The Project Gutenberg EBook of Vgelchen, by Friderike Maria Winternitz

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Title: Vgelchen

Author: Friderike Maria Winternitz

Release Date: May 8, 2018 [EBook #57114]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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                       Friderike Maria Winternitz




                               Vgelchen


                                 Roman


                                  1919
                           S. Fischer, Verlag
                              Berlin-Wien


                        Erste bis achte Auflage.


        Alle Rechte vorbehalten, besonders das der bersetzung.
               Copyright 1919 S. Fischer, Verlag, Berlin.


                        Romain Rolland dankbarst
                    fr viele Gte und Freundschaft


                                        Ich nenne sie deshalb
                                        Vgelchen, weil es
                                        etwas Reizenderes als Vgelchen
                                        nicht gibt.

                                              Dostojewski Der Idiot.

                       Frsten der Erde und Sklaven, blutig gegeielt,
                       Kamen wie Brder zusammen im Dome unserer
                          Andacht:
                       Den Friedensku brachten wir allen gezeichneten
                          Stirnen,
                       Der Erde drckendste Trume wie heimlich Seufzen
                          der Mutter waren uns verstndlich
                       Und, wo sich abwandten unsere Brder voll
                          Grau'n, liebten wir noch.

                                       Ottokar Brezina Wahnbethrte.




                                Kindheit


Etwa um das Jahr 1860 fand in Wien, im Hause einer adeligen Dame, eine
Ausstellung von Miniaturen statt, in der besonders zwei Sammlungen, die
Adalbert Mannsthals, des Besitzers oder Groaktionrs der
Mannsthal-Werke, und die des Nervenarztes Dr. Clemens Urbacher,
Aufmerksamkeit erregten.

Mannsthals Sammlung war die eines sehr reichen Mannes, der sich sowohl
Bestes als auch Reichhaltigkeit gnnen konnte. Sie unterschied sich
wesentlich von der Urbachers, der als theoretischer Gelehrter ber
geringe Einknfte verfgte, als wohlhabender Brgerssohn nicht mehr als
einer angenehmen Sorglosigkeit sich erfreute. Seine Miniaturen waren mit
Bedachtsamkeit ausgewhlt und niemals ohne das Bewutsein des Luxus, den
der Ankauf bedeutete. Er fand es sndhaft fr ein Bildchen, fr eine
bemalte Dose oder Brosche viel Geld auszugeben, als Philanthrop fhlte
er dies angesichts des menschlichen Elends, der Spitalsnot, der
wirtschaftlichen Wirren. War er nun aber wahrhaftig solch ein Snder,
