The Project Gutenberg EBook of Meine Lebens-Erinnerungen - Band 1 (of 4), by 
Adam Oehlenschlger

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Title: Meine Lebens-Erinnerungen - Band 1 (of 4)

Author: Adam Oehlenschlger

Release Date: March 22, 2015 [EBook #48557]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MEINE LEBENS_ERINNERUNGEN - BAND 1 ***




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[Illustration: A Oehlenschlger]




                       Meine Lebens-Erinnerungen.

                               Ein Nachla
                                   von
                          Adam Oehlenschlger.

                        Deutsche Originalausgabe.

                              Erster Band.


                                 Leipzig
                        Verlag von Carl B. Lorck.
                                  1850.

                    *       *       *       *       *




                                Vorwort.


Als ich das erste Mal mein Leben niederschrieb, geschah es in Folge
einer Aufforderung des Buchhndlers Max in Breslau, des Verlegers
meiner deutschen Schriften. Ich mute mich beeilen; und obgleich dies
natrlich eine genaue Aufzeichnung vieler characteristischen Zge
unmglich machte; wie es mich auch zwingen mute Vieles zu bergehen,
das theils vergessen wurde, theils nicht ausgefhrt werden konnte, --
so dachte ich doch: Etwas ist besser als Nichts. Ich erinnerte mich so
vieler Verfasser, die Nichts ber ihre Erlebnisse hinterlassen hatten,
weil sie es whrend ihres Lebens von einem Tage zum andern aufschoben.
Damit dies nun nicht mit mir geschehen solle (theils wute ich, da
Viele meine Biographie wnschten, theils fhlte ich mich dazu durch den
dem Menschen eingegebenen Selbsterhaltungstrieb gedrngt), so schrieb
ich sie rasch nieder und bersetzte sie spter in das Dnische. Sie ist
mit vieler Aufmerksamkeit und Theilnahme gelesen worden. Aber wenn ich
diese Biographie jetzt lese, so finde ich sie so fragmentarisch und
unvollstndig, da sie mich selbst auf keine Weise zufrieden stellen
kann. Oft ist Das, was dort steht, nur die Ueberschrift zu Kapiteln, die
nicht geschrieben sind. Da nun das philosophische Gesetz: Kenne Dich
selbst! nicht anders befolgt werden kann, als indem man sich selbst
recht genau betrachtet, und sich in der Reihe aller seiner Handlungen,
Meinungen, Gefhle und Verhltnisse verfolgt; -- so ist ja eine solche
Aufzeichnung eine Pflicht fr Den, welcher sie zu geben vermag, und sie
zu einem Nutzen und Vergngen fr Andere machen kann. Ich bin selbst
ein groer Liebhaber von Biographien, wenn sie gut geschrieben sind;
das heit: wenn der Verfasser Das, was er erlebte, mit Geist und Herz
aufgefat hat, und Phantasie genug besitzt, um all' die kleinen Zge
darzustellen, die an und fr sich unbedeutend erscheinen, aber zusammen
genommen die Linien und das Colorit hervorbringen, welche eine bestimmte
Physiognomie darstellen und den beachtenswerthen Menschen von der
einfrmigen Menge unterscheiden.

Aber whrend wir nun also mit Lust und Offenherzigkeit ans Werk gehen,
begegnen wir auf dieser Rckreise des Lebens, ebenso wie auf der
Hinreise, manche Klippen, die umschifft werden mssen, und Berge, die
nicht berstiegen werden knnen, sondern die man umgehen mu.

Das Zartgefhl, die Bescheidenheit, die Schonung gebieten uns oft,
Verhltnisse mit Anderen nicht zu berhren, ber deren Offenherzigkeit
wir kein Verfgungsrecht haben. In solchen Augenblicken fhlt man den
Nutzen des Romans, in welchem der Dichter viel Wahres, Geschehenes und
Erlebtes darstellen kann, das er sonst nicht mitzutheilen vermchte,
weil persnliche Verhltnisse oder Schonung ihn dazu zwingen, die
Begebenheiten in den Schleier der Erfindung einzuhllen. Wir sprechen
hier nicht von dem hhern Gewinne: die einzelnen Zge zu etwas Besserem,
zu etwas Zusammenhngendem und Vollkommenem zu idealisiren. Im Romane
mu die Gthe'sche Form: Wahrheit und Dichtung, befolgt werden. Hier
kann der Dichter die arme Wirklichkeit mit allen Reichthmern der
Einbildungskraft, des Gefhls und Gedankens verschnern oder ausmalen.
Aber in der Biographie selbst, scheint mir, darf dies nicht Statt
finden. Das hchste Verdienst und grte Interesse der Biographie
besteht gerade darin, da sie eine wirkliche Lebensbeschreibung ist.
Das Geschehene gewinnt, je mehr der Verfasser im Stande ist, es mit dem
Gedanken, dem Gefhle und der Phantasie aufzufassen; aber hierin besteht
das Ideale; nicht darin, Erfindungen mit Ereignissen zu vermischen,
wodurch es weder das Eine noch das Andere wird, obgleich diese Mischung
wohl, wenn der Verfasser Genie besitzt, auch sehr interessant werden
kann. Und spricht man es, wie Gthe, offen auf dem Titelblatte aus, so
hat man ja Keinen hinters Licht gefhrt. Gthe meint, es sei unmglich,
Etwas zu erzhlen, ohne zu idealisiren. Sobald das Idealisiren in der
Darstellung und nicht in der Composition liegt, huldige ich ihm; dann
wird es zur Wahrheit und Dichtung, und so hat der groe Dichter gewi
auch -- bis auf einzelne Episoden -- sein Leben erzhlt.

Fr mich hat die arme ehrliche Wahrheit, und die Gabe, das Leben in
seiner Beschrnktheit mit klarer Wahrheitsliebe auffassen zu knnen,
auch einen eigenen Reiz; sie gehrt der Biographie, sowie der Geschichte
selbst an, und ich habe mich stets befleiigt, an ihr festzuhalten:
sollte dies in einzelnen Kleinigkeiten nicht geschehen sein, so ist mir
mein Gedchtni untreu geworden.

Viele Bedenklichkeiten fallen hinweg, wenn die Menschen, mit denen man
gelebt hat, gestorben sind, dehalb sind die Lebensbeschreibungen am
vertraulichsten und am wenigsten zurckhaltend in den Jugendjahren des
Erzhlers und werden verschwiegener und vorsichtiger, je mehr sich die
Zeit seiner letzterlebten Periode nhert. Was nun das betrifft, so sind
Viele heimgegangen, seitdem meine erste Lebensbeschreibung erschienen;
ich habe freiere Hand bekommen, ich habe auch Manches seitdem erlebt,
das sich erzhlen lt, und so bin ich also im Stande, meinen Lesern
jetzt eine weit vollstndigere Selbstbiographie, als das erste Mal
mitzutheilen.

Aus einem Stammbuche, das von meinem Grovater und Vater deutsch
geschrieben ist, ziehe ich folgende Aufzeichnungen als Einleitung aus.
Erst die meines Grovaters August Henrich Oehlenschlger.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Aufzeichnungen meines Grovaters.]

Anno 1672 -- sagt er -- wurde mein seliger Vater Christoffer
Oehlenschlger geboren, und nach seines Vaters, Henrich Oehlenschlger's
Tode, bekam er nach ihm, von Seiner hochfrstlichen Durchlaucht, dem
Bischof von Eutin, den Organistenposten in Rensfeld. Anno 1696 starb
mein Grovater. 1705 ging mein seliger Vater ein christliches Ehebndni
mit meiner Mutter Elisabeth Gerdes, in Schlutop geboren, ein. Anno 1715
den 2. Februar Abends zwischen 10 und 11 kam ich ans Licht und empfing
durch Gottes Gnade den 6. dito die heilige Taufe. 1718 wurde mein
jngerer Bruder, Peter Christoffer, geboren. Anno 1729 den 11. December
Morgens 10 Uhr schlief mein lieber Vater sanft und selig ein, und am 21.
dito wurde er zu seiner Ruhesttte gebracht. Sein Leichentext war der
11. Vers des 84. Psalms: Denn ein Tag in Deinen Vorhfen ist besser,
denn sonst tausend. Ich will lieber der Thr hten in meines Gottes
Hause, denn lange wohnen in der Gottlosen Htten.

Der Grovater meiner Mutter vterlicherseits hie Marcus Gerdes, wohnte
in Schlutop und war ein Fischer. Ihr Grovater mtterlicherseits, Peter
Hofemann, war auch Fischer. -- Anno 1737 ging mein Bruder Christoffer
von Lbeck fort, und ich bekam einen Brief von ihm aus Bremen, in dem
er schrieb, da er beabsichtige, nach Holland zu reisen. Von Amsterdam
meldete er mir, da er Willens sei, entweder nach Ost- oder Westindien
zu gehen, da er nach Middelburg in Zeeland reisen und bei Einem wohnen
wolle, der Ludwig Korn op de Kay hie. In Amsterdam hat er einen
Kaufmann gekannt, der Conrad Spiek hie. Ein spterer Brief meldete,
da er in Ostindien employirt werden solle, wohin er mit dem Schiffe
Wickenburg gegangen war, und da er keinen unserer Briefe erhalten
htte, weil sie alle von Jochum Havemann aufgeschnappt wren. Aus
Batavia erhielten wir 1739 den 30. Januar einen Brief von ihm, worin
er meldete, da er op de Guarnisoncammer angestellt sei, da er die
Kinder des ersten Buchhalters informire, und da er Hoffnung habe,
Buchhalter zu werden. Unsere Briefe an ihn muten die Aufschrift haben:
Batavia in het Casteel op de Guarnisoncammer to behandigen: Pieter
Christoffel Keulenslger. Mehre Jahre darauf in meiner Kindheit suchte
mein Vater Nachrichten ber diesen Oheim mit dem vernderten Namen zu
erhalten, von dem das Gercht ging, da er ein reicher Mann in Batavia
geworden sei; aber wir hrten nie Etwas von ihm.

Mein Grovater verheirathete sich zum ersten Mal 1743 mit Anna
Margaretha Faasch. Mit ihr hatte er einen Sohn Joachim Joseas; die
Mutter starb 1746 und das Kind ein Jahr nachher. Darauf erzhlt mein
Grovater: Anno 1747 den 12. Mai lie ich mich mit meiner herzliebsten
Gattin Tolstrup kopuliren. Gott, der das Herz des Menschen beherrscht,
fhre uns stets auf den rechten Weg, und vermehre unsere innige Liebe
von Tag zu Tage, und fge es auch so mit uns, da wir ihm allezeit
danken, und seinen heiligen Namen loben und preisen mssen, Amen! Dazu
helfe uns der Herr Jesus! Amen!

In diesem frommen Ton sind alle Aufzeichnungen abgefat. Anno 1748
den 31. Juli wurde mein Vater =Joachim Conrad= geboren. Der geheime
Conferenzrath =Joachim Brockdorf= auf Ner war sein Pathe, und nach ihm
ist mein Vater vermuthlich genannt worden.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Aufzeichnungen meines Vaters.]

Nun kommen die Aufzeichnungen meines Vaters. Aus diesen ersehe ich, da
mein Grovater 1753 als Organist in Krusendorf starb, nachdem er sein
Amt zehn Jahre lang lobenswerth und als ein guter Christ verrichtet
hatte. Das Jahr darauf verheirathete meine Gromutter sich wieder mit
=Marquard Bolt=, der das Amt meines seligen Grovaters bekam. 1765 kam
mein Vater nach Rendsburg zum Organisten =Rosenbaum=, blieb bei ihm
zwei Jahre, und machte dort Fortschritte in der Musik. Und nun wurde
der siebenzehnjhrige Schleswiger von seinem Stiefvater nach Kopenhagen
zu dem damals in Dnemark allmchtigen Grafen Adam Gottlob Moltke
geschickt, der wahrscheinlich bei irgend einer Gelegenheit versprochen
hatte, sich des Jungen anzunehmen, und ihn seiner Zeit zu befrdern.

[Sidenote: Meine Mutter.]

Da mein Vater ein tauglicher Clavierspieler gewesen sein mu, kann ich
daraus wissen, da er, wie er selbst erzhlt hat, bei seiner Ankunft in
Kopenhagen gleich den jungen Comtessen Unterricht auf dem Clavier gab.
Auch habe ich noch ein Attest von dem Pastor Lorch an der deutschen
Friedrichskirche auf Christianshafen, worin dieser meinen Vater nach
abgelegter Probe wegen der Kenntnisse und der Fertigkeit lobt, deren
es bedarf, um ein guter Schullehrer auf dem Lande in den deutschen
Provinzen zu werden. Aber sowie Jacob dem Laban mehrere Jahre dienen,
und erst die hliche Lea nehmen mute, ehe er die schne Rahel bekam,
so muten in jenen Tagen auch die Brgerlichen oft im buchstblichen
Sinne den Groen dienen, wenn sie von diesen befrdert werden wollten.
Dies war ein Schicksal, dem sich zuweilen selbst theologische Candidaten
unterwarfen. Mein Vater, ein halber Bauerjunge aus den Htten in
Krusendorf, hat wahrscheinlich durchaus nichts dagegen gehabt, den
Winkel im Dorfe mit dem Palais auf Amalienburg zu vertauschen, und
Theilnehmer an allen groen Festen, Lustbarkeiten und Genssen zu sein;
gleichviel ob dies sitzend oder stehend, frher oder spter geschah.
-- Hier lernte er meine Mutter Martha Maria Hansen kennen. Ihr Vater,
ein Deutscher, war kniglicher Bevollmchtigter. Meine Gromutter
mtterlicherseits, Anna Maria, war die Tochter eines Bckers Severin
in Kopenhagen. Mein Grovater mtterlicherseits hinterlie bei seinem
frhen Tode eine Wittwe mit drei Kindern. Die Eltern meiner Mutter waren
also Deutsche, und sie, ebenso wie mein Vater, wurde deutsch erzogen.
Mir ist, als ob mein Vater mir erzhlt htte, da meine Gromutter nach
dem Tode ihres Mannes mit ihren Kindern eine Reise nach Deutschland
machte; aber in der uersten Noth zurckkehrte. Meine Mutter war in
ihrer frhesten Jugend auf dem Lande bei einem Verwandten: dem Verwalter
=Bruun= aus Herlufsholm, im sdlichen Seeland. Ich habe sie im Scherz
erzhlen hren, da, wenn nicht Altersverschiedenheit zwischen ihnen
Statt gefunden htte, aus ihr und dem Sohne, der in die herlufsholmer
Schule ging, und spter der bekannte Dichter =Thomas Christopher
Bruun= wurde, ein Paar htte werden knnen. Von Bruun's kam sie als
Wirthschafterin zum Prokanzler Cramer in Kopenhagen, der sie mit
auerordentlicher Gte und Achtung behandelte, und ihr Bcher, unter
andern seine eigenen Predigten verehrte, die ich noch besitze. Cramer's
Haus war ein Sammelplatz fr ausgezeichnete Deutsche, und dies hat gewi
viel zu der mehr als gewhnlichen Bildung meiner Mutter beigetragen.
Auch =Klopstock= kam dort ins Haus. Ich entsinne mich, da meine Mutter
mir erzhlt hat, wie sie ihm einmal ihre silbernen Schuhschnallen lieh,
als er zur Maskerade wollte. Sie liebte ihn brigens nicht sehr, er
war ihr zu berspannt; =Gellert= sagte ihrem Herzen viel mehr zu. Von
Cramer's aus wurde sie Kammerjungfer bei der Grfin =Moltke=; und das
war in der damaligen Zeit fr ein armes Brgermdchen eben so viel, als
ob sie zur Knigin kme und ihr Glck machte. Meine Mutter soll in ihrer
Jugend sehr schn gewesen sein. Mein Vater hat erzhlt, da mehre junge
vornehme Damen sie beneideten, weil sie weiere Hnde, als sie hatte,
obgleich diese die ihrigen doch tglich mit Mandelkleie wuschen, und sie
nur mit grner Seife. --

[Sidenote: Abstammung.]

Man sieht also, da ich von vterlicher Seite durch mehrere Glieder von
angelschsischen Musikanten und Fischern abstamme. Der Vater meiner
Gromutter, von vterlicher Seite, =Tolstrup= war ein Jtlnder, mein
Grovater mtterlicherseits, =Hansen= ein Hochdeutscher, und der Vater
meiner Gromutter mtterlicherseits, =Severin=, ein Kopenhagener. Weiter
wei ich nichts Zuverlssiges von meinem Geschlechte zu sagen. Da der
berhmte =Adam Olearius= oder Oehlenschlger, der die morgenlndische
Reise mit =Paul Flemming= machte und ein seiner Zeit klassisches Werk
darber herausgab, zu unserer Familie gehrte, ist wahrscheinlich. Sein
Vater war Schneider und indem ich mit ihm in Verwandtschaft komme,
knnte ich, sowie Gthe, Schneiderahnen haben. Er war nicht nur Lehrer,
sondern auch Schngeist, konnte gut persisch und bersetzte Saadi's
Rosengarten und Lockman's Fabeln ins Deutsche. Da er Bibliothekar und
Hofmathematiker des Herzogs von Holstein-Gottorp war, und nach seiner
Reise wieder nach Holstein zurckkam, ist es um so wahrscheinlicher,
da er zu unserer Familie gehrt. Zu den Patriciern Olenschlager in
Frankfurt wage ich mich nicht zu rechnen, obgleich ich mich erinnere,
da mein Vater zuweilen von Frankfurt als einem Orte sprach, wo
Verwandte leben sollten.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Stellung meines Vaters.]

Von 1767 bis 1778 war mein Vater beim Grafen Moltke; darauf heirathete
er meine Mutter und wurde Organist in dem eine Viertelmeile von
Kopenhagen gelegenen Friedrichsberg. Meine Eltern wohnten zuerst in
der nach Friedrichsberg fhrenden Vorstadt Westerbrcke im Hause Nr.
53, gleich rechter Hand, wenn man aus der Friedrichsberger Allee kommt.
Dieses kleine, mit Fachwerk gebaute Haus, steht zufllig noch jetzt
so wie vor 70 Jahren. Das Jahr darauf 1779 wurde ich am 14. November
geboren.

Ein lterer Bruder desselben Namens, wie ich, der ein Jahr frher
geboren war, wurde nur 24 Stunden alt. Ein Jahr nach meiner Geburt
erhielt mein Vater die Stelle als Bevollmchtigter auf dem Schlo
Friedrichsberg bei dem Generalinspector Schmidt, einem sehr
tchtigen Manne und gutem Kopfe. Mein Vater hatte Hoffnung, nach ihm
Schloverwalter zu werden, wenn Schmidt seinen Abschied nahm und nach
Jtland zog, denn er war ein vermgender Mann. Aber als ein Verwandter
von Schmidt, ein junger Mann, Voigt, der die neue Grtnerkunst in
England gelernt hatte, nach Hause kam, erhielt er das Amt. Erst viele
Jahre spter wurde mein bei weitem lterer Vater, nach dem Tode des
Jngern, Schloverwalter. Voigt gestaltete den in der Zeit Friedrich's
V. angelegten Park Sndermarken (das Sdfeld) nach neuestem Geschmack
um. Er war Grtner mit Leib und Seele, zog bei den Gutsbesitzern in
Seeland umher, half ihnen Grten anlegen, und berlie meinem Vater das
Schlo. Er erwies ihm all' die Achtung, die der Jngere dem Aelteren
erweisen kann, obgleich er ber ihm stand. Er hatte ein freundliches
Gesicht; wenn er mir in meinen Kinderjahren begegnete, so nannte er
mich stets Master Adam! Ich konnte nicht begreifen, wie ich schon
Meister geworden sei; erst viele Jahre spter begriff ich, da dies eine
Redensart war, die er von England mitgebracht hatte.

                    *       *       *       *       *

Schmidt wurde sehr alt, ich glaube gegen 90 Jahre. Ich besitze einen
Brief von ihm, den er in hohem Alter an meinen Vater mit krftiger Hand
geschrieben hat, -- in welchem er ihm zu seinen Kindern Glck wnscht,
und aus dem ich sehe, da dieser Greis Sinn fr Poesie hatte.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Meine Geburt.]

Bei meiner Geburt war ein berhmter Arzt Culpin, ein Deutscher, meiner
Mutter behlflich. Kaum war ich zur Welt gebracht, als Culpin, ein
flinker lustiger Mann, um meine Mutter, die ein Jahr vorher ein Kind
verloren hatte, zu trsten und zu erfreuen, mich bei den Beinen nahm,
ihr entgegenhielt und ausrief: Meiner Seel' ein groer Junge! --

                    *       *       *       *       *

Man hatte damals die ble Gewohnheit, welche vielen Menschen an Gliedern
und Gesundheit geschadet hat, die Kinder mit den Armen einzuwickeln.
Ein kleiner Junge, der uns gegenber am Eingange zur Allee wohnte, kam
einmal herber, um mich in der Wiege zu sehen, lief aber gleich wieder
erschreckt nach Hause, und rief seiner Mutter zu, die ihn fragte, warum
er so schnell zurckkomme: Mutter! das Kind hat keine Arme. Dies war
der jetzige Herr Justizrath =Hvalse=. Ich hatte viel vornehme Pathen
in der Friedrichsberger Kirche; die Grfin Moltke hielt mich ber die
Taufe. Als sie meine Mutter fragte: Wie soll das Kind heien, und
meine Mutter geantwortet hatte: Adam Gottlob, sagte sie: Das will ich
hoffen.

Der Sohn, den meine Eltern ein Jahr vorher gehabt hatten, hie auch
Adam Gottlob. Er wurde, wie gesagt, nur 24 Stunden alt. Mein Vater, ein
munterer, launiger Mann, pflegte oft, wenn er von seinen Kindern sprach,
zu sagen: Ja, mein ltester Sohn, der war ein ganz anderer Kerl, als
dieser Poet.

                    *       *       *       *       *

Ich entsinne mich noch deutlich des Morgens, wo das Mdchen hereinkam,
und meinem Vater und mir sagte, die wir in einem Bett mit grnen,
wollenen Gardinen im Comptoir, dicht neben dem sogenannten Ostthore im
Schlosse, schliefen, da meine Schwester Sophie geboren sei. Ich war
damals dritthalb Jahr alt. Ich lag im Bett und sah einen groen Nagel
in der Wand an, der mit Papier umwickelt war, und der Wind heulte im
Schornstein und Ofen, wo man kurz vorher eine groe Eule gefunden hatte,
die herabgefallen war. Ich sehe meinen Vater noch den Kamin und das
Fenster ffnen und die Eule ber die Bume auf dem Schloberg wegfliegen.

[Sidenote: Erste Jugendthat.]

Die erste That, deren ich mich entsinne, in der Welt ausgefhrt zu
haben, war ein Mord in aller Unschuld an einem kleinen Hunde, den ich
sehr lieb hatte. In dem gewlbten unterirdischen Gange, der vom Schlo
zur Kche fhrt, sind zwei Luft- und Lichtlcher, beide jetzt bedeckt,
und das eine im Garten der Knigin verborgen; aber damals waren beide
zugnglich, unbedeckt und nur von einem Gelnder umgeben. -- Zu dieser
Zeit war im Schlogarten ein Handlanger, der Schulz hie, mit einem
groen schwarzen Bart, welcher mir Angst vor ihm einflte. Vielleicht
um mich vor den Lchern in dem geheimen Gange einzuschchtern, hatte man
mir gesagt, da dieses unterirdische Gewlbe Schulze's Kirche sei.
Einmal, als ich im besten Spiele mit dem kleinen Hunde begriffen war,
bekam ich den tollen Einfall, -- nicht um dem Hunde zu schaden, oder
weil ich bse auf ihn war; ich streichelte und kte ihn im Gegentheil;
-- ihn in Schulze's Kirche hinabzuwerfen. Obgleich mir selbst davor
bange war, dort hinunter zu gehen, so glaubte ich doch, da der Hund
daselbst gut aufgehoben sei. Vielleicht hoffte ich auch, da er bald
zurckkommen und mir Etwas von der wunderbaren Kirche erzhlen knne.
Ich eilte also aus allen Krften, obgleich mein Vater mir auf den Fersen
war, und warf ihn hinab. Was hast Du gethan, Junge? wo ist der Hund?
Ich habe ihn in Schulze's Kirche hinuntergeworfen. -- Folge mir! --
ich mute mit in die schreckliche Kirche hinabgehen, und als ich dort
meinen Liebling jmmerlich zerschmettert und todt fand, erfllte ich
das Gewlbe mit meinem Geschrei, und mein Vater hatte alle Mhe, um
mich von der Hhle, von dem kleinen todten Hunde fortzubringen, den ich
wieder lebendig kssen wollte.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Die Leibgarde.]

Als kleiner Junge nahmen meine Eltern mich einmal nach Kopenhagen zu
einigen Bekannten mit, wo ich beinahe das Leben verloren htte, indem
ich fiel und mir das Kinn zerschlug. Ich trage noch jetzt eine tiefe
Narbe davon. Auf meinen Reisen im Auslande setzte mich dies in Respect,
denn sie sah wie eine Narbe von einem Sbelhiebe aus, den ich in einem
Duell bekommen htte.

Was ich in dieser frhen Kindheit auf dem Schlosse am meisten liebte,
war die Leibgarde. Ich hatte mir ein kleines Holzgewehr mit Kienru
berstrichen verschafft; damit stand ich immer in einer gewissen
Entfernung von den Soldaten auf dem Schlohofe und prsentirte nach dem
Commando der Offiziere. Der Kronprinz, spter Friedrich VI., sah mich
daselbst oft von seinem Fenster aus, und soll einmal, als ich nicht
da war, gefragt haben: Aber wo bleibt denn Adam heute? -- Wenn ich
mich zuweilen dem Offiziere nhern durfte, und er mir erlaubte, seinen
Sbel herauszuziehen und die Klinge zu betrachten, so fhlte ich mich
von dem feierlichsten Gefhle durchdrungen. Die schne blanke und blau
angelaufene Stahlwaffe schien mir wie ein Talisman; wer sie in seiner
Hand schwang, glaubte ich, msse stets siegen und erobern. Wenn die
knigliche Familie im Herbst nach der Stadt zurckkehrte, so spielte
die Leibgarde an dem Tage, wo sie fortging, immer einen andern Marsch,
als den gewhnlichen. Ich ging hinterher, als ob ich einer Leiche
folgte, und am Hgel, wo wir uns trennten, weinte ich meine bitteren
Thrnen. Mein einziger Trost bestand darin, mit meiner Schwester Sophie
in die leeren Zimmer hinaufzugehen, und Medicinflaschen zu suchen,
deren dort immer viele standen. Wir wuschen sie aus und spielten mit
ihnen, bis sie entzwei gingen. Zwei Mal wurde ich auf das Angenehmste
durch einen Fund berrascht, den ich nie erwartet hatte: der eine war
ein Kupferschilling, der auf einem Marmorconsoltisch bei einer Hofdame
von Puder bedeckt lag; der andere ein Kuchen auf einem Brett in der
Conditorei.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Wintervergngen.]

Im Winter fuhr ich mit einem kleinen Schlitten, der dem Kronprinzen
gehrte, und den mein Vater unter anderm Gerumpel auf dem Boden gefunden
hatte. Oft bat ich die Bauern vor dem Schlothore, da ich meinen
Schlitten an ihren Wagen binden drfe; und wenn sie es mir erlaubten, so
fuhr ich mit ihnen den Berg hinunter. -- Ein Mal wollte ein schlechter
Kerl mir meinen Schlitten wegnehmen und griff nach dem Stricke, aber ich
schlug seinen Arm so derb mit dem Besenstiel, den ich mit hatte, da er
los lie. Mit zwei Besenstielen pflegte ich mich sonst auf dem Schlitten
selbst den Berg hinunter zu schieben, wenn keine Wagen da waren.

Meine Schwester war zuweilen mit dabei. Sie spielte gern mit mir. Der
Kronprinz, der uns im Sommer oft auf dem Schlohof zusammensah, fragte
mich einmal freundlich, als er an uns vorberging: Adam, wie heit
Deine Schwester? Sie heit Sophie, antwortete ich. Sie sollte Eva
heien, meinte der Kronprinz.

                    *       *       *       *       *

Ich entsinne mich eines Winterscherzes, der nicht so munter ablief,
wie die Schlittenfahrt. Es war ein schneeiger Tag, es begann zu thauen
und ich machte einen meiner gewhnlichen Schneemnner auf dem Hofe;
die Augen von Kohlen und die Lippen von rothem Ziegelstein. Nun kam
mir aber die Lust, in diesem Fache weiter zu arbeiten, und ich bekam
einen -- meiner Ansicht nach -- kstlichen Einfall. Das eiserne Gitter
des Schlosses stand an diesem Tage gerade nicht offen. Es fuhren viele
Bauern von Kopenhagen nach Hause. Die Wachstube der Leibgarde war neben
dem eisernen Thore, das Fenster lag nach der Landstrae hinaus und im
Zimmer stand ein groer Tisch. Was hatte ich zu thun? Ich bedecke den
Tisch mit Schneebllen, sowie ein Bcker seine Fcher mit Pfannenkuchen,
mache das Fenster auf und bombardire nun von meiner sichern Festung
aus die Bauern, whrend sie vorber fuhren, mit Schnee in den Nacken.
Von ihnen hatte ich Nichts zu frchten, denn erstens konnten sie nicht
herein kommen und zweitens konnten und wollten sie nicht Pferde und
Wagen verlassen. Aber ich hatte nicht an einen mchtigen Bundesgenossen
gedacht, der sich der unschuldig Angegriffenen annahm, und mir
unerwartet in den Rcken fiel. Dies war mein eigener, leiblicher Herr
Vater, der die Thr der Festung ffnete, und meinen Rcken mit einem
Endchen Tau verarbeitete, das er zu diesem Gebrauche mitgenommen hatte,
ohne sich im Geringsten durch das Inventise der Ausfhrung und das
Lustige der Situation bestechen zu lassen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Die Schule.]

Sie brachten mich zu einer verdrielichen alten Frau in die Schule, wo
ich der Gelehrsamkeit zu Liebe sehr Viel ausstehen mute. Wir muten
stets auf den Bnken still sitzen, und unser einziges Vergngen bestand
darin, die Wolle aus unsern Jacken zu zupfen und kleine Kugeln daraus zu
machen. Wenn sie es bemerkte, so schlug sie uns mit dem Fingerhut auf
den Kopf. Zuweilen bekam man einen Schlag mit einem Stcke Brennholz,
wenn gerade nichts Anderes bei der Hand war. Ich wei noch, wie ich die
Hhner und Enten auf dem Hofe beneidete, die da drauen in freier Luft
umherlaufen und gakeln und schnattern konnten ohne bestraft zu werden.
Unsere Lehrerin hie =Madame Bergau=, ihr Mann war Maler gewesen; in dem
Zimmer hing ein Portrait von ihm, wo er mit Palette und Pinsel sa;
dies betrachtete ich hufig aufmerksam. Er sah so fromm und freundlich
aus, whrend seine Wittwe uns schlug, wenn wir nicht unsere Lectionen
konnten. Eines komischen Ereignisses entsinne ich mich aus jener Zeit.
Eines Tages, als ich in die Schule gehen sollte, und etwas spter
kam, wollte ich quer ber den offenen Platz, welcher sich damals vor
dem Schulhause befand, gehen. Quer ber diesen Platz lief ein Graben,
den ich ganz vergessen hatte. Die Sonne schien mir in die Augen; das
konnte ich nicht vertragen, ich machte die Augen fast ganz zu, lief
vorwrts, und ehe ich mich's versah, stand ich bis an die Hften im
Graben im Schlamm. So kam ich in die Schule, wo ich ausgekleidet wurde
und den Unterrock der Hausmamsell anbekam, whrend meine Beinkleider
gewaschen, getrocknet und geplttet wurden, und mute so den ganzen
Vormittag sitzen zum Spott und Hohn fr Knaben und Mdchen, die es nicht
unterlassen konnten, mich auszulachen. Bald lachte ich mit ihnen, bald
weinte ich, und so verging die Zeit, bis die Hosen trocken waren.

                    *       *       *       *       *

Mein Trost war Hbner's biblische Geschichte. Wenn wir unsere Lectionen
gelernt hatten, bekamen wir Erlaubni, ein Stck daraus zu lesen. Jeder
hatte sein Lesezeichen von mehr oder weniger vortrefflichem Stoffe,
von Kattun an bis zum Gold- und Silberbrocat. Meine Mutter hatte mir
Zeichen letzter Art gegeben, die wohl auch Zeichen der verschwundenen
Herrlichkeit der Zeit sein mochten, wo sie bei der Grfin Moltke war. --
Mit all' diesen Zeichen zwischen den Blttern konnte Hbner's Geschichte
gar nicht zugemacht werden, sondern lag immer ghnend auf dem Rcken,
und streckte die unzhligen Zungen bei Moses, Joseph, David, Salomon
u. s. w., u. s. w. heraus.

                    *       *       *       *       *

Madame Bergau hatte einen Schwiegersohn, Herrn Kinderlein, der ein
Kinderfreund war. Wenn er sie besuchte, war es ein Fest; denn erstens
bekamen wir frei, und zweitens schnitt er unsere Federn, was Madame
Bergau selbst nicht konnte.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Tragische Geschichte.]

Zu dieser Zeit ungefhr mu folgende tragische Begebenheit eingetroffen
sein, die einen groen Eindruck auf meine kindliche Phantasie machte.
Ich hatte einen Vetter, einen jungen Menschen, der meine Eltern
besuchte. Er spielte einmal mit mir, ich ritt eben auf seinem Kniee,
und war seelenvergngt, als es mir einfiel ihn zu fragen: Was ist Dein
Vater? -- Landrichter! -- Landrichter! rief ich, pfui! und
sprang von seinem Kniee. Der Vetter machte groe Augen und konnte nicht
begreifen, woher diese Furcht und dieser Ekel vor dem Landrichter komme.
Die Sache war die: Kurz vorher hatte sich ein Hker an einem Weidenbaume
in der Friedrichsberger Allee gehngt. Mein Vater nahm mich mit, damit
ich ihn she. Der Hker hing ganz niedrig, so da die Fe fast den
Erdboden berhrten. Sein spanisches Rohr hatte er neben dem Graben
eingesteckt, darauf hing sein dreieckiger Hut und die Zopfperrcke.
Gerade gegenber an einem Lindenbaume in der Allee war ein kleines Buch
mit feinen Ngeln angeschlagen, in welchem berichtet stand, da er sich
aufgehngt habe, weil seine Frau ihn zum Hahnrei gemacht habe. Zwei
Ruthen hatte er gebunden und unter den Baum gelegt, die eine war eine
Birkenruthe, damit sollte die Frau gestraft werden, die andere war ein
Dornenreis, und fr ihren Buhlen bestimmt. -- Von all' Dem verstand ich
nicht das Geringste, sondern starrte nur mit Entsetzen auf den Gehngten
hin. Er sollte abgeschnitten werden, aber Keiner wollte ihn anrhren,
bevor der Landrichter angekommen sei und Hand an ihn gelegt htte, um
die Arbeit ehrlich zu machen. Ich sah ihn mit seinen Leuten kommen; er
berhrte die Schulter des Gehenkten, der nun abgeschnitten wurde. --
Daher kam mein Entsetzen und mein Widerwillen gegen den Vater meines
Vetters. Ich hatte keinen andern Begriff von einem Landrichter, als da
er ein Mann sei, der Leute abschneiden msse, die sich selbst aufgehngt
htten.

                    *       *       *       *       *

Ich hatte Einen bei jedem zweiten Worte schwren hren und fand, da
es ihm gut stehe. Nun bekam ich auch Lust, und sagte eines Tages jeden
Augenblick zu meiner Mutter: Nein, das thut Adam wei es Gott nicht.
Statt mich zu strafen, sagte sie jedesmal ganz ruhig: Nein, das thut
Adam gewi nicht. Auf diese Weise brachte sie mich bald dahin, das
Schwren zu unterlassen.

                    *       *       *       *       *

Mein Vater pflegte zuweilen, wenn er mit mir spielte, mich in's Ohr zu
kneipen und zu sagen: Bist Du nicht meine Canaille? -- Eines Tages,
als Fremde bei uns waren, stellte ich mich mitten in's Zimmer, sttzte
beide Hnde in die Seiten, sah meinen Vater starr an, und rief laut:
Bist Du nicht meine Canaille? Zuerst bekreuzte man sich ber den
kleinen, schon so frh verlorenen Sohn; aber als man hrte, da es eine
Liebesbezeigung sei, die mein Vater mich selbst gelehrt habe, lachte man
um so mehr.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Die Schule des Ksters.]

Aus der Schule der Madame Bergau avancirte ich in die des Ksters, wo
=Bernt Winckler=, Sohn eines wohlhabenden Grundeigenthmers und Grtners
in der Stadt und ich Kameraden mit den Straenjungen wurden. Wenn wir
dazu kommen konnten, so spielten wir gern mit ihnen nach der Schulzeit
Anschlagens, am hufigsten bei den Steinpfeilern des Thores, welches den
Eingang zum Schlogarten bildete. Hier sa ein alter Mann, der Brot, Aal
und Branntwein verkaufte. Wenn ich ein paar Schillinge hatte, kaufte
ich wohl ein Brot und ein Stck gebratenen Aal mit Salz und vielen Staub
darauf. Das schmeckte mit besser als das leckerste Gericht zu Hause.
Einmal wollte einer meiner Schulkameraden mich dazu verfhren, auch
einen Schnaps zu trinken. Ich hatte bereits das Branntweinglas in der
Hand, als mein guter Engel in der Gestalt meines Vaters zum Gartenthor
hereinkam. Vor Schreck verschttete ich den Branntwein: glcklicher
Weise sah er mich nicht und ging in der Ferne vorber; aber die Furcht
hatte mich davon curirt, dieses gefhrliche Experiment zu wiederholen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Naturgensse.]

In dem von Voigt angelegten Sdfelde hatte ich tglich ein Bild von
englischer Natrlichkeit vor Augen, sowie in dem alten Garten von
franzsischer Regelmigkeit und zwischen Beiden das italienische Schlo
voll schner Zimmer und Gemldegalerien. Meine Umgebung war im Sommer
und Winter so verschieden, wie die Natur. Im Sommer wimmelte es drauen
von Menschen, von schnen geputzten Damen; der ganze Hof war dort,
schne Tafel- und Janitscharenmusik konnten wir Kinder jeden Sonntag
hren. Von einer Galerie aus konnten wir die kniglichen Herrschaften
bei Tische sitzen sehen. -- Das Sdfeld dagegen war meist unbesucht, da
es nur fr den Hof bestimmt war. Aber mein Vater hatte den Schlssel,
und ich und meine Schwester machten viele Bekannte glcklich, wenn
wir dort mit ihnen spazieren gingen. Da war es still und einsam, wie
zehn Meilen von der Stadt. Wir besuchten das sogenannte Norwegische
Haus, wo die groe Natur im Kleinen tuschend nachgeahmt war; den
Eremit in seiner Htte, die Grotte mit den Crystallen und Erzstufen,
einer Zauberhhle gleich; das chinesische Lusthaus mit seinen groen
Conchilienspiegeln, seinen bunten Bildern von Mandarinen und Damen mit
Klumpfen; und den Glckchen auf dem Dache, die sich im Winde bewegten
und erklangen.

Einmal im Sommer machten wir gewhnlich eine Wallfahrt nach dem
Thiergarten, den schnen Strandweg entlang, oder ber Ordrup, wo dann
die uralten Buchen uns einluden, in ihrem Schatten die Erfrischungen
zu genieen, die wir selbst mitgenommen hatten. Wir sahen dort den
Seiltnzer und Kasperle, aen im Grase und schnitten unsere Namen in
eine dicke Buche, die sie noch trgt.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Leben im Winter.]

Kam nun der spte Herbst, und zog die knigliche Familie zur Stadt, so
wurde auch der Schauplatz ein ganz anderer. Keine Musik mehr, keine
Spaziergnger; aber Alles voll von Handwerkern und Arbeitsleuten auf
dem Schlo und im Garten. Nun ging ich zwischen Maurern, Zimmerleuten,
Tapezirern und Malern einher, zuweilen wagte ich mich sogar mit
den Bleideckern aufs Dach hinauf. Und wie ich im Sommer die feine
Lebensweise der groen schnen Welt bewunderte, so lauschte ich jetzt
den Handwerksleuten ihr Wesen und ihre Eigenthmlichkeiten ab, und sah
zu, wenn die Grtner seten, pflanzten oder Bume pfropften. -- Mit
Eintritt des eigentlichen Winters waren wir auf dem groen Schlosse
mit zwei Wchtern und zwei groen gelben Hunden ganz allein. Das ganze
Schlo gehrte dann uns, und ich ging in die kniglichen Zimmer,
betrachtete die Gemlde und baute Luftschlsser. Wenn gutes Wetter
war, so erlaubte mein Vater mir zuweilen in die Stadt zu gehen, um
Bcher aus der Leihbibliothek zu holen. Mit sechs Bchern in ein blaues
Taschentuch gebunden, auf meinen kleinen Stock gesteckt und so auf dem
Rcken getragen, kam ich dann in der Dmmerung wieder nach Hause. Wenn
wir Thee getrunken hatten, und das Licht auf den Tisch gesetzt war, so
kmmerten wir uns nicht um Sturm, Regen oder Schnee. Mein Vater sa dann
im Lehnstuhl mit dem kleinen Hund im Schlafrocke und las laut vor; oder
ich selbst las leise und folgte Albert Julius und Robinson Cruso nach
ihren Inseln, schwrmte im Feenlande mit Aladdin umher, oder amsirte
mich mit Tom Jones und lachte ber Siegfried von Lindenberg. Die meisten
von Holberg's Comdien wute ich halb auswendig.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Eine Hundegeschichte.]

Ich habe eine Hundegeschichte erwhnt und mu noch zwei erzhlen. Wir
hatten ein Dienstmdchen die nicht viel taugte, die aber doch den
kleinen Present sehr liebte. Als sie nun fortzog und in Kopenhagen
in Dienst trat, verschwand der Hund eines Tages, alles Suchen war
vergebens, er war nicht zu finden; das rief groe Trauer in der Familie
hervor. Ich und meine Schwester beweinten den kleinen verschwundenen
Freund, und glaubten, er sei todt. Die schmerzliche Wunde fing bereits
an zu verharrschen, als ich vierzehn Tage darauf mit meinem Vater nach
Kopenhagen ging. Zuflligerweise begegneten wir dem Mdchen mit dem
Hunde unter dem Arm. Kaum sieht sie mein Vater, so geht er ihr gerade
auf den Leib, und mit den Worten: Ei du Canaille! hast Du meinen Hund
da? fat er den kleinen Present ganz ruhig in den Nacken und reicht
mir die Beute. Mehr Worte wurden nicht gewechselt. Aber mit welchem
Entzcken ich den Hund nach Hause trug, und mit welcher Freude wir
empfangen wurden, lt sich nicht beschreiben.

                    *       *       *       *       *

Ernster, aber doch nicht so schlimm, wie sie htte werden knnen, ist
die zweite Geschichte: Ich kam eines Tages den beiden groen Doggen,
die im Hofe angekettet waren, zu nahe. Der eine bi mir ein Stck aus
dem Aermel und die Spur seiner Zhne sa in meinem Arm. Kaum sah meine
Mutter dies, als sie die Wunde sorgfltig auswusch; darauf ging sie zum
Wchter und sagte: Er schiet mir gleich den Hund todt! -- Gott
bewahre, Madame, das ist ein kniglicher Hund, von groer Seltenheit,
ein Geschenk von einem vornehmen Herrn fr das Schlo, das wage ich
nicht. Er schiet mir gleich den Hund todt, fuhr meine Mutter
fort, jetzt fehlt ihm Nichts, aber er knnte vielleicht toll werden;
er hat meinen Sohn gebissen und ich mu fr die Rettung meines Kindes
sorgen. Das Kind einer Mutter ist mehr werth, als ein Hund. Ich nehme
Alles auf mich! -- Der Hund wurde erschossen, und die Eigenmchtigkeit
nicht gemibilligt, obgleich die mtterliche Sorge ohne Zweifel eine
bertriebene Vorsicht veranlat hatte.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Ein Meteor.]

Wenn mein Vater die guten Freunde im Stdtchen Friedrichsberg besuchte,
so spielten sie Quadrille, bis wir Kinder in Schlaf fielen, und wir
wurden erst dann wieder geweckt, wenn wir nach Hause gehen sollten. Ich
mute gewhnlich die Laterne tragen, und entsinne mich noch eines sehr
kalten dunkeln Winterabends, wo wir durch den Garten zum Schlo gingen.
Pltzlich wurde es ganz hell, ein schner Mond schwebte langsam ber den
Himmel dahin und verschwand. Meine Kniee zitterten, ich glaubte der Mond
sei herabgefallen und ich wunderte mich darber, da mein kleines Licht
in der Laterne noch brenne. Nun erzhlte mein Vater mir allerlei von
Sternschnuppen und Nordlichtern, was er in Gottsched's Weltweisheit
gelesen hatte. Ich habe spter nie ein so groes und schnes Meteor
gesehen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Kunsteindrcke.]

Im Winter 1789 wurde unsere einfrmige Lebensart eines Nachmittags
unterbrochen, indem mein Vater und ich mit dem besten Freunde meines
Vaters Winckler im Schlitten nach Kopenhagen fuhren, um die Illumination
zu sehen, welche auf Veranlassung der Rckkehr des Kronprinzen aus
Norwegen veranstaltet war. Ich wunderte mich ber all' die Lichter in
der groen Stadt und glaubte mich in die Feenmhrchen Tausend und einer
Nacht hin versetzt. Ich bildete mir sogar ein, da der Schnee auf den
Straen, dem die vielen Lichter einen gelben Schimmer gaben, Sand sei,
der auf das Pflaster gestreut war, um das Fest zu schmcken. Noch mehr
wunderte ich mich im nchsten Jahre beim Einzuge ber all' die schnen
Sinnbilder und Ehrenpforten.

                    *       *       *       *       *

Ich ging brigens nicht auf Rosen in meiner Kindheit, denn meine
Eltern waren arm und litten an Nahrungssorgen. Dazu kam, da meine
jngste Schwester Christine Marie mit einem Wasserkopf geboren wurde,
und fnf Jahre in der Wiege lag, ehe sie starb, mit einem Krper
wie ein Sugling, und einem Kopfe, grer als der eines erwachsenen
Menschen. Ueber dieses groe Unglck verfiel meine Mutter in eine
tiefe Melancholie und war endlich fr uns Alle und fr sich selbst
verloren. Aber der kindlich leichte Sinn trstete mich, ich eilte
rasch von dem Drckenden hinweg zu dem Schnen, wo ich mich meinen
Trumereien hingab, die als Dichterknospen in der Phantasie des Knaben
keimten. Das herrliche Schlo mit seiner gesunden frischen Luft, mit
seiner schnen Aussicht vom Berge, seinem lustigen Menschengewhl im
freundlichen Garten, seiner romantischen Einsamkeit in dem stillen,
dunkeln, hglichen Sdfeld, Architectur und Malerei entzckten mich. Ich
studirte die Bilder aus dem Schlosse tglich. In der kleinen Galerie
machten die schnen Italienerinnen einen tiefen Eindruck auf mein Herz.
Die Rmerin in Bauerntracht, welche sitzt und nht; die Schne, welche
von der Maskerade mit der Maske unter dem niedlichen dreieckigen Hute
kommt; die Blondine mit dem purpurfarbenen Mieder; die Schne mit dem
Tuche ber dem Haar, und der schlanken Gestalt in dem grnen geschnrten
Seidenkleide u. s. w. Als Gegensatz hing dort der starke Gustav Adolph
mit seinem ehrlichen derben Rittergesicht. Auf den Plafonds sah ich die
griechischen Gtter; hier saen sie alle bei der Tafel, dort fuhr
Juno mit ihren Tauben, hier kamen Venus, Thetis, Neptun, Merkur zum
Jupiter. Dort floh der finstere Ha mit den Fackeln in den Hnden vor
dem Frieden. Die herrliche Copie von =Lorenzen= nach einem von Rubens
Meisterstcken, wo sie das Weib zu Jesus bringen, welcher sagt: Wer
sich ohne Schuld unter Euch fhlt, der werfe den ersten Stein auf sie,
machte besonders einen auerordentlichen Eindruck auf mich, und macht
ihn noch jetzt. Nie habe ich seitdem ein Gesicht von Jesus gesehen,
das mir ihm so sehr gleichen zu mssen schien, wie dieses. Dies Gefhl
kommt wohl daher, da ich ihn so zum ersten Male gemalt sah; aber der
Kopf Jesu in diesem Rubens'schen Gemlde ist auch voll groer Schnheit,
Adel, Klarheit, Milde, Verstand und Gefhl. Das kastanienbraune Haar
ist vielleicht etwas zu rthlich, das Gesicht etwas zu sanguinisch
blhend; es fehlt das tief Mystische, das eigentlich Gttliche! aber
=wer= knnte das auch wiedergeben? knnte es wohl selbst =Raphael=?
knnte es =Thorwaldsen=? -- Ich stelle diesen Jesuskopf von =Rubens=
ber den strafenden Jesus des =Giovanni Bellini= in der Dresdner
Galerie, von =Carlo Dolci's= s sentimentalem Christus nicht zu reden.
Der Phariser und Saducer Rubens, sind im hchsten Grade meisterhaft;
welche vortreffliche Composition ist das Ganze! Der Phariser in der
goldbrokatenen Kopfbedeckung mit dem prchtigen Bart, ein hchst
merkwrdiges Gesicht! Man sieht, da es ein Mann ist, der es vermag, die
Ansichten seiner Zeit mit Energie zu beherrschen, und ihre Vorurtheile
zu befrdern. Man liest Bosheit, Strenge, Grausamkeit, Frechheit in dem
verzogenen Lcheln, in den starrenden, tckischen Augen! Und nun der
Saducer -- der nicht an die Unsterblichkeit glaubt, und deshalb seinen
Krper recht gemstet hat, bevor die Wrmer ihn verzehren; mit gemeiner
phlegmatischer Ruhe blickt er auf Jesus; aber heimtckischer Zorn ber
das Ideale, das Gttliche, das sich geltend zu machen wagt, schwebt auch
auf seinem feisten Antlitz. Auch die Snderin ist gut; die Lust, welche
Rubens hatte, blhende Weiber zu malen, war hier an ihrem Platze. Sie
schmt sich; ihr Gesicht ist halb verborgen; schne Zge, welche die
Flle bereits zu verwischen beginnt, zeugen von einem Weibe, das mehr
Krper als Seele ist. Es ist nicht Reue, sondern nur Verschmtheit, die
sich bei ihr uert. Der Vater, der ihr gleicht und neben ihr steht,
hat ihr bereits vergeben. Der Erlser zeigt ihr auch keine besondere
Aufmerksamkeit, sondern nimmt nur von ihren Verhltnissen Veranlassung,
eine allgemeine Lehre fr den Menschen zu entwickeln, indem er sie von
einem entsetzlichen Tode rettet. -- Was Wunder, da ein solches Bild
einen groen Eindruck auf meine kindliche Phantasie machen mute? Ich
machte durch dieses zuerst Bekanntschaft mit der religis-historischen
Malerei, und nach Allem, was ich spter Herrliches und Groes in fremden
Galerien gesehen habe, kehrt die Erinnerung doch oft dankbar zu Dem
zurck, welches mir den ersten Eindruck gab.

                    *       *       *       *       *

Die herrlichen Landschaften von =Poulsen=, welche in demselben Saale
hngen, wirkten auch stark auf mich ein. Ich lernte aus ihnen zuerst
=Norwegen= kennen. Besonders stand ich immer staunend und betrachtete
den schumenden Sarp. Der Weg an den jhen engen Felsenklften entlang,
wo ein Pferd die Cariole hinunterzieht, indem es mit den bis zur Erde
eingebogenen Hinterbeinen hinabgleitet, gefiel mir ganz besonders. --
Fgte ich nun die Vorstellungen, welche mir diese Gemlde erweckten
mit dem norwegischen Hause im Sdfelde zusammen, das ich tglich
besuchte, so bekam ich keinen ganz schlechten Begriff von Norwegen,
wovon ich mich viele Jahre spter berzeugte, indem ich das Original mit
meiner kindlichen Vorstellung verglich. -- Ein Bild in dem sogenannten
Rosen- oder Maskeradensaal beschftigte mich auch sehr. Dort sitzt ein
berauschter junger Herr, mit weiseidenen Pantalons, einem Ritterhute,
und einem Lcheln im Gesichte, das der Rausch fast zur Maske verwandelt,
obgleich er die Maske abgenommen hat. Er hat ein groes Glas Rheinwein
in der Hand, das er im Begriff ist zu verschtten. Ihm zur Seite stehen
nchterne Musikanten, die fr's Brod arbeiten, whrend er trinkt. Der
Trke (wahrscheinlich Friedrich IV.) lftet die Maske der schnen Trkin
etwas, mit der er neben mehreren anderen Schnen spricht. Wenn ich in
meiner stillen Winterruhe ein Mal ein recht munteres Freudenfest mit
glnzendem Gewimmel aller Stnde haben wollte; -- so ging ich blos in
den Maskeradensaal hinauf, und stand und starrte dort empor, bis mir der
Nacken steif wurde; -- dann hatte ich mir ohne die geringsten Kosten das
prchtigste Fest angerichtet.

                    *       *       *       *       *

Malerei und Musik trugen frher, als die Poesie dazu bei, meinen
Dichtergeist zu wecken. Das Altarbild in der Schlokirche und die
Gemlde in der Friedrichsberger Kirche versetzten mich in die heilige
Geschichte. Ich sah Christus als schnes, reines Kind vor den heiligen
drei Knigen und sah den entseelten Krper des Erlsers, vom Kreuz
herabnehmen und einwickeln von den treuen Hinterbliebenen. Oben in den
vergoldeten Wolken lag phantastisch das Lamm mit der Fahne auf dem Buche
mit den sieben Siegeln. Durch ein kleines Schiff, welches in der Kirche
zum Andenken an einen dort begrabenen Seemann hing, bekam ich den ersten
Begriff von der Einrichtung eines Schiffes.

                    *       *       *       *       *

Die Musik wirkt mchtig auf das kindliche Gefhl ein, und ich hatte
Musik von jeder Art; von Pfeifen und Trommeln der Leibgarde an, bis
zu den frommen heiligen Tnen der zwei Orgeln. Die Tafelmusik konnte
ich jedesmal hren. Die Blaseinstrumente waren hchst unterhaltend,
aber wenn zuweilen Concert war, und das Saitenspiel dazu kam, so
wurde es erst ein rechter Genu. So hrte ich zeitig schon viele gute
Compositionen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Unser Prediger.]

Und die Tne vermischten sich dann auch mit der Poesie. Unsere Mdchen
sangen altnordische Heldenlieder; in der Kirche sang ich selbst Psalmen.
Manches lustige Gesellschaftslied hrte ich, wenn Fremde bei meinen
Eltern waren. Bei solchen Gelegenheiten kam zuweilen ein Canalinspector
zu uns, der =Schitt= hie, ein lustiger, aufgeweckter Mann, der
im Stande war, einen ganzen Kreis zu beleben. Ein Mann, der meine
Aufmerksamkeit auch sehr auf sich zog, war unser Prediger, Dr. spter
Prof. =Schmidt=. Sein Buch ber die Bestimmung der Thiere las ich mit
groer Freude, als ich es spter einmal als Prmie in der Schule bekam.
Wir hatten vorher einen sehr ernsten und stillen Prediger, Herrn =Bruun=
gehabt; gegen ihn stach Schmidt sehr durch sein geniales Wesen ab. Er
predigte vortrefflich und begeisterte die Gemeinde; aber er scheute
sich auch nicht, in gesellschaftlichen Stunden der Freude, ja sogar der
unschuldigen Ausgelassenheit zu huldigen. So mute mein Vater, wenn er
Schmidt recht amsiren wollte, ihm folgende deutsche Weise vorsingen:

                   Ich wollt' um tausend Thaler nicht,
                   Da mir der Kopf ab wr';
                   So lief ich mit dem Rumpf herum,
                   Sh' Niemand, wer ich wr'.
                   Wenn ich kein Geld zum Saufen hab',
                   So geh ich und schneid' Besen ab;
                   Und lauf' die Strae auf und ab,
                   Und rufe, kauft mir Besen ab!
                   Damit ich Geld zum Saufen hab'.

                    *       *       *       *       *

Von den lustigen Einfllen des Canalinspectors Schitt entsinne ich mich
nur eines; aber er konnte fast nicht den Mund aufmachen, ohne etwas
Possirliches zu sagen. -- Er suchte ein Mal um eine Zulage zu seiner
Gage beim Kronprinzen nach. Dieser sagte im Scherz zu ihm: Ei was,
Schitt, Sie haben keine Noth, Sie gehen ja mit seidenen Strmpfen in
den Halbstiefeln. Nehmen Sie sich in Acht, Ew. knigl. Hoheit, --
rief Schitt -- es sind, hol' mich der Teufel, keine Socken an den
Schften.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Sommergensse.]

Im Sommer war es immer ein Festtag fr mich, wenn mein Vater mich mit
auf den sogenannten =Entenhgel= im Friedrichsberger Garten nahm,
um Stachelbeeren zu pflcken. Wir hatten nur zwei Stachelbeerbsche
in unserm kleinen Garten, und trotz der jhrlich wiederkehrenden
Sehnsucht nach Stachelbeeren, fiel es meinem Vater doch nie ein,
welche zu pflanzen. Aber auf dem Entenhgel wuchsen sie in Menge, da
Keiner hinberkommen konnte, der nicht den Schlssel zur fliegenden
Brcke hatte. Hier bekam ich die schnsten Stachelbeeren in Masse.
Schlimm dagegen ging es mir ein ander Mal. Ich hatte von meiner Mutter
nie Erlaubni, auf eigene Hand weiter, als bis an die Grenze des
Schloberges zu gehen. Eines Tages, als ich auf einer Bank sa, kam der
Hofgrtner =Petersen= vorbei und sagte: Adam, willst Du Stachelbeeren
haben? -- Ja, gern. -- Dann komme mit! Ich folgte ihm den Berg
hinunter in den Fruchtgarten hinein, wo er mir das herrlichste Bouquet
Stachelbeerzweige, voll der schnsten Frchte, abschnitt. Mit diesem
Strau strzte ich froh den Berg hinauf und nach Hause, um ihn meiner
Mutter zu zeigen. Aber ach! das Stachelbeerbouquet htte mich durch
seine Ruthenform warnen sollen! Meine Mutter war in tdtlicher Angst
wegen meiner Entfernung gewesen. Ich bekam die Ruthe! Nach berstandener
Strafe und getrockneten Thrnen setzte ich mich ganz getrost auf die
Thrschwelle beim Bogengang hin, und pflckte meine Stachelbeeren von
den Zweigen, so lange noch eine daran war.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Vogelschieen.]

Eines lustigen Festes entsinne ich mich aus meiner frhen Kindheit,
wo es mit mir leicht ein trauriges Ende htte nehmen knnen. Es war
bei einem Vogelschieen im Sdfelde. Diese Schtzengesellschaft hatte
ihren Anfang unter den Kchenjungen gefunden, die Erlaubni bekommen
hatten, auf dem Kchenhofe mit Armbrsten nach einem an die Planke
befestigten Vogel zu schieen. Nun darf man unter den Jungen in der
kniglichen Kche nicht eben kleine Jungen verstehen, sondern dies
waren Mnner, die sich mehre Male in der Woche rasiren lieen. Einige
unter ihnen waren verheirathet und hatten selbst Kinder. Die Benennung
stammte aus alten Zeiten her. Diese jngeren kniglichen Kche hatten
also jene Gesellschaft gegrndet; die lteren nahmen daran Theil; unter
ihnen waren einige, welche Aide-Kche hieen, Mundkche (die doch
nicht die einzigen waren, welche fr den Mund kochten), und auch der
Kchenmeister, der Vornehmste, von dem ich in meiner kindlichen Einfalt
nicht begriff, wie er nicht eben so vornehm, wie der Stallmeister sei,
da er doch fr Menschen und dieser nur fr Pferde sorgte. Als diese
Honeratioren hinzu kamen, nahmen auch die anderen Hofofficianten daran
Theil: der Conditor, der Kammer- und Hoffourier, der Hofschreiber, der
Silbermeister, der Kammerdiener und der Kammerlakai. Der Schloverwalter
und mein Vater kamen auch dazu. Nun erhielt die Gesellschaft Erlaubni,
im Sdfelde zu schieen. Aber es whrte nicht lange, ehe das in seiner
Entstehung Geringe zu grerer Pracht berging, was leicht begreiflich
ist, wenn man wei, da der Hoftapezirer, der auch in der Gesellschaft
war, die Erlaubni erhielt, auf knigliche Rechnung Zelte aufzuschlagen.
Die Kche und der Conditor lieferten kalte Kche und Confect. Beinahe
htte ich vergessen -- der Mundschenk, der ber den Wein verfgte, war
auch dabei. Jeder suchte nach besten Krften zu den Bedrfnissen der
Gesellschaft beizusteuern. Jeder dachte, so wie der Wachtmeister im
Wallenstein:

                 Ging es nicht aus seinen Kassen,
                 Sein Spruch war leben und leben lassen.

In der glnzenden Periode dieser Gesellschaft waren die Stifter
bescheiden ausgetreten, whrend die Hofcavaliere sie mit ihrem Besuch
beehrten und einzelne Schsse thaten, so wie die Mitglieder der
kniglichen Familie in der dnischen Brderschaft im Schtzenhause. Zwei
vortreffliche, starke Armbrste, die mit einer Maschine gespannt werden
muten, vertraten den Bchsendienst, denn mit Pulver und Blei durfte im
Sdfelde nicht geschossen werden. Mit klingendem Spiele zog nun der Zug
aus -- und wenn man hrt, da gerade mein Vater Schtzenknig war, und
mit einem grnen Band ber dem Fracke voran ging, so kann man begreifen,
welchen Eindruck dies auf uns Kinder machen mute; wir waren auch
geputzt und kurz bevor der Zug erffnet wurde, nahm ich meine Schwester
in einen Winkel und sagte: Hr' mal, Sophie, weit Du was, wenn unser
Vater Knig ist, so mssen wir ja Prinz und Prinzessin sein. Ja,
sagte sie, das ist wohl nicht anders mglich. Indessen nahmen wir
uns vor, durchaus nicht hoffhrtig zu werden, sondern alle mgliche
Herablassung gegen die anderen Kameraden zu zeigen, die das Schicksal
nicht so hoch, wie uns gestellt hatte. Ob mich nun diese Prinzengedanken
zerstreut machten, oder dies ein paar Blumen im Grase waren, welche ich
pflcken wollte, genug, ich verga Alles, kroch unter der Schnur weg und
wollte gerade auf die entgegengesetzte Seite hinberspazieren, als ein
eisenbeschlagener Bolzen, wie ein Vogel an meinem Kopfe vorbersauste.
Herr Jesus, mein Kind! schrie meine Mutter, welche auf einer Bank
in der Nhe bei einem Zelte sa. -- Mich hatte es nicht erschreckt,
ich kam laufend mit Blumen in der Hand, und glaubte nur, ich solle
ausgezankt werden, weil ich unter der Schnur hinweggekrochen war. Ein
theilnehmender Freund brachte mir eine Tasse Eis aus dem Zelt, um
mich meinen Schreck vergessen zu machen, den ich gar nicht empfunden
hatte. Und whrend meine Mutter ihre Augen trocknete, und sie dankbar
zum Himmel erhob, a ich ganz gleichgltig mein Eis, und konnte nicht
begreifen, worber sie so gerhrt war.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Ein Volksfest.]

Aber von einem wirklich groen Volksfeste war ich Zeuge, ohne doch noch
seine Bedeutung zu verstehen, als der Kronprinz Friedrich den Grundstein
zur Freiheitssule vor dem Westthore legte. Es war ein ungeheures
Menschengewimmel, und ich konnte nicht begreifen, warum der Prinz an dem
Tage, wie ein Handwerksgeselle mit Kalk und Steinen mauern solle. --
Es erfreute meine kindliche Phantasie, die Sule sich erheben und mit
den schnen Statuen geschmckt werden zu sehen. Ich hatte bereits eine
dunkle Idee von der Kunst.

Ein herrlicher Mann, ein Freund meiner Eltern, besuchte uns hufig und
sprach oft, besonders mit meiner Mutter, von Aehnlichem. Das war der
Baumeister Professor =Harsdorf=. Ich sehe ihn noch, den freundlichen
Greis in seinem grauen Rocke und mit dem dreieckigen Hute, mit dem
spanischen Rohre in der Hand, kleine Locken an den Ohren und einem
kleinen Zopf im Nacken. Ich entsinne mich da er oft, aber milde und
geduldig, ber Schmerzen in der Seite klagte. Er schenkte meinen
Eltern einige Kupferstiche fr ihr Zimmer, die vier Jahreszeiten, mit
franzsischen Versen darunter, und _la bonne femme de Normandie_ von
Ville. Ich habe sie geerbt und besitze sie noch. --

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Eine Rubergeschichte.]

Nachts schlief ich in dem Bette meines Vaters, wo er mich, ehe wir
einschliefen, oft schalt, weil ich so unruhig lag. Diese Unruhe wuchs,
je lter ich wurde, mein ganzes Leben hindurch. Ich manvrire die ganze
Nacht mit den Decken, wie ein Seemann mit seinen Segeln; bald sind es zu
viele, bald zu wenige. Doch strt dieses hufige Bewegen und Aufwachen
durchaus nicht meine gesunde Ruhe; ich schlummere gleich wieder ein.
In einer Nacht, als ich meinen Vater durch dieses Hin- und Herwerfen
geweckt, meine Schelte bekommen hatte, und nun darauf lauerte, wie ich
mich bald wieder unbemerkt umdrehen knnte -- hrten wir, da fern im
Schlosse eine Fensterscheibe eingeschlagen wurde. Es war eine kalte
Herbstnacht. Die beiden alten Wchter lagen ziemlich fern von uns und
sie waren, nebst zwei Hunden, die ganze Besatzung der Festung. Mein
Vater fhlte nicht die Verpflichtung im bloen Hemde hinauszulaufen,
um sich mit Rubern herumzuschlagen, wenn dergleichen da wren. Dies
war auch ohne Beispiel, und er glaubte, sein Ohr habe ihn getuscht. In
diesem Glauben bestrkte ich ihn, obgleich ich selbst es auch gehrt
hatte, und -- wir legten uns in Gottes Namen wieder ganz ruhig hin,
um einzuschlafen. -- Am nchsten Morgen entdeckten wir, da, ganz
richtig, ein Einbruch in die Schlokirche Statt gefunden habe. Ein Dieb
hatte eine der Fensterstangen ausgebrochen, seine Leiter an die Kirche
gestellt und einen groen, massiv silbernen Altarleuchter gestohlen.
Mein Vater eilte gleich zur Stadt und gab dies vor dem Oberhofmarschall
und dem Polizeidirector an. Allen Goldschmieden in der Stadt wurde es
bei Zeiten mitgetheilt. Es whrte nicht lange, so kam ein Soldat und
wollte ein groes Stck Silber an einen Goldschmied verkaufen. Er wurde
festgehalten und gestand gleich, da er den Leuchter in der Sandgrube im
Sdfelde beim Norwegischen Hause verborgen habe. Nur das eine Stck war
abgeschlagen. Der Leuchter wurde wieder in Stand gesetzt, und mit dem
andern in Verwahrung gebracht.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Kindlicher Stolz.]

Ungeachtet meine Eltern sehr mig lebten, so kamen im Sommer doch viele
Leckerbissen aus der Kche und Conditorei des Knigs zu uns. Wir bekamen
oft Eis in kleinen schnen Porzellanschalen. Es vergingen viele Jahre,
ehe ich wute, da solches Eis eigentlich kalt sein msse, da ich es
frher immer zerlaufen wie Brei bekommen hatte. Es ging mir mit diesem
Eis fast wie viele Jahre spter mit Schlegel's Shakespeare; die Jamben
wollten mir im Anfange nicht recht munden, weil ich vorher daran gewhnt
war, den Shakespeare in der Wieland'schen und Eschenburg'schen Prosa zu
lesen.

                    *       *       *       *       *

Die hbsch gekleideten Pagen, welche ihre Schule mir gegenber in dem
andern Bogengang hatten, und in ihrer prchtig rothen Tracht, mit
gelben Unterkleidern, weiseidenen Strmpfen und Goldtressen jeden Tag
zur Tafel hinaufgingen, interessirten mich sehr; aber sie imponirten
mir nicht. Die stolze Adelsmiene, die sich in meiner Kindheit noch oft
zeigte, entdeckte ich auch in dem Gesicht einiger dieser Knaben, und
sie erbitterte mich. So lange ich denken kann, war es mir unmglich,
Geringschtzung zu ertragen; sie konnte mich fast rasend machen, bis ich
ihr im reiferen Alter erst mit Spott und dann mit christlicher Geduld zu
begegnen lernte.

Meine Mutter sagte einst, ich knne mit den Pagen wohl auch einmal
spielen, wenn sie es wollten. Kann ich denn auch =Du= zu ihnen sagen?
fragte ich. Nein, das geht nicht. -- Dann will ich auch nicht mit
ihnen spielen. --

Einmal hatte einer dieser Pagen Lust bekommen, meines Vaters Garten zu
besehen und fragte mich, ob er mit hineingehen drfe. Ich antwortete
gleich Ja; mit vieler Freundlichkeit fhrte ich ihn umher und erzhlte
ihm ein Weites und Breites von dem kleinen Garten. Er ma mich mit einem
vornehmen Blick, und fing an, von den Herrlichkeiten seines Vaters zu
sprechen; ein Wort gab das andere, er wollte seinen Rang geltend machen,
und ich gab ihm einen Hieb ber den Rcken, mit dem er seiner Wege ging
und mich bei den Anderen verklagte. Ich ging nach Hause. Es whrte nicht
lange, so kam der lteste Page in seinem vollen Staate, bevor er zur
Tafel ging, in unser Zimmer, klagte mich an und bat meinen Vater, den
ungezogenen Jungen im Zaum zu halten, der jungen Adeligen nicht den
schuldigen Respekt erweise. Ich stand im Winkel, schwieg ganz still, und
dachte, was soll daraus werden? Aber wie sehr erleichterte es mein Herz,
als mein Vater sagte: Ja, mein junger Herr! darauf kann ich mich nicht
einlassen; geben Sie sich mit meinem Sohne ab, so mssen Sie auch mit
in den Kauf nehmen, was daraus folgt. Ich wei nicht, wer Recht und wer
Unrecht gehabt hat. Damit ging der Page, und als mein Vater hrte, da
der Hieb als Strafe fr Mangel an schuldiger Achtung vor seiner eigenen
Person gegeben war, so hatte er Nichts weiter dagegen einzuwenden.

