The Project Gutenberg EBook of Keltische Knochen/Gedelcke, by Wilhelm Raabe

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Title: Keltische Knochen/Gedelcke
       Erzhlungen

Author: Wilhelm Raabe

Release Date: August 11, 2014 [EBook #46561]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KELTISCHE KNOCHEN/GEDELCKE ***




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                            Wilhelm Raabe
                               Bcherei
                             Erste Reihe
                                Band 9

                            Wilhelm Raabe
                               Bcherei

                             Erste Reihe:
                               Kleinere
                             Erzhlungen

                             Neunter Band

                           Berlin-Grunewald
                  Verlagsanstalt fr Litteratur und
                        Kunst / Hermann Klemm




                            Wilhelm Raabe
                              Keltische
                               Knochen
                                  
                              Gedelcke


                             Erzhlungen

                            Dritte Auflage
                           11.-16. Tausend

                           Berlin-Grunewald
                  Verlagsanstalt fr Litteratur und
                        Kunst / Hermann Klemm

                 Gedruckt bei G. Kreysing in Leipzig
            Einbandzeichnung entworfen von Bernhard Lorenz
            Den Einband fertigte H. Fikentscher in Leipzig




Keltische Knochen


Festgeregnet!...... Wem steigt nicht bei diesem Worte eine gespenstische
Erinnerung in der Seele auf? eine Erinnerung an eine Stunde -- zwei
Stunden -- einen Tag -- zwei, drei, vier -- acht Tage, wo er oder sie
ebenfalls festgeregnet war -- festgeregnet an einer Straenecke, unter
einem Torwege, bei einem Freunde oder einer Freundin, in einer
Dorfkneipe, auf dem Brocken, dem Inselsberge, dem Rigi oder dem
Schafberge?

Es ist eine leidige Vorstellung -- festgeregnet! Grau, greinend und
griesgrmlich kriecht sie heran, streckt hundert frstelnd-kalte,
feuchte Fangarme nach dem warmen Herzen aus und ist so schwer los zu
werden, wie alles andere Unbehagliche, Unbequeme, Ungelegene in der
Welt.

In Ischl spazierten die schnen Damen auf der Esplanade im glnzendsten
Sonnenschein, als wir ausfuhren, und smtliche arme Hmorrhoidarier,
Drsen- und Skrofelkranke hatten ihren Jammer in die freie Luft
getragen: auch die kniglich-kaiserliche Familie fuhr spazieren.

In der Nhe von Laufen, im heiligen Bezirk der schnen, holdseligsten
Maria im Schatten zog die allerschnste, aber auch allereigensinnigste
Dame Natur den Nebelschleier ber das Gesicht, und als wir auf dem See
schifften, wurde dieser Schleier und unsere Hoffnung auf einen schnen
Tag vollstndig zu Wasser. Es scheint eben in den angenehmsten Gegenden
am liebsten zu regnen; aber vielleicht war auch der fromme Dichter,
welchen wir mit uns fhrten und welcher jedenfalls unter dem Zeichen des
Wassermannes geboren war, schuld daran.

Wir waren unserer drei, und trotz allem war der Dichter der Edelste von
uns; er hie leider Krautworst und war aus Hannover, sagte natrlich
beides nicht gern, sondern stellte sich meistens als den Verfasser der
Lebensblten vor und dar; sonst nannte er sich auch wohl, glnzenden
aber ebenfalls von der Prosa ihres Namens oder Geburtsortes erdrckten
Beispielen folgend, Roderich von der Leine. Er hatte uns in Linz im
Erzherzog Karl aufgegabelt, hielt krampfhaft wenigstens an mir fest,
schwrmte fr Linz und lie nicht selten geheimnisvolle Andeutungen
fallen, da er daselbst etwas erlebt habe. Seine ftere
Geistesabwesenheit und Zerstreutheit gab Anla zur Vermutung, da er
dieses Erlebte poetisch zu verwerten im Begriff sei; seine lyrischen
Wehen hatten oft etwas Bengstigendes fr mich; affizierten jedoch den
dritten in unserm Bunde weniger. Dieser dritte war, ohne sich dafr zu
geben, ein Geheimnis, und ebenso verschlossen, wie der Poet offenherzig
und mitteilungswtig war. In die Fremdenbcher zeichnete er sich kurz
als Zuckriegel; ich hegte aber einigen Zweifel, ob dies wirklich sein
Name sei; bis er in Wien in den drei Raben hchst unmotivierterweise in
einen Streit geriet, der ihn und mich vor die kniglich-kaiserliche
Polizei fhrte und ihn zwang, mit seinem Pa herauszurcken. Er hie in
der Tat Zuckriegel, ohne sich dessen zu schmen, und war Prosektor an
einer kleinen norddeutschen Universitt, hatte jedoch in seinem uern
sowohl, als in seinem Innern sehr viel vom Scharfrichter. Nur ein
schlechter Charakter, gleich dem seinigen, konnte es ber sich gewinnen,
einen so guten Menschen wie den Dichter durch ein ewig wiederholtes
Auftischen des gehaten Familiennamens Krautworst an allen Nervenenden
zu zupfeln und zu kitzeln.

Zuckriegels Reisezweck war, die Knochen des unbekannten Volkes am
Rudolfsturm ber Hallstadt zu besuchen und womglich einen Schdel und
einige sonst berflssige Gebeine fr seine osteologische Sammlung zu
stehlen oder, wie er sich euphemistisch auszudrcken beliebte, an sich
zu nehmen.

Er liebte es, irgend etwas an sich zu nehmen, wie zum Beispiel den
besten Platz im Wagen, die besten Stcke an der Wirtstafel, smtliche
Zeitungen nach Tisch, und so weiter. Auf der Fahrt ber den Hallstdter
See hatte er im Einbaum die Bank dicht hinter dem breiten Rcken und
den Rcken des lieblichen Schiffermdchens eingenommen und sa sehr
geschtzt gegen den Regen, welchen der Wind uns ins Gesicht trieb.

Unser Kleeblatt hatte in Ischl trotz dem prchtigen Sommerwetter arg
gelitten: der fromme Dichter an den reizenden Toiletten der Damen;
Zuckriegel an sich selber und an einem amerikanischen Reverend nebst
Familie, welche, nur durch eine dnne Wand von ihm getrennt, ihn durch
nchtliche unendliche Gebete und nselnden Lobgesang sehr erbost hatten;
ich hatte mich durch die Inschrift am Kurhause: ^In sale et in sole
omnia consistunt^ verleiten lassen, das entsetzliche salzige Gesff und
seine Wirkung auf meine gottlob gute Konstitution zu versuchen, und
hatte mich nicht vergeblich in die Gefahr begeben.

Die Inschrift an der Hygiea:

   Man nennt als grtes Glck auf Erden
   Gesund zu sein --
   Ich sage nein!
   Ein grres ist, gesund zu werden

gab mir nur einen mittelmigen Trost; das Gesundwerden nach diesem
hllischen Schoppen war lngst nicht so angenehm als der behagliche
Zustand vor meinem frwitzigen Anlecken an den Becher der Hekate. Wir
mieteten den Einspnner, setzten Roderich von der Leine neben den
Kutscher auf den Bock, fuhren, wie gesagt, an der holdseligen Jungfrau
Maria im Schatten und -- Regen vorber und durch Goisern und Sankt
Agatha zur Gosaumhle, wo wir feucht abstiegen, und wo Zuckriegel sich
in einen Wortwechsel mit dem Kutscher verwickelte, in welchen wir beiden
andern uns nicht einmischten, weil wir dem Rosselenker recht geben
muten, und dieser sich selber zu helfen wute.

Wir mieteten den Einbaum, das heit einen Kahn mit einer dicken Jungfrau
und einem Jungen, und wurden von jener Schifferin, welche der Dichter
der Lebensblten sich poetischer gedacht hatte, ber den See gerudert,
und ich fr mein armes Teil bedauerte in diesem Augenblick nicht mehr,
da der Tag dunkel war, denn er pate zu der Gegend. Wren meine beiden
Begleiter, der Junge und das Schiffermdchen, nicht gewesen, so wrde
hchstwahrscheinlich der Schatten Virgils aus den schwarzen Wassern
emporgestiegen sein, um sich mir als Fhrer auf dem fernern Wege gegen
die gebruchliche Taxe anzubieten.

Ja, das Wasser des Sees war schwarz; schwarz waren die steilrechten
Felsen, die sich im schwarzen Gewlk verloren; es konnte niemand von uns
drei Touristen wissen, ob nicht hinter dem dstern Nebelvorhang die
erweiterte Hlle mit _allen_ seit dem vierzehnten September
Dreizehnhunderteinundzwanzig hinzugekommenen groen und kleinen
Missettern ihren Anfang nehme und in Roderich von der Leine ihren neuen
Schilderer erwarte. Der Name des Menschen, Krautworst, konnte dabei
nicht hinderlich sein; denn ^Dante^ bedeutet in deutscher Zunge auch
nichts weiter als Hirschleder; aber Krautworst selber war hinderlich,
denn die wunderlich ergreifende Szenerie machte nicht den geringsten
Eindruck auf ihn; ihn fror, er sprach vom Wechseln der Strmpfe, von
rheumatischem Zahnschmerz und jammerte nach einer Tasse Tee.

Zuckriegel war schon ein anderer Mann: die Nhe der keltischen oder
sonstigen Gebeine und der Sitz hinter dem walfischhaften Rcken unseres
weiblichen Charons stimmten ihn milde; er glich in diesem Augenblicke
weniger einem Scharfrichter als einem vazierenden Metzger; ob sein Sitz
ihn auch erotisch stimmte, kann ich nicht bestimmt behaupten,
stellenweise schien es so.

Nach einer Fahrt von zwei Stunden gewannen wir die berzeugung, da
hinter dem Nebel- und Regenvorhang nicht ^l'inferno^ seinen Anfang nehme
und seinen Eingang habe; sondern da daselbst Hallstadt liege oder
vielmehr klebe, und da die Taxe fr die Fahrt nicht unbillig zu nennen
sei. Der Einbaum scho beim Seeauer ans Land; und wie erotisch
Zuckriegel durch unsere solide Schifferin gestimmt sein mochte, er
fhlte sich keineswegs dadurch gehindert, beim Zahlen mit ihr in
Konflikt zu geraten.

Von einem weiblichen Kellner geleitet, stiefelten wir durch den
triefenden Garten selber triefend in das gastliche Haus, und Roderich
bestellte zhneklappernd eine Tasse heiester Kraftbrhe. Hinter ihm
rauschte der See, jedoch ohne ihn als Opfer haben zu wollen; im
Gegenteil schien er herzlich froh, ihn losgeworden zu sein. Ich trank
Kaffee, Zuckriegel aber entschlo sich zu einem starken Grog, dessen
Bereitung er dann in der Kche selbst berwachte, da er diesen
abgelegenen Erdenwinkel nicht mit Unrecht der richtigen Mischung dieses
angenehmen Getrnkes nicht gewachsen glaubte. Seinen Anzug wechselte er
nicht; _er_ blieb, wie er war, und fing nur in der Atmosphre der
geheizten Gaststube an, leise zu dampfen. Der Poet erschien nach einer
Pause, whrend welcher man ihn nicht vermite, wie ausgewechselt. In
blendendem Wei vom Kopf bis zu den Fen war er von Ischl ausgefahren,
jetzt stellte er sich von den Fen bis zum Kopfe karriert dar, und wenn
es seine Absicht war, in Hallstadt Aufsehen zu machen, so war dieses
Kostm wahrlich geeignet, ihn seinen Zweck erreichen zu lassen; auf
einem nach der Kirchturmspitze ausgespannten Seile wrde es das
Natrlichste von der Welt gewesen sein. Smtliche in der Gaststube
anwesende Augen sprangen fast aus ihren Hhlungen, und die Kellnerin
sprang mit einem recht unzivilisierten Aufkreisch in die Kche, worauf
einen Moment spter ein seltsames Gedrnge von plattgedrckten Nasen an
den Scheiben des dunklen Schiebfensters neben dem Ofen zu sehen war. Der
Poet konnte mit dem Eindruck, welchen er hervorbrachte, zufrieden sein.
Er war es auch, und setzte die Gaststube zum zweiten Male dadurch in
Verwunderung, da er seine Kraftbrhe wie jeder andere, gewhnliche,
nicht karrierte Mensch trank; jedermann schien das Gegenteil erwartet zu
haben.

Der Himmel zeigte jetzt, da er es gut mit uns gemeint habe; wenn er
whrend der Fahrt nur leise auf uns herabtrpfelte, so tat er jetzt, da
er uns unter Dach und Fach wute, seinen Gefhlen keinen Zwang mehr an
und zog seine Reserveschleusen. Es war zwei Uhr, und es regnete
entsetzlich; der Wirt freute sich unseres Daseins in seinem
Etablissement, und ein Autochthone trstete uns aus einem fernen Winkel,
da wir nicht die ersten seien, die bei solchem Wetter in Hallstadt
anlangten, und da wir wahrscheinlich auch nicht die letzten sein
wrden, die bei ebensolchem Wetter es wieder verlieen. Den Faust kannte
der Eingeborene nicht und verwunderte sich deshalb zum drittenmal ber
den karrierten Dichter, welcher hohlugig und mit hohler Stimme
rezitierte:

Jammer! Jammer! von keiner Menschenseele zu fassen, da mehr als ein
Geschpf in die Tiefe dieses Elends versank, da nicht das erste genug
tat fr die Schuld aller brigen!

Frech setzte der Prosektor das Geschft fort und fragte mit den Worten
Mephistos:

Warum machst du Gemeinschaft mit uns, wenn du sie nicht durchfhren
kannst?... drangen wir uns dir auf oder du dich uns? Fahren Sie fort,
Herr Krautworst und sehen Sie nicht so mrrisch aus! ich habe Sie doch
nicht _kontrekarriert_?

Herr Krautworst fuhr nicht fort, er rgerte sich sehr ber das Zitat
Zuckriegels, konnte jedoch nichts dagegen machen und besann sich erst
fnf Minuten spter, als der Prosektor dem Wirt das Kchenbulletin
abverlangte, auf den emprten Ausdruck Fausts: Fletsche deine
gefrigen Zhne mir nicht so entgegen! mir ekelt's!

Es war zu spt, auch dieses Zitat noch anzubringen; -- und wir speisten
zu Mittag und es gelang mir, einen mit Messer und Gabel bewaffneten
Frieden zwischen dem Manne der Wissenschaft und dem Manne der Poesie
herzustellen. Als aber nach Tisch der Prosektor bemerkte:

Wahrhaftig, es regnet wahrhaft musenalmanachartig; das ist ein Wetter
fr einen Dichter, Herr Krautworst! wenn es mir nur nicht meine Knochen
fortschwemmt! da schob der Poet den Stuhl zurck, griff nach dem
Regenschirm, hing das Plaid ber die Schultern und schritt mit einem
vernichtenden Blick auf den Sptter aus der Tr. Es war, als ob
Prometheus dem Geier mit titanenhafter Verachtung den Rcken zeige. Um
Gottes willen, halten Sie ihn fest! rief mir Zuckriegel zu. Jetzt habe
ich ihn in die rechte Stimmung versetzt; in einer halben Stunde ist er
mit seinen gereimten Linzer Erlebnissen wieder da. Geben Sie Achtung, ob
er sich nicht rcht; halten Sie ihn, bringen Sie ihn zurck, ich will
Abbitte tun.

Sie lobe ich mir als Reisegefhrten, sprach ich und ging dem guten
Roderich nach. ^Solus cum solo^ war der Prosektor bei solchem Wetter
doch nicht zu ertragen, die Last war zu schwer fr die Schultern eines
einzelnen Menschen. Von der Tr aus sah ich noch, wie er sich so
gleichmtig als lang auf drei Sthlen ausstreckte und seine
Reiselektre, einen Band von Av-Lallemants Geschichte des deutschen
Gaunertums, durch deren Studium er sich mit Eifer auf sein groes
Unternehmen vorbereitete, hervorzog; -- durch einen dunkeln niedern Gang
gelangte ich ins Freie, oder das, was man in Hallstadt das Freie nennen
kann, und traf am Ausgang auf den Hospes, den ich fragte, was man bei
solchem Regen am Hallstdter See sehen knne?

Hallstadt! sagte der Wirt, und er hatte recht, dreifach recht;
Hallstadt ist bei jedem Wetter eine Merkwrdigkeit. Nirgends in der Welt
vielleicht gibt es so viel Treppen auf so engem Raume als hier. Der
Flecken macht den Eindruck, als sei er von einer Riesenhand, tchtig
durcheinander gerttelt und geschttelt, an den lotrecht aus dem
schwarzen See aufsteigenden Felsen geworfen und kleben geblieben. Zwei
Monate im Jahre soll ihn die Sonne nicht erreichen, und ich glaube es
gern. Wo die Dcher aufhren, fangen die Straen an; in keiner Stadt der
Erde mu es so gefhrlich sein, sich einen Rausch zu trinken, wie hier.
Man schwindelt, wenn man empor-, und man schwindelt, wenn man
hinuntergeht; -- man fhlt sich selbst ohne Rausch keineswegs sicher auf
seinen Fen, und das Entzcken, mit welchem man zwischen zwei grauen
Hauswnden, oder durch sonst eine Lcke in dem Mauer- und Felsenwerk auf
den Spiegel des Sees und die Steierschen Alpen am jenseitigen Ufer
sieht, ist stets von einer gewissen Beklemmung, einer nahen Cousine des
Alpdrckens, begleitet. Die Huser haben in Hallstadt das Recht,
betrunken zu sein; die Vorsehung wacht ber sie und behtet sie an den
unmglichsten Orten vor Schaden; wenn aber, was ebengenannte Vorsehung
jedenfalls verhten wird, einmal eins von diesen Husern einfallen
sollte, so wird es unzweifelhaft seine smtlichen Genossen mit sich in
den Abgrund reien, und das ganze Nest wird zusammenfallen wie ein
Kartenhaus, jedoch mit mehr Gepolter. Sehr richtig bemerkt Baedecker,
da in Hallstadt weder Pferd noch Wagen zu finden ist, und es kann einen
nur wundern, da der groe Tourist hiesigen Orts danach gesucht hat. Ich
erblickte nicht einmal einen Esel; als ich aber, vom Hospes auf den
Mhlbach des Ortes aufmerksam gemacht, von zarter Hand zurechtgewiesen,
an das romantische Wasser gelangte, stand Roderich von der Leine mit der
Brieftasche in der Hand und dem Silberstift an den melodischen Lippen in
einem dunklen Torbogen neben dem Gesprh und Gepltscher, umgeben von
einem achtungsvollen, aber erstaunten Kreis lterer und jngerer
Hallstdter von beiden Geschlechtern. Da ich weder ihm noch mir die
Stimmung verderben wollte, so verschob ich die Besichtigung dieses
berhmten Mhlbaches auf eine andere Stunde und lie den Dichter fr
jetzt im unbestrittenen Besitz des Wasserlaufes; -- man soll weder Diana
noch den Poeten im Bade stren, so verlockend die Gelegenheit dazu sein
mag.

Scheu wich ich zurck und geriet auf Umwegen zu der neuerbauten Kirche
der Protestanten, die ihren Zweck erfllte und deren Entstehung nach
langem Kampfe mich sehr befriedigen mute, welche ich jedoch, da sie
verschlossen war, links liegen lie, um mich zu der katholischen Kirche
zu wenden.

Die katholischen Kirchen sind immer geffnet, und den Weg zu ihnen
findet man auch, wenn man ihn recht sucht, wozu Roderich von der Leine,
oder wie ich ihn hier nennen darf, Krautworst aus Hannover, merkwrdige
Belege aus seinem Erfahrungskreise liefern konnte.

Treppen, Treppen, Treppen! Hinauf, hinunter, hinauf! Feuchte, mit
ppigen, sehr gesunden Mauerpflanzen bedeckte Mauern, trpfelndes
berhngendes Gebsch aller Art -- ein Kirchhof mit prchtigem,
beperltem Grn, alten und neuen Denksteinen, Kreuzen, verregneten
natrlichen und knstlichen Blumen, Goldflittern und Bndern, ein
Kirchhof mit Aussicht ber eine niedere Mauer, ein Kirchhof mit einer
Aussicht ber den wunderbarsten See auf das Tote Gebirge! -- ich
freute mich, da ich kein Gedicht zu machen brauchte und keinen Ruf
aufrecht zu erhalten hatte, wie der Verfasser der Lebensblten; sondern
nach einem trunkenen Blick auf all die keusch vom Regen verschleierte
Schnheit ruhig meinen Regenschirm und meine sthetischen Fhlhrner
einziehen konnte, um auch das Innere des trefflichen alten Kirchleins zu
besichtigen. In welchem Jahre und von welchem Knstler der Altarschrein
geschnitzt ist, wei ich nicht, und es geht mich auch gar nichts an, und
das alte Weib, welches davor kniete, ging's ebenfalls nichts an. Ich
setzte mich in einen dmmerigen Kirchstuhl und hrte dem Murmeln der
Alten und dem Klingen der Tropfen drauen vor den Spitzbogenfenstern und
dem Rauschen des Regens in den Bumen zu und duldete es ohne
Widerstreben, da Zuckriegel und Krautworst in meiner Seele allmhlich
immer mehr zu mythischen Personen wurden, und ich selber ein Ding ohne
Bedeutung fr das reale Leben, die Geschftswelt und die Schreibstube.
Ich entschwand mir selber in dieser mrchenhaften Minute, verwahre mich
brigens ernstlich gegen jeden Gedanken an Einschlafen; ganz genau und
ohne jedes schreckhafte Auffahren wute ich, was es bedeuten sollte, als
die Alte nach beendigtem Gebet auf mich zu humpelte und mir die offene,
kncherne Pfote unter die Nase hielt. Ich habe es nicht getrumt, da
sie Dominika Schnrammer hie und ihr Sohn Seppel Schnrammer, und da
sie mir zur Begrndung ihres Anspruchs an mein gutes Herz und meinen
Geldbeutel die ngstliche und trnenvolle Mitteilung machte, wie
genannter Seppel augenblicklich nicht daheim, sondern drben -- hinter
den Bergen, -- drunten -- in Italien sei, um dem Kaiser das Land zu
verteidigen.

Nun wute ich auf einmal wieder, da wir Achtzehnhundertneunundfnfzig
schrieben, und da ich nur deshalb Wien verlassen und mich in die Berge
geflchtet hatte, um den Jammer wenigstens stundenlang von der Seele
loszuwerden. Dies liederliche Wien! bei allem Elend konnte es einem doch
noch Spa machen durch die Art, wie es sich unter den sich hufenden
Kalamitten zu trsten suchte. Whrend das junge krftige Kind Italia
seine Windeln sprengte und der alten grmlichen Wartefrau Austria das
Saugflschchen an die Nase warf, studierte Wien, bekanntlich nicht die
sittlichste Stadt der Welt, die statistisch-moralischen Tabellen
Frankreichs, zog Trost aus der Auflockerung aller sittlichen Bande in
der gallischen Nation, und erwartete sein Heil von der Abnahme der
Bevlkerung, welche unausbleiblich die Folge solcher greulichen
Verderbnis war. Was fr einen Orden jener kluge Mann erhalten hat, der
zuerst dem denkenden sterreichertum dieses treffliche und einleuchtende
Theorem in die Hnde gespielt hat, kann ich leider nicht sagen. Verdient
hat er einen.

Aber Seppel? Seppel Schnrammer?! Knnen wir uns diesen Joseph
Schnrammer entgehen lassen? Ein Kirchhof mit der Aussicht auf den
Hallstdter See, eine arme, alte Mutter unter dem weinenden Himmel --
eine bleiche, liebliche, lndliche Braut, welche die Stufen der Kirche
emporsteigt, um der Jungfrau Maria eine geweihte Kerze zu bringen und
der alten Mutter fr das Leben des Sohnes bitten zu helfen, -- -- drei
Seiten Manuskript, welche, die pekuniren Vorteile ganz beiseite
gelassen, die Aktien unseres schriftstellerischen Verdienstes in jeder
milden Frauenbrust hochsteigen lassen wrden, -- -- o Roderich von der
Leine, o Rodrigo, Rodrigo!

