The Project Gutenberg EBook of Halbtier, by Helene Bhlau

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Title: Halbtier

Author: Helene Bhlau

Release Date: October 18, 2014 [EBook #47140]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HALBTIER ***




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                               Halbtier
                                Roman
                                 von
                            Helene Bhlau
                        (Frau al Raschid Bey)


                            Fnfte Auflage

                         Egon Fleischel & Co.
                                Berlin
                                 1907

                             Alle Rechte
                             vorbehalten




1.


Fernes Gewittergrollen verliert sich im lauten Treiben des
Menschenstroms, der die schwlen Straen fllt.

ber dem ganzen berspannten, berbrdeten Menschentum lastet die groe
Sonnenhitze und die Enge der Gassen, die Hhe der Huser.

All diese Menschen sind so eingezwngt, wenn sie's auch nicht klar
wissen.

Die Enge der Herzen, die Enge der Kpfe und Gesinnungen, der Hfe und
Gnge, die Enge der Stuben, der ganze Brodel in dem sie leben, alles
lastet und drckt und macht sie sthnen und stimmt sie unbewut
sehnsuchtsvoll, unbewut unzufrieden.

Da kam der erste groe, freie Donnerschlag.

Oho!

Darauf ein verdchtiges Schauerlftchen, das den fettigen, feuchten
Straengesichtern den Staub entgegenblst.

Alles wirbelt.

Das, was einst lebte und nun als ekler Staub geduldig liegt, beginnt zu
tanzen -- tanzt und fhrt den Lebenden widrig in die Augen und bedrngt
sie. Es kommt ein Hasten in die stumpfsinnige Menge, so ein gesundes
natrliches Hasten, das der Herdentiere.

Wie sie laufen, als ob sie aus Zucker wren und die schweren frischen
Regentropfen an ihnen lecken und sie auflsen wrden.

Und wie wohl thun diese schweren Tropfen! Auf den glutheien Steinen
geben sie dunkle, thalergroe Flecken und von dem aufgehuften Staub
lassen sie lebendigen Erdgeruch aufsteigen.

Blitz und Donner und die schweren gesegneten Tropfen! Wenn die in den
Stdtequalm hineinfahren, das ist etwas! Ein Hochgefhl zum aufjauchzen!

Nur immer rger! immer toller!

Die braunen Gsse, die durch die Rinnen jagen, die braunen Teiche und
Tmpel auf Schritt und Tritt, in denen die Tropfen aufspringen und
hpfen und spritzen!

Das ist lustig.

Und die staubkrustigen Bume mit dem frh hinsterbenden Laub, wenn in
sie die Regenflut rauscht, wenn die nicht wissen, wohin mit dem
berschwall von Frische -- da lacht einem das Herz.

Nur immer rger -- immer toller, wenn auch ein paar ste daran glauben
mssen!

Und die Straen so rein gefegt vom Gesindel!

Das thut wohl!

Da sind sie einmal verscheucht, die Alltagsgesichter!

Hei -- wie das schn ist! So sauber, so morgenfrisch!

Wenn sie sich doch so bald nicht wieder herauswagen wollten!

Aber die kommen wieder; ganz gewi, -- das wei man schon.

                   *       *       *       *       *

Auf einem alten merkwrdigen Platz, hinter der griechischen Kirche,
haben sie eine Fleischbank abgetragen, um eine groe Markthalle zu bauen
und sind dabei auf menschliche Gebeine gestoen, -- auf eine so groe
Anzahl von Gebeinen, da es den Leuten angst und bange wurde.

Auf so etwas waren sie jahraus, jahrein getreten, bei ihren Einkufen,
ihren Spaziergngen und bei manchem Stelldichein.

Gerade an der Straenecke, in dem dunkeln Winkel, der abends so
ungestrt, so einladend war, auf dem so viel Generationen heimliche
Ksse getauscht haben, hat so ein Groer, Langer gelegen, kaum einen
halben Meter unter den Pflastersteinen, so gut noch beisammen, so
langgestreckt, und die hohlen Augen gen Himmel gerichtet.

Auf solch einem Grausen hatten die Prchen also immer gestanden.

Hunderte hatten tagsber den Platz umlagert und auf das Schauerhandwerk
der Arbeiter geschaut.

Die Knochen wurden aus dem dunkelbraunen Sand herausgewhlt und in groe
Kisten gelegt.

Ein fideler Kapuziner, der zur Beaufsichtigung der Angelegenheit
beigegeben war, hatte hin und wieder den Deckel einer Kiste gehoben und
schmunzelnd Umschau ber seine Schutzbefohlenen gehalten.

Es waren halt auch Kapuziner gewesen, diese braunen Knochen. Der
Kapuziner hatte daher etwas ganz Kollegialisches im Verkehr mit ihnen.

Wir sind vom selben Orden. Ich kenne eure Schliche, Fratres.

Er wog einen Schdel in der Hand -- und schmunzelte. Er wog einen
Schenkelknochen und schmunzelte, nahm es, Gott Lob, von der leichten
Seite.

Und das alte Bahrtuch, das ber jede der groen Kisten gebreitet war,
deckte er allemal vorsorglich darber, wenn wieder ein Schupp Knochen
eingeschttet war.

Ehre, wem Ehre gebhrt.

Dabei schmunzelte er nicht, das nahm er ernst.

Die Schulbuben waren wie versessen auf das seltene Schauspiel, und auch
die alten Weiber hatten gestanden und gestanden ohne Aufhren. Was thut
nicht so ein altes Weib, wenns was zu sehen giebt. Da haben sie Krfte
wie Dmonen.

Die Schulbuben hatten sich um die uralten Sarghenkel gerauft, die hin
und wieder zu Tage gefrdert wurden, verrostet und wie in eine Schicht
von Kies eingebacken.

Es waren Altertmer -- wirkliche Altertmer, die Jahrhunderte bei den
Toten gelegen -- also ganz echt, wahre Schtze.

ber diesen Haufen neugieriger Lebewesen, die sich um die armen Knochen
drngten, war das Hochgewitter hereingebrochen.

Der erste, groe, freie Donnerschlag hatte auch sie berrumpelt, und der
mchtige Regengu sprhte die Menge an und vertrieb sie.

Sie waren wie weggewaschen, -- auch der Kapuziner und der pflichtgetreue
Schutzmann; nur die Knochen unter den zerrissenen triefenden Bahrtchern
blieben ber der aufgewhlten Erde, die im Nu zu einem braunen Tmpel
umgestaltet war.

                   *       *       *       *       *

Ein Schdel war vom Regenstrom aus dem Sande frei gesplt.

Er lag mitten im Wassertmpel. Seine Glatze schaute ein wenig darber
hinaus. Die Wellchen splten um die kleine beinerne Insel.

Aus dem Fenster eines groen Zinshauses schaute ein Mdchen auf den
eirunden gelblich brunlichen Fleck.

>Ein Stein< dachte sie -- >oder?<

Schon lange hatte sie sich am Fenster aufgehalten und hinausgesehen,
bald halb knieend, auf dem Stuhl, bald im Stuhl lehnend, die jungen
Hnde um das Knie gefaltet; bald hatte sie mit den Fingern am
Fensterglas leise geklimpert oder eine Lockenspitze zwischen die Zhne
genommen und daran geknabbert.

Der kleine feste Kopf mit dem dunkeln Geschau, prchtig frei auf dem
schlanken Hals sitzend, war unverwandt auf das geschftige Whlen der
Arbeiter gerichtet.

Wenn sie da unten wieder einen Fund gethan, ist sie immer mit ganzer
Seele dabei gewesen. >So etwas! -- so ein Glck, die grausliche
Geschichte vor dem Fenster zu haben! Wie gut, da sie hier gemietet
hatten!<

Sie sah so befriedigt aus. ber ihr, am weien, verwaschenen
Fenstervorhang, hngt ein fnffaches Kichen, eins ber dem andern, aus
gelbem Atlas, ein Riechkichen mit Irispulver gefllt, und dieser
trockene Duft berhrt mit jedem Atemzug ihre Geruchsnerven.

Das Zimmer, in dem sie sich aufhlt, pat nicht gerade gut zu der
verwhnten hingerekelten Gestalt des jungen Geschpfes.

Es hat etwas Spiebrgerliches, etwas Verbrauchtes, etwas, aus dem sie
herausgewachsen ist.

Es sind da auch zwei Seelen in dem einen Raum zu spren. Zwei
grundverschiedene Seelen, mit grundverschiedenen Angewohnheiten.

Das eine schmale Bett mit einem roten, altertmlichen Stck Damastseide
zugedeckt, das nach einer Altarverkleidung aussieht; das andere Bett
ganz unbedeckt und unsglich sorgfltig hergerichtet, kein Fltchen,
keine Unebenheit. ber diesem Bett hngen Photographien von
Familiengliedern, Freundinnen.

Ganze Regimenter Kotillonstruchen sind zu Sternen und Rosetten
geordnet, japanische Papierfcher und allerhand Krimskrams, alles wohl
abgestubt.

An der Wand des Bettes mit der geflickten Purpurdecke ist nichts
dergleichen zu sehen; nur ein paar unaufgezogene Originalphotographien
nach alten Meistern sind hier mit gelben Zeichenstiften fest gemacht.

Die tiefen, vornehmen Tne unterbrechen das Banale der Wand.

                   *       *       *       *       *

Die Thr zum Nebenzimmer wird geffnet und eine weinerliche Stimme sagt:

Hast du denn garnichts weiter zu thun?

Die Stimme gehrt einer langen schlanken Frau mit kleinem Kopf und
feiner Gestalt.

Ach -- das ist doch zu arg!

Jetzt wendete sich das Mdchen um. Sie schien zuerst nicht gehrt zu
haben.

Mama? antwortete sie.

Thust du denn auch gar nichts? -- dieselbe weinerliche Stimme.

Was soll ich denn thun?

Siehst du denn nicht, wie ich mich plage?

Ach Mama.

Es lag so etwas in dieser gedehnten mden Antwort, als wollte sie sagen:
La doch! Ich wei wirklich nicht, was ich thun soll. Du plagst dich
doch auf alle Flle!

Nun, und Marie, wei die es etwa nicht?

Ja wohl, gescheidter wr's aber, ihr liet das Mdel mehr arbeiten, ihr
verderbt jedes Mdchen.

Werden etwa alle Tage Kapuziner hier ausgegraben?

Das fehlte auch noch! Wie kannst du da nur immer zusehn? Ich bin froh,
wenn ich nichts davon gewahr werde.

La mich doch!

Frau Doktor! rief dreimal hinter einander die ungebildete berlaute
Stimme des Dienstmdchens vor der Thr.

Und, als htte ihr Vorgesetzter gerufen, war Frau Doktor Frey hastig zum
Zimmer hinausgeschlpft.

Die junge Isolde seufzte, dehnte sich und hockte sich wieder am Fenster
zurecht.

Der Regen hatte nachgelassen. Der Tmpel auf dem Totenfeld war fast
eingekrochen. Schimmernde Wasserblasen saen im Sande und platzten und
lieen einen feinen schwarzen Ring zurck, aus winzigen Kohlen- und
Holzteilchen gebildet.

Auch der ganze Tmpel hatte die verschiedenen Stadien seines
Einkriechens mit schwarzen Linien bezeichnet -- tripp, trapp, troll.

Hier hatte er ein wenig gezgert, hier wieder, hier wieder. Es war wie
eine feine Linienarbeit.

Die kleine beinerne Insel, um die die Wellchen des Tmpels gesplt
hatten, der Schdel, lag jetzt ganz frei; auch um die Stirn sa das
schwarze Linienwerk in perlmutterschimmernden Blschen und leichtem
Wasserschaum.

Das alles sah das junge Mdchen. Sie hatte aus einem Schubfach ein
Opernglas genommen und hielt es auf den Schdel gerichtet.

Dann ging sie im Zimmer auf und nieder, ganz nachdenklich und nahm dann
wieder das Opernglas.

Die Dmmerung brach herein und am Himmel drohten schwarzblaue Wolken zu
neuem Regengu.

Es kam ein Nachtrab.

Vielleicht erst jetzt das Wahre! Auch der Wind hatte sich wieder
erhoben. Die Leute rannten schon mit aufgespannten Regenschirmen.

Des Mdchens ganzes Benehmen wurde ein unruhiges; etwas Unschlssiges
lag in ihren Bewegungen.

Sie wanderte weiter im Zimmer auf und ab.

Jetzt ffnete sie den Schrank, griff nach dem Hut, band ein Schleierchen
vor, vorsichtig huschte sie aus dem Zimmer; drauen nahm sie ihren
Regenmantel um, ging dann zur Korridorthr hinaus, und unter dem
Regenschirm gerad ber das aufgewhlte nasse Erdreich. Mit einem
leichten blitzschnellen Niedertauchen hatte sie etwas ergriffen und
schttelte sich vor innerem Ekel.

Sie schaute sich ngstlich um und vor der Hausthr blieb sie wieder
aufatmend stehn.

Wie ihr das Herz schlug!

Aber, was sie wollte, hatte sie. Und etwas spter wre sie von den
Arbeitern berrascht worden.

Sie hrte sie kommen, auch der Kapuziner war unter ihnen.

Sie murmelten und lachten; der Kapuziner hatte etwas Drolliges gesagt,
wie es schien. Sie waren alle sehr guter Laune, denn sie hatten whrend
des Regens im nchsten Gasthaus eins getrunken.

Durch die enge Jungfernturmgasse, die auf den Platz mndet, kam ein
Leichenwagen gefahren, und stand bald vor dem kleinen Totenfeld.

Isolde hielt den Schdel unter dem Regenmantel verborgen.

Unausgesetzt dieses Ekelgefhl und das Grausen -- auch ein Gefhl der
Schuld, so geheimnisvoll anziehend, wie aus einer andern Welt.

Die Kisten wurden von den Arbeitern gelupft und in den Wagen geschoben.

Fahrt hin, ihr nassen Deiwel, sagt einer.

Herrschaft, seid's ihr schwer! ein anderer. Die haben sich zu guter
Letzt noch tchtig eins angedudelt.

Isolde drckte sich voller Grauen eng an die Hausthr an und erst als
der gefllte Leichenwagen dumpf davon rollte, trat sie ein.

Du bleibst eben bei mir, sagte sie warm und trug ihren sonderbaren
Schatz die Treppe hinauf.

Oben angekommen, warf sie Hut und Mantel ab und ging mit dem Schdel in
der Hand in die Kche.

Die Magd kreischte auf. Sie kreischte, ohne aufzuhren. Isolde kehrte
sich nicht daran und hielt den Schdel unter den Strahl der
Wasserleitung.

Das erfrischt, sagte sie gutmtig.

Frau Doktor Frey bgelte mit ihrer ltesten Tochter im Nebenraum.

Auf das Geschrei des Dienstmdchens kamen sie herbei.

Isolde! schrie auch Frau Doktor Frey auer sich.

Isoldes Schwester verbarg das Gesicht in der Schrze, und wagte gar
nicht aufzusehen.

Schn ist er doch! meinte Isolde gemtsruhig. Sie hob den Schdel mit
beiden Hnden hoch.

Da du mir jetzt mit dem Ekel gehst! In der Kche so 'ne Schmutzerei!
-- Pfui Tausend!

Wir haben ja doch alle so einen unter dem Gesicht -- was ist da
weiter?

Sie lie sich nicht irre machen, besprhte den Schdel von neuem unter
dem Wasserstrahl.

Ide gh doch -- ich bitt' dich -- mir wird ganz schlecht.

Das war so eine weiche, weiche Stimme und diese Stimme kam aus einem
Geschpf, das wie von Sammetschimmer umgeben war -- dazu rtlich blonde
Haare, eine ganze Symphonie von Weichheit.

Sammtaff' hatte Isolde ihre Schwester Marie getauft und titulierte sie
jetzt so.

Jetzt ging sie und nahm den Schdel mit sich.

So was! sagte die Kchin und schttete einen Eimer voll Schmutzwasser
in den Ausgu.

Mi beutelts ganz, der soll doch net etwa im Hause bleiben? Saftig. --
Ds mcht feierlich werden. --

                   *       *       *       *       *

Isolde hatte ihre Thre geschlossen und war eifrig dabei, ein kleines
hlzernes Postamentchen, ihrem Bett zu Fen, an die Wand zu nageln.

Sie schlug den Nagel mit dem Absatz ihres Hausschuhs ein, so fest wie es
mit diesem Werkzeug gehen mochte. Zuerst hatte sie den Rcken ihrer
Hausbrste benutzt, als sie aber die Ngelmale in dem polierten Holz
merkwrdiger Weise wahrnahm, war sie bedchtig genug gewesen, nach etwas
Anderem Umschau zu halten.

Auf das Postamentchen wurde der Schdel gesetzt.

Und wie er seinen Platz eingenommen hatte und mit seinen hohlen Augen
geheimnisvoll grinsend ber das purpurne Bett hinwegsah, geschah etwas
ganz Wunderliches: des Schriftstellers Heinrich Ewald Frey's Tochter,
Isolde, im glcklichen, zu allen berschwenglichkeiten geneigten Alter
von siebzehn Jahren, fiel auf die Kniee, reckte die Hnde zum Schdel
auf und sagte mit heien Thrnen in den Augen: Du Mensch aller
Menschen!

ber ihr zartes Gesicht mit den tiefen dunkeln Augen ging etwas
Verzcktes, etwas berirdisches, etwas Brutliches, eine wundervolle
Verliebtheit, wie sie in manchen siebzehnjhrigen Naturen zu Tage tritt,
die nicht wissen, wo ein und aus mit der Flle ihres Wesens.

Und diese se Liebeswonne schttete sie ber das braune, grinsende
Knochengehuse aus, wie eine Nonne ber eine heilige Reliquie.

Sie sah aber einen eleganten jungen Mann vor sich, mit franzsisch
zugestutztem Spitzbart, einer schnen Stirn, in die das kurzgeschorne
Haar in scharfem Winkel hineingewachsen war; einen jungen Mann, der sich
im Hochsommer in weien Flanell zu kleiden liebte.

Ja, es war da etwas, eine hnlichkeit in der Kopfform, die ihr
verliebter Blick vom Fenster aus entdeckt hatte.

Wie sie das groe Geheimnis bewegte!

Und dieser Schdel war so neutral. Sie vergab sich nichts. Ihm gegenber
gingen die Dinge in einer andern Sphre vor sich, in einer Sphre, in
der alles Eins geworden, alles zusammengeflossen ist.

Sie empfand etwas so Beruhigendes und konnte sich gehen lassen.

                   *       *       *       *       *

Die verriegelte Thr wurde krftig zu ffnen versucht.

Desse! rief eine heftige Stimme. Sapperlot!

Wie aus tiefem Schlaf erwacht sagte sie Papa?

Seid ihr denn alle des Kuckucks! Ihr wit doch, da ich in einer Stunde
......

Da war schon die Thr aufgeriegelt und ein groer blonder Mann mit
rtlichem Gesicht, vollem lockigen Haar, das aber auf dem Wirbel einem
Gltzchen gewichen war, trat ein.

Eine markige Persnlichkeit.

Weibergegacker! -- Drauen laufen sie wie die Hhner umeinand'! Und was
machst du denn hier, Desse? Mein Handkofferl sollt doch gepackt sein?

Ich werd euch mal Beine machen! Fertig sollt's sein und die Mutter
bgelt noch an den Strkhemden. Zum Teufel, -- ich will gar keine
Strkhemden! -- Touristenhemden will ich.

Das kam alles herausgepoltert. Das ganze Zimmer war voller Lrm und
Spektakel, als wre ein Bergstrom hereingebrochen.

Das war Doktor Heinrich Ewald Frey, Schriftsteller und Allerweltsmann,
Vereinsmann, Redner, voraussichtlicher Reichstagsabgeordneter und so
weiter.

Na also, packen wir, sagte das schne rassige Geschpf in aller Ruhe.

Na also? -- Groartig! Was soll denn das >Na also<? Fertig htt's sein
sollen. Thu net so groartig, Desse! Dabei kniff er sie in die zarte
Wange Gtterkpfchen verdammtes!

Wo hast du denn dein Kofferl, Pa?

Hab's denn ich?

Frau Doktor Frey trat herein und trug das Kofferchen in der Hand.

Auf ihrer Stirn glnzten feine Schweitropfen.

Httest du mir's nur gesagt, Heinrich! Gestern abend sollte doch nichts
daraus werden bei schlechtem Wetter?

Schlechtem Wetter? Ist denn das schlechtes Wetter, wann das Barometer
gestiegen ist wie noch nie? Schau doch erst nach, eh du denkst.

Meine Stiefel!

Na, ich meine, wenn es giet, sagte Frau Doktor Frey zaghaft.

Ja, wenn du anfngst zu denken! donnerte er. Meine Stiefel und die
beiden rohseidenen Hemden.

Heut machst du dich ja fein, sagte Isolde.

Paar Berliner Schriftsteller! Solchen Gockeln mu man ...... den
Kofferschlssel! Herr Gott noch einmal!

Wo ist denn die Marie?

Du hast ja dein' Schlssel an die Uhrkett' gehngt fr alle Fll',
sagte Isolde.

Vorlauter Schnabel! Der Vater blinzelte ihr zu. Wo ist Marie?

Marie bgelt die Strkwsch, sagte die Mutter.

Wenn der Vater abreist, hat sie dabei zu sein; wr' net bel! Wenn wir
die Idee der Familie nicht aufrecht erhalten, wer soll's denn thun? Eins
da, das andre dort, der Vater reist ab -- kein Hahn krht danach -- das
ist ja -- wei Gott -- grostdtisch!

Meinen Rucksack! Marie! donnerte er abermals.

Frau Doktor Frey war schon vordem aus dem Zimmer gegangen, um Marie zu
holen.

Jetzt traten sie miteinander ein.

Marie, dein Vater reist ab, sagte er mchtig.

Ja Papa. Auf wie lang denn?

Drei bis acht Tg' denk ich; wenn wir das Kaisergebirg mitnehmen, acht
Tg.

Du Glcklicher! sagte Marie aufatmend.

Hat sich was >Glcklicher<! Wenn ich mich net zeig -- Teufel auch --
die tanzten mir bald auf der Nasen. --

Was ist denn das? rief er ganz perplex.

Seine Blicke hatten den Schdel gestreift.

Frau Doktor Frey und Marie bemerkten ihn auch erst jetzt.

Jesses! ber das Mdchen! rief die Mutter.

'nen Kapuziner, Desse, dumme Gans, was bedeutet denn das?

Das Mdchen war errtet bis in die Stirnhaare.

Zu allererst kommt es bei dem Weib darauf an, da die Lebensfreudigkeit
gewahrt wird, predigte Doktor Heinrich Ewald Frey wieder mchtig. Das
ist notwendig, da das Weib lebensfreudig bleibt.

Ein strafender Blick streifte Frau Doktor Frey.

Das Weib soll auch religis sein. Ein Schdel hat immer etwas mit
Religion zu thun. -- Wenn du dir den Schdel nicht aus Verschrobenheit,
aus unverstandenem Pessimismus heraufgeholt hast, mag er bleiben.

Marie war erblat.

Ide! sagte sie zu ihrer Schwester leise, der soll doch net bleiben?

Papachen, begann Frau Doktor Frey sanft und freundlich. Eh' du gehst,
-- -- Karl kann sich nicht auf der Schule halten, -- ich glaub' mal
nicht. Ich war auch heut beim Direktor. Er kommt auch dies Jahr nicht
fort.

Es mu sich eben ein Hilfslehrer finden, um ihn wieder flott zu machen.
Emil hat's auch geleistet. Verpimple ihn nur recht! -- Was nutzt es
denn, wenn du bis in die Nacht hinein mit ihm ber seinen Arbeiten
hockst? Dazu gehrt 'was mehr als so ein Hennenhirn.

In das verarbeitete Gesicht mit den schnen Formen stieg eine flchtige
Rte auf.

Darum eben mssen wir sorgen, da sich jemand findet.

Ich werde am Kegelabend mal mit dem Direktor reden. -- Weiber sollen
die Hnde aus dem Spiel lassen! Mcht' wissen, ob hinter mir immer ein
Unterrock gestanden hat. Du mit deinen paar lateinischen Brocken -- da
i net lach! La den Jungen in Ruh!

Httest du mich gewhren lassen, sagte die Frau klagend, wr Isolde
jetzt wenigstens eine Person, die etwas leisten knnte. Sie wrde sich
ihr Brot bald selbst verdienen, -- Frau Doktor Frey sprach weinerlich
-- wr' jetzt schon bald staatlich angestellte Lehrerin.

Gtterkpfchen, -- verdammtes, lachte Doktor Frey -- Desse!
Lehrerin! da i net lach! Die soll heiraten, Weib sein! Gar noch, da
ich meine Bamsen zu so 'was auf die Welt gesetzt htt'.

Ja wohl, Lehrerin oder Gott wei was noch!

Das Weib ist eben Weib. Wenns net Weib genug ist, um nur Weib zu sein,
soll man's tot schlagen!

Aber was soll ich denn mit Karl machen? fragte Frau Doktor Frey
wieder.

Siehst du net, da augenblicklich die unpassendste Zeit fr dein
Gegraunz ist? Willst du mir alle Bamsen gerad jetzt auf den Buckel
hngen? Sapperlot, hchste Eisenbahn!

Er fuhr mit den Armen in die Trger des Rucksackes, griff nach dem
Kfferchen -- und war mit viel Gerusch und Gepolter zur Thr hinaus.

Tiefe Stille, als htte sich ein Sturm gelegt.

Weit du, wie wir vor drei Jahren in Kramsach waren?

Marie schaute sehnschtig zum Fenster hinaus, dem Vater nach.

Alle von unsern Bekannten gehen aufs Land.

Ja, mein Gott, sagte die Mutter, da trgts uns heuer nicht. Da die
Buben auch gar so viel kosten.

Ja, wenns nur ein grnes Fleckchen wr, auf das man schaute!

Das war wieder die weiche, weiche Stimme.

Gehen wir heut wenigstens durch den englischen Garten?

Ja, wenn ich nicht auf Karl warten mt. Wo bleibt der denn nur? der
hat ja noch die schwere Menge zu thun!

                   *       *       *       *       *

Karl kam erst spt heim. Sie hatten lange mit dem Abendessen auf ihn
gewartet.

Er war bei Emil gewesen, der auswrts wohnte und Emil hatte gerade
einige Kameraden auf der Bude gehabt.

Die Mutter seufzte, sie dachte sich ihr Teil.

Das solltest du doch nicht, bevor du deine Arbeiten gemacht hast, zu
Emil gehen. Die setzen dir Gott wei was in den Kopf, Karl. Studenten
sind kein Verkehr fr dich.

Mama, sagte der Bub, red' doch net.

Er sprach nachlssig, schlfrig. Seine Backen sind auerordentlich
ausgebildet und engen ihm die Mundwinkel ein, so da der Mund etwas
sonderbar Suglinghaftes an sich hat, trotz einer gewissen brunlichen
Frbung, die ihn umgiebt und die mit einigen Hrchen bepflanzt ist.

^Mulier taceat in ecclesia^, sagt der Bursche und schiebt ein groes
Stck Butterbrot mit Wurst zwischen die Lippen.

Was hat er gesagt? fragt Isolde.

Das Weib schweige ...... und so weiter, bersetzt der liebenswrdige
Bruder patzig.

Zur Mutter hast du das gesagt? fragt Isolde ganz bleich.

Bh! macht der Bruder. Und im Nu hat er von Isoldes Hand eine so derbe
Ohrfeige, da seine etwas gelbe Wange stark gertet ist.

Mama, wie kannst du dir das von dem Flegel gefallen lassen?

Karl strzt wutbleich auf Isolde, die wei sich aber zu wehren.

La ihn doch, ruft Frau Doktor Frey, erbittere ihn nicht. Du weit,
er mu heut abend noch arbeiten.

Ja wohl, ich soll mich schlielich von dem Bengel wiederhauen lassen!
Jetzt mte noch Emil kommen, der Grohirnmensch, der vor lauter
Intelligenz nchstens durch das Examen purzeln wird.

Bst -- bst! machte die Mutter, Friede -- Friede -- Bedenke, da du
ein Mdchen bist.

Was soll man da bedenken? Da i net lach! sagte sie ganz wie ihr
Vater.

                   *       *       *       *       *

Am Abend, beim Ausziehen, als sie sich in ihrem Zimmer eingeschlossen
hatten und die Mutter noch neben Karl in der Wohnstube sa, um den
schlfrigen Burschen beim Arbeiten zu berwachen, gab es eine sonderbare
Szene zwischen den Schwestern.

Ide gh, sagte Marie, thu' mir die groe Lieb -- schaff' den da fort.
Ich kann net schlafen, glaub mir. Ich mein, er lebt und wenn wir die
Augen zumachen fliegt er im Zimmer 'rum und poltert an die Wand.

Sie hatte ihren Kopf an Isoldes Wange gelehnt.

Da gewahrte sie, da Isolde heie Thrnen weinte.

Na, was denn?

Sammtaff, lieber, bat Isolde, la ihn mir! Es geschieht dir ja
nichts. Er thut ja nichts -- und mich freut's so.

Wie kann denn dich das freuen, fragte Marie ganz betreten.

Isolde aber weinte so wild und schluchzend. Ich mcht nur wissen, was
man vom Leben hat -- so was Fad's! Bei uns is man so wie so geschlenkt.
Es knnte ganz anders sein. -- Weit du was ich glaub? -- Mama is dumm!

Isolde schluchzte herzzerreiend. Ide, Mama ist ein Engel! -- thu keine
Snd.

Ja, eben ein Engel. Wer sagt dir denn, da ein Engel net dumm ist!
Weit du, es ist komisch, aber manchmal kommt es so: da mcht ich den
Leuten ins Gesicht schlagen.

Alle kriechen sie -- alle -- wenn man's auch gar nicht merkt. Keins sagt
und thut was es will!

Wir bilden uns nur ein, da die Leut' auf zwei Beinen gehn. Auf vieren
gehen sie, -- sie kriechen alle.

Mama liegt glatt auf dem Leib -- berhaupt fast alle Frauenzimmer -- du
auch -- du erst recht! Und die Mnner erst! O Gott! -- und wie!

Und was sie im Grund genommen fr philistrse, heuchlerische
Institutsvorsteher sind, wenigstens uns gegenber.

Dann mcht ich noch auf jeden blank gewichsten Cylinder spucken, mitten
darauf, wenn unter den Fenstern so einer vorbergeht -- mitten auf die
kleine, blankgebrstete Sonne, die oben spiegelt. So eine dumme, steife,
kleinliche Sonne.

Ach, wie mich das alles aufbringt.

Und das Hliche, mit dem man sich umgiebt!

Und das nennt man Leben!

Schau her, so ein Gelump wie da herumsteht!

Alles zum Fenster naus! Zum Kmmen ein widerlich riechender
Kautschukkamm. -- Ah! -- die riechen alle und machen elektrische Funken!
Pfui! -- Gold mu es sein oder Elfenbein -- dann!

Aber was ist das hier -- von allem das Geringste, das Schbigste. Talmi
und unechte Spitzen!

So gemein! -- so gemein! so gemein!

Sie schluchzte.

Was ich anfasse, soll schn sein, eine Freude -- ein Glck!

Ich will Hemden mit echten Spitzen -- echte Spitzen -- reines Gold!
Elfenbein! -- auch Perlmutter!

Das ist's! Das sind Dinge, die man in die Hand nehmen darf -- nichts
Andres!

Ach, wie man lebt, wie ein Schwein!

Sie schluchzt und schluchzt.

Nackt mte man gehen drfen und es mte keine Schande sein.

Nackte, schne Menschen. Gold, Elfenbein und Perlmutter! -- das wr'
eine Welt! -- Und dann -- immer Seelenrusche.

So, wie meine Seelenrusche! So herrlich! -- und eine Liebe dazu.

Seelenrusche und ganz wenig Sachen; aber alles schn zum anfassen, edel
bis in den Kern.

Etwa keine japanische Holzpuderbchse!

Aber wir leben im Schmutz.

Unter ekelhaften Lumpen kriecht das alles wie Gewrm, wie Mehlwrmer in
der Kleie --

Und alle riechen mufflich -- und sind mufflich durch und durch!

Oder, wenn man all das Herrliche, das, was sein mte, nicht haben kann
-- dann gar nichts -- aber auch gar nichts!

Die Haare mit den Fingern kmmen, ein Strohsack -- eine wollene Decke --
ein grobes Hemd -- einen Strick um den Leib -- das ist auch eine Welt!
--

Aber nicht so wie wir!

Pfui der Plunder!

So ein Nhtischchen, so ein Ferkel von einem Nhtischchen!

So ein Tier von einer Bettvorlage!

Pfui! Pfui! Pfui! Pfui!

Sie war vollkommen auer sich.

Marie hatte die grte Not die heftige jngere Schwester zu beruhigen.

Sie kroch zu ihr ins Bett und hielt Isolde an sich gedrckt und verga
ganz, da der Schdel grinsend auf sie beide herab blickte.

Isolde schlief in den weichen, sen Armen ein, ohne in ihr Nachtkleid
geschlpft zu sein, Hals und Arme entblt. --

Und Marie schlich leise und scheu mit klopfendem Herzen und einem
Grausen ber den ganzen Leib nach ihrem schneeweien Bettchen.

Sie fhlte wie der Schdel ihr spttisch nachsah und sie wagte nicht
sich umzuschauen.

Lange konnte sie keinen Schlaf finden und als sie endlich schlief,
trumten ihr hliche Dinge.

Der Schdel lebte wirklich und hatte es immer auf sie abgesehn, so
schauerlich zudringlich.

Sie wachte ein paar Mal vor lauter Angst und Schrecken auf, hielt
atemlos die Arme auf die Brust gepret, lag wie eine Statue so still und
lie alles Grauen ber sich hingehen, ohne sich zu wehren.

Fr sie war mit dem Schdel ein nie gekannter bser, banger Geist ins
Haus gekommen.




2.


Acht Tage war der Vater schon auswrts.

Die Zurckgebliebenen hatten in dieser Zeit auch eine Art Sommerfrische
durchgemacht, wenigstens eine nderung ihrer Lebensweise. Mit dem Vater
zugleich schien allerhand verschwunden zu sein.

Der sogenannte Salon und des Vaters Arbeitszimmer waren sofort, nachdem
beide Rume sich einer grndlichen unerbittlichen Reinigung hatten
unterwerfen mssen, abgeschlossen worden, und machten jetzt den Eindruck
von Kirchen, so still und fast feierlich war es darin, und man lebte in
den Schlafstuben.

Das Mittag- und Abendessen hatten ihre Hauptbestandteile eingebt.
Gerichte, die wenig kosteten und sich leicht herstellen lieen, waren an
der Tagesordnung, Kartoffeln und Hring oder Reisbrei. Nur Karl erhielt
seine Kotelette, die wurde aber der Einfachheit halber gleich fix und
fertig aus dem Gasthaus gegenber geholt, in dem Arbeiter und arme
Studenten ihre billigen Mahlzeiten hielten.

Am Abend gab es Rettig und Butterbrot und Karl bekam seine Wurst.

Mama ging den ganzen Tag in der Nachtjacke. Sie sa mit Marie und Isolde
die meiste Zeit ber einem Riesenkorb mit zerrissener Wsche gebeugt.

Zwei Tage hatten sie auch die Schneiderin im Haus und holten zwei
Koteletten.

Mama wollte in dieser Zeit helle Sommerkleider fr ihre jungen Mdchen
aus dem Wirtschaftsgeld herauspressen und war wie ein Jger auf die
Pirsch ausgezogen, um in allen erdenklichen Restegeschften die Stoffe
zu diesen Kleidern zu erlisten.

Und sie hatte auch etwas erbeutet; hbsche Muhadjierstoffe, den Meter zu
vierzig Pfennige.

Wie sie zu Hause damit ankam! Aufgeregt wie ein Wilderer, der mit
Lebensgefahr einen Rehbock erlegt hat und heimgeschleppt bringt.

Isolde hatte eine glnzende Idee, wie diese Kleider gemacht werden
sollten. Anders als andere Leute sie gemacht htten, ganz etwas Apartes.

Bleib mir mit deinen glnzenden Ideen vom Leibe, sagte die Mutter bei
solchen Anlssen gewhnlich.

Aber diesmal hatte Isolde durchgesetzt was sie wnschte.

Sie bekamen lange Gewnder vom Hals an herabfallend, nur um die Mitte
mit einem Seidenband lose gehalten, die rmel leicht und duftig wie
Bltenkelche.

Und die Mutter schaffte ihnen noch braunlederne feine Halbschuhe an,
statt da sie sich selbst ein Sommermntelchen gekauft htte. Ihr altes
ging immer noch ganz leidlich.

Die Kleider waren fr beide Mdchen ein Ereignis, ein so viel
versprechendes Ereignis. Die duftigen weien Wolken mit den rosigen
Streifchen trugen wie Zauberwolken alles Glck der Welt in sich.

Wie Heiligtmer wurden sie in den Schrank geschlossen und die Mdchen
warteten nun der Dinge, die da kommen sollten.

Ganz umsonst konnten doch solche Kleider nicht im Schranke hngen!

Wegen des Schdels hatte es in dieser Zeit noch manchen Strau gesetzt;
aber er blieb auf seinem Postament. Und im Grund war es nur Mariens
weicher Liebenswrdigkeit zu danken, da Isolde ihn behalten hatte.

Marie hatte, so schwer es ihr geworden, klein beigegeben. Ihre
behagliche Stube, ihr schneeweies Bettchen aber waren ihr durch diesen
Gast fremd und untraulich geworden, ihre Nchte wurden von schweren
Trumen geplagt.

In Mariens weicher Seele hatten sich das Bild des Schdels und trbe
Vorstellungen, die sein Anblick schuf, tief eingegraben.

Nie hatte sie noch an den Tod gedacht und jetzt war sie beim
Dunkelwerden von bangen schreckhaften Todesahnungen ganz umgeben.

Es stand ihr zum ersten Mal greifbar vor der Seele, da alle Menschen
sterben mssen -- das schauerliche Ende des wunderschnen Lebens -- da
auch Mama sterben mute!

Bei dem Anblick des Schdels konnte sie unmglich ihre Phantasie auf das
ewige Leben richten, trotzdem sie in der Schule gelernt hatte, da es
ein ewiges Leben gab.

Nein, der Schdel predigt ihr nur von dem in die Erde kommen, von dem zu
Erde werden lieber Menschen. Arme -- arme Mama!

Sie weinte oft nachts.

Htte sie aber gewut, weshalb Isolde den Schdel aufgestellt hatte,
ihre weiche Seele wre erschauert und sie htte das groe Opfer nicht
gebracht. Wenn der Schdel wirklich in irgend etwas an Henry Mengersen
erinnerte, von dem Isolde ihr gesprochen hatte, nein, dann gewi nicht.

Marie ahnte aber von Isoldens Geheimnis nichts.

                   *       *       *       *       *

Es mute gut zwei Uhr nachts sein. Alle schliefen, die laue Sommerluft
drang durch die offenen Fenster. Da klang die Glocke krftig und
anhaltend. Jemand mute von der Strae aus auf das Lutwerk gedrckt
haben.

Da schellen sie schon wieder, die Studenten unten, meinte Marie ganz
schlaftrunken.

Der Vater! Isolde sa aufrecht, aus dem Schlaf gescheucht, im Bett.

Auf dem Gang hrten sie schlrfende Schritte und sahen einen Schein
durch das Glasfenster ihrer Thr.

Es ist doch der Vater, meinte Marie. Mama schliet die Thr auf.

Mama wollte nicht, da die Mdchen die Hausthr ffneten, wenn der Vater
spt heimkehrte. Sie sollten ruhig in den Betten bleiben und schlafen.

So blieben sie ruhig liegen. Ehe die Mutter die zwei Treppen
herabgekommen war, klingelte es noch einmal schrill und anhaltend, als
stnde ein auf Leben und Tod Verfolgter unten, der sich retten wollte.

So macht's Pa nachts doch immer, sagte Isolde.

                   *       *       *       *       *

Sapperlot noch einmal! Liegt ihr denn alle miteinander auf beiden
Ohren?

Das war die Begrung, die Doktor Frey frs erste seiner Frau zu Teil
werden lie, als diese die Thr geffnet hatte.

Da bist du ja, sagte Mama. Weshalb hast du denn aber nicht
geschrieben?

Da i net lach! Liebesbriefe etwa? He Alte?

Ohne seine Antwort zu beachten, sagte sie: Du httest dann auf den
schwarzen Kaffee nicht zu warten brauchen.

Sput dich halt.

Sie nahm ihm das Kfferchen ab und trug es ihm nach.

Geh in dein Zimmer, Heinrich! -- Da war sie schon dabei, die
Kchenlampe anzuznden.

Natrlich, rief Doktor Frey und rumorte mit aller Gewalt an der Thr,
den Schlssel verschleppt!

Bst! machte Mama. Du weckst sie ja! Hier ist der Schlssel,
flsterte sie, reckte sich und langte auf den Schrank, der neben der
Arbeitsstubenthr stand. Hier.

Doktor Frey hielt die Lampe, aber hielt sie bedenklich schief.

Die Frau streifte ihn mit einem einzigen langen Blick, wie ein Heizer
etwa auf das Ventil seiner Dampfmaschine schaut, mit unendlicher
Sachkenntnis.

Sie nahm Lampe und Schlssel ihrem Mann aus den Hnden und schlo die
Thr auf.

Der Kaffee kommt sofort.

Schlafen die Bamsen? fragte er ihr nach.

Sie hrte ihn nicht mehr.

Kaum aber brannte die Spiritusmaschine unter dem kleinen Schnellkocher,
war er ihr auch schon nachgekommen und stand in der Kche.

Sie schaute erstaunt auf.

Seine Gewohnheit war das nicht.

Na?

Er schaute blinzelnd auf sie.

Ein zartes Neglig thut oft viel grre Wunder! deklamierte er mit
mchtiger Stimme.

Bst, machte sie.

Sie stand in der Nachtjacke und in einem grauen Flanellrock vor ihm, die
bloen Fe in Bambuschen.

Allerliebst, meinte er.

Er blinzelte weiter.

Waret ihr alle noch bei einander bis heut? Sie schttete den
gemahlenen Kaffee in den Trichter.

Unterschiedlich -- aber sehr unterschiedlich.

Wie? fragte sie.

Unterschiedlich! rief er mit donnernder Stimme.

Was soll denn das heien, Heinrich? mahnte sie mit sanftem Vorwurf.

Schlafen die Bamsen?

Natrlich.

Was sagst du's denn net frher. Weit du wo wir waren?

Nein.

Heiliger Strohsack, seufzte er tief auf. Ja -- nein -- nein -- ja! --
wie eine Maschine.

Ein Mann wie ich kommt nach Haus, -- Gott sei's geklagt, ein Mann, den
sie die Tage her geradezu gefeiert haben, ein Mann, den sie auf Hnden
tragen, auf den sie, wei Gott, hren und sich nicht Watte in die Ohren
stopfen, wenn er redet; -- ein Prophet -- ein -- ein -- ein -- -- -- und
hier! ......

Ich sag dir's, donnerte er -- denn er war in Begeisterung. Er fhlte
und sah und empfand sich und seine eigene Gre.

Stell dir einen in einem herrlichen Tempel vor, Licht, Glanz -- Musik
-- schne Weiber!

Er ist der Mittelpunkt. Lebensfreudigkeit, -- Lebenshhe -- und der
Erdboden thut sich auf und er rutscht ganz sachte, ohne sich weh zu thun
in ein schwarzes Loch.

