The Project Gutenberg EBook of Die Wupper, by Else Lasker-Schler

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Title: Die Wupper

Author: Else Lasker-Schler

Release Date: November 22, 2015 [EBook #50530]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE WUPPER ***




Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online
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                              DIE WUPPER


                       SCHAUSPIEL IN 5 AUFZGEN
                       VON ELSE LASKER-SCHLER

                    OESTERHELD & CO  BERLIN 1909

                      DER LIEBLICHEN PRINZESSIN
                             HELLE v. L.
                       SCHENKE ICH DIESES BUCH

                  DAS AUFFHRUNGSRECHT FR SMTLICHE
                  BHNEN IST DURCH DIE VERLAGSFIRMA
              OESTERHELD & CO., BERLIN W. 15 ZU BEZIEHEN




                               PERSONEN


   FRAU CHARLOTTE SONNTAG (Fabrikbesitzerin)
   HEINRICH  }
   EDUARD    }  ihre Kinder
   MARTA     }
   DR. JUR. BRUNO VON SIMON
   GROSSVATTER WALLBRECKER
   AMANDA PIUS, seine Tochter
   CARL PIUS, sein Enkel
   MUTTER PIUS (Carls Gromutter vterlicherseits)
   DER PENDELFREDERECH   }
   LANGE ANNA            }  Drei Herumtreiber
   DER GLSERNE AMADEUS  }
   AUGUST PUDERBACH, Frber
   LIESCHEN, sein Schwesterchen
   GRETE STOMMS, Lieschens Freundin
   WILLEM, Zuhlter, ehemaliger Weber
   ROSA, die Riesendame
   DIE HERREN MIT DEN GRAUEN CYLINDERN
   AUGUSTE  }
   BERTA    }  Dienstboten im Hause Sonntag

   Fabrikarbeiter, Fabrikarbeiterinnen, Herumtreiber, Kroatenjungen,
                     Jahrmarktleute, Kinder etc.

   Der erste und vierte Aufzug spielen im Arbeiterviertel, der
   zweite im Garten vor einer Villa, der dritte auf dem Jahrmarkt,
   der fnfte in einer Art Gartenzimmer derselben Villa. Die
   Schluverwandlung des fnften Aufzuges spielt im Arbeiterviertel.




                              ERSTER AKT


   Arbeiterviertel einer Fabrikstadt im Wuppertale.

   Hintergrund bergiger Wald. Links im Tal fliet ein schmaler
   Wupperarm nach hinten in einer Biegung auslaufend. ber den Flu
   fhrt eine Brcke zu einem Weg, an dem Pius zerfallenes,
   einstckiges Huschen liegt. Rechts hinten ein Gchen mit hohen,
   alten, schmutzigen Arbeitermietshuschen. Im ersten, nur noch
   halb sichtbaren Hause, wohnen im obersten Stockwerk Puderbachs.

   Links von der Wupper eine Wiese -- in der Ferne sieht man
   dampfende Schornsteine von Fabriken und andere Huser etc.

   Vor Pius' Huschen steht eine Bank, neben dieser ein breiter
   Strauch. Vor einem Steg, der im Hintergrund in den Wald fhrt,
   brennt eine alte Laterne, die whrend des ersten Aufzuges langsam
   erbleicht.

Grovatter Wallbrecker, Carl Pius, Frau Amanda Pius, Mutter Pius,
Lieschen Puderbach, August Puderbach, der Pendelfrederech, Lange Anna,
der glserne Amadeus, zwei Helfershelfer, Kroatenjungen.

Grovatter WALLBRECKER: Hr auf Dein alten Grovatter, Carl, schmei den
Gelehrtenkrams beis Germpel. Du bist man so recht was fr'n Meister,
Gesellen mt De unter Dein Kommando hab'n.

CARL: La mich man erst Pastor sein, Grovatter, dann werden die
Meisters meine Gesellen.

Gr. W.: Und das Liesken drben sollst Du doch frein.

CARL (berlegen wie zu einem Kind): Die heirat' mich um so lieber.

Gr. W.: Fnfundzwanzig Jahr hab ich mit dem Liesken sein Grovatter am
Webstuhl gesessen, und doch war das Leichentuch zu klein fr uns zwei.
(Pause). Es nimmt en Pastor schon, aber, zum gelehrten Mann gehrt en
feines Weib un zum Pastor eine Pastorin -- un der alte Grovatter gehrt
auch nicht rein in's Treibhaus!

CARL: 'N en bequemen Sorgenstuhl kauf ich Dir, Grovatter, auf einem
weichen Polster sitzt Du und tust den ganzen Tag niks andres wie
schlafen, spazierengehen und schmken. Was sagst De dazu, Vatter
Wallbrecker?

Gr. W.: Mit die Kaplans komm ich in Kollektion, da Vatter Wallbreckers
Enkelsohn Pastor is, sie haben mich schon das Haus eingelaufen wegen
Dein Vater sein lutherschen Glaubens.

CARL: An was Du alles denken tust.

Gr. W.: Tum Tingelingeling, Carl, die alte Truthenne hat auch Dein Vater
immer in die Ohren gelegen. Ein fleiiger Frber wars; (zeigt auf das
Wasser der Wupper) da rinnt sein Blut. -- Fllt dem mit einmal ein, er
taucht fr die Arbeit nich mehr, un giftig is er geworden auf sein Herrn
und seine Gemahlin. Aufgeblasen war se ja man mit die seidene Rck, aber
en Hochmut darf sie ja hab'n bei so viel Geld. Am hellen Tag auf dem
Marktplatz hat er ihren adeligen Blossen verhauen.

CARL: Das hat Dir wol groen Kummer gemacht, Grovatter, weil Du es nich
vergessen kannst.

Gr. W.: Tum Tingelingeling, ein Jahr hab'n sie ihm fr seine Missetat
ins Loch gesteckt.

CARL: (Beileid bezeugend).

Gr. W.: Er war ja sonst ein ehrlicher Arbeiter gewesen.

CARL: (Nickt).

Gr. W.: Un die alte Truthenne hat ihm bald besucht. Mit ihre Quacksalben
hat sie eine feine Madame den Brand an de Waden geschmiert. Siehst De,
Carl, un nu meint Amanda, Dir steckt man auch mal rein wie Dein
berdrssiger Vatter und Deine studierte Gromutter.

CARL: Die Zeiten hab'n sich gendert, Grovatter.

Gr. W.: Siehst De, da hab'n wir's, bald denkst De auch an Dein alten
Grovatter Taback nich mehr. (Kindlich schlau).

CARL: La man gut sein.

Gr. W.: Wie alt bist De nu, Jung! Puderbachs Aujust bringt schon zehn
Taler nach Haus. Da luft er mit seine Schwester, wie mit sein Schatz.

   (Man sieht beide geschwisterlich vom Wald heimwrts kommen.)

CARL: Und ich werd' das Dreifache verdienen, la mich man Zeit, bin ich
erst Pastor, tust De alle Tage Dein Leibgericht knappern.

Gr. W.: (bedenklich) Wenn es de alte Truthenne mich nich auffressen tut.

CARL: Die bleibt hier an der Wupper in ihr Haus wohnen.

Gr. W.: Und Du willst in de fremde Residenz predigen? Tum
Tingelingeling, in die luthersche Lutherkirche hier mut De von de
Kanzel herunter auf all die reichen Muckerkppe brllen: (kleine Pause)
Und ich werd auch auf meine alten Tag en Ketzer werden, wenn es not tut
-- Dich zu Lieb, Carl. Ich hab das (schlgt ein Kreuz) doch verlernt
(weinerlich), wenn man so immer dran hngen tut.

CARL: Es ist schon spt, Grovatter, ich bring Dich in de Klappe.

Gr. W.: Jung, Jung, Jung, wenn ich es erleben tu.

   (Sie schreiten ihrem kleinen Huschen zu, im Begriff einzutreten,
   umhalst hinterrcks den Grovater Lieschen Puderbach, die ihrem
   Bruder vorangesprungen ist. Arbeiter sieht man in der Ferne
   und hrt ihre rauhen Stimmen.)

Gr. W.: Was willst De vom Grovatter, kleines, leckeres Dier? Seh Se
Dich mal an, Carl, die meint es mit dem alten Grovatter gut.

LIESCHEN: (vergngt) Kriegst morgen zu Dein Geburtstag 'ne neue Piepe
von mich, ich hab dem Aujust seine kleine im blauen Sametetui weggeklut
un sie Herr Stomms gebracht heut. Ich kann mich fr sie eine _lange_
aussuchen wie Deine is, eine nagelneue, Grovatter, (ganz hoch zu
sprechen) mit en Hirschkopf drauf.

Gr. W.: (freut sich wie ein Kind) Die meint es gut mit dem alten
Grovatter, Carl. (Er kitzelt Lieschen am nackten Hlschen) Ich klopf'
ihm auch immer, wenn der junge Herr Eduard kommen tut, was Liesken?

LIESCHEN: (schmt sich).

Gr. W.: (Blinzelt Lieschen vertraulich an) Er fragt mir immer nach es.

LIESCHEN: (altklug zu Carl) Herr Eduard sagt, ich wr seine Knigsbraut.

CARL: (sagt, um etwas zu erwidern) Un mich willst De also nich heiraten.

Gr. W.: Tum Tingelingeling, er ist molz ein reichen Herr, was Liesken?

LIESCHEN: Zwei groe Bilder aus England hat er gesagt, bringt er mich
mit hier -- siehst De! siehst De! Ich glaub, er kmmt gleich Dir
besuchen, Carl.

CARL: (schiebt das Kind ungeduldig zur Seite) Dein Bruder sucht Dich,
Liesken.

Gr. W.: Ein blaues Maul hat das Luder von'n Beerenfressen.

LIESCHEN: Kuck mal seine Nas an, Grovatter!!

Gr. W.: Die is man wie'n Affe seine gemalen.

LIESCHEN: Aujust, Aujust, wie siehst De aus!!!!

AUGUST: (blickt neidisch auf Carl) Ich bin man blos ein einfacher
Frber, ich schm mir nich, von Gottes Waldes Natur zu fressen; Du,
Grovatter Wallbrecker?

Gr. W.: (Schttelt mit dem Kopf) N.

AUGUST: Du Liesken? (Carl stellt sich an einen Seitenbalken des
Huschens, die Arme verschrnkt).

LIESCHEN: Wenn De de Mutter fragen tust, August, ob ich die Tante noch
ein bischen waschen helfen darf, dann sag ich Dich auch, wo Deine kleine
Piepe im blauen Sametetui is.

AUGUST: Sag!!

Gr. W.: (Schttelt heftig Lieschen mit dem Kopf zu).

LIESCHEN: (Lacht).

AUGUST: Sag es doch, dummes Weib!!

LIESCHEN: Molz! Ich wei es doch nicht.

Gr. W. und LIESCHEN: (Lachen August aus, der in komischen Wendungen im
Begriffe ist, umzukehren, Lieschen verhindert es aber).

LIESCHEN: Aujust, lieber Aujust, frag die Mutter, ja? Ich geb Dich auch
en Dicken.

AUGUST: Steck den Schmatz man in de Kiste, wenn de heiraten tust.

LIESCHEN: Meine Klmken un de Stange Sholz kannst De Dich nehmen aus
Mutter ihre Kommode, Aujust.

Frau AMANDA PIUS: (tritt ans offene Fenster, sie hat die letzten Worte
Lieschens gehrt) So en sen Kater bist De, Aujust? Warum kmmst De
eigentlich nich mehr beim Carl herber?

            (Mutter Pius tritt hinter Amanda ans Fenster).

AUGUST: Bei so'n feinen Herr, -- n, Frau Pius?

Mutter PIUS: Was soll auch unser Carl mit so einen gemeinen
Baumwollenfrber anfangen?

AUGUST: (Verzieht sich furchtbar komisch mit einem Katzenbuckel).

Mutter PIUS: (zu Lieschen) Und Du mt' schon in de Klappe liegen.

LIESCHEN: (etwas schchtern auf Frau Amanda blickend) Ich will die Tante
noch waschen helfen, da se morgen dem Grovatter sein Leibgericht
kochen kann.

Mutter PIUS: Und hat kein Zahn im Maul.

LIESCHEN: Ich kann doch nich schlafen bei so'n Mond, der guckt so rot
wie Pendelfrederech sein ausgelaufen Aug.

Frau AMANDA: (geheimnisvoll) Hast De das schon gesehen, Liesken?

LIESCHEN: Einmal hat er es mich und Gretchen Stomms gezeigt.

Mutter PIUS: (zynisch) Un hast De sonst niks andres in sein Keller
gesehn, Liesken?

LIESCHEN: Ich hab immer blos in sein runden, roten Mond geguckt.

Mutter PIUS: Aber en wacker Mdchen bist De geworden: Amanda guck mal,
Brst hat es schon, wie junge Salatkppe. (Carl tritt aus seinem Winkel
auf den Grovater zu).

Gr. W.: Carl, ich komm jetz.

   (Mutter Pius tritt in die Stube zurck; Lieschen klettert durchs
   Fenster, Frau Amanda ist ihr dabei behilflich. Dann schliet sie
   das Fenster. Der Grovater und Carl schlendern langsam ins Haus.)

Gr. W.: N, wie mich das alles aufregen tut ....

CARL: Was denn?

Gr. W.: Mit Deine Carlire, Carl.

CARL: Schlaf man ruhig, Grovatter. (Sie treten beide ins Huschen.
August schleicht aus seiner Gasse, umlauert das kleine Huschen von Pius
und versteckt sich vorsichtig zwischen Strauch und Bank. Unterdessen
wird das Dachkmmerchen von einem matten llmpchen erleuchtet, das
kleine Fenster ist halb geffnet. Betrunkene Arbeiter passieren den Weg,
fluchen, lachen, etc. August gebrdet sich, da er durch den Lrm nicht
zu hren glaubt, wie ein wtender Clown. Die Arbeiter biegen rechts in
die Gasse ein. Man hrt von oben Amandas Stimme).

Frau AMANDA: Vatter ....

Gr. W.: Jjo ....

Frau AMANDA: So eilig hast De's ja sonst nich, wach auf!!

Gr. W.: Was soll ich um Mitternacht, meine Tochter?

Frau AMANDA: Was hat Carl gesagt?

Gr. W.: Was?

Frau AMANDA: Was er gesagt hat. Du hast doch gesprochen mit ihm.

Gr. W.: Jjo, es is mich man so am Maul vorbeigeschlichen, was frn
schnen Posten der Aujust hat.

Frau AMANDA: Un was sagt er drauf?

Gr. W.: N, er will nich; de Pastor spuckt ihm in Kopf herum.

             {  Drei Mnner kommen langsam schweigend
             {  ber die Brcke, der eine murrt
             {  unheimlich, es ist der Pendelfrederech,
             {  sein linkes, ausgelaufenes Auge bedeckt
   Whrend   {  eine schwarze Klappe. Der zweite
   dessen    {  ist lange Anna, der trgt eine Handharmonika
   setzt     {  in einem verschossenen
   oben das  {  Band um die Schulter. Der dritte ist
   Gesprch  {  der glserne Amadeus, der nimmt vorsichtig
   fort.     {  Platz auf der Stufe, die von
             {  der Brcke zum Weg fhrt. Die
             {  beiden anderen setzen sich auf das
             {  Gelnder der Brcke. August bckt
             {  sich tiefer unter den Strauch.

Frau AMANDA: Du kannst nich kallen! Ich hab auch keine Lust mehr, den
ganz Stall zu fttern.

Gr. W.: Gered' hab ich, ihr Weiber denkt wol, ihr habt allein en
Schnabel, was? (Frau Amanda heult.) La das Heulen. (Sie gluckst.)
Freuen tu ich mir doch auf Carl in Ornaments (schlau kindlich). Noch ein
paar Jhrkes, Amanda, meine liebe Tochter, dann kmmt der Lohn. Glaub
Dein alten Vatter. (Er krht noch einmal und schlfert.)

Frau AMANDA: Die Pius hat an alles Schuld, hat se de Finger an mein Mann
gehabt, soll se mein Jung zufrieden lassen.

Gr. W.: (Aus dem Schlaf triumphierend) Er wird se auch nich einladen zu
sich in sein Filla neben Kaiser Wilhelm Schlokirche.

Frau AMANDA: Du trumst wohl? (Sie schttelt ihn rgerlich, man hrt das
Bett krachen.)

Gr. W.: Alles przise Wahrheit, Amanda, diesmal hat de alte Pius gut
spekuliert. (Kurze Pause.)

Frau AMANDA: Seitdem Du nich mehr zum Heiland beten tust, is alles so
gekommen. (Sie heult wieder.)

Gr. W.: Ich bet jeden Abend, meine liebe Tochter, ich lg lieber, als
da ich mir nich bedanken tu fr seine groe Gnade. (Leise singt die
Tre.)

Frau AMANDA: Kmm man herrein! -- Liesken will Dich gute Nacht sagen,
Vatter, und denn kannst De schlafen meinetwegen. (Man hrt die Tr roh
ins Schlo werfen.)

LIESCHEN: Grovatter, ich freu mir so auf Deine neue Piepe (ganz hoch
sprechend) en Hirschkopf hat se!!

Gr. W.: (Lacht wie ein Kind.)

LIESCHEN: Klopfst De un pfeifst De mich, wenn er bei Euch kmmt?

Gr. W.: (Pfeift sehr gelungen.)

LIESCHEN: Dein dicken Zeh guckt ja aus de Federn heraus, Grovatter,
warte, ich deck Dir zu wie'n Wickelkind.

Gr. W.: Mach auch noch weiter das Fenster offen, ich leid an de Luft.

LIESCHEN: (ffnet das kleine Fensterchen ganz.) Aujust, hier bin ich.

AUGUST: (fhrt erschrocken in die Hhe und winkt ab.)

LIESCHEN: Ich komm jetzt runter; gute Nacht, Grovatter Wallbrecker!

Gr. W.: (halb schlafend) Tum Tingelingeling, wenn ich noch se en jung
Weib im Bett hab'n knnt.

                     (Lieschen ist im Nu unten.)

AUGUST: (tritt aus dem Versteck, Lieschen eilt zu ihm. August zu den
Herumtreibern): N'Abend zusammen, kmmt ihr schon von de Arbeit?

Lange ANNA: (hohe Weiberstimme) Wo sonst her, alter Duckmuser?

LIESCHEN: Amadeus, Du blutest ja.