Es ist traurig, nicht nur fr die Damen, sondern auch fr mich: eine
novellistische Rhrung kann an dieser Stelle nicht statuiert werden.
Seppel schien den schmelzenden Gefhlen der Liebe bis dato gnzlich
fremd geblieben zu sein; auf _diesem_ unberhrten Klavier war der
erste einweihende Silberton noch nicht erklungen. Seppel Schnrammer
lie keine in Angst und Schmerz vergehende Braut hinter sich zurck;
aber sakrisch geflucht hat er, als er mit Knappsack, Kuhfu und
Feldkessel ausziehen mute, um das zu schtzen, was andere
zusammengeheiratet hatten. Bse Ahnungen in betreff des Feldkessels
bewegten seine sonst sehr ahnungslose Brust; ach, sie erfllten sich,
der Blechtopf sollte leer bleiben wie Seppels Herz und Schdel und nur
durch hohles Geklapper auf dem Tornister seine Unentbehrlichkeit zur
Kriegsausrstung des tapfren sterreichischen ^miles impeditus^ auf dem
Marsche wie in der Feldschlacht dartun.

Wenn ich nun auch nicht hoffen darf, durch diese Episode meines
Hallstdter Aufenthalts meine Leser und Leserinnen zu rhren, so rhrte
mich selber doch die Erzhlung der Alten tief, und ich schenkte ihr
einen von jenen Guldenzetteln, welche die Regierung, wenn auch nicht
ber den Bedarf, so doch ber die Verabredung hatte drucken lassen.

Mit den besten Wnschen fr einander und den Joseph in der Lombardei
nahmen wir Abschied; nach einem letzten Blick ber die Mauer des
Kirchhofs verlie ich ihn und stieg wieder abwrts dem Seeauer zu,
getrieben von dem Bedrfnis, mich zu erkundigen, wie Zuckriegel whrend
meiner Abwesenheit seines Daseins Last ertragen habe. Es regnete
selbstverstndlich ruhig weiter.

Mein trefflicher Ortssinn, der mir nirgend so sehr zu statten kam wie in
Hallstadt am Hallstdter See, fhrte mich ohne viele Umwege zum
Wirtshaus zurck, und durch die bereits erwhnte Hinterpforte und den
dunkeln Gang gelangte ich wohlbehalten zur Tr der Gaststube. Aber
lauschend stand ich still; -- Zuckriegel hatte drinnen die hchsten
Register seiner Stimme gezogen, und eine andere Stimme sang die
Antistrophe mit ihm zu gleicher Zeit, was von ausgezeichnet
unharmonischer Wirkung war. Das Kchenpersonal drngte sich
verschchtert-exaltiert auf dem Gange; ich aber, der ich bereits wute,
da unser Reisegenosse sehr gern und sehr leicht in einen Wortwechsel
geriet, ffnete die Stubentr und trat ein. Starr, zweifelnd blieb ich
auf der Schwelle stehen und sperrte den Mund auf, ohne die Tre zu
schlieen.

Ich habe im Wiener Prater einen Tausendknstler gesehen, der ein
lebendiges Kaninchen an den Hinterbeinen packte, es in der Mitte
durchri und dem erstaunten und begeisterten Publiko nunmehr in jeder
Hand ein lustig zappelndes Tierchen prsentierte. Ein ganz hnliches
Experiment schien mit dem Prosektor Zuckriegel vorgenommen worden zu
sein; -- er war zum zweitenmal in der Gaststube beim Seeauer vorhanden
und -- zankte sich bereits aufs heftigste mit seinem Doppelgnger. Das
Buch vom deutschen Gaunertum war verchtlich zu Boden geworfen, ebenso
zwei von den Sthlen, auf welchen der nicht nur groe, sondern auch
lange Mann seine Mittagsruhe gehalten hatte. Mit ihren Brieftafeln in
den Hnden gestikulierten beide streitende, hagerne, lederfarbene, grau
in grau kolorierte Gesellen aufeinander ein und suchten sich gegenseitig
zu berschreien. Der Fremde dampfte, wie Zuckriegel gedampft hatte, --
ein Beweis, da er vor noch nicht langer Zeit eingetroffen sein konnte.

Um Gottes Willen, Herr Prosektor! meine Herren! meine Herren! rief ich
beschwrend, zwischen die beiden erhitzten Kmpfer springend. Migen
Sie sich doch, Herr Zuckriegel! Was gibt es denn? was ist denn
vorgefallen?

Und ich sage Ihnen, Sie irren sich durchgngig! schrie Zuckriegel.
Ich widerlege Ihre Aufstellung Punkt fr Punkt; -- -- wollen Sie mich
endlich ruhig anhren?

Nein! krchzte sein ihm so hnliches Gegenpart. Weshalb sollte ich
Sie ruhig anhren, da Sie mich nicht aussprechen lassen wollen? Beharren
Sie nur auf Ihrer Meinung; -- -- ich werde gegen Sie schreiben; ich
werde der Welt Ihre Hypothesen vorlegen und in der rechten Beleuchtung
zeigen.

Zuckriegel scho auf und nieder, wie der Kerl mit dem langen Halse im
Puppenkasten. Sein Hals entwickelte eine grauenerregende Dehnbarkeit; er
mute jedenfalls aus einem elastischeren Stoffe als Gummielastikum
bestehen. Schreiben Sie, schmieren Sie! Ich werde Sie niederschreiben,
ich werde Sie platt schreiben wie eine Bettwanze. Ich werde Ihren
krassen Ignorantismus vor der Welt ausklopfen, da die Motten
herausfliegen sollen; ich werde --

Ich fate den emprten Reisegenossen um den Hals und schob ihn zurck;
ich schob auch den nachrckenden grauen Fremdling zurck und hielt die
beiden Streithhne mit meinem triefenden Regenschirm auseinander.

Herr Prosektor, sagte ich, ich bitte jetzt hflichst, mir diesen
Herrn vorzustellen -- Herr Prosektor, ich bitte Sie, sich zu beruhigen
-- mein Herr, lassen Sie mich den Neutralen spielen, lassen Sie mich den
Friedenskongre erffnen --

Ich bin Professor Steinbchse aus Berlin, sprach der Fremdling.
Professor der Altertumskunde Steinbchse, auf einer wissenschaftlichen
Reise zu den neuentdeckten Leichenfeldern am Hallstdter See im
Salzkammergut begriffen.

Ah! sagte ich, aber Zuckriegel schrie:

Er behauptet, es seien keltische Knochen; jedes Kind sieht --

Ein Kind sieht hier germanisches Gebein, schrie Steinbchse, aber
jeder unver--

Halt, halt, halt, meine Herren! schrie auch ich jetzt mit aller Kraft
meiner Lungen. Keinen neuen Friedensbruch! keine unntigen
Anzglichkeiten! keine gelehrten Redeblumen! Bitte, Herr Professor,
kommen Sie soeben von diesen fraglichen Knochen zurck?

Ich bin auf der Reise dorthin begriffen.

Also haben Sie eben diese Knochen noch gar nicht gesehen?

Nur durch das Medium der ffentlichen Bltter.

Und Sie sind auch noch gar nicht oben am Rudolfsturm gewesen, Herr
Zuckriegel?

Bei diesem Wetter? Mte doch ein Narr sein! Die Knochen schwimmen
nicht fort, und ich kann warten. Lag ruhig auf dem Rcken und las den
Av-Lallemant, als ich berfallen wurde von diesem -- -- --

Der Rest der Rede ging in einem undeutlichen Gemurmel verloren, ich
glaube etwas von botischem Hochstapler vernommen zu haben; heiser wie
ein vermittelnder neutraler Gesandter auf einer Friedenskonferenz rief
ich:

Reichen Sie sich die Hnde, meine hochverehrten Herren. Ohne Umstnde
-- seien Sie Brder, wie Sie Kollegen sind. Die Wissenschaft schreitet
am besten durch das heitere Bndnis aller Krfte fort. Lassen Sie uns
friedfertig zusammen zu Abend essen und morgen frh frisch, fromm, froh
emporsteigen zu diesen geheimnisvollen Gebeinen, und den Streit an Ort
und Stelle zum Austrag bringen.

Durch mehrere verhngnisvolle Augenblicke sahen sich die beiden
Gelehrten grimmig an; dann aber zeigte Steinbchse, da er noch nicht
ganz dem Prosektor hnlich sei; er erklrte sich bereit, Frieden und den
Mund zu halten bis morgen frh; setzte jedoch hinzu, da er morgen frh
bei _jedem_ Wetter zum Rudolfsturm hinaufklettern werde.

Knurrend nahm Zuckriegel sein Gaunerbuch wieder vom Boden auf, zu einem
weitern Zugestndnis in bezug auf diese so mhsam errichtete ^treuga
Dei^ lie er sich nicht herab. Da der fromme Dichter in diesem
Augenblick ins Zimmer hpfte, trug mehr als alles brige dazu bei, die
Gemter zur Ruhe zu bringen; der besnftigende Zauber der Poesie trat
einmal wieder so recht klar zutage.

Roderich von der Leine war sehr na, so na, da er sich am besten
selbst auf die Leine zum Trocknen gehngt htte. Aber er dachte nicht
daran. Seine Sehorgane rollten in dem bekannten schnen Wahnsinn; auch
er hielt seine Brieftasche in der Hand, und es trpfelte aus ihr. Die
Geburt war vollendet, der Verfasser der Lebensblten hatte seine Linzer
Erlebnisse unter dem Einflu des erfrischenden Gestubes des Hallstdter
Mhlbachs in Reime gebracht; Zuckriegel sthnte schwer.

Ich stellte den Professor Steinbchse und den Dichter einander vor, und
der Professor offenbarte eine neue Unhnlichkeit mit dem Prosektor; er
war hflich, er war duldsam, ja er war sogar zuvorkommend gegen den
Poeten und bat ihn herzlich, sich doch ja nicht durch seine Gegenwart
abhalten zu lassen, sein Gedicht vorzutragen. Vielleicht war und tat er
das alles nur, weil er die Grimassen, das Schnauben, Achselzucken, all
die klglichen Windungen Zuckriegels bemerkte und deutete.

Ja, lesen Sie, tragen Sie vor, sagte ich, nicht ohne den Spuren des
Professors zu folgen.

Wrde es nicht besser sein, wenn Sie erst den Anzug wechselten?!
seufzte Zuckriegel. Sie knnen sich leicht sehr arg erklten, Herr
Krautworst. Es wre doch recht schade, wenn Sie durch jugendliche
Unbesonnenheit sich selbst um-, und die Nachwelt um Ihre noch
unerschaffenen unsterblichen Werke brchten.

Da die weien Gewnder noch immer na in der Kche am Herde hingen, so
htte Rodrigo sich nur in das Kostm Adams werfen knnen, wenn er den
zrtlichen, besorglichen Ratschlgen Zuckriegels htte Folge geben
wollen. Die innere Aufregung hob ihn brigens ber alle rheumatischen,
katarrhalischen Befrchtungen hinweg:

   Den hohen Gttern war er eigen,
   Ihm durft nichts Irdisches sich nahn.

Wollen Sie nicht wenigstens andere Strmpfe anziehen? ich wrde sehr
dazu raten. Junge Dichter sind so schon sehr zu Kongestionen nach dem
Cerebralsystem geneigt, sagte Zuckriegel in wahren Fltentnen.

Der Dichter schttelte nur zerstreut das Haupt; er bltterte heftig in
seinem Notizbuche.

Nun denn, in drei Teufels Namen, so lassen Sie's laufen! schnauzte
Zuckriegel, zum uersten und um seine Kosten in Hinsicht auf die vorige
Hflichkeit und Milde gebracht.

Roderich von der Leine wendete sich zu uns:

Haben Sie bereits den Mhlbach gesehen, meine Herren?

Nein, sagte ich, und auch Steinbchse hatte noch nicht das Vergngen
gehabt.

Sie mssen ihn sehen! rief emphatisch der Poet. Originell, --
romantisch im hchsten Grade. Da ist ein alter dunkler Bogen mit einer
Nische und einem Bilde, einem Bilde des heiligen -- wenn ich nicht irre,
des heiligen Sebastian drin; ich habe ber zwei Stunden dort gestanden.

Den Mhlbach sah ich nicht; Sie aber sah ich, liebster Freund, wollte
Sie jedoch nicht stren.

Dankend neigte Roderich das Haupt gegen mich, dann aber fuhr er mit der
Brieftafel ruckartig gegen die Nase und begann, anfangs schchtern, dann
aber immer mutiger, mit den bekannten Seitenblicken auf die
Zuhrerschaft:

   Grau verschleiert schaun die Berge
   Auf die fremde Stadt herein,
   Unablssig rieselt's nieder,
   Und ich ghne klglich drein.

Grade wie ich! knurrte Zuckriegel, der die verdrieliche Nase wieder
in seinen Av-Lallemant gesteckt hatte.

   Gott, o Gott, ach woll es wenden,
   Gott, Erbarmen habe du!
   Sende mir in diesem Trbsal
   Einen deiner Engel zu!

Mir auch! ich bitte dringend! seufzte Zuckriegel.

   Goldgelockt, mit blauen Augen,
   Schlank und wei von Angesicht
   La ihn sein, um mich zu trsten; --
   Flgel, -- Flgel braucht er nicht.

Ich aber knnte sie gebrauchen! seufzte Zuckriegel.

   Von dem Dome summt die Glocke,
   Und die frommen Christen schleichen
   Durch den Schmutz der Stadt zur Messe;
   Gott, o Gott, la dich erweichen!

Was solch ein Mensch doch alles verlangt. Selber kennt er kein
Mitleid, brummte Zuckriegel.

   Einen Engel send hernieder
   Oder einen Sonnenstrahl,
   Lasse mich nicht untergehen
   Hier in dieser Jammerqual!

Auch mich nicht; ich flehe instndigst darum! sagte Zuckriegel; der
Dichter aber machte uns darauf aufmerksam, da sein Gedicht durch feine
Einschnitte gegliedert sei, da nunmehr eine neue Bilderreihe anhebe. Er
fuhr fort:

   Blulich ringelnd, sanft verwehend
   Schwindet der Zigarre Duft;
   Unablssig rieselt's nieder,
   Und ich schnappe wild nach Luft.

Zuckriegel chzte: Ich nicht weniger.

   Aus dem Fenster halben Leibes
   Hng' ich jetzt und hr' die Tropfen
   Drunten in der engen Gasse
   Auf die Regenschirme klopfen.

Zuckriegel wute ganz genau, auf was _er_ am liebsten klopfen wrde.

   Und das Auge schlfrig mde,
   An dem Hause gegenber,
   Von dem Keller bis zum Dache,
   Kriecht's hinauf und senkt sich wieder.

Zuckriegels Auge kroch auch unheilverkndend an dem Poeten in die Hhe
und senkte sich erst wieder, als jener weiter sprach:

   An des Metzgers Tr dem Hammel,
   Ausgeweidet, halbzerfetzt,
   Ach, wie gleicht ihm schauderhaftig
   Meine arme Seele jetzt!

Zuckriegel brummte: Ein schauderhaftiger Vers, sonst aber der einzige,
der bis jetzt meine ganze Billigung hat. Laut rief er: Herr
Krautworst, ich mache Ihnen mein Kompliment ber Ihre Kenntnis des
menschlichen Innern. Bitte, tragen Sie die letzten Reime noch einmal
vor; -- wem glich Ihre arme Seele in jenem denkwrdigen Moment und
Seelenzustande?

Abteilung drei! sagte Roderich von der Leine, den Prosektor
verachtend.

   Hinter hohen Spiegelscheiben
   In dem blanken Messingbauer
   Kreischt ein grner Papageie
   Und erweckt mir neue Schauer.

Aber es scheint doch eine gute Schule gewesen zu sein! akkompagnierte
Zuckriegel.

   Eine Dam in rotem Sammet
   Fttert ihn mit Zuckerbrocken.
   ^Merci!^ kreischt er, klettert, flattert: --
   Alle meine Pulse stocken;

   Denn ein neues Bild ist er mir
   Aus dem wildbewegten Leben;
   Denn mit Flattern, Mercisagen
   Hab' auch ich mich abgegeben.

Die Verachtung Zuckriegels stieg zu einem solchen Grade, da er sie
whrend der folgenden Verse nur noch durch Gesten, die nahe an
Verrenkungen grenzten, auszudrcken vermochte.

   Und 'ne Dam in rotem Sammet
   Reicht' auch mir einst Sigkeiten;
   ^Merci! merci!^ rasend werd' ich,
   Denk' ich heute jener Zeiten.

   O du grner Papagoye
   In dem blanken Silberringe,
   Hng dich auf an deiner Kette:
   Sauer werden se Dinge.

Sehr! seufzte Zuckriegel und fgte mit wahrhaft sezierenden Blicken
hinzu: Ja, wenn er sich nur hngen wollte!

Vierte Abteilung! sagte der Dichter.

   Und von neuem schlfrig ghnend,
   Heb' ich jetzt die Augenlider;
   Hoch und hher schweift das Auge,
   Nah dem Dache haftet's wieder.

   Nah dem Dache -- Gott, was seh' ich?
   Gott, o Gott, kann's mglich sein?
   In des Regens trostlos Pltschern
   Schiet ein Sonnenstrahl herein!

   Nah dem Dach ein offen Fenster,
   Ganz von Bohnenblt umwoben!
   Gott, o Gott, du hast gerettet!
   Dank dir, Dichtergott dort oben!

Meine Komplimente an ihn, grunzte Zuckriegel, aber er htte etwas
Besseres tun knnen.

   Nah dem Dach ein offen Fenster,
   Und darin ein Engelskpfchen,
   Blaue Augen, weie Arme,
   Rosig Mndlein, goldne Zpfchen!

   Nah dem Dach der ganze Himmel;
   O wie fern dem Erdenschmutz!
   Nah dem Dach die ewge Wonne!
   Schne Heilge, deinen Schutz,

   Deinen sen Schutz erfleh' ich, --
   Nicht mit Winken -- kaum mit Blicken;
   Schne Heilge, schne Selge,
   Willst du nicht hernieder nicken?

Sie wre doch rein verrckt, wenn sie dem Narren den Gefallen tte!
grunzte Zuckriegel, sich ganz in die Situation versetzend.

   Ach, sie hebt sich von dem Sitze;
   Elfenhaft, im Bltenkranz,
   Um den Mund ein Engellcheln
   Steht sie hold im Sonnenglanz.

   Alle Teufel! Tod und Hlle!
   Gott, o Gott, was soll das wieder?
   Schnster Engel! Se Heilige!
   Gott, sie lt den Vorhang nieder.

Brava! Brava! schrie Zuckriegel, grinsend in die Hnde klatschend;
doch mit einem triumphierenden Blick auf ihn sprach Roderich von der
Leine:

Abteilung fnf! und der Prosektor versank wieder hinter dem deutschen
Gaunertum.

   Unablssig rauscht's herunter,
   Und ich seufze klagend drein;
   Grau verschleiert sehn die Berge
   Auf die fremde Stadt herein.

   Und das rote Reisehandbuch
   Greif' ich auf und sink' zurck
   Schwer und mit gelsten Gliedern
   In den Sessel, und der Blick

   Sucht die Stelle, wo es lautet:
   >Linz ist eine schne Stadt,
   Die schlecht Pflaster, einige Menschen
   Und auch ein Theater hat.<

   Linz, o Linz am Donaustrande,
   Ewig, Linz, gedenk' ich dein;
   Deinem Ruhme und Theater
   Will ich diese Verse weihn.

   Linz, o Linz am Donaustrande,
   Linz in Obersterreich,
   Denk' ich deiner, wird das Auge
   Feucht, und wird das Herze weich.

   Jener weie, kleine Vorhang
   Vor dem Fenster nah dem Dach, --
   Denk' ich sein, was wird da alles
   In dem dummen Herzen wach!

   Alle Gtter und Gttinnen
   Sind dem Dichter stets zur Seit,
   Geben ihm durch Blut und Flammen,
   Durch den Regen das Geleit.

   Jenen weien, kleinen Vorhang,
   Liebchen, Liebchen, la ihn zu;
   In der holden Gtterdmmrung,
   Liebchen, lieblicher bist du!

Bedeutungsvoll klappte der Dichter seine feuchte Brieftasche zusammen,
und es begab sich etwas, das einem Wunder glich. Zuckriegel warf das
Buch vom deutschen Gaunertum zum zweitenmal auf den Boden, doch diesmal
nicht im Zorn. Er erhob sich, schritt auf den Poeten los, drckte ihm
mit verdchtiger Zrtlichkeit die Hand und sagte nun wiederum in seinem
Fltenton:

Herr Krautworst, ist dieses Poem wirklich von Ihnen? Haben Sie wirklich
das selbst gemacht, Sie jugendlicher Heinrich Heine, oder wie der Mensch
heit?! In der Tat, wenn Ihre bis jetzt mir leider gnzlich unbekannten
Kneipenblt -- nein, Lebensblten smtlich aus hnlichem Stoff
zugeschnitten und verarbeitet sind, so bitte ich Sie hflichst, mir ein
Freiexemplar derselben zu schicken. Hier ist meine genauere Adresse --
portofrei, wenn ich so frei sein darf, Sie darum zu ersuchen. Wenn
spter einmal die Rckenmarksdarre --

Herr, schrie Roderich jetzt auer sich vor Zorn, Herr, ich bin so
frei, Sie zu ersuchen, mich ungeschoren zu lassen; Ihre Unverschmtheit
berschreitet allmhlich alle Grenzen!

Ruhig, ruhig, mein junger Freund, lchelte Zuckriegel, Sie haben
freilich ein treffliches Gedicht hervorgebracht. Genial! Ein
funkensprhendes kleines Meisterwerk! Unser Lob mu Ihnen sehr
schmeichelhaft sein; aber ich bitte, sehen Sie nicht zu verachtend von
der Hhe, auf welche unsere Bewunderung Sie erhebt. Ich wei, da dem
^furor poeticus^ etwas zu gut zu halten ist; in unserer Abteilung fr
Geistesabwesende hatten wir --

Professor Steinbchse und ich erkannten zu gleicher Zeit, da es die
hchste Zeit sei, einzuschreiten. Wir berhuften den Dichter mit
ernstgemeinten und eben so ernst ausgesprochenen Lobeserhebungen. Ich
machte ihn auerdem noch darauf aufmerksam, wie der Poet im schnen
kalten Egoismus die Menschen nur als einen Ton, der fr ihn zum Kneten
und Formen geschaffen sei, ansehen msse. Ich berzeugte ihn, da der
Prosektor nur als Stoff, niemals als beleidigen knnendes Wesen fr
ihn Bedeutung und Inhalt haben knne; -- Roderich von der Leine ma
seinen Wert an Zuckriegels Unwert, und in ertrglicher Harmonie aen wir
vier fr einander geschaffene Charaktere zu Nacht. Aber nach Tisch erhob
sich eine ungeheuerliche Schwierigkeit.

Als wir uns nmlich nach unsern Schlafgemchern erkundigten, verkndigte
der Hospes, da er uns nur zwei Kammern zur Verfgung stellen knne, und
da die Herren sich drein finden mten, zu zwei und zwei in einem
Zimmer zu schlafen; die Betten aber seien ausgezeichnet und lieen
nichts zu wnschen brig; beide Kammern seien auch nur durch eine Wand
voneinander getrennt und htten beide die Aussicht auf den See.

Worauf ich huste! sagte Zuckriegel. Herr Krautworst, wir beide
schlafen zusammen, -- und am liebsten unter einer Decke. Wir haben uns
noch nicht vllig gegeneinander ausgesprochen und werden nunmehr die
angenehmste Gelegenheit dazu haben; ich pflege gewhnlich erst gegen
Morgen einzuschlummern.

Roderich sah auf den Prosektor wie die bse Stiefmutter auf das Fa voll
scharfer Ngel und Ottern, in welches sie gesteckt werden sollte.
Entsetzen, Abscheu, Ekel und Angst malten sich in seinen weichen Zgen.

Wir bernachten natrlich zusammen, flsterte ich ihm zu. Sie sollen
gercht werden, wie Sie es nur wnschen knnen; Steinbchse und
Zuckriegel werden zusammengepackt.

Der Dichter drckte mir gerhrt unter dem Tische die Hand und verlie
ihn -- nmlich den Tisch -- so eilig als mglich, um fr mich und sich
unter dem Vorleuchten des Wirtes Besitz von dem einen Schlafgemach zu
ergreifen.

Na, Professor, so mssen wir beide doch wohl zusammenkriechen, ich
rieche es, sagte Zuckriegel, einen hohnlchelnden Blick auf mich
schieend. Wir wollen aber die sen Hoffnungen dieser beiden jungen
Mnner zuschanden machen; wir wollen den abgeschlossenen
Waffenstillstand nicht brechen; schnarchen wollen wir.

