The Project Gutenberg EBook of Die Regeln des Anstands, der Hflichkeit
und der guten Sitte., by Ignaz Lehmann

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Title: Die Regeln des Anstands, der Hflichkeit und der guten Sitte.

Author: Ignaz Lehmann

Release Date: July 30, 2014 [EBook #46453]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE REGELN DES ANSTANDS ***




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                              Die Regeln
                                  des
                    Anstands, der Hflichkeit und der
                              guten Sitte.

                    Fr die deutschen Knaben- und
              Mdchenschulen in den Vereinigten Staaten
                              von Amerika.

                                  Von
                              I. Lehmann,
                    Vorsteher einer Erziehungs-Anstalt.

                            St. Louis, Mo.
                      Verlag von Conrad Witter.
                                1867.


      =Entered, according to Act of Congress, in the year 1867, by
                          _CONRAD WITTER_,
    in the Clerk's Office of the U. S. District Court of the Eastern
                        District of Missouri.=




Einleitung.


_Die wahre Bildung ist die #Herzensbildung#, die wahre Hflichkeit
entspringt aus der #Herzensgte# und ihr Hauptgrundsatz ist: Was Du
nicht willst, da man Dir thue, das fge Du auch Andern nicht zu._

_Die Menschen haben einander nthig und die Zwecke des menschlichen
Lebens knnen nur in der #Geselligkeit# erreicht werden. Am
glcklichsten und frohesten wird das gesellige Leben da sein, wo man die
Regeln des Anstandes, der Hflichkeit und der guten Sitte am besten
beobachtet, denn sie erzeugen Achtung und Zuneigung, erhalten Friede und
Ordnung, und knnen daher nicht frh genug gelehrt und ausgebt werden.
Die wahre Hflichkeit vertrgt sich ganz gut mit republikanischer
Einfachheit und Wrde._




Erstes Capitel.

Zu Hause und am eignen Krper.

Was fordert Hflichkeit, Anstand und gute Sitte zu Hause?


1. Glaube nicht, Anstand und gute Sitte blos in Gesellschaft beobachten
zu mssen; es ist sehr nthig, sich auch zu Hause, selbst beim
Alleinsein, daran zu gewhnen; denn unwillkrlich und ohne daran zu
denken, bt man vor Andern, was man sich gewhnt hat zu thun, wenn man
allein ist und wie in Allem, wird auch hier die Gewohnheit zur zweiten
Natur.

2. #Gewhne Dich frh aufzustehen!# Frh zu Bette und frh wieder auf,
das ist der beste Lebenslauf -- fr Deinen Krper, fr Deinen Geist und
fr Dein Geschft. Sieben Stunden Schlaf gengen dem gesunden Menschen
vollkommen. Wasche Dich -- zu jeder Zeit -- mit frischem Wasser bis an
den Grtel, kleide Dich rasch an, und vergi dann nie, #Deine Eltern
oder deren Stellvertreter zu begren#. Dasselbe thue beim
Schlafengehen.

3. In Deinem Zimmer, in allen Deinen Sachen, Bchern, Kleidern #halte
die grte Reinlichkeit und die pnktlichste Ordnung#. Unreinlichkeit
und Unordnung im Aeuern verrathen auch einen unordentlichen Geist und
erregen in der Gesellschaft Ekel und Widerwillen gegen Dich. Beschmutzte
und zerrissene Bcher und Hefte sind eines braven Schlers aus einer
guten Familie unwrdig.

4. Man kann sehr schne, reiche #Kleider# anhaben und doch schlecht
gekleidet sein, whrend man mit sehr einfachen Kleidern aus groben
Stoffen recht anstndig erscheinen kann. Jeder mag sich nach seinem
Vermgen kleiden, aber Niemand darf #unreinlich# sein. Sorge dafr, da
Deine Kleider stets rein, ohne Schmutzflecken und ohne Risse seien. Es
ist lcherlich, wenn junge Leute zu frh den kleinen Herrn spielen,
eine Zierpuppe sein, alle Moden mitmachen wollen. Mit #weier Wsche und
reinen Stiefeln# ist man immer geputzt und kann berall erscheinen.
Selbst beim heiesten Wetter erscheine nicht halbgekleidet, mit offener
Brust, barfu.

5. Deinen #Kopf# halte stets gerade, nicht steif noch weniger drehe ihn
wie eine Wetterfahne. Nie bentze den Kopf zum Bejahen oder Verneinen
oder Geberden des Widerwillens etc. damit zu machen. In der
Gesellschaft ist es unhflich, #irgend einen Krpertheil mit den Hnden
zu berhren#; den Kopf in die Hand zu lehnen oder sich gar daran zu
kratzen, mit den Hnden in den Haaren herumzufahren, wre unanstndig.
Die Haare halte besonders rein, wohl gekmmt, mit Pommade ja nicht
berladen.