                    *       *       *       *       *

Zu den Lehrern der Pagen gehrte auch der Dichter =Samse=; aber ich
kann mich durchaus nicht erinnern, ihn jemals gesehen zu haben. Ich
ahnte nicht, da mir gegenber der Dichter wohnte, der mich einige Jahre
darauf durch seine Tragdie Dyveke hinreien wrde. Und Samse ahnte
eben so wenig, da der kleine Junge, der da drben spielte, nach ihm
Tragdien schreiben wrde.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Bernd Winckler.]

Der Spielkamerad, mit dem ich am meisten umging, war =Bernt Winckler=,
aber es war nicht Sympathie, die uns vereinigte; unsere Charactere und
gewhnlich auch unsere Ansichten waren uerst verschieden, was auch
die Ursache war, da wir im Jnglings- und Mannesalter fast ganz aus
einander kamen, obwohl wir gegenseitig stets unsere guten Eigenschaften
achteten, und die Erinnerungen der Kindheit nicht selten unsere Gefhle
verschmolzen. Sein auerordentlicher Witz, sein vorzgliches Gedchtni
und der bestimmte eigenthmliche Charakter bten ihre Macht auf mich
aus; ich war unendlich gern in seiner Gesellschaft und wir vergngten
uns immer prchtig, so lange unsere Geister ruhig und friedlich auf
einander einwirken konnten. Aber wenn er mich neckte, und wenn ich
hitzig wurde -- so war die Freundschaft fr den Tag unterbrochen. Ich
uerte meine Gefhle stark, und wurde ungeduldig, wenn ich keine
Sympathie fand; er kritisirte mich immer, und wenn ich Bitterkeit in der
Kritik zu finden glaubte, -- so wurde ich auffahrend und wgte nicht
lnger meine Worte ab. Aber ich schrieb ihm gleich Vershnungsbriefe.
Das Erste, wenn wir uns wieder sahen, war meine Frage: G. oder F.?
(Gutfreund oder Feind?) Und wenn er zuweilen kalt antwortete: F., so
lie ich mich doch nicht abschrecken, sondern ruhte nicht eher, als bis
ich ihn durch Freundlichkeit wieder gewonnen hatte. -- Wir haben gewi
einen viel greren Einflu auf einander gehabt, als wir selbst wissen;
denn indem wir bestndig disputirten und mehrere Jahre hindurch uns
unablssig Briefe schrieben, bten wir Mund und Feder.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Meines Vaters Umgang.]

Der Umgang meines Vaters in Friedrichsberg bestand aus Winckler's Vater,
dem alten Oberlandsinspector Berner, Hunus, Dr. genannt, eigentlich
nur Chirurg, und zuweilen dem Bcker Kamphvener. Der alte Winckler
war ein rstiger, flinker, groer, hagerer Schwede, ernst in seinem
Benehmen, munter und zufrieden in seinem Gemth. Er war Grtner gewesen,
stand sich sehr gut, hatte Feld bei seinem Hause, einen prchtigen, gut
gepflegten Garten, und wirthschaftete immer fleiig als Grtner und
Landmann. Er war ein groer Oekonom, und so sparsam und ordentlich,
da er, um ein einziges Beispiel anzufhren, eine Stecknadel in seinem
Hemdkragen trug, die er viele Jahre eben so sorgfltig aufbewahrt
hatte, wie ein Anderer seine Diamantbusennadel. Er bewohnte ein kleines
unansehnliches Haus; aber es erfreute mich sehr, das Friedrichsberger
Schlo mit Winckler's kleinem Zimmer zu vertauschen, wo Norcros und
Drackenberger im Kupferstich ber dem Breau, besonders der Erste mit
seinem langen Bart, im Gefngni mit seinen Musen spielend, stets meine
Aufmerksamkeit auf sich zogen. Der alte Winckler erzhlte gern von
Drackenberger, der ein sehr hohes Alter erreicht hatte, und er ahmte
ihm in sofern nach, als er selbst 92 Jahre alt wurde, und das Jahr vor
seinem Tode eben so schnell von Friedrichsberg nach Kopenhagen ging,
wie 50 Jahre vorher. Er las gern komische Romane, besonders Tom Jones
und Siegfried von Lindenberg waren seine Lieblingslectre. Mein Vater
war vielseitiger und gebildeter; er war witzig und lrmend lustig, wenn
Winckler ganz ernst dasa; aber mein Vater liebte auch das Rhrende und
Schilderungen aus dem hhern Leben. Diese zwei Mnner hatten einander
sehr lieb, und die Freundschaft hielt sich so lange, wie sie zusammen
lebten. Ich entsinne mich eines hbschen Zuges in dieser Beziehung vom
alten Winckler. Mein Vater spielte oft als Organist bei Begrbnissen;
Winckler, der einige Jahre lter, als er war, sagte einmal zu ihm: Wenn
ich sterbe, sollen Sie nicht fr mich spielen; Sie sollen mich dann
zum Grabe geleiten. Aber es geschah nicht; der Aeltere geleitete den
Jngeren zum Grabe.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Ideosynkratie.]

Wenn unsere Eltern zusammen kamen und Quadrille spielten, waren der alte
Berner und Hunus der dritte und vierte Mann, wenn nicht Madame Winckler
und meine Mutter eine Partie mitmachten; Berner wohnte neben Winckler.
Der alte Oberlandsinspector war ein reicher Mann, ebenso wie letzterer;
er besa ein groes Haus, einen groen Garten, und wurde, da er auch
der Aelteste war, stets mit einer gewissen Ehrerbietung von den Anderen
behandelt. Er war ein kleiner, stiller, feiner Mann. Ich entsinne mich
nicht, da er jemals ein Wort mit mir gesprochen htte. Hunus war mit
einem Verwandten seiner Frau verheirathet. Dieser war ein lustiger,
humoristischer Mann. In jngeren Jahren war er Schiffsarzt gewesen und
nach Westindien gefahren. Jetzt hatte er ein Haus auf Friedrichsberg
mit Feld und einem groen schnen Garten, und lebte theils von seinem
Grundstck, theils von seiner Praxis, denn er war Arzt des Stdtchens.
Wenn er Einladungen fr den alten Berner zu einer Quadrillepartie
schrieb, so nannte er ihn stets Admiral, die Andern Capitains, und
diese wurden dann von ihren Fregatten aus das Admiralschiff geladen. Er
kam selten nach Kopenhagen, aber wenn er's that, so besuchte er gern
einige alte westindische Freunde, wo dann alter Madeira zum Frhstck
aufgetragen wurde; wenn er von da zurckkam, war er noch ein Mal so
lustig, als gewhnlich, und dann hie es: der Doctor ist in der Stadt
gewesen.

                    *       *       *       *       *

Ich hatte ihn sehr lieb, obgleich er mir zuweilen Kinderpulver gab. Eine
eigene Geschichte mu ich in Bezug auf dieses Kinderpulver erzhlen,
da sie von psychologischem Interesse ist. Mein Vater hatte vom Grtner
Petersen Malling's groe und gute Handlungen einiger Dnen, Norweger
und Holsteiner geliehen, theils um das Buch selbst kennen zu lernen,
theils um mich nach all' den Mhrchen, Romanen und Schauspielen, die ich
verschlang, etwas Ntzliches lesen zu lassen. Aber ein unglckseliger
Umstand machte, da viele Jahre vergingen, ehe ich an diesem, in
mancher Beziehung vortrefflichen Werke Geschmack finden konnte. Ich
entsinne mich noch, wie gestern, da es in einem grnen Bande Morgens
auf dem Tisch lag, wo Thee nach der neuen Mode getrunken wurde, nmlich
mit Butterbrot dazu, was Petersen bei uns eingefhrt hatte und uns
eine herrliche Erfindung schien. Aber an diesem Morgen bekam ich kein
Butterbrot; denn ich hatte Kinderpulver eingenommen. Das Pulver lag
neben den groen und guten Handlungen; es war Etwas davon aufs Buch
geschttet worden; als ich dies in die Hand nahm, roch es in seinem
grnen Einbande so stark nach Medicin, wie ein Patient in seinem grnen
Schlafrock im Friedrichshospital; und ich warf es von mir. Es vergingen
mehre Jahre, ehe ich mich dazu zwingen konnte, es zu lesen, und ehe
der innere Geruch des Kinderpulvers aus Malling's groen und guten
Handlungen verging.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Ewald und Wessel.]

Der Grtner Petersen lieh uns auch Ewald's und Wessel's Schriften.
Besonders die Kupfer in diesen Werken waren es, die meine
Aufmerksamkeit zuerst anzogen. Mit Bewunderung betrachtete ich Ewald's
Bild. Er sah krank und arm aus und ich erstaunte darber, da all' die
schnen Dinge aus der Krankenkammer eines so unglcklichen Schwchlings
gekommen sein sollten. Er sah gefhlvoll, gedankentief und freundlich
aus. Die Haare waren, wie bei einem Bauer, von der schnen Stirn nach
hinten gestrichen. Nun ffnete ich das Buch und fand mich pltzlich
in das Paradies versetzt, das ich aus Madame Bergau's und des Ksters
Schule sehr gut kannte. Es war mir sehr lieb, die nhere Bekanntschaft
der Engel zu machen, denn ich hatte noch keinen rechten Begriff von
ihnen gehabt. Nun sah ich sie, freundlich oder zrnend, mit Blitzen und
Wolken in den Abildgaard'schen Zeichnungen. Ein kleines Versehen fand
Statt, da wo Adam eilends herbeiluft, um Eva an dem Essen des Apfels
zu hindern; ich glaubte nmlich, weil er so wild und rasend aussah, mit
hoch erhobenen Hnden fechtend, da es der Satan sei, bis ich besser
unterrichtet wurde. Der liebe Harlequin, den ich so gern mochte, und
im Thiergarten neben Kasperle sah, waren auch hier. Die Bataille auf
dem Fuboden mit dem Schreiber war gerade nach meinem Geschmacke. --
Der Herausgeber macht eine Entschuldigung, da =Chodowiecki= das Stck
miverstanden, und Harlequin in seiner Harlequinstracht dargestellt
habe; dies konnte ich natrlich nicht verstehen, und habe es auch
spter nicht verstanden. Ein Stck wie Ewald's Harlequin der Patriot,
welches keine objective Wahrheit enthlt, sondern dessen Werth in der
satyrischen Fiction liegt, wo die Hauptperson eine lyrisch-komische
Mythe, kein natrlicher Charakter ist, -- ein solches Stck gewinnt
gerade dadurch, da Harlequin seine Maske eben so wie in den alten
italienischen Komdien behlt.

In Ewalds Rolf Krage ffnete die nordische Sage zum ersten Mal ihre
Grabhgel vor mir, zeigte mir ihre Aschenkrge und beschwor ihre
Geister herauf. Auch hier waren es zuerst die Bilder, welche meine
Aufmerksamkeit fesselten. Das eigenthmlich Geheimnivolle in dem Walde
mit den Lusthusern und den Lampen; die Schildjungfrauen mit dem Helm
und den langen Haaren; der wunderliche barbarische Trotz verbunden mit
dem Gefhlvollen in den Gesichtern.

Wessel's Portrait war nun wieder ganz verschieden von Ewald's; es sah
hchst launig aus, und der satyrische Spott in den starken Augenbrauen,
die sich wie Bogen wlbten um die Pfeile des Witzes abzuschieen, wurde
durch einen gewissen freundlich melancholischen Ausdruck in dem ganzen
Gesicht gemildert.

                    *       *       *       *       *

Winckler zog Wessel, ich den Ewald vor, und wir stritten oft darber,
wer von diesen Dichtern der grte sei. Ueber Holberg fiel es uns
niemals ein, zu streiten. Uebrigens hatte Winckler stets mehr Sinn fr
das Lustige; das Gefhlvolle wollte ihm nicht recht munden, bis er
Lafontaine's Romane las, wo dann das Erotische sich in ihm zu entwickeln
begann. Es war ihm leicht, Etwas lcherlich zu finden, wo man es am
Allerwenigsten htte erwartet haben sollen. Wenn ich ihn zuweilen mit
hinauf in die kniglichen Zimmer nahm, wo wir von einem dunklen Saale
aus unbemerkt die Abendtafelmusik hren konnten, und ich entzckt
ber die schnen Tne dastand, amsirte ihn nichts Anderes, als die
allertiefsten Tne des Fagotts und des Waldhorns, welche ihn durch die
sonderbarste Ideenassociation von der Welt dahin brachten, die Zunge
halb entzwei zu beien, um nur nicht vor Lachen zu bersten. Endlich
steckte er mich auch damit an, und wir muten fortlaufen, um nicht
gehrt zu werden.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Des Ksters Schule.]

Des Ksters Schule war eine Schule fr Straenjungen, deren es in
meiner Kindheit viele auf Friedrichsberg gab; denn es wohnten daselbst
eine Masse armer Leute, welche in der Fabrik des Meister Collin (der
Vater des noch jetzt lebenden Conferenzrathes) den Spinnrocken traten.
In Flicken und Lumpen mit hlzernen Schuhen kamen diese Jungen in die
Schule, die wie ein Schweinestall aussah, mit ausgetretenem Steinboden
und Tischen und Bnken, wie in dem schlechtesten Krug. Winckler's
lterer Bruder, Henrik, der auch dort hinging, und unser Primus war,
weil er alle Anderen an Jahren und Krften berragte, schnitt tiefe
Rinnen in die Tische, mit Auslufen an den Seiten; zuweilen nahm er
dann Bier mit, go es in die Hauptrinne und nun saen die armen Jungen
mit dem Munde an den Auslufen, um etwas von dem Bier zu bekommen,
das er ihnen in dem Troge schenkte. Ich sa oft im Winter auf einer
alten Lade, die in der Nhe des groen Kachelofens stand, und amsirte
mich damit, den Schnee auf der Platte schmelzen zu lassen, den ich
in der Tasche von der Strae mit hereingebracht hatte. In der Schule
ging unser Prceptor, =Lassen=, oder wenn er abwesend war, der Kster,
Herr =Wiebe= selbst, Beide dick, in Schlafrcken, mit Nachtmtzen auf
dem Kopf und langen thnernen Pfeifen im Munde einher. Jeden Sonntag
schrie Herr Wiebe, wie ein Kiebitz, die Psalmen in der Kirche, so da
mein Vater oft alle Register, bis zum lrmendsten hinauf, welches zur
Ueberschrift Mixtur hatte, ausziehen mute, um ihn durch die Orgel
zu bertnen. Seiner Gemeinde machte der Kster Besuche in einem
hellgelben Fracke, mit schwarzen Knpfen. -- Die Evangelien, Psalmen,
Pontoppidan's Erklrung, Schreiben und Cramer's Rechnenbuch waren die
Wissenschaften, die gepflegt wurden; doch lernten Winckler und ich auch
etwas lateinische Grammatik, aber blutwenig. Herr Wiebe schrieb ein Mal
in mein Schreibebuch: _ora et labora_, was beweist, da sowohl er wie
ich Latein verstand. Wenn der Bischof =Balle= oder der Probst =Bast= zur
Visitation kamen, so wurde die Schule so gut, als mglich geschmckt.
Hier bekam ich zuerst eine Idee davon, was ein Souffleur sei, wenn
unsere Mentors, die auerhalb des Kreises saen, dessen Centrum durch
den Bischof oder den Probst gebildet wurde, hier und da durch ein
leises In's-Ohr-Flstern dem schwachen Gedchtni oder der starken
Unwissenheit zu Hlfe kamen. So entsinne ich mich deutlich, da, als
der Probst mich einmal lchelnd fragte, was =trockenes Wasser= sei und
ich ihm die Antwort schuldig blieb (Oersted bliebe sie ihm vielleicht
noch heute schuldig) der Kster flsterte: die Wolken. Ich wiederholte
dies ins Blaue hinein, und der Probst bewunderte meinen kindlichen
Scharfsinn. Ich kann nie den Schulmeister in Holberg's Weihnachtsstube
fragen hren: Gevatter, wollen Sie Sprchwrter oder Sentenzen? ohne
mich an jene Scene zu erinnern. Solche Verstandesbungen waren damals
sehr blich. Auch die Art, dieselbe Sache dreimal mit denselben Worten
zu wiederholen, um sie recht deutlich zu machen, die man in allen alten
Documenten findet, und ber die Holberg sich in Else David Schulmeisters
Rede lustig macht, war noch in meiner Kindheit in Gebrauch, und ich
entsinne mich einer oratorischen Wendung in einer Leichenpredigt sehr
gut, die folgendermaen lautete: Drei Tugenden zeichneten diese hohe
Prinzessin aus: hohe Geburt, frstliche Abstammung und knigliche
Schwgerschaft.

Bischof Balle war ein liebenswrdiger Mann, den wir bald wie eine
Gottheit anbeteten, die uns vom Himmel herniederkam. Seine groe Gestalt
imponirte, sein Gesicht war voller Wrde, Milde und Begeisterung. Die
Percke, die Krause und der lange Priesterrock untersttzten diese
Eigenschaften. Es htte mir einige Jahre frher leicht eben so gehen
knnen, wie dem Jungen, der als er zum ersten Male in der Kirche war,
in dem Glauben, da der Priester der Herrgott sei, die Mutter beim
Hinausgehen fragte: Mutter, warum schlug denn der liebe Gott so stark
auf die Kanzel?

Als ich noch in Madame Bergau's Schule ging, und der Bischof ein Mal in
der Kirche visitirte, lernte ich zum ersten Mal, was Kabale sei, denn
ich, der auch dabei sein wollte, um mir ein Buch als Belohnung meines
Fleies zu erwerben, erfuhr es erst zu spt, und mute mich daher mit
einem Stck Zuckerkant begngen, welches er, in einem Stuhle vor dem
Altar sitzend, mir in den Mund steckte. Die Bauernkinder von Walby kamen
auch zur Visitation. Ich entsinne mich, da er ein Bauermdchen fragte:
Christus sagte: =Weib=, was habe ich mit Dir zu schaffen? -- War das
ein Schimpfwort? Sagte Christus im Zorn =Weib= zu ihr? Nein keineswegs!
=Weib= war ein Ehrenname und ist es auch noch heute.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Erste poetische Versuche.]

Bereits in meinem neunten Jahre hatte ich einen Morgenpsalm geschrieben,
welchen Herr Lassen erwischte. Gegen den Inhalt hatte er Nichts
einzuwenden, aber er tadelte, da die Verse nicht die gengende Anzahl
Fe htten, um gehen zu knnen. Ich wagte, das Gegentheil zu behaupten;
ein Psalmenbuch wurde als Schiedsrichter vorgenommen, und nun hatte ich
den Triumph, da der Kster zugestehen mute, gegen die Fe sei Nichts
einzuwenden.

                    *       *       *       *       *

Mit Wincklers war ich oft drauen im Felde bei der Ernte; ihre Felder
lagen jenseits des Friedrichsberger Gartens. Ich erstaunte darber,
verschiedene Pfosten an den Gitterthren von Wallfischzhnen verfertigt
zu sehen, und bekam hierdurch zuerst eine Vorstellung von der Gre
dieser Thiere. Hie und da stehen diese Zhne noch.

Einer ganz sonderbaren Jagd entsinne ich mich aus jener Zeit. --
Wincklers hatten einen groen Schober auf dem Hof, in dem viele
Feldmuse steckten. Bernt machte mir den Vorschlag, ob wir nicht Katze
spielen und die Muse fangen sollten. Hierzu war ich gleich bereit.
Wir nahmen Jeder einen Eimer auf den Schober hinauf, und indem wir
nun die Garben den Leuten zuwarfen, die sie in die Scheune schaffen
sollten, ergriffen wir die Muse, schlugen sie auf den Hacken unserer
eisenbeschlagenen Stiefeln todt, und warfen sie in die Eimer, die bald
gefllt waren. Das Merkwrdigste war, da ich, sonst mitleidig und
ngstlich vor Musen, bei dieser Jagd, sowie die Groen bei den Kessel-
und Parforcejagden, jedes andere Gefhl verloren hatte, so da ich nur
daran dachte, die Muse zu ergreifen und sie zu vernichten.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Wintervergngen.]

Eine meiner grten Freuden bestand darin, im Winter Schlittschuh
zu laufen. Als ich die armen Jungen auf Holzschuhen auf dem Eise
hinrutschen sah, dachte ich, es msse auch ganz hbsch sein. Ich bewog
meinen Vater, mir ein Paar Holzschuhe zu kaufen; aber sie waren mir zu
klein und drckten mich an den Zehen. Ich wollte es nicht sagen, um sie
nicht wieder hergeben zu mssen; ich hatte oft gehrt, da man Schuhzeug
austreten knne und hoffte, da sie sich schon nach dem Fue dehnen
wrden, wenn ich im Schnee mit ihnen umherginge. Aber als ich mich eine
Stunde lang auf dem Eise umhergetrieben hatte, mute ich nach Haus
hinken und ein Vergngen aufgeben, das mit so vielen Schmerzen erkauft
war.

                    *       *       *       *       *

Es amsirte Winckler und mich, mit Beginn des Frhjahrs, wenn es
zu thauen anfing, auf groen Stcken Eis auf dem Gemeindeteiche
umherzufahren. Ein Mal, als wir bei Berner's waren, fiel ich ins Wasser
und wre beinahe in den Schlamm gesunken, aber ich kam doch glcklich
heraus und in die Gesindestube, wo ich mit einigen anderen Kleidern
versehen wurde, so da die Aeltern, die darinnen saen und Quadrille
spielten, Nichts davon erfuhren.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Freuden in der Stadt.]

Wie der Mensch sich nach Vernderung sehnt, und oft das Schlechtere
dem Bessern vorzieht, wenn es nur neu und ungewhnlich ist, habe ich
mit mir selbst in meiner frhern Kindheit erfahren. Da war eine alte
Nhmamsell, die meiner Mutter half und zuweilen auf einige Tage zu uns
kam; sie hie Mamsell =Kjbel=. Sie hatte eine Freundin, die mit einem
Herrn Hegelund verheirathet war, der auf Ulfeldt's Platz in Kopenhagen
wohnte. Dieser Mann besuchte auch zuweilen meine Eltern. Er hatte in
seiner Jugend studirt; ob er von dem alten dnischen Dichter Hegelund
abstammte, wei ich nicht; aber er sprach einmal mit meinem Vater ber
Holberg, was das fr ein groer Dichter sei, und fhrte zum Beweis dafr
die Zeilen aus Peder Paars an: Aurora ffnete ihr purpurfarb'nes Thor,
zum Frhstck holt sie Brot, in Fett =getaucht= hervor. Besonders dieses
=getaucht= bewunderte er so sehr. Ein schlechterer Dichter, meinte er,
wrde gesagt haben: mit Fett =belegt=, oder mit Fett =beschmiert=.
Aber der geniale Holberg hatte es unvergleichlich schn ausgedrckt: in
Fett =getaucht=. Ich hrte auf diese ersten sthetischen Vorlesungen
mit groer Andacht, und habe spter oft hnlichen beigewohnt, wenngleich
in ganz anderer Einkleidung und nach hchstverschiedenen Theorieen.
Diesen Herrn Hegelund besuchten meine Schwester und ich mit der
Nhmamsell ein Mal im Jahre, mitten im heiesten Sommer. Und was waren
alle Rosen, Levkojen, Goldlack und Ambra Friedrichsbergs gegen den
Geruch von Theer, Klipp- und Stock-Fischen, der mir aus dem Laden des
Seilers entgegenstrmte, whrend das Auge auf den glnzenden Messern,
Scheeren und dem bunten Spielzeug des Kurzwaarenhndlers ruhte? Selbst
der Rinnstein schien mir etwas aromatisch Anziehendes zu haben, an das
ich in der freien Luft auf Friedrichsberg nicht gewhnt war. Nun kamen
wir nach Ulfeldt's Platz! Darauf erstiegen wir eine steile Treppe bis in
die vierte Etage eines kleinen engen Hauses. O Gott! welche Aussicht!
das war etwas ganz Anderes, als das ewige tgliche Bild von der Ostsee,
Amager, Schweden und der Hauptstadt mit ihren Thrmen, den Schiffen,
dem Sdfeld, von den Mhlen und dem Vieh auf dem Felde. In einem engen
Kreise von Fleischbnken, wo das Fleisch in prchtigen Stcken mit der
reichen Blume und mit knstlichen Wrfelschnitten hing, erhob sich
hchst romantisch die wunderliche Sule mit der Inschrift: Zu ewiger
Schmach, Spott und Schande fr den Landesverrther Corfitz Ulfeldt.
Es setzte mich auf eine eigenthmliche Weise in das Mittelalter
zurck, ja sogar nach Mexiko, wovon ich vor Kurzem gelesen hatte, und
meine kindliche Phantasie spiegelte sich vor, da rund um die Sule
Menschenfleisch hing, welches dem Vizlipuzli geopfert sei. Warf ich nun
einen Blick zurck in das Zimmer, so weilte er bei einer Commode, voll
der schnsten Gypsfiguren, an denen sich die Bildhauer- und Malerkunst
in ihrer liebenswrdigen Kindheit vor der Zeit Cimabue's zeigte. Zwerge
konnten die Augen verdrehen und die Zungen herausstrecken. Zu einem
grnen Papagey hatte ich besonders Lust, und wer schildert meine Freude,
als die Madame ihn mir verehrte, und ich ihn auf Friedrichsberg als den
einzigen Ueberrest einer lieben verschwundenen Welt bringen konnte, die
sich mir erst in den Hundstagen nchsten Jahres wieder ffnen sollte,
wenn wir so lange lebten, wie die alte Nhmamsell sehr vorsichtig
hinzufgte, wenn sie uns diese Hoffnung machte.

                    *       *       *       *       *

Wir wollten also gern nach Kopenhagen, und es war ein Fest, wenn unsere
Eltern zuweilen mit uns zu ihren Freunden, zu den Weinhndlern Colstrup
und Bhling und zu Herrn Leppert, dem vornehmsten Schneider der Stadt
gingen. Ein Kamerad von Colstrup und Bhling, der Weinhndler Bolten,
hatte sich vor Kurzem zum Baron hinaufgeschwungen, und man sprach davon,
da es vielleicht auch ihnen glcken knne. Der Handel war in jenen
franzsischen Revolutionsjahren auerordentlich vortheilhaft. Mein Vater
hatte dem Bhling ein paar Hundert zusammengesparte Reichsthaler mit in
sein Geschft gegeben, von denen er groen Gewinn hoffte; aber es ging
unglcklich, die kleine Summe wurde verloren; doch wir Kinder gewannen
dabei, denn lange wurden uns als Zinsen einige Flaschen Kirschwein
geschickt, der vortrefflich schmeckte. In diesen Gesellschaften
herrschte viel Munterkeit, Bhling war ein lustiger Mann, aber der
frher erwhnte Canalinspector Schitt machte besonders viel Scherze und
leuchtete als erster Stern. Wenn ich nicht irre, so kam auch zuweilen
ein Bildhauer oder Bildschnitzer Kpke dorthin, welcher den Eremiten im
Sdfeld gemacht hatte, der sich von seinem Lager in der Htte erhob,
wenn man auf ein Brett an der Thre trat. Er sowie der verstorbene
Schauspieler Knudsen trugen viel zur geselligen Heiterkeit in dieser
Zeit bei.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Reinecke Fuchs.]

Madame Leppert war eine muntere Frau, die, wenn wir Kinder die ihrigen
besuchten, ihren zweiten Sohn bat, uns aus dem Eulenspiegel vorzulesen.
Wir selbst besaen die dnische Thura'sche Ausgabe vom Reinecke Fuchs.
Einmal tauschten wir: wir bekamen Eulenspiegel und die Anderen Reinecke
Fuchs. Aber dies reuete mich doch spter, der Holzschnitte wegen, wo der
Lwenknig und die Knigin mit Kronen auf dem Haupte sitzen, und die
Zunge weit zum Halse herausstrecken, wo der Kater Hinze mit dem Bren
Braun spricht, und wo Reinecke als Kapuziner kommt, auf der Leiter steht
und sich vom Galgen losschwatzt; die herrlichen Kaulbach'schen Bilder
machten in den Greisesjahren kaum den Eindruck auf meine Phantasie, wie
jene schlechten Holzschnitte in meiner Kindheit.

                    *       *       *       *       *

Der lteste Sohn Leppert's war Student, ein freundlicher, stiller
Mensch, der an der Brust litt. Er gewann mich lieb, es that ihm leid,
da ich so lange umherlief, ohne etwas zu lernen, dehalb nahm er mich
zu sich nach Hause; ich schlief oft in der Nacht auf seinem Zimmer, er
fing an, mich etwas Geographie zu lehren, und schenkte mir einen Atlas,
den ich noch viele Jahre nach seinem Tode benutzte.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Die Schule in der Stadt.]

Ich war zwlf Jahre alt geworden, und noch hatte man nicht daran
gedacht, mich etwas Ordentliches lernen zu lassen. Bernt Winckler,
dessen Vater reich war, kam in die Schule fr Brgertugend in
Kopenhagen und hatte freie Wohnung. Mein Vater war arm, es war ihm
unmglich, das Schulgeld und zugleich eine Wohnung fr mich in
Kopenhagen zu bezahlen. An meine Zukunft wurde durchaus nicht weiter
gedacht; es hie, da ich Kaufmann werden solle. Meine Mutter hatte eine
Schwester, die mit einem wohlhabenden Kaufmanne Gjerlew verheirathet
war, und sie machte uns zuweilen Vormittagsbesuche und wir ihr; aber
ihren Mann sahen wir niemals. Als sie einmal hrte, da ich Kaufmann
werden sollte, sagte sie spttisch: Ein Kaufmann ohne Geld, ist eine
Violine ohne Saiten. Dies war der einzige Trost, den ich von ihr bekam.
-- Glcklicherweise traf mich der Dichter =Eduard Storm= einmal im
Friedrichsberger Garten. Er unterhielt sich mit mir, ich gefiel ihm, und
er verschaffte mir einen Freiplatz in der Efterslgtsskole (Schule fr
die Nachwelt). Gleich whrend seines ersten Besuchs bei meinen Eltern
gewann er mein ganzes Herz. Er war ein kleiner Mann mit einem hellblauen
Frack und einem breitkrmpigen runden Hut. Das Haar hielt er mit einem
runden Kamme, so wie Ewald aus dem Portrait, nach hinten. Die groen
blauen Augen strahlten voll Kraft und Laune, er war ein Norweger aus dem
Guldbrands-Thale und ein chter sokratischer Charakter. Nur ber dummen
Hochmuth vermochte er zu spotten, sonst war er die Freundlichkeit und
Humanitt selbst. Als er meine Mutter am Spinnrade fand, lobte er ihren
Flei und erzhlte auf seine launige Weise gleich von einem vornehmen
Frulein, das er einmal auf dem Lande getroffen, wo sie ein Spinnrad
gesehen und ihn gefragt hatte, was das fr ein Ding sei, worauf er
geantwortet htte: Ein Bratenwender, meine Gndigste! So kam ich also
in die Schule, und ein Packhausverwalter Gosch nahm mich gegen sehr
billige Bedingungen in Kost.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Krankheit meiner Mutter.]

Aber auer Storm hatte ich gewi noch einem andern Manne mein Glck zu
verdanken; denn wenn er nicht Storm zuerst auf mich aufmerksam gemacht
und mich als Eleve der Schule vorgeschlagen htte, so wre es kaum
geschehen. Dieser Mann war der Maurermeister =Lange=, Major und Chef der
Brgerartillerie. Er war ein groer, starker, wohlgewachsener Mann, mit
einem schnen Gesicht, einem vortrefflichen Organ und all' der Bildung,
welche vorzgliche Naturanlagen ohne wissenschaftliche Erziehung, durch
den Umgang mit Menschen sich selbst zu geben vermgen. Er hatte meine
Eltern lieb, denn er war ein vertrauter Freund vom Bruder meiner Mutter
gewesen. Ich habe bereits von der Familie meines Vaters gesprochen,
ich mu noch hinzufgen, da seine Mutter, nach ihres zweiten Mannes,
Bolt, Tode von Schleswig herber und in das Haus zu uns kam. Es war
eine stille bejahrte Bauerfrau; die neue Welt, in die sie kam, kannte
sie nicht, und lernte sie auch nie kennen. Es whrte lange, ehe wir
Kinder sie verstanden, und sie verstand uns gar nicht, denn sie sprach
nur plattdeutsch. Ich entsinne mich nichts Anderes von ihr, als da
sie groen Respect vor der Noblesse hatte, und meinen Vater einmal mit
gedmpfter Stimme und tiefer Ehrerbietung von Einem fragte: Hat er die
Sltel? Sie meinte den Kammerherrnschlssel. Sie war ungefhr fnf Jahr
bei uns im Hause, ehe sie starb; eine stille, weiche Seele, dankbar
gegen ihren Sohn und sein Weib, weil sie ihr ein sorgenfreies Alter
schenkten. In demselben Jahre lag die kleine Christine in der Wiege,
wie ich bereits erwhnte, mit einem Wasserkopf, wie ein Kind, welches
erst zu begreifen anfngt, und mute also in der ganzen Zelt gepflegt
werden. Dies und manches Andere versetzte meine arme Mutter in einen
kummervollen, schwermthigen Zustand, -- es schwchte ihre Krfte, die
sie vergebens durch augenblickliche Reizmittel zu strken suchte, --
und diese herrliche Natur ging allmlig fr uns verloren. In lichten
Augenblicken gab sie noch stets Beweise von dem Geiste, dem Herzen und
der Tchtigkeit, mit der die Natur sie so reich bedacht hatte. Man sah
noch die Ueberreste der frhern Schnheit. Mein Vater sagte oft in
Augenblicken der bertriebenen Bescheidenheit, welche stets den heftigen
Aeuerungen der Ungeduld folgten: Sie hat mehr Verstand in ihrem
kleinen Finger, als ich im ganzen Krper.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Meiner Mutter Verwandtschaft.]

Es hatten brigens manche Verhltnisse zu ihrer Betrbni und zur
Schwchung ihrer Gesundheit beigetragen. Sie hatte einen Bruder gehabt,
einen sehr hbschen jungen Mann, voll von Geist und Herz. Er erlernte
die Maurerprofession, wurde Geselle, und war, wie ich krzlich berhrte,
des Majors Lange Jugendfreund. Lange versicherte oft, da, wenn das
folgende Unglck nicht eingetroffen wre, Hansen es eben so weit
gebracht haben wrde, wie er. Aber der junge Mann fiel einmal in einem
Wirthshause in die Hnde von Werbern, wurde Soldat und spter war es
keine Mglichkeit, ihn frei zu machen, da mein Vater nicht das Lsegeld
fr ihn zu zahlen vermochte. Ich hatte ihn vor Augen, als ich die Scenen
mit Rudolf in =Dina= dichtete. Die lteste Schwester, meine Tante,
die wohlhabende Kaufmannsfrau, mu wohl nicht im Stande gewesen sein,
etwas fr ihre Familie zu thun, da ihr Bruder Soldat blieb und ihre
Mutter in einer ffentlichen Versorgungsanstalt starb. Aus Verzweiflung
verheirathete der junge Mann sich mit einem Dienstmdchen, bekam zwei
Kinder -- und hatte, dem Himmel sei Dank! bereits ausgekmpft und war
gestorben, als ich zu denken begann. Mein Vater besuchte die Witwe
einmal mit mir in ihrer Dachwohnung; und es ist mir, als ob ich nie,
weder frher noch spter, eine solch' unendliche Noth gesehen htte. Es
war ein harter Winter, und sie lag mit den Kindern im Bett, um nicht zu
erfrieren. Mein Vater half, so gut er konnte. Von meiner Schwester wei
ich einen schnen und edeln Zug, der viele Jahre spter eintraf, und den
ich bei dieser Gelegenheit erzhlen will, um ihn nicht zu vergessen.
Eine der Tchter, Friederike, ein liebes und sehr gutes Mdchen, sollte
einen Dienst suchen, als sie erwachsen war; meine Schwester hatte
sich kurz vorher mit Oersted verheirathet, der Assessor im Hof- und
Staatsgericht war, jedoch nichts brig hatte, weshalb er in den ersten
Jahren den Studirenden tglich noch viele Stunden Repetitorien gab. Um
Friederiken so viel als mglich Gutes zu thun, nahm meine Schwester sie
in Dienst, denn anders konnte sie ihr nicht helfen; aber man kann sich
nicht vorstellen, welch ein schnes Verhltni zwischen der Frau und der
Dienerin, und doch zwischen zwei Cousinen, die Du zu einander sagten,
herrschte. Nie berschritt Friederike die Ehrerbietung gegen ihre
Herrschaft, nie war sie undankbar oder neidisch; und Sophie behandelte
sie mit der edelmthigsten Liebenswrdigkeit, und trug durch Gesprche
und Bcher zu ihrer Bildung bei, ohne ihr darum ihren Stand zuwider zu
machen. Spter verheirathete sie sich auch gut, ist aber jetzt todt.

Da nun das unglckliche Schicksal meines Onkels den guten Major Lange
schmerzte, und er durch Maurerarbeit auf dem Friedrichsberger Schlo
die Bekanntschaft meiner Eltern gemacht und oft herzlich mit meiner
Mutter von ihrem unglcklichen Bruder gesprochen hatte -- so gewann
er wohl auch mich armen Jungen lieb, und um doch wenigstens mich zu
retten, sprach er mit Storm und verschaffte mir die Freistelle in der
obengenannten Schule.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Ich werde Pensionair.]

Nun ging eine groe Vernderung in meinem Leben vor; als ich nach
Kopenhagen zum Packhausverwalter =Gosch= kam. Dieser Mann war in
seiner Jugend mit einem reichen Herrn als Kammerdiener mehrere Jahre in
Europa umhergereist, er besa mehr als gewhnliche Bildung und einen
vortrefflichen Charakter. Alles in seinem Hause war sehr ordentlich; er
hielt Bltter und Journale, die, wenn sie gelesen waren, sauber in die
Presse unter hbsche Marmorsteine gelegt wurden. An seiner Wand hing
eine kleine Naturaliensammlung, von der ich mich noch des Schwertes
eines Schwertfisches entsinne, das ich mit groer Aufmerksamkeit
betrachtete. Kurz nach meiner Ankunft bekam er einige Kokosnsse von
Westindien. Ich hatte diese Frucht aus Robinson Cruso kennen gelernt,
und war sehr begierig auf ihre se Milch; aber sie entsprachen nicht
der Erwartung. -- Da ich nicht gleich in die Schule eintreten konnte,
sondern warten mute, bis das Examen vorber war, that Herr Gosch Alles,
was er konnte, um mich vorzubereiten. Mit einigen anderen Knaben,
Verwandten von Gosch, mute ich mich im Schreiben ben. Einmal, wie wir
so da saen, kam Bruder Drees, wie wir ihn nannten, ein Student Werliin,
der uns sehr lieb hatte und ein Vetter der anderen Jungen war, mit einem
seiner Freunde durch das Zimmer. Knnen Sie meinen Namen schreiben?
fragte Letzterer mich freundlich. Ich schrieb Mango. Das ist ganz
richtig, sagte er, wenn Sie nur ein R hinzusetzen. Es war dies der
verstorbene Major Mangor. Herr Gosch nahm mich eines Nachmittags mit,
um Professor Vahl's Vorlesungen im Prinzenpalais hinter dem Schlo zu
hren. Sie amsirten mich sehr. Ich betrachtete die Klapperschlange und
die Brillenschlange in dem mit Spiritus gefllten Glase mit Neugier und
Schauder. Aber wie gro damals schon die Lust bei mit war, das Theater
zu besuchen, entsinne ich mich, indem ich eines Abends gedenke, als
ich mit Herrn Gosch und einem Schiffscapitain aus Vahl's Vorlesungen
ber den Knigsneumarkt ging. Als wir uns dem Theatergebude nherten,
sagte der Schiffscapitain ganz phlegmatisch: Ich glaube, ich gehe heute
in die Komdie, Adieu! Er ging. Mit schmachtenden, sehnsuchtsvollen
Blicken schaute ich ihm nach, so lange meine Augen ihm folgen konnten;
er ffnete die Thr, durch welche ich das Licht aus dem Vorsaale
schimmern sah. Gott, der Glckliche! und eine solch' himmlische Freude
mut du entbehren. -- Ganz betrbt und muthlos folgte ich Herrn Gosch
an der Reiterstatue auf Knigsneumarkt vorber in dem dunkeln Abend nach
Hause.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Eintritt in die Schule.]

Auch Storm bat mich, ihn im Schulgebude in seinem hbschen Zimmer, vor
welchem sich die Schlafkammer befand, zu besuchen. Hier sah ich die
Jungen im Garten spielen, und freute mich sehr darauf, in eine Schule
zu kommen, wo auch Spielen und Laufen gewissermaen mit zum Unterricht
gehrten. Was dies anbetraf, so war ich ziemlich vorbereitet darauf
und hoffte, da keiner meiner Kameraden mich berflgeln wrde. Storm
gab mir Unterricht in der Geographie. Als wir Dnemark durchgegangen
waren, und er die Karte von Norwegen vornahm, sagte er mit seiner
eigenthmlichen, herzergreifenden Stimme: Nun kommen wir zu =meinem=
Vaterland, mein Kind! Es whrte nun nicht lange, so kam ich in die
Schule, als Storm fand, da ich genug wisse, um gleich in die dritte
Klasse zu kommen. Vielleicht fand er mich auch zu gro und zu alt, um
mich unter die kleinen Jungen zu setzen. Schon in der dritten Klasse
ragte ich wie ein Riese hervor. Da ich in einem groben dunkelgrnen Rock
ging, mit den schwarzen Haaren im Nacken, nannte man mich den Kutscher.
Ich habe meinen guten Freund, jetzt verstorbenen Oberstlieutenant
und Postmeister Schwarz, in Verdacht gehabt, diesen und mehrere
Ehrennamen verbreitet zu haben, denn es amsirte ihn mit seiner lustigen
Eulenspiegelnatur, mir Spottnamen zu geben, um mich bse und auffahrend
zu machen. Doch entsinne ich mich nicht, ihn jemals geprgelt zu haben,
was doch wohl der Fall mit mehreren anderen Grern war; denn Schwarz
war nur klein von Natur und schwach; ich besuchte ihn sogar und lernte
dadurch seinen Vater kennen, vor dem ich eine an Adoration grenzende
Ehrfurcht hatte, weil er ein sehr ausgezeichneter Schauspieler war.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Naschlust.]

Ich brachte ein nicht unbedeutendes Vermgen von Friedrichsberg mit,
welches ich, da ich nie mehr als zwei, oder hchstens vier Schilling
besessen hatte, auszugeben eilte. Wir hatten nmlich zu Hause die
Einrichtung getroffen, da wenn wir Kinder eine kleine Bchse voll von
dem Zucker sparten, den wir des Morgens zu unserm Thee erhielten, wir
zwei Schilling bekamen. Ich gewhnte mich nun daran, den Thee fast ohne
Zucker zu trinken (obgleich ich ein groes Leckermaul war), und dadurch
brachte ich es so weit, da ich die kleine Zuckerbchse voll schner
blanker neuer Zweischillingstcke bei meiner Ankunft in Kopenhagen
hatte. Nun sollte man doch glauben, da ich mit groer Sorgfalt bewahren
wrde, was ich so mhsam und mit so groer Selbstverleugnung gespart
hatte, denn ich war keiner jener Milchbrte, die im Schlaf zu ihrem
Vermgen kommen und sich dehalb auch mit aller Macht befleiigen, es
zu vergeuden, sobald sie mndig werden; ich hatte mir, wenn auch nicht
mit saurem Schwei, so doch mit sem Mangel mein Eigenthum, wie der
Geizige seinen lieben Schatz erworben. Und doch half es Nichts! In den
ersten acht Tagen hatte ich, indem ich beim Spielwaarenhndler Violinen
fr meine neuen Kameraden, dagegen Macronen und Feigen beim Italiener
fr mich selbst kaufte, meine Schachtel gnzlich geleert. -- Ich war
besonders ein auerordentlicher Liebhaber von Feigen; wenn ich mir eine
groe Tte davon gekauft hatte, pflegte ich gewhnlich, indem ich die
erste in den Mund steckte, im vollen Carriere die Strae entlang zu
laufen, und ziemlich laut zu rufen: O, glcklich' Land, das solche
Feigen hat!

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Geheilte Verwegenheit.]

Herr Gosch warf mir meine Verschwendung vor, als er sie erfuhr; doch --
damit hatte es bald ein Ende, denn als ich nichts mehr besa, gab ich
nichts mehr aus. Aber ein anderes Spiel bte ich, das mir leicht theuer
htte zu stehen kommen knnen. Einmal, wie sie soeben in der vierten
Etage oben im Zimmer saen, sahen sie einen wunderlichen Gegenstand an
dem Strick hngen, der vom Giebel bis auf die Erde herunterging; ich
war es, der mit dem einen Fu in dem eisernen Haken stand, und mit dem
andern gegen die Wand parirte, wenn ich hin- und herschwankte, um nicht
die Fensterscheiben entzwei zu schlagen. Es sah nur etwas gefhrlich
aus. Ja, das will noch gar nichts heien, -- sagte einer der Jungen
zur Tante, wie wir die Frau im Hause nannten; -- aber er geht nie die
Treppen hinunter, sondern rutscht immer reitend im vollen Carriere das
Gelnder hinab.

Den Abend, nachdem das geschehen war, saen wir Jungen mit Bruder Drees
am Tische. Wir baten ihn, uns etwas vorzuzeichnen, denn er zeichnete
hbsch. Er nahm ein Stck Papier, zeichnete eine Treppe mit einem
Gelnder und einen Knaben der hinabgefallen war und todt da lag. Die
Eltern standen um die Leiche und rangen ihre Hnde vor Verzweiflung. Er
reichte mir das Bild, ohne ein Wort zu sagen. Ich betrachtete es, brach
in Thrnen aus, fiel ihm um den Hals und ritt seitdem nie wieder auf dem
Gelnder.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Sonderbare Garderobe.]

Mein Vater mute auf alle mgliche Weise sparen, und sehen, wie er
mir billig Kleider verschaffen konnte. Nun hatte der knigliche
Garderobemeister ihm mehrere alte Kleidungsstcke verkauft, und so
ging ich lange in dem hochrothen gewendeten Rock des Kronprinzen, den
steifen Stiefeln des Knigs, und aus einem cassirten Billardtuch hatte
man mir grne Hosen gemacht. Dies sonderbare Costm reizte nun meine
Schulkameraden, mich zu necken. Wegen der Schimpfworte, die ich hren
mute, setzte es oft Pffe; man klagte mich bei Storm an, aber er,
im Vertrauen auf das fromme Gemth, das er bei mir entdeckt zu haben
glaubte, antwortete ihnen barsch: Das ist gelogen! Ich errthete,
denn ich wute, da es nur allzu wahr sei, lie ihn aber doch in seinem
Glauben, weil ich es zu weitlufig und schwierig fand, ihm die Motive
zu dieser scheinbar bsen Handlung zu erklren. Aber endlich berzeugte
er sich eines Tages, da er mich und einen groen Jungen aus einer
hhern Klasse im Garten sah, wie wir einander in den Haaren lagen.
Gerade mitten in der Schlacht fiel die Richtung meiner Augen unter
meinem linken Arm nach Storm's Fenster hinauf, und als ich daselbst
ihn, als ruhigen Zuschauer mit den groen Augen entdeckte, ging es mit
wie Aeneas, und ich konnte gleich dem betrunkenen Grtner im Figaro,
weder Hand noch Fu von dem Finger rhren, der in Koch's Haaren steckte.
Ich bekam ein _clamamus_, wie wir es nannten, in mein Censurbuch und
war so unglcklich, es zu verlieren; zugleich aber doch so glcklich,
da mein Vater es erst sah und seinen Namen dazu setzte. Htte ich es
frher verloren, so wrde Storm vielleicht geglaubt haben, da ich das
Buch fortgeworfen htte, um der Strafe zu entgehen, und dann wrde ich
seine Freundschaft verloren haben, so aber kam ich mit einer Bemerkung
in meinem neuen Buche davon, ich solle es besser in Acht nehmen. --
Ich entsinne mich noch, in welcher Angst ich war, da Storm mich in dem
Verdacht der Unredlichkeit haben knne.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Der Lehrer Dickmann.]

In der dritten Klasse war nur ein Lehrer, =Spleth=, ein ausgezeichneter
Mann; er unterrichtete uns in der Geschichte, aber er war krankhaft
still, ein Kantianer und nicht mit dem lebendigen Vortrage begabt, der
den Kindern Lust zum Lernen giebt. Diesen besa dagegen =Dickmann=
in hohem Grade; aber zu ihm kamen wir erst in der zweiten Klasse.
Die erste und zweite Klasse waren durch ein Vorzimmer getrennt, und
geistig genommen, waren sie auch so verschieden von der unsrigen,
da man mit Recht sagen konnte, sie seien eine neue Schule, denn sie
hatten lauter andere Lehrer. Dickmann hat einen groen Einflu auf
meine geistige Entwickelung gehabt; in den Jnglings- und Mannesjahren
habe ich ihm zwei Gedichte gewidmet, und mit liebevollem Gefhle kehrt
die Erinnerung wieder zu ihm zurck. Er war nicht gro von Wuchs,
aber wohl gebaut, mit einem interessanten, schnen Gesicht, voller
Feuer, Gefhl und Beweglichkeit. Er sah stolz, gutmthig und ernst
aus. -- Mit Ehrerbietung trat ich in die Klasse ein, als ich dorthin
avancirt war und Storm die Neuangekommenen dem ersten Lehrer der
Schule vorstellte. Storm und Dickmann hatten gegenseitig groe Achtung
vor ihrer Tchtigkeit und ihren Talenten; aber -- obgleich sie Beide
Norweger, tchtige Kpfe und gute Menschen waren, so waren sie doch
Beide grundverschieden. Dickmann stach schon gleich auf eine wunderliche
Weise mit seinem Toup und seinem kecken Zopf im Nacken gegen Storm
ab, der mit seinen zurckgestrichenen Haaren, wie ein Sokrates oder
Franklin dastand. Dickmann erinnerte mich immer, obgleich er kein Held
war, an Heinrich IV. von Frankreich, weil dieser Dickmann's Held war.
Das Chevalereske; das in manchen Beziehungen schwache und dann wieder
krftige Herz; das Ritterstolze und Leichtbewegliche; das beredte, tiefe
Menschengefhl; die Begeisterung fr die Liebe und den Wein; -- all'
dieses theilte Dickmann mit Heinrich IV. In Bezug auf sittliche Kraft
stand Storm weit ber Dickmann, der in Ewald's und Wessel's Schule
gegangen war, sich an gewisse Freiheiten und Gensse und daran gewhnt
hatte, sie wie eine _licentia poetica_ zu betrachten, die sich nicht
allein auf Poeten, sondern auf alle Schngeister erstreckte. -- Aber
sie sympathisirten auch nicht in Schulangelegenheiten. Storm wollte,
da die Lehrer durchaus nicht schlagen sollten, sondern da Alles durch
Zeugnisse abgemacht und dann den Eltern berlassen werden msse. Dies
war Dickmann mit seinem raschen Charakter zuweilen zu weitlufig. Als
wir zum ersten Mal eintraten, hielt er uns folgende Rede, die gerade
nicht von der Art war, da sie uns die Zukunft rosenfarben malte: Es
ist eine Bestimmung hier in der Schule, da die Zglinge keine Schlge,
sondern nur schlechte Zeugnisse bekommen sollen, wenn sie ihr Pensum
nicht knnen. Hiernach werde auch ich mich streng richten, und fr
Faulheit und Nachlssigkeit werde ich Euch niemals prgeln. Es ist
Euer eigener Schaden und davon mssen Eure Eltern Euch curiren. Aber
ich habe gehrt, da einige ungezogene Jungen unter Euch sein sollen,
die zuweilen naseweis gegen die Lehrer sind. Seid Ihr es gegen mich,
so bekommt Ihr Prgel! Dann ist es nmlich nicht der Lehrer, der den
Schler schlgt, sondern der erwachsene Mann, der sich von einem Jungen
nicht beleidigen lt. -- Habt Ihr's gehrt, sagte Dickmann -- und
wir hrten Alle sehr gut.

Was mich betraf, so war mir in diesem Punkte nicht bange, denn so lange
ich gelebt habe, war es mir unmglich, Dem Geringschtzung zu zeigen,
dem ich Ehrerbietung schuldete. Ich und die Meisten waren auch nicht
damit gemeint. -- Dickmann machte auch, so viel ich mich entsinne, nur
ein einziges Mal Gebrauch von seinem Vorbehalte. -- Er kam einmal in
bler Laune in die Schule: Setzt Euch auf Eure Pltze, sagte er zu
den Jungen, welche in der Klasse spielten. Ein Einziger kroch unter
einen Tisch, statt sich auf die Bank zu setzen und bekam ein paar
wohlverdiente Ohrfeigen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Knabenstreiche.]

Uebrigens war in der ersten Klasse ein so guter Spectakelmacher, wie
man ihn sich nur wnschen kann: der geschichtlich bekannte =Jrgensen=,
der spter das Knigthum Island zu grnden versuchte. Er war ein chter
Eulenspiegel -- und in diesem Eulenspiegelcharakter waren seine Streiche
zuweilen recht witzig. So kam in der Zeichnenstunde, wenn Dinesen
selbst nicht kam, ein gewisser Herr M. statt seiner. Dieser Mann, ohne
besondere Bildung, erzhlte uns oft alles Mgliche von den langen
Reisen, die er gemacht haben wollte. Jrgensen wollte gern wissen, wo
er in der Welt umher gewesen sei. Ja, sagte er, hole mir eine Karte,
dann werde ich es Dir zeigen. Nun eilte Jrgensen fort, holte eine
Karte von Seeland und sagte: Ach, Herr M., nun seien Sie doch so gut,
und zeigen Sie uns, wie weit Sie gereist sind.

                    *       *       *       *       *

Wir hatten einen Lehrer in der Physik und in der deutschen Sprache,
der =Svendsen= hie. Er war ein vortrefflicher, guter Mensch, voller
Feuer und Herzlichkeit, der uns wie ein Vater seine verzogenen Kinder
liebte; aber deshalb konnten wir in seinen Stunden auch machen, was
wir wollten. Deutsch lernten wir recht gut, aber von der Physik fast
Nichts. Er hielt sich immer bei den ersten Definitionen auf. Ein Mal
sollte er bei der halbjhrigen Prfung examiniren, kam zu spt -- war
ganz verlegen deshalb und um nicht noch mehr Zeit zu verlieren, rief
er gleich, indem er sich setzte, dem ersten Schler zu: Was ist das?
Hiermit stie er so stark an ein Dintenfa, da er es umwarf. O, ich
bitte um Verzeihung! rief er zu den anwesenden Mitgliedern und Censoren
und wischte die Tinte in demselben Augenblick mit dem Aermel seines
hellgelben Sonntagsfracks ab. Er hatte nmlich den Schler nach dem
Unterschiede in der Physik zwischen =Druck= und =Sto= fragen wollen.
In den Stunden dieses Lehrers ging der Uebermuth so weit, da ein Mal,
whrend zwei Schler sich aufopferten, sich an ihn zu drngen, ihm in
die Augen zu sehen und auf Alles Ja zu sagen, was er ihnen erzhlte,
die anderen sich wie die Furien in den Ballets mit alten Schreibebchern
schlugen, die zu Fackeln gedreht und mit Talg eingeschmiert waren.
Mitten in diesem Teufelstanz trat Storm ein. Und was meint man, da er
that? Mit seinen groen funkelnden Augen starrte er, ohne ein Wort zu
sagen, mit der grten Verwunderung, ob dieser Unverschmtheit auf
uns Alle und ging darauf wieder langsam fort. Alle setzten sich voller
Angst auf ihre Pltze; Alle liebten, achteten, frchteten Storm, und
waren bange, sich seine anhaltende Unzufriedenheit zugezogen zu haben.
Aber als er uns wiedersah, that er, als ob Nichts vorgefallen sei. Er
griff nicht in die Pflicht des Lehrers ein, dessen Aufgabe es war, sich
selbst geachtet zu machen. Aber die Furcht vor einem solchen erneuerten
Besuch machte, da es von der Zeit an ordentlicher in Herrn Svendsen's
Stunden wurde. Von diesem Svendsen erzhlte man, da er ein Mal vor
meiner Zeit den Schlern hatte zeigen wollen, wie ein Floh auf dem
Wasser ein kleines Schiff ziehen knne. Zu dem Ende hatte er eine groe
Wanne in das Schulzimmer bringen lassen; aber whrend die Andern auf das
Schiff und den Floh hinstierten, der nicht recht ziehen wollte, weil
Svendsen ihn nicht ordentlich vorgespannt hatte, amsirte sich Jrgensen
auf eigene Hand, indem er sich bckte und so lange am Spunde der Wanne
wackelte und zerrte, bis er herausging und das Zimmer unter Wasser
gesetzt wurde.

                    *       *       *       *       *

Da diese Tollheiten, ber die man fast immer lachen mute, Storm nicht
sonderlich zusagten, der ein intimer Freund von Jrgensen's Vater,
einem vortrefflichen Uhrmacher, und einem der Stifter der Schule war,
ist leicht zu begreifen. Wegen dieser Freundschaft wich Storm auch
in Bezug auf den jungen Tollkopf von der Regel ab, und regalirte ihn
zuweilen mit eigenhndigen Schlgen, um dem Vater die Mhe zu sparen. --
Mehrere Mitglieder der Gesellschaft hielten in den zwei ersten Klassen
Vorlesungen, unter Anderen der verstorbene Conferenzrath, damaliger
Lector Saxtorph ber Anatomie. Der Kammersecretair Rosenstand-Goiske
las ber Oeconomie und Bergwissenschaft, Storm selbst ber nordische
Mythologie und dnische Grammatik. Ich schrieb alle diese Vorlesungen,
ebenso wie Dickmann's nach, und machte mehrere Jahre hindurch meine
Excerpte, die ich spter verloren habe. Ein Mal vor Rosenstand's Stunde
hatte der Sohn des Materialhndlers Thomsen eine seiner gewhnlichen
Ladungen Citronats, eingemachten Ingwers u. s. w. mitgebracht, die er
mit seltener Freigebigkeit besonders unter Die von uns vertheilte,
welche ihm dann wieder bei gewissen Gelegenheiten Souffleurdienste
leisten sollten. Diese Collation ward vom Katheder aus vertheilt. Als
nun Rosenstand kam und den Tisch etwas von dem eingemachten Ingwer
klebrig fand, sagte er mit Ekel: Ach da ist Saxtorph wieder mit seinen
Leichen gewesen. (Saxtorph hatte nmlich eine Woche vorher eine kleine
Kinderleiche vor uns anatomirt). Wir lieen Rosenstand natrlich in
seinem Glauben, da wir ihm nicht die Wahrheit sagen durften, und nun
mute der Diener hereinkommen und den Tisch abwischen.

                    *       *       *       *       *

Als Saxtorph uns zum ersten Male examinirte, war Storm zugegen. Die
Reihe kam an Jrgensen. Saxtorph fragte: Wo sondert sich der Speichel
ab? In den Nieren, antwortete Jrgensen. Storm, welcher wute, da
Jrgensen dies aus Muthwillen gesagt hatte, ging ganz ruhig hin und gab
ihm eine tchtige Ohrfeige. Um nicht mehr zu bekommen, fiel er unter
den Tisch. Storm setzte sich wieder hin. Jrgensen kroch wieder auf die
Bank mit einem ganz rothen Backen und Saxtorph setzte das Examen mit
Jrgensen's Nebenmann in ungestrter Gravitt fort, ohne durch irgend
eine Mienenvernderung ein Erstaunen ber das Geschehene an den Tag zu
legen.

                    *       *       *       *       *

Als Jrgensen ein Mal aus der Schule ging, nahm er einem kleinen
Mdchen, die auf der Strae sa und Obst verkaufte, einen Apfel weg. Als
sie zu weinen und zu schimpfen begann, kehrte er sich, den Apfel essend
nach ihr um, und sagte ganz ernst: Pfui, Du unartiges Mdchen, wirst
Du wohl ruhig sein, ich sage es gleich Deiner Mutter. Dadurch imponirte
er der kleinen Fruchthndlerin so, da sie still schwieg, und er ging
mit seinem Apfel von dannen.

                    *       *       *       *       *

Endlich machte er es doch zu arg und der Vater nahm ihn aus der Schule.
Wenn er nun in der Thr von seines Vaters Hause stand, so winkte er den
kleinen Knaben, die aus der Schule kamen, als ob er ihnen Etwas zu sagen
htte. Wenn sie dann in den Flur kamen, schlug er sie mit einem Endchen
Tau, das er hinter dem Rcken verborgen hatte, und lief in's Zimmer.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Der Knig von Island.]

Diese Eulenspiegeleien setzte er in seinem sptern Leben fort und sein
Knigthum auf Island war eine Fortsetzung seiner Schulstreiche, nur nach
einem greren Mastabe, der ihm indessen leicht den Kopf htte kosten
knnen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Poetische Versuche.]

Obwohl ich nie daran dachte, Dichter zu werden, so machte ich doch
schon als Knabe Verse zu meinem eigenen Vergngen. In Storm's dnischer
Sprachstunde wurde ich bald der Beste, und ich gab Wochenschriften
heraus, die Mittwochspost in der dritten, und Balder in der zweiten
Klasse, welche meine Schulkameraden mit Schieferstiften bezahlten.

Ich fing auch an Komdien zu schreiben, und sie mit meiner Schwester
und Winckler im Frhjahr und Herbst, wenn es noch nicht zu kalt
war, im kniglichen Speisesaale auf Friedrichsberg aufzufhren.
Gewhnlich hatten wir keine Zuschauer. Winckler, der in die Schule fr
Brgertugend ging, brachte zuweilen einen Kameraden von dort mit, der
nicht viel Sinn fr solche dramatische Uebungen zu haben schien und
gewhnlich einschlief. Winckler hatte eine auerordentliche Fertigkeit
im Werfen und Treffen. Einmal als unser Zuschauer am entgegengesetzten
uersten Ende des Saales sitzend, auf seinem Stuhle eingeschlafen war,
-- wir spielten ein Stck von mir: Die belohnte Gastfreundschaft (worin
ein fremder Herr incognito als Nothleidender ein paar arme Leute besucht
um ihre Mildthtigkeit zu prfen und sie dann belohnt) sagte Winckler,
um die Illusion nicht zu stren: Ach entschuldigen Sie, ich habe noch
einen kleinen Hund mit, der auch Etwas bekommen mu. Damit nahm er
einen halbfaulen Apfel vom Teller und traf den eingeschlafenen Zuschauer
mitten auf die Stirn, so da er erwachte und das Stck mit grter
Aufmerksamkeit bis zu Ende anhrte.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Theaterspiel.]

So wute Winckler, obgleich eigentlich das negative, widerstrebende
Princip meiner ersten Bestrebungen, indem er mit dem Spiele nur spielte,
mir oft durch einen glcklichen Handgriff in der Noth beizustehen.

Eines Tags fhrten wir zum Beispiel ein groes Stck von mir auf, an
dem mehrere Kameraden von mir Theil nahmen. Der Junge, welcher den
Vater spielte, hatte eine der alten Percken meines Vaters auf, und
sah ganz verzweifelt aus, da er auch seine Rolle nicht konnte. Meine
Schwester spielte die Tochter, die in Ohnmacht fiel, da sie nicht
gleich ihren heimlichen Geliebten heirathen durfte. Der verzweifelte
Vater, der seine Rolle nicht wute, konnte dagegen alle Parenthesen und
Anmerkungen an den Fingern hersagen. Indem nun die Tochter hinfllt,
sagt er ganz ruhig: Indessen sind sie ihr behlflich und bringen sie
wieder zu sich. Und damit wollte er gehen, weil er nicht mehr wute.
Aber glcklicher Weise stand Winckler in der Thre und warf ihn mit
einem uerst gewandten Stoe in den Rcken wieder mitten auf die
Bhne, so da das Stck von Neuem in Gang kam; denn der Sto hatte eine
magnetische Wirkung auf den Schauspieler, und die vergessenen Repliken
erwachten alle wieder in seinem Gedchtni.

Auch Storm sah uns ein Mal eine solche Komdie spielen und sagte
scherzend zu mir: Ei mein liebes Kind, Du bist ja ein grerer Dichter
als Molire! Man hielt es fr etwas Auerordentliches, da er in acht
Tagen ein Stck schrieb und auffhrte, aber Du machst das Alles zusammen
in einem. -- Weder Storm noch ich glaubte damals, da ich wirklich
Dichter werden wrde. Doch hatte ich eine gewisse geheime Ahnung davon.
Auch Dickmann glaubte es nicht; er hatte berhaupt keine hohe Meinung
von mir, mochte mich aber doch gern, und ich liebte ihn. Bilden Sie
Sich nicht ein, lieber Oehlenschlger, sagte er ein Mal in bler Laune,
da Sie Genie haben, weil Sie diese Verse machen! Sie knnen ein
tchtiger Gelehrter, ein gewandter Geschftsmann werden, (hier nannte
er mir einen vornehmen Mann, der jhrlich 3000 Thaler Einknfte hatte
und sehr elegant wohnte.) Solch Einer, sagte er, knnen Sie werden,
aber Sie werden niemals ein Eduard Storm. -- Es ist mglich, sagte
ich mit verbissenem Zorn und die Hand in der Rocktasche geballt. Ich sah
dies fr eine ungeheure Beleidigung an, und doch hatte Storm nur 200
Thaler jhrlich und bewohnte zwei kleine Zimmer eines Hinterhauses.

                    *       *       *       *       *

Da mein Geist mich doch stets zu dem Wissenschaftlichen hintrieb, so
hatte ich in der letzten Zeit mit einigen Schulkameraden angefangen,
Privatunterricht im Lateinischen bei Dickmann zu nehmen.

Meiner Schwester auf Friedrichsberg gab ich wieder in Verschiedenem
Unterricht, wenn ich sie dort besuchte. Sie bedurfte nur wenig
Anleitung, um Alles, was sie wollte, mit grter Leichtigkeit zu
erlernen.

                    *       *       *       *       *

Ich hatte von Kindesbeinen an Lust, Anderen das zu lehren, was ich
selbst lernte, und mochte gern Vorlesungen halten. Auch in der Kirche,
wenn ich mich allein glaubte, bestieg ich die Kanzel und predigte laut.
Der Prediger, Herr Bruun, war einmal in der Sakristei, ohne da ich es
wute, mein Zuhrer gewesen, und rieth meinem Vater, mich Theologie
studiren zu lassen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Anatomische Studien.]

Im Sommer ging ich jeden Abend nach Friedrichsberg; nur im Winter
blieb ich in der Stadt. Einmal hatte ich einem meiner Kameraden
(dem verzweifelten Vater) versprochen, ihm Anatomie zu lehren; ein
Kinderskelett hatte ich mit hinausgenommen. Es stand auf dem Tisch, und
ich schlief diese Nacht bei meinem Freunde, um den nchsten Morgen frh
in das Sdfeld zu gehen und Nsse zu pflcken, was eigentlich nicht
erlaubt war. Kaum waren wir ins Bett gegangen und hatten das Licht
ausgelscht, als wir Jemand an die Thr klopfen hrten. Wir schwiegen
erschreckt und ich dachte an das Skelett, welches uns vermuthlich wegen
des projectirten Nudiebstahls strafen wollte. Wie leicht wurde mir aber
wieder ums Herz, als unser Dienstmdchen mit einem Licht und meiner
Nachtjacke hereintrat, die ich vergessen hatte.

                    *       *       *       *       *

In diesen Jahren gab mein Vater sich nicht viel mit mir ab und berlie
mich meinen Lehrern. Ich entsinne mich, wie ich ihm zwei Mal, aus der
Stadt kommend, erschreckt im Garten begegnete. Das erste Mal hatte ich
mich bewegen lassen, die Schule zu schwnzen und einen guten Freund auf
ein groes Linienschiff, den Elephanten, zu begleiten, das auf der Rhede
lag. Damals fhlte ich mich zum ersten Male von den Geistern unserer
unsterblichen Seehelden, Christian's IV., Tordenskjold's, Juel's,
Adeler's und Hvidtfeldt's umweht. Das Tauwerk, die Segel, die schne
Kajte, die Kanonen, die lustigen Matrosen, die hbsch gekleideten
Offiziere, die gute Mahlzeit: Alles verwandelte den Elephanten fr mich
in ein Zauberschlo. -- Aber als ich nun nach Hause mute, fing mir das
Herz zu klopfen an; ich war den ganzen Tag ohne Erlaubni weggewesen.
So begegnete mir mein Vater im Garten, wie Adam dem lieben Herrgott
nach dem Sndenfalle. Aber nachdem er Alles gehrt hatte, schalt er
mich nicht. Es sei nicht Zeit gewesen, erst darum zu fragen, und ohne
es darauf ankommen zu lassen, htte ich einen seltenen Genu und eine
ntzliche Erfahrung entbehren mssen. Ein anderes Mal begegnete ich ihm
auch, als ich aus dem Wasser kam, aber triefend na, denn ich war mit
den Kleidern hineingefallen, und mute so nach Hause gehen. Da aber all'
meine Kleider durchnt waren, und mithin alle gleichmig eine dunklere
Farbe bekommen hatten, bemerkte mein Vater, der mit einem Fremden ging,
die Vernderung nicht. Ich zog meinen Hut sehr ehrerbietig ab, und
glcklicher Weise hielt er mich nicht auf; ich lief zu meiner Mutter
und sie half mir aus dieser, wie aus vielen anderen Verlegenheiten mit
mtterlicher Liebe, und dankte Gott, da ich nicht ertrunken war.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Besuch der Kunstakademie.]