der vor einem Elfenbeinangesicht, das mit vertrumten Augen in ein
entschwundenes Leben lchelt, an schlecht dotierte Nervenanstalten,
skrofulse Kinder und rekonvaleszente Frauen vergessen konnte, so mute
Adalbert Mannsthal, trotz seiner wohlttigen Aktionen, ein noch viel
grerer Frevler gewesen sein. Seine Leidenschaft fr diese
verbleichende Kunst, die um so rhrender ist, weil sie wohl auf immer
der Vergangenheit angehrt, war so gro, da er ihr seine lebendige Frau
geopfert hat, seine liebliche und sanftmtige und noch jugendliche Frau.
Die Sache hatte seinerzeit in Wien viel von sich sprechen gemacht, denn
das kleine Mdchen, das Frau Martha Mannsthal in die Ehe gebracht hatte,
verblieb bei dem Stiefvater. Es verlautete, da zur Zeit der Heirat ein
Kontrakt zustande gekommen war, wonach Arabella, das Kind, im Falle
einer Scheidung, wie ein in der Ehe geborenes, dem schuldlosen Teile
zugesprochen werden sollte. Man hatte herumgedeutet, was wohl die
Beweggrnde dieses nicht alltglichen Vertrages sein mochten. Die einen
waren der Ansicht, da Mannsthal dadurch die Frau fester an sich binden
wollte. Bse Zungen meinten darin ein Warnungszeichen zu erblicken, ein
Mitrauen gegen die Bestndigkeit der Dame. Andere behaupteten,
Mannsthal htte das kleine Mdchen so lieb gewonnen, da ein etwaiger
Verlust ihm unertrglich schien, und ein nicht ganz harmloser Sptter,
der zu dieser Gruppe gehrte, deutete, da es ja immerhin mglich wre,
da das kleine Mdchen der entscheidende Grund zur Heirat gewesen sei,
und da nicht die Frau, sondern das Kind es vermocht hatte, aus dem
Sonderling und Eigenbrdler einen sehaften Ehemann zu machen.
Keinesfalls konnte ein Zweifel darber herrschen, da Mannsthal seine
Frau nach der Geburt des Tchterchens kennen lernte, denn sie hatte mit
ihrem kranken Manne in gypten gelebt, whrend Mannsthal gerade in
diesen Jahren keine grere Reise unternommen hatte. Das Gericht hatte
mglicherweise Mannsthal als den richtigen Vater anerkannt, was wohl
eine Bedingung zur Abfassung des Vertrages gewesen sein mochte. Wenige
Wochen vor der Scheidung hatte man in Gesellschaft der hbschen Frau
einen Auslnder auftauchen sehen, dem alle ueren Merkzeichen eines
Frauenverfhrers zuzusprechen waren. Diejenigen, die die Vereinbarung
dieser Eheschlieung kannten, waren ber die Khnheit verwundert, mit
der die Mutter mit dem Feuer spielte. Zu dieser Zeit hatte Mannsthals
Sammlerleidenschaft ihren Hhepunkt erreicht und man schwrzt ihn nicht
an, wenn man behauptet, da er ihr seine Frau hintanstellte und deren
Wnsche den Unsummen opferte, die er fr seine Miniaturen verausgabte.
Auffllig war, da das kleine, ungemein zarte Mdchen nach wie vor wie
ein Prinzechen gehalten wurde und sich ber keinerlei Zurcksetzung von
seiten des Stiefvaters zu beklagen hatte.

