Schrift auf dem Kuvert, da eine unangenehme Nachricht von
einem unangenehmen Menschen da auf mich eindringt. Keine Angst, ich
ergreife den Brief, und er hat sich schon in so kristallhelle Luft
verflchtigt, da ich statt seines Gegendruckes an meinen Fingerspitzen
nur pltzliche Klte spre, wie wenn Salmiak verdampft ... Also
wirklich, ich soll jetzt glcklich sein, ich soll nichts mehr empfinden,
als was aus meinem reinen Herzen wie ein Baum emporwchst, wie ein Baum,
dessen ste von innen her schon erschtternd mein Gehirn berhren. Keine
Pulte mehr, keine Federstiele, keine Schubfcher, die stecken bleiben,
wenn man sie ffnen will. Mit einem Wort, kein Hindernis mehr. Vor Jubel
greife ich mir an den Kopf. Aber auch der ist, berflssiges Mbelstck,
weggezaubert, und in die geffneten Nerven klingen die Diskantchre der
Sphren.




Der Frauen-Nichtkenner


Dank den Bemhungen einiger Schriftsteller, aus deren Liste mir
augenblicklich die Namen: Marcel Prvost, Auernheimer, Maupassant (welch
ein Zufall! gerade diese) einfallen, haben wir jetzt einen Typus der
modernen Frau, einen Grundri des Weiblichen. Gott sei Lob und Dank, ein
Schema...

Also: die Frau ist naschhaft, immer lstern nach Sensationen und zu
Sinnlichkeit aufgelegt, der Grausamkeit nicht abgeneigt, hysterisch,
begeisterte Lgnerin, eiferschtig auch noch auf den Mann, den sie nicht
mehr liebt, mig begabt im Geiste und fr theoretische und zarte
Probleme gnzlich ohne Interesse (nur Neulinge langweilen sie damit,
Erfahrenere gehen direkt aufs Ziel los), dafr in der Praxis der
Liebesangelegenheiten dem Manne weit berlegen usw. Diesem Typus Frau
entspricht ein Typus Frauenkenner. Frauenkenner ist, wer in jeder Frau
den Typus Frau mit scharfem Auge wiederfindet. Frauenkenner sind
vornehmlich die genannten Dichter...

Ich ziehe es vor, ein Frauen-Nichtkenner zu sein.

Warum?... Ganz einfach, weil es mir mehr Vergngen macht.

Wie geradlinig und schlicht wre die Welt, wenn alle Frauen mehr oder
minder dem Schema sich nherten. Vielleicht waren es beste Glcksflle,
da gerade ich immer (nein, nicht immer, denn auch das wre zu
geradlinig; aber sehr oft geschah es) mit Frauen ganz anderer Artung
zusammengetroffen bin. Ach, in Gesprchen, die so seltsam und ohne Bezug
auf Dinge dieses Lebens waren, da sie nur aus Schabernack noch in
irdische Worte gekleidet schienen, gingen wir stundenlang um runde
Wasserbassins aus indigoblauem Marmor, kauften Bretzel und ftterten die
ruckweise auftauchenden Fischmulchen. Es waren Spiele, sanfte Spiele,
wir dachten keinesfalls an Regeln, Bedrfnis und Ordnungsliebe.

Ein einziges Mal war es mir vielleicht bestimmt, den Typus Weib zu
sehen. Aber der trbe, regnerische Abend, an dem das geschah, verbietet
mir, mich allzusehr auf meine Erinnerung zu verlassen ... Es geschah
dies in einer Hafenstadt wertlosen Namens...

Ein kleines Torpedoboot war eingelaufen, und nun lag es, mde und
schmutzig, an der Holzverschalung des Ufers. Der gedrungene, dunkle
Schornstein, der schief zurckgelehnt stand wie der Kopf eines, der sich
ekelt, blies seinen letzten Rauch aus. Eine Weile verging ruhig. Ich
dachte an einen gestrandeten schwarzen Vogel. Dann wurde das Brett
angelegt und einige von der Bemannung verlieen lustig das Schiff,
groe, braunrote Leute mit khnen Augen, in breiten, wallenden Hosen,
Blaublusen, tief dekolletiert, eine rote, dicke Bindkrawatte unter dem
Matrosenkragen gewulstet ... Nun konnte man an Bord gehen, und viele aus
dem Hafen taten es aus Neugierde. Auch ich bestieg das enge, gewlbte
Verdeck, machte schmale Schritte, da ich immerfort an Schrauben, eiserne
Scheiben, Hebel mit dem Fue anstie. Die Damen hoben ihre Rcke, denn
alles war vom Regen na. Whrend die Mannschaft, die in weien
Arbeitskitteln auf dem Schiff geblieben war und eifrig an der Wsche
seifte oder sie an Stricke zum Trocknen hngte (es regnete aber immer
noch ganz fein), um die Gste wenig sich bekmmerte, zeigte uns ein
junger, freundlicher Offizier die Hngematten, den kleinen Schlafraum in
der Vertiefung des Vorderdecks, das imponierend-drehbare
Maschinengewehr, die Falltren zur Kapitnskajte und zur
Munitionskammer, die unverstndlich groe Dampfmaschine unten, die
Ventilationsluken, die verderblichen Lancierrohre ... Er erzhlte
lchelnd, da solch ein Torpedoboot so und so nahe, sehr nahe, an den
Feind heranfahren mu, um sein Gescho abzufeuern. Und das ist
gefhrlich, die Scheinwerfer spielen und sehen, man riskiert sein
Leben...

Neben mir steht eine hohe Blondine, sehr fahl im Gesicht, mit fast
weien Augenbrauen ber den dunkeln Augen. Hart und gierig sieht sie den
freundlichen Offizier an, und whrend der Wind rauschend ber unsere
Kpfe fhrt, kommen aus der edlen, rosigen Kurve ihres Mundes diese
Worte: Sind Sie schon einmal in Lebensgefahr gewesen?

Der Offizier enttuscht sie sichtlich, da er mit Nein! lchelnd und
wie ein sympathisches Kind antwortet.

Er geht weiter uns voran und zeigt uns das Rettungsboot. Mimutig
streicht die Blonde ber die nassen Planken von weier Lackfarbe. Der
liebe Offizier erlutert den Kran, die Kommandos, er fhrt die
Schwimmwesten aus Kork vor, die numeriert sind und schon dadurch ein
wohliges Gefhl von Geborgenheit einflen, er sucht uns wirklich auf
alle Weise ber das Schicksal der tollkhnen Angreifer zu beruhigen.

Aber nein, schreit die Blonde, grell, enttuscht, da knnen Sie ja
berhaupt gar nie in Lebensgefahr kommen!

Alle sehen sie verdutzt an. Ich halte mich zitternd am Kompastnder
fest.

Der Offizier verbeugt sich gefllig gegen sie, und so gut (ich liebe ihn
schon wirklich) sagt er: Nun, es ist ja allerdings doch nicht fr uns
alle Platz in dem Boot, Gndigste.

Sie wendet sich ab, ich bemerke noch, wie sie erleichtert und mit
krankhaftem Zucken der Nasenflgel zu weinen beginnt. Der braune Wind
rauscht, die benachbarten Schiffe schaukeln ein wenig, es ist fast
Nacht...

Also, das war der Typus Frau, sensationslstern, grausam,
hysterisch...

Lieber Gott! wie mich diese Hysterie schon langweilt! Vielleicht
brauchte ich nur die Augen aufzumachen, um mehr von diesem Typus zu
sehen. Aber ich will gar nicht. Es ist ja so angenehm, liebenswrdige
Haltungen des Kopfes vor den Augen einer Frau einzuben, mit ihr ber
die Farbe einer Wolke zu streiten, gelinde, gelinde natrlich, das
Dessert fr bermorgen und die Mode unserer Urenkel zu beraten, nichts
als zwecklose Dinge. Wie gesagt, ich ziehe es vor, ein Frauen-Nichtkenner
zu bleiben...




Der allerletzte Brief


1. Der Brief.

Mein lieber Feind,

bisher bist mein Freund Du gewesen, aber mein gehater Freund. Und von
diesem Ha, den Du vielleicht nie geahnt hast, wird heute noch viel die
Rede sein ... Vorlufig das eine: sei statt dessen, was Du mir bisher
warst, lieber mein Feind; mein lieber Feind, wenn Du willst.

Seit vier Jahren, seit wir einander kennen, ... verkennen wir einander.
Unausgesetzt hast Du mich miverstanden, unermdlich. Du hast mich
miverstehn wollen, das ist das Schlimme, und da es dir auch gelungen
ist, nur eine nebenschliche Verschrfung ... Erinnre Dich nur, was fr
merkwrdige Eigenschaften, die ich ganz und gar nicht besitze, Du in mir
entdeckt hast. Vor allem ist Dir immer meine Feinheit bewundernswert
gewesen, meine zarten und eigentmlichen Fingerbewegungen, diese
Aquarelle von Liebesstunden, die Mousseline des Benehmens, die
Zierstcke seltsamer Einflsterungen ... Nun wisse (Du weit es schon
lngst, immer), ich bin gar nicht so vornehm geartet, bin gar nicht so
eigentmlich. Ich wrde es fr beleidigend halten, wenn jemand eine
kultivierte Frau mich benennte. Ich bin eine schne Frau, weiter nichts.
Mein ueres ist mein Tiefstes, wirkt als einziger Schatz um so
glnzender vor dem im brigen schattigen Hintergrund meiner gewhnlichen
Persnlichkeit ... Und ich verzichte gern darauf, den klgsten Mnnern
ebenbrtig und Arbeitsgenosse zu sein. Da ich sie beherrschen kann.

Du hast mir ferner eingeredet, ich sei gut. Nicht im Sinne der
herkmmlichen Sittlichkeit, die ich um Deinetwillen oft gering schtzte.
(Und das tut mir auch heute nicht leid, das nicht.) Aber ich sei brav,
sagtest Du, von Mildheit zuknftiger Generationen erfllt, dem
kategorischen Imperativ einer bessern Welt gehorsam. Und so unschuldig
sei ich, sagtest Du ... Was fr Unsinn. Ich lehne es entschieden ab,
unschuldig zu sein. Unschuldige Frauen sehen dumm aus. Und nur die
Schuldigen wissen Mienen von Unschuldigen zu tragen.

Du dichtetest mir an, ich sei treuer als die andern; Du lieest mich
unkokett sein (unschdlich mithin fr Dich und weniger zeitraubend. Wie
fein war das eingefdelt.)

Meine Redeweise, ehe ich in den Verkehr mit Dir geriet, war hchst
lppisch. Ich gefiel mir in Witzen, in Wortspielen, in Stacheln und
Qualen ... Du hast als mir eigentmlich mir eine Lyrik der Stze
beigebracht. Glockentne in der Stellung der Vokale und durch
merkwrdige Drehungen der syntaktischen Fgung erzeugte Melodien. Weil
es Dir gefiel, im Sommer abends am Flunebel unklare Gesprche,
geschmckt mit sehr langen Pausen, zu haben, deutetest Du meine
Ratlosigkeit damals als ein Schweigen infolge verstndnisvoller
Stimmung. Ohne Unterla hast Du mich umgedeutet. Immer hast Du nur das
an mir gesehn und gehrt, was Du hren und sehn wolltest ... So oft war
ich trivial, meiner Natur nachgebend, habe alltgliche Dinge gesagt,
ganz einfach Sprichworte, moralische Lehren aus dem Abreikalender. Und
Du bliebst auch dann stets noch heuchlerisch genug, diese dummen
Redensarten in Entzckung einzufangen, die durch meine Lippen in
Schwingung versetzte Luft mit kostbaren Ausrufen der Freude zu umrahmen.
Du wolltest mich glauben machen, ich sei Dir ebenbrtig, ganz von selbst
fliee mir eine Welle bedeutsamer Ansichten unversieglich zu und alles,
was ich rede, klinge reizend, sanft und entrckt ... Und Deine
bestimmten Entgegnungen, wenn ich mich weigerte, wenn ich sagte, Du
berschtzest mich! Deine manchmal beinahe berzeugenden Zwischenrufe,
wenn ich im Zuge war, meine Werktglichkeit zu beichten!...

Ohne darber nachzudenken, da ich vielleicht mir eigentmliche Vorzge
haben knnte, hast Du mir kurzwegs einige Vorzge nach Deinem Geschmack
obenauf angeschminkt. Du hast retouchiert. Schlielich war ich eine
Vollkommenheit von Deinen Gnaden, ich danke schn.

Wenn Dir nur jemals irgend eine lebenskrftige Dummheit entschlpft
wre! Aber nein, selbst Deine Dummheiten waren hbsch anzusehen,
verzeihliche Streiche eines liebenswrdigen Kindes. Wenn Du mich nur
jemals gelangweilt httest! Aber nein, Du hast mich immer entzckt. Das
vertrgt keine Frau.

Wie ich Dich immer gehat habe! Mein Gott, wie ich Dich gehat habe!

Wenn ich so zu Dir kam, ein fehlerhafter Mensch, aber doch ein Mensch;
frischauf atmende Lungen, ungleichmige Herzschlge, Finger voll Gift,
boshaft-lebendige Wangen ... wenn ich die Treppen zu Deiner Wohnung
hinaufstrmte, mit dem festen Entschlu, heute Dir alles ins Gesicht zu
schreien, Dir ins Gesicht zu schreien: Liebe mich, aber liebe mich
endlich einmal so gemein, wie ich bin!... und wenn ich dann die Tre
ffnete, die schauspielernde Luft Deiner Zimmer, den Dunstkreis des
Unendlichen eintrank ... dann war alles wieder vorbei ... Wir sahn als
zwei seltsame Menschen einander in die Augen, ich war bezaubert, ich war
nach Deinem Wunsch. Wohin versanken da die Entschlsse, die
Selbstndigkeiten...

Ein umgekehrter Fall der Nora: wie gern wre ich die Puppe geblieben!
Aber Du wolltest mich jedenfalls zu Gott wei was Besonderem machen.

Ja, ich war glcklich ... Welch eine sichere Zeit atmete ich bei Dir,
nichts konnte mir etwas anhaben. Wir besprachen dies und jenes. Wir
stellten zwecklose Dinge an. Wir kten einander in aller Liebe, aber
immer ein wenig pierrotmig. Alles war ein Spa, ein Luftzug, eine
Frage. Und die brutale Realitt schien entfernt, das Leben ein
klein-harmloses, unzerreibares Bilderbuch nur ... Und o! wie hast Du es
immer abgewehrt, wenn ich Dir sagte: Du betrachtest das Leben als einen
Spa. Das durfte nicht ausgesprochen werden, durch so grobe
Konstatierungen wren wir schon wieder ins Reich des Ttlichen gerckt.
Da Du das Leben wahrhaftig als einen Spa betrachten konntest, wurde
nur dadurch ermglicht, da Du immer behauptetest: O nein, ich nehme das
Leben sehr ernst ... Wie wunderbar warst Du oft durch das, was Du
verschwiegst. Und nicht einmal das lieest Du zu, da man Dein
Verschweigen bewundere. Einen Firnis von Schlichtheit, Ungeschicklichkeit
sogar legtest Du ber Deine feinsten Dinge. Und durch grazise
Schnrkel des Schweigens und Sagens hieltest Du uns beide
bestndig in der Hhe, ber den Wahrheiten. Nie machten wir einander
Gestndnisse. Nie waren wir intim und vertraut. Aber wenn ich zu Dir
kam, verschwanden alle meine Sorgen, machten alle Befrchtungen ein
unwichtiges, fast drolliges Gesicht. Gerade dadurch, da Du mich nicht
trstetest, trstetest Du mich ... Und wie schn, wenn wir uns Mhe
gaben, einander nher zu kommen! Diese Selbstbekenntnisse geschahn so
unwegsam, in einer so verzwickten und schwierigen Manier, da wir
einander immer nur noch verhllter, interessanter wurden. O diese
fluoreszierenden Auseinandersetzungen, diese Erleuchtungen ohne Halt,
diese unrichtigen Klarheiten und diese Unklarheiten!

Wie glcklich war all dies!

Wie ich dich immer geliebt habe! Mein Gott, wie ich Dich geliebt habe!

Ach, vielleicht ist es ein Unrecht, da ich diesen Brief Dir schreibe.
Gewi tue ich Dir Unrecht, denn Du warst immer gut zu mir ... Und jetzt
verwirrt sich mir alles. Als ich diese Zeilen begann, war mir unser
Verhltnis so klar, so schlimm, so verchtlich. Ein Magazin von
Kontrasten und Angriffen stand mir zur Verfgung ... Wie kommt es, da
in diesem Augenblicke verschwimmende Gebirge ber mich strzen, rosige
Bergketten vom bewegten Horizont her, Zweifel, Subtilitten ohne
Zahl...

Vielleicht ist alles, was ich Dir heute schreibe, auch nichts anderes
als solch eine fluoreszierende, verzwickte Auseinandersetzung, durch die
wir einander nur noch interessanter werden?...

Ich will nicht darber nachdenken. Aber eines: Habe Mitleid mit mir!
Mitleid! Und wenn auch gerhrte Leidenschaft, Verstndnis fr Tragik
Deine Sache nicht ist .... aus Mitleid begreife dieses eine Mal die
nackte Wahrheit, den groen Ernst der Tatsachen, die Schrecken meiner
inneren Krisis. Gib mich frei. Gib mich endlich frei. Ich will Dir nie
mehr schreiben. Ich will Dich nie mehr sehn. Es ist mein fester
Entschlu, mich nicht lnger von Dir beeinflussen zu lassen. Ich bitte
Dich, vergi mich oder sei mein Feind. Gib mich frei!

  =Anfissa.=


2. Antwortbillett auf diesen allerletzten Brief.

Du vergit doch nicht, Liebste? Morgen um 6 Uhr bei der
Apollinariskirche.

  =Dein Carus.=




Zufllige Konzerte


Ach wie auf Erden nichts, wie nichts auf Erden gleicht den Schaupltzen
angenehmer Begebenheiten! Das Postamt war rot. Gleichfalls die Kirche
machte kein Geheimnis aus ihren deutlichen Ziegelsteinfugen. Von da in
den Kurpark reichten wenige Schritte. Und man erging sich in diesem ohne
jegliche Verantwortung, dem Bewutsein ungerechten Vorzugs fremd,
wiewohl die vielfach krummen Wege so zeitverschwenderisch waren und die
reichlichen Seelfte darin eine ganz unverdiente Belohnung fr uns
Miggnger. Daran dachte man nicht; o die Schaupltze angenehmer
Begebenheiten. Weil's mir damals gut, so richtig gut ging, fiel mir nie
es ein, die Anlage dieses Parkes auf Steuern und Taxen, seine
freundliche Abwechslung der Gebsche, Wiesen und Bauminseln auf
ermdende Studien auslndischer Werke ber Hortikultur, die Kinderfeste
auf geschftstchtige Tricks der Badeverwaltung und Toiletten der Damen
auf Berufspein ihrer Ehemnner zurckzufhren; kurz alles auf das
konomische Prinzip. Sonst erscheint mir doch die Welt so gnadenlos
betrieblich und zielbewut, im Dunst des Arbeiten-Mssens, von
Fabrikswaren besetzt. Damals jedoch bewegte sie sich liebenswrdig. Und
als ich einmal, von irgendwelcher Bank aus ganz ferne Kurmusik zu hren
bekam, verbelte ich dies niemandem, sondern ich hrte gut zu und
staunte nur ... Das Stck, auf seinem Wege durch die Bume her zu mir,
hatte Blttergrn und Zweige, Tau, Sonnentupfen in seine Tne
mitgenommen, sie wehten gefrbt und aufgefrischt. Das Herablassen einer
Persienne im Hotelfenster links blinzte aus ihnen, mit den Spatzen des
Sandwegs und mit dieser Vormittagsstunde in Sdostbrise. Mein Herz
klopfte. Wie ein hinter erglhender Luft bebendes Gebude, wie ein Shawl
in Bewegung, aus dem die eingewebten Metallstcke glnzen, standen die
Akkorde vor mir, wie das Laforguische _je ne sais quoi qui n'a de nom
dans aucune langue, de mme que la voix du sang_ ... Indessen erkannte
ich das Stck nicht, wiewohl es mir gelufig war. Ich ging zwischen
seinen kontrapunktischen Stimmen wie zwischen Huserfronten, und es war
wie in der Heimatstadt manchmal, wenn man aus einem neuen Durchhaus
tritt oder von ungewohntem Standpunkt her beobachtet. Alles ist fremd
und dennoch alles vertraut. Ich wei, da ich zu Hause bin und dennoch
kenne ich mich nicht aus. So vergit man auch bisweilen, aus Trumen
nachts erwachend, die Lage der Fenster, die Wand am Bettrand, rechts und
links im Dunkel. Jeden Augenblick kann die richtige Orientierung
einfallen, mit einem Schlag alles ins gewhnliche Licht ordnen, aber das
zieht man in ser Qual hinaus, absichtlich verwirrt man sich und ist in
fremder Stadt, in fremdem Bett. Endlich lngs eines Geigenlaufs schwinge
ich mich in die Erkenntnis, da ich die Meistersinger-Ouvertre vor mir
habe ... So wohlgetan hat sie mir schon lange nicht, seit ich vor Jahren
mit ihr bekannt wurde, seit den ersten Entzckungen nicht mehr. Ich
sitze da und, gerhrt von jeder Modulation, danke ich dem lieben Gott
fr sie. Manchmal berrascht mich so die Musik, wie aus einem
freundlichen Hinterhalt, und das wollte ich sagen: dann findet sie die
Seele ganz anders offen als im Theater oder in den zweckdienlichen
Konzertslen. Zufllig kommt sie, Wind trgt sie her und lscht sie aus,
Sonne wie ber die Alpen giet sich ber Melodien. Niemand bietet mir
Programme an oder das mit einer harfenschlagenden Dame gezierte
Titelblatt eines thematischen Leitfadens. Keine Vor- und Nebensitzenden,
keine Presse, keine Bonbons, nicht Gucker, nicht Begeisterung, nicht
gemachte Begeisterung und keine aus Furcht, die Begeisterung knnte
gemacht erscheinen, gemachte Nicht-Begeisterung. So natrlich geht alles
und nicht einmal stolz sein auf seine Natrlichkeit kann man. Man hat
weder Zeit, sich in Frack, noch aus Protest gegen Zeitvergeudung bei der
Toilette nicht in Frack zu werfen. Einfach wird man vom Genu
attackiert, auf kurzem Wege vergewaltigt...

Himmlisch! auf der Strae entzckt es mich, wenn ein Vorbergehender
nicht ganz richtig die inniggeliebte Barcarole ans Hoffmanns
Erzhlungen pfeift ... Der Cafetier lt seinen Phonographen
losknirschen, ich verliere die Zeitung aus der Hand, denn so s wie
nichts mischt sich in das Klappern der Tassen und in Geflster von
andern Tischen her die Arie der Tosca ... In einer fremden Stadt hrte
ich einmal ein Bach-Prludium, sehr gut auf einem jedoch schlechten
Klavier (die Tne knatterten so) vorgetragen. Nie werde ich vergessen,
mit welcher Freude ich damals in das gegenberliegende Haus trat und zu
dem offenen Fenster hinaufhorchte. Ich hrte auch noch die Fuge an und
ging dann in Glck meiner Wege... Begeistert bin ich fr Nationalhymnen
der Soldaten, die zufllig unten meinem Fenster vorbei in die Schlacht
marschieren ... fr die angstvoll asthmatischen Klnge eines
Leierkastens auf verlorener Landstrae, die an den Geruch doppelt
gewrmten Dorfkaffees erinnern; der Mann beginnt zu kurbeln, wenn er uns
von weitem herannahen sieht, und zwar genau dort, mitten in einem
Doppelschlag meinetwegen, wo er aufgehrt hat, als er den Wanderer vor
uns gengend weit mit seinen Tnen geleitet erachtete... Ich liebe auch
die stdtischen Flaschinetts, hohlfltend und scharf; die Musik alter
Ringelspiele; Orchestrions mit Janitscharenmusik; wispernde Aristons mit
ihren Stahlbrsten, die pltzlich vom Wschekasten herab oder beim
ffnen eines Stammbuchs einem Glockenspiel hnlich erklingeln; die
Berlioz-Instrumentation der Strae zur Singstimme eines fensterputzenden
Dienstmdchens ... Oder ich ziehe mit den Gabelzinken in gestehendes
Fett der Schpfenbratensauce Kratzrinnen, die ich dann zu wohnlichen
Gassen mit Husern, gro und klein, mit Verkehrshindernissen und Volk zu
vergrern wei. Das bringe ich fertig. Ich vergrere auch oft das
Ezeug in Gedanken, mache aus dem Tisch eine weite Ebene, beschneit
infolge des weien Tischtuchs, die Teller sind wie Gebirge, die Messer,
Gabeln, Lffel wie silberblinkende Seen, sicher wie ein Glaspalast steht
mitten in weiter Einsamkeit das Salzfa. Dazu summe ich gewisse
Schlustze von Brahms, zum Beispiel den aus der Cellosonate F-Dur
op.99 oder aus dem Streichquartett (oder ist es ein Quintett?) G-Dur.
Er geht so ... Knnte ich ihn doch allen vorsummen, die mir nicht
glauben wollen, da er in diese traute, friedlich im Familienkreis
dmmernde Kinderstuben-Vergrerungsstimmung (ich nenne sie auch
Knecht-Ruprecht-Stimmung, aber ich wei nicht, warum, und ich denke
dabei auch an Marktbuden am Abend und Spielzeug aus farbigem Holz)
einzig schn hineinpat...

Das sind meine Vergngungen.

Nun will ich, bitte schn, nur kein Programm daraus machen, keinen
Antrag auf Umstrzung unsres gesamten Konzertlebens, keine Aktion mit
dem Motto: Aufgepat! Sie knnen sich noch retten. Es ist hchste Zeit,
da etwas fr unsere Kultur geschieht! ... Das liegt nicht in meinem
Sinn.

Ich habe nur meine Notizen gesammelt, von deren Belanglosigkeit leider
fr das praktische Leben ich aufrichtig berzeugt bin, und gebe sie hier
zum besten.




Mein Tod


Von allen Tatsachen des Seins, die man zu szenischer und dichterischer
Behandlung in Anspruch genommen hat, scheint sich der Tod als die
unfruchtbarste erwiesen zu haben. Die Idee des Todes dient dazu, um die
Romane oder Trauerspiele abzuschlieen, abzuschneiden nur in manchen
Fllen, sie soll schrecken und erhabene oder auch wohl groteske
Ausblicke gewhren (Der Tod ist in der Welt -- Byrons Kain) oder
bestenfalls wie im Hamlet dazu dienen, die philosophischen Spielereien
eines Grblers zu veranschaulichen. Wo der Tod auftritt, zeigt er sich
in einer dieser drei Gestalten. Einfach und banal. Das richtige Nichts,
ber das auch nichts zu sagen ist. Was jedoch nicht ausschliet, da er
bei Publikum und Kritik in beinahe ebenso hohem Ansehen steht wie andre
banale und leere groe Ideen, zum Beispiel: der Pantheismus. Braucht
es doch heutzutage nur des leisesten Verdachtes, da ein Dichter
Pantheist ist und den groen Zusammenhang der Natur fhlt, die Natur
in sich, sich in der Natur, und wie alle die bereitstehenden Floskeln
heien, um ihm sofort den Ruf eines groen Tiefsinns und gttlichen
Ernstes zu verschaffen, wie denn auch ganz Deutschland auf Verhaeren
prompt hineingefallen ist.

Stellen wir also fest: man hat den Tod trotz aller Pflege bisher
vernachlssigt. Man ist von ihm zu sehr geblendet, lt sich zu sehr
imponieren. Immer nur Tod als etwas Groes, Abschlieendes,
Langweiliges, ... das kann doch nicht alles sein. -- Doch nun fllt mir
der bergang schwer. Soll ich sagen, da ich, um dem dringenden
Bedrfnis einer detaillierteren, ruhigeren Dichterbehandlung des Todes
abzuhelfen, auf die nachfolgenden Dinge verfallen bin? Wie unrichtig
wre das! Fasse man vielmehr das Bisherige als ungeschickte Einleitung
auf, zu der mich die innere Erregung ber das Nachfolgende, das mich
natrlich zunchst beschftigt, verlockt hat. Ich habe da wirklich
Merkwrdiges zu berichten; man kann mit der Idee des Todes ganz familir
werden, das ist's, oder noch besser: sie ist ebenso aller
Abschattierungen vom Traurigsten zum Sesten und Gleichgltigsten fhig
wie alle menschlichen Dinge.

Da lese ich, an einer Straenecke wartend, ganz zerstreut, nur durch das
farbige Bild angezogen, folgenden Witz (das tschechische Witzblatt, das
ihn enthlt, hngt aufgeschlagen hinter der Glasscheibe eines
Buchhndlers):

=Ballerine=: Du, und was sagt denn dein Vater eigentlich zu unserem
Verhltnis?

=Junger Herr=: Er wei doch nichts davon.

=Ballerine=: So, wird denn bei Euch keine Bilanz gemacht?...

Das habe ich gelesen und starre nun in die Luft, den Passanten entgegen.
Es ist schwer zu beschreiben, was da in mir vorgeht ... Ich suche diesen
Witz zu begreifen, denn ich verstehe ihn nicht. Ich suche, indem ich
mein Hirn umwhle, irgendeinen Standpunkt zu finden, von dem aus mir das
eben Gelesene irgendwie auffallend, bemerkenswert, stark, wertvoll oder
amsant erschiene. Es mu doch etwas daran sein, sage ich mir, sonst
wrde man es nicht drucken, illustrieren, in der Hauptstrae ausstellen.
Aber trotz aller Anstrengungen verschwimmt es mir, erscheint matt und
von einer krankhaften Farblosigkeit. Wre es ein Mdchen, ich mte es
als krankhaft-interessant oder so ungefhr bezeichnen. So zart und
bla steht es (ich meine: den Sinn und die Gesamtheit dieser Worte) im
Hintergrund meiner Gedanken, opernhaft bescheidene und doch jedenfalls
temperamentvolle Mignon! Ich empfinde eine krankhafte Wollust, so an der
uersten Peripherie meiner Denkflche gekitzelt zu sein, dort wo mein
Verstndnis aufhrt und nur noch unscharfe Bilder liefert. Mit
wissenschaftlichem Interesse frmlich verfolge ich das Erlahmen meines
Denkmechanismus, wie etwa der Experimentalpsychologe die geheimnisvollen
Vorgnge am Rande des Sehfeldes prft. Ich beobachte, wie mein Verstand
dieses ihm Dargebotene, das zu weit abliegt von den Dingen, mit denen er
sich sonst befat, nicht mehr fassen kann, es mit andern Dingen
verwechselt, daran herumarbeitet, schlielich kraftlos es in den
allgemeinen Trubel der Welt, aus dem er es fr einen Augenblick
hervorgezogen hat, zurckfallen lt. Und ganz deutlich mischt sich in
das Gefhl der Schwche und Ermdung nun eine Art von humoristischer und
doch wehmtiger Todesahnung, die ich eben beschreiben will ... Doch auf
diesem Wege komme ich ihr nicht nher. Vielleicht anders.

Manchmal, wenn ich so recht mde bin, in der Nacht -- in einem
Kaffeehaus ist man schon ohne Erfolg und ohne Lust gesessen, jetzt freut
man sich auf das khle Bett zu Hause, aber wieder fllt es zum Unglck
einem Kameraden ein, ein anderes Lokal vorzuschlagen und aus Mattigkeit
kann man nicht nein sagen, lt sich wieder aus der reinen Nachtluft
in lrmenden Rauch verschleppen -- in solcher, tieftrauriger und wohl
auch erbitterter Abgeschlagenheit, wenn die Augen beien, die Lippen weh
tun, erscheint jenes Todesgefhl wieder. Und wieder in der Form, da ich
mein Vermgen, Dinge aufzufassen, schwinden fhle. Ich kann zum Beispiel
nicht mehr feststellen, ob der schwarze Fleck auf der Sessellehne
jenseits des Tisches ein Ornament dieser Lehne ist oder etwa ein Teil
des dunklen Anzugs meines Freundes oder vielleicht etwa ganz weit hinten
im Saal, ein Stckchen Klavier, das perspektivisch ber die Sessellehne
ragt. Ich kann das nicht feststellen, weil ich keine Lust, keine
Berufung dazu fhle. Lasse lieber einen unanalysierten, unreinlichen
Komplex in meinem Gehirn. Man reicht eine komplizierte, glnzende
Schssel auf den Tisch, allerlei Farbenflecken sind auf ihr, vielleicht
Backwerk, und ein dumpfer Lrm brandet um sie her, aus ihr heraus,
sollte sie ein Musikinstrument sein? Ich kann sie nicht mehr auflsen,
ich bitte einen neben mir, das Zweckdienlichste in bezug auf diese
Schssel oder was es sonst ist, zu unternehmen, nur mich in Ruhe zu
lassen. Es ist der tiefste Punkt der Erschlaffung. Der ganze Krper ist
eine einzige, mde, wunde Fusohle ... Und da denke ich mir nun: Max,
jetzt bist du tot. Vielmehr, du warst tot und bist jetzt soeben wieder
zum Leben aufgeweckt worden. Da bist du jetzt natrlich ganz ungebt,
unbeholfen, elementar. Nur die einfachsten Dinge des Lebens sind dir im
Gedchtnis geblieben, nur solche, die dir im Leben das Wichtigste waren.
Fragte man dich beispielsweise jetzt nach Flaubert, da wrdest du noch
etwas wissen, wenn auch nicht so viel wie in deiner Blte. Auch Worte
wie: Geliebte, Vaterland, Mutter -- wren dir zur Not verstndlich,
gben dir etwas zu fhlen. Aber diese Weinstube? Waren dir jemals in
deinem frheren Leben Weinstuben wesentlich, zentral? Nun ist aber nur
der Mittelpunkt deines Ich erst erwacht, auf das andere sollst du dich
erst allmhlich besinnen, und da kommen solche barocke, willkrliche
Einrichtungen wie eine Bar mit hohen Sesseln noch lange nicht an die
Reihe. Dies, Max, die Erklrung deines gegenwrtigen Zustandes. Du hast
dich zu nebenschlichen Eindrcken zu entwickeln noch nicht Zeit gehabt.
Also schlafe, schlafe nur ruhig...

Ich habe auf diese Art im hchsten Grade die Eigenschaft, mich geistig
tot zu stellen und so zu vereinfachen ... Pltzlich mitten in meinem
Treiben findet sich mir die Frage ein: Was wrde ich zu dieser Sache
sagen, wenn ich soeben aus dem Grabe entstiege? Oder noch verschrft:
Was wrde jemand zu dieser Sache sagen, der nur fr einige Augenblicke
aus der tiefen Ruhe des Jenseits hierher versetzt wrde und gleich
wieder weg mte? Hierher, zum Beispiel vor die Oper in Paris? Welchen
verworrenen Eindruck, welchen falschen, mte er sich von diesen Dingen
machen?... Oder noch anders: ich liege halbschlafend nachmittags auf dem
Kanapee, da weckt mich leise, falsch gespielte Salonmusik, die mir nie
das Geringste bedeuten kann. Und doch, wie dankbar wre ich fr diesen
leeren Fetzen Realitt -- ein Jahr nach meinem Tode, wenn ich pltzlich
erwachend nichts als eben dieses Stck hren knnte, diese Erinnerung an
meine ehemalige Existenz. Und wie wrde sich diese Musik in einem
solchen Moment meiner Seele ausmalen? Ich knnte mir vielleicht im
Augenblick nicht herauskonstruieren, was das leise falsch gespielte
Salonmusik, was das berhaupt bedeuten soll Schallwellen ... Es ist
kstlich, fr einen Moment mit Hilfe dieses Tricks (ich bin tot, soeben
wieder erwacht) alle die komplizierten Erfahrungen, die man hat,
preiszugeben, sich selbst gleichsam in einen Urzustand zu versetzen und
nun zwischen den fein ausgebildeten Lebensdingen ratlos umherzutappen
wie in einem ungeheuerlichen Chaos, in einer ganz sinnlosen Rumpelkammer
... Wir ben jetzt ein Quintett. Noch einmal drei Takte vor M, schreit
einer wtend, weil es nicht klappt. Ich wei sofort, was er meint. So
eingefahren bin ich in diese, von mir doch so wenig notwendig erlebte
Konstellation. Was wrde von all dem Herumsitzen, Stimmen, Plaudern,
Sich-Anstrengen brig bleiben in meinem posthumen Gedchtnis? So zieht
man ein Schema seines Daseins, um dann mit doppelter Lust vorlufig noch
das Unschematische weiter zu genieen.