Eine andere Schule, in die ich auch gekommen war, mute ich bald wieder
verlassen, weil man mich nicht in Frieden lie und der Feind mir zu
stark war. Ich liebte das Zeichnen sehr; der Zeichnenlehrer in der
Schule fr die Nachwelt, Herr Dinesen, fand, da ich Talent hatte,
und da er zugleich Lehrer auf der Kunstakademie war, so schlug er mir
vor, dorthin zu gehen. Ich kam in die erste Freihandzeichnenschule. Mit
welcher Ehrfurcht betrachtete ich nicht die Gypsabgsse der griechischen
Meisterwerke, im Gefhl und der Ahnung einer Schnheit, die ich noch
nicht verstand. Von Thorwaldsen wuten wir damals nichts weiter, als da
er ein ausgezeichneter Schler gewesen und nun in Rom war. Ich sollte
gerade in die nchste Klasse kommen, als ich die Zeichnenkunst aufgab.
Wie sollte ich auch dazu die Zeit bekommen, wenn ich den Tag ber in
die Schule gehen, Abends bei Dickmann sein und dann noch meine Arbeiten
machen sollte? Aber es war noch ein Grund vorhanden. Zu einer gewissen
Jahreszeit besuchten die Malerburschen die Akademie. Diese groen Jungen
schlugen sich immer, wenn sie kamen, und gingen auf Knigs-Neumarkt
und lieen uns Andere nicht in Frieden. Diesen Angriffen wollten meine
Eltern mich nicht aussetzen; auerdem verstand ich nicht mit dem
Rothstift umzugehen und war in der ganzen Zeit, wo ich die Akademie
besuchte, von einem strahlenden Heiligenschein umgeben. Ich gab dehalb
das Zeichnen auf.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Privatstunden.]

Aber auch bei Dickmann waren mir die Privatstunden zu drckend, wenn der
Sommer kam und ich ganz den schnen Abendfreuden entsagen sollte, die
ich bis dahin in der freien Natur genossen hatte. Hierzu kam noch, da
der gute Dickmann, der an Nahrungssorgen und huslichem Kummer litt,
tglich verdrielicher wurde. Einmal, als er uns eine schwierige Stelle
in einem lateinischen Autor bersetzt hatte, fragte er: Verstehen Sie
es nun Alle? -- Ja! lautete die Antwort. Sie auch, Oehlenschlger?
Nicht ganz, entgegnete ich, wollen Sie vielleicht so gut sein, es mir
noch einmal zu bersetzen? -- Ach, sagte er mit einem verchtlichen
Achselzucken, ich sehe schon, wo es fehlt.

[Sidenote: Dickmann's Unterricht.]

Er bersetzte es noch einmal, aber ich hrte kein Wort; ich war bla,
wie eine Leiche, und zitterte am ganzen Krper. -- Kein Genie, das
lie ich gelten; aber nun nicht einmal Kopf genug zum Studiren, ein
schlechterer Kopf, als all' die Anderen, das ging zu weit! -- Ich lief
zu meinem Vater und sagte ihm, da ich keinen Beruf in mir fhlte,
ein gelehrter Mann zu werden; ich htte mehr Lust zum Kaufmannsstande
und wnschte meine Abendstunden bei Dickmann aufzugeben. -- Mein
Vater lie mir meinen Willen. Als ich Dickmann das letzte Monatsgeld
gab, war er sehr gutmthig und bat mich noch auszuharren. Lieber
Oehlenschlger, sagte er, kmmern Sie sich doch nicht um ein Wort,
mit dem ich Nichts meinte. Fragen Sie alle meine Schler, ob ich ihnen
nicht oft viel schlimmere Dinge gesagt habe. Er brauchte nicht so viel
zu sprechen, um mich ganz zu vershnen und meine alte Liebe zu ihm
wieder zu erwecken. Ich suchte nun aus allen Krften, mich in seinen
historischen Stunden auszuzeichnen. Wenn er uns unser Pensum aus Kall's
Weltgeschichte berhrt hatte (ein Buch, das ich auswendig lernte, eben
so wie Pontoppidan's Erklrung in des Ksters-Schule), so hielt er uns
Vortrge ber die specielle Geschichte der verschiedenen Lnder. Er
hatte zu diesem Zwecke eine groe Menge Excerpte aufgeschrieben und
trug vortrefflich vor. In der ersten Klasse schrieben Einige whrend
des Vortrags das Wichtigste dessen nach, was er sagte. Ich war in der
zweiten Klasse und dort schrieb Keiner, auer mir. Eines Tages sagte
er: Ich mchte doch hren, was Sie da schreiben; lesen Sie es einmal
vor! -- Ich las mein Geschriebenes, gut stylisirt, vor, denn ich hatte
die Feder schon frh fhren gelernt. -- Wahrhaftig, das ist mehr als
ich selbst machen knnte, sagte er, und gab mir: Ausgezeichnet gut!
eine groe Seltenheit bei ihm, da es sonst Keiner in der zweiten Klasse
bekam. Ich war entzckt vor Freude, strzte in der Zwischenstunde in
die erste Klasse, mit dem Censurprotokoll in der Hand, rief: ich habe
ausgezeichnet gut! bekommen, und zeigte ihnen die Stelle, wo es
stand. Einige schlugen ein lautes Gelchter auf; aber Dickmann setzte
sie ernstlich zurecht, und erwies mir von dem Augenblicke an stets
Achtung. Ich fuhr fort, die Vortrge nachzuschreiben und hatte mein
kleines Schreibepult voller Excerpte ber Mythologie, Geschichte,
Oekonomie, Bergwissenschaft und Anatomie. Aber Dickmann wurde immer
melancholischer, von Nahrungssorgen niedergedrckt, und seine Gesundheit
schwcher. Die ganze Richtung, welche mein Geist einschlug, war nicht
nach seinem Sinne. Wie alle Schngeister der damaligen Zeit, hatte er
einen berwiegend einseitigen Hang zum Sentimentalen. Ich fing nach
der Natur des Knaben lustig und naiv an. Aber es war auch nicht durch
seinen poetischen Geschmack, da er Einflu auf mich ausbte. Der war
nicht sehr gut; er war, wie Viele jener Zeit, ein groer Bewunderer von
Kotzebue und setzte ihn beinahe ber Shakespeare. Doch Holberg, Ewald,
Wessel bewunderte er, und spter besonders Schiller. -- Aber Dickmann's
Vortrag in der Geschichte, die lebendige, begeisterte Art, in der er uns
die Charakteristik der groen Helden und ihrer Thaten gab -- ri mich
hin.

[Sidenote: Geschichts-Unterricht.]

Ueberall, wo die Humanitt den Sieg gewann, oder wo das Heroische
sich auf eine edle, ungewhnliche Weise uerte -- da war Dickmann
begeistert, da flossen seine Thrnen, da zitterte seine Stimme -- da ri
er uns Alle mehr oder weniger hin, besonders mich, der ganz entzckt
war. Die Geschichte war mir stets theuer und mein Lieblingsstudium,
als die Pflanzschule der Poesie, da mein liebstes und hchstes Streben
stets dahin gegangen ist, groe Thaten und Charaktere zu idealisiren.
Aber so lieb wie mir die Geschichte war und ist, -- so da meine Lektre
fast immer historisch gewesen, -- so fern war dagegen mein Geist der
prosaischen herzlosen Art des Geschichtsstudiums, und diese widerte
mich an, je mehr sie zu einem bloen Namen- und Jahreszahlenregister,
zu einer diplomatischen Abhandlung ward. Und doch wurde sie von Vielen
nur auf diese Weise geachtet, von Vielen, deren grte Schultchtigkeit
ein gutes Gedchtni war. Ich entsinne mich z. B. sehr gut, da
Professor =Abraham Kall=, dessen mchtiges Gedchtni ihn, aber
auf Kosten des Gefhls und der Phantasie, sehr gelehrt machte --
Dickmann's Art, die Kinder in der Geschichte zu unterrichten, als
bloes Anekdotenwesen verwarf. Meiner Ansicht nach ist die lebendige
Darstellung der charakteristischen Zge, welche die Personen bezeichnen
und die Zeit, in der diese leben, gerade die rechte Weise, Kindern
Geschichte vorzutragen; denn diese soll nicht nur ein Vademecum fr
den Zeitvertreib werden. Aber die Anekdote ist ja eigentlich nichts
Anderes, als die kurze Erzhlung einer einzelnen Handlung und deren
Beweggrnde. Das Leben aller Menschen besteht aus solchen. Es kommt nur
darauf an, die wichtigsten, bedeutungsvollsten zu erzhlen und sie so
nach einander zu ordnen, da diese Perlen, auf die Schnur der Zeitfolge
gezogen, das Halsband der historischen Muse bilden. Aber in dem Gewimmel
unbedeutender Namen, einfrmiger elender Handlungen sinkt so zu sagen
das Wirkliche, die wichtige Geschichte der Menschheit, unter. Diese
Erinnerungsbungen mgen einem eiteln Gedchtni schmeicheln und von der
Einfalt bewundert werden -- aber sie haben Nichts fr das Herz und die
Vernunft zu bedeuten. Der eigentliche Historiker mu zwar dies Alles
kennen, so wie der Perlenfischer all' die Austern ffnen mu, die er
trifft, um seinen Schatz zu finden; aber er soll uns mit den leeren
Austerschalen verschonen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Mnemotechnische Uebungen.]

Dickmann hatte eine eigene Art, die er von seinem Rector in Bergen
gelernt hatte, uns die Jahreszahlen besser im Gedchtni behalten
zu lassen, nmlich durch Worte, statt der Zahlen. Wenn dieses Wort
nun in seinem Klange Etwas hatte, welches das Charakteristische bei
einem Helden oder einer Begebenheit andeuten konnte, so war dies
vorzuziehen, meistens aber war es nicht mglich. In wie weit diese Art
der gewhnlichen vorzuziehen sei, ist eine Frage. Gall hat ja einen
Unterschied in den Organen fr Namen- und Zahlengedchtni gefunden.
Da man im Allgemeinen keine Erleichterung dadurch gehabt habe, mu
ich voraussetzen, da diese Art, welche doch von Vielen gekannt war,
wieder ganz aufgehrt hat. Mir half es unendlich viel, da ich sonst die
Zahlen gleich wieder verga. Zum Examen konnte ich dagegen dem Professor
Kjerulf alle Jahreszahlen nennen, nach denen er mich fragte, und wenn
die Anderen sie nicht wuten, so wandte er sich lchelnd an mich,
und ich sagte sie ihm gleich, wenn ich nur erst das Wort mit meinem
Finger aufs Kniee schreiben durfte, und mir Zeit gelassen wurde, es
auszurechnen.

                    *       *       *       *       *

Dickmann hatte, ungeachtet seiner Melancholie, etwas Gutmthig-Launiges
in seinem Wesen, das uns sehr amsirte. Er scherzte, ohne sich etwas
an seiner Wrde zu vergeben. Einer seiner Scherze war, da er that,
als ob er sich nicht unserer Namen entsinnen knne, und uns nur
abwechselnd Christoffersen oder Blokkus nannte. Die Entstehung
dieser Benennungen wei ich nicht. Aber dehalb ging es doch gleich
ernsthaft mit den Fragen, und wenn Christoffersen oder Blokkus ihre
Lectionen nicht wuten, so bekamen sie Ng., M. oder S., d. h. Nicht
gut, mittelmig oder schlecht. Ich habe in der Schule nie schlecht
bekommen, nur zwei Mal mittelmig und selten Nicht gut. --
Dickmann liebte es, das Spiebrgerliche zu persifliren und erzhlte
uns, wie ein Innungs-Aeltester der Branntweinbrennerzunft einmal sehr
gravittisch seine Rede mit den Worten begonnen habe: Meine Herren und
Branntweinmnner.

[Sidenote: Der Mensch ein Lichtgieerschild.]

Oft wenn er in Gedanken und seufzend da sa, sagte er scherzend, wenn
er sah, da wir's bemerkten: Ach ja! was sind wir Menschen doch
weiter als Lichtgieerschilde und Kse! Das erste Gleichni hatte er
von einem Friseur gelernt, der einmal, als er ihn bediente und ihn
seufzen hrte: Ach ja! was sind wir Menschen, sagte: Ja, was sind
wir wohl anders als Lichtgieerschilde! Lichtgieerschilde? fragte
Dickmann verwundert. Ja, Herr Dickmann, wenn wir's recht berlegen,
so sind wir im Grunde genommen nichts Anderes; wir mssen uns ja nichts
einbilden. Ich bilde mir gar Nichts ein, sagte Dickmann, und will
sehr gern gestehen, da wir ungeheuer wenig sind; aber warum gerade
Lichtgieerschilde? -- 's hilft Nichts, Herr Dickmann, da man sich
Honig um den Mund schmiert, wir sind, wei Gott, nichts Anderes! Es
dauerte lange, ehe Dickmann den Grund zu diesem wunderlichen Gleichnisse
erfahren konnte. Endlich sagte der Friseur: Was sind wir anders?
Lassen wir uns vom Winde nicht hin- und herbewegen, gerade wie ein
Lichtgieerschild? Nun verstand Dickmann ihn, und um das Gleichni
vollstndig zu machen, fgte er Kse hinzu, weil wir nach unserem
Tode ganz so, wie der Kse, von Wrmern verzehrt werden.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Aufenthalt bei Gosch.]

Storm behandelte uns zuweilen mit einer gewissen launigen Ironie, die
stets sehr gute Wirkung that. Er war weit davon entfernt, den sptern
deutsch-philantropischen, moralischen, frommen Ton zu gebrauchen, der
so leicht zu ser Sentimentalitt und dann zur Heuchelei bergeht.
Wenn einmal Einer in seiner Stunde die Arme, wie ein Bauer, auf den
Tisch gelegt, und den Kopf darauf gesttzt hatte, so sagte er trocken zu
seinem Pflegesohn Paul Rasmussen: Ach Paul, gehe hinein und hole fr
N. N. ein Kopfkissen! Gleich zog N. N. seine Arme zurck. Storm hatte
einmal Einem, der immer naseweis und altklug war, Etwas befohlen, das er
nicht gethan hatte. Warum hast Du Das nicht gethan? fragte er nun in
Aller Gegenwart. -- Ich meinte -- Du sollst nicht meinen! -- Ich
dachte -- Du sollst nicht denken! -- Ich glaubte! -- Du sollst
nicht glauben, sondern thun, was ich Dir sage.

Zu Hause bei Gosch war eine Vernderung vorgegangen; wir zogen in ein
anderes Logis, wohnten aber lange nicht so gut, wie frher. Hier bekam
ich das Scharlachfieber in ziemlich hohem Grade. Als ich mich zu erholen
anfing, aber noch sehr matt war, von meinen Eltern, meiner Schwester,
meinem Friedrichsberg und der gesunden Luft getrennt, und auerdem
fhlte, da ich den Fremden zur Last sei, weil ich mehr Pflege, als
gewhnlich erforderte, -- lag ich eines Tages im Bette, weinte und
verbarg meine Thrnen; da kam ein Junge zu mir, der Peter hie und nicht
gerade wegen seines brillanten Kopfes bekannt war; er spielte mit dem
Papagey, dessen Bauer nicht fern von meinem Bette stand. Es amsirte
ihn, das Thier so wthend zu machen, da die Federn auf dem Kopfe sich
strubten. Whrend dies nun stets mit seinem scharfen Schnabel nach
Peter's Finger hackte, der sich immer zeitig genug von den Stahldrhten
zurckzog, starb dieser beinahe vor Lachen und stammelte (denn er
stammelte immer etwas): Ach! ha -- ha -- hat Po -- Po -- Polly eine
kleine Percke! Soll ich Polly die Pe -- Per -- Percke abreien!
Dazwischen schrie der Papagey in seinem wthenden Rasen; und diese Scene
trug nicht wenig dazu bei, mich aufzuheitern, so da ich mich bald
erholte. Einige Tage darauf nahm meine Mutter mich nach Friedrichsberg
hinaus.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Eine neue Heimath.]

Gosch bekam eine Anstellung als Zollverwalter auf Fehmarn, und ich kam
nun in das Haus eines Controleurs bei der westindischen Compagnie, der
Laasbye hie. Sein gutes sanftes Weib war eine vortreffliche Hausmutter;
er war auch freundlich und erwies mir alles Gute, war aber ganz
unwissend und ohne Bildung. In den ersten Tagen, um mir das Bittere der
Trennung von meinen andern Lieben zu mildern, nahm er mich ein Mal auf
die Zollbude mit hinaus, wo groe Zuckerfsser aufgeschlagen wurden.
Bei dieser Gelegenheit schenkte Einer der Leute mir einen ungeheuer
groen Klumpen Zucker. Ich war bisher immer gierig auf Zucker gewesen,
und hatte, da er mir nur in kleinen Quantitten zugetheilt wurde, nie
meiner Lust gengen knnen. Ich fing nun an, den Zuckerklumpen aus allen
Krften zu bearbeiten, aber am Ende schmeckte ich gar nichts mehr, und
ich wurde seiner zuletzt so berdrssig, da ich ihn ins Meer warf, was
mir spter sehr Leid that, und mit schmachtenden Blicken stand ich oft
am Ufer und starrte an dem Orte in die Wellen, wo der schne Zucker ohne
Nutzen geschmolzen war.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Mein Pflegevater.]

Es war ein groer Abstand von Gosch's, wo ich Spielkameraden hatte, zu
Laasbye's, wo ich mit den beiden stillen Leuten ganz allein war. Sie
hatten nicht mehr als zwei Zimmer, einen sogenannten Saal von vier
kleinen Fenstern und eine kleine einfenstrige Schlafkammer. In dieser
Kammer wurde mein Feldbett aufgeschlagen, und da schliefen wir alle
Drei. Glcklicher Weise war der Mann ein groes Kind; und so wie es oft
zwischen unwissenden Erwachsenen und halb erwachsenen Knaben ergeht,
welche die Schule besuchen -- der Unterschied in der Bildung hebt die
Verschiedenheit des Alters auf, und sie werden einander gleich -- so
ging es auch hier. Wir spielten zusammen. Ich hatte eine sogenannte
_flte douce_ mitgebracht, auf der ich alle Melodieen spielen konnte,
die ich hrte. Ich lehrte auch Laasbye darauf blasen, und bearbeitete
sie nun jeden Abend im Dunkeln im Saale, whrend die Betten gemacht
wurden. Des Abends las ich ihm laut aus Unterhaltungsbchern vor, und
es schickte sich durchaus nicht (die Dankbarkeit verbot es mir ganz
und gar) leise fr mich in meinen Schulbchern zu lesen; doch fand
ich noch immer des Morgens ein Bischen Zeit -- und im Ganzen galt ich
fr einen tchtigen Zgling in der Schule. Nur mit dem Franzsischen
wollte es nicht recht gehen. Wir hatten einen Lehrer, Herrn Haslund,
der sehr eifrig war und uns oft schlug; aber das half nicht viel; doch
danke ich es seinen Pffen, da ich das schwierige Verbum _s'en aller_,
den Schlssel zu vielem Andern, grndlich lernte. Herr Haslund war ein
Jtlnder, kahlkpfig, mit gepuderter Lockenperrcke und mit einem
kleinen Zopf im Nacken. Er verstand nicht die Kunst, sich beliebt zu
machen, und deshalb lernten Viele von uns Nichts. Wen ich nicht liebte,
von dem konnte ich auch Nichts lernen. Es ging mir mit _Marmontel's
Contes moreaux_ und mit _Fnlon's Telemaque_, wie in frhern Jahren mit
Malling's groen und guten Handlungen. -- es verging lange Zeit, ehe
ich den bittern Geschmack aus dem Munde bekommen konnte, wenn ich diese
Bcher lesen wollte.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Fortschritte in der Schule.]

Indessen war ich in die erste Klasse gekommen und war ein ganzes Jahr
Primus, weil ich in der Schule blieb und keine andere Bestimmung
hatte. Die Anstalt war in vielen Beziehungen vortrefflich und in ihrem
ersten blhenden Zustande eine Art Gymnasium und die erste im Lande,
wo Ordnung und Geschmack in der Einrichtung herrschten, wo fr die
Bildung der Sitten und des Herzens gesorgt wurde. Die meisten der
alten Schulen waren noch Pferde- oder Schweinestlle, wo Einem zwar
griechisch und lateinisch eingeprgelt wurde, die man aber oft noch
roher verlie, als man hineingekommen war, ja die Knabenstreiche arteten
nicht selten in Niedertrchtigkeit und Schurkerei aus. Der einzige
Fehler, welchen unsere Schule hatte, war, da sie fr eine Vorschule
eine zu schne Einrichtung besa, und etwas Anderes war sie im Grunde
doch fr die Meisten nicht. Wer Militair werden sollte, kam von hier
auf die Akademieen, wer studiren sollte, verlie die Schule, wenn er
sie zur Hlfte durchgemacht hatte, oder nahm Privatstunden, was fr
einen muntern Jungen, dessen Phantasie auch der Freiheit und Natur
bedurfte, zu anstrengend war. Ich wenigstens konnte mich noch nicht
darein finden, zwei Stunden zu sitzen, wenn ich schon sechs gesessen
hatte und dann noch zu Hause an meinen Aufgaben zu arbeiten. Die Schule
fr Brgertugend war ungefhr zu derselben Zeit, wie die Schule fr
die Nachwelt gestiftet, es war eine gelehrte Schule, in der der alte
Mller gute Studenten bildete; aber als Erziehungsinstitut hatte unsere
Schule doch gewi bei Weitem den Vorzug. Indessen fhlte ich doch
selbst bald, da sich auf diese Weise kein Weg fr mich erffnen wrde;
durch Winckler, der in die Schule fr Brgertugend ging und starke
Fortschritte machte, bekam ich auch Lust, dorthin zu kommen; ich bat
meinen Vater darum, aber er schlug es mir rund ab. Storm hatte meinen
Plan erfahren; als er ihn hrte, lchelte er und schwieg. Es blieb beim
Alten; noch wute ich selbst nicht recht, weshalb, endlich erfuhr ich,
was man mir bisher aus einer falschen Schaam verschwiegen, da ich
einen Freiplatz htte, und da mein Vater nicht die Mittel bese, fr
mich zu bezahlen, wenn er mich zugleich in der Stadt in Kost und Logis
geben sollte. Sobald ich dies erfuhr, so fand ich mich geduldig in mein
Schicksal und suchte in den letzten Jahren so viel als mglich von der
Schule zu profitiren.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Die franzsische Revolution.]

Es war die Zeit des Directoriums in Frankreich. Die entsetzliche
Revolution war vor sich gegangen, ohne da wir Kinder viel dabei
empfanden und wir hrten auch von unseren Lehrern nicht viele
Aeuerungen des Mitleids ber Ludwig XVI. und die Knigin Marie
Antoinette. Das edle Feuer, welches die ersten, herrlichen krftigen
Mnner der Revolution dazu gebracht hatte, die Sklavenbande der
Despotie abzuschtteln, hatte sich der Herzen bemchtigt. In weiter
Entfernung weckt Unglck das Mitleid nicht gengend, man merkte nicht
recht, da die erste herrliche Zeit der Revolution von dem Kanibalismus
der Jakobiner durchaus verschieden war; man sah in dem Knig und der
Knigin von Frankreich Personen, welche die Constitution gebrochen und
heimlich unter einer Decke mit Frankreichs Feinden gespielt hatten; dies
schwchte das Mitgefhl fr das tragische Schicksal des unglcklichen
Knigpaars. Darum konnte selbst der edle Storm ruhig an dem Tage
hereinkommen, als die Zeitungen mit der Nachricht von Knig Ludwigs
Hinrichtung eingetroffen waren, und sagen (doch natrlich ganz ohne
Spott, nur in einem gewissen stillen Humor) -- Sie nannten ihn Ludwig
Capet, nun ist er Ludwig Caput!

                    *       *       *       *       *

Kinder machen, wie die Affen, Alles nach. Wir hatten auch ein
Directorium gemacht, wo ich der erste Consul war, sowie Bonaparte,
und ich hatte zwei Mitconsuln, die auch Nichts zu befehlen hatten,
ebensowenig wie Siyes und Cambacrs. Das Spahafteste war, da ich
Gesetze fr meine Republik entwarf, deren erster Artikel also lautete:
Da kein Staat ohne einen obersten Anfhrer bestehen kann, so wollen
wir einen solchen whlen. Diesem Obersten mute nun die Republik
unbedingten Gehorsam schwren, und so ahmte ich, ohne es selbst zu
wissen, Bonaparte vollstndig nach, und stiftete eine Republik, wie
spter Dr. Francia in Paraguay. An der Spitze meiner Republik zog ich
auch ein Mal gegen ein Heer der Schule fr Brgertugend aus, und wir
beabsichtigten eine Schlacht zu liefern, aber es wurde Nichts daraus,
sondern blieb nur bei Mrschen und Manvern.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Storm's Tod.]

Das Merkwrdigste, das ein Jahr, bevor ich die Schule verlie, eintraf,
war Storm's Tod. Er hatte einen schlimmen Husten, der berhand nahm,
und ihn ins Grab legte; kurz vor seinem Tode war er zum Theaterdirector
ernannt; und, ich htte beinahe gesagt, es war gut, da er starb; --
denn es wre nie gut gegangen. Ich kannte keinen Menschen, weniger zu
diesem Posten geeignet, als den edeln, vortrefflichen Storm, wenn ich
einige Andere aus spterer Zeit ausnehme. Er hatte ein mittelmiges
Stck geschrieben, welches Erast hie und allgemein mifallen
hatte; -- ob er auf Grund dieses Stckes zu dem Posten vorgeschlagen
war, wei ich nicht. Zur Administration des Theaters war er durchaus
nicht geeignet; Er, der launische, sonderbare Junggeselle ohne
Weltkenntni, dessen ganzes Streben bisher nur dahin gegangen war, die
Unschuld der Kinder zu bewahren, und mit frommer, stiller Weisheit die
unverdorbenen weichen Herzen zu bilden. -- Dieses Amt wrde ihm gewi
viele Unannehmlichkeiten bereitet haben, vielleicht htte er dadurch
selbst Etwas von seinem herrlichen Gleichgewicht verloren. Er starb,
da seine Gesundheit doch untergraben war, zu rechter Zeit. Da er auch
gleich in ein eigenthmliches Verhltni zu dem ersten Theaterdirector
gekommen wre, welches sich nicht so leicht zur Befriedigung beider
Parteien htte ausgleichen lassen, wenn er sich wieder erholt htte,
erfuhr ich erst einige zwanzig Jahre spter, eines Mittags beim
Grafen Schimmelmann, als ich neben dem Oberkammerherrn Hauch sa und
das Gesprch auf Storm kam. Ich lobte ihn, und Hauch sagte in der
gutmthigen Laune, die ihm eigen war und ihm so gut stand: Ja, es war
gewi ein prchtiger Mann; aber mir hat er, trotzdem wir Amtsbrder
waren, nur ein einziges Wort gesagt, und das war: Scheulich! --
Wie, Ew. Excellenz? fragte ich verwundert. -- Ja! fuhr Hauch fort,
ich hatte ihn nie gesehen, noch gesprochen, als er Director wurde. In
denselben Tagen erkrankte er. Ich schickte meinen Lufer hin und lie
fragen, wie er sich befinde. Er begegnete dem Lufer in der Thre,
antwortete Scheulich! und warf ihm die Thre vor der Nase zu. Er
hatte ganz Recht, denn wenige Tage darauf starb er.

                    *       *       *       *       *

Es herrschte eine auerordentliche Betrbni in der Schule, als wir
eines Morgens hinkamen und hrten, Storm sei todt! Whrend er krnkelte,
brachte ich ihm regelmig Melonen, Pfirsichen und Weintrauben von
Friedrichsberg, die mein Vater sich fr mich vom Hofinspector erbat, da
ich wute, da Storm ein groer Liebhaber von feinen Frchten sei, und
dies das Einzige war, was ihn in den letzten Tagen erquickte. Es war
mir ein seliges Gefhl, wenn er meine kleinen Gaben freundlich annahm,
er, der mir so viel geschenkt hatte, und sagte: Hab' Dank, mein liebes
Kind! -- Nun aber hatte er mehrere Tage auf dem Friedrichshospital
gelegen, und heute war er gestorben. Fast Alle weinten. Die
Liebevollsten unter uns sehnten sich darnach, ihren entseelten Lehrer
mit dem guten freundlichen Gesicht zu sehen, und ihm das letzte Lebewohl
zu sagen.

In der ersten Stunde kam Lindrup, ein braver, tchtiger Lehrer der
Mathematik, aber so kalt, wie die Wissenschaft, in der er Unterricht
gab. Er begegnete unserer Betrbni mit einem unzufriedenen Gesicht,
tadelte unser Gefhl als schwach, und als wir uerten, da es uns
unmglich sei, aufzupassen und um Erlaubni baten, fortzugehen, um
Storm's Leiche zu sehen, merkte ich deutlich, da er es fr Heuchelei
und einen Deckmantel unserer Faulheit ansah. Er befahl uns, uns zu
setzen, aufzupassen und versicherte, da wir Storm keine grere Liebe
erweisen knnten, als wenn wir fleiig wren und unsere Arbeiten gut
machten. Wir setzten uns hin; aber ich erglhte und bebte vor Zorn.
Das natrliche Dankbarkeitsgefhl fr einen edeln Wohlthter in einem
jungen Herzen sollte unterdrckt werden, um Etwas ohne Aufmerksamkeit
zu treiben, was wir eben so gut und noch besser morgen lernen konnten.
Mit jedem Triangel und Zirkel, den er an die Tafel schrieb, wuchs mein
Zorn. Ich veranlate meinen Nachbar Falch, den Lindrup gern mochte,
um Erlaubni zu bitten, da er einen Augenblick hinausgehen knne.
Er erhielt sie. Gleich lief er nach meiner Anweisung zum Etatsrath
Professor Nrregaard hinber, der im Vordergebude wohnte und einer der
Schuldirectoren war. Falch schilderte ihm unsere Trauer und bat, uns
heute frei zu lassen, da wir nicht aufmerksam sein knnten. Er gab uns
die Erlaubni. Falch hatte sich wohl gehtet, von Lindrup's Ansicht zu
sprechen. Er eilte wieder in die Klasse zurck und rief uns Anderen
zu: Nrregaard hat uns frei gegeben! -- Adieu, Herr Lindrup! rief
ich, ri meinen Hut vom Nagel und strzte mit den Uebrigen hinaus. --
Obgleich Trotz in Dem lag, was wir thaten, hat Lindrup doch wohl durch
nheres Ueberlegen gefunden, da es ein verzeihlicher Trotz war, denn er
fate keinen Groll gegen mich und sprach nicht mehr von der Sache.

Ich ging mit mehrern Anderen nach dem Friedrichshospital. Als wir
eintraten trugen zwei Mnner eine Bahre mit einer zugedeckten Leiche
ber den Hof. Knnen Sie uns nicht sagen, wo Storm's Leiche ist? --
Hier! -- Wir folgten den Leichentrgern und waren somit das erste
Grabgeleite des todten Freundes. Als die Bahre in der Kammer hingesetzt
wurde, enthllte man sein Gesicht; wir sahen es zum letzten Male,
berlieen uns unseren Gefhlen und gingen.

                    *       *       *       *       *

Einige Tage darauf wurde er auf dem Assistenzkirchhofe begraben. Die
Zglinge der Schule waren alle zugegen. Ueber seinem Grabe wurde spter
ein Monument mit einem Basrelief in Marmor, sein Kopf, nach einer sehr
hnlichen Zeichnung, welche sein Pflegesohn Paul Rasmussen aus dem
Gedchtni entworfen hatte, errichtet. Besser als in Marmor findet man
dieses Bild in Kupfer gestochen, vor Storm's gesammelten Gedichten.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Storm als Dichter.]

Storm war kein groer Dichter, er hatte keine schpferische Phantasie,
sein Gefhl konnte sich nicht vielseitig bewegen und verschiedene
Eindrcke aufnehmen, er erglhte nicht von dem starken Feuer, dessen es
zur hchsten Begeisterung bedarf, sein Witz und seine Laune waren nicht
glnzend; er hatte sich nicht in sehr verschiedenen Lebensverhltnissen
bewegt, und kannte die Welt mehr aus Bchern, als aus der Erfahrung.
Sein Erast ist eine schlechte Komdie, sein Brger ein schlechtes
komisches Heldengedicht, und in den meisten seiner Verse finden sich
nicht viele poetische Funken. Aber er war ein echter Christ, ein echter
Norweger, ein echter Menschen- und Kinderfreund. Er hatte die Sprache
zum Theil in seiner Macht, war von unseren alten Heldenliedern und den
Schnheiten seines Vaterlandes begeistert, darum werden auch =Zinklar's
Weise=, =Jnndalen= und einige seiner religisen Lieder ihren Werth in
der dnischen Dichtkunst bewahren.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Abermaliger Umzug.]

Laasbye zog wieder in eine neue Wohnung, die noch weniger hbsch
war, als die frhere. Erst viele Jahre spter erfuhr ich, da das
berhmte Schauspielerpaar Preisler dort gewohnt hatte, wo ich viele
Tage der Kindheit zugebracht und im Dunkeln mit Laasbye auf der
_flte douce_ spielte. Nun wohnten wir bei einem Branntweinbrenner in
einem bestndigen Treberdampfe und dem schrecklichsten Gesinge der
Straenausrufer. Aber ich fhlte nichts von all' dem Drckenden um uns
her, wenn ich Robinson auf seiner Insel folgte, oder in den Feenpalsten
von Tausend und einer Nacht umherschwrmte. Madame Laasbye's Bruder
hie Wulf, und war Koch in der kniglichen Kche. Zuweilen besuchten wir
Wulfs. Da war eine Dame, die als Mittelpunkt fr die Bewunderung der
Gesellschaft strahlte, Madame Obel, eine berhmte Fruchthndlerin. Sie
war sehr dick und fett und mit schweren goldenen Ketten geschmckt, die
sich mehrere Male um Hals und Arme schlangen, so da sie mir zuweilen
wie ein mexikanisches Gtzenbild erschien. Von Wulf entsinne ich mich,
da er viele Jahre spter, als er lter und Pensionair geworden war,
mir oft im Friedrichsberger Garten begegnete, und mich jedesmal fragte,
ob ich nicht den Kukuk htte rufen hren? ob ich nicht wte, wo der
Kukuk sei? Ich konnte niemals begreifen, was er damit sagen wolle,
bis ich entdeckte, da der alte Mann vom Kukuk wissen wollte, wie viel
Jahre er noch zu leben hatte. -- Ich zweifle nicht, da der Kukuk ihn
genarrt hat. Er war mit seinen Prophezeihungen zufrieden, wollte aber
der Sicherheit wegen sie doch immer wieder hren; bis er aus gewissen
Grnden nicht mehr wiederkehren konnte. Er war nmlich todt, aber der
Kukuk rief lustig fort.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Erste und letzte Jagdpartie.]

Es herrschte stets ein munterer Ton zwischen Laasbye's und mir. Ich
mochte gern scherzen und die Frau nannte mich Eulenspiegel. Ein kleiner
Zug unsers gemthlichen Verhltnisses mag statt mehrerer anderen hier
stehen. Ein Freund des Mannes kam einmal, und schlug uns vor, auf die
Spatzenjagd zu gehen. Es war im Winter. Ich war nie frher auf der
Jagd gewesen, und so viel ich wei, war dies auch das letzte Mal. Wir
bekamen Jeder eine geladene Bchse und gingen nun die Landstrae nach
Friedrichsberg hin, wo Spatzen genug zu sein pflegten. -- Heute aber war
unglcklicher Weise keiner da, oder mochte es vielleicht daher kommen,
da wir keinen treffen konnten? Genug, ein einziger Spatz war unsere
ganze Beute. Den bat ich mir aus und ersuchte die Anderen, mich machen
zu lassen, wenn wir zur Frau nach Hause kmen, die eine vortreffliche
Haushlterin war, und uns versichert hatte, sie wrde die Spatzen,
die wir schssen, braten, da sie wie Lerchen schmecken sollten. Aber
zuerst lie ich mir die Taschentcher der Anderen geben; damit stopfte
ich mir die Taschen aus und lie unseren einzigen Spatz halb aus der
Tasche heraushngen. Mit vergngtem Gesicht trat ich ins Zimmer und die
Anderen folgten mir. Na, rief die Frau, wie ist's gegangen, habt Ihr
eine glckliche Jagd gehabt? Ich sagte kein Wort, sondern zeigte auf
meine Tasche. Jesus, mein Herzensjunge! rief sie, Du hast ja so viel,
da sie herausfallen. Sie griff begierig zu, fand sich aber bitter
getuscht, und ich wurde wieder Eulenspiegel genannt.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Erster Theaterbesuch.]

Meine grte Freude war's, wenn ich zuweilen ein Parterrebillet bekommen
konnte. Dann spielte ich schon im Voraus damit, schlo die Augen, warf
es in einen Winkel, ohne zu wissen, wohin, da ich mich erst auf der
Hacke umdrehte; darauf suchte ich es, und wenn ich es fand, strzte ich
wie ber einen wirklichen Fund und wunderte mich sehr und jubelte ber
das groe Glck, gleich dem Bergmanne, der pltzlich im Kupferwerk eine
neue Silberader entdeckt. -- Dieses Spiel, die Augen zu schlieen, Etwas
fort zu werfen, um es dann wieder zu finden, wandte ich auch bei anderen
Dingen an; aber es kam mir einmal bei einem neuen Federmesser theuer zu
stehen, mit dem ich so im Friedrichsberger Garten spielte, und es nie
wieder fand, da es sich im Sande verborgen hatte.

Das erste Stck, welches ich in meinem Leben sah -- ich war sieben bis
acht Jahre alt, -- hie die verliebten Handwerker. Mein Vater nahm
mich von Friedrichsberg mit. Es war ein kalter Winterabend, Schnee lag
auf dem Wege, aber es war sternenhell. Mit tiefem Gefhle sehe ich
noch immer, wenn man dieses Stck spielt, dieselbe Decoration, welche
damals meinen kindlichen Augen begegnete. Die kleine Tischlerwerkstatt
im Hintergrunde mit ihrem Gitter und ihrer Hobelbank, die Huser des
Schuhmachers, des Schmiedes und der Jungfer Engelke, wie bezauberte
mich Das! Und es bezaubert mich noch immer durch seine schne Musik,
durch seine lustigen und komischen Charaktere und Situationen. Das
Satyrische darin konnte ich als Kind noch nicht verstehen; aber das
eigentliche Poetische, das lustige Leben der Handwerker, wo Musik und
Liebe sich mit der tglichen Beschftigung vermischen; der Gegensatz des
franzsischen Friseurs zur Plumpheit des Schmiedes und des Schuhmachers,
wie wenn ein Schmetterling um einen Mistkfer umherflattert, -- all'
Das bewegte sich in dem bezaubernden unsichtbaren Elemente der Musik,
welches das Plumpste zu etwas Hherem idealisirte. Ich befand mich, wie
im Paradiese. Ich fragte meinen Vater, ob ich auch klatschen drfe, und
als er mir sagte, da Jedem, der bezahlt habe, das Recht zustehe, seine
Meinung zu erkennen zu geben, zog ich meine wollenen Handschuhe aus und
schlug in die Hnde, bis sie ganz warm wurden. Etwas aber, was ich gar
nicht begreifen konnte, war, wie sie all' die Huser, Grten und Straen
gemalt htten; denn ich glaubte, das wrde immer gleich gemacht. Ich
fragte meinen Vater, aber er hatte, so viel ich mich entsinne, auch
keine deutliche Vorstellung davon.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Der Schlobrand.]

In die zwei letzten Jahre meines Schulbesuchs fielen die groen
Feuersbrnste von Christiansburg und Kopenhagen. Die erste 1795 mitten
im Winter, brach eines Nachmittags aus, als ich auf dem Friedrichsberger
Schlosse sa und mit meiner Schwester zeichnete. Wir hatten einen
Farbenkasten bekommen und es amsirte uns, Papier zusammenzukleben und
uns selbst ein Spiel Karten zu machen. Mein Vater sah in der Dmmerung
zum Fenster hinaus: Was ist das, rief er, steigt der Mond ber
Christiansburg hin auf? Wir haben ja nicht Mondschein? -- Bald erfuhren
wir, was es war, und ich ging mit meinem Vater nach der Stadt, wo wir
von der Marmorbrcke aus Zeugen des frchterlich schnen Schauspiels
waren. Ich habe nie in meinem Leben ein solches Feuermeer gesehen, weder
frher, noch spter. Die Flammen waren erst in den Slen eingeschlossen,
die kostbaren Gardinen brannten in den Fenstern, wie ein Stckchen
angezndetes Papier. Endlich durchbrach das Flammenmeer das Kupferdach,
schmelzte es, und mit den schnsten Farben stiegen die rothen, blauen
und grnen Flammen in die Luft. Noch stand der Thurm, wie ein dunkler
Riese, mitten im Feuer, lange spottete der ungeheure Riesenkrper den
lsternen Flammenkssen, mit denen die Salamander an seinem Harnisch
emporleckten. Endlich wankte der Riese, und mit einem entsetzlichen
Krachen strzte er durch alle Stockwerke hinab. Von diesem Augenblicke
an war Alles Flamme, als ob die Hlle ihren Schlund geffnet htte, als
ob Vesuv oder Aetna auf den Schloplatz hin versetzt wren; und ich bin
berzeugt, da kaum jene Berge so viel Feuer auf ein Mal ausspeien, wie
die Mauern hier in der rabenschwarzen Nacht. -- Als ich mit meinem Vater
wieder nach Hause kam, war es bis zu Friedrichsberg und gewi noch eine
Meile weiter ganz hell. Bei uns zu Hause konnte man bei dem Scheine des
Schlobrandes deutlich lesen. Eine lange lichtgelbe Rauchsule zog mit
dem Winde ber das Sdfeld dahin, und einiges verbrannte Papier, das
durch die Luft gefhrt wurde, fiel dort erst nieder. Man hatte gar
nicht geglaubt, da das Schlo brennen knnte, und die Mauern brannten
auch nicht; aber die unzhligen Ofenrhre, welche durch das Gebude
kreuz und quer, oft in der Nhe leicht brennbarer Wnde liefen, sollen
die Veranlassung dazu gegeben haben. Man erzhlte, da die Leute im
Schlosse gar nicht htten rumen wollen, und als die Matrosen kamen, um
zu retten, sagten Einige: Wir drfen nicht eher rumen, als bis wir
Ordre haben. Da ist, hol' mich der Teufel, die Ordre! riefen die
Matrosen und zeigten auf das Feuer, das zu den Fenstern herausschlug.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Groe Feuersbrunst.]

Im nchsten Jahre, 1796, wthete in Kopenhagen eine Feuersbrunst, die
ebenso prosaisch, wie jene poetisch war. Das Gefhl des Verlustes der
kniglichen Burg war nicht mit schmerzlichem Mitgefhl ber grenzenloses
Unglck verbunden. Es ging damals gerade ber den Mann im Lande her,
welcher die besten Mittel hatte, sich ein neues Haus zu bauen. Das
historisch Merkwrdige bei dem alten Schlosse verschwand nicht ganz,
die riesenstarken Mauern blieben stehen; man hoffte, da die Burg sich
schner aus der Asche erheben wrde, und dies ist auch geschehen,
wenngleich ich aristokratische Seelen darber habe klagen hren, da
der Steinkolo dadurch an seiner Groartigkeit verloren habe, da er
auf einer Seite nach den Colonnaden zu der frischen Luft geffnet
worden, und da der Thurm fort sei. -- Die Feuersbrunst der Stadt brach
mitten im Sommer im blendenden Sonnenlichte aus, das kaum die Flammen
sehen lie, die sich nach und nach, wie ein verzehrender Krebs immer
weiter ber den groen Krper ausbreiteten. Ich wagte mich in eine
solche Strae hinein und bemerkte kaum den flammenden Balken, welcher
nicht weit von mir herabfiel. -- Aber obgleich diese Feuersbrunst weder
poetisch noch malerisch war, so war es doch ein Trost, da sie im Sommer
in der mildesten Jahreszeit ausbrach, wo die Natur so viele Obdachlose
in ihren freundlichen Schoos aufnahm; wre das Feuer im strengen Winter
ausgebrochen, so wren Unzhlige grenzenlos unglcklich geworden.

Ein einziger, ungeheurer Fensterraum in den Schlomauern war gengend,
um, ein wenig zugemauert, Zimmer fr eine ganze arme Familie zu werden.
Es war, als ob Reichthum und Pracht verschwunden wren, um der Armuth
und der Gengsamkeit zu weichen. Da die Verschnerung der Stadt eine
natrliche Folge dieses Brandes werden mute, konnte freilich Diejenigen
nicht trsten, die durch den Brand gelitten hatten. Es ist dies erst
eine Frucht, welche das kommende Geschlecht erntet.

Als diese beiden Feuersbrnste berstanden waren, und die Trauer
sich etwas gelegt hatte, kamen mir Reiser's frchterliche
Feuersbrunstgeschichte in die Hnde, die ich mit groem Erstaunen und
Vergngen las. Reiser spielt in diesen tragischen Verhltnissen die
Rolle des Narren, wie in den alten Marionettspielen. Er war das vom
Schicksal auserwhlte Werkzeug, -- wie =Peer Syv= sagt: zum lustigen
Zeitvertreib in diesem unlustigen Leben, -- und das Sonderbarste ist,
da man -- aus Mangel an anderen Aufzeichnungen genthigt ist, seine
Narrheiten zu lesen, um individuelle Zge aus einer der traurigsten
Begebenheiten zu finden.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Der Thiergarten.]

Ehe ich meine Kindheit verlasse, mu ich noch Etwas erwhnen, das theils
jhrlich, theils nur ein Mal eine Unterbrechung meines gewhnlichen
Lebens herbeifhrte. --

Das jhrliche war die Fahrt nach dem Thiergarten, die in jedem Sommer
auf einem groen Stuhlwagen von der ganzen Familie und ein paar Freunden
an einem schnen Nachmittage unternommen wurde. Der Speisekorb wurde
voll gepackt, das Flaschenfutter gut versehen; mein Vater zog einen
Nanking-Ueberrock, des Staubes wegen ber, und wir fuhren fort. --
Diese Tour ri mich hin, obwohl ich daran gewhnt war, in der Natur
und den schnen Grten zu leben -- doch aber zwei Dinge vermite,
die sich mir nun in ihrer ganzen Herrlichkeit zeigten: das Meer und
der Buchenwald! -- Mit welcher Begeisterung betrachtete ich die
schumenden Wogen, die, wenn sie gleich in der Ostsee nur Zwerge gegen
die Wellen des Kattegats und der Nordsee sind, doch gro genug fr den
armen Knaben waren, der nur daran gewhnt war, den Wind den Kanal im
Friedrichsberger Garten kruseln zu sehen. Wohl ging ich zuweilen nach
der Zollbude; aber hier drauen, in den Fischerdrfern war es doch viel
fremdartiger und schner. Die armen Fischerhtten sah ich durch Ewald's
Zauberglas, und die Armuth erschien mir, mit Muth, Gengsamkeit und
Abenteuern gepaart, viel edler als die faule Ruhe; was auch unstreitig
der Fall ist. Der Fischer am Ufer des Meeres reprsentirt eigentlich
den Dnen. Der Seeheld entspringt aus ihm. Im Walde, umgeben von den
mchtigen breiten Buchen, fhlte ich mich in Frigga's Heiligthum
versetzt, und ahnte ihre tiefsten Geheimnisse. Die heilige Quelle, die
ihr schnes Wasser so freigebig aussprudelt, zauberte mir alle Elfen
aus den Kmpeweisen herbei. Da sich Scherz, Volksgewimmel und fremde
Gaukler in die groe Natur mischten, da der Tand des Augenblickes dem
Ewigen, Unvergnglichen einen kurzen Besuch machte, und das Ernste,
Erhabene dadurch steigerte, da es einen Gegensatz zu dem Lustigen,
Uebermthigen, ja sogar Niedrigen bildete -- wirkte stark auf die
Phantasie des Dichterknaben. -- Aber wenn ich ber Casperle und
Harlequin gelacht hatte, ging ich in den tiefen Wald und verirrte mich
ein wenig auf eigene Hand. Einmal auf einer solchen Wanderung war ich
erstaunt, eine Schlange zu finden, die sich durch das Gras schlngelte.
Eine solche hatte ich noch nie gesehen; denn -- sonderbar genug -- auf
Friedrichsberg gab es gar keine Schlangen, wenigstens habe ich sie nie
dort gesehen.

Wenn wir nun, nach all' diesen Bildern, zu dem groen Baume an der
Quelle zurckkehrten, wo unser Wagen hielt und unser Proviant auf einem
Tische uns erwartete -- dann whrte der Jubel bis zur spten Nacht, und
in Staub und Gewimmel fuhren wir mit den Anderen wieder nach Hause. --
Sie sind verschwunden, die schnen Jahre der Kindheit! Vater, Mutter,
Schwester, Freunde sind gestorben, -- aber der groe Baum steht noch da,
in den Bernt Winckler und ich, vom Jahre 1792 ab viele Jahre hindurch
unsere Zeichen hineinschnitten. In einer spteren Periode bin ich oft
mit meinen eigenen Kindern dort hinausgewallfahrtet, und habe die
Zeichen im Baume fortgesetzt, und meinen Namen hineingeschnitten, der
doch nicht ganz fertig wurde.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Beerdigung der Knigin.]

Ein andres Ereigni, das meine gewhnliche Lebensweise unterbrach, war
die Beerdigung der Knigin-Witwe =Juliane Marie= in der Roeskilder
Domkirche. Mein Vater erlaubte mir, mit einigen Leuten aus der
Silberkammer hinzufahren, es war meine erste Reise in strenger Klte,
und ich schlief in der Nacht auf einer Dachkammer im Palais, wo ich
durch eine Oeffnung die Sterne am Himmel sah; aber ich sah auch den
prchtigen Aufzug mit dem Leichenwagen der Knigin; ich sah zum ersten
Male die herrliche Kirche und ihre Grabgewlbe, die ich in spteren
Jahren mehrfach besungen habe.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Meine Konfirmation.]

Ich war nun sechszehn Jahre alt, und sollte confirmirt werden. In der
letzten Schulzeit war mir Alles leicht von der Hand gegangen; ich
erhielt eine Belohnung meines Fleies und ffentliches Lob, und dennoch
hatte ich noch Zeit genug, um die erwhnten Wochenbltter fr meine
Schulkameraden zu schreiben, und Komdie zu spielen. Einmal spielen wir
ein Stck: Der Sklave in Tunis bei dem vortrefflichen Schauspieler
und Instructeur Schwartz. Ich spielte die Hauptrolle, den Sklaven, der
in seinen Fesseln seufzt und sich nach seiner Familie sehnt. Es war
eine ganze Gesellschaft erwachsener Leute als Zuschauer zugegen. Ich
spielte den armen Sklaven recht rhrend, die Damen weinten, und Herr
Schwartz lobte mich. Das verdro meine Spielkameraden; in einem groen
Monolog wollten sie mich aus der Fassung bringen, indem sie mir von den
Coulissen aus Fratzen schnitten und mir Spitznamen zuflsterten. Aber
es half nichts! Ich empfand mein Unglck dadurch nur noch tiefer, und
dies pate gerade hier sehr gut in meine Rolle. Herr Schwartz lobte mich
auf's Neue, als das Stck zu Ende war, und dieses Lob hat viel zu meinem
einige Jahre spter gereiften Entschlusse beigetragen.

                    *       *       *       *       *

Ich wurde mit Winckler in der Friedrichsberger Kirche confirmirt. Uns
gegenber in der Kirche standen zwei junge Damen, welche wir nicht
kannten, da sie die Stunden bei dem Prediger im Hause gehabt hatten.
Die Eine, mir gegenber, war sehr hbsch, geschmackvoll und prchtig
gekleidet, und sehr gerhrt. Es war damals Gebrauch, da die Knaben nach
der Confirmation den Mdchen den Arm boten, und sie so Paarweise aus
der Kirche gingen. Aber gerade weil ich so groe Lust dazu hatte, wagte
ich es nicht, sondern nahm die Flucht, lief fort, und blieb nicht eher
stehen, als weit drauen auf dem Kirchhofe, auf einem Leichenstein, wo
ich mich ber meine Verlegenheit rgerte. Die Schne wohnte in der Nhe
und sa oft in einem Lusthause, das nach dem ffentlichen Spaziergang
hinauslag. Da grte ich sie denn sehr ehrerbietig, wenn ich vorber
ging. Erst viele Jahre spter sprach ich mit ihr, und machte ihre
Bekanntschaft als die Frau des Hofintendanten Schnberg.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Ich soll Kaufmann werden.]

Bei der Confirmation war, auer meinen Eltern, noch eine fr uns
merkwrdige Person zugegen, welche viel Aufsehn in der Kirche machte,
und zum Theil die Feierlichkeit strte; aber man mute inniges Mitleid
mit ihr haben. Es war die Tochter meiner alten Schulmadame. Die alte
Jungfer, die keinen Mann bekommen konnte, hatte endlich den Verstand
verloren, sich in eine hohe Person verliebt, und ging nun seltsam und
lcherlich geschmckt umher, wie eine travestirte Ophelia. Bei Wincklers
und meiner Confirmation war sie mit einem wunderlichen Kopfputze
zugegen, der sehr viel Aehnlichkeit mit einer Mandeltorte hatte.

                    *       *       *       *       *

Als ich confirmirt war, verlie ich die Schule. Was sollte ich nun
vernehmen. Ich kannte Geschichte, Geographie und meine Muttersprache
recht gut; ich schrieb eine hbsche Hand, zeichnete recht nett, und
hatte auch Geometrie und Trigonometrie gelernt. Deutsch verstand
ich gut, konnte aber noch keine Zeile richtig schreiben; mit dem
Franzsischen ging es mittelmig. Mit einigen Wissenschaften, Physik,
Chemie, Anatomie, Oekonomie hatte ich eine oberflchliche Bekanntschaft
gemacht; ich rechnete schlecht. Etwas lateinische Grammatik wute ich,
und verstand einen leichten Autor.

So ausgerstet sollte ich =Kaufmann= werden, ohne Geld, ohne ein Wort
Englisch zu wissen, ohne rechnen zu knnen, und ohne die geringste
Anlage fr den Stand zu haben. Aber da ich nicht wute, was ich sonst
werden sollte, lie ich meinen Vater bestimmen. Er hatte mit einem
Kaufmann Herrn =Rabe Holm= gesprochen, der mich auf sein Comptoir
nehmen wollte, da der junge Mensch krank geworden war, den er sonst
beschftigte. Ich ging mit meinem Vater nach Christianshafen, wie zum
Tode; mein einziger Trost war, da der Kaufmann mich nicht annehmen
wrde, wenn er bemerkte, da ich keine besseren kaufmnnischen
Kenntnisse habe; doch emprte sich auch mein Stolz gegen diese
Demthigung. Glcklicher Weise hatte der junge Mann sich wieder erholt,
und Herr Rabe Holm lie uns mit einer hflichen Entschuldigung wieder
gehen.

[Sidenote: Wiederaufnahme der Studien.]

Auf dem Heimwege erwachte meine alte Lust zum Studiren wieder. Ich
glaubte, in zwei Jahren mich zum examen artium vorbereiten zu knnen,
das mein Freund Winckler bereits rhmlich bestanden hatte. Mein Vater
gab seine Einwilligung. Auf Friedrichsberg hatten des Hofgrtners
Petersen's Kinder einen Lehrer, Herrn =Hisgaard=; dieser versprach, mir
tglich eine Stunde von 8 bis 9, der einzigen Zeit, die er brig hatte,
Unterricht zu geben; und so hoffte ich in zwei Jahren fertig zu werden.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Herr Hisgaard.]

Nun wohnte ich also wieder bei meinen Eltern auf Friedrichsberg, in
ununterbrochenem Genusse meiner lieben Jugendsttte vom Morgen bis zum
Abend. Ich hatte nur eine einzige Unterrichtsstunde, aber mir bangte
vor all' diesen Freistunden, denn ich fhlte im Voraus, da ich nicht
Gewalt genug ber mich selbst haben wrde, um mich freiwillig in einen
gezwungenen Zustand zu versetzen, wenn durchaus Nichts da war, was
mich nthigte. Was sollte ich auerdem thun, wenn ich das gearbeitet
hatte, was mir aufgegeben und mich fr den nchsten Tag vorbereitet
hatte? Ich sollte ja Griechisch und Lateinisch lernen, und das konnte
ich mir nicht selbst lehren. Die lateinische Grammatik lernte ich
so ziemlich; aber whrend ich in Munthes griechischer Grammatik das
Verbum [Greek: tupt], ich schlage, auswendig lernte, wnschte ich mir
beinahe einige der Schlge, die ich in frheren Jahren in des Ksters
Schule erhalten hatte, weil es mir schien, als ob zu solchen Exercitien
durchaus Fingerklapse gehrten. Es ist keine Frage, da, wenn Knaben
mit lebhafter Phantasie und Gefhl die sogenannten =guten Fundamente=
bekommen, das heit: perfect Latein und Griechisch lernen sollen, da
sie im Allgemeinen jedenfalls Prgel bekommen mssen, so wie die Thiere,
wenn sie Kunststcke lernen sollen. Doch kann auch die Vortrefflichkeit
des Lehrers helfen. Der gute Herr Hisgaard war ein braver und
freundlicher Mann und ohne Zweifel selbst ein guter Student, aber er
war vom Lande, von einer der gelehrten Schulen in der Provinz, wo man
zu jener Zeit vermuthlich Alles auf die obenangefhrte Weise lernte.
Das konnte er nun nicht auf den erwachsenen, confirmirten, zum Theil
gebildeten Menschen anwenden. -- Es war hart genug fr mich, der ich ein
ganzes Jahr Primus in der Schule und von Eduard Storm geliebt gewesen
war, -- nun zu Hisgaard zu kommen. Er empfing mich in Pantoffeln
und tiefem Neglige, so wie er aus dem Bett aufgestanden war, trank
seinen Thee aus groer henkelloser Tasse, a sein Butterbrod in meiner
Gegenwart, und nannte mich Er. -- Aber dieses Pronomens bediente er
sich doch nur ein Paar Mal; denn trotz all' meines Bestrebens nach
Demuth bemerkte er doch wohl gengend an meinem Blick und meinem ganzen
Wesen, da ich nicht gern in der dritten Person angeredet wurde. Es
whrte brigens auch nicht lange, bis ich mir seine Achtung dadurch
gewann, da ich Kenntnisse in mehreren Gegenstnden, und einen Sinn fr
Poesie zeigte, -- wenn wir die lateinischen Dichter bersetzten, -- den
er selbst nicht besa. Bald herrschte ein Ton zwischen uns, wie zwischen
Kameraden, und nie wechselten wir ein bses Wort. --

Erst mute ich den ganzen langen =Justinus= mit ihm lernen, dann aber
ging es an _=Cicero de officiis=_, und wir lasen das 1., 2. und 6. Buch
im =Virgil=.

Auf diese Weise wre es nun recht gut mit dem Lateinischen gegangen,
wenn er mich auch htte lateinisch schreiben lassen; -- aber --
sonderbar genug -- daran dachte er nicht. Dagegen fingen wir das
Griechische an, und ich hatte wenig mehr als [Greek: tupt] gelernt, als
ich gleich Paulus' Briefe an die Rmer und Corinther -- in's Lateinische
bersetzen mute, das heit: ich mute tglich die lateinische Version
auswendig lernen. Das war eine Hllenarbeit, -- sie war mir so
berdrig und langweilig, da ich wirklich die Rmer und Corinther
lernte, wie der Teufel die Bibel liest, und der Weg zum _examen artium_
schien mir so schwer und holperig, da ich immer mehr und mehr die
Lust verlor, ihn zu wandeln. Hierzu kam, da Hisgaard, indem er mir
tglich Anecdoten von Eigenthmlichkeiten der Professoren und von den
Absonderlichheiten Einzelner erzhlte, wie man sich benehmen msse, um
gut durchzukommen ec., die kindliche Ehrerbietung abstumpfte, die ich
vor dem akademischen Institute mitgebracht hatte; so da das Examen mir
zuletzt wie eine Farce vorkam, die gespielt werden sollte, und in der
ich eine groe und langweilige Rolle hatte.

                    *       *       *       *       *

So ging es nun in dieser Morgenstunde von 8 bis 9 Uhr: aber wie ging
es den ganzen brigen Tag? Den brachte ich im Garten und im Sdfelde,
im Gesprche mit meiner Mutter und Schwester und mit sogenannter
Unterhaltungslektre zu -- d. h. ich machte mich mit der schnen
Literatur vertraut, was gerade meinem Talent und meiner natrlichen
Bestimmung entsprach. Aber ich betrachtete dies doch immer als eine Art
blutiger Snde, als einen Miggang, und weinte oft, weil ich nicht
Kraft genug besa, Hisgaard's lateinische Versionen von Paulus' Brief
an die Korinther, Ewald's Fischern, Holberg's Komdien und Wessel's
Liebe ohne Strmpfe vorzuziehen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Erste Regung der Liebe.]

Nun aber trat eine wichtige Uebergangsperiode ein, welche einen groen
Einflu auf meinen Zustand, meine Denkungsart und meinen Entschlu
hatte: der Uebergang vom Knaben- zum Jnglingsalter. Sinn und Gefhl
fr das schne =Weibliche= fingen an sich zu entwickeln, und hatte, wie
Alles in der Welt, seine gute und seine schlimme Seite. Es ist keine
Frage, da, als das Christenthum hier im Norden eingefhrt wurde, viel
Gutes von dem Alten mit dem Heidenthume verloren ging, aber es war
dies nthig, damit allmlig wieder etwas viel Besseres gewonnen werden
konnte. So entwickelte nun mein Herz ein weiches Gefhl, das fr eine
Zeitlang den kindlichen Sinn, die ungestrte, krftige Phantasie fr
die Natur und zum Theil den gesunden Menschenverstand verdrngte. Es
ging mir nun eben so, wie Don Quixote, der durchaus eine Dulcinea haben
mute, wenigstens ein Phantasiebild, fr das er seufzen konnte.

Zuerst wandte ich mich an meine schnen Italienerinnen in der
Galerie auf dem Friedrichsberger Schlosse; aber obwohl sie mir alle
entgegenlchelten und sehr schn waren, fand ich es doch zu lcherlich,
sich in das Bild einer Dame zu verlieben, die vor wenigstens einem
halben Jahrhundert und vielleicht an Alterschwche gestorben war!
Glcklicherweise blhte damals eine junge Schnheit, fr welche die
Hlfte der Stadtjugend entbrannte. Ich hrte einmal, da im Scherz
gesagt wurde: in eine Schauspielerin drfen sich alle Leute verlieben;
das lie ich mir nicht zwei Mal sagen, sondern verliebte mich sterblich
in die schne Marie Smidt, spter verehelichte Heger, welche die Rolle
der Dyveke und Kathinka im Mdchen von Marienburg spielte.

Man wird es also begreifen, da all' mein Sehnen und Trachten dahin
ging, so oft als mglich ins Theater zu kommen; und wenn ich mir ein
paar Mark von meiner Mutter erbettelt hatte, lief ich gleich, mit meinem
Operngucker in der Tasche davon; denn das brauchte ich schon damals und
jetzt nicht nothwendiger, als frher.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Kotzebue.]

So vereinigten sich also Liebe und Poesie mit den Rmern und
Korinthern; aber das Eine gab oft dem Andern eine schiefe Richtung. --
Zuvrderst hielt ich das Mdchen von Marienburg von =Kratter= fr ein
Meisterstck, da Marie Smidt so vortrefflich darin spielte; und ich
rgerte mich spter, als ich in einem Flugblatt den witzigen Scherz, ein
satyrisches Verzeichni ber einige fingirte Gemlde las, die verkauft
werden sollten: Czaar Peter der Groe giebt dem Tragdienschreiber
Kratter eine Tracht Prgel. -- Nun gewann ich auch alle Kotzebue'schen
Stcke lieb, in denen gewhnlich Verliebte abwechselnd mit lustigen
Karrikaturen auftreten. Das oft Unwahre in den Schilderungen, das
Affectirte im Gefhl und das oft Schiefe in der Gedankenfolge bersah
der sechzehnjhrige Jngling, hingerissen von dem lebhaften Colorit,
der lustigen Laune, dem Witz und dem wirklich Rhrenden, das sich
nicht selten in den Situationen findet. Ein Buch kann hundert Fehler
haben, sagt Goldsmith in seinem Landprediger von Wakefield -- und
doch gefallen; ein anderes kann ohne Fehler und doch langweilig sein.
Es ist keine Frage, da Kotzebue, obwohl er oft gegen den gesunden Sinn
fehlte, mehr Laune, Witz, Phantasie und Gefhl hatte, als Scribe jetzt,
der correct und kalt, mit vieler Kunst grtentheils dasselbe Thema
variirt und, wie die Kunstreiter, mit bewundernswrdiger Dreistigkeit
in einem engen Kreise, mit so vieler Gewandtheit manvrirt, da er uns
dahin bringt, den beschrnkten Raum zu vergessen, in welchem sein Geist
sich bewegt; erst die Wiederholung seiner Stcke zeigt uns das Leere und
Langweilige in denselben.

Was Kotzebue bei seinen Stcken besonders schadet, sind die Motive, die
oft schlecht genannt werden mssen. Nicht selten knnte ein Stck von
Kotzebue gerettet werden, wenn man die Motive vernderte. Ich will hier
nur von dem Stcke reden, welches das meiste Aufsehen erregte und ihm
zuerst einen Namen verschafft hat: =Menschenha und Reue=.

Es wurde in Deutschland, im Norden, selbst in Frankreich und Italien
mit groem Beifall aufgefhrt. War es lauter Verblendung und
Geschmacklosigkeit in Europa, die zu diesem Beifall Veranlassung gaben?
Es war in einer Zeit, als Goethe und Schiller in Deutschland blhten,
und doch gefiel es; es war in einer Zeit, wo das Vorurtheil gegen die
deutsche Sprache am strksten in Frankreich war, und doch gefiel es.
Warum? Weil dieses Stck trotz aller seiner Fehler in den Motiven, von
groer Wirkung in der Composition ist und viel gute Scenen hat. Das
Schlechte besteht darin, da ein Frauenzimmer, die vor nicht langer
Zeit wie ein leichtfertiges Geschpf gehandelt hat, hier als ein edler,
unglcklicher Charakter dargestellt wird. Das Lcherliche darin, da
Meinau, mit all' seinem Menschenha ihr gleich, von einer schlaffen
Sentimentalitt bewegt, vergiebt. Aber war es dem Dichter nicht leicht,
diese Ehepaare auf eine weniger emprende, eine verzeihlichere Art zu
trennen, und wenn wir dies nun annehmen, wie viele schne Scenen sind
dann nicht in diesem Schauspiele. Eulalia's Verhltni in dem stillen,
bescheidenen Incognito, nachdem sie Meinau verloren hat; seine Liebe
und sein weiches Herz, das sich unter dem eingebildeten Menschenha
verbirgt; und nun der joviale Graf und die vortrefflichen Karrikaturen
Bittermann und Peter.

[Sidenote: Iffland.]

Ich fhre dieses einzelne Beispiel an, das auf viele andere, selbst auf
Iffland's Stcke, angewendet werden knnte.

Dieser Dichter galt in meiner Jugend dafr, solider, natrlicher und
wahrheitsliebender, als Kotzebue zu sein; und in einigen der Dramen,
die ihm besonders bei echten Kunstrichtern einen Namen verschafft
haben, ist er es auch. Die =Jger= sind und bleiben zu allen Zeiten
ein vortreffliches dramatisches Idyll; eben so die zwei letzten Acte
der =Hagestolzen=, die eines Goethe wrdig sind. In dem Charakter des
alten Studenten Waller im Herbsttag und an vielen anderen Stellen
zeigt Iffland sich als sehr guter Genremaler. Aber er war zu wenig Poet,
um viel Werke zu schreiben. Es waren dies nicht frische Wellen, die
aus einer reichen Castalia zu geistiger Erquickung strmten; es waren
matte Wiederholungen Eines und Desselben. Dazu kam, da Iffland bald
ein Philister wurde: der Geist in den meisten seiner Stcke war eine
kleinliche Ehrerbietung vor dem Geschftsflei und ein ewiges Losziehen
auf all' das Blhende und Khne, das sich ber den gewhnlichen
Schlendrian hinauswagt. Einige seiner Stcke sehen aus, als ob ein
Comptoirchef oder ein Steuereinnehmer, der gegen die Poesie polemisirt,
sie geschrieben htte. Auch die Liebe greift er gewhnlich an, und kann
sie nie zahm und vernnftig genug bekommen. -- Er konnte mir also in
jener Periode bei Weitem nicht so, wie Kotzebue, gefallen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Lafontaine.]

Aber ein Mann, der Liebe von Anfang bis zu Ende war, der in Liebe
schwamm und sie gerade so darstellte, wie ich sie damals fhlte, nmlich
die kindliche, sanfte, wenn ich so sagen darf, milchbrtige Liebe --
dieser Mann, =Lafontaine=, war mein Abgott. Von ihm lernte ich auch
zuerst ordentlich deutsch lesen. Er war der erste Verfasser auerhalb
Dnemark, den ich auf eigene Hand rasch in der Ursprache las. Es ging so
leicht, da es eine Lust war! -- und auch dies schmeichelte und erfreute.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Schreckens-Geschichte.]

Zu dieser Zeit schrieb =Spie= seine Gespenstergeschichten, seine Reisen
durch die Hhlen des Unglcks und Gemcher des Jammers. Ich verschlang
seine Schriften mit unersttlicher Gier, und Nichts entzckte mich in
jener Periode mehr, als ein belle horreur, bei dem die Haare sich auf
dem Haupte strubten. Auch mochte ich zuweilen eine Kanne Wein mit =Veit
Weber= leeren; aber Spie war doch der rechte Mann, zu dem ich stets
wieder zurckkehrte.

                    *       *       *       *       *

Auch in dem wirklichen Leben suchte ich dieses Gefhl zu entwickeln
und auszubilden. Es bot sich bald eine Gelegenheit, wie gerufen, dar.
Zwischen Kopenhagen und Friedrichsberg stand damals auf dem Westfelde,
gerade gegenber dem Wirthshause zum Goldenen Lwen, die Richtsttte.
Pfahl, Rad und einen gemauerten Galgen sah man, an welchem letzteren,
wie man sagte, nur kopenhagener Brger gehngt werden durften; die
Anderen mten sich mit einem hlzernen Galgen begngen.