Urbacher kam kurze Zeit nach der Scheidung in Mannsthals Haus, um eine
seiner Neuerwerbungen zu besichtigen, und bei dieser Gelegenheit lernte
er sein Tchterchen Arabella, das Vgelchen, kennen. Niemand dachte
daran, da dieses Mdchen -- es war damals etwa fnf Jahre alt -- einen
andern Namen fhren knnte. Es war scheu, lebhaft, sanft und versonnen,
zart und wrmebedrftig, irgendwie der Natur, ja dem Erdmagnetismus
verschwistert, und seine Stimme war wie ein Sang, der durch eine Stille
tnt. Unwillkrlich schwieg alles, wenn Vgelchen sprach. Jeder fhlte
sich geneigt, es wie ein aus dem Nest gefallenes Junges gleichsam mit
der warmen, gehhlten Hand zu decken und zu schtzen, und blieb dennoch
zaghaft, vorausahnend, da es mit leichten Flgeln den zarten Krper
heben und entflattern wrde, wenn man sich ihm allzusehr nherte. Und
doch war es so zutraulich, da von ihm selbst Ermutigung auszugehen
schien, es zu greifen.

Was Vgelchen auch in den spteren Jahren ber die Maen reizend machte,
war das vllig Unbewute, fast Heilige ihres Wesens, das nicht dem eines
Menschenkindes glich und etwas von der berckenden Schuldlosigkeit der
Tiere an sich hatte. Urbacher fiel es gleich an ihrem uern auf, da
sie eine groe hnlichkeit mit jenen malerischen Gebilden hatte, die
Adalbert Mannsthal zu seiner Gesellschaft erkoren hatte. Ihr Gesichtchen
war so weich, zart und unwirklich wie das der Miniaturen, ihre Zge wie
mit einer leisen Feder gezeichnet, ihre Augen klug, lchelnd und von
Sehnsucht erleuchtet, so stark im Ausdruck, da dies unheimlich
Heimliche der Seele klar zu sprechen schien und gewi nur die
menschliche Stumpfheit schuld trug, wenn sie diese Botschaft nicht
erfassen konnte. Alles Beiwerk ihrer Erscheinung verflchtigte sich
gnzlich, war wie aufgelst durch ihren berstrahlenden Blick. Als
Urbacher Vgelchen inmitten dieser Bildchen sah, die ihren Namen, wie
Diderot behauptete, von dem zart einschmeichlerischen Worte mignard
ableiten, fiel ihm jener Sptter ein, der vielleicht im bsen Sinne die
wahre Deutung von Adalbert Mannsthals Ehe gefunden hatte.

Wenn man also mit hinlnglicher Sicherheit davon ausgehen konnte, da
die erblhte Anmut der geschiedenen Frau den Schnheitssucher Mannsthal
weniger gefesselt hatte als die des kleinen Mdchens, so war die
Eifersucht, die ihre Mutter der Sammelwut ihres Gatten entgegenbrachte,
ein Kampf um die Vorzugsstellung, die dieser der Tochter einrumte, der
Kampf der Blte gegen die Knospe. Man bedenke, da sie die Klausel des
Ehekontraktes kannte, in die sie in der vollsten Sicherheit ihrer selbst
wie in eine Laune gewilligt hatte, da sie in ihr nur den Beweis einer
starken Zuneigung vermutete. Man mute jedoch Adalbert Mannsthal kennen,
um es zu wagen, den Verdacht auszusprechen, da er vom Augenblick, da er
Vgelchen sah, planmig vorging, um eines Tages in ihren alleinigen
Besitz zu gelangen. Man mute seine Natur kennen, die es glaubhaft
machte, da er seine Frau nicht einmal als die beste Pflegerin
Vgelchens neben diesem duldete, wiewohl er an dieser etwas willensmden
Gefhrtin sicherlich seine Freuden hatte.

Mannsthal hatte jene Freundschaft mit dem Auslnder, die ihm den Vorwand
zur Scheidung bot, gleichmtig, ja wie mit Schadenfreude geduldet. Wei
Gott, welch teuflischer Plan in ihm erwacht war. Es erscheint nicht
unmglich, da er selbst es gewesen sein konnte, der diesen Aventurier
gedungen, seine Frau zu versuchen.

Die Sammler sind ein eigenartiger Menschenschlag. Sie haben etwas von
den rastlosen, unterirdischen Tieren, von den neidischen Hamstern und
Mardern. Von diesen heit es, sie seien klug, listig, mitrauisch,
behutsam, uerst mutig, blutdrstig und grausam, gegen ihre Jungen aber
ungemein zrtlich. Die Art, wie der Hamster sich fr magere Zeiten
versorgt, ist allen bekannt. Jedenfalls schien Mannsthals Bemhen um
dieses Kind ein Aufsparen fr die Zukunft.