Lange ANNA: La es man bluten aus de Nasenrinnen, was fngt er auch an
gescheit zu reden aus sein Traumbuch.

AMADEUS: (legt angstvoll die Hand aufs Herz) Un en Sprung hat es
abgekriegt, Liesken, es trppelt immer.

Lange ANNA: La ens lutschen ran.

AMADEUS: Seid man still: es gibt noch was hinter de Dsterkeit, wart
man, wenn es erst Licht wird.

AUGUST: (steckt ein Streichholz an) Hier hast De Licht, das knnen wir
auch machen. (Zu Lieschen) Versteck de Visage in Dein Schabbesdeckel,
Lieschen, Frederech hat wieder sein Pendel raushngen. (Frederech
murmelt grausig.)

LIESCHEN: Ich hab' so 'ne Angst, Aujust, wir wollen bei Mutter gehn.

Lange ANNA: Bange Hippe!

AMADEUS: (mitleidig) Es ist auch Zeit, macht euch nach Haus, so'n
kleines Blag gehrt nicht mehr auf de Strae. (Oben hstelt der
Grovater. August und Lieschen biegen ins kleine Gchen ein und treten
in ihr Haus.)

AMADEUS: Ich sag euch, lang mach ich so en Leben nich mehr mit.
Pendelfrederech, was hast De von Dein Leben?

PENDELFREDERECH: (grausig murmelnd) Ich hab nicks von's Leben, aber es
hat mir zum Zeitvertreib.

Lange ANNA: (hhnisch) So en verfaultes Zeitvertreib.

PENDELFREDERECH: Nix fr seine feinglasierte Fingers, aber wenn es einen
en Schabernack spielen will, dann holt es mir aus seine Kiste. (Murmelt
bse.)

Lange ANNA: (lacht) Von de Tren rannten de Kochmamsells und die Herzen
fielen ihnen in de Buchsen. (Er klopft Pendelfrederech auf die Schulter
und lacht noch hher auf.) Mit Dich mach ich oft so'ne Opern.

AMADEUS: Und da de Polizisten Dich nich kriegen tun, Pendelfrederech.

Lange ANNA: Die lachen selber.

AMADEUS: Wat hast De eigentlich von de Sauereien?

Lange ANNA: Und guckst man immer so mit das eine Aug in Dein Kopf rein?

PENDELFREDERECH: Rot seh ich immer, lauter Rot. (Murmelt grausig.)

AMADEUS: De Mutter Pius, die hat en Mittel dafr. Aus dem
Zuchthauskirchhof holt sie die Totenkpfe und reibt sie zu Zucker. (Sie
lachen alle drei. Carl tritt, leise vor sich hin pfeifend, aus dem Haus
und setzt sich auf die Bank. Amadeus spricht ohne Pause weiter, ohne
Carl zu bemerken.) Mich kann se vielleicht auch helfen. (Er legt die
Hand zrtlich bange aufs Herz; er bemerkt pltzlich Carl.) Nabend Carl.
(Rhrselig). Es hat en Sprung gekriegt, es klirrt nur immer so drinn.

Lange ANNA: (hhnisch) Deine Gromutter will er consultieren.

AMADEUS: (auf Frederech zeigend) Dem soll se auch lebendig machen; wie
en Spezialdoktor wei se mit de Kastemnnekens Bescheid, was Carl?

CARL: (hochmtig und abweisend) Sucht euch Arbeit, dann vergehen euch de
Schrullen.

PENDELFREDERECH: Ich will nich reicher werden.

Lange ANNA: (zu Carl) Tu man nich so aufgeblasen.

                 (Kroatenjungen kommen, sie heulen.)

AMADEUS: Was heult ihr so spt in der Nacht, heulen knnt ihr noch
morgen.

KROATENJUNGEN: Aben verkauft nich, garnich, Meister schlgt, tut weh
....

Lange ANNA: (zu Carl) Pastor kmmer Dir um Deine Gemeinde. (Carl gibt
sich eine abweisende Wrde.)

AMADEUS: La man (er fat in seine Tasche. Die Kroaten gehen weiter.)

Lange ANNA: (zu Carl) Was, Du alter Geizkragen, Du Kreuzverdreher, Du
Taschendieb. (Er will in Carls Taschen fassen.) Zeig uns ens das fremde
Portemonnai! (Carl verrenkt mit wortloser Leidenschaft den Arm des
langen Anna. Der schreit furchtbar grell auf, Amadeus fllt zusammen,
der Pendelfrederech nimmt ein kleines Metallpfeifchen aus der Tasche und
pfeift. Geht dann stier, ohne den Erfolg abzuwarten, seines Weges und
legt sich gegenber dem Hause Puderbach am Ufer der Wupper nieder. Es
nahen alsbald drei Helfershelfer aus der Umgegend, die glauben, da man
lange Anna seines kreischenden Heulens und Jammerns wegen nicht
verstehen kann, es handele sich um Amadeus und fluchen.)

                (Mutter Pius tritt aus dem Huschen.)

1. HELFERSHELFER: (zeigt auf Amadeus) Wegen den bergeschnappten Pitter?

2. HELFERSHELFER: Pfeift uns der Stinkadores.

   (Mutter Pius und Carl bringen Amadeus in ihr Huschen.)

Lange ANNA: (zeigt vergebens seinen Arm und nach Carl) Ein Mrder is er!
(Die drei Helfershelfer verstehen endlich, um was es sich handelt,
drohen, zeigen Messer und werden sehr laut. Der Grovater Wallbrecker
tritt oben erschreckt ans Fenster.)

Gr. W.: Macht euch zum Teufel, ihr versoffene Nachteulen.

Die drei HELFERSHELFER: Johannes Sohn is ein Mrder, soll sich noch mal
sehen lassen. (Lange Anna kreischt wiederholend) Ein Mrder, ein Mrder!

Gr. W.: (krhend) Amanda, ruf den Carl bei mich. (Er geht vom Fenster,
man hrt sein Bett knacksen; krht schlaftrunken) Meine Piepe will ich
hab'n, (in Lieschens Ton) mit dem Hirschkopf drauf!

   (Die Mnner verziehen sich drohend, Lange Anna mit ihnen.)

Gr. W.: (Leise) -- Tum tingelingeling ....

   (Der Vollmond steht grell am Himmel, leise ffnet sich eines der
   Dachfenster im Arbeiterhause, in dem Puderbachs wohnen. Das
   kleine Lieschen steigt leise mit geschlossenen Augen im
   Nachthemdchen aufs Dach, macht einige Schritte zur Wupper hin,
   wo Frederech liegt und steigt wieder zurck durchs Fenster.
   Pendelfrederech hebt sich bei dem Vorgang langsam auf Vieren und
   stiert glsern nach dem Dach. Sozialdemokraten singen
   unterdessen, hoch am Wald vorberziehend, vierstimmig ein
   sozialdemokratisches Lied, man hrt die letzten Worte: Denn unsre
   Fahn' ist rot.)




                             ZWEITER AKT


   Ein blhender, gepflegter Garten mit Beeten und Rosenstruchern
   und im Hintergrund ein Springbrunnen auf einer kleinen, knstlich
   hergestellten Anhhe; im Hintergrund ein Pavillon mit bunten
   Fenstern, _den man kaum sehen kann_. Rechts ein weinumrankter
   Treppeneingang, der in die alte Villa Sonntag fhrt. Links im
   Vordergrund ein Zelt mit Tisch, Bank und Sthlen. Zwischen
   Gartenzaun und Nachbarmauer zieht sich eine in die Stadt
   fhrende, schmale Gasse. An der Nachbarmauer ist ein Blechschild
   angebracht mit blicher Warnung, aber es ist schon alt und
   ruiniert und seine Aufschrift unleserlich.

Frau Sonntag, Heinrich, Eduard, Martha, Carl Pius, Mutter Pius, Auguste
und Berta, die drei Herumtreiber: Pendelfrederech, Lange Anna, der
glserne Amadeus.

Mutter PIUS: Lassen Se mir ihm zwischen de eurigen sehn, das freut so'n
altes Gromutterherz.

BERTA: (gndig und geziert) Unsere Frau ist auch so freundlich zu ihm
und erst (respektvoll) der Herr Eduard.

Mutter PIUS: Was Se sagen -- aber, is er das vielleicht nich wert? In de
frh um fnf kmmt euer junger Herr und holt ihm aus dem Nest und frgt
ihm hie und da wegen dem Examen.

BERTA: (schnippisch) So klug ist der Carl?

Mutter PIUS (berlegen): Wann er _mein_ Enkelsohn ist?

BERTA (lacht vorlaut. Sie will Mutter Pius verlassen, stellt das Tablett
mit dem Abendgeschirr auf die Bank -- die Servietten vergelich unter
dem Arm haltend.)

Mutter PIUS: Hab'n Se's so eilig, Berta, sonst verzhlen Se sich doch so
gern mit mich?

BERTA: Ich habe keine Zeit.

Mutter PIUS: Sie haben wohl den Kopf vom Schatz voll?

BERTA: Wer sagt Ihnen, da ich einen Schatz habe? (Berta pflckt sich
eine Kamille vom Beet und lt dabei zwei Servietten fallen.)

Mutter PIUS: Wer das sagt? Raten Sie ens! -- Die Karten. (Berta stemmt
neugierig die Hnde in die Seiten. Mutter Pius hebt die zwei
herabgefallenen Servietten auf und liest wohlgefllig den Namen auf dem
Serviettenring.)

Mutter PIUS: (zu sich) Wie en Kind im Haus ....

BERTA: Na was sagen denn die Karten all, Mutter Pius? (schmeichlerisch.)

Mutter PIUS: (Lt Berta ein bichen zappeln) Das mchten Sie wohl
wissen, Berteken?

BERTA: (Nickt geziert).

Mutter PIUS: Dein Schatz wird Dich untreu, aber eine weite Reise machst
De bern Ozean, und ein reichen Millionr lernst De kennen.

BERTA: _Donnerstag!_ (verwundert) Unser Frulein hat mir zwei Nchte
hintereinander im Schiff gesehen.

Mutter PIUS: Siehs De!!

BERTA: Aber zu Auguste haben Sie am Sonntag gesagt, mein Schatz wr ein
robuster Mann mit einem Schnauzbart.

Mutter PIUS: Ich hab das gesagt? La mir ens besinnen .....

BERTA: (geziert) Aber er ist von kleiner Statur und trgt einen hellen
Spitzbart.

Mutter PIUS: (weissagend, komisch) Un adlig is er.

BERTA: _Donnerstag._ (Verwundert.)

Mutter PIUS: Das dumme Weib, gergert hat sie sich, da der Coeurknig
nich bei ihm lag und es zwanzig Jahr auf einen warten mu. Un da hat es
Dir vor Neid angeschmiert. N, Berteken, da De so dumm bist!

BERTA: Ich werd's der besorgen!

Mutter PIUS: La man, es is ja en arm Dier mit sein scheeles Aug und
seine schiefe Schultern, la man Berteken.

AUGUSTE: (steht im Seitengang, der aus der Kche in den Garten fhrt, zu
Berta) Wo bleiben Se denn? (Mutter Pius gewahrend, eilt sie zu ihr.)

Mutter PIUS: (zu Berta) Ich hab auch de Madame schon rufen hren. (Berta
geht geziert ins Haus. Mutter Pius nhert sich gewandt dem Pavillon,
bckt sich, um durch die Ritzen besser sehen zu knnen.)

Mutter PIUS: (zu Auguste) Ich habe ihm nur durch die Ritzen gesehen, ich
mu mir jetzt beeilen, das Liesken von Puderbach hat de Windpocken.

AUGUSTE: Was Se nich alles verstehen (glotzugig, glubig.)

Mutter PIUS: (nimmt ihr Krbchen am Arm und reicht Auguste die Hand.)

AUGUSTE: Hab'n Se denn unsere Frau schon gesprochen?

Mutter PIUS: Das sehen Se doch an die schmierige Spitzen. (Aufs Krbchen
weisend.)

AUGUSTE: (glotzugig, glubig) Was Se nich alles verstehn!

Mutter PIUS: Alles mu man verstehen, das feinste und das grbste.

AUGUSTE: (schttelt bewundernd den Kopf. Mutter Pius wendet sich
geringschtzend und diabolisch lachend, noch einmal zu Auguste herum.)

Mutter PIUS: Hab'n Se molz en flotten Kerl gefunden, trotz de Karten?

AUGUSTE: N, leider nich, Eure Karten sind reine Teufels, Mutter Pius.

Mutter PIUS: Kommen Se de doch ens wieder bei mich, vielleicht kriegen
wir Gewalt ber den Zauber, Auguste.

AUGUSTE: Wenn ich mich erlauben darf. (Man hrt Husten aus dem Pavillon;
sie horchen beide erschreckt nach der Richtung.)

AUGUSTE: Das is Herr Eduard nich, das is de Marta, die guckt zu lang in
de Nacht aus' en Fenster.

Mutter PIUS: (lauernd) Euer Frulein soll ens lieber schlafen.

AUGUSTE: Sie mcht auch von Euch de Karten gelegt haben.

Mutter PIUS: (freudig) Eine Grfin war bei mich.

AUGUSTE: (sie anstaunend) Wenn Se's nich wieder sagen, zeig ich Euch ne
neumodsche Photographie von de Marte -- splitternackt, wie's erste Weib
unterm Baum. (Frau Sonntag und Heinrich treten unbemerkt aus dem Haus.)

Mutter PIUS: Du hltst de Mutter Pius wohl fr dumm?

AUGUSTE: Ihre Freundin, das Frulein Oberbrgermeister, hat se so
abgenommen. --

Mutter PIUS: Lauf wacker! (Auguste eilt fort durch die Seitentr, Mutter
Pius ruft ihr nach) Ich leg Dich auch fein die Karten, Auguste ...

   (Mutter Pius bemerkt die Kommenden, Heinrich nhert sich dem
   Zaun, und nimmt von einer Frau die Abendzeitung entgegen, drckt
   ihr flchtig ein Geldstck in die Hand, indessen Frau Sonntag
   zum Zelt schreitet.)

Mutter PIUS: (gewandt) Verzeihen Se, Ma'm Sonntag, da ich noch hier
stehn tu, ich wollt mein Enkelsohn Addj sagen. (Frau Sonntag nickt
freundlich herablassend und geht rechts, die Rosen betrachtend, weiter.
Mutter Pius kommt auf Heinrich zu, klopft ihm vertraulich auf die
Schulter.)

HEINRICH: Schockschwerenot, Frau Pius, wie geht es Euch bei den
schlechten Zeiten?

Mutter PIUS: Davon wissen Sie doch nicks, Herr Heinrich.

HEINRICH: Un immer jnger werden Se. (Berta tritt aus dem Haus, den
Tisch zu decken.)

Mutter PIUS: Sie Schmeichler.

HEINRICH: (zynisch, gutmtig) Frau Pius, was meinen Se zu uns zwei?

BERTA: (kichernd.)

HEINRICH: (zu Mutter Pius) Lassen Se den Kickindewelt lachen, er wei
von de Liebe nicks.

           (Frau Sonntag nhert sich zerstreut dem Zelte.)

Mutter PIUS: So en jungen reichen Herrn un ich?

HEINRICH: Schockschwerenot, es is mein heiliger Ernst. Eine verstndige
Frau mu ich haben.

Frau SONNTAG: Frau Pius, lass Sie sich von meinem Sohn nicht zum Besten
halten.

Mutter PIUS: Ich uz mir gern mit ihm, Ma'm Sonntag, lassen Se ihm die
Freude.

HEINRICH: Wenn Se alles innes Lcherliche trkken, liebe Frau Pius, wir
passen doch aufs Haar zusammen.

Mutter PIUS: (wei nicht, wie sie es auffassen soll) Ein reiches
Frulein mu Herr Heinrich heiraten. Titichens, will de Gromama (zeigt
auf Frau Sonntag) wieder in Arm wiegen (sie macht mit dem Arm die
Wiegebewegung.)

Frau SONNTAG: Nun lass Frau Pius zufrieden, Heinrich.

Mutter PIUS: Auf de Messe aber drfen Se mir Johanni mit die Freunde in
meine Bude besuchen. Ich servier diesmal (nickt Heinrich heimlich
zynisch zu) en extra feine Delikatesse --

BERTA: (bescheiden zu Frau Sonntag und Heinrich) Ein Kind mit _zwei
Kpfen_ ....

Mutter PIUS: (bemerkt endlich Auguste, die schon lngere Zeit erfolglos
aus dem Seiteneingang winkt) Nabend zusammen, ich mu bei meine Leute!
(Frau Sonntag setzt sich auf die Bank an den Tisch und Heinrich bleibt
neben ihr stehen.)

HEINRICH: Ein Unikum ist die Olle!

   (Mutter Pius entreit Auguste das Bild [Kabinettgre] und
   entfernt sich aus der Zauntr. Auguste bleibt verdutzt stehen.)

Frau SONNTAG: Du ziehst sie aber auch bestndig auf, Heinrich.

AUGUSTE: Wie'n Wind (geht ins Haus).

HEINRICH: Spa mu sein, Mama Charlottchen.

Fr. SONNTAG: Macht Dir das solch einen Spa?

HEINRICH: Du sagst das so melancholisch.

Fr. SONNTAG: So, das wei ich garnicht.

HEINRICH: (kleine Pause) Dieses Jahr wird die Bilanz gut werden, Mama
Charlottchen.

Fr. SONNTAG: (lebhafter) Du belgst mich, Heinrich?

HEINRICH: Bei meinem verrosteten, alten Sbel.

Fr. SONNTAG: Du bist ein Junge!

HEINRICH: Wir wollen ein Pulleken darauf trinken, Mama Charlottchen!

Fr. SONNTAG: (schttelt lchelnd den Kopf).

HEINRICH: Schad, da Pius Gromutter nicht mehr da ist; sitzen die noch
immer darin? (Er zeigt auf den Pavillon.)

Fr. SONNTAG: Man mu sich nicht gemein machen mit diesen Leuten.

HEINRICH: Mittags promeniert sie vor meinem Bro vorbei, bis ich
rauskomm.

Fr. SONNTAG: Warum?

HEINRICH: (im Ton der Arbeiter) Sie liebt mir --

Fr. SONNTAG: Schwtz keinen Unsinn, Heinrich.

HEINRICH: (lacht).