In meiner Spie'schen Entsetzensperiode wurde gerade ein Verbrecher
hingerichtet. An einem October-Nachmittag gehe ich mit meiner Schwester
und unserm Dienstmdchen in das Sdfeld, um die Wallnsse von den
hchsten Zweigen herabzuschlagen, die der Grtner sich beim Einsammeln
nicht die Mhe machen wollte, herunterzuholen. Das Mdchen war still,
verdrielich und melancholisch. Es war schon spt, die Sonne ging
unter und die Dmmerung brach an. Pltzlich sagte sie nach einem
langen Schweigen: Wollen wir auf's Feld gehen und den Snder sehen,
der hingerichtet ist? -- Ja! rief ich, und die Wallnu, die ich
aufgehoben hatte, fiel mir vor Entsetzen aus der Hand. Es wurde kein
Wort weiter gesprochen, und wir gingen.

Als wir auf der Landstrae dem Hochgerichte gerade gegenber standen,
wagten das Mdchen und meine Schwester sich nicht weiter. Aber eine
unsichtbare Macht trieb mich von dannen, so wie den Vogel in den
geffneten Rachen der Klapperschlange. Ich war noch nie dort gewesen,
und nun sprang ich ber Grben und Hecken, um mir den Weg zu krzen.
Auf dem einsamen Felde nherte ich mich dem Hochgericht. Die Sonne war
untergegangen, ein herbstlicher Abendschleier lag ber der Natur. Ich
wagte nicht aufzusehen, sondern starrte auf die grne Erde, und es war
mir, als ob die Erdklumpen unter meinen Fen gleich Wellen wogten.
Endlich entdeckte ich die schwarzen Pfhle dicht vor mir. Ich schlage
die Augen auf! ein bleiches, blutiges Haupt grinst von der Stange;
darunter war eine abgehauene Hand festgenagelt. Auf dem Rade lag ein
kopfloser Krper mit herabhngenden Armen und wollenen Strmpfen an den
Fen. Ein panischer Schrecken fate mich; ich ergriff die Flucht. Es
war mir, als ob der Hingerichtete mir auf den Fersen folge, als ob er
mir in den Nacken greife. Erst als ich weit hinaus auf die Landstrae,
zu meiner Schwester und dem Mdchen, gelangt war, kam ich wieder zu mir
selbst.

[Sidenote: Eine Spuck-Geschichte.]

Mein Vater dagegen hatte keine groe Gespensterfurcht, was Folgendes
bezeugen kann: An einem spten und dunkeln Abend, als er von seiner
Quadrillegesellschaft nach Hause gehen wollte, sah er, indem er an
der Kirche vorberging, ein offenes Fenster im Glockenthurme, das vom
Winde hin und her geschlagen wurde. Als Kirchenltester that es ihm der
Scheiben wegen leid, die jeden Augenblick zerschlagen werden konnten; er
entschlo sich also kurz, hinaufzugehen und das Fenster zu schlieen.
Zuflliger Weise kam gerade ein Grtnergehlfe vorber, den er in
seinem gewhnlichen scherzhaften Tone fragte, ob er mitgehen wolle?
-- Der Gehlfe schmte sich wahrscheinlich Nein zu sagen, und folgte
ihm mit beklommenem Herzen. Erst ffnete mein Vater die Kirchhofsthre
mit dem Hauptschlssel, dann gingen sie ber den Kirchhof und kamen zu
einer kleinen Hinterthre, der einzigen, welche er mit diesem Schlssel
ffnen konnte. Es ging doch etwas schwer, und er sagte: Wir mssen
die Thr offen stehen lassen, denn von Innen kann ich das Schlo nicht
ffnen. Der Grtnergehlfe sperrte die Thre so weit, wie mglich
auf, und sie gingen hinein. Mein Vater stieg muthig die kleine Treppe
hinauf; nun standen sie im Thurme, und er schlo das Fenster. Aber wie
sie nun wieder zurckgehen wollten, hrten sie einen entsetzlichen Lrm
unten in der Kirche. Herr Jesus! rief der Grtnergehlfe, nun geht's
los! -- Nein! antwortete mein Vater verdrielich, -- nun steht's
leider erst recht fest. Der Wind hat die Thr ins Schlo geworfen, und
von Innen kann ich sie nicht aufschlieen! -- Ach Du mein Heiland
und Schpfer! rief der erschreckte Gehlfe und rang seine Hnde, was
haben wir gethan, wozu haben Sie mich verfhrt? Sollen wir nun die
ganze Nacht in der Kirche bleiben? -- Das ist freilich unangenehm,
sagte mein Vater, aber fassen Sie nur Muth. Ich hre den Wchter
unten in der Weidenallee; ich werde ihn rufen; die Kirchhofsthre
steht offen, dann werde ich ihm den Schlssel hinunterwerfen, und er
kann uns die kleine Thre von Auen ffnen. -- Ach! entgegnete der
Gehlfe, das thut er gewi nicht. Glauben Sie, da der Wchter ein
so gutherziger Narr ist, wie ich? Er wird sich besser in Acht nehmen.
Indessen waren sie Beide wieder in den Thurm hinaufgestiegen, und mein
Vater rief dem Wchter vom Fenster aus zu. Aber kaum hatte dieser um
Mitternacht ein Gesicht in dem kleinen Fenster des Kirchthurms gesehen,
als er in grter Eile Fersengeld zahlte. Verdammt! sagte mein
Vater, nun mssen wir doch versuchen, ob es nicht von Innen aufgeht.
Sie gingen hinunter; mein Vater steckte den Schlssel ins Loch und
drehte und drehte lange vergebens, whrend der kalte Angstschwei dem
Grtnergehlfen auf der Stirne stand. Endlich glckte es, und die Thr
ging auf. Aber solch' einen Sprung -- versicherte mein Vater oft spter
-- habe er nie gesehen, wie den, welchen der Gehlfe ber drei, vier
Grber von der Schwelle aus machte, als endlich die Thr geffnet war.

                    *       *       *       *       *

Aber ich kehre zu meinen Theaterbesuchen und meiner sthetischen Lectre
zurck. Mit den =Schrder='schen und =Jnger='schen Stcken hatte ich
vertraute Bekanntschaft gemacht. Obgleich Schrder solider als Kotzebue
war, schmeckte er mir doch, wegen seiner Klte, nicht so gut. Der groe
Mann war viel mehr Schauspieler als Poet. =Jnger= fiel mir schon damals
recht leicht. Beaumarchais' Figaros galten fr Meisterstcke und ich
lie sie dafr gelten, obwohl meine Phantasie und mein Gefhl stets
hungrig von dem Tische gingen, wo, wenn auch reichlich, nur kalte Witze
und Intriguen servirt wurden, die bei Weitem nicht so fein waren, wie
sie dafr galten.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Ewald und Wessel.]

Von =Ewald= spielte man in meiner Jugend ebenso wenig Etwas, wie
jetzt. Balder's Tod von Hartmann in Musik gesetzt war jedoch zur
Auffhrung gekommen. Die Diction in diesem Stcke kann neben die
in Gthe's Tasso und Iphigenia gestellt werden. Nicht als ob man in
Ewald's Balder die feinen Bemerkungen, die tiefe Menschenkenntni und
die reife Knstlerbildung, wie in Gthe's Werken fnde; ich meine nur
mit Rcksicht auf das schne begeisternde Gefhl, das sich gedankenvoll
in originalen Bildern ohne rhetorische Weitlufigkeit und Pracht in
einer veredelten Volkssprache bewegt. Von einer hohen Seele, einem
krftigen Fluge hat der groe Lyriker starke Proben abgelegt. Gegen den
dramatischen =Stoff= liee sich Viel einwenden, wenn hier der Ort zu
einer Kritik ber Ewald's Werke wre.

                    *       *       *       *       *

Wessel's Liebe ohne Strmpfe spielte man in jenen Tagen oft. Der
Dialog fliet darin eben so leicht und natrlich, wie unnatrlich und
schwerfllig in: Harlekin, der Patriot. Das Stck wurde immer mit
Beifall gegeben, wenn auch die Leute im Allgemeinen die Parodie nicht
begriffen, und -- was merkwrdig ist -- obgleich der italienische
Componist Scalabrini, der eine schne Musik dazu geschrieben hatte,
kein Wort dnisch verstand. Man hatte ihm nur flchtig die einzelnen
Musiknummern bersetzt und ihm den Inhalt des Stckes erzhlt. Die
schnen italienischen Melodieen, die unter naiver Einfalt schelmische
Ironie verbergen, vereinigen sich recht gut mit der nordischen Satyre;
sowie Oel und Essig, ohne zusammen zu rinnen, einem erfrischenden Salat
doch einen guten Geschmack geben. Das Beste war noch, da Wessel, in
den Lehren der franzsischen Schule auferzogen, groe Achtung vor den
Meistern hegte, welche er, ohne es selbst zu merken, lcherlich gemacht
hatte, indem er nur glaubte schlechte Nachahmungen zu parodiren. Eine so
durchgreifende Ironie mute natrlich eine groe Wirkung hervorbringen.
Jeder fand dort, was er suchte, und was eigentlich doch nicht darin
war. Aber die Hauptsache war vorhanden: Spott ber vornehme Gemeinheit,
welche die Schneidernatur mit Purpurlappen behngt und sich mit
hochtrabendem Unsinn brstet.

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[Sidenote: Thaarup.]

Zum Einzuge hatte =Thaarup= das Erntefest geschrieben. In einem
schnen Idyll schildert er das dnische Bauern- und Seemannsleben, die
Freude ber die Aufhebung der Leibeigenschaft, und die Begeisterung des
Volkes bei der Vermhlung des Kronprinzen. Das Stck hat dramatisches
Leben, obgleich die Handlung unbedeutend ist; eine herrliche Musik von
=Schulz= setzt Alles in ein klares und reizendes Licht. Er componirte
kurz darauf auch Thaarup's Peter's Hochzeit, eine wrdige Fortsetzung
des Erntefestes. Schulz tritt in Monsigny's und Gretry's Fustapfen; mit
reizenden originellen Melodieen rhrt er das Herz, weckt Begeisterung
und ergreift das nationale Gefhl. In seiner Kirchenmusik zeigt er einen
hohen Geist, voll von Andacht und Gefhl; und obgleich er es noch nicht
verstand, die Blaseinstrumente so zu gebrauchen, wie man es spter von
Haydn und Mozart gelernt hat, so hrt man an seinen Compositionen doch
den grndlichen Contrapunctisten aus der Bach'schen Schule.

Diese lieblichen, in einer schnen Sprache gedichteten Thaarup'schen
Idyllen, voll herrlicher Melodieen, machten auf mich, den Jngling,
einen starken Eindruck; noch mehr aber die Schulz'schen Melodieen,
welche viel zu meiner Bildung beitrugen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Bhnen-Repertoire.]

In dem Komischen und Launigen hatten sich in meiner ersten Jugendzeit
mehrere vaterlndische Dichter ausgezeichnet und erquickten meinen
Geist: =Der Virtuos=, =der Einzug=, einige Scenen aus den =Chinafahrern=
und aus =die Herren Von's und die Herren Van's=, von P. A. Heiberg,
das =Findelkind=, von Falsen, die =Golddose=, von Olufsen gehrten zu
den Lieblingsstcken, in denen Knudsen das Herrlichste und Wahrste,
das ein komischer Schauspieler je dargestellt hat, leistete. Welcher
Humor, welche Charakterzeichnungen, welche warme Gutmthigkeit und
Naivett! -- Selbst seine Uebertreibungen waren geistvoll, wenngleich
die Kritik sie nicht billigen konnte. Ganz anderer Art war Gjelstrup, er
war kalt, schelmisch und ironisch, -- die echte witzige Satyre, aber er
verstand es doch nicht immer so gut, Natur und Ironie zu verbinden, wie
=Frydendahl= in dem herrlichen Knstlerleben seiner spteren Epoche.

                    *       *       *       *       *

Von englischen Stcken gefielen mir besonders =die Lsterschule=, und
=Goldsmith's Irrthum auf allen Ecken=. An den vornehmen franzsischen
Conversationsstcken fand ich wenig Geschmack, desto mehr aber an
=Molire's: Kranke in der Einbildung= und seinem =Geizigen=. Ganz
besonders gefielen mir die reizenden Singstcke =Zemire und Azor=,
=der Grobschmied=, =der Fabinder=, =der Knig und der Pchter=, =die
beiden Geizigen= (wo Gjelstrup und Knudsen zusammen glnzten), =die
beiden Savoyarden= und vor Allem =der Deserteur=, ein herrlicher Stoff,
von Monsigny eben so schn componirt, wie viele Jahre darauf =der
Wassertrger= von =Cherubini=, wo Knudsen in Michel's Rolle sein ganzes
warmes Herz zeigte.

Ich darf auch nicht die hbschen italienischen Farcen: das
=Bauernmdchen= und die =verliebten Handwerker= vergessen, in denen
sdliche Munterkeit in ihrer vollen Glorie strahlt.

[Sidenote: Lessing.]

Von =Lessing= spielte man =Minna von Barnhelm= und =Emilia Galotti=.
In dem ersten Stcke war =Rosing= ein vortrefflicher =Tellheim=, in
Emilia ein eben so guter =Marinelli=. Es war merkwrdig, wie der Mann,
der die reinen und edeln Gefhle eines Dichters wiedergeben konnte,
mit derselben Wahrheit die Geschmeidigkeit und Hinterlist eines
Hofmannes darstellte. Aber ein groer Schauspieler mu, wie ein echter
Dichter ebensowohl die Schattenseite der menschlichen Natur, wie ihre
Lichtseite auffassen, sonst kennt er den Menschen nur halb und kann
ihn nicht grndlich darstellen. Mit der schnen Unwissenheit eines
unschuldigen Mdchens kann der Knstler sich nicht begngen, wenn er es
in seiner Kunst weit bringen will. Ohne das Lcherliche zu begreifen,
begreife ich nicht das Hohe; ohne die Bosheit zu verstehen, fasse ich
das Edle nicht; ohne mich ber Dummheiten zu rgern, kann ich mich an
Witzen nicht erfreuen. Deshalb werden Schurken schlecht von Schurken,
Dummkpfe schlecht von Dummkpfen dargestellt. In dem Erhabenen mu ein
humoristischer Zug oft dem Dunkeln ein wrmeres Kolorit geben; und wenn
der Komiker gar keinen Sinn fr das Edle hat, merken wir ihm diesen
Mangel bald an; und knnen trotz unserer Bewunderung ein Lcheln ber
Molire's und Holberg's prosaisches Phlegma nicht zurckhalten; whrend
wir erstaunt Aristophanes von seinen Scherzen und Karrikaturen in =die
Wolken= und Shakespeare aus dem Stall in den Rittersaal folgen.

Auch =Lessing= liebte die Vielseitigkeit, und war nicht nur ernst,
sondern auch lustig. Dies, verbunden mit seinem klaren Verstande und
seiner Wahrheitsliebe, giebt seinen Werken einen eigenen Wohlgeschmack,
etwas Tchtiges und Nhrendes; man schmeckt ihnen den Kern, die Quelle
an. Lessing ist liberal; er liebt es, das Hohe und Edle offen und gerade
darzustellen; er hat Koquetterie und Pracht eben so wie Eitelkeit; und
darin thut er Recht. Aber die Grazie fehlt ihm als Dichter; fr das
Erotische hat er keinen Sinn. Dies giebt seinen Schilderungen etwas
Frostiges und Steifes, nur nicht in Nathan dem Weisen, wo das Erotische
keine Hauptrolle spielt, und wo er Grazie als Philosoph zeigen konnte;
denn diese besa der witzige Denker in hohem Grade.

Seinem Mangel an Sinn fr das Erotische konnte man es wohl zuschreiben,
da er der Katastrophe in der sonst so herrlichen Emilia Galotti kein
besseres Motiv unterlegte; dies schadet dem Stck und sticht bedeutend
gegen die brige Wahrheit in der Zeichnung ab.

In meiner Jugend fhlte ich die Schwche dieses Motivs nicht. Ich
weinte, wenn Emilia von ihrem Vater durchbohrt wurde (ohne da er vorher
einen einzigen Versuch zu ihrer Rettung machte), damit sie im Hause des
Kanzlers nicht zur Wollust verfhrt werden solle.

Und Alle weinten darber, und der Norwegische Dichter =Zetliz= hatte
auch geweint, und hierdurch entstand einige Jahre vorher eine komische
Scene bei der Auffhrung zwischen ihm und einem holsteinischen
Schiffscapitain, welcher =nicht= geweint hatte. Dieser Biedermann war
ins Theater gegangen, um sich nach des Tages Arbeit zu amsiren, hatte
sich also vorgenommen, Alles lustig zu finden, was er auch sehen mge.
Da es ein Trauerspiel war, da stets von ernsten Dingen geredet wurde,
brachte ihn weder von seinem Vorsatze ab, noch aus seiner guten Laune
heraus. Er lachte ber des Prinzen Achtung vor der Kunst, ber Angelo's
Mordanschlag, ber Appiani's Schwermuth und Marinelli's Schlechtigkeit.
-- Zetliz, welchen ein bses Geschick in die Nhe des Holsteiners
gebracht hatte, konnte dieses Lachen zuletzt nicht lnger ertragen,
sondern wandte sich aufgebracht um und sagte: Was zum Teufel lacht
Er denn immer? Merkt Er denn nicht, da es ein Trauerspiel ist? Eine
ernste, wichtige, traurige Begebenheit, die uns rhrt und betrbt? Wie
kann Er denn da allein mitten im Unglck lachen und sich freuen? Schme
Er sich! und stre Er nicht das Gefhl anderer Leute, wenn Er selbst
keins hat. -- Der groe phlegmatische Holsteiner lie sich von dem
kleinen hitzigen Norweger imponiren, schwieg ganz still und das Stck
wurde ohne Strung zu Ende gespielt. -- Aber gerade in der Scene, wo
Odoardo seine Tochter tdtet und Zetliz in Thrnen zerfliet, fllt ihm
der unglckselige Gedanke ein: Aber warum, zum Teufel, lacht denn der
Holsteiner jetzt nicht? Er wendet sich um, um die Gemthsbewegung
seines Nachbars zu beobachten; und als er nun den Seemann, blau im
Gesicht, mit einem Taschentuche im Munde fast erstickt vor unterdrcktem
Lachen dastehen sieht, so bricht er selbst in ein schallendes Gelchter
aus, in das der Andere einstimmt, da er sich nun nicht mehr zu geniren
brauchte. Und so endigte das Stck zur grten Verwunderung aller
Anwesenden, die nicht begreifen konnten, warum der Holsteiner und der
Norweger so vergngt waren.

[Sidenote: Das Trauerspiel.]

Von Trauerspielen wurde nur noch eine franzsische Bearbeitung eines
englischen Stckes =Beverley= in meiner Jugend gegeben, und Rosing
stellte den verzweifelten Spieler, der zuletzt den Giftbecher leert, mit
erschtternder Wahrheit dar.

                    *       *       *       *       *

Aus dem Vorhergehenden sieht man, da Melpomene die dnische Bhne
damals nur selten besuchte, und da kaum ein Mal im Jahre der Geist im
Harnisch ber die Bretter ging. Der krftige Norweger =Nordal Bruun=,
Verfasser eines unserer schnsten Volkslieder, hatte zwar in seiner
Jugend zwei Tragdien =Zarine= und =Einar Tambeskjlver= in gereimten
Alexandrinern nach franzsischem Zuschnitt geschrieben, ohne aber doch
die Grazie und das Feuer der franzsischen Werke zu erreichen. So hatte
er nur die Fehler nachgeahmt und den Mangel an dramatischen Handlungen
und Charakterzeichnungen konnten einzelne hbsche Stellen nicht ersetzen.

Nun wurde im Jahre 1796 =Samse's Dyveke= zuerst aufgefhrt; das Stck
machte auerordentliches Glck und verdiente es zum Theil. =Sigbrit=
ist vortrefflich gezeichnet. In dem raschen, ehrlichen, warmen =Knud
Gyldenstjerne= hatte der Dichter seinen eigenen treuen Charakter
gezeichnet. =Christian= II. ist gut skizzirt, ohne der Wahrheit zu nahe
zu treten; =der Mnch=, =Frau Mnstrup= sind interessant, =Dyveke=
liebenswrdig und rhrend. Aber sie ist zu gefhlvoll; in groen
Monologen weint sie stets wegen des Christian's, der nichts weniger,
als ein treuer Liebhaber ist. Man hat Mitleid mit ihr, aber dies wird
durch die Wiederholung ein und derselben Situation abgekhlt. Ihre Scene
mit Elisabeth ist schn. Das Stck hat in der Hauptsituation einige
Aehnlichkeit mit =Gthe's Egmont=. Aber wie verschieden ist das krftige
Klrchen mit dem Colorit ihrer Zeit und ihres Landes von Dyveke, welche
an Lafontaine's Romane erinnert.

[Sidenote: Samse.]

Ein Stck, das bei alle dem so viele Verdienste hatte, mute natrlich
dem dnischen Publikum, wie eine gut zubereitete geistige Nahrung nach
langem Fasten munden.

Die Neuheit bt auch ihre zauberische Macht aus: Die gothischen
Rittersle, die Federhte, die Mntel, die Halskrausen und Brustpanzer!
Alle Rollen wurden gut gespielt. Madame Rosing war eine meisterhafte
Sigbrit, Rosing, Samse's Freund, ein chter Knud Gyldenstjerne; --
und Dyveke wurde von =Marie Smidt= gespielt. Und nun -- das letzte
Mittel, welches allen Poeten nach einer wohlgeglckten Arbeit empfohlen
werden sollte, wenngleich es eine harte Kur ist, -- einige Tage vor der
Auffhrung -- =starb der Dichter=!

Das Stck machte Furore. -- Ich hatte es gelesen, aber noch nicht
gesehen, obgleich es bereits mehrere Male gegeben war. Aber ich mute
Geduld haben, es war mir nicht mglich, ein Parterrebillet zu erlangen.
Ich hatte nur drittehalb Mark, aber wenn ich die einem Billetschacherer
anbot, so lachte er mir ins Gesicht und verlangte vier, fnf
Reichsthaler. Ich war der Verzweiflung nahe. Drei Mal wagte ich mich in
das Gedrnge an der Thr, wo die Billetwucherer am kalten Wintertage,
wie warme Kartoffeln im Topf dampften; drei Mal schwebte ich in Gefahr,
da mir die Brust eingedrckt oder Arme und Beine gebrochen wurden. Mit
Noth und Mhe kam ich mit heiler Haut davon.

Mein Freund Winckler wollte auch gern das Stck sehen, war aber zu klug,
um sich in diesen ungleichen Kampf einzulassen. Als ich zum dritten
Male aus dem Gedrnge mit niedergetretenen Stiefeln und eingedrcktem
Hut kam, schlug er mir vor, ob wir nicht lieber an einen Ort hingehen
wollten, wo man, wie er gehrt habe, eine groe Portion vortrefflicher
Chokolade fr sechs Schillinge bekomme. Da ich nun ganz marode geworden
war und die Hoffnung aufgegeben hatte, ein Billet zu bekommen, folgte
ich ihm resignirt, und trstete mich damit, da es doch wenigstens etwas
Gutes in der Welt gebe, das man billig kaufen knne.

Gegen die Chokolade war auch Nichts einzuwenden, sie wurde uns in groen
Tassen mit zinnernen Lffeln gebracht. Freilich war das Lokal nicht
comfortable und noch weniger fashionable. -- Als wir eintraten, rief der
Wirth, dem wir durch unsere gute Kleidung imponirten, zu dem Mdchen:
Vorlufig zwei Lichter hereingebracht, geschwind! Aber die zwei
Lichter erleuchteten ein kleines, schmutziges Zimmer. Gerade, wie wir
tranken, kam ein Straenkrrner herein, whrend dessen Equipage drauen
auf der Strae hielt, und setzte sich neben uns. -- Ohne unsere Tassen
zu leeren, standen wir auf, bezahlten, gingen fort und fanden, da die
Chokolade doch ein zu schlechtes Surrogat fr Dyveke gewesen sei.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Sander.]

Ein Jahr darauf wurde =Sander's= Tragdie, =Niels Ebbesen= aufgefhrt.
Hier traten alle Schauspieler im Harnische, den Helm auf dem Haupte,
mit Schild und Speer auf, und alles ging auf Krieg und Kampf gegen
tyrannische Unterdrckung aus. Das Stck hat Werth. Der erste und
fnfte Act bedeuten nicht viel; im dritten Act wird man etwas zu sehr
durch Stig Andersen's und Niels Ebbesen's Reden an Antonius und Brutus
in Shakespeare's Julius Csar erinnert; Niels Ebbesen hat einige
Aehnlichkeit mit Gtz von Berlichingen; aber der zweite Act, der Schlu
des dritten und der ganze vierte sind vortrefflich. Der Dichter hat
eine alte Kmpeweise benutzt; in welcher die Scene zwischen den Grafen
Gerhard und Ritter Ebbesen fast noch besser ist, als in der Tragdie.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Abt Vogler.]

Ungefhr zu gleicher Zeit besuchte ein Mann Kopenhagen, der einen groen
Eindruck auf mich machte: Abt =Vogler=, der vortreffliche Orgelspieler.
An der Orgel war ich, so zu sagen, halb auferzogen, und obgleich mein
Vater mir nur wenig Unterricht in der Musik gegeben hatte, so liebte
ich sie doch auerordentlich, und ich componirte zu meinem eigenen
Vergngen kleine Melodieen. Diese Liebe fr Musik hat in spteren Jahren
eher zu, als abgenommen, und etwas gute Musik tglich ist mir fast eben
so unentbehrlich geworden, wie Essen und Trinken. -- Es erfreute mich
unendlich, den herrlichen Vogler zu hren, der so fertig und genial auf
der ernsten Orgel spielte, wo ich nur gewhnt war, Psalmen und fromme
Prludien zu hren, da seine Musik sogar zu muntern Fltenconcerten
wurde.

Auch das =Malerische=, das Vogler auf der Orgel darzustellen suchte,
machte mir Vergngen. Wenn er mit beiden Armen mitten in der
herzergreifenden Musik die Tangenten herabdrckte, um den Klang von
Jericho's einstrzenden Mauern nachzuahmen, so schien es mir ein kecker
Einfall, der seine Wirkung nicht verfehlte. Ich machte auch gern eine
Rheinfahrt mit ihm, lauschte dem Pltschern der Wogen und dem Schlagen
der Ruder. Freilich hrte ich ihn von Vielen einen Charlatan schelten;
aber ich war schon daran gewhnt zu hren wie vorzgliche Meister von
Alltagsmenschen, die nicht werth sind, ihre Schuhriemen zu lsen,
gescholten und gehofmeistert wurden. Da die Phantasie den guten Vogler
zuweilen recht weit trieb, war doch das allgemeine Urtheil, selbst bei
den Sachverstndigen und Billigen. -- Einmal war er zur kniglichen
Mittagstafel aus Friedrichsberg gewesen, hatte auch gut getrunken und
war recht munter. Mein Vater geleitete ihn zum Wagen; es war ein
mondklarer Abend. Ja, Herr Abt, sagte mein Vater, indem er ihm in den
Wagen half, noch scheint der liebe Mond so helle, wie er durch Adam's
Bume schien! Nein, mein Herr, antwortete Vogler ziemlich langsam,
indem er einstieg: darin hat Hlty Unrecht; der Mond hat sich seit
Adam's Zeit bedeutend verndert, denn sehen Sie -- -- Damit fuhr der
Wagen davon und mein Vater sah ihn nie wieder.

=Herrmann von Unna= wurde kurz darauf gegeben, und wie sehr entzckte
mich die Musik zu dem heimlichen Gericht, das ich hier zum ersten Male
kennen lernte!

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Der Schauspieler Bech.]

Mein Vater sa oft auf dem Schlohgel, von wo aus man die
schne Aussicht ber Kopenhagen hat, und dort machte er zuweilen
Bekanntschaften. Unter Andern traf er da ein Mal einen groen Mann in
grauem Fracke. Der Mann hatte Locken hinter den Ohren, einen kleinen
dnnen Zopf im Nacken, einen Stock in der Hand, dicken Leib, dnne
Stimme, lebendige kleine Augen und eine witzige Munterkeit. Mein Vater
brachte ihn zum Frhstck mit herein; es war der Schauspieler =Bech=.
Bech kam nun fter zu uns und brachte seine Tchter mit, deren Eine,
=Eline=, eine niedliche Blondine, voll liebenswrdiger Schalkhaftigkeit
und Grazie war. Diese Tchter wurden bald die Freundinnen meiner
Schwester, und ich -- der aufgehrt hatte, fr Marie Smidt zu seufzen,
als sie sich mit Stephen Heger (den ich noch gar nicht kannte)
verheirathete -- ich, der ich durch wiederholtes Verliebtsein zu der
Erfahrung gekommen war, da eine ernste Liebe sich noch gar nicht zu
meinen Knabenjahren passe -- ich begngte mich nun mit einem, wenn ich
es so nennen darf, muntern Vergaffen in die reizende Eline Bech. Wenn
es gestattet ist, das in manchen Beziehungen durchaus Verschiedene mit
einander zu vergleichen, so htte ich groe Lust, Philine im Wilhelm
Meister zu nennen, in der ich -- einige Jahre darauf, als ich diesen
Roman las -- in dem Aeuern, dem Characteristischen, Poetischen eine
frappante Aehnlichkeit mit Eline Bech fand. Denkt man sich nun eine
unschuldige und sittsame Philine, so mu sie gewi eine auerordentlich
einnehmende Erscheinung werden, und das war Eline Bech.

[Sidenote: Der tolle Busch.]

Nun besuchten wir auch Bech's in Kopenhagen und lernten die Mutter, eine
Frau mit Verstand und satyrischem Witz kennen. Sie war die Schwester
des vor Kurzem gestorbenen sogenannten =tollen Busch=; eines Malers mit
Talent und mit einem eingewurzelten Ha gegen den vornehmen Hochmuth,
der sich in jenen Tagen nicht wenig breit machte. Wo er konnte, suchte
er ihn zu demthigen, oder zu verletzen; und ich zweifle nicht, da
Eifer und seine eigne Eitelkeit ihn oft mitten in seinen Bestrebungen
zu weit gefhrt haben. Ich hrte verschiedene lustige Einflle von
ihm. Ein Mal begegnete er einem jungen Offizier auf der Strae; Busch
hatte, nach den bekannten Gewohnheitsgesetzen der Trottoirbenutzung
in Kopenhagen, das Vorrecht; aber der Andere glaubte doch, da er ihm
Platz machen wrde. Dies geschah nicht, Busch blieb stehen. Nun, rief
der Offizier heftig, wie lange will Er da stehen bleiben? -- Busch
nahm ganz phlegmatisch seine Uhr heraus und sagte: Ich habe bis drei
Uhr Zeit. Ein Mal stand Busch im Reithause am Schlosse Christiansburg,
wo Pferdeauction war. Ein Junker war zugegen, den Busch nicht leiden
konnte. Er ma ihn hufig mit seinen beredten Augen. Der Andere wurde
zuletzt bse und fragte auffahrend: Warum glotzt Er mich immer an,
will Er mich kaufen? -- Warte Er nur, antwortete Busch ruhig, seine
Nummer ist ja noch nicht aufgerufen.

Man erzhlte von diesem Eulenspiegel, seine Schelmerei wre so weit
gegangen, da er ein Mal einen Kopf von einem Schafe mit ins Parterre
genommen und ihn aus der Scheidewand zwischen Parterre und Parquet mit
dem Maule nach einem Kavalier zu aufgestellt hatte, den bereits Ewald
in seinen brutalen Klatschern gegeielt, weil dieser Herr, nach
Busch's Ansicht, die Nase zu hoch gegen das Parterre trug.

Aber es ging nicht allein ber den Adel, sondern auch ber die
Geistlichkeit her, wenn Busch die schuldige Hflichkeit bei Seite
gesetzt glaubte. Auf dem Lande bei einem Gutsbesitzer malte er ein Mal
ein Thrstck, das eine Bauernstube vorstellte. Als er eben auf der
Leiter stand, kam der Gutsbesitzer mit dem Pastor des Orts herein, der
die Arbeit des Knstlers beurtheilen sollte. Guten Tag, mein guter
Musj Maler, sagte der Pastor. -- Darein schickte sich Busch noch und
sagte trocken wieder: Guten Tag! -- Nun betrachtete der Pastor die
Arbeit mit einem Kennerblick und sagte: Ja, es ist ganz gut; aber wei
Er was, mein lieber Musj Maler! Die Lade, die da steht, sollte roth
sein, versteht Er mich, Musj Maler, roth sollte sie sein! -- Nun
wandte Busch sich ganz phlegmatisch auf der Leiter um und antwortete:
Und wei Er was, mein lieber Musj Pastor, die Lade, die da steht,
soll, hol' mich der Teufel, grn bleiben, versteht Er mich, Musj
Pastor, grn soll sie bleiben! --

[Sidenote: Bech's theatralische Versuche.]

Zwischen Bech und Busch war kein gutes Vernehmen. Bech war ein
mittelmiger Schauspieler; seine beste Rolle war Kilian in =Ulysses von
Ithacien=. Es war lange eine Spannung zwischen den zuknftigen Schwagern
gewesen; aber als Bech nun seine Schwester geheirathet hatte, wollte
Busch doch einen Tag nach der Hochzeit hinaufgehen und ihm gratuliren.
Bech empfing ihn gravittisch im Schlafrock, worber Busch gleich
ungeheuer lachen mute, Kilian im Schlafrocke zu sehen! -- Und damit
war gleich Visite und Liebe zu Ende. --

Eigentlich besuchte ich nur die Damen dort im Hause. Der Mann war nicht
nach meinem Geschmacke. Er war ein nicht viel grerer Dramendichter,
als Schauspieler. Unter Anderem hatte er eine Komdie, die Quarterne,
geschrieben. Darber schrieb ein junger norwegischer Poet Weyer, der
in seinem zwanzigsten Jahre starb und auf den Rahbek groe Hoffnungen
gebaut hatte, folgendes Epigramm:

         Da nied're Stcke stets auf nied'ren Schuhen gehn
         Das glaub' ich gerne.
         Drum halt' ich wenig, nach dem Maas, ich mu's gestehn,
         Von der Quarterne.
         Doch, lieber frommer Bech, Du mut's erlauben
         Mit guten Mienen,
         Da wir, trotz allen Schustern, dennoch glauben,
         Du trgst Pantinen.
         Und geh' in Gottes Namen immer so, doch la'
         Dich nicht verlocken,
         Da unter'm Schutz der Direction Du kommst frba
         In bloen Socken.

Auch bei Rosenstand-Goiske, der damals das dramatische Journal
herausgab, hatte Bech nicht viel Trost gefunden. -- Wissen Sie, was
man von Hansen (einem anderen Schauspieler) sagt? fragte Bech einmal
Rosenstand. -- Nun? -- Man sagt, wenn man ihn einmal kmmen wrde,
so fiele seine ganze Action fort. -- Und wissen Sie, was man von
Bech sagt? -- Nun? -- Man sagt, da wenn man ihm ein reines
Hemde anzge, so fiele seine ganze Action fort. Hansen hatte nmlich
die Gewohnheit, sich hinterm Ohre zu kratzen, aber Bech schuppte sich
unablssig, wenn er spielte.

Bech zeigte mir seine Manuscripte und ich bewunderte das Voluminse
der Hefte. Ich schrieb damals auch Komdien aller Art, Iffland'sche,
Kotzebue'sche, Ewald'sche, Wessel'sche, lie mir aber nicht die Zeit,
so viele Bogen auf ein Mal voll zu schreiben. Ein Stck im Wessel'schen
Geschmacke, Gertrude, war fr mein Alter gar nicht so schlecht, und ich
habe es viele Jahre darauf als eine Curiositt in meiner Monatsschrift,
Prometheus, abdrucken lassen.

Rahbek hatte Bech auch auf dem Halse. Dieser pflegte das Motto von
Voltaire vor seinen Arbeiten anzuwenden:


                  _Pour former une oeuvre parfaite
                  Il faut droit se donner au diable._

Rahbek rieth ihm einmal, Voltaire's Vers durch folgende Zeile zu
ergnzen:


                   _Et c'est ce que je n'ai pas fait._

Das that er denn auch spter immer zum Trotz und rchte sich an Rahbek,
indem er dessen erste schwache Jugendarbeit, der junge Darby,
recensirte.

In dem Bech'schen Hause brachten meine Schwester und ich viel frohe
Stunden zu. Mutter und Tchter waren lebensfrohe Menschen, und wir
machten mit ihnen bisweilen Waldpartien. Es wunderte mich oft, da
Madame Bech so munter sei; ihre Betriebsamkeit, die Familie in Wohlstand
zu versetzen, erstreckte sich nicht allein darauf, Putzsachen fr
Lebende zu machen, sondern sie schmckte auch die Todten! -- doch das
machte nicht mehr Eindruck auf sie, als wenn ein Chirurg sich mit der
Anatomie beschftigt.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Privattheater.]

Wenn wir jungen Leute im Speisesaal auf dem Friedrichsberger Schlo
zusammenkamen, so spielten wir gern Komdie und Winckler war auch dabei.
Wir mochten ihn seiner witzigen Munterkeit wegen gern und er war auch
gern dabei um zu scherzen und sich mit uns zu amsiren; aber es war bei
ihm doch keine ernste Lust, so wie bei mir und Eline Bech, ordentlich
Komdie zu spielen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Leistungen in der Decorationsmalerei.]

Ich habe zu erzhlen vergessen, da ich, als ich noch in die Schule
ging, bei einem von Winckler's Schulkameraden, Bttcher, dessen Vater
Verwalter des Laurvig'schen Eisenmagazins war, ein Privattheater
eingerichtet hatte. In der Abwesenheit des Vaters erlaubte die Mutter
uns gern, in dem groen gerumigen Zimmer zu spielen. Ich bildete eine
kleine Truppe aus Bttcher, seiner Schwester, Winckler und einigen
Anderen, und nun spielten wir vor einigen unserer Schulkameraden. Hier
zeigte sich nun recht mein Eifer fr das Dramatische. Zuerst mute ich
an Decorationen denken. Ich kaufte mir ein Buch Packpapier und einige
Dten voll gelber, rother und schwarzer Farbe, sowie einige Pinsel.
Neun Bogen Packpapier nhte ich zum Hintergrunde zusammen, der eine
Stubenwand mit einem Fenster in der Mitte vorstellte, unter das ein
Tisch gesetzt wurde. Je drei Bogen bildeten eine Coulisse, an jeder
Seite mit Thren. Nun band ich Besenstiele und Stangen an Stuhllehnen
an und daran befestigte ich die Coulissen. So war mein Zimmer fertig.
In diesem Zimmer muten wir nun Alles spielen. Das Erste war der
politische Kannengieer, worin ich Hermann von Bremen, das Nchste Jeppe
vom Berge, oder der verwandelte Bauer, wo ich Jeppe spielte. Wenn die
Maschinerie nicht Stich hielt, so mute die Phantasie zu Hlfe kommen.
Da ich zum Beispiel keinen Galgen hatte, an dem ich als Jeppe aufgehngt
werden konnte, hing ich mich mit den Armen an die Thr nach dem Zimmer
der Zuschauer; da diese geffnet wurde und ich des Hngens mde war,
sprang ich herunter, ohne in der Scene oder im Spiele zu stocken, als
wenn gar nichts Wunderliches passirt wre; und hierdurch rettete ich
auch die Illusion fr die Zuschauer. Winckler gab den Henrik und Jacob
Schuhmacher; aber ich konnte ihn nie dazu bewegen, ordentlich zu sein;
er spielte stets mit dem Spiele.

Das that er nun auch, wenn wir auf Friedrichsberg mit Eline Bech
spielten, und es war reizend zu sehen, wenn das junge, schne Mdchen
ihn ausschalt, weil er unartig sei -- das heit: weil er sich nicht,
wie wir, in die Rolle versetzte und ernsthaft mitspielte.

Endlich wurde der Ernst bei Eline Bech so gro, da sie wirklich
Schauspielerin wurde. Sie debtirte in Hermann von Unna als Ida, erwarb
sich auerordentlichen Beifall, und dies trug nicht wenig zu meinem
darauf folgenden Entschlusse bei.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Studien bei Herrn Hisgaard.]

So bereitete ich mich also ein Jahr lang bei Herrn Hisgaard zum
_examen artium_ vor, und ich sah voraus, da, wenn ich auf =diese
Weise= fortfahren wrde (was sicher der Fall war, =wenn= ich fortfuhr)
ich in einem Jahre nicht weiter kommen wrde, als ich in diesem Jahre
gekommen war. -- Winckler hatte das Examen vor einem Jahre brillant
bestanden und war ffentlich ausgezeichnet worden. Wenn ich die Schule
fr Brgertugend htte besuchen knnen, so htte ich das Examen zu
gleicher Zeit mit ihm gemacht. Aber mein Vater hatte, wie gesagt, nicht
die Mittel dazu, weil ich nicht -- wie Winckler -- ein Haus in der Stadt
fand, wo ich frei wohnen konnte. So hngt das Schicksal eines Menschen
oft von Kleinigkeiten ab. Ich war im Grunde sehr betrbt darber, da
das Ganze diese Wendung mit mir genommen hatte; aber ich lie es mir
nicht merken, nicht ein Mal vor Winckler. Ich schrieb vielmehr ein
scherzendes Heldengedicht: Otto, auf Veranlassung seines Examens,
und das Einzige, woran ein Menschenkenner vielleicht die Verstimmtheit
(doch fern von aller Migunst) htte merken knnen, war die gezwungene
Heiterkeit, die sich darin aussprach. -- Das Gedicht war in verrckten
Hexametern geschrieben, die alle auf fnf Fen einherhinkten, und fing
so an:

      Ich bin ein Wurm, und darf doch den Wallfisch besingen.
      Keck und gefat verlacht zu werden, verhhnet.
      Lachet mein' immer, verhhnt mich, ich werd's nicht beachten,
      Wandre voll Zutrauen auf dieser so schlpfrigen Laufbahn.
      Muse! begeistre mich, Kraft gieb mir, feurigen Willen,
      Da mein Gesang empor zu den Wolken kann steigen.
      Nicht bin ich Ewald, und nicht bin ich Klopstock, nicht Pope,
      Dennoch will ich es wagen, ihn zu besingen.
      Nennt es Verwegenheit, Frechheit, was Ihr auch wollet,
      Nichts doch bekmmert mich, freudig beginn' ich zu singen.

Und nun wird erzhlt, wie der Held Otto in der Morgenrthe auf seinem
Lager ruhte und zwei Wesen an seinem Kopfkissen standen und sich seiner
zu bemeistern suchten: das eine der =Flei=, das andere die =Furcht=.
Endlich siegte der Flei, die Furcht zog sich zurck, der Held sprang
auf und ging, und der Snger folgte ihm:

           Lange er wandelt' auf graden, auf winkligen Wegen.
           Endlich stand er, ich sah' eine Pforte ihn ffnen,
           Sah' ihn hineingehn und folgte gewandt seiner Ferse
           In einen finsteren Saal durch Stangen geschtzet.

Dies war das Consistorium, in dem das Examen abgehalten wurde, und nun
kam eine scherzhafte Beschreibung der Pedelle und Professoren, die den
Helden Otto examinirten bis es vorbei war, und der Dickwanst (einer
der Pedelle) einen Folianten ffnete und schrie: _laudabilis prae
ceteris._

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Vernderter Lebensplan.]

Dieses _laudabilis prae ceteris_ stand mir selbst in meiner damaligen
Stellung so fern, da es mir unerreichbar schien; mehrere Mal beschlo
ich, das Studiren aufzugeben, hatte aber doch nicht den Muth dazu.
Endlich eines Tages, -- ich entsinne mich dessen noch sehr gut, --
gerade wie ich die lateinische Version zum Brief Pauli an die Rmer, 2.
Kap. 26., 27. und 28. Vers repetirte, -- legte ich das Buch entschlossen
hin, -- ging zu meinem Vater, erklrte ihm, da ich zum Theater gehen
wollte, wenn er es erlaube, -- da ich hoffe, dort mein Glck machen,
und ihm bald alle Kosten ersparen zu knnen. Er erlaubte es gleich,
sprach mit dem Oberhofmarschall, spteren Oberkammerherrn Hauch, und
dieser bestimmte mir einen Tag, an dem ich zu ihm kommen sollte. Nun
putzte ich mich, so gut ich konnte; meine Mutter lieh mir einen goldenen
Ring, um ihn, nach der damaligen Mode, auf das Halstuch zu schieben. Die
langen, schwarzen Haare wurden geflochten und mit einem kleinen Kamm
in den Nacken gesteckt. Aus falscher Schaam sagte ich meiner Schwester
nicht, was ich vorhabe, bis sie es von Anderen erfuhr; das schmerzte
sie; denn bisher war sie die Vertraute meiner Seele gewesen und ich
hatte ihr Nichts verschwiegen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Eintritt in das Schauspielerleben.]

Der Oberhofmarschall hatte mich oft als einen halberwachsenen Jungen
auf Friedrichsberg umherlaufen sehen, und wunderte sich wahrscheinlich
darber, da dieser Junge bereits in seinem siebzehnten Jahre Cavaliere,
Helden und romantische Liebhaber spielen wollte. Er stellte mir all' die
Schwierigkeiten und Mhseligkeiten vor, die mit dem Schauspielerstande
verbunden waren; aber es half Nichts. Er sagte mir, da ich im Anfange
nur sehr kleine Gage bekommen wrde. Darum kmmerte ich mich nicht.
Da ich in meinem Gesprche mit ihm doch wohl etwas Geistiges und
Ungewhnliches zeigte, so schien er endlich Lust zu haben, es mit mir
zu versuchen. Aber er sagte: ich msse erst vor allen Dingen tanzen und
fechten lernen und mit Handschuhen gehen, weil ich zu rothe Hnde htte:
Rosing wolle er mir zum Instructeur geben.

Das war es gerade, was ich wnschte. Ich eilte gleich zu Rosing hin,
klingelte und er kam selbst und ffnete. Ich sagte ihm, was ich
wolle; er lie sich in ein Gesprch mit mir ein, betrachtete mich mit
Kennermiene, und ich freute mich, weil ich in dieser Zufriedenheit zu
entdecken glaubte. Als Richter und Kunstverstndigen hatte ich ihn noch
nie reden gehrt; bisher hatte ich aus seinem Munde nur die Gedanken
Anderer vernommen, jetzt merkte ich, da er selbst beredt und ein Denker
war, ein Mann von Charakter, fein, ohne Falsch, mit Selbstgefhl und
doch bescheiden. Da er beim Tageslichte lter, bleicher aussah, einige
Runzeln hatte, und statt des gewhnlichen Schmuckes auf der Bhne hier
in einem einfachen grauen Fracke ging, machte ihn mir noch merkwrdiger.
Seine Augen waren eben so schn, wie auf dem Theater, ja noch schner;
denn man konnte in der Entfernung bei Licht nicht ihre seltene, blaue
Vergimeinnichtfarbe sehen.

[Sidenote: Krperliche Ausbildung.]

Wie es nun geschieht, da Menschen, die mit einander sympathisiren,
alsbald vertraut werden, so geschah es hier; und kaum hatte ich ihn ein
paar Mal besucht, so bildete sich das schne Verhltni zwischen uns,
wie zwischen Lehrer und Schler, ja fast wie zwischen Vater und Sohn.

Rosing fand eben so wie der Marschall, da ich der ritterlichen
Uebungen bedrfe; ich bekam einen Fechtmeister, einen Tanz- und einen
Gesanglehrer.

Der alte Fechtmeister =Ems= war ein langer, gutmthiger Schlagetodt,
ein Preue aus Friedrich's II. Zeit, der sein Handwerk verstand. Es
amsierte mich, den Gebrauch der Waffen von ihm zu erlernen; doch
mochte ich lieber mit dem Sbel, als mit dem Stodegen fechten. Es
schien mir viel heroischer, ehrlicher, weniger grausam. Das Fechten
mit dem Stodegen kam mir hinterlistig und meuchelmrderisch vor. Ich
sollte meinen Feind betrgen, um ihm unerwartet den Todessto zu geben;
Gewandtheit und kaltes Blut gaben den Ausschlag. Beim Fechten konnte man
krftiger, heftiger zu Werke gehen; und ich meinte, da, wenn man sich
duellirte, man heftig sein msse; denn ruhige Leute mten vernnftig
sein, und vernnftige Leute mten Frieden halten. Ich glaube auch
noch jetzt, da weder Achilles, Siegfried, Strkodder, noch Palnatoke
gestoen haben, auer mit groen Spieen, sie haben mit dem Schwerte,
wie Thor mit dem Hammer Mjlnir geschlagen. Der Stodegen ist eine
Erfindung der neuern franzsischen Schule; und ich hoffe, da selbst
weder Guesclin noch Bayard sich seiner bedient haben.

Mein Tanzlehrer war Herr =Dahln=, und spter Herr =Berg=. So wie ich
bei Ems das Hauen dem Stechen vorzog, so liebte ich hier die Menuet mehr
als die Ecossaise. Die Menuet lehrte mich edle Stellungen und den Krper
mit Grazie bewegen; es schien mir eine stumme Liebesscene zu sein, in
welcher der Jngling und das Mdchen sich voller Sehnsucht einander
nhern, dann sich wieder ngstlich und bescheiden trennen, sich wieder
entgegenkommen, einander die Hand reichen, sich flchtig umarmen,
dann wieder einander fliehen, sich freundlich und hflich gren und
auf derselben Stelle stehen bleiben, wo sie angefangen, wie dies bei
den meisten flchtig Verliebten der Fall ist. Die Ecossaise lernte
ich nicht: das Walzen konnte ich nicht vertragen; und so habe ich,
merkwrdig genug, nie in meinem Leben mit einer Dame auf einem Balle
getanzt.

[Sidenote: Musikalischer Unterricht.]

Der Gesanglehrer war Herr =Zinck=, ein ehrlicher, launiger Deutscher,
guter Clavierspieler und grndlicher Theoretiker aus der Bach'schen
Schule; auch als Componist hat er Talent und Gefhl gezeigt. Aber als
Lehrer fr junge Snger und Sngerinnen war er zu theoretisch; es
wurde zu viel gesprochen, zu wenig gesungen. Sein Streben, Alles durch
Definitionen populair zu machen, kostete viele Zeit. Und wenn er es den
jungen Sngerinnen begreiflich machte, da jeder Mensch die natrlichen
Notenlinien bei der Hand habe (nmlich die Finger), und da man nur den
Zeigefinger der rechten Hand ber, zwischen oder unter einen Finger der
linken Hand zu setzen brauche, um sich jede Note klar zu machen; so
konnten wir Anderen uns nicht des Lachens enthalten. Spter bekam ich
einen italienischen Gesanglehrer, Feretti, der eine gute Methode hatte,
und bei dem ich einige Fortschritte machte. Er hatte mich gern, aber er
mochte es nicht leiden, da ich zuweilen seine Stunde versumte, wenn
ich in der Sonnenhitze nach der Vorstadt auf Oesterbroe, wo er wohnte,
hingehen sollte. Darum sagte er auch in seinem halbdeutschen Patois:
Ah, _Olanslagero magno ingenio_, aber Faullenzer! Zuweilen wollte er
mich durch die Aussicht auf grere Gage ermuntern, und sagte: Singe
Sie! Solle Sie Geld kriege. Einmal sprachen wir von der nordischen
Mythologie: Ah, sagte er, da habe Sie ja nur Othinus und seine Frau,
und weiter Nix. Nun kramte ich all' meine nordisch-mythologische
Weisheit aus, und glaubte, seine Unwissenheit damit recht zu demthigen;
aber mit einem zrtlichen Vaterlcheln legte er nur die Hand auf meine
Schulter, und sagte mit einem Ausdruck des Beifalls, als ob ich zum
Examen bei ihm gewesen wre: _Bravo, Olenslagero!_ Er war ein sehr
gutmthiger riesengroer Mann, mit einem langen schwarzen Zopf ber dem
grauen Frack. Seine Tochter Doris, schon etwas bei Jahren, und seine
alte Frau mit dem kleinen Hunde auf dem Schoos, saen im Nebenzimmer im
Dunkeln und applaudirten, wenn man sang.

[Sidenote: Der neapolitanische Singemeister.]

Es that ihm leid, als ich ihn verlie. Spter erwischte er Foersom,
und wollte ihn zum Snger ausbilden; aber da dieser auch keine Lust
hatte, und es vorzog, Schauspieler zu werden, so wurde der heftige
Neapolitaner rgerlich, und rief zuletzt erbittert: Nun so gehe Sie,
gehe Sie, und werde Sie nur miserabile Comediante! Vor dieser Zeit war
Foersom ihm bei verschiedenen Gelegenheiten behlflich gewesen. Sie
gingen einmal zusammen aus, um Wohnungen anzusehen. Auf der anderen
Seite der Strae stand ein armselig gekleidetes Frauenzimmer, aber keine
Bettlerin. Feretti schritt gravittisch zu ihr hinber und drckte ihr
einen Kupferschilling in die Hand. Sie wurde verletzt und wollte ihn
nicht haben; er aber glaubte, es sei Bescheidenheit, winkte gromthig
mit der Hand und ging weiter. Nun kamen sie in ein Haus hinein und
sahen Wohnungen bei Leuten an, die noch dort wohnten. Feretti trat mit
bedecktem Haupte mitten ins Zimmer und betrachtete mit stolzem Lcheln
die kleine Wohnung. Drauf sagte er: Fr ein Bauer ist es zu viel, fr
ein Brger ist es genug, fr _il profossore del Feretti_ ist es zu
wenig, und damit ging er wieder. -- Er war brigens, wie gesagt, ein
sehr freundlicher Mann, fleiig und brauchbar in seinem Berufe, aber die
Neapolitanernatur konnte er nicht verleugnen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Musikalische Zustnde.]

Frs Erste hatte ich weiter nichts zu thun, als in die Singstunde zu
gehen und in den Chren mitzusingen; das war eine sehr interessante
Beschftigung. So lernte ich das Theater auch von der Kehrseite kennen
und im Anfange ging es mir damit, wie in meiner Kindheit mit dem
Besuche in der Stadt, wo ich den Ulfeldtsplatz Friedrichsberg vorzog.
Die Musik habe ich nchst der Poesie immer am hchsten von allen Knsten
geliebt und hier schwamm ich in Musik von Monsigny, Gretry, Schulz und
Kuntzen, Pasiello und Cimerosa. Das Ohr des Publikums war damals noch
nicht verwhnt oder erschlafft, und es bedurfte nicht eines groen
Lrmens, in dem so oft Melodie und Character vor bertriebener Pracht
in der Harmonie weichen mssen, und wo nur leidenschaftliches Geschrei
Effect macht. Damals bte noch die weiche Stimme des Herzens ihre
Wirkung aus, man fand den herrlichen Schulz noch nicht langweilig, und
-- obgleich der zweite April des Jahres 1801 noch nicht das Volk fr
das Heroische begeistert hatte, fhlte man doch mit Vaterlandsliebe
das Idyllische und Ideale im Erntefest und Peters Hochzeit. Aber
Rosing spielte auch den Halvor in diesen Stcken und er zwang die
Zuschauer zu empfinden. Er wrde es noch jetzt thun, wenn man ihn sehen
und hren knnte. Doch ich will die Zeit nicht besser machen, als sie
war; jede Zeit hat ihre Fehler und ihre Vollkommenheiten, darum mu die
vergangene Zeit die kommende theils lehren, theils warnen. -- Mozart
kannte man noch gar nicht; obgleich er schon vor zwlf Jahren gestorben
war. Daran waren die Italiener schuld, welche ihn beneideten. All' das
dumme Geschwtz, da der melodiereichste aller Componisten unmelodis
sei, da er seine Musik fr Orchester und nicht fr Snger geschrieben
habe, wurde auch hier hergebracht und -- geglaubt! Ja es half nichts,
da man sein _Cosi fan tutte_ auffhrte. Die Musik wurde mit anderer
italienischer Musik in eine Brhe geworfen. Da der Text unter aller
Kritik war, konnte Jeder beurtheilen; da die Musik gttlich schn war,
konnten nur Wenige empfinden, und dieses himmlische Meisterstck --
wurde ausgepfiffen. --

[Sidenote: Mozart's _Cosi fan tutte_.]

Ungefhr dreiig Jahre spter suchte ich das Meiste dieser schnen Musik
durch das khne Unternehmen zu retten, da ich ihr einen andern Text
unterlegte. Einzelne Zuschauer, die wohl theils historische Kenntnisse
von _Cosi fan tutte_ frherem Schicksal besitzen mochten, theils einen
Ha auf mich hatten, wollten da anfangen, wo die Vorfahren aufgehrt
hatten; aber der Beifall siegte, das Stck wurde mehrere Male bei vollem
Hause gegeben; -- und obgleich eine solche Arbeit, deren einziges
Streben dahin gerichtet war, ein anderes Kunstwerk vor der Vergessenheit
zu retten, keinen bedeutenden eigenen Werth haben konnte, so wrden sich
doch gewi noch jetzt manche Musikliebhaber darber freuen, Mozart's
schne Musik mit Worten zu hren, die das Gefhl nicht stren, sondern
es begleiten und es in Worte kleiden.

Wenn ich nicht irre, so trug auch eine andere Begebenheit dazu bei, das
Publikum zu verstimmen, als das Stck zum ersten Male aufgefhrt wurde.
Die Liebhaber im Stck sollten sich umkleiden, um ihre Geliebten glauben
zu machen, da sie nun andere Menschen seien. Diese Liebhaber wurden
von Frydendahl und Ovist gespielt. Frydendahl machte ein Versehen und
kleidete sich zu frh um, und Ovist ahmte nach, was er Frydendahl thun
sah. Als sie nun auf die Bhne hinaus wollten, machte der Regisseur
sie auf ihr Versehen aufmerksam. Frydendahl wurde ganz verblfft, zog
an der Commandoschnur des Maschinenmeisters und rief: Lat herunter!
er meinte nmlich den Vorhang, aber die Maschinisten oben glaubten,
die Scene sollte gendert werden und das Zimmer, in dem Knudsen gerade
spielte, verwandelte sich in einen Wald, worauf Knudsen, der, sonderbar
genug, noch die Illusion bewahren zu knnen glaubte, ausrief: Welche
Gaukelei! das Parterre schlug ein lautes Gelchter auf, und man mute
wieder von vorn anfangen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Die Theaterdirection.]

Ich sah nicht nur die Kehrseite des Theaters und der Schauspieler,
sondern auch die der Dichter. Thaarup und Baggesen waren
Theaterdirectoren geworden, wozu sie sich durchaus nicht eigneten, um so
weniger, als sie nicht nur Censoren, sondern zugleich, mit Waltersdorf
als Chef, administrirende Directoren sein sollten. Hauch hatte sich in
diesen Jahren zurckgezogen. Baggesen war brigens in seiner Stellung
angenehmer, als Thaarup. Er hatte keinen Ehrgeiz, was die Administration
betraf. Er besuchte uns auf der Bhne in seinem gelben Ueberwurf, auf
dessen Rckseite die eingebrannte Spur eines Pltteisens deutlich
zeigte, da man ihn in der Eile ein Mal zum Pltttuch gebraucht habe.
Er schnupfte immer sehr viel Taback. Ich entsinne mich noch sehr gut
des ersten Tages, wo er uns besuchte, und wo Saabye gar nicht aufhrte,
das Bild auf seiner Schnupftabacksdose zu rhmen, welches seine erste,
selige Sophie vorstellte, die er selbst gemalt hatte. Wenn Baggesen
nicht zum Neid und zur Eifersucht gereizt wurde, war er gutmthig und
unterhaltend. Hier beneidete er Niemand, lie Rosing und Schwarz walten
und amsirte sich selbst damit, ber das Hohle in einigen Versen zu
scherzen, die er in den letzten Jahren hatte drucken lassen. Thaarup
that sehr vornehm, ernst und hofmeisternd. Er glaubte, da er Alles
vortrefflich verstnde. Wenn er im Foyer einem der Jngeren etwas zu
sagen hatte, so wandte er ihm gewhnlich den Rcken, ballte die Fuste,
steckte die Zeigefinger in die Hhe, pustete erst ein paar Mal -- darauf
heftete er seine Augen auf Herrn oder Madame Rosing, wenn sie zugegen
waren, -- wo nicht auf einen Andern der Aelteren um ihren Beifall oder
ihre etwaige Bewunderung seiner Rede zu beobachten -- und dann hielt er
die Rede an den, der hinter ihm stand und der gewhnlich fortging, bevor
er fertig war.

[Sidenote: Baggesen's Erik der Gute.]

Er hatte besonders sehr viel damit zu thun, die Costme zu dem
Singspiele Eveline zu besorgen, in welchem alle Choristen in feine weie
Casimirbeinkleider gekleidet wurden. In Baggesen's Abwesenheit sorgte
er auch fr die Costme zu dessen =Erik dem Guten=; die dnischen und
julinischen Helden wurden in Harnische von unechtem Silberbrocat mit
Goldtressen gezwngt. Von =Erik Eiegod= wurden viel Proben veranstaltet.
Es machte mir Freude, Kuntzen zu sehen, der wirklich ein ausgezeichneter
Componist war, wie er da zwischen all den Menschen sa, die sich nun
vereinigten, um sein Werk aufzufhren. -- So jung ich war, so fhlte ich
doch, da das Stck nur wenig von nordischer Kraft und Frbung hatte;
das konnte schon ein fleiiger Leser und Bewunderer Ewald's erkennen.
Wenn die Julinerinnen sangen:

                     Keine Ketten uns umschlingen.
                     Khl' den Ha im Blute!
                     Selbst im Tode noch wir singen
                     Erik hoch! der Gute!

so konnte ich den im Blut gekhlten Ha nicht mit der Gte vereinen;
und da sie es im Spott sagen sollten, um Erik zu rgern in demselben
Augenblick, wo sie ihn um Vergebung baten, konnte ich auch nicht
begreifen. -- Wenn der alte Uller -- der mir am meisten gefiel -- zum
Schlue sang:


               Von hundert der Jahre gebleicht
               Dank' warm ich Dir, warm Dir vor Allen, --

so schien mir dies ein des edlen Greises unwrdiges Selbstlob; -- aber
wenn er sang:

                 Vielleicht eh' die Sonne entweicht
                 Begr' ich Dich jung in Walhalla! --

so drngte sich eine Thrne in mein Auge, und ich fand den Gedanken
schn. Da Uller, als Wende, sich weder zur nordischen Lehre bekennt,
noch an Valhalla glaubt, entging mir, so wie es dem Dichter entgangen
war, der berall, sowohl hier, wie frher in seinem Holger Danske und in
Allem deutlich zeigte, da er niemals altnordische Sitten oder nordische
Geschichte studirt hatte.

[Sidenote: Singspiel-Repertoire.]

Kuntzen's herrliche =Weinlese= und sein kleines munteres Stck
=Das Geheimni= wurden auch aufgefhrt. In beiden war Knudsen
unbertrefflich als Kster und Landrichter. Ich sah noch Gjelstrup in
seiner besten Zeit Jeppe vom Berge spielen, den Sattler in Nicht mehr
als sechs Schsseln und mit Knudsen einen der zwei Geizigen in Gretry's
Singspiel u. s. w. In Pasiello's =Mllerin= zeigte Frydendahl schon,
da er mit Glck die burlesken Italiener auf dem Hoftheater studirt
hatte. Seine Frau hatte von Natur eine der schnsten Stimmen, die ich
gehrt habe; aber sie war nicht gengend durch die Kunst ausgebildet.
Sie hatte auch (was nicht immer bei guten Sngerinnen der Fall ist)
ein schnes Organ, auerdem ein schnes Gesicht und eine muntere
Gutmthigkeit, war aber sonst kein bedeutendes Talent und von kleiner,
untersetzter Gestalt.

Schwarz war ein vortrefflicher wrdiger Vater. Er hatte ein schnes,
beredtes Gesicht und ein gutes Organ. In frheren Jahren hatte er gewi
eben so viel Humor in lustigen Rollen gezeigt, wie jetzt Gefhl und
Wrde in den ernsten. Aber Helden konnte er nicht darstellen, jedoch
spielte er Niels Ebbesen, der sich nur wenig von dem brgerlichen
ruhigen Vater unterscheidet.

Madame Preisler hatte ihre Rolle auf der Bhne und im Leben ausgespielt,
ehe ich kam; ich entsinne mich noch sehr gut eines warmen Sommertages,
wo ich mich mit einer groen Menge Menschen in eine Wohnung
hinaufgedrngt hatte, wo ihre Leiche ausgestellt war.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Michael Rosing.]

Wer sich meine grte Bewunderung beim Theater zuzog, wen ich mit der
ganzen Wrme des Jnglings liebte, wer mich besonders zur Bhne hinzog
und ber dessen Umgang und Vertrauen ich mich noch mehr freute als
ber die Kunst selbst -- war =Michael Rosing=. -- Rosing war ein echt
poetischer Schauspieler, er besa Begeisterung, Phantasie, Gefhl,
Verstand, Geschmack in einem selten hohen Grade. Er war ein Norweger
und bewahrte bei all seiner Weltkenntni und Vielseitigkeit die
grte Liebe fr sein Vaterland und fr alles Altnordische. -- Ich
habe in Talma Aehnlichkeit mit ihm gefunden; Talma's Talent war in dem
Tragischen, das Rosing selten zu ben Gelegenheit hatte, ausgebildeter,
aber dieser stand ihm gewi nicht im tragischen Genie, so wenig wie in
rascher mnnlicher Wrde und Gluth nach.

Er war in Rraas, bei jenem melancholischen Kupferbergwerk zwischen
Schneebergen in einem abgelegenen den Winkel geboren. Hier war sein
Vater ein armer Prediger. Als Knabe kam Rosing in die Schule nach
Drontheim. Er hatte eine schne Discantstimme, und sang mit hoher
Begeisterung in der St. Olafs-Kirche, im groen Chore, der noch jetzt
der Nachwelt erhalten ist; Rosing lebte mit seinen Phantasieen in der
alten Zeit der Sagen. -- Der spter so bekannte Staatsrath =Treschow=,
der erst jngst nach einem bis zu seinem Todestage gesunden und
krftigen Leben gestorben ist, war vor 60 Jahren Rosing's Rector in
Drontheim, aber Treschow kam sehr jung zu diesem Amt und war nur sechs
Jahre lter, als sein Schler. -- In den Wissenschaften zeichnete
Rosing sich nicht aus; er ging nach Kopenhagen, wurde Student, besuchte
das Theater, verliebte sich in Frulein =Olsen=, seine sptere Frau,
fhlte sein Talent erwachen und wurde seiner Stimme wegen beim Theater
angenommen. Aber nun mute er sich darein finden, ein ganzes Jahr ohne
Umgang mit seinen Landsleuten zu leben, um sich den norwegischen Accent
abzugewhnen, den er als Drontheimer in hohem Grade hatte, und auch
nie ganz ablegte; aber er kleidete ihn gut, da er gemildert und mit
der Sprache seiner Umgebung verschmolzen war. Er debtirte als Orosman
in Voltaire's Zaire, von Tode in schlechten schleppenden Alexandrinern
bersetzt. Indessen machte er gleich Glck. Von keinem Schauspieler
habe ich die Liebe zum Weibe so tief, so wahr, so schn und rhrend
darstellen sehen, als von Rosing. Daher kam es, da man in jedem Stcke,
in dem eine Liebesscene vorkam, aus welcher nur irgendwie Etwas zu
machen war, eines schnen Genusses sicher sein konnte, wenn Rosing die
Rolle spielte. Vieles, das man sonst langweilig fand, wurde durch die
Art und Weise poetisch, wie Rosing es auffate. Nie gab er sich einer
hohlen, schreienden Declamation, einer egoistischen Eitelkeit hin; er
lebte und athmete in dem angebeteten Gegenstande, verga sich selbst,
sein schwimmendes, blaues Auge auf sie gerichtet, ganz ihr gegenber;
aber die Zuschauer vergaen ihn nie.

Und nun sein vortrefflicher Almaviva im Figaro, wobei er sein Genie
gerade dadurch zeigte, da er den Gegensatz seines natrlichen Gefhls
darstellte; die kalte herzlose Buhlerei eines Junkers, der bereits im
Verblhen ist; aber mit aller Politur des Hofmanns. Diese Feinheit
zeigte er noch grer, zu einem hinterlistigen, heimlichen Gift
sublimirt, in dem entsetzlichen Marinelli, aus dessen Eisbrust nur
zuweilen die Hllenflammen aufschlagen, so wie die Gluth des Hekla in
einer dunkeln Winternacht. Endlich sein ausgezeichneter Graf Gerhard
in Niel's Ebbesen, wo sein ganzes Wesen und Benehmen uns das Genie und
das geistige Uebergewicht ahnen lie, das Gerhard erst hochmthig und
zum Menschenverchter machte und ihn darauf in den Abgrund strzte.
Wenn Rosing sagte: Da liegen sie nun unbekmmert, da sie morgen zur
Schlachtbank gefhrt werden! Und Dich Mensch, Dich sollte ich achten?
Deinetwegen ein Werk aufgeben, das die Bcher der Weltgeschichte
bewundern mssen? Sclaven, nur geschaffen, um einem blinden Triebe zu
gehorchen, -- um geschlachtet zu werden mgt ihr gut genug sein; --
so lie er uns ein tiefes Mitleid mit dem verblendeten Gerhard fhlen,
dessen groe Gaben zu Grunde gingen, weil ihm die Liebe mangelte. -- Und
wie konnte er da rhren?