6. Dein #Gesicht# sei heiter, weder immer lachend wie ein Thor, noch
streng und affectirt. Es wre beleidigend, mit Leuten, die in tiefem
Ernst und Trauer sind, einen berlustigen Ton anzustimmen oder mit
kalter und gleichgltiger Miene Jemandem eine ble Nachricht zu
hinterbringen, so wie es anderseits unanstndig wre, in frhlicher
Gesellschaft ein ernstes, nachdenkliches Gesicht zur Schau zu tragen.
Bei angesehenen Leuten zeige das Gesicht Achtung, aber nicht jene groe
Schchternheit, die ein linkisches, albernes Aussehen gibt; fr seine
Freunde habe man stets ein frhliches Gesicht, und gegen Dienstboten sei
man nicht zu vertraulich, da die leicht mibraucht wird.

7. Die #Stirne# runzeln gibt ein hochmthiges Ansehen, die #Schultern#
zucken ist eine unanstndige Bewegung, die #Zunge# zeigt kein hflicher
Mensch, mit den Fingern in die #Ohren# greifen ist in Gesellschaft nicht
erlaubt.

8. Die #Augen# sind der Spiegel der Seele; darum sei Dein Blick stets
heiter, sanft, offen und bescheiden. #Mit Jemandem sprechen ohne ihn
anzusehen, ist sehr unhflich#; auch wenn Jemand mit Dir spricht, blicke
ihn an. Aber Jemanden steif anstarren, ihm nachblicken, ihn ber die
Schulter ansehen, ein Auge zudrcken #oder gar mit dem Finger auf
Jemanden deuten#, wre eine groe Ungezogenheit. Lasse Deine Augen nicht
frech umherschweifen, aber eben so wenig halte sie stets zur Erde
gesenkt, als habest Du ein bses Gewissen und wagtest nicht, den Leuten
offen in's Gesicht zu sehen.

9. Jede freiwillige Bewegung der #Nase# ist eine Unhflichkeit. Mit den
Fingern darin zu grbeln, ist eine Unreinlichkeit und fr Alle, die es
sehen, unausstehlich, auch schdlich. Allerdings mu man die Nase
putzen, so oft es nthig ist, allein dabei alle mgliche Vorsicht
anwenden, um diese an sich unangenehme Handlung in Gesellschaft nicht
Ekel erregend zu machen. Also: habe immer ein reinliches Taschentuch,
falte es nicht mit lcherlicher Wichtigkeit weit auseinander, #mache
kein groes Gerusch mit der Nase#, blicke nicht in Dein Taschentuch,
behalte es nicht in der Hand und lege es noch weniger umher. Auch beim
#Nieen# mache so wenig Gerusch als mglich. Dem Nieenden sein
Compliment zu machen, Gesundheit zu wnschen, ist nicht mehr Sitte.

10. #Mund# und #Zhne# halte besonders rein, um den beln Athem zu
vermeiden. Flle beim Essen den Mund nicht an, da Du kaum zu athmen
vermagst. Stochere nie mit Nadeln, Messern oder Gabeln in den Zhnen.
Beie nicht auf die #Lippen#, nage nicht an den #Ngeln#. Vermeide
#sorgfltig# beim #Sprechen#, die Personen mit Deinem Athem zu berhren
oder gar mit Speichel zu bespritzen. Sprich nicht so leise, da man
angestrengt horchen mte, Dich zu verstehen, allein lcherlich,
anmaend und unanstndig ist es, #mit schreiender Stimme berlaut zu
sprechen oder beim Sprechen mit den Hnden etc. zu gesticuliren#. Alles
Affectirte ist besonders im Sprechen widerlich und gerade im schnen,
reinen und richtigen Sprechen mu sich die genossene Bildung und gute
Erziehung am ersten zeigen. In Gesellschaft #ghnen# ist sehr
unanstndig; mut Du es durchaus, so geschehe es so unbemerkt als
mglich mit vorgehaltener Hand oder verlasse das Zimmer. Beim #Husten#
wende Dich ab und bedecke den Mund mit der Hand oder mit dem
Taschentuch, bei Tische mit der Serviette. #Spucken# mut Du nur in Dein
Taschentuch, nie zum Fenster hinaus, nie auf den Boden (ausgenommen auf
der Strae). Es ist ungezogen in Kaufmannslden, in Gegenwart Anderer,
so wie in Gesellschaft, besonders von Damen, zu pfeifen.

11. Die #Hnde# wasche sorgfltig nicht blos am Morgen, sondern auch
whrend des Tages mehrmals, mit Seife, vor und nach Tische, immer wenn
Du irgend etwas nicht ganz Reines berhrt hast. Mit schmutzigen oder mit
Dinte befleckten Hnden in Gesellschaft oder gar bei Tische zu
erscheinen, ist unhflich. Es verrth groen Mangel an Lebensart, alles
Neue oder was uns auffllt, #in die Hnde zu nehmen#. Die Hand reichen
darf man nur Personen, mit denen man sehr genau bekannt oder befreundet
ist. Freunden reicht man aber nur die bloe Hand, nachdem man die
Handschuhe abgezogen hat. Angesehenen Personen reicht man die Hand
nicht. Die Finger knacken lassen, sich die Ngel in Gegenwart Anderer
schneiden, das thut kein wohlerzogener Mensch.