Fr. SONNTAG: La die arme, alte Person in Frieden, ich mchte die
Neckerei um Eduards Willen nicht. Du kennst doch seine Sympathie fr
Pius.

HEINRICH: Pius kennt die alte Schrulle ganz genau.

           (Berta trgt Schsseln mit kalten Speisen auf.)

Fr. SONNTAG: Taisez donc!

HEINRICH: Ich sag ja nichts. (Er nhert sich dem Pavillon. Marta ist
gerade im Begriff aus der Tre zu treten -- die Geschwister stoen sich
fast.)

MARTA: Hast Du mich erschreckt!

HEINRICH: (neckisch) Ein unschuldiger Mensch erschrickt nicht, beichte!

MARTA: Esel!

HEINRICH: (pltzlich leise mit Erregtheit, die sich steigert bis zum
Jhzorn) Ich will Dir mal was sagen, erfahre ich noch einmal, da Du in
meiner Abwesenheit im Bro gewesen bist, so bekommst Du ein paar
Backpfeifen von mir.

MARTA: (ein wenig verblfft) Ich tu doch garnichts da.

HEINRICH: Du weit, Simon ist mein Angestellter, ich wnsche, da er
Respekt behlt vor uns, verstehst Du! (wieder munter) Schockschwerenot!

MARTA: Herr von Simon ist stets hflich zu mir.

              (Eduard und Pius treten in den Pavillon.)

HEINRICH: Das will ich auch hoffen. (Heinrich reicht Carl Pius die
Hand.) Hab doch wahrhaftig wieder die Marken vergessen.

EDUARD: (zu Carl; Heinrich umfassend) Er schwitzt den ganzen Tag fr
uns, Carl, er ist der selbstloseste Mensch auf der Welt.

HEINRICH: (tut beschmt wie ein Backfischchen, bei seinem robusten
uern sehr ulkig wirkend).

MARTA: (geht dem Tisch des Zeltes zu) Mama, ich habe schreckliche
Augenschmerzen (sie ffnet sie grazis affektiert) vom Nachschlagen.

Fr. SONNTAG: Ich bewundere schon lange Deine Ausdauer. (Pius geht
ungeschickt auf Frau Sonntag zu und verbeugt sich tief vor ihr. Frau
Sonntag reicht ihm die Hand.)

MARTA: Herr Pius will vor dem Abendbrot nach Hause gehen, Mama.

Fr. SONNTAG: Aber warum das, Herr Pius?

CARL: Wenn ich so frei sein darf? (Marta bietet ihm den Stuhl neben sich
an; Heinrich setzt sich links von Marta -- Eduard nimmt neben seiner
Mutter auf der Bank Platz. Berta serviert den Tee und bedient etc.)

MARTA: Findest Du nicht die Hornbrille scheulich fr Herrn Pius, Mama?
Er sieht aus wie ein Dorfschullehrer.

Fr. SONNTAG: Marta schwtz nicht soviel Unsinn.

CARL: (verlegen.)

Fr. SONNTAG: Ich habe noch garnicht bemerkt, da Herr Pius eine Brille
trgt.

CARL: Seit kurzem.

EDUARD: Bitte nimm sie mal ab. (Carl zgert.) Ich bin auch kurzsichtig.

Fr. SONNTAG: Deine Rehaugen ....

HEINRICH: (ulkig einen Backfisch imitierend) Das lass ich mir nicht mehr
gefallen, mir macht kein Mensch den Hof.

BERTA: (kichert leise auf, Frau Sonntags Blick streift sie rgend.)

HEINRICH: Sie denken an Mutter Pius, Berta, was? Eine Gromutter haben
Sie, Pius, prima!

CARL: (verlegen.)

HEINRICH: Ich glaube sogar, sie ist eine ganz kluge Frau?

EDUARD: (zu Carl) Von kstlichem Humor.

MARTA: Eduard sagt, sie versteht lateinisch.

Fr. SONNTAG: Auf welchen Tag fllt Ihr Examen, Herr Pius?

CARL: Am Mittwoch, einige Tage nach Johanni, Madame Sonntag.

EDUARD: Du regst Dich mehr auf, wie wir beide und die ganze Prima
zusammen.

Fr. SONNTAG: Mein Sohn sagt mir, Sie machen sich Ihrer Studien wegen
Sorge?

CARL: (ist verlegen um Antwort.)

EDUARD: Du wolltest Dich doch fr weiteres verwenden, Mutter?

Fr. SONNTAG: (nickt freundlich Eduard zu, ihr Blick fllt pltzlich auf
Heinrich, der interessiert in der Zeitung liest.) Was interessiert Dich
in der Zeitung -- (rgend) whrend des Tisches.

HEINRICH: Ich bitte um gndige Verzeihung, Mama Charlottchen.

MARTA: Hltst Du Dein Versprechen, Heinrich?

HEINRICH: Gerad mein Pferd mu strzen.

MARTA: Du schwindelst mir immer was vor.

HEINRICH: (neckisch) Im Gegenteil, Du mut den Verlust tragen helfen!

MARTA: Esel!

HEINRICH: Danke!

Fr. SONNTAG: Du kannst doch das Spielen nicht lassen.

HEINRICH: Es ist, mit Herrn Schiller gesagt: Mein Spaziergang.

EDUARD: Er sitzt auch viel zu viel im Bro.

MARTA: Und dick bist Du, wie der Wirt vom Schtzengarten drben.

CARL: Warum reiten Sie nicht, Herr Sonntag?

Fr. SONNTAG: Du hast doch wirklich sonntags Zeit.

HEINRICH: Der Hengst scheut ja, wenn ich mich ohne Uniform drauf setz',
Kinder.

CARL: Futouren wren Ihnen auch zutrglich.

EDUARD: In den Tiroler Alpen, was Carl?

CARL: Zum Schneerssel rauf.

EDUARD: Zehn Kilometer mtest Du tglich steigen; faktisch, das tt ihm
gut.

HEINRICH: Ich werde mich gleich im Schtzengarten wiegen lassen, ich
glaub, ich habe schon durch eure guten Ratschlge abgenommen. (Zwei
kleine Mdchen stehen, von allen unbemerkt, am Gartenzaun.)

Fr. SONNTAG: Mit ihm ist kein ernstes Wort zu reden.

EDUARD: Pack doch einfach seinen Koffer, Mutter.

   (Die kleinen Tchter vom Wirt verschwinden ungesehen wieder.)

HEINRICH: Und wer soll unterdessen fr die Kleinen sorgen?

Fr. SONNTAG: Du hast doch einen Stellvertreter. Marta lobte ihn gestern
noch.

HEINRICH: Sie soll sich lieber um die Haushaltung bekmmern.

MARTA: Esel!

HEINRICH: Danke! Freuen Sie sich, Pius, da Sie keine Schwester haben.

CARL: (seltsam aufflammend, antwortet etwas schchtern) Und ich beneide
Sie darum.

Fr. SONNTAG: (lchelnd) Hrst Du's, Heinrich?

HEINRICH: (schlgt Marta zrtlich auf den Rcken.)

                               (Pause.)

Fr. SONNTAG: Ich wrde ja fters in die Fabrik gehen ...

HEINRICH: (neckisch) Weit Du eigentlich, wo sie ist, Mama Charlottchen?

Fr. SONNTAG: (scherzend) Wie er mich schlecht macht.

MARTA: Herr von Simon ist energischer wie Du bist mit den Arbeitern.

HEINRICH: Wenn ich dabei bin.

                  (Alle lachen, nur Marta schmollt.)

HEINRICH: Den Willem, meinen fleiigsten Arbeiter, hab ich seinetwegen
herauswerfen mssen.

MARTA: Der drang betrunken ins Bro und wollte ihn dort totschlagen.

HEINRICH: Die Sache ist mir auch noch nicht klar.

Fr. SONNTAG: Wenn _Dir_ nur mal nichts passiert, Heinrich.

EDUARD: Ihn haben sie alle gern, zu Dir haben sich fter doch Arbeiter
geuert, Carl?

CARL: Ich steh mit all den Leuten kaum auf Grufu. (Frau Sonntags Blick
streift ihn mitrauisch.)

Fr. SONNTAG: (zerstreut) Wollen Sie wirklicher _evangelischer_
Geistlicher werden, Herr Pius?

CARL: Ja, Madame Sonntag.

Fr. SONNTAG: Ihre Gromutter wnscht es wohl?

CARL: So ernste Fragen pflege ich allein zu erledigen.

Fr. SONNTAG: (unbewut in herablassendem Tone) Versprechen Sie sich eine
schnellere Carriere?

CARL: (primanerhaft) Ich bin mit den Dogmen der katholischen Kirche in
Konflikt geraten.

Fr. SONNTAG: (nickt zustimmend hin zu Eduard.)

EDUARD: Iwo, Mutter, er will heiraten.

HEINRICH: Ich geh noch was rber kegeln.

MARTA: Die kleinen Blagen standen schon vormittags am Zaun. Sie htten
heute Eisbein mit Sauerkohl, liee ihr Vater Herrn Leutnant sagen.

HEINRICH: (zu Carl) Er war mein Untergebener.

Fr. SONNTAG: Das sind also die Kinder vom Wirt?

HEINRICH: Ich kauf den Pppkens manchmal Schokolade. (Er erhebt sich und
macht eine lange Ghnbewegung mit Mund und Armen.)

MARTA: (Schnellt vom Stuhl auf) Wollen Sie das Kissen mal sehen, was ich
Eduard (zu Carl sich wendend) zum Examen schenke?

CARL: Ich bitte darum. (Er erhebt sich freudig.)

Fr. SONNTAG: Aber Marta, wie kindisch, wie knnen Herrn Pius Deine
Stickereien interessieren?

CARL: Ich habe sogar als Knabe mit Vorliebe weibliche Handarbeiten
selbst ausgefhrt. (Frau Sonntag verzieht ihr Gesicht unglubig.)

EDUARD: Faktisch, Mutter! Mutter Pius zeigte mir ein groes Kreuz, was
er gestickt hat. (Heinrich schreitet, die Hnde in den Taschen, dem
Hause zu, wendet sich um.)

HEINRICH: Addj Kinder! (Marta und Carl schlendern um eins der Beete.)

MARTA: Ich habe ein Bouquet Kamillen nach der Natur darauf gestickt.

PIUS: Sie sind selbst eine Kamille, (leise) man mchte Sie immer fragen
.... Und es pat auch viel besser fr Sie, mit bunten seidenen Fden zu
spielen als uns zwei Kandidaten Examenarbeiten zu helfen. (Man versteht
die letzten Worte kaum mehr, sie biegen in den Seitenweg des Gartens
ein.)

EDUARD: Mutter, warum bist Du nicht freundlicher zu Pius?

Fr. SONNTAG: Aber Kind, ich gebe mir doch die erdenklichste Mhe.

                  (Sie legt ein Tuch um seine Fe.)

EDUARD: (scherzend) Wenn ich mal oben im Himmel bin, wirst Du abends
heraufkommen und das groe Sternenfenster schlieen, Mtterchen.

Fr. SONNTAG: Wie Du sprichst ....

EDUARD: O, ich habe noch viel, viel zu erledigen.

           (Er legt seinen Arm lchelnd um ihre Schulter.)

Fr. SONNTAG: Du solltest mehr an Dich denken, die vielen
Nachhilfestunden, die Du wieder fr Pius bernommen hast! -- Ich gebe
ihm lieber das Geld.

EDUARD: Das wrde ihn beschmen; mir macht es faktisch Vergngen; Pius
ist zu gesund, Geduld zu ben. (Kleine Pause.) Er hat mchtige Wellen,
Mutter, die berstrzen sich.

Fr. SONNTAG: Dir tun seine Schler leid, ich kenne Dich, Eduard.

EDUARD: (lchelt) Hier waltet nur hhere Gerechtigkeit.

Fr. SONNTAG: Du dichtest ihn Dir, Eduard.

EDUARD: (scherzend) Wie sollte der, der den Himmel verkndet, nicht ein
Dichter sein. (Kleine Pause.) Dich strt seine breite, ungeschickte Art.

Fr. SONNTAG: Ich verlange von ihm doch keine weltmnnischen Finessen.

EDUARD: Seine einfache Umgebung selbst respektiert instinktiv seine
geistige Strke.

Fr. SONNTAG: Seine geistige Strke -- Kind, Kind, diese Leute haben nur
Respekt vor Fusten.

EDUARD: Denke an Petrus, Jakobus ....

                  (Marta und Carl werden sichtbar.)

Fr. SONNTAG: Du glaubst nicht, wie unsympathisch es mich berhrt, wenn
ich ihn neben Marta sehe.

           (Eduard erhebt sich betrbt. Er hustet leicht.)

Fr. SONNTAG: Willst Du zu Bette gehen, Eduard?

EDUARD: (kleine Pause) Durch den Garten wollen wir wieder wandeln,
Mutter, weltentrckt, wie durch einen duftenden Psalm.

Fr. SONNTAG: Du machst mir das Herz schwer ....

EDUARD: Das will ich nicht. Dein Herz ist ein Teil meines Himmels, darum
werde ich Dir ja bleiben, Mutter.

   (Frau Sonntag und Eduard biegen um die Rosen ein. Pius und Marta
   treten in den Vordergrund -- sie setzen sich auf eine Bank vor
   dem Springbrunnen.)

PIUS: (streng, schttelt energisch den Kopf) Seinen Glauben respektier
ich.

MARTA: Aber Mama weint immer, er will doch in den strengsten Orden
eintreten, barfu geht er dann und seine schnen Locken werden ihm
abgeschnitten.

PIUS: (neidvoll) Das empfinden Sie wohl am schmerzlichsten?

                               (Pause.)

Aber Sie erzhlten mir doch, die rzte sagen, es kme nicht dazu.

MARTA: Denen kann man ja nicht glauben -- und Mama haben sie es
verschwiegen, sie wrde sterben an seinem Tod.

CARL: (sarkastisch) Also der Tod wre demnach Ihrer Frau Mutter sicher.

MARTA: Bitte, spotten Sie nicht!

CARL: Ich bin nicht zum Spotten aufgelegt.

MARTA: (forschend) Ist er eigentlich schon katholisch geworden?

CARL: Fragen Sie ihn doch selbst.

MARTA: Sie sind frech!

CARL: (theatralisch, primanerhaft) Darum will ich auch der Welt den
Scho der Mutter nehmen.

MARTA: (macht eine Bewegung des Unverstndnisses.)

CARL: Darum will ich evangelischer Verknder werden.

MARTA: Ich glaube, Sie werden furchtbar schimpfen von der Kanzel.

CARL: (sarkastisch, scherzend) Fegefeuer auf all die Snder regnen
lassen.

MARTA: Sie stritten doch einmal mit Eduard, es gbe keine Snde.

CARL: Im Sinne der Natur gibt's auch keine Snde.

MARTA: Warum wollen Sie dann strafen?

CARL: Weil ich sie nicht genieen kann. (Er wendet sich pltzlich jh zu
Marta.)

MARTA: (erschrickt) Und schreiben so fromme Gedichte ....

CARL: Haben Sie sie bersetzen knnen?

MARTA: Mhsam, jedes Wort schlug ich nach.

CARL: Spter sende ich Ihnen tglich Kamillenstrue. Schenken Sie mir
eine aus Ihrem Grtel, bitte.

MARTA: Meinetwegen.

CARL: Sie pat zu Ihnen, wie zur Amazone die Waffe.

MARTA: Und sind ebenso gefhrlich.

CARL: Wenn Sie die Blttchen fragen. (Man sieht Frau Sonntag und Eduard
durch eine dichte Baumallee wandeln, der Villa zu.)

MARTA: Das tu ich schon lang nicht mehr.

CARL: Sie sind Ihrer Sache gewi. (Er will ihre Hand kssen.) Sie
spielen mit mir, Marta?

MARTA: Wenn Sie noch einmal meine Hand berhren, schlage ich Sie.

CARL: Tun Sie das. (Marta bricht, unwillig auflachend, ein Stckchen vom
Strauch ab, sie berhrt damit Carls Hand.)

MARTA: Wehren Sie sich doch!

CARL: Wie sollte ich mich wehren, einem Frulein gegenber.

MARTA: Sie sind feig.

CARL: Allerdings.

MARTA: Feigling!

CARL: Sie reizen mich.

MARTA: (lacht mutwillig auf; Carl berhrt mit seinem Bleistift leicht
ihre Hand; Marta lacht ihn aus, Carl schlgt.)

CARL: Verzeihung -- o (er will ihre Hand kssen.)

MARTA: Das war gemein. (Sie schlgt strker zurck.)

CARL: O! (wehrt ab.)

MARTA: Das war gemein, hier!

CARL: Ich fange gleich an zu weinen wie ein Kind.

MARTA: Pfui!

CARL: Sie sind herzlos.

MARTA: Und Sie vielleicht nicht?

CARL: Ich war hilflos.

MARTA: (leichtfertig, kindlich und kokett) Und wenn ich Ihnen alle
(greift in den Grtel nach ihrem Kamillenstraue) schenke?

CARL: Sie legten Sie nun auf ein Grab.

HEINRICH: (kehrt durch die Gartentr zurck -- er nhert sich den
beiden.)

MARTA: (erschrocken zu ihm) Wie ein Dieb.

HEINRICH: Bei _den_ Fen (zeigt sie) mte man schon taub sein. (Er
ghnt in verschiedenen Tnen.) Pius, kennen Sie ein Subjekt Namens
Amadeus?

CARL: (noch in Gedanken.)

HEINRICH: Er kennt Sie.

CARL: Der Amadeus mit dem glsernen Herzen.

MARTA: Warum kommst Du schon zurck?

HEINRICH: Weil ich md bin.

MARTA: (zu Carl) Auguste kennt seinen Grovater, der war Glaser und er
deutet Trume.

HEINRICH: Er hat mir soeben den Tod prophezeit.

CARL: (ironisch) Die Deutung schmutziger Gewsser.

HEINRICH: N ... (zynisch, gutmtig) ich hab von faulen Eierschalen
getrumt; fr 10 Groschen wollte er mich auch nicht am Leben lassen.

CARL: Er ist konsequent.

HEINRICH: Das mu man ihm lassen.

MARTA: Oft sollen gerade so Leute wahr prophezein; erzhl es nur nicht
Mama.

HEINRICH: (geht zwischen den Zhnen summend ins Haus; vorher verschliet
er die Gartentr.)

MARTA: Ich glaub, er hat doch was Angst.