Da sitzt er nun! --

Doktor Frey seufzte tief auf und rieb sich die Nase.

So kommt einer nach Hause!

Mama ma ihn wieder mit demselben sachkundigen Blick.

Frau Doktor Frey hatte sich angewhnt, auf das, was ihr Mann zwischen
zwei und drei und vier Uhr nachts aussprach, nicht besonders zu achten.

Sie go jetzt den Kaffee ber. Es duftete anregend und appetitlich.

So komm, trink jetzt, sagte sie, stellte Knnchen, Tasse und
Zuckerdose auf ein Tablette und ging ihrem Gatten damit voraus.

Ihre Handlungsweise war die einer Person, die ihrer Natur und der
Erfahrung nach durchaus so handeln mu, wie sie handelt.

Es gab da keinen Ausweg mehr. Aber Doktor Frey mochte heute
auerordentlich aufgebracht und unangenehm berhrt sein.

Er schlug die Kchenthr Mama vor der Nase zu, da es durchs Haus
drhnte.

Sie beachtete es nicht, ffnete, als wre nichts geschehen, die Thre
wieder, trat gleich hinter ihm drein ins Arbeitszimmer und go ihm den
Kaffee ein.

Trink nun, sagte sie noch einmal.

Weit du, la dich wenden! schrie er, an dem Muster htt' ich mich
endlich satt gesehn!

Von zwei bis vier Uhr nachts aber war sie undurchdringlich,
unbezwinglich, unverletzbar, zu seinem allergrten rger.

Er wute sich nichts Schlimmeres, denn in dieser Stunde war sie ihm
ber. Was hatte er ihr in den letzten Jahren in diesen spten Stunden
nicht alles angethan! -- nicht alles gesagt -- und hatte doch die Fessel
nicht abschtteln knnen.

Wie eine Zwangsjacke empfand er sie, eine elende verchtliche Jacke --
aber er konnte sich doch nicht bewegen, wie er wollte.

Sie hatte sich selbst so ganz verloren, da sie an sich nichts mehr zu
schtzen und zu wahren fand. Es war da nichts Heiliges mehr. Und darin
lag ihre Kraft und ihre Macht.

Nur auf eins hielt sie. Die Mdchen durften zu dieser Stunde dem Vater
nicht vor die Augen kommen.

Aber heute war er auf die Bamsen ganz versessen.

Sapperlot, rief er mit einem Mal mchtig, wenn der Vater acht Tg'
net daheim war, wer hat das Recht ihm seine Bamsen vorzuenthalten?

Er trat zum Korridor hinaus und rief donnernd: Marie! Isolde!

Hoch aufgerichtet stand er wie ein Streiter Gottes, die Brust
geschwellt, die Augen mit Mannesmut auf seine Frau gerichtet.

Ein ganz klein wenig hielt er sich am Thrpfosten.

Er hatte heut etwas mehr, als die gewhnliche Bettschwere, mit
heimgebracht -- etwas mchtig Heiteres.

Unmglich konnte er sich so zur Ruhe legen, denn er kam von seinem
eigenen Triumphzug. Es war ihm vortrefflich ergangen.

Marie und Isolde traten ein, trugen auch, wie die Mutter, Flanellrcke
und Nachtjckchen.

Ah! Spiebrger! rief Doktor Frey. Ist das 'ne Zucht! So wie die
Alten sungen, zwitschern die Jungen.

Desse! da i net lach! In a Nachtjacken un' Flanellhansel! Schamt's
euch net, Bamsen?

Die Mdchen sahen verdutzt und verlegen auf ihren Vater.

Sie waren trotz ihrer spiebrgerlichen Morgentoilette herrlich anzusehn
in ihrer scheuen Jugendlichkeit, die kleinen rosigen Hupter mit den
kstlichen lockigen Haarschpfen, die eine dunkel, die andre goldig
leuchtend, und die jungen vollen Glieder, in weicher Schlfrigkeit.

Mit ihnen schien ein ser Jugendduft ins Zimmer gekommen zu sein, als
wren sie aus einem wundervollen Sommergarten, in dem die Linden,
Reseden, Levkojen und Lilien in voller Blte stehen, hier eingetreten,
und htten einen Hauch dieser Wohlgerche mitgebracht.

Der Anblick seiner prchtigen Mdchen wirkte auf den Vater unbedingt
besnftigend.

Bamsen! rief er, er hatte sich jetzt an das Fenster zurckgezogen und
hielt sich ein wenig an's Fensterbrett gesttzt.

Bamsen, ich bring' euch was mit heim. Freut euch, Mdels!

Noch nie hatten die Mdchen ihre Mutter gesehn wie eben jetzt -- so alt
-- so mde -- so gleichgltig.

Ihr war soeben ihr letztes Privilegium genommen.

Bisher hatte er noch nie gewagt die Mdchen wirklich zu rufen. Ein Blick
von ihr hatte immer in diesem einen Fall gengt, ein Bst.

>Ah so die schlafen, die Bamsen.<

Sie hatte die Mdchen vor diesen nchtlichen Eindrcken behten wollen,
fr immer.

Nun war es geschehn.

Und was war denn geschehn? Er erzhlte ihnen harmlos von einer schnen
Frau, die am Starnbergersee wohnt, und deren Gast er jetzt drei Tage
gewesen. Einer der Berliner Schriftsteller hatte ihn dort eingefhrt.

Und euch hat sie eingeladen. He? Was? Na, was sagt ihr?

bermorgen schon.

Wer ist sie denn? fragte Marie leise.

Ja wohl, nur immer vorsichtig Philisterseelchen! Doktor Frey lachte
laut auf.

Die Frau eines Gesandten ist sie. Gengt das den gndigsten Bamsen?
Steinreich! Ein Weib, sag' ich! Doktor Frey berhrte seine Lippen mit
den Fingerspitzen und schickte einen Ku zur Decke.

Ein Weib! -- Er war verzckt. Ein Gtterbild!

Gott, noch einmal, was man sonst so Weib nennt! da i net lach!

Was fr grundgtiges Gansvolk mu unsere edle Weiblichkeit doch sein,
da ich mein Lebtag nichts hnlichem begegnet bin!

Da scharren sie so einen armen Teufel ein, ohne da er ein allereinziges
Mal das gesehn hat, was der liebe Herr Gott doch fr ihn bestimmte, das
Weib in seiner Vollkommenheit, das vollkommene Weib!

Und durch eure Spiebrgerlichkeit kommt der Mann um sein bestes Teil,
das ihm doch von Rechtswegen zukme.

Nicht einmal rechte Weiber knnen diese Weiber sein!

Ja, was seid ihr denn eigentlich, wenn man fragen darf?

Er schwankte ein paar Schritte auf seine Frau zu.

Nichtsknnerinnen ihr! Kinder auf die Welt setzen, Gott seis geklagt
und herum nrgeln und duddeln, vom Manne Kleider und Hte erlisten, dem
Manne auf dem Geldbeutel liegen, dem Manne auf die Finger passen.
Wehmutsspritzen, Geldausgeberinnen! Hemmschuh fr alles Groe. Blutige
Thrnen knnt' einer weinen!

Er wischte sich ber die Augen. Es war da auch etwas zum Fortwischen.

Frau Doktor Frey hrte ihren Gatten ruhig poltern und verzog keine
Miene.

Aber das grne Holz! donnerte er. Ist denn da gar nichts zu machen?
Eben so verstockt? kein Hauch von Schalkhaftigkeit? das trottet alles so
schwer!

Herr Gott, so ein armer Teufel! Was hat er denn eigentlich auf dieser
Welt!

Doktor Frey war wieder bis zu Thrnen gerhrt.

Also ihr seid eingeladen, Bamsen! in ein Feenreich -- sperrt Maul und
Ohren auf -- und lernt dort was!

Ich bring euch bermorgen hin. Basta!

brigens traf ich dort den faden Bengel, den Mengersen. Der hatte sich
natrlich herangemacht, so eine feine Nase! Modelliert das Prachtweib.
Wird aber nichts draus.

Isolde war zusammengezuckt.

Sie stand ganz bleich.

Das war ein Wunder, die Hand Gottes griff hier an!

Zuerst da sie diesen Schdel finden mute -- und nun! --

Marie fragte zaghaft: Und geht Mama nicht mit?

Das ist nix fr Mama. -- Nicht Alte?

Er wartete ihre Antwort gar nicht ab, sondern predigte weiter.

Die Morgendmmerung brach herein, fahl und kalt und beleuchtet das
bernchtige mde Gesicht einer alternden Frau, das gertete eines in
jeder Fiber bebenden Mannes, der tagelang seine Nerven durch alle
mglichen belebenden und anreizenden Einflsse in Aufruhr gebracht hatte
-- und zwei se junge Gesichter, die nicht recht wuten, wohin schauen.

Ihre Mutter war ihnen so unheimlich, wie der Vater. Dies nchtliche
Zusammensein berhrte sie bang.

Sie hatten schon immer allerhand im Halbschlaf gehrt. Thren werfen,
die laute Donnerstimme des Vaters; aber es war sie nichts angegangen.

Isolde hatte bei dem Anblick der Mutter ein dumpfes, unklares Bild, als
ertappte und belauschte sie ein Nachttier auf seinen Gngen, ein Tier,
das Nachts sehen kann, das Nachts sein eigentliches Leben lebt, das
Nachts kmpft und leidet, das, wenn alles schlft, geheimnisvoll lebt.

Sie fhlte ein so sonderbares, nebelhaftes Grauen vor Vater und Mutter!
Was fr zwei fremde Menschen waren das eigentlich?

Das war auch nicht das geschftige Mamachen, das den ganzen Tag so
eifrig unbedacht herum wirtschaftete, mit dem Dienstmdchen schalt,
immer im Trab war, sparte und zankte und wegarbeitete was ihr unter die
Hnde kam.

Um diese Stunde schien alles Mtterliche von ihr abgefallen zu sein. Da
war nur das Weib geblieben, das eigentlich nicht mehr Weib war, etwas
Aufgebrauchtes, Zurckgestoenes, Geduldetes; aber etwas, ohne das der
Mann nicht mehr auskam.

Isoldens dumpfe Gefhle wurden ihr nicht zu Gedanken, nahmen die klare
Form nicht an, aber bengstigten sie.

Es war da etwas Schreckliches.

Sie htte sich an die Brust der Mutter werfen und weinen mgen -- aber
-- das Geheimnisvolle, Nachttierhafte, das sie in der Mutter empfand,
hielt sie davon ab.

Der aromatische Geruch des starken Moccakaffees lag in der Zimmerluft.

Was Mama nachts fr vortrefflichen Kaffee macht! Auch das bengstigte
jetzt Isolde und Thrnen rannen ber ihre Wangen.

Da haben wir die Bescherung! sagte der Vater, der sich von seiner
Sttze, die er am Fensterbrett gefunden hatte, nicht recht fort traute.

Die Bamsen sind, mit deiner Hilfe, Alte, die fertigen Zierpuppen
geworden.

Ein nettes Heim, das so ein Mann doch hat!

Bring euch das Beste, was ich bringen kann, 'was fr die Jugend!
Lebensfreude! Heiterkeit! Die Gesellschaft einer schnen, vornehmen
Frau, eines Weibes von Gottes Gnaden -- und die Einladung in ihr Haus --
ein Haus! Ja, so was saht ihr noch nie, Bamsen! -- Und Heulerei,
Spiebrgerei!

Da i net lach!

Habt ihr denn 'was anzuziehen, Mdels? rief er mit heiterer
Donnerstimme.

Sein Geist bewegte sich schon wieder in angenehmen Regionen.

Er hielt sich nie lange bei einem rger auf. Der Dichter verstand es,
einen Schwall von unwirschen Redensarten, Krnkungen, sehr bedenklichen
Offenheiten ber die Seinen zu ergieen -- dann aber, >Schwamm drber<!
War seine Lust am Krnken vorbei, mute den Andern die Lust, sich
beleidigt zu fhlen, auch vergangen sein. Das konnte er auf den Tod
nicht leiden, das Nachbrummen.

Na, also, wie steht's? fragte er Mama, sind Kleider da?

Ich denk' schon.

Natrlich! Weibsen! Kleider! Dazu ist immer Geld da. Und mir wird
vorgejammert. Zu nix ist Geld da, zu rein gar nichts; nirgends schaut
was 'raus -- aber Kleider! Er machte sich von seiner Sttze los und
ging leicht schwankend durch die Stube nach dem Schlafzimmer.

Mama war mit ein paar Schritten voraus und ffnete ihm hilfreich die
Thr.

                   *       *       *       *       *

Die Mdchen suchten ihre Stube wieder auf.

Als Marie ber die Schwelle trat, schrie sie laut auf.

Der erste Strahl der Morgensonne lag dem Schdel auf der Stirn. Die
leuchtete hell auf. Es war, als erhellte es das ganze Zimmer.

Ide, der Schdel lebt!

Ja, er lebt! jubelte Isolde auf und bedeckte ihre Schwester mit
heien, leidenschaftlichen Kssen.

Marie war so erregt von allem, so berwacht, da sie in Thrnen
ausbrach.

Ich wei net, Ide, schluchzte sie, wie es bei uns ist! Sie weinte
herzbrechend. Deck' wenigstens dem Schdel ein Tchel ber!




3.


Die beiden Mdchen sitzen ihrem Vater gegenber in Mrs. Wendlands
Landauer, Kutscher und Diener in vornehmer Livree.

Das leichte Gefhrt rollt die Landstrae am Starnbergersee entlang.

Bamsen, ich sag' euch, da ihr mir keine Schande macht. Schaut net so,
als wr euch die Butter vom Brot gefallen.

Der Dichter trgt einen hellgrauen Sommeranzug, graue Kniehosen und
schwarze Strmpfe mit Halbschuhen.

Er ist vollkommen der elegante Tourist. Seine mchtige blonde
Persnlichkeit nimmt sich vortrefflich aus.

Die Kinder konnten sich nicht erinnern, jemals mit ihrem Vater einen
Ausflug gemacht zu haben, und wuten sich jetzt nicht recht in ihre Lage
zu schicken.

Er liebte Familiensimpelei nicht und war als Ehemann Junggeselle
geblieben. Als Schriftsteller brauchte er unendlich viel Anregung, auf
die die Seinigen keinen Anspruch machen konnten. So war es gekommen, da
er in gewisser Weise ein Leben fr sich fhrte und zwar ein Leben, das
sich um eine Kaste hher abspielte.

Die beiden Mdchen sitzen wortlos. Aus der dumpfen Stadt in die schne,
reiche Sommernatur gekommen zu sein, thut ihnen weh und wohl, der weiche
Seewind, die mchtigen Massen tiefdunkeln Laubes, das die Luft
einzuengen scheint und der Duft nach blhendem Gras -- wie bedrngt sie
das alles! Das sollte man immer haben knnen! Arme junge Menschen, denen
die Natur fremd bleiben mu.

Sie biegen jetzt in einen vortrefflich gehaltenen Kiesweg ein, der durch
dichten Buchenwald eine Anhhe hinanfhrt und kommen bald an ein schnes
weitgeffnetes Gitterthor aus kunstvoll geschmiedetem Eisen.

Da fhrt der Wagen ein, im groen Bogen um einen kstlichen Rasenplatz,
auf dessen saftigem Grn Centifolienrosenbsche wuchern. Sie stehen
jetzt in voller Blte. Tausende von Rosenblten, alle dasselbe zarte
Rosa, und ein so ser Duft, da einem Stadtkinde die Thrnen in die
Augen kommen konnten. So etwas heimlich Lndliches; paradisisch Zartes
liegt in den kunstlos, kunstvoll zerstreuten rosenbedeckten Bschen.

Ein Springbrunnen pltschert in einer stillen grnen Ecke, keine
Paradefontaine im Centrum des Cirkels -- nein, abseits wie ein
vertrumter Geigenspieler, der sich selbst zu eigner Lust in einer
verlorenen Ecke ein Stndchen bringt.

Den beiden Mdchen schlgt das Herz. Wie eine breite laue Welle s
duftender Vornehmheit geht es ber sie hin.

Der Wagen hlt vor der Villa, der Diener ffnete den Schlag. Alles,
worauf ihr Auge auch fllt, ist wie in einer andern Welt, alles sagt
ihnen etwas von einem geheimnisvollen Leben, das sie nicht kennen.

Ihr Vater hilft ihnen aus dem Wagen -- ja, war denn das ihr Vater? Er
hat einen Ausdruck, den sie an ihm nicht fr mglich gehalten htten, so
gentlemanlike, eine so ritterliche Bewegung des Arms, die ihnen gilt!
Sie wurden unbeschreiblich verlegen.

Der Diener fhrte sie eine breite, steinerne Treppe hinan. Vorsaal und
Treppenhaus ganz in Wei und Gold gehalten.

Eine groe Schale vor einem hohen Spiegel mit Centifolien und Reseda,
die den Raum mit ihrem Sommerduft erfllen.

Marie und Isolde wnschten sich weit fort.

Es war ihnen die Atmosphre so khl, als schlge im Hause kein Herz!

Der Diener ffnete die Thrflgel. Isolden ist dieser Diener
merkwrdiger als alles. Er war, kam es ihr vor, da und zugleich nicht
da. So wesenlos ist ihr noch nie ein Mensch erschienen. Alles
Menschliche hatte er, Gott wei wo, gelassen.

Auf seinem Gesicht lag die Vornehmheit des Hauses versteinert.

Sie gingen durch ein hohes helles Vorzimmer und schauten nicht recht um
sich. Die Thr nach einem andern Raum stand geffnet. Sie traten ein und
befanden sich einer Gesellschaft von verschiedenen Personen gegenber.

Der Theetisch war gedeckt, Gste waren um ihn versammelt. Ein leichtes
Aroma von Cigaretten und Rosen. Es schienen den beiden Mdchen auf den
ersten Blick viel mehr Personen gegenwrtig zu sein, als es in
Wirklichkeit waren.

Eine Dame hob sich ein wenig aus ihrem Lehnsessel, beugte sich vor,
streckte den Arm aus. Gelblich indische Seide flo faltig schlank an ihr
herab. Ein liebenswrdiges Lcheln ging ber das schmale, von glatt
anliegendem schwarzen Haar eingerahmte Gesicht.

Wie gut, da Sie sind gekommen, lieber Dichter, sagte die Dame. Nun,
und Ihre jungen Mdchen -- wir wollen sehn.

Sie gab jedem der Mdchen die Hand.

Tiefe schwarze, feuchte Sammtaugen fhlten sie auf sich gerichtet, khl,
vornehm, freundlich.

Kommen Sie, nehmen Sie Platz, lieber Dichter.

Isolde sah weltenweit von sich entfernt Henry Mengersen im weien
Flanellanzug.

Sie empfand, wie er hier heimisch war.

Ein tdlicher Schreck, ein banges Schamgefhl berwltigte sie, als sie
an den Schdel daheim dachte. Die se mystische Liebeswonne, die
brutlich nonnenhafte Seligkeit, wie erschien ihr das alles jetzt! Den
Schdel hatte sie geliebkost ja! Die beiden Stirnen hatten dieselbe Form
-- gewi. Sie hatte vor ihm wie im Gebet versunken gelegen. Es war ihr
so natrlich erschienen. So ein thrichtes Geschpf wie sie war! --

Henry Mengersen wurde den beiden Mdchen vorgestellt. Er erinnerte sich
Isoldens. Sie hatten sich in einer Gesellschaft bei Freyschen Freunden
getroffen. Er reichte ihr die Hand und begrte sie als alte Bekannte.

Auerdem war ein ltlicher, norddeutscher Baron da, ein jovialer Herr
und eine noch junge schlanke Frau mit kleinem Kopf und krftig voller
Gestalt, einem etwas ernsten Kindergesicht, groen Augen, kleiner Nase,
hbsch geformtem Mund. Sie schien eine angenehme Person zu sein. Ihr
weiches, braunes Haar trug sie in einem nicht geschickt arrangierten
Knoten.

Zuguterletzt rekelte sich ein, zweifelsohne, hochmoderner Schriftsteller
in seinem Stuhl. Er rekelte sich, weil das seiner Lebensanschauung
wahrscheinlich entsprach.

Gr Gott, bermensch! sagte er und schttelte Doktor Frey
kollegialisch, aber auf eine etwas schlottrige Weise die Hand.

Ein tadelloser, aber ein wenig zu weiter Salonanzug bedeckte seine
gelenke, feingliederige, mit zartem Fett ausgepolsterte Gestalt. Die
breite, gestrkte Hemdenbrust stand in weitem Bogen aus der tief
ausgeschnittenen Weste heraus. Es war alles nicht so recht niet- und
nagelfest an ihm.

Doktor Frey aber schien mit allen, die am Tisch saen, bekannt und
vertraut. Er hatte etwas so leicht-beweglich Mchtiges, wie eine gut
geschmierte groe Maschine.

Als er sich niedersetzte, sagte er, jovial und wie im Prophetenton, eine
seiner Sentenzen: Wir mssen alle wahr sein, wahr bis zum uersten --
wahr und lebensfreudig -- dann wird die Welt bald ein anderes Gesicht
bekommen.

Jede seiner Bewegungen zeugte davon, da er sich hier sicher und wohl
fhlte, da er sich seines Werts bewut, da er ein berhmter Mann war.

Als Marie und Isolde in den eigentmlichen englischen Sthlen Platz
nahmen, empfanden sie ein lebendiges Behagen, wie sich das glatte zarte
Holz an den Krper schmiegte. Unwillkrlich strich Isolde wie liebkosend
ber die Armlehne auf der ihre Hand ruhte. Sie fhlte sich so geborgen.

Wie robust lebte es sich daheim, wie hlich und grob.

Ihren Vater lie sie nicht aus den Augen. Er war hier wie ein anderer
Mensch. Wie zu einem Heiligen neigte sich die schne Frau zu ihm und
fragte ihn, ob er Rum oder Citrone in den Thee wnsche. Eigenhndig
reichte sie ihm das Gewnschte und er schaute wie ein Halbgott um sich.

Isolden war etwas wie Weinen und Lachen nah. Ein erschrecklich
verquicktes Ding von einem Gefhl. Sie dachte an die Mutter daheim. Der
Thee war so duftend, die Tassen so zart, alles Gert auf dem Tisch als
stammte es aus einer vollkommeneren Welt.

Die Mdchen saen ganz still in ihren hellgrauen Lodenkostmen, wie zwei
graugefiederte Tauben.

Sie dachten beide an ihre Kleider, die sie im Kfferchen mitgebracht
hatten und fhlten eine wahre Sehnsucht danach.

Mrs. Wendland fuhr im leichten Plaudern fort, in dem sie, durch das
Eintreten der neuen Gste, unterbrochen worden war. Lu, wendete sie
sich an die junge Frau, man hat mich gefragt, was ich habe an dir? Was
hast du an ihr? Ich habe gesagt: das, was du hast an mir, hab' ich an
ihr. Ich bin wrmer als du, sie ist wrmer als ich. Es ist immer die
Wrme.

Und weit du, wer hat gefragt?

Dieser fling! Mrs. Wendland blickte auf den kleinen dicken Baron.

Die junge Frau sah gro auf und lachte.

Ja, sagte sie, ich stehe nicht in Gnaden bei dem Baron.

Verehrteste! der kleine dicke Baron machte eine wahrhaft entsetzte
Bewegung und steckte seinen goldnen Kneifer auf die Nase. Verzeihung,
gndigste Frau, da mu ich allerdings einen absolut anderen Zusammenhang
......

Mut dich nicht bemhen, lieber Freund.

Mrs. Wendland stand vor dem Kamin, ihre hohe schlanke Gestalt nachlssig
hingelehnt.

Sie schaute mit unergrndlichen Augen auf die Gesellschaft. ber ihr lag
eine eigentmliche Ruhe, wie sie gewhnlichen Menschen nicht eigen ist.
Merkwrdigerweise, fuhr sie fort, sagte Lu dasselbe von dir, lieber
Baron: Wie kannst du verkehren mit diesen dummen Baron?

Mary! rief die junge Frau ganz entsetzt.

Mrs. Wendland aber erzhlte ruhig weiter: Ich habe gesagt: Es ist ein
alter Liebhaber von mich und ich frag' ihn: Wo kaufst du das beste
Kaiserl und ob er seine Leute auch Werktags Wein giebt -- solche Dinge
-- aber das ist das Gemtliche nicht wahr, Baron?

Du bist heut ja wieder von fabelhafter Freimtigkeit!

Die junge Frau war tief errtet und etwas nervs geworden.

Und schlielich, ist denn diese Freimtigkeit so notwendig?

Meine liebe Lu, Freimtigkeit ist nie unntig. Denke, was fr ein
schnes Wort: Frei! -- Mutig! -- Zum Beispiel: Ich habe das Unglck,
unter deutschen Frauen zu leben. Ich wei nicht, womit ich das verdient
habe. Die, mit denen ich mu leben, die werd' ich nicht in ihrem Dunkel
sitzen lassen. Alle deutsche Frauen sind Khen, sagte sie aufseufzend.

Das gehrt eigentlich wieder unter vier Augen, meinte Frau Lu.

Mit deinen, >unter vier Augen<! Mrs. Wendland lchelte.

Was man unter vier Augen sagt, ist so gut, als ob man gar nichts sagt
-- auer in Liebesdingen -- ja dann -- natrlich. Aber alles andre ist
gut, wenn man aller Welt es sagt. Es wird bekannt. Ich sage alles, was
ich denke.

Der moderne Schriftsteller hatte eine zarte Applaudierbewegung mit den
Spitzen seiner Finger gemacht, als Mrs. Wendland die eigentmliche
Bemerkung ber die deutschen Frauen vorbrachte. Mrs. Wendland hatte dies
bemerkt.

Und was soll ich von den deutschen Mnnern sagen, wenn ich mu sehen so
etwas?

Sie umgab den Schriftsteller wahrhaft mit der ruhigen Macht ihres
Blickes. Wenn ich sage, die deutschen Frauen sind Khen, so ist das
etwas Trauriges und ein schlechtes Zeichen fr den deutschen Mann.

Wenn ich bin freimtig und sage, was Frau Lu von meinem guten Baron
gesagt hat, so will ich, da sie nicht soll erschrecken. Sie soll ganz
ihr selbst bleiben -- ganz ruhig in ihre Seele, nicht aus der Contenance
kommen. Eine Frau, die gethan und gelebt hat, wie Frau Lu, die so
gehandelt hat, mu souverain sein. Lu hat nie zu die Khen gehrt --
nie. Lu nie.

Das sagte Mrs. Wendland sehr bestimmt.

Sie ist Ausnahme, ^first class^.

Wenn ich denke an Lu, denke ich, da sie genagelt ist an ein Kreuz mit
tausend Rosen berdeckt, so ganz berdeckt von Rosen -- ein Golgatha,
ganz in Rosen.

Niemand sieht, da sie genagelt ist -- aber sie ist's, mit Hnden und
Fen, weil sie eine so glckliche Ehe hat, so ein Wunder von einer Ehe.
Eine wirklich glckliche Ehe! -- Nicht, was man so nennt glckliche Ehe,
das ist eine Futterehe, was man im allgemeinen nennt glcklich.

Aber Lus Ehe ist in Wahrheit glcklich -- und das ist ein groes
Unglck.

Mrs. Wendland ging auf ihre Freundin zu, strich ihr ber das Haar. Arme
Lu!

Frau Lu schlang die Arme um sie und sagte: Aber wie viel besser es ihm
jetzt geht! -- Und er arbeitet! Wenn Gott nur einmal ein bissel neutral
bleibt.

brigens, mir fllt ein, sagte Mrs. Wendland -- etwas ganz anders:
Gestern geh' ich meinen Spaziergang auerhalb meinem Park und begegne
einer deutschen Familie -- zwei Mnnern, Kindern und eine Frau.

Die Kinder liefen voraus und die Frau war zurckgeblieben. Sie hatte
'was an die Fe und war so eine dicke Brgerin.

>Schau,< sagt die eine Mann zu seinem Begleiter, >wie deine Alte
nachhatscht.< --

>Na, alter Kachelofen,< ruft ihr der Ehemann zu, >mach voran!<

Und die Frau schaut auf mich und lacht so gutmtig und sagt:

>So san die Mannersleut!<

So sind sie alle, da liegt das ganze Deutsch darin.

Lieber will ich ein Pferd sein, als eine deutsche Frau!

Nun, ich dchte, eine schne Frau darf doch auch in Deutschland reden,
wie es ihr gefllt, sagt der moderne Schriftsteller, und um seine
Lippen spielte ein Lcheln, wie er es in der Gewohnheit hatte, wenn er
eine Frau ber irgend einen Gegenstand sprechen hrte, auch wenn dieser
Gegenstand ihre eigene Persnlichkeit und ihr eigenes Geschlecht gewesen
wre, -- ein so nachsichtiges, gndiges Lcheln.

O ja, eine schne Frau kann auch in Deutschland manches thun; aber das
liegt auf einem ganz anderen Gebiet.

Ich bewundere die deutsche Frau, da ihr nicht die Geduld ausging.

Ich wrde eine Bombe nehmen und auf die Schlafrock von meinem Mann
werfen und auf die Schlafrock von alle Mnner, die schreiben und
philosophieren und sprechen von die Frau.

Mitten in ihr Dunkel wrde ich werfen.

Oho! Hochverehrte, rief Doktor Frey mchtig. Deutsche Liebe!
Deutsches Weib! Minnesang! Sie thun uns bitter unrecht!

Da kommen Sie mit die Mittelalter! -- Natrlich, das thun alle
deutschen Mnner, wenn sie von die Frau reden. Ein deutscher Mann sieht
die Frau immer im Mittelalter, auch in solch einem Kostm. Ich glaube,
wenn er von die deutsche Frau spricht, denkt er an eine aus Holz
geschnitzte, nie an die lebendige, so wie auf den Titeln von allen
deutschen Familienzeitungen zu sehn ist, so kinderlich. Das Naivste, was
es in dieser Beziehung giebt, ist der deutsche Mann.

Deutsche Liebe! Ich mache zwei Kreuze davor, damit man sich in acht
nimmt.

Ich will eine lange Geschichte erzhlen: ich liebe sehr Geschichten zu
erzhlen, sagte sie trumerisch.

Es hat sich eine Auslnderin verheiratet. Sie hat einen deutschen Baron
geheiratet.

Mrs. Wendland sah mit ihren tiefen ruhigen Augen, geradaus ber die
Gesellschaft hinweg.

Wie vornehm khl stand sie da als wenn alles auf der Welt sie nichts
anginge; auch das Alter nichts. Denn sie war nicht mehr jung.

Wie flo aber die gelbe indische Seide an ihrer schlanken Gestalt herab.

Diese Frau hatte sich in Nichts nachgegeben, das sah man.

Sie hatte ihr Leben mit sich selbst durchdrungen.

Und dieser Baron ist so ein deutscher Lebemann, fuhr sie fort. Er
hatte gelebt und geliebt, wie man sagt.

Er war ein schner Mann und hatte ein Schlo und Wald und Jagd und war
ein groe Jger. Er hatte genug von die Frauen und deshalb heiratete er.

Und wie ich sagte: Er heiratete eine junge Auslnderin -- schn -- klug
und sie hatte nicht gelebt und geliebt, wie man sagt, und liebte ihren
Mann mit solch einer schnen jungen Liebe und solch einem Verlangen nach
Liebe. Und er hatte nicht ein Verlangen nach Liebe und kmmerte sich
wenig um sie.

Sie aber war traurig darber und er ging alle Morgen auf die Jagd.

Im Winter, vor Sonnenaufgang stand er leise auf und lie sie in Thrnen
verliebt allein. Da sann sie, wie sie ihn halten knne.

Und einmal war es auch, da wute sie schon, da er wieder gehen wrde.
Drauen lag leichter Schnee ber der Welt und der Mond schien helle.

Da war sie es, die aufstand, viel, viel leiser als er, so zart, wie eine
Hauch und sie legte ihre Nachtkleider ab und schlpfte nur in eine
weiche Pelz -- dann schlich sie fort -- und zum Schlo hinaus.

Und unter einer einsamen Linde warf sie ihre Pelz ab und stand in ihre
groe Schnheit im Mondschein.

Da legte sie sich in den weien, unberhrten Schnee und der Schnee trug
die Linien von ihre zarte Gestalt. Dann hob sie sich wieder und
schlpfte in ihr Pelz und eilte schnell in das Schlo zurck, in ihr
Schlafzimmer -- leise -- wie ein Hauch.

Und als der Baron erwachte und sie wollte verlassen, um zur Jagd zu
gehen -- da sagte sie: >O denke, es ist ein edles Wild bis nah vors
Schlo gewesen, ich habe seine Spur gesehen unter der Linde.<

Da lachte er und glaubte nicht.

>O geh, sagte sie, du wirst es sehn, da ich wahr sagte.<

Und er ging.

Und als er wiederkam? Da verlie er ihr, denke ich, nicht mehr.

Und meine Geschichte heit: Die Wildspur.

Das ist was ich nenn >Frau< und >Liebe<, so s und klug. O, es gehrt
mehr Weisheit und Seele -- und Geist dazu, als zu eine Eisenbahn baun.

Eine Geschichte fr junge Damen, sagte der moderne Schriftsteller
lchelnd und verbeugte sich leicht, zu Marie und Isolde gewendet.

Gewi fr junge Damen, sagte die schne Frau. Oder meinen Sie fr
alte?

Die kleine Geschichte hatte sie mit solch einer freimtigen Schnheit
erzhlt, da es ber alle wie ein Hauch von Poesie ging.

Doktor Frey erhob sich, go ein zierliches Kristallglas voll Wein, lie
sich vor Mrs. Wendland auf ein Knie nieder und sagte indem er das Glas
an die Lippen fhrte: Dem wundervollsten Weib!

O, Sie sind ein deutscher Dichter! Sie sind ein Freiheitsmensch, ich
wei.

Es ist sehr ntig hier.

Die beiden jungen Mnner, der Schriftsteller und Henry Mengersen
verhielten sich bisher passiv. Der Schriftsteller hatte den Blick selten
von Mrs. Wendland gekehrt.

Kann so bleiben, murmelte er ein paarmal vor sich hin, kann so
bleiben.

Henry Mengersen war, wie es schien, ein wenig verstimmt.

Mrs. Wendland hatte Doktor Frey und seine beiden Mdchen veranlat, mit
ihr auf den Balkon hinauszutreten.

Alles angeweiblicht -- fr Weiber! -- sagte Henry Mengersen zum Baron
gewendet. Jawohl, Eisenbahnen bauen! O teure Mistre, versuchen Sie's
mal.

Na, meinte der Baron, Sie Tiger, das sagt man doch blo. Und
brigens, ich habe nichts gegen das Ewig-Weibliche hier um diesen Tisch.
Reizende Kerlchen -- was?

Er zwinkerte und deutete mit diesem Zwinkern auf die verlassenen Pltze
der beiden Mdchen.

Nicht bel, die eine ist mir schon bekannt, ein sonderbares Huhn.

                   *       *       *       *       *

Zum Souper kleideten sich die beiden Mdchen in ihre duftigen langen
Gewnder und es fiel ihnen wie ein Stein vom Herzen, als sie sich so
schn sahen. Die Vornehmheit bedrckte sie nun nicht mehr.

                   *       *       *       *       *

Spt am Abend sprach Mrs. Wendland den Wunsch aus, da Henry Mengersen
sie alle miteinander in sein Atelier fhren mchte.

Auf eine khle Art zeigte er sich bereit dazu.

Isolden schlug das Herz.

Und whrend die anderen im Salon noch eifrig plauderten, stand sie
allein drauen auf der Terrasse und sah in die Sommernacht hinaus.

                   *       *       *       *       *

Zwei Jahre mochten es her sein, da hatte sie in einer Mnchener
Kunstausstellung, kaum fnfzehnjhrig, vor einer Reihe Radierungen
gestanden -- und das Kind hatte geschaut und geschaut, die Zeit war ihr
vergangen, ohne da sie es empfand.

Die Leute hatten ber das kleine weltvergessene Mdchen gelchelt.

Sie aber hatte eine neue Welt gesehen und gefhlt.

Da war eine Landstrae gewesen, eine langgestreckte Landstrae, links
und rechts mit jungen Obstbumen besetzt und diese Strae fhrte geraden
Wegs hinein in einen dunkeln, drohenden schweren Gewitterhimmel.

Niemand ging diese Strae. Sie aber ging sie. Sie ging im Geist auf
dieser Strae.

Eine groe tote Stille -- kein Blatt rhrt sich -- kein Laut -- und auch
die ungeheure Wolkenmasse stand unbeweglich, ein groes, dstres
Geheimnis.

Und diesem drohenden, dsteren Unbekannten lief sie entgegen. Sie ging
nicht, sie lief.

Sie war ganz entrckt.

Und dann ein andres Blatt:

Auf hohen Gebirgsgipfeln mitten in der Gletscherwelt, im ewigen Schnee,
kmpften zwei Titanen unter schwerem Himmel. Der ewige Schnee stiebt um
sie her. Eiskltze fliegen. Der Grund ist zerwhlt, zerstampft,
zerklftet und zerrissen von der Gewalt der Hufe.

Um was kmpfen sie? Um ein armes Hschen, das tot und winzig im Schnee
liegt, das der eine erbeutet hat und der andere ihm nicht gnnt.

Da mute das Kind lachen.

Und weiter:

Auf einem Bild sah sie ein Liebespaar. Rosen und Nacht. Es war alles so
verstohlen.

Sie begriff.

Es war da ein Duft von Jasmin in der Luft -- und das Geheimnis, das
groe Geheimnis.

In der Schule steckten sie die Kpfe immer zusammen, das Eine, nur das
Eine lie ihnen keine Ruh; es sprhte ihnen im Blute, es stieg ihnen zu
Kopfe, es nahm ihnen den Atem. Und dann war es so widerwrtig -- die
anderen konnte man darum hassen, da sie davon tuschelten. Und im
Umsehen waren sie wieder dabei -- sie mit.

Eine zeigte eine Stelle im Religionsbuche, ohne ein Wort zu sagen.

Eine errtete. Und alle schauten und machten lange Hlse und wollten es
sehen -- lesen -- genieen -- davor erschauern -- sie mit.

Wie unanstndige Kobolde, ganz elementar, ganz naiv. --

Ja, und dieses Bild! da war das Geheimnis.

Sie war aber wie reingesplt davon.

Eine se, ungeheure Melodie hrte sie. Sie fhlte etwas so Groes, so
Einziges, etwas zum Hinsterben. Von dem Tuscheln, Schauern, dem naiv
frechen Treiben der unanstndigen Kobolde, die die Leute Backfische
nennen, war sie von jener Stunde an getrennt.

Auf dem nchsten Bild dasselbe Liebespaar.

Ja, sie erkannte sie beide wieder. Ein Kind war geboren. Das Weib lag
langgestreckt und tot. Es stand da eine Wasserschale und Tcher lagen
da. Sie sah das Weib mit Schauern. Es war eben geschehen.

Der Mann kniete und hielt den Kopf des toten Weibes in seinen Hnden und
seinen Kopf hatte er ganz vergraben.

Hinter beiden aber stand der Tod, riesig wie eine mchtige Wand, wie ein
Fels und auf seinem Arm lag das eben geborene tote Kind, gleich einer
welken Blte, die zufllig ein Sturmsto auf den Arm des Todes geweht
hat, so hing es formlos zusammengefallen.

Das junge Ding vor dem Bild war erschttert, wie vor nichts noch auf der
Welt.

Ganz verschchtert stand sie vor etwas Schrecklichem. Und dazu das
Geheimnisvolle, das Unenthllte -- das auch sie selbst anging.

Sie fhlte sich vor diesem Bilde bang dmmernd als Weib und fhlte dies
mit tiefem leidenschaftlichen Erschauern.

Sie gehrte zu denen -- zu denen, die so namenlos, geheimnisvoll leiden
mssen, zu denen, neben deren Liebe der Tod steht, so, wie sie es eben
gesehen: der riesige, ernste, feierliche Tod.

O, so lieben! Welches Geheimnis!

Liebe und Tod! O, so in den Untergang hinein lieben!

Sie fhlte sich stolz, mchtig -- und freute sich, da sie ein Weib war.

Es war als ob ihre Fe den Erdboden nicht berhrten.

Ja, das ist das Grte auf Erden: Weib sein! Sich opfern!

Mit solchen Gefhlen ging sie damals nach Hause.

Von da an liebte sie Henry Mengersen, noch ehe sie ihn gesehen. Sie
liebte ihn, wie sie seine Kunst liebte.

Und als sie ihn gesehen von Angesicht zu Angesicht, liebte sie ihn kaum
mehr als vordem. Nein, durchaus nicht mehr.

Der Schdel, dessen Stirn die wunderliche hnlichkeit zeigte, war ihr
vom Schicksal gegeben worden als ein Symbol, das sie anbeten durfte,
leidenschaftlich, ahnungsvoll, wie eine Nonne eine Reliquie anbetet.

                   *       *       *       *       *

Und nun sollte sie in das Heiligtum treten und seine Werke in dem Raum
sehen, in dem sie geschaffen wurden.




4.


Sie gingen alle mit einander. -- Mondschein -- Centifolienduft; -- der
Springbrunnen spielt wie ein in sich selbst versunkener Spielmann in
seiner grnen Ecke.

Vom See kam eine feuchtweiche Luft. Das Mondlicht durchflo die zarten
Gewnder der Mdchen, lste sie wie zu einem leichten, weilichen Nebel
auf. Isolde segnete ihre Mutter fr diese Kleider.

Mrs. Wendland wurde von Doktor Frey gefhrt. Er fhrte sie so vorsichtig
wie ein hheres Wesen, von dem er befrchtete, da die bloe Berhrung
mit dem Erdboden es beschdigen knnte. An jedem Schritt, jeder Bewegung
sah man, da er vor urwchsiger, ganz naiver Wonne und Befriedigung
nicht ein und aus wute.

Marie sah im Geist daheim die Mutter sitzen, wie sie mit ihrem Bengel
die Schularbeiten machte, und Marie erschrak, wenn sie daran dachte, da
auf die Mutter auch nur ein Tropfen jener Zartheit, Besorglichkeit
fallen knnte, mit der der Vater Mrs. Wendland umgab.

Wie wrde der Mutter bei so etwas wohl zu Mute sein?

Wrde sie darber lachen oder weinen?

Marie konnte sich das gar nicht vorstellen. Vor ihrem Vater aber
frchtete sie sich, als wre er sein eigenes Gespenst. Sie mochte gar
nicht hinsehn.

Sie schmte sich.

Wer war nun der Rechte, der zu Hause oder der hier?

Gern wre sie der Mutter um den Hals gefallen und htte bitterlich um
das geweint, um das, was sie lang und unklar empfand.

Sie gingen jetzt durch hohen Buchenwald. Der Mondschein flimmerte durch
die dichten Zweige. Der Weg fhrte sanft abwrts.

Sie waren auch alle ganz schn im Sommerzauber drin. Ein jeder spann und
sann. Wenigstens gingen sie ziemlich schweigsam durch diese laue,
flimmernde Nacht.

Henry Mengersens Atelier lag unten am See. Er hatte sich schon seit
Jahren ein kleines Landhaus hier gemietet, das er in den Sommermonaten
bewohnte. Das Atelier gro und kahl; die kleinen Abteilungen des
Riesenfensters standen zum Teil offen. Das Mondlicht strmte herein. Es
lag etwas Khles, Klares in diesem Raum, als Henry Mengersen die
Schraube zum elektrischen Licht aufgedreht hatte und alles bis in den
letzten Winkel bestrahlt war.