Versteht sich, sprach Steinbchse, vollkommen von der Festigkeit
seines Willens und Charakters berzeugt. Ich denke einen guten Schlaf
zu tun, setzte er mit Wallensteinschem Glauben an die Sterne hinzu, und
ich gestehe, da ich mit Bedauern anfing, an den Vorsatz der zwei
Gelehrten zu glauben.

Wir wnschten uns gegenseitig eine angenehme Nachtruhe, und als ich mein
Schlafgemach erreichte, fand ich den Verfasser der Lebensblten bereits
behaglich in seinem Federbett eingekapselt. Nur sein mit einem roten
seidenen Tuch umwickeltes unsterbliches Haupt sah aus dem Kissen hervor.

Was beginnen sie? Sind sie zu Bett? fragte er.

Jeder hat noch ein Glas Punsch bestellt. Ich frchte, die Nacht wird
ruhiger vergehen, als wir hoffen.

Ich glaube an das Gegenteil; -- schlafen Sie wohl, liebster Freund; ich
will Sie wecken, wenn's Zeit ist.

Meinen besten Dank im voraus. Gute Nacht!

Dumpf hrte ich noch im ersten Schlummer den Dichter zitieren:

   ^Quam iuvat immites ventos audire cubantem,^
   ^Et dominam tenero detinuisse sinu;^ --

aber ich ruhte, vom Gepltscher in den Schlaf gerauscht, zu sicher, um
die ppigen lateinischen Schulreminiszenzen Roderichs noch weiter zu
verfolgen; der See und der Regen bten denselben beruhigenden Einflu
auf mich, wie der letztere einst auf den Elegiker Albius Tibullus.

Wie lange ich geschlafen hatte, wei ich nicht; aber mir hatte schon
lngere Zeit getrumt wie dem Ritter Don Quixote, da ich mich im Lager
des Agramant befinde und gleich dem Knig Sobrino berufen sei, die
ausgebrochene Verwirrung zu lsen, als ich pltzlich durch das Geflster
Roderichs von der Leine geweckt wurde:

Liebster Freund! bester Freund! Sie haben sich! Sie liegen sich in den
Haaren! Horchen Sie! Hren Sie! ah!

Eben noch hrte ich Messer Ludovico Ariosto beim Schreiben seines
rasenden Rolands lachen und sah ihn sich den dnnen Bart streichen; nun
lag ich wieder beim Seeauer am Hallstdter See im warmen Bett, eine
Stunde nach Mitternacht, hrte den Regen vor dem Fenster, sah beim
trben Schimmer des Nachtlichts den hannoveranischen Dichter aufrecht
auf seinem Lager sitzen und vernahm hinter der dnnen Bretterwand der
Kammer ein Kampfgetse, das nur von dem Aufeinanderfahren der Geister
Steinbchses und Zuckriegels herrhren konnte.

Wie viele Glser Punsch die beiden Trefflichen noch getrunken hatten,
mute die Rechnung des folgenden Tages ausweisen; jedenfalls hatten sie
genug und warfen sich die Knochen der Kelten und Germanen in einer Weise
an die Kpfe, welche den unbefangenen Lauscher ergtzten, aber den
befangenen, wie Roderich von der Leine, aufs hchste entzcken mute.

Ob die beiden Helden bereits im Zank die Kammer beschritten hatten, oder
ob der gelehrte Zwist sich erst von den Betten aus angesponnen hatte,
wei ich nicht; Rodrigo behauptete das erstere; ich jedoch kann nicht
recht daran glauben; denn Zuckriegel war nicht der Mann, der sich ruhig
auf den Rcken legte, ehe er den Gegner darauf hingestreckt hatte, und
Steinbchse, wenn auch in andern Dingen etwas weicher, milder,
menschlicher, gab dem anatomischen Vorschneider auf dem Felde der
Wissenschaft an hartnckiger Behauptung seiner Meinungen wenig oder
nichts nach.

Jetzt fhlte ich mich nicht mehr berufen, als Vermittler einzuschreiten,
sondern vergngte mich kniglich, und das Gesicht des Verfassers der
Lebensblten in der gedmpften Beleuchtung des Nachtlichtes war auch der
Betrachtung wert.

Diesmal vernahmen die Horcher hinter der Wand nicht ihre eigene Schande;
die beiden bepunschten Mitglieder der ^universitas litterarum^ sagten
sich die entsetzlichsten Grobheiten mit wahrhaft klassischer Naivitt.
Je schwieriger es fr sie wurde, sich gegenseitig zu berbieten, desto
genialer wurden ihre Eruerungen, und kein Wort des einen war zu hoch,
da nicht der andere ein noch hheres darauf setzte. Sie spuckten sich
moralisch ins Gesicht, und ich bin berzeugt, da Zuckriegel mehrmals
nur um die Breite eines Haares von dem Schicksal, auf Jahrmrkten vor
einem morittlichen Orgelbilde abgesungen zu werden, entfernt war.

Jetzt beit er in den Bettpfosten! So wahr ich lebe, bester Freund, er
beit vor Wut in den Bettpfosten! jauchzte der fromme Dichter in
verhaltener Lust.

Und der andere hat sich die Decke in den Mund gestopft. Wahrhaftig,
lieber Freund, sie werden beide morgen am Gallenfieber krank liegen,
wenn wir nicht mit dem Stiefelknecht an die Wand klopfen.

Um alles in der Welt nicht! bat der Poet. Stren Sie ihre Kreise
nicht! Gallenfieber? Bah, sehen Sie nur in die Jahrbcher fr
Philologie, in ihre medizinischen Zeitschriften. Sie knnen viel
vertragen, ohne Schaden an ihrer Gesundheit zu leiden. Hren Sie nur, da
geht der Berliner wieder ins Zeug. So ist's recht! Fa ihn, Professor --
drauf! drauf! Hurrah, der Hieb sa! Das nenne ich ausgeschmiert!

Ein Gepolter hinter der Wand folgte auf und unterbrach den Jubel des
Dichters; auf das Gepolter erscholl ein dumpf drhnender Fall, mit
beiden Fen fuhren Roderich und ich diesseits aus unseren Betten; denn
nun schien es doch wieder Menschen- und Christenpflicht geworden zu
sein, das Blutvergieen zu verhindern. Aber eine hhere Macht war
bereits eingeschritten.

Wohl sang Professor Steinbchse aus Berlin ^Io triumphe^; doch Prosektor
Zuckriegel fate ihn nicht mit seinem guten Gebi an der Kehle. Wohl war
Prosektor Zuckriegel vom Lager aufgesprungen, um den Gegner zu packen;
doch der Geist besiegte den Geist, der wackere Anatom hatte viel zu viel
Punsch getrunken; er ma den Boden seiner ganzen Lnge nach und
schnarchte wie ein Kind an der Brust seiner Mutter, nur etwas lauter.

Noch fnf Minuten gluckste der Professor triumphierend, dann
entschlummerte auch er, alle Register seines Nasen-, Kehlkopf- und
Gaumen-Systems ziehend. Nun hielten die beiden Wrdigen doch das sich
selber und mir gegebene Versprechen; sie schnarchten, allein erst nach
dem Kampfe.

Diesseits der Wand horchten wir noch eine Weile, aber da das Sgen,
Blasen und Raspeln immer regelmiger, wenn auch nicht melodischer
wurde, so berlieen auch wir uns dem balsamischen Schlaf. Roderich
entschlief mit einem Ach der unsglichsten Befriedigung. So war Zeus'
Wille fr heute vollendet; wie sich aber die Dinge am nchsten
Morgen gestalten sollten, das lag ebenfalls auf dem Scho des
Wolkenversammlers. -- Warum regnete er uns fest am Hallstdter See? --

Ich hatte mir vorgenommen, frh wieder aufzuwachen, um beim ersten
Erscheinen Zuckriegels und Steinbchses zugegen zu sein und pflichtmig
als hflicher und auch jngerer Mann mich nach der Nachtruhe der beiden
Herren zu erkundigen. Als ich aber die Augen aufschlug, merkte ich, da
auch ich meine moralischen Krfte gleich den beiden Gelehrten ein wenig
berschtzt hatte, und als ich halbbekleidet zum Fenster eilte, um mich
auch durch den Augenschein zu berzeugen, da der Regen noch nicht zu
Ende sei, erblickte ich zu meinem hchsten Erstaunen unter zwei
Regenschirmen vier graue Beine, welche einander entgegen vor dem
Gartenpavillon auf- und abliefen. Und als der Wind zu gleicher Zeit aus
den Regenschirmen zwei Tulpen bildete, da sah ich mit zweifelnder
Verwunderung, da sie es waren -- sie -- Zuckriegel und Professor
Steinbchse.

Der Dichter suchte hchstwahrscheinlich in seinem tiefen Morgenschlummer
einen Reim auf Mensch; denn er sthnte frchterlich und griff ngstlich
mit krampfhaftem Zucken der Hnde auf der Bettdecke umher. Ich fhlte
mich nicht berufen, ihm aus dem Dilemma zu helfen; in beflgelter Eile
machte ich Toilette, um mich den beiden grauen Lustwandlern im Garten
anzuschlieen und zu erkunden, welch ein Geist diese Peripatetiker nach
solcher strmischen Nacht in solcher Weise neben- und gegeneinander am
nebelverhangenen Ufer des Hallstdter Sees auf- und abfhrte.

Ich eilte die Treppe hinab, rief nach dem morgendlichen Kaffee, trat
dann, ebenfalls unter aufgespanntem Regenschirm, in den Garten und
schlo mich mit unbefangenster Miene den zwei Weltweisen an, um ihnen
das, was ich ihnen freilich nicht geben konnte, zu bieten, nmlich einen
guten Morgen.

Sie sahen verstrt, bernchtig und verdrielich genug aus: aber
bewundern mute sie jeder denkende Mensch; und ich, der ich fr jedes
geniale Sichfinden in die Stunde und ihre Verhltnisse einen feinen und
freien Blick habe, ich fhlte pltzlich eine Achtung fr sie, von
welcher ich bis dahin keinen Begriff gehabt hatte.

Wie sank Roderichs von der Leine kleinliche, aber unvershnliche
Gereiztheit vor der wahrhaft groartigen Charakterentfaltung dieser
beiden Mnner der Wissenschaft auf ihr rechtes Ma herab! Zuckriegel und
Steinbchse hatten sich auch gegenseitig gereizt, hatten sich schne
Dinge gesagt; aber was war ihre Persnlichkeit gegenber den hohen
Zwecken ihres Daseins am Hallstdter See? Die gelehrten Leidenschaften,
welche nchtlicherweise die Seelen der zwei streitbaren Helden so
furchtbar gegeneinander emprt hatten, lagen geduckt, so weit es mglich
war, am Boden. Die spirituosen Wolken, welche das Gehirn der Kmpfer
fllten, hatten sich bis auf einen leichten, schleierartigen Dunst
verzogen; Zuckriegel war zu gro, die Brausche seiner Stirn an dem
Professor zu rchen, und Steinbchse aus Berlin war zu geistig-klar, um
sich zu erinnern, da er um Mitternacht ein bldsinniger Esel genannt
worden sei. Von den Erinnerungen des letzten Tages und der vergangenen
Nacht waren nur die vertraulichen Mitteilungen der behaglichen
Abendstunden, als der Punsch noch nicht gewirkt hatte, brig geblieben:
Steinbchse hatte Zuckriegel ins Ohr geflstert, da auch er gekommen
sei, um auf dem Leichenacker des unbekannten Volkes am Rudolfsturm sich
nach etwas Brauchbarem umzusehen, und im Fall man es nicht willig,
billig oder gegen gute Worte ablassen werde, sich seines gelehrten
Rechtes zu bedienen. Da nun des Professors Blick mehr auf bronzene
Fibulae, Nadeln, Schwertgriffe und Pfeilspitzen gerichtet war, der
Prosektor aber nur Knochen, Knochen, Knochen fr seine Sammlung
gebrauchen konnte, so kamen die beiden lsternen Gemter einander hier
in keiner Weise ins Gehege. Sie hatten sich also ber ihren dampfenden
Glsern innigst die Hnde geschttelt, und um einander die Jagd nicht zu
verderben, gegenseitig geschworen, nur in Gemeinschaft darauf ausgehen
zu wollen, und sich in allen Fhrlichkeiten des Unternehmens mit
Beredsamkeit, List, ja mit Gewalt gegenseitig beizustehen. Die Vorgnge
der Nacht konnten an diesem Feldzugsplane nichts ndern, und so liefen
die gelehrten Verschwrer nach eingenommenem Kaffee im Garten am See auf
und ab, und sahen sich bei jedem neuen Vorberstreifen mit finstern
Blicken und Widerwillen, aber doch ohne Mordlust an.

Um neun Uhr wollte man aufbrechen zu diesem neuen Argonautenzug, Raub
der Helena oder Raubzug ohne Umschweife. Es schlug eben acht, ich hatte
also vollkommen Zeit, in Behaglichkeit ebenfalls Kaffee zu trinken und
das Erwachen des Poeten zu erwarten.

Gegen halb neun Uhr erschien Roderich von der Leine, dieses Mal wieder
in seinem weien Kostm. Jetzt hing der karrierte Anzug auf der Leine am
Kchenherde, und wurde von vielen Gebirgsbewohnern, die in ebengenannter
Kche sonst nichts zu suchen hatten, angestarrt, betastet und grinsend
bewundert.

Die Begrung zwischen dem Dichter und den beiden andern Herren hatte
ihre Reize fr den aufmerksamen Beobachter; aber Zuckriegel hatte seine
Galle und Bosheit in der Nacht so reichlich ausgestrmt, da er am
frhen Morgen verhltnismig matt war; seine Stimmung war ungefhr die
einer Brillenschlange, welcher der fromme, aber schlaue Hindu einen
Flanellappen vor die Zhne geworfen hat, und welche ihr Gift daran
losgeworden ist. Als ich jedoch dem trefflichen Jngling Hannovers meine
Absicht, die beiden Gelehrten auf ihrem gefahrvollen, aber ruhmreichen
Wege zu begleiten, mitteilte, da fuhr er, ohne der Zuckriegelschen
Mildigkeit zu trauen, erschreckt vom Stuhle auf, warf ihn und den
Milchtopf um, zog mich in einen Winkel und flsterte:

Ich bitte, ich beschwre Sie! Was wollen Sie tun? Bleiben Sie bei mir,
gehen Sie nicht mit diesen zwei seelenlosen Ungeheuern. Ich habe es mir
berlegt, man kann Hallstadt nicht verlassen, ohne den Schleierfall, den
Sprattenfall, den Waldbachstrub gesehen und einen entzckten Blick auf
den Dachstein und das Karlseisfeld geworfen zu haben. Man wrde uns
auslachen, wenn wir ohne diese Erinnerung heimkehrten; -- ich flehe Sie
an, rennen Sie nicht in Ihr Verderben, gehen Sie mit mir; ich habe Ihnen
noch so vieles zu sagen, wir sympathisieren so vortrefflich miteinander.
Auf dem Wege nach dem Rudolfsturm regnet es ebenso sehr wie im
Echerntal, o kommen Sie mit mir!

Wenn mich etwas dazu htte bringen knnen, den glnzenden Fustapfen des
gttlichen Sngers zu folgen, so wre es die letzte so unbeschreiblich
wahre Bemerkung gewesen. Aber mein Entschlu stand fest; ich wollte mich
lieber auf dem Wege nach den unbekannten Knochen als nach dem
Waldbachstrub auswaschen lassen. Ich ziehe berhaupt der schnen Natur
eine schne Menschenseele weit vor, und um Zuckriegels und Steinbchses
Gesellschaft an diesem Morgen htte ich alle landschaftlichen
Herrlichkeiten des Salzkammergutes samt dem himmlichsten Sonnenscheine
mit tausend Freuden fahren lassen, und alle Singvgel und frommen Tiere
des Waldes gratis zugegeben.

Ich entzog mich also mit bedchtigem Hauptschtteln den umschlingenden
Armen des Verfassers der Lebensblten und sagte:

Teuerster Freund, ich kann Sie nicht zwingen, uns zu folgen, aber ich
wollte, ich knnte es. Wann wird Ihnen ein besserer Stoff zu einem
Lustspiel wieder vor die Fe laufen?

Roderich von der Leine stutzte, sah auf, sah auf mich, sah auf die
beiden Gelehrten, welche eben in grimmiger Entschlossenheit ihre
Reisetaschen packten und Platz fr ihre Beute darin lieen; -- einen
Augenblick glaubte ich, sein Schicksal an das unsrige gebunden zu haben;
aber im nchsten Moment sank er wieder in sich zusammen und seufzte:

Ich kann es nicht! Ich vermag es nicht! Ich kann _diesen_ Menschen
nicht lnger ertragen. Heute beim Erwachen nach dem Triumph der Nacht
glaubte ich fest, da es mir mglich sein wrde; aber ich habe mich
getuscht; ich bin der Vogel, und er ist die Schlange, welche mich mit
ihren giftigen Blicken verzaubert. Ich kann den Kerl nicht einmal mehr
von hinten ansehen.

Da ich sah, da alle weitern berredungsversuche vergeblich sein wrden,
berlie ich den nervenschwachen Dichter seinen einsamen Wegen und
wandte mich zu den beiden wissenschaftlichen Abenteurern; ihre wahrhaft
antike Ruhe erfllte mich mit neuer Bewunderung.

Niemals hatten zwei determiniertere Strauchdiebe sich die Korbflaschen
vom Hospes mit Rum fllen lassen, als diese beiden akademischen
Raubgenossen. Leonidas in den Thermopylen, Curtius, als er in den
Schlund sah, ehe er hinabsprang, und aus neuerer Zeit Blcher, als er
auf dem Wege von Ligny nach Waterloo sagte: Es ginge eigentlich nicht,
aber es mu gehen! mochten hnlich geblickt haben wie Zuckriegel und
Steinbchse in diesem feierlichen Moment. Auch ich reichte meine
Reiseflasche dem Wirte, und dann -- dann brachen wir im ahnungsgrauen
Morgennebel und hartnckigsten Platzregen todesmutig auf, und Roderich
von der Leine sah uns frstelnd in unwillkrlicher widerwilliger
Bewunderung nach. Vielleicht war er in seiner Hinflligkeit einen
Augenblick lang sogar neidisch auf den gehaten, aber stahlherzigen
anatomischen Reisegegner.

Da Zuckriegel und Steinbchse jetzt die ersten Schritte in die
wunderlichen Gassen Hallstadts taten (sie hatten es bis jetzt nicht der
Mhe wert gehalten, die Nase aus dem Gasthaus herauszustecken), so
uerten sie ebenfalls einiges Erstaunen ber die Treppen, und
Steinbchse versicherte, so etwas kenne man gottlob in Berlin nicht. Im
steilen Zickzack lief aber die Treppe von den letzten Husern aus weiter
den Berg hinan, bis sie nach einer Viertelstunde in einen ebenfalls im
Zickzack laufenden dichtbeschatteten Fuweg berging. Der Pfad nach dem
Rudolfsturm ist schwer zu verfehlen, selbst fr zwei Gelehrte, deren
Gedanken auerhalb ihres Pfades laufen.

Munter, aber stumm stampften Steinbchse und Zuckriegel zu; unterhaltend
war ihre Gesellschaft bis jetzt noch nicht. Beide hatten die Hte so
tief als mglich auf die Nasen herabgezogen, beide hatten die
Regenschirme so dicht als mglich auf die Filzdeckel herabgezogen, beide
taten nicht einen einzigen Fehltritt, obgleich der Weg sehr aufgeweicht
und schlpfrig vom Regen war. -- Beide sahen aber auch nichts von dem,
was man durch die Lcken und Einschnitte in der triefenden Waldung
erblicken konnte, nmlich den groartigsten Teil des Seekessels mit
allen kochenden, wallenden Nebeln und Dnsten. Ihre Gedanken waren bei
den Knochen und jeder berdachte bei sich die verschiedenen Strategeme
groer Feldherren, die auch ausgezogen, um etwas an sich zu nehmen
oder sich ihres Rechtes zu bedienen.

So eilte ich denn den beiden wundervollen Burschen von Zeit zu Zeit ein
wenig voraus, um dann das Recht zu haben, an der passenden Stelle stehen
zu bleiben und die sich immer mehr erweiternde Aussicht zu genieen.
Wenn die beiden Regenschirme dann allmhlich sich zu mir
emporarbeiteten, stieg auch ich weiter. Pltzlich fiel auf halbem Weg,
nicht des Menschenlebens, sondern des Saumpfades, mein Blick auf eine
sehr nasse Bank, ber welche eine, wie es schien, nicht neue Inschrift
zum Lesen und Nachdenken aufforderte; -- die beiden Regenschirme waren
wieder ganz in meiner Nhe, und ich stand und las:

Hier hat gerast der hochlbliche rmische Knig Maximilian, als er
gangen ist, die Salzperg zu besehen, den fnften Tag Januarii Anno
Fnfzehnhundertundvier.

Wer hat hier gesessen? Wo hat wer gesessen? Wann hat wer hier
gesessen? schrie in demselben Augenblicke Professor Steinbchse aus
Berlin, tigerhaft heranspringend und mich ohne weitere Umstnde beiseite
schleudernd, ehe ich antworten konnte:

Kaiser Maximilian der Erste, sonst auch der letzte Ritter von
Anastasius Grn in Wien.

Professor Steinbchse berzeugte sich von der Wirklichkeit des Faktums,
notierte die Inschrift in seinem Taschenbuch und setzte sich auf die
nasse Bank, um auch diesen Eindruck an und in sich aufzunehmen.
Zuckriegel aber schritt verachtungsvoll vorber, ohne einen Blick auf
die ewig denkwrdige historische Stelle zu werfen.

Mir ganz einerlei, wer da gesessen hat, ob Sie, Kollege, oder der Knig
Maximilianus; wenn ich nur meinen Schdel bekomme, sagte er.

Diese Bemerkung trieb auch den Professor frisch wieder vorwrts, und
nach einer halben Stunde weitern Kletterns erreichten wir den
Rudolfsturm und damit den Schauplatz der grten Abenteuer.

An die Rippen pochte das Mnnerherz, als wir vor dem vom Kaiser Albrecht
errichteten Gemuer standen und die Glocke des jetzt darin hausenden
kniglich-kaiserlichen Salzinspektors zogen, um zuerst in das in dem
Turm angelegte kleine Museum von aufgefundenen Altertmern, Ammoniten
und sonstigen Merkwrdigkeiten eingelassen zu werden. Eine Maid
beaufsichtigte uns dabei, und es interessierten mich vorzglich in
dieser Sammlung die keltischen oder urgermanischen Punschbowlen, welche
mit vielem Geschick und Geschmack gearbeitet, aber leider sehr verrostet
waren. Hier versuchten wir noch nicht zu stehlen, denn es wre doch zu
gewagt gewesen; aber Zuckriegel benutzte den Moment, in welchem die
Aufmerksamkeit der Gebirgsmaid ganz von dem Vergngen an dem ber ein
grn angelaufenes priapisches Scheusal in Entzcken geratenen
Steinbchse in Anspruch genommen war, um mich am Knopf zu fassen und mir
zuzuzischeln:

Mein Bester, von Ihnen allein hngt's jetzt ab, ob ich den Zweck meiner
Reise erreichen soll. Jedenfalls wird uns dieses Frauenzimmer zu der
Grbersttte fhren; -- Sie sind ein hbscher, gewandter Mensch --
merken Sie auf -- Sie sind mein Freund, Sie sind -- die Person guckt
her! -- kurz, fhren Sie sie ab -- halten Sie ihre Aufmerksamkeit nur
einen kurzen Augenblick fest -- ich werde Ihnen ewig dankbar sein; --
das Mdchen ist gar nicht bel; lassen Sie sich einen Ku, nur einen
einzigen Ku geben, wenn wir an den Knochen der Vorwelt stehen. Auf
einen Ku kann es Ihnen doch nicht ankommen, wenn es einen so erhabenen
Zweck wie die Osteologie gilt.

Man sieht doch, da Sie aus Ihrer Reiselektre etwas gelernt haben;
aber wollen Sie mich denn ohne alle Gewissensbisse Ihrem
wissenschaftlichen Drange, Ihren wsten Begierden opfern? fragte ich
vorwurfsvoll.