12. Die #Haltung# des ganzen Krpers ist von hoher Wichtigkeit. Eine
schlechte Haltung ist fast immer das Zeichen einer mangelhaften
Erziehung oder groer Nachlssigkeit, und verletzt die Hflichkeit und
den Anstand, so da junge Leute nicht frhe genug darauf bedacht sein
knnen, sich eine gute und anstndige Haltung anzugewhnen. Eine solche
Haltung mu bescheiden und zurckhaltend und doch leicht und natrlich
sein. Die Nachlssigkeit und das Sichgehenlassen deutet auf Trgheit und
Leichtsinn, auf gemeine Gesinnung und Unkenntni des Schicklichen,
whrend steife und affectirte Haltung junge Leute lcherlich macht, und
sie dumm oder hochmthig erscheinen lt. Vorzglich zu empfehlen ist
das #Turnen#, welches sehr viel zu einer guten Haltung beitrgt.

=a=) Im #Stehen# halte Dich gerade, den Kopf weder gebeugt noch
aufgeworfen, den Rcken nicht gewlbt. Lehne Dich nie nachlssig an die
Wand, an ein Mbel oder gar an den Stuhl, worauf Jemand sitzt; die Arme
hngen leicht herunter und #die Fe seien bei der Ruhe und bei der
Bewegung immer auswrts#, d.h. an den Fersen nher beisammen, an den
Fuspitzen weiter auseinander.

=b=) Im #Gehen# schlenkre nicht stark mit den Armen, wiege den Krper
nicht rechts und links, schweife nicht mit den Augen nach allen Seiten,
gehe nicht zu schnell, noch weniger allzu langsam.

=c=) Im #Sitzen# strecke nicht die Beine lang von Dir, ziehe die Knie
weder zu sehr ein, noch halte sie zu weit auseinander, sttze Dich nie
darauf, stelle die Fe nicht auf die Querstrebe der Sthle. Sitze
gerade, nicht gebeugt; lasse die Arme nicht schlaff herunterhngen, was
ein albernes Aussehen gibt. Setze Dich nicht auf die uerste Spitze des
Stuhles, noch weniger lehne Dich nachlssig an den Rcken zurck oder
breite Dich weit aus. Sehr unhflich ist es, sich auf einem Stuhle zu
schaukeln. Lege den Arm nicht auf Deine Stuhllehne oder die Deines
Nachbars. Whle nicht den besten Stuhl, Armsessel, den bequemsten Platz.
Wenn Andere sitzen, sitze auch, und wenn die Gesellschaft steht, bleibe
nicht sitzen. Hte Dich beim Sitzen viel zu gesticuliren, sei lieber
#zu# ruhig als #zu# beweglich.




Zweites Capitel.

Auf der Strae und ffentlichen Pltzen.

  Hat man zu Hause oder beim Alleinsein schon das nachlssige
  Sichgehenlassen zu meiden, auf seine Haltung und sein Benehmen wohl zu
  achten, so wird man in der Oeffentlichkeit um so mehr die gute Sitte
  und den Anstand wahren und sich den Regeln der guten Gesellschaft
  gem betragen.


1. #Gre alle Bekannte!# Hfliche und gebildete Leute suchen mit ihrem
Grue dem Begegnenden zuvorzukommen. _Ludwig_ =XIV.=, der stolzeste
Knig von Frankreich, begrte die dienenden Frauen, wenn er ihnen im
Schlosse begegnete. Einen Gru aus Stolz versagen oder nicht erwiedern,
zeigt einen einfltigen beschrnkten Geist. Auf dem Lande und an
einsamen Orten ist es sogar Gebrauch, auch Unbekannte zu begren. Geht
man mit Gesellschaft und diese grt, so ahmt man ihr Beispiel nach und
grt ebenfalls.

2. #Mut# Du auf der Strae, auf einer Treppe, im Hofe Jemanden hindern
oder geniren, so trete hflich bei Seite, gre, bringe ein Wort der
Entschuldigung vor. Sieh' den Vorbergehenden nicht starr an oder nach,
deute nicht mit dem Finger nach ihm.

3. Der #Gru# richtet sich nach der Person; er ist achtungsvoll gegen
einen Hhern, herzlich gegen Freunde, wohlwollend gegen Niederstehende.
Man nimmt Hut oder Mtze in Amerika nicht ab, berhrt auch nicht die
Kopfbedeckung mit der Hand wie ein Bedienter, beugt aber den Kopf mehr
oder weniger. Mit einem Fue nach hinten ausscharren, ist buerisch und
veraltet.

4. Beim Gren stehen bleiben, die Hand reichen, anreden, fragen: wie
geht's?, woher?, wohin? darf man nur bei vertrauten Freunden.

5. Auf den Straen oder Promenaden essen, Alles bewundernd anstarren,
Maulaffen feil haben, Jemanden stoen oder geniren ohne hflich um
Entschuldigung zu bitten, viel und laut sprechen, mit den Hnden
gesticuliren, sich oder Andere im Gehen mit Koth bespritzen -- das Alles
sind Unarten, die man nicht einmal #Kindern# verzeiht.