Hier empfand man nichts Weiches, nichts Ungeordnetes, nichts Beengendes,
eine peinliche Ordnung und Sauberkeit.

Wem die Augen ber Henry Mengersens Toilette noch nicht aufgegangen
waren, dem gingen sie hier auf. Sie war von jener vornehmen, absoluten,
eleganten Reinheit und Neuheit, die ein Deutscher schwer erreicht.

Auch Henry Mengersen war Mischling. Seine Mutter stammte aus einer
schwedischen Familie.

Die Art, sich zu kleiden, hob ihn ber das Gewhnliche, erleichterte ihm
vieles im Verkehr mit den Menschen, wirkte auf gewisse Naturen immer
verblffend, lie ihn ber der Situation stehen und zwar, ohne da er
sich irgendwie dabei htte anstrengen mssen. Was ein armer tapferer
Kerl mit schlecht sitzendem Rock und mit an den Knien ausgearbeiteten
Beinkleidern mit Aufbietung aller Krfte und allen Mutes nicht
erreichte, das fiel ihm zu. -- Er gebrauchte, um das alles zu erreichen,
nur etwas mehr Zeit zu seiner Toilette. Fr Frauen war er
unwiderstehlich.

Diese jungen, naiven, deutschen Frauen -- wie ennuyierten sie ihn seit
Jahren schon!

Er verkehrte jetzt allerdings meist nur mit Auslnderinnen, oder
wenigstens mit deutschen Damen aus den hchsten Kreisen.

Das war zu ertragen. Eine Frau, wie Mrs. Wendland, schien ihm wirklich
ertrglich, und auch ein Haus, wie Mrs. Wendland es fhrte -- die ganze
Art von Mrs. Wendland stie ihn nicht ab, trotzdem sie ihre groen
Schwchen hatte.

Man konnte mit ihr reden und leben, ohne jemals von Naivitten belstigt
zu werden. --

Mrs. Wendlands Ansicht war:

Wissen Sie, Henry, man kann thun was man wnscht bei uns. Man mu nur
immer in seine Rang bleiben.

                   *       *       *       *       *

Im Atelier hing keine Studie, nichts von seiner oder irgend eines andern
Hand.

Groe, bequeme, helle Eichenholzschrnke standen lngs der einen Wand,
ein breiter Arbeitstisch nahe dem mchtigen Fenster.

Mengersen ging in den Nebenraum, in das Bildhaueratelier, und bat seine
Gste, einen Augenblick auf ihn zu warten.

In dies zweite Atelier lie er ungern jemanden eintreten.

Es whrte nicht lange, da kam er mit einer kleinen Marmortafel wieder
und stellte diese auf eine Staffelei, rckte sie behutsam, blickte
prfend zur Lichtkrone und trat dann zurck.

Ein Relief. Mrs. Wendlands Kopf, leicht gelblich getnt, ein Sphynxkopf.

Also ein Raubtier, sagte Mrs. Wendland eigentmlich lchelnd.

Sie hatte recht, ein Raubtierkopf, so schn er war. Die Augen hatten
etwas Packendes, Zugreifendes. Um den Mund lag ein rtselhafter,
urweltlicher Zug: Das Tier.

Hier war es geprgt, das Halbtier Weib.

O, Henry Mengersen, sagte Mrs. Wendland ruhig, weil ich bin ganz
offen, offen, wie Sie sonst niemanden kennen, weil ich nichts verstecke,
nichts Bses und nichts Gutes, machen Sie ein Rtseltier aus mich. --
Sonderbar!

Da lchelte Henry Mengersen berlegen wie ein Richter, vor dem sich
einer so eben selbst berfhrt hat.

O, ich verstehe, sagte Mrs. Wendland gleichgltig, so meine ich
nicht. Meine Offenheit ist nicht die Offenheit von ein Tier. Sie irren.
Halten Sie mich fr naiv? Dann verzeihen Sie, ich mu lachen. Sie
verstehen doch, was ein Kunstwerk ist? Raubtiere sind wir alle. Aber Sie
meinen damit nicht das: Ich wei, ich bin Herrn Mengersen ein Dorn,
trotzdem er sehr liebenswrdig zu mir ist, weil ich ein wirklicher
Mensch bin, lebe wie er lebt und bin so klug wie er ist. Wenn sich Herr
Mengersen auch als Raubtier ausmeielt, bin ich zufrieden.

Ich bestelle mir noch ein Raubtier, es mssen zwei sein.

Und Henry Mengersen ist kein schlechtes Raubtier.

Eine sehr selbstbewute Dame, die gute Mrs. Wendland!

Der moderne Schriftsteller wendete sich flsternd an Doktor Frey.

Sie gingen mit einander im weiten Atelierraum auf und nieder.

Doktor Frey fhrte seine zusammengelegten Fingerspitzen zum Munde,
machte eine Geste der Verzckung.

Gtterweib! kam es inbrnstig, unhrbar von seinen Lippen.

Nee! dieser Meinung war der moderne Schriftsteller nicht, Hhner und
Weiber nur ganz frisch. ^Hautgot!^ Brr! Knstliches ^Hautgot, Fin de
sicle^ -- ^Hautgot^ als Parfum fr die weibliche Jugend -- famos!
Schreibe selbst solches Zeug. Verdammt raffiniert so was! Geist beim
Weib hchst verdchtig! Hat die gute Dame Kinder gehabt? Geist beim Weib
einfach pathologisch. bermensch, was ist denn dir in die Krone
gefahren? Warst doch sonst nicht so? Die Millionen etwa? Nee -- nee --
da la ich mir nix vormachen.

                   *       *       *       *       *

Mengersen hatte eine Mappe auf den Tisch gelegt, neue Reproduktionen.

Er sprach mit dem Baron darber, war mit irgend etwas zufrieden oder
unzufrieden. Sie sprachen khl hin und her ber Geschftliches und so
weiter.

Mengersen legte einige Bltter auf den Tisch und zufllig vor Isolden
hin.

Und es waren jene Bltter.

                   *       *       *       *       *

Mrs. Wendland und Doktor Frey standen am geffneten Fenster.
Der temperamentvolle Prophet und mglicher Weise baldige
Reichstagsabgeordnete und so weiter, sprach auf die schne Frau mchtig
ein.

Mrs. Wendland schaute gelassen auf ihn hin. Sie trug, wie stets, wenn
sie ihr weies Hauskleid abgelegt hatte, eine schwarze Toilette und
machte einen uerst vornehmen, in sich zusammengefaten Eindruck.

Das Portrt, das ihr guter Freund, ohne ihr Wissen, von ihr vollendet
hatte, mochte sie seltsam berhrt und verletzt haben.

Sie hatte sich ihm offen gegeben. Sie hatte ihm den Genu geboten, das
Weib auf seiner hchsten Stufe, wie sie meinte, das hochentwickelte
Weib, ganz kennen zu lernen.

Sie war rckhaltlos zu ihm gewesen, vollkommen wahr, im Vertrauen, wie
es ein groer freier Mensch zum andern hat -- und er hatte das Tier in
ihr erkannt -- nur das Tier -- das brutale Tier.

Sie hatte im Verkehr mit ihm ber das Tier Mengersen hinweggesehn und
hatte in ihm den Gott gehtschelt, angebetet und geliebt.

Mit ihrer heitern Weisheit und Welterfahrung hatte sie ihm etwas
schenken wollen -- und er? --

Man ist einsam, ungeheuer einsam! sagte sie wehmtig.

Doktor Frey wute nicht, auf was sich dieser Ausspruch beziehen mochte
und blickte etwas verblfft auf sie.

Bitte, fahren Sie fort, sagte Mrs. Wendland leicht lchelnd. Der
berhmte Schriftsteller mochte ihr irgend etwas vorgetragen haben, was
sie berhrt hatte.

                   *       *       *       *       *

Herr Goldschmitt, der moderne Schriftsteller, machte sich an das schne
blonde Mdchen, an Isoldens Schwester heran und unterhielt sich mit ihr
einigermaen von oben herab; aber durchaus angenehm berhrt. Jung,
rosig, blond, sanft und diese weiche, hilflose Stimme -- kstlich!

Er fhlte sich wie eingelullt von ihrer ausgeprgten, gesunden, molligen
Weiblichkeit.

Sie hatte aber trotzdem etwas Trumerisches, Verschlossenes, Khles.

>Etwas hartmulig noch<, dachte der Schriftsteller in seiner
Pferdesprache, die er mit Vorliebe bei Beurteilung von Frauen anzuwenden
liebte.

brigens wute er weder von Frauen, noch von Pferden etwas
Nennenswertes.

                   *       *       *       *       *

Isolde aber stand im Bann von Henry Mengersens groer Begabung. Sie sog
das, was sie sah, in ihre Seele ein. In seiner nchsten Nhe schlug ein
kristallreines Herz zum Zerspringen vor Seligkeit und Anbetung.

Die junge Nonne lag wieder in Verzckung vor der schnen Erscheinung
seiner Kunst.

Wie Gottes Sohn empfand sie ihn.

Und ob er schn und elegant, oder hlich und verschabt war, was ging
das sie an.

Wie einen Teppich htte sie sich vor seine Fe breiten mgen.

Sie war in diesem Augenblick eigenartig schn. Die hingerissene junge
Seele durchleuchtete sie.

Henry Mengersen kam zum Entschlu, sich mit dem kleinen verrckten Kfer
etwas abzugeben.

Er war, wie gesagt, kein Freund der hheren Tochter, hie und da aber
fand sich doch ein Exemplar, das man sich einmal betrachten konnte.

                   *       *       *       *       *

Als sie wieder nach Mrs. Wendlands Villa zurckgingen, bot er ihr den
Arm.

Der Mond war untergegangen und der Weg durch den Buchenwald dunkel.

Mrs. Wendland ging mit Frau Lu.

Sie schwiegen beide das lngste Stck des Weges.

Endlich sagte sie: Lu, was ist mit dir? Du bist so still. Ich wei
nicht wie du mich heut vorkommst? Es ist mir, wie wenn man denkt, es ist
warm und hat seine Wintermantel ausgezogen und es ist kalt. Sag mir, ist
was mit dir?

Du weit ja, ich kann nicht von ihm fort sein.

Die junge Frau schien erregt und bedrckt.

Wenn ich du wr, ich wrde auch nicht einen Schritt von ihm gehn. Wenn
man so etwas hat in seinem Leben wie du gefunden, mu man es halten mit
den Armen, den Hnden, den Zhnen. Weit du Lu, ich mchte mit deinem
Mann in ein Kloster gehn.

Das ist ja lieb von dir, meinte Frau Lu lachend.

Nein, im Ernst. Es wrde eine wunderschne Zeit, auch fr ihn. Bei ihm
fhlt man sich nicht degradiert, wie bei die andern Mnner, kann mit ihm
verkehren wie mit Gott Vater, so ganz ^sans gne^.

Ja, wahrhaftig, sagte Frau Lu, das ist ja auch so. Weit du, es ist,
als wenn ein guter, groer Geist neben mir herginge, in meinem Haus
wohnte und mich liebte. Wenn du wtest, wie gut er ist, wie reich unser
Leben ist. Wie schn es bei uns ist!

Und, sagte Mrs. Wendland lchelnd, wie ich mirs verderbe.

Ja, ja -- aber wenn du an meiner Stelle wrst.

Ich? Nun, wenn ich mich in deinen Mann verliebte, wrde er es besser
haben als bei dir. Glaubst du, ich wrde ihn mit meiner Angst um ihn,
immer wie mit Salz die Nerven bestreuen? Wie du? Bei mir knnte er alles
thun, was ihm beliebt, krank sein, gesund sein, arbeiten, auch ruhig
sterben, wenn es sein soll. In nichts redete ich ihm drein.

Du bist kostbar, lachte Frau Lu leicht.

Und ich habe das Interesse fr diese Alltagsmnner ganz verloren. Mgen
sie nun ein Genie sein wie Henry oder nicht. In sich, in ihrem Charakter
sind sie so schlecht gezogen, so nicht fertig geworden. Fr uns Frauen
ist es immer eine Krnkung, gleich, ob sie sind brennend zu uns oder
kalt.

Wir haben immer das Brutale. Sie sind alle wie die ganz reichen Leute,
die den Armen zu Weihnachten bescheren. Sie selbst gehen in Kleidern von
Worth, wo ist jede Naht ein Kunstwerk. Fr ihre Mitmenschen aber lassen
sie aus grobem hlichen Stoff Rcke nhen von plumper Faon ohne Sinn
und Verstand.

Sie geben so fr das allergrbste Bedrfnis der Natur -- und damit
basta.

Und dieser schreckliche Jngling, dieser Herr Goldschmitt! Statt eine
Seele oder ein Herz hat er ein kleines Ferkel in sich, glaub ich.

                   *       *       *       *       *

Inzwischen ging Isolde an Mengersens Arm zaghaft und in hchster
Erregung. Sie wollte etwas sagen und fand kein Wort.

Er schwieg auch, um zu sehen, was die Kleine vor htte. Ihm schwante
etwas, schon bei der ersten Bekanntschaft mit ihr.

Sie sind so glcklich, sagte Isolde nach langem leidenschaftlichem
Kampf mit sich selbst.

So? Bin ich? -- Und weshalb mein Frulein?

Das klang banal, so gar nicht als sagte es Henry Mengersen. Aber das war
ja kindisch von ihr, zu erwarten, da er wie ein Gott sprechen wrde.

Natrlich, er war so durch und durch Gentleman; wenn sie daran dachte,
wie er sich kleidete, wie er sich betrug, wie er verwhnt war, konnte er
ja gar nicht anders antworten.

Oder konnte er es? Sie wute selbst nicht, was sie eigentlich verlangte.
Es war doch ganz das Richtige. Man sprach so. Und was sie gesagt hatte,
war dumm und lcherlich.

Sie errtete tief.

Nun und weshalb bin ich so glcklich? fragte er noch einmal
zugnglicher. Es war doch eine gewisse Neugier in ihm wie das Hhnchen
mit ihm anzubinden gedachte.

Isolde sagte irgend etwas, stockend, abgebrochen, hastig. Sie wute kaum
was. -- So etwas: >da er knnte, was er wollte.<

>Oho<, dachte Mengersen, >die kapert so. Was sind diese jngsten
weiblichen Raubtiere doch schon gerieben und schlau! Einer hheren
Tochter kommt darin nichts gleich. Was fr ein Lrvchen hat das Ding
und dahinter schon die volle Gier nach anstndiger Versorgung. Was ist
gegen so ein Hhnchen der schlaueste Brsianer! ...

Ja wohl, mein Frulein, sie kommen ganz an den Rechten.<

Er lchelte.

Also eine Kunstenthusiastin; sehen Sie mal an! Malen wohl selbst,
Porzellan -- >Schmcke dein Heim!< Natrlich!

Nein, ich kann gar nichts, sagte Isolde.

Aber man hat Ihnen gesagt, da es sich nett macht, wenn eine gebildete
junge Dame ber Kunst spricht, nicht wahr?

Man hat mir gar nichts gesagt.

Nun, die Tochter eines berhmten Schriftstellers aus einem
schngeistigen Haus ist doch in dieser Beziehung mit allen Hunden
gehetzt.

Wie denn? fragte Isolde.

Der Herr Papa wird Sie doch in so manches eingefhrt haben?

Papa? wiederholte Isolde erstaunt.

Na, oder Mama denn.

Mama! sie lachte etwas. Ach Mama -- ein Seufzer. Allerlei Bilder
gingen ihr durch den Kopf.

Henry Mengersen war ein wenig aus dem Concept gebracht. Meine Sachen
gefallen Ihnen also?

Unaussprechlich, sagte das Kind Isolde mit einer Inbrunst und Wrme,
als antwortete sie ihrem Richter auf eine Frage um Leben und Tod.

                   *       *       *       *       *

Zwei Tage spter.

Der Vater hatte Marie nach Hause gebracht, kam aber selbst jeden Tag
nach Starnberg hinausgefahren.

Der Familie Frey stand ein Todesfall bevor.

Die Mutter war zu einem schwer erkrankten Bruder nach Berlin gerufen
worden, der mit der Familie seiner Schwester sein Lebtag kaum in
Beziehung gestanden hatte.

Vor Jahresfrist ungefhr hatte Mama ihm eine Photographie ihrer beiden
Mdels geschickt und darauf einen warmen verwandtschaftlichen Brief
erhalten.

Der Onkel schrieb, da er sich die beiden schnen Nichten nchstens
einmal einladen wrde.

Diese Einladung war nicht erfolgt. Und die nchste Nachricht war eine
Depesche, die Mama schleunigst an das Sterbebett ihres seit Jahren ihr
fremd gewordenen Bruders rief.

Doktor Frey war gehobener Stimmung. Er wute zwar von seinem Schwager
Apotheker nicht viel mehr, als da dieser wie ein altbrgerlicher
Junggeselle gelebt hatte, bescheiden, aber solid.

Angenehm war es auf jeden Fall, da er seine Schwester bedenken wrde.
Darauf war eigentlich mit Sicherheit zu schlieen. Doktor Frey hoffte,
da es etwas ausgeben wrde.

                   *       *       *       *       *

Henry Mengersen wandelte auf der Terrasse vor Mrs. Wendlands
Speisezimmer, schaute den blauen Wlkchen seiner Cigarette nach und lie
die Blicke ber den See hinschweifen, der bleich wie eine metallene
Scheibe ausgebreitet lag und den weigrauen Himmel widerspiegelte.

Nahe dem Hause ging Isolde. Sie hatte die Arme auf den Rcken
zusammengelegt, stie mit dem Fu nach kleinen Steinen und glaubte sich
unbeobachtet.

Henry Mengersen blieb jetzt stehen und sah auf das Mdchen.

Es freute ihn, zu sehen, wie harmlos das Ding sich bewegte.

Ihre junge Schnheit beschftigte seine Sinne angenehm.

Welch verhaltene frische Kraft lag in den Gliedern. -- Und welche
Vornehmheit in der ganzen kleinen Bestie! --

In ihr war das Stilvolle; das wrde sich spter erst recht entwickeln.
Wie selten traf man doch solch ein Weib! Mrs. Wendland mute in ihrer
ersten Jugend hnlich gewesen sein.

Mrs. Wendlands Sohn war gestern spt abends angekommen, ein
achtzehnjhriges Brschchen, junger Kosmopolit.

Sie hatte ihn aus irgend einem Grunde nach Wien gesteckt und er war eben
auf dem Weg, in Paris seine Studien fortzusetzen.

Kstlich, den ber Weiber reden zu hren, diesen Fratz!

Henry Mengersen lchelte in der Erinnerung daran.

>Aber ich bitt' Sie, Henry, man kommt doch nie ber diesen lendemain
hinaus,< hatte er zu ihm gesagt.

>Immer dieselbe Situation. Ihren Kopf an meinem Busen und ich grinse
ber sie hinweg.

Die Psyche des Weibes giebt mir nichts Neues mehr, Henry, es hat mir
noch keine nein gesagt. Eine einzige -- und ich wre dieser Frau
dankbar.<

-- Teure Mistre, da hast du dir ja etwas Famoses ausgebrutet.

Henry Mengersen amsierte sich, seine Gedanken spazieren zu lassen.

Er entsann sich eines Ausspruchs Mrs. Wendlands: Mir geht es so wohl,
Henry; wenn ich wieder zur Erde komme, werde ich wieder als unabhnglige
Witwe geboren. Ich bin ein freier Mensch. Leider mein einzigen Tyrannen
hab ich mir selbst ausgebrutet.

Damit meinte sie also dieses Shnchen. -- Alle Achtung!

Und sie glaubt sich von diesem Shnchen angebetet. >Menschen
untereinander!< -- dachte Henry Mengersen. >Jetzt sitzt er bei seiner
Mama. Was sie wohl miteinander reden? Natrlich durchschaut er sie. Sie
ihn? -- ^No!^ Mtter sehen nun einmal ihre Shne immer wie in der
zweiten Stunde nach der Geburt.<

Henry Mengersen warf seine Cigarette fort und drehte sich eine neue. Es
lag eine so kstliche Stimmung in der Luft. Ein feuchtwarmer Wind wehte
vom See. Man war wie eingehllt in solche Luft. Es dachte sich so leicht
und angenehm in dieser Atmosphre, so khl objektiv.

Isolde war inzwischen langsam dem Walde zugegangen.

Weit du, mein Schatz, weshalb nicht? Wenn ich ein weniger vorsichtiger
Mann wre -- aber deine Basen, Vter, Onkels und Mtter -- nee -- weit
du! und Arthur Wendland trat auf die Terrasse. Ein fabelhaftes
Mnnchen. Gegen ihn schien Mengersen fast philistrs in seiner ganzen
Erscheinung. Da war Rasse bis in das Taschentuch, bertriebene Rasse.

>Mein Mann und ich waren eine gute Mischung,< hatte Mistre Wendland
gesagt.

Was Mama fr eine sonderbare Frau ist! Arthur warf sich in einen der
indischen Lehnsessel. Ich soll offen zu ihr sein, sie will ein wenig
Mama spielen. Wozu man nicht alles herhalten mu! Ich bin Mama
brigens dankbar; in allem, was sie thut, ist sie chick. Ich hatte mir
das frher als hchst ennuyant vorgestellt, Mamas Eingriffe in das Leben
eines jungen Mannes. Mama ist Gottlob aber eine Dame von Welt, man kann
mit ihr reden!

Ja, Sie werden von Ihrer Mutter nicht geniert, junger Mann, sagte
Mengersen.

Wir sahen die kleine Person, die Isolde da unten gehen, Mama und ich.
Mama sagt: Sie ist ^first class^. Ich sagte: fr ein >Nein< ruiniert man
sich mit hundert >Ja<.

Nach diesem Ausspruch dehnte sich der kleine Arthur Wendland in seinem
Stuhl. Man sollte etwas Boot fahren, sagte er, erhob sich und schickte
sich an zu gehen. Wrden Sie geneigt dazu sein, Henry?

Augenblicklich nicht, ich fhle mich hier sehr angenehm.

                   *       *       *       *       *

Etwas spter hatte Henry Mengersen ein Gesprch mit Mrs. Wendland.

Nun, Henry, wie gefllt Ihnen mein einziger Sohn? -- eine nette
Karikatur? Vor der Hand Snob. Aber er wird mir einmal danken, da ich
ihn habe ^par force^ ber die schlimmsten Jahre gebracht. Sie sind ein
sehr kluger Mann, aber die Klugheit von einer Frau, wissen Sie, das ist
etwas ganz anderes. Ich habe ihn jetzt hier, weil er sich soll in Isold
verlieben. Sie ist ein sehr herbes Mdchen und es ist jetzt Zeit, da er
eine unglckliche Liebe bekommt. Heiraten, ^mon Dieu^, so einen Unsinn
wird er in Ewigkeit nicht denken -- und Isold wird ebenso wenig einen
andern Unsinn denken.

Sie verstehen?

^A la bonheur!^ sagte Henry Mengersen. O, liebe Mistre Wendland.

>Sonderbar, Frauen kennen einander nie<, denkt er, >haben nicht das
geringste Urteil, wenn es sich um eine ihres Geschlechts handelt<.

Also Frulein Isolde ist so auerordentlich herb? fragt er belustigt.

Und rein, wie eine junge Quelle, sagt Mrs. Wendland.

Wir knnen ber das alles reden; Sie werden sich in Isolde nicht
verlieben. Sie ist arm, Sie wissen und aus einem anstndigen Haus. Sie
werden Sie so wenig heiraten, wie ich den Baron.

Was soll ich mit dem fremden Mann in mein Haus?

Und so ist mit Isolde, was sollen Sie mit das kleine Mdchen? Sie wr
auf alle Flle schade vor Sie.

Was werden Sie einmal Ihrer Frau geben?

Vom ganzen Souper haben Sie nur noch den Dessert.

Bei Ihnen mchte ich nicht oft soupieren, Henry.

Und ob der Dessert gut geraten ist?

Doch bei einem Halb-Deutschen -- sehr fraglich.

Ich hab etwas von Ihr Dessert gekostet -- damals war es ganz gut -- aber
kein Meisterwerk; aber auch von Ihr Dessert haben seitdem viele
gegessen.

So sprach Mrs. Wendland zu Henry Mengersen, der einmal wie berauscht von
ihr gewesen war, in einer Zeit, in der sie sich beide geliebt hatten.

Ja, sie war souverain.

Und das mochte es sein, was ihn noch immer an sie kettete?

Sie war so berraschend.

Ein fr ihn bequemerer bergang von Liebe zu Freundschaft lie sich
nicht denken.

Sie hatte ihn geleitet, wie mit Feenhnden.

Ja, er mute es sich selbst sagen: dieser bergang gehrte zu seinen
angenehmsten Erfahrungen. Er wnschte allen Frauen, da sie dies so
vorzglich verstehen mchten. Und heute sagte er irgend etwas Derartiges
zu Mrs. Wendland und fhrte ihre gepflegte zarte Hand an seine Lippen.

Sie lchelte gedankenvoll.

Ja, es war Ihnen sehr bequem, Henry, und deshalb lassen Sie es gelten.

Aber da ich eine groe Knstlerin bin, verstehen Sie nicht. Dazu sind
Sie zu philistrs. An eurer Kunst hngt ein groes Stck Philistertum.
Es mu alles gezahlt werden mit Gold und Diplomen und so weiter. -- --
Doch, lassen wir das!

Ewig schade, da Sie ein Weib geworden sind, Mary!

Henry Mengersen schnippte die Asche von seiner Cigarette mit dem kleinen
Finger ber die Balustrade.

Du weit wohl nicht, mein Freund, wie grob du bist? entgegnete sie
liebenswrdig. Jeder Geist an einem Weib ist Verschwendung! Es ist was
ich sage: Ihr habt die deutschen Frauen zu Khen gemacht. Eine Kuh
bekommt ihr Junges ohne Geist und ist dazu ein sehr ntzliches Tier.

Weshalb soll eine Frau dazu Geist haben, was ohne Geist zu thun ist!

Ach! Ach! Ach! Ach! rief Henry Mengersen und hielt scherzhaft beide
Hnde auf die Ohren, die eine nur andeutungsweise, denn seine Cigarette
brannte noch.

Verehrteste, teuerste, liebste Mary, verschonen Sie einen Armen, der
das Unglck hat, Mann zu sein und etwas zu leisten!

Lassen Sie Ihre Ironie, Henry, -- gehen Sie ein wenig spazieren. Zu
Abend speisen wir auf der Veranda unten. Sie kommen doch?

Henry Mengersen kte ihr die Hand.

                   *       *       *       *       *

>Ennuyant<, dachte er. >Wenn sie das doch lassen wollte!<

Dann schlenderte er dem Walde zu, denselben Weg, den Isolde gegangen
war. ber ihm rauschten die Buchenkronen im ersten Abendlftchen. Was
war das? Er blieb stehen.

Eine junge Stimme schmetterte ungeschult und laut aus dem Walde heraus
-- so frisch -- so falsch die Tne, so aus der ersten Jugendkraft
heraus.

Henry Mengersen lchelte.

Das junge Tier, das durch den Wald luft in Liebessehnsucht. O, gute
Mistre, hren Sie nur diese Stimme, meine sinnlich bersinnliche
Mistre! Lehren Sie mich doch diese Stimme verstehn.

Henry Mengersen stand noch immer und horchte. Es war, als hielten die
ungezgelten Laute ihn im Bann.

Isoldes Gestalt stand ihm vor Augen.

>So etwas will eben leben<, dachte er, >keine Ahnung von Wohllaut!

Da ein Weib je solch lebendige Frische in sich haben kann! Wie ein
Bergstrom lrmt sie!<

Er horchte -- horchte. -- Nein unerhrt! Eine nackte Stimme!

Es war ihm, als she er auch das Mdchen wie eine griechische Nixe nackt
im Walde laufen und schreiend singen, Liebesklage und Wonne, ein wildes,
ursprngliches Durcheinander.

Da hatte er die geheimste Weiboffenbarung!

In seinen khlen, beobachtenden Augen glimmte es.

Er war unbedingt erregt; als Mann und als Knstler erregt. Er empfand
das wilde, verlangende Geschpf so deutlich, diese jauchzende
Naturkraft.

In ihm war ein neues Werk entstanden. Nach einer matten,
schaffensunlustigen Zeit, die erste lebendige Stunde.

Vorsichtig wie ein Jger, schlich er nher. Er wollte, mute sie sehen,
wie sie sa, stand oder was sie that whrend dieses tollen, lrmenden
Gesanges.

-- Und da sah er sie vor sich in ihrem grauen Lodenkleid; die Arme ber
den Kopf gefaltet, stand sie an einen Buchenstamm gelehnt und wie
hypnotisiert von ihren eigenen Tnen.

In nchster Nhe gellten sie ihm schrill in die Ohren.

Ja, das war etwas Urweltliches; und so etwas lief in modernen Kleidern
umher, lie sich hhere Tochter nennen, benahm sich ganz ehrbar, wie
andere auch. -- Wie sie dastand! -- Die verkrperte Liebes- und
Lebenssehnsucht. So, in dieser Gefhlssituation hatte er das Weib noch
nie gesehn. Das war ihm neu.

                   *       *       *       *       *

Er war selbst berrascht, als er ihren Namen rief, wie ihm der Name
Isolde laut ber die Lippen kam.

Da zerri der Gesang wie mit einem Sprung. Als htte eine Kugel sie
getroffen, zuckte sie zusammen.

Er sah in ein ganz erbleichtes, starres Angesicht. Kein Wort kam von
ihren Lippen, kein Lcheln. -- Sie schaute fassungslos.

Und er?

Als wre er mit einem leichtsinnigen Sprung mitten in einen
Wasserstrudel hineingesprungen.

Isolde! Was war ihm eingefallen! Dieser verhexte Name! Einen andern
htte er nie gerufen. Aber: Isolde! -- Isolde!

Wie einen Liebeswonneschrei, solch einen Namen zu tragen!

Isolde! sagte er noch einmal; aber tonlos.

Da kam Bewegung in sie.

Aus ihren Augen leuchtete ein ganz seliger Glanz -- etwas so traumhaft
Seliges. Wie von etwas ganz Unfabarem aus dem Schlaf geweckt, stand sie
vor ihm; hilflos, rhrend, wie vernichtet -- und wieder wie eben erst
zum Leben erwacht.

Nie hatte er solch eine trumerische Verwirrung auf einem Gesicht
gesehen.

Ja, und er, der so vielfach Gelangweilte, Abgekhlte war selbst erregt
und verwirrt.

Was hatte er da angerichtet!

Da stand sie und bot ihm ihre Liebe auf eine so se, kinderhafte Art,
so unverhllt, so durchsichtig, so widerstandslos ......

Ja, da war etwas was ihn ergriff.

Er mute den Arm um ihre Schulter legen, mute sie an sich ziehen. Das
ist doch nicht mglich? sagte sie bebend.

Und ein Thrnenstrom brach aus ihren Augen, so heftig, -- so glckselig
wild.

Im Nu war der Regenschauer ber ihr Gesicht hingegangen und sie sah ihn
mit leuchtenden Augen fragend an.

Der groe, forschende Blick irritierte ihn wie ein Sonnenstrahl. Ihr
Kopf ruhte jetzt an seiner Brust. Da mute er an Arthur Wendland denken:

>Ihren Kopf an meiner Brust und ich grinse ber sie hinweg.<

Ihm war zu Mute wie einem reichen, satten Menschen, dem ein anderer mit
fanatischer Wonne sein einziges Besitztum, nach dem er gar kein
besonderes Verlangen trgt, zu Fen legt.

Er fhlte sich unendlich belastet. Dieses zitternde vor Seligkeit
hinsterbende Geschpf im Arme, das von ihm alles forderte, das ihm
unbewut alles bot, bedrngte ihn.

Was sollte er thun?

Sie war sein, das fhlte er. Sie hatte sich ihm auf Gnade und Ungnade
ergeben.

Sie glaubte an ihn.

Jetzt sah sie zu ihm auf.

Diese Augen -- diese fordernden, glaubenden Augen!

Da du mich liebst! sagte sie tief trumend wie von Glck bergossen.

Er drckte sie fester, inniger an sich. >Armes Ding<, dachte er, >mte
ich jetzt nicht der Vorsichtige, Bedenkliche sein, wrst du -- -- was du
bist -- einfach ein verliebtes Mdel ...<

Er schlo sie fest, fest an sich. Sie erschauerte tief. Er empfand es.
Er drckte einen Ku auf ihre halb geffneten Lippen.

Sie schlo die Augen.

Du, Mensch aller Menschen! flsterte sie wie damals als sie vor dem
Schdel lag.

Wie, mein Herz?

Sie antwortete nicht. Sie war wie erstarrt.

Mit einem Mal kam Leben in sie. Sie hob den Kopf, machte sich zaghaft
und rhrend sanft aus seinen Armen los und erzhlte ihm von ihm selbst
-- von jenem Tag als sie zuerst seine Kunst verstanden hatte.

Ja, sagte sie, es war als wre das alles mein eigen, von mir selbst
geschaffen, was du schaffst -- mehr knnte ich es nicht lieben, mehr
knnte es mir auch nicht sein: So wie ich dich, versteht dich kein
Mensch. Weit du, ich bin gar nichts. Ich kann nichts; -- ich wei
nichts -- man hat mich nichts gelehrt. Aber deine Kunst wohnt seit jenem
Tag in mir. Sie ist mein Bestes, mein Einziges, das Gute in mir. Weit
du, ich sehe die Welt, wie du sie siehst.

Ich thue alles mit dir.

Und deshalb liebe ich dich auch so sehr, sagte sie einfach.

Er hatte da ein wunderbares Abenteuer.

Wie sie sich selbst betrog! Liebte seine Kunst! Er lchelte, nahm ihr
Kpfchen und strich mit der Hand ber das lockige Haar.

So ein krauses Kpfchen.

Sie sah ihn ernst an. Was ich dir sage, ist was ich wei.

Ihre Augen hatten etwas unergrndlich, leidenschaftlich Ernstes.

Da kam ihm ein Gedanke. Isolde, -- sagte er und wieder go dieser Name
seinen Zauber ber ihn. Sag mir, willst du mir etwas zu Liebe thun?

Ja, sagte sie.

Er blickte sie forschend an. Du standest vorhin so an dem Baum, die
Hnde ber dem Kopf und sangst. Willst du mir so ein einziges Mal
stehen, da ich dich zeichnen kann?

Ja, sagte sie. Sogleich wenn du willst.

Sie war ganz bereit.

Da schlo er sie wieder in die Arme, fest, innig, ganz gerhrt. -- Und
er flsterte ihr ein paar Worte ins Ohr.

Sie lag einen Augenblick darauf matt, wie verwundet, schwer in seinem
Arm.

Es war ihm, als sei sie nicht bei Bewutsein.

Isolde, flsterte er.

Sie hob sich, sah ihn ruhig ernst an und sagte: Ja wenn ich dir
wahrhaftig damit helfen kann.

Jetzt reichte sie ihm die Hand. Sie sagte nichts; aber er fhlte, er
sollte jetzt gehen.

Es war etwas Ermattetes in ihr. Er war besorgt, sie knnte sich nicht
auf den Fen halten, aber sie stand ruhig und bleich und sah ihn an.

Du kommst also zu mir, Isolde, in der ersten Stunde, in der es uns
mglich ist.

Ihre Augen sagten es ihm zu. Sonst war sie ganz unbeweglich.

Er ging, und zwar in wunderlicher Erregung; machte einen weiten Gang um
ruhig zu werden.

Hier hie es, Vernunft beieinander halten. Das war ja eine ganz
gefhrliche Geschichte, die in den Rahmen seiner gewohnten
Liebesabenteuer nicht passen wollte.

>Sie wird doch nicht!< dachte er erschreckt, als er sich das erste
Wiederbegegnen mit Isolde in der Gesellschaft ausmalte. >Sie wird in
ihrer Naivitt sich doch nicht als Braut betrachten! So eine hhere
Tochter in ihrer Weltfremdheit wei nichts als Verlobung und Heirat und
Heirat und Verlobung. Wie ihr das beibringen?<

Zuerst meinte er, er wollte sich an diesem Abend zurckziehen, um sie
nicht in Versuchung zu fhren, ihn und sich zu kompromittieren. Dann
verwarf er diesen Plan. Es war besser sie im Auge zu behalten. Und so
geschah es.

Er behielt sie im Auge und sah an diesem Abend ein stilles, rhrend
schnes Kind, das in seinem duftigen Kleid einer groen, weien,
trumerischen Blume glich.

Er sah, wie sich Arthur Wendland um sie bemhte -- und wie sie nichts
bemerkte, nichts sah und verstand, was um sie hervorging.

Schon bei seinem: Guten Abend, Frulein Isolde, war er frs erste
wenigstens ber ihr Betragen beruhigt.

An diesem Abend wurde verabredet, da alle miteinander Frau Lu am
nchsten Morgen nach Hause begleiten und erst am Abend zurckkehren
sollten.

Als Henry Mengersen zu spter Stunde seine ausfhrliche und sorgsame
Nachttoilette machte, mochte seine Phantasie genug Beschftigung haben.

Ob er wohl eine Ahnung davon hatte, welch ses, reines, ganz
entflammtes Herz heut an seiner Brust geschlagen?




5.


Der Morgen, an dem Frau Lu nach Hause begleitet werden sollte, war
unsglich taufrisch und wollte ein Sommertag von Gottes Gnade werden.

Blaue, weite Schatten, breite Lichtflchen, khle Nebel, ber dem Wasser
schimmerndes Aufleuchten.

Die stille Frau Lu mit dem ernsten Kindergesicht, den schnen Augen, dem
kleinen Kopf und der vollen, schlanken Gestalt, schien allen in diesen
Tagen nicht viel nher getreten zu sein.

Und doch empfanden sie die Anwesenheit dieser Frau, wie man etwa eine
blhende Reseda im Zimmer empfindet.

Bei einer Gelegenheit sagte Mrs. Wendland zu ihr:

Eine berhmte Frau und ist wie nicht da! Wenn du dich nicht selbst in
Szene setzt, -- Lu, wer wird dich in Szene setzen?

Mrs. Wendland wurde oft ungeduldig ber sie.

Man darf sie nicht aus ihrem Haus nehmen, sie ist wie ein Fisch. Sie
schwimmt nur in der Liebe von ihre Leute.

Doktor Frey dagegen hob gerade das zurckhaltende, sich selbst
verschweigende Wesen seiner Kollegin lobend hervor.

Sie ist wenigstens nicht aufdringlich, sagte er. Mir sind
schriftstellernde Frauen wie jedem zuwider; aber sie behelligt einen
Gottlob nicht, und ihre Leistungen -- ausnahmsweise alle Achtung!

Mrs. Wendland uerte sich ein andres Mal wieder ber ihre Freundin:
Sie ist eine Nachtigall. Im Dunkeln schlgt eine wehe selige Stimme, so
wie das Herz der Nacht. Und man lauscht, und wer versteht, legt die
Hnde auf seine Brust und sagt: O du groes Leid! Alle tragen dich und
wissen nicht -- leiden und verstehen nicht, wie sehr sie leiden -- und
dieser unscheinbare Vogel wei.

Zwischen einem Mann und seinem Leid steht seine ntzliche Kraft; die
lt es nicht so nah zu ihm.

Zwischen einer Frau und dem Leid steht nichts.

Eine arme nackte Frauenseele wird nie so erstaunt fragen wie ein Mann:
Wie ist das Bse in die Welt gekommen? Sie sieht und fhlt die Welt ganz
anders.

Mrs. Wendland hatte Lu Geber vor einem Jahre aufgesucht, nachdem sie ihr
mit ein paar liebenswrdigen Zeilen gesagt hatte, wie sehr sie von ihr
verstanden wrde.

Und Mrs. Wendland hatte es nicht bereut, ihrem Impuls nachgegeben zu
haben. Sie hatte in Lu und deren Mann Freunde gewonnen und zwar so
eigenartige Freunde, wie es ihr Trieb nach Eigenartigem nur wnschen
konnte. Beide waren Menschen, ber die man sehr viel redete und die viel
miverstanden wurden. Nachdem mit groen Schwierigkeiten Helwig Gebers
erste Ehe getrennt worden war, hatte er die junge Schriftstellerin
geheiratet, die er schon kannte, als sie fast noch Kind war.

In seinem Hause war sie jahrelang ein- und ausgegangen. Er hatte das
begabte, junge, wildaufgewachsene Ding arbeiten und denken, ungenutzte
Krfte brauchen gelehrt und hatte Verehrung und Unterwrfigkeit von dem
ungezgelten Charakter des Mdchens dafr eingetauscht, hatte einen
Kameraden in ihr gefunden, der wie ein treuer Hund zu ihm stand, immer
bereit, ihn zu verteidigen, das Leben fr ihn zu lassen. Sie hatte einen
Gott in ihm gefunden, von dem sie alles hoffte, an den sie glaubte, zu
dem sie heranwuchs. Sie wollte ihm ebenbrtig werden.

Ihre ganze Jugend war eine groe Herzenserregung gewesen. Jahrelang
hatte es gewhrt, bis sie wute, da sie ihn liebte.

Und wie ein Todesurteil war dies Bewutsein ber sie gekommen. Sie waren
einander unentbehrlich geworden -- und muten sich trennen -- und
wollten sich trennen.

Da, -- wie ein Wunder trat ein fremder Wille dazwischen.

Sie war es, die eigne Frau, die in Trennung und Auflsung hinein das
Wort vom Einanderangehren sprach.

Sie hatte dem Manne schon in den ersten Jahren ihrer Ehe Scheidung
angetragen und jetzt bot sie ihm wieder ruhig Scheidung an -- und
Verbindung mit der, die er liebte.

Eine Wundermhr in all die Todestraurigkeit hinein.

Zwei, die sich aufgaben, stehen schon bereit, den Tod im Herzen -- und
eine Stimme kommt und spricht: Bleibt beieinander. -- Ihr -- ihr drft
es und ihr knnt es. Ich wirke das Wunder.

Sie glaubten nicht, konnten nicht glauben.

Wozu die Qual des Aufschubs?

Und die Stimme kam wieder, ruhig, eindringlich, berzeugend, bis sie
glaubten -- und mit einer groen Lebenswonne glaubten.

-- Alles, was niedergehalten war, erwachte -- alle Sinne thaten die
Augen auf.

Die Liebe, die wie ein unaussprechliches Geheimnis geschwiegen hatte,
jauchzte in beider Herzen -- und die Dankbarkeit der Freigelassenen, der
Sklaven die Herren wurden.

Und die Stimme kam wieder und wieder, festigte den Glauben, die Liebe
und die Hoffnung.

Und es verging eine gute Zeit.

Die Stimme versprach und hielt die Hoffnung am Leben.

Aber die gottgesandte Stimme hatte etwas so Spielerisches, Gedankenloses
bekommen.

Ja -- ja -- und: Ja -- ja -- ja -- und dabei blieb es.

Es geschah nichts.

Dann kam eine Zeit, da wurde die Stimme spttisch, so von oben herab,
spielte wie ein Raubtier mit seinem Opfer -- und gellte von hartem
Spott.

Ein Lachen kam in die Stimme, in der Machtbewutsein und bses Gewissen
wie mit scharfen, migestimmten, schrillen Glckchen klangen -- eine
Stimme, die aus einem heiligen Gelbde einen tollen Scherz machen
wollte.

Und so ri sie Jahr und Jahre zwei unglckliche Menschen an tausend
gemarterten Nerven, tanzte wie mit scharfen Fen ber mattes,
mdgearbeitetes Hirn.