Das Thema dieses posthumen Gedchtnisses hat noch einen Auslufer. Ich
habe nmlich schon zu Lebzeiten ein teilweise posthumes Gedchtnis ...
Zur Erklrung: Die Symphonien Beethovens, die Knigsdramen Shakespeares,
die Violinsonaten von Bach, Brahms und Reger gehren doch zu meinem
essentiellen geistigen Besitzstande, glaub' ich. Nher geprft, ergibt
sich, da ich sie nur deshalb zu besitzen meine, weil ich sie periodisch
immer wieder durchnehme. Aber jedesmal bin ich doch wieder von ihnen
berrascht, entdecke neue, schon halbvergessene Schnheiten. An den
Percy Hotspur hatte ich schon beinahe ganz vergessen, da ist er wieder,
willkommen, mein Held, denkst du noch an unsere letzte Begegnung vor
drei Jahren, in drei Jahren also auf Wiedersehen!... Aber mein Glauben,
da ich alle diese Dinge und noch einige andere, mir unentbehrliche, zu
jeder Zeit im Kopf habe, ist doch nur Fiktion. Dadurch entstanden, da
ich sie jeden Augenblick wieder auffrischen kann ... Wenn ich aber nun
sterbe, dann ist doch diese Hoffnung auf weitere Periodizitt zu Ende.
Dann kann ich nichts mehr auffrischen. In diesem Moment wei ich nur
das, was mir gerade aktuell (nicht nur potentiell) im Kopf ist. Und ein
groer Teil, ja der grte der Dinge, die ich liebe, wird also schon
lange vor mir gestorben sein; -- zu jener Zeit, da ich eben nichts
ahnend zum letztenmal die Percyszenen gelesen habe und ihre Details
vergesse, sterben sie. Diesmal ist es ein Vergessen fr die Ewigkeit ...
Mit einem Satze: ich kann nicht in einem Moment meiner vollsten
Ausbreitung sterben. Ich sterbe allein, ohne meine liebsten
Lebensbegleiter. Sie haben sich schon lngst, zu verschiedenen Zeiten
von mir verabschiedet, allmhlich, einer nach dem andern, ohne da ich
es bemerkt habe. Vielleicht ist heute, whrend ich dieses schreibe,
schon ein Teil meines Ich, meines Wissens und meiner Gefhle tot, tot
fr immer und ich wei gar nichts davon ... Diesen Zustand immer vor
Augen, ist es da ein Wunder, da ich den Erlebnissen meines Daseins mit
einer berzrtlichen Hingabe entgegenkommen mchte, da ich sie immer,
wenn sie wieder auftauchen -- zum Beispiel den Einsatz der Geigen in der
Zweiten Brahmssymphonie, den Napoleon von Lautrec usf., -- wie Freunde
begre, die noch einmal zu sehen ich kaum erhofft habe ... Ja, es hat
neben den komischen auch seine rhrenden Seiten, wenn man mit dem Tode
sich auf guten Fu stellt, wenn man dem allgemeinen und nichtssagenden
Sterben es vorzieht, schon bei Lebzeiten seinen eigenen, ganz privaten
Tod zu haben.




Unter Kindern


Viele Nachmittage in diesem Sommer verbrachte ich unter Kindern. -- Eine
schne, gtige Dame, die mich kannte und mein Vergngen an neuen Dingen,
lud mich fters auf ihre Villa ein, nahe bei Prag. Die Ortschaft heit
Koschirsch. Dort sind Obstpflanzungen, Grten, Restaurants fr
Ausflgler, auch ein paar Fabriken, die aber der Luft nicht weh tun, und
vor allem ein Zug der herrlichsten Anhhen, voll von Gestrpp, Bumen,
versteckten Pfaden, Drahtzunen und feisten Grasbscheln, ber die man
ausrutschen mu.

Die Dame wute wohl, da zehn Jahre viel Zeit sind und da ich
inzwischen viel Kindliches vergessen habe, wenn auch nicht alles. Und
diese Dame hat zwei Kinder, ein lustiges Mderl und einen khnen,
schlanken Buben, und die haben Freunde und Freundinnen, da gibt es oft
Gesellschaften. Da war ich also auch mit eingeladen.

Lrm, der zum Himmel dringt, ungeheurer Lrm, Kreischen noch darber
hinaus wie eine Feuersule aus einem Dorf, die Hnde geschttelt und
gerissen, Gruppen, die einen Schritt zwischen Laufen und Tanzen
einschlagen, Gesprche in drei Worten und beendet durch einen Schlag auf
die Schultern, Mdchen, die sich durch Ketten anderer drngen, sich
paarweise fassen, bereinander kollern, immerwhrendes Lachen durch
dieselben Lippen hindurch, die ebenso immerwhrend auch reden ...
Anfangs ging es mir steif durch den Kopf, es war mir unbegreiflich.
Diese vielen winzigen Gesichter, und sind sie nicht alle einander
hnlich, ja gleich?... Und diese Bewegung, wird dir nicht der Arm mde,
wenn du zusiehst, wie zwecklos und auer sich dieser Knabe wie eine
Radspeiche den seinen dreht und dazu redet und lacht noch obendrein,
alles zugleich? Die Luft mu dir ausgehn ... Aber ich gewhnte mich
daran. Bald verstand ich alles, ich unterschied diese hnlichen Augen
und Nschen, nannte jedes mit dem Namen. Pltzlich war ich
eingeschrumpft, nach dem Mastabe kindlicher Angelegenheiten fand ich
die kurzen Gartenwege lang wie Landstraen, und die Beete waren nur noch
da zum Dreintrampeln. Ich schrie mit. Ich bot meine Kenntnisse an, und
es bildeten sich Spiele, wie ich wollte oder wie ein anderer wollte
manchmal. Sprach ich einen Vorschlag aus, so war ich ngstlich aus
Ehrgeiz und krnkte mich, wenn er nicht angenommen, gar interesselos
berschrien wurde.

Bald verstand ich alles. Alle Kinder wollten neben dem Haustchterchen
sitzen, denn sie war Geburtstagskind und gab das Fest. Sie stritten, sie
schlossen Vertrge: Also du bist jetzt bei ihr, aber auf dem Heimweg
komm' ich dran, das war die wichtigste Angelegenheit. Aber eine wurde
vorgezogen, Bascha, die hbsche Polin, die am lautesten schrie
(manchmal, denn manchmal auch schrien alle am lautesten) und die von der
Schaukel stundenlang nicht fortzubringen war ... Es begann zu regnen,
die Bume im Garten bekamen schwarzgrne Bltter im Schatten tiefer
Wolken, dunkel war es, feuchte Luft stieg aus dem nassen Gras wie aus
Hhlen. Man sah, wie in helleren Regionen des Himmels graue Wolkenzipfel
sich drehten, im Drehen auflsten, wie sie als Regen im Fall
verschwanden. O weh, sagten die Erwachsenen und bedauerten die Kinder,
jetzt ist der Ausflug verregnet. Aber die Kinder machten sich nichts
aus dem bichen Wasser, sie lachten weiter, und eine sah ich mit
erhobenem Zeigefinger im strmenden Gu durch die Allee hpfen, mit dem
Triumphruf: Es regnet nicht mehr, es regnet nicht mehr.

In der Veranda wurde gegessen, groe Butterbrote, Kaffee, manche
erklrten sich fr Milch. Und man sprach von der Schule, hauptschlich
vom Dividieren, das war der Erbfeind, die Schattenseite des Daseins.
Auch der Herr Lehrer war eingeladen, und nun bildete sich in der Ecke,
mir zunchst, eine eifrige Verschwrung. Pltzlich brach eine helle
Stimme aus: Bitte, Herr Lehrer, werden wir morgen nicht dividieren?

Dann habe ich mit den Buben Raupen gesammelt, eine groe Heuschrecke auf
die sanfteste Art gettet, nachdem ihr vorher einer ein Bein ausgerissen
hatte ... Es wurde wieder schn, und wir erstrmten die Hgel, die
Dppler Schanzen mit Hurrageschrei. Man fing eine Blindschleiche, die
wie ein Stock in der Hand erstarrte, und sekierte sie, was ich auch
sagen mochte. Bis ich drohte. Dann kamen die herrlichen Spiele meiner
Jugend: Nationale, Ruber und Polizei. Die Polizisten mssen zuerst
auf dem Bauch liegen, das Gesicht in den Hnden, und drfen nicht sehen,
wie die Ruber sich verstecken. Dabei sollen sie bis dreihundert zhlen
... O wie fielen mir in dem Lrm alle Erfahrungen und Schliche aus den
Kinderjahren ein, von der Schtzeninsel, als wir noch unter den
Brckenbogen spielten. Diese Streitigkeiten: Sie haben geschaut,
Nein, Die Ruberhhle darf nicht bewacht werden. Dann wie man in
rasender Eile zhlt und immer das Zhlen dem berlt, der grter
Virtuos im Schnellzhlen ist und in neuen Schwindeln. Man zhlt immer
nur bis zehn und merkt sich die Zehner, denn da gibt es weniger Silben
auszusprechen bei eins, zwei, drei als bei einundzwanzig,
zweiundzwanzig, dreiundzwanzig. Fr halb und halb erlaubt gilt es auch,
statt der letzten fnfzig langsam bis zehn zu zhlen, und wie hastig
ist dieses langsam. Doch die Ruber sind schon versteckt. Aus einem
sichern Gebsch lcheln sie ber die vergeblichen Operationen der
Polizei, laufen dann weit, um sie irrezufhren. Und wie war es da Freude
und Stolz, kriechend sich die Hnde zu zerkratzen, die Hosen
aufzuschlitzen im Winkel. Und gar zu rennen ber die Stoppelfelder hin,
die hart sind wie das beste Pflaster und noch berdies durch Knacken bei
jedem Tritt ein lustiges Gefhl ihrer Hrte dem Laufenden mitteilen. Wie
der Wind blies! Wie sich das Gelb einfrmig bis an den Himmel hob und
nichts mehr vor mir lag, auch in meinem Geiste nichts anderes, als diese
Flche, die zu berlaufen war, geradeaus! Wie wir dann berraschend auf
der anderen Seite erschienen, wo niemand uns erwartet hatte, und
tollkhn, die letzten Mohikaner, den steilen Abhang hinunter mehr
sprangen, strzten als rannten, durch die angedonnerte Meute
hindurch!... Ja es war Gesundheit und voll Frohsinn, nie mehr werde ich
mich so frei fhlen, wie in diesem Augenblick des Herunterrennens, so
glanzvoll und so mit Recht bewundert!

Nein, zehn oder fnfzehn Jahre sind nicht viel, ich habe sie gestrichen.

berdies nannten die Erwachsenen mich ein Kind, und ich mute mit ihnen
die Villa besichtigen, das Speisezimmer, das Bad, das Klavier, und so
fort. Aber ich hrte -- es drang durch die geschlossenen Fenster -- das
Jauchzen der Kleinen, aus dem Garten, von den Bergen her. In diesem
Moment wurde ich wirklich ein Kind. Tiefer Schmerz befiel mich, da ich
nicht unter den andern mit unten sein durfte, da ich mich langweilen
mute, wie frher auf Spaziergngen mit der Gouvernante lngs des Quais.
Drauen rauschten die Bume, so hell warf die Sonne Funken durch die
naglnzenden Bltter. Da fate ich die Hand der guten, schnen Dame und
bat schon, man mge mich zu den Kindern fortlassen...

Der Sommer ist vorbei, und nun bin ich wieder allein, ein erwachsener
Schriftsteller fr sterreich und das Deutsche Reich.




Der Ordnungsliebende


Nun wnsche ich mir seit heute frh eine Insel.

Eine Insel zum Ordnen.

Ordnungsliebe ist meine geheimste und eigentlichste Eigenschaft, daran
zweifle man nicht, bitte. Aber jahrelang habe ich leider keinen Ausweg
fr sie gefunden, keinen andern Ausweg als schbige Pedanterien ohne
Erfolg, peinvolle Anstrengungen. Deshalb eben freue ich mich heute so,
seit dem Frhlicht, da ich ber die Steinbrcke ging. Denn nun wei ich,
wohin ich strebe, was ich mir wnschen soll...

Seit lngsten Jahren ist es meine Sehnsucht, irgendein Ding genau zu
ordnen, durch Ordnung zu beherrschen, ber seine kleinlichsten
Vernderungen zu wachen und frmlich Buch zu fhren, es grndlich in der
Hand zu haben, ohne da ihm eine dunkle Ecke brig bliebe, wahrhaft zu
einer Kolonie des eigenen Ich es auszugestalten ... Aber ahnt man, wie
schwer das ist? Gewi gehrt es zu den kompliziertesten Unternehmungen
unseres Erdballs, ohne da sich bisher ein Ruhm oder auch nur eine
Aufmerksamkeit fr das berwinden dieser Schwierigkeit gezeigt htte. Es
ist ein bisher noch nicht gewrdigter Sport, den ich entdeckt habe. Und
eigentlich mehr als kompliziert. Ich will gleich die Wahrheit sagen: es
ist unmglich. Ehemals habe ich versucht, meinen Schreibtisch zu ordnen.
Das war eine meiner Jugendtorheiten, ein idealistischer Zug der zarten,
unerfahrenen Seele ... Wie schn habe ich davon getrumt, ihn
bersichtlich geschlichtet zu haben, jede Ecke und Schadhaftigkeit der
kastanienbraunen Schreibmappe zu kennen, ihre Lage genau nach eigenem
Willen zu bestimmen und die Zentimeter zu wissen, die ihr Rand von dem
Rand des Schreibtisches, von dem grn eingepflanzten Tuch Abstand hat.
Dann die Bcher! Jedes einzelne durchforscht, alle Worte, alle
Beistriche darin auf den ersten Handgriff zugnglich wie Sklavinnen im
Serail, und jedes unintriguant an seinem Platz, ohne Widerrede. Hier die
Briefe, hier die Papiere, das Tintenfa ohne die mindeste Verzierung
eines Kleckses an seine gewisse Stelle gezwungen, von der es sich nicht
rhren darf. Lauter Kettenhunde. Willige Lschbltter, ein Messer wie
zum Rasieren, Lineale voll Pflichtgefhl, Federn von biederem Charakter
und ganz nahe auf geringstem Raum aneinander gepret, Tinte mit
deutlicher Abneigung gegen Staubkrner. All dies wie etwas Ewiges, dem
Wechsel der Zeit entrckt, aus dem allgemeinen Raum in einen Privatraum
meines Fabrikats gehoben, frei von der blichen Kausalitt ... Wie
herrlich: ich wrde aufhren zu arbeiten, aus Angst, dieses Heiligtum zu
beflecken, und nur an manchen Abenden behaglich mchte ich die Lampe
entznden, um verzckt und voll Andacht dieses Wunder von Ordnung,
Przision, Dienstfertigkeit zu betrachten, so gemtlich und mit einem
sichern Haushalt zufrieden; an unruhigen Abenden, whrend drauen wst
die Bohmiens zu den trostlosen Sprngen ihres ungeordneten Lebens
ansetzen...

Ach, da es ein Traum geblieben ist!

Unmglich, einen Schreibtisch bis zur letzten Feinheit zu ordnen. Ganz
einfach, weil es unmglich ist, die Grenze dieses Schreibtisches zu
bestimmen. Seine Holzfe verlaufen unmerklich in das Holzparkett des
Fubodens, trpfeln wie Regenlinien ins Meer, die Zimmerwand berhrt ihn
mit ungeschickter Zrtlichkeit, andere Mbel stoen an, es ist ein
kameradschaftliches Kitzeln und Winken von allen erdenklichen Dingen
her, schlielich bemerkt man (man bemerkt es rgerlich), da kein Ding
in der Stube einer gewissen Beziehung auf diesen Schreibtisch entbehrt.
Die Stube wieder steht mit allen andern Rumen des Hauses in Verbindung,
das Haus ist auf der Strae, die Strae gehrt der Stadt, die Stadt
rechnet sich zur zivilisierten Welt ... So kommt es, da man als
gewissenhafter Mensch, um einen kleinen Schreibtisch zu tyrannisieren,
schlielich die ganze Welt in Ordnung bringen mte; eine Aufgabe, die
man vielleicht aus Bescheidenheit, vielleicht mit Rcksicht auf
mangelhafte Sprachkenntnisse ablehnt...

Das Unendliche und die Zusammenhnge. Nun habe ich die siegreichen
Feinde meiner Ordnungsliebe genannt. Doch scheint es mir, als wrden sie
von heute an nicht siegreich bleiben. Ich habe die Steinbrcke
beschritten, ich habe zufllig einen Blick der Inselflche unter ihr
gegeben ... Ich will nicht prahlen, mglicherweise ist all das ein
Irrtum ... Aber nein, ich glaube wirklich, da diese Insel etwas
Abgeschlossenes ist, wie nichts anderes in der Welt. Das Wasser ringsum
und die Mauer des polierten Quaderquais sind so brav, mit nichts
auerhalb zu kokettieren. Wohlan, die Insel liegt da, nichts als Insel,
punktum, keine Gemeinschaften mit unvorhergesehenen Kameraden. O diese
Insel. Und zumal im Herbst, wenn keine Belaubung strt. Zweifellos
knnte ich sie subern, unterwerfen, regieren. Jeden Morgen wrde ich an
einem Ende beginnen und, kriechend auf allen Vieren, die Bltter vom
Boden klauben, das Gras abmhen, die Bnke putzen, die Spatzen
erschieen. Sie knnte mein kleines Knigreich sein, wo nichts ohne
meine Einwilligung vor sich geht, spter wrde ich die Bume fllen, die
Beete umhacken, um mir die Arbeit zu erleichtern. Natrlich drfte kein
Mensch Zutritt haben ... Allmhlich mte alles Leben und jede Zuckung
in meinem Gebiete aussterben, nichts bliebe als eine Sandflche von
geometrisch genau berechenbarer Gestalt und einer bestimmten
gleichfrmigen Farbe, hart in den Quaigrtel gepret und durch den Flu
nach allen Seiten begrenzt, ein hchstes Musterbild der
bersichtlichkeit und der eindeutigen Regel, und so durch kahle
Erstarrung wie ein Fremdkrper aus diesem zappeligen Dasein
ausgeschieden...

Ich werde mich an einen Staat wenden und ihn bitten, mir eine seiner
Inseln zu schenken, eine ganz kleine Insel zum Ordnen...




Panorama


Hat niemand mehr Lust, mit mir in ein Panorama zu gehn? Diese
Vergngung, obwohl sie ja dem Namen nach alles, rundweg alles, was man
nur sehn kann, darzubieten verheit, gehrt keineswegs zu den heutigen
und irgendwie begnstigten, sie ist eine ruhige, altmodische Vergngung
und kann als solche dem Tempo unseres Zeitalters natrlich nicht mehr
nachkommen. Das Panorama wird bald die symbolische Zufluchtssttte aller
Unzufriedenen mit unserer Zeit sein, wird ein dunkles, melancholisches
Vergngen mit viel Bitterkeit auf dem Grund, bekommt -- wie alles, wo
solche Schwchlingsopposition sich einnistet -- einen Beiglanz von
Poesie, von verlorner Kindheit, von ser und hchst angenehmer
Faulenzerei, von all den lieben Dingen, welche der starke und, wie man
zu sagen pflegt, gesunde Hauch der Neuzeit etwas angegriffen hat; wir
werden ja sehn, was ihnen nachkommt. Weniger trumerisch ausgedrckt:
die Panoramen gehn halt ein. Billigerweise mu eine harmlose
Einrichtung, die auf einem so ganz einfachen physikalischen
Kunststckerl, wie das Krperlichsehn ist, beruht, dem neuen und
kompliziert-technischen Hervorzauberer beweglicher Landschaften und gar
lebendiger Wesen das Feld rumen. Armes Panorama, Vergngung unserer
Groeltern, berbleibsel der Biedermeierzeit: jetzt erregt unsere Nerven
der Kinematograph. Wir wollen beflimmert sein, frmlich von wechselnden
Augen aus kreidiger Leinwand heraus angeschaut, nicht selbst ruhig und
sanft durch zwei Gucklcher in eine schwarze Kiste blicken.

Wie dem auch sei, wir treten ein. Das Gefhl, da es heute vielleicht
zum letztenmal ist, lassen wir vorlufig gar nicht erst aufkommen. Aber
whrend wir uns an dem hflichen, unsagbar freundlichen und dabei gar
nicht hbschen Billettfrulein vorbeibewegen, durch geraffte,
staubigrote Portieren in den Raum treten, der die groe Holztrommel mit
den Weltbildern fat -- und schon hren wir das akzentlose, wie seit
Ewigkeit vorhandene, nagende Ticken des Uhrwerks--: whrend wir also
alle Vorbereitungen treffen und den Hut an einen Rechen hngen, mssen
wir doch dem allerdings gefhrlichen Gedanken nachgehn, da niemand auf
der ganzen Erde sich so feinfhlig und gtig benimmt wie Kaufleute,
denen es geschftlich nicht gut geht, am besten: die vor dem Konkurs
stehn. Scheint es nicht, als ob alle Menschlichkeit und gute Erziehung,
Selbstbeherrschung und Demut in solchen liebenswrdigst zusammentrfen.
Als ob ihre gar nicht mehr erzwungen klingende Aufmerksamkeit gegen die
Kunden, ihr Witzigsein und ihr ernstliches Besorgtsein um mein so
bescheidenes Einkaufspaket, ja noch um die Schnurmasche an diesem Paket,
ihre vorbildliche Heiterkeit im Geschftsgesprch sie selbst fr ihre
peinliche Lage reichlich entschdigen mten. Ich kannte einen solchen,
einen Photographen, den die Konkurrenz verbesserter Apparate ruinierte;
in der kritischen Zeit glich er einem zarten shakespearischen Edelmann,
so gewhlt waren seine stets vernnftigen Worte, so fein sein Anstand.
Ein Muster des guten Tons war er, eine Blume seines Standes. Nun, ein
solcher Schimmer von Selbstlosigkeit und Moral breitet sich auch ber
niedergehende ganze Unternehmungszweige aus, niedergehende
Unternehmungen haben etwas Aristokratisches und selbst ihre
Angestellten, wiewohl gegen monatliches Fixum verpflichtet (jawohl, mein
hfliches Frulein), gewinnen Anteil an diesem ein wenig
verweichlichten, slich duftenden Altjungfernhimmel der Gerechten;
weiche, schwarze Seide, billige, und etwas welker Bltenflor stnde
ihnen gut zu Gesicht, doch genug davon, sonst werde ich noch ganz und
gar traurig. -- Dieses Zimmer ist von einer heillosen, sprachlosen
Wehmut, in seiner Dunkelheit, die nur von der Decke her ein wenig
rckstrahlendes Licht beregnet, es wird einem wirklich ganz feucht um
den Hals, und dazu funkeln paarweise die Fensterchen wie winzige
Kabinenluken eines fernen Dampfers. Doch jetzt erhebt sich ein Laut, ein
allgemeiner, durch den ganzen Raum fortschtternder, wie ein im Schlafe
gelalltes Wort, ein halbgelhmtes Aufatmen, die einzige Lebensuerung
dieses Kosmos, rttelnd an seinem ganzen Bau -- es ist nichts, nur die
Bilder sind weitergerckt und ein Glckchen hat das Zeichen dazu
gegeben. Ruhe ist wieder eingetreten, zum Weinen tiefe Ruhe ...
Vergraben wir uns also schnell bis an die Ohren in die Schaumuscheln und
flchten wir -- dazu ist ja das Panorama da -- aus der Nsse
heimatlicher Lebensbedingungen in fremde, schon durch ihre Entlegenheit
oder gar durch bessere Sonnen gewrmte Gegenden, frischen wir vergangene
Geographieschulstunden auf, sei es durch eine Reise ber das Weltmeer,
sei es in Florenz. Ich sah neulich Bitlis, die Hauptstadt von Kurdistan,
ich fand es gemtlich dort zu wohnen am Fue einer uralten Festung, die
Hauptstrae herunterzubummeln, welche auf der einen Seite den aus harter
Steppenerde gegrabenen Wall hat, auf der andern einen schmalen,
schnellen Flu mit einem Halbmondbrckchen aus Stein darber. Ich war
auch einmal in Ceylon, sah fremdartige wie aus Hanf gewebte Schiffchen
an der Kste eines Landsees, ihre Ankerseile gespannt zum Greifen. Ein
Mdchen, vielleicht eine junge Frau, lchelte mich an in der Nhe von
Kapstadt, angesichts des Tafelberges lchelte sie aus guten, starken,
weien Zhnen. -- Doch damit die Illusion nicht zu ergreifend werde,
sind die Bilder handkoloriert wie schlechtere Ansichtskarten. Da gibt es
spaige Bume aus Grnspan, der Boden ist zitronengelb und mit drei
immerwiederkehrenden Nancen mssen sich alle die bunten Trachten eines
sizilischen Volksfestes zufriedenstellen. Dann dieser Himmel, er ist
glasig grnblau, sehr transparent und milde, auch die heftigsten Wolken
bewahren das Durchsichtige, etwa wie schmutzige Wnde eines
Tintenfasses, und werden niemals regnen. In diesem Glasgrund der
Diapositive finde ich die schne, heitere Stilisierung, die Erdferne der
Panoramawelt. Zu Glas vereist das hurtige Bchlein mit seinen Schatten
unter den dichten Waldbumen, Glas zeigt sich unterbrechend in dem allzu
naturwahren Gesicht eines Bettlers, und nicht nur Kirchenfenster sind
glitzrig, auch ihre Reflexe auf dem Estrich haben etwas seltsam
Materielles, man glaubt sie unter den Schritten der Pilger knistern zu
hren. Anllich dieser Kirchenfenster kann ich berdies nach so viel
Lob des Panoramas einen Tadel aus Gerechtigkeit nicht unterdrcken:
Interieurs von Kirchen, auch von Palais und Gemldegalerien geben keine
schnen Panoramabilder. Sie wirken flchig, tot, versperrt. Wenn ich
daher auf dem kalligraphierten Programm in der Auslage meines
Stamm-Panoramas allzu oft die Worte Inneres von-- lese, vermeide ich
es, trotz des geringfgigen Eintrittsgeldes von zwanzig Hellern,
einzutreten. Ich halte derartige Aufnahmen fr stilwidrig, fr eine
Verkennung des Panoramastils. Autoren von Panoramakollektionen sollten
(falls sie berhaupt vor dem endgltigen Untergang ihres Metiers noch zu
theoretischen berlegungen kommen) ihre Bemhung dankbaren Gegenstnden
zuwenden, denen sie im Kreis ihrer Methoden neue Wirkungen entlocken
mgen. Denn keine Kunst berschreitet ungestraft die Grenzen ihrer
legitimen Macht. Gute Bilder sind, zum Beispiel, Straenszenen, weite
Ausblicke, kurz alles, worin plastisches Hervorheben und Abstnde zur
Geltung kommen.--

Nun wieder etwas Trauriges: ich habe einmal, durch unziemliche Neugierde
verleitet, den Vorhang zu meinen Fen, der rings um das Polygon
gespannt war, gehoben, um in das Innere dieser oft so lebensvollen,
weiten Gegenden zu gelangen, und ich dachte nichts anderes, als nun ganz
bestimmt in ein wrmeres Klima, nach Italien oder zwischen fahnen- und
segelartige Firmen einer japanischen Gasse zu kriechen. Aber als ich
mich bckte, sah ich nichts als einen leeren Raum, diesen grell
beleuchtet von einem in der Mitte an einer Eisenstange hoch
emporgereckten, nackten Glhstrumpf, dumpfige Luft, den schmutzigen
Boden mit drei oder vier ausgebrannten Zndhlzchen, und gar nichts von
Farbe, denn ich hatte den Kopf schon hinter dem Grtel der berraschend
winzigen Bildchen, der von einem Zahnrad getrieben ruckweise vorging. So
starrte ich erschrocken in ein hellstrahlendes, ganz kahles Geheimnis,
und ich besa den Leichtsinn, einen Augenblick zu denken, auch unsere
Welt, die uns so raffiniert betrieben dnkt, knnte in ihrer Mitte so
eine leere, schweigsame, einfache, gleichgltige Hauptsache haben. Doch
lehnen wir das ab, es ist unwissenschaftlich, laben wir uns dagegen an
den historischen Toiletten, die mit der ganzen Unbefangenheit des
damaligen Modernseins auf diesen Bildern getragen werden, vor Europern
wie vor Eingeborenen, an den Htchen, culs de Paris, den Ballonrmeln,
die man schn fand, als in Wien die Rotunde neu war. Ja, diese
Bilderserien reisen von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, wie sie auch von Stadt
zu Stadt reisen, ihre Figurinen haben daher das Unbewut-Hilflose, das
Komische von allem, was nicht mehr ist und nicht bei uns ist. Mit
verhaltenem Mitleid kommen wir ihnen am besten entgegen und doch waren
sie, die Stutzer, auf allen Bildern wiederkehrend, waren die damals
hchst gegenwrtige Reisegesellschaft des Stereographen oder seine
mchtige, einflureiche Gemahlin, die bald auf zertrmmerten Sulen
einer schottischen Abtei sitzt, bald vor einem Zulukraal mit
zugekniffenen Augen der Sonne trotzt. Wir kennen sie schon, die gndige
Frau. Und wir sind berhaupt von Langeweile nicht allzuweit entfernt,
wir beobachten schon nicht mehr die Bilder, sondern vielmehr den Moment,
in dem sie doppelt hereinschweben, schattenhaft anprallen mit Gerumpel
(dem einzigen Lebenslaut in dieser Karthause), nicht stehn bleiben
knnen und endlich wackelnd sich beruhigen. Die Bilder bleiben uns zu
lang. Dann wieder gibt es andere, die offenbar nur krzere Zeit, zu kurz
vor dem Auge stehn, deren Einzelheiten man hastig durchsucht, umklaubt,
frmlich in Unordnung bringt aus lauter nervser Angst, da das Ganze im
nchsten Augenblick davonfedern mu. Das Totenglckchen von der Wand her
klagt man, wiewohl man wei, da es mechanisch die Zeit abmit, der
Ungenauigkeit und Willkr an. Ja, der Mensch ist eben eine ganz
besondere Uhr. -- Man knnte nach all dem glauben, da ich ein Freund
der Panoramen bin, ein Sentimentaler. Aber weit entfernt davon sehe ich
kaum den Vorzug, den die Unterhaltung im Panorama vor dem Durchblttern
irgendeiner illustrierten Reisebeschreibung haben sollte. Hchstens den,
da man gezwungen wird, alle Bilder eine gewisse gleiche Zeit lang
(obwohl sie bald lnger, bald krzer ist) zu betrachten, und wenn man
dazu noch geldgierig ist, da man die ganze Runde zwei- oder mehrmals
ansieht. Denn das ist ohne weitere Umstnde erlaubt. Freilich knnte man
einwenden, da sich auch der Kino die Verlockung ununterbrochener
Vorstellungen zunutze gemacht hat. Aber -- nun kommt mein letzter Trumpf
-- in welchem andern Etablissement kann man, verliebt in ein besonderes
Bild, diesem von Guckloch zu Guckloch, von Sessel zu Sessel folgen und
einen ganzen Nachmittag lang nichts als dieses Eine vor der Seele haben.
Wo, ich bitte? Im Panorama nur, im altmodischen, dessen smtliche Sessel
mit oder ohne Lederpolster beinahe immer leer sind; so sieht man am
Schlu meiner Betrachtung die Vortrefflichkeit dieser Einrichtung wieder
mit ihrer Verlassenheit zusammenfallen, was ich berdies nach so vielen
vorbereitenden Akkorden in grobe Worte zu fassen wohl gar nicht mehr
ntig gehabt htte. Nur unruhige Kinder gehn noch hin, verarmte
ehemalige Hochzeitsreisende schwelgen in Erinnerungen, unttige
Offiziere suchen passende Schlachtfelder fr ihre phantastischen
Kolonialkriege. Man kann auch mit einer Dame ins Panorama gehn und, wenn
man sich so setzt, da man die Vorhand hat, ihr mit Kennerschaft die
Bilder, die sie zu sehn bekommen wird, angenehm vorerzhlen: Du, aber
jetzt kommt was Schnes... Nur mu man wissen, da ein Bild im
Holzrahmen immer verdeckt bleibt, da also das meine erst als
bernchstes (nicht als nchstes) zu ihr kommt, und wenn ich (wie
natrlich) noch so dicht neben der Schnen sitze.




Kinematographentheater


Mitarbeiter der Firma Path frres, Paris, stelle ich mir so etwa vor:
nach neuen kinematographischen Ideen ausstreifend durch die
bekannt-schne Umgebung von Paris kommen sie, beispielsweise, zu einer
Sandgrube. Sofort ruft einer: Voil! usf., auf franzsisch natrlich, zu
deutsch ungefhr heit es, da seiner Ansicht nach hier die beste
Gelegenheit fr eine neue Aufnahme wre, die man dann Drama in den
Goldminen Kaliforniens nennen knnte. Und schnell werden die
notwendigen Utensilien herbeigeschafft, wie breitkrmpige Hte,
Revolver, Seile fr Goldlasten, Kurbeln, Patronengrtel, quer um die
Brust zu schnallen, und los, man spielt schon unter Aufsicht des
gigerlhaften Regisseurs Wildwestmanieren auf den Film ... Oder ein
flaches Magazindach gibt diesen Romantischen Anregung zu maurischen
Zitadellen, ein Sumpf zu Ritten durch die Wste Gobi, ein
vorbeifahrender Kulissenwagen zu allen Szenerien der Erde ... Und nicht
als Tadel sage ich das, nein, es entzckt mich ja, da gerade durch
diese Edisonerfindung, die anfangs nur nchtern kopiertes Leben sein
wollte, so viel phantastisches Theater in die Welt gekommen ist ... Nun
sitze ich manchen Abend vor der weien Leinwand und, nachdem es mich
schon beim Eintritt jedesmal belustigt hat, da es hier eine Kassa, eine
Garderobe, Musik, Programme, Saaldiener, Sitzreihen gibt, all dies
pedantisch genau so wie in einem wirklichen Theater mit lebendigen
Spielern, nach dieser, wie mir scheint, witzreichen Beobachtung macht
mich das leise Sausen des Apparats siedend vor Erwarten. Ich habe die
Liste studiert, ich wei, welche Nummer belehrend, welche urkomisch,
sensationell oder rhrende Szene aus dem wirklichen Leben sein wird.
Und bald verfinstert sich der Saal zu einer Reise nach Australien. Ich
sehe Straen, Menschen, die vorbeigehn, sehr schnell trotz aller
Behaglichkeit, manche bleiben stehn und unbeteiligt schaun sie unter
ihren australischen Mtzen her zu mir. Gr dich Gott, Mensch, du siehst
mich nicht, vielleicht bist du schon tot, einerlei, sei mir gegrt!
Sodann erlebe ich eine Feuersbrunst, Alarm, die pflichtbertreue
Lschmannschaft im Ansturm. Es kommt mir vor, als htte ich denselben
Brand auch auf einer Reise durch Chikago schon erlebt, aber vielleicht
tuscht mich da mein kinematographisches Gedchtnis. berdies bin ich
nicht nach Australien gekommen, um nur Brnde zu sehn; gleich werde ich
durch zwei Schienen berrascht, die auf mich zugleiten, ich sitze
nmlich in der Lokomotive eines Blitzzuges, ich erfreue mich an Bergen,
Flssen, Eingeborenen, an dem absoluten Nichts im Tunnel. Typen aus dem
Innern des Landes; wie immer bei exotischen Aufnahmen fehlt der Raseur
nicht, nicht der eingeseifte Schwarze, der Grimassen mitteleuropischen
Varietstils schneidet. Schlu, berraschend, ach warum schon? Aber das
folgende ist nicht schlechter. Die Wissenschaft hat ihr Recht bekommen,
jetzt zappelt das Frhliche an die Reihe und mit Adagiobegleitung eines
Wiener Liedes die Tragik. Da sind die Zaubereien, geduldig kolorierte
tausend Photographien, Verwandlungen der Blumen in Ballettmdchen,
Brahminen mit langen Brten, beltter, denen der Kopf abfllt wie
nichts, Schwebende, Reisende zum Mond, Gottheiten, der Teufel.
Geschehnisse des Alltags wollen nicht fehlen. Falschmnzer werden
entdeckt, Verbrecher nach langer Verfolgung gefangen genommen, arme
Kinder gefoltert, Familienvter unschuldig verurteilt, gerettet im
letzten Augenblick. Ich kenne das auftretende Personal schon ganz genau,
genau den Knaben, der sich vor Lachen kaum halten kann, immer wenn er
weinen soll. Dieser betrogene Gatte war gestern ein nicht zu rhrender
Bruder. So erfllt sich die Gerechtigkeit, ber die einzelne Tat hinweg.
Dies bewundere ich; noch mehr aber, wie durch Gesten die
kompliziertesten Voraussetzungen deutlich gemacht werden. Man sieht:
dich hasse ich oder warum hast du gestern meinem Onkel gesagt, da
ich um halb sechs Uhr noch zu Hause war? oder auch der Sohn dieses
Mannes hat mich vor zwanzig Jahren bestohlen. Und nur das eine
erscheint mir rtselhaft, da gewhnliches Sprechen schon durch so starke
Gesten dargestellt wird: wie man kinematographisch jemanden andeuten
wrde, der in einem fremden Lande gestikulierend sich verstndlich macht
oder der von Natur aus zu heftigen Gebrden neigt. Indes zu Nachdenken
ist nicht die Zeit. Denn die zweite Abteilung berschttet mich schon
mit Bildern zum Kranklachen, wie das Programm sie nennt, mit
betrunkenen Brieftrgern, Naturmenschen, Galanen, die in einen Kasten
sich verstecken und dann die o! so lange, so zum Kranklachen lange Reise
im Speditionswagen, auf der Eisenbahn wippend mitmachen mssen.
Matratzen werden lebendig, ein Klebestoff ist unbertrefflich, der
Stiefel zu eng, Teller zerkrachen lautlos in Staub, Megren heulen,
Witzbolde lachen. Und ganze Versammlungen von Menschen, die einander
prgeln, ganze Kolonien von Leuten, die unter jeder Bedingung einen
davonlaufenden Pintscher einfangen wollen ... Die Lebendigkeit, mit der
so viel geschieht, hat mich schlielich aus meiner halbschlafenden
Daseinsart aufgeschttelt. Nun auf dem Heimwege werde ich zum Erfinder,
denke mir selbst neue Bilder fr den Biographen aus: eine Verfolgung, in
der einmal statt Automobil, Lokomotive oder Drsine zwei Schiffe
miteinander Wettlauf machen, ein Kreuzer und ein Piratenschiff, ber die
weite Meeresflche hin verringert sich immer mehr im wtendsten Schieen
ihr Abstand ... Das wre allerdings ein teurer Film. Um so billiger der
zweite, darstellend einen Dichter in einsamer Kammer, der ber die
Schwierigkeiten eindringlicher, doch rckhaltender Darstellung in
verzweifelte Wut gert.