6. Geht man mit Gesellschaft, so nimmt man den Hhern in die Mitte, dem
Einzelnen gibt man die rechte Seite, der Dame bietet man #den Arm, der
ihr am bequemsten ist# -- auf dem Seitenwege lt man dem Begleiter oder
der Begleiterin die Seite an den Husern, im Gehen richtet man sich
nach ihren Schritten, lt ihnen beim Ein- und Herausgehen den Vortritt.

7. Fhrt man, so reicht man dem Begleiter die Hand und hilft ihm im
Einsteigen, setzt sich stets auf den Vordersitz, sucht zuerst
auszusteigen, um auch beim Aussteigen behilflich zu sein. Von einem sehr
hflichen Mann sagt man, da er im bedeckten Wagen -- doch wohl nur mit
Damen und in gnstiger Jahreszeit -- wie in einem Salon
[Gesellschaftszimmer] unbedeckt bleibt.




Drittes Capitel.

_In Gesellschaft._

  Bei aller Tugend und Geschicklichkeit kann man ein unausstehlicher,
  widerwrtiger Mensch sein durch Mangel an Anstand und Lebensart. Wer
  eine gute Erziehung genossen hat, kennt die herkmmliche Sitte und
  beobachtet sie; Niemand, er sei noch so reich, hoch oder gelehrt, kann
  sich ungestraft darber hinwegsetzen. Hren wir was in der guten
  Gesellschaft Sitte und Anstand erheischen.


=I.=

Von Besuchen.

1. Wir besuchen Vornehme, um ihnen unsre Achtung zu bezeugen oder fr
Etwas zu danken unsre Freunde und Bekannte bei freudigen
Veranlassungen, Neujahr und Namens- (Fest-)tagen, um sie zu
beglckwnschen, bei traurigen Veranlassungen, um unser Beileid zu
bezeugen, so wie aus bloer Hflichkeit und Freundschaft; endlich ist es
Sitte, nach einer stattgehabten Einladung einen Dankbesuch zu machen.

2. Hat man von Jemandem einen Besuch erhalten, so mu man denselben #in
krzester Frist# erwiedern. Es nicht thun, ist unhflich; wird man nicht
wieder besucht, so mu man in den meisten Fllen seine eigenen Besuche
auch einstellen. -- Alle Anstandsbesuche seien kurz; eine Viertelstunde
drfte das hchste Ma sein. Steht die Person, die wir besuchen auf,
unter welchem Vorwand es auch sei, so erfordert es der Gebrauch, auch
aufzustehen und sich zu empfehlen.

3. Bei jedem Besuche sei man so gut als mglich gekleidet. In nicht ganz
anstndiger Kleidung erscheinen, wre eine Beleidigung. Bei
Condolenz-Besuchen spreche man so wenig als mglich von dem Trauerfall
(Tod, Proce, Verlust etc.), und suche das Gesprch auf andere
Gegenstnde zu leiten. Bei Kranken sei der Besuch kurz, man spreche
wenig und leise und nichts was den Patienten belstigen oder beunruhigen
knnte.

4. Kommst Du an die Thre, so reinigst Du zuerst die Fubekleidung,
schellst oder klopfst so sachte, da Du nur eben gehrt wirst, und wird
auf wiederholtes Klopfen nicht geffnet, so schiebst Du Deine Karte
unter die Thre hinein oder gibst sie im Hause ab und entfernst Dich.
Wenn man noch so vertraut in einem Hause ist, so erlaubt es der Anstand
nicht, in ein Zimmer zu treten, ohne da man sich vorher in irgend einer
Weise angekndigt hat; selbst wenn man die Thr offen finden sollte,
klopft man erst und wartet das Herein ab.

5. Ist man genthigt, in einem Vorzimmer zu warten, so ist es unhflich
zu singen, pfeifen, die Mbel oder sonstigen Gegenstnde zu berhren,
zum Fenster hinauszusehen. Man setzt sich oder, noch besser, wartet
stehend. Findet man beim Eintritt den Herrn des Hauses im Gesprch oder
beschftigt, so unterbricht man nicht, sondern wartet ruhig, abseits
stehend. Tritt man in eine Gesellschaft, so grt man #zuerst# die
Herrin und den Herrn des Hauses, dann die brige Gesellschaft.

6. So lange der Besuch dauert, bleibt man #unbedeckt#, selbst wenn man
zum Aufsetzen des Hutes aufgefordert wird. Den Hut behlt man in der
Hand, auf den Knieen, leicht und ungezwungen, und legt ihn erst dann,
wenn man ernstlich dazu eingeladen wird, auf ein Mbel, selbst auf den
Boden, nur nicht auf ein Bett. -- Man setzt sich auch nur dann, wenn man
dazu aufgefordert wird. (Siehe =I.= No. 12 =c=.)