Dann kam eine Zeit, in der die Stimme tdlich wurde, wie eine Peitsche
sausend und zischend, auf das Hchste peinigend.

Da fand sich ein Ausweg. -- Unter andern Gesetzen Scheidung und Ehe.

Rettung! Rettung fr alle, auch fr die arme, peinigende,
selbstgepeinigte Stimme.

                   *       *       *       *       *

ber die aber, die sich mit letzter Kraft gerettet hatten, fielen die
Menschen her.

Der Lauf der Welt ist so. Die Massen wollen nicht Zuschauer einer
Rettung sein. Sie wollen Untergang. Rettung befriedigt sie nicht;
langweilt, enttuscht und emprt.

Und die Zuschauer rchen sich, fallen selbst ber die Geretteten her,
um, was noch am Leben blieb, ihrerseits zu zerreien. Eine Sturmflut
bser Nachrede, Verlumdung, Ha, Vernichtung ging ber die Geretteten
hin und warf sie krank und matt gehetzt ans Ufer.

Sie waren auch jetzt nicht untergegangen. Sie lebten. Ihre Liebe lebte.

Mchtiger als alles waren sie gewesen.

Gebrochen an Leib und Seele -- -- aber ohne Reue! Im tiefsten Herzen
unsagbar glcklich! Jubelnd vor Wonne, da sie beieinander geblieben
waren.

Lachen konnten sie ber das was die Welt Liebe nennt, diese kleine
civilisierte Liebe! Dies Hndchen mit der Steuermarke um den Hals.

Sie hatten die lwenstarke Liebe kennen gelernt, die knigliche, ber
die nichts auf Erden Macht hat. Die noch nie eine Kette litt! Die noch
immer entkam. --

Krank, sterbenskrank lagen sie einsam, arm im Krankenhaus einer groen
Stadt, dem Tode nahe.

Kein Mensch kannte sie. Niemand fragte nach ihnen. Niemand half ihnen.
Und wer etwa von ihnen wute, verachtete sie.

Sie hatte sich an sein Bett tragen lassen und er hielt ihre Hand in der
seinen. -- Beide totkrank.

Was sind wir doch fr glckliche Menschen! sagte er.

Das war die feierliche Stunde der Erlsung, die Stunde des Triumphes.

Von da an gesundeten sie.

Aber ihr Leben bisher war wie ein Leben auf der Folter gewesen. Die
zertretnen Herzen muten erst wieder heilen und heilten langsam. Oft
schien es, da es nicht zur Heilung kme -- aber sie heilten.

Und nun waren sie wie Menschen, die, schon einmal gestorben,
wiedergekehrt sind.

Sie hatten sich immer an den Hnden gehalten, und das hatte sie
gerettet.

Jetzt gingen sie wieder unter den andern und es war, als ahnten diese,
das etwas Knigliches in beiden lebte.

Sie fanden Freunde und man kam ihnen entgegen.

Und nun endlich, nach Jahren, lebten sie in einem kleinen Haus fr sich,
das in einem wunderschnen Garten stand.

Viele lebten auch wie sie und schner und reicher. Aber die beiden kamen
doch aus einer andern Welt, ihre Liebe war eine andre Liebe, ihr
Verstehen ein andres Verstehen.

Sie waren die Wiedergekehrten und sie hatten aus dem Jenseits etwas mit
herbergebracht.

Sie waren die schon einmal Gestorbenen.

Und zu diesem ganz in Laub vergrabenen Heim begleitete Mrs. Wendland mit
ihren Gsten, Frau Lu.

Eine kstliche Fahrt ber den See. Dann eine Wanderung, ein wundervoll
sommerlicher Gang durch stille Buchenwlder.

In einem kleinen Nest wurde von Mrs. Wendlands Diener serviert, genau so
erhaben und feierlich in dem Bauernwirtsgarten wie daheim.

Es machte den Eindruck als ignorierte der ausgezeichnete Mann einfach
den Wechsel der Umgebung. Unnahbar fr alles, nur fr die Wrde des
Hauses nicht, manverierte er mit der lndlichen Suppenschssel auf eine
groartige Weise.

Von da fuhren sie am Nachmittag mit der Bahn bis zu einem Vorort
Mnchens, mitten im Wald gelegen, am steilen Ufer der Isar.

Das ferne Mnchen lag in einer leuchtenden Dunstwolke. Und dieser
Dunstwolke zu rauscht die Isar, einen lebendigen, starken Gebirgshauch
mit sich fhrend.

So nah einer Grostadt war kein frischeres, ursprnglicheres Fleckchen
Land zu finden, um ein stilles, in die Natur eingewachsenes Heim zu
grnden.

Nur wenige, durch bequeme Wege abgeteilte Waldparzellen, hatten ihre
Eigentmer schon gefunden. Hie und da lugte aus dichtem Buchengrn ein
rotes Dach.

Henry Mengersen kannte die Gegend noch nicht und war von der
Eigenartigkeit der Landschaft ganz berrascht.

Jetzt werden wir dem guten Philosophen ber den Hals kommen, sagte
Mrs. Wendland. Ist ihm sehr recht, er lebt zu bequem.

Nein -- nein, er wei schon, sagte Frau Lu.

Natrlich diese beide sind immer unter einander einverstanden. Wir
wollten ihn doch berraschen.

Mitten auf dem breiten Waldweg kam ein winziges, drei Spann hohes
Brschchen in einem roten, faltigen Kittel gewackelt.

Brderchen! rief Frau Lu.

Da waren sie beieinander.

In Frau Lus Kleid whlte sich der runde, blonde Kopf des festen
Brschchens ein.

Hinter ihm drein kam ein nettes, freundliches Dienstmdchen gelaufen.
Das Brschchen war ihr offenbar entwischt. Es zappelte und whlte mit
dem Kpfchen und hing an seiner glcklichen Mutter.

Brderchen! in ihrer Stimme klang eine so unmittelbare Seligkeit, so
etwas urkrftig Warmes, -- Frohes.

Wie gehts dem Herrn? fragte sie das Mdchen.

Ganz wohl, gndige Frau haben schon Besuch bekommen. Es sind mehrere
Herrschaften da.

Natrlich, sagte Mrs. Wendland, man kann nie zu euch kommen, ohne so
und so viele Zeugen.

Da wird wohl die Oriflamme sein mit ihrer Governe?

Ist die Komtesse gekommen?

Ja, und das andere Frulein ist auch dabei.

Dann ist der biologische Mensch auch nicht weit. Mrs. Wendland war
rgerlich.

Ist Herr Meyer auch gekommen? fragte Frau Lu lachend.

Ja, auch, das Mdchen lchelte bescheiden, wie es sich ein bessrer
Dienstbote erlauben darf.

Dann, sagte Mrs. Wendland, sind auch die Adepten da!

Ja, die Adepten waren auch da: ein Professor mit Frau und Kindern, eben
die Adepten.

Lu, sagte Mrs. Wendland, ihr solltet nicht mit allen diesen Leuten
verkehren! Ich habe immer gesagt, ihr solltet nicht.

Mrs. Wendland ging mit Isolde und Frau Lu, die ihr Bbchen trug, voraus.

Das sind Leute, die es nicht zu euch wohl meinen knnen. Dein guter
Mann sagt ihnen alles Beste und Hchste, was er wei. Sie verstehen
nicht -- und dann kommen die Geschichten.

Die Adepten sind ganz harmlose Leute, meinte Frau Lu. Ja, aber was
thut das, ich wei, es ist nicht gut.

Ich sage dir, die Oriflamme wird so lang mit deinem guten Mann
kokettieren, bis sie finden wird, da sie sich kompromittiert hat, dann
werden die beiden Vestalinnen, die Flamme und die Governe, Lrm
schlagen. Du und dein Mann seid viel zu harmlos fr solche Menschen.

So eine Jungfrau ist jeden Augenblick bei ihr >^j'y pense^<. Spricht er
von ein Stuhlbein -- -- sie versteht von ihr Bein und ist emprt --

O, diese lteren Jungfrauen mit ihr >^j'y pense^<!

Jetzt traten sie durch eine grne Gartenthr mit grnberwachsenem
Bogen.

Frau Lu begrte hier als Wirtin ihre Begleiter, Doktor Frey, Henry
Mengersen, auch Isolde, die whrend des ganzen Wegs sehr stille war und
gern zurckgeblieben wre, wenn sie es htte mglich machen knnen.

Sie war den ganzen Weg nicht von Mrs. Wendlands Seite gegangen.

Wie schn! sagte Isolde. Wie entzckend!

Es war das erste Mal, da sie heute lebendig wurde.

Frau Lus Garten war wohl eigenartig genug. Ein Stck Wald, krftige
kleine Tannen und hin und wieder ein schner hoher Baum. Der Waldboden:
Heide, die sich schon zum Blhen anschickte. Und mitten in diesem
Heideboden Rosenstcke, Levkojen, Feuerlilien. Neben einer kleinen
dichten runden Tanne ein blhender Mohnbusch, von dem groblumigen,
mchtigen.

Um die hohen Tannenstmme schlangen sich Clematis mit tausend kleinen
und groen violetten Blten, Kresse, Reseda, Verbenen -- es war ein
entzckendes Durcheinander und wahre, wirkliche Waldluft, harzig und
wrzig.

Aus der Thr des dunkeln, norwegischen Blockhauses tritt ein schlanker
Mann im blauen Anzug. Etwas Ruhig-Gutes liegt in seiner Haltung und
seinem Blick.

Frau Lu eilt auf ihn zu. Sie hlt noch immer das Bbchen im Arm.

Er giebt ihr die Hand und sieht sie an und klopft dem Bbchen auf die
Wange.

Sie haben kein Wort miteinander geredet -- aber sie haben sich wieder.
Sie sind beruhigt. -- Es ist nun gut. -- Sie ist wieder da. Das liegt in
seinen Augen, noch als er die Fremden begrt.

Und sie, sie ist eine ganz andere Person geworden. Die Augen strahlen.
Es ist etwas Leichtes, Heimisches in ihre Bewegungen gekommen. Sie sieht
viel jnger aus. Es ist als wenn sie einen tiefen Atemzug gethan htte.
Da ist sie wieder in der Atmosphre, in der es sich so tief, so rein
atmen lt.

... Ich habe alles zum Thee mitgebracht, du brauchst dich gar nicht zu
bemhen, Lu, sagt Mrs. Wendland und giebt dem Diener einen Wink; der
schliet sich dem Mdchen an.

Ja, sagt Frau Lu, wie lieb von dir.

                   *       *       *       *       *

Unter einer groen Buche im Garten wurde der Thee serviert. Der Dichter,
Reichstagsabgeordnete und Prophet Frey und Henry Mengersen kommen hier
mit einer Reihe Leuten zusammen, die ihnen in ihrem Wesen und ihren
Zielen vollkommen fremd waren.

Mit Helwig Geber war fr sie ein Verstndnis mglich, trotzdem er im
Gesprch weder auf Kunst noch Politik besonders einging. Er lebte in
einer Welt, die andre kaum streiften. Philosoph so durch und durch, so
ganz und gar, da es ihm schwer fiel, von etwas anderem zu reden.

Fand sich ein Mensch, von dem auch nur ein Funken Verstndnis zu
erhoffen war, so gab er sich dem offenherzig hin, war unermdlich darin,
zu berzeugen und grundehrlich wie ein Kind.

Sehen Sie, wie wunderbar das ist, sagte er dann und wollte, der andre
sollte auch empfinden, was er empfand.

Er arbeitete an einem Werk, fr das gewissermaen dies kleine Haus, in
dem die beiden lebten, der Tempel war.

Das Werk ihres Mannes, war Frau Lus Lebenshoffnung, auch ihre
Lebensfreude, wie es die seine wohl sein mochte.

An Erfolg dachten sie beide nicht; aber es sollte sich etwas gestalten,
etwas Neues, Einfaches, Groes, und mochten noch Jahre hingehen, mit
forschen, vergleichen, prfen.

Das Werk wuchs. Kamen wieder und immer wieder lange Krankheitszeiten, so
muten sie ertragen werden, bis er endlich wieder mit Hoffnung an die
Arbeit gehen konnte.

Frau Lu wre es lieber gewesen, er htte nie mit einem Menschen ber das
gesprochen, was ihn unablssig beschftigte; trotzdem er Anhnger
gefunden hatte, prchtige Menschen, fand sich auch viel sonderbares
Volk, dessen Neugierde durch die Eigenartigkeit des sich geistig
hingebenden, schnen Mannes, erregt wurde, die, Verstndnis heuchelnd,
eine Weile sich zu ihm hielten um dann, als sie alles grndlich
miverstanden und mideutet hatten, abzufallen mit Geschrei und Klatsch.

Das Paar hatte schon manches derartiges erlebt.

Frau Lu war es mde, diese Leute bei sich zu empfangen, von denen sie
nichts hoffte und hinter denen sie auch nichts suchte.

Die Komtesse kam abends hin und wieder allein, ohne ihre Begleiterin,
dann lste ein Zufall ihr das mchtige Haar, sie hrte knieend zu, was
ihr philosophischer Freund sprach, grub seinen Namen mit einem feinen
Messerchen in die Tische ein, that unbeschreiblich hilfreich, war
hingebend, fast demtig.

Sie hatte etwas so vestalisch, keusch Kokettes. Eine ganz eigentmliche
Mischung.

Jetzt, als sie alle um den groen Theetisch unter der Buche saen, hrte
sie berhaupt schmelzend, schmachtend auf alles, was gesprochen wurde.

Der Professor mit Frau und Kindern waren auch insgesamt komische Kuze.
Sie sprachen mit Vorliebe ber das, was man essen sollte, um seine
geistigen Fhigkeiten zu entwickeln. Sie waren beide Theosophen und
machten sich mit tausend Dingen das Leben sauer.

Frau Professor hatte heute zum Beispiel ganz auffallend zerstochene und
geschwollene Hnde, weil sie die Mcken nicht hatte verscheuchen wollen,
in dem Gedanken, keinem lebenden Wesen zu schaden.

Sie war eine liebliche, bleiche, dunkelhaarige Frau. In ihren Augen lag
viel Ernst und Aufrichtigkeit.

Sie hatten jetzt gerade eine Zeit, in der sie nur Frchte aen und
lobten diese Art sich zu ernhren ganz auerordentlich. Der Frau jedoch
schien sie miserabel zu bekommen. Die grte Marter aber, die sie sich
auferlegt hatten, das waren ihre beiden Buben, in denen sie mit klarer,
sicherer Voraussicht schon jetzt knftige Adepten ahnten.

Aus welchem Grund das Ehepaar annahm, da diese zwei allerliebsten,
dicken Brschchen, die augenblicklich in einem abgelegenen Teil des
Gartens, unter Aufsicht des netten Dienstmdchens dem Brderchen
Gesellschaft leisteten, so auerordentliche Fhigkeiten in sich
verschlossen hielten, ist nie bekannt geworden.

Sie hatten eben einfach innerlich geschaut, da diese beiden Knaben
wiedergeboren waren als Adepten, da sie schon keimende Adepten seien.

Auch in Brderchen ahnten sie so etwas und redeten jetzt wieder Frau
Lu zu: das wunderbar schauende Kind, weihevoller zu erziehen. Das
heit, es schon jetzt als vollgiltigen Menschen zu behandeln.

Sie selbst thaten das bei ihren Rangen und wren entsetzt gewesen,
htten sie gesehen, da das nette Dienstmdchen beiden ein paar Tchtige
auswischte, als sie die Adepten dabei ertappte und wie sie darauf
bestanden, dem Brderchen Erde in sein kleines Maul zu stopfen.

Die Eltern hrten aus der Entfernung das Geschrei mit Beunruhigung. Die
Frau stand auf, um nachzusehen, was Atman und Mitra, so heien beide,
betroffen haben mochte.

Sie kamen tief erregt wie von einer Heiligtumsschndung zurck und
sprachen einige ernste Worte mit Frau Lu, die ihrerseits meinte, ein
paar wohlgemeinte Klpse schadeten selbst Adepten nichts.

Die Eltern von Atman und Mitra waren nicht angenehm berhrt.

Na, hren Sie mal, sagte Doktor Frey, Ihre Bamsen thun sich aber
leicht!

Mrs. Wendlands Diener ging ab und zu mit Thee und kstlichen englischen
Kuchen. Es war, seinem Betragen nach, anzunehmen, da er wiederum nicht
wute, wo er sich befand. Der Wechsel der Umgebung hatte fr ihn nicht
das geringste zu bedeuten. Er blieb berall der, der er war.

Den Adepten kam jetzt in den Sinn, sich an Frau Lus schnsten Clematis
zu vergreifen.

Frau Lu sprang auf um zu retten was zu retten war.

Lassen Sie! lassen Sie! bat die zarte Frau, die Mutter der Adepten mit
dem tiefen, treuherzigen Blick, erschrecken Sie sie nicht.

Ja, um Himmels Willen! Frau Lu schaute ganz entsetzt und ratlos.

Wir sagen den Kindern alles zu einer bestimmten Stunde, meine Frau
notiert sich ihre Versehen, begann der Professor, und dann teilen wir
Atman und Mitra unser Urteil vollkommen leidenschaftslos mit, oder wir
setzen uns in Rapport mit ihnen, wenn sie schlafen.

Na, dann vergessen Sie's nur auch mit den Clematis nicht und versuchen
Sie mal jetzt, zu einer Ausnahmsstunde, es ihnen begreiflich zu machen,
da sie die Blumen in Ruh lassen sollen.

Frau Lu war etwas ungeduldig; aber doch sehr belustigt.

Ja, das werde ich, sagte der Professor ruhig.

Lassen Sie mich, liebster Herr Professor, bat die Komtesse flehend,
ich bitte Sie.

Nun, versuchen Sie's, Komtesse. Ruhig sich konzentrieren. Sie mssen
sich ein Blank schaffen, eine absolut stille Flche in der Seele. Sie
wissen ja.

Die Komtesse sa schon und konzentrierte sich.

Lassen wir jetzt unsere liebe Freundin, sagte der Professor.

Die Komtesse versank buchstblich in sich selbst, erhob sich dann in
ihrer ganzen imposanten Lnge, schritt mit starren Augen auf die Adepten
zu, die sich um die abgerissenen Blten und Ranken rauften, und wollte
sie stumm beeinflussen.

Sie stand mit dem geradesten aristokratischen Rckgrat vor Atman und
Mitra, die Augen unbeweglich, einen ungeheueren Frieden auf dem Gesicht.
Das erschreckte aber die Adepten; sie starrten ihrerseits auf die
merkwrdige Erscheinung und Atman fing zu heulen an.

Da machte sich ungeheien noch eine Gestalt auf, Herr Meyer, der
biologische Mensch, wie er hier genannt wurde, und ging eben so
konzentriert, mit einem ebenso ungeheueren Frieden auf dem Gesicht auf
die Adepten zu, um sie mit zu beeinflussen, und um seiner verehrten
Freundin und Schwester im Geiste beizustehn.

Das begab sich alles gewissermaen ganz unauffllig, hatte auch ganz
wenig Erfolg.

Herr Meyer, die Komtesse und das Professorenpaar bten sich immer in
solchen Dingen. Sie waren ihnen ganz alltglich.

Sie sprachen untereinander von schwarzer und weier Magie, wie andre
Leute von Konzert und Gott wei von was und waren sich absolut nicht
mehr bewut, da ihre Gesprche doch nicht ganz unauffllig waren. Sie
dilettierten in allen mglichen occulten Dingen und befanden sich sehr
wohl dabei.

Jetzt wollten sie ein vegetarisches Speisehaus ins Leben rufen und
warben auf das eifrigste bei Mrs. Wendland dafr, die ihrerseits sehr
khl war und sagte: Weshalb? Man kocht Gemse sehr schlecht in
Deutschland, weshalb wollen Sie die armen Leute krank machen?

Die Komtesse hatte sich seit geraumer Zeit damit beschftigt, ein
Armband aus Grashalmen zu flechten, jetzt bat sie um Gebers Hand und
streifte es ihm ber. Sie sagte gar nichts dabei, that es gewissermaen
mystisch, vestalisch, spielerisch und hielt seine Hand merkwrdig lang
in der ihrigen.

Was fr eine eigentmliche Hand; ich mu ihre Linien einmal prfen.

Er entzog ihr die Hand und fhrte das Armband im Scherz an seine Lippen.

Unverschmt, dachte die Governe. Natrlich, jede Gelegenheit nimmt
so ein Mann, so ein >^brute^< wahr. Alle Mnner erschienen ihr
gleichmig sehr verdchtig. Das Weib hielt sie fr unsglich rein. Aber
jetzt hatte sie ihn einmal wieder, diesen Philosophen: Auf den harmlosen
Scherz der Komtesse diese Plumpheit! Seinen Blick hatte sie dabei sehr
wohl verstanden, -- o, sie durchschaute!

                   *       *       *       *       *

Die Theosophen verabschiedeten sich heute frher als sonst. Sie wollten
etwas miteinander bei der Komtesse lesen.

Frau Lu fiel ein Stein vom Herzen, als sie gingen. Sie sagte auch etwas
derartiges.

Ihr Mann verwies es ihr leicht.

Es nimmt sich alles Menschliche sonderbar und lcherlich aus, wenn man
nicht selbst darin steckt. Das, was die wollen, ist besser als alles
andre.

Sie wollen ja gar nichts, sagte Frau Lu, sie spielen.

Mgen sie spielen, wenn es sie freut, die kleine Frau hat sich doch
ihre Pfoten zerstechen lassen. Sie hat wirklich versucht, wie es thut,
das Sichselbstaufgeben, das ^Tat wam asi^ der alten Inder, das das
bist du! Der kleine Zug ist rhrend in unserer Welt, dies gut sein
wollen.

Mrs. Wendland reichte ihrem Freund ber den Tisch hinber die Hand.
Danke Ihnen, sagte sie, Sie haben recht.

In diesem blumenreichen Garten, in dem sich Reseda-, Rosen-,
Verbenenduft mit abendlichem Waldesodem mischten, war eine ganz
eigentmliche Stimmung ber die Gste gekommen. Frau Lus guter Philosoph
hatte diese Stimmung gebracht.

Sie sprachen ber Dinge, ber die moderne Menschen selten nachdenken,
und hrten auf einen Mann, der anders dachte als andere, tiefer,
einfacher und sich nicht scheute, seine Gedanken auszusprechen. Ja, er
hatte den Mut, sich zu geben wie er war.

Henry Mengersen lie diesen Abend auf sich wirken. Er war zu sehr
Knstler, als da er den Eindruck einer in sich ausgeglichenen
Persnlichkeit nicht empfunden htte, trotzdem er, seiner Natur nach,
weder Frau Lu, noch deren Mann je nher treten konnte.

Er sah auf Isolde. Isolde hrte mit groen Augen zu. Sie war bleich. In
der Abenddmmerung hatte die weie, zarte Gestalt, etwas so
Unbestimmtes, Weiches.

Henry Mengersen empfand etwas Scheues, Schuldbewutes in ihr.

Und wie er so auf sie blickte, zieht ein leichtes Lcheln um seine
Lippen, ein verchtliches Lcheln.

Ihm ist's, als fhlte und she er die Gedanken unter der jungen Stirn;
ihm ist's, als fhlte er die erregten, verlangenden Blutwellen in ihren
Gliedern.

Sie mu wie im Fieber sein! Ihre Nerven mssen zittern und beben -- ein
Schauer nach dem andern mu sie durchfahren.

Er hat als Knstler und Mensch ber das Problem Weib nachgesonnen, als
Knstler hat er es auf seine Weise gelst.

Er ist mde und gelangweilt vom Weib.

>Entsetzlich,< denkt Henry Mengersen und sieht wieder auf Isolde, >das
Weibliche in der Natur! Dies blinde Sich-ins-Elend-strzen-wollen, dies
Gedankenlose, Nie-die-Folgen-berschauende. Egoistisch wie der Mann,
aber so unsglich dumpf, unbewut, so instinktiv, so elementar.

Wie unangenehm grogezogen ist es in ihnen dies langweilige,
aufdringliche Sich-opfern-wollen, die Bestimmung erfllen wollen.

Wie sie sich hindrngen, wie eine dumpfe Herde -- ekelhaft!

Das Weib hat die Natur berboten, sich selbst unterboten. Die Natur hat
es dem Unfreien, dem Dulden nher gestellt als den Mann -- und es hat
seinen Vorteil darin gefunden! Es ist sich selbst zur Ware geworden. Das
was es leiden mu, ist ihm vorteilhaft. Es schachert mit seinem Leiden!
Widerlich!

Ein Tier, das gejagt wurde wie das Weib gejagt wird, dem wchse irgend
etwas, ein Horn, ein Giftzahn -- dem Weib wuchs nichts. Es wurde zahm
und zahmer, widerlich zahm, das Haustier im vollsten Sinne!

Wre Frulein Isolde Ladenmdel, wrde ich sie zu meiner Geliebten
machen. Weshalb nicht? -- und sie davonjagen, wenn sie mir unbequem
wrde -- vielleicht zu kunstsinnig -- kunstsinnige Weiber! -- grlich!
--

Wie selten hat ein Knstler die Freude am schnen Weib.

Hier wr sie, die Freude.

Schade!<

Henry Mengersen blies gedankenvoll die blauen Wlkchen seiner Cigarette
von sich.

Isolde hatte des geliebten Mannes Blicke wohl empfunden.

Ja, er hatte recht. Sie erschauerte, im Gefhl ihm anzugehren. Sie war
ganz in sich verstummt.

Das groe Geheimnis des Weibes, wie sie es damals verstanden hatte, als
sie zum ersten Mal seine Kunst ganz in sich aufnahm, lag ber ihr.

Ja, das ist das Grte auf Erden, ein Weib sein -- sich opfern.

Henry Mengersen hatte ganz recht mit dem, was er vom Weib dachte.

Das aber wute er nicht, da unter den Frauen auch freie Geschpfe
leben, freier als je ein Mann frei ist, mchtige Seelen, Seelen, die dem
groen Zug der Natur, die in ihre Geschpfe nur den Trieb zum Fressen
legt, entgegenstehen, die der Natur zum Trotz sind, wie sie sind,
lieben, wie sie lieben -- und sich grenzenlos opfern, als stammten sie
aus einer Welt mit anderen Gesetzen.




6.


Ein uraltes Mrchen giebt es:

Eine reine Jungfrau wollte sich fr ihren Herrn opfern, auf da er von
der Miselsucht genesen sollte.

Lebend wollte sie sich fr ihn das Herz aus der Brust schneiden lassen.

Und als er durch die Thrspalte blickte, da ersah er sie blo, wie sie
zur Welt geboren war, nackt in ihrer groen Schnheit, wie sie geduldig
dem Arzt die Brust bot, damit er schneiden sollte und ihren Herrn
retten.

Da erbarmte sich seine Seele.

                   *       *       *       *       *

In dem stillen, hohen Raum stand sie, wie die im uralten Mrchen, die
ihren Herrn retten und sich fr ihn das Herz lebend aus der Brust
schneiden lassen wollte, da stand sie nackt, wie sie zur Welt geboren
war, in ihrer groen Schnheit.

Sie hatte ihrem Herrn versprochen, ihm einen Wunsch zu erfllen.

Henry Mengersen sa ganz versunken und entrckt ber seiner Zeichnung.

Groe Stille im Raum.

Drauen Juliwrme, Julisonne, ungeheure Laubmassen,
schneeweileuchtende, ziehende Wolken auf tiefblauer Wolkenbahn.

Sommerliches Treiben, Sommerlaute, Sommerdfte, Sommerblumen, der Glanz
von einem weiten, ruhigen Wasserspiegel -- heiliger, warmer
Sommerzauber.

Drinnen, in dem stillen Raum, der ganz in seine Arbeit versunkene Mann,
arbeitend wie an einer Offenbarung.

Etwas Ersehntes, etwas Notwendiges war es, was ihm da geschah.

Keine Minute, keine Sekunde verlieren!

Wie eine hellleuchtende Blume steht sie regungslos und totenbleich.

Er hat hin und wieder auf den Lippen zu sagen: sie soll ruhen.

Er will sie aus ihrer Stellung erlsen -- aber er wagt es nicht.

Was denn? -- Was kann die nchste Minute bringen?

War er seiner sicher?

War er ihrer sicher?

Er arbeitet ohne Zeitma -- heftig, widerstandslos.

Ungespaltenen Willen fr seine Arbeit!

Die wundervollen Formen ohne Nebeneindrcke!

Er stellt sich khl vor, da sie ein bezahltes Modell sei -- und es
gelingt ihm.

Jetzt erst kann er ganz in sich selbst versinken.

Wie einfach ist alles zugegangen!

Ihr leises Kommen, -- ein so rhrendes Anschmiegen.

Er hat sie auf die Stirn gekt.

Vorsichtig war er gewesen vom ersten Augenblick an.

Dann hat sie still und ernst die Kleider abgelegt.

Ja, und da war ihm das aus dem Mrchen vom armen Heinrich gekommen.

Mrchenhaft, weltfremd, jede Bewegung von ihr wie tief trumend und der
groe reine Ernst wie bei einem heiligen Opfer.

Wundervolle Rosen standen in einem weiten Korbe, die hatte er vor ihr
ausschtten wollen.

Er wagte es aber nicht.

Den Kopf nicht verlieren!

Von vollendeter, junger Schnheit war ihr Krper. Ein Geschenk, eine
herrliche Erfahrung.

>Dem Schpfer Dank, da das Mdchen so leichtsinnig war, da sie ihrer
groen Schnheit froh werden wollte, und da sie ihn gewinnen wollte --
alles beiseite werfend.

Unerhrt raffiniert ist ein kluges Weib, das auf Beute ausgeht.

Diese rhrende Gestalt, dieser Ausdruck des vllig bleichen Gesichts!<

Als Knstler nahm er das Eigentmliche ihres Wesens bereitwillig auf,
als Mensch fhlte er sich davon fast abgestoen. Er sah als Mensch
tiefer.

Er empfand das Mrchenhafte.

Aber welchen Wert hatte das?

Kann ein Weib, das so rcksichtslos wirbt und auf sein Ziel losgeht,
wahr sein?

Wie steht das in Einklang mit solcher Reinheit der Bewegung, solcher
Unantastbarkeit? ...

Lcherlich!

Nicht verblffen lassen!

Du kluges, schlaues Weibchen.

Er blickte ber alles uere hinweg, in die eitle, beutegierige
Weibesseele hinein.

                   *       *       *       *       *

Im alten Mrchen heit es:

Da erbarmte sich seine Seele.

                   *       *       *       *       *

Henry Mengersen war ein kluger Mensch. Was die Natur etwa versumt hatte
in seinem Charakter praktisch einzurichten, dem hatte er nachgeholfen.

Sein Empfinden als Mensch ist vortrefflich geschieden von seinem
Knstlerempfinden. Seine groe Khle und Vorsicht ist ganz etwas fr
sich. Als Knstler kann er leidenschaftlich, warm, gro sein. Er ist
sich dessen auch vollkommen bewut. Er hat sehr viel ber sich selbst
nachgedacht, beurteilt und behandelt sich gewissermaen wie ein
Kunstwerk.

Er hat sich zur Kunst trainiert, wie andere es zu irgend einem Sport
thun, genau so khl und berechnend. Er will sich seine Kunst intakt
halten, seine Person, seine Toilette. Alle diese Dinge behandelt er auf
das Sorgfltigste. --

Und wer im geringsten auf eins dieser Dinge strend einwirkt, den
belehrt er.

Er hat gefunden, da die khle Belehrung eine ganz auerordentliche
Waffe sei -- eine verblffende Waffe. -- Khl, ganz khl belehren.

Es giebt fr den andern in gewissen Momenten nichts Beschmenderes.

Ja und whrend der Arbeit, als er nicht wute, wie jetzt enden, wie ein
ruhiges Ausklingen des sonderbaren Abenteuers mglich sei, so da er
sich nicht den geringsten Vorwurf zu machen htte, sonderte sich in ihm
schon der Belehrungsstoff ab -- wie das Gift in einem Giftzahn.

Der tdliche Bi aber erfolgte nicht.

Es war nicht ntig.

Unauffllig, still, ernst, wie sie gekommen, ging sie wieder.

Er wollte sprechen, war verwirrt, etwas verlegen, ja, er war dabei, aus
Verlegenheit zrtlich zu werden.

Er sprach etwas ungeschickt von Dank. Da sah er, wie sie den Finger
flehend auf ihren Mund legte und ihn dabei anblickte.

Dann sah er die Gestalt in dem weien Kleid durch den Garten gehen,
ruhig und langsam, nicht scheu und eilig.

Nicht ein Wort hatte sie bei ihm gesprochen, stumm war sie gekommen,
stumm gegangen.

                   *       *       *       *       *

Als er an diesem Abend zu Mrs. Wendland kam, war Isolde nach Mnchen
abgereist.

                   *       *       *       *       *

Mama hielt sich noch bei dem schwer erkrankten Bruder in Berlin auf und
Isolde fand die Schwester ganz allein daheim. Der Vater hatte seinen
Kegelabend.

Wo kommst denn du her? sagte Marie ganz erstaunt, als sie ihrer
Schwester ffnete.

In dem dunkeln Korridor war es ganz beklommen.

Nach der herrlichen, weichen Seeluft drngt es sich hier wie erstickend
in die Lungen.

Ist was geschehn? fragte Marie, was fllt dir denn ein? Jesus, statt
froh zu sein, kommt die Suse hier an! Willst du was?

Ich will heim, sagte Isolde.

Bist du triste? fragte Marie weich.

Da schlang Isolde ihre Arme um die blonde Schwester und gab sich wie ein
krankes, abgemattetes Kind.

Marie war so lieb zu ihr, go ihr Thee auf, deckte den Tisch zum
Abendessen.

Isolde ging bei allem, was Marie that, ihr nach wie ein Kind seiner
Mutter.

Ist dir doch was? wiederholte Marie hin und wieder ihre Frage.

Zu ihrer Schwester sammtner Weichheit war Isolde von Kindheit an
geflchtet, wenn sie seelisch fror, wie in einen Sonnenstrahl hinein.

Marie war es so gewhnt, Isoldens unruhiges, flackerndes Gemt in ihre
stille Natur aufzunehmen.

Sie machten beide nicht viel Worte, aber das Zueinanderschlpfen der
jungen Geschpfe, die gegenseitige Wrme das war so gut.

Marie wollte ihr Bettzeug holen, um bei Isolde zu schlafen. Sie hatte
ihr Lager in einem andern Zimmer aufgeschlagen, des Schdels wegen. Von
seinem Postament hatte sie ihn nicht nehmen wollen und htte auch nicht
gewut, wohin damit. Und allein mit ihm im selben Zimmer -- nicht um die
Welt!

Geh, bleib nur wo du bist, sagte Isolde, dann ging sie schlafen.

Sie legte sich mit groen Augen nieder, lie das Licht brennen und
starrte vor sich hin.

Was fr ein Weh stieg in ihrer Brust auf -- so fremd, so nagend.

Sie verstand es nicht.

War das Reue?

War das entsetzlich, was sie gethan?

Es nagte -- nagte -- nagte.

Aber weshalb sie so fremd, so geheimnisvoll litt, verstand sie doch
nicht.

Ein Erstarren ging durch ihre Glieder und durch ihre Seele -- ein
schreckliches, ttliches Erstarren.

War das Zweifel?

War das ......

Sie fand keine Worte, keine Gedanken -- aber sie litt.

Sie fhlt, als grbe ein Messer in ihrer Brust und suchte nach ihrem
Herzen.

Du Mensch aller Menschen hast es verlangt! und wie damals legte sie
die Hnde wie im Gebet zusammen und blickte auf den Schdel. Du hast es
verlangt, weil ich dein bin, weil du mein bist und weil ich dir helfen
soll.

Sie flsterte wie in groer Schmerzensnot.

Du wirst kommen -- und du wirst mich nicht wieder verlassen!

>Also doch ein wohlberechneter Heiratsplan, sehr -- sehr schlau,< wrde
der Schdel denken, htte er das Glck, Henry Mengersens Hirn in seiner
Hhle zu haben.

Eine ungeheure Sehnsucht erfllte sie.

Htte er mich doch gekt -- gekt! ein tiefer Seufzer wie ein
Schrei. Sie erzitterte durch alle Nerven. Dann ein Aufschluchzen.

Nun wei ich, wie ich bin! Er ist besser. Alles hat er -- alles kann
er. Was fr ein Mensch ist er! -- und auch besser als ich!

Ein zorniges emprtes Gefhl.

Stundenlang tobte es in ihr auf und nieder. Ruhelos, friedlos -- und so
unsagbar weh!

Dann kam ein dumpfer Schlaf, und dumpfe, tiefe Trume.

Sie stand auf einer Bhne und sollte singen und wute nichts von dem,
was sie singen sollte und hatte nie ein Wort davon gehrt.

Im Hemd stand sie vor allen Leuten, als mte es so sein -- und doch war
etwas versteckt, dumpf Schmachvolles dabei -- als mte es doch wieder
nicht so sein. Und Heinrich Mengersen ging an ihr vorber in seinem
weien Flanellanzug, so unantastbar vollendet gekleidet -- und lchelte
nachsichtig -- da wachte sie auf.

Ihr Herz schlug -- und es war ihr, als htte das Lcheln sie
gebrandmarkt, ja, als htte er in Wirklichkeit so gelchelt.

Sie hob die Hnde zum Schdel auf. Du liebst mich -- ich bin dir das
Liebste auf der Welt -- wie du mir. Dann ist alles gut. Du httest ja
sonst auch nicht bitten knnen.

Das fremde, geheimnisvolle Weh lag dennoch auf ihrer Seele und ber
ihrem Krper, wie etwas, was sie ersticken wollte.

                   *       *       *       *       *

Am Morgen trat Marie ein mit einem Korb voll der herrlichsten Rosen.

Das war genau so ein Korb, wie er bei ihm gestanden hatte.

Du, das ist fr dich gekommen, sagte Marie. Von wem wohl?

Isolde sa auf ihrem Bettrand, bleich, mit selig gespannten Zgen. Und
ihr war, als flge ein mchtiger, grauer, weicher Vogel, der sich mit
ausgebreiteten Flgeln an sie angedrngt hatte, von ihr ab. Sie konnte
nicht sprechen. Sie blickte nur mit groen, weitgeffneten Augen.

Ein Briefel ist nicht dabei, garnichts; -- ich hab schon geschaut. Der
Dienstmann hat's fr Frulein >Isolde Frey< gebracht. >Isolde< hat er
gesagt. -- Fr dich. -- Von wem nur?

Jetzt hatte Isolde den Korb auf dem Scho, ihre beiden Hnde lagen wie
zitternd liebkosend ber den Rosen. Sie sa regungslos.

Rosen, sagte sie langsam. Rosen!

Das sind mindestens fr fnfzig Mark welche, meinte Marie, so ein
Haufen! Herr Gott, Isolde, von wem nur? Du weit's!

Isolde schttelte wie geistesabwesend den Kopf.

Wie ein weicher, warmer Wind zog Frieden ber sie hin.

Nun ist alles gut.

Aus den taufrischen Rosen stieg Seligkeit auf und Hoffnung und ihr
eigenes Selbst ganz reingebadet, schn, und ohne jede Schmach -- -- und
gut.

Den ganzen Vormittag machte Isolde sich mit den Rosen zu thun. Glser
und Vasen fllte sie damit und stellte sie so und so, und schaute sie an
und nahm diese und steckte sie zu jener und sagte: Wenn sie doch nicht
welken wrden. Weit du, Marie, wenn die immer blieben, Winter und
Sommer, dann sh' unser Zimmer wie ein Garten aus.

Die Rosen hatten alle Qual von ihr genommen.

                   *       *       *       *       *

Dieser Morgen, der Isolden die Rosen gab, brachte der Familie Frey einen
hchst merkwrdigen Tag. Kein Familienglied verga ihn je.

Um halb zwei Uhr saen Doktor Frey, Karl, Marie und Isolde bei Tisch.

Das Mdchen brachte die Zweiuhrpost: Die Probenummer einer neuen
Zeitschrift, einen Geschftsbrief, eine Rechnung, die Ankndigung eines
neuen Tabakladens in der Nachbarschaft und einen Brief von Frau Doktor
Frey.

Dieser Brief war es, den der Doktor vor allem zuerst ergriff.

Marie hatte in diesen Tagen im stillen die Bemerkung gemacht, da kein
Brutigam auf die Briefe seiner Braut so erpicht sein konnte, wie der
Vater auf Mamas Briefe.

Zu jeder Tageszeit, wenn er heim kam, das erste: Ist Nachricht von Mama
da? --

>Das, wenn die Mutter wt',< dachte Marie manchmal.

Und wenn er einen solchen Brief ffnete, mit welcher Hast!

Und heute? Was war denn das?

Kaum, da er in den Brief gesehn, lief Doktor Frey ganz blaurot an. Ein
Sthnen folgte.

Isolde bemerkte es zuerst und fuhr entsetzt auf.

Vater!

Die Augen waren ihm aus den Hhlen getreten. Er sah mit einem mal
erdrckend gro und schwer aus.

Die drei Kinder hatten mit den Suppenlffeln innegehalten und starrten
auf ihn.

Er sthnte wieder und wieder, als knne er keine Luft bekommen. Seine
Farbe wurde bengstigend.

Mit einemmal erhob er sich und ging schwerfllig im Zimmer auf und
nieder, griff nach seinem Taschentuch und fuhr sich ber die Stirn.

Vater? fragte Marie ngstlich.

Da stellte er sich vor sie hin. Sein Blick war immer noch starr.

Schwr reich! kam es undeutlich, fremd, heiser heraus.

Seine Kehle war ihm wie zugeschnrt.

So sieht das Glck aus!

Die Kinder starrten.

Sie wuten nicht mehr, was sie sagen und denken sollten. Seine Seele und
sein Krper waren wie von einem Krampf gepackt.

Er war wie ein Tier, das in ein Riesenfa Wein oder Syrup gestrzt ist.
Es mu im berflu mit dem Erstickungstod kmpfen.

Ist denn der Onkel tot? fragte Isolde.

Mausetot, sagte Doktor Frey.

Da kam es wie ein Luftstrom ber ihn und er konnte wieder atmen.

Er wurde wieder er selbst.

Der tdliche Geldblutdurst, der wie ein hlicher Krampf ihn berfallen
hatte, lie einen freien Augenblick jetzt wieder in ihm aufkommen.

Ja, da bin ich nun ein schwerreicher Mann! sagte er mit der bekannten
und berhmten Doktor Frey'schen Prophetenstimme. Mama hat geerbt.

                   *       *       *       *       *

Na, Alte, nun hast du einen reichen Mann!

So empfing Doktor Frey scherzend seine Gattin, als sie nach dem
Begrbnis ihres Bruders nach Mnchen zurckkehrte. Er trug eine
Trauerbinde.

Die Mdchen hatte er ins allererste Konfektionsgeschft geschickt und
ihnen Trauerkleider machen lassen, aus dem ff wie er sagte.

Und wie die beiden im Zimmer geschftig hin- und wiedergingen, um fr
Mama den Kaffeetisch zu richten, war in dem einfachen Raum mit seinen
altmodischen, verbrauchten Mbeln ein zartes Rauschen und Knistern, so
eine intime flsternde Harmonie zu spren, die die Bewegungen der beiden
jungen Geschpfe umgab.

Doktor Frey wanderte im Zimmer auf und ab und lauschte andchtig auf das
se, seidige, zarte Schrfen, das von den beiden Bamsen ausging.