Die Erziehung und Pflege, die der Kleinen zuteil wurde, war ganz darauf
gerichtet, lange in ihr das Kindliche zu schonen und zu erhalten.
Vgelchen besuchte niemals eine Schule, ja, es fanden sich erstaunliche
Lcken in ihrem Wissen, als sie den Jahren nach schon ein groes Mdchen
war. Von den Zielen der Aufklrung, die damals im Unterrichtswesen
allmhlich Wurzel faten, blieb Vgelchen gnzlich unberhrt. Ihre
Krperpflege war danach angetan, ihr eine khle Zartheit zu bewahren.
Mannsthal lie sie niemals aus den Augen; ohne da sie dies fhlte, war
sie allberall von seiner Wachsamkeit umstellt. Das bedeutete nicht, da
Vgelchen ngstlich abgeschlossen war. Sie sah Kinder um sich, aber sie
waren meist viel jnger als sie selbst und niemals altklug. Auch vom
Kreise der Erwachsenen, die in Wien bei ihrem Stiefvater aus- und
eingingen, verbannte man sie nicht, wohl weil sie selbst niemals unter
ihnen blieb, sie flatterte an ihnen vorber. Anders wollte sie es selbst
nicht. Sei es da Mannsthal eine Art Hypnose auf das Kind ausbte oder
da alles, was sie tat, sein Wunsch zu sein schien, weil er nichts
anderes zu wnschen vermochte, eine seltsame Harmonie herrschte zwischen
den beiden, die manchmal ein leidenschaftliches Aufflammen der Seelen
krnte. Trotz allem schien es, da Vgelchen Mannsthal nicht liebte wie
einen Vater. Es war auch etwas von der Anhnglichkeit der Zirkuskinder
fr ihren Peiniger, der Wunderkinder fr ihren Impresario in ihrem
Gefhl. Ein viel zu starkes Innenleben wohnte ihr inne, um nicht im
Unbewuten zumindest Ahnung zu erwecken, da man an ihrer Mutter
gefrevelt und sie um diese beraubt hatte. Man hatte ihr nichts erklrt,
und sie schwieg. Aber, wenn sich der Eindruck des nestlosen, frierenden
Vgelchens verstrkte, war es, als dchte sie an die Mutter, die nach
einem hartnckigen Kampf es aufgegeben hatte, ihr Tchterchen
zurckzugewinnen. Dennoch war ihr Verteidiger und Anwalt ein
leidenschaftlicher junger Geist, ein fulminanter Redner gewesen, von dem
die Rechtswelt noch viel erwartete. In seinem Plaidoyer hatte er den
Spie umgekehrt und Mannsthal des Treubruches angeklagt. Ist es nicht
ganz unwesentlich, hatte er gesagt, ob die Frau, der ich ein Vermgen
opfere, der ich mich mit allen Fibern hingebe, um derentwillen ich mein
angetrautes Weib der Verlassenheit und ihren Gefahren preisgebe, ist es
nicht unwesentlich, da diese Frau nicht eine greifbare Verfhrerin ist?
Der Sammelleidenschaft hat Herr Adalbert Mannsthal gehuldigt, mit ihr
hat er Orgien gefeiert. Er hat dem Laster gefrnt. Und wenn in Ihren
Augen auch der Verdacht gegen Frau Mannsthal berechtigt erscheinen
knnte, wenn man auch sie des Lasters bezichtigen knnte, Sie werden
sich nicht der Gerechtigkeit versagen, Adalbert und nicht Martha
Mannsthal als den schuldigen Teil zu erkennen. Denn, meine Herren, was
ist das Laster berhaupt? Laster ist unendliche Hingabe. Vielleicht
finden wir darin den Schlssel, da es Menschen gibt, die durch die
Gewalt ihrer Hingebungsfhigkeit zugleich Heilige und Lasterhafte sind.
Wenn nun ein Mensch seine Hingebungsfhigkeit, die ein anderer verkannt
und verraten hat, einem Menschen schenkt, der mit den heiesten Wnschen
darum wirbt, der Verrter und Verkenner dieses Gefhles sich hingegen an
ein Phantom verliert, einer Unwirklichkeit das lebendig zuckende Herz
opfert: welcher von den beiden, meine Herren, ist der Sndhaftere, der
Schuldige?

Der junge Verteidiger vermochte die Herren des Gerichts nicht zu
berstimmen, der Proze konnte nur im Vergleichsweg ausgetragen werden.
Martha Mannsthal aber verheiratete sich nach Jahresfrist mit ihrem
Rechtsanwalt.

Aller guten Dinge sind drei, sagte ihr zweiter Mann, als er es erfuhr.