Notwendigkeit des Theaters


Ich gehe allein durch die Stadt, in einer vollkommen zerworfenen
Stimmung. Ich bin so krank in mir, da ich dreiig Gesunde anstecken
knnte. Mein Kopf ist von literarischen Plnen erfllt, ich habe die
Sehnsucht, irgend etwas genau so darzustellen, wie ich es fhle, und
wr's auch nur was Geringes, so strahlend und klar als nur mglich es zu
sagen, nahe dem Ideal ... Ich komme ber eine Brcke, steige die breite
Seitentreppe hinab und auf der parkartigen Insel bin ich nun allein.
Tausend Gedanken bewegen mich, aber nichts ist da fabar, es scheint
mir, ich werde untergehn, heute abend ... Es ist Abend. Ich setze mich
auf eine Bank nieder, ganz im Schatten. Vom Quai drben breitet sich ein
Lichtschein in den Himmel aus, die dichten ste lassen nur ein paar
Sterne herein. Auf dem Boden der Allee ist aus diesen Sternen, sten und
stdtischen Lichtern etwas geworden, eine Verwirrung, eine Ruhe zugleich
... in diesem Augenblick, whrend ich zu Boden sehe, ergreift mich tief
die Schwierigkeit aller Darstellung. Was kann hnliches sein zwischen
meinen Worten und dem, was ich da sehe. Niemals, niemals. Ich empfinde
es im Herzen meines Herzens: gbe es nicht Beweise, Beispiele, da die
Menschen seit jeher Schriftstellerei betrieben haben, man wrde den
Gedanken daran als den unglaublichsten Wahnsinn verjagen ... Meine
Stimmung jetzt genau: man sollte glauben, da sie aufgeregt ist
irgendwie, da ich an Literatur denke. O nein, trotz allem bin ich jetzt
so glcklich und voll von einer zufriedenen Mdigkeit, wie nur selten,
ich fhle mich ganz bei mir, ich habe mich lieb, und die Gedanken an
Schreiben zersplittern mich nicht, sie sind nur kleine Liebkosungen und
das Hauptgefhl bleibt: es ist Herbst, und da ist Wasser, eine Brcke
... Ein Licht geht schnell ber das bluliche Wasser unter den andern
Lichtern, die stehn oder langsam gehn. Ich sehe den Quai nicht, nur die
Spiegelung. Da glaube ich, dieses rasche Licht war die Spiegelung einer
Tramway. Falsch, ein Kahn mit einer Laterne voran ist vorbeigeglitten,
ohne Gerusch, es war also keine bloe Spiegelung. Und wie die Lichter
lange Glanzlinien alle ins Wasser legen, das in kleinen Wellen
dazwischenstrmt! Diese Linien oder Flchen krzen sich abwechselnd
zusammen, dehnen sich aus, wie Gummibnder, an die man etwas gehngt hat
und die jetzt eine Weile elastisch auf und ab sich ziehen, ehe sie zur
Ruhe kommen ... Ich betrachte den Brckenbogen, die Balustrade mit ihren
kleinen Pfeilern hoch oben. Von Zeit zu Zeit eine Steinkuppel zur
Verzierung, nun leuchtet hinter einer solchen Kuppel ein Nimbus hervor,
ein wunderbarer Strahlenkreis; so sind auf Reklamebildern manchmal
Moscheekuppeln im Glanz, der dann die Worte trgt: Der beste Kaffee ist
usf. Ich wei, diese Strahlen kommen nicht aus dem Stein, gehren zu
einer mir unsichtbaren elektrischen Bogenlampe, die dahinter unten auf
dem andern Teil der Insel steht. Sie beleuchtet auch Bume, die ich
unter dem Brckenbogen hindurch sehe, ein hellgrnes Licht wirft sie auf
den nchsten, dann braun scheint eine andere Gruppe, mancher Strich
gelblich. (Auch Maler mten verzweifeln, fllt mir ein.) Und nun, hoch
oben zwischen den kleinen Pfeilern ziehn ununterbrochen Menschen vorbei,
Wagen, ein Lrm. Diese Brcke ist wie ein hohes Haus, von dem aber nur
das oberste Stockwerk benutzt wird. Und hier unten sitze ich allein im
Dunkel, ganz glcklich, bei mir. Wer das fassen knnte! Von Zeit zu Zeit
knackt etwas auf die Erde und zerschmettert, wahrscheinlich fallen die
reifen Kastanien, sage ich mir, und aus Vorsicht setze ich den Hut auf,
den ich bisher in der Hand gehalten habe. Zugleich, obwohl ich nichts
sehe, sehe ich die grnen, stachligen Frchte, innen so schn wei, ganz
zersprungen und zerschmettert auf dem harten Boden, und der braune Kern
mu davongerollt sein, vielleicht unter meine Bank. Noch zugleich
bemerke ich eine lange Reihe von Oleanderbumen, zwecklos. Oder zu
welchem Zweck? Vielleicht hat man sie aus der Restauration zum Lften
hergestellt. Ich hre Lrm. Auf dem ganz finstern Spielplatz kommandiert
ein Knabe, vier winzige Mderl stehn in einer Reihe, heben die Hnde,
marschieren, drehn sich um. Werden sie nicht zu spt zum Abendessen
kommen? Indessen sitzen zwei oder drei Gouvernanten und reden leise
miteinander, auf einer entfernten Bank. Ich stelle mir durch das Dunkel
hindurch vor, doch sehe ich nichts, da sie im Reden hnlich ruhig die
Hnde ausbreiten wie auf gyptischen Malereien konversierende Knige.
Nur einen Moment, das geht vorbei. Auch an meine Kindertage mu ich
denken, hier auf demselben Fleck haben wir bis in die Nacht hinein den
verbotenen Fuball gespielt. Und indessen huschen ber die beleuchteten
gelben, grnen und rtlichen Bume, die ich durch den riesigen
Brckenbogen hindurch fern im Hintergrund sehe, ganz flchtige Schatten.
Die Leute von der Brcke herab werfen also diese dnnen Schatten, das
sehe ich heute zum erstenmal, und diese Bume, die doch unregelmig
auch hintereinander stehn, wirken wie eine glatte, ebene Flche.
Merkwrdig! Aber sag' es einmal, sag' es doch so, da man es sieht ...
Ekelhaft. Aber die gute Luft! Die gute Luft auf dieser Insel! Es ist ein
milder Herbstabend.

Pltzlich erschien mir diese Baumflche mit ihrem Schattenspiel wie eine
Kulisse. Warum sitze ich nicht lieber im Theater, da hat man was
Sicheres, Abgegrenztes, statt allein ohnmchtig in dieser
problematischen, unendlichen Natur! Die Herbstsaison hat begonnen. Ich
werde fleiig ins Theater gehen, alles andere ist gefhrliche
Ausschweifung.




Torquato Tasso


Also ich habe beschlossen, jetzt hufig ins Theater zu gehen. Ich mache
den Anfang mit Torquato Tasso. Das Stck ist berhmt, aber ich habe es
noch nie gesehen, nicht einmal gelesen. Ja, so bin ich, ziemlich
ungebildet. Es ist richtig eine Premiere fr mich.

Ein italienischer Garten. Nun, ich htte mir Grten, in denen Dichter
mit Frsten spazieren gehen, anders vorgestellt, berschwnglicher. Und
geschlossener, nicht so fr uns Zuseher offen. Aber das liegt vielleicht
im Wesen der Bhne ... Und nun erklingen Verse, da beruhige ich mich
sofort, das ist schn...

Jemand strt, die Bankreihe herein. Ich schaue zrnend auf. Aber nicht
lange zrnend. Es ist Hede, das schne Mdchen, sie sitzt zufllig neben
mir.

Guten Abend, Frulein Hede.

Sie erkennt mich und streckt mir die Linke hin, da sie mit der Rechten
allerlei zu tun hat, die Nadeln aus ihrem Hut ziehen, die Bonbonniere
hinlegen neben den kleinen Handspiegel ... Hede, die lustige Gefhrtin
unsrer Nchte, jeden andern htte ich eher hier erwartet als sie.

Und ich sage es ihr auch.

Wissen Sie denn nicht, da ich jetzt auf Theater studiere.

Nein, seit wann denn?

Ich hab' schon drei Stunden gehabt.

Voll Stolz zieht sie aus ihrer Pompadour einen kleinen Flaschenstpsel
und zeigt ihn mir: Das mu ich jetzt immer im Mund haben und ben. Es
ist wegen der Aussprache... Wir reden weiter von andern Dingen, aber
sie hat keine Ruhe, sie whlt weiter in ihrem Tascherl und endlich
findet sie, was sie sucht, einen zweiten, ebensolchen Korkstpsel.
Sehen Sie, da hab' ich noch einen, weist sie mir ihn vor.

Das Parterre ist ziemlich leer, in unsrer Nhe sitzt niemand, so mssen
wir nicht frchten, da unsre Gesprche stren. Nur da da auf der Bhne
etwas geschieht, strt uns.

Ich bitte Sie, was geht denn da vor? Wovon handelt das Stck?

Ich sage ein paar Dinge darber, Nachklnge des Gymnasiums.

So, und was geschieht zum Schlu?

Er vershnt sich mit dem Antonio.

Das ist alles..? Sie macht ein enttuschtes Gesicht, eine Weile
schaut sie noch auf die Bhne, mit Anspannung, wie man einem
Entfliehenden etwa nachschauen wrde. Dann gibt sie sich mit einem Ruck
mir, sieht mich so lange von der Seite an, bis ich es bemerke ... Da war
gerade ein Klang, irgendein leiser Angstschrei des Genies, wie
Baudelaires Albatros zieht er traurig taumelnd vorbei. Ich fahre auf.

Wollen Sie das Opernglas, Frulein?

Ah nein, ich seh besser ohne Glas.

Wie gesund sie ist: von den dicken Wangen angefangen, bis hinunter.
Diesen Busen knnte man fr eine Merkwrdigkeit halten, so gro ist er,
so eine fremdartige Masse. Und unbegreiflich, wie sie ihn ohne Mhe
ertrgt, und wie er berdies in ihre Gestalt hineinpat. Ganz nahe bei
mir hlt sie ihre Schulter, dick, dick, dick. Und vollkommen schn und
immer aufs neue verlockend, unter diesem runden Arm seine Hand zu
wrmen. Nein, die haben wir noch nicht ruiniert. Eher gehen wir alle
zugrunde, als da dieser unerschtterliche Felsen von Lebenskraft wankt.
Wie sie atmet, wie ruhig! Nein, unsre Nchte haben sie nicht im
mindesten nervs gemacht, da ist ein Stck Natur und ergibt sich nicht.
Nicht einmal ein Opernglas braucht sie ... Es fllt mir ein, wie sie
einmal in einer Weinstube die Rcke hob und mit Stolz ihre weien,
widerstandsfhigen Schenkel zeigte, den schmalen Streifen wie ein weies
Strumpfband zwischen Hose und schwarzem Strumpf. Nein, da knnen noch
zehn Grostdte kommen, ihr geschieht nichts, der Hede. Sie ist ja noch
so jung. Damals war ich sehr mde, in dieser Weinstube, voll von Wein,
ehrlich gern wre ich schlafen gegangen, denn ich halte nicht viel aus.
Aber sie setzte sich auf den Tisch, und ein Schrei kam aus ihr heraus,
ein Jubel, wie ein Pferdeschrei ... Ja, ja, schne Beine hat sie, das
mu man sagen.

Warum sind Sie eigentlich nicht mehr beim Ballett?

Sie murrt etwas. Etwas, was sie offenbar selbst nicht begreift.
Irgendein Beschtzer hat entdeckt, da sie eine angenehme Stimme hat.
(Warum nicht, denke ich, sicher ist alles an ihr gesund und natrlich.)
Also jetzt wird sie Heroine.

Ich lenke sie wieder zur Bhne, denn ich mchte ja ganz gern dem Drama
zuhren: Wie gefllt Ihnen unsre Heroine?

Ja, sie hat eine angenehme Stimme. Eine Weile hat sie mit strengem
Gesicht aufgepat, whrend Eleonore sprach, dann kommt dieses Urteil ...
Der zweite Akt beginnt, ein kompliziertes Gesprch der Herzogin mit
Tasso. Liebt er sie eigentlich? fragt mich das Mdchen neben mir ganz
einfach. Ich, ebenso einfach: Ja.

Sie legt den Arm oben auf die Rckenlehne des nchsten Sitzes, um sich
bequemer hinstrecken zu knnen. Dabei entstehen neue Arten von Rundungen
aus ihrem Krper, neue Hhlen und Einsprnge. Sonst kenne ich nur von
Bildern her so ausgedacht reizvolle Stellungen. Aber hier ist es ohne
Absicht und ist Wirklichkeit. Es ist schrecklich aufregend, so etwas zu
sehen; noch aufregender, es nicht zu sehen ... Ich wende mich also
wieder zu ihr: Na, was? Nur um etwas zu sagen, eine primitive
Anknpfung.

Was denn? erwidert sie erschrocken. Sie hat schon halb geschlafen.

Eine Weile sehen wir einander an, keiner hat einen Einfall. Dann erlst
sie etwas, aus vollem, aufrichtigem Herzen hat sie es erkannt und sagt
es, denn sie ist ein ehrliches, gutes Mdchen: Wissen Sie, das Stck
ist eigentlich ziemlich fad...

Pltzlich bin ich entflammt. Ich wei nicht, was das ist, manchmal
bricht tief aus mir heraus irgendeine Person, die gar nicht mein Ich
ist. Dann fange ich an, mit Begeisterung Dinge zu reden, an die ich gar
nicht glaube. Trotzdem habe ich nicht das Gefhl, zu lgen. Sondern ich
denke immer noch in der Unterstrmung: Ja, rede nur, Max, rede nur brav
weiter. Das ist zwar nicht deine Meinung. Aber nur zufllig. Ebensogut
knnte es auch deine wahre Meinung sein, das Schicksal htte sein Steuer
nur ein wenig nach links oder rechts biegen mssen, und bums, schon wr'
aus dir wirklich das geworden, was du jetzt redest. Also lasse dich nur
aus, lasse dein ungeborenes, durch irgendwelchen Zufall nur verhindertes
Ich auch ein bissel zum Leben... Also nehme ich ihre Hand und werde
ganz gerhrt vor innerer Roheit, die ich in mir aufwachsen fhle wie ein
Gebude: Sie haben recht, Hede. Wozu ich eigentlich hergekommen bin! So
ein langweiliges Stck, es geschieht ja nichts, immerfort wird nur hin
und her geredet. Da stelle ich mir ein Drama ganz anders vor. Lauter
Handlung, lauter Krawall. So wie Sherlock Holmes. Und glhende
Liebesszenen dazwischen, zum Zerspringen. Hier wei man ja eigentlich
nie, was sie voneinander wollen und ob sie berhaupt etwas wollen...

Im Zusammenhang damit bespreche ich ein Rendezvous mit ihr. Warum sie
mich schon so lange nicht besucht hat? Ob sie wieder kommen will?

Wenn's sein mu, sagt sie. Das ist eine ihrer Lieblingsredensarten.

Sehr gut, entzcke ich mich weiter, und ich werde ein Stck fr Sie
schreiben. Ich plane nmlich schon lange ein Drama, bisher habe ich's
noch nicht versucht. Ausgezeichnet passen wir jetzt zusammen, Sie als
Schauspielerin! Es wird eine Bombenrolle fr Sie sein, und jetzt werde
ich das Stck auch sofort anfangen. Fr Sie, ja? Es soll 'Lady Hamilton
und Nelson' heien, oder so hnlich. Wissen Sie halt, ein Seeheld, und
sie liebt ihn sehr und verfhrt ihn auch zu ein paar Dingen, die nicht
so das Rechte waren. Auch einen Tanz mu sie drin tanzen, den Shawltanz,
den sie selbst erfunden hat. Gefllt Ihnen das?... Es ist eine
historische Sache; Goethe selbst, verstehen Sie, von dem dieser Tasso
ist, hat sie in Neapel gesehen. Ich hre mir selbst zu und wei jetzt
wirklich nicht mehr, ob das wahr oder falsch ist, was ich da rede. Ich
will ja im Ernst dieses Drama schreiben. Aber ich wrde mich schmen,
wenn mich wirklich diese Argumente dazu bestimmt htten, diese
Schnheiten und Vorzge meines Planes, die ich ihr anpreise. Und vor
allem viele Schlachten werden vorkommen. Lauter Seeschlachten. Ein Akt
spielt auf dem Verdeck des Admiralschiffes whrend der Schlacht bei
Trafalgar. Das Schieen darf gar nicht aufhren. Sogar in den
Zwischenakten mu geschossen werden ... Nun, was sagen Sie jetzt? Werden
Sie da keine Angst haben?

Ich? Angst? Sie wird ganz wild und setzt sich aufrecht. Ich habe nie
Angst. Hren Sie, voriges Jahr waren wir in Brandeis auf Sommerwohnung.
Abends sitzen wir da im Restaurant. Pltzlich macht sich der
Wachtmeister, was mit uns gesessen ist, einen Jux und schiet sein
Revolver los, blind geladen natrlich, auf die Erde. Alle sind sitzen
geblieben, vor Schreck, wie angemalt. Nur ich stehe auf und gehe lustig
im Zimmer herum, wie wann nix g'schehn wr...

Auf der Bhne rast eben Tasso, verwundet, wegen irgendeiner Kleinigkeit
gellen seine Schreie durch den Palast. Er zittert, seine Lippen sind
wei und gekruselt, wie schumendes Wasser in immer neuer Bewegung.

So was berspanntes! sagt das gesunde Mdchen neben mir.

Ich lobe sie. Ein Kerl ist das, ein Stck Felsen...

Entschieden sind wir beide heute nicht die richtigen Zuhrer fr Tasso.




Bewegungen auf der Bhne


Noch schnell, ehe das verbesserte moderne Theater die alten Gebruche
gnzlich bermalt hat, stelle ich fest: sie waren lasterhaft, doch darum
nicht minder interessant ... Namentlich mu gesagt werden: die tiefe
Kniebeuge hatte damals eine viel ausgedehntere Verwendung, und so ist es
ja glcklich noch jetzt an den meisten Theatern auerhalb berlinischer
Neuerungen. Die tiefe Kniebeuge wird ausgefhrt, wenn zwei oder drei auf
der Bhne beisammenstehen und Das Geheimnis an zitternden Handflchen
vorbei einander zuflstern. Noch tiefere Kniebeuge bedeutet dann
Verschwrung. Und mit gnzlich eingeknickten Beinen, beinahe kriechend
nur, bewegt sich der Schauspieler lterer Konvention auf dem Erdboden
weiter, die Hnde weit von sich gereckt, wenn er Bericht gibt, wie es
bei der Verfolgung zugegangen ist. Wohlgemerkt, wenn er wirklich auf
der Bhne verfolgt, bedarf er keiner solchen Aufwendungen von
Beweglichkeit. Nur Berichte mssen so ausdrucksvoll-anstrengend gespielt
werden ... Eben an solchen Gesetzen jenseits der Realitt war, ist die
mittelmige Schauspielkunst berreich. Man knnte riskieren: nur der
mittelmige Schauspieler ist Schauspieler, denn nur er folgt Gesetzen,
die nicht aus dem ganz fremden Rayon der Naturbeobachtung stammen,
sondern immanent aus dem Wesentlichen des Theaters. Der gute
Schauspieler =stellt= etwas =dar=, der mittelmige =ist= etwas. Durch
den guten Schauspieler hindurch, wie durch einen Kristall, bleibt der
Blick ins Dasein, in die Historie offen. Die Vortrefflichkeit eines
Schauspielers ist Durchsichtigkeit. Und den ganz vortrefflichen sehe ich
berhaupt nicht mehr. Symbol und Symbolisiertes sind in eins gefallen
... Der Mime in Schablonenmanier hingegen hat etwas Materielles bewahrt.
Er lenkt ab von dem Helden, den er geben will. Je schlechter er wird,
desto mehr sieht man ihn, desto deutlicher tritt er aus dem Bilde ...
wie Gespenstererscheinungen im Kinematographen. Schlielich werden seine
Gesten ein selbstndiges Objekt, wrdiger der Beobachtung als sogar
Shakespeares unerreichbarer Jago, den sie verdunkeln und in Vergessenheit
bringen ... Mit Recht! Denn wrde Jago, wenn er jetzt lebendig auftrte,
auch es verstehen, in so interessant-allgemeingebruchlicher Weise sein
Trinklied zu brllen, seinen Becher zu heben. Theater-Becher eines
Theater-Trinklieds werden nmlich immer so gehoben: zuerst beschreiben
sie einen groen, wagerechten Kreis durch die Luft, dann fliegen sie
empor, dann an den Mund in halbe Hhe, und whrend sie sich senken, mu
die linke Hand aufsteigen mit gestrecktem Zeigefinger, der erst, wenn
der Becher geleert ist, zu den andern Fingern einknickt. Nicht wahr?...
So sitze ich oft im Theater und nichts freut mich als diese eingehenden
Studien, die ich mit ziemlichem Erfolge betreibe. Denn ich wei jetzt
schon, wie einfach lndliche Liebeswerbungen darin sich ausdrcken,
da man dem begehrten Mdchen mit dem Oberarm in den Rcken reibt und
schlielich schmunzelnd sie zur Seite wegstt. Ich wei, da
trumerisch verliebte Dirndl ihre Wangen an zwei Finger sttzen, das
Gesicht etwa wie einen dicken Federstiel in die Hand nehmen. Diese
Kenntnisse verdanke ich den vielen Volksstcken, die ich gesehen habe
... Dagegen aus dem klassischen Kurs stammt meine Erfahrung, da
Wallensteins Offiziere im Kriegsrat stets nur die Kante der Sessel zu
beschweren pflegten, das eine Bein geknickt, das andere nachgezogen, wie
im Lauf ... Noch hbscher sind Opern, hier bleibt das Spiel noch
ergiebiger in seinen Grenzen autonomer Natur-Unwahrheit. Nebenbuhlerinnen
zerren einander erst in die rechte, dann die linke Bhnenecke; denn die
Nebenbuhlerinnen-Arie hat zwei Strophen und so viel Ha will symmetrisch
verteilt sein. Jeder Feind wird mit Verrter angefaucht. Vom Geliebten
aber heit es: Ihn lieben ist ser Gewinn. Je koketter eine Zofe,
desto mehr neigt sie sich lchelnd ins Publikum, Finger an der Lippe.
Selbst der verabscheute Bewerber, der im nchsten Moment fr immer
abgewiesen werden wird, darf noch im Singen Liebchens Arm umschmeicheln.
Was man im Leben fr ein Zeichen nicht unbetrchtlicher Gunst halten
wrde, hier ist es nichts. Und beim Stelldichein ein Ku ohne nhere
Anpressungen, im Leben nichts, hier bleibt es alles ... Wie billige ich
diese Unterschiede! Wie liebe ich es, wenn ein Akteur, an der Rampe
nicht bentigt, jetzt zurcktritt, im Hintergrunde einen andern fest bei
den Hnden packt, ihn nicht mehr loslt und tut, als habe er
Wichtigstes mit ihm zu besprechen, indessen er angespannt nach vorn
horcht und prompt auf sein Stichwort wieder vorstrmt. Wie liebe ich
Statisten, gestikulierende, einschlafende, jubelnde, Chormdchen, die
jemanden in einer Loge suchen. Und auch dich, o illustrissimer
gastierender Tenor und Millionr, der trotz ihrer geringen Gage die
Edelleute seines Festes mit Freunde anspricht, bekannt mit ihnen tut,
liebevoll einem die Schulter beklopft, dann einen andern bevorzugt, an
die Rampe fhrt und seinen Arm, den er erfat hat, im Rhythmus der
berhmten Kanzone hin und her reit...




Die Liebe wacht


Es ist doch nicht gut, ... dachte ich im Theater whrend der
Vorstellung..., wenn die Pracht von Haben Sie nichts zu verzollen?
mit Weies-Rl-Komik fr den Mittelstand sich amalgamieren will ...
Ein Nachthemd ist immerhin ein Nachthemd, und lustig. Was aber lernen
wir aus diesem (jetzt sage ich's schon) miserablen Stck? Zum Beispiel,
es tritt ein junges Mdchen auf und legt Karten. Die Gouvernante kommt
dazu, zankt sie aus, dann dreht sie sich selbst um, fngt ihre Patience
an. Ein Abb tritt auf ... mein Freund und ich im Publikum, wir lachen
schon, wollen ihn durch Gebrden abhalten ... es ntzt nichts, es bleibt
dem Abb nicht erspart, sich lcherlich zu machen, indem er die
Gouvernante auszankt und dann (beiseite) seine Patience anfngt ... Ist
darin eine Moral, so ist sie mindestens sehr langweilig! Und
plattgedrckt von dieser ausdrcklichen, wie mit Humor akzentuierten
Langeweile kriecht das Stck ber die dreiaktige Bhne, nein vieraktige
sogar! Schlielich wirkt diese de verwirrend, wie eine groe Stille,
diese Selbstverstndlichkeit wird unverstndlich; man ghnt, um sich mit
etwas zu amsieren...

Doch merkwrdig, jetzt zu Hause hat auf einmal dieses unaufmerksam
gehrte Spiel eine Einheit fr mich bekommen ... Ein Gelehrter kommt
darin vor, schreibt ber etwas Uninteressantes, Kleines aus dem
Mittelalter, liebt eine Frau, ist schchtern, ungeschickt, mit Milingen
von oben bis unten bekleidet. Und dann, in dem Moment, wo er glaubt,
diese Frau liebe ihn doch, schmeit er seine Bcher weg, verschmht eine
Freundschaft, tanzt und bestellt Champagner (genau Champagner!). Da
erstaune ich. Und wei: dieser Gelehrte ist nichts Reales, er ist ein
Gelehrter, wie sich die Autoren vorstellen, da eine Frau sich ihn
vorstellt ... Daher seine vernachlssigte Tracht! Daher sein Vorname,
den er betrauert: Auguste! Daher die schlimmen Ibsen-Symbole das ganze
Stck entlang! Daher das ganze Stck!... Das ganze Stck stellt ein
Gehirn einer mittelmigen Frau im Sinne mittelmiger Autoren dar. Es
ist gleichsam ein inwendiges Stck, ein Kapitel Physiologie, ein Blick
in die arbeitenden Gedankenzellen des Frulein Jacqueline. Deshalb mu
ihr begnstigter Liebhaber ein Lebemann und ziemlich untreu,
schlagfertig, eiferschtig, im Grunde edelmtig sein; der Gelehrte aber
nebst allem Unglck auch unehrlich, zappelnd, zum Auslachen, ohne eine
Spur von Tesmans Tragikomik einfach zum Auslachen. -- Auch bei andern
Dichtern gibt es diesen Geistigen, der den Krzern zieht. Aber konnte
ein einziger bisher sich zurckhalten, innerlich diesem Geistigen
wenigstens ein bichen recht zu geben, ein bichen ironisch auf die
siegende Eleganz zu seitenblicken? Ibsen, Hamsuns Nagel, Shakespeares
Hamlet ... In diese Galerie unterliegender Gelehrter fhren nun die
Herren G.A. de Caillavet und Robert de Flers (Ritter aus den
Kreuzzgen, Autoren von Die Liebe wacht) ihren Auguste, als den
einzigen, der gnzlich unterliegt, gnzlich unrecht hat und dem wirs
gnnen (im Sinne des erwhnten Zentralgehirns der kleinen
Jacqueline)...

Und in diesem Sinne auch wnschen wir ungebrochene Erfolge weiterhin
ber alle Bhnen Deutschlands diesem physiologisch-inwendigen,
originellen Stck.--




Louskcek


Man kann jetzt eines der grten Vergngen der Welt haben, ohne
Widerrede, wenn man in Prag ist und im tschechischen Theater dieses
Ballett besucht, Louskcek, den Nuknacker von Tschaikovskij. Es
handelt von gar nichts. Keine Konflikte gibt es darin, nichts
Geistreiches, nicht Tragik, nicht Verwicklung. Sondern einfach wie ein
glatter Film rollt alles vorbei, alles in sich selbst nur begrndet, in
sich selbst gehalten und aufgehoben, und alles so s den Augen und
Ohren ... So stelle ich mir ein vollkommenes Drama vor, eine vollkommene
Belustigung: ohne Verlegenheit wird an grundlose Szenen ein Tanz, an
Tnze eine grundlose Szene geknpft. Und wer ist so stumpf, da es ihn
nicht vergngte, ganz groe Muse wie Knguruhs ber die Bhne hpfen zu
sehen, in glnzenden, graugrnen Fellen aus Samt, und gegen sie im
Kampfe aufgestellt eine Gruppe buntester Schildknappen? Es wird sogar
geschossen, ja, eine Kanone wird abgefeuert. Dann tanzt man weiter. Alle
Kmpfe der Erdoberflche, das wnscht mancher und namentlich in diesen
Tagen, sollten auf so humorvolle Weise ausgetragen werden. Wrde das
vielleicht irgend jemandem schaden?... Und ebenso vorbildlich ist die
Art, wie Tschaikovskij auf einem Harfen-Glissando ber die gesamte
Melancholie der Erdoberflche hinweggleitet, hinauf zum Sternenhimmel
voll von Flten-Tonleitern in Terzen. Da kann man erfahren, wie das ist,
wenn elegante Leute ausgelassen sich benehmen, wenn am Hofe lustig es
zugeht. Kein andrer Komponist hat das so: Kerzenbeleuchtung, bermut,
Wohlstand. O, und die Schwermut dieser Melodien, es ist eine Schwermut,
ber die vornehmsten Kanapees hingelagert und ein ringgeschmcktes
Hndchen gesttzt an eine parfmierte Stirnfrisur, whrend die
Parklandschaft von Somoff ins Boudoir hereinglitzert, im Mondschein
nicht so sehr als im Zerrieseln des modischesten Feuerwerks...

So wurde es hier auch aufgefhrt. Luxuris, russisch, mit einem Wort:
vortrefflich. In einer weien Lichtung, schneeverweht im
Eiszapfen-Walde, hinter weien Gazeschleiern sah man aus lockern
Schneeflockenhaufen Mdchen hervorgezaubert, Feen in weien Locken,
weien, lichten Tllkleidchen, weien Atlasschuhen, und nur ihre rosigen
Busen taten einem leid, die in dieser blendenden Klte abfrieren muten,
trotz aller Walzerschritte, abfrieren und vor Frost immer rosiger,
rter, hrter, brennender erscheinen. Ach Gott, mitten in der freien,
unwirtlichen Natur Ballerinen; es war ein aus Mitleid, Grausamkeit und
Sinnlichkeit gemischter Effekt. Die ganze Bhne nur Wei und Rosa, das
vergesse ich nicht so bald ... Gewilich aber noch spter die schne
Primaballerina Anna Koreck, wenn ich sie berhaupt jemals vergesse.




Knig Wenzel IV.


Im Prager Tschechischen Theater findet jetzt die Tragdie eines neuen
Dichters vielen Beifall. Das Haus ist ausverkauft. Ein Teil der Presse
spricht von einer nationalen Tat, ein andrer lacht tadelnd. Knig
Wenzel der Vierte von Ernst Dvorak.

Der Theaterzettel, beinahe lnger als beim Medardus, gibt schon manchen
Grund zu trumerischem Nachdenken. Neben dem Knig, der Knigin, der
hohen Geistlichkeit tritt der hohe Adel auf, jene bhmischen Herren
von Bilin, Douba und Hohenstein, Rosenberg, die jetzt verschollen sind
-- und die jetzt so blhenden Adelsgeschlechter der Lobkowitze, zum
Beispiel, figurieren als niedere neue Namen. Sofort denkt man an die
Umwlzungen, die unser Heimatland betroffen haben. Und liest man nun gar
unter den Personen nach: Johann Hus, Zizka von Trocnov, den ppstlichen
Nuntius, Jost von Mhren, schlichte Brgersleute, Bauern, einen
Bettelmnch, einen Hofnarren ... so ist man von der richtigen
historischen Atmosphre schon durchdampft. Freilich mchte man gern noch
den Dichter, obwohl er ja sichtlich vor schnen Taten steht, gern noch
an die Schwierigkeiten erinnern, mchte ihn warnen, am rmel
zurckhalten: Was ist denn das? Jeder Akt spielt in einer andern Stadt,
und immer nach zehn Jahren -- in Beraun, Wien, Prag, Kuttenberg,
Kunratitz? Wirst du das bewltigen?... Doch das Stck ist ja schon
geschrieben, und mit einem Seufzer beendet man das nichtige Studium des
Theaterzettels.

Meine Sorgen steigerten sich, als ich vor dem Abend meine Kenntnisse der
vaterlndischen Geschichte aus einigen Bchern auffrischte -- ach, aus
Bchern, die meiner Kindheit Spielzeug waren, in denen ich jedes Wort
und jede Vignette als unendliches Kunstwerk einst bewundert habe. Da
fiel mir auf, da ich die Wirren unter Wenzel dem Vierten eigentlich
immer berschlagen hatte, weil ich in ihrem planlosen Hin und Her ohne
Frucht und ohne Hhe nichts Interessantes finden konnte ... Ein
schwacher Knig, um das Deutsche Reich wenig besorgt und also der
Faule benannt, das tschechische Volk liebend, von ihm geliebt, in
ewigem Streit mit dem Prager Erzbischof, mit dem frondierenden Adel,
bald fr Hus, bald gegen Hus, schwankend Verratner und Verrter, Sufer,
allgemeine Unordnung, das Jahr 1411 mit drei Kaisern und drei Ppsten,
zum Schlu von einem Schlaganfall gettet, whrend das Volk seinen
Palast strmt. Was ist aus all dem andres zu ersehen als die Grausamkeit
und Zwecklosigkeit alles Menschlichen, sofern es nicht geistig-logische
Richtungen nimmt?

Nun wurden aber meine Bedenken durch das aufgefhrte Drama auf die
schnste Weise zerstreut. Und deshalb schreibe ich. Ein Trauerspiel ist
geschaffen, voll von Patriotismus, den ich, wo nicht als Patriotismus,
doch mindestens als Begeisterung zitternd mitfhle -- die Tragdie eines
Knigs, der sein Volk liebt und miversteht. Wenn irgendwo, so ist hier
das, was die lteren tragische Schuld nannten, in herzlichster
Vollendung gegeben.