^Frou-Frou^, sagte er.

Wie geschmeidig sahen die jungen Krper in den stumpfen
seidenunterftterten schwarzen Kleidern aus.

Donnerstag! das war 'was andres, als was die Alte mit der Strminna
fertig bekam! Er fhlte sich gehoben und war stolz auf seine
Vaterschaft.

Zwei gute Partien im Haus!

Ja, Bamsen, sagte er, heute seid ihr eigentlich erst geboren. Ein
guter Schneider ist halt doch mehr wert als die beste Mutter.

Er sprach im Prophetenton und schien groartiger Laune zu sein, dampfte
und schnob Lebensfreudigkeit von sich, wie eine Lokomotive. Etwas
Mchtiges war in ihm; der Raum, in dem er sich befand, schien unbedingt
zu eng fr ihn und seine kraftvolle Freudigkeit zu sein.

Na, Alte, nun hat die Sache ein andres Gesicht bekommen!

Triumphierend, wie ein Eroberer, schaute er auf seine Frau, die, ermdet
von der Reise, still auf ihrem gewohnten Platz sa.

Ihr Trauerkleid war in keinem ersten Geschft gemacht. Es war ihr etwas
hergerichtetes, altes schwarzes Sonntagskleid, und ein geschmackloser
Trauerhut, mit steifem, grauschwarzem Schleier, der sicher aus einem
Ausverkauf stammte, lag neben ihr auf dem Sofa.

Hennenhirn! sagte Doktor Frey und befhlte den starkgeleimten
schwarzen Krepp.

Da i net lach! sagte er.

Zum Begrbnis seines Schwagers war der Dichter nicht nach Berlin
gereist. Darin hatte er etwas Goethisches. Durch und durch Optimist,
lie er, wenn es irgend anging, nichts, was diesen Optimismus unangenehm
berhren oder in Frage stellen konnte, an ihn heran, denn nichts auf der
Welt mu so vorsichtig behandelt werden wie ein guter Optimismus. Mama
sprach im wehleidigen Ton vom Hinscheiden ihres Bruders.

Die Sterbesakramente hat er empfangen, Gott sei gelobt, mehrmals
sogar.

Sie sprach in dem leierigen Ton, den manche Weiber annehmen, sobald von
einem Sterbefall die Rede ist.

Sonst ist er recht ergeben hingegangen. Ganz dem seligen Vater glich er
im Tod -- du mein Gott, wie die Zeit vergeht! Und ausgestanden hat er
ganz erschrecklich.

Verschon' uns, Alte, sagte Doktor Frey und klopfte sie auf die
Schulter. Er war sehr gndiger Stimmung und schenkte seiner Frau
eigenhndig, zum grten Erstaunen der Kinder, die zweite Tasse Kaffee
ein, stellte sich aber so ungeschickt an, da er den meisten Kaffee auf
das Tischtuch brachte.

Marie wollte etwas des groen Fleckes halber thun.

Die Mutter wehrte ihr aber.

Es war, als ob ihr dieser Fleck wohlthte, als ob sie ihn gern she, als
sollte alles so bleiben, wie es war, wie er es zu thun fr gut befunden
hatte.

In Mamas Benehmen lag etwas verschmt Verlegnes. Tausendmal getreten und
einmal dann in die Wangen gekniffen -- ihr war das Weinen nah.

Ja, -- so viel Geld! sagte sie gedankenlos -- so viel Geld! -- Und
was in den Husern steckt! da kam sie wieder zu sich.

Spter, als sie mit ihrem Mann allein im Zimmer war, nahm sie ihn
beiseite und fate ihn zaghaft am rmel seines Flausrocks, um ihm etwas
zu sagen.

Es wurde ihr, so schien es, nicht leicht sich zusammenzufassen.

Ein komischer Mensch, sagte sie.

Wer denn?

Der selige Bruder. -- Weit du, was er sagte, da er Marie und Isolde
extra bedacht hat? >Deine Mdel sollen gute Partien werden, die sind
viel zu schn, um arm zu sein.< Na ja, das ist ja zu verstehen. Dann
aber sagte er, was ich sehr sonderbar fand bei einem so ordentlichen
Menschen, wie mein seliger Bruder war.

Ich hab das Weib so oft in seiner Erniedrigung gesehn, da mir's wohl
thut, wenn ich zwei schne Mdel sicher auf die Fe stellen kann.

Na, da wird er wohl so arg ordentlich net gewesen sein, sagte Doktor
Frey ungeduldig.

So ein Ausdruck von einem ordentlichen Menschen! meinte Mama. Wieso
denn erniedrigt? Was wird er denn gethan haben, anderes als andre
Mnner? -- Da mten ja alle ...... Mama hatte sich unbedingt in ihrem
Gedankengang verwirrt. Ich meine, sagte sie, es ist doch alles ganz
gesetzlich und in Ordnung, wie es ist. Gott verzeih mir, -- ein
Verbrecher wird er doch nicht gewesen sein?

I bewahre, mach dir deshalb keine Sorge.

Ich hab's eben nicht verstanden. Ich wei schon, es giebt etwas wie
liederliche Mdchen, sie errtete; aber das ist gesetzlich, nicht
wahr, das mu doch so sein?

Weit du, dir kann ich's ja sagen, da ich davon berhaupt etwas wei.

Ungeniert, sagte Doktor Frey lachend.

Meint er denn die? fragte Mama.

Wie gesagt, mach dir deshalb keine Gedanken. In seinen alten Tagen wird
er etwas bedenklicher Natur geworden sein -- ein Schwrmer, so etwas.

Sancta Simplicitas.

So eine Henne lebt doch wie mit ausgeschnittenem Hirn. Da i net lach!

Sucht das Weib in seiner Erniedrigung und kann's net finden!

Na, hochentwickelte deutsche Hausfrau, mach' dir halt keine Sorgen.

Der selige Bruder wird sich eben reichlich seine Gedanken gemacht
haben, als es zu Ende ging. Ein reputierlicher Mensch ist er ja sicher
gewesen, wie sie es von jeher in der Familie waren und was soll er denn
gro anderes gethan haben als andre anstndige Mnner? Wenn es auf den
Tod hinausgeht, werden die Leut' halt ngstlich!




7.


Doktor Frey reiste Tags darauf mit Isolden, seinem Liebling, nach Berlin
ab, um in Mamas Namen manches zu erledigen.

Isolde war schweren Herzens gegangen. Ihre Rosen blhten noch in den
Glsern.

Mittlerweile geschahen Wunder und Zeichen in der Frey'schen Wohnung.

Mama hatte im Koup wahrhaft khne Plne geschmiedet; auch Mama waren
die Flgel gewachsen. Mama, die in ihrer langen Ehe nie aus der
Bedrngnis gekommen war, aus Bedrngnissen, die von Kind zu Kind, von
Jahr zu Jahr gewachsen waren, Mama wollte jetzt ihres Glckes froh
werden.

Es war ihr Geld -- ja -- das war es doch? Der Bruder hatte es ihr
vermacht -- doch ihr?

Nun konnte sie einmal alles nach eigenem Gutdnken thun. Wie gut, da er
jetzt nicht daheim war.

In ihrem Hirn hatten sich, so lang sie dachte, die schwierigsten
Probleme gewlzt: >Fett oder Schmalz? Was giebt mehr aus? Wie dehn'
ich's am besten? Heut nehm' ich um ein Brckel weniger, dann reicht der
Rest morgen noch halbwegs -- und bermorgen -- da schpf' ich's von der
Suppe.<

Und die unheimlichen Kunststcke mit Fleisch und Butter, da alles
ausreiche. -- Und das Hangen und Bangen in den letzten Tagen des Monats,
wenn das Geld trotz alles Qulens und Marterns nirgends mehr langte; --
und die ewige Unzufriedenheit, da nichts gut genug war -- und das
Schuldbewutsein, die Angst, wenn sie antreten mute, um das
Wirtschaftsgeld zu erbitten -- auch wenn es pnktlich um die vorgesetzte
Stunde war -- er war doch immer entrstet. Wie eine Verbrecherin, eine
Geldfortschlepperin hatte sie vor ihm stehen mssen -- ein Mal wie das
andre Mal.

Da konnte sie sich bis aufs Blut gepeinigt haben und wie ein Raubtier
hinter allem drein gewesen sein. Das war alles gleich -- immer dieselbe
Operation.

Ach, wie sie alles dessen mde geworden war -- schon lngst -- lngst
mde, wie ausgesogen.

Als junges Mdchen hatte sie recht gern gelesen, hatte sich Gedichte
abgeschrieben und schne Aussprche. Davon war nie mehr die Rede
gewesen.

Nach jeder Wsche Gebirge morschen Leinenzeugs und von frh morgens an
das Sinnen und Kmpfen, da es zum Mittagessen lange, und da mit den
lcherlichsten Mitteln etwas Anstndiges auf den Tisch komme.

Kaum war gegessen, hie es: Und was zum Abendessen fr all' die Leut?

Und wie das Geld unter den Fingern fortglitt! -- Immer derselbe Schreck
-- immer dieselbe Aufregung. Pltzlich waren von allen Seiten die
Rechnungen wie losgelassen.

Das Mdchen brachte sie khl mit heim, vom Bcker, vom Metzger, von Gott
wei wem!

Der Mama gab eine jede solche Rechnung einen Sto in die Nerven. Woher
nehmen? -- Wie kann denn das wieder zusammenkommen!

Diese Hetz bis aufs Blut, bis ins innerste Mark.

Und dann die Jahre, als die Kinder kamen.

Welche Sorgen!

Und immer so hilflos und trostlos, wie ein bis zu Todesmattigkeit
getriebenes Tier.

Das ohne Kraft und Mut sein. Das berbrdete!

Und die ganze entsetzliche Qual immer wieder gleichmig von Anfang bis
zu Ende.

Nach jeder Geburt die ungeheure Arbeitsanhufung, der sie widerstandslos
matt in grter Schwche gegenberstand!

Wie oft hatte sie sich gewunden vor aufgeregter, entsetzlicher
bermdung, in Verzweiflung sich in die Finger gebissen, vor
Ratlosigkeit geweint! -- Und das alles Tag fr Tag -- nie ein Aufatmen,
nie, da die Seele sich ihrer selbst einmal bewut geworden wre -- nie
eine Erholung -- nie eine Anerkennung.

Geistig wie tot und krperlich zerschunden. Und so Jahre lang, Jahre
lang ......

Ein Tier! ein armes, armes Tier!

Drei Kinder waren ihr gestorben nach langer Krankheit. Alle Qual
umsonst. Fr den Tod hatte sie sie geboren.

Wie gut war es ihr, als sich so eine schwere Dumpfheit ber sie gelegt
hatte -- wie gut war das, als fast nichts mehr weh that!

Die ersten Jahre hatte sie nach Anerkennung gedrstet wie verschmachtet;
dann war es ihr gleichgltig geworden. Um aber diese Gleichgltigkeit zu
kaufen, hatte sie alles hergeben mssen was Leben heit, was Denken
heit, was Menschsein heit.

                   *       *       *       *       *

Jetzt aber gedachte sie es sich wohl sein zu lassen.

Ja und sie begann mit Trotz, der halb mit bsem Gewissen versetzt war,
dieses Sich-wohl-sein-lassen zu genieen.

Und ich thu es eben! -- Ich thu es!

Sie that es.

Ihre Speisekammer lie sie weien und ging in den Konsumverein mit ihrem
alten, etwas fettigen Bchlein, um sich Vorrte zu kaufen. -- Vorrte!

Ihr Herz, ihre Nerven erzitterten vor Erregung.

Sie whlte und whlte, von diesem und jenem -- vom Besten -- und sann
wie ein Kind:

Was noch? Was noch?

Und dann kam eine ganze Ladung ins Haus, als wollte sie ein Wirtshaus
erffnen.

Ganz allein sa sie lange Zeit mitten unter ihren Schtzen und ein
Friede kam ber sie, wie aus einer andern Welt; oder als wre sie nach
schwerer langer Wanderung endlich in ein Obdach gekommen. Ganz erschpft
so im Gefhl der Sicherheit sitzt sie und hrt den schweren, stechenden,
klatschenden Regen, dem sie so lang ausgesetzt war. Sie hrt ihn -- und
hrt ihn -- und denkt wie es gewesen und fhlt ihre schwere Mattigkeit
und da sie nun ......

Und jetzt nimmt das mde, arme kindliche Weib ihr Bchel vom
Konsumverein und berechnet, wie viel das, was sie geholt hat, zu Neujahr
an Zinsen -- Steuern nennt sie's -- geben wird.

Und da ergiebt es fast zwanzig Mark.

Das hat einmal ausgegeben! Da lchelt sie -- lchelt -- lchelt.

Ja, und die Geschichte mit dem Konsumverein macht ihr mehr Eindruck, als
die ganze Erbschaft und das ganze Ertrgnis der fabelhaften Berliner
Huser.

Hier ist es ihr nah getreten, hier ist ihr Glck ihr begreiflich
geworden.

Und sie sitzt und trumt sich in ihre eignen Gefhle hinein und wundert
sich.

Ja, da hat sie doch eigentlich recht schwer und unglcklich gelebt --
recht unglcklich! War ihr denn das nie recht ins Bewutsein gekommen?

Sehr deutlich nie.

Alles dumpf, ganz dumpf.

Aber eben das Dumpfe, das ist das Schreckliche, das Menschabgewandte.

So einsam wie in ihrer seelenerttenden langen Ehe, so ohne jedes
Verstndnis, ohne jeden mitempfindenden Blick auf ihre groe Weibesqual
und Arbeit und Mhseligkeit -- so einsam war sie auch jetzt in ihrer
Befriedigung.

Einsam, ganz fr sich -- in sich selbst verkrochen -- eine kleine,
bange, dumpfe, unendlich schmerzvolle Welt fr sich.

Isolde hatte damals das Nachttierhafte in ihrer Mutter gesprt, das
Nachttier, dessen Dasein allen ein Rtsel ist, dessen Dasein niemand
kennt, und das selbst die Tageswelt nicht kennt.

                   *       *       *       *       *

Von einem fieberhaften Eifer war Mama jetzt besessen, das zu thun, was
sie thun wollte.

Es mute durchaus geschehen sein, ehe er zurckkam.

Die alten abgenutzten Kchenmbel lie sie himmelblau streichen, die
ganze Kche rosig tnchen.

All' ihre innersten, tiefsten Herzenswnsche erhoben froh ihre Hupter.

Die Flickwsche gab sie aus dem Haus und handelte um jedes Stck mit der
Flickerin auf Tod und Leben.

Den Salon lie sie mit einer wei und goldigen Tapete neu herrichten.
Die Thren wurden auch in Wei und Gold gestrichen.

Die Leute sollten Augen machen!

An die alten Vorhnge setzte sie neue Spitzen. Bis tief in die Nacht
hinein arbeitete sie daran mit ihrer Maschine. Ihre Pulse flogen bei
dieser Arbeit und sie war vor Anstrengung ganz auer sich.

Am andern Morgen wurden die Vorhnge aufgemacht, nicht vom Tapezier. Sie
selbst stand auf der Leiter.

Auf den Gedanken, einen Tapezier zu holen, wre das an Plage gewhnte
Weib nie gekommen.

Jeden Nachmittag kam sie mit Marie hochbeladen aus der Stadt wie im
Rausch, ganz aufgeregt. Da hatten sie alles Denkbare gekauft, was Mama
seit Jahren sich ersehnt hatte.

Bar gezahlt wurde nichts; alles auf Rechnung.

_Er_ brachte erst den Reichtum mit heim.

Ob Mama sich vorstellte, da dieser Reichtum etwa wie ein Kohlenwagen
vor der Thre abgeladen werden wrde?

Jedenfalls dachte sie: >Um Gottes Willen, wohin damit?<

Sie wute schon von Banken etwas, aber Steuern und Zinsen und all
dergleichen ging, wie gesagt, bs bei ihr durcheinander.

Sie hatte auch nichts damit zu thun, so etwas besorgte _er_, -- und von
hheren Dingen sprach er nun einmal nicht mit ihr.

                   *       *       *       *       *

Unter den Kostbarkeiten, die Mama und Marie fieberhaft erstanden, waren
ganz sonderbare Dinge. Die unglaublichsten Brsten und Brstchen,
allerlei ganz auerordentlich pfiffige Einrichtungen zum Putzen von den
verschiedensten Gegenstnden, spitze Pinsel und stumpfe Pinsel, allerlei
geheimnisvolles Kchenhandwerkszeug, das hatte sie sich alles immer
gewnscht und nie war sie zum Besitz gekommen.

In der Kche sah es aus, wie in einem Arsenal, als wollte sie gegen den
Hunger der ganzen Welt zu Felde ziehen. In dieser Kche hatte sie so
namenlos gelitten!

Hier konzentrierte sich alles.

Die Schneiderin sa auch im Haus, wie eine Henne auf Eiern, Tag fr Tag.
Mamas und der Mdchen alte Kleider wurden hergerichtet.

Wertvolle Bestze und Gott wei was kaufte sie, um den alten schlecht
sitzenden Plunder wieder aufzustutzen ......

Die alte Geschichte vom Hirtenjungen, was der tht, wenn er Knig wrde.

Mama und Marie kehrten jeden Nachmittag nach den Besorgungen bei dem
Konditor ein, und Mama verdarb sich regelmig den Magen und hatte an
Migrne greulich zu leiden.

Die beiden Shne profitierten auch am Freudenrausch und der ganz naiven
Art, Einkufe ohne Geld zu machen.

                   *       *       *       *       *

Tief in der Nacht erscholl ein Luten durch das stille Haus. >Der
Vater!< dachte Marie und ebenso dachte es die Mutter. Beide waren
auerordentlich erregt und konnten nirgends ein Streichholz finden.

Inzwischen lutete es auf eine unaufhrliche, nervenerregende Weise.

Um Gotteswillen, was ist geschehen! Das sagte die Mama wohl zwanzig
Mal, whrend sie im Dunkeln tappte und suchte und die Luterei kein Ende
nahm.

Vielleicht ist alles wieder aus! Du lieber Himmel!

So kann es nur luten, wenn ein Unglck geschehen ist, so lutet kein
vernnftiger Mensch!

Sie tappten und tappten.

Endlich!

Wie im Fieber, zhneklappernd, mit angstvollem Herzschlag huschte Mama
in Nachtjacke, Bambuschen und grauem Flanellrock die Treppe hinab.

Bebend, mit zitternden Gliedern, schlo sie auf, ffnete die Thr, -- da
fiel ihr Lateinschler und Sorgensohn Karl ihr in die Arme, mit dem Kopf
voran, total bezecht.

Herr des Himmels!

Mit Karl war garnichts anzufangen. Er benahm sich strrisch und lrmend
wie ein Ferkel, das nicht will, was es soll. Dabei schien der dicke
Knabe schwerer und plumper zu sein, als man es sich htte von ihm
vorstellen knnen.

Mama mute ihn unten an der Hausthr lehnen lassen.

Zwei Stufen auf einmal nehmend, strzte sie hinauf, um Marie zu holen.

Da nur derweilen niemand kommt!

Dann versuchten sie es mit vereinten Krften.

Na, Alte, brummte Karl, als Mama ihn unter den Arm zu packen
versuchte, vorsichtig, vorsichtig!

Marie wagte es gar nicht, ihn anzufassen. Sie hatte einen grenzenlosen
Ekel vor ihm. Sie weinte.

So nimm ihn doch, sagte Mama.

Hennenhirn! brummte der dicke Knabe, ganz wie der Vater, nur war diese
junge Prophetenstimmen noch rund und etwas schleimig -- hatte keine
Ecken und Auswchse.

Weibsvolk, albernes!

Marie weinte bitterlich.

Ds, wenn der Vater wt', wie ihr euch anstellt!

Karl! wimmerte Mama weinerlich.

Karl that einen scharfen, kurzen Schmatz mit den Lippen. Sein Mund
spitzte sich. Darauf tschelte er seiner Schwester ins Gesicht.

Die schrie schluchzend auf.

Karls stierende Augen richteten sich verdutzt auf sie.

Marie war ganz auseinander.

Die beiden Frauen schleiften ihn wie eine tote Masse die Treppe hinauf.

Wenn ihn nur kein Lehrer gesehn hat! wimmerte Mama.

Recht geschh's ihm! meinte Marie; das, wenn der Vater erfhrt!

Mama gedachte einer Nacht im vorigen Jahr, als er ihr schon einmal so
nach Hause gekommen.

Sie war eben dabei gewesen, ihrem Mann den schwarzen Kaffee zu kochen
und bebte in Todesangst, da Karl noch nicht daheim war.

Da kam er, das heit, er versuchte zu kommen. Und wie heute war sie die
Treppe hinuntergelaufen und hatte sich dann den Vater zu Hilfe holen
mssen.

Sie hatte gefrchtet, der wrde ihn kurz und klein hauen.

Merkwrdigerweise nichts davon.

Im Benehmen ihres Mannes hatte sie, zu ihrem hchsten Erstaunen, eine
gewisse Rhrung konstatieren mssen.

Nie hatte sie ihn so sorgsam gesehn, bei keiner der vielen Krankheiten
im Haus war er so hlfreich gewesen, so sachverstndig.

Wie er ihr zur Hand ging, wie behutsam er Karl ins Bett half.

So viel Gemt wie damals, hatte er bei keinem Familienereignis
entfaltet.

Mama war es auch vorgekommen, als behandelte er Karln Tags darauf mit
einer kameradschaftlichen Schonung und Diskretion.

Damals zog er ihn auch bei einer Angelegenheit mit in den Familienrat.

Es handelte sich darum, ob Isolde doch nicht noch zur Lehrerin
ausgebildet werden solle.

Den Familienrat pflogen Papa, der lteste Sohn und Karl, der kurz vordem
die erste Weihe als vollwichtiger mnnlicher Mann empfangen hatte.

Alle drei beschlossen einmtig, da Isolde kein Blaustrumpf werden
drfe, trotzdem die Familie so gut wie kein Vermgen besa und jeder
nach dem Tod des Vaters auf sich selbst angewiesen war.

All' dies kam Mama wieder lebendig in die Erinnerung, als sie mit Marie
ihren dicken Sprling die Treppe hinaufbugsierte.

Oben angekommen, machte sie sich daran, Karl einen schwarzen Kaffee zu
kochen.

Inzwischen bengstigte dieser im Zimmer seine Schwester Marie, die auf
ihn Acht haben sollte, da er mit der Lampe nichts anrichte.

Und wie ein heiliges Vermchtnis seiner Ahnen und Vorgnger, war diesem
angehenden Jngling in seiner Beneblung und Hilflosigkeit die
Weibverachtung als das Nchstliegende erschienen. Die Schwester hatte in
dieser Stunde etwas vor ihm voraus; das pate ihm nicht. Er fhlte den
dunkeln Trieb, die Hand gegen sie zu erheben, als sie ihm irgend etwas
wehrte, -- und machte Anstalt dazu.

Da schrie sie auf, warf sich vor einen Stuhl nieder, prete ihren Kopf
in das Polster und schluchzte angstvoll.

Dumme Gans, sagte Karl. Ich, wenn jetzt ein Madel hab, -- beim ersten
Mucks -- raus damit! -- Giebt ihrer genug, -- Gott Lob!

Marie frchtete sich vor ihm. Sie frchtete, da er sie anrhren knnte.
Ihr war zu Mute, als wre sie mit einer tollen Bestie im Zimmer.

Mutter! Mutter! schrie sie jetzt laut.

Da kam Mama hereingestrzt.

Was ist denn?

Karl lachte auf.

So 'ne affektierte Gans!

Die Mutter trat auf ihn zu mit der vllig gleichgltigen, abgestorbenen
Miene, die sie zum groen rger ihres Gatten so unbertrefflich
anzunehmen wute.

Vor dieser Miene duckte sich auch Karl. Damit wute er nichts zu machen,
die verstand er nicht.

Da war sie auch ihm ber.

Vorsichtig, Alte, vorsichtig! lallte er und lie sich auf Vaters
breiten Arbeitsstuhl niederdrcken.

Diesen Abend kroch Marie in Mutters Bett. Sie war ganz auer sich.

Das mute man Mama lassen, ihre beiden Mdels hatte sie zu behten
verstanden. Sie waren gerade so weltfremd, wie andere hhere Tchter
auch.

Die kleine geheimnisvolle Welt im eigenen Hause kannten sie so wenig wie
die groe drauen.

Vor der kleinen, wie vor der groen Welt, hatte Mama sich wie mit
ausgebreiteten Rcken gestellt.

Ob sie dachte, da sie einmal recht berrascht werden sollten? Oder was
sie dachte?

Kurzum, es war ihr einziges: Da die Mdels nur nichts erfahren!

Vor ihren Tchtern schwieg sie wie das Grab. Wenn ihr das Leben das Herz
abdrckte, keine Offenheit den Tchtern gegenber.

Wie gern htte sie manchmal den mden, dumpfen Kopf an Mariens Schulter
gelegt, um da Verstndnis und Trost zu finden.

Wie vor einem Unrecht aber war sie jedesmal zurckgeschreckt.

Nein, das Kunststck wollte sie auch fertig bringen, wie andere Mtter,
ihre Mdels sollten von nichts etwas wissen; darein setzte sie
gewissermaen ihren Stolz.

Sie hatte auch von nichts etwas gewut.

Dann waren die berraschungen gekommen!

Weshalb das so sein mute, wute Mama nicht. Es war hbsch so -- und
anstndig. Alle Mdchen aus gutem Haus muten so ins Leben hinausgehen.

Und dafr hatte sie das groe Opfer gebracht, da sie den Kindern fremd
geblieben war, fremd in ihrem dumpfen, schweren Leid. Wenn sie dennoch
etwas wuten -- sie war unschuldig daran, das konnte sie mit bestem
Gewissen sagen.

Ihre Mdchen hatte sie gut erzogen!

So lag auch heute Marie stumm am Halse der Mutter und weinte, und Mama
klopfte ihr den Rcken und murmelte, wie sie es bei ihren kleinen
Kindern gethan hatte, um sie zu beruhigen. No -- no -- no -- no -- no!

                   *       *       *       *       *

Mrs. Wendland hatte von dem groen Umschwung der Verhltnisse ihres
Freundes Doktor Frey gehrt. Sie wute auch von dem Glck der beiden
Mdchen, da sie im Besondern von ihrem Onkel bedacht worden waren. Die
Besitzerin einer Summe von dreimalhunderttausend Mark konnte sich schon
sehen lassen. Die Mdchen wrden jetzt die Auswahl haben.

Mrs. Wendland hatte wirklich eine Freude ber diese Nachricht gehabt.

Sie hatte sich im stillen immer gedacht: >Was sollen diese beiden Kinder
mit ihrer groen Schnheit? Dummheiten -- Dinge werden geschehen.

Fr arme Mdchen ist es viel besser, wenn sie nicht sind schn.<

Sie hatte ber Freys Glckswechsel auch zu Henry Mengersen gesprochen,
der ihr wenige Tage darauf mitteilte, da er eins dieser Mdchen zu
heiraten beabsichtige.

Mrs. Wendland war nicht ohne Erstaunen.

Sehr einfach, sagte Mengersen, ich habe mir alles berlegt: Meine
knftige Frau mu wohlhabend sein, jung, schn, anspruchslos. Diese
Dinge trifft man selten beisammen. Hier ist dies der Fall. Bitte, dich
zu berzeugen.

Ich halte Isolde durchaus nicht fr anspruchslos, lieber Henry, sagte
Mistre Wendland. Isolde ist ein Rassegeschpf, die sind an und fr
sich ......

Die andere aber halte ich fr vollkommen anspruchslos, unterbrach
Henry Mengersen. Die ist ganz, was ich suche.

Die andre? fragte Mrs. Wendland verwundert.

Und weshalb nicht? meinte er scharf und dachte: >Hat Isolde
geplaudert?<

Mrs. Wendland blickte gedankenvoll vor sich hin.

Isolde ist bei weitem interessanter.

Mag sein. Beste Mary, -- eine interessante Frau? Dazu kunstsinnig,
mitempfindend, nachempfindend -- Gott wei, was noch! Alle Achtung! Nein
-- nicht um die Welt! Und auerdem ist Frulein Isolde auch in anderer
Beziehung nicht mein Geschmack. So etwas heiratet man nicht. Sie ist
herb, wie eine junge Quelle? Nicht wahr? Er lchelte fein und khl.
Und ich behaupte, sie ist ein kleiner, frecher Dachs, dem es recht gut
thun wird, wenn sie sieht, da man ihre Schwester ihr vorzieht. Ich
glaube, diese Erfahrung ist auerordentlich wichtig fr das Mdchen.

Mrs. Wendland lchelte: Also aus erzieherischen Grnden wollen Sie
Marie die Resten von Ihr Dessert geben und nicht Isolden? Sie werden ein
ganz reizender Ehemann werden. ^Cold as charity^ -- kalt wie die
Barmherzigkeit, man sagt. O, ich mchte mich nicht mit Ihnen heiraten,
lieber Henry. Mich friert, holen Sie mir, meinen kleinen Shawl, bitte.

Ach und nun werden Sie also philistrs; ein Mann, was hat gelebt, wie
du, ist so komisch als tugendhafte Ehemann zu denken!

Nun, also heiraten Sie sich die kleine Frey.

Sie machen immerhin ein ganz gutes Geschft.

Henry Mengersen dachte: >O, meine gute Mistre, -- also doch nicht ganz
angenehm berrascht?<

Und Sie sind der erste, der sich von dem neuen Geld der Freys kaufen
lt? fragte sie und beugte sich in ihrem Lehnsessel vor mit einem
amsierten Ausdruck. Und Sie wollen die kleine Mary wieder eingeladen
sehn bei mir? Sie brauchen gar nichts zu sagen, ich wei schon.

Henry Mengersen kte ihre Hand.

Du bist schon ganz in der philistrsen Maske eines keuschen, wrdigen,
deutschen Brutigams, mit seinem gut brgerlich schlechten Gewissen. --
Du bist mir nun langweilig!

Nicht deshalb, wie du denkst. O, nein, gar nicht deshalb! Sie brauchen
nicht zu lcheln, Henry.

Nein, weil nun eine groe, langweilige Lgengeschichte angeht, wie bei
allen Mnnern. Bei dich lchelt es mich noch mehr, als bei den andern,
weil ich dich kenne, wie mein Taschentuch!

Fr Sie, Henry, wnschte ich, Sie htten Isolde gewhlt. Vor ihr htten
Sie mssen doch ein wenig ^gne^ haben. Sie knnten mit ihr nicht so
ganz ^sans faon^ sein.

Doch deshalb nehmen Sie sie ja nicht. Nun, ich wnsche Glck zu dieser
Dudelsackehe.

Kommen Sie heut abend zum Thee, Henry, wir trinken auf der Veranda.

                   *       *       *       *       *

Marie Frey verlebte bei Mrs. Wendland traumhafte Tage.

Sie war es gewohnt, von Studenten und den Brdern ihrer Freundinnen
verehrt zu werden; aber dieser Herr Mengersen war doch ganz etwas
andres.

Sie traute der Sache nicht recht. Es kam ihr alles zu unwahrscheinlich
vor.

Aber Henry Mengersen verstand sich darauf, sie zu berzeugen, trotzdem
ihm eigentlich solch' eine weltfremde, hhere Tochter ein sehr
unheimliches Ding war.

Er berschttete sie mit Zartheit.

Ein Bouquet, ganz aus Moosrosenknospen, was mute das solch' einem
Geschpf nicht alles sagen! Und was sagte es ihr nicht alles!

Henry Mengersen konnte sich viel Mh und Geist sparen.

Ein Garnichts, zarte Farben, zarte Formen thaten mehr fr ihn, als er je
fr sich htte thun knnen; dazu seine tadellose Wsche, die vornehme
Reinheit seiner Person, das imponierend elegant sitzende Schuhwerk.

Er mute auf so ein Ding wirken, ohne da er sich im geringsten
anzustrengen brauchte. Dazu sein Ruhm und die Art, wie man ihm
begegnete.

Nie hatte das blonde Mdchen einen vertrauenerweckenderen Menschen
gesehn.

Die instinktive Sorge, da der Mann brutal, roh in seiner bermacht ihr
gegenbertreten knnte, kam hier nicht auf. Die weltfremden Sinne waren
noch so kindlich, so ganz vom ueren hingenommen. Wie Blasphemie wre
ihr ein Zweifel an diesem Menschen erschienen. Ja, es gab Augenblicke,
da schmte sie sich ihrer selbst, ihrer Plumpheit, wie sie ihre
Ungewandtheit nannte, ihrer Hnde. Man sah ihnen das fleiige Schaffen
im Hause an. Es waren reine, junge, krftige Mdchenhnde, aber nicht
bltenwei und die Ngel waren kurz gehalten.

Sie konnte ihre Hand garnicht neben der seinigen sehn. Wie hoch stand
dieser Mann ber ihr!

Und als er sie mit weicher Stimme bat, sein Weib zu werden, war es ihr
zu Mute, als tanzten Erde und Himmel durcheinander. Ein ganzes Chaos von
Glck, Stolz, berraschung und Verwirrung.

Sie hatte ihrer Mutter und niemandem sonst ein Wort ber Henry Mengersen
geschrieben, auch Isolden nicht, -- und nun war sie Braut, die Braut
eines Mannes, zu dem sie nie die Augen erhoben htte.




8.


Isolde erfuhr die Verlobung ihrer Schwester unvorbereitet.

Sie kam von Berlin zurck, eingehllt in ihre groe, tiefe Liebe wie in
eine Wolke von Sehnsucht.

Die Mutter empfing Vater und Tochter freudestrahlend, wie es die
Tradition will, und verkndete ihnen die Nachricht schon auf der Treppe.

Mit einer plumpen, die Kniee zusammenbrechenden Wucht, wie ein groes
Raubtier auf sein Opfer, sprang die Verzweiflung auf Isolde.

Nicht Zeit zu einem Schrei!

Da war's geschehn.

Da hatte sie ihr Teil.

Sie wollte sich an ihren Vater halten um nicht zu fallen.

Ihr kam es aber vor, als griff sie in die Luft.

Und die Mutter war auch nichts als ein Gespenst -- ein Nichts.

Da war kein Krper, der irgend etwas galt.

Ihre Hnde hielten sich zwar, -- aber sie fiel doch. Ihre Seele fiel und
hrte gar nicht auf zu fallen in Dunkelheit hinein -- endlos -- endlos.

Und zu derselben Zeit, in der sie so tief und endlos fiel, fhlte sie,
wie sie in das Zimmer trat und hrte sprechen und sah dies und das.

Ein dumpfes Rauschen umgab sie. Wie aus weiter Ferne hrte sie den Vater
ungeduldig schelten.

Was zum Teufel ist denn das?

Doktor Frey stand mitten in dem wei und goldenen Salon mit den frisch
gewaschenen mit neuen Spitzen besetzten Vorhngen.

Das ist die reinste Verrcktheit!

Er sperrte ganz verblfft Augen und Mund auf.

Stellst du dir vor, Alte, ich la mein gutes Geld von dir zum Fenster
hinauswerfen? Lt die gekndigte Wohnung neu herrichten! Da i net
lach!

Er war in groer Wut.

Gekndigt hast du? -- fragte Mama ganz betreten und zittrig. I du
meine Gte, davon wei ich ja garnichts!

Doktor Frey ri die Thr zum andern Zimmer auf, um zu sehn, wie es dort
stand.

So -- na! -- Merkwrdig!

Er war einigermaen beruhigt.

Freilich ist gekndigt. Glaubst du etwa, ich bleib' in dem Loch? Und
was ist denn noch geschehn, wenn ich bitten darf?

Nun kam ein Sndenregister.

Doktor Frey ging erregt im Zimmer auf und nieder.

Da i net lach! Da i net lach! Das war auch besonders ntig, da eine
von den Bamsen sofort an den Esel, den Mengersen ... Nun, ich werd' euch
auf die Finger passen, ihr! Das ist ja ein reizendes Willkommen!

                   *       *       *       *       *

Als Isolde endlich allein in ihrem Zimmer war, schlo sie die Thr und
warf sich auf den Fuboden.

Drauen schalt der Vater weiter und die Mutter weinte einmal laut auf.

Langgestreckt lag Isolde; -- ein Schwindel erfate sie.

So tief, so tief, so dunkel und sie mitten darin!

Heute sollte sie ihn noch sehen und auch die Schwester -- da griff sie
mit den Armen in die Luft, da wollte sie wieder etwas fassen.

Auf den Boden warf sie sich vor ihr Bett und bi in den Fu des Bettes,
und verbi sich darin, wie ein wundes Tier, das mit dem Tode kmpft.

Ihre Augen fielen auf das Konsol mit dem Schdel darauf. Da hockte sie
sich zurecht, die Arme um die Kniee, und starrte dem Schdel in
Verzweiflung in die leeren Augenhhlen und starrte und verga die Zeit.

Sie wollte denken -- aber es ging nicht. Es war ja auch alles ganz
gleich. Sie fing an zu singen, einen leierigen Gassenhauer.

Wie mit einem Messer schnitt sie dies Singen; -- dann sang sie weiter
bermtig lustig.

Wie that das?

                   *       *       *       *       *

Am Abend kamen sie wirklich beide. Er hatte seine Braut nach Mnchen
begleitet. Isolde trat ihm ruhig entgegen; es gelang ihr ohne Mhe, weil
doch alles eins war. Das eine that so weh, wie das andere.

Marie war hingebend weich und selig.

Henry Mengersen schien der Situation vllig gewachsen zu sein. Er hatte
allerdings erwartet, da Isolde sich mit Kopfschmerzen entschuldigt
haben wrde.

Nun war sie doch da, eine freche, kleine Bestie -- und hatte einen
ruhigen, undurchdringlichen Gesichtsausdruck.

Er aber war gerstet auf alle Flle; umsonst hatte er sich nicht einen
Giftzahn wachsen lassen. Von einem Mdchen, das sich erniedrigt hatte
wie Isolde -- und vergeblich erniedrigt, stand alles zu erwarten. Er
hatte sie in der Hand, da war ihm andres schon geglckt. Die Ruhe war
nur Maske. O, er lie sich nicht tuschen; er kannte diese Sorte.

Ein unpassendes Wort seiner Braut gegenber, und Isolde wrde ihn kennen
lernen.

                   *       *       *       *       *

Durch einen Zufall standen sie beide in des Vaters Arbeitszimmer allein
am Fenster.

Die Hngelampe warf ihren Schein grell in die Mitte des Zimmers und um
diesen Lichtkern war eine weiche Dmmerung.

Isolde sah ihm ruhig in die Augen.

Eine Bitte, Frulein Isolde, sagte er eisig; ber das, was zwischen
uns vorgegangen ist, kein Wort -- nicht wahr? Es gilt das Lebensglck
Ihrer Schwester. Sie verstehen mich doch? Und was mich betrifft, seien
Sie meiner ganz sicher -- ich bin Gentleman. Ich darf mich ja Ihnen
gegenber aussprechen.

Aber wie er mit sicherem, vornehmem Blick den ihren streifen wollte,
fuhr er leise zurck. Nicht mehr Isolde, das rhrende, liebende Mdchen,
-- ein vornehmes, ruhiges Weib stand ihm da gegenber. Und aus ihrem
Mund tnten ruhige Worte:

Ich empfand Ihre Kunst -- ich liebte sie -- ich that es. Ich will es
auf offenem Markt sagen.

Sehen Sie darin etwas Schlechtes? Ich habe mir nicht denken knnen, da
ein groer Knstler schmutzig ist. -- Ist es so -- so gehren Sie zum
Haufen.

Isolde wendete ihm den Rcken.

Henry Mengersen war zum ersten Mal in seinem Leben verblfft.

                   *       *       *       *       *

Doktor Frey hatte Champagner auffahren lassen und es wurde eine
Verlobung nach allen Regeln der Kunst gefeiert.

Doktor Frey war schlielich beim Sekt mit Mengersen ganz einverstanden.

Mein Gott, ist es der eine nicht, ist es der andere, im Grund
gleichgltig, wen so ein Mdel kriegt. Dem Weib gegenber ist so
ziemlich einer wie der andere.

Eine Gans, so ein Mdel! -- knnte jetzt das schnste Leben haben und
giebt ihr gutes Geld und ihre Schnheit einem Esel in die Hand, der sie
doch nur auslacht.

Doktor Frey war ganz gerhrt. Auf seine Bamsen hielt er etwas. Er
reichte Mengersen die Hand ber den Tisch, hob sein Glas und sagte
weinselig:

Da du sie mir gut in Obacht nimmst, mein herrliches Kind!

Mengersen schttelte wrdig die Rechte seines knftigen Schwiegervaters
und kte seiner Braut ritterlich und zart die Hand.

                   *       *       *       *       *

Diese Nacht lag Isolde still wie eine Tote in ihrem Bett.

Maries ruhige, sanfte Atemzge berhrten hin und wieder ihr Bewutsein.

Marie war so selig mde gewesen am Abend und wie ein Kind entschlummert.
Das groe Glcksgefhl ermattete sie. Sie trug wahrhaft daran wie an
einer Last. Nun war ihr Schlaf tief und ruhig.

Isolde lag auch in ihrem tiefen Weh wie in einem schweren Schlaf, in
einer groen Betubung.

Der Mond schien ins Zimmer, der Schdel schimmerte. Die Augenhhlen
glichen zwei dunkeln, runden, tiefen Flecken.

Und in diese leeren Augenhhlen mute Isolde unverwandt sehen. Das war
ganz was sie brauchte.

Dieser leere Blick ohne Trost! Wohl that er ihr!

Es war ihr als wre etwas Reines, Gutes in dieser Leerheit.

So tdlich war sie verwundet worden! Seele und Krper zugleich.

Auch ihre Seele lag ganz still und unbeweglich.

Und von einem beschimpfenden Schlag war sie so verwundet --

Der, den sie ber alles liebte, den sie wie einen Gott in Anbetung
liebte, hatte ihr den Schlag ins Gesicht versetzt.

Des feinen, klugen, groen Henry Mengersens Roheit hatte die
allerzartesten Fden ihres Daseins unheilbar verletzt und zerrissen.

Das war Isolde nicht mehr, das heiempfindende Kind, das Glck und Leid
mit bersprudelnder Lebenskraft fate und das Leben wie einen groen,
blhenden Rosenstrauch an die Brust drcken wollte, ganz in Blten
versinkend.

Auf alles, was sie sah und was sie fhlte, starrte sie mit einem
grenzenlosen Ekel. Gab es denn gar keine Mglichkeit zu zeigen, da man
rein ist!

Konnte sie denn nicht einfach sagen: Da bin ich -- da! --

Ihr junges Menschentum war noch so ganz in sich zusammengefat, so
einfach, so rein aus Gottes Hand hervorgegangen.

Das dumme, dumpfe, ins Ekelhafte gesteigerte Weibgefhl haftete an ihr
noch nicht, das Gefhl, ein Wesen zweiter Ordnung zu sein -- ein Wesen,
das nicht Mensch, sondern Weib ist, ein Wesen, das nicht wie ein Mensch
fhlen und handeln kann, das nur geschlechtlich ist.

Welcher Ekel fate sie, welche Scham!

Welchen Blick that sie da!

Ja, sie hatte ihn geliebt! ja! ja! ja! Sie hatte ihm das Schnste
gegeben, das Einzige, ihre Schnheit, die sie selbst liebte, die sie
kannte und die sie selig und froh gemacht hatte. Seiner heiligen, groen
Kunst hatte sie sich geben wollen, als Mensch -- und als Weib.