Keineswegs, Verehrtester! Was riskieren Sie? Ich reie mit meinem
Schdel aus; Steinbchse mag fr sich selber sorgen, und es wrde weder
Sie noch mich krnken, wenn man ihn am Kragen nhme. Sie selber, Bester,
kommen als unbeteiligter, harmloser Tourist unschuldig, khl und langsam
nach. Am Seeufer, beim Seeauer treffen wir wieder zusammen und feiern
den Sieg, und zu allem brigen schicke ich Ihnen auch gleich nach meiner
Heimkehr meine Abhandlung ber die Schdelbildung der ltesten, alten,
neuen und neuesten Vlkerstmme. Was sagen Sie _dazu_? Knnen Sie noch
widerstehen?

Nein! sagte ich. Hier haben Sie meine Hand darauf; an mir soll's
nicht liegen, wenn Sie Ihres Herzens Wunsch nicht durchsetzen. Lassen
Sie uns denn gehen.

Nun, mein reizendes Kind, sagte Zuckriegel kosend, indem er leise wie
eine Blindschleiche zu der bergbewohnenden Schnen schlpfte, nun, mein
Engel, diese angenehmen Kleinigkeiten haben wir jetzt zur Genge
betrachtet; wie wr's denn nunmehr mit den Grbern, meine Rose an den
Grbern?

Er wollte, um sich mehr einzuschmeicheln, der Holden die Wangen
streicheln, doch sie wich bse vor seiner Prosektorhand zurck und
suchte aus ihrer unter der Schrze hngenden Ledertasche einen
verrosteten Schlssel hervor, indem sie mit einem Trinkgelderblick uns
aufforderte, ihr zu folgen.

Eine wirklich allerliebste Trhterin an der Pforte der Unterwelt, Herr
Kollege! sagte Zuckriegel sehr laut zu dem Gelehrten aus Berlin; aber
Steinbchse flsterte nur:

Jetzt gilt es! Versumen Sie ja den gnstigen Augenblick nicht. Knnen
Sie laufen?

Mit meinem Schdel wie eine telegraphische Depesche.

Ich auch! Das brige liegt in der Hand der Gtter, sagte Steinbchse
selbstbewut, und durch Sumpf und Moos, tropfende Brombeerstauden und
sonstige Hindernisse wanden wir uns dem Leichenacker zu.

Man hat eine eigentmliche Vorrichtung getroffen, um die aufgedeckten
Grber mit ihren Gerippen zu konservieren und sie dem neu- oder
wibegierigen Publikum gegen eine Gratifikation vorweisen zu knnen.
ber das vorsichtig aufgegrabene und in seiner Lage unverrckt erhaltene
Skelett ist ein hlzerner Kasten in die Erde gesenkt, ein sarghnlicher
Kasten mit einer Klappe und einem groen Vorlegeschlo. Publikus
versammelt sich um diesen Kasten, die Gebirgsmaid versucht lngere Zeit
vergeblich, den rostigen Schlssel in das Schlo zu zwingen; endlich
springt der Deckel auf, Publikus reckt den Hals, stellt sich auf die
Zehen und gibt seine Befriedigung, sein Interesse, seinen Abscheu und
selten sein Mitleid in Worten und Gesten kund. Publika kreischt
natrlich auf, weil sie keine Gerippe sehen kann.

Diese armen toten Krieger, Weiber, Jnglinge und Jungfrauen! Es ist
nicht angenehm, sich nach so vielen Jahrhunderten ruhigen, ungestrten
Schlafes von einem so verzerrten, verkmmerten, nrrischen Geschlecht
wecken und angaffen lassen zu mssen. Wie wre es, wenn pltzlich solch
ein tausendjhriges zerfallendes Gebein sich rasselnd zusammenraffte,
aufrichtete, den Schlaf aus den hohlen Augenhhlen riebe und rgerlich
nach dem Bronzeschwert griffe, um unter die Hmorrhoidarier, die
Krinolinen, Professoren und ghnenden Reisebummler zu fahren?

Das wrde ein lustiges Laufen und Springen bergab werden; was wrde das
neunzehnte Jahrhundert alles verlieren auf dem Schlangenwege nach
Hallstadt hinunter! Was wrde der alte Kelte oder Germane alles
aufraffen knnen an Brillen, falschen Locken, Schnupftabaksdosen,
Sonnen- und Regenschirmen, Gummischuhen, Plaids, Lorgnetten! Hussah, was
fr eine Reiseerinnerung wrde das sein, meine Herren und Damen, wenn
man wieder sicher auf der Eisenbahn oder zu Hause se und des
vorweltlichen Spukes gedchte!

Aber ich schweife ab; ich habe ja auch noch von einem Bergunterlaufen
und Springen zu erzhlen, bei welchem ebenfalls mancherlei auf dem Wege
verloren wurde, was der verfolgende Rcher der Toten von Rechts wegen
fr gute Beute erklrte. --

Das Mdchen vom Rudolfsturm kniete neben ihrem Kasten und mhte sich mit
steigendem Verdru an dem widerspenstigen Schlo.

Zuckriegel griff nach der Hand Steinbchses, drckte sie bedeutsam und
ermutigend, lie sie fahren und flsterte:

Bruder! Kollege! Jetzt gilt's! Mut, Mut! Jeder greift nach dem, was er
packen kann -- ohne Unterschied der Wissenschaft! Bruder, unten am Berg
sortieren und teilen wir brderlich!

Mir rief er laut zu:

^Memento! cedo tibi puellam!^ zu deutsch: Achtung, mein Bester!
fhren Sie die Jungfrau abseits! --

Mit einem Krach ffnete sich jetzt das Schlo; die Maid schlug den
Deckel des Kastens zurck, mit gierig funkelnden Blicken schossen die
zwei Gelehrten vor, -- da lag der Kelte oder Urgermane wohlerhalten,
ruhig und behaglich auf der linken Seite, das Schwert zur Seite, auf der
Brust eine grne Spange, die einer plattgesessenen Sofasprungfeder
ungeheuer hnlich sah. Es war, als spiele ein schlaues Lcheln um das
entblte Gebi des Skeletts, ein Ausdruck, wie: Komm und k mich! und
Zuckriegel htte letzteres mit Wonne getan.

Nun aber geschah es wieder einmal, da ein wohlerdachter, fein zurecht
gelegter Angriffsplan von der Hast und Gewalt des Augenblicks ber den
Haufen geworfen wurde. Die Gier der beiden wissenschaftlichen
Leichenruber litt es nicht, da ich meinem Versprechen, die
Aufmerksamkeit der Jungfrau durch Liebenswrdigkeit zu fesseln,
nachkommen konnte.

Mit einem Schrei, der aus dem Tierreich zu stammen schien, strzten sich
Zuckriegel und Steinbchse auf den Kelten und griffen zu. Einen Schrei
stie aber auch das Mdchen vom Rudolfsturm aus:

Hilfe! Ruber! Diebe! Heilige Jungfrau! Maria und Joseph! Maxerl! Herr
Inspektor! Franzel! Hilfe um Gott und Jesu, s' gehet mit's G'ripp
durch!

Und aus dem Loche sprangen Steinbchse und Zuckriegel, der erste nach
des Geschickes Willen mit dem Schdel des Kelten in der einen Hand und
mit zwei riesigen Armknochen und einem Rippenstck im andern Arm! der
zweite hatte das Bronzeschwert, die Brustspange und verschiedene
sonstige antiquarische Kleinigkeiten gegriffen. ber Moos, Gestein und
Gestrpp flogen sie, die Regenschirme zurcklassend und die Hte
verlierend. Ich sank, halb ohnmchtig vor Entzcken, auf den nchsten
Baumstumpf.

Aber ringsumher regte es sich. Von allen Seiten strmten auf den
Hilferuf der Jungfrau rstige Nachkommen des fraglichen Kelten oder
Germanen herzu, einige mit xten, andere mit mchtigen Knppeln. Einige
atemlose Worte der Maid gengten, um sie den Spuren der Ruber, deren
flatternde Rocksche eben in der Tiefe des Waldes verschwanden,
nachzusenden. Fern verhallte der Lrm der Flucht und Verfolgung, und ich
lie mich, ohne Widerstand zu leisten, als verdchtigen Spiegesellen
der Knochendiebe durch den Regen vor den erstaunten Salzinspektor
fhren.

Nicht leicht wurde es mir, meine Unschuld an dem unglaublichen Vorfall
zu beweisen. Man sprach davon, mich in Eisen nach Salzburg
transportieren lassen zu wollen; man sprach in immer hherem und
schrferem Ton, doch ich hielt gut, blieb khl und gelassen und verwies
auf meine Papiere, welche mich als einen anstndigen Menschen und
harmlosen Touristen und keineswegs als einen Gelehrten oder
Leichenruber darstellten. Es wre auch sehr merkwrdig gewesen, wenn
sich vor der hohen sittlichen Entrstung, die auch ich ber den
schndlichen Vorgang an den Tag legte, die Zorneswogen des verstndigen
Mannes und Beamten, der mich verhrte, nicht gesnftigt htten. Auch die
zurckgelassenen Regenschirme und Hte, sowie das seidene Taschentuch
Steinbchses, welches von einem loyal gesinnten Dornstrauch festgehalten
war, trsteten. Verehrter Herr, sagte ich, Ihr antediluvianischer
Leichenacker scheint sehr ausgedehnt zu sein; lassen Sie einen andern
Urgermanen blolegen und Ihren Kasten mit Klappe, Schlo und Riegel
darauf setzen. Was liegt Ihnen an dem _einen_ Kelten? Da Sie durch
ruhiges Nachsehen der Wissenschaft, der Osteologie und Altertumskunde
vielleicht einen unendlichen Dienst leisten, mu Sie auerdem warm
anmuten.

Wir wollen sehen, was die Leute zurckbringen, sprach der Beamte.
Eher lasse ich Sie nicht los, Herr ...

Ein rauhes Siegesgeschrei vor der Pforte des Rudolfsturmes unterbrach
ihn; -- die Verfolger brachten _alles_ zurck, Schdel und Armknochen,
Rippen, Schwert und Spangen, und auerdem die Percke Zuckriegels und
die Brille Steinbchses. Steinbchse und Zuckriegel selbst hatten sie
laufen lassen.

S' habet alles hinter sich g'worfen, und d' Atzel und d' Brill habet s'
verloren! jubelten die Unholde.

So, sprach der frhlich lchelnde, sehr befriedigte Beamte, jetzt
wollen wir dem Abgeschiedenen das Seinige zurckerstatten, und dann,
mein lieber Herr, bitte ich, meine gehorsamsten Empfehlungen an Ihre
gelehrten Freunde zu bestellen. Die zurckgelassenen Gegenstnde
verbleiben natrlich den Leuten fr ihre gehabte Mhe. K' die Hand und
bitt' mir auf ein andermal die Ehr aus.

Damit empfahl sich der Inspektor und ging, seinen Kelten wieder
zusammenzuflicken. Ich ging auch und stieg langsam nach Hallstadt
hinunter, mute aber alle fnf Minuten stehen bleiben, um meiner inneren
Heiterkeit Luft zu machen, und der Phantasie Freiheit zu lassen, sich
das demnchstige Wiederfinden beim Seeauer auszumalen. --

Unter der Hinterpforte des Gasthauses stand Roderich von der Leine und
sah, wie es schien, sehr aufgeregt in den Regen hinaus. Er hatte sich
nach seinem Ausflug zum Waldbachstrub wieder ins karrierte Kostm werfen
mssen und erwartete mich mit prickelnder Ungeduld. Als er meiner
ansichtig wurde, begann er, mit erhobenen Hnden winkend, einen Tanz des
Entzckens.

Da sind Sie! da sind Sie endlich! O Freund, was fr eine Geschichte!
Herrlich! prachtvoll, o ich kann nicht mehr! schrie er mir entgegen.

Wo sind die beiden andern Herren? fragte ich mit mglichster
Gefatheit, doch der Dichter war zu aufgeregt, um einen klaren Bericht
erstatten zu knnen; nur das verstand ich zu meinem Leidwesen, da der
Professor Steinbchse aus Berlin bereits, na wie ein Kater und in
einer alten Mtze des Wirts, einen Einspnner gemietet habe und auer
sich vor Wut nach der Gosaumhle abgefahren sei.

O, wie haben sie sich noch gefat! O, was haben sie noch einander
gesagt! O, wie sahen sie aus! schrie Roderich, und ich schritt, von ihm
gefolgt, in die Gaststube.

Da sa Zuckriegel! Ein Bild uerster, menschlicher Wut und
ohnmchtigster Emprung. Er hatte seinen Anzug nicht gewechselt, und nur
um den kahlen Kopf einige bunte Taschentcher gewickelt. Als er mich
erblickte, stie er ein zischendes Geheul aus und umfate besagten Kopf
mit beiden Hnden; zhneknirschend, wutwimmernd spie er mir, sozusagen,
die Fragen entgegen:

Wissen Sie's? Haben Sie's gehrt? Wissen Sie, wie's abgelaufen ist?

Nur im Umri, Herr Prosektor.

O der Halunke, der Halunke, der niedertrchtige Berliner Halunke! Ich
sage Ihnen, wir wren durchgekommen; ich sage Ihnen, wir htten das
Unsrige davongetragen, ohne den Jammermann! Was tut er in seiner
erbrmlichen Angst, als uns das nachsetzende ^pecus^ an einer Stelle
etwas nher rckt? Meinen Schdel wirft er den Verfolgern vor,
hchstwahrscheinlich, um sie aufzuhalten, und damit ich mich mit seinem
rostigen Blechwerk desto sicherer rette. Wtend werfe ich natrlich auch
das alberne Ksemesser mit demselben Recht zum Henker und heie ihn im
Rennen und in meiner Verzweiflung und Raserei einen Hornochsen oder
dergleichen. Da schleudert die Bestie auch meine Armknochen und Rippen
von sich und schreit: Hornochse? da! da! so mag denn alles zum Teufel
gehen! Ich werfe ihm natrlich das andere alte Eisen an den Kopf, und
hinter uns brllen die Lmmel wie der Satan; denn sie scheinen zu
wissen, da sie nun alles wiederhaben, was wir mit so vieler Mhe aus
ihrer verdammten Wildnis ihnen abgeholt hatten. Sie lieen uns laufen,
und -- hier -- hier sitze ich, und meine Atzel ist auch zum Teufel.
Herrgott, Herrgott, wenn es doch eine ewige Gerechtigkeit gbe! ^Oleum
et operam perdidi^, das l auf dem verruchten Wege nach dem Rudolfsturm
und die Gelegenheit, den Berliner Ignoranten und Hasenfu
durchzuprgeln, eben jetzt. Den Tag vergesse ich nicht, und wenn ich
tausend Jahre alt wrde; -- wenn ein Objekt, auf das ich von Rechts
wegen als tot Ansprche htte, mir unter dem Seziermesser, vor dem
ersten Schnitt wieder aufleben wrde, knnte ich keine blutigeren Trnen
weinen. Ach, es gibt keine Gerechtigkeit -- keine Gerechtigkeit in der
Welt!

Der Prosektor Zuckriegel legte den Kopf auf das Buch vom Gaunertum,
welches er bei seinem Ausmarsch zu den keltischen Grabsttten auf dem
Tische hatte liegen lassen, und war von jetzt an fr uns tot. Wir nahmen
ihn wie ein Paket wieder mit nach Ischl, wo wir im schnsten
Sonnenschein anlangten. Roderich von der Leine verfiel hier natrlich
wieder dem schnen Geschlecht, und ich setzte die Fahrt nach Salzburg
allein fort.

Auch Salzburg lag im schnsten Sonnenschein in seinem Kessel und
brtelte; aber man hing soeben die Verlustlisten der ersten
italienischen Gefechte an die Straenecken, und das warf einen bsen
Schatten ber die reizende Stadt.

Ich hatte freilich keinen Verwandten oder Bekannten, fr welchen ich zu
sorgen brauchte, in der sterreichischen Armee, aber es fiel mir auf die
Seele, als ich die unheilvollen Reihen der Toten und Verwundeten
berblickte, da ich fglich ein Interesse an dem tapfern Jngling aus
Hallstadt, Seppel Schnrammer, nehmen knne. Es wrde mir sehr leid
getan haben, wenn ihn der Tod in der Blte seiner Jahre dahingerafft
htte; glcklicherweise stand sein Name jedoch nur unter den
Leichtverwundeten. Der junge Held hatte nur eine unbedeutende Kontusion
von einem Schu durch den Feldkessel in den Tornister bekommen. Er mute
sich also beim Eintritt dieses nicht allzu bedeutenden Unglcks bereits
auf dem Rckzuge befunden haben.




Gedelcke


I. Von der Stadt Kopenhagen und dem Kurator Herrn Jens Pedersen
Gedelcke.

Teilweise auf der Insel Seeland und teilweise auf der Insel Amager
liegt, wie mancher Schuljunge, aber nicht jeder Gelehrte wei, die Stadt
Kopenhagen, die Hauptstadt des Knigreichs Dnemark, wohl versehen mit
Fortifikationes sowohl auf der Land- wie auf der Seeseite, eine feine
und schne Residenz, und seit uralten Zeiten durch mannigfache Handels-
und sonstige Interessen mit Deutschland im, wenn auch nicht zrtlichen,
so doch recht angenehmen und freundnachbarschaftlichen Verhltnis. In
dieser Stadt lebte zu Ende des siebenzehnten und zu Anfang des
achtzehnten Skulums christlicher Zeitrechnung ein Mann des Namens Jens
Pedersen Gedelcke, und da er ebendaselbst starb, ist uns insofern
erfreulich, als uns das Faktum den Hauptstoff zu gegenwrtiger in
Wahrheit ungeschminkter, unverbrmter, unbefranzter, kurz ungelogener
Relation geliefert hat. Denn wre er nicht gestorben, so htte man ihn
auch nicht begraben knnen, und wre er nicht begraben worden, und zwar
mehr als einmal, so wre auch nicht Anno 1731 zu Clln an der Spree die
Historia von seinem sonderbaren Glauben, Leben, erstaunenden Tode und
merkwrdigen Begrbnis zum erstenmal in Druck ausgegangen, und wir
htten dieselbe nicht im Jahre 1865 zu Stuttgart auf dem Trdelmarkt um
neun Kreuzer Furchtlos und trew erstehen und zu eifrigem nchtlichen
Studium nach Hause tragen knnen. Da wre es uns denn auch ganz gewi
nicht beigefallen, anderer Skribenten Zeugnis und Meinung ber den
kuriosen Kasum einzuholen, um der Sache auf den Grund zu gehen,
sintemalen es einen solchen Kasum gar nicht gegeben htte. Und wenn uns
somit viele und arge Mhe erspart worden wre, so wrde das liebe
deutsche Publikum im ganzen und groen doch den meisten Schaden
davongetragen haben, denn wahrlich kein Autor htte ihm diesen Gedelcke
erfunden; der heutige lichte Tag, so ber alle Maen duldsam und ohne
Vorurteile, wrde es nicht gelitten haben.

Doch was stehen wir an der Tr? Jens Pedersen Gedelcke fhrte whrend
seines Lebens den Titel eines Kurators und wird also wohl auch einer
gewesen sein, und da er ber andere Sorgen die fr seinen Leib nicht
auer acht lie, ist ber allen Zweifel erhaben, und wurde, solange er
sich des Daseins erfreute, durch seine wohltuende Erscheinung verbrgt.
Denn wenn er von Statur mehr klein als gro war, so schob er doch ein
ungemein behaglich Buchlein vor sich her; und da er nicht durch das
Leben hastig und atemlos lief, oder mit Wrdigkeit und Bedachtsamkeit
langsam schritt, sondern es zierlich, ja gewissermaen tnzelnd
durchtrippelte, mute ebenfalls fr ein nicht zu verachtendes Zeichen
innerlichster Satisfaktion genommen werden. Er trug, wie es sich fr ihn
ziemte, ein wohlanstndiges, halbgelehrtes schwarzes Habit, eine
wohlfrisierte, tadellose Percke und den Hut unter dem Arm. Er legte
sowohl im Gehen wie in der Konversation das rundliche Haupt ein wenig
auf die rechte Schulter, und ein gewisses Blinzeln der kleinen, doch
sehr hellen Augen lie vermuten, da er ^a priori^ wie ^a posteriori^
den Kreis seiner Erfahrungen wohl zu erweitern wisse, und das Fltchen
in den Mundwinkeln deutete darauf hin, da er seinen lieben Nachbarn,
Freunden und Verwandten nicht alles kommuniziere, was er im Geiste
bewege. Man wute in der Stadt Kopenhagen, da er mit dem kniglichen
Professor der Geschichte, Herrn Ludwig Holberg, in einem sehr lebhaften
Verkehr stehe, und was dieses zu bedeuten hatte, das konnte jedermann
sagen, der sich an dem groen Gelehrten und kurieusen Humoristen
ergtzte oder rgerte; denn des Mannes Neigung und Freundschaft waren
nicht so leicht zu gewinnen, und es erhielten sie nur diejenigen, welche
auch wieder etwas dagegen zu bieten hatten. Wenn aber sehr groe Leute
auf den Kreuzwegen wie Wegweiser stehen, damit alles vorberwandelnde
Hornvieh sich bequem und ohngehindert daran reiben knne, so gehrte
Gedelcke nicht zu den sehr groen Leuten, denn an ihm rieb sich niemand
ungestraft, weder im Hause noch in der Gasse, und in der Kneipe gar
nicht. Er hatte ein feines Erbteil Mutterwitz mit auf den Lebensweg
bekommen und zahlte gern und mit groer Freigebigkeit einem jeglichen,
der dessen zu begehren schien, davon aus, -- einerlei ob ein mehr oder
weniger selbstbewuter Schdel aus dem Wehr-, Lehr- oder Nhrstande in
der gegnerischen Percke steckte. Am liebsten hatte er's, wenn er einem
Mitgliede der hhern oder auch niedern Geistlichkeit in solcher Art
einen kleinen berschu ber das antagonistische Guthaben auf den Tisch
zhlen konnte, und die Konsequenzen davon hatte er ebenfalls zu tragen.

Es verdichtete sich allmhlich der Nebel um den Leuchter und das Licht
seiner Existenz, und wenn die hpfende Flamme dadurch vergrert wurde,
so erschien sie doch auch ungewisser, undeutlicher. Was anfangs nur die
nchste Nachbarschaft sich kaum ins Ohr zu flstern wagt, das schreien
pltzlich die Ziegel von den Dchern, und der, welchem der Verdru auf
den Kopf fllt, wundert sich wohl gar noch darob. Die Gerchte aber, so
anfingen, ber den Kurator in Umlauf zu geraten, waren im Anfange, ehe
sie sich zu der letzten, bestimmten Berchtigung zusammengezogen hatten,
sehr verschieden und wechselnd in den Mulern der Leute, je nach der
Persnlichkeit, welche sich mit Herrn Jens Pedersen Gedelcke im
Widerspruch fand.

Die, welche sich sehr weise dnkten, sprachen von alchymistischen
Narreteien, von den blanken Reichstalern, die auf der Suche nach dem
Philosophenstein und ^Menstruum universale^ sich im Rauchfange des
Kurators verflchtigten, und zitierten mit bedchtlichem Kopfschtteln:

   O schdlich ^Acidum^, das Seelen ^corrodiret^!
   ^Sal sulphur^ und ^Mercur^ zur Hll' ^praecipitiret^!
   Er suchet ^Sol^ im Koth und ^Lunam^ in der Erden;
   Wie kann das ewig Licht ihm dort zu Theile werden?

Die Giftigeren wollten wissen, er schlage seine Frau, Mette, geborene
Niels, sei ein stinkender Geizteufel, welcher um desto rger daheim die
Zhne fletsche, je manierlicher und komplsanter er in den Gassen
einhertrete. Die Giftigsten aber hielten einander an den Rockknpfen
fest oder steckten ber dem Kaffeetisch die Dormeusen zusammen und
zischelten einander zu: Der Kurator Jens Pedersen Gedelcke sei auch ein
Zeichen, da nicht nur dem dnischen Zion, sondern dem ganzen Universo
die letzte und hchste Stunde nahe, ein Zeichen, wie die soeben von den
Astronomis entdeckten Flecken am Sonnenball, so nach der Opinion aller
frommen und nachdenklichen Leute ^ad prognostica propinqua^ des jngsten
Tages gehrten. Diese guten Nachbarn und lieben Freunde wuten ganz
genau und erfuhren immer besser: der Kurator streife allgemach sein
Christentum ab, wie die Schlange ihre Haut; er gehe zu seinem grten
Seelenschaden nur noch mit den verstockten Juden, ihren Lehrern,
Rabbinern und Bchern um, zum Tische des Herrn sei er schon seit Jahren
nicht mehr gegangen, den Sonntag halte er nicht mehr heilig, wohl aber
der Juden Sabbat, und vor dem Fleisch der Schweine habe er einen
unchristlichen Ekel. Es waren bald nur wenige Leute in der guten Stadt
Kopenhagen, welche nicht an sich oder andere die Frage stellten, ob
dieses nicht unerhrt sei, und ob nicht zum allgemeinen Salut und zur
Abwendung von Gottes Zorn das hochlbliche Polizeigericht sich der Sache
anzunehmen habe?