In der Hauptfigur des Wenzel hat Dvorak eine so scharf individualisierte
knigliche Gestalt geschaffen, da ich sie dicht neben Shakespeares
Knige stelle. Ein gutes Herz, heiter und gesund, so tritt er, unter dem
atemlosen, innigen Jubel des Volkes auf, im grnen Wams, mit Jgerhut
und Armbrust, wie ihn das Bild im Rmer zu Frankfurt zeigt. Alle sind so
froh, ihm die Hand kssen zu drfen. Ein Bauer bringt die Butter, die
fr den Markt vorbereitet war, einen schmackhaft aussehenden gelben
Klumpen, fr den geliebten Knig aufs Schlo. (An solchen
volkstmlich-lustigen Zgen ist das im Innern trbe Stck uerlich
reich.) Alle lachen und trinken gern mit ihm. Doch schon hier zeigt sich
der Konflikt. Wir lieben dich sehr, sagt ein Greis, aber wir mchten
auch, da du unser Vorbild bist, ein Muster. Dein Vater Karl war so
erhaben... Es hat etwas unter Komik Grausiges, wie das Volk immer von
neuem diese Forderung gegen den Herrscher erhebt, von ihm das Hchste
verlangt. Wenzel, der sie auf weltliche Art glcklich machen will,
Steuern erlt und freigebig Waldungen an die Gemeinden verschenkt,
dieser Wenzel gengt ihnen nicht. Sie wollen ihn heilig, er ist ein
Mensch. Man mu den Dichter bewundern, der diesen vielleicht historisch
unrichtigen, aber so sympathischen, neuartigen, unglcklichen Regenten
erfunden hat. Nicht wahr? Den Dramatiker ferner, der aus dem nun
vorliegenden Material einen Aufbau und eine Einheit gestaltet hat. Wie
er den Jhzorn des Knigs, sein schnelles Dolchziehen bentzt! Ja, er
ist gut, aber an den Tod des Johann von Nepomuk darf man ihn nicht
erinnern. Wie er ihn allen Frauen nachstellen, seine Geliebten unter den
Dienstmdchen im Volke suchen (auch darin populr, beliebt, aber den
hchsten moralischen Anforderungen des Volkes nicht gewachsen), ihn
trotzdem zrtlich, mit groem Herzen an seiner Frau hngen, sie als
Moje kuratko (Mein armes Huhn) sanft an sich reien lt, vor
versammeltem Hofstaate familir mit ihr ... Man fhlt: in jeder andern
Zeit wre er ein guter Knig gewesen. Aber die Zeit ist aus den Fugen,
Schmach und Gram..... Hus ist aufgetreten, und der Knig, den eben die
Hussiten aus seinem Kerker gerissen haben, versteht die neuen Ketzer
nicht. Er versteht noch das Nationale ihrer Bewegung, hilft ihr gegen
die Deutschen, aber das Metaphysische, Religise interessiert ihn
einfach nicht ... Nun wirkt es erschtternd, wie er, der sich bewut
ist, stets das Beste seines Volkes gewollt zu haben, der auf die
Zustimmung des Volkes stolz ist, pltzlich bemerkt, da alle den Kelch
ber ihn stellen. Gib uns den Kelch wieder, heulen unten die Rebellen.
Und im letzten Akt stellt sich die Rhrung ein, mittelst einer
vielfachen Perspektive, mittelst eines wahrhaft geschichtsphilosophischen
berblicks, der aber vom Dichter nirgends durch Theorien,
nur durch Gestalten ausgedrckt wird. Natrlich so: Wenzel
hat recht, wenn er das Volk irdisch beglcken will -- unrecht,
wenn er die Tiefe der religisen Sehnsucht verkennt -- und doch wieder
recht, wenn er all das Elend, das infolge dieser Religionskmpfe ber
Bhmen hereinbrechen will, prophetisch ahnt -- und doch vielleicht von
einem hchsten Standpunkt, kraft dessen die geistige Freiheit dem
Menschen wichtiger als alles leibliche Wohl und Wehe ist, wieder unrecht
-- und doch vielleicht zum Schlu recht, weil er ein Mensch ist, ein
mystischer Rationalist, eine Art Goethe, der den Himmel auf der Erde
sucht. Diese komplizierten Antithesen, von Akt zu Akt gesteigert, trotz
der Uneinheit von Raum und Zeit zu einer innern Einheit erhoben durch
Heroismus, Schnheit, blutige Aufwallungen, persnlich gemacht durch
brennende Details -- das ist eben das neue Drama dieses neuen Dichters!

Es wird vorzglich aufgefhrt, wie dies unter dem Dramaturgen des
Nationaltheaters Kvapil nicht anders zu erwarten steht. In der
Titelrolle leistet Schlaghammer Packendes, Sicheres, Springendes ... wie
seine Augen glnzen, seine Rede melodisch drhnt, wie er unstet-trotzig
die Wrden des Reiches dem einen nimmt, dem andern nach einem verwirrten
Blicke in die Runde hinwirft, wie er voll schner, jugendlicher Ideale
in Blten des Frhlings steht, sonnig, und schlielich im Feuerschein
geplnderter Drfer zusammenrchelt! Ich habe geweint ... Und neben ihm
der Narr, vom Dichter zwar mit wenig Humor begabt, aber mit
melancholischen treuen Bocksprngen ausgestattet von Haschler. Zum
Schlu nimmt er Gift aus einem Ring, sinkt lautlos am Fenster nieder,
niemand kmmert sich um ihn, nicht einmal der Knig bemerkt, da der
einzige als Freund mit ihm zugleich stirbt. Ein rhrender Zug ... Noch
vieles andre hat mir gefallen. Hus allerdings nicht -- Vojan spielt ihn
mit feuchten Haaren, allzu schulmeisterlich. Aber da ihn der Knig, als
scheute er sich vor seinem fr das Volk so suggestiven Namen, immer nur
als Hussinetzer nach seiner Herkunft anspricht: wie gefllt euch das?
Oder da unter tausend Hflichkeitsformeln und Treuversicherungen,
galant beinahe, ein Knig gefangen gesetzt wird, mit aller Etikette. Da
ein halbtauber Diener auftritt, dessen dunkelbraunes, altes Gesicht den
Anschein erweckt, als verrammle ihm zu viel braunes, dickes Blut das
Gehr. Da er berdies kurzgeschorene, dichte, graue Haare hat, die man
gern streichelt wie einen Hund, und die mit einem unsglich einfltigen
Eindruck in die Stirn hereinhngen. Da jemand in einem Zimmer sitzt,
und man wei gar nicht, da er hier gefangen ist, bis pltzlich die Tre
sich ffnet, nur zufllig, eines Besuches wegen, und da sieht man
drauen vor einem hellen, in den weilichen Himmel verstelten gotischen
Fenster unheimliche schwarze Wachtsoldaten stehen, die ein enges
Vorzimmer ganz anfllen, dunkel abgehoben vor dem weien Licht. Sofort
schliet sich die Tre wieder. Und so oft sie sich ffnet, derselbe
unbewegliche Anblick.

Zum Schlu nach so viel Lob eine Einschrnkung, mich selbst betreffend.
Ich gehre zu den Leuten, die Glockenklang hinter der Szene, Hochrufe
des Volkes, jeder Lrm und alle Waffen auf der Bhne aufregen. Inwiefern
es ferner zu meiner Rhrung ber dieses Stck beigetragen hat, da Orte
und Gassen der geliebten Heimat in einem bedeutenden Ton genannt werden,
da man vom uralten Gasthaus zum grnen Frosch, das ich kenne, und vom
Teinhof mit Zuneigung spricht -- das kann ich nicht feststellen und
wnsche es auch gar nicht zu wissen.




Weie Wnde


Schade, da ich kein Regisseur bin. Es mu hbsch sein, in ein scheinbar
schon fertiges Kunstwerk seine Gedanken einzufgen und ihm dadurch eine
Vollkommenheit zu geben, die man vorher nicht vermit hat, weil man sie
nicht geahnt hat ... So hat Herr Jaroslav Kvapil Schillers Wallenstein
durch schne Bilder und Bewegungen vervollstndigt, man spielt jetzt die
Trilogie am tschechischen Theater in Prag mit vielem Glck. Jetzt erst
sehe ich, wie das eigentlich war, dieser Krieg, wie schn Spitzenkragen
und zackiges Linnen zu Lederkollern pat, wie gepanzerte Mnner im
Marschieren klirren, wie eine rote Schrpe irgendwie einen hohen Rang
bedeutet. Sehr schn wirken auch lange, glnzende Goldquasten an dunklen
Kniehosen, diese Quasten fhren ein ganz selbstndiges Leben und, ob nun
ihr Trger steht oder sich erzrnt, immer wissen sie auffallend zu
schlenkern. Doch das Beste war es, da smtliche Szenerien (ohne das
Lager natrlich) weie Wnde waren. Reine, weie, kahle Wnde, in die
nur hlzerne Traufstze oder Fensterrahmen braune Lcken schnitten.
Solche Wnde rufen sofort in mir das Gefhl wach, da es lange her
seitdem ist, lange, lange vorbei. Ich wei wirklich nicht, ob das der
Wissenschaft entspricht, ob wirklich zur Zeit jenes Krieges im Rathaus
zu Pilsen und in Eger so weie Gespensterwnde sich spannten. Einerlei.
Diese Wnde bedeuten fr mich Dreiigjhriger Krieg, berdies auch
jede andre vergangene Zeit. Vielleicht kommt das daher, weil die alten
renovierten Burgen, die ich besichtigt habe, alle so frischgekalkte,
saubere, billige Wnde hatten, ohne viel Bemalung ... Und so war es auch
gestern auf der Bhne. Groe, ja gigantische weie Flchen, wenig Mbel,
hier und dort ein Fresko in dnnen harten Farben. Ich dachte an die Burg
Karlstein, wie sie jetzt ist, an hypothetische Vergangenheiten,
schlielich an die leibhafte Historie. Was fr Menschen, denen so in die
Augen stechende Einfachheit gengt! Sie scheinen nicht auf lange sich
einzurichten, nirgends, morgen wird alles zusammengeschossen. Wieviel
Waffen und Quasten hat so ein Kerl auf sich, aber die Prunksle sind
wei wie Wsche auf der Bleiche, sind leer, als sei man eben im Umzug
begriffen ... Und sehr gut pate es da herein, wie Herr Vojan den
Wallenstein spielte. Mde, fast resigniert, bleich, in sich gekehrt,
langsam. Hufig sprach er nicht oder schlo im Reden fr lange Zeit die
Augen. Das rhrte mich sehr, denn das sah dann genau so aus wie die
weien Wnde ringsum. Es war frmlich ein Echo dieser Wnde. Und man
fhlte im Herzen, was Schiller geschrieben hat: die Tragdie
niedersteigender Sterne.




Untergang des Dramas


Das Erlebnis, das mich in diese abschssige Bahn gestipst hat, war nur
sehr einfach:

Ich wollte einmal Italienisch lernen und kaufte mir deshalb eine
rhmenswerte Grammatik _Parla ella italiano?_ samt angefgten
Konversationsbungen.

Bei diesen Gesprchen stockte ich, las immer langsamer und wie
hingegeben: Ich habe recht gut geschlafen -- Das freut mich sehr --
Es freut mich, Sie wohl zu sehen -- Befindet sich Ihre ganze Familie
wohl? -- und immer gieriger wurde ich da, immer weniger interessierte
mich die bersetzung ins Italienische, bis ich schlielich einsah, da
der Inhalt mir Vergngen machte, die spannende Handlung, und nicht mehr
das ntzliche Sprach-Erlernen. In meiner Vorstellung kamen ganz deutlich
Zimmer, Gartenwege, Bche, ber die hinweg die Gutsnachbarn miteinander
Unterhaltung fhren. Mehr und mehr erregt erkannte ich Situationen, die
Haltung und die Vorgeschichte. Schlielich im Weiterlesen wute ich, da
diese Dialoge eine dramatische Wirkung auf mich hatten und demnach
bestimmt waren, in meinem leeren Herzen Ersatz zu sein fr alle
Theaterstcke, an denen ich damals gerade die Lust verloren hatte...

Wie eindeutig und, hat man diese eine Deutung ein fr allemal in sich,
wie klanglos spielen sich die Szenen der blichen Dichter ab. Einige
Leidenschaften, schon seit langem veraltet, einige Lcherlichkeiten mit
weinerlichem Glanz erfllen die Bhnen Europas ... Schn natrlich sind
die Kulissen, die Ballette, die Ausstattungsstcke, schn fr immer und
unerschpflich, weil diese Unerschpflichkeit in uns liegt. Was soll man
aber dazu sagen, wenn immer noch Heerfhrer berredet, Frauen verfhrt,
Shne verflucht werden. Solche Gesprche, akkurat eingeklemmt zwischen
die handelnden Personen wie ein Hals in die Aussparung der Guillotine,
wollen mich nicht glcklich machen.

Dagegen Luft in bester Menge geben die Dialoge meines Konversationsbuches.
Da finden sich tragische: Was gibt es fr Neuigkeiten?
-- Ich wei nichts. -- Was wnschen Sie, da ich tun
soll? -- Ich beschwre Sie, es zu tun ... Anmutig pastorale wie der
ganze Abschnitt ber das Wetter und ber Ausflge ... Derbkomische:
Haben Sie Muse in Ihrem Hotelzimmer? -- Nein, aber meines Oheims
Freund wird eine Falle kaufen ... Auch das Tempo wechselt; berstrzte,
gleichgltige, gezogene Partien lassen sich unterscheiden ... Die
Charaktere treten vor, wechseln aber in jeder Zeile beinahe, wie dies
bei komplizierten Naturen nicht berraschen kann. Fast nie wird eine
Angelegenheit ganz erledigt. Man respektiert die Chiffre, das
Halbverschwiegene. So haben diese Stze, ungewi woher gesprochen und
wohin, und dennoch ganz sicher gesprochen, den fast mystischen Reiz und
die wirksame Undeutlichkeit diophantischer Gleichungen, in denen zwei
Variable eine konstante Beziehung bewahren ... Ich sehe es voraus, da
man in Zukunft nur solchen Schattenspielen gestatten wird, die Phantasie
in Wallung zu bringen.




Ideen fr Ausstattungsstcke


Ich habe bestndig Einflle, von denen ich wohl annehmen darf, da sie
einem Regisseur ganz hbsch zugute kmen. Immerhin sehe ich ein, da
unsre Zeit fr diese Einflle noch nicht reif ist, und deshalb vermeide
ich es, besondere Sorgfalt auf ihre Ausarbeitung zu verwenden.
Kunterbunt, so wie sie mir durch den Kopf marschieren, seien sie hier
aufgezeichnet, und manche werden wohl eher nur der Anfang eines
Einfalles als Einflle genannt werden. Tut nichts; sollen sich die mit
ihnen Mhe geben, die spter von ihnen profitieren wollen! Ordnung in
diese unreifen, halb ausgereiften Plne bringen: das ist meine Sache
nicht. Mge man nur deshalb nicht das Ganze fr einen Scherz halten...

Also ich ertappe mich oft dabei, im Theater, bei langweiligen Szenen
(und das sind so viele!), da ich schon gar nicht mehr auf das
klangreiche und doch wieder so klanglose Gerede aufpasse -- sondern
pltzlich habe ich, beispielsweise, die Lehne eines glattpolierten
Alt-Wiener Sessels auf der Bhne ins Auge gefat und amsiere mich
damit, ein Pnktchen des grnlich durchs Fenster einfallenden Mondes auf
dieser Lehne zu verfolgen. Wie es behaglich da festsitzt und aus sich
heraus strahlt, als eine Filiale des Mondes, dieses Pnkterl, ja als ein
Mond fr sich. Und mit jener Leichtigkeit, die therischen Dingen eigen
ist, rutscht es das harte, glatte Holz entlang, ohne eine Spur von
Sentimentalitt, von Heimweh nach der frhern Ansiedlung, falls eine der
Bhnenfiguren eben diesen Sessel in die Hand nimmt. Ist das nicht
interessanter als das ganze Drama? Der grne Punkt, die Blte des
Mondes, entfaltet sich auf einmal und bedeckt den Seidensitz des Sessels
eiligst und doch so zart, da keine Dame der Welt mit einer auch nur
annhernden Grazie so in diesem Sessel Platz nehmen knnte ... Und
hieraus entspringt mein Vorschlag. Man fhre keine Handlungen auf,
sondern einfach Szenen aus dem Leben der Dinge. Der Vorhang geht auf.
Man sieht ein kahles Zimmer, einen kahlen Tisch, auf dem Tisch brennt in
einfachem Leuchter eine Kerze. Das Fenster ist geffnet, ein Nachtwind
kommt herein. Die Kerze flackert, erhebt sich, sie kmpft, sie wirft
Lichter die Wand hinauf und hinab, sie wird schwcher, es war aber nur
eine List von ihr, gleich darauf brennt sie in voller Leuchtkraft,
glnzend, aber auch dies war nur Schein, sie hat sich erschpft, sie
glimmt nur, atemlos zittert das Publikum, der Wind verstrkt sich, wie
zum Hohn entfacht er sie, galvanisiert gleichsam die Leiche, sie
erlischt -- und das vollkommene Dunkel des Zimmers nun, in dem nicht
einmal die schwarze Fensterffnung sich abhebt, unterscheidet sich vom
schwchsten Glimmen viel mehr als dieses Glimmen von der hellsten
Helligkeit. Diese Einsicht erschttert jedermanns Herz ... Ja, ich wrde
mit dem Luxus der Ausstattungsstcke grndlich aufrumen. Nichts habe
ich im Kopf als lauter Reformen. Keine Ballette, keine exotischen,
hngenden Grten, keine venezianischen Serenaden! Ich wrde das Publikum
zum Genu des Details erziehen, der verachteten groben Umgebung. So hat
man ja auch frher gemeint, man knne Stilleben nicht anders malen als
mit ppig getriebenen Pokalen, ber Prunkteppiche hingebreiteten Hasen,
Rehen und Auerhhnen, den Strecken ganzer frstlichen Jagden, den
Weinernten Italiens, mit schwellenden Pfirsichen und Guirlanden sester
Rosen. Bis Czanne auf einen Bauerntisch neben einen Krug ein Laib Brot
legte und das schner oder ebenso schn war wie die verschwenderischen
Hollnder. So habe ich auch bei Bernheim ein Wunderbild des van Gogh
gesehen, es stellte vor: einen rohen Sessel, der die ganze Flche der
Leinwand einnimmt, und auf dem Sitz steht eine brennende Kerze. Zu
gestehen, da ich diesem Bilde die Inspiration zu der obigen
Kerzen-Tragdie verdanke, hiee, die Schlukraft, das literarische
Feingefhl und das Ahnungsvermgen meiner Leser beleidigen.

Schn wre auch ein Zyklus: Schreibtische. Der des Ministers, des
Direktors, des Professors, des Dichters, des staatlich angestellten
Diurnisten, der Schreibtisch eines hhern Wesens, eines eleganten
Fruleins, eines Gelangweilten ... Der Vorhang geht auf. Man sieht, was
man sieht. Schlu. Keine Erklrungen, kein berflssiger Lrm. Eine
Katze schleicht zwischen strmisch beschriebenen Papieren, und man wei,
es handelt sich um den Dichter. Ich selbst brigens frchte mich vor
Katzen. Aber natrlich wre auf individuelle Abweichungen hier keine
Rcksicht zu nehmen.

Das Butterbrotpapier, nach dem gleichnamigen Gedicht von Christian
Morgenstern, dramatisiert, gbe eine weitere prchtige Bereicherung des
Repertoires.

Leben und Treiben in einem Korridor. Die Bhne ganz schmal, unendlich
tief. Fenster an Fenster, jedes wirft seinen Lichtstreifen ber den
Boden. Viele Tren, numeriert. Wir sind in einem ffentlichen Gebude.
Hauptfinanzamt oder so etwas. Die Katze aus dem benachbarten Dachzimmer
des Dichters schleicht vorbei. Spucknapf. Darber warnende Inschrift,
nicht daneben zu spucken. Eine Maus. Auch Menschen werden geduldet,
sofern sie sich mit ihrem Seelenleben nicht vordrngen. Beamte, frhlich
und trb. Bureaudiener bringt Bier, Gabelfrhstck. Agent mit
Barttinkturen, Zahnpasta, Junggesellen-Knpfen, die man nicht annhen
mu. Privatparteien, sich verirrend. Wieder alles leer; Katze, Maus,
Spucknapf, Sonnenstreifen. Schne Dame erscheint, lt ihren Freund fr
ein Gesprch und einen kurzen Ku aus seinem Bureau rufen. Sie gehen auf
und ab. Ab. Es hagelt, ein Fenster zerbricht. Ensemble der
herbeistrzenden Diener. Wir hoffen, da die Dame vor dem Unwetter nach
Hause gekommen ist.

Der Kahn. Die Bhne stellt den Rand eines Flubades dar, ein
Brettersteg, Gelnder. Im Wasser der Kahn, zur Seite. Er schaukelt, ein
Dampfer ist vorbeigefahren. Kpfe schwimmender Mdchen, in roten und
gelben Badehauben, von ferne hnlich Turbanen. Brennende Sonne,
Wassergeruch und Holzgeruch, hier scheint es gesnder zu sein als im
obigen Korridor. Der Kahn fllt sich mit Wasser. Unberechenbar bewegt er
sich, stt an seine Nachbarkhne, er fhrt ein eigentmliches Leben.
Knaben schpfen das Wasser aus. Ein fescher Herr vom Ruderklub dankt
ihnen durch ein paar Pffe, steigt ein und, futsch, ist er
davongefahren, ber das glitzernde Wasser.

Jetzt ein Traum meiner Jugend: Das Seebeben. Hat man schon einmal
bemerkt, wie das Wasser in einem Lavoir schwankt, das man mit
mangelhafter Geschicklichkeit trgt? Es legt sich gleichsam mit seinem
ganzen dicken Leib, eine einzige Welle, zunchst auf die eine Seite des
Lavoirs und, nachdem es hier gehrig bergespritzt ist, liegt es schon
wieder ebenso heftig und schwer auf der andern Seite. Wie eine Bleimasse
scheint einem das Wasser, so gewichtig, und was seine Flssigkeit dabei
anlangt, flssiger als ein Wasserfall, direkt haltlos, sinnberaubt ...
Dies alles auf ein ungeheures Meer bertragen, und man hat das, was ich
mir unter Seebeben vorstelle, wovon ich bisher leider weder ein Bild
gesehen noch eine Beschreibung gelesen habe. Ich wre jedoch schmerzlich
enttuscht, falls dieses gewaltige Elementarereignis einfach so vor sich
ginge, da das Meer Wellen, nur etwas grere als sonst, wrfe. Das
wrde ja ein Sturm sein, nicht viel mehr. Nein, die Natur bertrifft
gewi unsre khnsten Trume. Das Meer bildet eine einzige Flche, ich
bitte darum, von Asien bis Amerika, und diese groe Flche steigt auf,
stellt sich schief, erhebt sich bis an die zerreienden Wolken, sie
senkt sich wieder, und dumpf wie das Schicksal richtet sie sich auf der
andern Seite empor, diese ungeheure Schaukel. So wie das Verdeck eines
Schiffes schlingert ... Sache des Regisseurs ist es nun, dies auf die
Szene zu bringen. Ich wrde es so machen: Eine Hafenstadt, die nachts in
ihrem unglcklichen Schlaf von einem Auslufer des Seebebens berrascht
wird. Das Wasser ist bis zur Hhe der halben Bhne gestiegen. Jetzt
bemerkt man, da es leise schwankt, in seiner ganzen Oberflche, die an
der Seite der Bhne emporklettert und wieder fllt. Kein Rauschen, kein
Getse. Es sieht beinahe sanft aus: wie eine Mutter, die ihr Kind in den
Schlaf wiegt, wie eine groe Wiege. Damit aber kontrastiert aufs
grlichste die Hast in den dunklen Gebuden, die aufleuchtenden
Fenster, die sofort wieder im Wasserschwall erlschen, das Rufen
treppauf und treppab. Die Huser stehen noch, es sieht fast aus, als
seien sie zu dem Zweck gebaut, unter Wasser zu stehen, wie die Palste
der Stadt Vineta. Aber der Zuschauer ahnt, da sie schon unterwaschen
sind, da sie nicht lange mehr standhalten knnen. Und whrend die
unheimliche Flut lautlos, ohne Grausamkeit, wie gesagt, ihre
Wiegebewegung fortsetzt, brechen pltzlich in dem Moment, wo man es
nicht mehr erwartet (warum gerade jetzt? warum nicht frher?), alle
Huser samt der Domkirche in die Knie. Sie werden in Trmmern
davongeschwemmt, die Stadt existiert nicht mehr, die Flut wiegt sich
noch immer.

Ein freundlicheres Bild: Die Liebenden in der Landschaft. Ein hei
verliebtes Paar hat einen Ausflug unternommen, und whrend sie
dahinschreiten, verwandelt sich die Gegend, natrlich nur fr ihre
Augen. Der geschickte Redakteur leiht uns ihre Augen. Nebst der Sonne
glnzen alle Sterne am Himmel, der Mond, zwei Kometen, deren Schweife je
einem des Paares Luft zuwedeln. Es ist sehr hei. Der Bach, an dem sie
gehen, ist aus Silber, die Waldbume aus patiniertem Kupfer, die kleinen
Kchlein bei der Htte aus Gold. Smtliche Singvgel sind Virtuosen in
ihrem Fach. Eine Wiese wird zu dem Gefieder eines sagenhaften
Riesenpapageis, der sie ber alle Lande hinwegtrgt, an trumerischen
Aussichten vorbei, wobei er immer den Namen eben dieser beiden Menschen
in die Luft hinausschmettert, als htte er mehr nicht gelernt. Dies
alles ist aber nur die erste Stufe der Zauberei. Mit einem Schlage ist
die ganze Umgebung zurckverwandelt, ist gewhnlich und ordnungsgem
Wiese, Bach, Wald, aber trotzdem ist sie fr die beiden gnzlich neu,
sehenswert bis aufs uerste, noch nie dagewesen. Sie sagen es einander.
(Der geschickte Bhnenknstler sehe, wo er bleibe.) Hierauf fragen sie
einander, wann der letzte Zug nach Prag zurckfhrt. Ihre Gesprche sind
nicht sehr belangreich, wie man sieht. Der erquickte Zuschauer jedoch
berhrt geduldig einige Dummheiten und Kindereien, da er durch den
Anblick dieses reizenden Ausstattungsstckes genugsam entschdigt ist.




Illusion


Von hier aus, von der Kleinstadt, stelle ich mir manchmal eine Redaktion
wie einen ungeheuren Palast vor, der seinen Lrm in die dunkeln
Nebenstraen wie eine Ausstrahlung verbreitet. Noch ehe man ums Eck
biegt, fhlt und sieht man an allem: Ah, jetzt kommen wir zur Redaktion
... Geflgelte Stiere bewachen das Portal, und wer vorbeigeht, nimmt den
Hut ab. Der Unterbau des Palastes besteht ganz aus riesigen
Rotationsdruckmaschinen, die so kompliziert wie Rechenmaschinen (als der
Erfinder sie zu Ende erdacht hatte, kam er ins Irrenhaus), aber
zweihundertmal so gro aussehen. Im ersten Stockwerk geschehen
Musterbeispiele der Dinge, die von den Redakteuren in der nchsten
Nummer beschrieben werden mssen: ein Pferd strzt, der erste Schnee
schwebt nieder, Armeen ziehen vorbei, Parlamente debattieren, ein
Aviatiker nimmt von seiner Mutter Abschied, Schauspieler in ihren
Kostmen sprechen erhebende Verse. In der nchsten Etage, die durch ein
kompliziertes Treppensystem mit der untern verbunden ist, gibt es nichts
als Telephone, ungeheure Fernrohre, Bahnhfe fr Exprezge,
Warenmagazine, Kinematographen -- kurz ein solches Durcheinander aller
Kultureinrichtungen, da dem Beherztesten der Mut sinkt. Der
Chefredakteur rollt auf Flgelrdern durch lange Galerien, in denen
seine Angestellten laut schreiend schreiben, die Fllfeder an seinem
Grtel ist wie ein diamantbesetzter Degen. Durch das offene Fenster
sieht man auf den Hof, wo Nachrichten und Herzensergsse aufgestapelt
werden, aus andern Hfen fhren Fden zu allen Stdten des Kontinents
und Amerikas ... So stelle ich mir das Redigieren vor, und das ist
eigentlich meine regelmige, natrliche Ansicht, die ich nur dann
unterdrcken kann, wenn ich das Wort Redaktion mit absichtlicher
Schnelligkeit und Unachtsamkeit ausspreche.

Komme ich aber nach Berlin oder Paris, so sieht die Wirklichkeit ganz
anders aus. Ich mu lange das Haus der Redaktion unter fnfzig
gleichartigen derselben Gasse herausstbern, niemand spricht noch in der
nchsten Nhe dieses Hauses von Dingen, die man als Ehrfurcht gegen ein
so ungeheures Etablissement deuten knnte. Noch der Krmer nebenan
scheint nicht zu ahnen, da gleich benachbart eine Redaktion ist, und
hlt sich selbst offenbar fr wichtiger. Ein Kind spielt Reisen, es ahnt
nichts. Ein Lastwagen poltert durch die merkwrdig unbelebte Gasse. Und
nur ein kleines Emailschildchen heit Simplizissimus oder sonst etwas,
ganz ebenso groe Schildchen hat ein Rechtsanwalt und ein Schreibbureau
im Toreingang ausgehngt. Oft mu ich sogar an Pflaster und Blumen
vorbei ins Hinterhaus gehen, an ruhigen, mit sich selbst beschftigten
Dienstmdchen oder Mietern vorbei. Und dann empfngt mich an einem
gewhnlichen Schreibtisch ein gar nicht mystischer Herr, spricht die
blichen Dinge, whrend ich das einfache Mobiliar betrachte: ein paar
Bcher, einen Telephon-Tischapparat wie in jedem grern Geschft,
Briefe, ein Sofa, einen Briefordner, einen Kunstdruck an der Wand ...
Und da berfllt mich immer wieder derselbe Gedanke, den ich jetzt
ausdrcken mchte. Ich fhlte mich berlistet. Es erscheint mir
pltzlich wie eine bloe bereinkunft, eine Legende, da von diesem ganz
unmerkwrdigen Zimmer so viel Erschtterung und Macht ausgeht. Warum
gerade von hier aus? Wo sind die Fden? Ist die Druckerei hinter der
Wand? Wo laufen die Verbindungen zu dem Kapital, zu den Autoren, zu den
Setzern an ihren Ksten, zu den Verkufern in ihren Kiosken auf den
Boulevards? Ist es nicht ein bloer Aberglaube, da sich diese Verkufer
immer wieder an dieses in nichts ausgezeichnete Zimmer wenden und an
andre nicht? Man mte sie aufklren ber ihre Verblendung. Man mte
vor allem einmal folgenden Versuch machen: ein Zimmer mit sklavischer
Genauigkeit nach einem wohlrenommierten Redaktionszimmer einrichten. Ich
wrde es dann bernehmen, mich ruhig wartend an den Schreibtisch zu
setzen, das getreu nachgebildete Elfenbeinmesser in der Hand. Ich bin
berzeugt, es mte auf diesem Wege pltzlich eine mchtige Zeitschrift
entstehen. Entsteht sie nicht, dann ist das nur ein Beweis dafr, da
die Kulissen des nachgemachten Redaktionszimmers nicht genau dem
wirklichen gleichen. Ich fhle es: die richtig ausgestattete Bhne mu
die szenischen Vorgnge in sich hineinziehen wie ein luftleerer Raum
Luft in sich saugt. Nur ruhig warten und in die Wand schauen: pltzlich
fhlst du das Kapital hinter dir, die Interessengruppen, alle
Verhandlungen, die der Grndung vorangehen muten, pltzlich ist alles
da, wie etwas Vergessenes im Gedchtnis auftaucht und doch von jeher da
war. Und du fhlst, da du in diesem Moment Menschenhnde in einer
fernen Setzerei bewegst; der Telephonapparat, der ein bloes
Bhnenversatzstck ist und gar nicht an die Leitung angeschlossen,
funktioniert in diesem Augenblick, du weit es und du zweifelst nicht.
Ohne Elektrizitt klingelt die Signalglocke. Du erteilst Weisungen,
Ratschlge, Entscheidungen. Du bist ein lebendiger Machtfaktor. Ein
Unterbeamter, von dessen Existenz du bisher nichts geahnt hast, tritt
herein, legt Ausarbeitungen vor, die du ihm gestern aufgegeben hast, wie
es scheint. Andre danken fr empfangene Vorschsse. Und ohne da du dich
von deinem Platz gerhrt hast, hrst du mit einem Mal, wie drauen vor
dem Fenster die Zeitungsjungen den Titel deiner Zeitschrift in die Luft
brllen, wie sie die noch klebrigen Bltter, die nassen, schwarzen,
zischenden Lettern entfalten und schwingen, wie sie rennen und so
schnell den Vorbeigehenden das Papier in die Hand stecken, da man
meint, sie reien es ihnen aus der Hand ... berdies bist du gar kein
Schwrmer fr Zeitschriften natrlich, im Grunde hltst du alle fr
berflssig. Nur einmal hast du es aus wissenschaftlichem Interesse
probieren wollen, ob man eine Zeitschrift nicht intuitiv von innen
heraus grnden kann, mit Hilfe der Bhnenausstattung eines
Redaktionszimmers, statt rationalistisch mit den langweiligen
Maschinerien der Welt.

Um mein Problem zu formulieren: ich mchte den genauen Anteil suchen,
den das Bhnenmige an den Vorgngen des Lebens hat.

Dasselbe gewhnliche Zimmer, als Gerichtssaal eingerichtet: und ganz
gewi werden bald Richter, Zeugen und Angeklagte da sein. Die
hnlichkeit der uern Situation, sofern sie nur tuschend und exakt
ist, mu die gewohnten Vorgnge des Lebens heranlocken ... Ebenso glaube
ich, da ein Sterbender sofort dem Tode entrinnen mte, wenn man ihn
aus der gewohnten Sterbeumgebung, aus diesem Bett und Nachthemd und
Kstchen nebenan mit den farbigen Arzneien in Flschchen, aus dieser
Luft und den das Ende heranzagenden Freunden, pltzlich auf die Strae
versetzte, an eine Straenkreuzung, wo die Reihen der Automobile vor dem
weien Stab des Polizisten stocken, wo alles schreit und luft und jeder
Passant eher dem nchsten absichtlich auf den Fu treten wrde als an
Sterben denken. Wenn man aufpassen mu, da einem im Nachtwind nicht der
Hut in die nchste Pftze fliegt, hat man keine Zeit zu sterben. Die
Szenerie ist es, die mordet und das Leben rettet.




Die Vorstadtbhne


Sie machte ein ernstes Gesicht. Und nicht nur deshalb, weil ihr dies gut
stand. Sondern sie war wirklich traurig.

Der junge Mann, namens Carus, der, ihr gegenbersitzend, das eine Bein
durch das andre gehoben hielt, trstete sie: Schau, ich hab' dich
wirklich nicht krnken wollen, Kindchen. Aber wie sollen wir es anders
anstellen, um aneinander Freude zu haben. Heiraten kann ich dich nicht,
du weit, da ich zu wenig Glck im Beruf habe. Also mute ich dich doch
einmal bitten, meine Geliebte zu werden, nicht wahr.

Jetzt weinte sie schon.

Das dunkle Hofzimmer nur mit einem Fenster und schmal wie ein Fernrohr
blieb eine Weile still, whrend die Dmmerung anbrach. Pltzlich setzte
unten laut das berraschende und hliche Geflte eines Leierkastens
ein...

Da stand der junge Mann auf und, whrend er die Fransen der Tischdecke
zu regelmigen Bndeln ordnete, bat er das weinende Mdchen in leisen
Stzen, verstndig zu sein, ihm nicht zu zrnen.

Martha erhob den Kopf, noch fielen zwei Trnen, sie sagte mit Energie:
Nein, Carus. berwinde dich, sei ein Mann. Ich werde immer stolz darauf
sein, wenn du mich als deine Freundin betrachtest. Aber niemals kann ich
dir das werden, was deine Trume dir vorspiegeln. Verlange es nicht von
mir, du selbst wrdest mich verachten, wenn ich mich und meine Ehre
verge. Ich mu doch einmal Klarheit zwischen uns schaffen: Du bist
mein Freund, mehr nicht, also bleibe so, wie du warst.

Klarheit schaffen ... Ich bitte dich, la das. Ich verzichte auf
jegliche Klarheit.

Aber das Leben ist einmal so, klar und unerbittlich.

So kennst du es, arme Kleine. Natrlich, wenn man seit seinem
sechzehnten Jahr ganz selbstndig in einer groen Stadt sein Brot
verdienen mu. Und gar durch Klavierstunden ... O, wie schlimm ist es
dir ergangen! Man hat dich immer betteln und kmpfen lassen, und
schlielich hast du dich gewhnt, dies als den gerechtfertigten Lauf der
Welt anzusehen. Nie ist dir eingefallen, da alles ganz anders sein
knnte, ein wenig 'operettenhaft', wie Jules Laforgue es wnscht. _Ah!
que tout n'est-il opra-comique! Que tout n'volue-t-il en mesure sur
cette valse anglaise Myosotis!..._

Was willst du eigentlich damit?

Carus ffnete den Deckel des Pianinos und drckte im Dunkeln so langsam
einige Tasten nieder, da kein Ton erklang: Meine Liebe, du nimmst die
Sache viel zu wichtig.

Welche Sache eigentlich?

Ach Gott, alles. Und deine so ernsthafte Erklrung mit schweren
Worterbstcken wie: Ehre, verachten, Klarheit schaffen, Freundin, Trume
vorspiegeln ... Wie schn wre es, wenn du ein einziges Mal diese Logik
vergest, die doch zu gar nichts taugt! Das Leben ist nicht so hart und
endgltig, wie es dir vorkommt. Es gehen immerhin witzige Dinge darin
vor. Warst du, beispielsweise, schon einmal im Vorstadttheater drauen?

Nie.

Bitte, komm morgen mit mir hin! Man spielt zwar tschechisch dort, aber
so viel verstehen wir ja. Und wenn nicht, um so operettenhafter ist es.
Du willst? Also gut, ich hole dich morgen um diese Zeit ab. Du wirst
etwas Unterrichtendes erleben ... Aber jetzt, sei nicht mehr bse, gib
mir einen Kuߠ...

                   *       *       *       *       *

Es ist hbsch, wenn Rendezvous pnktlich von beiden eingehalten werden.

Und so geschah es auch in diesem Fall.