Vgelchen aber wute nichts von dem freiwilligen Verzicht, den der
feurige junge Redner ihrer rechtsunkundigen Mutter abgezwungen hatte zur
Erlangung eines betrchtlichen Vermgens, das Mannsthal bot, und zur
Vermeidung einer allflligen strafrechtlichen Verfolgung. Vgelchens
Augen fragten zwar unablssig in das Leben, das ihr fremd und weit war,
aber sie schienen eine Antwort nicht abzuwarten, als scheuten sie ihr
Wissen. Nirgends verblieben sie lange, als frchteten sie, zu warm zu
werden, so stark war ihr Schauen. So hielt sie denn bei niemandem still.
Urbacher war es damals allein beschieden, ihres Rastens froh zu werden.
Von allen Menschen, die bei Adalbert verkehrten, war er der einzige
(wohl auch dank seiner Eigenschaft als Arzt), dem Vgelchen sorglos
anvertraut wurde. Niemals aber -- und wie recht gaben die zuknftigen
Ereignisse diesem Empfinden -- fhlte er dieses Vertrauen als festen
Besitz. Dennoch gelang es ihm im nahen Beisammensein den Sinn zu
erforschen, der Vgelchens Fliehen und Flattern bewegte. Sie war ein
kleiner Zugvogel, der in unserer Khle nicht Heimat hat, einer groen
Wrme bedrftig und dennoch die groe Flamme frchtend; einer Glut
schien sie aufgespart, die sie ersehnte und scheute. Irgendwo im Leben
wartete sie und vielleicht war sie nicht allzu ferne. Dem Freund ward
nicht bange. Vgelchen hatte Schwingen, die kein Feuer versengen und
verzehren wrde.

Urbacher schrieb damals in sein Tagebuch, das nach seinem Tode einigen
vertrauten Freunden zugnglich gemacht wurde: Ich kann es nicht
verschweigen, da jede Guttat, die ich verrichtete, mir auf
geheimnisvolle Weise von Vgelchen abgefordert wurde. Ich befand mich
oft in einem Zustand uerster Anspannung, in einem traumhaften Bann,
der mich zum Vollstrecker allerlei Zartheiten machte und meine
Feinfhligkeit erregte. Aber ich mu gestehen, da ich meine Sehnsucht
nach einem berma der Gte, ja eines Heiligseins schlielich nur aus
dunklen Trieben zu sttigen vermochte. Es ist ein eigen Ding um solches
Sehnen, das sich mit einer falschen Antwort auf seine Fragen beruhigen
lt, als mte aus dem wissentlichen Unterliegen rein und klar die
Demut erwachsen, wie oft eine wunderliebe Blume aus dem Morast ihre
Reinheit erhebt. Meine eigene Schwachheit flte mir Mitleid ein und
Verstehen. Daraus erklrt sich, da ich Mannsthals Freund geblieben war,
als ich ihn vor meinem innern Auge entlarvt hatte. Um Vgelchens willen
mute ich ihm Handlungen verzeihen, die ich selbst wohl niemals begangen
htte. Ich empfand vor der Planmigkeit, mit der er seinen Besitz
erschlichen, bewahrte und verwahrte, ein fast physisches Gefhl, das
Grauen und Lust in sich paarte. Mannsthal schien ein Khler. Sein Geist
war durch nichts berwuchert, mit nichts durchsetzt, er war gleichsam
durch die Sinne zur uersten Oberflche seiner Handlungen getrieben,
und hier in stetem Spiel. Ich habe niemals ein Gefhl bei ihm entdeckt,
das ganz schlackenlos und, wenn ich sagen drfte, geistlos aus ihm
loderte. Ich ahnte, da er uerster Dinge bedurfte, um seinen Geist zum
Scheintod zu zwingen. Ein Hang zur Unmigkeit war ihm eigen.
Entschlsse brachen blitzartig aus ihm, er war ihnen verfallen wie einem
geheimen Befehl seines Unterbewutseins. Der Abbruch unserer Beziehungen
war ein solcher Entschlu. Und dennoch war Mannsthal unbedingt das, was
man einen edlen und in mehrfachem Sinn einen gemeinntzigen Menschen
nennt. Es fehlte ihm weder an impulsiver noch an wohlbedachter Gte,
obwohl auch an seiner Schdlichkeit nicht zu zweifeln war.