7. Das #Weggehen# aus einer zahlreichen Gesellschaft geschehe so
unbemerkt als mglich; man hat ja spter Gelegenheit, seinen Dank
auszudrcken. -- Will der Besuchte uns beim Weggehen bis zur Thre oder
gar zur Strae begleiten, so weise man diese Ehre -- so hochgestellt
auch Jener sei -- nicht dringend ab, unterlasse aber nie, diese Ehre
lebhaft anzuerkennen und hflichst zu danken. -- Unsre Besucher sollen
wir immer bis zur Thre oder Strae begleiten, und steigen sie in einen
Wagen, so entferne man sich nicht, bevor sie Platz genommen. Damen
reiche man die Hand, um ihnen beim Einsteigen zu helfen. -- Geht ein
Besucher weg und Andere bleiben, so begleitet man den Erstern nur, wenn
er angesehener ist. Erhebt sich aber eine Dame, so geleite man sie
#mindestens# bis zur Thre. Abends lt man eine Dame nie allein
weggehen, man begleitet sie nach Hause oder lt sie dahin fhren.

8. Personen, die uns zu besuchen kommen, warten lassen, ist unhflich;
mu es durchaus sein, so beauftragt man eine andre Person des Hauses,
sie zu empfangen und zu unterhalten, bis man selbst kommen und sich
entschuldigen kann. Mu man einen Besuch unterbrechen, so entschuldigt
man sich ebenfalls auf's Hflichste.


=II.=

Beim Mahle.

  Man speise zu Hause oder auswrts, so beobachte man die Regeln des
  Anstandes und der guten Sitte. Um natrlich und ungezwungen zu sein,
  mssen diese Gewohnheiten zur zweiten Natur werden, und wer zu Hause
  an seinem Tische nachlssig ist, wird Fremden gegenber es entweder
  auch sein, oder gezwungen und steif erscheinen.

1. Man geht nur mit #ganz reinen Hnden# zu Tische. Es wre unhflich in
einem fremden Hause, sich seinen Platz selbst zu whlen, man bleibt
stehen und wartet, bis der Hausherr Jedem seinen Platz anweist. Bei
Tische berwache man sich: setzt sich nicht zu nahe, nicht zu ferne von
der Tafel; sitzt nicht mit gekrmmtem Rcken, lehnt sich nicht auf; man
darf Nichts als die Hand bis zum Handgelenk auf der Tafel haben. Die
Serviette breitet man auf die Kniee. Man beeilt sich nicht mit dem
Entfalten der Serviette und wartet, bis Andere es gethan haben. Man
bedeckt sich damit nicht bis an den Hals.

2. Die Sitte verlangt jetzt gebieterisch, #mit Messer und Gabel nicht zu
wechseln#, sondern jenes stets in der rechten, diese in der linken Hand
zu behalten. Bei Speisen, wie z.B. Pudding, die man #blo# mit der
Gabel nimmt, hat man natrlich Letztere in der Rechten. Des Messers mag
man sich wohl als Nachhlfe bedienen und z.B. Gemse damit auf die
Gabel bringen, allein irgend eine Speise die man leicht mit der Gabel
nehmen kann, mit dem Messer an den Mund zu fhren, wre unanstndig. Vom
allgemeinen Brode schneidet man nie mit dem eigenen Messer ab; ist kein
reines Messer dafr auf dem Tische, so mte man das seinige vorher wohl
reinigen.

3. Wer Lebensart hat, wird nicht darauf trachten, zuerst bedient zu
werden; man folgt lieber den Andern, vermeidet aber auch allzugroe
Hflichkeit und bleibt in der Reihe. Sich guten Appetit zu wnschen,
gehrt nicht mehr zum guten Ton. Seine Suppe schlrfe man ja nicht mit
Gerusch, blase nie darauf, vermeide beim Kauen jedes Gerusch, lasse
das Couvert ruhig durch die Dienerschaft wechseln, halte Messer und
Gabel nie aufrecht, oder gesticulire gar damit.

4. Man sei mig, namentlich im Trinken; junge Leute schenken das Glas
nie voll, bringen es nicht mit den beiden Hnden zum Munde, legen
Knochen, Grthen etc. stets auf den Rand des Tellers, rhren Nichts mit
dem Finger an (z.B. Salz, Pfeffer etc.), blicken nicht begierig nach
dem oder jenem Gerichte, und sehen den Tischgsten nicht auffallend im
Essen zu.

5. Findet man irgend eine Unreinlichkeit, so entfernt man sie so still
und unbemerkt als mglich; man genirt seine Nachbarn nicht, sondern
sucht ihren Wnschen (nach Salz, Brod etc.) zuvorzukommen. Sprich nicht
zuviel, am wenigsten vom Essen selbst, lache nicht laut auf, scheine
aber auch nicht allzuernst im Geschft des Essens vertieft, mache keine
Brodkgelchen, noch weniger wirf damit.

6. Vom Nachtisch ist es erlaubt zu whlen; doch berhre die Teller
selbst nicht, wofern sie nicht herumgehen oder Du sie einem Nachbar
reichen willst; Obst zerschneide und schle; stochere nicht in den
Zhnen, am wenigsten mit Messer oder Gabel; sei nicht der Letzte am
Essen, doch warte mit dem Aufstehen, bis der Hausherr dazu das Zeichen
gibt.