Da dieses dritte Gercht den meisten Anklang und Widerhall in der Stadt
fand, war nicht zu verwundern; die besten Freunde hielten dagegen nicht
stand, und wre auch wohl schon frher von oben her ein Einsehen getan,
wenn solches bei Lebzeiten seiner kniglichen Majestt Herrn Friedrichs
des Vierten tunlich gewesen wre. Dieser Monarch aber war zur Betrbnis
aller gottseligen Leute nicht so leicht dazu zu bringen, in solchem
Falle einen Spezialbefehl ergehen zu lassen; er war ein feiner, lustiger
und polierter Herr, welcher seine Freude am Leben hatte, und jeglichen
Untertan fr das Heil seiner Seele selber sorgen lie. Wie konnte er,
der sogar das Privilegium fr das erste dnische Nationaltheater gab und
den politischen Kannegieer selbst darin belachte, welcher von seinen
franzsischen Komdianten mit sehr merkwrdigem Gusto den Tartffe des
Monsieur Molire agieren lie, -- dazu gebracht werden, einem Untertan
ins Haus zu rcken, weil die Nachbarschaft behauptete: der Mann
verrichte seine Andacht mit Gebrden, Neigungen des Hauptes und in einem
leinenen Kragen, welche dem lutherischen christlichen Ritus und
Zeremonial ein Greuel seien? Er tat's nicht, und der Kurator blieb in
dem, was er tat, und dem, was er unterlie, insoweit unangefochten; aber
es war ein Glck fr ihn -- Herrn Jens Pedersen Gedelcke, -- da er, --
als knigliche Majestt in dem Jahre 1730 das Zeitliche segnete, ber
jegliche Anfechtung sich ebenfalls schleunigst erhob. Herr Christianus
des Namens der Sechste stieg auf den dnischen Thron, der dnischen
Komdie Leichenbegngnis wurde aufgefhrt; die dnische Welt vernderte
in jeder Weise ihr Gesicht; doch das ist unsere Geschichte.


II. Von den Herren Doktores Primus ^et^ Sekundus, imgleichen der Frau
Mette Gedelcke und dem ehrwrdigen Herrn Hieronymus Moekel von der
Trinitatiskirche.

Es war an einem Nachmittag im unfreundlichen Monat Februar des Jahres
1731, als zwei rzte, zu gleicher Zeit eilends herbeibeschieden, vor der
Tr des Kurators anlangten und beim gegenseitigen Anblick die
perckenbedeckten Hupter erhoben und jenes Lcheln erzwangen, welches
so viel schwerer zu prstieren ist, als ein Futritt oder ein
Faustschlag. Die Namen der beiden Herren sind unsern genauesten
Nachforschungen entgangen; so wollen wir denn jenen, der in einer Snfte
durch die strmenden Regenfluten heranschwankte, den Doktor Primus, und
jenen, welcher in seiner stattlichen Karosse eine halbe Minute spter
anlangte, den Doktor Sekundus nennen. Sie waren beide glnzende Lichter
in ihrer Kunst und Wissenschaft, und es war eine Freude, ihren gelahrten
Diskussionen zuzuhren, vorausgesetzt, da der Hrer ihnen nicht selber
die Zunge zu zeigen hatte. Wenn Herr Jens Pedersen Gedelcke sie beide
zu sich gebeten hatte, so konnte dies fr ein Zeichen genommen werden,
da es freilich zum Schlimmsten und Letzten gekommen sei, denn er wute
sonst ziemlich genau, was er tat; es fand sich aber, da sie nicht auf
seine eigene Einladung kamen.

Die beiden gelehrten Herren begrten einander auf dem Hausflur des
Kurators, wie es sich schickte, mit einem ^bonus dies, Collega!^ einem
^Serviteur!^ und ^quid agis?^ --, neigeten lngere Zeit an der untersten
Stufe der Treppe um den Vortritt die Hupter gegeneinander, hoben und
senkten deprezierend die Achseln und schritten sodann in gleicher Linie
nebeneinander aufwrts zum Zimmer des Patienten, vor dessen Tre sie
Madame mit betrbtem Kompliment in Empfang nahm, und zwar mit dem Finger
auf dem Munde, zum Zeichen, da Frsicht und Stillschweigen das erste
sei, was sie von den Herren erbitte. Aus dem Krankenzimmer vernahm man
einen merkwrdigen Gesang, und auf den Zehen schreitend fhrte die Frau
Mette Gedelcke die beiden Doktoren in ein Nebengemach, allwo sie zu
ihrer nicht geringen Verwunderung den Pfarrherrn der Trinitatiskirche,
Herrn Hieronymus Moekel, in tiefes kummervolles Nachsinnen und in einen
sehr groen Armstuhl versunken, bereits vorfanden. Da geschah wiederum
jenes wrdige und zierliche Begren, welches von dem achtzehnten
Jahrhundert zu solcher Blte und Vollkommenheit gebracht worden ist,
dessen Wissenschaft und Ausbung aber im neunzehnten Skulum leider
verloren ging und im zwanzigsten vielleicht wiedergefunden wird. Die
beiden hochpreislichen Fakultten taten einander alle gebhrenden Ehren
an, whrend die hochbetrbte Hausfrau mit dem Nastuch vor den Augen dazu
knixte und sich mit Wimmern und Geschluchz um die groe Ehre und
Hilfsbereitschaft, so ihr und ihrem Hause von den Herren erwiesen
wurden, einmal ber das andere bedankte. Erst als der Sitte und dem
^decoro^ in jeder Weise genug getan war, konnte, unter fortwhrendem
Horchen auf den fremdartigen Gesang hinter der Wand, die Konversation
auf das Wichtigere geleitet werden, und der Doktor Primus tat dieses,
indem er bemerkte:

Brauche ich Madame leider kaum zu befragen, wie es dem Herrn
Eheliebsten am heutigen Tage ergehe. Solches ist das rechte Wetter, die
^salia^ zu koagulieren, solches ist die Witterung derer Podagristen;
aber der Herr Kollega werden mir beifallen, wenn ich Madame die
Versicherung gebe, da der Patienten Ungebrdigkeit nicht das Schlimmste
ist, was der Medikus auf seinem Wege zu sehen und hren wnschet. Und
Madame darf sich keine unntigen Sorgen machen, des Herrn Kollegen
Sekundi ^Tinctura solis^ wird auch heut schon das Acidum obtundieren;
der Herr Ehegemahl befindet sich in guter Hand.

Die da sndigen, werden dem Arzt in die Hnde fallen, sprach der Herr
Hieronymus, das Haupt mit drohender Betrbnis senkend, whrend die
Doktoren schnell die Kpfe in die Hhe warfen, und der gelahrte Herr
Sekundus die Gelegenheit nahm, mit einer neuen tiefen Reverenz sich bei
Seiner Ehrwrden nach dem Verlauf des jngsten Konsistorialessens und
der darauf erfolgten Indigestion zu erkundigen, worauf Herr Hieronymus
das Gesprch abermals nher zum Zweck fhrte:

Messieurs belieben doch Platz zu behalten. Madame hat uns zu einer
wichtigen Konsultation zusammenberufen in dieses Haus, allwo leider der
Arzt des Leibes und der Arzt der unsterblichen Seele zu gleicher Zeit zu
tun haben. Wahrlich, Madame hat als ein fromm christlich Eheweib
gehandelt und ihre Brde mit Trnen auf sich genommen. Dieses ist ein
Haus worden, dessen Lieblichkeit zu belm Geruch sich wandelte, ein
Haus, dessen Tr belagert ist von unheiligen Geistern, so mit
Zhnefletschen, Schweifringeln und Schlagen, mit verhaltenem Gebell und
Geheul bei Tag und Nacht Einla begehren, lblicher Stadt und allem
christlich lutherischen Volk zum Skandalum, zum allerschrecklichsten
rgernis. Ja, die Herren wissen bereits, da der bse Feind allbereits
eingedrungen ist und neben dem Lager des Hausherrn sitzet und sich ber
ihn beuget und die Zhne mit Triumph blecket. Es klinget ein
absonderlicher Sang in unser Ohr; aber Madame mge reden, und Messieurs
mgen hren und uns sodann ihre treffliche Opinion mitteilen.

Ich bitte! fiel der Doktor Primus vorerst dazwischen. Es ist vor
allem weitern die Frage zu stellen, ob wir hieher berufen seien als
Medici oder als Theologi? Was saget der Herr Kollega?

Ich stimme dem Herrn Kollega bei und stelle mit ihm dieselbe Frage.

Messieurs, rief der Pfarrherr mit groem Ernst, wir sind hier in der
dnischen Stadt Kopenhagen, allwo kein Inquisitionsgericht Sitzung hlt
ber die Meinungen, doch wei hochehrwrdiges knigliches Konsistorium
sich auch verpflichtet vor Gott und Seiner Majestt, unserm kniglichen
Herrn Christian dem Sechsten. Man spreche, wie man zu sprechen wei; es
wird an andern liegen, die Conclusiones zu ziehen.

Ihr Herren, ihr liebe Herren, jammerte die Frau Mette, in ganz
Kopenhagen, auf ganz Seeland gibt's keine unglcklichere, geschlagenere
Seele, denn meine. Sie weisen in der Kirche und in den Gassen mit den
Fingern auf mich: >Sehet, da gehet das Weib des christlichen Juden!< --
ich wei mir am Ende nicht mehr zu helfen, und kann's nur ertragen, weil
mich der Herr Jesus Christus darzu erschaffen hat. Ich bin von
lutherischen frommen Eltern allhier geboren, und mein Mann ist aus
Helsingr und auch von christlichen Eltern geboren, solches ist ja von
der Kanzel abgelesen bei unserer Trauung. Ich will auch in meinem
lutherischen Glauben sterben; aber die Zungen der Leute bringen mich vor
der Zeit um, und -- drinnen liegt er, und der Juden Vorsnger, Meister
Henrich Israel, sitzet neben seinem Bett und mu ihm psalmodieren, und
es wird von Tage zu Tage schlimmer, wie er mit seiner ewigen Seligkeit
umgehet, und kein christlich Wort mehr annehmen will, und mit den
Rabbinern und jdischen Schriftgelehrten mehr Gemeinschaft pflegt als
mit seinem ehrlichen Eheweibe, so ihm doch bei Tag und Nacht den Fu in
Wolle schlagen und des Herrn Doktors Sekundi preiswrdige Medikamente
eingeben mu. Ich habe es getragen, getragen, getragen; aber es hat
alles sein Ende, und so habe ich es zuletzt zum Herrn Hieronymus Moekel
von Trinitatis getragen, und vor seiner Weisheit, Tugend und
Gottesfrchtigkeit meine Last abgeleget --

Und Madame hat gar wohl daran getan, fiel der Pfarrherr wieder ein;
und die Herren belieben wohl Achtung zu geben und auf jenen Gesang
hinter der Wand mit Bedacht zu horchen. Wahrlich, es handelt sich hier
darum, christliche Gemeinschaft der Heiligen und ein reines Evangelium
vor einem groen und unersetzlichen Schaden und einem stinkenden
rgernis zu bewahren. Messieurs haben den Herrn Kuratorem dem Leibe nach
in allen frhern ^Morbis^ und Hinflligkeiten behandelt; nunmehro aber
handelt es sich um eines angesehenen und wohlbekannten Mannes besseres
Teil, und die Herren mgen wohl in Obacht nehmen, da ihr Wort gewogen
wird vor einem hochwrdigen Konsistorio, vor kniglicher Majestt
erhabenem Thron und zuletzt droben mit der allerletzten Wagschale. So
sprechen denn die Herren und sagen, ob der Kurator Herr Jens Pedersen
Gedelcke ^mentis compos^, bei gesunden Sinnen sei und ein verlorener,
verruchter Snder, einer so die Schafe lsset und sich zu den Bcken
gesellet; -- oder ob ihn des Herrn Hand mit Wahnsinn geschlagen und nur
das Irrenhaus mit einem Hirntollen abzurechnen habe?!

Herr Hieronymus und liebwerte Madame, sprachen beide Doktoren mit
bedchtigem Kopfneigen; es ist unsere feste berzeugung und Meinung,
da der Herr Jens Pedersen Gedelcke nur am Podagra laborieret, und da,
wenn es, was der Himmel verhten mge, zum Schlimmsten gehen sollte,
viel mehr Expektanz vorhanden ist, die Krankheit steige ihm in den
Magen, denn in den Kopf; als welchen letzteren es nach unserer
Bekanntschaft in dieser erleuchteten Stadt Kopenhagen kaum einen zweiten
gleich hellen gibt.

So ist dieses Haus auserlesen, fr alle Zeiten im feurigen Lichte des
Verderbens zu scheinen! rief der geistliche Herr mit erhobenen Hnden;
und von dem Manne hinter der Wand wird's heien:

   Die, so den groen Gott und seiner Botschaft spotten,
   Verschlingt der Schwefelpfuhl wie Kor- und Satans Rotten!

Es ist der Juden Vorsinger, Henrich Israel, so ihm jetzo seine
Leibstcklein vorpfeifet, -- wahrlich ein Psalm fr einen, so in der
reinen Lehre geboren, erzogen und aufgewachsen ist. Wehe, wer wird ihm
singen, wenn die Seele den krperlichen Leib verlassen hat? O Frau,
Fraue, wahrlich ist Ihr ein schwer Schicksal auferlegt worden!

Der ehrwrdige Herr redete sich in immer grere Emotion, die Frau Mette
rang mit Wimmern und Winseln die Hnde, und beide Doktoren hatten das
Kinn auf den Stockknopf gesttzt und starrten ins Graue. Da schwieg die
Stimme Judas, und still ward's auch im betrbten Konklave, als ein
hager und gelb Gesicht sich in die leise geffnete Tr schob und ein
breiter Mund sich vernehmen lie:

Madame, der Herr Kurator wnscht die plsierliche Kompanie, so allhier
bei Ihr versammelt ist, auch bei sich zu bekomplimentieren!

Sotane Visage eignete Herrn David Bleichfeld, dem Famulo des Herrn
Pedersen Gedelcke, und zog sich ebenso schnell zurck, als sie sich
langsam vorgeschoben hatte.


III. Von dem Famulo Herrn David Bleichfeld.

In einem ziemlich groen, dunkelgrn ausgeschlagenen Gemach stand das
Bett des Kurators, zu Hupten vor allem bsen Zugwind durch eine
spanische Wand geschirmet, auf welcher allerlei chinesisches Volk Tee
trank, auch in Gartenhusern sich erlustierte oder mit groen
Sonnenschirmen spazieren ging. Von dem Kurator selber erblickte man
wenig mehr, als die mchtige Zipfelmtze, das rote, indische Tuch, mit
welchem die Stirn umwunden war, und die blaue Nase, welche eine nicht
geringe hnlichkeit mit der einer dnischen Bulldogge hatte, deren
Konterfei dem Bett gegenber an der Wand zu sehen war. Beim Eintritt der
Gattin, des geistlichen Herrn und der beiden rzte erhob sich die Nase
um ein weniges; der Famulus schob dem Kranken noch ein Kissen unter den
Kopf, worauf die hohe Nachtmtze mit recht freundlichem Nicken den
Besuch begrte, und der Kurator sprach:

Ei guten Tag Messieurs; ich gratuliere mir zu dieser schnen
Gesellschaft. Davide, setze Er Sthle; ^mon coeur^, frage, womit wir
aufwarten knnen; ein Glschen spanischen Weines wird eine
Annehmlichkeit um diese Zeit des Tages sein, wie ich selber eine hufige
Erfahrung davon habe.

Der Doktor Primus rusperte sich mit einem wrdigen Lcheln, und der
Doktor Sekundus klrte seine Kehle auf dieselbe Weise, allein Herr
Hieronymus sprach mit abwehrender Handbewegung:

Wir danken dem Herrn Kuratori, doch gelstet unserer Zunge nicht nach
irdischem Wohlschmack. Diese zwo Herren fhrt ihr leiblicher und mich
mein geistlicher Beruf hieher.

Ei, ei, sagte Jens Pedersen Gedelcke. Ehrwrden verpflichtet mich
immer mehr; doch -- was saget ^mon coeur^, meine Eheliebste? Welch einen
Beruf wendet sie fr?

O Jens! rief die Frau Mette, du weit, da es immerdar nur meine
Liebe und meine Sorge fr dein irdisch und ewig Heil ist, welche mich
bei dir festhlt!

Ei, ei, ei! wiederholte der Kurator und setzte hinzu: Davide, was
stehet Er und gaffet! Sein Gesicht wird dummer von Tag zu Tage; -- lasse
er den Hispanischen bringen, die Herren Doktores werden mir nicht den
Trost in meinem Jammer versagen.

Man mu denen Patienten ihren Willen lassen, Herr Hieronymus, sprach
der Doktor Sekundus mit einem freundlichen Lcheln zum Pastor der
Trinitatiskirche, und der Doktor Primus sah dem Famulo mit einem
beiflligen Kopfneigen bis zur Tre nach. Dann, als der Wein gekommen
war, ein jeglicher, -- selbst der Pfarrherr -- sein Spitzglas auf dem
Knie hielt, und David Bleichfeld wiederum das Zimmer verlassen hatte,
erhob sich der Kurator Gedelcke auf den linken Ellenbogen, blickte im
Kreise umher und verglich im Innersten die drei schwarzen Herren und die
in ein trbes Grau gekleidete Gattin mit drei Raben und einer ltlichen
Mantelkrhe, und sich selber in seinem Leiden mit einem podagristischen
Mops, welcher sich bewut war, was er im Leben geno, und deshalb die
Kondolenzvisite mit Geduld und Humor annehmen konnte. Mit groer Gewalt,
Beredsamkeit und Salbung rckte Ehrn Hieronymus Moekel von der
Trinitatiskirche dem wunderlichen Heiligen auf den Leib, und die Frau
Mette begleitete jeglichen Angriff mit leisem Gewimmer und lautem
Beifall; die beiden rzte aber hielten sich mehr passiv und an den
Spanischen, bis sich der Kampf auf ein Terrain wlzte, das weniger
Gelegenheit gab, sich zu kompromittieren. Was den Famulus David
Bleichfeld anbetraf, so stund derselbe drauen vor der Tre, hatte seine
lange drre Gestalt rechtwinklig eingeklappt und wechselte mit dem Auge
und dem Ohr vor dem Schlsselloch und begleitete das Spiel im Innern des
Gemaches auerhalb desselben mit den verwunderlichsten Grimassen, Gesten
und den allerkuriosesten Paraphrasen, Noten und Zitaten. Da er ein recht
gelehrter Mensch war und seinen Herrn liebte, so wollen wir uns mit dem
begngen, was er aus der Unterhaltung der andern abzog; sintemalen es
auch wohl nicht lohnen wrde, ein jedes Wort der Konversation dem
eiligen, atemlosen Publiko von neuem vor die Nase zu rcken.

Philister ber dir, Simson! murmelte der Horcher an der Wand. Heia,
jetzt haben sie ihn zwischen den Kneifzangen, wie den Strzebecher auf
dem Markt zu Hamburg. Horch, da ist der Pfarrherr schon auf dem Wege gen
Damaskon, und das Gleichnis vom schnaubenden Saulo passet wie die Faust
aufs Auge. Drauf, ^pro libertate christiana^, gebt es ihm, Herr
Kuratore. Ha, ha, an den Tod glubet Ihr, sintemalen er alle Eure
Vorfahren verschlucket hat? Ein hohes Konsistorium htte es Euch nicht
zugetraut, aber ein alter Heide und gyptier bleibt Ihr doch und nehmet
Eure Gerippe auf Eure Gastmhler nur deshalb mit, um bei ihrem Anblick
desto vergngter das Leben zu genieen! Noch ein Glschen Alikante, Herr
Doktor Primus? Ist es keine ^ratio theologica^, da man die, so in der
christlichen Kirche christlich gelebet, auch in der Versammlung der
Kirchen, welche der Tempel ist, ehrlich begrabe? O Gedelcke, Gedelcke,
du willst nicht durch die Gewlbe und Steinplatten verdampfen und
jeglicher frommen Nase zum rgernis und Leibesschaden werden?! O
Gedelcke, welch ein heidnischer Jud bist du, da es dir einerlei ist, ob
die Auferweckung der Auferstehung vorgehe: ist es dir nicht bekannt, da
geschrieben stehet: ^resuscitatio est causa resurrectionis?^ -- Also um
9976 Meilen ist das Firmament jngsthin eingesunken, Herr Doktor
Sekundus? -- Das ist freilich ein erfreulich Zeichen des kommenden
Jngsten Gerichtes; aber Er ist doch ein heimlicher Jude, Herr Jens
Pedersen Gedelcke, und wird dahin fahren, wohin Ihn der Herr Hieronymus
von der Dreifaltigkeit dirigieret. O, ruchlose Seele, ist die Hlle
nicht so hei, wie man sie machet? Gedelcke, Gedelcke, wie hast du den
rechten Weg verfehlet mit deinem metaphorischen Feuer; -- wo Rauch ist,
Apokalypse, vierzehntes Kapitel am zehnten und elften Vers -- da ist
auch Flamme -- Lukas im sechzehnten Stck, Vers vierundzwanzig! Was
soll's nunmehro mit unserm Meister Henrich Israel? O ha, anjetzo fangen
wir an und ziehen erst die rechten Register. O Gedelcke, o Herr
Kuratore, jetzt geht's mit Ihme um die Ecke und kopfber in den Pfuhl
der Verdammnis; einen guten Stilum magst du schreiben, mit dem Mund
magst du spitz und scharf auf den rechten Fleck zufahren; aber besser
wr's dir doch gewesen, so du nicht der Gelehrten, Weltweisen und
verfhrerischen Rabbinen Schriften studieret httest, sondern bei der
lautern Milch des Evangelii geblieben wrest! Das ist keine Sache fr
einen glubigen Christen, da er seinen Braten immerdar beim jdischen
Schlachter einkaufe; wer aber das Schwein und alles, was von ihm kommet,
verachtet, der mag sich wahren, da er nicht selber --

Der Famulus schnellte im jachen Schreck zurck und in die Hhe; im
Gemache seines Herrn hatte sich urpltzlich ein gewaltiger Tumult
erhoben. Sthle wurden mit Gepolter zurckgeschoben; die Glocke des
Kurators lutete gellend Sturm; die Stimme der Madame mischte sich
schneidend in das dumpfe Gebrumm der Mediziner und den rollenden
geistlichen Donner: Gedelckes Stimme aber klang klar gleich einem
Trompetensto durch die Schlacht:

Davide! Davide! wo steckt Er? Davide, eile Er herbei; komme Er seinem
geschlagenen Herrn zu Hilfe, Davide, Davide!

Mit einem Sprunge stand der Gerufene im Krankenzimmer.

Drauf, Davide, schrie der Kurator. Fhre Er die Herren die Treppe
hinunter, und sorge Er, da niemand Schaden leide. Da -- da, bei Moses
und allen groen und kleinen Propheten, bei der schnen Judith und dem
grausamen Feldhauptmann Holofernes, beim Bel zu Babel, beim Drachen zu
Babel, bei der keuschen Susanne im Bade, die Herren werden's verzeihen,
da ich ihnen nur meine Nachtmtze auf den Weg mitgebe.

Herr Jens Pedersen Gedelcke sa hochrot und tiefblau vor rger und
Aufregung im Bett und lie seinem Worte die Tat im nmlichen Moment
folgen. In bedrohlichster Nhe flog die Zipfelmtze des Kranken an der
Nase des Pastors vorber, und Herr Hieronymus Moekel erhob die Hnde, um
den Himmel zum Zeugen dieser Verruchtheit aufzurufen, schttelte den
Staub von den Fen und verlie das Haus des Kurators mit dem festen
Entschlu, drauen noch einige Worte in dieser Angelegenheit zu reden.
Die beiden rzte folgten dem Beispiele des geistlichen Herrn, nachdem
noch der Doktor Sekundus in seiner Eigenschaft als Haus- und Leibarzt
des Kurators versucht hatte, eine vershnlichere Stellung ihm gegenber
einzunehmen. Die Frau Mette verschlo sich mit ihren Krmpfen und
Konvulsionen in ihr Kmmerlein, und der heillose Snder und Verchter
jedes menschlichen und gttlichen Rechtes, Jens Pedersen Gedelcke, lie
sich von seinem Famulus die Kissen zurechtschieben und sprach
tiefaufatmend:

Schenke Er Ihm auch ein Glas Spanischen ein, Davide, da ich doch Einen
anstndlichen Menschen derer Gottesgabe genieen sehe. Tausend
lapplndische Donnerwetter!