Zu jener Zeit verfolgte Mannsthal dem Kinde gegenber die Verwirklichung
seiner Vorstellungen in einer Art, die grausam zu nennen war. Er wollte
Vgelchen wie ein Wesenloses, ein Bild genieen, er htte sie hungern
lassen, damit sie leicht bleibe wie ein Schmetterling. Er wollte sie wie
eine Vision in seinem Leben haben, er vergtterte und frderte ihre
Zerbrechlichkeit. Urbacher aber liebte ihre Zartheit, die ihm wie eine
Gefahr schien, fr die er immer bereit sein mute. Wundersam war es
mir, so schrieb er, die Wandlungen zu beobachten, denen Vgelchens
Wesen unterworfen war. Wie die starre Unzugnglichkeit der
byzantinischen Malerei sich in die kindliche Freundlichkeit der
toskanischen und sienensischen Mystiker wandelt, so erblhte aus dem
strengen Kind ein magdhaftes, stolzes und doch schchternes Wesen, wie
Ambruogio Lorenzetti, der stille seine Madonnen malte, als eben der
heilige Franziskus die Natur entshnt hatte. Das sinnend zur Seite
geneigte Kpfchen, die minnigliche Holdseligkeit der schmalen Arme und
Hnde, die Biegung der Gestalt, ber all dies krperlich Verengte, ber
die berirdische Lieblichkeit, diese Schwingungen der Zartheit, schwebte
der trumerische, himmlische Friede des Trecento. Als wre sie aus den
Bildern jenes anmutreichsten Deutschen, aus Stephan Lochners Tafeln, zu
uns herabgestiegen mit der mdchenhaften Schalkhaftigkeit seiner
Madonnen, als kme sie aus den Welten jenes Fraters, der hinter den
Klostermauern von San Marco schuf. Ihr Fchen schien feucht von den
Wiesen auf Fra Angelicos Bildern, die im Frhlingsschmuck prangen, und
manchmal waren kleine, ungefhrliche Teufelchen um sie, wie sie der
Gute, Lichte gemalt. Oft aber, wenn sie eben getollt und gelacht hatte,
geschah es, da sie reglos still wurde, als horche sie. Da konnte sie
ihre artigen Manieren vergessen und minutenlang in ein Antlitz starren
mit einer Neugier, die grausam schien. Wenn der von ihr Gemusterte
umgesunken, wenn vor der Tr ein Schu gefallen wre oder eine ersehnte,
unerwartete Stimme sie gerufen, sie htte den festgesaugten Blick nicht
von dem Gegenstand ihrer Wibegierde gewandt. Was sie erforschte,
erzhlte sie nicht, doch war es oft erstaunlich, wie unterrichtet sie
war. Ihre kindliche Ahnungslosigkeit blieb dennoch unerschtterlich. Sie
selbst aber glaubte mit einer gar zu drolligen Genugtuung, den Dingen
auf den Grund gekommen zu sein.