Wahrhaftig nicht nur als Weib -- und auch als Weib; -- ja, sie hatte
sich gesehnt, da er sie kssen sollte, -- hei, hinsterbend gesehnt.

Er hatte ihr ja gesagt, da er sie liebte, -- oder hatte er nicht?

Gleichgltig, jetzt ganz gleichgltig!

Und doch und doch -- welche Leere!

Alles erloschen! -- einsam -- verlassen -- verstoen -- getreten --
mikannt -- miachtet -- das rmste auf Erden!

Und beschmutzt -- ihre reine, frohe Seele! Sie wute, da ihre Seele den
Krper umhllt hatte. Ihre Seele hatte nichts mit Schmutz zu thun.

Wie ein Sturm ging es durch ihren Krper. Glaubte er, da sie mit einem
Wort erinnern wrde? Glaubte er -- das?

Wie konnte er so schmutzig sein -- -- so dumm?

Ach, ein Ekel, eine unsglich Qual packte sie, wie sie mit einem Blick
berschaute. Das Weib ist nicht Mensch, nur Weib fr ihn -- etwas
Geistloses -- ohne Feinheit -- ohne Freiheit -- etwas so Brutales -- das
nur Krper ist! --

Zum Sterben! -- ein Ekel zum Sterben!

Als sie ihm von seiner Kunst gesprochen, wie sie ihn in ihr Herz hatte
sehen lassen -- und die groe Liebe gestand zu dem, was er schuf -- da
hatte er so sonderbar gelchelt.

Pfui! pfui! pfui! es war ihm gewesen, als htte ein Tier ihm das gesagt
-- ein freches, dummes Tier.

Grad so komisch und lcherlich war's ihm gewesen. Sie durchschaute jetzt
alles -- alles mit einem Male, wie hellsehend.

Das, was sie ihm gab, hatte er auf seine Weise geschtzt.

-- Und da dachte sie in fieberhafter Angst ber das Weib nach.

Eine so heie, heie, brennende Angst stieg in ihr auf.

Was war denn das?

Alles, was je gedacht, war vom Manne gedacht worden; alles, was je
gethan, war vom Manne gethan worden.

Nie war ihr das noch klar geworden, -- ganz neu starrte sie das an.

Das Weib und das Tier haben nichts gethan und nichts gedacht, von dem
man wei.

Bis in den innersten Grund ihrer Seele erschrak sie.

Da lag sie wie gebrandmarkt.

Hatte er nicht recht?

Lcherlich war es, wenn sie von Kunst zu ihm sprach; was hatte sie damit
zu thun? Was ging sie die Kunst an?

Freilich mute er lachen!

Ihr war, als sollte sie ersticken.

Und da fhlte sie die ganze Verachtung, die auf dem Weibe liegt. Wie
einen schweren, bleiernen Druck empfand sie diese groe Verachtung, die
Stolz und Freudigkeit nimmt.

Was war sie? -- Zu wem gehrte sie? Sie hatte wahrhaftig kein Recht,
stolz und froh zu sein.

Ein dumpfes Sthnen entrang sich ihr, ein erstickter Schrei, als wre
sie geschlagen.

Und sie hatte geglaubt wie ein Mensch zum Menschen sein zu drfen.

Was hatte denn Mrs. Wendland gesagt? -- Da fiel ihr allerhand ein, was
sie damals garnicht verstanden.

Die also auch, die kannte all' die Gedanken, die so neu, so schmhlich
ber sie jetzt herfielen. Nach dem, was die gesagt hatte, mte die ja
auch leiden.

Fhlten alle Weiber, wie sie jetzt fhlt? Und war denn das mglich, da
sie noch nie etwas derartiges empfunden hatte?

Und ihre Mutter? -- und -- ihre Freundinnen?

Ja, was war denn das?

Wuten denn die Weiber garnichts davon, wie verachtet sie sind?

Ihr zarter Krper wurde von einer tdlichen Erregung gemartert.

Da lag sie, getreten, beschimpft, beschmutzt, vereinsamt und gehrte zu
der verachteten, dumpfen, gedankenlosen Hlfte der Menschheit, die nicht
das Recht hat, voll Mensch zu sein.

Da lsten sich Thrnen aus ihren Augen, brennende, schmerzhafte Thrnen,
die wie Blutstropfen aus einer Wunde flossen.




9.


Isolde geht an einem bltenschweren Maienmorgen in ihrem Atelier
gedankenvoll auf und nieder.

Das Atelier liegt in einem Garten still versteckt, ebenerdig.

Frischer, herber Laubgeruch strmt zu den Atelierfenstern herein, die in
der groen Glasflche weit geffnet stehn.

Der blaue, leuchtende Himmel schaut durch das Oberlicht zu ihr nieder.

Schwalben ziehen ihre schrillen Sommertnchen im schnellen Flug wie
feine, glitzernde Fden ber den blauen therraum hin. Sie weben im
Kreuz- und Querflug ein Netz von diesen sen, spitzen Lauten. Ein Zug
Tauben fliegt ber das glserne, kuppelfrmige Dach. Die
Flgelschwingungen hren sich so fein, so flieend an, so durchdringend
frei, ohne jede Erdenschwere.

Isolde ist ganz in sich selbst versunken. Sie bewegt sich in dem
starken, mchtigen Licht, in dem groen, kahlen Raum wie im Freien.

In ihrer Hand hlt sie achtlos den Grabstichel.

Auf einem kleinen Tisch liegen zwei geffnete Briefe.

Gipsabgsse stehen lngs der Wnde, Abgsse nach der Natur, Glieder,
Hupter, Totenmasken.

Der Schdel, der Isolden durch fnf Jahre begleitet hat, ist das einzige
im Raum, was gewissermaen als Schmuck auffllt. Er trgt eine
schimmernde Narrenkappe aus einem alten, kstlichen Goldstoff und
darber einen braunen Lorbeerkranz.

Sonst im ganzen Atelier kein Schmuck, weder ein Teppich, noch sonst ein
Luxusgegenstand.

Unter der Kuppel, jetzt ganz von Licht bergossen, ein wunderlich
fremdartiges Werk, eine sitzende Buddhastatue aus fleckenlosem Marmor:

Isoldens Werk.

Um den Sockel der meterhohen Gestalt stehen diese Worte:

   Inbrnstig bin ich gewesen,
   Inbrnstig wie noch kein Andrer.
   Rauhsinnig bin ich gewesen,
   Rauhsinnig wie noch kein Andrer.
   Wehmtig bin ich gewesen,
   Wehmtig wie noch kein Andrer.
   Abgelst bin ich gewesen.
   Abgelst wie noch kein Andrer.

Und diesen Spruch einzugraben, war Isoldens Morgenwerk. Ja, und es war
ihr gewesen, als lge in dem sonst geneigten Buddhahaupte der groe
Friede, -- der groe Friede der Erkenntnis, der vornehme, ganz von
mchtigem Menschengeist durchdrungene und gehaltene Friede, nicht der
demtige, unselbstndige.

Wie ein Jubel, wie eine erstickende Seligkeit war es ber sie gekommen.
Es schien ihr gelungen, was sie gewollt hatte.

In dem Buddhahaupte lag das Knigliche, das ganz Souverne, die groe,
seltene Menschenmajestt, die noch ber dem Menschenschmerz steht, der
das Grte auf Erden und ber der Erde ist.

Du ungeheurer Todesschmerz, Leidens- und Lebensschmerz, du bist zu
besiegen!

In Isoldens Augen waren heie Thrnen gestiegen. In Wahrheit, ihr
erschien das Haupt das zu sein, was es sein sollte, wie sie es in langer
leidenschaftlicher Hingebung ersehnt hatte.

Schien es ihr nur so -- oder war es wirklich so?

Im Augenblick -- jetzt in dieser Stunde war es so.

Sie glaubte, wenn sie auch im voraus wute, da sie wieder zweifeln
wrde.

Sie ging wie ber der Erde schwebend in ihrem lichtvollen Raum auf und
nieder.

Keine Schwere!

Und es hob sie, da das Werk fr diese beiden Menschen bestimmt sei --
fr ihre liebsten Menschen auf Erden. Fr ihn und sie! Da sie das ihnen
geben durfte und konnte.

Was waren ihr in diesen Jahren Helwig und Lu Geber geworden.

O, ihr lieben, wahren, einfachen Menschen! dachte sie.

Und wie wrde Lu sich freuen, wie wrde es ihr warm ans Herz greifen,
wenn sie die schnen, stillen Zge ihres Mannes und seine Seele im
Buddhahaupte wiedererkennen wrde?

Was alles hatte Isolde ihm zu danken! was fr schne, tiefe Stunden
hatten sie zu dreien miteinander erlebt!

>O, ihr weltentrckten Menschen!< dachte Isolde, >in eurem schnen,
stillen Heim -- auf eurer Insel der Seligen -- mitten in der schmutzigen
Welt!<

Wie liebte sie diese beiden! Bei ihnen hatte sie menschenwrdig fhlen
und denken gelernt.

Was mit ihnen zusammenhing, war so zweifelsohne!

Da es etwas so Wahres gab, wie diese Leute!

Wie freute sie sich, beide in ihr Atelier zu fhren und zu sagen: Das
danke ich euch! Dir danke ich es, du weiser, guter, abgeklrter Mann,
der du so anders bist als andre, von niemandem drauen in der Welt
verstanden, du stiller Groer du!

                   *       *       *       *       *

Isolde ist schner geworden, vornehm, streng im Stil. Sie neigt zu der
Art Erscheinungen, wie Mrs. Wendland in ihrer ersten Jugend einst
gewesen sein mochte, schlank, bleich, das mchtige, lockige Haar wie
eine dunkle Wolke ber der Stirn, tiefe Augen, ber denen es wie ein
Schleier liegt.

Ihre Art sich zu kleiden, ist vllig ungesucht; doch was diesen Krper
berhrt, wird vornehm.

Isolde ist heute in Feierstimmung. Sie denkt heut nicht mehr daran,
etwas zu thun. Sie hrt jetzt auf die Schwalben, die hoch oben am blauen
Firmament mit ihren seidenen Tnen wie mit Fden weben und wirken.

Da steht ihre Schwester Marie geistig ihr vor Augen.

Was fr ein kleines Gesicht hat der arme Sammtaffe bekommen.

Das Sammtige, Volle ist von ihr geschwunden.

Isolde sieht sie vor sich, wie sie oben in Mengersens Sommervilla, die
er sich in der Nachbarschaft von Gebers gebaut, in dem schnen
Waldgarten mit einander spazieren gingen, hoch ber dem Ufer der Isar.

Marie war damals Mutter ihres ersten Kindes, dessen Geburt ihr fast das
Leben gekostet hatte. Seelisch und krperlich konnte sie sich davon
lange nicht erholen. Ihr Kind gedieh, aber sie selbst hatte etwas wie
vom Frost Getroffenes, etwas Mattes, Stilles, Banges.

Das Kind mochte ein halbes Jahr alt sein, als sie damals mit einander
unter den dichtbelaubten Bumen gingen. Da hatte sich Marie mit einemmal
an Isolde geklammert und ihr etwas zugeflstert, ein Gestndnis -- ein
so banges, schweres, da sie wieder der Qual und dem Tod entgegenginge,
und Isolde war von den fassungslosen, verzweifelten Thrnen der
Schwester na am Hals geworden.

Die beiden jungen Geschpfe hingen an einander und wagten sich nicht in
die Augen zu sehen.

Marie weinte trostlos und Isolde wute nicht, was sie sagen und fhlen
sollte.

Es war so peinlich.

Ide, schluchzte Marie, er kann mich doch gar nicht lieb haben! Wie
kann er denn? Er wei ja wie es war, wie entsetzlich! -- er wei doch
alles.

Ide, wenn das Liebe ist!

Marie schrie wie entsetzt auf und warf sich ins Gras, und lag mit dem
Gesicht an die Erde gedrckt, hrte und fhlte und sah nichts vor
Weinen.

Isolde kniete neben ihr.

Sterben, zu Tode gerissen und gemartert werden -- alles, wenn es sein
mu! alle Qual -- alle Todesangst -- und alles -- alles -- alles! --
aber Ide, -- er ist ja nicht mein Freund!

Diese arme wehe Stimme! Isolde hrte sie jetzt noch mit voller
Deutlichkeit.

Nichts bin ich ihm! Gar nichts! das, was ich ihm bin, ha' ich!

Ich wei, ich bin dumm -- ich wei! -- aber, wenn er mit mir sprche,
ich wrde es doch verstehen, schon weil ich ihn so lieb hab'. --

Ide, glaub mir, ich wrde klug aus Liebe. -- Ganz gewi -- ich wei.

Was er Schnes hat, verschweigt er vor mir. Nichts was er denkt, sagt er
mir. Wir sind ganz getrennt.

Sie klagt rhrend in die Erde hinein.

Das alles hrte und sah Isolde im Geiste wieder vor sich, so lebhaft, so
ergreifend, wie eben erst geschehen.

Sie sah sich selbst, wie sie unbeweglich neben ihrer Schwester kniete.

Und was Marie sprach, schluchzte sie immer noch wie in die Erde hinein:
Ein ganz einsamer Mensch ist nicht einsam, aber ich bin so einsam!

Glaubst du, da er Mitleid mit mir hat?

Nein sag ich dir! Gar nicht -- keine Spur.

Es mu halt so sein, denkt er. Das ist ganz in der Ordnung so. Dafr ist
sie eine Frau. Er denkt ich brauche nichts andres -- essen, trinken --
und sein Weib sein.

Ach was sich so ein Mann denkt -- so ein fremder Mann. Und dann glaubt
er, da er unsinnig geduldig zu mir ist, wenn er mich einmal anhrt.
Aber seinem Gesicht seh ich's an. -- Er ist immer schon mit allem
fertig. Einfach meint er, das gehrt so mit dazu, da ich klage.

Siehst du, da ich nun wieder Mutter werde: das ist so eine Schmach --
so ein Elend fr Leib und Seele.

Ein Wort, wenn er mir aus seiner Seele gbe -- dann trg' ich alles --
alles -- auch den Tod -- auch alles Leidenmssen.

Die Hnde wrde ich ihm kssen, wenn er mit mir sprechen wrde, wie mit
einem Freund. Alles ertrg' ich -- alles.

Nein, -- und ich hab's mal versucht -- mehrmals. -- Nie mehr Ide -- nie
mehr!

Wenn er nicht selbst kommt -- ich kann nicht wieder kommen --

Ihr Krper war von wilden, leidenschaftlichen Thrnenfluten erschttert
und gepeinigt.

Siehst du Ide -- die Mutter -- der Mutter ists gerade so gegangen! Du
hast mal gesagt, du glaubst sie wre dumm --

Ach Ide -- nein! Dumm nicht -- verprgelt -- abgestorben. -- Geschlagen
hat er sie nicht -- -- aber doch verprgelt -- mit Worten -- mit
Gedanken. So eine ewige Miachtung ist wie ein grauer Regentag. Dabei
stirbt die Seele.

Ich fhl's -- ich werde wie Mama.

Was er nur glaubt das ich bin?

Ob er glaubt, da ich mich wohl fhle?

Ob er berhaupt einmal ber mich nachdenkt? -- -- -- Ich wei nicht!

Sie war ratlos.

Isolde kniete damals in wahrer Todesangst neben ihr und hielt ihre
festgeballte kleine Hand in der ihren.

Und wie Isolde ihre von Weinen ganz entstellte Schwester ins Haus
zurckgefhrt hatte, kam Mengersen eben aus seinem Atelier.

Er trug, wie immer im Haus, einen weien Flanellanzug.

Man sah ihm an, er hatte mit Glck gearbeitet und befand sich geistig
und krperlich auerordentlich wohl, blies behaglich die blauen Wlkchen
seiner Cigarette in die Luft, da bemerkte er die beiden Schwestern.

Was ist geschehn, Marie? fragte er kurz. Hast du dich wieder gehen
lassen? Du sollst ja nicht, bedenke doch deine Lage, und verschone mich
etwas, wenn es dir mglich ist, mit diesen Launen. Ein wenig kannst du
dich ja wohl zusammennehmen.

Er war unangenehm berhrt. Isoldens Besuche bei ihrer Schwester mochten
ihm auch fatal sein. Sie fhlte, da sie ihn irritierte.

Ihm gegenber hatte sich bei ihr ein ganz sonderbarer Ton
herausgebildet, der ihrer Natur fremd war, eine leichte, khle Ironie.

Dem Schdel, ihrem einstigen Symbol, hatte sie nicht ohne Sinn eine
goldne Narrenkappe aufgesetzt und nicht umsonst den Lorbeerkranz.

Henry Mengersens Kunst war und blieb ihr das Anbetungswrdige, das
Groe, das sie liebte. Die Liebe zu diesem Inbegriff von Kunst hatte sie
zur Knstlerin gemacht. Eine Anerkennung von ihm war ihr heute noch von
hchstem Wert und er konnte sie ihr auch nicht versagen. Sie hatte es
erreicht: Er anerkannte ihr Talent und ihren Flei und das Ziel, das sie
wollte.

Wie hatte sie diese Jahre gearbeitet! Als sollte sie sich mit der Arbeit
rein waschen von aller Schmach, die ihrer Seele anhaftete.

Nur das konnte heilen und reinigen. Und htte er ihr zu Fen gelegen
und um Verzeihung gefleht -- nichts -- nichts htte das geholfen.

Aber, da er sie anerkennen mte!

                   *       *       *       *       *

Asketisch hatte sie diese Jahre gelebt, als gbe es fr sie keine
Jugend, keine Schnheit und keinen Reichtum.

Daheim, in dem luxuris ausgestatteten Haus ihrer Eltern, in der
Leopoldstrae, bewohnte sie ein kleines, unscheinbares Zimmer, schlief
auf einem harten Feldbett, Winter und Sommer bei offenem Fenster, badete
tglich kalt, litt nichts Weichliches -- nichts Zrtliches in ihrer
Umgebung; bei Wetter und Wind machte sie weite Gnge.

In ihr war das Gefhl lebendig: die Schmach abwaschen! die Schmach, die
er ihr angethan, rein werden, stark werden, arbeiten, erreichen, Mensch
werden.

Da sie so schn war, freute sie.

Wie sie ihre eigne Schnheit verstand und liebte!

Und sie wurde reiner und reiner. Ihre Seele wute nichts mehr von
Schmach -- von eigner Schmach.

Ein solches Gefhl von Starksein, von Schnsein, von Knnen, von Macht
erfllte sie jetzt oft.

>Ja, das glaub ich,< dachte sie hin und wieder. >Ihr mchtet mich
einfangen, einkasteln. Einer mchte mich selbst besitzen, meine
Schnheit, mein Vermgen und damit schalten und walten nach Gutdnken.

Da i net lach!<

Das alles ging ihr jetzt durch den Sinn, als sie in ihrem hohen, weiten
Atelier auf- und niederwandelte.

Was war aus ihr geworden in diesen Jahren -- etwas so Freies.

So, wie in eine andre Luft, war sie gekommen.

Zum ersticken, wenn sie an ihre Schwester dachte, an ihre Mutter.

Die Nacht, in der sie still wie eine Tote in ihrem Bett gelegen hatte,
war unvergessen, war eingebrannt in ihr Bewutsein.

In ihrem innersten Sein bedeutete es nichts, da es ihr selbst wohl
erging.

Sie gehrte doch zu denen, die tief unter dem Begriff Mensch stehen, zu
den Krpern ohne Geisteskraft, die beschimpft, miachtet, ohne
Menschenwrde leben, zu der dumpfen, gedankenlosen Hlfte der
Menschheit, die nicht das Recht hat, voll Mensch zu sein.

Sie stand jetzt vor dem Tisch, auf welchem die zwei Briefe lagen, einer,
der heute gekommen war und ein anderer, der seit drei Wochen hier schon
gelegen hatte.

Sie nahm den lteren Brief in die Hand und las ihn wieder.

Von ihrer Schwester Marie aus Berlin ist er, die schreibt ihr nach der
Geburt eines Kindes.

Ein wirrer, mit Bleistift gekritzelter Brief:

Ide, Todesqual, vierundzwanzig Stunden lang -- wie jedes Mal, von
Anfang bis zu Ende entsetzlich.

Nur mein Wille, meine armen Kinder nicht zu verlassen, erhielt mich am
Leben. Nicht chloroformiert, weil Kind sonst absterben -- -- schon
angegriffen.

Sonst alles in Ordnung. Henry an Vater geschrieben. Denk an mich.

Einsam! Einsam!

Weit noch?

                                                                 Ade.

O ja, sie wute!

Sie wute auch, was Henry, Schwager Weirckchen, wie sie ihn nannte,
geschrieben hatte:

Alles vortrefflich! Das kleine Ungeheuer ist, was man so einen
prchtigen Jungen nennt! Schwere Entbindung, wie wir das nun einmal in
der Gewohnheit haben. Marie befindet sich nach ihren Strapazen jetzt
mehr als gut. Der Arzt ist auerordentlich zufrieden. Nicht die
geringste Ursache zu Besorgnis.

Und der heutige Brief. Isolde hatte ihn schon mehrmals gelesen. Sie
berflog jetzt noch einmal diese und jene Stelle:

Mein Mann reist jetzt, weil er sthetisch geqult ist. Der Herr Wchner
leidet schmerzlich darunter, da ich meine Mutterpflichten an dem
Jngsten erflle, -- noch schmerzlicher aber darunter, da ihm jetzt so
viel unpoetische Dinge unverhllt entgegentreten.

Dieser Realitts- und Wahrheitsfanatiker kann nmlich absolut nicht die
Wirklichkeit vertragen.

Und da ich noch vollkommen erschpft bin, sehr wenig auer Bett sein
darf, so kann ich mich nicht mehr als gndig verhllende Wolken zwischen
ihn und die Wirklichkeit schieben.

Krperschwche und Ammendienst halten mich von allem zurck. Die einzige
Person, die um mich besorgt war, mute leider sehr bald zurck. Sie war
anderweitig engagiert. Die bi fr mich etwas Ruhe heraus.

Schade, da du wegen der armen Mama nicht zu mir kommen durftest.
Welcher Trost wre mir das gewesen!

Seitdem die Wartfrau fort ist, werde ich wieder als Ntzlichkeitstier
von allen behandelt. Wenn ich mich auch kaum bewegen kann vor Schwche,
mu ich doch mindestens ein Kind warten und hufig noch eins dazu
beaufsichtigen.

Dann kommt der Gatte und schimpft, da immer Kinder bei mir sind und
klagt den Himmel an, da er Familienvater ist, dann versuche ich einige
seiner Schmerzen zu lindern, bis die meinen zu stark werden. So vergehn
im Wechsel meiner Pein die Tage. Ich halte mich an meinen alten Trost:
die Zeit steht nicht still. Also mu ein Wechsel kommen.

Henry hat recht, -- so komisch es klingt -- eine Frau, die ein Kind
erwartet, sollte nicht im Hause bleiben. Er ist so sehr empfindlich
darin. Es beleidigt seinen Schnheitssinn, mich in diesem Zustand zu
sehn. Es ist ihm unertrglich. Ich wei das. Zuerst erschien es mir ein
grausamer Wahnsinn, wie er es sagte; -- mir war, als thte sich ein
Abgrund vor mir auf.

Er sprach es so ganz naiv aus, als Knstler, weit du.

Aber wie alles nun einmal ist, hat er von seinem Standpunkt ganz recht.

Wundert mich, da es nicht ein solches Gesetz giebt. Fr die Frau wre
es im Grunde auch besser.

Meine Ide, schreib mir doch recht bald einen lieben, langen Brief.

Mich verlangt strmisch danach, denn ganz inwendig sitzt bei mir etwas
Heies -- Feuchtes. Das sollst du fortwischen, du hast den Zauber der
Liebe, du kannst es.

Vergi mich ja nicht, Ide! Von dir kommt mein Leben. Was meine Seele auf
Erden hat, hat sie von dir! Einzig von dir. Mit dir wachs' ich und denk'
ich. Du hltst mich. La mich nicht ganz fallen.




10.


Als Isolde spt abends in dieser Maienzeit mit dem letzten Zug aus
Ludwigshhe nach Haus zurckgekehrt war, befand sie sich in einer
wunderlichen Stimmung.

Sie hatte heut ein Stck aus dem Werke ihres guten Freundes gehrt.

Das war nicht die Arbeit eines modernen Menschen. So mochte Angelus
Silesius gearbeitet haben.

Das war die Offenbarung eines Menschen, der wie die Natur schafft, ohne
Eitelkeit, ohne Ehrgeiz, ohne Hast. Das, was er erkannt hat, legt er
nieder in einer Form, die mit dem Inhalt in eins wchst, ein ganzes
Leben der Erkenntnis.

Wie schn war es da oben gewesen, auf der Insel der Seligen!

Wie glcklich hatten sie zusammengesessen! Lu in ihrer rhrend
berirdischen Liebe die Hand ihres Mannes haltend, als er las. Dann war
sie leise zu Isolde gegangen und hatte deren Kopf an ihre Brust
gedrckt.

Wie konnte diese Frau schn sein, wenn es ihr in ihrer groen Liebe wohl
auf Erden wurde.

Jede Bewegung von einer sen, tiefen Zrtlichkeit; in jeder Silbe Wonne
und lebendiger Frieden.

Isolde hatte daran gedacht, da Mrs. Wendland einmal sagte: Wenn ich
die Lu mir vorstelle, seh ich, da sie genagelt ist an ein Kreuz, mit
tausend Rosen berdeckt, ein Golgatha, ganz in Rosen.

Isolden erschien es immer, als wrde der Haushalt da oben in Ludwigshhe
von einem groen Kinde gefhrt.

Nachdem sie so weltentrckt bei einander gesessen und eine Stunde erlebt
hatten, wie sie schner und reiner auf Erden nicht zu denken ist --
Isoldes Buddha hatte auf sie niedergeblickt und wie ein Licht im Zimmer
geleuchtet -- da war Frau Lu mit einer Schssel voll Schlagsahne
aufgetaucht und einer Kanne hollndischen Kakao. Schlagsahne und Kakao
gab es da oben immer in der grten Seligkeit und auch wenn sie Kummer
hatten. Es war eine ganz naive Art zu leben, die von Frau Lu ausging.
Ihren Mann behandelte sie auch so naiv mtterlich; jedenfalls fr sie
die bequemste Form, ihre strahlende Wrme auf ihn zu richten.

Er wendete sich auch in allem an sie wie an eine Mutter.

Von ihrer Arbeit stand sie auf, kam ganz unvermittelt herein zu ihm und
fragte: Bist du auch wirklich gut zu mir? Hast du mich lieb? Wird alles
gut?

Es ist alles gut, sagte er dann.

Verzeih, sie durfte nicht fragen. Ist dir auch ein bisserl wohl? Und
das wollte ich noch fragen: Nach dem Bad fhlst du dich doch etwa wie
nach einem Spaziergang? -- so wie neu? Was?

Weit du, du mut mir das immer sagen, dann bin ich nachher viel
froher.

Sie lebte immer in der groen Sehnsucht nach Sonne, nach Sorglosigkeit.

Isolde kam so warmen, weichen Herzens von ihren Freunden zurck, so
erfllt von allem Guten.

Dazu heute der milde duftende Maiabend. Schwere bange Wolken am Himmel,
Sternaufflimmern und ein Rauschen der neuen Laubmassen.

Sie fuhr in offener Droschke vom Bahnhof nach Hause.

Mama schlief schon, der Vater war auswrts.

Isolde seufzte auf. Seit Mama die Sorgen losgeworden, war sie immer
leidend und oft weinerlicher, kleinmtiger Stimmung. Isolde hatte es
nicht leicht mit ihr.

Mama war eine so unbewegliche mde Seele geworden, die sich wie ein
Bleigewicht an eine junge Kraft hing. Der Vater lebte, wie er es von je
her gethan hatte, nur andern Stils jetzt.

Er hatte sein Heim in Berlin, wie in Mnchen, und geno den Umschwung
der Vermgensverhltnisse seiner Frau auf das Energischste.

Der Frau selbst waren die Fhigkeiten, zu genieen, abgestorben, so gar
der gute Appetit. Mama war meist leidend und mute knappe Dit halten.

Die Krfte aufgebraucht, die Sinne stumpf, so stand sie dem Schicksal
gegenber, wie der Mann ohne Lffel, wenn es Brei regnet. Das war, wenn
auch unbewut, der Grund eines tief innerlichen Mimutes.

Isolde trat in ihr stilles, ganz von lauem Maienduft erflltes Zimmer.
Vom englischen Garten brachte die feuchte Nachtluft ganze Wolken
frischen Laubatems. Sie legte die Hnde bers Haupt. Wie empfand sie
heute das Frhjahr so stark! Es war etwas Beseligtes in ihr und in
dieser Beseligung eine so wehe, weiche Sehnsucht. Sehnsucht nach Liebe,
nach zrtlichen Hnden, anschmiegen, Eins-werden mit dem andern. Sie
wollte tief, tief lieben; nur nicht etwas Halbes!

Ein arbeitendes Weib ohne Liebe! O, nein! Sie lchelte. Nein, sie wollte
das ganze Leben haben, das volle, das bis an den Rand volle.

Sie sah ihr Gesicht im Spiegel. Wie beruhigend, welcher Trost, da sie
schn war. Jetzt sollte der kommen, der sie lieben wrde -- den sie
lieben wrde. Sie war bereit.

Sie stand fest, da wo sie wollte. Nein, von hier verdrngte sie nichts
mehr.

Jetzt konnte sie lieben! Wie jung sie war! Solch eine Jugend, die schwer
an all dem trug, was sie besa, wie eine beladene Biene, die aus
Blumenkelchen kommt. So viel Macht und Willen -- und ihr Knnen! -- und
die gttlichen selbstndigen Stunden! Diese Seelenrusche, die einsamen,
in denen ihre Seele untertauchte und badete, und denen sie glckselig
und stark entstieg.

Ein Jubel in ihr!

Sie hielt immer noch die Hnde ber dem Haupt gefaltet.

Ja, jetzt durfte er kommen, der, den sie lieben wrde, -- jetzt!

Ihr Leben sollte reich und schn werden.

Da kam ihr die Erinnerung, wie sie als Kind vor Henry Mengersens
Radierungen gestanden, zum ersten Mal vom groen Geheimnis der Liebe
rein berhrt, nach jenem frhlingshaften Koboldstreiben unter den
Schulmdchen; und wie sie nach Haus gelaufen war, das arme junge Herz
zerspringend voll von dem Gefhl: das Herrlichste auf Erden ist Weib
sein! -- sich opfern!

Ja, ja, sagte sie leise, nur anders. Noch grer mu das Opfer sein.
Menschlicher, schner, bewuter.

Da lag ein Brief, den sie bersehen hatte.

Sie nahm ihn, schaute auf die Adresse. Eine fremde Hand. Eine Bangigkeit
stieg ihr wie von diesem Briefe auf -- etwas sie berschauerndes,
Sonderbares.

So erregt war sie in diesen dunkeln Frhlingsstunden!

Eine Frauenschrift -- eine gelenke Schrift ohne Charakter, mit
blabrauner, gewsserter Tinte geschrieben.

Ein Bettelbrief, sagte sie sich und ffnete ihn:

Liebes, hochgeehrtes Frulein! las sie.

Verzeihen Sie einer Ihnen ganz Unbekannten, da sie sich an Sie wendet.
Eine feine junge Dame, wie Sie, lebt so anders wie unsereins und wird
sich sehr verwundern. Miachten Sie mich nicht, ich bitt' Sie recht
herzlich darum. Ich steh ganz allein und, liebes Frulein, ich bitt Sie
noch einmal recht herzlich, sein Sie so gut und denken Sie nicht
schlecht von mir. Ich bin ein armes Mdchen. Es ist mir immer schlecht
und knapp im Leben gegangen. Ich bin Ladnerin und auch Buchhalterin
bisher gewesen und kenne Sie auch, gndiges Frulein. Sie haben manchmal
unser Geschft besucht.

Ich bin in Hoffnung, damit ich's nur gesagt hab. Ich hab keinen Pfennig
Geld in der Hand und meine Entbindung kann ich jede Stunde erwarten.
Glauben Sie mir, nur in der grten Not und Angst wend ich mich an Sie.
Die Hebamme, wo ich seit ein paar Tagen wohne, will mich nicht behalten,
weil ich ganz mittellos bin. Sie will mich in die Anstalt in der
Sonnenstrae schaffen.

Du lieber, guter, barmherziger Gott! Haben Sie Mitleid mit mir!

Ich wei nicht aus und ein vor Angst. Ich bin guter Leute Kind. Die
Eltern sind gestorben. Retten Sie mich, gutes, liebes Frulein, da mir
das nicht geschieht. Ich strb vor Scham. Thun Sie was fr mich! Der
Vater von meinem Kind will nichts mehr von mir wissen. Er hat jetzt eine
Andre.

Ach da er's zult, da ich dort niederkommen soll! so nackt und blo
vor aller Augen. Die Hebamme sagt, der Kopf wird einem verdeckt! -- Es
ist doch auch sein Kind, er hat mich doch einmal gemocht.

Liebes, gutes, barmherziges Frulein, thun Sie was fr mich! Ich bitt
Sie so sehr ich kann, mit aufgehobenen Hnden. Gott lohns Ihnen, liebes
Frulein.

Hier folgte die Adresse der Hebamme und als Nachschrift stand: Fragen
Sie nur nach dem blonden Mdchen aus Aussee.

Ja, von diesem Brief stieg es bang und schwer auf. Als wenn zwei arme,
zitternde Hnde sie faten und zur Thre drngten, so empfand sie's:

Geh -- geh -- ach geh doch!

Sie fhlte sich wie nicht allein in ihrem Zimmer. Das, was aus dem
Briefe aufgestiegen, erfllte es ganz und gar, war leibhaftig da, so
weh, so hilflos, hilfesuchend.

Und sie ging.

Da stand sie im Vorhaus, warf im gehen ihren leichten Abendmantel um.
Ihr Kppchen stlpte sie auf.

Unter den hohen, flsternden Pappeln der Leopoldstrae schaute sie noch
einmal zum Hause zurck und bemerkte in dem Zimmer ihres Bruders Licht.
Der war merkwrdiger Weise schon um diese Zeit zurckgekehrt. Die
Fensterflgel standen offen.

Er hatte die Hausthr wohl gehen hren, war ans Fenster getreten und
mute sie bemerkt haben, denn er bog sich hinaus und schaute ihr nach,
rief ihren Namen mit einer ganz sonderbaren Betonung, die sie lcheln
machte. Jetzt beschleunigte sie ihre Schritte, denn sie frchtete, er
knnte auf den Gedanken kommen, ihr zu folgen.

Am Odeonsplatz nahm sie eine Droschke und fuhr durch die stillen,
nchtlichen Straen; im langsamen Trab ging es vorwrts. Ihr Herz
klopfte der fremden Not entgegen.

Vor einem Hause in der Buttermelcherstrae lie sie halten. Die rote
Laterne einer Hebamme leuchtete dort.

Auf Isoldens Luten ffnete sich die Hausthr und eine starke Person in
einem verschabten Prinzemorgenkleid, das sie mit einer ordinren
Petroleumlampe beleuchtete, trat halbwegs auf die Strae hinaus.

Isolde fragte nach dem Mdchen.

Die Augen der Frau bohrten sich in Isoldens Erscheinung ein, als wollten
sie mit einem Blick durchschauen, wie das vornehme, junge Mdchen mit
der armen Ladnerin zusammenhing. Was wollte die denn jetzt?

Wohnt nicht mehr hier? fragte Isolde enttuscht.

Ich habe sie heut in die Sonnenstrae gebracht, gndiges Frulein. Da
ist sie wohl aufgehoben, besser dran als bei mir. Sehn Sie, unsereins
mu oft mehr herhalten als recht ist. Die jungen Mdchen, -- wie das so
ist, -- sparen thuns net, mit ei'mal stehns vor der Bescherung. Da soll
die Hebamme herhalten. Wenns irgend angeht, hat er sich bei Zeiten
gedrckt. Wissens Frulein -- verzeihens; wir sind doch auch net da, um
alles auszubaden. Fr solche ist eben die Anstalt in der Sonnenstrae.
Mcht wissen fr wen sonsten, wenn net fr die!

Die Frau war noch in dem Eifer, den sie angewandt haben mochte, um das
unglckliche Mdchen loszuwerden und anzubringen.

Ich zahl fr sie, sagte Isolde. Holen Sie sie wieder zu sich.
Benutzen Sie gleich meine Droschke. Fahren Sie sofort.

Isolde war es, als wenn wieder zwei arme, arme Hnde sich an sie legten
und sie rhrend drngten.

Ein paar Stunden, wanns frher gekommen wren. Jetzt glaub i net. -- I
mein mal net.

Ich zahl fr sie, wiederholte Isolde noch einmal. Mein Name ist
Isolde Frey.

Da stutzte die Frau eigentmlich.

Erlaubens, Frey? wenn ich recht gehrt habe?

Ja, Frey, Leopoldstrae.

Die Frau schaute Isolden ganz perplex an, schlo die Hausthr, die noch
ein wenig offen stand, stellte die Lampe auf den Fuboden neben sich hin
und sagte: Also vom Herrn Bruder geschickt?

Von meinem Bruder? fragte Isolde verstndnislos.

Herr Studiosus Karl Frey? fragte die Frau noch einmal.

Das ist mein Bruder.

No also! Und der ist auch der Vater von dem Mdchen seinem Kind. So
weit als ich die Kleine kenne, ist sie ganz a sauberes Madel, das was
auf sich hlt. Also da hat er doch noch ein Einsehn gehabt. Ja, die ganz
jungen Herren die sind a Kreuz fr'n Mdel.

Isolde war in der grten Verwirrung. Ich fahr zu ihr, ich bring sie!
sagte sie heftig. Kommen Sie nach. Sie drckte der Hebamme zehn Mark
in die Hand. Alles wird gezahlt.

                   *       *       *       *       *

Als Isolde mit zitternder Hand nach der Klingel an dem eisernen
Gitterthore des roten Hauses in der Sonnenstrae suchte, schlug ihr das
Herz zum zerspringen. Sie war wie im Fieber.

Unmglich! sagte sie immer von neuem leise vor sich hin. -- Unmglich
-- unmglich!

Ein Grausen vor ihrem Bruder stieg in ihr auf.

Dies blonde, joviale Gesicht -- das breite Lcheln, die Wohlbehbigkeit,
die berhebung in jedem Wort, die herablassende Hflichkeit gegen die
Mutter und sie selbst!

Und nichts hatte man diesem Gesicht angesehen, diesem breiten, frechen
Gesicht. So behaglich wie immer hatte er dieser Tage ausgesehn,
dieselben dummen, faden Witze, dasselbe rekeln und dehnen daheim.

Und seine plumpen Fuste hatten sich von solch' einem armen, unseligen
Herzen losgemacht und seine plumpen Fe waren ber ein Menschenwesen
hingegangen, das sich ihm in Liebe gegeben hatte!

Als die Thre geffnet wurde, konnte Isolde nicht sogleich zu Worte
kommen. Dann erfuhr sie das zu spt.

Die mssens schon jetzt hierlassen.

Isolde stand ratlos.

Die Thre wurde geschlossen.

Isolde zahlte dem Kutscher. Sie wollte nach Hause gehen. Ja, sie mute
gehen, ihre eigenen Fe gebrauchen, um weiter zu kommen.

Das Kind ihres Bruders wurde da drin in dem Haus geboren von einem
armen, ganz verlassenen, preisgegebenen Geschpf. Weil sie arm war,
mute sie alles ber sich ergehen lassen, was an Entsetzen auszudenken
ist; weil man ihr Barmherzigkeit erwies, mute sie mit dem Einzigen, was
sie hatte, mit der Scham ihrer armen Seele berzahlen.

Ihre Schmerzen, ihre Todesnot wurden khl beobachtet, notiert,
vielleicht belchelt. Welche Einsamkeit!

Das hatte ihr Bruder der angethan, die er geliebt! die ihm jetzt sein
Kind gebar.

In Isoldens Seele wurde etwas starr. In ihren Schlfen hmmerte es vor
Emprung. Sie ging, als berhrte sie den Boden nicht.

Jeder Blick, den sie heute ins Leben that, in das, was die Menschen
Leben nennen: Ekel!

Eine Welt fr Bestien, fr Raubtiere, die einander wrgen und die dann
fragen: Wie ist das Bse nur auf unsre gute Welt gekommen!

Da dachte sie an ihren Freund, der seine Lebenskraft gab, um diesen
wunderlichen stumpfen Hirnen die Sinne zu ffnen, dadurch da er das
Wunder und Geheimnis enthllte, wie das Gute auf diese Welt des Fressens
und Gefressenwerdens gekommen ist. Ein Wunder ohne gleichen!

                   *       *       *       *       *

Am andern Morgen, nach einer schlaflosen Nacht, wurde Isolde zur Mutter
gerufen, die sich nicht wohl befand.

Es gab da zu trsten und zu ermutigen.

Die Mutter litt oft an einer pltzlichen nervsen Herzschwche und war
dann in tausend ngsten um ihr Leben.

Fhl nur, Isolde, wie der Puls wieder geht, fhl!

Garnicht so bel, was willst du denn, wie soll er denn gehn?

Meinst du? fragte Mama aufatmend, mir war, als wenn er ganz aussetzen
tht. Geh bitt', reib mich mal ein bissel in der Herzgegend. Nimm aber
l an die Finger. -- Und dann die Hnde -- auch reiben -- da zuckts und
druckts bis in die Fingerspitzen. Ah -- ah. Mama sthnte.

Isolde rieb und trstete.

Die Angst! die Angst! -- ach Isolde! So was kannst du dir nicht
vorstellen, wie das ist! Geh, gieb mir mein Brompulverl.

's ist ja keins mehr da, du weit ja.

Dann la es in der Apotheke schnell machen; aber schnell ein bissel.

Isolde ging, um es einem der Mdchen zu bergeben. Auf dem Vorsaal hrte
sie im Speisezimmer ihren Bruder schelten.

Das Zimmermdchen, das den Theetisch zu besorgen hatte, kam aus der
Thr.

Der Lachsschinken fr den jungen Herrn ist net vom Dallmeier geholt,
sagte sie.

Da that sich die Thr auf und Karl erschien auf der Schwelle. Er hatte
Isolde gehrt. Mchte wissen, rief er, wie oft ichs noch wiederholen
mu, da ich keinen andern Schinken mag. Ich dchte Isolde, du thtest
dir auch kein Bein ausreien, wenn du den Dienstboten ein bissel besser
auf die Finger passen tht'st!

Isolde starrte den kauenden Bruder wie eine unbegreifliche Erscheinung
an. Er wollte eben die Thre wieder schlieen. brigens wo warst du
gestern Abend? fragte er barsch.

Isolde wendete ihm den Rcken. Karl schlo die Thre heftig. Als Isolde
endlich von allem, was diesen Morgen sie bedrngt und aufgehalten hatte,
frei gekommen und bereit war, dahin zu gehen wohin es sie wie mit Hnden
zog, hrte sie ihren Bruder behaglich mit dem Vater lachen und plaudern.

Die Stunde nach dem Morgenthee verbrachten Vater und Sohn gewhnlich im
Frhstckszimmer, Zeitung lesend und rauchend. Isolden grauste es vor
der vollen mnnlichen, sorglosen Stimme ihres Bruders, in der so viel
Wohlbefinden lag.

Die behagliche Stimme verfolgte sie noch auf der Strae und trieb sie
wie mit einer Peitsche an.