Arm in Arm denn betraten die Beiden das Foyer des Vorstadttheaters. Aus
einem Privathaus hergerichtet, das nur durch transparente Buchstaben und
den wagerechten groen Glasfcher ber der Tr auffiel, empfing es in
einem bunt mit Solenhofer Platten gepflasterten Raum, der rechts
Garderobe, links Konditorei hie. Von hier kam man in einen schmalen
Gang, Schauplatz der Zwischenakts-Promenaden, von roten Plschkanapees
an den Seiten in die Lnge gezogen, mit Glhbirnen, Photographien des
Direktors unter seinen besten Krften, und mit einem goldgerahmten
Spiegel versehen, den als Gegenstcke der Apoll vom Belvedere und die
Knigin Luise nach Rauch bewachten. Ein gutmtiger Eisenofen machte
bieder auf die fehlenden Siebe der Luftheizungen aufmerksam. Eine Palme,
von Staub weilich gepudert, erinnerte an den Orient.

ber ausgebeulte Holztreppen stolperten Carus und Martha lachend in ihre
Loge. Die aber war keineswegs ein Zimmerchen, wie sie es von den
langweiligen groen Theatern her gewohnt waren, sondern nur ein durch
rote, sammtbortierte Pappwnde in Ordnung gebrachter und abgeteilter
Luftraum. ber ihnen direkt schwebte die Decke und an ihr eine Posaune
aus Stuck, lebhaft geblasen vom Zentralengel des Plafonds. Er hielt sie
dezent und edelmtig, kaum gengstigt durch die sezessionistischen
Blumen, die mit gesteiften, parabolischen Stengeln auf der Tnche um ihn
wucherten ... Neben der Loge gleich hockten dichtbesetzt die finstern
Bnke der Galerie; es drckten sich Dienstmdchen, Soldaten,
Modistinnen, ein ganz kindlicher Pikkolo in seiner Amtstracht, alte
Frauen in Sonntagsjacken mit sehr groen Perlmutterknpfen und mit
Tchern um den Kopf, ein witziger Hausmeister, Arbeiter, Bankdiener,
markensammelnde Gymnasiasten, Ladenfruleins, Lakaien, schne Kommis.
Und alle bewegten sich, redeten mit lauter Gedmpftheit, borgten
einander die Operngucker, die Programme, riefen nach Bier, stritten um
ihre Pltze, lachten. Es schien das Ganze nicht unhnlich einem
religisen oder zwecklosen Tanze, ins unsichere Licht weniger Lampen
gestopft, stckweise wiederholt von schiefen Spiegeln, die hier und dort
unter Thronhimmeln aus dem braunen Dunkel funkelten, umrahmt von dem
weiten Wandbogen, dessen Papiertapete wie lustige Flaggen ihre Fetzen
herabwehen lieߠ...

Das Parterre ist wenig besetzt, meinte Martha.

Da brauchst du auch nicht hinzusehen. Hier wird fr die Galerie
gespielt. Und fr uns, wenn wir heute ein bichen kindisch sein wollen.
Wollen wir?

Ja natrlich. Mir gefllt's schon groartig.

Der eiserne Vorhang ging in die Hhe. Aber da hatte des andern kostbare
Teppichflut, rubinrot und von goldenem Tau mit groer Quaste gerafft,
noch nicht vollstndig die Erde erreicht. Die eiligen Fe der
Mitspielenden sah man, ein berraschtes Getrippel im Rckzug; niemand
nahm das bel. Die Regie wird hier nicht so ernst genommen, erklrte
Carus, und gerade deshalb bin ich gern da. Wie dumm ist dagegen dieser
wrdevolle Zusammenhang, die Logik der groen Bhnen. Dort wird man auch
bei den hitzigsten Possenspielen, die allen Ernst verbannen wollen, doch
das Gefhl nicht los, da all das etwas Ernstes ist, da es im Grunde
streng und akkurat zugeht, da alles mit Berechnung eingebt und von dem
zweckmigen Herrn Regisseur hinter der Szene peinlich belauert wird.
Hier lt man sich, gottlob, gehen, hier darf man sich in Trume,
Possen, Auflsung verlieren...

Nach einer sehr lauten und auf scherzend verstimmten Instrumenten
vorgebrachten Ouvertre, die vage Erinnerungen ans Spezialittentheater
auftauchen lie, stellte die Bhne ein elegantes Zimmer vor. O Eleganz
fr naive Seelen! Luxusidee der Vorstdter! Komfort, angedeutet durch
einen groen -- sagen wir Perserteppich! Auer diesem und zwei Sesseln
befand sich nichts zwischen den drei mit blauen Blumenkrbchen
gemusterten Wnden. Nur im Hintergrund fhrten zwei Stufen zu einer
Estrade mit einem Tisch, dessen Weinflaschen eine dunkle, etwas geneigte
Leinwand sttzend in aufrechte Lage erhielten. Da diese Leinwand mit
Blttern und sten bemalt war, mute man sie fr die Aussicht in einen
Garten und gute Luft in weitem Umkreis um eine offene Veranda halten.

Ein Vater in luxuris-abgeschabtem Frack betritt mit seiner ungarisch
kostmierten Tochter seiner Besitzung Prunkgemach. Er zankt mit ihr. Was
will sie den Baron nicht heiraten, diesen entzckenden und
ehrfurchtgebietenden Altadeligen! Er spricht wie ein Salamifabrikant und
Parvenu, der er ist. Jetzt sind Gste zur Verlobungsfeier geladen; der
komische Diener kann es in seiner rettungslosen Betrunkenheit nicht mehr
erwarten, sie zu melden, und Ilka denkt immer noch an ihren Cousin,
diesen feschen Husarenleutnant. Sie weint, der Vater ist verzweifelt.
Dann tanzen sie miteinander einen zornigen Csardas ... Beifall. Sie
geraten noch einmal in Zorn und Csardas ... Ilka bleibt und singt. Wo
bleibt nur der Cousin, dieses se Ekel?... Aha, da ist er schon, es
entsteht keine Lcke in der Handlung! Prachtvoll: sechs Husaren
marschieren hintereinander herein, weibliche natrlich, mit runden Armen
und herausgedrehten Becken, und dann er, der mnnlichste aller Husaren.
Er beeilt sich, ein triumphierendes Couplet ins Publikum zu salutieren;
dann erst hat er Zeit, die harrende Cousine zu bemerken. Er salutiert
wieder. Er salutiert berhaupt unaufhrlich, und wenn irgend jemand in
dem Stck seine berlegenheit bezweifeln sollte, so wird er auch dann
nur salutieren und alles wird klar sein. Eljen!

Siehst du, so nett und gar nicht traurig ist das Leben, wandte sich
Carus an Martha, die lchelte.

Und dann das Finale. Man sieht es herannahen, man fhlt es frmlich, da
der Akt reif ist. Zum Crescendo des Orchesters eilen aus allen Kulissen
Leute; Gastgeber, Gste, den Baron und seine hochmtige Mama, die
Husarendamen mit ihrem Helden; sogar alle Dienstmdchen und Kche des
Hauses sind gern dabei, wo es gilt, den Chor zu verstrken. Die Bhne
wird zu eng. Die Wnde zittern, die Gartenaussicht wirft Falten. Die
Tren pendeln aus und ein, noch lange, nachdem man sie geschlossen hat.
Einige Gste setzen sich zusammen auf einen Sessel. Das ist ein Witz,
obwohl es tatschlich an Sesseln fehlt. Mit Begeisterung wirft man sich
auf die bemalten Holzstcke des Gnsebratens, sucht die wirklichen pfel
aus dem Gummi-Dessert, schwenkt leere Glser mit Unbedacht, zwickt die
Choristinnen in passende Krperstellen, schlgt einem wenig beliebten
Statistenkollegen den Hut ein und regt ihn hierdurch zu unerwartet
ausdrucksvollem Spiel an. Eine Orgie entsteht, blitzschnell, schon sind
alle betrunken! Nun gert alles, aber auch alles, in ausdrckliche
Unordnung; vor bermut milingen die Einstze, werden die Positionen und
Gruppen verfehlt. Schnell erscheint noch eine Fee, auf dem Tremolo der
Geigen anschwebend. Dann fassen alle einander an den Hnden und tanzen
in zwei Reihen vor, auch zurck, soweit Platz ist, werfen die Beine in
die Hhe, machen gemeinsame Gebrden, natrlich nicht allzu pedantisch
gemeinsam, unternehmen einen Cancan, lassen den Vorhang schnell wie eine
Guillotine ber ihrem tchtigen Geheul herunterstrzen...

Ach, wie schn das ist, wie vollkommen schn! ruft Carus.

Martha: Hast du die Fee bemerkt? So eine junge Brust, ein schnes
Mdchen. Es wre schade um sie, hoffentlich wird sie entdeckt.

Du hast doch immer Sorgen, du Gute. Vielleicht wird sie entdeckt,
vielleicht nicht. Scheint dir das so wichtig?

Das ist wahr. Hier ist alles so leichtsinnig, so frisch, da man sich
gar nicht vorstellen kann, es gebe auerdem wichtige Dinge.

Nun, so freue dich. Wir schweben, was liegt daran! Das Theater wackelt.
Hoffentlich sind auch seine Kritiker reizende Menschen und seine
Finanzen nicht bertrieben seris. Glaubst du nicht, da es ein durchaus
liebenswrdiges Unternehmen darstellt?

Ich wei nicht ... Aber eines ist sicher, ich fhle mich hier so frei,
so glcklich...

Alles ist wie Luft. Sei unbesorgt. Und ob du mein sein wirst oder
nicht: ich bleibe munter ohne Schwere. Du auch, nicht wahr?

...Ich mchte dich kssen....

Der zweite Akt brachte einen Urwald, nein, einen Schilfsee, nein, ein
Gebirge, nein, eine Eisenbahnstrecke mit Stationsgebude. Es war alles
zugleich auf verschiedenen Kulissen zu sehen. Und man stand nun in einer
mit Grazie unkonsequenten Welt, in einer launigen Kausalitt. Da erlebte
man, da alles wie mit Erdbeersaft begossen war, ah! einen sympathischen
Sonnenuntergang. Dann brach eine Dmmerung ein, die ruckweise
fortschritt, so, als verge der liebe Gott immer eine Weile, es dunkeln
zu lassen, besnne sich jedesmal und hole es dann pltzlich mit Energie
ein. Nun in der Nacht, wer erwartet nicht Liebespaare an diesem
Urwald-Eisenbahn-Gebirgs-Schilfsee zu treffen? Und da kommen sie schon,
der Cousin mit Ilka; um nicht gestrt zu werden, singen sie
(selbstverstndlich mssen sie ja singen) leise. Ab. Von der andern
Seite schleichen mit der zweiten Strophe genau nach derselben, gleichsam
verabredeten Melodie die Fee und der Baron. Ilka und Cousin kommen
zurck. Man entdeckt einander, man ist berrascht, wenn auch nicht mit
Heftigkeit, man tanzt eine berraschungs- und Entfhrungsquadrille.

Eine Entfhrung! Ah, jetzt verstehe ich, was das Stationsgebude soll,
flstert Carus mit dem erregt-dummen Gesicht eines kleinen Schlers.

Gewi wird ein Zug auf die Bhne kommen, ein Schnellzug. Das wird schn
sein! Ich freue mich schon so sehr! Wie ein Baby klatscht Martha in die
Hnde. Carus, sorgenvoll: Wer wei, vielleicht wird er nur hinter der
Szene pfeifen.

...Aber mir nichts dir nichts tauchen jetzt struppige Gesellen auf,
langsam, aber die Hnde vorgestreckt wie Leute, die aus dem Wirtshaus
herausgeworfen werden, mit beschwrend eingeknickten Knien schleichend.
Ah, Ruber! Nein, es ist nur eine wandernde Schauspielergesellschaft!
Und nichts in der Welt ist selbstverstndlicher, als da sie genau hier
im Walde ihre Probe abhlt, wo zwei zerrttete Liebespaare auf den
Schnellzug warten. Natrlich strmen Bauern und Buerinnen aus dem
benachbarten Dorfe herbei; slawische, ungarische, sizilische, spanische
Kostme, selbst Zigeuner, alles, was farbig und phantastisch ist. Und
wie sorglos und anheimelnd wirkt auch die Art, in der windesschnell eine
Bhne aufgezimmert, eine Zuschauerbank herbeigeschafft wird! Kurz und
gut, alles ist bei der Hand, die Vorstellung kann beginnen ... Und nun
ereignet sich in kaum mglicher Steigerung, da diese auf der
Vorstadtbhne dargestellte Landschaft noch einen Grad primitiver sein
soll. Mit ihr verglichen, mu alles brige auf der Szene als elegante
Welt erscheinen. Was fr Dekorationsruinen erfordert diese Schmiere auf
der Schmiere, wie puppenhaft geschminkte Komdianten, welch ein exotisch
unsinniges Theaterstck. Auf der hchstens quadratmetergroen
Szenenflche pressen sich die Darsteller, mit bertrieben linkischen
Gesten, von roten Flammen bengalischer Streichhlzer geblendet. Und
jetzt spielen sie absichtlich, weil sie eben Dorfmimen spielen, nicht
etwa von Natur aus, schlecht. Ihre Ungeschicklichkeit wird zur Kunst;
wenn einer gierig eine Knackwurst it, so soll man seinem Hunger die
Ironie glauben; einen Zerlumpten fr einen Dandy sonst halten, eine
komisch-alte Naive fr nur heute hlich. Und das Bauernpublikum auf der
Bhne lacht und applaudiert ... Da verkennt das reale Publikum auf der
Galerie die Sachlage, stimmt frhlich in den Applaus ein und lacht mit,
bitte, nur keine Umstnde, lacht mit und zeigt sich in den Strahlen
seiner wahrhaft volkstmlichen, unbeschrnkten Toleranz. Nun ist alles
verwirrt und vershnt, man kennt sich nicht mehr aus, man mu einfach
ein braver Mensch sein und mitlachen, lachen ohne Grund und Gnade und
die Hnde in einen ziellosen Himmel ausstrecken ... Und da wird noch
schnell, unten auf der Bhne, entdeckt, da der Cousin eigentlich ein
lange vermites Kind der stolzen Baronin ist. Somit adelig, darf er Ilka
heiraten, der Baron nimmt indes die Fee zur Frau. Martha schluchzt am
Hals Carus', der vor Lachen gleichfalls auer sich ist, und nur durch
Trnen sehen sie noch, da als imposanter Schlueffekt der Eisenbahnzug
einfhrt. Die bermenschlich groe Lokomotive mit feuriger Laterne am
Rauchfang bumt sich an einigen Buerinnen empor, die keinen Platz
haben, aus dem Wege zu gehen, stockt, macht noch einen Schritt und
bleibt dann endgltig stehen. Die Liebenden bereiten sich zum
Einsteigen, Carus und Martha wollen ihnen nachwinken, da fllt der
Vorhang...

                   *       *       *       *       *

In dieser Nacht gehrten sie einander zum erstenmal.




Das Wunderkind


Es gibt eine Stufe im Jahr, nur wenige Tage, da scheint alles in
Klarheit zu erstarren. Du mut sie bemerkt haben, fhlender Freund, wenn
du durch die erfrorenen Parkanlagen mit langsamem Nicken schreitest,
wenn dein Herz urpltzlich der Seltsamkeit dieser einzigen Stunden so
hingegeben ist, da es in entfernte Gegenden entrckt scheint, auf
kostspieligen Eisenbahnfahrten ... Der Herbst ist vorbei. Der Winter hat
alles zerstrt, entlaubt, verwhlt. Und auch dein Ach, mit dem du
notwendig diesen Untergang akkompagniert hast, verhallte schon, du
Lieber. Aber zum Vorfrhling ist noch weit, zu diesen nach allgemeiner
bereinkunft schicksalsvollen Erweckungen. Denn du siehst noch den
Schnee in soliden, beinahe ewigen Flchen ber die Wiesenbeete gehllt,
schollig aufgeschaufelt zu beiden Seiten des Parkweges und ein wenig
angeschmutzt, ganz wei aber in den sten. Er scheint flockig vor lauter
Frische, du greifst ihn an, da pocht er dir steinhart in die Hand.
Zwischen Winter und Vorfrhling trifft dich dieser Schlag wie mit Klang
einer Glocke. Und nun verstehst du es: alles ruht ringsum, eine Pause
von unendlicher Bedeutung ist eingetreten. Wenn du auch im
wissenschaftlichen Bewutsein hast, da die Sfte in diesen Stmmen
weiterkreisen: du siehst es nicht, nichts geschieht, weder verfllt
etwas, noch lebt es wieder auf, der Tod ist vorber und die Auferstehung
noch nicht einmal angekndigt. Was will die Sonne? Sie strahlt gelblich
zwischen Schatten der Zweige hindurch, etwas geht von ihr aus, was man
eisige Wrme nennen mchte. Aber nicht vermag sie, und nicht vermag die
milde, schnobernde Luft diesen harten, stillen Baumstmmen irgendwie
Leben zu entlocken. Fremdartig wie ein krperlicher Gegenstand an einen
andern Gegenstand fllt, so fllt das Sonnenlicht, mit Luft gemischt, an
den hlzernen Baum, ohne Reizung. Baum und Sonne haben einander nichts
zu sagen ... O einzige Stunde im Jahr, reinste, keuscheste,
unausgesprochenste! Und auch du, Freund, halte die Trnen nicht lnger
zurck, geh' in Rhrung den schrg geneigten Weg herab, der heute, da
nichts wirkt, da auch die Schwerkraft aufgehoben scheint, deine Schritte
nicht um ein Gran beschleunigen wird. Wie an einem kleinen schwachen
Luftballon befestigt schreitest du herab, im Gleichgewicht. Vergi es
niemals, wie deutlich heute alle Dinge waren, innerlich ohne Zweck, ohne
Beziehung aufeinander, wie hnlich Kristallen. Da eine Amsel
vorbeihpft, ist ein bloes Naturschauspiel. Denn sieh, sie frit
nichts, sie sucht nichts, sie will nichts, sieht nicht ihr braunes
Weibchen nebenan. Mit einem saubern Schnitt hat sich jedes Wesen heute
aus dem Gemenge der Welt losgelst, einzeln nun und friedlich blickt es
in den lautern wolkenlosen Himmelsther, entschlossen, fr eine Zeit
unverndert so zu bleiben.

                   *       *       *       *       *

Der zwlfjhrige Klaviervirtuose Szll springt aus der Kulisse, frmlich
befreit von etwas, was ihn dort festgehalten hat. Er hnelt einem
kleinen, aber festen Fuballspieler. Seine Schenkel in den kurzen Hosen
sind dick. Eine Hand wirft er im Gehen vor und zurck wie ein Pendel,
die andre wie ein Quirl beschreibt enge Kreise am Krper. Kaum kann er
es erwarten, am Klavier zu sitzen, den Sessel in die richtige Hhe
aufzukurbeln. Wie sehr kennt man diesen Eifer an wohlgeratenen Kindern
bei ihren Spielen und Hetzen, wie natrlich dies alles ... Und nun,
whrend das Orchester schon dem feurigen Schmerze des F-Moll-Konzerts
von Chopin sich preisgibt, hlt er sich mit den Fingern heftig an dem
gekrmmten Holzprofil unterhalb der Klaviatur fest, frmlich um nicht
gegen seinen Willen ins Spielen zu kommen. Den Kopf bewegt er im Takt,
und sein Gesicht ist so zart und wei, da man es in der Luft
verschwimmen sieht, nur von den blonden Haaren zurckgehalten ... Nun
setzt er ein, frhlich wie ein Kind, dem endlich in Gesellschaft
Erwachsener zu reden erlaubt wird. Seine Lufe rutschen gesund und klar
aus dem Gelenk ... Jemand flstert neben mir: So soll Chopin gespielt
werden. Nein, das ist natrlich falsche Begeisterung. Aber ich denke
mir: So soll von Kindern Chopin gespielt werden. Oder noch deutlicher
und wahrhaftiger wird es zum Gefhle So mag Chopin, als er noch ein
Knabe war, wie dieser hier, in kurzen, weien Hosen, so mag er die Keime
seiner zuknftigen Musik, seines zuknftigen Leidens mit ahnungsvollen
Regungen in sich gesprt haben. ... Der zerlegte Dreiklang, mit dem das
Adagio beginnt und schliet, wie breitet er so sehnschtig die Arme aus
nach einer Geliebten, die ihm immer ferner ins Hhere entschwindet. Noch
einen Ton, noch einen gibt er zu, klettert zgernd empor, vergebens ...
So pflege ich diese Stelle zu spielen, manchmal an Abenden, wenn die
ganze mhevolle Erfahrung meiner Jahre sich in mir angesammelt hat. Ich
bertreibe es vielleicht und bleibe minutenlang bei diesen sen Noten
... Keine Spur davon heute. Und recht so, und bravo, lieber Szll,
wackerer Knabe, du bringst das vorgeschriebene Diminuendo und das
vorgeschriebene Ritardando, aber ist es deine Sache, vergiftete Tropfen
von Liebe den zerlegten Dreiklngen zu injizieren, die musikalische
Figur am Ende durch berschwang zu zerstren? Und du springst im letzten
Satz tapfer und richtig auf die weit entfernte F-Taste, aber ohne
wahnsinnigen Zorn, denn wer sollte dich in deinem talentierten Leben
gekrnkt haben? Kurz, du spielst das ganze Stck so vorzglich sauber,
so freundlich und durchaus nicht ohne die angemessenen Betonungen, da
es mir heute in groen Formen entgegentritt und ber allem Dampf
menschlicher Leidenschaften. Ja, man sollte sich alle Musikwerke einmal
von Wunderkindern vorspielen lassen. Das ist etwas ganz andres als das
Spiel erwachsener Virtuosen, gereifter Mnner, die ihre eigenen
Erlebnisse kommentierend in die Akkorde einflechten, deren zerrissenes
Herz schreit, getrstet wird und wieder schreit ... Heute erinnert mich
das Konzert an die hellen khlen Tage, die weder dem Winter noch dem
Vorfrhling gehren. Wie im Park drauen die Sonne wirkungslos um die
Baumstmme steht, so kann die Hitze dieser Komposition nicht in die Hand
des kleinen Spielers dringen. Die Hitze ist hier, und die Hand ist hier,
aber zwischen den beiden gibt es keinen Zusammenhang, sie grenzen
aneinander, aber sie berhren einander nicht. Und gerade dadurch
entstehen so genaue reine Konturen, eine Freude fr jeden Menschen, der
das Seltene liebt ... Er ist zu Ende. Er verbeugt sich vor dem
applaudierenden Publikum und, wie man ihn belehrt hat, leitet er einen
Teil des Beifalls, indem er die drei-, viermal kurz zusammenschlagenden
Hnde erhebt, dem Orchester zu. Auch diese Form des nervsen Maestro,
den man gejagt durch alle Lnder, alle Orchester der Grostdte sich
vorstellt, heute hier, morgen dort, erfllt er mit schner fremder
Sicherheit, ohne Selbstberwindung oder etwas derartiges Nervses durch
sie uern zu wollen. Er setzt sich wieder und, da man weiter
applaudiert, steht er wieder auf, um mit einem Ruck sich zu bcken.
Whrend aber andre, die Gereiften, whrend des Beifalls im Sitzen so
tun, als beschftige sie schon wieder das Klavier und ihr nchstes Stck
und als schrecke sie nur der gesteigerte Lrm zu noch einer Verbeugung
auf: sitzt der Knabe ruhig da, die Arme ber der Brust gekreuzt, schaut
dem klatschenden Publikum ins Gesicht, wartet in dieser Stellung eine
passende Weile, ehe er wieder vortritt. Man hat ihn eben belehrt, er
solle zwischen den Verbeugungen warten. Vielleicht zhlt er inzwischen
bis dreiig.




Im Chantant


Ich habe eine Entdeckung gemacht: Smtliche Soubretten der Welt haben
genau eine Art, auf dem Podium zu gehen. Wie oft habe ich darber
gesonnen, in dieses scheinbar so zackige Hin- und Hermarschieren eine
Regel zu bringen. Da ist sie nun (und ich bitte Sie, lieber Herr
Verleger, keine Kosten zu scheuen, um ihren Lesern durch eine kleine
Reproduktion zu zeigen, was ich meine):

[Illustration: Schema der Bewegung einer Chansonette]

Nmlich: die normale Chansonette singt zuerst einige kleine Zeilen
rechts auf der Bhne, rechts vorn, das Gesicht gegen die Zuschauer
gekehrt; dann geht sie gegen den Hintergrund, geht jedoch mit dem Rcken
voran, immer noch uns zulchelnd; nicht ganz erreicht sie die Wand und
doch, als wrde sie elastisch von dort (nach den Gesetzen unseres
Physiklehrbuches) zurckgeschleudert, kommt sie jetzt mit schnellerem
Schritt energisch auf uns zu, immer singend, nach links vorn, mit
wachsendem Lcheln. Von hier aus wiederholt sich vielleicht dieselbe
Kurve in der entgegengesetzten Richtung, das ist unabwendbar. Ich bin
wirklich froh, da mir nach vielen Beobachtungen dieses
wissenschaftliche Gesetz klar geworden ist. Vielleicht gebe ich jetzt,
mit einem befreundeten Mathematiker, bald eine Geometrie des Chantants
heraus. Ich wei ja auch schon, da von den beiden sten der heute
entdeckten Kurve der erste immer weniger steil als der andere sein mu;
natrlich, weil die Dame vorsichtiger mit dem Rcken gegen die Wand
losgeht als mit dem Gesicht gegen das Publikum nach vorn.

Und solche Dinge wei ich noch viele. Ich sitze so gern im Chantant, es
ist mein liebstes Theater. Das Zimmer ist eng, hei, und noch am
nchsten Vormittag wird dieser Zigarrenrauch meine Augen zwicken. Der
Klavierspieler brilliert. Das heit nicht etwa: brillant spielen. Er hat
seine eigene Technik: brillieren, er lt stets die Schwierigkeit
seiner Ouvertren durchschimmern und namentlich auch seine Ohnmacht auf
diesem (ach! zuflligerweise) so miserablen Pianino. Fast ebenso laut,
wie die Leute reden, spielt er. Wieso ermdet er nicht? Vielleicht hofft
er, von einem dieser Gste eines Abends entdeckt, zu einem bessern
Klavier hingefhrt zu werden. -- Die Mdchen kommen, die lieben Mdchen,
und man vergit ihn. Sie haben ihre Metallschuppen an, ihre
Trikotstrmpfe, wie zu unserer Vter Zeit, sie zeigen auf ihre Frisur,
auf ihren Schuh, den sie vorstrecken, whrend sie sich vorbeugen; all
dies, um anzudeuten, da sie von Kopf bis Fu߫ einfach die
Brettlknigin sind. Es sind geheiligte Bewegungen, die sie ausfhren,
Stiltraditionen: dieses Vorhalten eines Spazierstocks soll gigerlhaft
sein; Seidenhosen, noch so kurze ber noch so dicken Schenkeln, deuten
den Gassenbub an; das Wort ich bin noch =jung= wird viele Strophen
hindurch immer wieder mit demselben Geheul neuer Erkenntnisse
ausgestoen; der Kakewalkschritt, als wate man knietief durch Sand, so
mit Aufgebot aller Kraft, ist Amerika; wird der steif abstehende Rock
ans Knie vorn mit beiden Hnden gepret, so da er hinten sich hebt, bei
seitlich geneigtem Kpfchen, so ist Unschuld gemeint; aber Paris
selbst, Metropole des Lasters, rauscht ber die Szene, wenn dann die
Kleine die Rcke aufhebt, den gebckten Kopf an sie legt, als wolle sie
in diesem Polster ausruhen, und nun von hier aus lchelnde Blicke
schickt -- als Halbmond fllen die Dessous schn den Raum aus zwischen
Bein und Hals, wie ein geffneter Fcher; oder in genderter Figur
mischt sie jetzt alles durcheinander, beugt sich noch tiefer zu ihren
Spitzen, wie eine Wscherin ber die Wsche, hebt schnell abwechselnd
ein Bein, das andere, und mit eiligen Hnden rhrt sie die schumenden
Falten, wirft sie hin und her, whrend ihr Blick beschftigt auf diesem
Schaukeln ruht. Weisheit des Chantants! Sie singt: Was die Franzsin
kann. Das kann auch ich. Es ist nicht so viel dran. Ganz sicherlich. Nur
weil's Franzosen sind. Drum hamm's mehr Glck. Doch hat die Wienerin
denselben Chic.




Liane de Vris


Der Reklamograph: interessanter, als man glaubt. Dann schnellte eine
akrobatische Neuheit ber die Varietbhne, dann hielten Clowns
Violinen und Glocken an Drehbnke, und es klang wie eine Art von Musik,
so sollte es auch sein. Die Kulisse oft benutzten Herbstlaubes
erzitterte vom Urwaldgekreisch dressierter Kakadus und von ihren
springenden Farben. Gut, gut, all das sind Versprechungen -- kommt sie
noch nicht? Ich sah sie verdeckt hinter den turnenden Arabern, hinter
dieser temperamentvollen Wste, hinter synkopischen Englnderinnen,
hinter der Pause, die den Riesensaal hell machte und all die blauen
schnen Zigarrenrauchwolken zu den Wolken des Plafonds trieb, zu den
Fcherspiegeln, den Verzierungen. Aber sie zeigte sich nicht. Noch diese
Germania mit kantigen Hften mute auftretend sie verdecken und
Zigeunerweisen geigen, mit ihrem Bogen alle Ziehbrunnen der Puta heben,
pizzicato und im Flageolet, wobei passenderweise ihre Postichen
kruselnd in Unordnung gerieten, whrend zur nchsten Cantilene doch
wieder schon der gehrige Augenaufschlag in Bereitschaft war. Geh schon
weg! Und auch du, ade, Amerikanerin, die den Kunststcken der Brder
hilft, auf sie zeigt, im tiefsten Mundwinkel ihren Goldzahn aufblitzen
lt. Ade, geh schon weg...

Dann trat Liane de Vris auf. (Whrend dieser Nummer wird nicht
serviert. Das Plakat ist von Damar in Paris gedruckt und schlecht. Ein
Freund hat mir erzhlt, er habe in der Nacht, nachdem er sie gesehen,
nicht schlafen knnen ... So sammle ich schnell noch, vor dem erregten
Moment, alles, was ich bisher von ihr wei.) Musik. Ich schliee die
Augen. Und dann sehe ich sie, sie steht da auf der Bhne, und ich hre
sie, und es ist die Sprache, die Sprache Flauberts. Da steht sie, so wie
ich mir immer die Pariserin meiner Legenden vorgestellt habe, ich habe
Paris noch nie gesehen: da ist nun das Vorbild der mondnen
Wochenschriften, der Bilder von Fabiano, Gos, Galanis, de Mouvel, das
Vergngen meiner einsamen Abende im Kaffeehaus, nchstens werde ich
davon schreiben. Da ist sie, und es ist keine Enttuschung, nein, eher
war das Erwarten eine Enttuschung, denn ich htte sie sehnschtiger
erwarten sollen ... Ihr Hut, das Kleid mit Flittergold, und dazu geben
die vielen echten Perlen eine Harmonie, eine Harmonie im hheren Sinne,
o jenseits, dort wo auch die Wurzeln von Minus-Eins schweben! Die
Perlen, die solitren Brillanten und an Ketten die Schmuckstcke, neben
ihrer Schnheit sagen sie tautologisch noch einmal dasselbe: Man mu
mich lieben, alle lieben mich. Das sagen die Schmuckstcke, das sagt
die Schnheit auch allein. Denn sie ist schn. Hab' ich's noch nicht
gesagt?... Sie ist schn und so wei, andere werden vom elektrischen
Reflektor beleuchtet, sie wirft ihr Licht in den Reflektor, beleuchtet
ihn. Toiletteknste, wendet eine ein. Aber mach' es ihr doch nach,
kleine Hausfrau, eben wirst du von der Bhne her aufgefordert, nicht
eiferschtig auf deinen Mann zu sein; denn dieser Ku gilt gerade ihm.
Sie ist schn -- knnen diese Hnde auch Wrme geben? Unmglich, daran
zu glauben!... Ganz ruhig nun betrachtet, denn es ist hchste Zeit,
einige wertvolle Beobachtungen zu machen: ihre Brust liegt im oberen
Fnftel etwa des Leibes, das macht ihn stark und schlank zugleich,
schafft Raum fr mnnerartige Freiheit des Unterkrpers, fr die in
Mllers System beliebten Korsettmuskeln. Wie gesund sieht sie aus, wie
schn und gesund. Lieber noch als mit ihr sein ... mchte man sie sein!
Sie ist so rein, gewaschen, berwacht, Sndfluten von Reinigungsbdern
frmlich mssen durch ihre Haare gegangen sein, da sie so na glnzen
und so trocken sind. Das ist unbegreiflich, obwohl nichts unbegreiflich
ist. Alles andere war Schweinerei bisher, Brunst. Hier beginnt meine
Liebe. Und diese freie Stirn, das intelligente Achselzucken, dieses
Sich-wenden einer groen Dame, wobei der nackte Rcken mit Grbchen,
Schatten, Sehnen, Anhhen erscheint. Gewi ist sie witzig, das sehe ich
an ihrem nackten Rcken, und gut, brav. Alle schnen Frauen sind brav,
nur bei Maupassant und andern schlechten Autoren (Wiener Schule!) sind
sie's nicht. Und siehst du, sehen Sie ... ich habe recht gehabt, sie hat
Deutsch und Tschechisch gelernt, um uns etwas zu sagen. Was ist das fr
eine Szene? Ein Kellner kommt auf die Bhne, bringt ihr einen Brief.
Jetzt fetzt sie den Brief auf, ihr Zeigefinger als Messer, wie der sich
ins Seidenfutter whlt und einen Schlitz macht, um den sich Locken des
Papiers aufbumen! Sie erklrt uns alles: jemand mchte sie zum Souper
einladen: Sind Sie es? Oder Sie in der Loge, auf der Galerie?
Strophenweise antwortet niemand, natrlich, weil alle wie im magischen
Banne liegen und vielleicht auch nicht so perfekt die Sprache Flauberts
beherrschen, und das gibt ihr Gelegenheit zu ihren aufreizenden Mienen,
zu dieser ewig lgnerischen, ironischen Geste: Niemand will mich, ach,
warum will mich niemand? Den Finger an der Lippe steht sie da,
weinerliche Vorwrfe heuchelnd.

Ihre andern Couplets. O schnster Abend meiner Saison heuer, neben
Variationen von Reger ... Die andern Couplets: Sie ist Masseuse und
streichelt ihre Umrisse, modelliert sich, zu unserer greren
Aufmerksamkeit. Oder sie hat was Schnes, sie gefllt und wei nicht
warum. Fragt nur eure Shne, die wissen's. Oder sie mu lachen, von
unsichtbarer Hand gekitzelt. Oder das kleine Erschrecken, die Halbkreise
(statt Halbellipsen) der Augenbrauen, der Mund, der ein o sagt, weil er
einmal rund sein mchte, nach seiner sonst so sanft geschwungenen Form.
Die Klappen des Kleides an ihrem Busen und zwischen diesen Klappen, das
feste Licht im Ausschnitt locker, doch nicht schwankend. Nun verteilt
sie Blumen und ist einfach das, was sie ist, ohne Gesang und Pointen:
eine schne, gutartige, gescheite Frau, ein Aktivum des Weltalls ... Zum
Schlu verbeugt sie sich tief. Achtung, die Klappen!... ein
Kollektivku, den sie in ihre hohle Hand gibt und ausstreut; dennoch bin
ich in Dankbarkeit beschmt...

Mein lieber Freund, auch ich habe die Nacht darauf nicht geschlafen.
Aber aus einem andern Grunde. Ich mute das da schreiben. (In erster
Linie nmlich bin ich Schriftsteller, nicht Liebhaber.)




Hhere Welten


1.

Ich bin weder Spiritist noch Antispiritist, weder Antitheosoph noch
Theosoph. Welcher Weltanschauung gehren Sie also an? Ich bin Literat.

Man wird sich doch endlich angewhnen mssen, die Literatur als eine
vollgltige alles umfassende Weltanschauung anzusehen, nicht als einen
Beruf. Der Schriftsteller hat seine ihm eigentmliche Art, die Dinge zu
sehen, er sieht eben das Literarische an ihnen, also das knstlerisch
Beschreibenswerte, das den an diesen Dingen anderweitig Beteiligten
freilich sehr oft nur einen Nebenumstand darstellen mag ... Hierdurch
gert er allerdings in den blen Verdacht, zu ironisieren, d.h. von den
Dingen nicht ergriffen zu sein ... Ganz falsch: er ist in seiner Art
ergriffen, literarisch ergriffen von ihnen. -- Einem Dichter vorwerfen,
da er sich von der Welt nur literarisch beeinflussen lt, ist genau
dasselbe, wie einem Politiker vorwerfen, da er sich nicht um den
Knochenbau seiner Whler kmmert, oder einem Anatomen, da ihm einerlei
ist, ob die Skelette seines Kabinetts zu Lebzeiten der konservativen
oder freisinnigen Partei angehrt haben.