Wer die Liebe nicht liebt, den kann die Liebe nicht lieben, sagt
Lavater. Der kalte Ha, die herzlose Verachtung kann niemals rhren,
sie kann nur empren. Aber Rosing, ebenso wie Talma, fhlte, da in
der inneren Tiefe aller groen Menschen eine schlummernde, vielleicht
sich selbst unbewute Liebe ruhe. Freilich gestaltet sie sich zur
Eigenliebe; aber jemehr Genie ein Mann hat, desto mehr nimmt er von
Anderen in sich auf und liebt zuletzt, ohne es eigentlich zu wissen --
nicht nur sich selbst in der ganzen Welt, sondern die ganze Welt in
sich. Er glaubt, das Organ der Zeit zu sein -- und er ist es ja auch,
wenn er gro ist; denn Mnnergre und Geistesgre hngen leider nicht
immer mit moralischer Vollkommenheit und Klarheit der Seele zusammen.
Dieses schlummernde Gefhl rhrt, wenn wir es in wichtigen Augenblicken
erwachen sehen. So liegt in Gerhard's Entrstung ber die Schwche der
Menschen eine tiefe Unzufriedenheit darber, da der Mensch nicht mehr
ist, was er sein sollte; und die rhrt, weil es ihn selbst trifft. Es
hat etwas Tiefergreifendes, eine groe verirrte Kraft zu Grunde gehen zu
sehen. Was giebt es Rhrenderes, als wenn Napoleon, indem er dem Thron
entsagt, umgeben von den alten Helden, den Adler an die Brust drckt und
ihn zum Abschied kt? Dieses Gefhl wute Rosing auf wunderbare Art zu
wecken und hierin besonders glich er Talma. Auch =Ryge= haben wir solche
Gefhle in =Hakon Jarl= und anderen Stcken lebhaft erregen sehen.

[Sidenote: Rosing und Rahbek.]

Als Knud Gyldenstjerne in Dyveke gab Rosing Torben Oxe's treuen Bruder,
Siegbrit's edlen, schonenden Feind unbertrefflich schn. Hier fllt mir
eine Anekdote ein, die ich erzhlen will, da sie sowohl zu Rosing's als
zu Rahbek's Charakteristik beitrgt.

Rahbek mute stets eine Dame haben, in die er unglcklich verliebt
sein konnte. Dies versetzte ihn in seinen freien Stunden in einen
elegischen Zustand, der ihm lieb war, mit dem er aber niemals seine
Freunde belstigte; denn unter ihnen war er beim Glase Wein stets witzig
und erzhlte gern scherzend, was er gehrt und erlebt hatte. Rahbek
verliebte sich also gleich in seiner Jugend in Frulein Olsen, die
bald Rosing's Gattin wurde. Rosing war sein Universittsfreund, Rahbek
kam oft in dessen Haus, und hatte also hier, wie im Schauspielhause,
Gelegenheit genug, seine Gefhle zu nhren. Diese waren nun, wie Alle,
die Rahbek gekannt haben, wissen, so platonisch und super-petrarchisch,
da sie nie Jemand auch nur im Entferntesten beunruhigen konnten. Rosing
war ein sehr schner Mann und wurde von seiner Frau innig geliebt;
dadurch gestaltete sich aber die den gewhnlichen Verhltnissen ganz
entgegengesetzte Situation so, da Rahbek auf Rosing eiferschtig
wurde und als Folge hiervon mehr als sonst geneigt war, ihn zuweilen
zu tadeln. Hierzu kam, da sie aus verschiedenen Schulen waren.
Rosing hatte sich selbst gebildet; Rahbek bewunderte den verstorbenen
Schauspieler =Rose=; und hatte durch =Schrder=, =Jnger= und =Iffland=
Geschmack an dem brgerlichen Idyll mit seinen stillen, feinen
Schattirungen gefunden; zu Rahbek's grter Verwunderung spielte auch
Madame Rosing vortrefflich in dieser Gattung von Stcken. Fr das mehr
Heroische, welches reichere Phantasie und strkeres Gefhl forderte,
hatte Rosing viel mehr Sinn; aber dies lag nicht so sehr in Rahbek's
Sphre.

Als man nun Dyveke auffhren sollte und ein guter Freund Rahbek fragte:
Wie glaubst Du, da Rosing den Knud Gyldenstjerne spielen wird,
-- antwortete er in bler Laune: Wie ein rasender Jakobiner, den
Christian der Zweite gleich htte kpfen lassen, wenn er so vor ihm
hingetreten wre! Diese Antwort hinterbrachte der gute Freund dem
Rosing, der gar nicht verletzt wurde, gute Miene machte, und Rahbek,
als sie sich wiedersahen, fragte, ob er Lust habe, der Probe zu Dyveke
beizuwohnen, und ob er ihm dann seine Meinung sagen wolle, wenn er Eins
oder das Andere gendert wnsche. -- Rahbek folgte mit Freuden dieser
Aufforderung. Die Probe ging vortrefflich und Rahbek war durchaus
zufrieden. Als sie von der Probe zusammen nach Hause gingen, sagte
Rosing lchelnd: Gefiel Dir nun auch mein Knud Gyldenstjerne? --
Vorzglich! -- Ich habe also doch nicht wie ein rasender Jakobiner
gespielt? -- Wenn Du, entgegnete Rahbek ohne verlegen zu werden,
nur einen Fingerzeig bekommst, so hast Du Alles, was Du brauchst!

[Sidenote: Billardbungen.]

Ehe ich noch recht bekannt mit Rosings wurde, und als tglicher
Umgangsfreund in ihr Haus kam, ging ich viel mit einigen jungen
Leuten vom Theater um. Der rohe Ton, der unter ihnen herrschte,
mifiel mir sehr. Indessen konnte ein Jngling leicht nach und nach
verdorben werden, wenn mein guter Engel nicht ber mich gewacht htte.
Was mich im Laufe des Jahres, das ich auf diese Weise verbrachte,
besonders beschftigte, war Billardspiel. Winckler und ich hatten uns
selbst dieses Spiel auf eine eigenthmliche Weise gelehrt. Auf dem
Friedrichsberger Schlo stand in unserer Kindheit ein Billard in der
schnen Gemldegalerie, neben dem Speisesaal. Hier spielten wir, so
gut es eben ging, ohne da uns Jemand die geringste Anweisung gab. Wir
wuten nun -- und das ist ja auch die Quintessenz des Spieles -- da man
den einen Ball durch den andern in ein Loch stoen msse. -- Nun nahmen
wir Jeder unser Queue, und stieen dann auf die Blle, -- natrlich
mit dem dicken Ende -- so gut wir konnten. Auf diese Weise gewhnten
wir uns, zur Verwunderung unserer Mitspieler, als wir zur Stadt kamen,
daran, alle Blle _par tourne_ zu machen. Winckler, mit seinem scharfen
Blick und seiner sichern Hand, wurde bald ein ebenso ausgezeichneter
Billardspieler, wie er in seiner Jugend ausgezeichnet im Steinwerfen
nach Wallnssen, Vgeln -- und zuweilen nach mir war. Er wurde der beste
Billardspieler in der Stadt; spter kam ihm seine Gewandtheit sehr
als Anatom und Chirurg zu gute. Ich selbst brachte es nicht weit im
Billardspiele mit meinem kurzen Gesicht und meiner noch krzeren Geduld.

Als eine Merkwrdigkeit mu ich anfhren, da Winckler's Rival im
Billardspiel damals in Kopenhagen -- der aber nie um Geld spielte -- der
spter so berhmte Norweger =Christie= war, welcher das Grundgesetz fr
Norwegens freie Verfassung entwarf.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Umgang mit Schauspielern.]

Ich war zurckhaltend und blde; daher machten die Schauspieler sich,
ehe sie mich kannten, einen falschen Begriff von meinem Charakter, und
glaubten, ich sei eine stille, furchtsame Natur. Es gelang mir bald,
ihnen diesen Irrthum zu benehmen, ja sogar mir durch humoristische
Scherze Freunde unter ihnen zu gewinnen. Eines Abends z. B. hatten
Mehrere vom Theaterpersonal sich bei einem Wirthe versammelt, wo man
fr einen bestimmten Preis gut essen sollte. Unter Anderen war uns ein
kstlicher Hasenbraten versprochen. Es dauerte lange, ehe der Tisch
gedeckt war, die Gerichte wurden noch langsamer aufgetragen; -- nach
Mitternacht wurde ein trockener Rinderbraten statt des Hasenbratens
hereingebracht; und man entschuldigte sich damit, da der Bcker den
ihm gesandten Hasen nicht gebraten htte. Alle, die eben noch lustig
gewesen waren, schwiegen nun verstimmt, und glaubten nicht an die
Entschuldigung. Ich, der frher geschwiegen und die Aelteren hatte
reden lassen, brach nun pltzlich aus: Ei, so soll doch der Teufel den
nachlssigen Bcker holen. Wo wohnt denn der Pfuscher? -- Ach! --
entgegnete der Wirth -- er wohnt sehr weit von hier! Auerdem ist es
auch spt, kalt und ganz finster; jetzt kann er den Hasen doch nicht
braten. -- Er hat uns zum Besten gehabt, sagte ich. Ich wecke ihn
aus seinem Schlafe! Er soll mir den Hasen geben. -- Ohne weiter zu
hren, lief ich in die Stadt zum Bcker und holte ihn aus dem Bette.
Er wute von nichts, und hatte keinen Hasen bekommen. -- Mit dieser
Nachricht kam ich vergngt zurck. Alle schlugen ein lautes Gelchter
auf; der Wirth mute beichten und um Verzeihung bitten; aber ich hatte
bei dieser Gelegenheit einen Stein im Brett bei den Schauspielern
gewonnen, und der Rinderbraten schmeckte ihnen nun, da sie lustig waren,
eben so gut, als ob es ein Hasenbraten gewesen wre.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Meine Debts.]

Ich mte lgen, wenn ich sagen wollte, da Rosing mich ermunterte,
auf der Bahn fortzugehen, die ich einmal eingeschlagen hatte, obgleich
keineswegs weil er mich fr untauglich dazu hielt; im Gegentheil, er
glaubte, da ich mich auszeichnen knnte, wenn ich lter geworden und
bessere Manieren angenommen haben wrde. Aber er fhlte, wie alle
ausgezeichneten Knstler seines Faches, das Drckende und Peinliche
seines Standes, und wollte mich wohl vor etwas Aehnlichem schtzen.
Er litt es gern, da ich mit ihm scherzte. Einmal, als er mich
unterrichtete, drckte er sich etwas undeutlich aus, als er mich auf die
Harmonie der krperlichen Grazie aufmerksam machen wollte, und sagte:
Der kleine Finger und die groe Zehe mssen zusammenhngen! -- Ja!
-- entgegnete ich, und hob den Fu zur Hand auf, um Zehe und Finger in
Berhrung zu bringen. -- Du bist ein Eulenspiegel! rief er. -- Wir
hatten King's Rolle in Tode's Seeoffizieren zu einem meiner Debts
gewhlt. King ist ein braver Kerl, der gut fr sich spricht, und das,
meinte Rosing, wrde ich schon knnen; aber King ist etwas langweilig
und predigt zu viel; und das Mnnliche, welches er haben mute, konnte
mein knabenhaftes Wesen nicht durch eine Kunst ersetzen, in deren
Besitz ich damals eben so wenig war. Indessen hrte man bei diesem
Auftreten, da ich ein gutes Organ und eine gute Diction hatte. Das
Ritterliche im Torben Oxe, den ich auch spielte, konnte ich natrlich
auch nicht darstellen, und die Schchternheit und Furcht erlaubten mir
nicht, Gefhl zu uern, was brigens auch in den kurzen Scenen dieses
unglcklichen Liebhabers mit der Dyveke, die ihn nicht liebt, schwierig
ist. Erst im Cederstrm in Kotzebue's Armuth und Edelsinn lie ich
mich in den zrtlichen Scenen mit der liebenden Luise gehen -- und
erntete lauten Beifall.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Ewald's Fischer.]

Aber ich fhlte bald, da ich keinen Beruf zur Schauspielkunst habe.
Das Vorurtheil, welche dieselbe noch zu bekmpfen hatte, genirte
mich durchaus nicht; sie reizte im Gegentheil meinen Stolz zu Trotz
und Verachtung; aber zwei Dinge waren mir zuwider: die Subordination
und das Auswendiglernen. Es war mir unertrglich, langweilige Rollen,
in schlechter Sprache geschrieben, auswendig zu lernen; ich wollte
im Grunde am liebsten ganz frei sein, die Anderen spielen sehen, und
mich damit amsiren, als Zuschauer ins Theater und in die Singschule
unter den Haufen junger Leute und hbscher Mdchen gehen, -- kurz: Es
drngte den werdenden Dichter, das Theater, wie ein Baumeister seine
Maurer und Zimmerleute, kennen zu lernen. Aber dessen war ich mir damals
noch nicht bewut. Ich lie mich gern von Rosing unterrichten, um nur
in seiner Gesellschaft sein zu knnen. Er erzhlte mir, da er Ewald
gekannt habe. Rosing hatte zuerst =Balder's Tod= und =die Fischer= auf
die Bhne gebracht; er spielte selbst die Rolle des Hother im Balder und
des Knud in den Fischern. Zur Auffhrung des letzteren Stckes hatte er
die wirklichen Fischer von Hornbeck, welche mit grter Lebensgefahr
die edle That ausgefhrt hatten, welche Veranlassung zu diesem Stcke
gewesen, eingeladen. Die historischen Helden des Stckes saen whrend
der Auffhrung in einer Loge und sahen die scenische Darstellung ihrer
That. Als es zu Ende war, kamen sie auf die Bhne. Nun -- fragte
Rosing den Knud, dessen Rolle er gespielt hatte -- war es ungefhr so,
wie Ihr es damals gemacht habt? Ja, -- antwortete Knud ernsthaft,
-- grad' so war es; nur sangen wir nicht!

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Peter Heger.]

Rosing war auch ein Freund von Thaarup. Thaarup war von Natur
entsetzlich faul, aber Rosing hatte ihn dahin gebracht, das Erntefest
zu beendigen, indem er ihn scherzend auf einem Zimmer in seinem Hause
mit Schreibmaterialien bei einem guten starken Kaffee einschlo. Im
Sommer wohnten Rosings auf Friedensburg. Ich war oft ihr Gast, und
machte hier mit meinem zuknftigen Schwager Peter, oder wie wir ihn
nannten, Peer Heger, Bekanntschaft, einem raschen, hbschen Seemann, der
als Steuermann mehrere Reisen nach Ost- und Westindien gemacht hatte,
und mit Rosings zweiter Tochter verlobt war. Die lteste Tochter, ein
schnes Mdchen, war mit einem Sohne des lteren Drewsen, dem Besitzer
der groen Papierfabrik: die Strandmhle, versprochen. In dieses Haus,
wo Wohlstand und Geschmack herrschten, kam ich oft zum Besuch und lernte
hier Frau Drewsen kennen, deren Schnheit, Grazie, Verstand und Bildung
allgemeine Bewunderung erregten. Sie war eine vertraute Freundin der
ein paar Jahr jngeren Christiane Heger, meiner zuknftigen Frau. Peer
Heger hatte mich lieb, aber da er ein ausgezeichneter Gymnastiker war,
der oft, wenn er ganz ruhig im Zimmer sa, pltzlich im Sopha auf dem
Kopfe stand -- hatte er immer sehr viel an meinem Wesen auszusetzen, das
ihm zu unbeholfen war, und dies ging soweit, da wir zuletzt uneinig
wurden. Einmal wollte er zur Strandmhle reiten, und lud mich ein, ihn
zu begleiten. Obgleich ich noch nie zu Pferde gesessen hatte, auer
einige Augenblicke, wenn ein Reiter meinen Vater besuchte, und ich
Erlaubni erhielt, einige Schritte hin und her zu reiten, -- so nahm
ich doch die Einladung an. Ich miethete mir nun ein Pferd, und folgte
ihm mit lustiger, ruhiger Miene wie ein alter, gebter Reiter. Es ging
nach der Strandmhle hinaus. Heger fing zu traben an; aber ich, der
den Trab zu beschwerlich und stoend fand, galloppirte ihm nach. Nun
begann auch er zu galloppiren; sein Pferd warf mir Sand in die Augen,
weil das meine immer dicht hinter ihm war. Um nun nicht die Augen voll
zu bekommen, machte ich sie zu, galloppirte darauf los, und befahl mich
in Gottes Hand, der sie auch ber mich hielt. Ja, ich hatte sogar, die
Satisfaction, da Peer, der mich den ganzen Weg ber ausgelacht hatte,
auf dem Hofe, als er vor den Damen Kapriolen machen wollte, vom Pferde
fiel; ich dagegen blieb fest im Sattel sitzen.

                    *       *       *       *       *

Ich las Peer Heger oft meine Geistesproducte vor, und er hatte eine
groe Meinung von ihnen, aber ich konnte die Art und Weise, in der er
mich beherrschen wollte, nicht ertragen. Er war mir zu stolz, und im
Gefhle seiner greren Krperkraft zu gebieterisch. Diese Mistimmung
kam einmal eines Abends auf der Strandmhle zum Ausbruche, gerade als
wir zusammen zu Bette gehen wollten. Wir kamen in einen Streit ber
Geschmackssachen, ein Wort gab das andere, Peer appellirte an seine
Fuste, und obgleich dies wohl nur eine Drohung war, wollte ich mich
doch nicht noch fter einer Citation vor ein solches Gericht aussetzen.
So spt es war, beschlo ich, nach Kopenhagen zu gehen, um nicht mit
ihm zusammen zu schlafen. Ich ging, und war bereits eine Viertelstunde
von der Strandmhle entfernt, als die Klte der Nacht und der Gedanke,
was Frau Drewsen am nchsten Morgen sagen wrde, da ich so in der
Nacht fortgegangen sei, mich bewog, wieder umzukehren, und mich,
ohne ein Wort zu reden, neben Peer hinzulegen. Er verspottete mich;
der Sohn Drewsen's, der in demselben Zimmer lag, lachte, ohne sich
brigens in die Sache zu mischen. Ich schwieg -- nahm am nchsten Morgen
Abschied und sah die Strandmhle erst -- dreiig Jahre spter wieder,
als ich Christian Drewsen besuchte, der mich zuvorkommend einlud und
freundschaftlich der verschwundenen Jugendzeiten gedachte.

                    *       *       *       *       *

Die Vershnung drfte wohl zu Stande gekommen sein, wenn Peer nicht kurz
darauf nach Westindien gereist wre. Die lteren Drewsen's zogen nach
Kopenhagen, wo ich sie besuchte, als ich mit Christiane Heger verlobt
war. Peer Heger starb kurz darauf in Westindien, ehe er erfahren konnte,
da ich mit seiner Schwester versprochen sei. Ich bin berzeugt, da
diese Nachricht den braven Seemann sehr erfreut haben wrde, und da wir
wieder die besten Freunde geworden wren.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Strenge Disciplin.]

Indessen war statt des Oberhofmarschalls der Generalmajor Waltersdorff
erster Director geworden. Dieser wackere Mann hatte sich frher wenig
oder gar nicht mit solch undiplomatischen Geschften abgegeben. Er
lie Thaarup und Baggesen, und diese lieen wieder Schwarz und Rosing
walten. Indessen hatte das Ganze doch einen Anstrich von militairischer
Subordination, die die Schauspieler nicht vertragen konnten. Ich
entsinne mich noch, wie der joviale Saabye, als der Generalmajor auf
der Probe an ihm vorberging, sich wie ein Landsoldat richtete, und
zu seinem Nachbar in seelndischem Dialecte sprach: Hr' mal Du! der
Dienst ist heuer streng!

                    *       *       *       *       *

Saabye war in seiner Jugend ein schner Mann gewesen, und er war noch
hbsch, mit seinen braunen Augen und dem blonden Haar. Er hatte auch
eine schne biegsame Rede- und Singstimme, aber nicht viel Verstand.
In gefhlvollen Rollen wurde er leicht affectirt und bertrieben; in
naiven, munteren Rollen war er vortrefflich, z. B. als Plumper in Er
mengt sich in Alles, und als Liebhaber in den kleinen franzsischen
Singstcken; dagegen war er entsetzlich als Wenzeslaus in Herrmann von
Uma. Seine letzte Rolle war Hakon Herdebred in Axel und Valborg, die
er gar nicht verstand.

                    *       *       *       *       *

Mit meinem spteren zweiten Schwager =Stephen Heger= wurde ich bald
bei dem Theater befreundet. Er war seiner Stellung durchaus mde, und
beklagte es in hohem Grade, Schauspieler geworden zu sein. Dies trug
auch zu meiner Verstimmung bei.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Das Inquisitionsgericht.]

Noch ein anderes Ereigni traf ein, das mich rgerte. Knudsen war ein
vortrefflicher Schauspieler, nicht allein in dem Burlesken, sondern
auch in dem Rhrenden, und besonders wo beide Elemente sich begegneten,
wie z. B. in Falsen's Findelkind, wo er den armen Schuhmacher
unvergleichlich gab. Einmal spielte er den Juden im Einzuge, und
da bildete er sich ein, da ich -- der ihn stets bewunderte, -- ihm
als Bauerjunge im Chor einen unverschmten Sto gegeben htte. Er
klagte mich bei der Direction an. -- Ohne das Geringste zu ahnen,
wurde ich eines Morgens vor das Inquisitionsgericht gerufen. In einem
groen Saal, in dem Hause des Generalmajors Waltersdorff, sa er
selbst nebst Thaarup und Kjerulf, als Mitdirectoren, an einem grnen
Tische. Von Kjerulf, Professor bei der Universitt, habe ich erzhlt,
da er mich, als ich die Schule verlie, eine ganze Stunde zu seiner
vollkommenen Zufriedenheit in der Geschichte examinirte. Hier beim
Theater sprach er niemals mit mir, und ich auch nicht mit ihm. Thaarup
war ein wahrheitsliebender Mann, aber ziemlich stolz, grtentheils
ohne Kenntni von dem, was beim Theater vorging, und liebte sehr zu
hofmeistern. Bei meinem Eintritt hielt er mir gleich eine lange Rede
ber meine vermeintliche Unart, und verlangte, da ich Knudsen um
Verzeihung bitten solle. -- Als er fertig war, antwortete ich kurz:
Das ist nicht wahr! -- Nun begann er wieder, mir eine moralische
Vorlesung zu halten, und ich entgegnete wieder eben so kurz: Das ist
nicht wahr! Die Directoren sahen einander bedenklich an, und Thaarup
uerte: Noch nie habe ein Schauspieler in einem solchen Tone zur
Direction zu sprechen gewagt. -- Nun fing die Sache an bedenklich zu
werden; die Thrnen traten mir in die Augen, ich wandte mich zum Chef
und sagte: Was soll ich antworten, wenn ich mich ganz unschuldig fhle?
Ein Anderer mu es gethan und mich bei Knudsen verleumdet haben. Er
selbst hat ja mit dem Rcken nicht sehen knnen, wer ihn gestoen habe.
Ich achte sein Genie, unsere Kunst und die Wrde der Bhne zu hoch, als
da ich mich zu einer solchen Grobheit herablassen solle. Aber ich bitte
ihn auch nicht um Verzeihung! Meinetwegen mgen Sie mich in Arrest
werfen, oder mir den Abschied geben! -- Statt ihn zu erzrnen, gewann
ich den Generalmajor durch diese Antwort, und er sagte: Sein Sie ganz
ruhig! Ich bin vollstndig von Ihrer Unschuld berzeugt. Knudsen mu
sich getuscht haben. -- Von diesem Augenblicke an konnte Waltersdorff
mich gut leiden. Knudsen und ich sprachen gar nicht ber die Sache, und
spter wurden wir, wie gesagt, gute Freunde.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Der Schauspieler Foersom.]

Zu der Zeit war Foersom, ein tchtiger Student und Predigerssohn von
Jtland, auch Schauspieler geworden. Wir gingen tglich mit einander
um; er wohnte in einem, dem Einsturze nahen Hause auf Christianshafen,
wo ich ihn oft besuchte; aber ich glaube, da er daselbst frei wohnte;
denn der Wirth, ein junger Handwerksmeister, hatte groe Vorliebe fr
die dramatische Kunst im Allgemeinen und fr Foersom im Besonderen.
Man sagte im Scherz, da dieser mit dem Regenschirm Nachts im Bette
lge, wenn es regnete, so viel ist gewi, da das Haus kaum noch
zusammenhalten konnte, und ich kletterte selten die Treppe hinauf,
ohne die erste Zeile eines alten Psalmes zu summen: David's morsche
Htte wankt auf ihren letzten Pfeilern. Uebrigens dachte ich nicht
weiter daran, als nur um darber zu scherzen. In jenen Jahren ist
das Herz nicht empfnglich fr Sorgen. Ich lag sogar oft halbe Tage
dort knieend auf dem Fuboden und malte Coulissen, die wir zu unserm
Privattheater gebrauchen wollten. Mein Maler-Atelier befand sich in
einem eigenthmlichen Hinterzimmer, wo die Decke gesttzt war, und
herabgefallene Steine in allen Winkeln lagen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Laurits Kruse.]

Durch Foersom machte ich mit Laurits =Kruse= Bekanntschaft. Er
gab damals ein Wochenblatt heraus, welches er Almeenlsning
(Unterhaltungsblatt fr Jedermann) nannte, und dessen Inhalt
grtentheils aus Uebersetzungen bestand, doch enthielt es auch
originale Arbeiten und Gedichte. Ich hatte eine solche Schreiblust, da
ich fast das ganze Blatt fr ihn schrieb, ohne meinen Namen zu nennen
und ohne Etwas dafr zu verlangen, nur um meinen Trieb zu befriedigen.
Ich schrieb damals auch mehrere Dramen in der Iffland'schen und
Kotzebue'schen Manier, ohne aber doch Etwas drucken zu lassen; Alles
nur zur eigenen Unterhaltung. Freilich muten meine Freunde herhalten;
und wenn ich -- wie Tode sagt -- meine Muse gepeinigt hatte, so plagte
ich meinen Freund, indem ich ihm schlechte Nachahmungen mittelmiger
Originale vorlas. Kruse hatte ein Stck geschrieben: =Die Emigranten=,
das zur Auffhrung angenommen war. Das gab ihm ein gewisses Uebergewicht
mir gegenber, und ich glaubte nicht, da mir jemals ein solches Glck
zu Theil werden knne. Er neckte mich, weil ich so viel und so rasch
schrieb, nannte meine Fabrik die Wassermhle, und wenn wir uns sahen,
fragte er stets: ob die Wassermhle wieder gemahlen htte? Im Ganzen
genommen hatte mein Wesen damals noch einen starken Anstrich vom
Kindlichen, ja beinahe vom Kindischen. Es amsirte mich gar nicht, den
Liebhaber auf dem Theater zu spielen; damals kannte ich die Liebe noch
nicht recht, und als ich sie kannte, schien es mir unmglich, das zu
spielen, was so vollkommen Ernst und von so schchterner verschmter
Natur war, da ich meinte, die Liebe knne eben so wenig ihr Incognito
verlassen, ohne vernichtet zu werden, wie die Flgel des Schmetterlings
ihre schnen Farben bewahren knnen, wenn eine rauhe Hand sie berhrt
hat.

                    *       *       *       *       *

Auch fr Trinkgelage hatte ich nicht besonders Sinn; ein kleiner
traulicher Kreis war mir viel lieber. Einmal war ich mit Foersom und
Kruse an einem Ort, wo tchtig getrunken werden sollte. Die Punschbowle
wurde dampfend auf den Tisch gesetzt, duftete sehr einladend,
und Foersom begann -- meiner Ansicht nach zu begeistert -- die
Vortrefflichkeit des Punsches zu loben. Ohne ein Wort zu sagen warf ich
mein Taschentuch in die Punschbowle. Foersom sagte: Das ist knabenhaft!
-- Ich nahm das ganz reine Tuch, welches leicht obenauf schwamm, wieder
aus der Bowle, zeigte es den Anderen und sagte: ich htte es nur gethan,
um Foersom zu erschrecken, der Punsch habe keinen Schaden gelitten.
Darauf verbeugte ich mich und ging meines Wegs.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Bernstorff und Suhm.]

Zwei groe Mnner starben damals kurz nach einander: Bernstorff und
Suhm. Eine groe Volksmenge geleitete sie zum Grabe, und ich sang bei
der Trauerfeierlichkeit. Von Bernstorff's Verdiensten verstand ich noch
nichts, denn die Politik interessirte mich nur wenig; die franzsische
Schreckensperiode fiel in meine Kindheit, so da ich nicht von einer
Schwrmerei erhitzt wurde, welche viele tchtige Kpfe aus ihrem
natrlichen Gleichgewicht brachte. Zwar hrte ich oft meinen Vater und
seine Freunde von den blutigen Begebenheiten in Paris sprechen und die
Zeitungen lesen, das klang aber fr mich so fremd, als ob es dem Sultan
und den Janitscharen in Constantinopel gelte.

Suhm kannte ich dagegen gut, obgleich ich ihn nie gesehen hatte. Die
ersten Theile seiner Geschichte Dnemarks, sein Buch von Odin hatte ich
wiederholt gelesen. Seine Todtenfeier wurde in Dreyer's Club abgehalten.
Als das Concert vorber war, wurden Erfrischungen umhergereicht.
Kaum hatte ich ein Glas Punsch in die Hand genommen, als mir ein
freundlicher Mann entgegen kam. Ich erkannte gleich Rahbek, denn ich
hatte ihn einige Jahre vorher eine Rede in der Schule halten hren; sein
witziger geistreicher Zuschauer war meine wchentliche, seine Minerva
meine monatliche Lectre; seine Lieder und Erzhlungen hatten mich oft
erfreut; ich wute, da er einen groen Einflu auf den Geschmack und
die ffentliche Meinung besa. -- Rahbek also kam lchelnd auf mich
zu und fragte: Ist das nicht Oehlenschlger? Und als ich diese Frage
bejaht hatte, sagte er: Nun, dann wollen wir Brderschaft trinken!
-- Ich der achtzehnjhrige Jngling mit den verborgenen Talenten --
erstaunte sehr ber diese Ehre, und lie beinahe das Glas fallen, als er
mitten in dem groen Kreise Ernst damit machte. --

Spter hrte ich, da es seine Gewohnheit war, gleich mit den
Leuten Brderschaft zu trinken, die er gut leiden konnte, um einen
vertraulichen Ton hervorzurufen, den er gern mochte, da er kein Freund
von Komplimenten war. Sein Name, seine Jahre, sein Geist und seine
Kenntnisse hielten die jungen Mnner doch in einer ungezwungenen
Ehrerbietung.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Sommertheater.]

Zu jener Zeit hatten Foersom, Laurits Kruse, ich und einige Andere
den Plan gefat, ein Privattheater fr die Sommermonate zu miethen,
und daselbst zu spielen; denn obgleich ich sehr bald des ffentlichen
Spielens mde wurde, so mochte ich es im Privatkreise doch noch immer
sehr gern. Ich hatte schon einen dramatischen Prolog geschrieben, mit
dem diese Uebungen beginnen sollten. Ich besitze ihn noch. =Heros= und
=Davus= sind auf der Probe und repetiren ihre Rollen. Heros soll ber
die Klte seiner Geliebten erbittert sein, er beschliet auch, kalt zu
erscheinen.

                                =Heros.=

     Nein! lachen soll sie nun nicht lnger meiner Schmerzen,
     Vergessen will ich sie und ihren bittern Hohn.
     Ja! Ihr Gedchtni soll verschwinden aus dem Herzen,
     Das sei fr ihren Trug der wohlverdiente Lohn.
     Die Brust, die einst geglht, soll gleich dem Schnee erstarren.
     Vergebens wnscht sie dann, sie wrde wieder hei;
     Vergebens weinst Du dann, vergebens ist Dein Harren;
     Dann bin ich eisig ganz! --
          (Wirft sich auf einen Stuhl und trocknet die Stirn.)
                   Mein Gott, mich qult der Schwei.

                                =Davus.=

        Das ist natrlich auch. Im Sommer spielen wollen,
        Ist ganz unmglich ja. Das liegt doch auf der Hand.
        Der blde Einfall kommt gewi von einem Tollen! --
        Im Winter hab' ich nicht unmig viel Verstand;
        Doch wenn der Sommer naht, hat er mich ganz verlassen
        Und alle Sinne dann verschwinden in der Gluth,
        Ja kaum Gedanken kann mein armes Hirn dann fassen,
        So plagt die Hitze mich, und dringt mir in das Blut.
        Und ohne den Verstand kann man doch nicht agiren,
        Nein, zum Komdienspiel braucht man womglich zwei.
        Vor Qualm und Tollheit noch gewi wir hier crepiren.
        Gott gebe, =die= Saison wr' glcklich erst vorbei.
        =Ich=, der ich lachen soll, ich mu vor Hitze weinen;
        Du, der so eisig ist, vor lauter Gluth Du thaust,
        Genug, nach alle Dem will mir's doch wahrlich scheinen,
        Verdru und Noth Du triffst, wohin Du immer schaust. &c.

Dieser Verdru und diese Noth, die ich im Prolog voraussah, haben
uns bei nherem Nachdenken wahrscheinlich von weiteren Schritten
abgeschreckt, denn es wurde nichts aus dem Ganzen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Husliche Verhltnisse.]

Aber es ist Zeit, da ich Etwas von meinen huslichen Verhltnissen
erzhle, die einen so groen Einflu auf mein Leben und auf das der
Meinigen ausbten.

Als ich die Studien verlie, um mich der Kunst hinzugeben, versprach
mein Vater, mich jhrlich mit hundert Reichsthaler zu untersttzen, bis
ich seiner Hlfe nicht mehr bedrfen wrde. In meinem damaligen Alter
und meinen Verhltnissen mir dies Geld selbst geben, wre dasselbe
gewesen, als es in den Brunnen werfen und mich im hchsten Grade
unglcklich machen; als guter Vater bemhte er sich also, mich fr diese
Summe in Kost und Logis zu geben, ebensowie damals, wo ich die Schule in
Kopenhagen besuchte; denn er betrachtete mich noch als ein Kind, was ich
in meinem achtzehnten Jahre auch wirklich vollstndig war.

[Sidenote: Die Pension.]

Das Glck war mir stets gnstig, wenn ich mich auf diese Weise
einquartieren sollte; ich hatte es sehr gut bei Gosch, bei Laasbye,
ich war nicht minder wohl aufgehoben bei Madame Mller; und zehn Jahr
spter in Paris war Madame Gauthier eine Mutter gegen mich. Bei Frau
Stael-Holstein aber in Coppet lebte ich wie Adam im Paradies.

Mein Vater hatte sich an einen alten Bekannten gewandt, um eine passende
Stelle fr mich zu finden; dieser brave Mann, den ich selbst nur den
Namen nach, und weil wir uns grten, kannte, war Herr =Hvalse=,
der als Junge von meiner Wiege weggelaufen war, vor Schreck, da ich
keine Arme hatte. Er sprach mit der Frberwitwe, Madame Mller, und
diese nahm mich gegen die sehr billigen Bedingungen bei sich auf. Ich
hatte ein hbsches Zimmer, das mein Vater mblirte, und bekam Alles so
gut, wie die Familie. Da sie bei diesem Contract nicht Seide spann,
versteht sich von selbst; aber es lag ihr auch nichts an Seide; sie und
ihre Schwester Benedicte gingen in selbstgewebten Zeugen gekleidet,
aber sie war eine reiche Frau. Die Bauern kamen haufenweise und lieen
ihre wollenen Stoffe blau, grn, hochroth und violett frben, und die
Schrzen der Buerinnen druckte sie auf dunklem Grunde voll mit weien
Blumen. Sie war von munterm, naivem Charakter und mochte sehr gern
junge Leute um sich haben, um sich ihrer mtterlich anzunehmen. Daran
fehlte es denn auch nicht. Das Parterrelocal ihres Hauses bestand aus
einem Zimmer nach der Strae, in das die Bauern hufig kamen, aus
einem tiefen Zimmer nach dem Hofe zu, in dem wir jungen Leute mit ihr,
ihrer Schwester und den Gesellen aen. Im Anfange stutzte ich freilich
etwas darber, da diese mit dunkelblauen Hnden bei Tische saen,
aber ich gewhnte mich sehr bald daran, wie an die grnen Grten eines
gekochten Hornfisches. Der Werkfhrer war ein chter Troels in Holberg's
Wochenstube oder Henrik im Kannegieer, nur mit dem Unterschiede, das
er nicht witzig war; aber er war lustig, naiv, durchtrieben und mochte
gern mit der Madame scherzen, sie auf alte Weise Mutter und Ihr
nennen, was sie nicht leiden wollte, wenn Fremde zugegen waren, weil sie
frchtete, da es miverstanden werden knne. --

Da sie selbst aus Slagelse war, so hatte sie eine Vorliebe fr die
Slagelsener, und hatte eine Art Stipendium in dem vordersten Zimmer fr
zwei Studenten aus Slagelse errichtet; die dort immer freien Tisch,
obgleich nicht immer freie Arme hatten, wenn nmlich allzu groe Haufen
farbelustiger Bauern mit ihrem Zeug hereinstrmten. Unter diesen stillen
ehrbaren jungen Leuten, welche eilig aen und dann wieder gingen, ohne
ein Wort zu sagen, war auch ein gewisser Herr Rosenkilde. Ich hatte
nichts weniger geglaubt, als da er als Schauspieler mir dreiig,
vierzig Jahre spter das Zwergfell so sehr erschttern wrde. -- Das
war die Marschallstafel, wir Anderen, die wir zum echten Blute der
Familie gehrten oder zu ihr gezhlt wurden, aen an der eigentlichen
Familientafel in den inneren Gemchern. Madame Mller stand der
Frberei vor, ihre Schwester hatte das Kchendepartement bernommen,
und die Kchin bereitete die Speisen unter ihrer -- Aufsicht -- kann
man gerade nicht sagen; denn diese brigens herzensgute alte Jungfer
hatte unglcklicher Weise die Schlafsucht; was dazu beitrug, da die
Speisen, brigens reichlich eingekauft, zuweilen miglckten. Ich habe
sie in Tante Ursula, in den Inseln im Sdmeere geschildert. Sie stand
wirklich am Heerde mit hellblauem Filzhut, den sie schrg ber eine
groe Tour gesetzt hatte, und in so vielen steifen Unterrcken, da
ich glaube, sie konnte ohne Fe, ebenso wie die bekannten Nrnberger
Puppen, aufrecht stehen; dies ist ihr brigens oft zu Nutzen gekommen
und hat sie von dem Lebendigverbranntwerden, wie die indischen Frauen
gerettet, welcher Tod um so trauriger gewesen sein wrde, da sie niemals
verheirathet war.

Ein Krmer, der nicht weit von Madame Mller wohnte, besuchte uns oft.
Er trug eine gepuderte Zopfperrcke, hatte einen dicken Leib und etwas,
wie soll ich es nennen, nobel Elephantisches in seinen Bewegungen. Er
sprach nur kurz, aber oft, dann stets im Lapidarstyl, und lagen auch
nicht viel gute Gedanken darin, so hatte er doch selbst um so bessere
Gedanken davon. Ich mute oft an Ludwig XIV. oder wenigstens an Ludwig
XV. denken, wenn ich ihn mit der Wrde ankommen sah, die ber seinem
ganzen Wesen ausgebreitet lag. Er hatte das eigenthmlichste Talent,
jeden Augenblick etwas Einfltiges auf eine pikante und imponirende
Weise zu sagen.

Einen kleinen, dummen, spitznasigen Schulmeister hatte das Schicksal
neben ihn als scharfen Gegensatz zu seiner behaglichen Rundung gestellt.
Alles, worin sie sich glichen, waren ihre Geistesgaben und die Percken.
Aber der Krmer war ein Herr vom Leder, wie man es in den deutschen
Bergwerken nennt, der Andere von der Feder. Jener konnte mit gutem
Profit Waaren verkaufen, Dieser lebte durch sein Latein und sprach von
grammatikalischen Fehlern, wie von Handlungen, durch die man sich fr
ewig prostituiren knne.

Ein fremder Frber, der Madame Mller besuchte, vereinigte Gelehrsamkeit
mit dem Handwerk; er hrte Kratzenstein's Vorlesungen ber die
Experimentalphysik. Am ersten Abend, wo ich mit ihm zusammen war, wollte
er mir seine Fertigkeit im Latein zeigen, und da die Rede davon war, das
Licht mitten auf den Speisetisch zu setzen, sagte er: Wir wollen es in
_centrum gravitatis_ setzen, hob es dann auf und lie etwas Docht auf
die Decke fallen.

[Sidenote: Eine erfreuliche Bekanntschaft.]

Einer unserer eigenen Frbergesellen sah sehr weich und wehmthig
aus; er betete immer sehr lange, wenn man zu und von Tische ging, mit
gefalteten dunkelblauen Hnden. Er war ein Verwandter des sel. Etatsrath
Prof. Brge Risbrigh, der ihn zu Madame Mller in die Lehre gebracht,
weil er -- sagte er -- keinen Kopf zum Studiren hat. Hierber wurde
Madame Mller, die ihr Geschft nicht allein als Handwerk, sondern auch
als Kunst hochachtete, etwas verletzt, und bemerkte, da auch Kopf
dazu gehre, Frber zu werden, welches Risbrigh als guter Philosoph
nach genauer Ueberlegung durchaus nicht bestreiten konnte, so da er
Mhe hatte, sich gut heraus zu ziehen. Spter lud er den Verwandten ein
Mal auf folgende Weise zu sich: Du kannst den ersten Osterfeiertag zu
mir kommen und bei mir essen; wenn Du gegessen hast, eine Tasse Kaffee
trinken, und dann kannst Du Deiner Wege gehen.

[Sidenote: Die Gebrder Oersted.]

Dies waren also die wichtigsten Planeten in unserm Sonnensysteme. Oft
kam noch eine kleine Ceres, Pallas oder Juno, die dem Ganzen entsprach;
denn es wimmelte von Tanten und Cousinen. Ich wende mich nun zu den
Kometen, die zwar dem Mittelpunkte sehr nahe kamen, aber nur um dann in
khnen Ellipsen in weite Fernen zu eilen. Unter diesen -- zu denen ich
selbst mich zu rechnen wage -- war einer, der vor Kurzem seinen langen
hellen Schweif, -- ich meine seinen langen, blonden Zopf -- verloren
hatte, der ihm den Rcken entlang hing; es war dies der Brudersohn der
Madame Mller, ein junger Langelnder, der vor nicht langer Zeit Student
geworden war. Sein um ein Jahr lterer Bruder hatte dunkles Haar, ebenso
wie ich, doch nicht ganz so schwarz; -- ob er eben so schnes Haar
hatte, wie der Blonde, davon meldet die Geschichte Nichts.

Diese beiden Brder kamen mir gleich am ersten Tage freundlich entgegen,
wir schtteten unsere Herzen vor einander aus und theilten uns unsere
Gedanken und Ansichten mit. Ich war ganz entzckt darber, so viel
Weisheit in einem Frberladen bei so jungen Leuten zu finden. Wie sie
hieen hrte ich auch, verga es aber gleich wieder, da es mir immer
schwer wurde, fremde Namen zu behalten. Ich schrieb daher in mein
Tagebuch am nchsten Morgen: Ich habe gestern Abend die Bekanntschaft
der jungen Herren (hier war ein offener Raum, um die Namen auszufllen,
wenn ich sie wieder hrte) gemacht. Es sind ein paar vortreffliche
Menschen; ich bin berzeugt, da wir die besten Freunde werden. -- Am
nchsten Tage bei Tisch sah ich sie wieder und es war mir auffallend,
da der Blonde fast einen ganzen Elffel Salz in seine Suppe warf.
Ich fragte nun meinen Nachbar flsternd, wie denn der junge Student
eigentlich heie, und die Antwort war: =Anders Sande Oersted=. Der
Bruder, der mit dunklem Haare, hie =Hans Christian Oersted=. -- Nun
verga ich sie nicht wieder. Ich wute, da es zu Holberg's Zeiten einen
Schauspieler gleichen Namens gegeben, der ihr Groonkel gewesen war;
und daher kam es vielleicht, da Madame Mller kein Vorurtheil gegen
die Schauspielkunst hatte; ich danke es vielleicht den Manen des sel.
Oersted, da ich in das Haus seiner Nichte gekommen und so frh ein
Freund seiner Nachkommen geworden bin.

Es whrte nicht lange, bis wir vertraute Freunde wurden und ich richtete
folgendes Gedicht an sie:

              Freundschaft, schnste du der Himmelsgaben,
              Ach, den Glcklichsten erscheinst du kaum.
              Oftmals trumt' ich, einen Freund zu haben,
              Doch er schwand, zugleich mit meinem Traum.

              Eigennutz, ein flchtiges Empfinden,
              Laune -- wurden Freundschaft oft genannt,
              Und da sie die Herzen nie verbinden,
              Lste bald sich das geknpfte Band.

              Zweifel schon erfllt' mich, da hienieden
              Uns bescheert sei diese Seligkeit,
              Hier, wo uns so wenig Lust beschieden,
              Wo uns trifft so vieles herbe Leid.

              Doch da fand ich Euch. Kein Zweifel krnkte
              Nun mein Herz. An Eurer warmen Brust
              Fhlt' den Trost ich, den der Himmel schenkte
              Uns, den armen Sterblichen, zur Lust.

              O Ihr Edlen! Lat mich immer fhlen
              Diesen Trost, der meinen Geist durchdringt.
              Lasset bsen Neid das Band nie khlen,
              Das uns warm, und fest und treu umschlingt.

              Reine Freuden wollen wir genieen
              In des Lebens heitrer Frhlingszeit;
              Thrnen wollen wir vereint vergieen,
              Thrmt in Wolken sich das trbe Leid.

              Und als Mnner lat uns einig streben,
              Lat uns wirken mit verschiedner That.
              Einigkeit wird Kraft und Strke geben,
              Freundschaft leiten uns mit weisem Rath.

              Froh dann, an des Grabes dunkeln Stufen
              Steigen wir hinab, sobald es Zeit,
              Wenn des Todes Engel uns gerufen,
              Lchelnd, zu der ew'gen Seligkeit.

Man sieht aus dem Tone, der in diesem Gedichte herrscht, da ich nicht
zufrieden war. Aber Viel Schuld trgt auch der damalige herrschende
Geschmack in der Poesie, der elegisch war und ein gewisses sentimentales
Wimmern ber seinen Zustand forderte. Hierin war besonders Rahbek uns
mit einem beln Beispiele vorangegangen. In einer Elegie, die er in
seinem siebzehnten Jahre geschrieben haben soll, beweint er die gute,
alte, entschwundene Zeit und die nie mehr wiederkehrenden Freuden.

                    *       *       *       *       *

Die Gebrder Oersted lebten brigens sehr einsam. Den ersten Winter,
wo ich sie kennen lernte, gingen sie in langen Mnteln, die ihnen wie
Schlafrcke, fast bis an die Knchel reichten. Arm in Arm klammerten
sie sich fest und hielten sich an einander, so da sie beinahe
einem zusammengewachsenen Zwillingspaare glichen. Aber vor allen
Mitstudirenden strahlten sie wie Dioscuren, selbst ltere Gelehrte
merkten bald, was in ihnen lebte. Die Frchte ihres Geistes und ihres
Fleies zeigten sich in Preisabhandlungen und gewonnenen Goldmedaillen.

Nun besuchte ich sie oft in Ehler's Collegium -- und wie verschieden
war diese Umgebung von meiner frheren. Das war nicht mehr das lustige
Friedrichsberg, die lustige Schule, das lustige Theater, die lustige
Mittags- und Abendgesellschaft bei Madame Mller. Wie in einer dunkeln
Mnchszelle saen Oersteds hier stumm und studirten! -- Hier wurde es
mir erst klar was es eigentlich hiee: mit Anstrengung, ernstlich,
aus Liebe zur Wissenschaft zu arbeiten. Da ergriff mich ein tiefes,
wehmthiges Gefhl! Ich hatte die innere starke Empfindung, da auch ich
zu einem echten Musensohn geschaffen sei, und nun trieb ich mich umher
und wurde Nichts! Rosing war zwar berzeugt, da ich es als Schauspieler
weit bringen knne, aber die meisten Anderen nicht; ich fand keine
Aufmunterung, es kam mir keiner meiner Vorgesetzten freundlich entgegen.
Und auerdem -- wenn auch Alles glckt -- war ich bereits dieses
Lebens, dieser Kunst mde, die von so vielem Fremdartigen abhngig ist.
Meiner Natur war es Bedrfni, sich in hherem Schwunge auszudrcken,
in selbstbewuter Ahnung der Fhigkeiten, die noch nicht entwickelt
waren, wehalb meine Bekannten mich auch zum Spott den Mann mit den
verborgenen Talenten nannten.

[Sidenote: Wiedererwachende Lust zum Studiren.]

Aber was sollte ich anfangen? Mit dem Studiren glaubte ich, sei es zu
spt. Ich verbarg meine Verzweiflung im eignen Busen, nicht einmal
meinen Freunden Oersted vertraute ich den Kummer an. Hans Christian war
Bibliothekar im Collegium, das eine schne, groe Bchersammlung in dem
groen Saale gerade gegenber dem Auditorium hatte, -- wo ich zehn Jahre
spter als Professor meine Vorlesungen begann und sie sechsundzwanzig
Jahre fortsetzte. In dieser Bibliothek stand ich einmal einsam da und
stellte traurige Betrachtungen an. Ich starrte auf die vielen Bnde,
besonders auf die alten Folianten, wie auf Schtze, die mir ewig
verschlossen waren. Die Thrnen strmten ber meine Wangen herab. In
diesem Zustande fand mich der ltere Hans Christian, trstete mich
und versicherte mir, da es durchaus noch nicht zu spt zum Studiren
sei, wenn ich es wolle. Er brachte mich zu seinem Bruder, der gleicher
Ansicht war. Wir wurden darber einig, da ich etwas mehr Latein lernen
und das lateinische juridische Vorbereitungsexamen ablegen solle; dann
wollte Anders Repetitorien mit mir halten, und wenn ich dann das Examen
gemacht htte, sollte ich eine Probe als Advokat ablegen und vor die
Schranken des hchsten Gerichts treten. Das war nun herrlich! Indessen
beschlo ich doch mit dem Abschiede vom Theater zu zgern, bis die
Saison vorber war. Aber als ich einmal neben anderm Verdru in Strafe
genommen wurde, weil ich mich in einer kleinen Rolle mit einem Worte
versprochen hatte -- wurde ich rgerlich und dachte, es ist am Besten,
das Ding gleich abzumachen, worauf ich am nchsten Tage der Direction
schrieb:

          Grnde haben mich bewogen, das Theater zu verlassen. Die erste
     und letzte Freundlichkeit, die mir die Direction beweist, wird darin
     bestehen, mir je eher je lieber meinen Abschied zu geben.

[Sidenote: Abschied vom Theater.]

Es whrte noch eine Zeitlang, ehe ich loskam. Vermuthlich hielt man
meinen Brief fr eine Uebereilung, die mir bei klterem Blute leidthun
wrde. Baggesen kam eines Tages auf dem Theater ganz freundlich zu
mir und sagte, da mein Brief ihm aus zwei Grnden auffallend gewesen
sei: erstens habe er seit langer Zeit nicht eine so schne Handschrift
gesehen, zweitens sei ihm noch kein Brief an die Direction, in diesem
Ton geschrieben, vorgekommen. Ich antwortete ihm: da Alles einmal zum
ersten Male geschehen msse, und da die Direction mich selbst zu diesem
Tone gestimmt habe.

Da der erste Brief Nichts half, schrieb ich einen zweiten, in welchem
der Ton noch schroffer war, und nun bekam ich meinen Abschied. -- Als
ich zum letzten Male mit Steffen Heger auf dem Theater stand, sagte er:
Nun sollst Du Deinen Fu nicht eher, denn als Director hieher setzen!
-- Das wurde ich nun freilich nicht; indessen setzte ich meinen Fu erst
zehn Jahre darauf, bei der Probe von Axel und Valborg dorthin, nachdem
man zwei Jahre zuvor Hakon Jarl und Palnatoke gespielt hatte.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Das Examen.]

Nun begann ich in meinem neunzehnten Jahre wieder fleiig zu studiren,
d. h. Latein zu lesen und zu schreiben; denn von dem Uebrigen, das
ich zum Vorbereitungsexamen, eine Verschmelzung des _examen artium_
und _philosophicum_, gebrauchte, konnte ich bis auf das Griechische
fast Alles. -- Doch mute ich noch Risbrigh's Logik und Gamborg's
Thelemathologie lernen. Jene langweilte mich und ich konnte nicht
begreifen, warum man, um gesund und ordentlich zu denken, die Gedanken
in ein so steifes Schnrleib spannen msse. Indessen war der alte
Risbrigh ein gelehrter, geistreicher Mann, und ich zweifle nicht, da
der Fehler in meiner Jugend und in meinem Temperamente lag. Das Einzige,
dessen ich mich aus seiner Logik noch entsinnen kann, und das ich nie
vergesse, ist der folgende, sehr richtige Gedanke, den jeder Richter und
namentlich jeder Kunstrichter stets vor Augen haben sollte:

Um nicht ein falsches Urtheil zu fllen, mu man zuweilen sein
_judicium_ suspendiren.

                                =Rath=:

Um nicht immer sein _Judicium_ zu suspendiren, mu man sich _primo_
einen Vorrath von Kenntnissen, _secundo_ Klarheit in selbigen erwerben.

Ich hrte keine Vorlesungen bei den Professoren, bezahlte ihnen auch
Nichts, und doch ging es recht gut mit meinem Examen; nur erhielt ich
keine ffentliche Auszeichnung, was ich doch gehofft hatte, da ich mehr
anzugeben vermochte, als nothwendig war.

[Sidenote: Professor Sander.]

Kurz darauf erneuerte ich die Bekanntschaft des Verfassers von Niels
Ebbesen, des Secretairs, spteren Professors Sander. In der Schule
fr die Nachwelt hatte er mich ein halbes Jahr lang Deutsch gelehrt,
und immer von der Tugend gesprochen, so da ich ihn fr den grten
Tugendhelden hielt. Ich las ihm ungefhr die Hlfte des ersten Buches
der Aeneide in einer mittelmigen Hexameterbersetzung vor, und
er lobte meinen Flei. Sander war ein kleiner, krnklicher Mann,
tchtiger Kopf, durch die Lectre der besten deutschen Werke gebildet.
Er war Lehrer in einem Erziehungsinstitute mit Basedow gewesen und
hatte mehrere deutsche Romane geschrieben, die wenig bekannt waren.
Nach Dnemark war er als Hauslehrer der Kinder des Grafen Reventlow
gekommen und nun bei der Straenbaucommission angestellt. Er hatte gute
Fortschritte in der dnischen Sprache gemacht und schrieb pltzlich den
Niels Ebbesen. Dieses Trauerspiel machte groes Glck und Sander wurde
gleich von Vielen als einer der grten Dichter Dnemarks angesehen. Was
Wunder, wenn das den krnklichen Mann ganz wirr im Kopf machte: und mu
man es ihm nicht verzeihen, wenn er spter einen Schler mit bitterm Ha
verfolgte, weil er glaubte, da dieser ihn mit Unrecht verdunkele? --

So lange ich Sander meine dramatischen Versuche vorlegte und ihn
geduldig das Eine nach dem Andern cassiren lie, hrte er mich mit
freundlicher Aufmerksamkeit an, und hatte die beste Hoffnung fr mich.
Aber als ich selbstndig werden wollte, war's mit der Freundschaft
aus. --

Zu seinem Lobe mu ich brigens sagen, da er im Anfange ganz richtige
Bemerkungen machte, als ich ihm meine ersten unreifen Jugendproducte
vorlas. Ich verdanke ihm auch meine erste Bekanntschaft mit Gthe.
In meinem neunzehnten Jahre hatte ich -- unbegreiflich genug -- noch
Nichts von diesem groen Dichter gelesen. Man hatte ihn mir immer
als einen berspannten Schwrmer genannt, der Leute dazu verfhrte,
sich eine Kugel durch den Kopf zu schieen. Die Uebersetzung von
Werther's Leiden war frher hier zu Land verboten gewesen und das
Verbot nicht zurckgenommen worden. Ich glaubte lange Zeit, da Gthe
ein unmoralischer Schriftsteller sei, dessen Werke junge Leute nicht
lesen drften. Auch Sander sprach von ihm mit einer Art Grauen, wie
von einem Manne mit wilden stolzen Leidenschaften, der sein schnes
Genie gemibraucht habe. Doch knne man ihm Genie nicht absprechen;
im Gegentheile msse man gestehen, da er eine ungewhnliche Portion
davon besitze. Sander lieh mir einige von Gthe's Werken mit vterlicher
Ermahnung und Vorsicht, als ob es Pulver und Blei, oder giftige
Medicamente seien, die eben so leicht schaden, wie ntzen knnten; und
mit groer Neugier nahm ich Werther's Leiden und Gtz von Berlichingen
mit nach Hause. --

[Sidenote: Eindrcke von Schiller.]

Schiller's erste Werke hatte ich bereits gelesen. Ich entsinne mich
deutlich, da die Ruber einen tiefen Eindruck auf mich machten,
besonders Karl Moor's liebenswrdige Schwrmerei und edler Tiefsinn
mitten im Kreise der herrlich geschilderten Verbrecher; wo die schnen
Reste der verfhrten Ehrlichkeit des derben Schweizers einen so
interessanten Gegensatz zur Schurkerei des niedertrchtigen Spiegelberg
bilden. In dem letztern glaubte ich einige Aehnlichkeit mit einem alten
Jugendbekannten, dem franzsischen Cartouche, zu finden. Roller's
Abenteuer, wie er vom Galgen mit dem Stricke um den Hals herbeirannte,
spannte mich ganz besonders; Karl's unglckliche Liebe rhrte mich; und
in der letzten Scene, wo er hingeht und sich selbst der Gerechtigkeit
berliefert, war ich mit ihm vershnt und fhlte ein inniges Mitleiden
mit dem Unglcklichen.

Von dem Eindrucke, den Fiesco und Kabale und Liebe damals auf mich
machten, kann ich mir keine klare Rechenschaft geben. In Fiesco habe
ich gewi ein lebendiges Bild von Italiens Ueppigkeit und Leidenschaft
gesehen; in Kabale und Liebe glaubte ich meinen alten Bekannten,
Iffland, mit dem Cothurne statt der gewhnlichen Socken zu erblicken.
Don Carlos las ich mit groer Ehrerbietung. Ich liebte den Marquis
Posa, weil er liebenswrdig war; das Unhistorische in seinem Wesen
bemerkte ich damals noch nicht. Das herrliche Portrait Philipps II.
machte mich schaudern; ich erstarrte zu Eis, indem ich seine kleinliche
Gre betrachtete. Wie lieb mir Schiller's Geisterseher war, entsinne
ich mich noch ganz deutlich. Ich fhlte tief das Wunderbare darin, das
nicht in dem Uebernatrlichen besteht (denn dies, ahnt man gleich, ist
Betrug), sondern in der Schilderung des geistigen Zustandes, in welchem,
wie Lessing sagt: das Samenkorn zu dem Glauben an das Uebernatrliche
liegt. Das interessante Buch bereitete mir Tantalusqualen, weil es
nur ein Fragment war. Ich sah noch nicht ein, da es nie etwas Anderes
sein konnte, und da die Dissonanz nie aufgelst werden durfte, wenn
das Geheimni hier -- wie in der groen Natur -- ein Geheimni bleiben
sollte!

[Sidenote: Gtz von Berlichingen.]

Nun las ich Gtz von Berlichingen mit demselben Genusse, mit dem ich
in der Kindheit meine Lieblingsbcher gelesen hatte. Das heit, ich
merkte gar nicht, da ich las, da es Poesie war. Es war die Begebenheit
selbst, die ich erlebte. Ich war nach Deutschland in die Zeiten des
Faustrechts hingezaubert, und geno den herrlichen Anblick eines
Ritters, der das treueste, edelste Herz, den liebevollsten Character
zeigt, ohne sich doch ganz von den Vorurtheilen und beln Gewohnheiten
seiner Zeit loszureien, deren Opfer er wird. Aber gerade dies macht
ihn in hohem Grade poetisch. Ich folgte Gthe's Geist, wie der treue
Knabe Georg seinem Herrn in der Schlacht. Ich kroch in den groen
Dichterharnisch; und obgleich ich ihn noch nicht ausfllen konnte,
trstete ich mich mit Gtzens Worten: Die knftigen Zeiten brauchen
auch Mnner. -- Ich erquickte mit Gtz den armen Mnch, besuchte den
Bischof von Bamberg und trank noch besser, als seine Gesellschaft;
denn sie bekam nur guten Rheinwein, aber ich trank den herrlichsten
Dichterwein. Ich hrte Liebetraut mit der Leier tndeln, whrend Gthe
die Harfe mit tiefem Ernst schlug. Ich verliebte mich in die schne,
stolze, sinnliche Adelheid, ebenso wie Franz; beklagte aber, da er
nicht, wie ich, Gtzens Georg zum Freunde hatte, denn dieser wrde ihm
gewi von jenem Schurkenstreiche abgerathen haben. Ich bewunderte den
vornehmen, feinen, wankenden Ultra-Weilingen; ich hate ihn; aber als
der Tod seine kalte Stirn kte, war ich mit ihm vershnt und es freute
mich, da Maria ihn noch einmal in seiner Todesstunde besucht hatte.
Bei Gtz auf der Burg war ich zu Hause, wie bei meinen Aeltern auf dem
Friedrichsberger Schlo. Es freute mich, da es dort nicht vornehmer
herging, da der Ritter so patriarchalisch und idyllisch, wie Abraham,
zwischen seinen Dienern sa. Die letzte Flasche, der letzte Tropfen und
es lebe die Freiheit! fllten meine Augen mit Thrnen und meine junge
Brust mit groen Ahnungen. Ich habe bereits erzhlt, da ich zuweilen
den Bleideckern auf das Dach folgte, und so war es mir ein Leichtes,
Georg bei dem Herunterholen der Dachrinnen zu helfen. Freilich hielt
ichs mit den Brgern. Aber Brgerdummheit war mir ebenso zuwider, wie
Adelsdummheit; und es entzckte mich, als Gtz mit der Eisenhand die
drohenden Philister von Zahnschmerzen, Kopfschmerzen und allen anderen
Uebeln curiren wollte. Wie gern streifte ich im Walde mit den Zigeunern
umher! ihr wildes Wesen hatte bei alle Dem doch etwas Trstliches. Bei
ihnen ging es doch ordentlicher zu, als in dem heiligen rmischen Reiche
zu Gtzens Zeiten. Mitten in dem Taumel und unter den vielfltigen
Verbrechen, erscholl die Stimme des heimlichen Gerichtes, wie der
Posaunenton des jngsten Tages; da hrte ich wieder Vogler's Orgel.
Und in dem kleinen Klostergarten sah ich die unsterbliche Seele des
sterbenden Helden sich gleich einem schnen Vogel durch die Bume in die
Wolken schwingen.

Und dieses Meisterstck -- dieses Product des herrlichen Dichtergeistes,
hrte ich spter herabwrdigen, weil es keinen Zusammenhang habe! O
ihr Thoren! ihr zusammenhngenden Menschen! Ihr werdet niemals klug,
lernt es niemals, den Kern der Schale vorzuziehen. Wie kalten Chinesen
imponirt euch nur die uere Form. Ein zusammenhngendes Schaffot, auf
dem ein tragischer Verbrecher hingerichtet wird, kann jeder poetische
Tischler euch zusammenleimen; -- aber solch einen Straburger Mnster
bauen -- --!

[Sidenote: Werther's Leiden.]

Werther's Leiden erfreuten mich ebenso sehr, wie Gtz von Berlichingen,
und so verschieden auch diese Werke sind, fand ich in beiden doch eine
gewisse Gleichheit. Dort eine schne Darstellung politischer Verwirrung,
wo ein edler Geist mitten in den wildesten Thaten wirkt und endlich den
Verhltnissen unterliegt; hier eine ebenso schne Darstellung von der
Verwirrung der Seele, wo ein edles Gefhl sich mitten in den wilden
Leidenschaften uert und zuletzt gleichfalls an den Verhltnissen zu
Grunde geht. Das Buch bewegte mich sehr, betrbte mich aber nicht; denn
es schilderte ja nur, wie alle guten tragischen Werke, das =Schne im
Unglck=. Fr diese herrlichen Gefhle, Naturanschauungen, groen Ideen,
Begeisterungen, fr diese meisterlich geschilderten Geistesverwirrungen
war Werther's Unglck eben so nothwendig, wie das Wasser es ist, um ein
Mhlrad zu drehen; wie die sonnenverhllenden Wolken, um das schne
Farbenspiel der Morgen- und der Abendrthe hervorzubringen.

Ich fhle wohl, da, indem ich diese und hnliche Gedanken ausspreche,
sich die Gefhle des Jnglings mit dem reifern Urtheile des Mannes
verbinden. Wie wre es auch anders mglich? Und dehalb hat Gthe wohl
auch seine Lebenserinnerungen Wahrheit und Dichtung genannt. Er will
nmlich nicht gerade sagen, da man etwas Wahres und etwas Erfundenes in
seiner Lebensbeschreibung findet, sondern: da jede Lebenserinnerung,
die durch die Kunst zusammengedrngt, von dem Strenden befreit, und mit
spteren, reiferen Ansichten vermischt ist, zu einer Dichtung wird und
gerade dadurch erst an echter Wahrheit gewinnt.

Ich bin mir bewut, da ich nie als Mann einen Gedanken gehabt habe, der
nicht bereits als Kind bei mir ein schlummernder Traum war, undeutlich,
wie das Blatt in der Knospe, ehe sie sich entfaltet. Und noch jetzt
kann ich, wie als Kind, als Jngling, genieen; mich an allen schnen
Einzelnheiten erfreuen und mich so in eine Vorstellung hineintrumen,
da ich fr eine Zeitlang Kunst und Reflexion ganz vergesse. Wer das
nicht kann, hat durch seine Bildung seine philosophische Erkenntni
nur verloren und Nichts gewonnen. Denn wir sollen von dem Baume der
Erkenntni genieen, ohne aus dem Paradiese gejagt zu werden; wir
sollen, wenn wir wollen, wieder zum Baume des Lebens zurckkehren
knnen, sonst hat unser Hochmuth gesndigt und wir erkennen zuletzt
nicht einmal mehr unsere eigene Nacktheit.

Die aus unzhligen Blumen herausgeprete sthetische Rosenessenz
ist stark und riecht gut, oft -- fast zu gut -- nach Rosen! Aber
die krftigste Essenz ist doch nicht mehr die Rose; und wer (den
Destillateur ausgenommen) zge nicht die einfache, poetische, lebendige
Rose, wenn sie wieder blht, die zwar nicht so stark, aber ser und
himmlischer duftet, vor.

O wie gern, Werther, kehre ich zu Deinen lndlichen Schwrmereien
zurck! Wenn Du mit den kleinen Kindern sprichst, im hohen Grase
liegst, und Pfnderspiele mit der holden Lotte spielst, whrend Dein
Schicksal drauen donnert und droht. Tag fr Tag lebe ich mehr mit Dir
und ergehe mich mit Dir in Betrachtungen ber Natur und Liebe und sehe
den schnen Frhling schwinden, den warmen harmonischen Sommer sich in
einen bleichen Herbst verwandeln, in dem der Ossian strmt und sich als
blasser Mond in Trauerwolken zeigt; bis der weie Schnee Deinen kleinen
Grabhgel bedeckt. Ach, Dein Unglck war nicht gro! Du schlummertest
im sen Rausch der Liebe hin, in welchem der Mensch den Egoismus so
ganz vergit, da selbst die sonst so frchterlichen Schrecken des Todes
verschwinden. Aber Lotte beklage ich mehr, die den langen freudenlosen
Weg mit dem kalten Albert gehen mute, den sie nicht liebte, und wo nur
die Pflichten gleich bltterlosen Bumen ohne Schatten am Wege stehen.

Kalte Menschen klagen darber, da Werther's Leiden einige
schwrmerische Jnglinge zum Selbstmorde verfhrt haben. Und darum
sollte Gthe sein Buch nicht geschrieben haben? Dann drfte man auch
keinen Brunnen graben, weil unvorsichtige Kinder zuweilen hineinfallen
und ertrinken. In Werther's Leiden ist, wie in jedem echten Dichterwerk,
eine wahre Lebensquelle, und wie viele geistig Durstige haben sich nicht
an dieser schnen Quelle gelabt? Wollte doch die Geschmacklosigkeit
bedenken, wie viele langsame Selbstmorde der gemeine Egoismus, der
kleinliche Eigennutz, die vorsichtig feige List verursachten! Sie
verhalten sich zu den Selbstmorden einer berspannten Begeisterung,
wie tausend zu eins! -- Denn da auch mit gefhlvoller Begeisterung
coquettirt werden kann, da kindische Affectation und Narrheit zuweilen
einen oder den andern Gelbschnabel dahin brachten, Werther im Tode
nachzuahmen, ohne doch nur das Geringste seines Geistes und seiner
Kraft im Leben besessen zu haben, ist gewi. Ich nehme auch nicht den
Selbstmord unter irgend einer Form in Schutz; er bleibt immer eine
Schwche, eine Snde. Meine Ansicht ist nur, da Werther liebenswrdig,
edel und rhrend selbst als Snder ist; und da viele Snder, ohne seine
Liebenswrdigkeit, seinen Seelenadel und Verstand, mit viel grberen
Snden, ihn in ihrer eingebildeten Weisheit thricht tadeln.