CARL: (lacht auf) Er hat es schon lngst vergessen.

                        (Die Katzen schreien.)

MARTA: Wie kleine Kinder!

CARL: (schweigt.)

MARTA: Weie Angorakatzen sind himmlisch.

   (Berta und Auguste schleichen um das Haus mit Briefen in der Hand
   und klettern ber den Zaun.)

CARL: Haben Sie Ihre Dienstboten gesehen?

MARTA: Es sind doch auch Menschen.

CARL: Darum mssen sie gehorchen.

MARTA: Eduard sagt immer, es seien arme, weie Sklaven.

CARL: Eduard ist ein Idealist. (Die Katzen schreien wieder auf.)

MARTA: Das war die alte, greise Katze!

CARL: Ich werde noch tobschtig .....

MARTA: (lacht mutwillig, kokett.)

CARL: Lassen Sie das Vieh!

MARTA: Wie Betrunkene -- (sie schreien wieder.)

CARL: Sie lecken zuviel an den sen bunten Kelchen.

MARTA: Auf meiner Decke liegt des Morgens immer Bltenstaub.

CARL: Ich schlafe nicht.

MARTA: Wegen des Examens?

CARL: Ich habe tglich ein schwereres zu bestehen.

MARTA: Meine Mama -- -- -- (sie sehen beide gespannt zum oberen Fenster
der Villa; Carls Arme sinken schwer herab.)

MARTA: (atmet laut auf, Frau Sonntag ist wieder vom Fenster
verschwunden, man hrt murmeln auerhalb des Gartens.)

CARL: Mdchen! (Er reit Marta an sich, sie aber entwindet sich seinem
Arm und strzt ins Haus. Carl bleibt allein. Der glserne Amadeus,
Pendelfrederich, Lange Anna bleiben am Eingang der Gasse stehen.)

Lange ANNA: Fises Mensch, zwei Stunden hab'n wir uns in die Winkels vor
de Tren gedrckt, in der Zeit Du prophezeit hast, un nu gibst De uns so
'en schbigen Lohn?

PENDELFREDERECH: Un mir kriegst De auch nich mehr mit zum Bangemachen.

AMADEUS: Ich hab euch nich zu eingeladen, mit mich zu gehen; un Du,
Frederech, vertreibst mich de Kunden mit Deine offne Bux.

Lange ANNA: (schmeichlerisch zu Amadeus.) Ich bin doch immer mit Dich
gegangen, un nun sprichst De so (stt ihn mit der Schulter vertraulich
an). Es hat wohl lang nicht geklirrt in Dein zimperlich Herz?

AMADEUS: Na, da hast es, aber en halben Taler mut De mich lassen.

Lange ANNA: (dreht sich um und stellt sich vor die Mauer.)

AMADEUS: Siehst De denn nich (zeigt auf das Schild).

Lange ANNA: Ich hab berall Passe-partout. (Die beiden Mdchen kehren
zurck, sie wollen schnell ber den Zaun springen, sehen die Mnner und
schreien auf.)

AMADEUS: Nu schreit man nich so toll, ihr herrschaftliche Hurweibers.

Lange ANNA: (ganz hoch) Sollen wir ens?

BERTA: Herr Pius!

AUGUSTE: Helfen Sie uns!

CARL: (beachtet ihr Hilferufen nicht.)

AUGUSTE: Der eine kriegt mir an de Bein! (Die Mdchen schreien
abwechselnd auf, sie sind endlich ber den Zaun, laufen zu Carl.)

BERTA: Haben Sie die drei gesehen?

AUGUSTE: Ich kann nich mehr, ich kann nich mehr, n, ich kann nich mehr!
(Amadeus lacht.) Hat die Frau nach mich gerufen, Herr Carl?

CARL: Darber kann ich Ihnen keine Auskunft geben.

   (Pendelfrederech murmelt grausig, Lange Anna spielt auf seiner
   Handharmonika: O, Du lieber Augustin, alles ist hin, hin, hin
   usw. Sie gehen weiter durch die Gasse der Stadt zu.)

BERTA: So hochnsig. Sie bilden sich wohl ein, Sie sind der Herr Eduard
selbst?

AUGUSTE: (gutmtig) Lassen Sie ihm, Berta, es is ja sein Freund, was
Herr Carl?

BERTA: (pltzlich gewhnlich) Mach, da Du zu Haus kmmst, de Gromutter
will das Enkelshnchen noch in Schlaf singen.

AUGUSTE: Still, Berta, er wird schon wissen, warum er hier sitzen tut.

BERTA: Aber beim Frulein brennt doch schon de rosa Nachtampel. (Die
Mdchen schleichen durch den Kellergang ins Haus. Die Katzen schreien
noch mal auf, man hrt in der Ferne noch Lange Anna spielen: Alles ist
hin, hin .....)




                             DRITTER AKT


   Abends 9 Uhr. Jahrmarkt. Karussell im Vordergrund links. Hinter
   dem Karussell und seitwrts rechts die verschiedenen Buden. Im
   Vordergrund die Bude der Riesendame Rosa, neben dieser die
   Schiebude, dann die Taucherbude, die Honigkuchenbude etc.
   Gegenber links in kleiner Entfernung die schrgstehende Bude der
   Mutter Pius, die man nur ein Viertel sehen kann. Eine gemalte
   _Kindermumie mit zwei Kpfen_ ist grotesk auf der Jalousie
   gedruckt. Fabrikarbeiter, Fabrikarbeiterinnen, Kommis,
   Ladenmdchen, Dienstmdchen, Herren der Gesellschaft mit ihren
   Schtzen, Schuljungen, Gassenkinder, Herumtreiber, etc. Im
   Karussell stehen im doppelten Kreis hlzerne, groteske Tiere:
   Leopard neben Lamm, Reh neben Tiger, Lwe neben Pferd, Hirsch
   neben einer Riesengans u. s. w. In Kutschen, die auf und nieder
   schaukeln, sitzen laute Weibsbilder und an den Eisenstangen, die
   das Dach des Karussells halten, stehen Arbeiter und Schuljungen,
   um den Ring wetteifernd, der an einem Pfahl unweit des Karussells
   hngt und eine Freifahrt bedeutet. Das Karussell dreht sich noch
   langsam auf die schon fast abgelaufene Melodie O Du lieber
   Augustin. Die letzten Tne: Alles ist hin, hin hin, alles ist
   hin ---- Vor dem Karussell stehen Heinrich Sonntag und Lieschen
   Puderbach. -- Sie tragen auf der Nase ein blaues Pincenez und in
   der Hand einen Gummiball. Heinrich ist etwas angeheitert. Um
   Lieschens Hals hngt ein groes Pfefferkuchenherz mit der
   Aufschrift: Ich liebe Dich. Man hrt die beiden lachen zwischen
   den Klingeltnen des Karussells.

Heinrich Sonntag, sein Geschftsfreund, die Herren mit grauen Cylindern,
Dr. v. Simon, Berta, Mutter Pius, Lieschen, August, Zuhlter Wilhelm,
Riesendame Rosa, Kommis, Ladenmdchen, Dienstmdchen, Pendelfrederich,
Lange Anna, der glserne Amadeus, Arbeiter, unter ihnen Frber, Weber
etc., Arbeiterinnen, Weibsbilder, Jahrmarktsleute, Gassenkinder.

LIESCHEN: Ich fahr fr mein Leben gern, (es klatscht in die Hnde) ich
setz mir auf den Leoparden und Sie auf das Lamm.

HEINRICH: Das machen wir, Puppel.

LIESCHEN: Wollt es ens doch endlich still stehen, Herr.

HEINRICH: Du brauchst doch nicht immer Herr zu mir zu sagen.

LIESCHEN: Wie soll ich Euch denn nennen?

HEINRICH: Wie De Dein Schatz nennst, Puppel.

LIESCHEN: Den nenn ich Herrn Eduard, er is mein Knigsschatz.

HEINRICH: (tut erstaunt, er ahnt den Zusammenhang nicht.)

LIESCHEN: Den kennen Se nich. (Unbewut verchtlich.)

HEINRICH: Ist er grad so schn wie ich?

LIESCHEN: Carl Pius sein Freund is er.

HEINRICH: Aber so einen langen Schnurrbart (er streicht ihn in die Hhe)
hat er doch nicht?

LIESCHEN: Herr Eduard scheint immer aus sein Gesicht.

HEINRICH: (etwas besonnen, er wei nun, von wem das Kind spricht) Ich
mchte so Jemanden wohl kennen lernen.

LIESCHEN: Der kmmt doch hierhin nicht. (Das Karussell steht still, die
Leute springen ab. Es steigen unter andern wste Mnner und Weibsstcke
ein, welche toben und kreischen. Heinrich springt jh mit Lieschen in
einem Satz herauf. Mutter Pius steht pltzlich vor dem Karussell;
Lieschen ist im Begriff, sich auf den Leoparden zu setzen und Heinrich
sitzt schon auf dem Lamm.)

Mutter PIUS: (zu Lieschen) Das la ich mich gefallen mit so en artigen
Herr, mein Herzeken.

Ein Weibstck: (zu Lieschen) La mich ens beien von das se Herz.

LIESCHEN: (zu Heinrich) N, dat kriegt der Aujust. Er guckt sich de
Augen nach aus und schmt sich, in de Leckerslden zu gehen. (Kleine
Pause.) Da es noch nich anfngt!

   (Arbeiter treten ungeduldig mit den Fen. Ein Geschftsfreund
   von Heinrich im grauen Zylinder tritt mit je einem Schatz am Arm
   ans Karussell.)

Der Geschftsfreund: (zu Heinrich) Nun, Sie alter Snder! (Das Karussell
bewegt sich.)

HEINRICH: Steigen Sie noch rauf! (Sie springen herauf.)

Gassenkind: Nehmen Se mir doch auch mit, Herr! (Die Musik spielt wieder:
O, Du lieber Augustin etc..)

Mutter PIUS: (zynisch zu Allen) Wnsch euch ne angenehme Hochzeitsreis!
(Sie kehrt schleunigst an ihre Bude zurck. Es kommen die Herren mit den
grauen Zylindern, [Bekannte von Heinrich] mit einer Anzahl Schtze und
springen im beginnenden Tempo aufs Karussell. Arbeiter drngen die
Weiber rcksichtslos ins Innere hinein, da sie auch den Ring greifen
wollen. Das Karussell dreht sich wie ein Wirbelwind. Dr. v. Simon und
Berta kommen aus der Bude der Riesendame -- sie gehen beide auf das
Karussell zu.)

BERTA: Ist das nicht der Heinrich?

Dr. v. SIMON: Wo?

BERTA: Warten Sie, gleich knnen Sie ihn wieder sehen.

Dr. v. SIMON: (ein wenig erschrocken.)

BERTA: Wenns nun Herr Eduard erfhrt? .....

Dr. v. SIMON: Der Narr ist wohl auch schon _Dein_ Beichtvater?

BERTA: Und unsere Frau?

Dr. v. SIMON: (blickt durch seine kleine, goldene Lorgnette -- beruhigt)
Er kann nicht mehr gerade sitzen.

BERTA: Mich kanns ja gleich sein, ich will doch nicht mehr lange fr
andere Leute arbeiten.

Dr. v. SIMON: (ergreift aufatmend die Gelegenheit) Du mut mir Dein
Herzchen ausschtten, liebes Ktzchen. (Er will mit ihr umkehren.)

BERTA: Der bleibt ja nicht lange hier, er reitet ja jetzt immer schon um
6 Uhr frh spazieren. (Sie gehen in die Taucherbude, das Karussell
bewegt sich etwas langsamer. Man hrt im Vorbeifahren Heinrichs Stimme.)

HEINRICH: Noch einmal, Puppel?

LIESCHEN: Sicher, lieber Herr!

Ein Weibsbild: (aus der Rutsche) Kommt ens bei mich rein!

LIESCHEN: Stell Dir doch an de Stange, dann kriegst De den Ring. (Einige
Gassenkinder schreien.)

Gassenkinder: Der Schimpanse ist ausgekniffen, de groe Chimpanse is
ausgekniffen! (Es entsteht eine Panik, zu einem Knuel strmen die
Menschen zusammen, fast alle Fahrenden springen vom Karussell herunter,
Lieschen will das Gleiche tun.)

Gassenkind: Der groe Chimpanz mit dem kleinen Schwanz is ausgekniffen,
ausgekniffen!!!!

LIESCHEN: Hrn Se denn nich, der wilde Affe is ausgekniffen, der beit,
ich hab Angst vor das Tier. De Lehrer sagt, an Kinder machen sich de
groen Tiere am ersten ran. (Der Taucher luft aus der Bude,
gestikuliert mit dem Eisenkopf und den Eisenfusten, was furchtbar
komisch aussieht.)

HEINRICH: (hlt Lieschen fest).

Mutter PIUS: (kommt ans Karussell) Bleibt man sitzen, das is ja nur eine
geriebene Reklame von de Zirkusleute.

LIESCHEN: Is es auch sicher nich wahr, liebe Mutter Pius?

HEINRICH: (nickt) Nein. Haben Sie das Pulleken kaltgestellt, Mutter
Pius?

Mutter PIUS: (zynisch und wehmtig) Un mich dabei. (Die vorzeitig
Abgestiegenen nhern sich wieder dem Karussell, zwei Weibsbilder
schlendern Arm in Arm herbei.)

Weibsbild: (zu Heinrich) Nehm mich doch, Du zerbrichst ja Dein
Riesengespielzeug.

Ein anderes Weibsbild: Er is doch de _Puppenhangri_!

            (Die Herren im Zylinder lachen ermuntert auf.)

HEINRICH: (zu Lieschen) Was sie nich alles vom lieben Heinrich wollen,
was Liescken? (Einer der beiden Schtze des Geschftsfreundes sagt zu
ihrem Begleiter.)

Die erste: Zu de Riesendame wollen wir ens rin (zu ihrer Mitliebsten)
Kuck, Minna, die hat en Bart wie en Kerl. (Das Karussell bewegt sich
wieder, ohne zu spielen; in ihm sitzen nur noch vereinzelt Kinder
zwischen Heinrich und Lieschen.)

HEINRICH: (unsicher, da er angeheitert ist) Lieschen, spielt es denn
nicht?

LIESCHEN: Es ist schon spt in die Nacht, Mutter Pius sagt, die
Polizisten kmen sonst.

HEINRICH: Dann wollen wir auch machen, da wir runterkommen. (Er lt
die Kleine vom Leoparden auf seinen Rcken steigen, springt mit ihr vom
Karussell, juchheit, lt Lieschen zur Erde fallen, hebt es wieder in
die Hhe, lt es wieder fallen, hebt es wieder in die Hhe, lt es
wieder fallen, fngt es auf, mit ihm springend durch die Menge, Mutter
Pius kommt ihnen bis zur Taucherbude entgegen. Die Herren mit den grauen
Zylindern sind vorangegangen mit den Schtzen und bleiben an der
Schiebude stehen und schieen.)

Mutter PIUS: (etwas neidisch zu Heinrich und Lieschen) Wie die Blagen.
(Es kommen eine Menge neue Arbeiter.)

LIESCHEN: Ich hab Angst, der Vater kmmt und holt mir.

HEINRICH: Ich versteck Dich in meinen Mantel, Puppel.

LIESCHEN: Meinen Taler nimmt er mich ab fr die Sparkass.

HEINRICH: Dann schenk ich Dir einen goldenen Puppel.

LIESCHEN: So reich sin Se? (Mutter Pius, Heinrich, Lieschen gehen
weiter.)

Eine Frau: (erstaunt fragend) Das Kleine von Puderbachs! ... (Sie sperrt
grinsend den Mund auf.)

Mutter PIUS: Nu, un was alles! Das Kleine helft mich hier. (Sie biegen
nach links ein.)

   (Dr. v. Simon und Berta treten aus der Taucherbude.)

v. SIMON: Du mut nicht immer so laut meinen Namen nennen, Ktzchen, das
ist nicht fair.

BERTA: (beleidigt) O, ich wei mir doch zu benehmen. (Sie ahmt die
Bewegung Martas nach.) Du willst mir wohl los sein, Bruno?

v. SIMON: Bewahre. (gereizt): Aber es wre Deine Pflicht gewesen, mich
auf den Betrieb hier aufmerksam zu machen. Bedenke die Konsequenzen,
falls mich einer meiner Arbeiter hier berrascht.

BERTA: Unser Heinrich geht doch auch immer auf die Messe.

v. SIMON: All right! Die Arbeiter wissen auch, was sie von ihm zu halten
haben.

BERTA: (mrrisch) Dann htten wir ja berhaupt bei Dir bleiben knnen.

v. SIMON: Das knnen wir ja noch nachholen. (Er kitzelt sie heimlich in
die Taille.)

BERTA: (schttelt den Kopf. Dr. v. Simon schiebt sie langsam vorwrts am
Karussell vorbei zum vorderen Ausgang.)

v. SIMON: Wann feiern wir Hochzeit, Ktzchen?

BERTA: (vershnt) Ich dachte nach Weihnachten; so lang bleib ich auch
noch. Die Frau hat mir durchs Frulein fragen lassen, was ich mir
wnsche.

v. SIMON: Lass Dir mal weiche Kopfkissen schenken (sagt ihr noch etwas
ins Ohr) mit einem _rosa_ Himmelchen darber ....

BERTA: (verschmt geziert).

v. SIMON: Also vorher wird nichts?

BERTA: Ich bin doch ein anstndiges Mdchen (geziert), ich drfte nicht
mehr nach Hause kommen.

v. SIMON: Auch nicht mir zu Liebe? (Er kitzelt sie wieder in die Seite.
Sie biegen beide ein, man sieht sie nicht mehr. Frber, deren Hnde
durch ihren Beruf bunt angelaufen sind, -- August Puderbach ist unter
ihnen, und Weber in gestreiften Kitteln und andere Arbeiter in blauen
Blusen kommen ber den Jahrmarkt. Mutter Pius tritt wieder in den
Vordergrund.)

AUGUST: (Zu Mutter Pius) Wo ist es?

Mutter PIUS: Liesken oder meine Raritt?

AUGUST: Es!

Mutter PIUS: Guck ens selber.

AUGUST: Deine Bude ist ja schon zugeschlossen.

Mutter PIUS: Meinst De, ich la se bis zum frhen Morgen offen stehen?