7. Sich gleich nach Tische zu entfernen ist unartig. Der Anstand
erfordert, wohl noch eine Stunde da zuzubringen, wo wir zu Tische
gebeten waren. Wer Lebensart hat, verfehlt nicht im Laufe der nchsten 8
Tage seinen Dankbesuch abzustatten.


=III.=

In der Conversation oder Unterhaltung.

  In England und Frankreich bestrebt sich Jedermann, seine Sprache schn
  und richtig zu sprechen; bei Deutschen in Amerika gilt es leider! bei
  jungen Leuten, in gewissen Kreisen, fr affectirt, reines Deutsch zu
  sprechen. Das ist ein #groer# Fehler. Bestrebt Euch, immer gut und
  richtig zu sprechen, das ist das wahrste Kennzeichen einer guten
  Erziehung und eines wirklich gebildeten Menschen, lt sich aber auch
  nur durch Uebung und im Umgang mit Gebildeten erlangen.

1. Ist es eine groe Kunst zu #reden#, so ist es eine noch grere zu
#schweigen# und zuzu#hren#. Manche Menschen wollen nur immer #sich#
hren, #ihre# Weisheit auskramen. Plaudere nie albern in den Tag hinein,
schweige wenn Du nichts Ordentliches zu sagen weit. Du wirst immer
gefallen und selbst fr unterhaltend gelten, wenn Du dem Gesprche
Anderer Geduld und Aufmerksamkeit schenkst.

2. #Unterbrich nie#, lasse ausreden; antworte nie mit bloem Ja oder
Nein, noch viel weniger mit Geberden statt mit Worten; bewege beim
Sprechen den Krper und seine Glieder nicht, mache keine
Gesticulationen; sieh' den Leuten beim Sprechen in's Gesicht, aber
starre sie nicht an. Schwren oder Fluchen ist eine sehr groe
Gemeinheit und verrth Mangel an Erziehung. In Gesellschaft mit Jemandem
flstern oder sich einer Sprache bedienen, die nicht #Jeder# in der
Gesellschaft versteht, ist ebenfalls sehr unhflich.

3. Mache Dich nicht zum bestndigen Spamacher oder zum ewigen
Neuigkeitskrmer einer Gesellschaft; lache nie laut oder zu lange und
nie ber Deinen eignen Witz. Hte Dich, in der Unterhaltung Etwas zu
erwhnen, was Anwesende verletzen oder demthigen knnte. Dahin gehrt
z.B. von Gebrechen zu reden, die Jemand der Anwesenden selbst besitzt,
ein Vergehen zu berhren, das Jemand in der Gesellschaft selbst begangen
hat u.s.w.

4. Lcherlich ist es, von sich selbst, von seinen Thaten, seiner Geburt,
seinen groen Geschften zu sprechen; sich mit Dem und Jenem zu
vergleichen; Vergleichungen sind immer milich. Eben so langweile
Niemanden mit Klagen ber den Zustand Deiner Gesundheit. Sprich nicht
oft von Deinen Erfahrungen, Erlebnissen, Reisen, Du setzest Dich sonst
der Lcherlichkeit aus, Erzhltes zu wiederholen und Deine Zuhrer zu
langweilen; lobe Dich und die Deinigen nie, ebenso wenig sprich Tadel
gegen Dich oder Jemanden von Deiner eignen Familie aus.

5. Vermeide sorgfltig jede Unwahrheit, jede Zweideutigkeit oder Zote!
Erzhle nicht jedes Gercht sogleich nach. Versprich nicht viel, aber
halte pnktlich Deine Zusage. Sprich nie Uebles von Deinem Nchsten und
mache Dich nicht so lcherlich, ber eine Person, die eben die
Gesellschaft verlassen, Dich tadelnd zu uern; nimm Abwesende in
Schutz. Verleumde nie! Schweige von Dingen, die Du nicht kennst oder
nicht verstehst.

6. Eine unverzeihliche Grobheit wre es, wenn man Jemandem widersprechen
#mu#, zu sagen: Sie lgen; das ist nicht wahr; Sie wissen nicht
was Sie sagen -- solche und hnliche Ausdrcke gebraucht kein
wohlerzogener Mensch. Ein durchaus nthiger Widerspruch mu immer in die
hflichste Form gekleidet werden; z.B. Sie mchten Recht haben, allein
Sie bersehen wohl... oder Erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken...
Verzeihen Sie, da ich Ihnen sagen mu߫... u.dgl. -- Sei auch nie
hart und absprechend in Deinem Urtheil; behaupte und vertheidige Nichts
mit Hartnckigkeit und Eigensinn. Werde nie grob oder gemein, nie zu
enthusiastisch und heftig im Gesprch! Werden es Andere, so setze Deine
Grnde und Beweise ruhig aus einander und dringst Du nicht durch, so
unterlasse den Wortstreit, schweige lieber oder entferne Dich.