Ihr zeitliches und ewigliches Heil und Wohlsein, Herr Kurator! sprach
der Famulus, mit tonloser Gravitt das gefllte Glas an die Lippen
fhrend.

Ich danke Ihm, Monsieur Bleichfeld, sagte Gedelcke. Hoffentlich hat
Er nach Seiner Gewohnheit an der Tr das Notwendige erhorchet; -- Herr
Ludovikus hat keine bessere Komdie auffhren lassen, und Er hat's
gratis gehabt, Davide. Ei, ei -- riechet Er noch den Schwefel? -- hat
der Pfaff mir eingeheizt, wie der Knig Nebukadnezar den drei Mnnern im
feurigen Ofen! Jetzt sage Er mir selber, Davide, bin ich ein Jud oder
keiner? Ich will Ihm alles glauben.

Ich halte Ihn so wenig fr einen Juden, Monsieur, als fr den
Verfertiger der Berleburger Bibel oder sonst einen Chiliasten! sprach
der Famulus mit berzeugung. -- --

Der Regen fuhr in immer heftigeren Strmen hernieder; im Innern des
Hauses des Kurators Gedelcke vernahm man keinen Laut. Die Mgde und der
Knecht kauerten verschchtert um den Kchenherd, und Madame mit ihrem
Tchterlein rhrte sich nicht; -- auf den groen Sturm war das tiefste
Schweigen gefolgt. Ein schwarzer Kater stieg wie der Geist des Hauses
langsam vom Bodenraum herab, schritt ber den Gang und kratzte oder
klopfte vielmehr an der Tre des Kurators.

ffne Er dem Mutz, Davide, sagte Herr Jens; das Vieh wird auch
kommen, um wegen der Emotion und des Tumultes zu kondolieren. Hierher,
mein Kater, mein guter Kerl, ja, ja, es ist eine tugendsame und fromme
Welt. Ja, ja, mein armer Mutz, die Totenkuze waren da, und es stehet
dahin, wie lange Er mir noch den Magen wird wrmen drfen.

Mit Geschnurr sprang der Schwarze auf das Bett seines Herrn, der ihm
ganz zrtlich den Pelz streichelte, und als das Tier sich zum
behaglichen Schlummer zusammengerollt hatte, pltzlich recht ernsthaft
gegen seinen Famulus begann:

Davide, es ist eine alte Geschichte und nicht viel Besonderes daran;
aber Er wei, was ich an Ihm getan habe; wie ich Ihn von der Gasse in
mein Haus nahm, Ihn wrmte, kleidete und ftterte und Ihm seine Kollegia
umsonsten verschaffte. Ich wei auch, da Er mir zugetan ist von ganzem
Herzen, und Ihm ist's nicht unbekannt, welch ein Trost mir Seine
lngliche Figur und hohe Sapienz zu jeder Zeit gewesen ist. Zur
Lustigkeit ist Er nie geneiget gewesen; also wird Er auch anjetzt wohl
ein bedchtiges Wort mit Ihme reden lassen. Famule, es ist aus und zu
Ende mit dem kniglich dnischen Untertan Jens Pedersen Gedelcke, und
der Kurator berlt der Welt Cura und Gaudium denen, so nach ihm
kommen. Ihm, Davide, habe ich meine Bibliotheka und zweitausend
Reichstaler vermacht. Madame und das Kind werden das Ihrige erhalten --
lasse Er das Heulen, Davide! der Meister Henrich Israel ist ja gar
nichts gegen Ihn! -- meine Seele gebe ich dem, welcher sie dem Erdenklo
einblus; was den Erdenklo selber aber anbetreffen mag, das ist in
diesem mit meinem Handsiegel pitschierten Skriptum enthalten, und lege
ich solches mit Vertrauen in Seine Hnde, auf da Er es, sobald der
Kurator Gedelcke, Sein alter Patron, abgelaufen ist, und Zeiger und
Pendulum still stehen, an die richtige Adresse abliefert. Was darauf zu
tun ist, das wird sich finden, und mag auch Er, Davide, Seine Stimme ^in
consilio^ haben als ein treuer Diener und ein prudenter Kopf. Den Mutz
vermache ich Ihm auch und wei, da Er fein lieblich mit ihm umgehen und
sich keine Winterkappe aus seinem Pelz machen lassen wird. Nun gebe Er
mir auch ein Glas Spanischen, einem jeglichem, so etwas dagegen zu sagen
wei, zum Trotz; -- ^pereat materia peccans cum titulo pleno!^ Lege Er
mir die Kissen zurecht, und lasse Er mich ein Stndlein allein; wenn der
Mensch es also khl gegen den Magen heraufsteigen spret, so hat er so
mancherlei zu bedenken, da ihm seine allerbesten Freunde zum berflu
werden mgen.

Herr Kuratore, sprach der Famulus; ich liebe Ihn von ganzem Herzen
und von ganzer Seele; Er ist mir mehr als ein Vater gewesen, und sein
Vermchtnis rhret mich mehr als zu sagen ist. Ich verhoffe, da ich Ihm
noch lange Jahre mit Kopf und Hand und Herzen, mit der Feder und mit dem
Maule zu Diensten sein darf; diesen Brief aber werde ich zur richtigen
Stunde, wenn es nicht anders sein kann, an den Herrn Obristen von Knorpp
abgeben, verlasse Er sich drauf.

^Optime!^ sprach Gedelcke, das Gesicht der Wand zukehrend. Es ist
eine kuriose Welt; bestelle Er mein Kompliment an den Benediktus,
Davide; das Regiment ist auf dem Marsch von Altona her.


IV. Von dem Herrn Obristen Benediktus von Knorpp.

Von den soeben beschriebenen Stunden an flossen natrlich nunmehr alle
die verschiedenen bedenklichen Gerchte ber den Kurator in der einen
entsetzlichen Gewiheit von der grausamen, abscheulichen und verruchten
Apostasie des Mannes zusammen, und mit schauderndem Wohlbehagen sah ihm
die Stadt Kopenhagen in die Fenster. Nun kamen die absonderlichsten
Histrchen zu Haufen hervor wie die Regenwrmer beim Laternenschein, und
hundert Leute, welche den Kurator in ihrem Leben nicht gesehen hatten,
erinnerten sich an Dinge und Worte aus jeder Epoche seines Daseins, die
wohl geeignet waren, die allgemeine christliche Betrbnis zu begrnden
und zu steigern. Die Herren Doktores segneten ihren abtrnnigen
Patienten nach jeglicher Krankenvisite; denn wenn auch ihre Kunst sie
dann und wann im Stiche lassen mochte, Jens Pedersen Gedelcke ging
ihnen nimmer aus, und wie ntzlich und annehmlich ein solcher stets
frischer Gesprchsstoff sein mag, das wei der wohl, so selber eines
solchen in seinem Beruf bedrftig ist. Auch der ehrwrdige Hieronymus
zog nach bestem Vermgen seinen Vorteil aus dem halsstarrigen
rationalistischen Snder und wute ihn an jedem Sonntag in seiner
Trinitatiskirche in einer andern und stets feurigeren Beleuchtung als
abschreckend Exempel auf die Kanzel zu bringen, und fand nur einen Dorn
an der Rose, nmlich den frommen Eifer der Kollegen, so den Kuratorem zu
eigenem Gebrauch entlehnten, ohne das ^ius primae possessionis^ im
geringsten zu achten. Was den Famulus David Bleichfeld anbetraf, so
konnte derselbe nicht mehr ber die Gasse gehen, ohne da sich Mann und
Weib an seinen Mantel oder Rockscho hingen, um ihn mit Fragen,
Kopfschtteln und guten Ratschlgen bis aufs uerste zu torquieren.

Im Hause selber hockte Frau Mette im Sack und in der Aschen, hielt ihr
Tchterlein zwischen den Knien, geno wie die Stadt Kopenhagen den
kitzelnden Schauder des unerhrten Zustandes und nahm dazwischen in
zerknirschter Gehobenheit die wunderlichsten Kondolenzbesuche an. Es
kamen Leute aus den hchsten wie aus den niedrigsten Stnden zu ihr:
gottesfrchtige Kammerherrn und Hofdamen vom erleuchteten Hofstaat
Seiner Majestt des Knigs Christians des Sechsten; theologisierende
Geheimerte, mystische Schuster, wohlmeinende Brgerfrauen, besonders
aber viele Pastorenwitwen mit den gedruckten oder ungedruckten Predigten
ihrer Seligen, also mehr als ein inspiriertes Waschweib. Die hohe und
niedere Geistlichkeit hielt das Haus blockiert, wie der Trk den Russen
Anno Eilf am Pruth; im Scho der Universitt summte und brummte es wie
in einem Bienenkorb, der sich zum Ausschwrmen rstet, und es war kein
Teetopf, kein Bierkrug und keine Bettgardine, hinter welchen nicht das
^Pro^ und ^Contra^ in Sachen Gedelcke mit Eifer abgewogen wurde.

Gedelcke selber verbi seine leiblichen Schmerzen hinter verriegelter
Tr, lie sich von seinem getreuen Famulo das Buch Koheleth, welches wir
den Prediger Salomonis nennen, vorlesen, schlug noch einen Hauptsturm
der Kopenhagener Prediger ab und machte am ersten Ostertage des durch
ihn so denkwrdigen Jahres 1731 sein Wort wahr, und ging mit dem Gefhl,
als ob ihm ein eiskalter Teller auf den Magen gedrcket werde, hinber
in eine bessere Welt, um vor einer andern Stelle als dem dnischen
Oberkonsistorio und dem Kopenhagener Polizeimeister und obern und untern
Publiko von seinem Leben, Taten und Meinungen Rechenschaft zu geben. Er
ersoff, verstockt wie Pharao, elendig im Roten Meere seiner Snden, wie
der Pastor Hieronymus Moekel sagte. Er zeigte, da er zur richtigen Zeit
seinen Abtritt zu nehmen wute, wie der Professor Ludwig Holberg mit
einem noch vieles andere sagenden Achselzucken bemerkte. Er schlug sich
dreimal an die Brust und rief: Ich wei, da ein allmchtiger Gott
ist! und verschied -- wie Monsieur David Bleichfeld spter auf dem
Polizeiamt berichtete.

Nun wei man aus der Geschichte, da um die Stunde, da der gromchtige,
grausame Tyrann und verruchte Knigsmrder Olivier Cromwellius, so sich
auch den Protektor von England heien lie, den Atem verhauchte, ein
erschrecklich Unwetter sich erhob, welches viele Fensterscheiben und
Schornsteine zerschlug, auch manchen Baum umwarf und sonst vielerlei
betrbtes Unheil anrichtete: um die neunte Abendstunde des ersten
Ostertages 1731, als der Kurator Gedelcke seine Rechnung abschlo,
entstand nur ein trockenes Wehen, das kaum den Staub und die Abflle in
den Gassen von Kopenhagen umherwirbelte, aber spterhin so gut wie das
engellndische Sturmwetter zu den Zeichen gerechnet wurde. Es rasselte
der Wind ein wenig an dem Fenster, als klopfe eine Hand an die Scheiben.
So lasse ich dich dem, welchem du angehren willst, Jens Pedersen
Gedelcke! rief der Prediger von der Dreifaltigkeitskirche und
entfernte sich mit seinem Kster Jesse Brgge; das Gesinde strzte fort,
die Frau verbarg sich mit dem Tchterlein in ihrem Gemache. Niemand
harrte bei dem toten Manne aus, als sein Famulus und sein Kater, welcher
letztere spter natrlich ebenfalls zu den Zeichen gezhlt wurde. Und
als David Bleichfeld eine halbe Stunde nach dem Tode des Patrons in sein
Kmmerlein hinaufstieg, um aus dem verborgensten Schubfach seines
Schreibpultes das an den Herrn Obristen von Knorpp gerichtete Schreiben
des Kurators hervorzunehmen, hielt der Kater die Leichenwache frs erste
ganz allein.

Mehr instinktartig und mechanisch, als in klarer berlegung dessen, was
geschehen mte, richtete der Famulus den letzten Auftrag seines Herrn
aus; aber selbst die Gewiheit, nur der letzten Grille des Verstorbenen
Vorschub zu leisten, wrde ihn auf seinem Wege nicht aufgehalten haben.

Er verlie das Haus und trug das versiegelte Papier in beiden Hnden vor
sich her durch die finstern Gassen. An einer Ecke traf er auf die
ehrwrdigen Herren von der Trinitatis- und der Frauenkirche, welchen ein
Diener mit der Laterne vorleuchtete. Sie hielten den Verstrten an und
sprachen, indem sie eine lngere Zeit hindurch an seiner Seite
schritten, heftig und hitzig auf ihn ein, ohne da er sie anfangs
verstand. Als er aber allmhlich ihre Meinung und die Wege, welche sie
gingen, begriff, da schob er das Schreiben Gedelckes hastig in die
Brusttasche und knpfte mit zitternden Fingern jeden Knopf darber zu;
noch hastiger nahm er sodann seinen Abschied von den zwei Pastren und
beschleunigte seine Schritte dergestalt, da er fast gnzlich auer Atem
vor der Wohnung des Obristen Benediktus von Knorpp anlangte und vor
bermchtiger Aufregung und Mangel an Luft kaum imstande war, daselbst
Einla zu begehren und seinen Namen zu nennen.

Da stand er denn auf dem Hausflur und murmelte: Ah, so ist es gemeint!
so ist es -- o, ich konnte es mir denken! o, Jens Pedersen Gedelcke! o,
Herr Kurator! o, mein guter, guter Herr und Patron! und aus dem obern
Gestock des Hauses drang ein rauher kriegerischer Gesang herab, welcher
sein erschttert Gemte auch wenig krftigte und festigte. Nun fhrte
ihn eine uralte, hexenartige Dienstmagd die Treppe hinauf; nun trat er
aus der Khle in die Hitze, nun stand er zwischen gepackten
Soldatenkoffern in einem dichten Nebel von Tabaksqualm, und das Lied von
der Schlacht bei Kige pate frtrefflich zu dem Manne, so in hohen
schwedischen Stiefeln, mit der Tonpfeife im Munde zwischen dem Fenster
und dem hohen Steinkrug auf dem Tische hin- und herschritt und jedesmal,
wann er die Nase und den Schnauzbart in dem Kruge versenkte, wute, was
er tat.

Der Herr Obrister sind heute mittag von Altona angelanget und gehen
bermorgen mit dem Regiment nach Frederikshall, hatte die
Wirtschafterin auf der Treppe dem Famulo mitgeteilt, und der Herr
Obrister kommandierten sich selber Halt! und Front, standen
stocksteif vor dem Boten des Kurators Jens Pedersen Gedelcke und
schnarrten:

^Bonsoir^, Monsieur Bleichfeld; ist Er's denn, oder ist Er's nicht? Bei
allem, was lebet, wie siehet Er aus, Herr Studio! Ist Ihm der General
Stenbock, der Knig Karl oder der Teufel selbst begegnet? Was bringet Er
mir von Sich oder Seinem Herrn?

Der Herr Kurator lassen sich dem Herrn Obristen allergehorsamst
rekommandieren; -- vor einer Stunde sind Sie sanft entschlafen.

Halt! schrie der Kriegsmann, beide Hnde wie Klauen dem
zusammenknickenden Famulus auf die Schulter schlagend, und ihm die
scharfe dnne Habichtnase so nahe als mglich unter die Augen rckend:
Ruhe im Glied! Was hat Er gesaget, Monsieur?

Der Famulus wiederholte stotternd seine Nachricht, die hellen Trnen
liefen ihm dabei jetzo ber die hagern Backen, und der Kriegsmann lie
seine Schulterbltter frei, leerte im jhen Schrecken und Schmerz seinen
Krug bis zum Grunde, setzte sich auf den nchsten Holzschemel und
seufzte in tiefster Zerknirschung:

O David Bleichfeld, das verdirbt mir mehr als diesen Abend! O
Bleichfelde, mit diesem Wort hat Er mir mehr in der Hand zerbrochen, als
diese tnerne Pfeife, und Famule -- holla -- ich kenne den Jens Pedersen
-- und ich glaube Ihm noch nicht, Monsieur David! Er ist geschickt
worden, mich anzulgen zum Willkommen, Kamerade -- sehe Er mir noch mal
in die Augen.

Noch einmal packte der Kriegsmann den Unglcksboten und sah ihm in das
klgliche Gesicht. Als er ihn aber zum zweiten Male frei lie, zweifelte
er nicht lnger, sondern seufzte:

O Jens, Jens, du halsstarriger, widerborstiger, nrrischer Bursch, so
hast du mir denn den letzten Schabernack gespielt und bist vom Posten
abgezogen, ohne Losung und Rapport zu hinterlassen. O du
fahnenflchtiger Bsewicht, die Hand httest du wenigstens mir noch
einmal drcken sollen! Monsieur Bleichfeld, ich sage Ihm, das hat mir
nicht geschwanet, da ich zu einem solchen Feste aus Holstein einrcken
solle. O Jens, eine solche Freundschaft wie die unsrige ist nie erhret
worden, und nimmer haben zwo menschliche Kreaturen in solchem Hader,
Ekel und Widerwillen miteinander gelebet, denn wir zwei beide! Monsieur
Bleichfeld, seit wir uns vor unserer Vter Tren zu Helsingr um Ball
und Kreisel die Kpfe blutig schlugen, seit wir in Rosenborg-Have Anno
1695 um die Mamsell Spegelmann einander in die Haare gerieten, sind wir
wie zwo Zwillingsbrder gewesen und haben kein Jahr verstreichen lassen,
ohne uns gegenseitig aufs Eis zu fhren, und nun ist er fortgegangen,
Meister Bleichfeld, und hat seinen alten Kumpan allein im dnischen
Dreck gelassen! Ich habe schon lngst in Altona auf seine diesjhrige
Schnurre gewartet; aber solches geht doch ber allen Spa, -- ohne ein
Aviso, -- ohne ein Wort zum Abschied --

Nicht ohne ein Wort zum Abschied, Herr Obrister! rief der Famulus, das
Schreiben seines Patrons hervorziehend. Dieses ist fr Euch, Herr von
Knorpp, und mir auf die Seele gebunden. Leset und lasset mich Eurer
Opinion, Eures Rates und Trostes genieen; es ist seine letzte Meinung
also gewesen.

Mit eilfertiger, ein wenig zitternder Hand hatte der Oberst nach dem
wohlversiegelten Brief gegriffen, ihn mehrfach von jeder Seite beaugt
und endlich erbrochen.

Da sa er am Tisch, die Skriptur auf Armeslnge von sich abhaltend, und
das wechselnde Spiel der Muskeln auf seinem runzligen, zhen,
verwetterten Ledergesicht war wohl eines feinen und gewandten
hollndischen Pinsels wrdig. Betrbnis, Erstaunen, Zornigkeit und helle
Wut zerrten in solcher blitzesschnellen Folge Stirn und Nase,
Schnauzbart, Kinn, Backen und Mundwinkel durcheinander, da der
kummerbelastete Famulus ob des mirakulosen Anblicks betroffen Schritt
fr Schritt zurcktrat, und zuletzt, als der Kriegsmann mit einem wilden
Fluch und einem donnernden Faustschlag auf den Tisch verkndete, da
dieses das Tollste und Heilloseste sei, was ihm seit dem Travendahler
Frieden vorgekommen, -- wie von dem Faustschlag selber getroffen
zusammenfuhr und schier in sich selber verschwand.

Wei Er, David Bleichfeld, was er mir hier schreibt? schrie der Obrist
und brllte, als der Famulus den Kopf schttelte: Er wendet sich an
mich und an Ihn, Davide, um sechs ungehobelte Bretter und ein stilles
Loch in der Erde! Er wei, was fr schwarzes Gevgel ihm ber dem Kopfe
fliegt und herabstoen will! Wir beide sollen ihn begraben, Monsieur,
bei Nacht und Nebel, still und fein suberlich, Monsieur. Er hat uns
seinen armen stinkenden Leichnam vermacht, Meister David Bleichfeld.
Seinem Hausdrachen trauet er nicht ber die Gasse und noch viel weniger
bis auf den Kirchhof, und was den ehrwrdigen Herrn Hieronymus Moekel
anbetrifft, so -- -- Himmel und Hlle, bei allen Gruben, an denen ich je
auf einem dnischen ^champ de bataille^ gestanden habe, Jens Pedersen
Gedelcke, es soll geschehen, wie du es wnschest, und sollte ich das
Haus mit meinen Fsilieren im Sturm nehmen mssen!

Auch der Famulus las nunmehro das Schreiben des Kurators und rief
sodann: O Herr Obrister, er hat recht, und Eile tut wahrlich not! Der
Herr Oberprediger von Trinitatis ist freilich schon auf dem Wege, ein
hochehrwrdiges Konsistorium ist bereits zusammenberufen, und was die
Dunkelheit dieser Nacht gebiert, das wird am Morgen gar schn und propre
daliegen --

Und bermorgen segeln wir auf alt Norge! rief der Kriegsmann, den
Dreimaster auf die Percke stlpend; Gewehr ber! Marsch auf der ganzen
Linie! O Jens, Jens, wie magst du von deiner Wolke herablachen, denn
also hast du mich in deinem ganzen Leben noch nicht zum Narren gehalten;
aber wer zuletzt lacht, -- ach Gott, es ist eine elende, nichtsnutzige
Welt, marsch, Meister David, lasse Er die schwarzen Vgel nur zu Haufen
fliegen; wir holen meinen Regimentsfeldscher Herrn Snorro Skalholt aus
seinem Garnisonsspital; dann knnen wir ihnen die Volte zu drei
schlagen, und, Monsieur David Bleichfeld, wann Er bermorgen mit mir und
meinem Regiment an Bord des Sjlland gehen will, so soll Er mir
hochwillkommen sein, und zu berlegen wr's!

Jawohl, zu berlegen wr's! seufzte der Famulus; aber der Gedanke an
das Testament des Kurators Gedelcke, an die herrliche Bibliothek und
die zweitausend dnischen Reichstaler legte sich ihm wie ein spanischer
Reiter in den Weg; mit einem Ruck der Verzweiflung zog er den Hut in die
Stirn, folgte unsicheren Schrittes dem Kriegsmann, welcher bereits die
Treppe hinunterstapfte, und fand sich zwanzig Minuten spter vor dem
Spital der Kopenhagener Garnison unter dem Fenster des islndischen
Doktors, welches der lange Oberst, auf den Zehen stehend mit dem
Stockknopf grad erreichte.

Wach ist er; aber Danziger Goldwasser ist auch ein liebliches
Getrnke, sprach der Herr von Knorpp. Da werden wir ihm doch wohl die
Scheibe einschlagen mssen. Hallo, holla, da ist er!

Auf das wiederholte Gepoch wurde mit einem grimmigen Getse das Fenster
in der Hhe aufgerissen, und, beleuchtet von einer flackernden Kerze,
schob sich der dickste Kopf der dnischen Monarchie in die Nacht vor.

Ist das nicht wie ein Nordlicht? fragte der Oberst, seinen Ellenbogen
dem Begleiter in die Seite stoend. Gut Freund, Meister Snorro
Skalholt! Steige Er hernieder, Kamarado, man hat eine Arbeit fr Ihn!

^Eheu, dux legionarius!^ schnarrte die Erscheinung im Fenster, das
zerwhlte, flachsartige Haar zurechtschttelnd. Seid Ihr es, Herr von
Knorpp? Was habet Ihr fr Euern Gehorsamsten? Mit oder ohne Messer,
Obrister?

Herunter mit dir, Island! schrie der Kriegsmann. Das weitere wird man
dir schon auf dem Wege sagen! Das Fenster schlo sich; der Doktor
Snorro Skalholt trat in die Gasse und erfuhr, um was es sich handle.
Frderhin lachte er nur von Zeit zu Zeit grimmig in den Bart und rieb
sich die Hnde unter dem Mantel. Bereit, auch das uerste fr ihre
Pflicht zu nehmen, erreichten die drei Verbndeten das Haus des Kurators
Jens Pedersen Gedelcke.