                    *       *       *       *       *

Da brigens junge Leute mit poetischem Sinn allerdings in Gefahr
gerathen knnen, indem sie mit solchen Gefhlen zu leicht =spielen=, ist
ebenso gewi. Ich habe selbst ein Beispiel davon erlebt. Zugleich mit
mir las einer meiner Bekannten den Werther. Wir fanden es Beide sehr
schn, da Werther sich todt scho, wir waren darber einig, da wir an
seiner Stelle ebenso gehandelt haben wrden. Einige Zeit darauf kam er
finster und bewegt zu mir hinauf, nahm eine Pistole, Pulver und Kugel
aus der Tasche und erzhlte mir, da er nun auf den Assistenzkirchhof
ginge und sich eine Kugel durch den Kopf schiee, da er sich verliebt
habe und seine Geliebte ihn nicht wieder liebe; dies wrde er nun zwar
ertragen haben, aber da sie ihn verachte, das knne er nicht berleben.
Mir blieb der Verstand stehen. Bist Du toll? rief ich, das wird
nie geschehen. -- Willst =Du= mich daran verhindern? fragte er
erstaunt. Das htte ich nie geglaubt. Ich glaubte gerade bei Dir
Untersttzung zu finden, und dehalb bist Du der einzige Mensch, dem
ich's anvertraue, und von dem ich Abschied nehme, da ich doch ein Herz
haben mu, vor dem ich mich ausschtten kann. Ich machte ihm alle
mglichen Vorstellungen, um ihn von dem Verrckten in seinem Unternehmen
zu berzeugen. Werther, sagte ich, scho sich gerade todt, weil Lotte
ihn liebte und ihn nicht bekommen konnte. Wie kann man sich tdten, weil
man von einem Mdchen verachtet wird? Wie die Liebe Gegenliebe weckt,
mu ja unverdiente Verachtung wieder Verachtung in einer hohen Seele
wecken. -- Es half Alles nichts; er wollte sich erschieen, weil sie
ihn verachtete. Nun nahm ich die Pistole, steckte sie in die Tasche und
sagte: Wenn Du ein ehrlicher Kerl bist, so gehst Du nicht, bis ich
wiederkomme, darauf wirst Du mir Dein Ehrenwort geben. Das gab er.
-- Es mu ein Miverstndni sein, sagte ich. Nun werde ich gleich
zu dem Mdchen hinlaufen und Dir ihre Achtung holen. Damit ging ich.
Ich kannte sie gar nicht, lie mich melden, und bat, einen Augenblick
allein mit ihr sprechen zu drfen. Sie stutzte, bat mich aber, ihr in
ein anderes Zimmer zu folgen. Hier nahm ich die Pistole aus der Tasche,
hielt sie ihr hin und sagte, indem ich mich tief verbeugte: Mit dieser
Pistole wollte mein Freund sich eben erschieen, weil er glaubt, da
Sie ihn verachten. Sie sank auf einen Stuhl, war einer Ohnmacht nahe,
und wenn in diesem Augenblick Jemand ins Zimmer gekommen wre, und
htte die Dame halb todt hingesunken und einen fremden Menschen mit
einer Pistole in der Hand gesehen, so htten sie mich vermuthlich als
einen Mrder gefat. Glcklicherweise kam Niemand, sie kam wieder zur
Besinnung, dankte mir auf das Verbindlichste und versicherte, da sie
die grte Achtung vor meinem Freunde habe, obgleich sie gestand, da
sie ihn nicht lieben knne. Ja, das ist schon gut, sagte ich, mehr
verlangt er nicht. Ich verbeugte mich, eilte nach Hause, und brachte
dem Unglcklichen die Achtung seiner Schnen; er athmete wieder leicht,
beschlo zu leben und lebte noch viele Jahre. -- Es waren Narrheiten!
wird man sagen. Ganz richtig! Die Jugend begeht, wie das Alter, viele
Narrheiten. Aber wo findet man die Grenzlinie zwischen Ernst und Tand in
dem menschlichen Herzen, und wie oft hat nicht eine flchtige Thorheit
den Menschen das Leben gekostet. Es ist doch sehr mglich, da ich das
Leben des guten Freundes rettete. Er versicherte mir spter oft selbst,
da es sein Ernst gewesen sei; und er war ein junger Mann von Character.

[Sidenote: Tod meiner Mutter.]

Wie ich kurz darauf selbst verliebt wurde, aber glcklicher, als
mein Freund, werde ich bald erzhlen. Zuerst aber traf eine traurige
Begebenheit ein, nmlich meiner geliebten Mutter Tod.

                    *       *       *       *       *

Meine Mutter hatte einen seltenen Verstand, ein starkes Gefhl,
das sich in ihrem Krankheitszustande doch etwas der Schwrmerei
nherte. In ihren letzten Jahren suchte sie meistentheils Trost in
der Religion, las viel in Schmolke's Andachtsbuch, in Gellert's und
den alten deutschen Psalmen. Besonders war Jesus, meine Zuversicht
ihr Lieblingspsalm. Auch las sie fleiig Predigten, wenn sie nicht
in die Kirche gehen konnte. Sie hatte sich stets bemht, die Herzen
ihrer Kinder frhzeitig fr fromme Gefhle zu stimmen. Wir setzten in
unserer Kindheit am Weihnachtsabend groe Zinnteller auf den Tisch im
Staatszimmer und gingen in die andere Stube, wo wir das Evangelium lasen
und Weihnachtspsalmen sangen. Indessen hrten wir den Engel drinnen im
verschlossenen Zimmer die Teller mit Nssen, Aepfeln und Confect fllen.
Mehrere Jahre glaubten wir wirklich, da ein schn geflgelter Engel
vom Himmel herabkam und uns die Gaben brachte. Eines Weihnachtsabends
spielte ich vorher mit meiner Schwester auf dem Hofe; der Himmel war mit
Wolken bedeckt, nur ein kleiner klarer Fleck war von der blauen Luft
zu sehen. Siehst Du, sagte ich, da ist das Loch! da kommt er gewi
durch.

Whrend nun vierschrtige, lustige Holsteiner, die mit Grtzwaaren
und Kse nach Kopenhagen segelten, meinen Vater besuchten und mit ihm
von ihrer Jugend schwatzten: suchten in der letzten Zeit, als meine
Mutter schwcher geworden war, einige fromme Handwerksmeister von den
sogenannten Heiligen, sie fr ihre Secte zu gewinnen. Sie brachten
Gebetbcher mit, und ich hrte sie viel von des Lammes Blut sprechen.
In den Gebetbchern waren auch Kupferstiche, mit Lmmern darauf, welche
Siegesfahnen hielten. Nach einigen vergebens angestellten Versuchen
zogen die Frommen sich doch zurck und sollen gesagt haben: Bei der Frau
wre vielleicht noch einige Hoffnung gewesen, aber mit dem Manne sei
kein Auskommen. Sie krnkelte nun mehr und mehr und nherte sich dem
Grabe. Sie hatte stets innigen Antheil an meinem Schicksale genommen,
hatte mir nicht nur das Leben geschenkt, sondern es mir auch durch
mtterliche Pflege in einigen Kinderkrankheiten gerettet. Meine Mutter
liebte mich innig und ich glich ihr sehr. Das Gefhl der Wehmuth und
einen tiefen Ernst bekam ich von ihr, von meinem Vater Gesundheit und
Munterkeit. Einbildungskraft und Feuer hatten sie Beide, er mehr fr
das Lustige; das Tragische erbte ich von meiner Mutter. Und doch sollte
sie keine Frchte meiner Muse sehen und sich darber freuen! Kein
Lorbeerblatt sollte ich ihr bringen und es mit ihr theilen; nur auf ihr
Grab konnte ich es legen. Und wie gro wre ihre Freude gewesen, wenn
sie nur eine Ahnung davon gehabt htte, da ihr Sohn etwas mehr, als das
ganz Gewhnliche werden wrde. -- Aber die hatte sie doch! Ich theilte
ihr meine ersten kleinen Jugendversuche mit, und diese erfreuten sie.

An dem Abend, wo ich zum ersten Male auf der Bhne auftrat, war mein
Vater im Theater gewesen, meine Mutter und Schwester waren aber zu
Hause geblieben. In dem kalten, dunkeln Winterabend, gerade in dem
Augenblicke, wo das Stck anfangen sollte, wurde meine Mutter so
unruhig, da sie es nicht lnger im Zimmer aushalten konnte; sie ging
in den Bogengang hinaus, weinte und betete fr mich zu Gott. Hier traf
sie die Frau des Wchters, die ihre Gefhle miverstand. Ach, Madame,
sagte sie, weinen Sie doch nicht, er kann sich ja noch bekehren.

Von dieser Bekehrung, welche die gute Wchtersfrau prophezeihte, war
meine Mutter doch noch Zeuge gewesen; und obgleich sie Nichts gegen mein
erstes Vornehmen gehabt hatte, so freute mein vernderter Lebensplan
sie doch nichts destoweniger, weil sie fhlte, da mein schchternes,
empfindliches Wesen der Freiheit und Ruhe bedrfe, wenn es sich recht
entwickeln solle.

Ich sah sie also hinsinken, nachdem sie einen zrtlichen Abschied von
uns Allen genommen hatte. Ich sah ihre Augen, die den meinigen so sehr
glichen, erlschen und brechen. Die Hnde, die mich so oft gehegt und
gepflegt hatten, griffen unstet nach dem Bettzeug, und die kalten
Fingerspitzen berhrten einander in dem gewhnlichen Todesspiele. Und so
schlummerte sie ein; mein Vater drckte ihr die Augen zu, und Gellert's
Psalmen, die sie im Leben so begeistert gesungen hatte, legte er auf
ihre Brust. Nun ruht sie auf dem Friedrichsberger Kirchhof, wohin mein
Vater und meine Schwester ihr folgten, wo Camma Rahbek ruht, und wo auch
ich einmal zu ruhen wnsche.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Christiane Heger.]

Gleich nach dem Tode meiner Mutter machte ich auf dem Hgelhause
die Bekanntschaft der Schwester der Frau Rahbek, einer Tochter des
Justizraths, spteren Etats- und Conferenzraths Heger; =Christiane
Georgine Elisabeth Heger=: ein sehr hbsches Mdchen von siebzehn
Jahren, gesund und krftig, mit groen, blauen Augen, schneeweier Haut,
Rosenwangen und mit einer Haarflle, wie ich ihres Gleichen nie gesehen
habe; denn wenn sie die langen blonden Haare herabfallen lie, so konnte
sie sich ganz darin einhllen. Als ich sie zum ersten Male sah, band
sie einen Kranz von Kornblumen, ich habe den Kranz aufbewahrt, und
einige der abgefallenen Bltter blieben lange Zeit blau. Jetzt sind auch
sie gebleicht. Sie ist nicht mehr! --

Wie gern ich also zu Rahbek's Hgelhause ging, begreift man leicht.
Nach einem schnen Spaziergange traf ich dort einen launigen Dichter,
eine lustige, witzige Freundin, eine seltne Gastfreundschaft und ein
schnes Mdchen, die sehr ruhig bei ihrer Handarbeit sa, in deren
Augen ich aber doch, wenn sie von der Arbeit aufblickte, eine gewisse
Aufmerksamkeit fr mich zu lesen glaubte.

Nun ging es ganz vortrefflich mit lustigen Erzhlungen und Gesprchen
den ganzen Abend. Frau Rahbek hatte eine eigne Art, sich Freunde und
Anhnger zu erwerben: sie neckte sie unaufhrlich, lauschte ihnen ihre
Eigenheiten und kleinen Schwchen ab, hatte sie auf die liebenswrdigste
Art von der Welt zum Besten, machte mit unendlichem Witz ihre
Persnlichkeiten nach (denn sie hatte, wie alle Hegers, das Talent,
die Stimme und Bewegung anderer Menschen hchst treffend nachzuahmen),
und gab ihnen Spitznamen, und Keiner, der zu ihr kam, wurde von ihr
bei seinem rechten christlichen Namen genannt. Mich nannte sie den
=Adagiospieler=, weil ich einem Adagiospieler gleichen sollte, den sie
gekannt hatte; ihre Schwester nannte sie =Atair=, weil Christiane einmal
diesen Stern genannt hatte, und weil Camma (eine Zusammenziehung von
Karen-Margaretha) fand, das sei zu viel Astronomie fr ein so junges
Mdchen. Rahbek, der etwas diogenisch in seinen Manieren war, mute sich
als liebes Kind darein finden, viele Namen zu haben. Meine Schwester
nannte sie =Oder so was=, weil Sophie, wenn sie sprach, diese Worte oft
wiederholte. Mein Vater hie =Pole=, weil er mit seiner weichen, raschen
Zunge grtentheils Polekum, statt Publikum sagte.

Auch Freunde wurden von dieser Anabaptistin umgetauft; und dann konnte
es zuweilen wohl nach Verdienst treffen, da die Satyre etwas geielte.
Uebrigens wute sie stets mit Grazie und Feinheit, Achtung und Schonung
mit ihrem Uebermuthe zu vereinigen; so da sich Jeder sogar einen
solchen Beinamen von ihr wnschte.

Da nun alle diese Benennungen eine historische oder allegorische
Bedeutung hatten, so bildete sich nach und nach unter uns auf dem
Hgelhause eine Art Mythologie, in die man eingeweiht sein mute, um die
Kunstwerke solcher Laune und Munterkeit zu genieen, zu der wir Anderen
auch unser Schrflein beitrugen. Ein Fremder htte nicht ein Wort von
unseren tglichen Scherzen verstanden.

[Sidenote: Meine Verlobung.]

Begleitete ich nun nach einem solchen muntern Abende Christianen im
schnen Mondscheine oder in einer sternenklaren Nacht nach Hause, so
verstummte pltzlich die Munterkeit; ich wurde stumm, verlegen und
ernst, und sie gleichfalls. Grtentheils gingen wir Arm in Arm in
unseren eigenen Gedanken. Endlich gab die Liebe mir Muth, nachdem sie
ihn mir so lange geraubt hatte; ich stammelte eine Liebeserklrung
hervor; sie verstand meine Aphorismen ganz gut, und obgleich sie mir
nicht sofort entgegenkam, lie sie mich doch ohne Verzweiflung nach
Hause gehen.

[Sidenote: Mein Schwiegervater.]

Bald erlaubte sie mir, mit ihrem Vater darber zu sprechen. Das war
ein merkwrdiger Mann. Er war Witwer und bewohnte die unterste Etage
seines eigenen Hauses. Vor dem Bombardement war er sehr wohlhabend. Er
hatte eine Brauerei von seinem Vater geerbt; und obgleich er Assessor im
Hof- und Stadtgericht war, konnte er doch mit Leichtigkeit die Brauerei
verwalten, da er ein entschiedenes Talent fr alle mechanischen Arbeiten
und Knste besa. Er stand sich gut und bte dehalb viele Dinge nur zu
seinem Vergngen, und obgleich er es nicht in Allem zur Meisterschaft
brachte, so kam er doch in vielen Dingen auerordentlich weit.

Er hatte sein schnes, groes Haus nach eignem Plane gebaut und auerdem
die Zeichnung zu einem andern sehr hbschen Grundstcke gemacht. Er
war ein guter Schmied, ein guter Tischler und Drechsler. Auch auf die
Grtnerei hatte er sich gelegt, und wetteiferte mit seinem Freunde
Ksemacher, dem Grtner des botanischen Gartens, wer die frhesten und
besten Erdbeeren bekam. Er zeichnete hbsch und beschftigte einige
junge Maler in seinem Hause mit Decorationsmalereien. Auch Thorwaldsen
brachte einige Jahre hindurch die Abende bei ihm zu, und zeichnete
Bilder mit Bleistift fr Karen Margaretha und Christiane, die noch klein
war. Der Kapellmeister Schultz war Heger's Freund gewesen; von ihm hatte
er Etwas von der Composition gelernt; er las fleiig in Kirnberger,
componirte hbsche Melodieen und spielte sie auf dem Fortepiano, das er
selbst verbessert hatte. Es konnte ihn amsiren, ganze Stunden lang zu
phantasiren, und wir Anderen hrten ihm gern zu. Er hatte sich fleiig
auf die Optik gelegt; schliff Glser zu groen Fernrhren, machte die
Papparbeit dazu selbst, und schrieb ein kleines Buch in franzsischer
Sprache ber die Optik zu seinem eigenen Gebrauch. In Papparbeiten war
er ein Meister, der in der ganzen Stadt nicht seines Gleichen fand; er
machte die schnsten Kasten, auerordentlich dauerhaft mit hbschen,
selbstgemalten Landschaften verziert und mit einem unvergnglichen
Lackfirni berzogen. Er war sehr freigebig mit diesen Arbeiten,
schenkte deren an alle seine Freunde, und seine Tochter Karen Margaretha
lernte von ihm die Kunst und die Freigebigkeit. Er war auch einmal ein
eifriger Feuerwerker gewesen und machte Raketen, welche die gewhnlichen
um Vieles bertrafen. Aber als er eines Abends das Unglck hatte, da
eine Rakete, die er von einem Boote aus in die Luft lie, in eine
Scheune fiel, ohne doch weiter Schaden zu verursachen, verlor er die
Lust zur Feuerwerkerei. Er liebte die italienische Sprache und erzhlte
gern von der Zeit, wo =Sarti= Kapellmeister gewesen war, und wo =Alsani=
und andere Virtuosen italienische Opern auf dem Hoftheater aufgefhrt
hatten.

Zu diesem seltnen Manne kam ich nun schchtern und bange; ich sagte
ihm Alles rein heraus, da ich seine Tochter liebe, da ich hoffe,
wieder geliebt zu sein, da ich Advokat werden wolle, und da Oersted
mir versprochen habe, mich in zwei Jahren so weit zu bringen. Hflich
und ruhig hrte er meinen Wunsch, klingelte, lie seine Tochter rufen,
sagte ihr mit wenigen Worten, wovon die Rede sei, legte unsere Hnde in
einander, und fing darauf gleich an, von anderen Dingen zu reden, womit
er mir einen groen Dienst erwies; und mit einem solchen Manne konnte
man gewi ber Vieles sprechen.

[Sidenote: Mein Schwager.]

Christiane's Bruder Karl war stiller, milder, aber auch witzig und
satyrisch. Er lie es bei den dramatischen Privatbungen bewenden,
und studirte Theologie; aber so gewissenhaft, da er niemals fertig
werden konnte, obgleich er mehreren Candidaten half, die die beste
Censur bekamen. Die theologischen Professoren baten ihn, doch endlich
zur Prfung zu gehen, da sie ihn nichts mehr lehren knnten, und
versicherten ihm, er knne berzeugt sein, da er gut bestehen wrde;
denn sie kannten ihn von den Examinatorien her. Es half Nichts! Der
selige Bischof Mnter, damals Professor, besuchte Rahbek, bei dem Karl
Heger wohnte, einmal dehalb, um diesen zu berreden; aber er verbarg
sich vor dem Professor im Garten hinter den Bumen, gleich Adam nach
dem Sndenfalle vor unserm Herrgott; obgleich er nicht gesndigt hatte,
sondern im Gegentheile fr seine Tugenden gelobt werden sollte.

Dieser kunstliebende Klosterbruder, mein treuer, vieljhriger Freund,
fand spter als Bibliothekar bei Sr. Knigl. Hoheit dem Prinzen
Christian Frederik einen Platz, der sich am Besten fr seine stille
literarische Neigung und fr seine bescheidne, contemplative Natur
eignete.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Preisfrage.]

Ich studirte nun ziemlich fleiig Jura, doch konnte ich es nicht
unterlassen, kleine Streifereien in das Gebiet der schnen Literatur
zu machen. Im Jahre 1800 wurde an der Universitt die Preisfrage in
der Aesthetik aufgestellt: Wre es ntzlich fr die schne Literatur
des Nordens, wenn die alte nordische Mythologie eingefhrt und statt
der griechischen allgemein angenommen wrde? Das war Wasser auf meine
Mhle; ich hatte mich viel mit der alten nordischen Literatur und mit
der nordischen Gtterlehre beschftigt. Oersteds fanden auch, da es
hbsch sein wrde, wenn ich eine akademische Preismedaille gewnne; und
nun sattelte ich wieder mein Steckenpferd und schrieb eine Abhandlung,
in der ich den Charakter der nordischen Gtterlehre und ihre noch
unbenutzten Schnheiten im besten Lichte darzustellen suchte.

Es wurden auer der meinigen noch zwei Abhandlungen eingeliefert, die
eine von =Stoud Platou=, spterm Professor in Christiania, die andere
von =Jens Mller=, der als Professor der Theologie in Kopenhagen starb.
Stoud Platou fhrte die Sache der griechischen Mythologie. Das Urtheil
des Professors Jakob Baden, das in dem Universittsjournale abgedruckt
wurde, lautete also:

Ueber die ausgesetzte Preisfrage sind drei Abhandlungen eingegangen,
welche alle sich durch Flei in der Untersuchung, durch Eifer und
Wrme fr die schne Literatur im Allgemeinen, wie fr die nordische
ins Besondere, durch grndliche Einsicht in die Bedrfnisse dieser
Literatur und Kenntni der besten Schriften im mythologischen Fach,
endlich durch einen klaren Vortrag und einen leichten und angenehmen
Styl empfehlen. So viel Freude diese Gleichheit in den Verdiensten
mir als Leser verursachte, so mu ich doch bekennen, da sie mir die
Lust als Richter benommen hat, irgend ein entscheidendes Urtheil ber
eins der eingereichten Stcke zu fllen, um so mehr, als ich nicht
allein ein Urtheil fllen soll. Ich lasse es daher dabei bewenden,
meine private Meinung zu sagen, die ich auf keine Weise fr magebend
und inapellabel betrachtet wissen will, da sie nur die Ansicht eines
privaten Mannes ist. Darauf erkannte er Stoud Platou's Abhandlung,
als der ausfhrlichsten und -- nach seiner Ansicht -- wahrsten, den
Preis zu. Doch erklrte er selbst den Theil der Abhandlung, der
ungeachtet der Vorliebe des Verfassers fr die griechische Mythologie,
die geschmackvolle Anwendung der nordischen Mythologie bespricht und
billigt, fr das Beste und Wichtigste; und den ersten Theil, in dem
der Verfasser von uns abweicht, tadelt er als zu weitlufig und die
aufgegebene Frage zum groen Theile unberhrend. Ueber meine Abhandlung
mit dem Motto:

             _Nil intentatum nostri liquere poetae,
              Nec minimum meruere decus, vestigia graeca
              Ausi deserere, et celebrare domestica facta._

sagt Baden: sie ist weniger weitlufig, scheint aber mehr die Frage
Berhrendes zu enthalten; ein Theil der Preisschrift ist mit Neuheit
und Interesse ausgefhrt, und wrde den Verfasser, meiner Ansicht nach,
wrdig machen, den Preis mit dem Ersten zu theilen, wenn derselbe sich
theilen liee. Aber da der Preis nicht wohl der erstern Abhandlung
vorenthalten werden kann, so verdient diese doch das erste Accessit. --
Das zweite Accessit kann meiner Ansicht nach der dritten Preisabhandlung
nicht verweigert werden. Auch dieser Verfasser zeichnet sich durch eine
wohldurchdachte Vertheidigung der nordischen Mythologie aus.

Spter bekam Professor Kjerulf den Auftrag, in Verbindung mit Baden zu
urtheilen und er unterschrieb dessen Ausspruch.

All' das war nun recht gut; aber ich kam doch um die schne
Goldmedaille, die ich so gern meinem Vater nach Hause gebracht htte,
der sich noch mehr darber gefreut haben wrde als ich. -- Ich ahnte
damals nicht, da diese Abhandlung mir mit der Zeit bessere Frchte, als
eine Medaille tragen wrde. Ihr hatte ich es ohne Zweifel zu danken, da
ich nach meiner Reise ins Ausland als Professor der Aesthetik bei der
Universitt angestellt wurde, da ich durch die Abhandlung, die einer
Prmie wrdig erklrt worden war, als akademischer Brger das Recht
erhalten hatte, ein Amt zu suchen, von dem mich sonst vielleicht die
Form ausgeschlossen haben wrde.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Baggesen's Abreise.]

Baggesen wollte abreisen, um, wie man glaubte, fr immer fortzubleiben.
Ich hatte oft mit groer Freude seine komischen Erzhlungen, seine
Jugendarbeiten, sein Labyrinth gelesen. Die wunderbare Mischung von
Witz und Gefhl, von Begeisterung und Spott, von Vielseitigkeit und
stark hervortretender Persnlichkeit bei ihm hatte etwas Aehnlichkeit
mit Jean Paul, obgleich ich in Baggesen's gracisen Witzen bald das Herz
und die Geistestiefe jenes unsterblichen Dichters vermite. Aber dann
konnte Baggesen wieder diese allerliebsten, leicht flieenden Verse
schreiben! Da er als ein armer Junge so Viel in der lateinischen Schule
in Slagelse hatte ausstehen mssen, rhrte mich auch. Trotz Armuth und
Krankheit war er stets lustig geblieben; nur die Sehnsucht der Liebe
konnte ihn wehmthig und niedergeschlagen machen.

Eine ritterliche Achtung, ja Anbetung fr das schne Geschlecht,
eine starke Begeisterung fr das Hohe in der Natur zeichnete ihn vor
anderen humoristischen Dichtern aus. Da er nicht den gesunden Verstand
eines Holberg's und eines Wessel's hatte; da er wohl brillanter in
seiner Satyre, aber weniger wahrheitsliebend und billig war, da seine
Begeisterung sich oft in einem Schwulst verlor, konnte ich noch nicht
recht bemerken. Ich liebte diesen Proteus:

     Erstlich ward er ein Leu mit frchterlich wallender Mhne,
     Drauf ein Pardel, ein blulicher Drach' und ein zrnender Eber,
     Flo dann als Wasser dahin und rauscht' als Baum in den Wolken.

ich wollte ihn gern fassen und ihn einmal in der Nhe betrachten, ehe er
sich ins Wasser verlor, und vielleicht fr ewig unser Eiland verlie.
Auf dem Theater hatte ich ihn freilich oft als administrirenden Director
in seinem groen gelben Ueberwurf umhergehen sehen. Aber da lief er
umher, wie auf dem Deck in Meeresnoth ein Schiffer, der selbst das
Steuern nicht versteht und den Nchstkommandirenden schalten und walten
lt. Dort war er mir auch zu vornehm; der Abstand zwischen uns war zu
gro, und ich mochte mich ihm nicht nhern, aus Furcht, da er zu stolz
sein wrde.

Alles, dessen ich mich von seiner Administrationszeit erinnere, ist, da
mein Auge oft auf dem Fleck in seinem Ueberwurf ruhte, der mit einem
Pletteisen eingebrannt war. Auch entsinne ich mich deutlich, wie eine
Schauspielerin ohne viel Talent, aber stets huslich mit Nhnadel und
Zwirn in der Tasche versehen, ihn eines Abends im Foyer aufhielt, um
ihm einen Ri zuzunhen, der eine allzuweite Fortsetzung des Schlitzes
an seinem Mantel bildete; unter dieser Operation verhielt er sich sehr
hflich, aber auch etwas passiv. --

Nun wollte er fort und uns vielleicht auf ewig verlassen! Er hatte
gesagt, da er in der Zukunft nicht mehr dnisch schreiben wolle. Dies
Alles betrbte uns, seine jungen Bewunderer. Wir hatten den allzufrhen,
nationalen Tod eines schnen Geistes zu beklagen.

In diesem Gefhle faten Hans Christian Oersted und ich den Entschlu,
ein Fest in Dreyer's Klub, dessen Mitglied ich geworden war, zu
veranstalten. Wir lieen eine Einladung umhergehen, und, obgleich
Baggesen schon damals viele ausgezeichnete Mnner gegen sich hatte,
welche gerade heraus sagten, da er es nicht verdiene, so setzten wir
es doch durch. Er wurde zu einer Abendgesellschaft eingeladen, bei
welcher Gelegenheit ich folgendes Gedicht an ihn verfat hatte, das die
Gesellschaft fr ihn begeisterte:

               Der mit Geistes Waffen schweigen machte
               Dummheit, der die Lge khn bezwang,
               Der ins Auge frohes Lcheln brachte,
               Aus dem eben noch die Thrne drang;
               Der Gefhl und Wrme hat gegossen
               In die Brust uns, wo sein Bild jetzt weilt,
               Sei von unserm Bruderarm umschlossen,
               Eh' von Dnemark er nun enteilt.

               Darum hrst Du, seltner Dichter, klingen
               Unsre Stimme, die im Chor sich hebt,
               Darum, edler Dichter, wir Dir bringen
               Was fr Dich in unserm Herzen lebt.
               Schwach ist unsre Stimme! Gleich der Deinen
               Steigt sie nicht zum Pindus hoch empor,
               Voller Wehmuth nun wir uns vereinen,
               Rufen Lebewohl Dir zu im Chor.

               Habe Dank fr jedes Deiner Lieder,
               Das bei frohem Mahle hier erklang!
               Oft wohl singen wir sie freudig wieder,
               Denken stets des Dichters beim Gesang.
               Wenn die Stimmen dann sich laut erheben,
               Wenn sie tnen an dem dn'schen Strand,
               Mge ahnend dann Dein Herz erbeben,
               Wenn Du denkst ans theure Vaterland.

               Willst Du jetzt auch in die Ferne ziehen,
               Kehrst Du doch, wir hoffen's, einst zurck.
               Sahst ja hier die ersten Tage fliehen,
               Hier verlebtest Du der Jugend Glck.
               Nirgends blhen ja die Rosen reicher,
               Nirgends sind die Dornen ja so klein,
               Nirgends, nirgends ist das Lager weicher,
               Als, wo unsre Wiege stand, allein.

               Aber mut Du =Sein= Gebot erfllen,
               Giebt das Schicksal Dir ein fernes Grab,
               Soll die fremde Erde Dich umhllen --
               Blick' von =dort= auf Dn'mark dann herab!
               Jedes Auge wird die Thrne feuchten,
               Jede Lippe flstert weh und bang:
               Mge Freud' fr jede Freud' Dir leuchten,
               Die den Dnen schenkte Dein Gesang.

Ein Exemplar dieses Gedichts, das er whrend des Absingens in der Hand
gehalten hatte, gab er mir von Thrnen durchnt zurck, indem er mich
umarmte, mich kte und mir seine dnische Lyra vermachte, die er nun
nicht mehr zu schlagen gedachte. -- Einige Tage darauf reiste er fort
und ich bernahm die Korrektur des ersten Theils seiner Werke, die er
bei Brummer herausgab.

So machte ich die Bekanntschaft des Mannes, der einige Zeit darauf
eifrig meine Freundschaft suchte und spter, ohne Grund, mein bitterster
Feind wurde.

                    *       *       *       *       *

War es nun Apollo mit seinen neun Musen oder Bragi bei der Harfe und
Idun mit ihren Aepfeln der Verjngung, die mich immer, wenn ich recht
fleiig Jura studiren wollte, strten? -- Ich wei es nicht. Aber
gestrt wurde ich; und war es nicht geradezu von ihnen, so riefen sie
bald Venus oder Freia, bald Mars oder Thor zu Hlfe; ja wir werden
sehen, wie sogar Mimer oder Minerva sich hinterlistig gegen meine
Jurisprudenz verbinden.

[Sidenote: Der zweite April 1801.]

Der zweite April 1801 erschien, an welchem Tage eine groe englische
Flotte von unserm Dutzend Blockschiffen hart mitgenommen wurde, die
nach der Schlacht Wracks waren, wie vorher. Nelson, der Schreck der
europischen Seemchte, wurde in diesem Kampfe durch einen kleinen
Haufen dnischer Seeoffiziere berstrahlt. Es ist Wahrheit, es ist ein
Factum! Darum achtete Napoleon die dnischen Seeleute hoch und hat von
dieser Schlacht stets mit ehrender Bewunderung gesprochen.

Das Gefhl der alten Heldenehre zur See hatte sich ganz der Nation,
und besonders der Hauptstadt bemeistert. Alle kleinlichen Laster der
Zeit: Migunst, Geiz, Hochmuth, Eitelkeit, Verleumdung, hatten sich
gleich feigen Verbrechern im Dunkeln verborgen. Dagegen traten berall
Brudersinn, Wohlwollen, gegenseitige Hlfe und Beistand hervor.
Fremde Menschen, die sich nie frher gesehn hatten, drckten einander
begeistert die Hand, wenn sie sich auf der Strae begegneten. Eine
unbeschreibliche Munterkeit verbreitete sich ber die ganze Stadt. Der
alte Matrosenwitz schien sich allen Einwohnern mitgetheilt zu haben, und
es regneten Einflle und Spttereien ber die Englnder.

Bei dieser Gelegenheit wurden, ehe der Feind sich dem Sunde nherte,
mehrere Freicorps errichtet; auch die Studenten vereinigten sich, und
bildeten unter dem Commando des berhmten Physikers, Oberhofmarschalls
Hauch, zwei Bataillone.

Man wute nicht, ob die Englnder die Stadt bombardiren wrden. Die
Studenten erhielten die ehrenvolle aber gefhrliche Aufgabe das Zndrohr
aus den hereingeworfenen Bomben zu ziehen, ehe sie sprangen. Wir
lachten, verstanden die Gefahr nicht, und lieen das Schicksal walten.
Bald bemerkten wir, da die englischen Bomben uns nicht erreichen
konnten, weil die Blockschiffe einen breiten Wall rund um Kopenhagen
bildeten.

Ich stand mit mehreren Bekannten auf dem Altan der Seecadetten-Akademie,
und blickte auf die Schlacht, welche nicht weit entfernt, gerade vor
unseren Augen gekmpft wurde. Wenn zehn Mal von den englischen Schiffen
geschossen wurde, so hrten wir es nur ein Mal von den Blockschiffen
donnern. Oft flog eine glhende Kugel von der Quintusbatterie empor.
Wir sahen jeden Augenblick englische Kugeln in den Wellen zischen, oder
sich matt in den Sand der Kste bohren. Ueber unsere Hupter flogen die
Bomben, gleich Raketen dahin, und sprangen in der Luft; nur sehr wenige
erreichten das Land. Wir waren Alle in der gespanntesten Erwartung.

Um 4 Uhr war die Schlacht vorber, und Nelson sandte einen Parlamentair
ans Land, der einen Waffenstillstand vorschlagen sollte. Wir waren
Alle froh, und gingen nach Hause, um unsern Grndonnerstags-Kohl zu
essen. Unten auf dem Platze standen eine Menge bewaffneter Brger.
Ein kleiner jovialer Mann, mit der Kokarde am runden Hut, dem Sbel
an der Seite, der Patrontasche auf dem Rcken und dem Gewehr auf der
Schulter, stand unter den Anderen, und fragte mich, als ich vom Altan
hinunterkam und vorber ging: Nun, wie ist es abgelaufen? Ach,
mein lieber Landsmann! rief ich, und drckte ihm die Hnde, Gott
beschtzt uns, unsere Brder haben wie Lwen gekmpft! Ich wrde mehr
mit diesem wackern Landsmanne gesprochen haben, aber ein Student meiner
Bekanntschaft zog mich an dem Aermel, und flsterte mir in's Ohr: Bist
Du von Sinnen, da Du auf offner Strae mit dem Kerl sprichst? das ist
ja der berchtigte Wirth, Prinz Kehraus! -- Ich kenne ihn nicht,
antwortete ich lachend, aber mag er sein, wer er wolle, in diesem
Augenblick sind wir Alle Dnen und Alle Soldaten.

Was weiter kommen wrde, wuten wir nicht; aber frs Erste konnte
man nichts Besseres thun, als die Waffenbungen fortzusetzen, da in
diesem Lrm doch weder Zeit noch Ruhe zu friedlicher Beschftigung war.
Das Studentencorps wurde unter dem Namen Leibcorps des Kronprinzen
organisirt, wir bekamen hbsche Uniformen, dunkelblaue Jacken mit weien
Litzen, grauen Hosen, Halbstiefeln mit Quasten, runden Hten mit weien
Kokarden und schwarzen Federn. Die Unteroffiziere trugen silberne
Epaulettes.

Es wurden verschiedene Feste nach der Schlacht zu Ehren der Seehelden
veranstaltet. Die Gefallenen wurden zusammen in einem groen Grabe
beerdigt, und Ein Hgel wurde ber sie, wie ber die Helden des
Alterthums, aufgeworfen. Bei dieser Gelegenheit schrieb ich einige
Gedichte. Es wurden viel gute Lieder gedichtet, aber auch unendlich viel
schlechte und trivielle, was bei der eiteln Wiederholung des Abgenutzten
nur die Begeisterung travestirte.

Nun wurden auch Unteroffiziere und Sergeanten fr die Studenten gewhlt.
Offiziere konnten damals nur wirkliche Militairs werden; nur ein Paar
Veteranen, =Rahbek= und =Thomas Christoffer Bruun=, die aus alter
Studentenliebe in das Corps eingetreten waren, wurden als Lieutenants
_ la suite_ angestellt. Bei dieser Gelegenheit zeichnete Rahbek sich
sowohl durch seinen auerordentlichen Eifer fr den Dienst, wie durch
seine Unbeholfenheit aus, die sich besonders beim Marschiren zeigte,
wenn er bei feierlichen Gelegenheiten als Lieutenant mit dem Sbel in
der Hand marschirte.

                    *       *       *       *       *

Ich wurde gleich Unteroffizier, und kurze Zeit darauf Sergeant und
Fahnenjunker beim ersten Bataillon. Meine sthetische Preisabhandlung
und einige im Zuschauer und in der Charis abgedruckte Gedichte
verschafften mir vielleicht die Stimmen zu dieser Wahl; denn ich hatte
nur wenige persnliche Bekanntschaften unter den Studenten gemacht.

[Sidenote: Das Lied vom braven Manne.]

Ein seltsames Ereigni mu ich erzhlen, das zu dieser Zeit eintraf.
Ich hatte Brgers Lied vom braven Manne gelesen, es begeisterte mich,
und ich bersetzte es in's Dnische. Gerade als ich es beendigt hatte,
trat L. Kruse in mein Zimmer. Ich frage: Was giebt's Neues? -- Hast
Du nichts von dem heftigen Sturme heute Nacht gemerkt? -- Nein, ich
habe ruhig geschlafen. -- Es ist gewi viel Unglck auf dem Meere
geschehen, fuhr Kruse fort -- aber ein Unglck wenigstens ist durch
den Heldenmuth eines Seemanns verhindert worden. Die Leute auf einem
gestrandeten Schiffe, weit drauen auf der Rhede, konnten sich nicht
retten; tausend Menschen standen auf der Zollbude, keiner wagte sich
hinaus. Da kam der Grossirer =Staal Hagen=, und versprach Demjenigen
eine bedeutende Summe, welcher sie retten wrde. Der Fischer =Lars
Bagge= springt in ein Boot, rettet die Schiffbrchigen mit Lebensgefahr,
und bittet den Kaufmann, diesen das Geld zu geben; selbst wolle er
nichts haben. -- Nein! -- rief ich aus -- das ist zu seltsam!
-- Was meinst Du? -- Da liegt die ganze Geschichte poetisch
beschrieben auf dem Tische! Ich brauche nur die Namen und einige
Nebenumstnde zu verndern. Ich erzhlte nun Kruse den Zusammenhang,
und er war eben so erstaunt wie ich. Das Gedicht wurde gedruckt und
gefiel; aber den wunderbaren Zufall verschwieg ich, aus Furcht, da
man ihn fr erdichtet halten wrde. Viele Jahre spter habe ich das
Ereigni in meinen gesammelten Gedichten, in dem kleinen Gedichte die
Vorahnung, welches der Romanze =Lars Bagge= folgt, erzhlt.

                    *       *       *       *       *

Der ehrwrdige alte Tode war Rector in dem Jahre, wo ich Student wurde;
er hatte meine kleinen Gedichte gelesen, und besonders hatte Lars Bagge
ihm gefallen. In einem kleinen Gedichte, das er mir fr mein Siofna gab,
hat er mir zuviel Lob gespendet; unter Anderm stand da:

                       Das Volk wird Dich preisen
           Als Schpfer so herrlicher Weisen!
           Lars Bagge besangst Du, die That die ihn ehrt,
           Dein Lied ist des Retters, des trefflichen, werth.

Ich fand das Lob bertrieben, lie diese Verse weg, und bat den
Verfasser, mir das Streichen derselben zu verzeihen. Aber dies war
erst im Jahre 1802, und bereits im Jahre 1800 zeigte er mir vterliche
Aufmerksamkeit. -- Doch -- ich habe ein Lied zu seiner Ehre in Dreier's
Klub geschrieben. Als ich ihm nun die zehn Reichsthaler fr meinen
akademischen Brgerbrief zahlen wollte, gab er mir dieselben mit den
Worten zurck: _Clericus clericum non decimat._ Dies rhrte mich
ungemein und gab mir Muth; es war die grte Ehre, die ich bis dahin
genossen hatte.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Brief von Baggesen.]

Baggesen sandte mir kurz nach der Schlacht vom 2. April einen Brief,
angeblich mit Liedern, die jedoch nicht beigefgt waren, welche er mich
dem Volke vorzusingen bat. Der Brief lautet folgendermaen:

                                                 Paris, den 13. April.

               Mein Freund!

     Dir, dem ich meine dnische Lyra hinterlie, sende ich, dem
     Rachen des Todes entflohen, meinen ersten Seufzer an das Leben in
     beifolgenden drei Kriegsgesngen fr die Vertheidiger Dnemarks.

     Mein Herz glht vor Sehnsucht darnach, mit meinen Brdern zu stehen
     und zu fallen; aber ich bin gefesselt und krank mit meiner kranken
     Geliebten.

     La die Kraft und das Feuer Deiner Jugend in die Seele der Dich
     umgebenden Brder flammen! Singe ihnen zugleich mit den Deinigen
     meine Lieder! La sie fhlen, da Baggesen's Geist mitten unter den
     Flammen bei ihnen ist!

     Zehn Mnner mit Dichtermuth sind in den Augenblicken des Schreckens
     mehr werth, als hundert Fehde-Prosaisten; hundert todestrotzende
     Helden dem Feinde gefhrlicher, als zehntausend Sldlinge!

     La eine Menge Exemplare, so wie die Matrosenlieder gedruckt in
     diesem Jahre, drucken.

     Theile Exemplare der Hymne fr die Alumnen unter meinen lieben
     akademischen Mitbrgern aus.

     Lsche meinen Durst nach Nachrichten durch die erste, zweite und
     dritte Post.

                                  Dein

                                                      =Baggesen=.

     Sende mir doch ein Exemplar des ersten Theils. Hiermit bezahle ich
     zugleich meine Liederschuld an den lieben Dreyer'schen Klub.

     Gre Rahbek und Rosing.

Spter erhielt ich noch folgenden Brief:

                                             Paris, den 11. Juli 1801.

               Liebster Oehlenschlger!

     Ich lebe, meine Frau und meine Kinder leben; ich liebe Sie, und
     werde Sie immer lieben.

     Ich habe Ihren freundlichen lieben Brief mit den beigelegten
     Liedern erhalten; aber ich habe Ihnen seitdem zwei Mal geschrieben.
     Dies ist das dritte Mal.

     Ich habe noch kein Exemplar vom ersten Theile, oder meinen Oden
     erhalten; ich wnschte ein solches doch sehr. Ich kann Brummer
     nicht begreifen. Er scheint mit dem Absatze zufrieden, wnscht mehr
     Manuscript, und macht mir doch die Fortsetzung unmglich, indem er
     mir den Anfang nicht sendet. Wie soll ich die Noten ausarbeiten,
     wenn ich keinen Text habe?

     Ich habe unaufhrlich, seitdem ich Kopenhagen verlie, bis vor
     wenigen Tagen unbeschreiblich schlecht gelebt. Mein geliebtes Weib
     war bestndig bettlgerig, meine Kinder ab und zu krnkelnd und
     ich selbst gefhrlich krank. In Bezug auf meine Existenz habe ich
     unersetzliche Verluste erlitten. Erst jetzt bin ich im Stande zu
     arbeiten.

     Ich mute vom _quai Voltaire_ wegen Mangel an frischer Luft nach
     dem _htel de l'Elise Bourbon, Rue du Faubourg Nr. 66._ ziehen,
     wo ich nun schn, bequem und so gut, wie auf dem Lande, auf den
     elyseischen Feldern, wohne.

     Meiner Frau geht es etwas besser, und ich bin also -- viel
     munterer. Aber --

     _Dania! quid merui? quo te, mea patria, laesi?_ Noch immer seufze
     ich vergebens nach eigentlichen Nachrichten. Auer einigen kleinen
     Briefen habe ich keine Antwort auf meine letzten zwlf Schreiben
     erhalten.

     Auch Sie, Oehlenschlger! ertheilen mir sparsam Ihre Gre.

     Ich habe mit dieser Post an Brummer geschrieben. Veranlassen Sie
     ihn doch, mir endlich das mir zukommende Exemplar des ersten
     Theiles meiner Schriften zu senden. Frher schicke ich wahrhaftig
     keine Fortsetzung.

     Wenn es Ihnen mglich ist, so sammeln und senden Sie mir die
     Bltter, in denen meine Unbedeutenheit, seitdem ich Dnemark
     verlassen habe, erwhnt ist. Es versetzt mich doch immer ein
     wenig in meine alte Stellung zurck, und giebt mir eine Illusion
     literarischer Anwesenheit, deren ich hier, wo kein dnisches Laub
     oder Blatt sich bewegt, sehr bedarf.

     Haben Sie meine Ihnen zugesandten Kriegsgesnge die ohne meine
     Schuld, -- denn sie waren vor der Katastrophe in der Mitte Mai
     gedichtet und hier gedruckt -- so rgerlich zu spt kamen, erhalten?

     Ich frchte, da sie in Kopenhagen, nach Gott wei welchen
     Varianten gedruckt, von Fehlern gewimmelt haben.

     Verzeihen Sie meine Krze! Ich =schreibe= kurz, aber =antworte=
     desto lnger. Schreiben, schreiben, schreiben Sie an

                                  Ihren

                                                      =Baggesen=.

     Meine Frau grt Sie tausend Mal, und ich gre unbekannter Weise
     tausend Mal Ihre Freundin.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Exercierbungen.]

Es schien nicht, da wir ferner einen feindlichen Ueberfall zu frchten
htten; aber unruhig waren die Zeiten noch, und Waffenbungen machten
arge Eingriffe in meine nchtliche Ruhe, deren ich in diesen Jahren, wo
ich noch wuchs, zu bedrfen glaubte. Jeden Morgen um 6 Uhr muten wir
in dem kalten Mrzmonat auf der Reitbahn am Christiansburger Schlosse
sein, um Exercitien zu lernen. Als Sergeant mute ich meiner Compagnie
mit gutem Beispiele vorangehen, zuerst auf dem Platze sein, wenn die
Uebungen beginnen sollten, und alle Namen aufrufen. Aber dann war auch
die Arbeit vorber, denn wir Unteroffiziere exercirten nicht mehr, und
dehalb fror uns auch am meisten. Verschiedene Scherze, die vorfielen,
und fr den Augenblick das Zwergfell erschtterten, konnten uns doch
nicht lange warm halten; einige davon waren drollig genug.

So war z. B. in unsere Compagnie, die, wie die anderen, grtentheils
aus lauter schlanken Jnglingen bestand, ein groer fetter Gastwirth
gekommen, der sein Recht als alter Baccalaureus geltend machte, weil
er lieber im Studentencorps, als im Brandcorps oder einem andern
brgerlichen Corps dienen wollte, wo er greren Strapazen ausgesetzt
zu sein frchtete. Er war ein witziger, lustiger Kopf, aber er konnte
es nicht leiden, wenn man auf seine Dicke stichelte, und er stand wie
eine Art Falstaff unter uns. Der Major, der uns einexercirte, war ein
muntrer Kriegsmann, der gern mitunter einen Scherz machte. Wenn er nun
commandirt hatte: Richt't Euch! so hie es oft hinterdrein zu dem
corpulenten Flgelmann: Den Bauch 'nein, lieber Freund! Nun zog der
Flgelmann den Bauch ein. Darauf untersuchte der Major die Rckseite
der Linie, und dann hie es wieder: den Hintern 'nein, lieber Freund!
-- Nun wurde der dicke Flgelmann ungeduldig und rief: Aber um
Gotteswillen, wie soll ich mich denn drehen und wenden? Ich kann doch
nicht in mich selbst hineinkriechen, und zum Theil verschwinden. Mein
Krper mu doch seinen nothwendigen Kubikinhalt haben. Nun lachte die
ganze Compagnie, und das war es gerade, was der Major und der Flgelmann
wollten.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Der Generalmarsch.]

Wenn der Wirth hier den Falstaff spielte, so fand ich selbst mich
bald darauf in einer nchtlichen Scene als Don Quixote. Ich war
eines Abends sehr frh zu Bett gegangen, weil ich durch die vielen
Morgendienste ermdet worden war. Wie ich gerade im sesten Schlummer
liege, werde ich pltzlich durch eine Trommel geweckt. Nun war uns in
den ersten Tagen bei der Parole gesagt, da wir uns augenblicklich,
so wie Generalmarsch geschlagen wrde, bewaffnen und auf der Reitbahn
versammeln sollten, denn dann war entweder der Feind im Lande, oder die
Stadt wurde bombardirt. Kaum hrte ich also die Trommel, als ich rief:
Nun ist die Stunde gekommen! Es gilt den Knig und das Vaterland! In
Gottes Namen, unverzagt! Ich hatte bereits die Strmpfe, Beinkleider
und Stiefeln an, und wollte mich eben mit dem Schwerte umgrten, -- als
es wieder trommelte, und ich hrte, da es der Zapfenstreich sei, der
jeden Abend durch die Strae ging. -- Ach, mit welch seligem Gefhle
schlpfte ich wieder in's Bett, und berlie mich einem ungestrten
Schlummer.

[Sidenote: Erleichterungen im Dienste.]

Frher hatten wir fast Alle nchtern den Dienst thun mssen, denn die
Meisten von uns konnten keine Erquickung zu so frher Stunde erhalten;
aber nun wurde ein Marketender in den Colonnaden an der Reitbahn
angestellt, bei dem man sich etwas zu Gute thun, und einen Zwieback und
eine Tasse Thee bekommen konnte, wenn man zwei Schillinge hatte. (Ich
hatte sie nicht immer). Freilich war der Thee so schwach, da man ihn
fast nicht schmecken konnte, und auch vom Zucker merkte man nicht gerade
viel; aber fr die Hauptsache war gesorgt, denn das Milchwasser war
kochend hei, und so konnte man sich doch wenigstens innerlich erwrmen.

Ein Glck kommt selten allein. Als ich eines Morgens umherging und in
die kniglichen Stlle blickte, whrend die Compagnieen excercirten,
entdeckte ich einen leeren Stand mit einem Haufen frischen Strohs, wo
ich fand, da wir Sergeanten vortrefflich schlafen knnten, wenn wir die
Namen verlesen htten. Kaum hatte ich meinen Kameraden diese Entdeckung
mitgetheilt, als wir einen Augenblick spter auf dem Strohe lagen, wie
beim Homer des Proteus flossenfige Seehunde auf dem Sande. Von diesem
Tage an schliefen wir jeden Morgen in dem warmen Stroh, nachdem wir erst
unsern heien Thee getrunken hatten.

                    *       *       *       *       *

Bei der Fahnenweihe waren die Studenten auf dem Platz vor Amalienburg
versammelt. Die Offiziere und Unteroffiziere kamen in die Zimmer zur
kniglichen Familie hinauf. Die Fahnen lagen auf dem Tische, und der
Fahnenschmied stand dabei. Zuerst reichte er dem Kronprinzen einen
Nagel; Se. Knigl. Hoheit schlug ihn ein; darauf die Kronprinzessin,
die ganze Knigl. Familie, und endlich, nachdem der Chef und die
Offiziere ihre Ngel eingeschlagen hatten, kam auch die Reihe an uns
Sergeanten. Als die Fahnen fertig waren, trugen wir Fahnenjunker sie zu
den Bataillonen hinab, wo der Eid geleistet und ein kecker Thaarup'scher
Gesang nach einer schnen Melodie des alten Zinck abgesungen wurde.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Feldmanoeuvres.]

Die Nachmittags-Manoeuvres auf dem Felde waren amsant, wenn das Wetter
schn war. Dann zogen wir mit klingendem Spiel und fliegenden Fahnen
durch die Straen, whrend die jungen Mdchen in den Fenstern standen,
um ihre Geliebten oder Brder vorbergehen zu sehen. Wir gaben uns dann
alle Mhe, um in geraden Gliedern zu marschiren. Und der Marschall ritt
voran, mit seinem Stern auf der Brust, und bei feierlichen Gelegenheiten
mit dem Ordensbande ber der blauen Uniformjacke.

Doch Horaz und Baggesen sagen:

                 _Naturam furca pellas ex_,
                 Sie kommt doch wieder, die arge Hex'.

Es war nicht so leicht, die lebhaften Jnglinge Alle in Ordnung zu
halten. So hatten wir einmal den Verdru, da einige Kameraden, in den
letzten Gliedern, mitten auf der Strae stehen blieben, um Aepfel von
einer Fruchthndlerin zu kaufen. Noch greren Aerger hatte man mit
halbgebildeten Soldaten, welche verlangten, da der Offizier ihnen den
Grund zu alle Dem sagen solle, was commandirt wurde, und die noch nicht
begreifen konnten, da zur Kriegszucht der augenblickliche Gehorsam
gehrt.

Eines Nachmittags bten wir uns auf dem Felde im Schieen. Ein junges
Blut hatte sein Gewehr geladen, aber es vergessen, den Ladestock wieder
aus dem Lauf zu ziehen, und stand nun, mit der freundlichsten Miene von
der Welt, und zielt auf den Marschall. Glcklicherweise bemerkte dieser
es bei Zeiten, schlug das Gewehr bei Seite und rief: Mein Herr! Wenn
Sie Ihr Gewehr geladen haben, sollen Sie den Ladestock herausziehen.
=Ich will Ihnen den Grund sagen=: Weil Sie sonst den Anfhrer durch den
Leib schieen!

Diese geniale Gedankenlosigkeit, die sich, wie man behauptet, besonders
der Knstler und Gelehrten bemchtigt, und zu deren Ehre Baggesen eine
Ode geschrieben hat, hatte sich auch einige Mal meiner bemchtigt.
Wir sollten Carr formiren; der Anfhrer ruft dann: Bataillon; der
Fahnenjunker luft acht Schritte vor, und nach ihm bildet sich die
Colonne. Der Marschall rief also: Bataillon! Aber ich stand in
Betrachtungen vertieft, und rhrte mich nicht von der Stelle. Pltzlich
hrte ich ihn rufen: Oehlenschlger! Erschreckt erwache ich, laufe
zwlf, vierzehn Schritte vor, um das Versumte wieder gut zu machen, und
das ganze Bataillon hinter mir her.

Ein andres Mal hatte ich den Fahnengurt umzuhngen vergessen; ich
mute die Fahne die ganze Zeit hindurch nur mit den Hnden tragen;
gerade dehalb, glaube ich, blies ein heimtckischer Sturm den ganzen
Nachmittag, und der noch schwchliche Fahnenjunker wre fast umgeworfen
worden.

Zu unseren Mrschen und Uebungen hrten wir immer schne Musik. Die
Mitglieder der kniglichen Kapelle hatten sich selbst angeboten, unsere
Hautboisten fr das erste Bataillon zu sein. Das zweite Bataillon
bekam die Hautboisten der Leibgarde. Komisch war es im Anfange, wie
die Virtuosen der Kapelle es diesen nicht gleich machen konnten, weil
sie nicht darin gebt waren, unter freiem Himmel im Gehen zu blasen;
vielleicht auch, weil Einige, die gewhnt waren, Violine und Ba zu
spielen, sich auf Blaseinstrumenten versuchten. Aber es whrte nicht
lange, so hatten sie den Handgriff weg.

An einem schnen Sommertage, als das Vaterland wieder Frieden hatte,
wurden wir Sr. Kniglichen Hoheit dem Kronprinzen vorgestellt. Er war
mit unseren Fortschritten zufrieden, und lobte uns. Wir wurden auf dem
Felde mit Wein und Backwerk tractirt. Junge Damen aus der Stadt kamen
heraus und tanzten auf dem Felde mit den Studenten. Die Alten standen in
groen Kreisen als frohe Zuschauer umher. Alles war nun Lust und Freude!

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Friedliche Beschftigungen.]

Nun kehrten wir zu unseren friedlichen Beschftigungen zurck. Ich kam
jeden Tag zu meinem Freunde und Leiter A. S. Oersted; das dnische Recht
hatte ich repetirt, das Naturrecht ebenso, aber das rmische Recht war
noch durchzumachen. Collegien besuchte ich nicht mehr viel, doch hrte
ich einige Mal Schlegel. Mit Oersted's a ich Mittags bei ihrer Tante,
Madame Mller; dort saen die jungen Gelehrten und Schngeister von
einem Haufen Brgersleuten umringt, die uns oft lebhaft an die Personen
in Holberg's Comdien erinnerten. Oft las -- oder richtiger gesagt --
spielte ich fast ein ganzes Stck von Holberg mit vernderter Stimme zur
Unterhaltung vor dieser gemischten Gesellschaft. Besonders amsirte mich
in diesem Kreise der alte pedantische Schullehrer, der Erste, der mich
davon berzeugte, da eingewurzelte Lcherlichkeit nicht durch Comdien
geheilt werden knne. Wir fhrten nmlich einmal wirklich den Erasmus
Montanus auf; ich gab den Kster Peer und copirte den Schulmeister
so gut, da die ganze Gesellschaft ihn wieder erkannte. Er war auch
gegenwrtig, erkannte aber meine Copie nicht, da er sein eignes Original
nicht kannte. Er war sehr zufrieden mit meinem Spiel, als das Stck
beendet war, und lobte Holberg, der so gut unwissende, bornirte Pedanten
geschildert habe.

[Sidenote: Privat-Theater.]

Ein norwegischer Student Bull, spter Justitiarius in Norwegen, sollte
im Hause mit mir zusammen wohnen; wir vereinigten uns, und Madame
Mller berlie uns noch den Saal neben meiner Kammer. Sie fand sich
gern darein, da wir zuweilen Comdie spielten, und gab mir selbst die
Bettlaken, die ich dann mit kleinen Ngeln an den Fenstern festmachte,
um gegen das Frhjahr hin ein knstliches Dunkel aus dem Theater
hervorzubringen. Nur ein Mal, als wir Liebe ohne Strmpfe spielten
und das Stck etwas stockte, weil Jesper seine Rolle nicht konnte, und
ich, als Mads, in der Verzweiflung, um die Pause auszufllen, das neue
Psalmenbuch hervornahm und in meinem jugendlichen Uebermuthe zu singen
anfing: Wenn uns die hchste Trbsal naht! tadelte sie uns auf eine
gutmthige, mtterliche Weise, indem sie zu den Anderen sagte: Sie
lachen selbst darber!

Whrend einer der Proben zu diesen Vorstellungen wurde ein Glasarm von
einem Kronleuchter abgeschlagen. Eine alte Frau, die im Hause wohnte,
bezahlte einen Thaler, um einen neuen anzuschaffen, wollte aber, da ich
als Director ihr dieses Geld wiedergeben solle. Da ich nun nicht das
Unglck angerichtet und niemals einen Schilling brig hatte, lie ich
sie mich vergebens mahnen; und es amsirte uns Alle, wenn sie tglich
ber Tisch auf mich wegen des Thalers stichelte, den sie gut zu haben
glaubte. Die arme Frau hatte viele Jahre darauf ein trauriges Schicksal;
denn sie fiel eines Tages vom Stuhl, als sie ihr Mittagsschlfchen
halten wollte, und dies wurde ihr Tod.

Oersted's assistirten auch, wenn wir Comdie spielten, aber das ist
nicht ihr Fach; besonders hatte A. S. Oersted kein Geschick dazu,
selbst zu kleinen Rollen konnte ich ihn nicht gebrauchen; und als ich
ihm einmal den Mathias in den Jgern einstudirt und gesagt hatte: Nun
kommst Du, die Hnde nachlssig auf dem Rcken, herein, hatte er sie so
in einander verschlungen, da er sie beinahe nicht wieder auseinander
gebracht htte.

In Madame Mller's Hause wohnte eine alte taube Frau, die ihre ganze
Liebe auf einen Schooshund geworfen hatte. An einem warmen Sommertage
sperrte ich den Hund in den khlen Ofen ein. Sie konnte ihn nicht bellen
hren, ging umher und suchte vergebens. Endlich befreite ich den Hund in
ihrer Gegenwart aus seinem Gefngnisse. Die alte Frau wurde sehr bse,
obgleich wir sonst die besten Freunde waren, und sagte: Das rathe ich
Ihnen, da Sie mir nicht wieder den Hund zum Narren halten!

Man sieht, da die Lust, Comdie zu spielen, bei mir von Neuem erwachte,
als ich mein eigner Herr geworden war und ich es zu meinem Vergngen
thun konnte; ich trat auch in Borup's Gesellschaft ein, spielte aber
nicht oft dort, sondern grtentheils nur in huslichen Kreisen, wo ich
selbst der Geist des Ganzen sein konnte.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Die Gebrder Mynster.]

In Dreyer's Klub war eine groe Punschbowle, die bei gewissen
feierlichen Gelegenheiten geleert wurde. Zu diesen Trinkgelagen waren
die meisten guten Trinklieder, namentlich Rahbek's, verfat. Ich war
eine Zeitlang oft Vorsnger und trank mit den Anderen, obgleich das
Trinken niemals meine Sache war; aber die begeisternde Geselligkeit und
der Gesang erfreuten mich. Auf diese Weise kam ich auch in eine nhere
Bekanntschaft mit mehreren lteren, ausgezeichneten Mnnern, welche ich
sonst nicht sobald oder nicht so genau kennen gelernt haben wrde. Unter
diesen waren die =Gebrder Mynster= und =Bentzon=. Der Doctor, spter
Professor, Ole Hieronymus Mynster, war ein Jahr vorher mein Lehrer
in der Naturgeschichte in der Schule fr die Nachwelt gewesen. Ein
vortrefflicher Kopf, voll von Humor, Verstand und Witz, ebenso wie sein
Bruder, der jetzige Bischof Jakob Peter Mynster; doch war dieser stiller
und gelehrter. Meine erste Bekanntschaft mit Jakob war gleich heilend,
wenn auch fr den Augenblick schmerzlich. Wir trafen, wie gesagt, in
Dreyer's Klub zusammen, wo die Rede auf meinen Held Lafontaine kam,
den Mynster so stark und scharf tadelte, da mir die Thrnen in die
Augen kamen. Er hat mir spter erzhlt, da es ihm herzlich leid that,
als er sah, wie tief es den armen jungen Menschen schmerzte, dessen
Gesicht er gleich gern mochte. -- Indessen ri er mir das Band von den
Augen, und berzeugte mich, da in den Lafontaine'schen Romanen nicht
Das lag, was ich bisher darin zu finden geglaubt hatte. Bentzon, der
kurz darauf Regierungsrath und spter Generalgouverneur in Westindien
wurde, war ein junger, krftiger Mann, obgleich er hinkte. Er hatte ein
schnes Gesicht, seltene Kenntnisse, viel Scharfsinn, aber kein feines
Gefhl. Er war brigens im Umgange lebenslustig, freundlich gegen seine
Freunde, bewunderte jedes Talent, achtete jede Tchtigkeit. Gegen die
Mittelmigkeit war er unbarmherzig, grob gegen die Eingebildetheit,
im Ganzen genommen etwas arrogant, und in spterer Zeit etwas geizig.
Was Wunder, da er Feinde zu Dutzenden bekam, besonders als er durch
Schimmelmann in jungen Jahren sein Glck machte. Aber er kmmerte sich
nicht sehr darum.

Er war jedoch nicht ohne Eitelkeit, besonders verdro es ihn, da
er hinkte; und obgleich er lchelte, wenn O. H. Mynster auf seine
scherzende Weise sagte: Da kommt der lahme Bentzon! rgerte es ihn
doch. -- Da er aber gewhnlich so hochfahrend war, freute es uns, ihn
auf diese Weise etwas zu demthigen. Eines Tages ging ich mit ihm vor
dem Thore spazieren. Oehlenschlger! sagte er, sage mir aufrichtig,
hinke ich sehr? ist es sehr zu bemerken? -- Nein! entgegnete ich,
wenn Du still stehst, merkt man fast gar Nichts. Diesen Zug habe ich
spter in meinem Fragment =Knud Lavard= benutzt.

[Sidenote: Bentzon.]

Bentzon hatte ein paar Jahr vor unserer Bekanntschaft eine sthetische
Preismedaille gewonnen. Er hatte sehr viel Sinn fr das Derbe und
Tchtige in der Poesie; das Flache und Trivielle verachtete er. Er
verstand gut Griechisch, und liebte die Genialitt in den griechischen
Werken. Goethe, dessen Geist in seinen spteren Jahren eine antike
Richtung genommen hatte, bewunderte Bentzon besonders in solchen Werken,
in denen sich dies aussprach. Sehr viel Gewicht legte er auf folgende
Goethe'sche Verse:

   Also das wre Verbrechen, da einst Properz mich begeistert,
   Da Martial sich zu mir auch der Verwegne gesellt;
   Da ich die Alten nicht hinter mir lie, die Schule zu hten;
   Da sie nach Latium gern mir in das Leben gefolgt;
   Da ich Natur und Kunst zu schauen mich treulich bestrebe;
   Da kein Name mich tuscht, da mich kein Dogma beschrnkt;
   Da nicht des Lebens bedingender Drang mich den Menschen verndert,
   Da ich der Heuchelei drftige Maske verschmht?
   Solcher Fehler, die Du, o Muse! so emsig gepfleget
   Zeihet der Pbel mich; Pbel nur sieht er in mir.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Wilhelm Meister.]

J. Mynster hatte mich also von der falschen Sentimentalitt geheilt,
und Bentzon mich auf das tchtige Objective aufmerksam gemacht. Das
war Alles ganz gut, aber nicht genug; ich bedurfte wieder Etwas fr
das Herz. -- Der herrliche Wilhelm Meister hatte mich sehr erquickt;
besonders, da ich mich -- wenn nicht von der Seite des Characters,
so doch von der Seite der Ereignisse -- in so naher Verwandtschaft
mit Wilhelm Meister fhlte, da ich oft in den ersten Bchern meine
eigne Lebensbeschreibung zu lesen glaubte. Das Marionettspiel, die
Characterschilderung von Mariane, Philine, die Abenteuer mit den
Schauspielern und Seiltnzern erfreuten mich unendlich. Den Besuch
bei dem Grafen und der Grfin, den nrrischen, protegirenden Baron
mochte ich auch sehr gern. -- Aber Jarno und Lothario waren mir zu
kalt vornehm. Es gefiel mir nicht, da Wilhelm sich von den steifen
und stolzen Formen der Convenienz imponiren lie; besonders da ich die
Absicht bei dem Dichter zu bemerken glaubte, der vornehmen Welt das Wort
zu reden. Die Bekenntnisse einer schnen Seele machten mich oft an
meine Mutter denken; -- dehalb waren sie mir lieb, obgleich ich mich in
dieser Welt nicht recht zu Hause fand. Unendlich dagegen entzckte mich
der Harfenspieler und Mignon; in ihren herzergreifenden Liedern erkannte
ich ganz den =ersten= Gthe, in ihrer Schilderung den vollendeten
Meister wieder.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Jean Paul.]

Aber meine nach Liebe drstende Seele konnte sich mit diesen classischen
Dichtungen nicht begngen; ich bedurfte eines unendlichen Dichtermeeres,
in dem mein Geist sich wiegen und in Ahnung, Sehnsucht und Wehmuth,
in Laune und Uebermuth taumeln konnte; und dies fand ich, als O. H.
Mynster mich mit Jean Paul bekannt machte -- und ich seinen Hesperus,
Siebenks und das Campanerthal gelesen hatte. Freilich mute ich mich
hineinarbeiten; viele Gleichnisse und Anspielungen verstand ich nicht;
ich mute ber Haiden gehen, durch Morste waten, und Dornengebsche
durchbrechen, um zu den schnen Oasen zu gelangen, welche mitten in
der Wste der Weitlufigkeit lagen. Aber wenn ich nun dort stand, wie
labte mich die Quelle, wie belohnt fhlte ich mich. Jean Paul hat
ausgesprochen, was kein anderer Dichter auszusprechen wagt. Oft beginnt
er da, wo Andere schweigen, und setzt seine Rede fort, bis sie gleich
himmlischer Musik in den Wolken verschwindet. Welche Kenntni von
Allem, welch tiefer Blick in das menschliche Herz, welch schne Liebe
fr alles Schne! Er hat sich an eine ermdende Manier gewhnt, die ihm
zur andern Natur geworden und wohl auch ursprnglich aus seiner eignen
hervorgegangen ist; aber er sollte sie gebildet und eingeschrnkt haben,
denn auch des Humoristen extravagante Natur lt sich bilden, ohne das
Characteristische zu verlieren. -- Wie freuten mich seine komischen
Figuren, seine Personen, die ungeachtet aller subjectiven Eigenheiten
der Darstellung doch objective Wahrheiten behalten. Der Caplan, Victor,
Flamin, Mathieu, die holde Clotilde, Leibgeber, Agathe, Stiefel. --
Seine Characterzeichnungen erinnerten mich oft an das Bild eines Knigs,
das ich in meiner Kindheit gesehen hatte; es bestand aus lauter kleinen
Sechsen, wenn man es genauer betrachtete, und war doch hnlich. --
Freilich flattert Jean Paul allzusehr in der Morgen- und Abendrthe
umher, verliert sich allzu oft in der Milchstrae und den Nebelsternen;
doch lohnt es sich wohl der Mhe, mit diesem Luftschiffer in dem
poetischen Ballon in die Hhe zu steigen, wenn man auch zuweilen Nichts
vor lauter Wolken sieht und von den Nebeln durchnt wird. Wie viele
schne Morgen- und Abendstunden habe ich nicht mit ihm in dem kleinen
Garten meines Vaters unter dem Kirschbaume zugebracht, der seinen weien
Blthenschnee auf die Bltter des Buches streute. Wie oft habe ich nicht
seinen Namen auf dem Titelblatte bei der Lectre seiner herrlichen
Schilderungen gekt; eine Gewohnheit, die ich stets habe, wenn ein
Verfasser mich hinreit.

                    *       *       *       *       *

O. H. Mynster selbst hatte Jean Paul's Bekanntschaft in Wien gemacht und
ging in den ersten acht Tagen fast nicht aus dem Hause, um vom Morgen
bis zum Abend in seinen Werken lesen zu knnen, obgleich ihm diese groe
sterreichische Hauptstadt noch ganz fremd war.

                    *       *       *       *       *

Gthe sagt in einem seiner Briefe an Schiller: Wenn man nicht sowohl
von Werken, wie von Handlungen, mit liebevoller Theilnahme, mit einem
gewissen poetischen Enthusiasmus spricht, so werden sie so vollstndig
zu Nichts, da es nicht der Rede werth ist. Lust, Freude, Theilnahme
an den Dingen ist das einzige Reale, das wieder Realitt hervorbringt,
alles Uebrige ist nur leer und eitel.