7. Allerdings gibt es Flle, in welchen #Complimente# erlaubt, ja
erwartet und nthig sind; sie mssen aber stets einfach und natrlich
sein; weitschweifige, hochtrabende Redensarten sind abgeschmackt und
lcherlich. Empfange Complimente mit Bescheidenheit und weise sie nie
unfreundlich ab.

8. Nichts ist in der Conversation lstiger, als ein ewiges Fragen ber
die kleinsten Dinge oder ber das was Dich nichts angeht. Die Fragen
ber Woher? Wohin? oder gar darber, was Jemand gethan hat oder zu thun
gedenkt, sind unartig. Angesehene Personen zu #befragen#, erlaubt der
Anstand nur ganz ausnahmsweise und unter den hflichsten Ausdrcken.
Kommt man in Gesellschaft zu einem angefangenen Gesprch, so erlaubt der
Anstand nicht, zu fragen, wovon die Rede sei; aber die Hflichkeit
fordert, den Eintretenden mit dem Inhalt des Gesprchs in Krze bekannt
zu machen. Manche Personen haben die leidige Gewohnheit, jedem ihrer
Stze ein ungezogenes: Verstehen Sie mich? beizufgen, oder die noch
leidigere, durch unaufhrliches: Wie, Wie? den Sprechenden alles
Gesagte wiederholen zu lassen. Letzteres darf nur hchst ausnahmsweise
und mit der grten Hflichkeit geschehen.


=IV.=

Bei einigen besondern Gelegenheiten.

1. Hat man irgend eine #Einladung# angenommen, so ist sehr unhflich,
ohne ausdrcklich gemachte Entschuldigung wegzubleiben oder sich
#erwarten# zu lassen.

2. Wird man in Gesellschaft zum #Singen# oder #Musiciren#, zu einem
Vortrag oder dgl. aufgefordert, und kann man es, so steht es bel an,
uns sehr bitten zu lassen; man gebe der Aufforderung willig nach und
nehme gespendeten Beifall mit Bescheidenheit hin.

3. Bei jedem #Darreichen# oder #Annehmen# in der Gesellschaft verneige
man sich leicht. Man reiche oder nehme Nichts in #der# Weise, da man
mit dem Arm an Jemandem vorbeilangt oder ber Gerichte hinwegfhrt;
lieber bitte man seinen Nachbar, uns das Gewnschte (geflligst)
zukommen zu lassen.

4. Lt Jemand Etwas #fallen#, so fordert es die Hflichkeit, sich rasch
zu bcken und es aufzuheben. -- Sich des Ofens oder Kamins zu
bemchtigen und sich mit dem Rcken daran zu wrmen ist unhflich.

5. #Macht# man ein #Geschenk#, so spreche man spter nie mehr davon und
vermeide ganz besonders, den #Preis# zu erwhnen. Die #Art# des Gebens
soll dem Geschenk den besten Werth verleihen. Auch eine Kleinigkeit nimm
mit Freundlichkeit entgegen. Hast Du einen Schirm, ein Taschentuch oder
dgl. entlehnt, so beeile Dich, das Entlehnte dankend zurckzusenden.
Wsche gibt man nie in unreinem Zustande zurck.

6. Auf #Reisen# sei gefllig! Falle nicht lstig durch langweiliges
Fragen oder durch ewiges Klagen; biete Damen oder ltern Leuten den
bequemern Platz an. Hte Dich vor Vertrautheit mit Personen, die Du
nicht genauer kennst. Bewundere nicht Alles und Jedes, #noch viel
weniger tadle immer#! In der Fremde sprich immer mit Achtung oder
Zurckhaltung von den Gesetzen, Sitten, von der Religion. Suche nie
lcherlich zu machen, was Andern heilig oder ehrwrdig ist und betrage
Dich besonders achtungsvoll in Kirchen und bei religisen Ceremonien.

7. Beim #Spiel# sei frhlich aber nicht ausgelassen. #Lautes Gelchter#
ist eine sehr ble Gewohnheit. Immer und ber Nichts zu lachen ist
dumm, laut aufzulachen ist unfein und verrth Mangel an Erziehung.

8. Wird man zu einer #Beerdigung# eingeladen, so kann man sich ohne sehr
triftige Grnde nicht davon lossagen. -- Fr einen nahen Verwandten legt
man Trauer an. So lange die tiefe Trauer dauert, wre es sehr
unschicklich, ffentlichen Vergngungen beizuwohnen.

9. In #Briefen# sei noch hflicher als in der Conversation; je rascher
Du einen Brief beantwortest, desto mehr Hflichkeit und Achtung bezeugst
Du. Nimm stets einen #ganzen# Bogen Briefpapier; in Geschftsbriefen
stehe der Datum oben am Anfange, in Briefen an Hhere unten, links der
Unterschrift. Nach der Anrede: Hochgeehrtester Herr! Verehrte Frau!
und vor der Unterschrift: Ihr ergebenster oder ergebenster Diener
lasse man, je nach der Achtung, die man bezeugen will, mehr oder weniger
freien Raum; dagegen ist es in freundschaftlichen Briefen guter Ton
geworden, #keinen# freien Raum zu lassen. Angesehenere Personen darf man
nicht mit Gren oder Empfehlungen an Andere beauftragen, so wie man
Flecken, Radirungen, Zustze und Nachschriften vermeiden mu. Jeder
Brief wird couvertirt. Seit der Einfhrung mit Postmarken ist die
Frankirung der Briefe allgemein geworden. Kinder, kleine oder groe,
mssen nie vergessen, am Neujahr und Namens- oder Geburtstagen #die
Eltern schriftlich zu beglckwnschen#.