AUGUST: (Springt auf's Karussell, er dreht selbst die Orgel, die noch
die letzten Tne des Liedes O Du lieber Augustin dumpf abgibt. Er setzt
sich dann auf den Hirsch und lutscht an einer langen Stange Sholz;
Herr v. Simon kehrt alleine nach Heinrich spionierend zurck, ein
Weibsbild tritt zu ihm heran.)

Weibsbild: Lassen Se mir ens schieen, ich mcht en Taschenmesser
gewinnen.

WILLEM: Das sag ich Dich, lt de Dir mit _dem_ ein, hau ich Dich de
Backzhn aus!

v. SIMON: (ihn wiederkennend, ngstlich) Nicht gleich so heftig, ich
werd sie Dir nicht fortschnappen.

WILLEM: Du dnnet Geripp, durch wen bin ich so heruntergekommen, wenn
nicht durch Dir (droht.)

v. SIMON: (zitternd) Sind Sie nicht der Willem?

WILLEM: So hei ich.

v. SIMON: Warum hat Sie denn eigentlich der Chef gehen lassen?

                  (fixiert ihn durch die Lorgnette.)

WILLEM: Tu man das Glas von de Nas runter, de Hauptsach is, da ich Dir
wieder kenn, miserabel Verfhrer!

v. SIMON: (zitternd und devot) Kalt Blut, Willem.

WILLEM: (Zu den Zuhrenden) Ich hab auch zu meiner Schwester gesagt,
wenn ich den ens zwischen de Finger krieg!

August PUDERBACH: (springt komisch vom Karussell) Ich wollt meine Stange
Sholz ens zu End lutschen.

(Zu v. Simon idiotisch tckisch.) Seine Schwester haben Sie aufs
Gewissen; nu kann sie lange warten, bis ich sie nehm, Sie fiser
Seidenwurm.

WILLEM: Meine Schwester Laura auf Dir warten? Auf son Pitter? (Er spuckt
ihn an.)

v. SIMON: (will sich aus dem Staub machen, aber die Herren im Zylinder
halten ihn auf mit Fragen.)

AUGUST: Ich heirat berhaupt nich und die abgeknutschte Laura verdek
nich.

WILLEM: (Haut August eine Backfeife herunter; die Herren im Zylinder
kommen in den Vordergrund und und ziehen v. Simon mit sich.)

v. SIMON: (zu den Herren) Es wird die hchste Zeit sich zu entfernen.
Shoking! Shoking!

Einer der Herren mit dem grauen Zylinder:

Sie verstehen nicht mit den Leuten zu scherzen.

v. SIMON: (verchtlich sich mit den Fingerspitzen affektiert abstubend)
Allerdings!

DER GESCHFTSFREUND: Hat man Ihnen das nette Dingelchen stiebitzt?

EIN ZWEITER VON DEN HERREN MIT DEM GRAUEN ZYLINDER: (auf Heinrich
zeigend) Der Chef versteht es besser mit den Leuten. (Heinrich taumelt
stark betrunken an der Hand Lieschens, das selbst sehr angeheitert ist,
fiebernde Backen und Augen hat, in den Vordergrund.)

HEINRICH: (zu Lieschen) Kannst mich leiden, Puppel?

LIESCHEN: (nickt, schttelt die Haare wild und wirr durcheinander.)

v. SIMON: Shoking!

Die Herren: (freundschaftlich) Wir wollen ihn nach Hause bringen.

HEINRICH: Nach Haus? Zylinder ab!! Lieschen, hrst Du, nach Haus wollen
sie mich transportieren.

Mutter PIUS: (leise und vertraulich Heinrich ins Ohr) Mach man da de
wegkommst, de kleine dnne Zahnstocher (weist auf v. Simon hin) gefllt
mich immer schon nich.

HEINRICH: Wann wirst De eingesegnet, Liesken?

LIESCHEN: (weinselig) Brst hab ich wie junge Salatkppe.

DIE HERREN MIT DEN GRAUEN ZYLINDERN: (drngen ernst) Sonntag, kommen Sie
jetzt!

v. SIMON: Shoking! ...

HEINRICH: Was sagen Sie?

v. SIMON: (zieht ihn unsanft am Arm und spricht befehlerisch) Sie folgen
mir ohne Zaudern!

HEINRICH: (in festem Ton, als ob er _nchtern_ wre, pltzlich)

Wer ist der Herr, ich oder Sie?

DER GESCHFTSFREUND VON HEINRICH: (zu v. Simon) Reizen Sie ihn jetzt
nicht.

v. SIMON: (dreist, sich von den Herren gedeckt glaubend) In diesem Falle
bin ich der Herr.

HEINRICH: (jhzornig taumelnd) Soldaten, Kameraden, wer is der Herr
Leutnant, er oder ich?

   (Scharen von Arbeitern sammeln sich pltzlich um Heinrich, v.
   Simon ahnt eine Katastrophe, am Krper zitternd sucht er
   kleinlaut Sicherheit hinter dem groen breitschultrigen
   Geschftsfreund von Heinrich und den anderen Herren.)

Ein Arbeiter: Ein guter Leutnant war er.

EIN ZWEITER: Gezecht hat er mit uns auf Kaiser sein Geburtstag wie'n
gemeiner Soldat mit den andern.

EIN DRITTER ARBEITER: Wir wollen ihn hoch leben lassen.

DIE GANZE SCHAR: Unser lieber Leutnant er lebe hoch! Hurra! Hurra!
Hurra!

WILLEM: (Herrn v. Simon drohend) Kerl!

   (v. Simon wagt nicht den Schauplatz zu verlassen, sich berhaupt
   zu bewegen.)

HEINRICH: (brllt) Angetreten! (Die Arbeiter und und Herumtreiber
sammeln sich in Kolonnen wie im Manver. Die Weiber gucken neugierig zu.
August stellt sich an die Spitze des links aufgestellten Bataillons, er
hat sich einen Helm aus einer Zeitung angefertigt und setzt ihn auf den
Kopf. Er empfngt seiner Ungeschicklichkeit wegen Pffe und Ste.)

HEINRICH: (Besichtigt taumelnd sein Regiment, schickt den einen zurck,
den andern setzt er an den Anfang der Reihe etc. Ab und zu Flche
ausstoend. Brllt) Gerade gestanden! Schockschwerenot!

WILLEM: De Landhasen mssen zuerst auf den Feind losstrmen. (August
macht eine Schiebewegung, den zitternden v. Simon suchend.)

LIESCHEN: (frech) Da is er ja!

HEINRICH: Un de Maikfer halten sich im Hinterhalt.

WILLEM: Un de Musik machen de Bindfadenjungen, da de Hengste nur so
galoppieren. (Alle lachen furchtbar und die einexerzierten Arbeiter
freuen sich mit Heinrich wie groe ungeschlachte Jungen, die Soldaten
spielen.)

WILLEM: Nu man los, Herr Leutnant, ich bin Euer Unteroffizier.

HEINRICH: (brllt) Ganzes Regiment linksum, vorwrts marsch! (Lieschen
luft neben Heinrich her mit den Hnden trommelnd und mit den Lippen den
Rhythmus markierend. Die Arbeiter exerzieren einige Schritte vom
Vordergrund dem Platz zu; pltzlich v. Simon bemerkend, wollen sie sich
wie wtende Hunde auf ihn strzen.)

HEINRICH: Stillgestanden!!! den Feind hau ich allein kurz und klein.

WILLEM: (Schleift ihn herbei, seine Hnde mit der Lorgnettenkette
fesselnd, wie vor seinen Feldherrn. v. Simon sthnt vor Angst. Die
Herren mit den grauen Zylindern kommen ihm nicht zur Hilfe, sie
amsieren sich, neugierig den Vorgang betrachtend.) Lassen Se sich nicht
totschlagen mit seinen Sabel, Herr Leutnant. (Er zeigt tobend vor Lachen
v. Simons dnnes Spazierstckchen.)

AUGUST: Nu kann es losgehen, Kinder. (Willem lst die Kette von v.
Simons Hnden.)

DER GESCHFTSFREUND: (drngt sich durch die erregte Arbeitermenge zu
Heinrich, der hrt aber in seiner Betrunkenheit des Freundes leises
Zusprechen nicht; Heinrich hebt ein Kalkstckchen vom Boden auf und
zieht einen groen Kreis unterhalb seines Herzens.)

HEINRICH: So Jngsken, das Terrain darfst De nich berschreiten, sonst
bin ich belmmert (alles lacht strmisch, nur Lieschen umklammert Mutter
Pius ngstlich.)

LIESCHEN: (Sinnlich erweckt) Der macht den Heinrich tot. (v. Simon
verblfft; Heinrich wankt auf seine Freunde zu. v. Simon will die Flucht
ergreifen, aber die Arbeiter packen ihn.)

Die Riesendame: (guckt aus ihrer Bude) Kommen Se bei mich, Herrchen! (v.
Simon befreit sich einen Augenblick, die Arbeiter hinter ihm her. August
springt wie ein Kater auf seinen Rcken. Aber es gelingt v. Simon, ihn
abzuwerfen und sie rasen hintereinander ber den Platz dem Ausgang zu.)

HEINRICH: Steckt ihn in den Aussichtsturm, meinetwegen! (Die Herren
nehmen den vllig erschpften Heinrich in die Mitte, um mit ihm fort zu
gehen.)

HEINRICH: (zu Lieschen und zu Mutter Pius) Schlaf s, Marze, gute
Nacht, Mama Charlottchen.

Der Geschftsfreund: Das mt sie hren. (Die Menge verluft sich, die
Buden werden geschlossen, die alte Pius rennt in ihre Bude. Lieschen
steht ganz allein im Vordergrund, setzt sich noch einmal auf den
Leoparden im Karussell, streichelt ihn und springt dann ab.)

Die Riesendame: (Steckt den Kopf durchs Fenster.) Wie heit Dein
charmanter Kavalier?

LIESCHEN: Das geht Euch niks an. (Heinrich, in der Mitte der Herren,
sieht man noch hinter dem Platz des Jahrmarktes auf einer Anhhe
heimwrts ziehen. Die drei Herumtreiber kommen langsam am Karussell
vorbeigewandelt ber den Jahrmarkt gehend.)

PENDELFREDERECH: Wir wollen den Garten nu reinigen von de Snde (murmelt
bse).

Lange ANNA: (Macht die Bewegung des Kehrens. Er trgt eine lange
rauschende Papierschrze und eine Frauennachthaube aus Papier mit
flatternden Bndern auf dem Kopf und eine dicke Warzennase.)

AMADEUS: (Auf Heinrich zeigend.) Da wandelt mein Todeskandidat.

Mutter PIUS: (kommt von ihrer Bude zurck, in der einen Hand einen Korb,
in der andern die Kindermumie, ihr zweiter Kopf angefertigt aus Lumpen,
baumelt am Rumpf herunter.)

Mutter PIUS: (zu Lieschen) Ich will mir hngen lassen, wenn es nicht
Dein Krakehler von Vater gewesen war. (Lieschen lt vor Mdigkeit den
Kopf hngen; schauert auf, als Mutter Pius ihm die kleine Mumie reicht.)

Mutter PIUS: (zynisch) Halt ens Dein Zwilling fest; (Mutter Pius
befestigt den Kopf wieder an dem Rumpf. Die Riesendame grinst aus dem
Fenster.)

Mutter PIUS: Nu komm man rasch, sonst pumpt mir die Rosa (Auf die
Riesendame weisend) wieder an, und de Mutter Pius kann nicht N sagen.

   (Sie wollen beide eilig ber den Platz gehen, als Lieschen stehen
   bleibt, jh Mutter Pius' Scho umfassend.)

LIESCHEN: Ich dank Dir auch vielmals fr alles, liebe Mutter Pius. (Sie
eilen weiter, die Riesendame lt die grn und gelb gestreifte Jalousie
ihrer Bude herunter, die fllt gleichzeitig wie der erste Vorhang ber
die ganze Bhne.)




                             VIERTER AKT


              (Im Arbeiterviertel wie im ersten Aufzug.)

   Schornsteine dampfen und pfeifen in der Ferne jenseits der
   Wupper. Die Wupper ist bewegt und dunkelrot verfrbt.
   Fabrikarbeiter und Arbeiterinnen sind auf dem Wege zur Fabrik.
   Jungen ziehen Milchkarren und Kinder laufen in die Bckereien,
   Frhstck auszutragen. ber die Brcke geht dem Huschen von Pius
   zu, Eduard.

Eduard, Carl, Lieschen, August Puderbach, Mutter Pius, Frau Amanda Pius,
Grovater Wallbrecker, Gretchen Stomms.

EDUARD: (erblickt Lieschen, das zur Bckerei gehen will) Lieschen!

LIESCHEN: (es luft entzckt zu ihm) Herr Eduard! Herr Eduard!

EDUARD: Wohin gehst Du denn so frh?

LIESCHEN: (ist noch immer zu freudig, um zu sprechen, es hlt Eduards
Hand fest und springt bestndig in die Hhe.)

EDUARD: Freust Du Dich denn so, mein Kind?

LIESCHEN: Sicher!

EDUARD: Sieh mal -- (er schwingt eine Rolle hoch in der Luft.) Komm, wir
setzen uns hier auf die Bank. (Sie setzen sich vor Pius' Haus auf die
Bank. Eduard ffnet die Rolle.)

LIESCHEN: Is aus England, nich?

EDUARD: (nickt).

LIESCHEN: (bewundernd) Wie is _das_ schn gemalen!

EDUARD: Welche von den Puppenmttern gefllt Dir am besten, Lieschen?

LIESCHEN: (freudig) De mittelste, die hat so groe Augen, wie Sie habn.

EDUARD: (streichelt ihr Haar) Das Bild mut Du Dir an die Wand hngen,
mein Kind.

LIESCHEN: ber unser Bett kommt es zu hngen, un der alte Herr Jesus
fliegt auf'n Oller mit seine rotgeheulte Augen.

EDUARD: Aber Lieschen .........

LIESCHEN: Er guckt wie der Vater, wenn er von de sndige Welt predigt.

EDUARD: Es kann auch nur ein frommer Maler unsern Heiland so schn
malen, wie er gewesen ist.

LIESCHEN: (etwas dreist) Meine Mutter sagt, Sie mchten uns en goldenen
Rahmen bei das Bild kaufen.

EDUARD: Hat das Deine Mutter gesagt?

LIESCHEN: (ihre Dreistigkeit fhlend, kleinlaut) Molz!

EDUARD: (spricht zrtlich, gtig) Aber da Du gestern nicht das kleine
Christkind besucht hast, Lieschen, darber bin ich sehr traurig.

LIESCHEN: (erschrocken) Das drfen Se nich sein; lieber bleib ich mein
Lebenlang in de Kirche auf de Stein liegen, dreihundertundfnfundsechzig
Tage (besinnt sich) un all die Stunden und die Minuten.

EDUARD: (gerhrt) Unsere liebe Mutter hat Dich auch besonders gern,
Lieschen.

LIESCHEN: Ich bin doch ens so schbig angezogen.

   (Sieht auf ihr Kleid herunter, Arbeiter gren Eduard
   ehrerbietig.)

EDUARD: Darauf sieht unsere liebe Mutter nicht; sie sagte mir, Du habest
ein himmelblaues Herzchen, Lieschen, und sie mchte so gern, da es
nicht fleckig wrde.

LIESCHEN: En himmelblaues Herzken ... habn Sie einmal so eins gesehn?
(Kinder rufen Lieschen an.)

Erstes Kind: Lieschen!

Zweites Kind: Lieschen! (Sie laufen wieder fort.)

EDUARD: Nur einmal bei einem kleinen Engelchen, das trug es ganz
vorsichtig in einem seidenen Tchelchen in den Hnden.

LIESCHEN: Aber denn konnt es doch nich mehr klopfen?

EDUARD: Gewi, es pochte ganz, ganz leise, lauter Perlen.

LIESCHEN: Sicher?

EDUARD: Und das Engelchen konnt es immer sehn, und so mut Du auch Dein
Herzchen wohl behten, verstehst Du mich, Lieschen?

LIESCHEN: (verzckt und erstaunt) Ja .....

Kinder: Lieschen, es is half sieben, wir sagen es wieder!! (Lieschen
rafft sich auf.)

LIESCHEN: Ich mu nu laufen, Herr Eduard. (Gretchen Stomms kommt herbei,
nhert sich etwas dreist den Beiden und sagt Lieschen etwas ins Ohr.)

LIESCHEN: Das is doch _der_ nich. (Wird schchtern, will fortlaufen mit
Gretchen Stomms.)

EDUARD: Eine Hand darfst Du mir doch noch geben!

LIESCHEN: Mir haut der Vater, wenn ich trdel'.

GRETCHEN STOMMS: (altklug) Es kriegt heute seine Lhnung.

EDUARD: (nickt; Wichtigkeit markierend. Lieschen verlt ihn befangen.
Die beiden Kinder laufen, die Arme gegenseitig ber Kreuz im Rcken,
fort.)

Gr. WALLBRECKER: (er trgt altmodisch grngestickte Pantoffeln und die
neue Pfeife in der einen Ecke im Mund. Arbeiter kommen wieder an Eduard
vorbei.)

Einer der Arbeiter: (brutal auf Eduard zeigend) Der mu auch bald ins
Gras beien.

Grovater: (erblickt ihn) Guck einer an, der junge Herr so frh. (Nicht
Antwort abwartend nach dem Dachfenster sich aufstreckend) Carl, steh
auf, Faulenzer, dicker Plumpsack, steh auf! Amanda!

EDUARD: (will ihn beruhigen) Lassen Sie sie noch friedlich schlummern,
Grovater.

Grovater: Tum Tingelingeling! ..... (Er drngt Eduard, sich wieder auf
die Bank niederzusetzen.)

EDUARD: Was meinen Sie, Grovater, wenn ich mir auch ein Pfeifchen
anznde?

Grovater: (streicht ein Schwefelhlzchen an der Wand des Huschens an.)
Schlecht sehn Se mal wieder aus, un es fehlt doch nicks bei Sie; wo der
Teufel einmal drinsitzt! ... Was sag ich, der Teufel? Wallbrecker bist
Du doch en dmlich Ro, aber was mu das fr en Satans in Sie sein?

EDUARD: (schelmisch) Wer den wohl erlegen knnte, Grovater?

Grovater: En Heiligen sind Sie, der heilige Laurentius sind Se, un
Kaffee mssen Se bei uns trinken, sonst beleidigen Se meine Tochter
Amanda. (Er zeigt auf Amanda, die mit einem Tisch aus dem Huschen
kommt, ihn vor die Bank zu stellen.)