Ich gestehe von vornherein und mit Stolz, ich bin Literat, ich
interessiere mich auch fr Hhere Welten nur literarisch. -- Kommt
einer und predigt mir, da die ganze sinnliche Welt nur Schein ist, da
es ganz andere Dinge gibt, die zu sehen fr mich von der allerhchsten
Wichtigkeit ist, ja die nicht sehen mich in ewige Verdammnis strzen
wird, -- so werde ich nicht umhin knnen, die seltsame Haarformierung
und Frisur etwa dieses Drohenden in erster Linie, als Hauptsache zu
beobachten und im Geiste unwillkrlich die treffendsten Worte und
Vergleiche dafr zu suchen. Ganz einfach: er stellt mich in seine
bersinnliche Weltanschauung, ich ihn in meine literarische. Niemals
werde ich zugeben, da die literarische Weltanschauung irgendeiner
anderen, noch so erhabenen, nicht ebenbrtig ist. -- Dieses Gejammer
ber die Lebensschwche des Knstlers, ber die Minderwertigkeit der
Literatur gegenber dem Leben, mge endlich aufhren! Warum sich der
Literatur schmen? Sie ist ein Mittelpunkt, nicht schwcher als Erotik
oder Demagogie oder Wissenschaft.

Ich schme mich nicht, -- dies als Vorbemerkung -- ich freue mich der
Literatur.


2.

Viele Nachmittage verbrachte ich einst mit Gustav Meyrink, nun habe ich
ihn lange nicht gesehen und htte ihn vergessen, wenn mich nicht neulich
wieder seine vortreffliche Dickens-Ausgabe (bei Langen) gut an ihn
erinnert htte ... Oft hatte ich damals das Gefhl, da es rings um ihn
spuke. Als ich ihn kennen lernte, sprach zufllig gerade jemand mit
leiser Stimme auf ihn ein, erzhlte von einem Spukhaus in Budapest, das
die Behrden aber versperrt hielten. Niemand drfe hinein. Er lchelte:
Ja, so wird es immer gemacht ... Er selbst berichtete ber
erstaunliche Erlebnisse, einmal in Tirol habe sich ein Tisch, an dem er
mit Freunden experimentierte, bis an die Decke gehoben, habe ihre Kpfe
an den Plafond gedrckt. Er hatte eine ruhige Stimme und einen
glnzend-treuen warmen Blick seiner groen blauen Augen. Ich betrachtete
jede Stunde, die er mit mir verbrachte, als Geschenk, ich stand
vollstndig unter seinem Einflusse; oft erwartete ich, wenn spt nachts
das Kaffeehaus fast leer war und der herrenlose Tabaksqualm, der von
Abwesenden aufgerhrte Staub wie auf matte Nachzgler eines Heeres auf
die letzten Gste sich strzte: jetzt mten Geisterhnde hervorgreifen,
die Tischbeine umklammern und dann auf uns los ... Ich bewunderte sein
Wissen, seine geheimen Wege. Er galt als unheilbar krank, schleppte ein
Bein nach, -- er kurierte sich selbst und wurde gesund. Er machte
alchymistische Experimente, zu denen seine ausgeschriebene
Geschftsschrift mit banal-violetter Tinte so entzckend wenig pate. --
Ich begleitete ihn nachts zu seiner Wohnung, in einem Vorort neben der
Gasanstalt. Und auch das schien mir okkult, da er neben der Gasanstalt
wohnte, und entsetzte mich, unklar schwebte mir vor: wenn nun ein Funke
berirdischer Aureole in so einen gefllten Gasometer einschlgt, dieser
Brand ... Spter durfte ich ihn besuchen, in seiner Bibliothek blttern.
Eine Standuhr aus Porzellan fiel mir im Zimmer auf, das Zifferblatt war
eine Trommel, eine teuflische Gestalt hielt sie zwischen die gespreizten
Beine eingeklemmt und hob mit ungeheurer Kraft, mit wtender Grimasse
den Arm hoch empor, um auf sie loszuschlagen. Man konnte nicht hinsehen,
ohne jeden Augenblick den Knall zerkrachenden Porzellans im Ohr zu
haben. Daneben hing ein Bild, blasses Gesicht, Schlangen, Phosphor. Was
stellt das vor? Den Hter der Schwelle, sagte er leichthin, welchen
mystischen Ausdruck ich erst Jahre darauf verstand.... berdies schwieg
er gern, wurde pltzlich lebhaft, witzig, lebte in Rtseln und
Prozessen, niemand verstand ihn, ein Schleier von Widersprchen hllte
ihn leuchtend ein, fast blendend. Er verkehrte unter anderem mit einem
Mann, der Fliegen sammelte, tote Fliegen, deren er schon Tausende besa.
Er pflegte immer an der uersten Kante des Trottoirs zu gehen, wie um
alles bersehen zu knnen, was zwischen ihm und der Wand vorging; doch
sah er oft gar nicht auf. Ich erinnere mich nicht, irgendeinen Menschen
nach ihm mit der gleichen Demut geliebt zu haben ... Gegenwrtig wandelt
sich mir seine Gestalt langsam in eine Legende um, geschrieben in
violetter Geschftsschrift.


3.

Viele Jahre spter, nachdem ich meine geheimwissenschaftlichen
Kenntnisse in den Bchern der Blawatzky, in Kiesewetters Archiv, im
Lotus, Luzifer-Gnosis, Flammarion usf. erweitert hatte und mir immer
noch ein Gedicht von Goethe oder eine Fuge von Reger erstaunlicher,
geheimnisvoller, verehrungswrdiger als alle okkulten Manifestationen
erschien, selbst rtselhafter als jene beiden ineinandergeschlossenen
intakten Ringe aus hartem Holz, die Zllner aufbewahrt, -- traf mich ein
neuer Ruf aus der Geisterwelt. Einige jngere Freunde (da ich auch
einmal mit Leuten, jnger als ich, verkehren werde, htte ich noch
unlngst nicht gedacht. So altert man!) luden mich ein, sie htten ein
Medium unter sich, sie bewegten Tische. Ich geriet in ein schlecht
erleuchtetes Zimmer, in dem einige schon aufgeregt warteten, einige von
frheren Erlebnissen lachend erzhlten oder begeistert. Das Medium, ein
sechzehnjhriger starker Bursche, an dem man diese Eigenschaft zufllig
entdeckt hatte, rauchte Zigaretten, schien teilnahmslos. Wie ich erfuhr,
interessierten ihn die Versuche wenig, und er mute jedesmal erst sehr
gebeten werden, seine Kraft wirken zu lassen. Das alles spielte unter
Kameraden, guten Freunden, alle aus reichen Familien, ein Betrug war
ausgeschlossen ... Ich fand bereits ein ausgebildetes Zeremoniell vor.
Man trat um das Tischchen (ein leichtes war ausgewhlt), bildete die
Kette, indem man die Hnde nur leicht auflegte, die eigenen Daumen, mit
dem Nachbar die kleinen Finger verband und nun leicht plaudernd auf die
Phnomene harrte, nicht etwa mit Willensanspannung oder Religiositt,
denn ausdrcklich wurde ein heiterer Gleichmut als besonders gnstig fr
den Eintritt der okkulten Ereignisse bezeichnet. Man erzhlte Witze oder
Alltgliches. Dann beugte sich einer, der zum Sprecher fr alle
ausersehen war, zur Tischplatte hinunter und murmelte: Ist ein Geist im
Tisch? Nach mehreren vergeblichen Versuchen zuckte es im Tisch, endlich
neigte er sich langsam feierlich zu einer Seite herab. Der Sprecher:
Willst du uns antworten. Ja -- einmal, Nein -- zweimal, ich wei nicht
-- dreimal. Der Tisch neigt sich einmal, zweimal, dreimal, und so geht
es weiter bis zwlf. Wir schlieen daraus, da der Geist erst um zwlf
Uhr erscheinen will. Zwei Stunden lang stehen wir herum und essen
Brtchen. Um zwlf wird die Kette geschlossen und sofort meldet sich der
Geist. Man sagt ihm das Alphabet vor, und bei dem ihm passenden
Buchstaben bewegt sich der Tisch, so erfhrt man seinen Namen, seine
Wnsche. Es ist eine Frau in Semlin, ihr Kind ist krank, sie bittet uns,
fr das Kind zu beten. Wir geraten in Aufregung, denn keinem von uns ist
es eingefallen, jetzt gerade an Semlin zu denken. Die folgenden
Nachrichten sind noch berraschender, machen uns halb toll. Einen Arzt,
schnell einen Arzt zittert der Tisch. Und unfehlbar geht er seinem
eigenen Willen nach, selbst dann wenn alle einen ganz anderen Buchstaben
zur Ergnzung des eben diktierten Wortes erwarten, kommt es oft
entgegengesetzt. Oft will man nicht das ganze Alphabet aufsagen, nennt
den nchsten Buchstaben ratend. Der Tisch rhrt sich nicht. Er reagiert
auf seine Art und nicht anders. Knnen wir dir helfen? fragen wir die
unbekannte Semlinerin, die auf so seltene Art uns sich genhert hat.
Beten, beten. Wir sind so erregt, da wir alle laut zu beten beginnen.
Sollen wir dich weiter fragen? Der Tisch gibt ein so heftiges Ja,
da er unsern Hnden sich entreiend zu Boden strzt. Das Schwierige
ist, in solcher Hitze ber die richtige Fragestellung nachzudenken.
Endlich nach unsglicher Mhe, alle Schweitropfen auf der Stirn,
erfahren wir, da wir an die Polizei telegraphieren sollen. Wohin aber
den Arzt schicken? Besonders neugierig sehn wir dieser Antwort entgegen,
denn nun mute die Semlinerin, die uns ihren Namen, ihre Adresse vorhin
nicht nher nennen wollte, ihr Inkognito lften. Die Antwort: Postamt
Belgrad ... Nun sind unsere letzten Zweifel verstummt, denn keiner hat
an Belgrad gedacht, alle schwren, gar nicht so bewandert in der
Geographie zu sein; die Landkarte, schnell geholt, zeigt uns erst, da
Belgrad und Semlin einander gegenberliegen. Eiligst luft einer von uns
zur Hauptpost, es ist drei Uhr nachts, und gibt unser franzsisch
aufgesetztes Telegramm an die Polizeiverwaltung Belgrad auf, die ber
diesen nchtlichen, so dringenden Wunsch aus Prag, sofort einen Arzt zum
dortigen Postamt zu senden, damals sehr erstaunt sein mu. Wir fhlen
uns schaudernd dem Wahnsinn nahe, wir verstummen. Nach einer Stunde
antwortet der Tisch: Das Kind ist tot, ein leises Zittern, das lange
anhlt, folgt dem letzten Schlag...

Um es gleich zu sagen: unsere spiritistischen Experimente, von da an mit
Eifer fortgesetzt, erreichten nie mehr die Erregungshhe dieser ersten
Nacht. Zwar gaben sich noch viele Geister kund: ein Kammersnger, der
beklagte, am Suff gestorben zu sein -- ein Einsiedler in Tibet, dessen
Klopfen ganz zart (wie infolge der ungeheuren Entfernung) kam und dessen
Buchstaben Worte einer uns unverstndlichen Sprache ergaben -- dann ein
junges Mdchen unserer Gesellschaft, das jngst durch Selbstmord
gestorben war -- dann der Geist Lortzings (seltsam, gerade dieses
Komponisten, der keinen von uns besonders interessierte). Aber die
Resultate waren oft unklar, oft sinnlos oder banal. Es beteiligten sich
exakte Psychologen an den Sitzungen und untersuchten, ob sich ein von
uns unterschiedenes Psychisches nachweisen liee. Wir stellten Fragen,
die keiner von uns htte beantworten knnen, die man erst in
Nachschlagewerken htte aufsuchen mssen. Die Geister lieen sich auf
solche Fragen nicht ein oder beantworteten sie unrichtig. Ein einziges
Mal gab Lortzing das Entstehungsjahr des Wildschtz richtig an ...
Allmhlich wurden die Sitzungen immer langweiliger. Zum Schlu erschien
immer nur ein und derselbe Geist, der gar nichts wute, gar nichts
sagte, aber immer alle andern, die sich meldeten, eiferschtig
verdrngte. Indessen waren die spiritistischen Sitzungen zu einer
geselligen Unterhaltung herabgesunken, man fgte sie auf Hausbllen in
den Kotillon ein, Mdchen nahmen teil, wobei sich einige als hochgradig
nervs, wo nicht medial veranlagt enthllten; schlielich bentzte man
dieses Spiel, um die kleinen verliebten Affren Lebender und Toter zu
erforschen, um irgend jemanden wenigstens in Verlegenheit zu bringen,
wenn schon nichts bewiesen werden konnte. Die Ernsthafteren gaben die
Sache ganz auf.

Was mir von dieser Periode geblieben ist, sind angenehme Erinnerungen an
das rein-krperlich so se Gefhl, wenn unter den Fingern der belebte
Tisch sich zu bewegen beginnt, dieser unirdische Druck, dem man nicht
widerstehen kann, dann die individuelle Mannigfaltigkeit der Geister,
von denen die einen hastig antworteten, andere faul und undeutlich,
einige lustig aus der Nhe, andere, wie unter Wasser vergraben,
schwerfllig. Dann denke ich immer noch gern an die hohen Grade von
Angst, die ich damals durchmachte, wenn ein Geist versprach, etwas
niederzuschreiben oder gar selbst zu erscheinen (es ging aber nie in
Erfllung oder in so koboldhaft mideuteter Weise, da ich an die
Schlauheit des Teufels in Volksmrchen denken mute z.B. der Geist
schrieb etwas nieder, sagte auf wiederholte Fragen: ja, er habe etwas
geschrieben -- es sei aber unsichtbar). Und endlich: ich kann den
Eindruck nicht los werden, da an diesen mysterisen Nachrichten aus
Semlin doch etwas Wahres war. Vielleicht kann ein Mensch, durch die
innerste Not zur Ekstase getrieben, eine unglckliche Mutter wie diese,
ihre herzsprengenden Gefhle in den Weltraum hinausstrmen und
mitfhlenden Wesen, deren Geist gerade um dieselbe Stunde allen
kosmischen Wellen offen steht, in zarten Schwingungen bertragen. Ist
das so undenkbar?


4.

Whrend der Spiritismus die Bewohner einer geahnten hheren Welt uns
physikalisch vordemonstrieren will, durch Tne, Gewichtsverlust u..,
behauptet die Theosophie, da jeder durch gewisse Seelenbungen zu einem
direkten Schauen der hheren Welt gelangen kann. Diese Lehre, die von
den Geheimlehren der Inder, mittelalterlicher Mystik, Kabbala abstammt,
grndet sich also nicht auf objektive Beweisgrnde, sondern auf
subjektives Erleben jedes Beteiligten, kann aber jedem, der ihr
infolgedessen objektive Gltigkeit abspricht, entgegenhalten, da ja
auch unsere irdische Welt kein objektives Kriterium der Wahrheit bietet.
Man lese nur in einer modernen Logik, beispielsweise bei Husserl, nach,
wie hier, nur um dem radikalen Skeptizismus zu entgehen, eine Evidenz
angenommen wird. Unsere ganze Erkenntnistheorie steht eben vor einem
ungelsten Rtsel, und man kann einem, der Dinge sieht, die wir nicht
sehen, nichts als statistische Wahrscheinlichkeitsgrnde gegen seine
Behauptung, keine Widerlegung vorhalten ... Auf dieser Lcke irdischer
Philosophie ist das System neuer Theosophie, wie es Dr. Rudolf Steiner
in seinen sehr zahlreichen Bchern und Vorlesungsheften bietet,
nachdenklich und reizvoll aufgebaut. Seine Sprache ist bei weitem klarer
und ruhiger als die der Blawatzky, etwas weitschweifig, aber logisch
gegliedert, im Grunde unwiderleglich. Wie fein betont er, da der
Geheimschler vor allem nchtern sein soll, da Phantasterei mit
dieser hheren Welt nichts zu tun hat. Sehr einnehmend lehnt er auch
jeden Fanatismus ab, betont den Wert der Einwnde: kurz, er arbeitet in
der Manier der Wissenschaft, nicht des Glaubens, er verschanzt sich nach
allen Seiten, er fordert vor allem von den Trainierenden Geduld und
Hingabe. Gelingen Experimente nicht, so ist dies nur ein Beweis dafr,
da man nicht geduldig und devotionell genug war.

Das Merkwrdige ist ferner, da diesem Manne Scharen von Anhngern aus
der ganzen Welt mit vollem Vertrauen folgen, da er Verehrung wie kaum
ein anderer Lebender geniet, da sich Legenden um ihn bilden, wie die,
er esse nur eine Weintraube tglich, er erscheine seinen Schlern als
Geist usf. Dabei soll er von allen, ehe er sie in seinen Unterricht
aufnimmt, vollstndige Schulung in der Mathematik verlangen, ja gerade
in der Mathematik.

Ich hre einen Vortrag Steiners ber Theosophie. Der Saal ist dicht
gefllt. Viele Auslnder sind eigens, um ihn zu hren, nach Prag
gekommen. Wie in einem internationalen Seebad, nur moralisch
disziplinierter, wimmelt es von Franzsinnen, Englndern, noch
Entfernteren. Es zeigen sich ... Mnner mit weien Brten, andere, unter
deren schngewlbter glnzender Stirnkapsel die Brille wie eine
Bewaffnung sitzt, viele Frauen in Reformkleidern, mit gemalten
Achselbndern, weie Haare, in ganz kleinen schmalen Zpfchen zu einem
Huflein geringelt, unter ihnen ein schnes Prager Mdchen, die ich von
der Gasse kenne und hier nicht erwartet habe, ihr Hut mit roten
Fittichen pat dem schwarzen Haar, und es beruhigt mich eine Weile, da
sie also bei aller Sorge um Karmagesetz und Wiedergeburt ihrer
zeitlichen anmutigen Existenz doch die Pflege nicht entzieht ...
Freilich verlangt ja auch Dr. Steiner (und dies gehrt zu den
verlockendsten Partien seiner Lehre), da der Geheimschler seinen Beruf
nicht vernachlssige, da er seinen Krper und den Geist krftig und
gesund erhalte. Hat sie es daher? Oder aus sich selbst? -- Mir fllt da
berdies ein, da aus denselben indischen Lehren Schopenhauer seine
Askese, dem Pessimismus ableitete, whrend Steiner (dem allgemeinen
amerikanischen Zug unserer Zeit folgend) Tchtigkeit und Optimismus
diesen Quellen entnahm ... Nun steht er am Pult, ein langer schwarzer
Strich, sogar der Ausschnitt des Rockes ist von der schwarzen Krawatte
ganz ausgefllt, nur die beiden niedrigen Dreiecke des Umlegekragens
ragen wei vor. Das Gesicht mager, gelb, faltig, soweit die
eingefallenen Wangen mit ihrer Spannung noch Falten zeigen, schne Augen
und Hnde, wie sie Frauen gefallen. Er schreit, er lt nicht ab, er
breitet die Arme weit aus, die Handflchen uns zugekehrt und im
Gegengewicht den schlanken Rumpf zurckgebogen, oder er fhrt mit
gestrecktem Daumen und zwei Fingern, die andern Finger schlaff, durch
die Luft, er ist unermdlich. Selbst Einwnde trgt er mit demselben
Pathos vor, wie das, was ihm gefllt, und die Unverdrossenheit, mit der
er fr das Publikum bei den Elementen der Lehre anfngt, deren letzte
Komplikationen ihm doch so gelufig sind, hat wirklich etwas Rhrendes
und Groes. Oft schliet er die Augen, und ein Zittern von den Fen aus
durchsteigt den ganzen Krper. Er macht auf mich den Eindruck eines
Mannes, der in seinem Ideal aufgeht ... Nach dem Vortrag:
Fragebeantwortung, geschickt und schlagfertig. Ich wundere mich, da er
sich auf so etwas Menschliches einlt, auf dieses Virtuosenstck. Da
habe ich aber zu laut gesprochen, und eine seiner Verehrerinnen weist
mich zurecht: Ich denke, das berlassen wir ruhig ihm, er wird schon
wissen, was er tut. Er befolgt seine besonderen Zwecke, davon bin ich
berzeugt. Wir kommen ins Gesprch, die Dame, obwohl der Vortrag den
Anhngern Toleranz so warm empfohlen hat, wird recht bissig. Ich stelle
mich vor. Aber das ist ja unter Theosophen ganz egal. Ich bin aber
kein Theosoph, mu ich nun noch meine Hflichkeit vor ihr
entschuldigen. Zum Schlu meint sie, sie habe so ihre Gedanken darber,
da Steiner die Fragezettel immer nach den Vortrgen zu sich nehme. Ich
will die Drohung nicht bemerken, die darin liegt, und meine:
Wahrscheinlich studiert er zu Hause die Fragen genauer. Sie aber, von
der Allwissenheit und Allmacht ihres Meisters, dem die Dmonen
gehorchen, ganz durchdrungen, fhrt fort: Er erkennt wohl auch, wer den
Zettel geschrieben hat ... Ich fhle mich schuldig...

Also bleibt diese dunkle Drohung in mir zurck? O nein. Denn Steiner hat
die Unvorsichtigkeit begangen, einen Vers von Goethe zu zitieren (kein
minderer Stil sollte wagen, so Hervorleuchtendes in seine Zeilen
einzulassen) -- und die schn geordneten Vokale, die unendlichmal als
alle Astralleiber mysterisere Musik dieser Worte hat wie Mondschein
mein Gemt schon ganz erfllt. Und sie bleibt zurck, in meinem nur
literarisch organisierten Gehirn, auf dem Heimwege, hat mich lngst
schon wieder aus den Polemiken und systemhaft verwirrten Abstraktionen
in ein Reich aufgelsten unwiderstehlichen Wohlgefallens gezogen... Ich
bleibe bei meiner Partei. Wir werden ja sehen, was man von diesem
bornierten Parteistandpunkt aus (denn borniert ist er, begrenzt,
glcklicherweise!) noch erleben kann. Auch aus den hheren Welten
komme mir noch manches Schne!




Kommentar zu Robert Walser


Die einzig richtige Form, in der Buchkritiken verfat sein sollten, ist:
der Kommentar. Solange es aber nicht Mode geworden ist, mit solcher Ehre
unsere zeitgenssischen Dichter auszuzeichnen, die man nur wohl den
lieben rmischen und griechischen Klassikern zuteil werden lt, --
diese Ehre, da auf jeder Seite, die nur je ein Weniges des
unschtzbaren Textes enthlt, unter dem Strich jedes wichtigere Wort des
Dichters erwogen und belobt, jede Wendung mit Parallelstellen belegt
oder als originell befunden, jeder angedeutete Gedanken und jede auch
nur etwaige Anspielung in voller Schnheit zu Ende ausgearbeitet wird,
-- solange dies alles nicht eingefhrt ist, bleibt nichts brig, als
eine kurze, unvollkommene und deshalb auch schwierigere Kritikerleistung
zu versuchen.

Ich werde also nur einen Pseudokommentar geben knnen, eine Auswahl
kommentierender Anmerkungen vielmehr, zusammengehalten durch
bersichtliche, dafr aber auch nur halbrichtige Leitstze, die ich
zwischen fnfmal oder zwanzigmal so viel Anmerkungen wahrscheinlich
anmutiger, geahnter und doch auch exakter versteckt htte.

Gleich im Beginn veranlat und begeistert mich der Genu von etwas so
Auergewhnlichem, wie es Walsers Dichtungen sind, zu folgender
unwahrscheinlicher Behauptung: -- Es gibt Zwei-Schichten-Dichter, z.B.
Dickens, der es vortrefflich versteht, wenn er etwas Lustiges darstellt,
den darunter liegenden Ernst, und im Ernsten das Lustige darunter und
dahinter ahnen zu lassen. Oder Hamsun bringt es zustande, da jemand
eine Situation berichtet, die er selbst miversteht, der Erzhlende;
aber wir, die Leser, verstehen sie durch seine verirrte Erzhlung
hindurch. Das Buch Dostojewskis Ein Werdender erglnzt unsterblich in
solchen Details ... Neben solchen Zwei-Schichtern gibt es die
einflchigen Dichter, natrlich. Drei-Schichter hat es aber bisher noch
nicht gegeben. Walser ist so ein Drei-Schichter, da haben wir ihn.

Obenauf, in der ersten Schicht, ist Walser naiv, fast ungeschickt,
schlicht, geradeaus. Wenige lassen sich davon tuschen, man sprt
schnell die zweite Schicht unter der ersten, die Ironie, das
Raffinement, den Feinfhligen. Also ist Walser, wie man so zu sagen
pflegt, gemacht und unecht. O nein, weit was berraschenderes ist
er. Er hat nmlich noch unter der tiefen zweiten Schicht eine tiefere
dritte, einen Grund, und der ist wirklich naiv, krftig und
schweizerisch-deutsch. Und den mu man gut durchgefhlt haben, ehe man
ihn versteht, in dem wurzelt manch seltsamer Reiz seiner Sprache,
Gesinnung, ja des Aufbaus seiner Werke.

Zunchst die Sprache. Man hat wohl schon lange nicht in unserer Zeit,
die sich von allen einfachen Prosamelodie abzukehren scheint, Stze
gehrt wie den: Joseph sah ihn den Hgel durch den abstrzenden Garten
hinuntergehn. Welche blendende, vielmehr stille Reinheit, welche
Abgewogenheit in den Vokalen, der Stellung und Lnge der Worte, welche
ungezwungene Musik. Ich gestehe hiermit, da es nur wenige Bcher gibt,
die mich durch ihren unsaubern Stil nicht anwiderten. Bei Walser aber
atme ich furchtlos auf, noch mehr: hier erquickt mich jeder Ton, hier
schallt es so angenehm ... Nun ist es aber eine Eigentmlichkeit der
Walserschen Diktion, da er die Ruhe seiner Stze oft mit einem
scheinbar der Zeitungssprache oder dem Vulgren entnommenen Wort
scheinbar unterbricht. Hier setzt nun die Drei-Schichten-Theorie ein.
Solche Zerrissenheit klingt naiv, unbefangen, kunstlos. Der tiefer
Zusehende erkennt wohl romantische Ironie in ihr, denkt etwa an Heine.
Der Verstehende aber sieht unter dieser wirklichen Naivitt und
wirklichen Ironie (beide sind real vorhanden, nur beide nicht
selbstndig, beide auf die dritte Schicht beziehungsvoll) eine ganz
inwendige Seelen-Unbekmmertheit, eine ber allen Mitteln stehende und
deshalb in den Mitteln mit Fug wahllose Dichterurkraft. Ein Beispiel
(man findet leicht treffendere): Das Feuer, das wie alle =wilden
Elemente= keine Besinnung hat, tut ganz verrckt. Warum sind noch die
=zgelnden Menschenhnde= nicht in der Nhe? Mssen denn gerade in
solcher =Schreckensnacht= usf. Ich habe mir erlaubt, natrlich gegen
den Text, die deutlichsten Papierworte hervorzuheben. Wie flchtig sieht
man sie der Feder des Dichters entgleiten, als Anklnge fast an populre
Schillerzitate, sieht den Dichter ihr Unangebrachtes erkennen, ironisch
belcheln, sieht ihn sie dann trotzdem stehen lassen, einer inneren
Flchtigkeit, weil Heiterkeit folgend, die sich zu jener oberflchlichen
Flchtigkeit wie ein lebendiger Mensch zu seiner Momentphotographie
verhlt ... Walser liebt es, wie in dem zitierten Buch (Fritz Kochers
Aufstze), sich als Knaben, als halberkennenden Reifenden zu
verkleiden, um diesen Stil gleichsam zu rechtfertigen. Doch fhrt er ihn
glcklicherweise auch ohne besondere Rechtfertigung durch alle Bcher
hindurch und ebenso durch seine schnen eilfertigen kleinen Stcke in
unsern Zeitschriften.

Was fr Stze, was fr Satzneubildungen und unbewutes Glck! Ich wohne
sehr nett in einem, es kommt mir vor, hochgelegenen Turmzimmer. Oder:
Er wolle, fand es Tobler fr passend zu sagen, nicht hoffen, da es
soweit komme. Ohne Arg und doch mit groer Schlauheit und doch im
Herzen ohne Arg wird mit der deutschen Syntax hbsch gewirtschaftet.
Gehufte Verba geben einen halb-komischen, ganz-entzckenden Effekt:
...da ich jederzeit dasjenige zu leisten imstande sein werde, was Sie
glauben werden, von mir verlangen zu drfen. Oder alte Phrasen werden
mit einem neuen oder recht abgebrauchten Adjektiv kuriert: Die Berge am
Ufer waren in dem Dunst, den der vollendet schne Tag ber den See
verbreitete usf. Zeitungen solchen Schwunges und Charakters schossen
... an die erstaunte und erfreute ffentlichkeit. Analog zu Ins Reine
Schreiben wird neu geschaffen: Ins Mehrfache Schreiben. -- Ist es
mglich, einer tausendjhrigen Sprache so neue gezwungen-ungezwungene
Tne abzulisten, die von nun an nicht mehr verstummen werden?! Wer in
solchen neuen Stilerfindungen nicht das grte literarische Tun unserer
Zeit sieht, von dem kann man getrost sagen, da er von dem Wesen der
Literatur noch nie eine Ahnung in der Seele versprt hat.

ber die Schweizer Provinzialismen bei Walser und ihre Schnheit denke
man sich einen selbstverstndlichen Absatz hier eingeschoben.

Ebenso ber seinen scheinbar sorglosen, dennoch sehr bedachten und doch
im Tiefsten blumenhafte frische Sorglosigkeit aushauchenden
Szenenaufbau.

Seine Gesinnung erklre ich mir gleichfalls dreischichtig. Eine leicht
erkennbare Aristokratie im Wesen (Warum ist Armut eine solche Schande?
Ich wei es nicht. Meine Eltern sind wohlhabend. Papa hat Wagen und
Pferde.); man wrde aber irren, wollte man die durch solche
leichtfertige, absichtlich leichtfertige Reden als deren Widerlegung
deutlich durchschimmernde soziale Mitleidsgesinnung als die wahre
auffassen. Noch tiefer vielmehr stt man wieder auf etwas sehr Nobles,
Feinorganisiertes, Sich-Abschlieendes -- und wundervoll ist es, wenn
Walser manchmal durch einen einzigen Satz den Leser zwingt, alle drei
Standpunkte mit ihm zu durchlaufen. Es wurde nach und nach bei den
Frauen Mode, und zwar bei den sogenannten bessern, nmlich bei solchen,
die nicht gar so streng zu arbeiten brauchten, den Tag ber, und das
gerade sind ja die Besseren... Man suche sich das Richtige aus!

Es ist in dem labend komplizierten Wesen dieses Dichters gelegen, da er
vielartige Figuren von solcher Vollstndigkeit ihres Gehabens und
Wirkens gestalten kann und nicht im Relief, nein rund, komplett. Er
braucht nur seines eigenen Wesens Zge zu isolieren, aus sich
herauszustellen ... Da erscheint in mehrfachen Varianten die schne,
stattliche Frau aus patrizischem Brgerhaus, der der Hochmut so gut
steht, der man gern dient. Immer trgt sie Federn auf dem Hut ... Da
erscheint der junge Mann, bald Schler, bald Kommis, bald Gehilfe, der
es in keinem Beruf lange aushlt. Das Heroische und die Kunst leben in
ihm, hbsch verwickelt mit kleineren Begierden wie z.B. einer krftigen
Elust. Die Liebe zum Bruder, der als Ideal vorschwebt, wird oft
gezeigt. Geschwister Tanner gar ist die Geschichte einer in sich
zusammenhaltenden, ganz bunten und doch durch einen edlen Familienzug
angeglichenen Kette von Geschwistern. In ihrem Familienstolz zeigt sich
wieder der Aristokrat. Nur das Feine, Ebenbrtige gefllt ihnen. Am
liebsten wrden sie in einer mrchenhaften Welt von Schnheit leben, wie
sie Karl Walser zierlich aufzuzeichnen wei; und ebenso wird im Buche
Der Gehilfe gern getrumt, in der guten Art Gottfried Kellers etwa,
ausfhrlich im Schlaf, oder wachend vom Ritterfrulein in Samtrock und
ledernen Handschuhen. Doch -- und das ist das Dreischichtige,
Vielschichtige, Ungezhltschichtige meinetwegen -- in demselben Buche
spielt auch die kleine verschuggte Silvi ihre wichtige Rolle, und
allnchtlich pit sie ins Bett. Was ich damit sagen will: Die Feinheit
Walsers hat durchaus nichts sthetelndes, mir so verhat Wienerisches!
Fritz Kocher, dessen Aufsatzheft mit den Worten Der Mensch ist ein
feinfhliges Wesen beginnt, sagt so schn, wie er den Lehrer in der
Schulstube beschreibt: Hin und wieder kratzt er sich wollstig in den
Haaren. Ich wei, welche Wollust es ist, sich in den Haaren zu kratzen.
Dadurch reizt man das Denken unendlich. Es sieht allerdings nicht
besonders schn aus, aber item, es kann nicht alles schn aussehen.

Das ist nun Walsers lieblichster Frohsinn; er steht, obwohl poetischeren
Zeiten entsprossen, fest in unserer unpoetischen Gegenwart. Er liebt
sie, er macht sie poetisch. Er hlt einfach ihre Ekelhaftigkeiten aus --
der gesunde schne Krper fhig, Anstrengungen und Entbehrungen zu
ertragen, das ist die gute Basis, die er allen seinen Helden gibt. Ihr
Lachen ist ein ins Akustische umgewandelter solcher Gesundkrper. Allen
Mdchen mssen sie wohlgefallen, und das freut diese jungen Herren
selbstverstndlich ... In ihrer guten Laune gefllt ihnen selbst alles.
Sie finden sich zum Erstaunen mhelos in der Welt zurecht. Der liebe
verschwenderische, scheinbar so gar nicht ins 20. Jahrhundert passende
Herr Tobler, Erfinder der genial unpraktischen Reklameuhr und des
Schtzenautomaten, wird sich schlielich -- so erffnet uns die
abschlieende Voraussicht des Romans--, wenn er den Glubigern seine
brillante Villa am Seeufer rumen mu, auch in der engen Stadt in
einem billigen Quartier recht wohl fhlen. Man gewhnt sich an
alles... Von einer versinkenden Weltanschauung, von berlebten
Stimmungen ist in der obersten Schicht dieser Bcher viel die Rede (Man
bedauerte das Zeitalter, das sich gezwungen sah, mit Menschen von des
Melkers Veranlagung derart kleinlich und miverstndlich verfahren, so
heit es von dem derben Naturburschen im Polizeigefngnis, der noch das
Blut der stolzen und unbndigen Ahnen des Landes hat und dafr, d.h.
fr Raufhndel, bestraft wird), aber im Innersten der Bcher lebt schon
eine tchtige Anpassung an die Neuzeit, an Industrie und alles, was man
will. Der Gesunde wendet sich eben von nichts ab. Ich liebe und verehre
Tatsachen. Oberste Schicht mag bei Walser Romantik oder Ironie der
Romantik sein, zuunterst liegt tapferster freundlich-ausgesponnenster
Positivismus: Nichts kann mich so tief aufregen wie der Anblick und der
Geruch des Guten und Rechtschaffenen. Etwas Gemeines und Bses ist bald
ausempfunden, aber aus etwas Bravem und Edlem klug zu werden, das ist so
schwer und doch zugleich so reizvoll. Nein, die Laster interessieren
mich viel, viel weniger wie die Tugenden. -- Hier, wenn irgendwo, finde
ich den neuen Ton, =die Romantik unserer letzten, arkadisch-gegenwrtigen
Strmung=, endlich, endlich die Reaktion auf Nietzsche,
die Freiheit, die Entspannung der Seele. Deshalb die Flle
der Eingebungen bei Walser, als htte er das Dichten berhaupt erfunden.

...Was fr Einflle: diese Musterschule Benjamenta mit ihrem so
intelligenten, so unermdlich vom Dichter belobten und doch unterirdisch
von ihm miachteten Vorzugsschler, dieser Brief, der mit Geachtete
Frau beginnt, oder der betrunkene Wirsich, dieses Mitleidige,
Mitleidslose, Mitleidsindifferente usf. usf. ... Es ist wirklich
unmglich, diesen Dichter nach Gebhr zu loben. Ich kann meine verliebte
Freude ber seine Existenz in Kurzem nicht mehr anders ausdrcken als
indem ich die Namen seinen bisheutigen Bcher mit meiner schnsten
Schrift ins Manuskript kalligraphiere: Gedichte -- Fritz Kochers
Aufstze -- Geschwister Tanner -- Der Gehilfe -- Jakob von Gunten
-- Aufstze.