Schluwort.


Die sind die vorzglichsten Regeln der Hflichkeit, die Ihr, meine
jungen Freunde, Euch nicht frh genug einprgen knnt. Denn von allen
Zierden der Jugend ist die Hflichkeit die wohlfeilste und doch zugleich
diejenige, durch welche man sich am meisten beliebt machen kann.
Gebckt, gebckt, mit dem Hut in der Hand, so kommt man durch's ganze
Land -- die war der Wahlspruch unsres groen Landsmannes, _Benjamin
Franklin_, der es mit diesem Grundsatz der Hflichkeit, wie Euch bekannt
ist, vom armen Buchdruckerlehrling zu einem der angesehensten und
berhmtesten Mnner seiner Zeit und seines Landes, nein! #aller# Zeiten
und #aller# Lnder, gebracht hat. Lasset mich Euch zum Schlusse aus
meiner eignen Erfahrung eine Thatsache mittheilen, wo das hfliche
Betragen eines Knaben der Grundstein seines Glckes wurde, eine
Thatsache, die sich im geselligen Leben schon sehr oft wiederholt hat.

In meiner Vaterstadt _St. Louis_ lebte -- nun, er lebt noch, der
wrdige Mann und Ihr mt mir daher gestatten, ihn ohne Namen zu
belassen -- ein tchtiger, viel beschftigter Arzt, der eines Tages auf
dem Weg zu einer Farm war, wo die bekmmerten Eltern seine Kunst fr
ein pltzlich und heftig erkranktes Kind in Anspruch genommen hatten.
Es sind schon viele Jahre her und damals war die Gegend um meine
Vaterstadt noch nicht mit den guten Straen und Wegen versehen wie
jetzt, und unser Doctor, obgleich er sich den rechten Weg zu seinem
Patienten genau hatte beschreiben lassen, verirrte sich bei einem
abscheulichen Wetter auf seinen Gang in den Busch. Glcklicher Weise
traf er endlich auf eine ziemlich zahlreiche Gesellschaft von Knaben
und Mdchen, die in der Nhe einer Farm sich lrmend herumtummelten.
Unser Doctor fragte freundlich nach seinem Wege; allein keines der
Kinder wollte ihm den Weg zeigen, der allerdings wegen des schlechten
Wetters nicht eben sehr angenehm war. Ich gehe nicht mit, sagte das
Eine; ich auch nicht, meinte das Andere, da mt ich ein Thor sein,
durch den nassen Wald zu traben. In diesem Augenblicke kam ein armer
kleiner Junge herzu -- Hermann M. hie er und Mancher meiner Leser
kennt den jungen Mann recht wohl -- und kaum hrte er, was der Doctor
wollte, so grte er ihn freundlich und bot sich zum Fhrer an.
Unterwegs fragte der ber das hfliche Benehmen des Knaben erfreute
Arzt unsern Hermann mancherlei und berzeugte sich bald durch seine
Antworten wie durch sein ganzes Benehmen, da der Junge ein
intelligenter, offener Kopf sei, der nur durch die groe Armuth seiner
Eltern vom Lernen und damit von der Begrndung seines zuknftigen
Fortkommens abgehalten wurde. Er zog noch nhere Erkundigungen ein,
nahm dann den Knaben in seine Apotheke, unterrichtete ihn zum Theil
selbst und lie ihn spter die medizinische Hochschule in _St. Louis_
absolviren. Heute ist Hermann M. eine viel genannte, weit und breit
bekannte Persnlichkeit, ein Muster der Menschenfreundlichkeit, des
Wohlwollens und der aufopferndsten Hingebung fr das Wohl besonders
des armen Theils seiner Mitbrger, und zhlt, trotz seiner
Uneigenntzigkeit, zu den wohlhabendsten Brgern seiner =County=.
Einer einfachen Handlung von Hflichkeit und guter Sitte verdankte Herr
M. sein Glck und Amerika vielleicht einen seiner besten Shne.

Wohl wird nicht jede Hflichkeit in so eclatanter Weise sich belohnen,
aber gewi ist und bleibt es: der Hfliche wird sich stets und
allenthalben beliebt machen, whrend man den groben, unhflichen
Burschen eben mit Verachtung seine Wege gehen lt, die ihn gewhnlich
zu Auszeichnungen ganz anderer Art fhren.

[Illustration]





End of the Project Gutenberg EBook of Die Regeln des Anstands, der
Hflichkeit und der guten Sitte., by Ignaz Lehmann

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE REGELN DES ANSTANDS ***

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and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


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