Dehalb, lieber Leser, suche ich jedes Mal, wenn ich von einem neuen
Verfasser spreche, Dir meine Gefhle und die Freude auszudrcken,
welche die Lectre seines Buches mir bereitete; denn das ist ein
wichtiges Stck meines geistigen Lebens. Du wirst leider nur allzu oft
vortreffliche Werke auf den Tischen der kritischen Anatomen finden;
sie schneiden einen groen Mann auf, um den Zuschauern die Breimasse
zu zeigen, mit der er gedacht, den kalten Fleischklumpen, mit dem
er gefhlt hat. Aber ich glaube, da auch ein Kritiker Zeichen von
Phantasie und Herz geben mu, und wer das nicht kann und doch kritisirt,
kritisirt eben ohne Verstand. Man mu mit Geist von Geist, mit Witz
von Witz, mit Phantasie von Phantasie, mit Verstand von Verstand,
mit Kenntnissen von Kenntnissen sprechen. Sonst ist es Nichts! Ein
Kritiker soll auch Knstler, Schngeist, ein edler Mensch sein. Seine
Untersuchung von dem Schnen mu selbst schn, von dem Edlen selbst edel
sein, sonst bringt er ein Dunkel hervor, whrend er Andere aufklren
will; er zerbricht das Kunstwerk mit plumpen Hnden, wundert sich dann
darber, da es keinen Zusammenhang hat, und trgt mehr, als irgend
Einer zur Schiefheit der Gedanken und Gefhle und zur Verwirrung in der
geistigen Welt bei.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Erwachendes Selbstgefhl.]

Whrend ich nun mehrere solch' herrliche Bcher las, ging es mir, wie
Correggio, der das Raphael'sche Bild sah und ausrief: _Anch'io son'
pittore_! oder wie der gute Hans Sachs in Gthe's Holzschnitt:

                 Er fhlt, da er eine kleine Welt
                 In seinem Gehirne brtend hlt;
                 Da die fngt an zu wirken und leben,
                 Da er sie gern mchte von sich geben.

Dieses Gefhl uerte sich auf eine wunderbare, fast komische Weise
eines Abends bei Oersteds, als der Physiker, das Doctor-Examen gemacht
hatte, und einige junge und ltere Mnner der Wissenschaft bei ihnen
waren. Sie sprachen zuerst ber verschiedene gelehrte Dinge. Ich sa
still in einem Winkel, leerte zuweilen mein Glas, fllte die Glser der
Anderen und lie sie reden; wie ich berhaupt selten laut in groen
Gesellschaften bin. -- Nun kam endlich auch die Dichtkunst an die Reihe,
und in Bezug hierauf uerte eine barmherzige Seele ihr Mitleid mit der
dnischen Dichtkunst, da sie seit Ewald's Zeiten so auerordentlich
gesunken wre. Bei diesen Worten erfllt mich Geist und Feuer, ich stehe
rasch auf, trete mitten in den groen Kreis, sehe ihnen Allen khn und
stolz in die Augen und rufe, indem ich mit geballter Faust auf den
Tisch schlage: Ja, es ist wahr, sie ist gesunken, aber sie soll sich,
hol' mich der Teufel, wieder erheben.

Ich hatte damals noch nichts Andres drucken lassen, als einige Lieder
und ein kleines Stck: der zweite April, eine dramatische Situation,
wie ich es nannte. Ich durfte mich nicht beleidigt fhlen, wenn mich
die ganze Gesellschaft ausgelacht htte; aber mochten sie mich nun aus
Gutmthigkeit nicht demthigen, oder glaubten sie vielleicht, in dem
Kerl mu doch Etwas stecken; -- genug, sie schwiegen, blickten mich
verwundert an, und nicht einmal ein spttisches Lcheln strafte mich.
Aber dieser Hochmuth war gerade allein geeignet, mich zu demthigen; ich
schlich mich wieder in meinen Winkel zurck und fhlte, da ich eine
Dummheit begangen hatte. -- Aber Oersteds, meine Freunde, betrachteten
es als eine Prophezeihung. Wir glaubten schon damals gegenseitig von
einander, da Jeder von uns in seinem Fache es weiter als bis zu dem
Gewhnlichen bringen wrde.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Lustige Streiche.]

Wenn ich nun im Klub war, und die groe Bowle geleert wurde, so fllten
die Anderen zuweilen tchtig mein Glas, weil sie bemerkt hatten, da
meine Schchternheit und mein Schweigen verschwanden, und da ich
lustig und gesprchig wurde, wenn ich einige Glser getrunken hatte.
Eines Abends auf der Strae, als wir aus dem Klub gingen, beschuldigte
mich Einer im Scherz, da ich einen Rausch htte. Ich bat gleich die
forteilende Schaar, einen Augenblick zu warten und rief: Meine Herren,
hier mu eine Ehrensache entschieden werden, ehe wir weiter gehen. Mein
Freund dort beschuldigt mich, betrunken zu sein; um ihm und Euch Allen
nun meine Nchternheit zu beweisen, werde ich an jener Leiter, die dort
hngt, auf den Laternenpfahl hinaufklettern und Euch eine Rede halten!

Es war dem Klubhause schrg gegenber, auf einem Platze mit Planken
eingefat, wo die abgebrannte Synagoge gestanden hatte. Ich wei nicht,
ob es Mangel an Geld oder an Gottesfurcht gewesen war, der die Gemeinde
gehindert hatte, die Synagoge wieder aufzubauen. Aber so viel ist gewi,
da daselbst nur ein Plankenwerk mit einem Laternenpfahl stand, an
dem sich nicht einmal eine Laterne, wenigstens nicht an diesem Abend,
befand. An der senkrecht hngenden Leiter kletterte ich also hinauf und
stand oben auf dem kleinen Quadrat des Laternenpfahls, um zu beweisen,
da ich keinen Rausch hatte; ein handgreiflicher Beweis dafr, da ich
gerade einen hatte, denn nchtern wre ich bestimmt herabgefallen, wie
ein Nachtwandler vom Dache, wenn man seinen Namen ruft. Wie ich nun da
oben stand und zur Erbauung der rund umher Versammelten redete, kam
der Wchter und fragte: was ich da zu thun htte? -- Ich antwortete
ruhig: Ich studire Astronomie! Nun wollte er Lrm machen; aber meine
Zuhrer, unter denen mehrere Offiziere waren, riethen ihm, einen jungen
Menschen nicht in seinen Studien zu stren. Er ging seiner Wege, und ich
stieg glcklich wieder herunter, ohne mir Hals und Beine zu brechen.

[Sidenote: Der Dichter Pram.]

In Dreyer's Klub machte ich die Bekanntschaft des Dichters =Pram=,
eines feurigen Norwegers, voller Geist und Herz, mit groen Talenten,
der sich aber mit zu vielen Dingen abgab, als da er es in irgend einem
zur Vollkommenheit htte bringen knnen. Er schrieb nicht nur lyrische
und epische Gedichte, heroische Dramen und Komdien, Singspiele und
prosaische Erzhlungen, sondern auch groe, statistische Abhandlungen;
er war Oekonom im Commerzcollegium, politischer Schriftsteller in der
Minerva und opferte viel Zeit finanziellen Berechnungen. In Allem, was
er unternahm, sah man den Mann von Kopf; aber da er so rasch arbeitete,
hatte er, wie Madame Sevign (und ich glaube Plinius vor ihr) sagt,
nicht Zeit kurz zu sein, sondern drckte sich gewhnlich weitlufig
in schwerflligen Perioden und Parenthesen aus. Ueberhaupt schien er
nicht von der Natur das Talent bekommen zu haben, sich mit Leichtigkeit
auszudrcken. In seinem epischen Gedichte Strkodder stehen besonders
die holprigen Verse und die Weitlufigkeiten vielen einzelnen
Schnheiten im Lichte. Man reist, wie frher, auf dem Steindamme von
Hamburg nach Lbeck. In einigen seiner Theaterstcke und Novellen sind
gute Scenen und Stellen, in denen sich die dnische Nationalitt mit
Humor uert. Sein Gedicht =Emiliens Quelle= ist mir stets als das
hbscheste erschienen.

Dieser vortreffliche Mann kam mir gleich freundlich und vertraulich
entgegen. Wir muten auch Brderschaft mit einander trinken. Ich habe
keinen Menschen gekannt, der einen so hohen Grad von Gutmthigkeit
und Wohlwollen mit einer so aufbrausenden Heftigkeit vereinigt hat.
Aber er meinte nichts Bses damit, und wer ihn kannte, betrachtete
sein Lrmen, wie das Klappern einer Mhle, whrend das nhrende Korn
dabei gemahlen wird. Freilich konnte Der, der den sausenden Flgeln zu
nahe stand, zuweilen auf eine tchtige geistige Ohrfeige rechnen. Er
hatte keinen Freund, dem er nicht die Thr gewiesen und mit Prgeln
gedroht htte; und er hatte doch viele Freunde, und war von Jedem,
der ihn kannte, herzlich geliebt. Alles Inlndische von einigem Werth
schtzte er hoch; aber er war, wie die meisten Dichter damals, aus der
franzsischen Schule und tadelte eifrig Gthe und Schiller; Lafontaine
und Kotzebue lie er dagegen gelten, weil sie keine Opposition gegen den
franzsischen Geschmack bildeten. Hat man nicht auch in Paris lange Zeit
Kotzebue Gthen vorgezogen? Und Menschenha und Reue und die zwei Brder
wurden im _Thtre franais_ gespielt, beweint und beklatscht; eine
Ehre, die kaum Gthe zu Theil werden wird.

Ich hatte eine kleine nordische Erzhlung, die sich jetzt, durchaus
umgearbeitet, in Hroar's Sage befindet: =Erik und Roller=, geschrieben
und wollte gern Pram's Urtheil darber hren. Er bestimmte mir einen Tag
zum Vorlesen. Ich kam zur festgesetzten Zeit, fand ihn aber nicht zu
Hause. Einige Tage darauf besuchte ich ihn wieder, ohne das Manuscript
mitzubringen. Ich begrte ihn freundlich und sagte ihm bescheiden und
ohne Vorwurf, da ich vorgestern nach seiner Erlaubni bei ihm gewesen
sei, ihn aber nicht getroffen habe. -- Was? rief er aufgebracht, --
willst Du auf mich sticheln weil ich nicht zu Hause war? Dann geh'
wieder und fahr' zur Hlle! -- Ich bedachte mich einen Moment, was
ich antworten sollte. In demselben Augenblick kam das Mdchen herein
und stellte eine Tasse Kaffee fr ihn auf den Tisch. Nein, --
antwortete ich nun ruhig, -- ich gehe nicht, sondern ich bleibe hier
und trinke Kaffee mit Dir! -- Das kannst Du auch! -- antwortete er
gleich wieder freundlich gestimmt, indem er mir die Hand zur Vershnung
reichte; und zum Mdchen sagte er: Bring' dem Herrn da auch eine
Tasse! So hatte ich auf eine freundliche Weise den guten Pram darauf
aufmerksam gemacht, da er mein Wirth sei, und sich davor hten msse,
die schne Pflicht der Gastfreundschaft zu bertreten. Nun waren wir
wieder Freunde, aber von der Novelle sprach ich nicht mehr, habe ihm
auch nie wieder Etwas von meinen poetischen Producten vorgelesen;
dagegen erwies er mir spterhin oft die Ehre, meinen sthetischen
Vorlesungen beizuwohnen.

[Sidenote: Deutsche Schriftsteller in Dnemark.]

Die Tragdien des unsterblichen Schiller setzten alle Kenner in
Erstaunen. Bekanntlich waren der Herzog von Augustenburg und Graf
Schimmelmann seine Wohlthter; er sandte ihnen daher stets seine Stcke
im Manuscript, ehe sie gedruckt wurden. Man las sie in einem gebildeten
Kreise vor und beurtheilte sie, und auf diese Weise hatte Schiller hier
in Kopenhagen einige seiner ersten Bewunderer. Aber dies waren Deutsche!
Die Dnen fingen erst spter an, ihn zu verstehen und zu genieen. Alles
mu seine Zeit haben; selbst das Licht bedarf langer Zeit, um seine
Strahlen von den Fixsternen zu den Planeten zu senden; und erst jetzt
beginnt man ja in Frankreich und England Deutschlands groen Geistern
Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen.

Die lteren dnischen Schriftsteller, besonders Thaarup und Pram,
konnten Gthe und Schiller nicht leiden. Rahbek mochte damals nur den
=ersten= Gthe, wie er ihn nannte, den Verfasser Werther's, Gtz' von
Berlichingens, Stella's und Clavigo's. Von Schiller liebte er damals nur
die Ruber, Fiesco und Cabale und Liebe. Spter hat er selbst Wilhelm
Meister und mehrere Stcke bersetzt. Baggesen (den wir frs Erste nicht
mehr zu den Dnen rechnen durften) bewunderte Schiller; aber gegen Gthe
hatte er einen eingewurzelten Ha, der wohl fr den Augenblick gedmpft
wurde, aber bald wieder aufs Neue ausbrach; welches sein Faust beweisen
kann, wenn er ohne sptere Vernderungen gedruckt wird.

Ein junges Blut wie ich, hatte also genug zu thun, um seine, noch nicht
durch philosophische Klarheit befestigten Ansichten im Umgange mit
Aelteren zu uern und zu vertheidigen, deren Gesprche stets seine
liebsten Gefhle verletzten. Mit Pram disputirte ich zuweilen, bis er
rasend und ich hitzig wurde. -- Hre, sagte er einmal, als wir von
Schiller sprachen, wenn ich einem deutschen Unteroffizier sage: Du
sollst mir so ein Stck schreiben, wie Wallenstein, und der Schlingel
es nicht in vierundzwanzig Stunden thut, so hat er siebenundzwanzig
Stockprgel verdient! Nun brach ich in ein Lachen aus, legte die Hand
auf seine Schulter und sagte: Lieber Pram, und wenn man Dich todt
schlge, Du knntest nicht eine einzige solche Scene schreiben. --
Das ist, meiner Treu, sehr mglich, sagte er nun ganz freundlich; ich
habe auch nicht von mir gesprochen. Er brach auch eigentlich nicht in
Zorn gegen Schiller aus, sondern nur gegen mich, den Jngern, der ihn,
den Aeltern, hofmeistern wollte.

Niemals schrieben Pram und Thaarup eine Zeile gegen die groen deutschen
Dichter; sie machten nur zuweilen unberlegt ihrer bsen Laune in Worten
Luft. Bedenkt man dagegen, wie unverschmt und einfltig der Hollnder
Bilderdyck von den groen deutschen Meistern gesprochen hat, so stehen
die Dnen im Vergleich zu ihm mit der Palme in der Hand da.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: O. H. Mynster.]

Mein einziger Trost bei all' diesen sthetischen Anfechtungen waren
Mynsters. Diese, von einem ganz anderen Glauben, liebten Gthe und
Schiller sehr und waren bereits in das Heiligthum eingetreten, um ihre
zartesten Schnheiten zu fhlen.

Hieronymus Mynster hrte mit Geduld meine Verse an, und als Ersatz
lie ich sie ihn corrigiren, es amsirte ihn und seine Bemerkungen
waren grtentheils richtig. -- Wenn ich ihn des Morgens auf dem
Friedrichshospital besuchte und er frisirt wurde, wie es damals Gebrauch
war, fand ich ihn zuweilen in komischer Unterhaltung mit seinem Friseur,
einem ehrlichen Kerl, den er gern mochte, aber doch immer neckte. Oft
sagte Mynster =Ihr= zu ihm, blo weil er wute, da der Andere aus
honnetter Ambition auch Ihr sagen wrde; denn trotz seiner Ehrerbietung
vor Mynster glaubte er doch, da er seiner Ehre solche Repressalien
schuldig sei. Zuweilen wollte derselbe Mann wissenschaftliche Kenntnisse
verrathen, wo er deren nicht besa, und das amsirte Mynster am Meisten.
Sie sprachen eines Tages davon, wie viel Grad es in der vorigen Nacht
gefroren habe. Herr Doctor, fiel nun der Friseur Mynster in's Wort,
-- Grad -- sind das nicht fnfzehn Meilen? Ja, sehr richtig,
antwortete Mynster ganz ernst.

Er und sein Bruder Jakob, oder wie er ihn nannte, Job, schrieben Beide
sehr hbsche Verse, sowohl dnische wie deutsche, in denen immer etwas
Originelles und Geschmackvolles war; aber sie lieen Nichts drucken.
-- Oehlenschlger! sagte Hieronymus eines Tages zu mir, als ich ihn
besuchte, ich habe eine Gespenstergeschichte geschrieben, willst Du sie
hren? -- Ja, mit dem grten Vergngen! -- Nun dann setze Dich!
ich will sie Dir vorlesen, sie ist nicht lang, aber erschtternd! --
Lies, bester Freund! ich bin ganz Ohr! -- Er las:

Es war Mitternacht! Der Mond warf sein schwaches Licht auf die
Marmorbrcke; die eingehllte Gestalt mit dem Korbe unter dem Arm konnte
nicht weiter gehen. Sie setzte den Korb auf den Rand der Brcke und
schaute mit ngstlichem Blick umher, ob Jemand in der Nhe sei. Nur der
Mond blickte mitleidig auf das schne todte Kind -- --

Ja, weiter bin ich nicht gekommen, sagte Mynster ganz phlegmatisch,
indem er sich erhob, legte das Blatt fort und lie mich voller Erwartung
mit offenen Augen und Ohren dasitzen. Das machte ihm nun Spa.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Der Componist Weyse.]

Wer damals nie meine Erwartung tuschte, wenn ich ihn zu Hause fand, war
der Componist =Weyse=. Wir besuchten uns gern und es that uns nur leid,
wenn wir uns verfehlten. Eines Tages, als ich ausgegangen war, fand ich
mit groen Kreidebuchstaben an die Thr geschrieben:

                  Oehlenschlger ist nicht zu Hause,
                  Sitzt vielleicht bei einem Schmause.
                  Weh' mir, rief ich, zehnfach Weh'!
                  Erde zittre, Welt vergeh'!

Weyse sprach damals noch meistens deutsch, und es amsirte ihn, lustige
deutsche Knttelverse zu machen. Sein Humor war sehr angenehm. Er hatte
eine alte, taube Haushlterin, der er auf eine komische Weise ins Ohr
schrie, wenn er ihr Etwas aufzutragen hatte. Sie schrie wieder rger
als ein Papagey; und dieses entsetzliche Lrmen war oft der Vorlufer
zum schnsten Adagio, wenn er sich ans Fortepiano setzte. Seine schne
Melodie zu Thecla's Lied im Wallenstein: Der Eichwald brauset, ri
mich hin, und ich benutzte sie spter im Sct. Hansspiel. Er hatte
begonnen, Bretzner's Schlaftrunk zu componiren, spielte mir viele
herrlichen Nummern daraus vor, und ich versprach ihm, dasselbe fr die
dnische Bhne umzuarbeiten.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Schriftstellerische Versuche.]

In den Stunden, in denen ich nicht Jura studirte oder Latein las,
beschftigte mich besonders die altnordische Mythologie und Geschichte.
Ich las Snorro Sturlesn und Saxo Grammaticus, um Stoff zu einer
Tragdie oder einem heroischen Drama zu finden. Harald Schnhaar's
Geschichte, wo er die Kleinknige bezwang, um die schne Gyda zu
gewinnen, schien mir vortrefflich dazu geeignet, obgleich es nur Stoff
zu einer Reihe von Episoden htte geben knnen. Einige solcher Episoden
schrieb ich, deren eine, von Herlaug (der sich lebendig begraben lt,
um nicht von Harald besiegt zu werden) selbst fast ein Ganzes ausmachte.
Ich zeigte sie Sander. Er lobte, wie gewhnlich, rieth mir aber auch
zugleich, wie gewhnlich, Nichts drucken zu lassen.

Ganz konnte ich dem Verfassergelst doch nicht widerstehen. Ich hatte
einen Musenalmanach =Siofna= herausgegeben, in dem eine Uebersetzung
von Wieland's komischer Erzhlung der Fischer den grten Theil
ausmachte. Ich schrieb sie whrend eines Nervenfiebers, das auch bald
wieder vorber ging. Von meiner nordischen Erzhlung: Erik und Roller
hatte ich mehrere Bogen drucken lassen; Anton Wall's: Adelaide und Aimar
hatte ich bersetzt; dies gab mir spter die Idee zu dem Singspiel: die
Ruberburg. Gthe's Gtz von Berlichingen bersetzte ich auch.

Ich studirte noch etwas Islndisch mit Hlfe von Bjrner's und
Peringskiold's schwedischen Uebersetzungen, wodurch ich auch Schwedisch
lernte. Ich las Alf's, Frithjof's, Rolf Krake's und Welent's Saga. Die
letztere bersetzte ich.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Der Alterthumsforscher Arndt.]

Es ist mir fter begegnet, da, wenn ich eines literarischen
Mitarbeiters bedurfte, er gerade in mein Zimmer trat. So kam diesmal
=Arndt=, eine der merkwrdigen Karrikaturen unsrer Zeit, mit schmutzigen
Wasserstiefeln, einem groben blauen Ueberrock, und den langen gelben
Haaren, die, zwischen den Rock und Ueberrock gesteckt, ihm bis zu den
Hften hinabhingen. Dieser wunderliche Mensch, in Altona geboren, war,
so zu sagen, ein Gespenst des Alterthums, und lebte eigentlich gar
nicht in der Gegenwart. Doch war er von der Natur ausgegangen und hatte
sich zuerst auf die Botanik gelegt; aber bald verdrngten Grabsteine
und Runen die Pflanzen und Blumen. Er war ein Antiquar erster Klasse.
Alles, was da lebte, blhte, sprote und krftig in der Gesellschaft
wirkte, verachtete er; nur die vermoderten Ueberreste, nur die dunkeln
Sagen der halb oder ganz verschwundenen Sprachen liebte er. Ganz Europa
betrachtete er wie eine groe Studirstube, in der er zuweilen etwas weit
umhergehen mute, um Citate zu sammeln. So war er einmal hoch oben in
Finnmarken, um Runensteine abzuzeichnen, als es ihm pltzlich einfiel,
da es doch wohl am Besten wre, wenn er nach Venedig hinunterginge,
um einige griechische Zeilen von einer Statue abzuschreiben, in denen
er etwas Dnisches aus der Zeit der =Wringer= zu finden glaubte.
-- Den Culturzustand und die politischen Institutionen ignorirte er
ganz; und wenn er davon sprach, so geschah es nur, um mit Flchen und
Schimpfworten seinem Herzen Luft zu machen. Auf seinen Wanderungen
quartirte er sich bei Gutsbesitzern und Predigern ein; er lie sich von
ihnen bewirthen, schlief in ihren Betten, vergalt aber gewhnlich ihre
Gastfreundschaft mit Grobheit und Unverschmtheit. Er glaubte, es sei
ihre Pflicht, einem Manne wie ihm, der aus Eifer fr das Alte, allen
Bequemlichkeiten des Lebens entsagte, zu helfen. Ein Dienstmdchen, das
einmal gewagt hatte, seine Stiefeln zu putzen, schalt er heftig aus.
Lasse sie, sagte er, ein anderes Mal meine Stiefeln in Frieden, ich
brauche das dumme Putzen nicht; wenn meine Stiefeln schmutzig sind, so
sple ich sie in einem Bach rein und damit ist's gut. -- Oft bekam er
Schlge und wurde zur Thre hinausgeworfen; aber das kmmerte ihn gar
nicht. Er hatte keinen Freund, keine Heimath. Alle seine Manuscripte
trug er in den Taschen, bis sie ihm zu schwer wurden; dann verbarg er
sie, -- nicht in einer Stadt oder bei einem Bekannten; denn fr ihn gab
es keine Stdte und keine Bekannten; sondern in einem Steinhaufen aus
dem Felde oder in einer alten Ruine, wo er sie wieder finden konnte.

Dieser seltsame Mann kam gerade zu mir, wie ich ber meinen islndischen
Sagen studirte; er half mir bei Einem und dem Andern und verschaffte
mir einen Begriff von der islndischen Grammatik. Um neuere Poesie
kmmerte er sich durchaus nicht; dagegen war ihm jeder Reimbuchstabe,
jedes verdrehte Bild bei den alten Skalden heilig; und da er mit den
Sitten und dem Wesen der nordischen Heldenzeit vertraut war, lernte ich
eine Masse von ihm, und es amsirte mich, mich mit dem Antiquar in das
Dunkel des heidnischen Alterthums, gleich Aladdin mit Noureddin in die
unterirdische Hhle nach der wunderbaren Lampe, zu wagen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: A. S. Oersted wird mein Schwager.]

Ungefhr zur selben Zeit wurde ich durch eine hchst angenehme
Nachricht berrascht. Anders Sande Oersted, der so oft mit mir nach
Friedrichsberg gegangen war, hatte meiner Schwester Bekanntschaft
gemacht; und ohne mir ein Wort davon zu sagen, hatten sie sich auf eigne
Hand verlobt. Die Hochzeit folgte bald darauf. Er wurde Assessor im Hof-
und Stadtgericht, und dies gab unsern gesellschaftlichen Verhltnissen
neues Leben. Htte der gute Oersted damals nur nicht zu sehr, als Folge
zu eifriger Studien, gekrnkelt. Auch meine Schwester litt oft an den
Folgen eines Scharlachfiebers; wenn sie rasch ging, fhlte sie ein
eigenthmliches Klopfen in der Brust, vermuthlich eine Venenverstopfung.
Doch vermochte dies nicht ihre lebhafte Munterkeit zu schwchen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Die Dichterin Frau Koren.]

Damals besuchte uns die Dichterin Frau Koren aus Norwegen mit ihrer
Tochter Sara, einem schnen Mdchen von zwlf Jahren, voll nordischen
Gefhls, Ernstes und Characters. Der Tod raubte dieses holde Kind
wenige Jahre darauf in seiner blhendsten Jugend. Ihre Mutter hatte das
schne Talent, Wohlwollen zu verbreiten, und die Herzen, wo sie hinkam,
einer muntern Geselligkeit zu erffnen. Sie dachte von allen Menschen
gut, sie idealisirte sich in ihrer idyllischen Unschuld; und so zwang
sie Viele wenigstens auf kurze Zeit besser zu sein, als sie wirklich
waren; denn die Menschen sind oft so, wie man sie nimmt. Das wirklich
Gute entging niemals ihrer Aufmerksamkeit! Eine solche Frau ist ein
Schatz in der Gesellschaft! Die schne Eintracht, das freundschaftliche
Verhltni, das sie zwischen Mnnern stiftet, hat wohlthuende Folgen,
selbst lange nachdem sie wieder heimgegangen ist. Du folgtest Deiner
Sara! Deine kleinen Gedichte werden nicht viel gelesen, aber Du hast
ein Band um viele Edle geschlungen, und so lange sie leben, werden sie
Deiner liebevoll gedenken!

                    *       *       *       *       *

Es ergriff mich auch, als ich erfuhr, da mein lieber Lehrer Dickmann
sie in frhern Jahren geliebt habe; aber sie war bereits verlobt und
folgte treu und ergeben ihrem Koren nach Norwegen. In meinem Zimmer und
in meiner Gegenwart sahen sie sich nach vielen Jahren der Trennung zum
ersten Male wieder und es war dies auch das letzte Mal.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Nchtliches Abenteuer.]

Ehe mein Freund =Bull= mit mir zusammen wohnte, hatte ich eine Zeitlang
einen andern guten Freund bei mir, den ich nicht vergessen darf. Mit
ihm bte ich mich viel im Lateinischen. Wir hatten einander sehr lieb,
disputirten aber zuweilen; dann lief er fort und kam wieder, wenn die
Hitze vorbei war. Eines Sommerabends bei schnem Mondenschein zankten
wir uns, ehe wir zu Bett gingen. Er lief wie gewhnlich fort. Ich
dachte: Wo will er hin? es ist jetzt zu spt, um wo anders unter Dach
zu kommen; er kommt gewi wieder. Ich legte mich zu Bett, verschlo
die Thr nicht und schlief ruhig ein. Am nchsten Morgen, als ich
erwachte, und ihn an meiner Seite zu finden hoffte, war Niemand da.
Ich stand auf, setzte mich betrbt an den Theetisch und gerade, wie
ich einschenken wollte, trat er vergngt und munter ins Zimmer. Guten
Morgen, Oehlenschlger! -- Guten Morgen, lieber Freund! wo warst Du
denn heute Nacht? -- Ich war auf Friedrichsberg und habe in einem
Gartenhause im Sdfelde geschlafen. Es war dort ganz charmant. Aber ich
hatte einen curiosen Schlafcameraden; ein Stachelschwein schlief in
einem Winkel desselben Gartenhauses. Ich glaubte erst, es sei Satyre,
weil ich zuweilen auf ihn stichelte; aber es war vollkommener Ernst. Ich
hatte sonst nie von Stachelschweinen im Sdfelde sprechen gehrt. --
Dieser Freund war ein vortrefflicher Mensch, zuweilen aber hatte er ganz
sonderbare Einflle. Wenn er sich erkltet hatte, pflegte er Kampher
in Bier zu thun, dies zu wrmen bis der Kampher zerlaufen war und es
so zu trinken. Aber da er frchtete, da der Kampher beim Schmelzen
verdunste und er dann nur das warme Bier trinken wrde, wollte er es ein
Mal besser machen und brckelte den Kampher wie Brot ins Bier und trank
dies dann mit den Stcken. Die Folge hiervon war, da er in der Nacht
ganz verstrt im Kopfe erwachte. -- Damals schlief er nicht mehr bei
mir. -- Sein Zimmergenosse glaubte, er habe den Verstand verloren. Man
fuhr ihn in diesem Zustande zum seligen Professor Bang nach dem Hospital
hinaus. Auf Knigs-Neumarkt glaubte der Freund drei nackte Nymphen in
der Neujahrsnacht im Schnee tanzen zu sehen, obgleich es im hohen Sommer
war. Als er zum Professor kam, der aus dem Bett geholt wurde, sagte
er: Ach Herr Professor! es begegnet Ihnen heute Nacht ein Zufall mit
einem Menschen, dessen Gleichen Sie in ihrem Leben nie gekannt haben.
-- Ach, lieber gar, antwortete der alte Bang verdrielich, weil er in
seiner Nachtruhe gestrt war; 's ist ja eine reine Bagatelle, fahren
Sie nur nach Hause und schlafen Sie den Rausch aus; morgen ist's
vorbei. Und trinken Sie knftig nicht Bier mit Kampher. Der Doctor
hatte Recht; am nchsten Mittag a der Patient mit uns und hatte einen
so guten Appetit, als wenn gar Nichts passirt wre.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Erste Bekanntschaft mit Steffens.]

Ein frherer Kaufmann Richter hatte ungefhr zu derselben Zeit eine
Restauration auf Knigs-Neumarkt etablirt, wo man sehr gutes Beefsteak
a und sehr guten Rothwein trank. Dort sa ich eines Mittags, als mir
Jemand leise auf die Schulter klopfte. Ich wandte mich um und sah O.
H. Mynster hinter meinem Stuhle mit einem jungen schlanken Manne, der
ein schnes Gesicht voller Leben und Geist hatte. Darf ich Dich,
sagte Mynster zu dem Fremden, mit einem jungen Manne bekannt machen,
der schon mehrere Gedichte herausgegeben hat? Ich habe bereits
einige davon gelesen, sagte der Fremde hflich. Du sprichst mit Dr.
Steffens, sagte Mynster. Ich sagte dem Herrn Doctor wieder einige
hfliche Worte und er ging mit Mynster fort.

Spter erzhlte Sander mir, da Steffens ein eifriger Anhnger, ein
wichtiges Mitglied der sogenannten neuen Schule sei und man sich sehr
vor ihm in Acht nehmen msse. Dies nahm ich mir _ad notam_.

Mehrere Abende darauf traf ich ihn in Dreyer's Klub. Er sprach viel,
uerte mit Beredtsamkeit und Khnheit viel neue Ansichten, wodurch
uns die Haare zu Berge stiegen; und wir staunten ebenso sehr, wie der
Kster und der Voigt in Erasmus Montanus, wenn dieser beweisen will, da
die Erde rund und der Kster ein Hahn sei. Ich spielte gewissermaen
des Ksters und des Voigts Rollen und fand in meinem Gewissen, da
Steffens Unrecht habe; aber ich war ihm in der Disputation nicht
gewachsen und meine philosophischen Kenntnisse waren zu schwach, als
da ich mich mit diesem muthigen Kmpen auf das Glatteis htte wagen
sollen. Doch that ich, was ich konnte und war der Einzige von allen
Anwesenden, der ihm zu widersprechen wagte. Er behauptete unter Anderm,
da Lessing kein wirklicher Dichter sei, und ich, der Lessing liebte,
suchte das Gegentheil auf alle nur mgliche Art zu beweisen. -- Als
Steffens gegangen war, lobten meine Glaubensverwandten mich und sagten,
da ich die gute Sache gut vertheidigt habe. -- Ich sagte: Hrt Kinder,
Ihr irrt Euch, wenn Ihr glaubt, da ich immer mit diesem Manne streiten
will. Ich fhle es, Steffens und ich wir werden die besten Freunde
werden. Mag er auch in Einigem Unrecht haben, aber welche Beredtsamkeit,
welche Begeisterung, welches Feuer! welchen Verstand und Witz hat er!
-- Damit waren die Anderen nur wenig zufrieden, ich aber suchte ihn bald
auf.

Da er sich wie ein neuer Ansgarius vorgenommen hatte, unsere
Schngeister und Philosophen im Norden vom Irrglauben abzuwenden, so war
es ihm wohl auch recht lieb, einen jungen kecken Heiden zu treffen, der
ihm fr seinen Plan helfen konnte, wenn er selbst erst getauft war. Ich
besuchte Steffens. Er wohnte in einem wunderlich alten Saal mit seltsam
gemaltem Getfel; Jakob Bhme's Aurora lag aufgeschlagen auf dem Tische.
Er fing mit mir um elf Uhr Vormittags an zu sprechen, und so fuhren wir
bis drei Uhr in der Nacht fort, also volle sechszehn Stunden. Indessen
aen wir Beefsteak, tranken Wein bei Richter, gingen nach Friedrichsberg
und im Sdfelde umher, von dort nach Kopenhagen, wo ich bei Steffens
schlief aber im Traum aus dem Bette sprang und lrmte, nachdem ich etwas
geschlummert hatte. Den Morgen darauf nach dem Frhstcke ging ich nach
Hause, setzte mich gleich hin und schrieb das lyrische Gedicht =die
Goldhrner=, um Steffens zu beweisen, da ich ein Dichter sei, worin
er nach den einigen Gedichten, die er bereits gelesen, noch Zweifel
zu setzen schien. Er gestand, da er nach dem Gedichte was er gesehen,
zu schlieen, mich sich als einen alten ausgelebten Mann mit Zopf und
Percke gedacht habe. Dies war nmlich das satyrische Gedicht an Apoll,
nach alter Form zugeschnitzt, aber doch nicht ohne Salz; ich habe es
dehalb trotzdem spter in meine Sammlungen aufgenommen.

Aus der Kunstkammer waren kurz vorher die zwei uralten Trinkhrner
gestohlen und von dem Diebe eingeschmolzen worden, so da sie auf ewig
fr die Nachwelt verloren gingen. Dieses Ereigni fate ich allegorisch
auf und erzhlte da die Hrner zum Lohn fr treues Alterthumsforschen
gefunden, aber wieder von den Gttern fortgenommen seien, weil man
keinen Sinn fr ihren wahren Werth gehabt und sie nur neugierig wie
andere Curiositten begafft htte.

Ei mein Bester, sagte Steffens, als ich ihm das Gedicht vorgelesen
hatte, Sie sind ja wirklich ein Dichter. Ich antwortete ihm, da ich
es fast selbst vermuthete. Nun nahm er sich meiner sehr eifrig an, und
wir waren von dem Tage an unzertrennlich.

Ich habe Niemand mehr geliebt als Steffens, und er verdiente es, denn
er war in hohem Grade liebenswrdig, phantasiereich, verstndig und
gefhlvoll. Er uerte keine Ansicht, in der ich nicht in reiferen
Jahren etwas Wahres und Schnes gefunden htte; und waren seine
Aeuerungen auch zuweilen bertrieben, so mu man dies theils der Natur
der Opposition zuschreiben, welche leicht verleitet wird zu weit zu
gehen, theils seiner feurigen Jugend.

Das Erste, wodurch er mein Herz gewann, war seine Ehrerbietung und Liebe
fr die Poesie; dies uerte er nicht nur begeistert, sondern deutete
und bewies auch mit philosophischer Klarheit den Werth der Poesie.

Ich hatte dies stets gefhlt, aber es war mir noch nie geglckt, die
geahnten Wahrheiten in deutliche Begriffe zu fassen. Stets hatte ich
mich tief in meinem Herzen gekrnkt gefhlt, wenn ich die Poesie von
Leuten von Bildung zu einer hbschen Nebensache herabwrdigen hrte,
mit der ein Talent sich in seinen Freistunden beschftigen knne, wenn
es erst die besten Krfte dem Ntzlichen geopfert habe. Die Poesie war
unntz, das Ntzliche war das Beste; also kam der Kunst ihrer Natur
nach ein untergeordneter Rang zu. Die Phantasie, ja selbst das Genie
rechnete man zu den niedrigeren Seelenkrften! Zuweilen lie ich mich
von diesen Sophismen blenden, und dann konnte ich in der Einsamkeit
darber weinen, da die Natur mich zu etwas durchaus Untergeordnetem
bestimmt habe. Oft dachte ich: Es ist doch seltsam! Um die Kunst
auszuben, die doch nur ein Spielwerk im Leben ist, bedarf es seltener
Naturgaben; um ein ntzlicher Brger im Staate zu werden, bedarf es nur
des Fleies und des gesunden Menschenverstandes. Und doch ist dieser
edler und ehrwrdiger. Wunderbar! Ganz gegen den gewhnlichen Gang der
Dinge. Doch es mu wohl auch so in der Natur sein; der Apfel ist gewi
edler als die Rose, weil man den Apfel essen und die Rose nur riechen
kann; und Kartoffeln und Erbsen sind gewi wieder edler als die Frchte,
weil man sich an jenen, nicht aber an diesen satt essen kann.

Steffens lehrte mich bald das Schiefe dieses Schlusses einsehen, das
daher kommt, da man das Ntzliche als das hchste Ziel des Menschen
betrachtet und das Nothwendige mit dem Hchsten vermischt. Bald sah
ich ein, da das Ntzliche nur eine Bedingung fr unsere irdische
Natur sei, damit wir als Menschenthiere gesund und bequem leben und
gedeihen knnten; aber unser berirdisches Ziel als Menschengeister ist
Kenntni, Genu und Ausbung des Wahren und Schnen, zu welcher Kenntni
und Ausbung in der hhern Bedeutung wir nur durch Wissenschaft und
Kunst gelangen knnen. Auch hier sah ich bald ein, da die Ausbung
des Schnen nicht der subjectiven Anschauung untergeordnet ist; da
gerade das Wahre und Gute darin besteht, da man das Schne in allen
Verhltnissen der Natur erkennt und ausbt.

Aus diesem Irrglauben des Ntzlichen konnte man nun leicht alle
Migriffe und schiefen Ansichten der Zeit herleiten, z. B. die
bertriebene Achtung vor der sogenannten Aufklrung, welche nicht in
einer wahren Aufklrung, sondern in einer egoistischen Vergtterung
der Zeitansichten bestand; wozu gehrte, Alles zu verachten, was Bezug
auf Phantasie und hhere Idee hatte und dem Triviellen und Alltglichen
einen phantastischen Werth beizulegen.

[Sidenote: Die neue Schule.]

Diese Irrthmer hat die neuere Schule gut bekmpft, doch wenn es
zur Selbstthtigkeit kam, so verfiel sie oft in entgegengesetzte
Uebertreibungen.

Sie hatte vollkommen Recht darin, da man frher das Poetische und
Schne des Mittelalters weder richtig gekannt noch geschtzt hat. Sehr
viel Lob verdienen die Sprachforscher und Dichter der neuern Schule,
welche alte Bcher und Bilder aus dem Klosterstaube hervorholten und
von ihnen genhrt und begeistert, selbst Werke schufen, in denen das
Schne des Mittelalters neugeboren und idealisirt erschien; aber man
hatte Unrecht, wenn man Alles im Mittelalter schn fand, blind fr alle
die Tollheiten und Grausamkeiten der dunkeln Jahrhunderte war und uns
einbilden wollte: da die Zeit seitdem zurckgegangen sei und da wir
nichts Besseres thun knnten als knstlich wieder romantische Barbaren
zu werden.

Es war rhmenswerth, da die Minnelieder und Heldengedichte der
Ritterzeit herausgegeben wurden, da man auf den nationalen Character,
das heroische Geprge, den Wohlklang in der Sprache und die vielen
einzelnen schnen Stellen in diesen Gedichten, die nicht besser sein
konnten, aufmerksam machte; aber Unrecht war es, unendlich lange
Reimchroniken, in denen Monotonie und Wiederholungen herrschten, als
vollendete Meisterwerke zu rhmen; whrend man unbarmherzig und streng
gegen alles Neuere war und Vieles in unsrer Zeit, in dem doch viel
Schnes war, verkannte und verurtheilte.

Recht und billig war es von den Protestanten, den alten Groll fahren
zu lassen und das Schne selbst in dem katholischen Gottesdienste zu
bewundern; denn der Protestantismus war zu weit gegangen, und im Geist
der Bilderstrmer protestirte man zuletzt gegen alles Poetische, das
sich doch so herrlich mit der Religion verbindet und sie strkt.
Es war nicht mehr die Rede von schnen Kirchen, von Gemlden darin,
von einer herzergreifenden, erhebenden Musik, von poetisch rhrenden
Gesngen des christlichen Alterthums. Ein hlich melancholischer
Geist hatte sich vieler Protestanten bemchtigt. Sie betrachteten das
Leben, gleich fanatischen Mrtyrern, wie ein Jammerthal, ohne Kraft
und Freuden; nur noch mit halb wahnwitzigen Augen starrten sie auf
Tod, Grab, Blut, Verwesung, Vernichtung. Die neuere Schule zeigte das
Poetische, das =Heiter-Schne= in dem katholischen Gottesdienste, und
daran that sie Recht. Aber sie hatte Unrecht, wenn sie Luther's groen
Schritt zur Verbesserung verkannte, wenn sie blind fr die Lehren
neuerer philosophischer Christen war, und ihre vernnftigen Ansichten
thrichte Aufklrungen nannten; wenn sie das Kindisch-Spielende, oft
Geschmacklose in den katholischen Ceremonien der einfltig ernsten
Gre des geluterten Christenthums vorzogen; wenn sie einen plumpen
Khlerglauben ber Willenskraft und Tugend setzten, die Herzensgte und
milden Gefhle als dumme Sentimentalitt ausschalten, und Toleranz oder
billige Schonung zu einem Scheltnamen machten, der laue oder schlechte
Gleichgltigkeit bezeichnen sollte.

So waren damals die Ansichten der Schule, so glaube ich wenigstens, sie
verstanden zu haben. Uebrigens hatte Jeder seine eigenen Ansichten,
Steffens auch die seinigen, und sein liebevoller Sinn, sein leicht
bewegliches Herz konnten keinen Hang zu Hrte und Klte haben, so wenig,
wie sein wissenschaftlicher Blick fr die Natur ihn einseitig schwrmen
lie.

Gerade sein poetischer, fr jeden Gegenstand offner Sinn, der muntre
Witz, mit dem er die Pedanterie und den Eigensinn verspottete,
gewannen mein Herz. Er hielt naturphilosophische Vorlesungen, auch
Vorlesungen ber Goethe's Werke, wodurch ich Vieles in den Gedichten
dieses groen Meisters besser verstehen lernte. In mehrere Dinge
legte Steffens eine philosophische Bedeutung, in denen ich vorher
nur die schne Darstellung des Wirklichen oder Gedachten bewundert
hatte. Ich bin spter zu dieser ersten Anschauung zurckgekehrt, und
glaube nicht, da ein wahrer Dichter gewinnt, wenn man seine Poesie in
Philosophie bersetzt. Eine Idee, ein Hauptgedanke mu wohl das Ganze
zusammenhalten, aber die ideale, geniale Darstellung, Erfindung und
Gefhl des schnen individuellen Menschlichen sind und bleiben die
Hauptsache der Dichtkunst.

Gthe's Faust, sein philosophischestes Werk, war auch Steffens'
Lieblingsgedicht, und er uerte Vortreffliches darber. Steffens eigner
poetischer Geist zeigte sich bereits hier in einem philosophischen
Gewande; und ohne selbst Dichter zu sein, wrde er mich wohl auch nicht
so ganz gewonnen haben; denn obgleich ich mir Kant's, Fichte's und
Schelling's Hauptansichten und Hauptgedanken von meinen philosophischen
Freunden in die Volkssprache, d. h. in die Muttersprache bersetzen
lie, und sie auf diese Weise recht gut kannte und begriff, war es
mir doch eine Unmglichkeit, mich selbst durch die terminologischen
Systeme der =reinen Vernunft=, der =sthetischen Urtheilskraft=, der
=Wissenschaftslehre= und des =Idealismus= hindurchzuarbeiten. Ich
verstand leicht, was ich las; aber ich hatte nicht Geduld genug, um
lange in diesen Bchern zu lesen; es ging mir zu langsam, die Form sagte
mir nicht zu, und oft schien es mir auch, da die Verfasser von dem
geraden Wege, dem rechten Ziele abwichen, um auf einem langen Umwege zu
einem anderen Ziele zu kommen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Novalis und Tieck.]

Steffens Lieblingsdichter, =Novalis= und =Tieck=, las ich gern und oft.
Wie freute mich Novalis mit seiner schnen, religisen Sentimentalitt,
und die Stellen in Heinrich von Ofterdingen, in denen Eltern, Shne,
Natur und Bergmannswesen so lebendig geschildert werden. Auch die blaue
Blume winkte mir, als ich mich ein paar Jahre lang zu einer gewissen
mystischen Schwrmerei hingezogen fhlte. =Tieck= war nun ganz anders!
Von Wackenroder und Novalis hat er freilich eine milde Herzlichkeit
geerbt, welche sich in dem kunstliebenden Klosterbruder und Sternbald's
erstem Theile ausspricht. Aber nach dem Tode jener Freunde pochten
Phantasie und Humor auf ihr mitgebornes Recht.

Besonders erquickten mich dieses romantischen Aristophanes gestiefelter
Kater, seine verkehrte Welt und Zerbino. Seine Mrchen amsirten
mich auch unendlich. Hier gebrauchte er nun freilich oft statt eines:
_Deus ex machina_ einen: _Diabolus ex machina_, den er, um die poetische
Gerechtigkeit (die er als alte Mode verwarf) zu rgern, meistens berall
triumphiren lt. Durch diese neu erfundne =poetische Ungerechtigkeit=
wirkten seine Mrchen noch strker, als die schnen phantastischen
Scherze des Musus. Und freilich giebt es nur zwei Arten, mit dem Teufel
umzugehen: entweder man lacht ihn aus oder man bebt vor ihm. =Hoffmann=
hatte spter versucht, dieses Lachen und Beben in einem grinsenden
Zhneknirschen zu vereinen, das (wenn es nicht zu grimassirt ist) seine
Wirkung nicht verfehlt.

Was ich bei Tieck auch sehr liebte, war seine Vorliebe und Kenntni
des Mittelalters, die seinen Schilderungen ein warmes eigenthmliches
Colorit giebt. So wie Talma ein echt griechisches Costm auf der
franzsischen Bhne einfhrte, so kann man sagen, da Tieck ein der
Ritterzeit wrdiges Costm in die deutsche Poesie brachte, wo man
sich bisher mit Veit Weber'schen Plmagen auf den Helmen aus den
verschiedensten Zeiten begngt hatte. Goethe stellte in seinem Gtz
und seinem Faust die Umrisse von Luther's Zeit dar; Tieck ging bis
zur Blthezeit der Minnesnger und noch weiter zurck. Wie herrliche
alte Bilder hat er uns nicht in seinem getreuen Eckart, den
Haimonskindern, der frommen katholischen Genovefa gegeben. In seinem
Octavian sind Clemens und Florens echt komische Charaktere.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Neue Dichtungen.]

Ich habe bereits erzhlt, da ich vor Steffens' Ankunft in Kopenhagen
mehrere Bogen von meinem Erik und Roller hatte drucken lassen. Diese
cassirte ich alle, weil ich nun einen andern Geschmack bekommen hatte.
Statt also Geld zu verdienen, mute ich 150 Thaler an Drucklohn und fr
empfangnes Honorar zurckbezahlen.

Dies war keine Kleinigkeit fr einen jungen Mann, der Nichts besa.
Aber mit einem andern Buchhndler, Herrn Brummer, hatte ich ein
Uebereinkommen getroffen, da er einen Band Gedichte von mir herausgeben
sollte. Glcklicherweise war hiervon noch Nichts gedruckt. Steffens
verwarf, mit Ausnahme einiger Kleinigkeiten, auch diese ganze Sammlung;
aber mein Buchhndler kannte den Inhalt der Sammlung nicht. Ich setzte
mich also hin, schrieb ihm in grter Eile statt der verworfnen eine
neue Sammlung, die ich ihm zur rechten Zeit lieferte, ohne ihm ein Wort
davon zu sagen.

Hier hatte ich viele unserer alten Kmpeweisen zu greren Romanzen
bearbeitet. Ich fhrte den Ottaverim, so wie spter die Terzine, die
griechisch-dramatischen Versarten, die nordischen Reimbuchstaben und
die Verse aus dem Heldenbuche und dem Niebelungenliede, in die dnische
Poesie ein. Die Hauptarbeit in der 1803 herausgekommnen Sammlung war
das Sct. Hansspiel, das zwar etwas an Gthe's Fastnachtsspiel und die
Tieck'schen Satyren erinnert, aber doch originell ist, theils durch
seine eigne Form, theils weil es den Sommerscherz unsres Thiergartens
darstellt. Zum Schlu hebt die Dichtung sich zu einer erotisch ernsten
Nachtscene, die sich auf eigenthmliche Weise mit dem Ganzen verbindet.
Diese Gedichte machten Glck und schafften mir einen Namen unter den
dnischen Dichtern.

Aber sie verschafften mir auch manche Feinde, weil Einige, die viele
Freunde hatten, sich von den satyrischen Einfllen in dem Sct.
Hansspiele getroffen fhlten. Die alte poetische Schule hob sich
natrlich gegen die Ansichten der neueren. Man fand den Spott ber das
Ntzliche und die Aufklrung ungerecht, und die Huldigung der alten
Phantasieen gefhrlich und unvernnftig.

Doch fand ich auch Freunde. Unter Anderen den spteren Probst Holm,
der mich immer gern gehabt hatte. Kurz nachdem ich das Sct. Hansspiel
geschrieben, eines Tages sehr bescheiden und verlegen in Dreyer's Klub
eintrat und mich mit dem Rcken gegen die Wand in einen Winkel stellte,
-- sagte Holm lchelnd: Der steht da, bei Gott, als ob er nicht bis
fnf zhlen knnte.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Baggesen's deutsche Gedichte.]

In dieser Zeit (1803) kamen Baggesen's deutsche Gedichte heraus, unter
denen das an Gthe mich in hohem Grade emprte. Meine groe Begeisterung
fr Baggesen, die einer frhern Periode angehrte, war sehr verdunstet.
Hieran war nun allerdings zum Theil die neuere romantische Schule
schuld, welche mich dahin brachte, mit jugendlicher Einseitigkeit einen
groen Theil Dessen zu verwerfen, was mich frher entzckt hatte, und
das spter wieder, wenn auch nicht gerade mich entzckte, so doch
mir sehr gefiel. Aber reifere Jahre, ein klarerer Blick und besserer
Geschmack hatten meine Augen auch fr Vieles geffnet, dem gegenber ich
frher blind gewesen war, und so fiel mir zuerst Baggesen's Affectation
in die Augen. Diese hatte ich bereits frher einstimmig von allen seinen
lteren Freunden und Bekannten tadeln gehrt, und hieher pate eine
Anecdote, die Rahbek gern erzhlte. Als er als Student bei seinem Vater
in der groen Knigsstrae in einem Parterrezimmer neben dem Thorwege
wohnte, pflegte oft der eine oder der andere gute Freund die Nacht bei
ihm zuzubringen, wenn der Freund seinen eignen Hausschlssel vergessen
hatte. Dann wartete er entweder auf Rahbek, der auch spt nach Hause
zu kommen pflegte, oder klopfte so lange ans Fenster, bis ihm geffnet
wurde. Zuweilen hatte Rahbek auch seinen Schlssel vergessen, aber
dann pflegte er eine Scheibe einzuschlagen, das Fenster zu ffnen,
hineinzusteigen, und, ohne sich weiter um den Zugwind zu kmmern, zu
Bett zu gehen. Eines Abends, als Rahbek aus einer lustigen Gesellschaft
kam, fand er Baggesen pathetisch melancholisch im Mondschein vor der
Hausthr auf- und abschreiten. Rahbek begrte ihn, und fragte ihn, ob
er bei ihm schlafen wolle. Aber Baggesen antwortete finster: Ich gehe
ins Wasser. Rahbek schwieg und ging hinein, Baggesen folgte ihm. Rahbek
kleidete sich aus, Baggesen ging im Zimmer auf und ab.

Weit Du was, sagte Rahbek, als er unter dem Deckbett lag, und
Baggesen noch keine Miene machte, seinem Beispiele zu folgen; magst Du
nun zu Bett oder in's Wasser gehen, jedenfalls sei so gut und lsche das
Licht aus, wenn Du gehst! Er wandte sich um und schlief ruhig ein. Am
nchsten Morgen lag Baggesen im sen Schlummer ihm zur Seite.

[Sidenote: Polemik gegen Baggesen.]

Ich sagte, da Baggesen's Gedicht an Gthe mich im hohen Grade emprte;
dies gab mir Veranlassung zu einigen Satyren gegen ihn, die ich jedoch
nur meinen Freunden vorlas. Mehrere Jahre darauf war wieder sein Faust,
ein groes Spottgedicht gegen Gthe, die erste Ursache zu seiner
Feindschaft gegen mich, weil ich ihm meine Indignation darber bezeugte,
auf diese Weise einen groen Mann zu verhhnen. Um Gthe's Willen also
hatte ich diese vieljhrigen Verfolgungen zu ertragen. Nie aber habe
ich es diesen wissen lassen; ich mute es auch viele Jahre hindurch
ertragen, da Gthe mich ignorirte und mich endlich in einigen Briefen
an Zelter (die ein Mann, der sich frher mein Freund genannt, und dem
ich keinen Strohhalm in den Weg gelegt hatte, Dr. Riemer, kleinlich
genug war, herauszugeben) _ la_ Baggesen behandelte. -- In Baggesen's
grbster Periode gegen mich, rchte ich mich nicht dadurch, da ich
diese Gedichte drucken lie. Ich frchtete, da man glauben wrde, ich
htte sie geschrieben, um mich zu rchen, da sie doch nur aus Liebe zu
einem groen Dichter und aus Mibilligung gegen Baggesen's Wesen, mir
persnlich aber durchaus fremd entstanden waren.

Nun, da er todt ist, da ich meine Lebensbeschreibung vervollstndige,
in der mein Verhltni zu Baggesen ein wichtiges Capitel ausmacht, das
die Leser der Nachwelt interessiren kann, und da man einen groen Theil
seiner schlimmsten Angriffe gegen mich in seinen Werken hat drucken
lassen, ist es nthig, da die Wirkung dieses Giftes durch ein Gegengift
neutralisirt werde.

Man wird brigens sehen, da diese Arbeiten, in den Jnglingsjahren
geschrieben, weit mehr bermthig, als giftig sind. Nicht Baggesen's
Humor und Witz, seine augenblickliche Grazie, seine sinnreichen Einflle
und seine brillante Phantasie sind darin angegriffen; sondern er wird
als =Geschmacksrichter= und als =sublimer= Dichter behandelt.

                             =An Baggesen.=
                 (Als er Gthe heruntergerissen hatte.)

                   In Corser auferzogen,
                   Kamst Du zur Stadt geflogen,
                   Du warst ein muntres Kind.
                   Wie Holberg Wessel frbte,
                   So dieser Dir vererbte
                   Die Farbe ganz geschwind.
                   Mit Kallundborg, Corser Du
                   Hast leer die Mus' gemacht;
                   Doch hast zu groer Ehr' Du
                   Es durch dies Werk gebracht.

                   Dann satt den frnk'schen Wust --
                   Schriebst Holger Du mit Lust, --
                   Nicht allzu dnisch just;
                   Ich hrte gar vermuthen
                   Da Erik auch dem Guten
                   Ganz fehlt die dn'sche Brust.
                   Den Ersten parodirt man, --
                   Das war ein bitt'rer Trank,
                   Den Zweiten pardonnirt man,
                   Weil gut war der Gesang.

                   Zu Zeiten Thrnen rinnen,
                   Wir Stellen lieb gewinnen,
                   Wo's viel des Wassers giebt. --
                   Ja, ich gesteh's mit Schmerze,
                   Dich, guter Mann, mein Herze
                   Hat einstens sehr geliebt.
                   Mut' Deine Triller schlagen,
                   Ich summte Deinen Sang,
                   Doch vom Verstand zu sagen --
                   Der war kaum Ellen lang. --

                   Oft mchte man entweichen
                   Nach Sirius' fernen Reichen
                   Und zu den Sonnen weit;
                   Man liebt die Eminenzen,
                   Das sind Reminiscenzen
                   Noch aus der Kinderzeit.
                   Sah ich Dich aufwrts fliegen,
                   Da dacht' ich: Gott der Welt,
                   Wie hoch ist der gestiegen,
                   Ohn' da er niederfllt?

                   Du schenkt'st mir Deine Leyer,
                   Als Zucker, Rum und Eier
                   Die Herzen uns erweicht.
                   Ich klimperte so schchtern --
                   Doch bald ward mir's zu nchtern,
                   Bald ward es mir zu seicht.
                   Der Herr zu meinem Glcke
                   Schenkt' mir Barmherzigkeit,
                   Er ffnet' mir die Blicke, --
                   Ich warf die Lyra weit.

                   Das konnt'st Du nicht vertragen,
                   Die Gab', hrt' ich Dich sagen,
                   Htt' schlecht ich angewandt.
                   Wie Gtz von Berlichingen
                   Htt' ich mit ihrem Klingen
                   Dir fast sie heimgesandt,
                   Gleich ihm gesagt: Im Leben
                   Hast Du mich nicht gekannt;
                   Drum will zurck ich geben,
                   Die Du mir gabst, die Hand.

                   Doch dacht' ich, alle Teufel,
                   Der Mann hat ohne Zweifel
                   Doch sicherlich Talent.
                   Er geht als Scheerenschleifer
                   Umher mit vielem Eifer
                   Und singt dann excellent.
                   Doch wie den Schmerz ich tdte,
                   Als ich die Wund' verga --
                   Sah ich Dein Lied an Gthe
                   Und staunte, da ich's las.

                   Was? =Er= singt fr den Pbel?
                   Solch wurmzerfress'nes Mbel
                   Wagt an den Helden sich?
                   Du, =Jens= fr Weib und Dirne,
                   Tief in den Staub die Stirne
                   Vor Gthe, pat fr Dich,
                   Der gleich dem Fisch sich windet
                   Im salz'gen Thrnenmeer!
                   Jens Baggesen verschwindet!
                   Jens lebt jetzt gar nicht mehr!

                   Da sah in einem Zimmer
                   So fern vom Tagesschimmer
                   Ich eine Frau allein.
                   Sie konnte nicht vertragen
                   Des Morgens schnes Tagen,
                   Und nicht den Sonnenschein.
                   Mit ihrem Blick, dem matten,
                   Und ohne Lebensspur
                   Sa sie im dunkeln Schatten
                   Und liebt das Dmmern nur.

                   Da schwand mein ganzes Grollen.
                   Gott mge helfen wollen!
                   So sehr beklagt ich dies.
                   Lat ihn in Frankreich bleiben
                   Und deutsche Lieder schreiben
                   Auf Holstein'sch in Paris.
                   Denn schon als kleiner Schlingel
                   Hast Du vor Freud' gelacht,
                   A'st Du Pariser Kringel,
                   Die hier zu Haus gemacht!

                    *       *       *       *       *

                          =An Baggesen= (1804).

               Als lust'ger Slaglosianischer Student
               Warst Du excellent,
               Und wirklich ein kom'scher Scribent.
               Da fielst Du -- Gott helf' in der Noth --
               In Vierlnd'schen Koth.
               Strecktest aus dem Mist empor die Glieder,
               Wolltest Etwas und verga'st es wieder;
               Nanntest Vo, Virgil, Racine --
               -- Gott schtz' ihn! --
               Um Dich nun aus dem Schlamm herauszuwlzen,
               Klopstockst Du umher auf Stelzen;
               Dnkst Dich 'nen Homer von Profession,
               Statt, lieber Mann,
               Was Du bist, was man Dir lassen kann,
               Einen lust'gen Patron!
               Schreib vom Jeppe doch immer!
               Homer wirst Du nimmer.
               Soll wieder blhen des Alterthums Kranz
               In seinem vollen Glanz
               Da bedarf's mehr, als der Plaisanterie,
               Des Decorums und Kant'scher Philosophie.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Satyre gegen Pavels.]

Ein lterer, etwas einseitiger Literatus, brigens ein guter,
einsichtsvoller Mann, und frher und spter mein Freund, =Pavels= (als
Bischof von Bergen gestorben) schrieb eine harte, und nach der Ansicht
der meisten Sachverstndigen, schiefe Kritik ber meine Gedichte.
Ich rchte mich wider meine Gewohnheit durch eine Satyre, die ich
hier mittheile, insofern sie das Verhltni schildert, wie ich als
kmpfender, aufbrausender Jngling zu den anders denkenden Dichtern und
Literatoren jener Zeit stand.

              Da in den Liedern Du die Spur
              Nicht fand'st von Mythen der Natur,
              Das kann ich allenfalls begreifen.
              Auch will ich die Erklrung sparen,
              Denn mcht' ich Dir's auch offenbaren,
              Es wrd' fr Dich an's Myst'sche streifen.

              Da Shakespeare, voll Verstand, doch keinen
              Geschmack gezeigt, -- das will ich meinen;
              Nie schrieb er solche Recension!
              Nicht =der= Geschmack wrd' ihm behagen,
              Schmeckt er ihn jetzt in unsern Tagen,
              Der ungehobelte Patron.

              Du Gthe prf'st mit krit'schem Stahl,
              Und nennst ihn tadelnd sent'mental.
              Er braucht den Rath! Ich bill'ge das!
              Das fllt, mir scheint's, mit dem zusammen,
              Als sprch' das Wasser zu den Flammen:
              Mein Herr! Sie sind doch gar zu na!

              Du sagst, da ich Homer verachte,
              Wenn Das, was ich in Verse brachte,
              Ihn nicht copirte affectirt.
              Du willst nicht, da ein Band sich bilde
              Um Nordens Kraft und Sdens Milde, --
              Das hat mich wenig nur gerhrt.

              Dem wahren Dichter ward's gegeben
              Zu sehn Natur, zu schaun das Leben
              In Glanz und aller Herrlichkeit;
              Gott, dessen Blick das All durchdringet,
              Sein Wort im Ton der Harfe klinget
              Mit mcht'gem Strom durch alle Zeit.

              Ein Leben, wie's dem Geist entstammet
              Sollst Du erschaffen, da es flammet
              In einem ew'gen, reinen Glanz.
              Das ist das Ziel, das ich erkenne,
              Das ist es, was ich Dichten nenne,
              Durch das erwirbt man Daphne's Kranz.

              Zur Waffe fr die schwache Lyra
              Ruht Persiflage und Satira
              Tief in des kecken Dichters Brust.
              Stets Hindernisse ihn umringen,
              Er mu die scharfe Geiel schwingen;
              Glaubst Du, er schwinge sie mit Lust?

              Du siehst im Sturm die Rose stehen,
              Und feuchte Nebel sie umwehen,
              Drum lenkt man ab des Wassers Gang;
              Wenn wuchernd Unkraut sich verbreitet,
              Und zarten Blthen Tod bereitet,
              Dann tnt der scharfen Sichel Klang.

Ein zuflliger Umstand machte vielleicht das Verhltni zwischen Pavels
und mir unangenehmer fr ihn, als ich es wnschte. Aber ich konnte
Nichts dafr. Wir wohnten nmlich whrend dieses Sommers in demselben
Hause in der Friedrichsberger Allee. Ich begegnete ihm oft, grte ihn
stets, er grte wieder; aber solch' formelle Hflichkeiten schaden
mehr, als sie ntzen, wo das Wesentliche fehlt.

Die Hiebe, die ich Pavels in diesem Gedichte gegeben hatte, fanden in
meiner Jugend keine hinreichende Entschuldigung bei Denen, welche sie
trafen. Es machte das Uebel nur grer, und bald fhlte ich, da ich
nicht lnger in gesellschaftlicher Beziehung zu den Anhngern der alten
Schule stehen knne. In der dramatischen Gesellschaft bekam ich gar
keine Rollen mehr und meldete mich nach einigen Unannehmlichkeiten als
ausgetreten.

Rahbek, der gern bei solchen Gelegenheiten _juste milieu_ halten wollte,
und dehalb zuweilen -- (nach einer Redensart des Marqueurs in Dreyer's
Klub) weder parteiisch noch unparteiisch war, sagte recht treffend,
als man ihn nach seiner Meinung ber das Gedicht fragte: Es kommt mir
vor, als ob Oehlenschlger versucht htte, witzig und malitis zu sein,
und Keins von Beiden ist ihm geglckt.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Unangenehmer Vorfall.]

In Dreyer's Klub saen eines Tages bei einem Festmahle Hans Christian
Oersted und ich zusammen. Es wurden mehrere neue Lieder gesungen:
unter anderen eins von einem guten Prediger aber keinem Dichter. Als
das Lied gesungen war, sah mir mein _vis  vis_ starr in die Augen
und sagte: Das war eine schne Melodie! -- Ja, entgegnete ich,
sehr hbsch. -- Es war auch ein sehr schnes Lied! -- O ja!
antwortete ich hflich. Ja rief er heftig, es ist freilich keins
von diesen neumodischen Gedichten, die jetzt gemacht werden und mir
vollstndiger Mist zu sein scheinen; aber was verstehe ich davon? --
Kalt antwortete ich: Es kann kein Mensch verlangen, da Sie etwas von
Poesie verstehen sollen: Alles, was man fordern kann, ist, da ein alter
Mann sich nicht wie ein Knabe betrgt! -- Der heftige Mann sprang
nun vom Tische auf und rief laut: Hiermit lasse ich die Gesellschaft
wissen, da Herr Oehlenschlger mich einen Knaben gescholten hat!

Es entstand nun ein groer Lrm und Viele glaubten gleich ungehrt, da
ich Unrecht htte. Um nicht das Vergngen der Gesellschaft zu stren,
und da ich nicht einsah, wie dieser Streit auf eine wrdige Weise
ausgeglichen werden knne, da ich auerdem auch frchten mute, da
hnliche Scenen wieder Statt finden knnten, erzhlte ich kurz und gut
den Umherstehenden den Zusammenhang, verbeugte mich und sagte: Ich
melde mich als aus der Gesellschaft ausgetreten! -- Und ich auch!
rief mein treuer Hans Christian Oersted, der Alles mit angehrt hatte
und sehr entrstet darber war. Wir gingen nun Beide fort. Hierdurch
gewann meine Sache in der ffentlichen Meinung und mein Austritt glich
mehr einem Siege als einer Flucht.

Ich habe diese Scene nach dem Verlaufe von 46 Jahren, durchaus nicht
aus Groll gegen einen Mann erzhlt, der mir weder frher noch spter
jemals feindlich entgegengetreten ist, eben so wenig, wie ich ihm; ich
wei, wie leicht ein unberlegtes Wort dem Munde entschlpfen kann! Ich
erzhle es nur, weil die Ursache zu einer solchen, ffentlich bekannt
gewordenen Begebenheit mit zu meinem Leben gehrt, und weil dieser Zug
zur Characteristik der damaligen Zeit beitrgt.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Zusammenleben mit Rahbek.]

Von dieser Zeit an lebte ich eingezogener in meinem huslichen Kreise,
besonders bei Rahbeks und Oersteds. Frau Rahbek war stets liebenswrdig
und interessant und doch durchaus verschieden von meiner Schwester
Sophie. Steffens kam oft und gern in beide Huser. Unser Verhltni zu
Rahbek war eigenthmlich. Er war unser Beider erster Geschmacksbildner
gewesen, und noch jetzt stand er als Haupt- und Wortfhrer an der Spitze
der Schule, die wir bekmpften. Und doch blieben wir recht gute Freunde;
denn Rahbek lie auch uns etwas gelten und sprach in seinem Blatte oft
vermittelnd gegen allzu groe Einseitigkeit; freilich lobte er viel,
was uns nicht gefiel, und wir uerten Manches, das ganz gegen seinen
Glauben stritt; aber er war im Ganzen eben so tolerant, wie eigensinnig.
Disputiren mochte er nicht; er wute sich stets mit Beispielen und
witzigen Einfllen aus der Sache zu ziehen. Wenn wir unsere Ansichten
aussprachen, schwieg er, und blickte durch das Fenster, wo er eine
schne Aussicht ber den See nach Amager hin hatte; wurden wir allzu
begeistert, so ging er in sein Studirzimmer, wo seine Kanarienvgel
frei ber den Bchern umherflatterten. Er hatte eine groe Vorliebe fr
alle seine Hausthiere. Ein Taubenschlag war vollgepfropft mit Tauben,
weil er es nicht duldete, da eine von ihnen geschlachtet wurde. Eine
alte Gans ging in spteren Zeiten auf dem Hofe umher, die fast dumm
vor Alter geworden war, und Leute in die Beine beien wollte. Ja, diese
Liebe, das Alte unverndert zu bewahren, erstreckte sich sogar bis auf
den Garten und die Pflanzen. Einige Stachelbeerbsche wollte er durchaus
nicht beschneiden lassen; die Folge davon war, da sie ihm ber den Kopf
wuchsen, endlich keine Frchte, ja sogar keine Bltter mehr trugen und
zuletzt nur Dornen brig behielten, mit denen sie ihn rissen, wenn er in
ihren Labyrinthen umherschwrmte. In das Sdfeld, einige Schritte von
seinem Hause, setzte er nie seinen Fu. Wenn er nun in seinem Zimmer
bis zur Ezeit gearbeitet und seinen Schnaps Brenndarium, wie er es
nannte -- getrunken, und etwas in die falsche Kehle bekommen und er
darauf gehustet hatte, -- so wurde er aufgerumt, und das Gesprch nahm
dann gewhnlich statt einer philosophischen und lyrischen eine epische
Wendung. Er erzhlte uns dann gern Anecdoten und Characterzge aus einer
ltern Zeit; und bei dieser Gelegenheit bewunderten wir ebenso sehr sein
Gedchtni fr Tauf- und Zunamen, fr Straen, Gassen, Jahreszahlen und
Monate, wie den Witz und Humor mit dem er erzhlte. Besonders amsirte
es mich, Etwas von ihm ber Ewald und Wessel zu hren. Wie Jener, wenn
er Abends mit einem Rausch nach Hause ging, mit seinem gezogenen Degen
auf das Pflaster schlug, so da die Funken ihm um die Ohren sprhten
und rief: Nun grassirt der Poet Eward, denn den Buchstaben L konnte
er nicht im nchternen Zustande, geschweige denn, wenn er betrunken
war, aussprechen. -- Wie Rahbek einmal als junger Mann ihm bescheidne
Complimente gemacht, und wie Ewald ihn aufgemuntert und gesagt hatte:
Lobe mich nur Gevatter, ich mag das gern hren; wie Ewald endlich, als
er krank und bettlgerig war, und der Doctor ihm Punsch verboten und
Thee verordnet hatte, Punsch aus einer Theekanne in die Tasse go, um
den Doctor und sich selbst zu betrgen.