                   *       *       *       *       *

Und jetzt stand sie wieder vor dem stattlichen roten Haus und drckte
wieder bang in schwerer Erregung auf die Klingel.

Sie that ihre Frage und bekam etwas zur Antwort, etwas, das ihr das Blut
wie einen Strahl zum Herzen trieb, und die Augen verdunkelte.

Sie hatten das Mdchen auf die Anatomie gebracht.

Wie? fragte Isolde verwirrt. Ich will hin, sagte sie.

Heut knnens auch hin, meinte die Person, die geffnet hatte. Aber
ich mchts Ihna net raten.

                   *       *       *       *       *

In einem den, breiten Gang, wie sie offiziellen Gebuden eigen sind,
stand sie, bis eine Art Hausmeister sie in den Saal fhrte.

Ein kahler Raum, die untere Hlfte der Fensterscheiben mit weier
lfarbe verstrichen.

Die Wnde grauwei, lange graue Tische, grauer Steinboden -- dort um den
Tisch, da standen sie dicht gedrngt.

Da lag ihres Bruders Weib nackt vor kalten Blicken. Neben der Mutter,
ihres Bruders Kind, wie eine welke Bltenknospe, formlos, schlaff.
Isolde drckte sich an die graue Wand und starrte auf die Gruppe junger
Mnner in weien Rcken und auf den langgestreckten, nackten,
zermarterten Leib.

Ein weies, starres Gesicht mit geschlossenen Augen, die Stirn von
blonden Lckchen umrahmt, lag wie im tiefen, reinen Schlaf, einen wehen,
eisernen Schmerzenszug um die blauen Lippen.

Isolde starrte auf diesen Zug. Der Brief des armen Dings knisterte noch
in ihrer Tasche. Sie fate danach. Sie hielt ihn fest in der Hand, wie
ein wichtiges Dokument.

Da fuhr ein furchtbarer Schnitt ber Brust und Leib des toten Weibes.
Das stille reine Gesicht mit den schweren, starren Augenlidern lag
teilnahmlos, voll rhrender Hoheit ber all dem Entsetzen, dem blutigen
Grlichen, was da geschah.

Da traf Isoldens Ohr ein Lachen, ein so widerlicher Witz. Der krallte
sich in ihre Seele ein und haftet da, ein Witz, so voller
Weib-Verachtung.

Das jammervoll zerrissene, zermarterte Geschpf hatte dazu
herausgefordert. Der zu Tode gepeinigte Krper predigte vom Leiden des
Weibes, von seinem Opfer.

Die Weibeschrzten fhlten sich im Besitz strotzender Krfte, strammer
Jugend. Da lag der ganze Jammer des Weibes vor ihnen, war ihnen
preisgegeben; und das stille Gesicht in seiner Hoheit, das die Welt und
den Schmerz berwunden, was wollte das? Was sagte das?

>Du Schmerzenshoheit, du Todeshoheit!< dachte Isolde, >wie stehst du
doch ber allem, bist grer als alles!<

Sie htte sterben mgen vor Ekel und Entsetzen, wre dies stille Gesicht
nicht gewesen.

Der zerrissene, unverhllte Krper, der hier vor frechen kalten Blicken
lag, war das Weib, dem alles ohne Scheu geboten werden konnte, das Weib,
das nie zur Menschenwrde noch gelangt war.

Etwas wie fanatischer Jubel regte sich in Isolde, weil sie zu den
Niederen, den Erniedrigten gehrte.

Die Witze galten ihr! Sie teilte sich darein mit dem zerfetzten Leib
dort!

Aber das stille, unberhrte Antlitz mit dem furchtbar starren Zug
leuchtete wie ein Licht unter den gemeinen, rohen, lebendigen
Gesichtern.

Ihres Bruders kauendes Gesicht wurde berstrahlt wie von einer Sonne.

Da war etwas in dem Totenantlitz, etwas Sieghaftes. Und dies Sieghafte
fhlte sie in sich selbst.

Sie prete die Hnde an ihre Brust.

Wie ein Schatten, wie in sich selbst verkrochen, stand sie ganz
entrckt.

Es war ihr, als hrte sie ihren eignen Namen da an dem Tische mit
Entrstung aussprechen. >Es wird mich einer oder der andre wohl kennen<,
dachte sie khl.

Ja, da ist etwas gro geworden im Weibe, -- unberwindlich, gro durch
Schmach. Mitten in dem dummen, albernen, unentwickelten ist eine Kraft
gewachsen, die Kraft, die durch Leiden, Verachtung, Verstoung wchst.

Hellsehend berschaut Isolde das rechtlose, zum Halbtier herabgedrckte,
geistberaubte, schmerzbeladne Weibtum dieser Welt.

Das lallende, unbewute, demtige, dumme, niedere, das alles hinnimmt
ohne Gegenwehr wie der blutige Leichnam dort.

Aber das heilige Weibantlitz, das unerschtterliche in diesem Antlitz,
das war das Begeisternde -- das Lebendige, die groe Hoffnung.

Als vier Fuste den Leichnam achtlos, ohne jede Barmherzigkeit, die der
junge, schmerzzermarterte, verlassene Leib als heiliges Recht htte
verlangen drfen, in eine Kiste warfen, wie etwas vllig Abgethanes und
das Kind auf den Krper der Mutter fallen lieen, und der flache
Kistendeckel, der zum Sarg der Aller-Allerrmsten gehrt und den sie den
Nasentetscher nennen, darber gelegt wurde, da war die Tragdie zu
Ende.

In Isolden stieg einen Augenblick der Gedanke auf, da sie einen
menschenwrdigen Sarg fr den armen toten Leib besorgen wollte. -- --
Aber nein, daran nicht rhren! Sie ging, die ganze Seele voller
Weltliebe, bereit sich zu opfern, -- bereit, mit ihrem Leben einzustehen
gegen die ganze Welt.

Und drauen war voller Frhling, Werdelust und Werdekraft in der warmen,
sonnendurchstrmten Luft.

Sie atmete tief, tief auf und ging an den gedankenlosen, hetzenden
Menschen wie an Larven vorber. Bis in die kleinste Faser war sie jetzt
lebendig und wach, sich ihrer selbst bewut, ihr Wille so mchtig. Alle
Alltagsgesichter, die ihr begegneten, waren ihr wie durchsichtig, das
dumpfe Befangensein in diesen Kpfen fhlte sie. Wie Tote erschienen sie
ihr alle, im Gegensatz zu sich selbst.

Sie aber lebte!

                   *       *       *       *       *

Sie blieb ber Mittag in ihrem Atelier. Unmglich htte sie heut ihrem
Bruder gegenbersitzen knnen.

In dem groen, weiten Atelier wanderte sie auf und nieder, durchma
breite Strecken in diesem stundenlangen, unaufhrlichen
Sich-hin-und-her-bewegen.

ber ihr webten und wirkten wieder die Schwalben mit ihren seidenen
Tnen Fden ber den blauen Himmelsraum.

Wie sie ihr zu Herzen drangen, diese Sommerlaute!

Und immer dieses starke, weite, alles berwindende Lebendig-sein! Dieser
groe Wille, dies Sich-opfern-wollen!

                   *       *       *       *       *

Erst am Abend wagte sie sich zaghaft nach Haus.

Im Wohnzimmer traf sie auf ihren Vater. Noch immer war er eine
stattliche Persnlichkeit, mit einer Weltzufriedenheit im Auge jetzt,
ein zufriedener Prophet.

Er trat auf sie zu, legte ihr die Hand weich auf die Schulter.

Desse! Extravaganzen! Du bist -- da -- heut gesehen worden, bestes
Kind!

Isolde blickte ihren Vater mit groen Augen an.

Karln ist es mitgeteilt worden. Desse! -- Kind!

Eine Wrde sondergleichen ging von der mchtigen Persnlichkeit aus.

Isolde erwiderte mit keinem Wort.

Der Vater schwieg auch.

Seine volle, lebendige Hand lag noch immer auf Isoldens Schulter.

Sag mal, Kind, begann er wieder, was ging das dich eigentlich an? Wie
kommst du darauf? Weit du, Desse, das ist im vollen Sinn eine
Taktlosigkeit! Mir vollkommen unverstndlich, wie du darauf gekommen
bist. Spionierst du vielleicht? Kontrolierst du vielleicht auch ......
Doktor Frey sprach nicht aus.

Weit du, mein Kind, Karl ist ein junger Mann -- kein Pensionsmdel,
braucht keine Governe.

Hat der arme Junge Unglck gehabt -- la deine Finger davon. La ihn!
Karl ist wild ber dein Betragen. Meinst du denn, da es ihm angenehm
war von deiner Anwesenheit -- dort -- zu hren? Junge Leute
untereinander! Teufel auch! Davon verstehst du nichts. -- Was fr ein
Gesicht soll er denn machen, wenn das von dir erzhlt wird?

Ja, -- weit du, Isolde, das ist denn doch zu toll! das war Karl, der
das sagte. Er stand in der Thr, voll, breit, schwerfllig, emprt. Die
Weste stand ihm offen. Sein Gesicht war stark gertet. Fahr du nur so
fort mit deinen berspanntheiten, du verrcktes Huhn, das wird noch gut
werden, du kannst so bleiben! Heirat endlich, damit man Ruh hat! Er
trat in das Zimmer zurck, aus dem er gekommen war und warf die Thr mit
voller Gewalt ins Schlo.

Ein ander Mal la ihn ungeschoren, sagte Doktor Frey. Kein Mensch
htte von der Affaire gehrt. Nicht eine Stunde wr der Frieden gestrt,
-- und nun! Du weit, da ich rger im Haus nicht ertragen kann.

Mama machte die Thr vorsichtig auf. Ach Gott -- was ist denn?

Isolde steht bleich, in sich zusammengefat, wie eine Weltdame, die in
einer leichten Unterhaltung gestrt wird.

Garnichts, liebe Mama. Nicht der Rede wert -- etwas ganz Alltgliches.




11.


Sie hatte so in sich selbst verschlossen gelebt -- in ihrer Arbeit.

Sie hatte gewissermaen nicht fr ihre eigene Person erstrebt, was sie
nun anfing, zu besitzen.

Das Weib in ihr war es, was sich mhte, was rang, was ein Ziel
verfolgte, was tief erregt bei jedem Milingen verzweifelte, was
aufjauchzte bei jedem Gelingen.

Sie wollte den Begriff Weib in sich selbst umwerten, umgestalten.
Erlser-Seligkeit und Schmerzen standen ihrer Seele nach.

Weltfremd, jahrelang nur von einem fanatischen Arbeitsgeist besessen,
war ihr vieles jetzt so neu.

Wie mit wunden Nerven hatte sie seit jener Nacht vor fnf Jahren das
Weib-sein empfunden. Das Geschpf zweiter Klasse sein, das
Ausgeschlossen-sein von allem geistig Lebendigen, das Stehengebliebene,
Unentwickelte -- nur Krperliche.

Es war so etwas Trauriges -- um das Weib ...

Sie arbeitete fanatisch, sprach aber zu keinem von ihrer Arbeit -- kein
Wort ber Kunst! Taktlos -- albern von einem Weib. Wozu? Einfach
lcherlich!

Wo sie hinblickte, traf sie auf eine schmhliche Krnkung.

Jedes Buch, das sie aufschlug, besttigte was sie empfand.

Begeisterte sie sich an einem groen Geist der Vergangenheit, mute sie
vergessen und darber hinwegsehen, da dieser Geist nicht ber die Erde
gegangen war, ohne da er dem Weib ein neues Schandmal aufgedrckt
hatte. -- Wie ein Fluch traf sie es, als sie auch durchschaut hatte, da
Buddha, der Wundervolle, der Tiefste der Tiefen, der Welterlser,
Leidensberwinder, das Weib ausgeschlossen hatte -- ausgeschlossen aus
ihrem ureigensten Reich der Leidensberwindung und Erkenntnis des
Leidens.

Wohin sie sah, Schmach!

Sie litt unter der scharfen Einsicht in ihrer Lage -- der Lage des
Weibes.

Wie ein leidenschaftlicher -- verzweifelter Fanatismus ergriff sie es
oft.

Ihre Seele war so eine freie und frohe. Stolz, ausgelassen,
freiheitstrunken wre sie gern gewesen -- wenn sie nicht immer alles
gesehen und durchschaut htte.

Wie Peitschenhiebe fuhr es oft ber sie hin.

Sie konnte nicht so dumpf leben wie die andern -- so breit, behaglich,
angebetet und verachtet. Das stille, starre Totengesicht mit dem Zug der
Weltberwindung, der Schmerzberwindung verlie sie jetzt seit Wochen
nicht. -- Sie wollte und mute dies Antlitz in sich schaffen. --

Sie wollte etwas bilden. -- Das Antlitz des Weibes.

In dieser Zeit hrte sie zum ersten Mal mit Bewutsein von der
unglaublich wunderlichsten Sklavenbewegung.

Das Weib begann zu revoltieren, das Weib, das, so lang es Menschen auf
Erden giebt, sich geduckt hatte. Das unberschaubare Zeiten sich hatte
treten und mihandeln lassen, das wie ein hungriges Raubtier seit
Jahrtausenden was es wollte, erlistet und erschlichen hatte.

In einer kleinen Provinzstadt, in einer Kochschule war ein sonniger Saal
mit Tannenguirlanden und frischen Laubgewinden, Blumenstruen und
Fhnchen dekoriert. Da kamen die Frauen zusammen.

Isolde trat etwas spt, von der Reise ermdet, in den Saal ein, als
schon alle versammelt waren.

Eine heie, sonnige Luft.

Das welkende Laub strmte betubend duftend seine Sfte aus. So etwas
Mattes, wie Herbstgeruch in der schwlen Luft.

Kleiderstoffe, ein ganzes Feld von Hten aller Arten und Formen. --

Hlich, wie jede Menschenansammlung, eine Anhufung von Lappen, die
alles Menschliche versteckt, etwas Formloses, Totes, Trocknes.

Diese vielen Frauen, in ihren vielen Kleidern, bedrckten und
verstimmten Isolde.

Aus all dem Wust die kleinen, welken, dummen, vom Leben angekrnkelten
Mondchen, die menschlichen Gesichter.

Was fr ein Angefaultes, Angefressenes ist so eine Menschenmenge! -- so
etwas Trauriges, Schauriges, kmmerlich Verdecktes.

Vor weiverhangenen, sonnenbeschienenen Vorhngen saen die Frauen vom
Vorstand, krftige Matronen; ein schmaler, langer Tisch vor ihnen. Die
weien, blendenden Vorhnge hinter ihnen lieen sie wie kompakte,
schwarze Schatten erscheinen.

Die Versammlung wurde in wrdiger Form geleitet.

Ein Prsident konnte den Reichstag nicht vortrefflicher erffnen.

Aus der Menge erhob sich hin und wieder aufgefordert eine und sprach,
mit einem befangenen Stimmchen, von ungeheuren Dingen, unter denen die
Menschheit seufzt.

Sie fate diese Dinge bei einem kleinen Zipfel und zeigte ihn wie ein
winziges Prbchen von einem ganz wunderbaren, riesigen Stoff, in den
ungeheure Gestalten, geheimnisvolle, mchtige Muster eingewirkt sind.

                   *       *       *       *       *

Isolde kannte ein altes Kloster in Sdtirol, das hoch auf einem Felsen
liegt, ein Kloster zur ewigen Anbetung.

Sie hatte einen Winter mit ihrer Mutter in Sdtirol zugebracht und am
Allerseelentag war sie zu diesem Kloster in der Dmmerung
hinaufgestiegen.

Weiverhangener Himmel, als wollte schon Schnee kommen; Regen rieselte,
und Nebel stiegen dicht aus dem Thal auf und schieden das Kloster zur
ewigen Anbetung von aller Welt ab, so da es von keinem Auge mehr
gesehen wurde. Geheimnisvoll, wie eine Gralsburg, schimmerte, wenn der
Nebel ein wenig ri, ein Turm, eine Fensterreihe, wie mitten aus Wolken.

Eine unsagbare Einsamkeit war da oben -- eine herzbeklemmende, bange
Einsamkeit.

Und hoch vom Felsen, aus der kleinen, im tiefen Nebel verborgenen
uralten Klosterkirche heraus kamen zwei Stimmchen, wie im unendlichen
Raume schwebend -- so traurig, so weltverlassen. So krperlos mystisch,
so bermenschlich weh sangen die Stimmchen am Allerseelentag vom Tod und
vom Leiden der Welt.

Dieselben Stimmchen, im Raume schwebend, drangen jetzt wieder zu ihr,
rhrend, weltfremd, schmerzbeladen, ihre Seele bedrngend. Dazu
parlamentarische Wrde und Sicherheit, ein ganz wunderliches Gemisch. So
etwas Strammes, als htten die mchtigen dunkeln Schatten der Frauen am
Vorstandstisch, vor dem grellen Hintergrund, Boden unter den Fen und
knnten auf eignem Grund sich regen, so etwas Gesetzmiges, Wichtiges,
als wren die Gesetze schon da, um besser, menschenwrdiger zu leben.

Dazu der Saal mit den Guirlanden und Fhnchen! so unbeholfen sicher. Ein
ganz eigner banger Eindruck.

In Isoldens Seele war das reine Totenangesicht wie eingebrannt. Das
Gesicht, das mit seinem Ausdruck des Grogewordenen durch Leiden, wie
eine Sonne alle lebendigen, befriedigten Gesichter berstrahlte. Es
wurde ihr hier schwerer an dies Gesicht zu glauben, als irgendwo sonst.

Und doch -- in den weltfremden, weltverlassenen Stimmchen zitterten
Laute, so rhrend und lallend sie auch klangen, in denen das ganz Tiefe,
das groe Wollen lag -- das Wollen, das sich Bahn bricht, sei es wie es
sei.

                   *       *       *       *       *

Isolde trumte, whrend die kompakten Schatten Bericht erstatteten, was
in Sache der Frauen in diesem Jahr geschehen und nicht geschehen war.
Gut brgerliche Vereinsbefriedigung lag whrenddem ber ihnen.

Isolde trumte, da sie aufgestanden und an den Tisch vor den gelben
Sonnenhintergrund getreten wre und in die Blendung hinein und zu den
mchtigen, dunkeln Schatten gesprochen htte:

Wrdige Frauen, lat doch eure Barmherzigkeit jung sein!

Jung und stark.

Lat sie nicht alte ausgekrochne, ausgeschlichne Geleise schleichen.

Thut doch etwas ganz Erstaunliches! Etwas, worber die Welt in Lachen
ausbricht, in Zorn und Wut. Weil ihr zu trotten versucht, wie der Mann
trottet, so schwer und bedchtig -- glaubt ihr, ihr habt es schon
erreicht, was ihr wollt -- oder werdet's erreichen? -- O weh, etwas
Altes!

Aber das klagende Stimmchen im Raum ist noch so jung.

Ich beschwre euch, thut etwas Knigliches, etwas Freies! Nichts
Althergebrachtes. Nichts Kluges -- nichts Vernnftiges -- lat die That
der Frau wie eine lang verschttete, eingeengte Quelle mchtig
rcksichtslos hervorsprudeln -- thut etwas, das davon zeugt, da ihr den
groen Willen habt, den weltberwindenden Willen. Breitet eure groen
Flgel aus wie Glucken. Bereitet dem jungen starken Weib ein Nest.

Ein eignes Nest mitten in der harten, frechen Welt. Baut eine
uneinnehmbare Veste aus eurem Willen. Ohne da ein Funke von Verachtung
in eurem Blick aufsteigt, lat in unangetasteter Reinheit das junge Weib
ein Kind ihr eigen nennen drfen. -- Ein Kind und Arbeit! Gebt ihnen
Arbeit, bei der ihnen die Seele weit wird, und ein Kind, das ihnen das
Herz froh macht. Seht ihr -- ich gebe euch den groen Willen -- nehmt
ihn!

Lat sie nicht in der Arbeit, nach einem Kind hungernd, wie ein Raubtier
verlangen.

Macht etwas Ganzes aus ihr!

Breitet eure groen Flgel aus wie Glucken und lat ihnen nichts
geschehn!

Schtzt sie, und sie sind geschtzt, sagt, sie sind ehrbar -- und sie
sind ehrbar.

Schlagt ihn, er hat keinen Freund!

Aber hat er einen Freund, wer will den Menschen dann berhren? Wer kann
ihm ernstlich schaden?

Des Menschen Wille schafft die Welt! Weshalb dem jungen Weib nicht ein
Nest, worin es werden kann, was es werden will und werden mu, wenn es
einmal mit beiden Lungen frei atmen kann, wie ein Geschpf Gottes und
beides hat, ein Kind und Arbeit. Und aus diesem kleinen Nest wird eine
neue starke Menschheit kommen -- allen zum Trotz, die eine Menschheit
von Sklaven und Haustieren wollen.

Achtung wird das Weib unter der Sonne genieen.

Lachen und jubeln wirds!

Die ungeheure Gesetzeslast und die Miachtung hat die Frau mit einem
leichten Futritt bei Seite geschoben wie durch ein Wunder, und wieder
wie durch ein Wunder ist sie nun frei geworden -- und sieht, da sie nie
gefangen war.

Streicht ihr ber die verwirrten Augen mit sanften, klugen, wollenden
Mutterhnden! und breitet die groen Flgel aus wie Glucken.

So hatte Isolde, im Stuhl zurckgelehnt, thricht getrumt, gerade als
die wrdigen Frauen am Vorstandstisch die Frage aufwarfen: Soll die
Frau den Titel des Mannes fhren oder nicht?

Und dann kam wieder eine andre sehr vernnftige, untadelhafte Frage --
sehr korrekt.

Isolden war es zu Mute, als mte drauen ein dunkles, starkes Gewitter
ausbrechen.

Es schien aber helle, grelle Julisonne, kein Wlkchen am Himmel.
Schwle, erdrckende Schwle im Saal. Die Laubguirlanden strmten ihre
Sfte aus.

Es duftete nach sterbendem Laub und heien Krpern, eine einschlfernde
Atmosphre.

Und doch stieg aus dieser drckenden Atmosphre etwas Starkes,
Lebendiges auf. Fr eine feine Seele voller Weltliebe war es auch zu
spren.

Aber was ein Sturm sein sollte, war noch ein kleiner, spitzer Luftzug
wie aus einer Fensterritze.




12.


Es war in diesem selben Jahr, Weihnachts-Heiligerabend. --

Der Zusammenschlag aller Herzen, alter und junger, trauriger und
frhlicher, durchzieht wie ein mchtiger Strom die Stadt, liegt wie ein
leuchtender Nebel ber den Husern, klingt von den Trmen in vollen,
schweren Tnen, hallt in den Schritten der Menschen, die durch die
Straen eilen.

Weihnacht! Weihnacht! Weihnacht!

Der groen Weihnachtsstimmung kann kein Herz entfliehen und wenn es sich
in seinem Weh bis in den dumpfsten, tiefsten Keller vergrbe. Es mte
mit hinein in den Zusammenschlag.

Da fhlt ihr's einmal: das All-Eine. Das Zusammenflieen der Seelen,
das Empfinden, Frchte an einem Baum zu sein.

In allen Heimsttten feiern sie Weihnachten.

Aus den Fenstern der Huser an der Leopoldstrae strahlt es festlich in
die Nacht hinaus, glnzen die lichtvollen Weihnachtsbume wie
Sterneninseln.

Drauen leichter, schon hart getretener Schnee und doch ein milder
Winterabend, zwischen Gefrieren und Tauen. Die hohen, kahlen Pappeln
ragen schattenhaft zart in den blanken Sternenhimmel hinein.

Stadtgerusche klingen heut anders als sonst, so scheint es jedem. Die
Pferdebahn kommt so eilig, weihnachtlich daher. Die Droschken fahren,
als fhren sie irgend eine berraschung zu irgend einem Ziel.

Ja, lebendiger ist alles, als sonst und heimlicher.

Einer scheint dem andern noch bekannt. Man freut sich mit denen, die
sich freuen knnen und freuen. Das fremde Leid greift zum Herzen und
nicht nur an die Nerven, und auch nicht nur zum Herzen, nein, bis in den
Geldbeutel hinein, der tiefer und unzugnglicher beim menschlichen
Geschpf sitzt als Herz und Nieren.

Ja, ein schner Abend, ein sehr merkwrdiger Abend, der Abend der
Weihnachts-Heiligennacht.

Bei Doktor Freys waren sie auch in Feststimmung und Festerwartung.

Die Mutter, Isolde und Bruder Karl sitzen im Salon und warten auf den
Vater, um im Speisezimmer den Weihnachtsbaum anzuznden und dann whrend
des Lichterglanzes ein kleines, festliches Abendessen miteinander zu
verzehren -- und Frau Doktor Frey ihr Haferschleimsppchen.

Um den Weihnachtsbaum stehen von Tchern verdeckte Tische mit
Geschenken.

Es ist alles bereit. --

Das Hasten und Eilen des ganzen Tages ist einer leichten Abgespanntheit
gewichen. -- Der groe schne Baum hell erleuchtet. Tannennadelduft
mischt sich mit dem frhlingszarten Atem von Maiglckchen, Hyazinthen
und Tulpen, die in einer schnen Schale, wie ein ganzes Blumenbeet, auf
dem groen Tisch im Salon unter der Hngelampe stehen und ihr zu frh
erwecktes Leben in die heie Zimmerluft ausstrmen, statt in hellen
Maiensonnenschein hinein.

Isolde geht ab und zu in das Weihnachtszimmer, schlingt noch ein paar
glnzende Fden ber einen Tannenstrau mit Rosen, oder ordnet etwas an
den Geschenken. Die Ausschmckung des Zimmers zu Weihnachten ist immer
ihr Werk gewesen.

Wie fremd sind sich doch die drei wartenden Menschen in dem Salon --
komisch fremd.

Mutter, Sohn und Tochter. Fremd wie sich nur Familienglieder sein
knnen. Wie kennen sie jede uerlichkeit aneinander, jede Angewohnheit!

Sie kennen sich bis zum berdru, das heit: jedes die Larve des andern.

So sitzen sie und hngen ihren Gedanken nach.

Was wei Mama von dem inneren Leben ihrer Tochter und Isolde von Mamas
innerem Leben?

Sie sieht Mama sitzen in ihrem schwarzseidenen Kleid. So fein ist die
Gestalt, das mde Gesicht mit dem leidenden, etwas stumpfen Ausdruck. In
Mamas Gesicht ist etwas Ausgelschtes.

Wer hat das ausgelscht?

Das Leben?

Jedenfalls. Mama wird doch schon alt; noch nicht gar so alt -- -- nein.
Sie ist aber wie mitten im Leben eingeschlafen. Gerade als es anfing gut
zu werden.

Isolde denkt, wie Mama sich frher geplagt hat, eigentlich so stumpf wie
eine Magd, die frs Leben gekauft ist, der der Herr kein freundliches
Wort zu geben braucht. Er ist ihrer sicher.

Sie kann sich nicht eines besonders liebenswrdigen Ausdruckes erinnern,
den der Vater je an Mama gewendet htte.

>Na Alte<, so ganz gedankenlos hingesagt -- das hrt sie in der
Erinnerung, so ein klein wenig Ironie dabei -- so von oben herab.

Mamas Heirat war eine Liebesheirat gewesen, gegen den Willen ihrer
Eltern.

Ah -- Isolde dehnte sich im Stuhl und streckte die Hnde von sich.
>Triste! ... Gott behte einem vor so etwas.<

Mama ist ein Kind geblieben, ein armes unwissendes Kind: -- mde
gearbeitet, ohne Liebe, ohne Sonne.

Isolde hat das Gefhl, sie mchte zu ihr hingehen und sie kssen und
streicheln; dann fngt aber Mama immer zu klagen an um alles Mgliche --
und auch darum, da sie zu nichts Appetit hat und nichts vertragen kann.

Isolde wei das schon.

Es ist fr Mama nicht gut, zrtlich mit ihr zu sein. Sie kann damit
nichts mehr anfangen.

Isolde denkt daran, wie Papa vor Jahren Mrs. Wendland den Hof gemacht
hat. Er hat immer irgend eine Flamme gehabt.

Komisch, wie eigentlich Mama sich damit abgefunden hat. Sie wei von
Mamas Art zu denken und zu fhlen gar nichts. Und jetzt ist's mit Papa
auch nicht so ganz geheuer. Er ist gar zu vortrefflicher Laune.

Isolde erinnert sich daran, wie damals Papa sich vor Mrs. Wendlands Thr
in einen Gentleman verwandelt hatte und wie Marie und sie selbst darber
entsetzt waren.

Ja, das war sehr sonderbar gewesen, unvergelich sonderbar. Sie hatten
jetzt fast immer einen wohlsoignierten, blhenden, jovialen Papa,
gutgekleidet, jugendlich, von bester Gesundheit und vortrefflich im
Betragen.

Allerdings hatten sie dies Vergngen nicht allzu oft, denn er hielt sich
viel in Berlin auf und auch in Mnchen war er, wie immer, der
Vielbegehrte.

Aber merkwrdig da er heut nicht kam, heut am Weihnachts-Heiligenabend.

Mama sa ganz still wie vor sich hinbrtend. Ungeduldig hatte Isolde
Mama berhaupt nie gesehen, und eigentlich kannte sie Mama zumeist nur
wartend, -- auf den Vater wartend. Auch nachts wartete sie -- lang,
lang, das wute Isolde ja. Mama wartete von jeher nachts und schlief
nicht eher ein, bis der Vater kam.

Was mochte wohl Mama ihr Lebtag diese vielen, vielen Stunden gedacht
haben?

Schrecklich.

Wie in sich verschlossen sie doch war. Ganz geheimnisvoll --
Nachttier-haft, rhrend ihre eignen dunkeln Wege gehend. Wie sah Mamas
Leben aus, wenn man es mit ihren eignen Augen betrachtete?

Isolde konnte die Blicke von Mama gar nicht weg wenden.

Karl hob sich aus seinem Fauteuil, in den er sich hineingerekelt hatte
-- zog seine Uhr -- Neune schon!

Seine Stimme war erregt. Karl hatte auch heute Abend auer der
Familienfeier etwas vor.

Natrlich.

Er ging ein paar Mal im Salon auf und nieder, griff nach der
Abendzeitung zum so und so vielten Mal und versank wieder in dem
weichen, bequemen Polster, die Hand in seinem dicken Haarschopf
vergraben, die Blicke gedankenlos ber das Zeitungsblatt hinschweifend.
Mit der Spitze seines Fues klopfte er ungeduldig im Takt auf das
Parkett.

So ein harter trockner Ton.

Isolde wurde ganz nervs davon.

Mama sagt: Heut kommt Papa aber spt. Das Abendessen wird uns
verderben.

Dann saen alle drei wieder ganz still eine lange Zeit.

Karl, klopf nicht so mit dem Fu auf, bat Isolde.

Drauen an der Hausthr schellte es auf eine eigentmliche Weise.

Das ist Papa nicht, sagt Isolde.

Alle drei schauen wie erschreckt, wie unangenehm berhrt.

Nein, das ist Papa nicht, sagt Mama auch. Bewahre.

Na, und dreiviertel auf zehn wr's jetzt glcklich. Karl war sehr
ungeduldig geworden.

                   *       *       *       *       *

Da that sich die Thr auf. Das Zimmermdchen erschien in blendend
weier, festtglicher Schrze. Nun, -- Isolde wollte weiter fragen, da
sah sie in ein paar wirre entsetzte Augen, in ein erdfahles Gesicht.

Sie fragten jetzt alle drei beunruhigt: Nun? Was denn? Was ist denn?

Das starre, erdfahle Gesicht ber der weien Schrze vernderte sich
nicht. Die Lippen bewegten sich, um zu sprechen, brachten aber keinen
Ton hervor.

Nun, fragte Karl, was ist denn eigentlich los?

Und da kam es -- in abgerissenen, unklaren Worten:

Dem Herrn war was passiert.

Alle drei hatten sich von den Sthlen erhoben und standen und starrten
im ersten Augenblick.

Das Hirn will das Schwere nicht ins Bewutsein aufnehmen, das Leben soll
behaglich sein, gleichmig. Nur keinen Schreck, keine schlimmen
berraschungen, das emprt, das lhmt.

Da drangen Gerusche bis in den Salon, ungeschickte, schwere, fremde
Schritte.

Karl strzte zur Thr.

Bebend, flsternd sagte Isolde etwas und fate heftig nach der Hand des
Mdchens.

Die starrte ohne Erwiederung -- aber der Druck ihrer Hand sagte alles.

Da wendete Isolde ihre Blicke auf die Mutter. Die stand noch unbeweglich
-- nach irgend einem Halt mit ratlosen Augen suchend.

Isolde trat zu ihr, schlang den Arm um ihre Schultern, um sie zu
sttzen.

Karl hatte das Zimmer verlassen.

Die Thr war angelehnt geblieben, die Schritte drauen drangen jetzt
deutlicher schwer in den Salon.

Soll der Herr in sein Schlafzimmer gebracht werden? fragte das
Mdchen.

Mama ging jetzt, auf Isolde gesttzt, zur Thr hinaus. Es lag etwas
Hausfruliches in der Art, wie sie das that, etwas Geschftiges -- ihre
alte Weise. Es gab fr sie zu thun. Es mute fr einen Gast gesorgt
werden.

Drei Mnner hatten Doktor Frey aus der Droschke die Treppe
heraufgebracht. Ein Droschkenkutscher, ein Dienstmann und ein Herr
hielten den schlaff herabhngenden Arm des Toten gefat.

Die Hand des Toten hielt ein mit weiem Wollpelz berzogenes Schfchen
mit rotem Halsband, ein Spielzeug, umklammert.

Er soll in sein Schlafzimmer gebracht werden, sagte Mama langsam,
vllig klanglos.

Karl stand verblfft, der Schreck und der Schmerz lieen seine Zge
merkwrdig dumm und ratlos im Ausdruck erscheinen.

Die drei Mnner folgten Frau Doktor Frey und Isolde.

Jetzt hatte auch Karl seinen Vater mit angefat und blickte in das
bluliche, schlappe Gesicht und auf den haltlosen Krper, der einer
groen, schweren Masse glich.

Der Droschkenkutscher sagte etwas, um seine Teilnahme auszudrcken,
etwas von einem bsen heiligen Christ -- das klang schaurig, wie die
Stimme aus einem alten Mrchen.

Mamas in sich gekehrtes Benehmen stach wunderlich gegen das Betragen
aller brigen Personen ab.

Das Hausgesinde war so auer sich, da ein lautes Schluchzen und Heulen
den Raum erfllte.

Karl hatte das Dumme, Ratlose, Verblffte in den Zgen.

Isolde war vor Entsetzen ganz berwltigt, wich keinen Schritt von ihrer
Mutter -- nicht mehr sie zu sttzen, um von ihr gesttzt zu werden. Und
da war ber Mama wieder das Nachttierhafte, Geheimnisvolle gekommen, vor
dem Isolde vor Jahren sich so gefrchtet hatte.

Wie oft hatte Mama in der langen Ehe ihren Mann tief in der Nacht
empfangen, wenn er zu ihr zurckgekehrt war, ohne da ihr von seiner
Seele, seinem Wesen auch nur ein Teilchen mehr gehrt htte, als jetzt.
Sein Krper war zu ihr zurckgekehrt -- sein fr sie toter Krper, nicht
anders als heute -- nein -- nicht anders.

Ihre Ruhe war die Ruhe langen, stummen Leidens, einer langen, schweren
Erfahrung.

Sie hatten ihn auf sein Bett ausgestreckt und der Herr, der sich als
Arzt vorstellte, versuchte das weie Wollschaf aus der Hand des Toten zu
lsen. Es war ein so ganz unmglicher Anblick, die gelbe Totenhand um
das lcherliche Ding geklammert zu sehn; so leidenschaftlich geklammert,
wie der Mensch die lcherlichen Dinge des Lebens umklammert hlt.

Es gelang ihm nicht Doktor Frey von diesem komisch grausigen Anhngsel
zu befreien.

Lassen Sie doch, sagte Mama. Sie hatte den Blick nicht von dieser
gelben, armen Hand mit ihrem Spielzeug gewendet.

Jetzt sprach der Arzt mit Karl, gewissermaen als mit dem mnnlichen
Oberhaupt der Familie. Er bot seine weitere Hilfe an und that allerhand
geflsterte Fragen. Dann ging er, ein Mann in Amt und Wrden, der
augenblickliche Beistand der schwer getroffenen Familie.

Isolde lag erschttert in einem Stuhl, das Gesicht in die Hnde
vergraben.

Karl ging im Zimmer hin und her und schaffte den Rock des Vaters, den
dieser vor dem Ausgehen ber den Stuhl vor dem Bett geworfen hatte,
stumpf und unbewut beiseite. Darauf go er ein halbgeflltes Wasserglas
gedankenlos ins Waschbecken. Er machte, wie es schien, Ordnung. Seine
Zge verloren fr keinen Augenblick das Verblffte.

Mama kniete neben der Leiche ihres Mannes nieder, nahm die schwere Hand
des Toten sanft in die Hhe und versuchte den starren Fingern das
Spielzeug zu nehmen. Durch einen Zufall wohl, gelang es ihr leicht.
Isolde schaute entsetzt ihrem Thun zu, auch Karl.

Jetzt legte sie die Hand still behutsam zurck und blickte auf.

Ihre beiden Kinder sahen in ein bleiches, rhrendes Gesicht, auf das der
Schmerz oder sonst ein Gefhl, einen Jugendhauch gelegt hatte.

Es war der Ausdruck einer weltfremden Nonne, die von Dingen sprechen
sollte, die ihr nicht ber die Lippen wollten, von sndhaften, schweren
Dingen. Die Lippen regten sich wohl schon, -- die Worte fehlten noch.
Wie hilfesuchend blickte sie auf Karl und Isolde.

Lat es ihn nicht entgelten, sagte sie leise bittend, -- der Vater
hatte da was Liebes. Es ist da auch ein Bbchen.

Sie zeigte auf das kleine Schfchen wie zur Erluterung.

So kniete Mama vor ihren Kindern. Die Hnde legten sich ihr bei ihrer
groen Bitte wie zum Gebet zusammen.

Isolde strzte mit einem Strom von Thrnen zu ihr hin und schlang die
Arme um sie und erstickte Mama fast mit ihrer Liebe.

Nun kannte sie Mama. Da lag die arme Seele vor ihr, gelutert wie reines
Gold -- ganz ausgeglht. -- Weltfremd.

Ihr Lebtag bedrckt und miachtet, haftete nichts an dieser Seele von
Wissen und Macht, nichts, wovon sie irgend eine Ehre htte; -- aber
strker schien da etwas zu sein, als alles Starke auf Erden: das groe
Welt- und Schmerzberwindende lag in ihr. Es war in ihr etwas geworden,
durch Bedrckung und Miachtung, etwas so Junges in dieser alten Welt,
in der alle Krfte beladen und ausgenutzt sind, etwas so Unbelastetes.

Isolde hing schluchzend wie in einer erlsenden, seligen Extase an Mama.
Ihre Seele verschmolz mit Mamas Seele.

Das war so rein und stark, was sie da in Mama verstand und empfand, so
vornehm.

Nichts Greres auf Erden als Weib sein!

Sie empfand die Kraft ihrer armen Mama, als knne solche Kraft, die
alte, mde Menschheit, wenn sie sich frei und bewut ber sie ergsse,
erlsen und verjngen; die Kraft, die in ihrer unscheinbaren, gedrckten
Mama verschttet und begraben war.




13.


Ein dumpfer, bedrckter Winter folgte jenem Weihnachts-Heiligenabend, an
dem die Lichter am Baum nicht entzndet wurden.

Der Tod hatte die Lebendigen angestarrt und wie vom Frost gerhrt
schienen sie eine Zeit lang welk und schlapp geblieben zu sein, bis
neuer Lebenssaft aufstieg, neue Triebe die welken, verkmmerten
berwuchert hatten. Dann wurde es wieder, als wre nichts geschehn.

Henry Mengersen zog dieses Frhjahr von Berlin mit Frau und Kindern
hinaus in seine Villa nach Ludwigshhe. Mama freute sich, Tochter und
Enkelchen so in nchster Nhe zu wissen.

Marie stand ihr so viel nher als Isolde. Marie war das Weib, das die
Wege ging, die sie selbst gegangen war.

Sie konnte Maries Leben mitleben. Marie brauchte garnichts zu sagen.
Das ist nu ma' so, ja, siehst du -- das ist nu ma' so. Das konnte sie
immer von Mama hren, wenn sie nur den Mund aufthat, um Mama etwas zu
klagen oder zu erzhlen.

Mama wute alles immer schon im voraus.

Sie sah gewissermaen behaglich zu, wie Marie das Martyrium des jungen
Weibes trug, die Extasen des jungen Weibes.

Die Extasen hatten bei Mama nie eine groe Rolle gespielt.

Schwere Entbindungen, lange, qualvolle Schwchezustnde, kranke Kinder,
Geldsorgen, groe Mdigkeit -- weiter war ihr nicht viel in der
Erinnerung hngen geblieben.

Viel geduldiger als Marie war sie gewesen, dessen entsann sie sich --
und das sagte sie auch Marien oftmals -- und das kam davon, da Marie
doch nicht so selbstlos war, wie eine Frau sein mte. Marie war eben
auch Papas Tochter. Beide Tchter hatten leider etwas so
Aufrhrerisches, wenn gleich Marie nicht annhernd wie ihre jngere
Schwester. Aber heute noch konnte Marie ganz verzweifelt Mama um den
Hals fallen, solcher Dinge halber, deretwegen eine Frau gar kein Wort
verlieren darf, die sich von selbst verstehn. Die Frau hat sich eben
nach dem Mann zu richten, und wie der ist, so ist er, und was der thut,
das thut er.

Dafr ist er das Haupt der Familie.

Ja und das sagte denn Mama ihr tchtig.

Das aber war gleichgiltig, Marie nahm nichts an und wenn Mama noch so
recht hatte.

In Marie blieb etwas so Wehes, etwas so Sehnschtiges. Eine Mutter von
fnf Kindern, die Geschichten machte mit Idealen und so etwas!

Nein, Mama hatte auch mit Marie viel Sorge.

Da lobte sie sich Henry Mengersens Schwgerin, Pauline, die in
Ludwigshhe mit Mann und Kindern neben Henry wohnte. Das war eine Frau
nach ihrem Sinn. Wenn eine von Mamas Tchtern so geworden wr'. So drall
und fidel wie die Frau war! Und so eine bekommt ihre Kinder wie nichts.
Frisch vordem, frisch nachdem. Und diese prchtigen Ammen und
Wartefrauen und Kinderfrauen, die sie hatte, -- ein ganzes Regiment
Weiber war da immer im Haus. Und diese Wsche! Und wie im Hause gegessen
wurde! Ja, die verstand was aus sich zu machen. Vor der hatte der Mann
auch Respekt.

Ach ja, Mama hatte es nicht leicht mit ihren Tchtern.

                   *       *       *       *       *

Dies Jahr gab es einen warmen, schnen April.

Es hatte sich oben in Ludwigshhe in einer Nacht ber die Wlder wie
zarter, grner Nebel niedergelassen. Der war wie von den Wldern
eingesogen worden, hatte sich schmeichelnd um die rtlichen, knospenden
Buchenkronen gelegt und war daran haften geblieben in Millionen zarter
grner Blttertrpfchen.