Frau AMANDA PIUS: Son'ne Ehre, geehrter Herr Eduard! (Stellt den Tisch
vor die Bank und reicht ihm die Hand. Zu Wallbrecker): Wo is de Carl?

Grovater: Er schlft noch. Ruf Du ihm.

Frau AMANDA: (geht ins Huschen.)

Grovater: Er will nu Pastor werden, nehmen Sie's ihn nich bel, lieber
Herr Eduard. (Amanda kehrt mit Kaffeekanne, Tassen, Butterbrot etc.
zurck. Es wird immer heller. Arbeiter und Arbeiterinnen, unter ihnen
Frber mit grn-, rot-, oder gelb-glnzenden Hnden und bleichen
Gesichtern ziehen vorbei.)

Grovater: (zu einigen Arbeitern) Guten Tag zusammen!

Arbeiter: Auch schon aufgestanden?

AMANDA: Wenn uns der junge Herr (Carl unterbricht sie.)

CARL: Ich bin gleich unten.

AMANDA: Wenn uns der junge Herr die Ehre schenken will un en Kppchen
Kaffee mit uns trinken will?

EDUARD: (gtig) Ich bin ordentlich durstig, liebe Frau Wirtin.

AMANDA: Es fiel mich ja im Traum nich ein, da de junge Herr heut kommen
knnt, ich htt sonst en Lot mehr gemahlen.

CARL: (man hrt ihn oben sprechen) Meinen Kragenknopf kann ich nich
finden.

Mutter PIUS: (guckt aus dem Dachfensterchen) Was seh ich -- (Sie tritt
wieder vom Fenster zurck) Nu halt man still, ich kann Dir doch nich
mehr auf en Arm nehmen un Dir antrekken.

                         (Alle lachen unten.)

Grovater: Mich is so dmlich im Kopf.

AMANDA: Du bist auch schon alt, Vatter. (Mutter Pius kommt.)

Mutter PIUS: (zu Eduard) Bleiben Se man sitzen, tun Se als wenn Se zu
Hause wren.

EDUARD: (hustet.)

Grovater: Da meld er sich.

EDUARD: (hustet strker) Der alte Satansdrachen, was Grovater?

Mutter PIUS: De alten Doktors kurieren an Sie herum, die Mutter Pius
aber wird Herr Eduard auf de Beine bringen, jeden Morgen und Abend en
Kppken von de junge Weizensaat mssen Sie trinken. Ich will es Ihren
Personal sagen.

EDUARD: (gtig) Das mag wohl zutrglich sein, Mutter Pius.

Grovater: Un jetzt man, wo wir Vollmond haben, soll es am tauglichsten
sein.

Mutter PIUS: (herrisch und verchtlich) Misch Dir nich in mein Praxis,
Grovatter Wallbrecker.

EDUARD: (besnftigend) Das nehmen alle Mediziner bel, Grovater wir
sind doch mal nur Laien.

Grovater: (knnte aufplatzen vor Lachen) Tum Tingelingeling, tum
tingelingeling.

CARL: (frisch, markig, primanerhaft, pathetisch) Ich gre Dich,
Gottesmann, der Du frlieb nimmst mit unserer Speise und Trank.

EDUARD: (leuchtend schelmisch) Friede sei Deinem Haus, mein Bruder.

Grovater: (spricht auf Amanda unverstndlich ein, Mutter Pius versorgt
sich mit Kaffee, streicht Carl Butterbrte.)

EDUARD: (legt Amanda ein Kuvert auf ihren Scho) Von meiner Mutter.

Grovater: (neugierig) La ens gucken!

AMANDA: (sie stt ihren Vater mit dem Ellbogen unsanft zurck) N, Ihre
Frau Mutter is engelgut. (Eine dicke Trne fliet ber ihre Backe.)

Grovater: (nickt dazu fortwhrend Amandas Worte besttigend.)

Tum Tingelingeling, tum tingelingeling, tum, tum, tum, tum! (Carl und
Eduard unterhalten sich leise. Aus der Seitengasse, dem Zimmer im
obersten Stock, das Puderbachs bewohnen, dringt Lrm. Ein Haufen Kinder
sammelt sich lauschend vor dem Haus an.)

Mutter PIUS: (spricht lauter) Vielleicht trinkt Herr Eduard auch noch
ein Kppken? (Der Lrm lt nach.)

EDUARD: (nickt Frau Amanda zu) Er ist auergewhnlich gut gebraut, ich
mchte das Rezept unserer Auguste sagen.

Mutter PIUS: (katzenfreundlich zu Amanda) Er schmeckt aber auch gut
heut, Amanda.

AMANDA: Vatter, hol noch wacker was Zucker aus die Blas', (er steht
langsam auf) nu eil Dir man ein bischen.

   (Lrm dringt wieder strker aus der Seitengasse, man hrt weinen
   und es ist, als ob Porzellan zerbricht. Arbeiter und
   Arbeiterinnen gesellen sich neugierig zu den Kindern vor der
   Gasse.)

AMANDA: Geh doch ens rber, Carl, Du verstehst Dir doch mit dem
Scheinheiligen. Bist Dich doch eine Otoridt.

CARL: (hart) La mich zufrieden.

EDUARD: (verlegen.)

AMANDA: Wat redest De rauh! (Der Lrm lt nach. Grovater Wallbrecker
kommt zurck, in seinem roten Taschentuch den Zucker wie in einem
Beutelchen tragend.)

AMANDA: Bist De toll, Vatter? (Carl und Eduard lachen.)

Mutter PIUS: Ich sag gar niks mehr.

Grovater: Wat soll ich denn? Ich schlabbere ja mit de Lffels (zu
Amanda) ich schtt ihn doch so in 'em Reisbrei.

CARL: (sich belustigend) Ich bin Zeuge! Grovatter kallt de pure
Wahrheit.

AMANDA: Glauben Se's nich, Herr Eduard, (auf Grovater zeigend) er
trumt immer.

Mutter PIUS: (gromtig heuchlerisch) Wat sagst De, Wallbrecker, ich
nehm mich _doch_ en Lffel dovon in mein Kppken?

            (Eduard klopft Mutter Pius auf die Schulter.)

Grovater: Ich hab mir seit von Tag nicht drin geschnutzt. (Alle lachen
wieder herzlich. Aber furchtbar dringt der Lrm aus dem Hause der
Seitengasse.)

AMANDA: Entweder geh Du oder ich. (Bittend.)

CARL: (Unerbittlich) Wenn er sie ens tchtig verwichsen tt.

Grovater: Du willst en Pastor werden, Carl ---- ich hab gleich gesagt,
Gesellen mut De habn.

                     (Der Grovater erhebt sich.)

Mutter PIUS: Wegen dat schlumprige Weib drben lassen wir uns beim
Kaffee stren.

           (Der Grovater ist im Begriff herber zu gehen.)

EDUARD: Bleiben Se sitzen, Grovater, der Carl wird Ruhe schaffen. (Der
Grovater lt sich aber nicht aufhalten.)

Mutter PIUS: (neidisch auf Grovater weisend) Das tut er mich zum rger.

AMANDA: Nu lauf man rasch den Grovater nach, Carl!

CARL: (rgerlich) Steh Du doch Deiner Freundin bei! (Carl hlt Eduard
zurck, der sich schlicht erheben will.)

CARL: Er kommt ja gleich wieder heil zurck. (Der Grovater naht Salve
Csar!) Statt den Lorbeer das Kppken auf den Kopf und Lieskens Present
in de Schnute. (Alle lachen, auch hrt man keinen Lrm mehr.)

Grovater: Ich hab all wieder gestillt, Kinderkes. Bleiben Se man
sitzen, Herr Eduard. (Er bemerkt gar nicht, da Eduard auf seinem Stuhl
sitzt.)

AMANDA: (geschwtzig) Was blo aus dem Liesken werden soll? --

EDUARD: Lassen Sie mich erst ber den Berg sein.

Mutter PIUS: (listig) Da lassen Se man de Finger von.

CARL: Der Apfel fllt nicht weit vom Stamme.

Mutter PIUS: (cynisch, halb zu sich zum eignen Amsement) Herr Eduard
ist doch kein Feinschmecker!

EDUARD: Meine Schwester soll sich des Kindes annehmen.

AMANDA: (devot) Ihr Frulein Prinzessin Schwester?

EDUARD: (nickt stolz) Ist sie nicht eine Prinzessin, Carl?

CARL: (errtet, ist benommen.)

Mutter PIUS: Dem Weib bin ich zu gut, ganz genau de Mama aus dem Gesicht
geschnitten.

Grovater: (besttigend) Tum Tingelingeling, Tum Tingelingeling, tum,
tum, tum.

   (Wieder gehen Mnner vorbei. Es sind die Helfershelfer, die Lange
   Anna zu Hilfe kamen am ersten Abend.)

Grovater: Nehmt man de Bein auf en Nacken.

Der Herumtreiber: (hhnisch) Na, wie schmeckt es euch denn?

Grovater: Carl, hast De das gehrt?

Mutter PIUS: (zu Carl ngstlich, er knnte sie hauen) rgre Dir man nich
darber, Carl, das sind die nich wert.

CARL: (benommen) Ich hab gar niks gehrt.

Grovater: Da se mich nich en gemtlichen Abend gnnen, Herr Eduard.
Fnfundzwanzig Jahr hab ich mit dem Liesken sein Grovater am Webstuhl
gesessen, (weinerlich) und doch war das Leichentuch zu klein fr uns
beide.

CARL: Mutter gieb mir meine Kappe!

EDUARD: (gtig, schelmisch zum Grovater) Wir werden noch oft zusammen
ein Piepken schmken, Grovatter. (Alle lachen, nur der Grovater nickt
ernsthaft.)

Grovater: Jetzt leb ich von de Gnade meiner Tochter un die (er zeigt
auf Mutter Pius.)

Mutter PIUS: Ich bin doch gewi nobel fr Dich!

AMANDA: Da er das viele Tabakschmken nicht lassen kann.

CARL: Fr de Arbeit sind de Frauleut da! (Frau Amanda greift Carls Kappe
durchs Fenster und setzt sie ihm auf.)

Mutter PIUS: (lacht) Du frecher Bullenbeier!

Grovater: (zu Carl) Du bist noch jung, ich aber bin en altes, krnklich
Ro. (Er hstelt und spricht fr sich.) Hab das Wiehern eigentlich schon
vergessen. (Er will aufstehen und ausspeien.)

AMANDA: (zum Grovater) Versteck Dir rasch, siehst Die nich? (Der
Grovater beugt sich schnell hinter den Strauch neben dem Haus.)

   (Der Kaplan kommt vom Spaziergang in den Wald ber die Wiese
   links; er hat einen _schwankenden_ Gang. Er bemerkt die
   Gesellschaft vor dem Huschen nicht.)

EDUARD: Warum soll sich der Grovater vor dem sanften Kaplan verstecken?

Mutter PIUS: (weist auf ihn) Wien'n kleines Prozessionsboot ber'n
evangelisch Meer.

EDUARD: Er ist sehr unglcklich, Deiner Abtrnnigkeit wegen, Carl.

CARL: (sarkastisch) So viel Kummer hat sich noch keiner um meine Seele
gemacht.

EDUARD: Was sagen _Sie_ dazu, Mutter Pius?

Mutter PIUS: Da Se lieber wieder nach unseren Luther hren sollen, was
wollen Se allein herumschiffen?

EDUARD: (zu Carl) Die Mtter!!

AMANDA: Aufstehen, Vatter, wir mssen auf die Wies'.

Grovater: (seufzend zu Eduard) De Wsch legen.

                      (Eduard erhebt sich auch.)

Mutter PIUS: (zu Eduard) Bleiben Se doch noch en bischen bei de Mutter
Pius, Herr Eduard.

EDUARD: Morgen gehts Examen los, ich mu noch mathematische Zahlen
rechnen.

Mutter PIUS: Was nich de Schulmeister all wollen, zu meiner Zeit war es
noch nicht halb so schlimm.

CARL: (sarkastisch) Deshalb bist De auch kein Pastor geworden!

EDUARD: (Grovater und Amanda, die zgernd warten, die Hand reichend.
Die beiden gehen ins Huschen.) Wir sind alle Pflugtiere. Kommst Du mit
mir, Carl.

CARL: (nickt.)

Mutter PIUS: Mit de Schluffen an de Bein, Jung?

CARL: (kleinlaut) Ich wr wahrhaftig in Gedanken so gelaufen. (Zu
Eduard) Ich hab die Stiefel beim Schuster.

Mutter PIUS: (zu Eduard, wie zu einem kleinen Jungen) De Mama werd schon
bang sein -- dafr kenn ich ihr. (Mutter Pius reicht Eduard ermahnend
die Hand, Carl begleitet ihn bis zur Ecke. Eduard winkt noch einmal
Mutter Pius zu.)

Mutter PIUS: (ruft durchs Fenster) Gib mir meine Valentiaspitzen und
Poingtskrgen. Se liegen in de Fase auf en Schrank, da de Mietze nich
damit spielt.

Grovater: (Reicht die Spitzen heraus und zeigt in die Ferne, wo am Rand
des Waldes die drei Herumtreiber: Pendelfrederech, Lange Anna und der
glserne Amadeus um eine Laterne gehen, deren Licht noch nicht ganz
erblichen ist.)

Grovater: (dmlich) Da gehen die drei Erzengel in de Ferne un blasen
aus de Laterne.

Mutter PIUS: Du fngst auch wohl an zu reimen, wie de Carl?

                         (Carl kommt zurck.)

Mutter PIUS: (zu Carl) Lang macht der auch nicht mehr mit.

Grovater: (nickt bestndig zustimmend) Tum, tum, tum, tum.

CARL: Ich wrd dem schon ein Stck von meiner gesunden Brust gebn.

Mutter PIUS: (Pause) Sag ens, Carl, wen hast De lieber, mir oder ihm?
(In der Richtung blickend, die Eduard eingeschlagen hat.)

CARL: (lacht) Du trumst wohl, Gromutter, ich bin noch der Carl in
Deinem Scho.

Mutter PIUS: Mir berkmmt es man so.

CARL: Dich?

Grovater: Tum tingelingeling!!

Mutter PIUS: Meinst wohl, de Gromutter war nie wehmutsvoll gewesen?

CARL: Na, was is denn los?

Mutter PIUS: (sitzt eine Weile schweigend, den Kopf herabgesunken auf
die Brust; die drei Mnner verschwinden in der Ferne im Wald.)

AMANDA: (ruft) Wo bist Du denn, Vatter?

Grovater: Ich mu noch bei de Mutter Pius bleiben, sie hat
Heiratsgedanken.

Mutter PIUS: (auffahrend) Du alter Snder.

Grovater: Wenn ich en Snder bin, da htten wir uns heiraten sollen.

Mutter PIUS: Dir! Du schlapper Bock!

CARL: Haltet Eure Muler, ich mu arbeiten.

Grovater: (Holt einen Ausklopfer) Wart man, ich schaff Dich Ruh!
(Amanda zieht ihren Vater vom Fenster fort. Man hrt ihn noch aus dem
Hause reden, wichtig): Im Examen mu er steigen!

   (Carl nimmt Heft und Buch, Tintenfchen, Halter aus seiner
   Tasche und beginnt zu blttern; Mutter Pius glttet geschickt die
   Spitzen und schweigt grbelnd.)

CARL: (etwas neckisch) Ich glaub en's, der Grovater hat recht
gesprochen.

Mutter PIUS: Ich altes Weib?

CARL: (sie neckend) Mit Dein jung Herz!

Mutter PIUS: (sich aufraffend) Temperatur hab'n alle Pius im Leib gehabt
un Du auch, Carl, siehst De, un de Gromutter wei das. (Sie holt
sorgfltig Martas Bild aus ihrer Ledertasche und hlt es Carl hin.)

CARL: (fragend verblfft).

Mutter PIUS: Deine Flamme!

CARL: (tiefrot, zittert, reit das Bild an sich.)

Mutter PIUS: Du Spitzbub, gib man rasch wieder.

         (Carl steckt es in seine Brieftasche. Kleine Pause.)

Mutter PIUS: Sie guckt sich nach Dich die Augen aus. (Kleine Pause.)

CARL: Wer sagt das?

Mutter PIUS: Ich!

CARL: Das is gelogen.

Mutter PIUS: All de Leut sagen es in de Nachbarschaft.

CARL: Weibergeklatsch. (Kleine Pause. Flehentlich erregt) Wer hat Dir
das gegeben, Gromutter?

Mutter PIUS: Weit De nich genug, da Du es auf Deine Haut trgst, Carl?

CARL: (pltzlich glcklich) Gromutter! (Er kt sie auf den Mund) Du
bist eine Teufelin!!!

Mutter PIUS: Kriegt de Mutter Pius ens Schimpfe fr die Gabe. (Kleine
Pause.) Du heulst ja!

CARL: (unterdrckt die Erregung) Ich glaub es Dir bald!

Mutter PIUS: Wat zitterst Du denn?

CARL: Ich hab Angst, ich fall im Examen durch. (Pltzlich hart) Ihr
Weiber strt mich! (Kleine Pause.)

Mutter PIUS: Carl, ich mu Dich was recht Intimes sagen. Keiner darf es
hren.

CARL: La mich zufrieden.

Mutter PIUS: Sprech mit Deine Schwiegermutter.

CARL: Was?

Mutter PIUS: Wenn Dus Examen bestanden hast.

CARL: (grbelnd).

Mutter PIUS: Sie weist Dir nicht ab, glaub es Mutter Pius.

(Kleine Pause,) Du guckst mir an, als wenn ich Dir zum Narren halt.

CARL: (gespannt).

Mutter PIUS: So en wackerer Mann wie Du bist, Carl -- un de feine
Herrschaften strken gern man das Treibhausblut mit den natrlichen
seines.

CARL: (immer gespannt).

Mutter PIUS: Liest De dann nich in de Zeitung fters, da de Grfinnen
sich mit die Lakais einlassen?

CARL: (naiv) Hinter den Rcken der Mtter?

Mutter PIUS: Die Olschen wissen immer davon. (Listig): Mamma Sonntag
wei auch von das viele Leckers un de Cigarretten, was de Marta Dich in
de Manteltaschen stopft?

CARL: (trotzig) Wer sagt Dir, da sie es herein stopft?