Verworrene Nebengedanken


Will man in Paris seinen Winterrock weghngen, so nhert sich ein
Vollmond aus Holz oder ein ungeschlachter Messingbgel, so da man ber
die Geringfgigkeit der heimatlichen Aufhngesen in Verzweiflung
ausbricht. Man steht da und wartet, bis man ein Franzschen herantanzen
sieht, das sein Kleidungsstck an dem Bgel nicht aufhngt, sondern wie
ber den Rcken einer geliebten Dame umhllend anlegt. Also so geht es,
man hat hier keine sen, und dadurch behlt das Kleid vielleicht
wirklich besser seine angeborene Gestalt als in unsrer Strangulierung...
O Fremdartigkeit! Diese Gassen, Wildbchen hnlich, die
zu den Boulevards dunkel herabstrzen, die Huser, die entwurzelten
umgestrzten Baumstmmen gleichen, mit ihren emporgestreckten
Rauchfngen, die zweistckigen Omnibusse, Lwen auf Elefanten reitend,
und diese zart gewellten Wasserlufe in der Gosse, so benachbart den
verschwenderisch im Freien ausgebreiteten Stoffen und Hten und
Backwaren zum Verkauf, alles beseelt vom Takte desselben Wirrwarrs ...
Mit allem ging es mir so. Und auch wenn ich im Vaudevilletheater abends
die Polaire tanzen sah -- ihr Mund ist gro, ihre Nase gro und zudem
rot geschminkt, die Augen eines Gassenmdchens und der Tanz einer
gttlich zu verehrenden Spanierin -- o, ihre Hnde zittern, die Finger
wie die dnnsten ste im Frhlingswind, ihr Haar verlernt den Weg den
Nacken hinab und fllt begehrlich, als hebe es Rckchen, ber Stirn und
Mund, die magern Schultern scheinen Befruchtung zu verlangen und die
Schenkel sind dick -- auch da noch blieb mir das Gefhl: Anders als bei
uns ... Immer dieses 'bei uns', wieviel Stolz liegt darin, wieviel Ekel
schon deshalb, weil es sich immer wiederholt, wieviel Mitrauen, weil
man nicht sagen kann 'bei mir', wieviel Heuchelei, weil man ein
einheitliches Gefhl statt dieser Zusammensetzung empfinden mchte. Und
gar im Odon, wenn bei erleuchtetem Zuschauerraum die Schlsser in den
Logentren knacken, wenn Gallipaux auf der matten Bhne sein ffchen hin
und her zieht, dann es weinend begrbt, dann aus schrgem Sessel und
Tisch eine kaum stabile Ruhesttte fr sich herstellt, hingeworfen die
Beine hebt, mit den Hnden flattert, durch ungestme Bewegungen uns in
Angst versetzt, wie bei Akrobatentricks und so, ja in dieser Siestalage
gerade, den Traum jedes Parisers anhebt: ein Schlo besitzen, die
Freunde zu sich einladen -- auf fnfzehn Tage nur ... O, wie nah war ich
der franzsischen Literatur in Prag, wie fern bin ich ihr in Paris! Und
dabei ist dieses Theaterstck in acht Bildern wirklich von Edmond de
Goncourt, den ich in so vielen Artikeln besungen habe, ist die 'Manette
Salomon' -- und ich glaubte von Prag aus immer, diesen Dichter gegen ein
Pariser Publikum in Schutz nehmen zu mssen ... indessen wird hier bei
Stellen gelacht, deren Worte mir wie Rauch um die Ohren gehen. Gnzlich
als Auslnder also wandre ich zum _Thtre du Chtelet_, whrend aus
jedem der unsichtbaren Briefksten, von jedem zinkenen Schenktisch mit
seinen farbigen Flschchen und Siphons Hohn mir entgegenschlgt und im
Nebel die zwerghaften Tischplattenkreise vor den Kaffeehusern, in ihren
Ringen aus Metall, die winzigen Strohsesselchen, die Zuckerstckchen wie
weie Srge, die fremden Semmeln, die Brotwrste ber mich hinstrzen.
Noch im Gedrnge der Stiege bin ich bedrngt, aber da bemerke ich schon
befreundete Klavierauszge. Schau, ein junger Mann zeigt neben mir,
whrend ich mich setze, seiner Freundin eine schne Stelle, hinter mir
an der Sule diskutiert man die Instrumentation. Oben auf der Galerie
pfeift Italien, schlgt die Stcke gleichmig auf den Boden, schickt
Papierpfeile zu uns herab und klatscht Beifall. Das kenne ich schon ...
Aber nun still. Der Dirigent Piern ist aufgetreten, den ich nur aus
einem schlechten Violinschlager kenne. Ist da Hoffnung?... Aber still.
Man wird mir ja 'Fausts Verdammnis' von Berlioz vorspielen. Sein Grab
hab' ich auf dem Montmartre oben gesehen, mit Blumen bekrnzt, wie
leuchten die Namen der Werke aus dem Stein, und oben ist in einzelnen
Buchstaben aus Eisen sein Name zwischen Feuerpfeilen aufgestellt, das
erinnert schon wieder an die Reklameaufschriften des Skating-Ring und
Moulin Rouge, nur die elektrischen Glhlmpchen fehlen ... Aber still!
Und nun setzt die Viola mit ihren stillen Tnen ein. Und auf einmal bin
ich in irgendeiner meiner lieben Landschaften Bhmens ... nein, nicht in
Bhmen, in Ungarn doch, denn bald wird der Rakoczimarsch donnern ...
nein, bei Frankfurt irgendwo, denn das deutsche Schferlied erklingt ...
o nein, o nein, meine Lieben, jetzt hat das alles ein Ende. Zu Boden
nieder mit all den kleinen Gedanken. Wir sind im Lande der Begeisterung,
ohne Geographie, wir taumeln in einem aus Schmerz und Schmerzlosigkeit
innig vermischten, in dem sesten Gefhl der vereinigten
Menschlichkeit. Kleine Pariserin neben mir, bist du still geworden? Kein
Parfm mehr, keine Seide, nichts? Nur diese Chre, die Glocken, die
Harfen, die reinen Stimmen, die entschwebenden Dreiklnge des heiligen
Osterfeiertags. O Gott, mge doch meine Seele sich ergieen, mge ich
wrdig dieser Tne werden ... Komponisten, die in ihren Werken manchmal
Blser hinter der Bhne spielen lassen, sollten bedenken, da es immer
einen merkwrdigen Eindruck macht, wenn diese Blser dann nachher wieder
sich hereinschleichen durch die Sitzreihen der andern, wie Leute, die zu
spt ins Theater kommen. Das ist ein belstand. Es mten da vielleicht
Spieler verwendet werden, die im Orchester gar nichts zu tun haben. Sie
bleiben drauen, rtselhafte Stimmen der Wnde ... Aber die Wnde muten
ja auch diesmal mittnen, mitsprechen, mithren -- denn wre es mglich,
da so viel Begeisterung aus nur natrlichen Instrumenten quillt an nur
natrliche Ohren? Nein, gewi, dieses Fest war ber alle Gesetze hinaus
beseligend. Ich verzeihe es Piern, nein, ich bitte ihm ab, als htte
ich seine Romanze geschrieben: so herrlich hat er dirigiert. Und alle
die guten Leute im Orchester, Flia Litvinne als Gretchen, Laffitte als
Faust, und so fort. Und die lieben Zuhrer, die alles noch einmal hren
wollten. Es war ein Erfolg, ein Erfolg. Und nun wte ich diesen Aufsatz
nicht besser als mit dem Kopf des Programms zu schlieen:
Hundertundsiebenundsechzigste und unwiderruflich letzte Auffhrung in
dieser Saison. Hundertundsiebenundsechzigste Auffhrung des 'Faust' in
dieser Saison! Was ich schon oft gesagt habe: ich finde, da man in
Deutschland Berlioz vernachlssigt. Reinhardt sollte diese Oper
inszenieren. Nedbal sollte seinen Stolz darin sehen, sie ganz zu
dirigieren, nicht herausgehackte Stcklein. Doch nein, auch wenn sie
niemand hrt, niemand spielt, diese Musik bleibt mein, bleibt mir aus
meinem unfranzsischen Herzen hervorgewachsen wie das Korallenriff aus
dem schwankenden Meer herauf. O, mehr als nur ganz Paris wrde ich
vergessen, wenn diese gerissene gebrllte Teufelsserenade mich antanzt
-- aber ich freue mich, da man applaudiert, das nebenbei -- man ist
nicht allein auf der Welt, glcklicherweise -- ich freue mich, da
Goethe, Shakespeare, Berlioz in dieser langen Melodie vereinigt sind,
drei Nationen reichen einander die Hand und schner als auf dem
Titelblatt der Unterrichtsbriefe zum Selbststudium, System
Toussaint-Langenscheidt. Ich freue mich, ich erlebe eine meiner
Ekstasen. Ist die Musik international etwa? Da ich hier mitten unter
Fremdartigem mich pltzlich an die weiche Kante meines heimatlichen
Klaviers gedrckt fhle; weich, weil das Taschentuch auf ihr liegt, in
das ich weine? Niemand wird hoffentlich eine Antwort auf diese unsinnige
Frage erwarten. Und doch, als Zeichen meiner Begeisterung, als Wiehern
gleichsam sei sie notiert. Noch etwas: da der Tanz der Irrlichter so
langsam, mit wrdigem Leichtsinn, mit schneidender Lustigkeit gedehnter,
fast fauler Menuette vor sich geht, erst zum Schlu ein Reigen mit
geworfenen Hnden und Haaren -- das ist es eben, das Genie, langsam war
das zu komponieren, nicht wie hergebracht: in schnellem Funkeln ... Doch
nun ist es genug. Wir treten auf die Gasse. Uns umgibt die frische
Pariser Gebirgsluft, doch eine lange Weile noch trumen wir von Heimat,
Liebe und ser Musik, bis eine Reihe dunkler Bogenlampen uns den
Elektrizittsstreik hier in Erinnerung ruft. Und darber die ziehenden
glnzenden Wolken mit polierten Fingernagelrndern, wie bei uns, oder
ein wenig anders.




Meyerbeer


Neulich kam mein Bruder mimutig aus dem Theater. Nun, was hat's denn
gegeben? frage ich aus dem Bett schon, vor dem ein Sessel, eine Kerze,
brennend, die Tasse Milch und das aufgeschlagene Buch ein gemtliches
Winkerl zusammenstellen ... Er wtet: Eine kleine Operette hat man
aufgefhrt: Der umgekippte Mastbaum! Weit du, was aber auf dem
Theaterzettel stand: 'Die Afrikanerin' von Meyerbeer.

Wirklich gibt es nichts Weinerlicheres als diese Abspielungen
Meyerbeerscher Opern, wie sie an Provinztheatern jetzt zur Mode geworden
sind. O Mode, Windhauch der Zeiten! einmal war die Mode um Meyerbeer
anders bestellt. Knige lieen ihre wappengestickten Samtdecken von den
Logenbrstungen flattern, indes unsre Grovter jugendfrisch die Galerie
strmten, um die Premiere des 'Kreuzfahrers in gypten' zu erleben, den
Enkeln zu berliefern. Es gab Leute, die siebenundachtzigmal die
'Hugenotten' gehrt hatten. Was ist aus euch geworden, ihr Prachttrume
der Einzugsmrsche, vergiftete Blten, grausige Geisterbeschwrungen in
Felsschluchten, Tanz der Wahnsinnigen mit ihrer Ziege an schroffen
Klippen, kriegerische Zeltlager, Feenballette!... Jetzt wird dieselbe
Leinwand, rissig geworden, an abgefrbte Baumstmme gelehnt, die ste
greifen zerbogen durch Lcher der Gaze, die eine sanfte tropische Luft
im Glanz vorstellen soll, und die Strahlen des Reflektors, dieser
ersehnten Gegenden Sonne, spieen sich an einem Versatzstck, das einem
zerbrochenen Kasten hnlicher sieht als einem gromchtigen Opferaltar.
Und ber all diese Ruinen hinweg kreischt die zweite Garnitur der
Snger, dirigiert der vierte Kapellmeister, der Chor mit undeutlichen
Einstzen brckelt die se Landschaft, die Melodie auseinander, und das
Orchester schwemmt mit ein paar rohen Trompetensten, was brig ist,
hinweg. Zum Aufschluchzen freilich nimmt sich neben dieser lieblosen
Vernichtung aus, was noch aus der schnen Ausstattung frherer Moden
gerettet wurde. Dieses mit groem Aufwand im Durchschnitt gezeigte
Schiff, der fallende Mast ... rings um sie hat man alles
zusammengestrichen; aber diese Utensilien, einmal dem Theaterinventar
einverleibt, trotzen der Verachtung: wie exilierte Frsten machen sie
von Zeit zu Zeit ihren traurigen regelmigen Spaziergang durch fremde
Alleen. Und mit einem Schlag wird beides deutlicher: das frohe Einst,
das schlimme Jetzt.

Das anerkennend-neidische Wort des Berlioz hat sich lngst ins Gegenteil
gekehrt: Meyerbeer hat nicht nur Genie, er hat auch Glck. Jetzt
knnte man sagen: Er hat auch Unglck. Und sein Genie? In dieser Welt,
wo Kunsturteile wie Mcken durcheinander schwirren, sich kreuzen und
zerstieben, von keinem mehr ernst genommen, scheint ber eines nur volle
bereinstimmung zu herrschen: da Meyerbeer, ehedem berschtzt, ein
seiner Unwahrheit, seiner Effekthascherei wegen zu maregelnder
Taugenichts sei. Und wie hat man ihn gemaregelt! Am Abend durch eine
heuchlerische, gichtbrchige Auffhrung, am Morgen darauf in der Zeitung
durch Ernst und Strenge unsers Jahrhunderts. Ein in Wagners Schule
stramm erzogener Kritiker, mithin besser: ein Merker, schrieb einmal
ber 'Die Afrikanerin', dieses heie, verliebte, verzauberte Eiland,
etwa in diesem Sinn (die Worte habe ich vergessen): Wagt man wirklich
noch, vernnftigen Menschen unseres Jahrhunderts ein solches Machwerk
vorzusetzen, in dem die Seefahrer sofort nach Umschiffung des Kaps der
guten Hoffnung in -- (dieser Gedankenstrich ersetzt eine Lachsalve)
Indien landen!

Wnscht man geographisches Wissen, Effektlosigkeit von einer Oper, dann
halte man sich allerdings von Meyerbeer fern ... Mich aber hat das Wort
'Kap' nie mehr so mit der Wucht ferner Umblicke getroffen, mit dieser
Wahrheit einer Reisebeschreibung, die man zum dreizehnten Geburtstag
geschenkt bekommt und immer wieder liest. Zum Himmel reicht sein Haupt,
sein Fu zur Hlle: ja, in diesen Noten eines seltsamen Kontrapunkts,
leer und einfach, ragte das 'furchtbare' Kap in die Hhe, wurde so gro
wie die Erdkugel -- und wir sahen das Meer, die zerschellten Schiffe,
sahen auch Indien, wenn du willst, sahen jedenfalls ein herzbewegendes
Leben, Abenteuer und Begeisterung. Wir pflegten 'Die Afrikanerin'
tglich aufzufhren, mein Bruder und ich als Kinder. Die ersten zwanzig
Seiten fehlten dem Auszug, dann waren noch zwei schmutzig und zerrissen,
so da man sie schwer auf dem Pult halten konnte -- sie krmmten sich
wie kleine Wimpel ... Wir aber begannen am liebsten mit dem dritten Akt.
Da war es heiumstritten und begehrt, die Rolle des Nelusco zu bekommen.
Abgesehen davon, da diese Tne den eben mutierten Stimmen am besten
lagen: uns gefiel dieser edle Wildfang, wir liebten seine Erbitterung,
seine Heimtcke, die in scharfen Zwischenrufen unisono mit dem Klavier
sich ausschreien konnte. Und die Ballade von 'Adanastor', wobei einer
bauchrednerisch smtliche Stimmen der bebenden Matrosen geben mute. Wie
gut sang sich auch die Unterredung: Ja, ihr seid's, Don Alvar, in die
man Rache und Klugheit, adeligen Mut und Verblendung zu legen hatte. Und
wenn beim Schein der einfallenden Sonne das Morgenlied des Chores
erklang, das Gebet, die Glockenschlge, der Hymnus an irgendeinen
wohlvertrauten und unbekannten 'Sankt Dominik', dann waren wir lustig
auf dieses romantische Schiff versetzt, hatten jeder fr sich seine
Kommandobrcke, seine gute Luft, die den Sinn erfrischt, sein
sanftgewelltes Meer ringsum ... Wir gaben auch das Parlament von
Lissabon, alle Snger der Opposition und der Majoritt mit groer bung,
den tchtigen khnen Vasco auch, der es ihnen ins Gesicht zusagt: Euch
gehren die Ksten und die Meere. Wie wirbeln an dieser Stelle
unablssig zwei Noten umeinander herum, alle Wollust des Entdeckers, der
auf dem hohen Kap steht, die neuen Lnder sieht und auer sich, atemlos
mit dem Arm winkt, um zu zeigen und zugleich auch, um seine wahnsinnige
Freude auszudrcken. Der Windhauch weiter Umblicke ist in diesen Noten,
wie etwa in dem tschechischen Wort '_mvati_', das 'winken' bedeutet ...
Und wir traten nach kleinen Vorspielen, die mit ihrer Lieblichkeit jeden
Schmerz auflsen, in den melodisen Kerker, wo man vom 'Sohn der Sonne'
singt, vom 'Bengalis', von Ergebenheit, Tod, barbarischen Gottheiten.
Wir zitterten bei neuartigen Akkorden, bei diesen aus sich
herausschwingenden Kantilenen, die in jeder Zeile und einheitlich ihr
Feuer ausstrahlen, jede die nchste befruchtend...

Man gewhne es sich nur endlich ab, diesen Meyerbeer 'historisch' zu
nehmen. Sein Pomp kommt aus einer heroischen Seele, seine Effekte aus
hellsten, reinsten Leidenschaften. Fhlt man es noch nicht, da sein
Stolz und seine Wehmut mit der Sprache der jungen pathetischen Dichter
zusammenklingt, die neuerdings auftreten! Die Zeitungen melden von
Neuauffhrungen in Berlin und in Breslau. Mgen sie so heftig, so
ekstatisch verlaufen wie unsre Kinderauffhrungen auf der schmalen Bhne
zwischen der Klavierbank und dem Notenpult.




Gustav Mahlers dritte Symphonie, von ihm selbst dirigiert


Ein junger Musiker aus dem Konservatorium steht auf der letzten Galerie.
Auer sich vor Entzckung, hrt er das krnige Prasseln langatmiger
Posaunentne, den groen Schritt des Trauermarsches, leeren Moll-Hall im
Orchester.

Und von ferne, ganz von ferne naht des Vergngens Lichtermeer wie eine
aus der Nacht schimmernde Grostadt. Die Luft, von so ppigen Geigen
gestrichen, schmeckt s. Mit dem ganzen Krper fhlt der Musiker den
Wohlklang einer berirdischen Operette und ist versucht, die Hand aus
der Hosentasche zu nehmen, um auch ihr einen Anteil an dieser
Himmelsmusik zu verschaffen.

Wie kommt es, da dieser Mahler alles aussingt, was ich so tief fhle,
denkt der arme kleine Musiker. Er nimmt mir meine Einflle weg. Und wie
er dirigiert! Jede Nuance knnte ich nur genau so ausfeilen. Wenn ich
ihn nur von hier aus sehen knnte. Nun steigt wieder ein Motiv auf, das
ich geahnt habe ... Aber wo ich einen Faden klebrig-mhsam spann,
schwingt sich ein weites, schattiges Seidennetz ... Und rote Rosen,
duftendes Lebensblut ... Ach, wenn ich ihn nur einmal sehen knnte, den
Gott! Man sagt mir, da ich ihm hnlich sehe...

Da bietet sich eine Lcke in der stehenden Menschenmauer. Einen
Augenblick lang kann der Konservatorist den schwarzen Kapellmeister
unten sehen ... Ah, Mahler, das bin ich selbst! schreit er leise.

Wie eine starke, schwarze Hand berfllt ihn das Fieber. Er wankt und
fllt hintenber hinter die Zuschauer, wo die halberlschten Lampen
zischen, fllt mit einem dumpfen Knall. Die rote Blutrose wchst eilig
aus seinem Munde hervor und berdeckt mit warmen Blttern sein Antlitz
... In der Ekstase der Crescendo-Symphonie hat niemand sein Niederfallen
bemerkt. Nur der beste Freund, der neben ihm gestanden hatte, ringt
verzweifelt die Hnde und steigt hastig zu ihm hinab.

Ich sterbe jetzt, sagt der Musiker.

Wehe, der Freund.

Sie sprechen schnell, whrend das Orchester schwelgerisch Tonpokale
leert und zerschellen lt, absteigt, sich beruhigt in kleinen
chromatischen Kssen mit halboffenen Lippen, sich beruhigt...

Aber da hat das erregte Flstern der beiden Freunde zu einem Gerusch
sich gehoben. Und der Kapellmeister, entrstet ... hrt zu dirigieren
auf. Es wird blasse Stille im Theater. Alle Kpfe richten sich zur
letzten Galerie.

Der Musiker seufzt: Was will er? Ist es nicht genug, da ich ihn so
verrckt liebe, da ich mein Leben um seines Werkes willen wegwerfe?
Hat er mich auch noch, nach all dem, nur weil das letzte, grte
Ereignis meines Daseins einen Schatten auf einen nebenschlichen Moment
des seinen wirft?

Inzwischen hat sich der Grimm Gustav Mahlers beruhigt. Er klopft. Man
beginnt von neuem, fortfahrend in genuschtigsten Trillern. Eine
Melodie ohne Ende zackt sich hin, zerspritzt, wirft ihre rosigsten
Gipfel. Infanterieregimenter von Faunen und Bacchanten marschieren auf,
man gibt Signale, man trommelt einen hypnotischen Takt...

Da fhlt der sterbende Musiker, wie die Hand des Freundes auf seiner
roten Brust zittert ... im Takt zittert ... wie der Rhythmus dann
weiterfhrt in den Arm, ber die Schultern, in den Kopf des Freundes.
Und nun steht der auf, lt den Halbtoten liegen, wie ein Schlafwandler
strebt er wieder den Stufen zu, lauscht den reichen Klngen,
angespannt...

Ich hasse Mahler, rchelt der Musiker auf dem Fuboden. Ich hasse
ihn. Er nimmt mir meine Einflle, meine Kunst, mein Ich, mein Aussehen,
meinen besten Freund.

Der Trauermarsch setzt ein, krnige Posaunenste, Rhrung.

Der Musiker im Sterben: Nein, ich bete ihn an. Seit jeher haben die
Gtter Menschenopfer geliebt...




Sechste Symphonie von Gustav Mahler


Wie wahrscheinlich mancher andre, kmpfe ich im kleinen Kreise, von Zeit
zu Zeit auch ins Fernere wirkend, fr die Meister, die ich als
glckbringend erkannt habe.

Es freut mich, beispielsweise, einer der ersten gewesen zu sein, die das
Genie Heinrich Manns geliebt haben. Zu der Zeit schon, als nur das
'Schlaraffenland' erschienen war, bin ich fr ihn eingetreten. Ich las
schne Stellen vor. Man hat mich ausgelacht. Mittlerweile ist meine
Meinung fast allgemeingltig geworden.

Mit keinem meiner Lieblinge habe ich greres Unglck gehabt als mit
Gustav Mahler. Schon vor acht Jahren habe ich in der 'Schaubhne' einen
Dithyrambus auf seine dritte Symphonie angestimmt. Mit Grausen denke ich
an die zahllosen Debatten, die ich seither fr ihn ausgefochten habe --
an die Abende, die mir dumme Kritiken gegen ihn vergllt haben -- an die
sinnlosen Gewaltmaregeln, durch die ich nahe Freunde zur Verehrung
herbeizwingen wollte -- an meine erschpften Hnde, die auf den
Klaviertasten liegen, noch berauscht von den Tnen, die sie
hervorgebracht haben und schon belchelt von teilnahmslosen Gesichtern
einer Zuhrerschar -- an das Schlimmste von allem: an schiefe Urteile
von Mnnern, die mir unbegreiflich klingen, weil ich von eben diesen
Mnnern die richtigsten Gedanken, die gefhlvollsten Eindrcke zu hren
gewohnt hin.

Nun bin ich etwas lter geworden und habe es aufgegeben, mit dem Kopf
gegen Wnde zu rennen. Ich habe die Nekrologe auf Mahlers Tod gelesen,
auch sie ergingen sich zumeist in bedingtem Lob, der groe Wille wurde
anerkannt, aber viel Abstoendes, bertriebenes festgestellt. Man
zweifelte an der Unsterblichkeit der Riesenwerke, ganz wohlwollend
zweifelte man daran.

Meine berzeugung ist dieselbe geblieben. Aber ich beginne nach den
Grnden zu fragen, die diese so verbreitete Unbeliebtheit Mahlers
erklren knnten.

                   *       *       *       *       *

Ganz allgemein wird man auch in Kreisen, in denen intensives Verstndnis
fr Musikalisches herrscht, absprechende Urteile ber Mahler hren.
Reger und andre werden viel widerspruchsloser geschtzt. Dagegen reden
gerade ernste, bedchtige, innige Kunstfreunde von Mahler mit einer
gewissen Gehssigkeit. Man wirft ihm die ewigen Marschrhythmen und
Trompetensignale hhnisch vor, man hlt sich die Ohren zu, man lacht
gar.

Ich habe mir dafr folgende Theorie zurechtgelegt: Mahler ist nicht der
Schwerverstndlichste unter den modernen Komponisten, aber er ist
derjenige, der sich die Gunst des unvoreingenommenen Hrers am
leichtesten durch gewisse grelle und bermtige Eigenheiten verscherzt.
Zu seinem Verstndnis gelangt man in zwei Stufen. Auf der ersten sieht
man ein, da dieses Grelle nur Nebenwerk ist und lernt die eigentlichen
melodischen und harmonischen Schnheiten kennen. Auf der zweiten Stufe
erst gelangt man wieder dazu, dieses vermeintlich undisziplinierte
Nebenwerk doch eigentlich wieder als organisch mit allem Musikalischen
des Werks verbunden und als Gesamtausbruch eines Temperaments zu
empfinden, dessen Ma nur in ihm selbst zu suchen ist.

Man kann im Fall Mahler ein lehrreiches Beispiel dafr sehen, da selbst
die ernste Kritik vor gewissen komplizierten und mit viel Hohem und
Niedrigem verschrnkten Erscheinungen versagt. Die gewissenhafte Kritik
kann starke berraschungen verdauen, sofern sie ein einheitliches
Gebilde hinter ihnen ahnt oder mindestens konstruieren kann. Sie nimmt
die heftigsten Genialitten Regers mit in den Kauf, da sie doch immerhin
berzeugt ist, da der Mann viel studiert, seinen Bach im kleinen Finger
hat und nur etwas Rechtes, Gerades in der Welt beabsichtigt. Wo aber das
Pathos in Narrheit umschlgt, Buntheit in Strenge, indiskrete Wollust
mit Kindlichkeit abwechselt: da wittert die Kritik einen Bluff, da geht
sie nicht mehr mit, da hat sie es ganz einfach nicht ntig.

Ergriffen habe ich einmal gelesen, da Mahler Kritiken sehr ernst nahm,
da er nach jeder seiner Premieren von neuem seine zahllosen Tadler
genau las. Er mu unendlich gelitten haben.

                   *       *       *       *       *

Doch ich schulde den Beweis fr meine Behauptung. Zwei Stufen sollen es
sein, die zu Mahler fhren. Die erste ist beispielsweise durch die
Meinung charakterisiert, da die Orchestrierung Mahlers Symphonien nur
schade, da man viel mehr Freude an den vierhndigen Klavierauszgen
habe. Diese Meinung habe ich selbst jahrelang als liebes Paradoxon
gehegt. Und noch jetzt bin ich der Ansicht, da der Orchestersatz, zum
Beispiel, der Rinaldo-Kantate von Brahms in seiner Einfachheit (von
Unverstndigen wird dieses Raffinement, vielmehr diese Gesundheit:
Askese genannt) viel wirkungsvoller ist als das hundertkpfige
Mahlerorchester ... Doch hier handelt es sich ja nicht um das
Wirkungsvolle, sondern um das Schne. Und da erfhrt man bald, da
Mahlers Orchestrierung in ihrer Schrfe und Rcksichtslosigkeit
ebensogut einen Gipfel der Schnheit darstellt wie die Gesetzmigkeit
des Brahms.

Richtig an der oben aufgestellten Meinung ist nur, da eine Symphonie
von Mahler so viel Neues in jeder Richtung bringt, da man
praktischerweise zuerst die schnen Melodien mit all ihren
berraschenden Auslufern und Verwandlungen kennen lernt, die
Verwandtschaft dieses natrlichen Gesanges mit Schubert empfindet, den
steten Flu des einmal aufgegriffenen Einfalls von Bachs erhabenem
Vorbild ableitet -- ehe man sich den Herdenglocken und Xylophonen der
Partitur preisgibt. Es ist einfach zu viel auf einmal. Und ich kann mir
ganz gut das verrgerte und gereizte Gemt eines unvorbereiteten
Zuhrers whrend einer Mahlerschen Symphonie vorstellen.

Dann gibt es aber eine Sorte von Kennern, die ber das Xylophon einfach
nicht hinwegkommen. Sie verachten es; sie geben nicht zu, da es in eine
ernsthafte Symphonie gehrt. Unter keinen Umstnden gehrt es hinein.
Solchen Leuten kann man hundertmal die Schnheit der Melodien zeigen;
sie verstehen die Melodien ganz richtig, sie wissen jedes Nebenmotiv aus
dem Thema abzuleiten. Sie finden die Erfindung geistreich. Das ist ihr
hchstes Lob. Aber innig, seelenvoll? Kann ein Komponist Seele haben,
ernste, ringende Seelenregungen, dem so ein Einfall kommt wie ein
Xylophon, ein Hammer? Das beweist unsern Kennern aufs deutlichste, da
seine Begabung nur uerlich ist, nur auf Effekt gerichtet, nur
seicht. Was mich an solchen Urteilen am meisten rgert, ist das
Wrtchen nur; weil es so ganz unlogisch ist. Zugegeben (wenn auch nur
fr diesen Moment), da das Xylophon ein uerer Effekteinfall ist. Dann
mgen diese schwermtigen Kenner das Xylophon subtrahieren! Da aber
dieser eine Effekteinfall auch alle andern Einflle vernichtet, einfach
ausradiert, was gar nicht zu ihm gehrt, was um ihn, neben ihm steht --
kann man das anders erklren als durch die bermige Gereiztheit dieser
Zensoren? Mahler hat es sich mit ihnen verdorben, ein fr allemal. Wre
er vorsichtiger gewesen, so htte er das Xylophon eben nicht gebracht.

So denkt man auf der ersten Stufe.

Dann aber schlgt man die Partitur auf, zum Beispiel Seite25 der
Sechsten Symphonie, und versteht: er mute das Xylophon bringen. Schner
konnte die Durchfhrung vom ersten Teil dieses Satzes gar nicht
abgehoben werden. Wann wird man endlich Mahlers barockes, romantisches
Genie mit Sittenstrichen und Fleipunkten verschonen? Das
berschwnglichste wollte er sagen, nirgends ein Ziel haben, bis an die
Sterne sich ausbreiten. Dazu brauchte er unter anderem auch Xylophon,
Celesta, Triangeln und Tamtam.

                   *       *       *       *       *

Rcksichtslos wie Mahlers Orchester ist auch seine Melodik. Er kennt
keine Scham. Er durchbricht die Zune des sogenannten geluterten
Geschmacks. Man hat ihm Banalitt vorgeworfen. Richtig ist, da er
dort, wo er lustig wird, sich nicht geniert, in die sesten
Operettenmelodien auszuschwelgen. Aber gibt es denn nicht auch schne
Operettenmelodien? Die meisten sind Schund und Aas, gewi. Aber die
Gattung als solche ist der hchsten Aufschwnge fhig. Mahler beweist
es. So ist eine lange Stelle im letzten Satz der Sechsten Symphonie
(Partitur Seite205-210) fr mein Gefhl der groartigste Niggertanz. Im
besten Cakewalkrhythmus schlingen sich die Motive, zugleich den besten
Kontrapunkt bildend. Ja, mu denn Kontrapunkt immer nur vom Katheder aus
doziert werden! Gibt es nicht herrliche Lebensaugenblicke, in denen
khle Pedanterie zu rasen beginnt, pedantisch bleibt und doch rast und
doch dabei gar nicht selbstmrderisch und verzweifelt, sondern ganz
frhlich, selig und sogar kinderinnig bleibt! Es gibt Mischungen von
Gefhlen, Gott sei Dank, die noch gar nicht von Worten abgestempelt
sind, die es offiziell noch gar nicht gibt. Aber wage es nur ein Musiker
oder Literat, so etwas, was er doch mit der wnschenswertesten Klarheit
und Wichtigkeit in sich fhlt, hinauszuschreien! Die ernsten Zensoren
glauben sofort, man mache sich ber sie lustig, man nehme die Sache
nicht ernst genug. Gerade dann, wenn man die Sache endlich ganz ernst
nimmt und, ganz unbeeinflut von Weltwertungen, das Eigenste sagt,
gerade dann -- belchelt die Welt das Xylophon.

                   *       *       *       *       *

Vor einiger Zeit wurde Mahlers Sechste Symphonie in Prag aufgefhrt. Die
tschechische Philharmonie unter Zemaneks Leitung spielte herrlich, mute
auch die Kltesten entflammen. Ich wei nicht, ob sie sie wirklich
entflammt hat. Ich war zu sehr mit mir selbst beschftigt, ich erlebte
alle Ekstasen, deren meine Seele fhig ist. Jahrelang habe ich mich
gesehnt, whrend ich dieses tragischste Opus unsrer Zeit studierte,
seine Auffhrung zu erleben. Nun fhlte ich mich fr alle Sehnsucht
belohnt, sammelte Kraft gegen Enttuschungen und Fehlschlge ... Nachher
gab es viel Applaus. Die Kritik tadelte.

Noch eines sei festgestellt: als es zu der Stelle kam, die ich fr mich
'Niggertanz' getauft habe, erlebte ich doch noch eine berraschung. Ich
hatte nicht bemerkt, da in der Partitur gerade zum Einsatz dieser
Wendung 'Rutenschlge' verzeichnet sind. Nun bei dem frechen Klang der
Hlzer, der die an sich freche Melodie zerhackt, fate mich ein
andachtsvoller Schauer vor Mahler: weil er so wrdelos, so unbndig war,
so naiv und ohne Rcksicht das unterstrich, was andre fr seine Fehler
hielten -- was zuknftigen Geschlechtern seine Gre sein wird.




Kleine Konzerte


Ich liebe es, statt in groen Konzertslen das Ruspern einer Volksmenge
zu berhren und in Pausen Leuten, denen ich lieber ausgewichen wre,
auf gleichgltige Fragen noch gleichgltiger zu antworten, ich liebe es,
meine Musik mir allein zu machen, einen Freund etwa zu besuchen, der
schn, wie ein eifriger Dilettant eben, die Violine spielt, dann nach
kurzem Gru an seinem Klavier niederzusitzen und die Sonne unsterblicher
Melodien erstrahlen zu lassen, wir beiden Zauberer. Die gewohnten Mbel
sind gute und angenehme Zuhrer. Die Aussicht auf die Gasse nebenan
friedet uns ein.

Allen denen nun, die es gern ebenso machen wie ich, habe ich einen guten
Rat zu geben. Gewi haben sie, ebenso wie ich, schon schmerzlich
empfunden, wie gering eigentlich die Literatur fr diese kleinen
Konzerte ist. Die Violinsonaten von Beethoven kennt man auswendig, bei
Mozart sucht man berraschungen, ohne sie immer zu finden, man kehrt zu
Tartini, Spohr, Stamitz zurck, ohne viel Glck, man atmet auf bei Bach,
aber schlielich wird auch in diesen erquickenden Gebilden jede Note
wohlbekannt. Ein Glck, als Reger kam. Und die drei fabelhaften Sonaten
von Brahms, die beiden nachgelassenen noch, mit ihrem rhrenden Ade,
Ade, Lebewohl ... Zu Ende. Da mu jeder dankbar sein, dem ein neues
Licht begegnet, ein wirklich schnes Werk fr diese beiden Instrumente,
die so schrill und sanft zusammenklingen zwischen den bekannten Mbeln.
Ich kenne eine solche Violinsonate, die von Carl Nielsen, ich will sie
loben. (Opus9, Verlag Wilhelm Hansen in Kopenhagen.)

Lange Zeit schien es mir seltsam und bedenklich, da die nordischen
Vlker, die in Knut Hamsun einen so natrlichen und zugleich
bewundernswrdigen Poeten haben, als Musiker nichts hnliches
hervorgebracht haben sollten. Ihr Kjerulf schien mir zu simpel, Gade zu
mavoll, Grieg zu sehr im Glanz von Salonparketten jodelnd. Alle drei
hatte ich gern, aber entrangen sie mir wie Hamsun se Trnen?... Seit
ich Nielsens Kompositionen kenne, ist diese (brigens so kindische, so
jugendliche) Nachfrage beschwichtigt. Ich erkenne in Nielsen viele
Elemente von Hamsuns Kunst wieder: seine unter tchtiger Mnnlichkeit
verhllte Zartheit, seine gute Laune bei allen beln, niemals weich,
niemals Chopinsche Zerflossenheit und vor allem: seine Moral. Lebt in
Hamsuns zentralen Figuren immer ein heier, fast bertriebener Trieb zu
Rechtlichkeit, Anstndigkeit, zu erlaubten Mitteln, Vermeidung aller
Effekte, Bescheidenheit, ja zu einer Verschleierung eigener Vorzge: so
finde ich dasselbe beinahe in Nielsens legitimem Kontrapunkt, in seiner
ehrlichen und reinen Stimmfhrung, die keiner noch so scharfen Kante
ausweicht, in seiner Vorliebe fr das Fortissimo, in seiner zarten
einfachen und doch so neuen Melodik, kurz in dieser ganzen Musik, die
unzergliedert bleiben mge, so wie sie einer liebevollen Landschaft
gleich mit Freudengewalt bis zum Zerspringen mein Herz erfllt hat, so
wie ich mich diesem Genie, diesem Genie gern zu Fen werfen mchte und
seine Hnde mit Kssen bedecken.