V. Von dem islndischen Regimentsfeldscherer Herrn Snorro Skalholt und
von Mynheer van der Tromp, weiland zu Leyden.

Halt! kommandierte wiederum der Obrist. In keinem Scharmtzel, in
keinem Treffen bin ich mit einem solchen Gefhl im Magen in die
Schlachtlinie gerckt, und Er, Skalholt, lasse Er das abscheuliche
Gegrunz und Gelach; htt' Er den Gedelcke gekannt, wie wir, es wrde
Ihme auch schwler ums Herz sein.

He, he, he, ich lache nicht ber den Herrn Kurator, ^monsieur le
colonel^; mich lchert Mynheer van der Tromp, den wir zu Leyden stahlen
zur Ehre der Wissenschaft. Lasset mich sehen, -- Lemort, Hotton,
Boerhave und ich teilten uns in ihn; -- ja, ja, die drei andern sind als
groe ^lumina^, als weltberhmte Lichter ausgegangen, und ich bin ein
armer Feldscher worden; aber was hat der Mensch von aller Gloria, wann
er tot ist? ^Barbati praecedant^, marschiere Er voran, Herr von Knorpp,
doch trete Er leise auf: Mevrouw van der Tromp bot fnfhundert
hollndische Dukaten dem, so ihr ihres Eheliebsten Leib retourniere, und
wir loffen schier an der Wand hinauf vor rger; denn wir hatten ihn
allbereits verwrfelt und ausgeteilet, jeglichem nach seiner Fortun.

Das ist ja eine recht jokose Historia, Meister Snorro, sprach der
Oberst Benediktus. Courage, Monsieur Bleichfeld!

Eine recht jokose Historia! murmelte der Famulus und scho in die
halbgeffnete Haustr, in welcher niemand ihm und seinen Begleitern
entgegentrat.

Niemand zu sehen und zu hren? sagte der Obrister. Wahrlich, das
siehet de und kalt aus. O Jens, Jens, du hast uns sonsten hier in
anderer Weise salutieret! Haben sie denn alle Reiaus genommen? Brr, im
Schwedenlager vor Frederikshall, Anno Achtzehn konnt's nicht khler
sein; -- o Gedelcke, Gedelcke, was ist aus deinem lustigen Quartier
geworden!

Nichts regte sich in dem groen weitluftigen Hause. Auf einer
Treppenstufe stand eine schwelende Kchenlampe, und dem Famulo schlugen
die Knie aneinander vor innerlichem Frost, als er die Hand nach dieser
Lampe ausstreckte, um den beiden Herren den Weg zu zeigen. Auch in dem
obern Gestock rhrte und regte sich nichts, auer den Musen hinter dem
Wandgetfel; die Tr des Sterbezimmers stand gleich der Haustr ein
wenig geffnet, doch brannte kein Licht in dem Gemache, und die kleine
qualmende Flamme, welche David Bleichfeld auf Armeslnge zitternd
vortrug, schien die Finsternis nur dichter und undurchdringlicher zu
machen.

Nun, Mann, da wir soweit sind, so rcket weiter, sagte der Oberst,
doch nicht mit der gewohnten rauhen Kommandostimme. Die Toten beien
nicht, und den Lebendigen kann man die Zhne weisen; -- da!

Der islndische Regimentsdoktor hatte den zaudernden Famulus durch einen
jhen Sto in das Gemach gedrngt; der Schein der Lampe fiel ber das
Bett des Kurators, und aus dem Lehnstuhl neben dem Bette erhob sich
fauchend der Kater Mutz und sah mit grnleuchtenden, wilden Augen auf
die Eintretenden. Unter dem weien Laken, so man ber den Leichnam
geworfen hatte, guckte nur der rote Zipfel der Nachtmtze Gedelckes
hervor; der Lichtschein tanzte ber dem Tische mit den Arzneiglsern,
Schalen und Bechern; auf der spanischen Wand grinsten die bunten
Chinesen wie phantastische Kobolde, und in dem kuriosen Gezweig schienen
die kuriosen Vgel in dmonischer Lustigkeit mit den Flgeln zu
schlagen. Schon aber hatte Herr Snorro Skalholt die Leinwand von dem
Gesicht des Toten gezogen, und whrend die beiden andern noch in
Betrbnis und Grauen bewegungslos standen, betastete er mit
gierig-kundiger Hand den Leichnam, wandte sich um und sprach:

Herr Obrister von Knorpp, der Mann spielt Euch sicher keinen Possen
mehr.

Ich wte nichts, so mir schwerer einginge! seufzte der Oberst. O
Jens, Jens, das gehet noch ber die Mamsell Spegelmann im Garten zu
Rosenborg, -- ah, bah, hab' ich damals meinen Willen gehabt, so sollst
du jetzo den deinigen haben, Jens Pedersen Gedelcke! Vorwrts im
Schritt; -- gebet Euer Wort dazu, Ihr Herren!

Messieurs sind also fest entschlossen, mit hier vorliegendem Korpus
^per fas et nefas^ denen, so ein mehreres Recht daran haben mchten, die
^elatio^, will sagen, die Leichaustragung vor der Nase hinweg
vorzunehmen? fragte der Doktor Snorro, sich von der Inspektion des
Leichnams aufrichtend.

^Per fas et nefas^, es war seine Meinung, und es soll so geschehen!
rief schluchzend der Famulus, und der Oberst von Knorpp streifte stumm,
mit grimmigem Ernst, die weiten rmelaufschlge zurck, zu jedem
Anpacken mit Fusten und Zhnen bereit.

So ist mein Avis, sagte der Regimentsfeldscher, die Herren halten
allhier gute Wacht mit Ober- und Untergewehr; ich aber bringe vom Spital
die Vespillones, will sagen, meine Bahrtrger. Da gehen wir dann mit dem
Herrn Kurator fein still und sittsam die Treppe hinunter, machen an der
Tr dem Haus unser Kompliment, und hab' ich ihn, will sagen, den Herrn
Kuratorem, im Spital, so --

Der Doktor brach ab und zeigte nur sein Gebi; der Herr von Knorpp und
Herr David Bleichfeld gaben nickend ihre Beistimmung kund, jedoch mit
der geheimen Reservation einer kleinen Unterschiedlichkeit zwischen den
allerletzten Schicksalen Mynheers van der Tromp und des Kurators Jens
Pedersen Gedelcke. Auf den Zehen schlich der Islnder aus dem Zimmer;
der Obrister setzte sich zu Hupten des Lagers nieder, und der Famulus
hielt Wacht an der Tr, nachdem er vorher noch eine Wachskerze, die er
auf einem Nebentische fand, angezndet hatte. Schnurrend aber ging der
Kater jetzo, nachdem er sich berzeugt hatte, da Freunde seines toten
Herren gekommen waren, von einem der beiden Mnner zu dem andern und
rieb knisternd sein Fell an ihren Schienbeinen und Waden, bis er
pltzlich ganz ^improviso^ mit einem Satz dem Obristen auf das Knie
sprang und gravittisch daselbst seinen Posten behauptete. Htte der
Kurator sich aufrichten und einen Blick in das weite, dunkle Gemach, auf
den rotrckigen Herrn Benedikt von Knorpp, den schwarzen,
bleichgesichtigen, zhneklappernden David Bleichfeld und den Mutz werfen
knnen, er wrde dessen gewi merkwrdiglich froh geworden sein.

Von Zeit zu Zeit unterbrach ein langes Geseufz, ein dumpferes Knurren
und Brummen des Kriegsmannes die Stille der Nacht. Der Wind zischte vor
den Fenstern, es rieselte der Ru im Schornstein hernieder, einmal wurde
drauen auf dem Gange eine Tr schnell geffnet und noch schneller
wieder zugeschlagen.

Da lob' ich mir jeglichen Posten ber jeder Flattermine, murmelte der
Obrister, und der Famulus lobte noch manche andere Dinge und Zustnde,
welche behaglicher waren, als dieses mitternchtliche Harren auf den
islndischen Doktor Snorro Skalholt und seine Bahrtrger. Endlich um
zwlf Uhr weniger zehn Minuten legte der Herr von Knorpp die Hand ans
Ohr, und David schlich zum Fenster und flsterte:

Da sind sie! der Himmel sei gepriesen!

Amen! sprach der Obrist. Taktmige Schritte mehrerer Mnner ertnten
in der stillen Gasse und hielten vor dem Hause des weiland Kurators
Gedelcke an.

Courage, Famulissime! flsterte der Herr von Knorpp. Jetzo fasset
einmal all Euern dnischen Heldenmut zusammen; denket an den ehrwrdigen
Herrn Hieronymus Moekel und das hochehrwrdige knigliche Konsistorium;
nehmt das Licht und haltet es hoch, ich nehme den Kurator! Courage, Jens
Pe -- wollte ich sagen David Bleichfeld! O Jens, Jens Pedersen
Gedelcke, ich hab' schon manch einen also aufgegriffen vom Feld, aber
keinen mit mehr rgernis und Jammer als dich! Komm, Alter, es war doch
ein ander Ding, als wir in Rosenborg-Have uns im Sonnenschein unsere
Meinung und die Mamsell Spegelmann um die Kpfe schlugen!

Er hatte whrend dieser Stoseufzer das Leinentuch fest um den Leichnam
geschlagen und erhob denselben nun mit einem wilden Ruck von dem Pfhle.
Im hchsten Schrecken fuhr David Bleichfeld gegen die Wand, und
zischend, mit emporgestrubtem Pelz, scho der Kater auf und sah mit
allen Zeichen des Entsetzens von einem hohen Eckschrank seinem toten
Herrn nach.

Horch, Island auf der Treppen! Hinaus, Monsieur, in des Satans Namen!
-- Leuchtet vor, -- Courage! rief der Obrist, keuchend unter seiner
absonderlichen Last; der Famulus ri die Tr auf, und der Herr von
Knorpp sprang mit dem Leichnam auf den Korridor hinaus. In demselben
Momento aber wurde auch die Tr der Frau Mette am Ende des Ganges
geffnet, und eine Magd, ein Teebrett mit Tassen und Tpfen in den
Hnden tragend, trat herfr, um einen Augenblick versteinert die
verwunderliche Gruppe anzustarren und mit dem nicht ungerechtfertigten
gellenden Gekreisch: Er holt ihn! er holt ihn! er hat ihn! Der Teufel!
der bse Feind! der Teufel holt den Herrn! der Teufel holt den Herrn
Kurator! zu Boden zu strzen. Auf sie und die Trmmer ihres Porzellans
sank mit eben solchem Geschrei die herzugeeilte trauernde Wittib.

Da haben wir's, Jens Gedelcke, da hast du's! drin sind wir! Vorwrts,
Monsieur Bleichfeld. Zehntausend finnische Nordlichter, wird das morgen
einen Lrm geben in der Stadt Kopenhagen! Greift zu, Herr Snorro, und
vorwrts im Galopp!

Ja, vorwrts im Galopp, das sagte Hermann Boerhave auch, als wir
Mynheer van der Tromp durch die Hoftr zwngten, murmelte der Islnder.
^De drommel^, das war im Jahr Neunundachtzig, Obrister!

Der Famulus sagte nichts; denn zuletzt trug er doch am schwersten an dem
Gewicht seines guten toten Patrons. Wie Frau und Magd im obern Stockwerk
des Hauses, so schrien nun Knecht und Kchin im Erdgescho auf und
strzten im fernsten Winkel bereinander; aber vor der Tr warteten ein
Gefreiter und vier Fsiliere mit der Spitalbahre: Viktoria, heran ihr
Leute! rief der islndische Feldscher. Packt auf und sehet euch nicht
um; greift aus, Herr von Knorpp, greift aus, Monsieur Bleichfeld, in
meinem Quartier mgen wir das weitere besprechen.

Schnell nahmen die Trger die Bahre auf, und im eilenden Laufe wurde der
Leib des Kurators Jens Pedersen Gedelcke durch die Gassen gefhret.
Weit ausschreitend, erffnete der Obriste Herr Benediktus von Knorpp den
Zug, und der Famulus mit dem Islnder beschlossen ihn. Scheu wich zur
Seite, wer dem gespenstischen Wesen begegnete, und mehr als ein guter
Kopenhagener Brger, an welchem das Ding vorbergefahren war, sprach
nachhero mit absonderlicher Inbrunst sein Vaterunser und zog die
Bettdecke hoch ber die Nase hinauf. Am andern Morgen in der grauesten
Frhe, vor Erffnung der Festungstore, rasselte ein Fuhrmannswagen gegen
das Ostertor heran, und ein tief in seinen Mantel gehllter Mann wies
dem wachthabenden Korporal den Passierzettel vor, worauf die Gitter ohne
Anstand geffnet wurden, und das Fuhrwerk ohngehindert seinen Weg durch
die Osterbrogade fortsetzen durfte. Am Garnisonskirchhof hielt der Wagen
abermals, drei Mnner stiegen herab und trugen mit Hilfe des Fuhrknechts
einen schlecht gezimmerten kniglich dnischen Soldatensarg im tiefsten
Schweigen durch den dichten Nebel ber den Gottesacker zu einer Grube,
an deren Rand der Totengrber mit seinem Gehilfen bereits wartete.

Im tiefsten Schweigen wurde der Sarg in die Erde hinabgesenkt; wie die
drei Mnner mit die Stricke gehalten hatten, so griffen sie auch mit zu
den Schaufeln, und in krzester Frist war die traurige Arbeit vollendet.
Nachdem sich die Totengrber entfernt hatten, blieben die drei
Leidtrger allein an dem neuen Grabe; der Famulus des Herrn Kurators
Jens Pedersen Gedelcke, David Bleichfeld, schluchzte laut hinter dem
vorgehaltenen Hute; der islndische Doktor Snorro Skalholt murmelte
etwas von Mynheer van der Tromp, und der Obriste Herr Benediktus von
Knorpp drckte mit einem Faustschlag den befiederten Dreimaster tief in
die Stirn und sprach:

So hast du denn wenigstens ein ehrlich Soldatengrab gekriegt, Jens, und
Gott schenke dir und uns allen eine frhliche Urstnd! Wir haben unser
Bestes getan, Messieurs, und fr jetzt das Beste gewonnen; aber --
Bleichfelde, nehme Er Vernunft an; gehe Er morgen mit mir und meinen
Fsilieren nach Norwegen. Bringe Er Seinen eigenen Leichnam in
Sicherheit, Famule; gehe Er mit uns nach Friedrichshall; die Kommodit
soll seit der schwedischen Berennung Anno Achtzehn mchtig zugenommen
haben; ich geb' Ihm meine Parol, auf Fort Gldenlwe soll Er sitzen wie
in Abrahams Scho, und wir wollen lachen ber das Krchzen und
Flgelschlagen jenseits des Wassers.

Seine, meine Bibliotheka! seufzte der Famulus. Die zwotausend
Reichstaler lass' ich hinter mir wie einen Sack Nsse; aber hat er Raum
an Bord fr ^Opera omnia^ Lutheri, Melanchthonis, Brentii, Walleri,
Erasmi, Clerici, Calvini, Cocceii, Launoii ...

Hr Er auf, hr Er auf! schrie der Obrist.

Hat er Platz fr des Cornelii a Lapide Bibelkommentare, sechszehn
Folianten? Hat Er --

Herr Benediktus von Knorpp hielt sich beide Ohren zu, und stiefelte
eilig ber die Grber der Kirchhofspforte zu, und verdrielich folgte
ihm der islndische Doktor. Der arme Famulus stand allein an dem
traurigen Grabe des Kurators Jens Pedersen Gedelcke, schlug die Hnde
zusammen und rief:

O mein guter Patron, mein Freund, mein Vater, was werden sie aus mir
machen? Was soll ich ohne Ihn anfangen in dieser rgerlichen giftigen
Welt? O Herr Kurator, Herr Kurator! Auf den Zaun des Garnisonfriedhofes
aber legten sich zwei hagere, haarige, knochige Fuste, eine lange,
schwarze Gestalt hob sich auf den Zehen, und eine spitzige, gertete
Nase roch in den Nebel hinein.

Ei, ei! so, so, Monsieur Bleichfeld, sprach Meister Jesse Brgge, der
Kster der Trinitatiskirche. Solches wird man freilich ein Begrbnis
Jojakims nennen! ^o profanatio^, was werden wir dazu sagen im
hochwrdigsten Konsistorio! Hat man Ihn, Monsieur? Ei, ei, ei, das war
freilich ein lieblich Werk und wird einen guten Geruch geben.


VI. Von der Stadt Friedrichshall, der Feste Friedrichstein und dem
dnischen Postschiff.

Im Norwegenschen Amt Smaalehnen, Stift Christiania, an der Mndung des
Tistedal-Elfs in den Idefjord, Swinesund, liegt die Stadt Friedrichshall
und daneben auf einem dreihundertundfnfzig Fu hohen Felsen die in alle
Zeiten berhmte und berchtigte Feste Friedrichsstein mit ihren beiden
Forts Oberberg und Gldenlwe, vor welchem letztern, wie jedermann wei,
in der Nacht vom elften auf den zwlften Dezember 1718 der tapfere Knig
Karolus, des Namens der Zwlfte, von einer Falkonetkugel durch den Kopf
getroffen, das Leben lie, und Schwedens Macht und Herrlichkeit ein jh
und schrecklich Ende nahm. Wir setzen den Fu auf diesen hochtragischen
Boden im Herbste des Jahres 1731, als Herr Benediktus von Knorpp
Kommandante auf Friedrichsstein war, und noch sind nicht alle Spuren der
schwedischen Belagerung in der den, felsigen Umgebung verwischt. In
diesen wenig bevlkerten, rauhen Gegenden hielt es schwer, selbst nur
das Notwendigste wieder aufzurichten, und berall zeigten noch die
Rudera verbrannter oder zerschossener Gehfte, die zu Laufgrben und
Schanzen aufgewhlte Erde, wie Bellona hier Hof gehalten hatte. Wie
Trauerflor berzog das dunkle Gewlk den Himmel, mit klagendem Getn
fuhr der Wind ber Land und Sund: immer noch schwebte ber den
schwarzgrnen spiegelnden Wellen, dem dstern regungslosen Felsen und
den Ruinen das Gespenst des gloriosen, wilden, nutzlosen Daseins, das
hier in dieser Einde, nach so gewaltigem Lrm und Leuchten in der Welt,
in nichts versank; -- noch immer schien die knigliche Leiche mit der
blutigen Stirn unter den Mauern von Gldenlwe zu liegen, und die
frostige, graue Landschaft nur die Trauerdekoration des schwedischen
Niederfalls zu sein.

Auf einer Bastion der Festung, von welcher aus man eine weite Aussicht
ber den Swinesund, die Stadt und die Berge hatte, stand an ein
Wallgeschtz gelehnt der Kommandant, und neben ihm sein Regimentsdoktor
Herr Snorro Skalholt der Islnder; whrend eine Schildwacht, ohngefhr
zwanzig Schritte ab, mit geschulterter Muskete auf und nieder ging.
Beide, der Gouverneur wie der Feldscherer, ghnten sehr, und dann sprach
der Herr von Knorpp:

Da man am Abend, wann man die Nachtmtze ber die Ohren ziehet, seine
Kinnladen noch beieinander findet, ist doch ein Mirakul, Meister Snorro;
und wann man hier vom Parapet herunterguckt, pfui Teufel, man mchte der
ganzen zahmen, lumpigen, lausigen Welt auf den Kopf speien. Aus Wams und
Hosen mchte man fahren vor Ungeduld! 's war doch eine andere Zeit, als
vor dreizehn Jahren der tolle Karl sein Hauptquartier da drben zu
Tistedalen hatte.

Gebe Er Frieden, Kommandante; was hilft Ihm der Skandal und Lrmen? Die
Jahre ziehen einem jeden zu seiner Zeit die Stiefeln aus, sagte der
Islnder. Sollte doch vermeinen, Er hab' der wilden Wirtschaft genug
gehabt in den dreiig Jahren, welche hindurch Er mich hinter sich
fortschleppt! Man wird eben alt und kahl und -- ^plus le singe s'lve,
plus il dcouvre^ -- Ihr wisset wohl, was. ^Sat, satis!^ was fehlet dem
bescheidenen, friedlichen Sinn und Gemt allhier auf dieser hochgelobten
kniglichen dnischen jungfrulichen Feste Friedrichsstein? Lasse Er mir
und lasse Er ihm selber Ruhe, das Postschiff kommt heut auch von
Christiania, und ich fr mein Teil verlange nicht mehr von dem ^theatro
mundi^ zu erfahren, als was es uns in seinem Neuigkeitensacke
mitbringt.

Jawohl, das Postschiff, das ist auch solch ein leidig Labsal, brummte
der Oberst. Was spinnen und haspeln sie anders, als ihre elende
pragmatische Sanktion! Wann der richtige Tanz darob beginnt, Meister
Snorro, werden wir zwei beide wohl still genug liegen. Na, wie ist's mit
dem Schiffe, Mann?

Diese letzte Frage galt der Schildwacht, welche salutierend den Kolben
der Muskete auf den Boden stie und prompt rapportierte:

Lief vor einer Viertelstunde allbereits in den Fjord!

^Bon^, sagte der Kommandant, steiget hernieder, Doktor, ich glaub',
wir haben fr diesmal genug von diesem angenehmlichen ^point de vue^;
man kennt die Kuriositt zur Genge. Was gibt es, Korporal?

Der aus dem Innern der Festung emporsteigende Unteroffizier richtete
sich ordonnanzmig und griff an den Hut:

Hab' dem Herrn Gouverneur zu vermelden, da von der Stadt ein Subjektum
sich heraufgeschleppt hat, so mit dem Boot von Christiania angelangt
sein will, und am Tor in Ohnmchtigkeit verfallen ist. Sitzet miserabel
jetzt in der Kommandantur, winselt nach dem Herrn Gouverneur, -- halten
zu Gnaden, ein erbarmungswrdig Stck Menschheit, -- nennet sich
Monsieur David Bleichfeld, und --

Mit offenem Munde blickte der Korporal Peter Pomperson seinem
Vorgesetzten und dem Doktor Skalholt nach.

Bleichfeld?! Gedelcke?! hatte der Oberst geschrien, und schon hallten
seine Schritte in dem nchsten bedeckten Wege, und der Islnder folgte
ihm im Trabe auf den Fersen.

Gegen alle soldatische Wrde langten in hastiger Atemlosigkeit die
beiden Herren in der Behausung des Gouverneurs an, und David Bleichfeld,
der Famulus des weiland Kurators Jens Pedersen Gedelcke, wankte ihnen
entgegen, wahrlich ein Bildnis des Jammers und aller Perdition des
Leibes und der Seele!

In Lappen und Fetzen hing dem Armen sein schwarz Schulmeisterhabit um
die Knochen, im Frost schlugen die Knie aneinander, der bitterste Mangel
starrte aus den gerteten, tief eingesunkenen Augen, und zu einem
grimmen Hohn ward der Versuch der ausgemergelten Kreatur, dem Obristen
und dem Doktor Skalholt entgegenzulcheln. Abermals sank der Exfamulus
David Bleichfeld in Schwachheit zusammen.

Packt ihn! rief der Islnder. Greifet dem Jammer sanfte unter die
Arme, Herr von Knorpp! Ins Bett mit ihm! Den Grtztopf ans Herdfeuer,
^agite, agite^! Das nennet man ^in extremis^ sein! He, he, he, Meister
Bleichfelde, haben sie Euch das Fell ber die Ohren gezogen? Habt Ihr
Haare gelassen? Greifet zu, Herr Kommandante, habet Ihr Euch nicht
gleich vorgestellet, da es also kommen werde? Es ist ein bs Ding, in
der Wespen Nest zu greifen, und es ist doch ein gut Ding um diese
sichere und edle Feste Friedrichsstein. Bringet den Narren zu Bett, Herr
Obrister von Knorpp!


VII. Von dem Teufel, dem Herrn Polizeimeister und Seiner glorwrdigen
kniglichen Majestt, Christiano dem Sechsten.

Erst am folgenden Tage hatte sich der Famulus insoweit erholet, da er,
durch Kissen untersttzet, aufrecht im Bett sitzen und seine klglichen
Erlebnisse seit dem zweiten Ostertage dem Gouverneur von Friedrichshall
und dem trefflichen Doktor Snorro Skalholt kommunizieren konnte.

O meine lieben Herren, seufzte er, wie sind die Wasser ber meinem
Haupte zusammengegangen, wie haben sie mich geducket in die Tiefe!