Mutter PIUS: Das riech ich im Dampf, Carl. N, wie ein kleines Gockel
bist de noch! (Von der Seite kommen August Puderbach und andere Frber
(mit bunten Hnden) durcheinander redend, von der Fabrik zurck; sie
bleiben vor Pius' Huschen stehen.)

AUGUST: Se streiken wieder.

Mutter PIUS: (rgerlich) Und Du?

DIE ARBEITER: (durcheinanderredend) Aufhngen soll man die Krakler.

CARL: Das sag ich auch.

AUGUST: Sind wir ens einmal eine Ansicht.

   (Amanda kommt zurck, rechts vom Hause her; sie hat die letzten
   Worte gehrt.)

AMANDA: Gut bist De dem Carl ens doch, August. Den Scheitel trgst De ja
am Sonntag wie er an der Seit'.

EINER DER ARBEITER: Was hab'n wir von der Streikerei?

AUGUST: Drei un ein halben Taler weniger im Monat. Mich war de
Arbeitszeit nich zu lang.

Mutter PIUS: Das mu man Dich lassen, ein fleiiger Jung bist De, --
aber was tust De auch zu Haus bei Dein mukkerigen Vater?

AUGUST: (zu Carl) De Pastoren, die streiken nich, was, Carl? --
Vielleicht sattle ich noch um.

CARL: Halts Maul!

EIN ANDERER ARBEITER: Was sollen wir machen, Mutter Pius, wir drfen uns
so nich zu Haus sehen lassen.

Mutter PIUS: Kmmert Euch doch nicht um Eure Brders.

EINER DER ARBEITER: Was sollen wir machen gegen so viel
Sozialdemokraten? Wir sind ja all Sozialdemokraten, aber darum brauchen
wir doch keine Dummheiten machen.

Mutter PIUS: N, wahrhaftig nich.

DERSELBE ARBEITER: Wat rtst De uns Mutter Pius?

AMANDA: Geht man wieder zurck zu Euren Herrn und klatscht ihm die
Vorgnge.

EIN ANDERER ARBEITER: N, verraten tun wir de Brder nich.

CARL: (herablassend brutal) Schlagt Euern Herrn tot, wie s'es in Ruland
machen.

DERSELBE ARBEITER: Un dann?

Mutter PIUS: (lachend) Dann wirst Du der Besitzer, August.

EIN ANDERER ARBEITER: Lieber bleiben wir en Arbeiter, als en Herrn
werden ber se Alle.

Mutter PIUS: Ich wrd schon mit ihm tauschen. Alte Schafskppe, wo man
Euch hintreibt, fret Ihr!

EINER DER ARBEITER: Recht hat Se man.

EIN ANDERER ARBEITER: Mein Jung soll lieber in unser eigenen Schwei (er
zeigt auf die Wupper) versaufen, als en Frber werden.

EINER DER ARBEITER: Kannst Du uns was borgen, Mutter Pius?

EIN ANDERER ARBEITER: Guck ens in Dein Beutel nach ....

Mutter PIUS: Ich hab von Tag nich en Kastemnneken ber. De Carl mu
doch auf de Universitt ne ganze Bux am Hintersten hab'n.

   (Lieschen luft, vom Brotaustragen zurckgekehrt, zu August -- er
   und die Arbeiter gehen weiter sich zu beraten etc. Der Grovater
   Wallbrecker kommt keuchend ber die Wiese; er ruht sich vor
   der Brcke aus. Er trgt einen Wschesack auf dem Rcken. Von der
   Gasse hrt man Getrampel und Fluchen, eine Schar Arbeiter
   kommt auf Pius' Huschen zu.)

Mutter PIUS: (Nimmt mit einem Griff Carls Bcher und ihre Spitzen) Komm
wacker herein, Carl, ich mu mir neutral halten un wenn Bebel selber mir
um Rat fragen tt. -- (Der Grovater sieht Lieschen, das noch vor dem
Haus von Pius steht.)

Grovater: Lieschen!

LIESCHEN: (Mit raffiniertem Einverstndnis zu Mutter Pius) Soll ich heut
wieder helfen, Mutter Pius? (Mutter Pius ist aber schon im Haus und hat
Lieschens Frage nicht gehrt. Die Arbeiter verziehen sich, Lieschen geht
der Gasse zu.)

Grovater: (Ruft; aber Lieschen will scheint's nicht hren; er pfeift
den Pfiff, der Lieschen ein Signal geworden ist. Nun steht der Grovater
vor dem Huschen.)

Grovater: N, wie sich das Blag verndert hat! Amanda, mein Puckel
strzt ein! (Er geht ins Haus.)




                             FNFTER AKT


   Eine Art Gartenzimmer in der Villa der Familie Sonntag. Rechts
   fhrt die Tr zum Flur, von der man die Haustr deutlich sehen
   kann. Links ein breites Fenster, das den Garten spiegelt. Viele
   Schlingpflanzen und andere Blumen schmcken das Zimmer. Nahe dem
   Fenster steht ein lila Ledersofa, worauf Frau Sonntag und Eduard
   sitzen. Frau Sonntag hlt zerstreut ein offenes Buch auf der
   Rckseite im Scho. Marta ist im Begriff, den Flor von Heinrichs
   Bild abzunehmen. Die Familienmitglieder sind in Schwarz
   gekleidet, auch die Dienstboten.

Frau Sonntag, Eduard, Marta, Carl Pius, Dr. von Simon, Auguste, Berta.

MARTA: Immer wieder hngt ihn Auguste um das Bild.

Fr. SONNTAG: Warum nimmst Du ihn ab?

MARTA: Eduard will es ja.

EDUARD: (liebevoll) Ich mchte, liebe Mutter, da man ihm Lebendigeres
brchte.

MARTA: (zu Eduard) Wie gefllt Dir dieses junge Grn?

EDUARD: (Nickt dankbar).

Fr. SONNTAG (melancholisch) Ich traure, da er gelebt hat. (Marta
schmckt das Bild, setzt sich dann ans Fenster und stickt auf einem
Rahmen in Seide Kamillen. Ihre Bewegungen sind unruhig, wartend.)

EDUARD: Da Du nur einen Augenblick an seiner Ehrenhaftigkeit zweifeln
kannst!

MARTA: Dr. v. Simon sagt aber auch, ein Unschuldiger gehe nicht dem
Leben durch.

EDUARD: Der Inspektor hat sich kein Urteil ber unsern Bruder zu
erlauben, vor allen Dingen aber vor seines Herrn Schwester nicht.

Fr. SONNTAG: (Winkt Marta zu schweigen. Kleine Pause.)

EDUARD: Soldat war er, wie soll der anders in diesem unaufklrbaren
Falle handeln!

Fr. SONNTAG: Ich glaubte, diese Zeit htte er lngst vergessen.

EDUARD: Aber Mutter, der Soldat lag ihm im Blut wie in Achill der Sieg.

Fr. SONNTAG: Wie Du ihn zu verherrlichen suchst, Eduard.

MARTA: Schneidig standen ihm die Schnren und der Galahelm.

EDUARD: (Marta in die Rede fallend) Er htte Soldat bleiben sollen,
Mutter, auch nach Papas Tod.

Fr. SONNTAG: Du sagst das so vorwurfsvoll, sollte ich mich vielleicht
ins Bureau der Fabrik setzen?

EDUARD: Mutter, Du bist nervs.

Fr. SONNTAG: Er hat damals Papa versprechen mssen, die Leitung zu
bernehmen.

EDUARD: Ich htte ihm das Versprechen nicht gegeben, wenn ich Heinrich
gewesen wre.

Fr. SONNTAG: Du? (erstaunt) Da ich meine Kinder so wenig kenne .... Es
htte sich schon ein Stellvertreter in der Verwandtschaft gefunden.

MARTA: Wenn Ihr Euch jetzt immer so ernst unterhaltet -- es ist schon
trist genug bei uns im Haus.

Fr. SONNTAG: (melancholisch) Ich bin auch keine Gesellschaft fr Dich.

EDUARD: Bald habt Ihr mich los.

Fr. SONNTAG: (Frau Sonntag und Marta sprechen fast zusammen) Ich hoffte,
Du wrdest nun bleiben, Eduard?

MARTA: Bringst Du auch mal einen Mnch mit nach Hause?

                      (Mutter und Sohn lcheln.)

EDUARD: Wie denkst Du Dir das?

MARTA: Ich mchte mal so jemand ganz Frommes kennen lernen.

Fr. SONNTAG: (wehmtig mokant) Du bist ihr nicht fromm genug.

EDUARD: Kinder und Narren -- (kleine Pause).

MARTA: Mama, kann man eigentlich _rosa_ auf dem Standesamt tragen?

Fr. SONNTAG: (unterbricht Marta erschrocken) Da Du es bers Herz
bringen kannst, Eduard.

EDUARD: Wenn Du Gott liebtest, Mutter, wrdest Du nicht versuchen, mich
wankend zu machen.

Fr. SONNTAG: Ich liebe Gott nicht.

EDUARD: Weil Du ihn mit menschlichen Empfindungen suchst.

Fr. SONNTAG: (melancholisch) Ich habe keine andern.

EDUARD: (legt den Arm um sie.) Un doch leidest Du unmenschlich,
Mtterchen. (Kleine Pause.) Ich mchte Dir, so lange ich noch bei Dir
bin, Vater und Heinrich ersetzen. -- Warum lchelst Du so fremd?

Fr. SONNTAG: Das wirst Du nie, Kind.

EDUARD: Wenn ich mir nun alle Mhe geben werde?

Fr. SONNTAG: Du _knntest_ es, Gott sei Dank, nicht.

MARTA: Ich habe einmal zwei Mnche im Klner Dom gesehen. Ihre Kpfe
waren geschoren, wie bei Verbrechern und barfu gingen sie spter durch
den Schnee.

MUTTER: (seufzend) Du hltst es nicht ein Jahr im Franziskanerorden aus,
Eduard.

AUGUSTE: (ffnet behutsam die Tr des Zimmers) Herr Pius ist da un will
die Frau ganz allein sprechen.

Fr. SONNTAG: (zu Eduard) Er meint Dich gewi, Eduard.

AUGUSTE: N, er sagt ganz ausdrcklich, _die_ Frau.

Fr. SONNTAG: (erhebt sich achselzuckend. Auguste flstert Marta leise
ins Ohr.)

AUGUSTE: Ihr Brutigam is auch wieder da.

   (Marta blickt forschend auf Eduard, der aber nichts gehrt hat
   und geht leise trllernd aus dem Zimmer. Auguste deckt Eduard mit
   der Gebrde der Frau Sonntag eine Decke ber die Fe.)

EDUARD: Bei der Wrme, Auguste?

AUGUSTE: Wenn es Herr Eduard hab'n will, leist ich ihm en bichen
Gesellschaft.

EDUARD: (nickt gtig).

AUGUSTE: Ich hr fr mein Leben gern von Herrn Jesus erzhlen.

EDUARD: (nickt. Auguste nimmt Platz und zieht ihren breiten, blauen
Strickstrumpf aus der Tasche.)

AUGUSTE: Sie mssen nich immer auf den Heinrich gucken, er kriegt kein
Frieden.

EDUARD: Und eigentlich war ich doch an der Reihe.

AUGUSTE: Das helft Alles nicks, passen Se auf, Herr Eduard. (Freudig
verheiend) nach de Trauer folgt de Hochzeit.

EDUARD: (blickt sie fragend an).

AUGUSTE: Euch mein ich doch verdeck nich oder der liebe Herrgott mt
sich auch eine Tochter machen.

EDUARD: (lchelt).

AUGUSTE: De Marta mein ich.

BERTA: (tritt mrrisch ins Zimmer, sie bringt auf einem Tablett eine
Kanne Milch und ein Glas. Zu Auguste). Ihnen alles nachzutragen habe ich
auch keine Lust mehr. (Sie verlt das Zimmer.)

AUGUSTE: Das dumme Blag tut ens so zimperlich wie'n Frulein.

EDUARD: Sie sieht seit einigen Tagen sehr unzufrieden aus.

AUGUSTE: Gekndigt hat se Mamma Sonntag, sie geht nach Schlamerika.

EDUARD: So?

AUGUSTE: Ich glaub, de Mutter Pius hat ihr das aus de Karten prophezeit.

EDUARD: Mutter Pius hlt Euch nur zum Besten -- sie ist doch eine kluge
Frau, dnkt mich?

AUGUSTE: Sie gucken ja immer in den Himmel rein.

EDUARD: Nein, ist sie keine kluge Frau?

AUGUSTE: Wie man's beguckt; aus ihrer Schlauigkeit krauchen die
Narrheiten.

EDUARD: Das ist mir ganz neu.

AUGUSTE: (Kleine Pause.) Ich knnt Euch alles beichten, Herr Eduard.
(Sie hebt eine Masche auf, die whrend ihres Sprechens gefallen ist.)

EDUARD: Tun Sie das, Auguste!

AUGUSTE: Ich habe Mamma Sonntag vorige Woche was vorgelogen.

EDUARD: (ein Lcheln unterdrckend) Was denn, Auguste?

AUGUSTE: Ich hab mich gar nicht verschlafen, im Leichenhaus war ich. Ich
wollt dem lieben Herrn Heinrich addj sagen.

EDUARD: Das htte Ihnen meine Mutter ja nicht verwehrt, Auguste. (Eine
Schar Jungens mit Waldbeeren in Kannen klingeln an der Haustr und
klopfen und surren.)

AUGUSTE: (schliet die Tr) Und was denken Sie, wem seh ich da -- de
alte Pius! De Augen standen scheel wie beim Geripp un gedreht hat se
sich (spricht immer tiefer) um de Leichen immer rund um ohne aufzuhren,
un gesungen hat se dabei (sie singt ganz tief, fast im Ba) O Du lieber
Augustin Alles is hin, hin, hin.

EDUARD: Was erzhlen Sie da, Auguste?

AUGUSTE: Regen Se sich deshalb nich auf. Carl sein Grovater der hat vor
langer Zeit zu mich gesagt, de Mutter Pius wr das Karussell, wo wir All
drin sitzen.

Fr. SONNTAG: (Sie kommt entstellt ins Zimmer, sie sieht ganz gelb im
Gesicht aus. Die Jungens sieht man beim Hereintreten sich vor der
Haustr drngen. Der grte hlt ein llmpchen in der Hand.)

AUGUSTE: De Jungens machen mir ganz nervs.

   (Ahmt Frau Sonntag nach, erhebt sich gemchlich vom Stuhl und
   geht behutsam aus dem Zimmer.)

DIE JUNGENS: Gitzhals! Gitzhals!

Fr. SONNTAG: Du weit es wohl schon? (Eduard ist noch immer erregt von
Augustens Erzhlung.)

EDUARD: (Nickt fragend Nein) Du schttelst Dich, als ob Du ber ein
gedngertes Land gegangen bist.

Fr. SONNTAG: Du weit es wirklich nicht, Eduard?

EDUARD: Setz Dich zu mir, armes, armes Mtterchen. (Pause.)

Fr. SONNTAG: Pius war doch hier.

EDUARD: Ach ja, was wollte er?

Fr. SONNTAG: (tonlos) Marta. (Kleine Pause.)

EDUARD: Ich htte mich mehr erschrocken, wenn es der Inspektor gewesen
wre.

Fr. SONNTAG: (verlegen) Du httest ihn sehen mssen den schchternen
Jungen -- impertinent wurde er, sage ich Dir, Eduard. Er trinkt
berdies.

EDUARD: (Kleine Pause.) Ich bildete mir ein, er htte uns so oft
meinetwegen besucht. (Kleine Pause.) Ich bin Egoist geworden whrend
meiner Krankheit.

Fr. SONNTAG: Aber Eduard, er konnte sich doch glcklich schtzen, Dich
besuchen zu drfen.

EDUARD: Wie trivial fat Du unsere Freundschaft auf, Mutter. (Die Jungen
werden so laut, da man sie im geschlossenen Zimmer hrt.)

Fr. SONNTAG: (sehr verlegen) Auguste soll die Kinder drauen
fortschicken. (Sie klingelt.)

EDUARD: Eine junge, eherne Apostelgestalt ist Carl Pius in Versuchung.

Fr. SONNTAG: Du bist ein Fanatiker.

EDUARD: Und doch lehrt Krankheit weise Melodien. (Kleine Pause.) Was
sagtest Du ihm?

Fr. SONNTAG: Ich erinnerte ihn zuerst an seine Jugend.

EDUARD: Und?

Fr. SONNTAG: (sich erdenkend) Da Marta dann schon ein altes Mdchen
sein wrde -- aber als er impertinent wurde -- wies ich ihm die Tr.

EDUARD: (Senkt den Kopf.)

AUGUSTE: (Tritt behutsam ins Zimmer, ihre roten Backen glnzen, sie lt
die Zimmertr halb offen stehen.) Wie zwei Turteltauben die beiden im
Garten .... (Frau Sonntag verlegen.)

EDUARD: Das wre allerdings eine Impertinenz ....

                 (Die Jungens betteln unaufhrlich.)

AUGUSTE: Wir wollen de Jungens en Liter Waldbeeren abkaufen, dann hab'n
se Ruh. (Sie nimmt aus Frau Sonntags Portemonnaie im Schlsselkorb, ohne
Antwort abzuwarten, Geld. Marta und der Inspektor werden sichtbar im
Garten. Eduard wendet den Kopf zum Fenster hin. Frau Sonntag rafft sich
auf.)

Fr. SONNTAG: (gepret) Sie sollten es Dir selbst sagen, Eduard.

EDUARD: (Kleine Pause.) Schamloser konntest Du Deinen Sohn Heinrich
nicht verraten. (Kleine Pause.) Mein armer Bruder, ein flchtender
Soldat, ging er verzweifelt in den Tod .....

Fr. SONNTAG: Damit gibst Du ja seine Schuld zu.

EDUARD: Es steht Dir nicht, Mutter, mich meuchlings berfhren zu
wollen.

Fr. SONNTAG: Ich verstehe nicht, was Du eigentlich gegen Dr. v. Simon
hast.

EDUARD: Dasselbe, was Du gegen ihn hast, Mutter, darum wagtest Du auch
nicht, mir von der Katastrophe _selbst_ Mitteilung zu machen.

Fr. SONNTAG: (etwas finster) Ich frchte mich vor meinen Kindern nicht,
selbst vor Dir nicht, Eduard.