Frwahr, ist der Lauf unserer Zeit den Ausbrchen solcher Zrtlichkeit
nicht gnstig, soll es lcherlich scheinen, einem Knstler laut
schreiend und auer sich fr seine Gaben zu huldigen, dann lohnt es sich
nicht mehr, zu leben ... Ich bin von Nielsen einfach besessen, ich
stelle ihn neben Brahms, Reger, Smetana, Bach ... neben alle die Namen,
die mir zu Altren geworden sind. Ich habe mir sogar ein Bild Nielsens
verschafft, aus dem er mich anschaut wie ein begabter, unergrndlicher
Schuljunge, mit nackten breiten Lippen, starrer Stirn, abstehenden
Ohren, aufgebrsteten weichen dnnen Haaren, die aber einen tchtigen
Polster bilden, und mit solchen regellos glnzenden Augen! Dieses
Gesicht, hnlich wie das Regers, wirkt auf den ersten Blick kahl und
matt, das Gesicht eines erwachsenen Kindes. Aber schnell ahnt man bei
beiden den Reichtum hinter dieser Nchternheit, hinter diesem
Uninteressanten den Blitz! -- Ich wei auch einiges aus Nielsens
Biographie. Er ist Hofkapellmeister in Kopenhagen, schon fnfundvierzig
Jahre alt. Und ich frage entrstet, indem ich mich nach allen Seiten
drehe: Wer kennt ihn? Warum hat, auer einigen Fachblttern und dem
Kunstwart einmal, niemand ber ihn geschrieben? Wo sind seine
Triumphe? seine Mnchener Festspielwochen? Ist es mglich, da auf der
Welt das Schne keine Beachtung findet?

Gern wende ich mich von diesen fruchtlosen Ausrufungen ab, die
wahrscheinlich nicht viel ndern werden, und ergebe mich wieder dem
sanft in-sich-ruhenden Frieden der neuen Hamsun-Musik. Die Waldtiere
schaun langsam auf, und, whrend sie sich auf ihren duftenden
Futterpltzen im Schatten der Bume lagern, den Abglanz entfernter
Gletscher wie ein dnnes Schneegestber zwischen sich, gleichen sie
schon den ernsten, gesetzmigen, kraftvollen Tnen der lieben Sonate,
scheinen sie im Chor zu singen und zu brllen, Rehe, Vgel, Eidechsen,
Kfer, Bren ... Wir sind im Norden. Seltsam mischt sich zur strengen
Kunst Nielsens das Nationale, diese abwechselnd groen und kleinen
Terzenschritte, die immer wieder auf denselben Grundton zurckfallen,
eine hartnckige Schalmei, aus der hie und da eine Quart jubelnd
heraufschlgt, eine Sekunde traurig herab, das Ganze trotzig und
klagend, hart und doch in unklaren Nebeln, przise Verschwommenheit. Wie
bei Bach zeigt sich hier die Kraft in mannigfaltigen, durchsichtigen und
beweglichen Sechzehntelfiguren, die gleichsam stets bis ins Innere
erleuchtete, vernderliche Organismen bleiben, niemals zur Begleitung
trbe erstarrt ... So in dieser Prachtsonate. Kniglich setzt das
Hauptmotiv ein, nie gehrt, es spaltet sich, ein Teil dient als
Nebenstimme der Kantilene, er breitet sich fcherfrmig aus, zuckt wie
nach elektrischen Schlgen empfindlich zusammen, ein anderer Teil wird
in der Durchfhrung berraschend selbstndig, durch eben diese
abwechselnd geschrften und abgestumpften Terzen zu einem zauberhaften
Gewebe ausgespannt, die Verlngerung des Einfalls mit dem Original
verbunden zu einem eigensinnigen Witz. Und die Stimmung ber all dem
durch Gesetze hervorgebracht, fr deren Benennung noch keine Worte
existieren. Lauter Geheimnisse, Urkrfte am Werk ... Ich notiere noch:
Nielsen hat Opern geschrieben, Symphonien, Quartette, Lieder, die Texte
von Holstein und Jacobsen sind durch diese Melodien bertroffen. In der
bersetzung heit es einmal Sonnes Liebchen, als Genetiv von Sonne
gebildet. Wen strt das? Es klingt ja gar nicht dumm, nur rauh und
nordisch. Einfache Tonleitern in Gegenbewegung bringen unerhrte Rhrung
hervor Gru߫, Fahr wohl, du kleiner Dampfer. Ist es mglich, da
dieses Lied noch nicht zum Lieblingslied der gesamten zivilisierten
Menschheit geworden ist? Ich gestehe, das Erstaunen hierber strt mich
sehr in meinem Kunstgenu. Wrde nur Nielsen bekannt und von allen
geliebt sein, wie er es verdient, so knnte ich mich ruhiger seinen
Werken hingeben. Es liegt gar nicht in meiner Art, Propaganda zu machen.
Ich empfinde das nur als Pflicht, als lstige ... Ich notiere noch:
seine Vorliebe fr Sextengnge. Seine herrlichen Schlsse. Man erkennt
den groen Meister immer an den originellen Schlssen, da setzt sich die
Melodie pulsierend bis ins uerste Glied des letzten Akkordes fort, ein
klopfendes Herz, whrend die Nichtsknner ein schallendes Bumbum
imposant an ihr Machwerk picken, alle nach derselben Schablone. Und
dann, ich bitte alle Leser, sich doch zumindest die Symphonische Suite
fr Klavier allein zu kaufen, die Goethes Worte Ach, die zrtlichen
Herzen! Ein Pfuscher vermag sie zu rhren ironisch ber ihren
unsterblichen vier Stzen trgt. Ich bitte alle Kapellmeister, die
Orchesterwerke von Nielsen aufzufhren, damit ich endlich Ruhe habe.
Dann wrde ich auch trotz meiner Abneigung gegen die groen Konzerte
diese wieder einmal ausnahmsweise besuchen.




Smetana


Meine Augen fllen sich mit Trnen, alle meine Nerven sammeln sich, um
so berirdischer Musik gewachsen zu sein, zu einem einzigen
musikalischen Gesamtnerven, wenn Tne von Smetana mein Ohr treffen.
Armer Freund -- so erlaube ich mir, mich anzusprechen -- Armer, der
seine Tage in oft allzu wohl ertragener Niedrigkeit verbringt: woher
diese Aufwallungen, vielmehr diese ganz naturgemen wohltuenden
Entspannungen, die dich pltzlich wie in einen Zustand vor dem
Sndenfall, in eine Luft ohne Staub und ohne Ru versetzen? Woher dieses
gierige Ja-Sagen deiner Seele, dessen Begier auch im Ja noch anhlt --
so wie ein Kind schreit, noch lange, nachdem man ihm jenes Glnzende,
Verlangte gereicht hat? Armer, armer Yorick, deine Sehnsucht mu sehr
stark gewesen sein, du kannst nicht glauben, da sie endlich erfllt
ist?... Doch wozu diese Begrndungen! Verweilen wir lieber noch ein
Weilchen, lassen wir diese kstlichen Augenblicke noch einmal und
wiederum in unsere Seele treten. Da nhern sich Marschenka und ihr Jenik
(man spielt 'Die verkaufte Braut'), der Chor unterbricht seine
schneidig-lustige Melodie, die sofort als Moll-Nachhall von der
Klarinette aufgenommen wird und bald in ihrer neuen Frbung, wie
irgendwo ganz anders, in einem andern Lande, ihr Dur wiederfindet, da
stehen die Liebenden allein, wie auf einer erhhten Ebene, ber den
allgemeinen Freuden und Sorgen der Dorfgenossen mit ihrem privaten Leid
und Glck. Ihre Nachfrage und Antwort berbaut, bald noch gefestigter,
die Orchesternachklnge. Nun haben sie einander die vier oder fnf
wichtigen Stze gesagt, die sie sich mitzuteilen haben. Sofort lst der
Chor ab und rundet die Szene mit einer Reprise seines Liedes. Nachspiel
verhallt, Ende der ersten Szene. Wie einfach ist das, wie
selbstverstndlich! Man sagt sich: Wrde der liebe Gott Musik schreiben,
er htte fr diese Situation keine andre erschaffen knnen. Und in
dieser Vollkommenheit geht es weiter, gleich wird unser Prchen allein
sein, und die ganze Mythologie einfacher Leute, die Stiefmutter, Segnen
und Fluchen, Schwre, Vergangenheit, Treue, Eifersucht, alles wird ohne
Zwang wie im Glanze der ersten Jugend erscheinen. Oder hrt nur, etwas
andres! Wir sitzen im Theater und erwarten, wie immer, irgendeine
Steigerung unsres Selbst, eine Verkomplizierung, Bengstigung, nur um
Himmels willen nicht dieses Stadtleben weiter! Da rauschen die ersten
D-Dur-Akkorde des 'Ku', steigen auf und ab, immer noch derselbe Akkord
ist es, der allereinfachste Dreiklang in seinen selbstverstndlichen
angeborenen Lagen: wie ein Wald mit der Gleichmigkeit von
zwanzigtausend gesunden Baumwipfeln beruhigt es unsere grenden Sinne.
Wir sind gesteigert, aber nicht durch Komplikation, sondern durch
uerste, intensivste Vereinfachung. Darin liegt meiner Ansicht nach die
tiefste Wirkung der Kunst Smetanas.

Der 'Ku', dieses Meisterwerk, dessen Vernachlssigung auerhalb Bhmens
unbegreiflich ist (nachdem die 'Verkaufte Braut' lngst internationales
Kunstgut geworden ist), zeigt wohl am deutlichsten, was ich meine. Wie
leicht und simpel ist schon der Text! Man hat in ihm oft einen Fehler
gesehen. Ich finde in seiner Wahl das Zeichen von Smetanas genialer
Selbsterkenntnis. Wenn freilich die deutsche bersetzung so ruins vor
sich geht, da sie aus der frischen trotzigen 'Vendulka' eine
gouvernantenhafte 'Pauline' macht, da sie das urwchsige, blumengleiche
Schlummerlied mit Zeilen wie: Fromme Taube, fleug' und glaube!
ausposamentiert -- dann kann man das Kopfschtteln in fernen
Zuschauerrumen verstehen. Eine ungeknstelte bersetzung wre
Grundbedingung des Verstndnisses. Dann aber wrde man sehen, worum es
sich in diesem Werk handelt: in burischen Gemtern steigen groe, ja
unendliche Leidenschaften auf, die im Kreise heimatlicher Ehrbarkeit,
ohne Nebengerusch und ohne Verbiegungen, ausgetragen werden. Jeden
Charakter bis zu Ende gedacht, bis ins Herz hinein ehrlich. Nirgends
eine Anlehnung an die Schablone. Selbst der frmmelnde Vater, dem man
irgendwie bei Anzengruber auf die Spur zu kommen meint, ist eine ganz
selbstndige Figur, er frmmelt eben nicht, sondern ist wirklich fromm,
und dabei hat er, in spaigem Egoismus, seine einzige Freude daran, da
zu Hause durch Heirat der Tochter endlich heilige Ruh wird. Und nun
kommen die Gste, nun erfolgt mit ererbtem Pathos ohne Augenzwinkern die
Werbung. Alle tun, als hrten sie das Neueste; obwohl alle es wissen.
Mit gemessener Heiterkeit steigert die Musik ihr Schritt-Thema, das aus
dem Jubel vorhin allein im Ba brig geblieben ist. Und wenn nun nach
einer kleinen Zwischenepisode die Liebenden, so lange Getrennten,
einander in die Arme strzen und ihre Stimmen im Duett vereinen, dann
drngt sich mir der Vergleich mit einem andern Einander-in-die-Arme-strzen
auf, mit der groen Szene in 'Tristan und Isolde', zweiter
Akt. Hier wie dort in der Musik ein atemlos seliges Endlich;
aber was sich bei Smetana vor allen Freunden und Verwandten,
konfliktlos und erlaubt vollzieht, gleichsam feierlich vor der
ffentlichkeit und doch in einsamstem Vergessen aller kleinen Dinge --
dasselbe ist bei Wagner berreizt, verboten, schwl, umlauert. Hier
scheiden sich zwei Welten der Kunst. Und es scheint mir ganz
leichtfertig gedacht, was die Zeitgenossen ber Smetanas
Wagner-Nachfolge schmierten.

Smetana ist kein Dramatiker, wenn man darunter das Erzeugen von
Spannungen, berraschungen, Handlungen versteht. Versucht er derartiges,
zum Beispiel in der 'Teufelswand', so wird er oft ungeschickt, freilich
so hbsch kindlich ungeschickt, da man ihn deshalb nur doppelt liebt.
Smetana ist aber der grte, der einzige Musikdramatiker, wenn man seine
Eigenart der idyllischen Ruhe und der dank ihrer Gre bescheidenen
Verschiebungen erkannt hat. Es ist wahr, die Oper 'Der Ku' handelt von
gar nichts, von einem Ku. Aber eben dieses Nichts ist in einer Art
gestaltet, spielt sich unter herrlichen Personen, in schnster freiester
Natur so gtig ab, da man alle Sherlock Holmes der Welt vergit. Da
wird dem ersten Akt mit seinem Tag, seiner gastlichen Bauernstube der
zweite Akt entgegengestellt: offener kalter Wald, Schmuggler in den
Nacht, Einde. Ins Symbolische steigert sich die Flucht des Mdchens,
ihr Klagen, die gleichmtigen Konstatierungen der alten Martinka (die
bersetzung mu sie natrlich zur 'Brigitta' entfrben), ihre ironische
Weisheit und die Flinte des Gendarmen. Dieser Akt handelt von gar
nichts, nur vom Urgesetz aller menschlichen Soziett, vom Urgebot der
Vertrglichkeit und Milde, dem man pltzlich in ungeahnter Ergebenheit
die Brust zu ffnen sich willig fhlt. Nein, sonst handelt der Akt von
gar nichts.

Die Idylle grenzte an heroische Welten. Smetanas Kreis wird von
derselben Atmosphre erfllt wie die Gedichte Homers. Eine aufrechte
ungebrochene Menschlichkeit spricht und singt sich aus, und gerade weil
die Charaktere so groartig sind, und weil alle ihre Eigenschaften so
offen daliegen, kann die Handlung keine schnellen Sprnge machen. Es ist
gleichsam zu schade um diese Riesenleute, als da sie im Rderwerk
eiligen Geschehens hastig abgetan werden knnten. Stcke, in denen viel
vorgeht, drcken ihre Figuren leicht zu Chargen herab. Dagegen wollen
Helden sich in einer langsamen Aktion frmlich auswachsen. So ist
es bei Homer, wie bei Smetana. Und bei beiden fhle ich dieselbe
ethische Parteinahme fr das Ganze und Rechte, fr das Gute und
Volkstmlich-Gesunde. Beide verweilen gern dabei, wenn es ihren Helden
gut geht, sie suchen Tugend und Billigkeit, sie verabscheuen Bses, das
wie ein Einbruch dargestellt wird.

Es ist vielleicht kein Zufall, da ich diese Zeilen ber Smetana gerade
in einer Zeit schreibe, da in der deutschen Literatur aus verschiedenen
Quellen, einander unbewut, eine neue Bewegung entstehen will, die ich
am besten vielleicht negativ, als Abkehr von der Dekadenz bezeichnen
mchte. Ihr Positives ist schwerer zu fassen: einige Dichter, die
einander vielleicht nicht einmal kennen, haben entdeckt, da das
phosphoreszierend Lasterhafte und Faulende nicht das einzige
interessante Thema der Kunst ist, wie man in den letzten zehn Jahren
etwa geglaubt hat. Den Optimismus nmlich hat man in diesen letzten
Jahren fast ausschlielich schlechten Stilisten und 'Heimatknstlern'
wie Bartsch, Stilgebauer, Frenssen berlassen oder denen, die extreme
Nietzsche- und Amerika-Weltreise-Stimmung wie J.V. Jensen zu verknden
hatten. Nun aber hat Robert Walser den Roman 'Der Gehilfe'
verffentlicht, in dem die ganze scharfsichtige Beobachtungsart der
Moderne wie ihre verfeinerte Sprachkunst wieder einfachen, naiven,
heroischen Menschen in Freude sich zuwendet. Max Mell hat in seinen
Novellen 'Hans Hochgedacht' und 'Barbara Naderers Viehzucht' die
Bauernnovelle auf ein bisher nie erreichtes Niveau der Kunst gehoben,
Otto Stoessl entdeckt im Roman 'Morgenrot' die wuchtigen heroischen
Stimmungen, die jeder Mensch in seiner Kindheit als seiner einzigen
Heldenzeit erlebt. Franz Werfels Gedichte 'Der Weltfreund', Otto Picks
'Freundliches Erleben' bringen den frohen und erhabenen Ton in die
Lyrik. Auch meinen eigenen letzten Bchern mchte ich gern diese
Stimmung entnommen wissen. Fast in allen genannten Werken zeigt sich
eine Freude am idyllischen, langsamen Erzhlen, an werten und
hochachtbaren Menschen, an freundlichen Krften der Natur, am
Lebenspendenden, am Arkadischen. Man hofft wieder, man vertraut. Dabei
verzichtet man auf kein Mittel einer ausgebildeten psychologischen und
sprachlichen Technik, man wendet sie aber endlich einmal auch auf
Almwiesen an, statt immer nur auf Lasterhhlen. Und dabei klingt mir die
Musik Smetanas als liebste Begleitung in den Ohren...

Ich wrde mich getrauen, aus der eben geschilderten moralischen Stimmung
die charakteristischen Eigenschaften dieser Musik abzuleiten. Die
heroischen und idyllischen Tne Smetanas sind ja offenbar. Seinem
gtigen Ernst entspringt auch ein Spezifikum, der lange Atem seiner
Inspirationen. Bei keinem andern Komponisten findet man wohl eine Figur
so ausgiebig wiederholt und gesteigert wie bei ihm. Der Einzugsmarsch in
'Dalibor' ist das auffallendste Beispiel, in seiner eisernen Konsequenz.
Dadurch erhalten Smetanas Arbeiten diese Architektur im Kolossalstil,
die den Teilnehmenden beinahe erschreckt. Sie dehnt sich ber das
Menschliche hinaus. Der Wiederholung gesellt sich oft eine unermdliche
Modulation derselben Akkordreihe, man wird gehoben, ins Unendliche mit
fortgezogen, man fhlt sich verirrt, auf Wolken ohne Halt, pltzlich
ffnet eine Lcke wieder den Blick auf den heimatlichen Boden, auf die
ursprngliche Tonart. In der Symphonie 'Blanik' wiederholt sich dieses
unnachahmliche Zauberspiel an zwei Stellen, vom fnfzehnten Takt an und
bei _Meno mosso_. In der ganzen Musikliteratur wte ich diesen Stellen
nichts ebenso Gewaltiges an die Seite zu stellen. Man merkt: Smetanas
Gewalt entspringt keinen Massenmitteln, sondern seiner echt
musikalischen Logik und strengen Form. So sehen wir den heroischen Zug
bei Smetana gleichsam zwei Tendenzen zustreben: wie jeder Heroismus
wendet er sich an das Volk, wird also national -- zugleich nimmt er sein
Mittel aus den strengsten exklusivsten Kunstgesetzen, wendet sich also
vom Volkstmlichen ab. Jede geringere Begabung als Smetanas htte diese
Doppeltendenz als Konflikt empfunden. Meine Verehrung Smetanas beginnt
aber gerade da, wo er diesen Zwiespalt ausglich. Man knnte das Paradox
wagen: Smetana ist volkstmlich ohne das Volk, ja, gegen das Volk.
Niemals hat er bei seinen 'Volksopern' dem Banalen irgendeine Konzession
gemacht. Die Ouvertre zu seiner nationalsten Oper beginnt mit einen
langen Fuge. Whrend andre volkstmliche Komponisten wie Lortzing,
Nicolai immer ein wenig zur Operette neigen, zum Possengeschmack, zum
entartenden 'Volksstck', bleibt Smetana bei aller Heiterkeit
anstandsvoll, edel, harmonisch, seine komischen Opern haben etwas von
der Weihe eines Festspiels. Er wendet sich nicht an irgendein gegebenes
Theaterpublikum mit seinen schlechten Instinkten, sondern er hat sich in
seiner hherfliegenden Menschlichkeit ein ideales Volk von Helden und
Bauern, von unwandelbaren Gesinnungen und starken Armen gebildet, dem er
in seinem Patriotismus die Zge des geliebten Heimatlandes aufprgte.
Nicht ihn hat das Nationale beeinflut, er hat es so lange umgemodelt,
bis es so war, wie er es brauchte. Anfngliche Mierfolge haben ja nicht
gefehlt. Heute aber, da die Nation das Segensreiche dieser Arbeit eines
einzigen Mannes in sich aufgesogen hat und als Gemeingut fhlt, steht
die Sache so, da ich mir eher Smetana ohne Prag als Prag ohne Smetana
vorstellen kann. So stark schwebt das gttliche Licht und diese Moral
ber der Stadt. Niemand kann daran zweifeln, da die Moldau, weil er es
so gewollt, fortan in G-dur fliet, da die Mauern des Wyschehrad die
Rte der Es-dur-Tonart haben und eigentlich als versteinerte
Harfenakkorde in der Luft stehen, zart und fest.




Das Berlioz-Theater


Zu meinen grten, qulendsten Rtseln gehrt es, von Jugend an: Warum
wird der Opernkomponist Berlioz nicht hufiger aufgefhrt? Ich halte
mich jetzt zurck, ich erwhne nur still: Berlioz ist edel, neu, auch
fr uns noch neu, ein nie mehr erreichter Siedepunkt des Genies, erhaben
zugleich und zart, die kolossale Nachtigall Heines. Das sind keine
Grnde, ich wei es ... Aber Berlioz ist hinreiend, wirksam! Nun? Ihr
schweigt, Freunde? Wie ich, wit ihr das Rtsel nicht zu lsen?

Und nun dmmern wir ein wenig. Wir trumen davon, ein Reinhardt der Oper
(und warum nicht Reinhardt selbst?) nehme die Sache in die Hand. Es
entsteht ein zweites Bayreuth. Ich stelle mir ein wundervolles Theater
vor, berwltigend schon durch die Khle in seinen weiten Vorhallen,
zwischen den hohen Sulen. Mitten in Grten, die schwarzgrauen Mauern
wie ungeheure Meereswellen an das Grn strmend ... Nein, hren wir
lieber, wie Berlioz selbst es sich vorstellt, in seinen Memoiren: Ich
fhle wohl, was ich fr die dramatische Musik schaffen knnte, aber es
ist ebenso zwecklos wie gefhrlich, den Versuch zu wagen. Zunchst sind
die meisten unserer Operntheater recht belberchtigte Gegenden,
musikalisch gesprochen, und besonders usf. Ferner knnte ich auf diesem
musikalischen Gebiet meinen Gedanken nur dann freien Lauf lassen, wenn
ich mich als den absoluten Herrscher ber ein groes Theater betrachten
knnte, wie ich der Herrscher ber mein Orchester bin, wenn ich eine
meiner Symphonien dirigiere. Ich mte ber den guten Willen aller
Beteiligten verfgen knnen, ber den Gehorsam aller, von der ersten
Sngerin und dem ersten Tenor, den Choristen, den Orchestermusikern, den
Tnzerinnen und den Statisten an bis zum Dekorateur, zu den Maschinisten
und zum Regisseur. Ein Opernhaus, wie ich es mir vorstelle, ist vor
allem ein groes Musikinstrument; ich wei darauf zu spielen usf.

Sein Leben lang hat man ihn an dieses Instrument nicht herangelassen.
Eine Zeitlang hie es, er werde Direktor der Groen Pariser Oper werden.
Nichts. Man verbannte ihn in die kalten, sinnlosen Gegenden des
Feuilletons, man bezahlte ihm Kritiken, die er mit Ekel schrieb, nicht
Opern. So unterdrckt er einmal, in der Stille eines feierlichen
Morgens, eine neue Symphonie, deren Hauptgedanke in A-Moll schon vor ihm
in alle Nebenwege sich ausbreiten will. Er unterdrckt diesen Gedanken
-- und man liest diese Stelle seiner Biographie mit mehr Grauen als die
neueste Zeitungsnotiz von sechzig Ertrunkenen--, unterdrckt ihn, weil
er frchtet, er werde sich nicht zurckhalten knnen, ihn auszufhren,
das Ausgefhrte darzustellen, wieder mit Tausenden von Musikern
drhnend, verstummend in einer Ausstellungsrotunde, und mit
ungeheuerstem Defizit ... So sehr kannte er sich als Sklaven seiner
Sehnsucht, die nach guten Auffhrungen seiner Werke lechzte.

Statt menschlicher Worte stehe hier seine gttliche Beschreibung eines
Dirigenten whrend der Arbeit: Mit welcher rasenden Freude gibt er sich
der Wonne hin, auf dem Orchester zu spielen! Wie versteht er es, dieses
groartige feurige Instrument zu drngen, zu fassen, zu umklammern! Er
entfaltet eine allseitige Aufmerksamkeit; er sieht berall hin: mit
einem Blick gibt er den Sngern und Musikern ihre Einstze an, oben,
unten, links, rechts, mit einer Bewegung des rechten Armes wirft er
Akkorde hin, welche wie harmonische Geschosse in der Ferne zu platzen
scheinen; dann lt er in den Fermaten die ganze durch ihn entstandene
Bewegung anhalten; er fesselt die Aufmerksamkeit aller; er hlt jeden
Arm, jeden Atemzug in seinem Bann, er lauscht einen Augenblick der
Stille und gibt den bezhmten Wirbelsturm zu noch tollerem Laufe wieder
frei.

Die Snger: sie gehren hier ausdrcklich zum Orchester. Auch seine
Opern wollte Berlioz aufgefhrt sehen, an Theatern. Wie dankte er's dem
Liszt, da er Beatrice und Benedikt in Weimar gab, mit guten Erfolgen.

Und jetzt ... Wir hren Berlioz in Konzerten. Faust tritt im Frack auf.
Die Gste, die vom glnzenden Feste gehen, leise die Melodie noch
nachsingen, indes Romeo schmachtend im zauberhaften Garten steht, bald
zu summen anfngt ... diese Gste sind nie auf der Bhne gewesen, haben
nie getanzt. Oder Lelio ... Neulich gab man Ernani im Theater, diese
schne italienisch-eingeborene Oper. Trotzdem hatte ich da meine
Gedanken. Der Vorhang ging auf. Auf den Steinen umher lagen, saen,
erhoben sich die Ruber, schttelten ihre breiten Hte, ihre mit
Lederriemen benhten Seidengrtel. Und am Waldrand tritt langsam er
hervor, elegant trotz seiner Schritte, die vor Wrde steif sind. Von
Zeit zu Zeit bleibt er stehen, der Ruberhauptmann, sperrt mit beiden
Hnden die Mndung des Gewehres zu, das er aufstellt, und darauf legt er
sein Gesicht, sttzt das Kinn so fest an, da es grausam blutgierig
vorstt, zu allem entschlossen bei diesen eng verbissenen Lippen ...
Damals dachte ich: nun ist alles so schn beisammen, der Wald, die
Horde, der Hauptmann -- warum beginnen sie nicht pltzlich statt
Ernani den Ruberchor aus Lelio zu singen, zu brllen, da alles
begeistert sein mu. Nichts bedrfte es als einer kleinen Verschwrung
dazu. Der Kapellmeister lchelt schon im Einverstndnis. Ein Ruck ...
man singt Ernani.

Nein, ich sehe schon, so geht es nicht. Ich mu diesen Artikel schreiben
... Also ich wnsche, o Theaterdirektoren, vor allem den Faust den man
ja hie und da versucht, immerfort im Repertoire. Fausts Verdammung,
diesen pessimistisch gedrehten Goethe, ich will ihn rufen hren,
zugrunde gehn in seiner Hlle will ich. Die liebliche Musik, die ihn am
Anfang zwischen Vogelstimmen in freie Luft bringt, soll zwischen schn
gemalten Bumen tnen, eine Lichtung im Hintergrund bleibe frei fr die
tanzenden Hirten, das vorberziehende ungarische Heer. Dann die
gotischen Fenster des Studierzimmers, Auerbachs Keller, die wundervollen
Sylphiden, die von fernen Gestirnen und Hgeln flstern, von Margarethe,
bis ihre Melodie in den berhmten Tanz sich sanft variiert. O all
dieses, das Mdchen auch am Spinnrad, den Studentenchor in die Krieger
gemischt, mit Waffenklirren und dem Hintaumeln weingerteter Gesichter,
kurz alles sei wirklich und ziehe vorber. Vielleicht lchelt man dann
in den Zwischenakten und denkt verwundert, warum ehemals nur Gounods
zwar se, aber glanzlos zhe Musik diese Bilder umklingen durfte ...
Ein Zyklus werde gewagt und zeige uns den abenteuerlichen Goldschmied
Cellini mitten im schnellsten Sechsachteltakt des Karnevals, zeige die
heilige Familie, wie sie in der gyptischen Wste beinahe verdurstet.
Dann Troja, und hier habe ein geschmackvoller Maler alle Freiheit, die
Tnze am Grabe des Achilles, das edelmtige Herz der Kassandra, die
betrogene Dido mit den Farben seiner Phantasie zu schmcken. Gern she
ich Kostme und Hintergrnde von Kokoschka, whrend Korbus mit der
Prophetin im unsterblichen Duette Dich verlassen noch heut wetteifert.
Und nicht, bitte, vergesse man den unglcklichen Lelio. Man spiele die
phantastische Symphonie zunchst und dann lasse man ihm, der silberne
Vorhang weicht zurck, sein einsames Zimmer, sein Klavier, seine
Musikschler. Alles ungekrzt natrlich, den vollstndigen Text, dort wo
er schwrmt und dort wo er als tchtiger Dirigent belehrende Winke
austeilt. Man hre nun die romantischen Stimmen, die aus den Wnden des
Zimmers wie ein Uhrenticken zu entquillen scheinen: die magische Ballade
vom Fischer mit ihrer kunstvoll dreimal gesteigerten Kantilene, die
Geister auf Hamlets Burg, das Lied vom ewigen Liebesglck, das traumhaft
in scheinbarer Unordnung hier und nochmals eine Harfensaite zupft, einen
gebrochenen Akkord wie im Wind hinhaucht. O und die, wenn sie nicht
geschrieben wre, unmgliche Phantasie ber Shakespeares Sturm, die
Luftgeister in Trillern und Arpeggien, und sie singen italienische
wohlklingende Worte (genial ist das, ebenso wie das Swedenborgische der
Teufel an anderer Stelle): _Miranda, conoscerai l'amore._ Nur diese
drei Worte, und doch ist alles da, was wir in jugendlicher
Shakespearefreude auf diese Insel getrumt haben: blauer Himmel, Flgel,
Zaubereien, etwas Gebck und Korallenriffe. Dann fallen wieder nur ein
paar Worte: _Caliban, Caliban, horrido monstro, oh Caliban!_ Und er
stampft, er ist auer sich, pfui, schnappt nach Luft, unser dumpfer
Bruder mit den Erdklen, die in der langen Behaarung seiner Beine
zittern. Niemals, nein, nie ist so kurz und gut die wahre Essenz eines
Stoffes erfat worden, das Musikalische eine Musik, der Mittelpunkt der
Oper; nur hier. Und das ist der richtige Weg der Oper, nicht Wagner und
Richard Strau. Was kmmern mich rhetorische Auseinandersetzungen,
Konflikte, Dialoge, Ermordungsszenen, Gefechte, kurz: dramatische
Handlung. Nein, das ist die Oper, die mir unbegreiflich die Stimmung
eines Dramas in Tnen nachbildet, irgendwo beiseite, durch ungeahnte
Einflle, durch Dinge, die in dem Drama gar nicht vorkommen, die eben
spezifisch musikalische Mittel sind. Aber Gott im Himmel, wer wird denn
so langweilig sein und setzt einen Text Wort fr Wort und Zeile fr
Zeile pedantisch in Musik und lt seine Helden bei symphonischen
Zwischenspielen brten, in die Luft starren, drei Schritte machen, weil
das Orchester eine Triole spielt! Nein, alles gehe so vor sich, da man
gar nicht wei, warum jetzt Bsse und jetzt Flte klingen, warum ein
Vorhang sich aufblht und ein unsichtbarer Chor fremde Worte
verschleiert; nur ein zauberhafter Klang, ein Echo, eine Erinnerung und
Ah, seit meinem zehnten Jahr hab' ich das nicht mehr gefhlt, dieses
Mrchen ohne Vernunft, diesen Schwung, der meine Haare erstarren lt.

Natrlich, jetzt ist es gesagt, es handelt sich nicht um Ruhm fr
Berlioz, nein, um mein Glck, vielleicht um aller Glck. Wir haben
ja jetzt vielerlei, wir sind erfinderisch und feinfhlend. Aber
etwas fehlt vielleicht im modernen Leben. Und deshalb brauchen wir
Berlioz-Auffhrungen, Berlioz im Theater, und wenn wir das von den
Theaterherrschaften nicht kriegen: ein Berlioz-Theater. Etwas fehlt: die
Ahnung heroischer Zeiten ... Man fhlt, was ich sagen will. So etwas
Groartiges gibt es jetzt nicht mehr oder gibt es zufllig jetzt nicht,
etwas Entflammendes, ber alles Irdische hinaus. Etwas, was nach groen
pathetischen Worten verlangt, nach einer Begeisterung, deren man sich
nicht schmt. Etwas wie feurige Trnen oder wie diese Szene damals, als
Paganini durch das Publikum sich drngte und auf offener Bhne dem
unbekannten Berlioz zu Fen strzte, die Schuhe ihm kte, oder als er
am nchsten Morgen ihm viel, viel Geld schickte und im Brief: Nur
Berlioz konnte Beethoven ersetzen. Diese edlen Herzen, erglhend fr
die Kunst und voll von erhabenen Gedanken, Herzen, grer als die Welt
... Ich knnte mich migen und sagen: Berlioz hat die wahre lyrische
Oper erfunden, indem er mit nichtigem Griff nur die musikalisch
eindrucksvollen Stellen der Handlung komponiert, bei ihnen sich ausdehnt
und unbekmmert dazwischen weglt, was des Dichters und nicht des
Musikers ist ... Und ich knnte mein Postulat in die Worte fassen: man
wrdige seine neuartigen Opern nicht zu frostigen Oratorien herab ...
Aber ich halte mich auf der Hhe, seht ihr, und verlange das Theater,
das eigene Theater, das zweite Bayreuth. Ich gehe zu Bett und erbaue es
schon; die schwarzgrauen Mauern werfen ihre Schatten ber weite
Baumpflanzungen, die verdet und trotz ihres Laubes winterlich khl
aussehen. Hier ist Ernsthaftigkeit, Heldenmut, groer Schmerz und
Harmonie. Hier werde ich mich immer erholen, wenn es mir vor lauter
Kleinigkeiten im Leben, vor lauter Schnheiten hlicher Bilder zu bunt
wird.




  [ Im folgenden werden alle genderten Textzeilen angefhrt, wobei
    jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte Zeile
    steht.

  Geburtstage erst, das ist am siebenundzwanzigsten Mai 1834,
  Geburtstage erst, das ist am siebenundzwanzigsten Mai 1934,

  geblieben, vor Schreck, wie angemalt. Nur ist stehe auf und gehe lustig
  geblieben, vor Schreck, wie angemalt. Nur ich stehe auf und gehe lustig

  wenigstens ein bien recht zu geben, ein bichen ironisch auf die
  wenigstens ein bichen recht zu geben, ein bichen ironisch auf die

  bieder auf die fehlenden Siebe der Luftheizungen aufmerksam. Ein Palme,
  bieder auf die fehlenden Siebe der Luftheizungen aufmerksam. Eine Palme,

  gespielt. Und fr uns, wenn wir heute ein bien kindisch sein wollen.
  gespielt. Und fr uns, wenn wir heute ein bichen kindisch sein wollen.

  Der zweite Akt brachte einen Urwald, nein, einen Schilfsee, ein, ein
  Der zweite Akt brachte einen Urwald, nein, einen Schilfsee, nein, ein

  Wichtigkeit ist, ja die nicht sehen mich in ewige Verdamnis strzen
  Wichtigkeit ist, ja die nicht sehen mich in ewige Verdammnis strzen

  Beine eingeklemmt und hob mit ungeheurer Kraft, mit wten- Grimasse
  Beine eingeklemmt und hob mit ungeheurer Kraft, mit wtender Grimasse

  ]






End of Project Gutenberg's ber die Schnheit hlicher Bilder, by Max Brod

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK BER DIE SCHNHEIT HLICHER ***

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