Und die allmchtige Bibliotheka? fragte der Kommandant.

Ist versunken mit allem, was an Fleisch und Philosophie, Mut und
Lebendigkeit an mir war, und ist nichts brig geblieben, als was
Messieurs vor Ihnen sehen; -- horch, was war das?

Der Wind im Schornstein und des Kapitns Storlands zahmer Br. Frchtet
Euch nicht vor Gespenstern; man fordert denenselben schon am Tor die
Parol ab. Referier Er weiter, Famulissime; nehme Er sich aber fortan
Seinen eigenen Weg und Seine Zeit --

Und nehme Er noch einen Schluck Schiedam, fgte der Doktor bei; und
David Bleichfeld lie das Gesicht in die Hnde sinken; befolgte dann
auch des Herrn Skalholt rsonnabeln Rat und erzhlte weiter; hatte aber
seinen eigenen Weg doch nicht ganz fr sich allein: wie es denn auch von
dem Obristen Benediktus von Knorpp nicht zu verlangen war, da er
whrend der lamentabeln Historia stillsitze und sich mit Wort und
Gebrde nicht rege.

Herr Gouverneur und Herr Doktor, sprach der Famulus, es ist wohl das
beste, da ich dem Faden nach erzhle; mein Gedchtnis ist gar schwach
geworden durch die bermenschliche Trbsal und groe Verfolgung; aber so
wird sich wohl eins aus dem andern geben: wo lieget der Kurator Herr
Jens Pedersen Gedelcke begraben, Herr Obrister?

Auf dem Garnisonskirchhof vor dem Ostertor, antwortete der Gefragte;
aber der Famulus schttelte sich fast den Kopf ab; der Kommandant fuhr
mit einem sehr bedenklichen Fluch in die Hhe, und der Feldscher rckte
mit Gekrach seinen Stuhl nher an das Bett und horchte mit weit
vorgestrecktem Halse.

Jawohl auf dem Garnisonskirchhof! winselte der Famulus. Ein jeglich
alt Weib hatte den Teufel, so den Herrn Kuratorem fortgefhret, rumoren
hren in der Nacht; ein schweflicht Leuchten war ber die Stadt
hingezogen, und das Gewsser im Kallebrostrand wie im Sund hat gesiedet
und gebrodelt wie die Suppe im Hafen. Vom Drei-Kronen-Fort aus hatte man
den Bsen auf einem schwarzen Gaul hoch in der Luft gesehen, und den
Herrn Kuratorem hatte er wie einen Sack vor sich ber den Sattelknopf
geworfen, und bis nach Schoonen hinber konnte man den feurigen
Hufschlag in den Wolken verfolgen. Das war gut, und wenig war dagegen zu
sagen, und ich lag im Fieber in meinem Kmmerlein, und die Wittib mit
dem Kind und alles Gesinde war vom Hause geflohen, ich hatt' es allein
mit dem Mutz, des seligen Herrn Kater. Und das Fieber hatte mich, und
war ich wie der Vogel Strau, so den Kopf in den Sand stecket, und hatte
eine groe Furcht. Das Volk in der Gasse stund zu Haufen, steckte die
Kpfe zusammen, flsterte und deutete mit den Fingern, und als ihr
Herren vielleicht mit Skagen in Sicht segeltet, da klopften der
geistliche und weltliche Arm ^a tempo^ an meine verriegelte Tr, und der
Herr Polizeimeister kam in Persona, begleitet von Herrn Hieronymus
Moekel und dem Kster Jesse Brgge; da war ich wie der Maulwurf auf dem
Spaten! Sie drangen herein im Namen kniglicher Majestt und riefen Wehe
ber mich im Namen ^summi episcopi^ und in ihrem eigenen Namen, und Ihn,
Herr Obrister von Knorpp, und Ihn, Herr Snorro, htten sie gar zu gerne
zurckgehabt; aber ich hab' den Kelch allein saufen mssen bis zur
Hefen. Die halbe Stadt Kopenhagen ist vors Verhr gezogen, und die
geistlichen Herren haben natrlich das letzte und das hchste Wort
gehabt und klar dargetan, da Jens Pedersen Gedelcke nicht als ein
glubiger Christ, sondern als ein unglubiger Jud gestorben sei, da ihm
nicht gebhre ein christlich Begrbnis, und also ist das Zeugenverhr
und Gutachten vom hochlblichen Polizeigericht Kniglicher Majestt
untertnigst unterbreitet, und am Dreiundzwanzigsten Maji ist
Kniglicher Majestt allergndigste Resolution dem Herrn Polizeimeister
zugestellet worden.

Da haben wir's! Himmel und Hlle, jetzt sehe ich es kommen! O
Gedelcke, Gedelcke! schrie der Obrist.

O Mynheer van der Tromp, welch ein gutes Los ist Euch zuteil worden!
sprach grinsend der islndische Doktor. Weiter, weiter, Monsieur
Bleichfelde, auch ich sehe es kommen, und es brauet dick in der Hhe.
Wre dem Herrn Ludovico Holbergio nicht der Fuchsschwanz hintenan
gebunden, er knnte ein fein Stcklein darber in Reime bringen.

Und am fnfundzwanzigsten Maji, fuhr der Famulus fort, bei
Sonnenaufgang holten sie mich herfr aus dem Loch und stieen mich mit
den Kolben durch die Gassen, und ganz Kopenhagen schwarmete vor, zur
Seiten und hinterher, schrie Zeter und warf nach mir mit Kot und
Steinen. Da hatten nach allergndigstem hohen kniglichen Befehl der
Herr Polizeimeister die ltesten der jdischen Nation zu ihme
beschieden, und wurde ihres Volkes eine Menge von denen Polizeibedienten
und Stadtwchtern zusammengeholet aus ihren Husern, Schulen und
Synagogen, und muten sie auch die Trauerkutschen zahlen. Deren hielten
eine Menge vor dem Polizeihaus, und als nun das neue Leichgeleit
beieinander war, da zogen sie mich in die erste Kutsch als frnehmsten
Pullatum oder Leidtrger, und der Juden lteste setzeten sie zu zwei
oder drei in die nachfolgenden Wagen mit Polizeibedienten zur Wacht
untermenget. Dann fhrete die Miliz mit Ober- und Untergewehr die junge
Judenschaft nach, und mit einer besonderen Wacht kam der Fuhrmann, so
mit uns den Herrn Kuratorem zum Garnisonskirchhof fuhr; der
Scharfrichter zu Pferde und seine Knechte mit dem Schinderkarren
beschlossen den Zug. So zogen wir wieder zum Ostertor hinaus, und als
wir auf dem Kirchhof ankamen, da war der Herr Polizeimeister schon
angelanget, und es marschierte ein Kommando Grenadiers unter einem
Oberoffizier heran. Da wurden drei Kreise um das Grab geschlossen, so
wir unserm Freund und Patron dem Kurator Jens Pedersen Gedelcke gemacht
hatten; der erste von den Grenadiers, der zweite von den Wchtern mit
ihren Morgensternen, der dritte und Hauptkreis von denen Beamten und
Offizieren. Und wie alles in der Ordnung war, da wurde unter
Trommelschlag das Gewehr prsentiert und vom Polizeimeister
allergndigste hohe knigliche Resolution verlesen, wie da Jens
Pedersen Gedelcke, der, obwohl vorhero ein Christ, als ein Jude starb,
nicht wrdig und wert sei, auf christlichem Gottesacker zu ruhen unter
denen christlichen Kriegesleuten, und da er, Jens Pedersen Gedelcke,
derowegen von den ltesten der jdischen Nation sollte wiederum
aufgegraben, nach ihrem eigenen Kirchhof transportieret und daselbsten
von neuem beigesetzt werden; -- mit Hilfe des Scharfrichters und seiner
Knechte, wann sie -- die Juden -- es nicht alleine verrichten knnten
und wollten. Da wurden die Schaufeln dem Rabbiner vor die Fe auf das
Grab geworfen, und wie es geschrieben stand, ist es geschehen, der Sarg
ist aufgewhlet und mit Hammer und Zange erffnet, und sie haben mich
herzugerissen, den Leichnam zu erkennen, und unter Hohn und Spott,
Lachen und Geschrei, ist der Kurator fortgetragen bis zu dem jdischen
Leichenwagen, so auf vieles Flehen und Bitten anstatt des
Schinderkarrens zugestanden war. Nun mute der Rabbi als frnehmster
Sorgmann hinter dem Wagen gehen, dann trieben sie paarweise das andere
verspottete Volk nach dem Alter, und die Miliz und die Polizeibeamten
schritten zur Seiten, auf da keiner ausweiche, und die Wchter mit den
Morgensternen beschlossen den Kondukt. So ist mein teurer Herr zum
zweiten Male beigesetzet worden auf dem Judenkirchhof und sein Testament
kassieret. In bser Krankheit hab' ich im Spital gelegen, und als ich
des Bewutseins wieder mchtig war, haben sie mich mit Schande aus der
Stadt gejaget, und in Christiania hab' ich wieder krank gelegen, und nun
bin ich hier --

Heule Er nicht, Bleichfelde, sprach der Obriste Benediktus von Knorpp,
welchem die Pfeife lngst ausgegangen war. Wir wollen Ihn schon wieder
auf die Beine bringen; was aberst den Jens Pedersen betrifft, so mcht'
ich selbsten grad heraus heulen; denn niemalen sind vier so anstndige
und wackere Gesellen, wie er und ich, und Er, Meister David, und Er,
Doktor Snorro, so heillos und miserabel abgetrumpfet und mit der Nasen
in den Sumpf gestoen worden! O Gedelcke, Gedelcke; -- was saget Er,
Snorro?

Ehe der islndische Doktor seine Opinion kundmachen konnte, wurde die
Tr aufgerissen, und wieder stand der Korporal Peter Pomperson da, griff
an den Hut und rapportierte --


VIII. Zum Beschlu:

Vermelde dem Herrn Gouverneur zu Gnaden, da wiederum ein Subjektum von
der Stadt heraufgestiegen ist. Kam mit dem Schoner Margareth von
Gthaborg, sitzet mit seinem Sack und mit Zhneklappen auf der Trepp und
nennet sich mit seinen Namen Henrich Israel, weiland der Juden Vorsinger
zu Kopenhagen.

Dieses Mal tat der Doktor Snorro einen langen Pfiff; der Famulus David
Bleichfeld schnellte gleich einem Lachs aus seinen Kissen auf, und der
Obrist von Knorpp chzte:

Herein, herein, ich lasse alles ber mich ergehen, und wo man mich in
meinen Snden vergraben wird, ist mir auch einerlei: Marsch, Korporal,
bringe Er den Juden.

Der Korporal trat ab, und nach einer Minute vernahm man drauen ein
Zerren und Schlurfen und eine weinerliche Stimme, so sich hchlichst
entschuldigte der groen Strung und Molesten halber; dann wurde die
Tre zum zweiten Male geffnet, und von der krftigen Faust Peter
Pompersons vorgestoen, flog der Meister Henrich Israel in das Gemach:

Gott Abrahams und Jakobs, welch ein Schicksal!

Es vermag aber keine Feder das gegenseitige Anstarren zu schildern.

Seid Ihr es? Seid Ihr's im Fleisch und Gebein, Meister Israel? rief
der Exfamulus. Wie sehet Ihr aus? Wer hat denn Euch also mitspielen
knnen? ^Eheu, eheu^, welch ein Schauspiel, welch eine Wehmut!

Meine eigene Mutter mcht' mich wohl nicht wiedererkennen; -- was haben
die Herren ntig, -- feine Seif', Haarband, den Zopf zu wickeln? Tausend
Lieblichkeiten; -- soll ich aufmachen den Kasten? soll ich aufbinden den
Sack?

Wer schicket Ihn dergestalt durch das Land? fragte der Doktor
Skalholt. Was ist aus seinem Vorsingertum worden? wer hat Ihn also in
den Klauen gehabt?

Des armen Teufels Standhaftigkeit hielt nicht lnger; in lautes Weinen
brach der wandernde Krmer Henrich Israel aus, und mit Hnderingen rief
er:

Bin ich noch lnger Vorsinger an der Synagog' zu Kopenhagen, wie ich es
bin gewesen an die zwanzig Jahr? Nein, ich bin es nicht. Der arme Jd
hungert und friert auf der Landstra'; sie haben ihn ausgestoen um den
Kurator Jens Pedersen Gedelcke; sie haben ihm den Ehrenrock ausgezogen
und ihm den Bettelsack angehngt. Gott meiner Vter, weil er ein
Gelehrter im Tempel war und Bescheid wut' im Gesetz und reden konnt'
darber, haben sie ihn gestoen vom Stuhl und seinem Gesang ein Ende
gemachet --

Hoho, ich riech's, ich riech's, rief der Kommandant, da haben wir das
Schwanzende! Auf Ihn, Henrich Israel, ist's zu allerletzten ausgegangen,
und weilen er mit dem Kurator den Mosen und die Propheten traktieret und
ihm vorgesungen hat, hat seine Nation Ihm den Greuel in den Schuh
geschoben, und ist ber Ihn hergefallen mit den Fingerngeln! Denn
sintemalen nun der Jens begraben lieget auf der Jden Kirchhof --

Lieget er begraben auf der Jden Kirchhof? schrie der Meister Israel
im hchsten und klglichsten Diskant. Mit nichten lieget er auf der
Jden Kirchhof! Auf dem freien Felde liegt er, und das Vieh weidet ber
seinem Grabe.

Der Exfamulus hatte seine Bettdecke von sich geschleudert und stand mit
den nackten Fen auf dem Boden; der Obriste Benediktus von Knorpp hatte
seine tnerne Pfeife an die Wand geworfen und hielt den Exvorsinger an
der Gurgel; der islndische Doktor Snorro Skalholt aber -- griff ruhig
nach dem Krug Schiedammer und sprach mit Gelassenheit:

^Simplex sigillum veri^, sagte mein Freund, Herr Hermann Boerhavius zu
Leyden; verzhle Er weiter, Monsieur Israel.

Mit einem tiefen Seufzer hatte der Obrist die Kehle des unglcklichen
Hebrers losgelassen und war kraftlos auf den nchsten Stuhl gefallen;
der Famulus des weiland Kurators Jens Pedersen Gedelcke hatte die Fe
von den kalten Platten wieder in die Hhe und die Decke ber sich
gezogen; der Exvorsinger von Kopenhagen sprach mit Zittern weiter:

Bin ich nicht gekommen deshalb ber Fels und Wasser, durch die Wste
und den Wald, zu sagen, wie es ausgegangen ist mit dem Herrn Kuratore?
Mein, wie konnten sie ihn lassen liegen unter ihren Vtern, da er doch
nicht ein Jd war, sondern ein christlicher Mann, wie es keinen bessern
gab im Knigreich Dnemark und Norwegen?! Wohl haben sie mich
aufgegriffen, um da ich den Spott ber sie gebracht htt', und sind
ber mir zu Gericht gesessen, weilen mich der Verstorbene fr seinen
Freund hielt und mit mir das Gesetz und die Zeremonien beredete. Es war
ein gro Wehklagen und Wimmern in unserm Volk ob der Unreinigkeit, so
auf es geleget war; und alt und jung hat im Sack und in der Asche
gesessen bei Tag und Nacht und zum Herrn geflehet, wie die Vter vordem
fleheten gegen den Antiochus, gegen Assyria und Babylon, gegen den Knig
aus dem Land Chitim und die Stadt Rom. Und der Gott Abrahams hat den
Jammer angesehen und sein Volk erlset aus der Schmach um hundert
Dukaten, die hat man erleget an den Konvent, so auch das Seidenhaus
genennet ist. Ist um solche hundert Dukaten eine neue Resolution
ergangen, des Sinnes, da, weilen auch die Jden des weiland Kuratoris
Jens Pedersen Gedelcken Leichnam nicht wollten, sie ihn zum zweiten Mal
wieder aufgraben drften und zum dritten Mal ihn beisetzen zweihundert
Schritte von ihrem Totenacker auf dem allgemeinen Feld. Haben die
Rabbiner und ltesten mich herfrgezogen aus dem Winkel und mir die
Schaufeln auf die Schulter geleget und mich hingefhret zu dem Ort der
Unreinigkeit; da hab' ich mit Trnen die steinichte Erd aufgegraben, und
mit Stricken ist der vermoderte Sarg aufgezogen und dann zum dritten Mal
verscharret. Da hat die Stadt wiederum ihr Gaudium gehabt; ich aber bin
mit Trnen hinausgegangen aus der Gemeinde, und sie haben mir
nachgespieen in das Elend. Ich bin ausgestoen worden aus der
Gemeinschaft meines Volkes; wenn ich lge, wo der Herr Kurator lieget,
so wrde es besser um mich bestellet sein.

Hat einer hierzu noch irgend etwas zu sagen? rief der Doktor Snorro
Skalholt, und als niemand den Mund auftat, sprach er selber:

Wenn ich in Bedacht nehme, wie alt der Mensch werden kann, ohne
aufzuhren, ein Esel zu sein, so mchte ich mir selber zu einem Greuel
werden. Da bin ich jung geworden zu Reikiawik im alten, klugen Island,
und war auch meine Frau Mutter eine merkwrdig gescheite Frau. Da hab'
ich studieret mit dem weltberhmten Boerhavius zu Leyden auf der
glorreichsten Universitt, und sie haben mir ins Testimonium
geschrieben, da es nichts Geringes sei um mein Ingenium, hab' mir auch
sonsten zu Paris, Bologna und in Teutschland mit Finessen, Schlauheit
und guter Kapazitt fortgeholfen; bin mit offenem Aug' an die dreiig
Jahr hinter diesem hier gegenwrtigen Herrn Benediktus von Knorpp, ^pro
tempore^ Gouverneur von Friedrichshall, hergezogen, einerlei ob zur
Viktoria oder Retirade. Hab' mir fortgeholfen bis zu dem heutigen Tage,
sintemalen ich mich immer ans Messer gehalten hab' und niemalen an die
Fiduz auf die Menschheit. O Jens Pedersen Gedelcke, wie hat die
Narrheit dem Snorro Skalholt das Bein gestellet! Pardauz, da stolpert
der Tropf ber deinen Leichnam und schlgt hin auf die kluge Nase, da
es krachet. Ja, der kluge, kluge Snorro Skalholt, dem Mynheer van der
Tromp und ganz Holland nicht zu viel waren, wie hat er sich durch Ihn
und fr Ihn bertlpeln lassen, Herr Gedelcke! O Kommandante, wie sind
sie ber uns gekommen, Christen und Juden, der Herr Hieronymus Moekel
wie Meister Jakob Jakobson, der Oberrabbiner! Pfui, Pfui, das ist noch
siebenmal schlimmer denn die Bataille bei Helsingborg, wo wir so wacker
vor dem Stenbock liefen; -- was saget Er jetzo zu diesem stillen Winkel
hinter den Leuten, Obrister von Knorpp? Hat Er Lust, seine frwitzige
Nase noch einmal hinauszuschieben in die Welt nach solcher Blamage?

Tornea und Wardoehuus wren mir lieber! sthnte der Gouverneur von
Friedrichshall. O Jens, Jens, o Jens Pedersen Gedelcke, du magst wohl
lachen da drben; aber unsereinem wird's doch schwarz vor den Augen, und
wer nicht rabiat wird, wie der alte Benedikt Knorpp, der setzet sich in
die Jammerecke wie dort der David, oder ziehet mit Winseln durch das
Land, wie der dort mit dem Bettelsack. Holla, an die Gewehre; auf Schlo
Friedrichsstein bin ich Gouverneur, und wer sich hinter mich stellet,
der soll frs erste fein sicher stehen. O Gedelcke, Gedelcke, es war
doch ein lustiger Sommertag in Rosenborg-Have; -- rcke Er an den Tisch,
Monsieur Henrich Israel, stelle Er den Stock hinter den Ofen; -- o Jens
Pedersen Gedelcke, wer lange lebt, kann vieles erleben; schiebe Er den
Krug herzu, Meister Snorro, die Welt will einmal Fangball spielen, und
wir knnen's nicht hindern; morgen geb' ich's ihm ^manu propria^
schriftlich, da er mit meinem abgelegten Pelz nach Seiner Kunst und
Begierde anfangen mag, was Ihm beliebet!

Hierauf sah der islndische Feldscherer Snorro Skalholt zum ersten Mal
in dieser Historie aus wie ein Mensch; und mit sonderbarer
Vergnglichkeit schmunzelnd sprach er:

Kommandante, da hat er doch endlich einmal einen verstndigen Einfall!
Htt's Ihme fast nicht mehr zugetrauet.




Anmerkungen zur Transkription


Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
gekennzeichnet. Fremdsprachige Textstellen, die im Original in Antiqua
gesetzt sind, wurden ^so^ markiert.

Einfache Anfhrungszeichen wurden durch ">" und "<" ersetzt.

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgefhrt
(vorher/nachher):

   [S. 15]:
   ... Baedecker, da in Hallstadt weder Pferd noch- ...
   ... Baedecker, da in Hallstadt weder Pferd noch ...

   [S. 18]:
   ... und trnenvolle Mittelung machte, wie genannter ...
   ... und trnenvolle Mitteilung machte, wie genannter ...

   [S. 25]:
   ... Die Kochen schwimmen nicht fort, und ich kann warten. ...
   ... Die Knochen schwimmen nicht fort, und ich kann warten. ...

   [S. 27]:
   ... einander vor, und der Profsseor offenbarte eine neue ...
   ... einander vor, und der Professor offenbarte eine neue ...

   [S. 28]:
   ... wechselten?! seufzte Zuckriegel. Sie knnen sich ...
   ... wechselten?! seufzte Zuckriegel. Sie knnen sich ...

   [S. 31]:
   ... Auch mich nicht; ich flehe instndigst darum! sagte ...
   ... Auch mich nicht; ich flehe instndigst darum! sagte ...

   [S. 42]:
   ... Don Quixote, , da ich mich im Lager des Agramant ...
   ... Don Quixote, da ich mich im Lager des Agramant ...

   [S. 50]:
   ... Um neun Uhr wolllte man aufbrechen zu diesem ...
   ... Um neun Uhr wollte man aufbrechen zu diesem ...

   [S. 58]:
   ... ab -- halten Sie ihre Aufmerksakeit nur einen kurzen ...
   ... ab -- halten Sie ihre Aufmerksamkeit nur einen kurzen ...

   [S. 63]:
   ... Maid schug den Deckel des Kastens zurck, mit ...
   ... Maid schlug den Deckel des Kastens zurck, mit ...

   [S. 87]:
   ... uns sodann ihre treffliche Opinion mitteilen. ...
   ... uns sodann ihre treffliche Opinion mitteilen. ...

   [S. 96]:
   ... Paraphrasen, Noten und Zitaten. Da er ein recht gegelehrter ...
   ... Paraphrasen, Noten und Zitaten. Da er ein recht gelehrter ...

   [S. 101]:
   ... kauerten verschchtert um den Kchenherd, und Madam ...
   ... kauerten verschchtert um den Kchenherd, und Madame ...

   [S. 104]:
   ... Herr Kuratore, sprach der Famulus; ich liebe ...
   ... Herr Kuratore, sprach der Famulus; ich liebe ...

   [S. 107]:
   ... 1731 sein Wort war, und ging mit dem Gefhl, als ...
   ... 1731 sein Wort wahr, und ging mit dem Gefhl, als ...

   [S. 115]:
   ... Wei Er, David Bleichfeld, was er mir hier schreibt? ...
   ... Wei Er, David Bleichfeld, was er mir hier schreibt? ...

   [S. 118]:
   ... Gut Freund, Meister Snorro Skaholt! Steige Er ...
   ... Gut Freund, Meister Snorro Skalholt! Steige Er ...

   [S. 118]:
   ... Herunter mir dir, Island! schrie der Kriegsmann. ...
   ... Herunter mit dir, Island! schrie der Kriegsmann. ...

   [S. 119]:
   ... in die Schlachtlinie gerckt, und Er, Skaholt, lasse Er ...
   ... in die Schlachtlinie gerckt, und Er, Skalholt, lasse Er ...






End of Project Gutenberg's Keltische Knochen/Gedelcke, by Wilhelm Raabe

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     you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
     does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
     License.  You must require such a user to return or
     destroy all copies of the works possessed in a physical medium
     and discontinue all use of and all access to other copies of
     Project Gutenberg-tm works.

- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
     money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
     of receipt of the work.

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1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
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1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
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Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
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in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


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editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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