EDUARD: (Kleine Pause.) Erinnere Dich doch, welchen Verdacht Du gestern
noch gegen ihn aussprachst.

Fr. SONNTAG: (hochmtig) Ich hab ihn mir eigentlich erst heute morgen
angesehen.

EDUARD: (spttisch) Schwrmst etwa _auch nun_ fr seine schmachtenden
Wimpern?

Fr. SONNTAG: (aufweinend) Ich fhle, Eduard, ich war zu selbstlos zu
Dir.

EDUARD: Mutter, teure Mutter, aus welchem Grunde willst Du Martas
Mdchenseele preisgeben?

Fr. SONNTAG: Da Heinrich in der letzten Zeit auf ihn erbost war, hat
tiefere Grnde.

EDUARD: Aber wir haben doch Augen und Ohren, Mutter.

Fr. SONNTAG: (gezwungen) Ich wnschte sogar, wir htten Herrn Dr. v.
Simon veranlat, zeitiger in unserem Hause zu verkehren.

EDUARD: Du weichst noch immer meiner Frage aus, Mutter?

Fr. SONNTAG: Um Dir Einblick in die geschftlichen Dinge zu geben, warst
Du damals zu jung, Eduard.

EDUARD: Wir lebten doch luxuriser als heute, Papa gab eine Festlichkeit
nach der andern.

Fr. SONNTAG: Das war es ja eben. Heinrich hat oft genug sein
Schweineglck, wie er sich ausdrckte, gepriesen, einen Mann wie Dr. v.
Simon gefunden zu haben. (Kleine Pause.) Wir knnen uns glcklich
schtzen, da er Marta nimmt.

EDUARD: Der Mann bringt wahrhaftig kein Opfer.

   (Auguste ffnet zgernd die Zimmertr, sie hlt einen groen
   Rosenstrau in der Hand, zwischen den Blttern liegt eine Karte.
   Sie versucht sich mit Frau Sonntag schweigend zu verstndigen.)

Fr. SONNTAG: Nicht wahr, Auguste, Herr Dr. v. Simon ist doch der
richtige Mann fr das Frulein? (Auguste schlgt erstaunt die Augen auf
und dann mit zufriedenem Lcheln.)

AUGUSTE: Von das Frulein Oberbrgermeister ....

            (Sie stellt den Strau zrtlich in eine Vase.)

EDUARD: (spttisch) Du fragst doch sonst Deine Dienstboten nicht.

Fr. SONNTAG: Sie knnen gehen.

AUGUSTE: (greift in die Schrzentasche) Un das soll ich die Madame von
dem lngsten Bengel drauen geben un er wnscht ein langes Leben.

Fr. SONNTAG: (Nimmt das Couvert gedankenlos hin, spielt damit, legt es
dann schlielich auf den Tisch.)

AUGUSTE: (zu Eduard) Ich glaub, dem Liesken sein Bruder war's, der Kerl
mit der langen Nas und de grngemalten Hnde. Seine Bux hat er
aufgekrempelt bis ber de Knie. (Auguste bleibt bei der halbgeffneten
Zimmertr unbemerkt stehen.)

EDUARD: (nimmt das Gesprch wieder auf) Das ist alles noch kein Grund,
seine Tochter zu verkaufen.

Fr. SONNTAG: Soll Marta vielleicht Ladenmdchen werden?

EDUARD: (primanerhaft) Lieber als im buhlerischen Bett liegen.

Fr. SONNTAG: Du bertreibst, Eduard, ich bitte Dich, schlafe eine Nacht
darber.

EDUARD: (mit biblischer Wucht) Ich sage Dir, Weib, beflecke unser Haus
nicht.

                  (Mutter bricht weinend zusammen.)

Fr. SONNTAG: (leise) Du bist impertinent wie Carl Pius.

AUGUSTE: (behutsam durch die Tr wieder eintretend, glotzugig,
gutmtig, lgend) berall schellt es --

EDUARD: Die kommt Dir immer wie gerufen.

AUGUSTE: Ich kann de Mama Sonntag nicht heulen sehen. (Tritt gutherzig
nher zu ihr hin.) Ma'mm Sonntag ....

EDUARD: (kmpft mit sich. Marta kommt temperamentvoll ins Zimmer, v.
Simon verharrt unsicher, als er Eduard erblickt, vor der halboffenen
Zimmertr.)

Fr. SONNTAG: Marta, la uns noch einen Augenblick allein. (Marta
gehorcht schmollend, im nchsten Augenblick ihren Brutigam grazis
anlchelnd, verschwindet sie mit ihm wieder.)

EDUARD: (zrtlich aber fest) Hast Du mir noch etwas zu sagen?

AUGUSTE: (zu Frau Sonntag) Gucken Sie ihm an, Ma'mm Sonntag, er hat en
Heiligenschein um de Locken.

Fr. SONNTAG: (nickt unendlich traurig.)

AUGUSTE: Er pat gar nicht in de sndige Welt.

Fr. SONNTAG: (ernst zustimmend.)

AUGUSTE: (zeigt auf die Haustr) Da steht verdeck noch der groe Lmmel
von Puderbachs vor de Haustr un lauert.

EDUARD: Ist das Lieschen bei ihm?

Fr. SONNTAG: Aber Eduard ......

AUGUSTE: Lassen Se das arme Blag man lieber links liegen, sonst kommen
Se auch wie de Heinrich im falsches Verdacht.

EDUARD: (erschpft, er hustet strker).

AUGUSTE: (harmlos) Er hat mir selber fters gefragt, ob Herr Eduard das
Lieschen poussierte.

EDUARD: (entgeistert, kleine Pause) Mutter, hast Du das gewut?

Fr. SONNTAG: (mitleidsvoll) Ich kenne Dich doch, Eduard. --

EDUARD: (schreitet fremd und einsam aus dem Zimmer wie _ber einen Berg
herber_. Frau Sonntag sieht ihm melancholisch nach; nimmt das Couvert
zerstreut vom Tisch und tritt ans Fenster, vor das die Verlobten treten;
Marta blickt erstaunt den Zaun des Gartens entlang.)

MARTA: Denk mal, Mama -- (Frau S. hrt kaum hin) eben ging Berta aus dem
Haus am Zaun vorbei in _meinem_ Jackett und Hut und _ihre_ Sachen hngen
an meinem Haken am Stnder.

v. SIMON: Darf ich der verehrten Mama die Hand kssen? (Berhrt die ihm
zaudernd dargereichte Hand.)

Fr. SONNTAG: (verlegen) Ich kann mich noch garnicht an den Gedanken
gewhnen.

AUGUSTE: (wartet am ueren Ende des Zimmers. Die Situation ist ihr
unbegreiflich. Sie geht heraus.)

MARTA: (schmollt. Sie nimmt eine Kamille aus ihrem Grtel und befestigt
sie ber dem Herzen v. Simons.)

v. SIMON: Du wirst mich ausputzen wie einen Geck, Ktzchen.

Fr. SONNTAG: (ffnet apathisch das Couvert, sie nimmt Martas nackte
Photographie hervor -- erschrickt heftig -- begreift nicht, betrachtet
sie von allen Seiten. Sie ruft Marta ans Fenster zu sich und hlt ihr
die Kehrseite des Bildes vor Augen.)

Fr. SONNTAG: Marta, kennst Du die Handschrift?

MARTA: (bermtig) Das ist Pius seine dicke Tatze.

AUGUSTE: (kommt geheimnisvoll ins Zimmer) Herr Eduard sitzt in seine
Stub und beguckt sich im Spiegel.

MARTA: Den hat er doch beklebt, da er nicht eitel werde. (Frau Sonntag
schliet das Bild in ihren Sekretr ein.)

v. SIMON: (leise zu Marta) Fr Dich wird es auch die hchste Zeit, hier
herauszukommen, Ktzchen.

Fr. SONNTAG: (apathisch, dann aufleuchtend zu sich redend, aber den Kopf
zu den Beiden zum Fenster hin gewandt) Ich werde ihm eine Herzensfreude
machen.

MARTA: (etwas schnippisch) Du willst wohl mit ihm ins Kloster gehen,
Mama? (Auguste geht mit der Gebrde, die ausdrckt um Himmelswillen
nicht, frsorglich hinter Frau Sonntag aus der Tre. Die Verlobten
verschwinden im Garten.)


                              II. SCENE.

          (Im selben Arbeiterviertel wie im ersten Aufzug.)

Pendelfrederech, Lange Anna, Amadeus, Eduard, Carl, August Puderbach,
Grovater Wallbrecker.

AMADEUS: Klopfen Se man tchtig, de alte Pius schlft doch nich in de
Nacht, die hat mit em Satan zu konferieren.

Lange ANNA: Un oben beim Wallbrecker sin de Fensterlcher verstopft.

PENDELFREDERECH: (stt Eduard stier an) Ich hab 'ne trockene Kehl',
Herr.

Lange ANNA: Du toter Maulwurf, was weit Du von em Durscht!

PENDELFREDERECH: (zu Eduard) Wir sin ja beide auf de Himmelfahrtreis.
(Er murmelt grausig. Eduard gibt ihm ein Geldstck.)

Lange ANNA: (betrachtet es hhnisch) Davon brauchst De mich nicks
mitgeben, Frederech!

PENDELFREDERECH: Altes Ferkel!

AMADEUS: Wenn Sie de Carl sprechen wollen, Herr, der is im Wirtshaus un
suft 'en Fusel nach dem andern (Eduard bewegt) un de Aujust sitzt bei
ihm un frit Zucker aus seine Tasch und suft mit ihm in Kmpanni.

EDUARD: (bewegt sich in der Richtung zum Wirtshaus.)

AMADEUS: (instinktiv) Ich will ihm herausholen, bleiben Sie man lieber
hier.

PENDELFREDERECH: Hausknecht!

EDUARD: (hlt Amadeus zurck).

Lange ANNA: (kreischt pltzlich auf, hnlich wie am Abend, als Carl Pius
seinen Arm verrenkte).

AMADEUS: Was is Dich, Lange Anna?

Lange ANNA: (Wimmert wie ein Weib).

PENDELFREDERECH: (murmelt bse).

AMADEUS: Wie 'n Schellenzug von de Gromutter bammelt Dein rmel am Leib
herunter.

Lange ANNA: (quietscht leise Frederech ins Ohr).

PENDELFREDERECH: Altes Ferkel!

AMADEUS: (zur langen Anna) Du hast es auch ein bichen zu weit
getrieben.

Lange ANNA: Ich?

AMADEUS: Ja, das hast De; seit de Zeit hockt er im Fusel drin.

Lange ANNA: Hihihihi!

AMADEUS: Dat tut mich leid, leid tut mich das, er suft ja sonst nicks.
(Lieschens Vater kommt nach Hause, durch die kleine Seitengasse vom
inneren Viertel her, man sieht ihn also nicht, hrt nur, wie er mit der
Faust krachend die Haustr aufstt.)

AMADEUS: Ich merk das Poltern da. (Fat auf sein Herz.)

PENDELFREDERECH: (murmelt bse) Aus de Bibelstunde kmmt er.

Lange ANNA: (stt Eduard an die Schulter und quietscht hhnisch auf)
Das war der Vater von es ....

PENDELFREDERECH: (murmelt grausig).

AMADEUS: Geheult hat es, als es in die Zwangserziehungsanstalt geholt
wurd wie en Madame ihr Schopudel auf dem Weg zum Schlachthaus.

EDUARD: (bewegt).

Lange ANNA: Da werden se es man tchtig durchbleuen fr seine
Liebhabereien. (Kleine Pause.) Mich htt' Ihr Bruder lieber nehmen
sollen.

PENDELFREDERECH: Dir altes Ferkel? (Eduard bewegt.) Die Kleine versteht
es feiner wie Du. Im Nachthemd spaziert es grad unterm Mond ber die
Dcher. Ich lag selber auf de Lauer und schnappte nach dem Glhwrmken.

AMADEUS: (zu Eduard, wehmtig) Einmal hab ich es ja auch gesehen.

Lange ANNA: Auf mir hat es in de Herrgottsfrh nach der Oper (zeigt auf
seinen Arm) unten an de Wupper gelegen.

AMADEUS: Ich war dem netten Dier gut.

Lange ANNA: (zeigt auf seinen Arm) Ich soll man niks de Polizisten
erzhlen von de Carl, es wr sein Schatz. Hihihihi!

PENDELFREDERECH: Verlogenes Ferkel, verkrochen hast De Dir vor Carl
seine fette Faust.

Lange ANNA: Du lauerst wohl aus Dein Deckel?

   (Carl und August kommen schwankend Arm in Arm aus dem Wirtshaus.
   Carl sieht grenzenlos verndert aus. Seine alte Primanermtze
   trgt August umgedreht auf einen Stock gespiet. Die drei
   Herumtreiber lachen, Carl erblickt Eduard.)

CARL: Nen Abend, Eduard, wie geht es mein Schatz Marzebillken? Se will
mich doch heiraten. Ijo, ijo! (zu sich selbst sprechend im Ton seiner
Gromutter) Carl, hast De Deine Gromutter lieb? (Kleine Pause. Im
seligtrunkenen Ton) Ich hab Dich ja so lieb, Eduard.

AUGUST: (neidisch; er schwankt ebenfalls) La doch den Hungerleider
stehn, Carl, er soll sich das Haar schneiden lassen.

AMADEUS: (zu August) Zeig meine beiden Kollegen molz de heilige Eva aus
Deine Brieftsch, Aujust. (Die Brieftasche hngt August aus der
Hosentasche.)

EDUARD: Das ist Pius' Brieftasche. (Es beginnt ein Wehen in der Luft.)

AMADEUS: Ein Spruch aus lateinlich steht auf der Hinterseit'.

EDUARD: (Er umfat Carl hinterrcks) Helfen Sie mir doch, Amadeus.

AMADEUS: Ich kann ihm nich untergreifen, mein glsern Herz bricht in
Splittern. (Wehleidig) En Sprung hat es schon.

Lange ANNA: Nehmt mir in de Mitte, versoffne Brders. (Er stt Eduard
zurck, der taumelnd an Frederechs Brust fllt. Lange Anna drngt sich
zwischen Carl und August.)

PENDELFREDERECH: Sin wir beide Todenvgels vereint.

   (Carl, Lange Anna, August wanken ber die Brcke von dort weiter.
   Der Nachtwind klagt wie ein Kind, Eduard frstelt. Noch einmal
   klopft er leise an die Haustr von Pius' Huschen. Der Grovater
   ffnet sein Fensterchen und krht.)

Gr. WALLBRECKER: Will se schon vertreiben de Nachtgespenster. (Er giet
eine Emaillekanne voll Wasser herunter.)

PENDELFREDERECH: (murmelt bse) Ich leg mir schlafen unterm Busch.
(Eduard tritt mit gesenktem Kopf den Heimweg an.)

                                 Ende







        Zur Kenntnis: Das Original dieses Schauspiels ist _en
                Wopperdhalerplatt_ geschrieben worden.







Druckfehlerberichtigung:

Seite 31, Zeile 10 von oben lies statt:

Sie liebt mir -- Sie liebt _mich_. Im Ton der Arbeiter mu wegfallen.







Von ELSE LASKER-SCHLER erschienen bisher:

   STYX. Gedichte.
   DER SIEBENTE TAG. Gedichte.
   DAS PETER HILLE-BUCH.
   DIE NCHTE TINO VON BAGDADS.




Anmerkungen zur Transkription


Hervorhebungen wurden mit _Unterstrichen_ gekennzeichnet.

Die Schreibweise und Zeichensetzung des Originales wurden weitgehend
beibehalten. Nur offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier
aufgefhrt (vorher/nachher):

   [S. 12]:
   ... (Sie schreiten ihrem kleinem Huschen zu, im ...
   ... (Sie schreiten ihrem kleinen Huschen zu, im ...

   [S. 25]:
   ... Mutter PIUS: (Lt Berta ein bischen zappeln) Das ...
   ... Mutter PIUS: (Lt Berta ein bichen zappeln) Das ...

   [S. 27]:
   ... da Liesken von Puderbach hat de Windpocken. ...
   ... das Liesken von Puderbach hat de Windpocken. ...

   [S. 31]:
   ... HEINRICH: Schad, da Pius Grossmutter nicht ...
   ... HEINRICH: Schad, da Pius Gromutter nicht ...

   [S. 41]:
   ... MARTA: Warum wollen sie dann strafen? ...
   ... MARTA: Warum wollen Sie dann strafen? ...

   [S. 47]: (mehrfache Flle)
   ... Eisenstangen, die das Dach des Karussels halten, ...
   ... Eisenstangen, die das Dach des Karussells halten, ...

   [S. 48]:
   ... Um Lieschen Hals hngt ein groes Pfefferkuchenherz ...
   ... Um Lieschens Hals hngt ein groes Pfefferkuchenherz ...

   [S. 51]:
   ... Menschen zusammen, fast alle fahrenden springen ...
   ... Menschen zusammen, fast alle Fahrenden springen ...

   [S. 58]:
   ... Ohr) Mach man das de wegkommst, de kleine ...
   ... Ohr) Mach man da de wegkommst, de kleine ...

   [S. 60]:
   ... lst die Kette von v. Simons Hnde.) ...
   ... lst die Kette von v. Simons Hnden.) ...

   [S. 68]:
   ... kehrt mit Kaffekanne, Tassen, Butterbrot etc. ...
   ... kehrt mit Kaffeekanne, Tassen, Butterbrot etc. ...

   [S. 71]:
   ... Lrm. Ein haufen Kinder sammelt sich lauschend ...
   ... Lrm. Ein Haufen Kinder sammelt sich lauschend ...

   [S. 86]:
   ... Dass Du es bers Herz bringen kannst, Eduard. ...
   ... Da Du es bers Herz bringen kannst, Eduard. ...

   [S. 88]:
   ... die Fsse.) ...
   ... die Fe.) ...

   [S. 90]:
   ... AUGUSTE: (schliesst die Tr) Und was denken ...
   ... AUGUSTE: (schliet die Tr) Und was denken ...

   [S. 90]:
   ... drngen. Der grsste hlt ein llmpchen in ...
   ... drngen. Der grte hlt ein llmpchen in ...

   [S. 94]:
   ... das soll ich die Madame von dem lngsten ...
   ... soll ich die Madame von dem lngsten ...






End of the Project Gutenberg EBook of Die Wupper, by Else Lasker-Schler

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE WUPPER ***

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