[Sidenote: Anecdoten von Wessel.]

Von Wessel hrten wir: wie er an einem warmen Sommernachmittag
verstimmt und niedergeschlagen an einem Seiler vorbei ging, der
frchterlich von der Hitze litt, weil er zwei Hemden anhatte. Der Seiler
behauptete eifrig, da Nichts in der Welt den Menschen so in Hitze
bringen knnte, wie zwei Hemden. Was meint er denn von dreien? fragte
Wessel. -- Ein Freund besuchte ihn und fand zwei Bcher auf der Commode
seiner Frau. Potztausend, Wessel, fragte der Freund lustig, sind das
alles Deine Bcher? Nein, antwortete Wessel, nein, die meisten
davon sind geliehen. Ein vermgender Mann lud ihn ein, Punsch bei
ihm zu trinken; er habe einen vortrefflichen Rum bekommen. -- Lieber
Freund, sagte Wessel, schicke mir lieber ein paar Flaschen Rum nach
Hause, ich trinke ihn am liebsten =trocken=. -- Er wohnte eines Sommers
auf der Westerbrcke in der sogenannten Galgenmhle. Besuche mich
einmal, Du! sagte er zum Schauspieler Saabye, ich wohne dort in der
schnen Natur. Saabye kam, fand ihn aber nicht zu Hause; er war auf das
Feld hinausgegangen. Dort stand das Hochgericht, das seit langer Zeit
nicht benutzt war; und unter dem frher erwhnten, gemauerten Galgen,
dem einzigen schattigen Ort auf dem Felde, lag Wessel und las in einem
Buche, mitten in der schnen Natur!

Nein Wessel! sagte 'mal ein Freund zu ihm, Du mut doch versuchen,
Dein Glck zu machen; Du mut Minister Guldberg besuchen. Er ist selbst
ein gelehrter Mann, ein tchtiger Kopf und wird gewi Etwas fr Dich
thun.

Das geht unmglich, antwortete Wessel. -- Wehalb? -- Ich habe
keine Percke. -- Die will ich Dir geben! -- Ich habe auch keine
Hosen. -- Ich will Dir ein Paar hbsche schwarzseidene Beinkleider
leihen! Er ging zu Guldberg. Der Minister fragte: Wer sind Sie? --
Ich heie Wessel. Guldberg wei noch nicht recht Bescheid. Wessel
glaubt, die Percke mache ihn unkenntlich, er nimmt sie ab, und steckt
sie in die Tasche. Nun erkennt Guldberg ihn und fragt, womit er ihm
dienen knne? -- Ew. Excellenz, es mte ein Amt sein, wo Viel zu
verdienen und Wenig zu thun ist; denn dazu fhle ich mich besonders
disponirt. -- Guldberg wei noch nicht recht, wie er dies verstehen
solle, dreht verlegen seine Dose in der Hand und wiederholt die Frage,
womit er ihm dienen knne? Nun, sagt Wessel, dann geben Sie mir eine
Prise Taback, Gevatter! Die bekam er, verbeugte sich und ging seiner
Wege.

Vermuthlich wollte Wessel kein Amt haben. Er meinte, da er, als
ein ausgezeichneter Dichter, der dem Vaterlande Freude und Ehre
bereite, eine kleine Pension verdiene. Aber so weit war man damals
noch nicht gekommen, da man glaubte, ein guter Dichter verdiene den
Lebensunterhalt als Dichter. Kann man es ihnen dann verdenken, wenn sie
ihre Zuflucht zu Bacchus nahmen, um in seinen Nebelwolken eine Welt zu
vergessen, die sie verschmhte?

Doch mu man auch der Wahrheit gem gestehen, da Ewald und Wessel zu
wenig fr sich selbst arbeiteten, und sich in einem gewissen Miggange,
und einem unordentlichen Leben gefielen, das sie zuletzt zum Abgrunde
fhrte. Ein eigenthmlicher Gegensatz zu diesen zwei Genies, sowohl
in des Wortes guter, wie schlechter Bedeutung, war Holberg; dieser
hatte sehr fleiig, sehr ordentlich, sehr mig und fast geizig als
Junggeselle gelebt; so da er sich endlich fr das durch seine Schriften
erworbene Vermgen eine Baronie kaufen konnte, die er dann wieder dem
Vaterlande schenkte. Auch Tullin war ein Gegensatz zu ihnen.

Aehnliche Anecdoten konnte Rahbek bis in die Unendlichkeit hinein
erzhlen. Auch hrten wir ihn gern uns von seiner Reise nach Deutschland
berichten; wie er nur von Theater zu Theater zog, nur mit Schauspielern
und Theaterdichtern umging und sich in der Diligence in einen dunkeln
Winkel setzte, um auf den Landstraen durch Naturschnheiten und
Aussichten nicht in seinen Kunsterinnerungen gestrt zu werden. Musik,
Malerei und Bildhauerkunst hatten fr ihn nur wenig Anziehungskraft,
aber desto mehr gab er sich mit der scenischen Darstellung der
Charaktere ab. In der alten und neuen Literatur war er sehr gut
bewandert; in literarischer Bildung stand er mit Ausnahme von Baggesen,
ber allen Dichtern seiner Zeit; und trotz seiner Eigenheiten war er
doch der billigstdenkende von ihnen Allen.

[Sidenote: Camma Rahbek.]

Seine Frau, wenngleich viel jnger als er, liebte ihn innig; und trotz
aller ihrer Talente hatte sie sich doch daran gewhnt, blind an seinen
Geschmack zu glauben. Dies fanden wir nun recht hbsch, doch suchten
wir sie zuweilen in ihrem Glauben wankend zu machen. Glcklicher Weise
hatte sie einen Character, der sich recht fr ihre Stellung eignete.
Sie sprach selten von Poesie. Sie hatte ein edles Herz, eine rasche
Auffassungsgabe, ein gutes Gedchtni, einen auerordentlichen Witz,
die grte Leichtigkeit mechanische Schwierigkeiten zu berwinden; aber
Phantasie und Tiefe, um lange bei =einer= Vorstellung zu verweilen,
fehlten ihr. Witz und Humor herrschten stets mit erstaunlicher
Lebendigkeit in ihrem Geiste vor. Wenn sie ernst war, war sie gewhnlich
niedergeschlagen. Bcher las sie meist der Sprachen wegen. Sie verstand
gut deutsch, franzsisch, englisch, italienisch, spanisch, und in
spteren Jahren sogar Latein und etwas Griechisch; aber man hrte sie
selten eine fremde Sprache reden. Geschmack fr das Schne zeigte sie
hauptschlich in der Malerei (sie zeichnete selbst hbsch) und in der
Gartenkunst. Sie war eine vortreffliche Grtnerin, und sa -- obgleich
krnklich -- auf Bakkehuset wie eine Flora oder Pomona; herrliche
Blumenbeete lchelten bunt in dem feinsten, frischesten Gras; schwere
herabhngende Trauben rankten sich um ihre Fenster, und im Zimmer
blhten Witz und Humor noch schner von ihren Lippen. -- Sie hrte also
auf Steffens und mich mit schelmischer Aufmerksamkeit; Manchem gab sie
ihre Beistimmung, Manches lie sie dahingestellt, und nie griff sie
unsere Truppen mit der Infanterie der Grnde oder der Gegenbeweise an.
Aber wenn wir uns zuweilen selbst widersprachen, oder wenn sich eine
Lcke, ein Wirrwarr im Gedankengang zeigte, dann konnte kein Mrat
mit seiner Cavalerie rascher und tapferer einhauen als sie mit ihren
beflgelten Witzen uns in die Flanken fiel, und ein entsetzliches
Blutbad unter allen unseren Behauptungen anrichtete, wobei wir ihr
selbst mit lautem Lachen halfen, wenn einmal das Terrain gerumt
war. Zuweilen amsirte es sie doch, Steffens und mich ein wenig zur
Vergeltung zu necken, wenn wir Etwas gesagt hatten, das Rahbek nicht
mochte. Einmal disputirte sie mit mir ber Gthe's kleines hbsches
Gedicht: Ein Veilchen auf der Wiese stand. Sie behauptete, da es
berspannt phantastisch sei. In demselben Augenblick kam Rahbek: Nicht
wahr, Rahbek, Du bist derselben Meinung? Rahbek rieb sich die Hnde,
schwieg und blickte zum Fenster hinaus nach Amager hinber. -- Spter,
als ich ein Mal in seinen Gedichten bltterte, fand ich, da er dies
selbst bersetzt hatte.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Meine Schwester Sophie.]

Meine Schwester Sophie war nun ganz anders, doch glich sie Camma in
vielen Dingen; sie war eben so witzig, geistvoll und lebendig; aber sie
hatte nicht die Lust zu den Sprachen und die mechanische Fertigkeit,
wie Camma. Diese hatte auerordentlich viel gelernt, Sophie sehr wenig;
aber mit ungewhnlicher Schnelligkeit verstand sie doch bald, sich das
Nothwendigste zu erwerben. Sie fing an, Gtz von Berlichingen deutsch zu
lesen, als sie kaum noch das zweite Wort verstand; als sie aber damit
fertig war, verstand sie das Meiste ganz gut. Sie war sehr poetisch;
sie war vertraut mit der stillen Freude der Wehmuth und ihre leicht
geweckten Gefhle exaltirten sie zuweilen zu sehr. Nie lernte sie eine
andere fremde Sprache, als deutsch, und auch diese konnte sie nicht
grammatikalisch. Aber da sie tglich mit Deutschen umging, so sprach
sie vortrefflich, das heit, im Geist der Sprache mit allen Idiotismen
und Wendungen; obgleich wir smmtlichen Dnen nicht vermeiden konnten,
zuweilen kleine Fehler zu machen. Sie kleidete sich mit Geschmack,
nhte selbst Alles, was sie brauchte, putzte sich gern (sie war von
hbscher Figur) und ging gern spazieren. Frau Rahbek sa entweder zu
Hause oder machte in spteren Jahren Reisen auf dem Dampfschiffe nach
Hamburg. Fremde Gesellschaft liebte weder sie noch Sophie; dagegen
kamen tglich einige gute Freunde zu ihnen. Meine Schwester war sehr
huslich, hielt nur ein Mdchen und fegte selbst ihre Stuben aus,
was man, ihren weien Hnden nach zu urtheilen, nicht geglaubt haben
wrde. Sie hatte in ihrer Kindheit viel an Blattern gelitten, doch
waren die Narben ziemlich verwachsen; sie hatte rothe Wangen und groe,
freundliche, lebendige Augen. Camma Rahbek war mager; ihre schnen,
groen, blauen Augen sahen, wenn sie ernst war, etwas melancholisch aus;
aber kaum bekam sie einen lustigen Einfall, so funkelten sie mit seltner
Lebhaftigkeit.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Literarische Wirksamkeit.]

Bei meiner Schwester, die eine Zeitlang auf der Weststrae, so wie
ich, aber in einem andern Hause wohnte, hatte ich mein frmliches
Standquartier und dort las ich ihr und Oersteds fast jeden Abend vor.
-- Die Werke, die wir damals zusammen genossen, und ber die wir dann
sprachen und urtheilten, waren: Vo, Homer, Tieck's Don Quixote,
Schlegel's Shakespeare und Calderon's, Gthe's, Schiller's, Tieck's und
Novalis' Werke.

Steffens reiste im ersten Jahre unserer Bekanntschaft als Geognost nach
Norwegen. Ich dichtete in diesen paar Jahren Viel. Erst arbeitete ich
den Schlaftrunk fr Weyse um. Der phantastische Humor in Shakespeare's
Werken hatte mich begeistert, und ich fhlte mich mit einer solchen
dramatischen Munterkeit geistig verwandt. Ich fhlte, was spter Jean
Paul so herrlich in seiner Aesthetik ausgesprochen hat: da auch
Shakespeare's humoristische Charactere allgemein, symbolisch und nur
unter dem Wulst und den Ausstopfungen des Humors verborgen sind. Der
Scherz fehlt uns blos aus Mangel an Ernste, -- sagt Jean Paul; -- an
dessen Stelle trat der Gleichmacher aller Dinge, der Witz, welcher
Tugend und Laster auslacht und aufhebt. Der freie Scherz wird da nur
gefesselte Anspielung. Aber der Humor ist das =umgekehrte Erhabene=. Der
gemeine Satiriker mag auf seinen Reisen oder in seinen Recensionen ein
Paar wahre Geschmacklosigkeiten und sonstige Verste aufgreifen und
an seinen Pranger befestigen, um sie mit einigen gesalzenen Einfllen
zu bewerfen statt mit faulen Eiern; aber der Humorist nimmt fast
lieber die einzelne Thorheit in Schutz, den Schergen des Prangers aber
sammt allen Zuschauern in Haft, weil nicht die brgerliche Thorheit,
sondern die menschliche, d. h. das Allgemeine sein Inneres bewegt. Der
Humorist erwrmt, der Persiflirende erkltet die Seele. Aber zu solchem
Lebenshumor ist jetzt weniger unser Geschmack zu fein als unser Gemth
zu schlecht.

Mit diesem Gefhle arbeitete ich Bretzner's =Schlaftrunk= um. Der
Humor und fast alle Einflle im Dialoge, durch welche die Gestalten
dieses Singspiels poetische Persnlichkeit gewinnen, gehren mir,
ob sich gleich gut auf Bretzner's munterm Grunde bauen lie. Dieses
Stck lie Weyse neun Jahre lang liegen, nachdem er etwas ber die
Hlfte componirt hatte; nach Verlauf von zehn Jahren vollendete er
seine Arbeit. Wie schn und reizend die Musik ist, wissen die meisten
Kopenhagener; wer es aber nicht wei, dem wird es schwer fallen, die
Zusammensetzung zu bemerken. Der Zwischenraum der neun Jahre fllt
zwischen Charlottens Arie: Ihr der Liebe goldnen Tage, und dem
Quartett: Ob nicht alle unsre Thrnen im zweiten Akt. Wie Frydendahl
in einer Reihe von zwanzig Jahren das Publikum als Brausse und erst
Knudsen, spter Ryge als Saft amsirt haben, darber ist nur Eine Stimme.

Da ich mich bei der Umarbeitung des Schlaftrunkes etwas in dieser
Dichtungsart gebt hatte und der Concertmeister Schall mich bat,
ein Singstck zu schreiben, das er componiren knne, dichtete ich
=Freia's Altar=, welches muntere harmlose Lustspiel stets ein
tragisches Schicksal gehabt hat, wenn es aufgefhrt werden sollte. Der
Oberhofmarschall, dem ich es vorlas, lachte unaufhrlich dabei und
frchtete, da es allzukomisch sei. Die Theatercensoren verwarfen das
Stck. Freia's Altar wurde gedruckt und machte auerordentliches Glck
bei Jungen und Alten. Das Stck wurde oft in Gesellschaften vorgelesen
und zum grten Vergngen auf vielen Privattheatern zum Benefiz der
Armen gespielt. Aber als ich es einige Jahre darauf wieder auf die
Bhne bringen wollte, entstand ein groer literarischer Lrm, der zu
unangenehm und langweilig war, als da ich ihn erneuern sollte. Noch zum
dritten Male lie ich mich verleiten, das alte Singspiel mit Melodieen
von verschiedenen Componisten, von Herrn Frhlich arrangirt, auf das
Theater zu bringen. Aber es war die grte Hitze in den letzten Tagen
der Saison, einige Rollen waren nicht gut vertheilt; der Herausgeber der
fliegenden Post, Verfasser von Knig Salomon und Jrgen Hutmacher
Heiberg, ri Freia's Altar herunter, als ob es das elendeste dumme Zeug
wre, -- und so lie ich diese humoristischen Bilder wieder in den
Hintergrund treten. Im Rauch und Dampf htte man sie doch nicht gesehen;
um das Muntere und Freundliche mit Geschmack und Gefhl darzustellen und
zu genieen, mu man selbst munter, freundlich und ruhig gestimmt sein.

Kurz nach Freia's Altar dichtete ich (1804) =Thor's Reise nach
Jothunheim=, die spter in =die Gtter des Nordens= aufgenommen ist.
Ich hatte kurz vorher das deutsche Heldenbuch gelesen, und meinte, da
dessen kurze und krftige Reime und die derben Holzschnitte dieser Art
gut fr Thor's Abenteuer passen drften.

[Sidenote: Die Langelandreise.]

Nach einer Fabel in der Edda schrieb ich =Vaulundurs Saga=. Eine
kleine Reise nach Langeland hatte die =Langelandreise= hervorgebracht.
Obgleich ich in diesem Gedicht umstndlich meine Reise beschrieben habe,
wird es viele der Leser vielleicht doch amsiren, wenn ich Fragmente
eines Briefes an meine Christiane mittheile, die geschrieben waren, ehe
die Langelandreise gedichtet war.

                                        Rudkjbing, den 10. Juli 1804.

     Rudkjbing, hrst Du liebe Christiane, Rudkjbing, fnfundzwanzig
     Meilen weit von meinem Herzen[1]. Das will etwas sagen. Schwindelt
     Dir nicht, indem Du an eine solche Entfernung denkst? eine so
     ghnende Tiefe? Ach Ihr armen Stubenhocker, die Ihr hchstens nur
     vier bis fnf Meilen von Eurem Herzen entfernt gewesen seid, wie
     beklage ich Euch. Du wnschst es vermuthlich in Deinem kleinen
     kopenhagener Winkel, weit von dem Gerusche der Welt, Etwas von
     meiner Reise zu hren. Also: Donnerstag kamen wir glcklich nach
     Roeskildekrug und bekamen ein Stck Schinken zum Frhstck, zhe,
     wie ein Brett, so da es sehr gut als Schild ber dem Wirthshause
     htte dienen knnen. In Roeskilde fand ich die Kirche in ihrer
     alten Ordnung; die alten Knige ruhten noch auf ihrem alten Fleck;
     Harald Blauzahn stand in der Mauer gerade wie vor sieben Jahren
     und wo er seit achthundert Jahren gestanden hat, ohne mde zu
     werden. Was ich brigens innerlich und uerlich gesehen, will
     ich nicht allein Dir, sondern dem ganzen Publikum und zwar in
     Versen erzhlen, damit ich nicht durch die Prosa das Heilige
     entweihe. -- Im Svinlillekrug machten wir mit einem Dorfkster
     Bekanntschaft, der sich entschuldigte, weil er auf dem Landwege
     vor uns her gefahren war, und uns bat, wir mchten ihm das nicht
     als =Malicisheit= auslegen. Wir luden ihn zu einer Pfeife Taback
     ein, aber als er hrte, da wir mit Thee tractirten, setzte er die
     Pfeife fort, und trank nun, wie der Abgrund das Blut des Riesen
     Ymer trank. Im Krebshause schrieb ich meinen Namen mit einem
     Feuerstein in Ermangelung eines Diamanten (da ich weder Millionr,
     noch Glasermeister bin) ins Fensterglas. Darauf fuhren wir in
     Sturm und Regen fort. Auf dem Wege sah ich links ein Kirchdorf
     liegen. Ich war an anderen vorbergefahren, ohne darnach zu fragen;
     aber den Namen dieses Dorfes meinte ich, msse ich erfahren.
     Sigersted, sagte der Kutscher. Und da wurde mir nun wieder
     wunderlich zu Muthe; denn Saxo erzhlt eine schne Geschichte von
     Sigar's Tochter, Signe, und ihrem Geliebten Habor, ber die eine
     der schnsten Kmpeweisen gedichtet ist. Oft hatte bei der Lectre
     mein geistiges Auge in die alte umnebelte Zeit geblickt, sowie
     jetzt mein krperliches Auge in dem natrlichen Nebel an dieser
     Kirche vorberstreifte, deren Name noch als ein vereinzelter Laut
     aus der verschwundenen Zeit zu uns tnt.

     In *** erzhlte die Wirthin uns, da sie mit Oersteds verwandt sei
     und sprach mit vielem Interesse von der Familie. Ich dachte, es
     ist doch gut, nach verwandten Wirthshusern zu kommen; aber als
     wir abreisen und bezahlen wollten, gab mir dies Veranlassung zu
     folgendem Epigramm:

  Blut ist nimmer so dnn, ist dicker doch immer, als Wasser!
  Dacht' ich, als von der Verwandtschaft die Wirthin so rhrend uns sprach.
  Blut ist nimmer so dick, ist dnner doch immer, als Wasser!
  Dacht' ich wieder aufs Neu, als sie die Rechnung uns gab. -- --

  [1] Der spter als Romanverfasser bekannte und beliebte Laurits Kruse
      hatte damals kurz vor meiner Reise ein Gedicht von Hamburg aus nach
      Kopenhagen geschickt, das so anfing:

                Sechzig Meilen weit von meiner Heimath,
                Sechzig Meilen weit von meinem Herzen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Aladdin.]

Als ich von Langeland nach Hause gekommen war, schrieb ich: =Jesus in
der Natur=; und wagte die Jahreszeit mit ihren verschiedenen Wirkungen
als eine Allegorie auf das Leben und die Lehre Jesu darzustellen. Das
Hauptgedicht dieser Periode war jedoch =Aladdin=. -- Ich ergriff mit
jugendlichem Feuer und mit Begeisterung eine der schnsten Scenen aus
Tausend und Eine Nacht; und die natrliche Aehnlichkeit, die dieses
Mhrchen mit meinen Lebensverhltnissen hatte, gab dem Ganzen vielleicht
etwas Naives und Eigenthmliches, das die Wirkung verstrkte; hatte
ich nicht selbst in der bei mir entdeckten Dichtergabe die wunderbare
Lampe gefunden, die mich in den Besitz der Schtze der Welt setzte? Und
die Phantasie war mir ein Geisterring, der mich berall hinversetzte,
wohin ich wollte. Meine Bildung hatte sich spt aber ziemlich rasch
entwickelt, gleich Aladdin's, und gleich ihm hatte ich vor Kurzem die
Liebe kennen gelernt. Meine Mutter war todt und als ich Aladdin's
Wiegenlied auf seiner Mutter Grab schrieb, rannen meine Thrnen auf das
meiner eignen Mutter. So berhrte dieses Mhrchen in vielen Punkten
meine eigenen Lebensverhltnisse; ich ironisirte auch damit, und war mir
dessen whrend der Dichtung klar bewut.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Caspar Bartholin.]

Einer meiner liebsten Freunde war =Caspar Bartholin=; er war Officier
gewesen, aber ein Sturz vom Pferde, bei dem er, sich die Brust
verletzte, zwang ihn, einen stilleren, weniger anstrengenden Lebensweg
zu suchen; und -- mehr als dieses Unglck zog ihn wohl sein eigner,
ausgezeichneter Geist zur Wissenschaft und Kunst. Er machte das
juridische Examen; sein Umgang mit Steffens und mit mir wirkte auf ihn
ein; er unternahm eine Reise ins Ausland, aber die Verletzung, die er
beim Sturze vom Pferde bekommen hatte, krzte seine schnen Tage, und
er starb in Rom -- mitten in der Bewunderung des Groen und Schnen an
einem Blutsturz. Einen Brief, den er mir von Paris aus sandte, theile
ich hier mit.

                                             Paris, den 26. Dec. 1804.

     Verzeih, bester Oehlenschlger, da ich Dir nicht nach Deinem
     Wunsche und meinem Versprechen eher geschrieben habe. In dem
     Taumel von Zerstreuungen, in dem ich lebe, lt sich so etwas
     leicht aufschieben, und die Folgen des Aufschiebens kennst Du
     ja! Gott wei es, da ich nie mit mehr Sehnsucht an Dich gedacht
     habe, als gerade hier, ob ich nun mit stiller Bewunderung an
     den schnsten Denkmlern der Kunst vorberwandelte, oder ob ich
     mich ber die Flachheit in all' den Unternehmungen und Reden der
     groen Nation rgerte, oder auch wenn ich in der Stille an mein
     Vaterland und an Deine reine Dichterflamme dachte. -- Endlich
     traf ich gestern Friedrich Schlegel. Ich sprach mit Willers, der
     mir sagte, da Schlegel hier sei. Ohne Zaudern eilte ich nach
     Hause, holte Oersted's Brief und im Augenblick hatte ich die
     halbe Meile zurckgelegt, die ihn von mir trennte. Ich traf ihn
     allein und, wie ich vermuthete, mit Zend Avesta vor sich. -- Er
     erzhlte mir, da das einzige Nordische, was er gelesen habe, die
     islndischen Sagen seien, und hieraus nahm ich Veranlassung, von
     Dir zu erzhlen, da Du daran dchtest, sie zu bearbeiten und
     bereits begonnen habest. Er versicherte, da er sehr viel Lust
     habe, dnisch zu lernen, aber nicht wisse, wo er ein gutes Lexicon
     hernehmen solle. Ich empfahl ihm eines, das er sich notirte.
     Zugleich bat er mich, ihm Steffens' Einleitung zu verschaffen.
     Willst Du mir zu dem Ende nicht behlflich sein, und sie mir durch
     Oersteds herbesorgen, entweder an das dnische Ministerium oder
     lieber an Guilleaumeau adressirt, denn ich werde wohl nicht mehr
     hier sein, wenn es ankommt. Die Kosten werde ich Dich bitten, mir
     bis zu meiner Rckkehr zu creditiren. Von der Europa ist das
     vierte Heft herausgekommen. Es war mir eine Freude, die Liebe und
     Freundschaft zu hren, mit der Alle, die Oersted kennen, von ihm
     sprechen. -- Auch Lehmann ist gekannt und geachtet. -- Baggesen
     spreche ich oft. Er liest mir zuweilen seine Gedichte vor, weint
     ber sie und versichert, da ihm sein Dichtergenius entflohen
     sei. Auch von Dir hat er zuweilen gesprochen und wute nicht
     einmal, da der erste Band Deiner Gedichte herausgekommen war.
     Er schlug die Hnde zusammen und entsetzte sich, ja wollte mir
     fast nicht glauben, als ich ihm sagte, was Du producirt habest
     und noch zu produciren beabsichtigtest. Wenn ich lange genug hier
     bliebe, wollte ich Dich bitten, mir fnf bis sechs Exemplare
     Deiner letzten Gedichte zu senden, damit die gute Sache gefrdert
     werden knne, und es geschehe, wie da geschrieben stehet. Ich
     wrde mir dann ein Vergngen daraus machen, sie Fr. Schlegel zu
     verdollmetschen und vielleicht durch ihre Hlfe Baggesen von dem
     Throne herabstoen, den er sowohl bei den Dnen, wie auch bei den
     Deutschen hier usurpirt hat. -- Ich mchte Dir gern etwas von
     Raphael's gttlicher Transfiguration erzhlen, seiner heiligen
     Ccilia und Jungfrau Maria's Apotheose; aber dies sind ewige
     Mysterien, die sich nur schauen, nicht von einem Profanen deuten
     lassen. Wre ich gleich Dir von der Natur in die heilige Sprache
     eingeweiht, die eine solche Beschreibung voraussetzt, so wrdest
     Du die Gewalt begreifen, die ich mir anthun mute, um nicht
     niederzufallen und sie anzubeten. -- Ein Stck von Dominichini (die
     Leiden der heiligen Agnes) hat nchstdem den grten Eindruck auf
     mich gemacht. Stelle Dir die schne Leidende von ihren entmenschten
     Henkern umgeben vor, die mit der teuflischsten Grausamkeit auf
     alle mgliche Weise ihre Qualen zu vermehren suchen, whrend sie
     mit einer himmlischen Ruhe jeden Schmerz, den sie ihr bereiten,
     ertrgt, und fast ber der irdischen Sphre erhaben zu sein
     scheint. Nun hebt sie die Augen unwillkrlich zum Himmel, von dort
     mu ihr Muth kommen, denn er ist mehr, als menschlich. Und siehe,
     sie werden nicht betrogen, die dort Trost suchen, der Erlser
     in seiner Herrlichkeit reicht einem Engel die Mrtyrerpalme,
     der bereits in vollem Fluge scheint, um sie damit zu krnen. Es
     ist eine wunderbare Wirkung, den der Gegensatz von himmlischer
     Seligkeit und irdischem Schmerz hervorbringt. Htte man ein solches
     Bild stets vor Augen, dann unterwrfe man sich diesem gewi mit
     Freude. -- In einem sparsam erleuchteten Winkel entdeckte ich
     vor Kurzem ein Bild, welches von Allen unbemerkt schien, mich
     aber doch durch seine Wahrheit und seinen Ausdruck, sowie durch
     einen unendlich schnen Magdalenenkopf frappirte. Es war Christi
     Abnahme vom Kreuz, und, wie ich richtig vermuthete, von Lucas von
     Leiden. Tieck hat uns mit bewunderungswrdiger Genauigkeit von
     diesem Maler unterrichtet, und man braucht nur seine Beschreibung
     im Gedchtni zu haben, um Lucas von Leiden's Bilder von denen
     eines jeden Andern unterscheiden zu knnen. Von Albrecht Drer
     sind hier nur sehr wenige, und seine Bilder sind auch nicht sehr
     geachtet. Kurz vor meiner Ankunft wurde eins seiner grten Gemlde
     fr 400 Frcs. verkauft. -- Apoll von Belvedere hat mich von allen
     Statuen am Meisten angezogen. Es ist die idealste Form, die Du Dir
     vorstellen kannst und es ist unmglich, ihn fr etwas Anderes als
     den Gott der Poesie und alles Groen und Herrlichen in der Natur zu
     halten. Ihm gegenber prangt seine Halbschwester Venus. Aber man
     vergit sie ganz, wenn man ihn sieht, es ist als ob der Ausdruck
     der Liebe auch in seiner Form lge. Dicht neben ihr wird man von
     einem entsetzlichen Schauer berfallen -- bei dem Anblick des
     Laokoon. Es ist der grausamste Schmerz nach dem Ideal der hchsten
     Schnheit ausgedrckt, eine ewige Tragdie: der vergebliche Kampf
     des Menschen gegen das Geschick. -- Doch wohin man sieht, fllt
     das Auge auf etwas unbegreiflich Schnes. Hier bewundere ich den
     Ausdruck in dem herkulischen Torso, ihm gegenber in dem sterbenden
     Fechter; dort frappirt mich die entschiedenste Nachlssigkeit
     in dem ruhenden Faun, hier die ruhige Freude des majesttischen
     Herkules bei dem Anblicke seines Sohnes Telephus; -- und so sieben
     Sle hindurch. -- Aber ach! -- neben all' Dem vermisse ich die
     classische Erde, verletzt mich die Gleichgltigkeit, und zrne ich
     ber die Anmerkungen, die man von Zeit zu Zeit ber sie hren mu.
     -- In vierzehn Tagen reise ich von hier nach Straburg, Mainz,
     Frankfurt, Gttingen und hoffe in sechs Wochen die Freude zu haben,
     unsern Steffens in Halle zu begren. In drei Monaten hoffe ich
     Dich wieder umarmen zu knnen und versichere Dich der Freundschaft
     und Achtung, mit der ich verbleibe Dein treuer

                                                  C. =Bartholin=.

[Sidenote: Zusammenleben mit Steffens.]

Zwei Sommer hatte ich mit Steffens auf der Friedrichsberger Allee
gewohnt. Hier schrieb ich den Schlaftrunk, Freia's Altar und Thor's
Reise. Der Procurator Bjerring, den ich von Dreyer's Klub her kannte
-- er war Einer von der alten Schule und also selten mit mir einig --
schlug mir einmal im Scherz vor, als ich ihm in der Allee begegnete,
da Steffens und ich uns malen und die Bilder vor dem Hause, wie bei
den Thierbuden heraushngen lassen sollten. Herrliche Tage verlebte
ich da mit meinem Freunde, doch darf ich bei dieser Gelegenheit nicht
vergessen, eines tragikomischen Auftrittes zu erwhnen.

Wir wohnten Parterre und die Fensterlden wurden an jedem Abend
geschlossen, woraus folgte, da es dann stockfinster war, bis sie
wieder geffnet wurden. Nun hatte ich in jenen Jahren und noch viele
Jahre hindurch einen wunderbaren Traum, eine Art Alpdrcken, das oft
wiederkehrte. Ich trumte nmlich, da ich in meinem Bette lag, was
wirklich der Fall war, ich erkannte meine Schlafkammer deutlich wieder,
obgleich es dunkel war, -- und nun entdeckte ich einen Ruber mit
einem Dolch, der herbeischlich um mich zu durchbohren. Ich erhob mich
leise in Todesangst, um aus dem Bette zu springen, mich hinter ihn zu
schleichen und ihm den Dolch aus der Hand zu reien. -- Kaum setzte ich
den Fu auf den Boden, so erwachte ich und fand mich mit nackten Fen,
zitternd mitten im Zimmer. Ich legte mich dann gleich wieder zu Bett
und schlief ruhig den brigen Theil der Nacht. -- Erst in spteren
Jahren, als ich nicht mehr meinen gewhnlichen Abendschnaps trank und im
Sommer Wasser in den Wein go, blieb der Ruber fort. Meine Gesprche
mit Steffens, durch die zuweilen die Phantasie aufgeregt wurde und das
Blut in strkere Bewegung kam, trugen wohl auch Etwas dazu bei, den
Ruber herbeizulocken. Ich habe bereits erzhlt, da ich einmal frher
bei Steffens aus dem Bette sprang; damals lief es doch friedlich ab
und er merkte nichts. -- Aber hier in der Allee weckte ich ihn eines
Nachts mit einem entsetzlichen Geschrei, als ob mir ein Messer in den
Hals gestoen worden wre. Mein Gott! -- rief er -- was giebts? --
Ruber! -- rchelte ich. -- Sie ermorden mich. -- Allmchtiger
Gott! rief Steffens und strzte aus dem Bett, in dem stockfinstern
Zimmer ber mich hin, wo er durchaus Nichts unterscheiden konnte,
und mir also auf mein Wort glauben mute. Nun hatte ich mich gefat.
Ach! -- seufzte ich langsam und ruhig -- es war nur ein Traum!
Aber nun war die Reihe des Phantasirens an ihn gekommen. Das ist, hol'
mich der Teufel, gleichgltig! -- rief er -- ich mu Gewiheit haben;
ich schlage Feuer. Ich hole meinen Sbel! So hrte ich ihn in das
andere Zimmer tappen; er zndete Licht an und es dauerte nicht lange,
so kam er mit drohender Miene und gezogenem Schwerte. Nun glaubte ich,
da er verrckt geworden sei, und rief: Steffens, um Gottes Willen,
sei doch vernnftig! Der Traum hat aufgehrt. Aber da verwandelte sich
seine Wuth gegen die Ruber in Aerger gegen mich. Ja, mein Bester!
sagte er, das ist ganz gut, aber es ist doch zu toll, solche Trume zu
haben, besonders wenn die Fensterlden geschlossen sind. Ich mute Dir
ja aufs Wort glauben. Ich danke Dir, bester Freund! -- entgegnete
ich, -- fr Deine Tapferkeit und Deine Hlfe, in der Noth soll man
seine wahren Freunde erkennen. Aber sei nun nicht bse darber, da kein
wirklicher Mrder hier ist. Ich werde mich in der Zukunft vernnftigerer
und wahrerer Trume befleiigen.

[Sidenote: Eine Sonnenfinsterni.]

Als Steffens fortgereist war, spielten mir die geschlossenen
Fensterlden einen andern Streich. Ich hatte einen alten verunglckten
schwedischen Schuhflicker zum Aufwrter, der zugleich mein Frhstck
besorgte. Zuweilen schmierte er meine Stiefeln mit Butter ein, wenn er
keine Stiefelwichse hatte. Er hatte Frau und Kinder in der Stadt, kam
aber jeden Morgen um 7 Uhr zu mir heraus, ffnete die Fensterlden und
weckte mich wenn ich schlief. Eines Abends hatte ich gehrt, da am
nchsten Morgen um 5 Uhr eine groe Sonnenfinsterni eintreffen wrde.
Ich dachte: die mut Du auch sehen! schwrzte ein Stck Fensterglas
ber dem Lichte, um dadurch in die Sonne hinaufzuschauen, und sagte
zum Schuhflicker, er msse etwas vor 5 Uhr auf dem Platze sein, die
Fensterlden ffnen und mich wecken. Am nchsten Morgen erwachte ich
von selbst, es war still und finster rund um mich her, ich drckte den
Kopf wieder in die Kissen und schlief weiter. Endlich erwachte ich zum
zweiten Male. Noch immer war Alles still und finster. Ich dachte: Nun
mu die Uhr doch bald fnf sein. Ich konnte nicht lnger schlafen,
stand auf, ffnete die Fensterlden ein wenig, um beim Ankleiden sehen
zu knnen und eilte dann durch die Thre in den Garten, denn ich
schlief in einer Gartenstube. Ein blendender Sonnenschein strahlte
mir entgegen, aber das strte mich nicht in meinem Vorsatze. Ich nahm
mein geschwrztes Glas hervor und starrte aufmerksam in die Sonne.
Zwei junge Damen saen auf einer Bank im Schatten. Nachdem sie mir
lange zugesehen hatten, fragte die Eine lachend: Wonach schauen Sie?
Ich sehe nach der Sonnenfinsterni, mein Frulein! entgegnete ich,
aber sie hat wohl noch nicht begonnen. Die Uhr kann wohl nicht weit
von Fnf sein? Mein Gott! rief sie erstaunt, es ist ja schon
Elf! Die Sonnenfinsterni ist ja vor sechs Stunden vorber. Na,
rief ich erbittert, daran ist wieder kein Andrer, als der verdammte
Schuhflicker Schuld! Aber ich will's ihn lehren! Sie sahen mich
verwundert an, aber als sie hrten, da er des Morgens nicht da gewesen
sei um die Fensterlden zu ffnen, verstanden sie meine Rede.

[Sidenote: Seltsame Trume.]

Da ich hier von Schlaf und Trumen rede, finde ich den Ort passend, um
zwei andere Trume zu erzhlen, die ich gehabt habe. Der erste, glaube
ich, fllt in jene Zeit, der andere um mehrere Jahre spter. Ich habe
sie nie vergessen knnen, und ich erzhle sie ohne Ausschmckung; es
wre leicht, einen amsanten Traum zu erfinden, dagegen ist es nicht so
leicht amsant zu trumen.

Erster Traum. -- Mir trumte, ich lge als Leiche in der Roeskilder
Domkirche, in der nrdlichen Kapelle, wo die kniglichen schwarzen
sammtbeschlagenen Srge stehen. Pltzlich hrte ich die Schlssel an
der Gitterthr rasseln, sie ging auf, mein Vater kam mit einem Schwarm
Fremder und zeigte ihnen die Kirche, so wie ich ihn oft in meiner
Kindheit fremden Leuten das Friedrichsberger Schlo hatte zeigen sehen.
Sie nherten sich meinem offnen Sarge und mein Vater sagte: Dieser
arme Mensch, der hier liegt, ist wirklich zu beklagen! Er bildet sich
ein da er noch lebt, whrend er doch schon lange eine todte Mumie
ist. Sehen Sie einmal! Hier fate er mich an der groen Zehe und
rieb Etwas davon zwischen den Fingern zu Staub. Er wollte nun mit der
Gesellschaft weiter gehen und das Gitter wieder schlieen. Ich fhlte
mich von einer entsetzlichen Angst ergriffen, da ich da nun mehrere
Tage allein zwischen wirklichen Leichen liegen solle, bis ich selbst
strbe. Ich strengte alle meine Krfte an, es gelang mir, mich zu
erheben, und zu den Fremden hinzuwanken, aber mehr vermochte ich nicht;
ich sank wieder zwischen ihnen auf einer Treppe in einen Todesschlummer.
Sehen Sie wohl? sagte mein Vater; lauter Einbildungen! er glaubt
immer, da er noch lebt. Aber wir knnten ihn doch in ein warmes Bett
bringen, obgleich ich im Voraus wei, da es nichts hilft. Kurz darauf
befand ich mich in einem hohen schmalen Zimmer, mit dunkelgrnem Damast
bekleidet, der von vergoldeten Leisten eingefat war. Ich lag in
einem Bett, unter einem Thronhimmel mit dicken drappirten Gardinen,
gleichfalls von dunkelgrnem Damast; in meinem Schlafgemach herrschte
Halbdunkel. Aber dicht daran stie ein groer Saal voller Menschen,
die an einem Tische saen. Ich hrte Musik, die Teller rasselten, es
wurde oft laut gelacht, der Glanz der Kronleuchter strahlte durch das
Schlsselloch zu mir herein, der ich in der dunkeln Einsamkeit da lag,
um zu sterben. Eine unbeschreibliche Lust zu leben, die muntern Freuden
des Lebens zu genieen, erfllte meine Brust, und gab mir wieder Kraft,
mich zu erheben. Ich sprang aus dem Bett, ffnete die Flgelthren zum
Saale, eilte hin und setzte mich auf einen leeren Stuhl zwischen zwei
schne Mdchen, fllte mein Glas und sang:

               Und soll ich nicht mehr leben frisch
               Und in die Erde sinken,
               Will ich doch noch an diesem Tisch
               Erst lieben -- und singen -- und trinken!

Darauf stie ich mit den Schnen an, kte sie und leerte mein Glas.
Ich fhlte den Rothwein, zu warmem Blute verwandelt, wieder meine Adern
fllen und durchstrmen; ich war gesund und frisch und -- erwachte. Des
Verses entsann ich mich noch, und wiederholte ihn so oft, bis ich ihn
nicht mehr vergessen konnte.

Der andere sonderbare zusammenhngende Traum, den ich mich entsinne,
gehabt zu haben, war folgender: Ich befand mich wieder in einer
Kirche, aber sie war klein und hatte einige Aehnlichkeit mit der auf
Friedrichsberg. Ich hatte die Musik zu einer Cantate componirt, die
nicht von mir gedichtet war. Sie wurde von einer zahlreichen Gemeinde
aufgefhrt, whrend der Prediger als Erzbischof, im Purpurgewande, und
mit dem Hirtenstab in der Hand vor dem Altare stand. Die Musik war
rhrend und begeisternd. Alle fhlten sich dadurch bewegt. Aber es war
ein Engelchor in der Cantate, den ich nicht zu componiren vermocht
hatte, weil der Inhalt zu himmlisch war. In meiner Verlegenheit hatte
ich dies verschwiegen; das Concert ging vortrefflich ohne Probe, mit
Gesang und Instrumenten vom Blatte, bis man zu dem fehlenden Chor kam,
wo Alles schwieg. Es herrschte Todesstille in der Kirche. Endlich fragte
mich der Prediger laut vom Altare aus: warum ich nicht auch diesen Chor
componirt htte? Ich antwortete ngstlich: Ich war es nicht im Stande,
ehrwrdiger Herr! Solche Gefhle kann nur ein seliger Geist ausdrcken,
der ganz vom Erdenstaube befreit ist. -- Da ffnete sich eine kleine
Thr in der Wand, die Niemand vorher gesehen hatte, nicht weit vom
Altar, etwas ber dem Haupte des Predigers. Und Ewald stand dort, bleich
und freundlich mit Schlafrock und Nachtmtze, eine Rolle Noten in der
Hand, die er dem Prediger mit den Worten darreichte: Ich habe es
componirt! Im Augenblick war die Oeffnung wieder verschwunden, und die
Stelle, wo sie gewesen war, nicht zu erkennen. Die Musik wurde gleich
ausgefhrt; ihre himmlische Milde lt sich nicht beschreiben; sie lste
meine ganze Seele auf, und ich erwachte, in Thrnen gebadet.

Man sieht hieraus, da mich doch nicht immer Ruber- oder Mrdertrume
ngstigten, sondern da ich auch schn trumen konnte; obgleich der
erste Traum, trotz seiner poetischen Einkleidung, etwas mit der alten
Geschichte gemein hatte, und gleich dem Rubertraume, auf Lebensgefahr
und Rettung hinausluft.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Festgedicht an Steffens.]

In dem zweiten Sommer unserer Bekanntschaft reiste Steffens nach Halle,
und holte seine schne Braut, =Hanna Reichardt=. Hierdurch wurde unser
gesellschaftlicher Kreis vergrert und belebt. Zu ihrer Ankunft
veranstaltete ich ein Fest, an dem auch Camma Rahbek und meine Schwester
Theil nahmen. Bei dieser Gelegenheit schrieb ich mein erstes deutsches
Gedicht, damit die junge deutsche Frau es verstehen solle. Es lautete,
mit wenigen Vernderungen, ungefhr so:

               Es war einmal ein Junggesell
               Voll Eigensinn;
               Der wollte, wie ein flcht'ger Quell,
               Ins Weite hin;
               Es ward ihm gar zu eng und weh
               Im alten Haus,
               Drum sagt der wilde Bursch Ade,
               Und zog hinaus,
               Und fuhr auf die Fluthen nach Norweg.

               Der Herr Gott lie die Winde los,
               Beim Strafgericht:[2]
               Der Jngling fiel in Meeresschoos;
               Doch starb er nicht.
               Ganz trocken bald -- ich wei nicht wie --
               Und wieder flott
               Stand er -- und war ein Kraftgenie!
               Du lieber Gott!
               Zur Snde nur war er gerettet!

               Drauf streift er weit, im rm'schen Reich,
               Und sucht Natur;
               Vertiefte sich in Wald und Teich,
               Und Blumenflur;
               In Schachten nach dem Urgestein
               Er suchend kroch;
               Sah nach den sen Mgdelein,
               Durchs Fensterloch,
               Und Alles der Wissenschaften wegen.

               Da fgt's sein Schicksal, immer gut,
               Solchergestalt;
               Er macht, mit liebevollem Muth
               In Halle Halt.
               Was einzeln erst im Bergrevier
               Und Flur er sah,
               Vereinigt in dem Mdchen hier
               Stand Alles da.
               Da ward's ihm gar freudig zu Muthe!

               Nun braucht' er gar nicht suchen gehn
               Lazurgestein;
               Ins Auge braucht er nur zu sehn
               Dem Mgdelein;
               Und wenn die Rosenlippen s
               Er lcheln sah,
               War gar nichts auf der Blumenwies'
               Von Rosen da;
               Sie welkten, vor Neid, und erbleichten.

               Des Dichters goldner Leierklang
               Er auch vermied,
               Wenn sie mit ser Stimme sang
               Des Vaters Lied.
               Der Vogel sa so andachtsvoll
               Am grnen Ort,
               Wenn ber ihre Lippen quoll
               Das holde Wort;
               Es rieselte leiser die Quelle.

               Nun lieber Heinrich bist Du hier
               Mit ihr im Bund';
               Drum singen und drum jauchzen wir
               Aus Herzensgrund;
               Drum zechen wir, mit groer Lust,
               Den guten Wein,
               Und drcken Dich an unsre Brust,
               Und singen drein:
               Willkommen uns, =Heinrich= und =Hanna=!

  [2] Steffens litt auf dieser Reise Schiffbruch.

Die Freude, diese lieben Freunde in unsere Nhe zu haben, whrte nicht
lange, im folgenden Jahre verlieen sie uns leider wieder, da Steffens
als Professor nach Halle berufen wurde.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Ein Symposion.]

Ein Freund meines Jugendfreundes Winckler (mit dem ich in der letzten
Zeit nur wenig umgegangen war) reiste kurz darauf nach Westindien. Sie
veranstalteten Beide bei dieser Gelegenheit ein Fest, wobei es besonders
auf ein Trinken losgehen sollte, wehalb sie auf ihren Einladungskarten
das Fest auch ein =Symposion= nannten. Zur Ehre unserer Landsleute kann
man wohl sagen, da es bereits in meiner Jugend selten war, betrunkene
Leute zu sehen. Selbst unter den Bauern wurde ein Jeppe vom Berge mehr
und mehr zu einer Ausnahme. Nur unter den Matrosen war es hufiger, weil
es scheint, als ob das Trinken mit zu ihrem Elemente gehre. Aber im
Ganzen genommen pate Hamlet's Replik nicht mehr auf uns:

             _This heavy-headed revel, ease and west,
             Makes us traduc'd, and tax'd of others nations;
             They clepe us drunkards._

Dagegen hatte man eine Menge Erzhlungen von lustigen Trinkgelagen in
alten Tagen, die mit Witz und Humor abgehalten worden waren. Ein solches
veredeltes Bacchusfest war das, welches unsere Freunde hier wieder
bereiten wollten. Zum Ort fr das Fest whlte man das Ermelundhaus im
Thiergarten, welches, die Brunnenzeit ausgenommen, einsam daliegt.
Unsere Wirthe mietheten das ganze Haus fr den Abend, und kein Fremder
wurde eingelassen. Man hatte dafr gesorgt, da sich nichts Plumpes
und Widerliches in den muntern Uebermuth mischen solle; die groe
Gesellschaft bestand meistens aus Gelehrten und Knstlern. -- Nun ging
es auf ein Trinken los, und die Kunst bestand darin, so bermthig als
mglich zu sein, ohne brutal und geschmacklos zu werden. Die Convenienz
und die Formen konnte man hingegen, so viel man wollte, bertreten;
das wnschte man gerade, und Keiner durfte dem Andern eine Tollheit
belnehmen. Das Haus wurde den Gsten von den Wirthen Preis gegeben, und
die Freude der Betrunkenen, Spiegel und Fenster in Stcke zu schlagen
(welches in der Natur des Rausches liegt, weil der Mensch in diesem
Zustande gern seine flchtige Phantasie mit der einen oder der andern
pltzlichen oder abenteuerlichen Verwandlung unterhlt) stand Jedem
frei, und wurde auch zuweilen ausgebt; obgleich mit Bescheidenheit und
ohne Schadenfreude, nur um dem Uebermuthe zu huldigen. Mitten in einem
ernsten Gesprche sah man wissenschaftlich gebildete geistreiche Mnner
bald einen kleinen Spiegel von geringem Werthe, bald eine Fensterscheibe
in Stcke schlagen, ohne da dies die geringste Stockung im Gesprche
hervorrief. Einer der Gste go etwas Rothwein aus seinem Glase in Hans
Christian Oersted's Halskrause, als dieser gerade im Begriff war, etwas
Schwieriges in der Physik zu erklren. Er bat Oersted, es um Gottes
Willen nicht bel zu nehmen, worauf dieser ruhig antwortete: Da mte
ich doch ein groes Kameel sein, wenn ich darber bse werden wollte.
-- Ein vorzglich guter Schauspieler, der von uns Allen geliebt war,
hatte gerade einen rhrenden Vater in einem von Kotzebue's Stcken
gespielt, und kam etwas spt, als wir Andere bereits die Glser tchtig
geleert hatten. Da er noch nchtern war, wollte er satyrisch sein,
aber ich sagte: Lieber Freund, wir sind bereits lange ber die Satyre
hinaus! Mache rasch und werde lustig und guter Dinge gerade wie wir.
Kaum hrte er dies, so setzte er eine Flasche an den Mund; und mit
unglaublicher Geschwindigkeit hatte er bald uns Alle eingeholt und
wurde der gemthlichste Mensch von der Welt. Aber zuletzt wurde es ihm
zu hei, denn es war in der warmen Jahreszeit; er warf Stiefel und
Oberkleider ab, und stolzirte endlich munter in durchaus anstndigen
Unterhosen umher. So wurde er in einen Wagen gesetzt und Einige der
Anwesenden wollten ihn entfhren, aber seine Abwesenheit wurde bald
bemerkt; Eilboten zu Pferde wurden ihm nachgesandt, holten ihn eine
Viertelstunde vom Wirthshause ein und brachten ihn im Triumphe zurck.
Wir standen Alle in der Thr, als er ankam; und whrend er in bloen
Strmpfen aus dem Wagen stieg, grte er voller Huld und sagte: Es
war ein Miverstndni, meine Herren! es war ein Miverstndni! Man
hatte ihm nmlich gesagt, da das Fest in einem anderen Wirthshause
fortgesetzt werden solle. Solcher lustigen Scenen fanden viele statt.

Die Wirthin war auch froh darber, da sie Alles auf die Rechnung setzen
konnte; sie characterisirte den Zustand der Gste nach den zerschlagenen
Sachen, und sagte zu ihrem Mdchen: Nun sind sie bei den Fenstern! Nun
sind sie bei den Spiegeln! u. s. w.

Endlich begann doch die Natur ihr Recht zu verlangen; Viele wurden
schlfrig und gingen in die Kammern hinauf, wo fr ihre Bequemlichkeit
gesorgt war. Einige hatten sich etwas mit dem Glase geschnitten, Andere
waren seekrank. Da nun Kopenhagens beste, junge Aerzte da waren, so
theilte man die Patienten, wie in dem Hospitale, in die chirurgische und
die medicinische Seite ein, besuchte sie fleiig und heilte sie bald.
Winckler selbst, als er merkte, da er die Augen nicht lnger aufhalten
knne, lehnte sich an die Brust eines Freundes, trug ihm auf, fr die
Punschbowlen zu sorgen, sagte ihm, wie viel Rum, wie viel Citronen und
wie viel Zucker zu jeder gehre; und als er derart gewissenhaft sein
Testament gemacht hatte, schlief er sanft ein.

Gegen Morgen hin fuhren wir wieder zur Stadt; aber am Nachmittag
waren wir zu einem groen Thee auf der Schiebahn eingeladen, wo wir
zusammenkommen und mit einander von den Begebenheiten des vergangenen
Tages reden wollten, gleich den Asen in Gimle, nach Ragnarokur von den
Thaten des vorigen Lebens. Hier wurde nun ein kstliches Abenteuer
erzhlt, das Einigen in der Gesellschaft begegnet war. Sie hatten
nmlich die Absicht, auf dem Heimwege abzusteigen und in einem Gasthause
zu frhstcken; aber da die Uhr noch nicht einmal drei war und man ihnen
die Thr nicht ffnen wollte, kletterten sie ber die Mauer. Da saen
sie nun rittlings, wie die Klammern an der Wsche, als der Wirth im
bloen Hemde mit seiner geladenen Bchse herauskam und sie, wie Spatzen,
herunterschieen wollte, weil er glaubte, es seien Ruber. Erst nach
vielen Eiden und Versicherungen berzeugten sie ihn, da sie ehrliche
Leute seien, die nur in der edlen Absicht gekommen wren, ihm Etwas zu
verdienen zu geben.

In diesem muntern, ungewhnlichen Symposion nahm auch ich, ohne es noch
zu wissen, Abschied von meinem Vaterlande und dem lieben seelndischen
Walde. Mein Plan war gefat, ich gab die Jurisprudenz auf, ich fhlte,
da die Natur mich zum Dichter geschaffen habe, da es thricht und
vergeblich sei, gegen meinen Beruf anzukmpfen. Freilich sah ich ein,
da ich, indem ich den allgemeinen Weg verlie, auch die Beamtenbahn
aufgab; aber es ahnete mir, da ein schmaler Steg, der freilich ber
tiefe Moore ging, in denen man leicht stecken bleiben konnte, mich
rascher zum Ziele fhren wrde.

[Sidenote: Der Maler Abildgaard.]

Ich hatte zuerst beschlossen, mich auf das Islndische zu legen, und
einige alte Sagen zu bersetzen; ein Subscriptionsplan war bereits
entworfen; ich hatte auch die Akademie der Knste gebeten, mir einen
Saal zu leihen, in dem ich Vorlesungen ber nordische Mythologie halten
wollte, da das fehlende Doctordiplom es mir nicht gestattete, sie in
der Universitt zu halten. Ich sprach dehalb mit Thorwaldsen's Lehrer,
dem Director der Akademie, Maler =Abildgaard=. Dieser lange hagere Mann
hatte bedeutende Gaben, sehr viel Talent, groe Kunstfertigkeit; aber
ein gewisser Eigensinn, eine ihm zur andern Natur gewordene Manier
schadeten ihm. Farbensinn hatte er in einem seltenen Grade, zeichnen
konnte er vorzglich, und so ist Thorwaldsen ihm Dank schuldig, so wie
ein groer Philolog seinem verstndigen Rector, der dem Schler zeitig
durch fleiigen Unterricht die unentbehrliche Grammatik einprgte. Als
ich Abildgaard erzhlte, da ich fr die nordische Mythologie begeistert
sei, machte er mir erst die gewhnlichen Einwendungen; aber als ich ihm
einige meiner Ideen mitgetheilt hatte, betrachtete er mich mit groer
Aufmerksamkeit; sein spttisches Lcheln verwandelte sich allmlig
in eine ernste Verwunderung, und als ich fertig war, sagte er: Ja,
ich bin wahrhaftig nicht der Mann, der sich dem Guten und Sinnreichen
widersetzt, weil es neu ist! -- Wir sprachen ber mehrere Gegenstnde,
auch ber Poesie; und da bemerkte ich nun, da er sich von dieser
einen falschen Begriff machte. Er sagte: Mit Poesie und Kunst verhlt
es sich ganz entgegengesetzt. Ein Dichter liegt in der Nacht schlaflos
da, es entsteht eine glckliche Idee in seinem Kopfe, er spricht sie
aus, und hat sich unsterblich gemacht. Der Knstler mu viel arbeiten,
und gelangt erst allmlig zum Ziele! Ich entgegnete ihm: da der
Dichter sich auch, aber wissenschaftlich, ausbilden msse, da eine
glcklich ausgesprochene Idee freilich Hoffnungen wecke, aber noch nicht
den wahren Dichter zeige; da auch viel Arbeit, Kunst, Studium und
Nachdenken dazu gehre, um ein bedeutendes Dichterwerk hervorzubringen
und zu vollenden. -- Abildgaard nahm freundlich von mir Abschied; kurz
darauf nderte ich meinen Beschlu und sah ihn nicht wieder.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Die Grfin Schimmelmann.]

Man sagte mir, da die Grfin =Schimmelmann= meine poetischen Schriften
gelesen habe, und da sie den Verfasser des Aladdin gern sehen wollte.
Zugleich wnschte man mir Glck zu dieser Bekanntschaft; denn,
sagte man, Graf Schimmelmann achte und liebe Talente und helfe ihnen
vorwrts, wo er knne. So habe er meinen Freunden Bentzon und Steffens
frher geholfen, und es sei daher mglich, da er auch Etwas fr mich
als Dichter thun wrde, besonders wenn die Grfin auf meiner Seite
stehe.

Ich ging also an einem schnen Sommertage mit pochendem Herzen nach
seinem Landgute Seelust hinaus. Als Kind und Knabe war ich oft an
der schnen Emilienquelle vorbergegangen und gefahren. Eine Grfin
Emilie Rantzau war Schimmelmann's erste Frau gewesen, die er bis zur
Schwrmerei geliebt, deshalb hatte er ein Auge in den Stein aushauen
lassen, welches stets weinte, wenn das Wasser herausflo. Diese Idee war
nun zwar weniger glcklich, aber mu durch den sentimentalen Geschmack
jener Zeit entschuldigt werden. Was Schimmelmann's eigene Augen betraf,
so weinten sie nicht mehr ber einen Verlust, den ihm seine zweite Frau,
Charlotte Schubart, wiederum ersetzte.

Heute ging ich nicht zur Quelle, sondern wendete mich in den Hof
hinein, wo ich nie gewesen war; zum ersten Mal in meinem Leben sollte
ich eine so vornehme Dame besuchen, die ich noch nie gesehen hatte. Ich
stand im Vorzimmer, wartete, drehte den Hut in der Hand, fate Muth
und beschlo, mich nicht verblffen zu lassen -- als eine bleiche,
magere Frau, einfach gekleidet, hereintrat und freundlich grend
sagte: Mein Mann wird gleich kommen. Das war also die Frau Grfin.
Sie nahm mich mit in ihren groen Gartensalon, wir wurden bald bekannt,
und ich bekam Muth, als ich merkte, da ich in ein Haus gekommen sei,
wo man Poesie verstand, und sie mit zu den hheren Nothwendigkeiten
des Lebens rechnete. Schimmelmann's Eintritt und Gesprch setzte
mich in nicht geringe Verwunderung. Ein solches Wesen hatte ich mir
frher nie gedacht, nie in einem Dichterwerk dargestellt gesehen.
Die eigenthmlichen Contraste waren bei ihm auf eine so naive Weise
verbunden, da sie sich zur Harmonie vereinigten.

[Sidenote: Der Graf Schimmelmann.]

Er war klein, mager und hlich, er schielte mit einem der kleinen
dreieckigen Augen, war pockennarbig und schnupfte stark Taback, und das
mit einer Nachlssigkeit, die unangenehme Spuren an Kleidern und Fingern
zurcklie. So trat er wankend ein, mit blauem moirirtem Ritterbande
und zwei groen Sternen auf der Brust, die dnnen Haare frisirt und
gepudert und mit einem kleinen Zopf in dem Nacken. Ich stutzte fast
ber diese Hlichkeit; aber kaum hatte er einige Worte gesprochen,
als sich das schnste, freundlichste Wesen ber dem pockennarbigen
Gesicht ausbreitete, als das eine Auge, das nicht schielte, mit einer
so ausnehmenden, ehrlichen, tiefen Menschenliebe in mein Herz lchelte,
-- da ich glaubte Sokrates zu schauen; doch lag keine Ironie in diesem
Lcheln, es war bescheiden, mdchenhaft, schchtern, gefhlvoll. Das
Ritterband verschwand vor dem Bande der Natur, mit dem ich mich gleich
an diese edle Seele geknpft fhlte, und die Sterne auf der Brust
wurden Flitterstaat gegen das himmlische Sternenfeuer, das in seinem
geistvollen Auge funkelte.

Ich kehre spter zu diesem edlen Manne zurck, und will diesmal
nur noch bemerken: die Grfin hatte Sinn und Geschmack fr Poesie;
Schimmelmann hatte Seele und selbst Genie. Aber hier herrschte nun
wieder der eigenthmliche Contrast! Trotz der treuesten Hingebung fr
die Gegenstnde war er im hchsten Grade zerstreut, und dieser Zustand
erlaubte ihm nicht, lange Zeit bei einer Vorstellung zu verweilen. --
Erst viele Jahre darauf fand ich den Schlssel zu diesem seltsamen
Wesen. Schimmelmann war ein Siebenmonatskind. Was wre nicht aus ihm
geworden, wenn ihm die zwei Monate noch vergnnt gewesen wren. Er rieth
mir, Se. Knigl. Hoheit den Kronprinzen (spter Friedrich VI.) um ein
Reisestipendium aus dem Fond ad usus publicos nachzusuchen. Froh setzte
ich mich nun mit meinen Wohlthtern an eine prchtige Tafel, jener
gleich, die ich auf Friedrichsberg so oft gesehen, aber an der ich nie
Theil genommen hatte.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Friderike Brun.]

Ich machte in der Zeit auch die Bekanntschaft der Dichterin Frau
Etatsrthin =Brun= auf Frederiksdal. Mein guter Freund =Rothe= (spter
Prediger bei der Trinitatiskirche) war der Hauslehrer des Sohnes. Auch
hier traf ich die sonderbarsten Contraste, doch nicht in einer Person
vereinigt. Wenn ein Komdiendichter den Gegensatz von bertrieben
poetischer und bertrieben prosaischer Tendenz schildern wollte, so
konnte man hierzu nie besser Veranlassung finden, als im Etatsrath
(spterem Geheimrath) Brun und seiner Frau. Der erste, Kaufmann mit
Leib und -- _sit venia verbo_ -- Seele; praktisch, thtig, auf Geld
versessen, wie ein Habicht auf die Beute; aber ohne jede hhere Idee;
der Poesie, als Kinderstreichen, und seiner eigenen Ehehlfte, als der
Reprsentantin der Poesie auf Sophienholm, spottend. Frau Brun war in
der Klopstock'-, Salis'-, Mathisson'-Bonstetten'schen Schule gebildet.
Die sentimentale Richtung, die ihr Wesen hierdurch genommen hatte,
sagte ihrem Manne nicht zu, der den Mond nur als Zeitmesser und als
eine gute groe Laterne betrachtete, deren Licht kein Geld kostete.
Man erzhlte aber doch als eine Merkwrdigkeit, da Brun einmal als
Liebhaber, um ihr zu gefallen, ihr eine ganze Ode von Klopstock recitirt
habe, die er auswendig gelernt hatte. Wenn dies der Fall ist, zeugt
es von seinem guten Kopfe, der zu allen Geschften geschickt war, aus
denen er Vortheil ziehen zu knnen glaubte, selbst zum Auswendiglernen
der Poesie. Aber in sich hinein hatte er sie nie gelernt. Die gute Frau
Brun -- (ich werde sie und ihren Mann spter nher besprechen) hatte
viel Geist, ein leicht bewegliches Gefhl, und war dadurch gebildet,
da sie auf ihren Reisen mit den tchtigsten Kpfen des Zeitalters
umgegangen war. Unglcklicherweise war sie schwerhrig geworden und
dies in Verbindung mit der Bequemlichkeit und Unabhngigkeit, die der
Reichthum verschafft, hatte sie mehr zu einer theilnehmenden Zuschauerin
des Lebens, als zu einer eingreifend handelnden Person gemacht. Darin
stimmten aber doch Mann und Frau berein, da sie Beide einen eleganten
Kreis an einem Orte um sich liebten, der durch Wohlstand und Geschmack
verschnert wurde. Denn Brun war nicht ohne Geschmack fr das Behagliche
des Lebens; er hatte auch einen gewissen naiven plattdeutschen Humor,
der fr ihn einnahm; und das stete Hacken und Schelten auf seine Frau,
wenn sie nicht zugegen war -- (und wenn sie zugegen war, konnte sie
es doch nicht hren) hatte etwas Amsantes, gerade weil die komische
Uebertreibung zeigte, da es nur halb gemeint war.

Auf diesem schnen Sophienholm brachte ich nun auch einige angenehme
Tage vor meiner Abreise zu.

[Sidenote: Abreise.]

Ich zeigte Schimmelmann mein Gesuch an den Knig um das Reisestipendium.
Ein solches Gesuch =kann= ja nicht abgeschlagen werden! sagte er
lchelnd. Ich betrachtete nun die Sache als abgemacht; aber um nicht
Zeit zu verlieren, und um -- gleich den khnen Soldaten -- die Brcke
hinter mit abzubrechen, so wie ich ber den Flu gekommen war, reiste
ich gleich nach Halle, da Steffens mich dorthin eingeladen hatte, und
-- um Christianen und mir selbst den Schmerz des Abschiedes zu ersparen,
sagte ich ihr vorlufig, da es nur eine kleine Lustreise auf einen
Monat sei.

Mein Vater gab mir hundert Reichsthaler in einem dicken Packet kleiner
Scheine, um die Kosten bestreiten zu knnen, bis das Stipendium
eintrfe. Im Anfang furchtsam, da ich nie vorher eine so groe Summe
besessen hatte, griff ich oft ngstlich in die Tasche, um zu sehen, ob
das Geld noch da sei. So bestieg ich im Anfang des Monats August 1805
das Packetboot, um nach Kiel zu reisen. Sobald ich nach Hamburg gekommen
war, schrieb ich meiner Christiane. Mit diesem Briefe beginnen wir den
zweiten Theil meiner Erinnerungen.

                    *       *       *       *       *

                        =Ende des ersten Bandes.=

                  Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.

                    *       *       *       *       *




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1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or
destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
1.E.8.

1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement. See
paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
electronic works. See paragraph 1.E below.

1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
works in the collection are in the public domain in the United
States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
United States and you are located in the United States, we do not
claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
displaying or creating derivative works based on the work as long as
all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
you share it without charge with others.

1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
in a constant state of change. If you are outside the United States,
check the laws of your country in addition to the terms of this
agreement before downloading, copying, displaying, performing,
distributing or creating derivative works based on this work or any
other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
representations concerning the copyright status of any work in any
country outside the United States.

1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
performed, viewed, copied or distributed:

  This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
  most other parts of the world at no cost and with almost no
  restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
  under the terms of the Project Gutenberg License included with this
  eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
  United States, you'll have to check the laws of the country where you
  are located before using this ebook.

1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
contain a notice indicating that it is posted with permission of the
copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
the United States without paying any fees or charges. If you are
redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
posted with the permission of the copyright holder found at the
beginning of this work.

1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
any word processing or hypertext form. However, if you provide access
to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
provided that

* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
  the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
  you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
  to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
  agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
  Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
  within 60 days following each date on which you prepare (or are
  legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
  payments should be clearly marked as such and sent to the Project
  Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
  Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
  Literary Archive Foundation."

* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
  you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
  does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
  License. You must require such a user to return or destroy all
  copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
  all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
  works.

* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
  any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
  electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
  receipt of the work.

* You comply with all other terms of this agreement for free
  distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
electronic works, and the medium on which they may be stored, may
contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
cannot be read by your equipment.

1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from. If you
received the work on a physical medium, you must return the medium
with your written explanation. The person or entity that provided you
with the defective work may elect to provide a replacement copy in
lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
or entity providing it to you may choose to give you a second
opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
without further opportunities to fix the problem.

1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of
damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
violates the law of the state applicable to this agreement, the
agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
remaining provisions.

1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org



Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