Ein Leuchten ging von diesem jungen Grn aus, ein durchsichtiges,
unsglich zartes Schimmern, das die Seelen wie in ein grnes, helles Bad
tauchen lie, die armen, ruigen Winterseelen. Und der blaue Maienhimmel
dazu, der endlich als helle Sonnenbahn hervorgebrochen war.

Ja, es wurde da oben jetzt schn. Die prchtigen Waldgrten mit ihrem
knospenden Buchenlaube, der feuchtbraunen Bltterdecke unter den Bumen,
aus der das frische Leben in tausendfltiger Gestalt brach. Hier ein
Himmelsschlssel, ein zerschlissenes drres Eichenblatt um den Stengel,
dort hebt eine Familie blauer Leberblumen ein ganzes Stck Laubdecke in
die Hhe. Wie ein blauer Blick schaut es aus dem Erdreich.

In Gebers Garten blht es wie jedes Jahr auch heuer an allen Ecken und
Enden.

Sie waren die ersten Ansiedler hier oben gewesen. Bei ihnen hatte sich
schon so mancher Obstbaum heimisch eingewurzelt und blhte zwischen den
kleinen Tannen und zarten Birken und Buchen. --

Frau Lu hatte so ein paar liebe rosige Kerlchen, gefllte Kirschbume
gepflanzt, die blhten, als wollten sie sich in ungezhlten tausend und
abertausend rosigen Blumenbscheln auflsen; und Apfelbume, die ihre
ersten Knospen jugendsicher trugen.

Aus dem grnen Gras schauten weie Narzissen und allerhand altmodische
Bauernblumen, blaue Trubchen und Goldlack.

Henry Mengersens und seines Bruders Garten haben diesen intimen Reiz
nicht, den Frau Lu ihrem Stck Land gegeben hatte; aber in ihrer Art
sind sie prchtige Besitztmer, gro und schattig.

                   *       *       *       *       *

Isolde war, weil Marie es brennend wnschte, auf einige Tage hinauf zu
ihr nach Ludwigshhe gekommen.

Sie hatte da oben, wenn sie ihre Schwester zu besuchen kam, ein kleines
Zimmer in dem Gartenhuschen einer Nachbarvilla als Absteigequartier.

Henry Mengersens Gastfreundschaft anzunehmen vermied sie, wenn es sich
thun lie.

Es war da auch etwas, was sie in seinem Hause bedrckte und erregte.
Sie konnte das unermdliche Werben ihrer Schwester um sein
Sich-geistig-ihr-mitteilen auf die Lnge nicht ertragen.

Qulend war es Isolden von jeher gewesen, Marie im Atelier zu
beobachten, wenn Henry einem Gast eine neue Arbeit zeigte. Marie lie es
sich bei solchen Gelegenheiten nicht nehmen, ein wenig die
Sachverstndige zu spielen.

Henry rck es doch so -- siehst du, hier fllt das Licht nicht gut
darauf. -- -- Und das ist von allem mein Liebling, da liegt etwas darin
was einem zu Herzen geht. --

Ich hab dir doch gesagt da die Leiste zu dem rohen Eichenholz nicht
hbsch aussieht -- nun findet es Isolde auch -- siehst du.

Sie rckte etwas an einer Staffelei -- sie machte ihn aufmerksam, dies
oder jenes zu zeigen.

Und jedesmal traf sie derselbe spttische Blick, sie khl in ihre
Grenzen zurckweisend.

ber Maries Gesicht ging dann der tief wehe Zug, so gekrnkt, so beraus
demtig.

Isolde wute sich bei einer solchen Scene kaum zu beherrschen. Ein
Gefhl von Ha gegen ihn stieg in ihr auf und zu gleicher Zeit etwas wie
Verachtung gegen ihre Schwester, Verachtung und Mitleid.

In den letzten zwei Jahren hatte Isolde bemerkt, da Marie
schwerflliger in der Art sich auszudrcken geworden war, auch ihr
gegenber.

Bis dahin war in Marie ein leidenschaftlicher Zug gewesen, mit der
Schwester weiter leben zu wollen. Jetzt stand sie Isolde eigentmlich
fremd gegenber; oder kam es ihr nur so vor? Marie fragte nicht recht
was Isolde getrieben, unterhielt sie von Dienstbotenmisere, von
Kinderwsche, klagte endlos ber ihr letztes Wochenbett und lobte ihre
Schwgerin Pauline, von der sie das letzte Mal gepflegt worden war.

Henry hatte immer gewnscht, da Marie sich ihrer Schwgerin anschlieen
mchte, war aber auf Abneigung von Maries Seite gestoen.

Jetzt war das anders geworden. Marie hatte von ihrer Schwgerin, wie es
schien, mancherlei profitiert. Man a dies Jahr ganz vortrefflich bei
Mengersens. Paulinens Hand war berall zu spren, ein barscherer Ton
schien auch in den Verkehr mit den Kindern gekommen zu sein, die
Leibwsche des Kleinen hingegen war um vieles feiner und luxuriser
geworden.

                   *       *       *       *       *

Kurz ehe das jngste Kind bei Mengersens geboren worden war, hatte es
eine wunderliche Szene zwischen Mann und Frau gegeben.

Marie, in der Empfindlichkeit ihres Zustandes, war bei einem abweisenden
Blick Mengersens nicht demtig, traurig verstummt, sondern in lautes
unaufhaltsames Weinen ausgebrochen, war ihrem Gatten zu Fen gefallen,
hatte verzweifelt seine Hnde gefat und diese Hnde heftig gekt und
dabei geschluchzt: Versto mich nicht, -- ich bin doch auch ein
Mensch! Und das hatte sie wie sinnlos immer von neuem wiederholt.

Henry Mengersen war diese Szene unbeschreiblich peinlich gewesen.

Was wollten sie denn?

Dieses ewigen ungeschickten Einmischens von ihr in seine eigensten
Angelegenheiten war er unendlich berdrssig geworden.

Sie hatte etwas von einer Fliege an sich, die Geduld und Beharrlichkeit
einer Fliege.

Henry Mengersen wute gar nicht, was er ihr antworten sollte. Er wollte
sie nicht erregen, aber er wollte auch nicht schweigen:

Marie, sprach er, was willst du eigentlich? Hast du etwas zu klagen,
-- so sag's. -- Aber dies ewige Nrgeln!

Er ging heftig im Zimmer auf und nieder und sagte mit unterdrckter
Erregung: Wenn ich offen sein soll, mir ist in einer Knstlerehe, und
in einer Ehe berhaupt, der weibliche Abklatsch vom Mann in der Seele
zuwider -- einfach unertrglich! Bin ich nicht so weit Herr im Hause,
da ich mir gestatten darf, einer Idiosynkrasie, die ich nun einmal
habe, auszuweichen? Weshalb ist es denn durchaus ntig, da du dasselbe,
was ich sage, noch einmal verdnnt nachsprichst? Darauf kommt es ja doch
hinaus. Sag mal, findest du das so durchaus notwendig, da du deshalb
wieder und wieder kommst und mich peinigst? Ihr habt nun einmal, wie
soll ich sagen, -- die tierischen Funktionen im Leben zu erfllen. --
Nun, so erfllt sie.

Jeder das Seine.

Sag doch, was hast du geleistet, das dir das Recht gbe, mitzureden oder
mitzuhandeln? Das was ich errungen habe, rechnest du dir das etwa mit
an? Meinst du, man teilt sich in so etwas, wie in eine Torte oder wie in
ein Vermgen?

Bitte, mach dir das einmal klar. Die Frauen berhmter Mnner versumen
es gewhnlich, darber nachzudenken.

Du hast deine Kinder, bist dabei, sie so ziemlich gedankenlos zu
erziehen, du stehst deinem Hausstand ertrglich vor, lt mich bei jeder
Gelegenheit aber unter deinen Nachlssigkeiten leiden. Erflle deine
Pflichten und la alles brige auf sich beruhen. Nimm dir ein Beispiel
an Paulinen, die ist wie eine Frau sein soll. Haben wir uns nun endlich
einmal verstanden, Marie?

Er sah in ein bleiches, thrnenloses Gesicht.

Ja, sagte sie.

In diesem Augenblick klammerte sich ihre verachtete Seele an die Liebe
zu ihren Kindern, und diese Liebe wurde zu einer Extase, die jede Marter
des Herzens berwuchs.

                   *       *       *       *       *

Von diesem Tage an warb sie nicht wieder um die geistige Zugehrigkeit
zu ihrem berhmten Gatten. Er hatte von diesem Tag an Ruhe vor der
Fliege, hatte von diesem Tag an sich eines tadellosen Hauswesens zu
erfreuen.

Der Einflu der Schwgerin Pauline begann zu regieren.

Henry Mengersen lernte jetzt das breite, behagliche Weibtum in seinem
Hause kennen, das wie eine Walze alles niederdrckt, was ihm nicht pat.
Aber vorzgliche Mahlzeiten gab es, tadellose Wsche, geputzte Kinder,
ein schwerflliger Ernst -- und das Kleinste war zur Wichtigkeit
erhoben.

Ein zarter, zudringlicher Geist, der mit erhobenen Hnden unermdlich
gefleht hatte: >Nimm mich mit, la mich nicht verschmachten<, war
verstummt. Diese arme, bittende Seele drngte sich nicht mehr an ihn
heran. Ob er das wohl bemerkte?

Den ganz kleinen Kindern vertraute Marie sich an, nahm sie auf den Scho
und klagte es ihnen leise in die hrchen, was ihr gethan worden war.

Auch Isolden sagte sie kein Wort. Die fhlte nur eine groe Mdigkeit
und Stumpfheit in ihrer Schwester, hnlich der Mdigkeit und Stumpfheit,
die sie in Mama empfand. >Triste<! dachte Isolde wieder, >Triste! Gott
bewahr einen vor so etwas.<

Sie war dieses Frhjahr selbst so schwer gestimmt, so schwer wie noch
nie.

Es war doch der Tod des Vaters und der Tod selbst, der ihr das Leben so
bedeutungslos, so unntig erscheinen lie.

Und was fr ein Leben lebte sie denn eigentlich selbst? Es spielte sich
in ihrem stillen, hohen Atelier ab; da lebte sie -- ja -- das nannte sie
Leben, was sie da that.

Zu einer rechten Liebe hatte sie es seit der leidenschaftlichen Anbetung
Henrys nicht wieder gebracht, hatte kein einziges Mal warm wieder als
Weib empfunden, so viel sie auch begehrt wurde.

Ihr lieber Freund, Lus Guter ja, der liebte ihre Seele, dem gegenber
durfte sie sich ganz geben wie sie sich selbst empfand. Ein wunderbares
Verhltnis, das sie zu diesem seltnen Mann hatte, so wohlthtig bis in
die innersten Nerven.

An dieser Freundschaft war sie gesundet. Bei ihm fhlte sie sich als
freies, vollgltiges Geschpf.

Hier wagte sie zu hoffen, da sie in ihrer Kunst nach Groem streben
drfe.

Schaff dir deine Welt; wie du sie schaffst, so ist sie. Sie ist nur in
dir selbst, in deiner Vorstellung. Schaff sie dir und glaub an deine
Welt!

Ja, sie hatte an ihre Welt geglaubt.

Wie sie gearbeitet hatte! Ernst und glhend, um die Seele von Schmach zu
reinigen.

Henry Mengersen hatte ihr von ihr selbst ein so tief gemeines Bild
gezeigt. Ihre junge, heilige Liebe zu ihm, ihr groes Opfer hatte er wie
etwas Schmutziges mit dem Fu beiseite geschoben, so wenig Umstnde mit
ihr gemacht, wie mit der gemeinsten Straendirne. Er hatte sie mit
seiner Beschimpfung vergiftet, da sie bis heute nicht wieder gesund
hatte werden knnen, wie andere Leute, die ihre Jugend gedankenlos
genieen. Ein tiefer, ungestillter Ha gegen Mengersen war im Grund
ihrer Seele.

Jahrelang hatte sie es mit angesehn, wie er ihrer Schwester, seinem
Weibe, dasselbe that wie ihr einst, wie er Maries Seele verleugnete und
danach schlug, wie nach einem zudringlichen Tier. Er der hochentwickelte
Geistesmensch konnte es nicht ertragen, neben sich ein Geschpf zu
dulden, dessen Seele leben wollte. Weil das Geschpf Weib war, konnte er
es nicht ertragen.

Unter solcher Miachtung leben mssen, fhlen mssen, Kinder gebren
mssen!

Ja, schaff dir deine Welt und glaub an deine Welt.

>Und so schuf ich sie mir!< dachte Isolde, >eine so feine Welt! Und
meine lieben Nchsten schufen sich die Gegenvorstellung zu meiner Welt.
So ziehen die Trume der Menschen gegeneinander zu Felde und vernichten
sich gegeneinander. Nur die Trume der Menschen! -- und doch welches
Leid -- welche Qual!<

Auf Isolde wirkte in diesem Frhjahr alles so schwer und trostlos.

Sie zweifelte an sich.

Stand das, was sie in ihrer Kunst erreicht hatte, irgendwie mit dem
groen Flei, ihrer groen Hingebung in Einklang?

War es doch nur das elende Mittelmige?

Weshalb sollte gerade sie etwas Auerordentliches leisten?

Selten, selten, so viel sie wute, nur in ganz wenigen Ausnahmefllen,
hatte das Weib mehr als Mittelmiges geleistet.

Nun, und weshalb sie? -- Und wenn auch sie -- so war sie eben eine
armselige Ausnahme im gnstigsten Falle.

Das Widerlichste, das Unerfreulichste auf Erden ist das Mittelmige.

Ja, sollte man nicht das Weib mit Feuer und Schwert verfolgen, wenn es
die ungeschickte, unbegabte Hand an die Kunst legt?

Isolde empfand den groen Fluch, der auf dem Weibe liegt; erdrckend,
atemberaubend.

Nein, es war keine Freude mit klaren Sinnen, geistig so unheimisch auf
Erden zu leben.

Das, was sie in jener Nacht empfunden, was ihr den Jugendmut genommen,
hatte sich ihr ins Bewutsein wie eingegraben, da sie zu der Hlfte der
Menschheit gehrt, die von allem Geistigen auf Erden ausgeschlossen ist,
zu der verdummten, stehengebliebenen, unentwickelten Hlfte der
Menschheit, die nur Krper ist, -- die nur Krper sein soll, fr die
Geist etwas Krankhaftes, Widernatrliches, Unanstndiges ist, zu der
Hlfte der Menschheit, die sie die zarte nennen -- und die im Grunde die
robuste, die ungegliederte ist, die allem Feinen, allem Lebensprhenden,
Lebenswerten, allem was Geist und Erkenntnis ist, fremd, feindlich, dumm
gegenbersteht.

                   *       *       *       *       *

Isolde machte in dieser Zeit weite Spaziergnge in der Umgegend,
whrenddem sie dumpf und doch leidenschaftlich vor sich hinbrtete.

Henry Mengersen schien von diesem einsamen Umherschweifen seiner jungen
Schwgerin nicht angenehm berhrt zu sein.

Er untersagt es ihr.

Sie standen miteinander in seinem Atelier, als er das that.

Es war in diesen langen Jahren keinmal vorgekommen, da sie ihm Zeit
gelassen hatte, sich ihr gegenber mit ihrer Person zu beschftigen.

Er hatte ihre Nhe nicht wieder empfunden, seit sie, wie im uralten
Mrchen, in ihrer groen Schnheit nackt, wie sie zur Welt geboren war,
vor ihm gestanden hatte, wie die, die ihre Brust geduldig dem Messer
bot, damit ihr Herr genesen sollte.

Nicht um einen Schritt hatte er ihr sich wieder nhern knnen, als
Knstler wohl -- und oft -- nie als Mensch.

Isolde blickte ihn daher jetzt mit kalten, erstaunten Augen an. Sie
wrdigte ihn keiner Antwort und verlie da Atelier.

                   *       *       *       *       *

An diesem Abend fand sie in ihrem Zimmer, als sie spt in der Nacht aus
dem Haus ihrer Schwester kam und sich schlafen legen wollte -- es waren
Gste bei Mengersens gewesen -- ein kleines Paket und einen Brief.

Henry Mengersen schrieb ihr:

Verzeih, Isolde, -- sie nannten sich >du< auf Mariens ausdrckliche
Bitte -- mich beunruhigen deine weiten, einsamen Spaziergnge. Du
gestattest mir leider keinen Einflu auf dich, sonst wrde ich dich
ersuchen, diese Gnge einzustellen. Ich bitte dich, fhre wenigstens
dies kleine Ding mit dir, zu deiner Sicherheit. Verstehst du damit
umzugehen? Es ist geladen! Sei vorsichtig!

                                                      Schwager Henry.

Isolde lste das Paket und nahm aus dem Kstchen einen kleinen,
zierlichen Revolver.

>Sonderbar,< dachte sie.

Und aus diesem Sonderbar spann sich eine lange, lange Kette von
Gedanken und Gefhlen.

Eine schwere, drckende Kette.

Auf die Kniee war Isolde wie von einer Last niedergezogen; den Kopf an
den Tischrand gesttzt, so blieb sie lange unbeweglich, den kleinen
glatten Revolver zwischen den Fingern. Die Thr ihres ebenerdigen
Gartenzimmers stand noch weit offen.

Die herbe, frische Luft, die die schumende Isar mit sich bringt, drang
zu ihr ein.

Da drauen reckte und streckte sich jedes Blttchen, ungeheure Massen
zarter, grner Lebewesen. Es lag ein Werden, ein mchtiges Gedeihen, ein
Sich-ausbreiten-wollen im Dunkel.

Die Luft war wie berauscht von all dem jungen Atem, den sie in sich
trug.

Isolde schluchzte wild und bitterlich auf.

Was hatte sie im Leben?

Wen hatte sie im Leben?

War denn das, was sie lebte, das Leben? Das wirkliche, wahrhaftige,
lebendige Leben?

Ah -- einsam! Sie reckte die Arme, als wre sie ans Kreuz geschlagen
-- und blieb so lange, lange Zeit wie im Schmerz erstarrt.

ber ihr Gesicht rannen langsam Thrnen.

Die Seele war von der groen Sehnsucht des Lebens, nach Glck, gepackt.
Die jungen, starken Sinne wollten in Daseinsjubel ausbrechen -- und
hatten nichts, um in Jubel ausbrechen zu knnen -- nichts -- gar nichts
-- auch gar nichts!

Das, was ihr allein lebenswert erschienen war, ihre Kunst, schrumpfte
zusammen, zu einem Unsinn, einer Besessenheit, zu einem Unglck.

>Und alles ist wie ein Weinen im Wald<, klang es ihr durch das
Bewutsein.

Was konnte sie denn? -- so ein Tappen im Dunkeln. Es wurde ja doch
nichts.

Gegen das was sie wollte -- was hatte sie erreicht?

Ja, wre sie ein Mann! Da lohnte es sich, fr die Kunst zu leben und zu
sterben, sich martern zu lassen.

Da lag die groe, glnzende Vergangenheit des Mannes ber seinem Wollen
wie eine Sonne, die ihm leuchtete, ihm Leben gab und Mut machte, die ihm
alles verhie.

Aber sie als Weib! Da lag die tote, leblose Vergangenheit des Weibes
ber ihr wie eine tote, dunkle Masse und drckte und erstickte und
machte jede Bewegung schwer, ber jeder Hoffnung lag sie, ber jeder
Freudigkeit -- ah -- das war etwas Trostloses, da wurde man so mde --
so mde. Da sanken die Hnde herab in Trostlosigkeit wie vor
Unmglichem.

Und wie war sie trotzdem immer tapfer gewesen!

Aber heute nicht mehr -- nein, heute nicht mehr.

Die Arme, die sie wie ans Kreuz geschlagen gehalten hatte, sanken herab.

Nein, heute war sie ganz fertig. Sie hielt noch immer den kleinen
glatten Revolver in der Hand. Er war warm geworden von dem Lebensfieber,
das in ihr tobte.

Da ging sie nun ber die Erde und hatte nichts und hatte niemanden.

Wenn Lus Guter, ihr geliebter Freund, noch einmal auf der Welt zu
finden wre -- ja -- dann!

O, wie geborgen wre sie dann. -- Du glckselige Lu!

Ja, so eine Insel der Seligen, -- so geliebt werden -- so lieben! Wie
ein guter Geist ging er neben Lu her.

Jetzt stellte sie sich vor, wie er sagte: Du gewinnst in dem Mae, wie
du verlierst. Sei selbstlos aus Selbstsucht. Du tauschest den Himmel ein
fr die Erde, -- fr den sterblichen Menschen die ewige Gottheit.

Sei selbstlos gegen deinen Nchsten, sei selbstlos gegen Fernstehende,
sei selbstlos gegen die ganze Menschheit, gegen alle Wesen, gegen die
ganze Welt.

Das ist Erlsung!

Gieb das >Ich< auf und du bist das >All<.

Was fr eine Welt war das, in der die beiden lebten? Welch' eine
gesegnete, reine; und Lu pflanzte Blumen in diese Welt.

In Lus Augen aber stand immer: Wirst du mein Lieber, dein Werk
vollenden? Wirst du mir auch bleiben? Was kann ich thun, um dich zu
halten? Wie soll ich's ertragen, wenn du mir genommen wirst? Was kann
ich thun, ich Arme? Ich mchte mich wie einen Teppich zu deinen Fen
legen, wenn es dir hlfe.

Isolde kannte Lus schmerzvolle Liebe, die den Tod jede Stunde neben dem
Liebsten stehen sieht. Es ist leidvoll zu lieben. Aber es ist Leben!
Schweres, banges Leben.

Und Isolde lebte nicht!

Leben kann man nur im andern. Sich ganz fhlen kann man nur im andern.
Im Zusammenflieen mit einem andern. -- Aber wer lebt dann?

Ah -- was fr ein Schatten sie ist.

Wieder breitet sie die Hnde aus, als wre sie ans Kreuz genagelt. Ihr
Gesicht trgt einen bitter wehen Ausdruck.

Welches Unglck ist ber sie gekommen!

Ja, davon hat sie doch keine Ahnung gehabt, da sie so sehr unglcklich
war, so ohne Boden fr ihre Fe, ohne Halt fr ihre Seele -- so ein
ganz unsglich verlassenes Geschpf.

Drauen im Dunkeln das Junge -- Neue -- Wiedergeborene!

Der Jubel und Atem des Werdens. --

Ja -- und auch sie will ihren groen Frhling haben!

Und mit ausgebreiteten Armen kniet sie leidenschaftlich, trotzig,
verzweifelt.

Mit dem jungen Laubatem, der zur offnen Thr hereinquoll, kam die heie,
seelenberquellende Sehnsucht nach einem Kinde ber sie mit
Frhlingsgewalt.

Sie sehnte sich nach Leben von ihrem Leben, nach dem sen Krper von
ihrem Krper -- nach dem Ende der groen Einsamkeit, nach dem Wesen von
ihrem Wesen, nach der Verkrperung einer groen Liebe, nach einer so
all-einigen Liebe, so eng aneinandergedrngt, so trostreich -- so
zwei-eins wie Mutter und Kind sind.

Und da war es ihr, als wenn sie sich ganz in Frhlingsthrnen auflste;
hingestreckt auf den Teppich, das Gesicht in die Hnde vergraben, weinte
sie. Und sie wute von sich nichts mehr, als da sie weinte -- weinte --
weinte, wie bewutlos weinte.

Das war ein warmer Regen sondergleichen, der von der Seele barmherzig
alles fortsplen und forttauen wollte, ein so junger, mchtiger Regen,
der alles verschleiert.

Da war es ihr -- o Wunder, als legten sich zwei trostreiche Arme um
ihren bebenden Krper.

Wie denn? Was denn?

Herr Gott! Wer auf der Welt! Wen hatte sie? Wer kam da? Wer war da? --
-- Ohne Schritte?

Ein Entsetzen durchrann sie.

Ein Schrei stockte ihr in der Kehle.

Ein Schwindeln des Bewutseins. -- Schwindel.

Noch lag sie wie gelhmt, ohne sich regen zu knnen, das Gesicht in die
Hnde vergraben. Da fhlte sie sich berhrt, so wild, so
leidenschaftlich, so brutal, und jetzt ri es sie in die Hhe.

Isolde! Eine, erregte Stimme -- die sie schon einmal gehrt hatte --
schon einmal.

Stumm, mit fliegendem Atem, auer sich rang sie mit Henry Mengersen,
Auge in Auge, Krper an Krper -- wie ineinander verschmelzend.

Waren das Henry Mengersens khle Augen? diese gierigen Raubtierblicke?

War er irre?

Isolde, armes, schnes Ding! keuchte er. Ich wei, nach was dich
verlangt.

Ein hysterischer, kleiner Anfall -- was? Sind wir so weit?

Das ist kein Leben, wie du es fhrst, so ein Rassetier wie du bist.

Damals -- lie ich dich gehn. -- Verzeih! Welch ein Narr ich war!

Herr Gott, was bist du gegen diese Hhner um mich her?

Du Dmon, du khler, brennender!

Du verstehst dich darauf, Feuer zu schren, du, mit deinem gttlichen
Krper!

Er hielt sie an sich gedrckt -- brutal, heftig, wie ein Opfer.

Und du liebst mich noch! -- Du wirst mich lieben. Du wirst alles
genieen, alle Zrtlichkeit der Welt.

Was fr ein Leben fhrst du denn, das dich so auf die Erde wirft, wie
eine Bacchantin und gekreuzigt stehen lt, wie eine Mrtyrerin du
dummes Schtzchen!

Er drang auf sie ein, unwiderstehlich durch Entsetzen ihre Krfte
lhmend.

Weit du auch, was dein Ha bedeutet -- weit du's? Du? Du -- du? Du
Mrtyrerin, sehnsuchtsvolle, du hast geschmachtet! Geschmachtet!
Geschmachtet -- und dich selbst betrogen. Du hat mich, weil ich dich
gehen lie damals, weil ich auf deine Knste nicht hereinfiel -- tolles
Geschpf.

Mit einem wilden Ruck hatte Isolde sich ihm entwunden, war auf etwas
losgestrzt. Wie einen Hund! schrie sie.

Ein scharfer, kurzer Knall -- ein schwerer Fall. --

Isolde hatte ihren Schwager Henry Mengersen, den groen Knstler,
erschossen.

                   *       *       *       *       *

Tiefe, tiefe Stille lag ber der Welt.

Die heilige Stunde, die mit Mensch und Tier nichts zu schaffen hat, nur
mit der stummen Erde, die vorweltliche Dmmerstunde, in der die einsame
Seele vor der groen Stille erschauert, vor der Stille ohne den
Menschen, die Stunde in der die Erde Ruhe hat vor dem gierigen Volk mit
seinem Jagen und Hetzen, und Fressen und Wten, seinem Weisethun und
Sich-wichtigmachen, seiner Qual und Todesfurcht, seinem Elend, -- die
heilige Stunde, in der der einsam wache Mensch einmal nicht Herdentier
ist, sondern ein Groes, jetzt stilles, von Lebensruhe nur noch
vibrierendes Stck Natur.

Und in dieser heiligen Stunde steht Isolde erstarrt vor der Leiche ihres
Schwagers.

Mrderin!

Das Wort schreckt sie nicht.

Sie ist ruhig.

Der Anblick schreckt sie auch nicht. Ganz wunderlich fhlt sie sich, als
wre sie so gesund wie noch nie.

Sonderbar.

Das ist das hervorstechendste Gefhl.

Gesund, -- stark, -- ruhig.

Sie hat Gericht gehalten.

Tief ernst ist sie.

Sie empfindet sich nicht als kleines Lebewesen, als ein Tropfen im
Nichts.

Sie steht hier vor dem Toten als der Begriff Weib.

Sie hat einen groen Knstler, einen Geistesmenschen, einen
schpferischen Menschen brutal gettet.

Das beunruhigt sie nicht.

Sie steht hier als eine, die die Hlfte der Menschheit in sich fat, die
Hlfte der Lebenden und Toten, die Hlfte des Riesenreiches der Toten,
in das das kleine Huflein Lebender unausgesetzt hineinschmilzt.

Sie steht hier als der Begriff des ewig bedrckten Weibes, des
geistberaubten, unentwickelten Geschpfes, dem alles geboten werden
darf, das alles hinnimmt, waffenlos und rechtlos jeder Erniedrigung
gegenber. Was sie jetzt gethan, wiegt keinen Hauch gegen das, was sie
empfindet und berschaut. Es ist nicht der Rede wert, was sie that.

Ja, so empfindet sie.

Ihre Seele ist ruhig und vornehm und gelassen. Sie berschaut alles,
wei, was sie zu thun hat -- ist mit allem einverstanden.

Sie will noch einmal der Sonne entgegen wandern und will die Sonne noch
einmal aufgehen sehn.

Das denkt sie.

Den kleinen, zierlichen Revolver steckt sie zu sich und verlt ihr
Zimmer ohne zurckzukommen. Henry Mengersen liegt, wie ein Baum gefllt,
der Lnge nach im Zimmer. Er liegt auf dem Gesicht, die Arme weit von
sich gestreckt.

Er ist sehr schnell gestorben -- ein paar heftige Zuckungen, denen
Isolde regungslos vor Entsetzen zugesehen hatte.

Ihr Hirn arbeitet jetzt ruhig und sicher. Keine Emprung ist in ihr,
kein Struben.

Am Garten ihrer Freunde will sie noch einmal vorbergehen. Dahin zieht
sie's jetzt unwiderstehlich.

Ein Wunder auch dies! so kommt es ihr vor -- da steht Frau Lu am
Gartenzaun, mit dem Rcken gegen die stille Waldstrae.

Sie steht im langen, weien Nachtgewand mit bloen Fen.

Wie es scheint, blickt sie auf ihre Bltenbume, die in dieser
weilichen Dmmerung unsglich feinfarbig sich von der Luft abheben,
ganz anders als am Tage, als schliefen auch sie und trumten.

Fledermuschen schwirren -- und lassen hin und wieder sonderbar
glucksende Tnchen hren.

Es ist so still -- so still -- leises Vogelgezwitscher. Das Licht ist
gleichmig, von keinem Punkte ausgehend.

Eine Ruhe sondergleichen. Isolde bleibt jetzt stehen und blickt auf die
weie, regungslose Gestalt.

>Was hat sie wohl aus dem Schlafe gescheucht? Was thut sie? Was denkt
sie?

Steht sie hier, um mir Lebwohl zu sagen?

Fhlt sie mit? Wei sie?<

Leise kommt Isolde nher. Lu ruft sie. Weshalb bist du denn schon
auf?

Isolde, du!

Ein verweintes, berwachtes Gesicht wendet sich Isolden zu, dann gehen
die beiden Frauen eng aneinanderangeschmiegt in dem von weiem
Dmmerlicht bergossenen Garten auf und nieder. -- Lu zaghaft; ihren
bloen Fen thun die harten, khlen Kiesel weh.

Wie still ists auf der Insel der Seligen mit ihren schlafenden
Frhlingsblumen, ihren Buchenbumen und Bschen, die alle das junge Laub
wie einen zarten Schleier tragen! Lu flstert mit von Weinen erstickter
Stimme:

Isolde, bitte Gott, da du nie einen Menschen liebst.

Nein, sagte Isolde, das werd' ich auch nicht.

Mein >Guter< sagt: la deine Liebe wie Schnee sein; selbst khl, alles
wrmend, was sie berhrt. Das ist erlste Liebe. --

Du lieber Gott, da mte man ganz anders werden. Mich hat heut wieder
ein Schrecktraum aus dem Bett getrieben. Die Todesfurcht fr ihn. Man
lebt doch wie vor einer Hinrichtung.

Ja, sagt Isolde mit eigentmlicher Betonung.

Du bist heut so sonderbar, sagt Frau Lu.

Nein -- du. Weshalb giebst du dich dem Schicksal nicht hin? Weshalb
strubst du dich wie ein Tier? Das ist unvornehm von dir -- nein -- im
Ernst, das ist deiner nicht wrdig.

Du lebst neben diesem groen, guten Menschen und jammerst immer.

Und da sein Werk vielleicht nicht vollendet wird, deshalb qulst du
dich. Du bist eitel!

Das Werk ist in ihm vollendet.

Du bist doch noch Herdentier, Lu. Nein, du mut ganz anders werden. Ja,
werde du wie Schnee; gewi, so sollst du auch lieben.

Man kann nicht wie Schnee verliebt sein -- aber lieben -- und du liebst
ja.

Lu und eins -- kmmere dich nicht so viel um ihn -- er ist sich ja
selbst genug; beunruhige ihn nicht.

Du bist so begabt, eine von den ungeheuer wenigen Frauen, die ihre
Begabung kennen.

Isolde schlang leidenschaftlich die Arme um ihre Freundin und drckte
sie an sich. Lu arbeite! Arbeite dich zu Tode meinetwegen, Lu. Verzehre
deine Krfte in deiner Arbeit, aber nicht in Liebe und Angst. Sei ein
geistiges Geschpf. --

Gieb mir deine Hand und schwre mir, die Jahre, die du ber die Erde zu
gehen hast, willst du ehrlich thun was du kannst, sagte sie warm.

Zieh die Liebe in dir nicht so unselig gro. Siehst du, wir Frauen
neigen dazu, alles in die Liebe zu legen.

Wir haben die Liebe zu einer Art Untier gezogen, zu einer Bestie. Sie
hat unsern Geist gefressen. Wir haben uns an ihr arm und dumm gefttert.

Gieb mir deine Hand und schwre mir, da du ehrlich thun willst was du
kannst mit ganzer Kraft!

Ja, sagte Lu -- wie du.

Ja, wie ich. Ich thue was ich kann.

Auf ihrem Gesicht lag eine groe Ehrlichkeit und Weltentrcktheit.

Sie war von einer Schnheit, die Frau Lu ganz eigen berhrte.

Du herrliches Kind, sagte sie.

Sag das noch einmal, bat Isolde.

Weshalb?

Weil ich mich ganz voll davon trinken will, antwortete Isolde heftig.
Weit du, und deinem Guten gieb du einen Ku, wenn er heut Morgen hier
hinaus in den schnen Garten kommt, einen Ku von mir auf seine Stirn
und sag' ihm: jeder Gedanke von ihm soll gesegnet sein. Und danke ihm
fr alles, was er mir gesagt hat und was er an mir gethan hat.

Und sag' ihm, ich geh jetzt, ganz reingebadet -- ganz frei und erlst
und sehe die Sonne aufgehn!

Ade!

Frau Lu sah ihr verwundert nach, wie sie mit leichten, fliegenden
Schritten den stillen Weg entlang ging und ihren Blicken entschwand.

                   *       *       *       *       *

Isolde ging in einer wundervollen Extase, in einem ihrer heigeliebten
Seelenrusche, in dem wundervollsten Seelenrausch, den sie je empfunden,
durch die weie Morgenstille.

Jetzt stand sie und lauschte.

Sie lauschte auf die Bewegungen ihrer eigenen Seele.

Es hatte sie ein fremdes, unertrgliches Weh durchzittert, ein Weh, wie
es der betubte Totkranke empfindet, wenn er das Messer des Arztes
fhlt, den schneidenden Schmerz wie aus der Ferne, durch die Narkose
hindurch, fremd und wie mit ihr unzusammenhngend.

Wem galt es? Ihr? War's ihr eignes Weh? Und weshalb?

Isolde begann zu laufen.

>Das mu man abschtteln mit aller Kraft, -- sonst frit sich's ein.<

Und sie lief einen stillen Wiesenweg entlang, lief und lief.

Das Herz schlug ihr, die Pulse klopften und ihre Seele lief auch durch
ungemessne Rume -- krperlos.

Also dem Tod lief sie zu?

Ja, und mit ausgebreiteten Armen.

Nein, sie kroch ihm nicht entgegen.

Gottlob! Das fhlt sie mit Jubel, sie kroch nicht!

Dann hatte sie doch etwas im Leben erreicht. Dann war sie doch etwas.

Und da war es wieder das wunderbare Gefhl. Sie empfand sich wieder als
der Begriff des ewig bedrckten Weibes, des geistberaubten Weibes, der
Sklavin aller Vlker.

Und da brach ein Jubel in ihr auf.

Und habt ihr eine Welt auf mich geworfen -- ich breche durch! Und habt
ihr mich verschttet mit Schutt von Jahrtausenden -- ich breche durch!

Da mute sie aufschreien im Kraftgefhl.

Dann barg sie ihr Gesicht in einen vollen, jungen Buchenbusch, der am
Wege herrlich entfaltet stand, weich und grn, feucht und flaumig.

Sie khlte ihr junges Gesicht in seinem duftenden Laub. Sie whlte es
ganz darin ein, wie in die Freuden der Erde.

Wie in die Freuden der Erde! Das sagte sie weich und innig. Dann warf
sie sich nieder und kte den Boden auf dem sie stand.

Ich komme wieder! rief sie laut. Ich komme wieder!

Und wie im Gebet prete sie die Hnde ineinander.

Ja, sie wollte wiederkommen -- und sie mute wiederkommen. Das war ihr
fester, groer Wille, ihr heiliger Entschlu.

Es gab hier eine Welt dumpfer, dummer, matter Seelen, Halbtierseelen!
Sie wollte einen tiefen Todesschlaf halten, der die Krfte sthlte; dann
wollte sie wiederkehren, stark und rein und gut -- und mchtig -- alles
vermgend, mit der Kraft zu erlsen.

So stand sie unerschtterlich, Herrin ber Leben und Tod -- in der Wonne
ihrer groen Krfte schon entrckt -- und wartete auf die Sonne.




Anmerkungen zur Transkription

Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
gekennzeichnet. Fremdsprachige Textstellen, die im Original in Antiqua
gesetzt sind, wurden ^so^ markiert.

Einfache Anfhrungszeichen wurden durch ">" und "<" ersetzt.

Offensichtliche Druckfehler wurden, zum Teil unter Verwendung spterer
Ausgaben, korrigiert wie hier aufgefhrt (vorher/nachher):

   [S. 2]:
   ... lecken und auflsen wrden. ...
   ... lecken und sie auflsen wrden. ...

   [S. 2]:
   ... thalergroe Flecken und dem aufgehuften ...
   ... thalergroe Flecken und von dem aufgehuften ...

   [S. 7]:
   ... Uber diesen Haufen neugieriger Lebewesen, die ...
   ... ber diesen Haufen neugieriger Lebewesen, die ...

   [S. 9]:
   ... Es sind da auch zwei Seelen in dem einem ...
   ... Es sind da auch zwei Seelen in dem einen ...

   [S. 36]:
   ... und lie alles Grauen, ber sich hingehen, ohne ...
   ... und lie alles Grauen ber sich hingehen, ohne ...

   [S. 38]:
   ... oder Reisbrei. Nur Karl erhielt seine Kotelette ...
   ... oder Reisbrei. Nur Karl erhielt seine Kotelette, ...

   [S. 38]:
   ... Restegeschften, die Stoffe zu diesen Kleidern ...
   ... Restegeschften die Stoffe zu diesen Kleidern ...

   [S. 45]:
   ... Wunder! deklamierte er mit mchtiger Stimme ...
   ... Wunder! deklamierte er mit mchtiger Stimme. ...

   [S. 55]:
   ... Marie fragte zaghaft. Und geht Mama ...
   ... Marie fragte zaghaft: Und geht Mama ...

   [S. 74]:
   ... was man im allgemeinen nennt glcklich ...
   ... was man im allgemeinen nennt glcklich. ...

   [S. 88]:
   ... ahnungsvoll, wie eine Nonne eine Relique ...
   ... ahnungsvoll, wie eine Nonne eine Reliquie ...

   [S. 92]:
   ... Der Weg fhrt sanft abwrts. ...
   ... Der Weg fhrte sanft abwrts. ...

   [S. 103]:
   ... etwas hat in seinem Leben wie ud gefunden, ...
   ... etwas hat in seinem Leben wie du gefunden, ...

   [S. 110]:
   ... Henry Mengersen wandelte auf der Terasse ...
   ... Henry Mengersen wandelte auf der Terrasse ...

   [S. 110]:
   ... blauen Wlkchen seiner Cigarrette nach und ...
   ... blauen Wlkchen seiner Cigarette nach und ...

   [S. 110]:
   ... lag und den weigrauen Himmel wiederspiegelte. ...
   ... lag und den weigrauen Himmel widerspiegelte. ...

   [S. 119]:
   ... Verehrteste, teuerste, tiebste Mary, verschonen ...
   ... Verehrteste, teuerste, liebste Mary, verschonen ...

   [S. 135]:
   ... In seinem Hause war sie jahrelang- ein und ...
   ... In seinem Hause war sie jahrelang ein- und ...

   [S. 146]:
   ... werden die beiden Vestalinen, die Flamme ...
   ... werden die beiden Vestalinnen, die Flamme ...

   [S. 162]:
   ... Natur! Dies blinde, Sich-ins-Elend-strzen-wollen, ...
   ... Natur! Dies blinde Sich-ins-Elend-strzen-wollen, ...

   [S. 172]:
   ... Und was im geringsten auf eins dieser Dinge ...
   ... Und wer im geringsten auf eins dieser Dinge ...

   [S. 175]:
   ... da Licht brennen und starrte vor sich hin. ...
   ... das Licht brennen und starrte vor sich hin. ...

   [S. 177]:
   ... >Also doch ein wohlberechneter Heiratsplan ...
   ... >Also doch ein wohlberechneter Heiratsplan, ...

   [S. 197]:
   ... bsem Gewissen versetzt war dieses Sich-wohl-sein-lassen ...
   ... bsem Gewissen versetzt war, dieses Sich-wohl-sein-lassen ...

   [S. 223]:
   ... Er sperrte, ganz verblfft Augen und ...
   ... Er sperrte ganz verblfft Augen und ...

   [S. 243]:
   ... denkt heut nicht meht daran, etwas zu thun. ...
   ... denkt heut nicht mehr daran, etwas zu thun. ...

   [S. 255]:
   ... Dieser Realitt- und Wahrheitfanatiker ...
   ... Dieser Realitts- und Wahrheitsfanatiker ...

   [S. 267]:
   ... kann, mit aufgehobenenen Hnden. Gott lohns ...
   ... kann, mit aufgehobenen Hnden. Gott lohns ...

   [S. 297]:
   ... Welt. Baut eine unneinnehmbare Veste aus ...
   ... Welt. Baut eine uneinnehmbare Veste aus ...

   [S. 302]:
   ... In allen Heimsttten, feiern sie Weihnachten. ...
   ... In allen Heimsttten feiern sie Weihnachten. ...

   [S. 303]:
   ... verdeckte Tische mit Geschenken ...
   ... verdeckte Tische mit Geschenken. ...

   [S. 309]:
   ... so vieltem Mal und versank wieder in dem weichen, ...
   ... so vielten Mal und versank wieder in dem weichen, ...

   [S. 325]:
   ... Hause bedrckte und erregte. Sie kannte das ...
   ... Hause bedrckte und erregte. Sie konnte das ...

   [S. 337]:
   ... im Grunde, die robuste, die ungegliederte ist, ...
   ... im Grunde die robuste, die ungegliederte ist, ...

   [S. 341]:
   ... tote, dunkle Masse und drckt und erstickte und ...
   ... tote, dunkle Masse und drckte und erstickte und ...

   [S. 348]:
   ... gekreuzigt stehen lt, wie eine Mrtyrin du ...
   ... gekreuzigt stehen lt, wie eine Mrtyrerin du ...

   [S. 350]:
   ... Sonderbar ...
   ... Sonderbar. ...






End of the Project Gutenberg EBook of Halbtier, by Helene Bhlau

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HALBTIER ***

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*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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with this agreement, and any volunteers associated with the production,
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that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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