Adalbert Mannsthal hatte gleich nach seiner Scheidung das alte
Familienhaus verlassen und ein Haus gekauft, in einem Bezirk, in dem
noch alte Grten vom merkantilen Unternehmersinn verschont geblieben
waren. Es wre ganz undenkbar gewesen, da Mannsthal, der in feudaler
Umgebung aufgewachsen war, mit fremden Leuten in einem Hause wohne, in
einem Zinshaus. In seinem Heim erinnerte eigentlich nichts an eine
bestimmte Zeit. Die Rume waren alle gro, still und nicht sehr hell.
Die Luster waren Kerzentrger, die Spiegel hatten Metallrahmen, die
Bcher standen hinter schweren smaragdfarbenen Seidenvorhngen, die
Sitzmbel schienen unbeweglich, so massiv waren sie. Antike Kunstwerke
und wertvolles Porzellan schmckten die Wnde. Vgelchen sah um so
zierlicher aus in dieser Umgebung. Aber die ein wenig dstere Lage des
Hauses und der tiefe Schatten des umschlossenen Gartens machten einen
lngeren Sommeraufenthalt fr das Kind unumgnglich. Mannsthal besa aus
der Erbschaft nach einer Tante ein Landhaus an einem See der Kalkalpen.
Dieses bestimmte er fr Vgelchens Sommersitz. Er selbst verbrachte
gewohnheitgem einen Teil der warmen Jahreszeit in einem Wildbad, das
er einmal wegen eines Leidens aufgesucht hatte. Seltsam verjngt kehrte
er immer von dort zurck. Whrend seines Fernseins wohnte Urbacher in
dem Landhaus am See und verlie es gewhnlich bald nach Mannsthals
Eintreffen, um seine einsamen Gebirgswanderungen anzutreten.

Der Aufenthalt am See ward Urbacher die schnste Lebenszeit. Wie
beglckend war ihm das Bewutsein, da der knftige Tag und die vielen
folgenden ein Wiedersehen mit Vgelchen bargen, da er sie sehen konnte,
wann er wollte, bei ihren kleinen Grtnerarbeiten, bei den ergtzlichen
Schulstunden, die sie, die Unbelehrte, mit den Bauernkindern abhielt, im
Kahn, im Bade, im Walde, wo sie so durchscheinend bla erschien, in
ihrem Zimmerchen, das ein wenig phantastisch war, etwa wie das Zelt
eines kleinen Indianerhuptlings. Vgelchen liebte Fische. In dem Teich
mit der Fontne, deren Stimme sich in ihre Trume mischte, zog sie groe
Goldfische und eine andere weiliche Art, die sie Mondstrhlchen nannte.
Sie verehrte sie wie heilige Tiere.

Die Wochen, da ihr Stiefvater abwesend war, bentzte Urbacher, sie zu
belehren, und ihren Geist von dem eigenen bewegten Innern auf dieses
anderer Menschen und Geschehnisse zu lenken. Mrchen ergtzten sie
nicht. Sie schienen farblos zu sein gegen solche, die sie selbst ersann.
Waren ihr doch die wirklichen Ereignisse wundersame Begebenheiten, fr
die sie absonderliche und unzutreffende Deutungen fand. Da sie das
Leben wie ein Wunderland sah, unheimlich und doch nach ihrem Sinne, ohne
Unerklrlichkeit, das erfllte den Freund oft mit dem Bangen wie vor
einer unabwendbaren Katastrophe. So marionettenhaft ihr auch die
erdachten Mrchen erschienen, so unermdlich horchte sie den Berichten
aus fremden Lndern. Sie war darin wie ein Junge. Ihre Bibliothek
bestand aus Reisebeschreibungen. Sie liebte auch die Berichte von groen
Taten und die Schicksale der Hilfsbedrftigen und Bresthaften fesselten
sie. Aber auch das Dmonische und Grausame erweckten in ihr eine fast
fieberhafte Neugier und es war unklar, ob dies aus Mitleid fr die Opfer
oder aus jenem bsen Instinkt geschah, der Kindern mehr als Tieren eigen
ist. Urbacher fragte sich oft, ob Vgelchen ihre Lebensweise nicht eines
Tages als Zwang empfinden wrde, ob nicht schon Sehnsucht heimlich an
ihr zehrte. Man ergrndete niemals die eigentliche Quelle ihrer
Zartheit. Noch schien sie ganz ruhig, ausschlielich auf die kleinen
Dinge gerichtet, mit denen sie ihr Leben bevlkerte. Sie hatte eine
seidenhaarige Katze, Fische, Reisebcher, Blumen und einen kleinen
buckligen Bauernbuben zum Pagen. Sie trug jahraus jahrein weie Kleider
und farbige Ketten, die sie selbst verfertigte, des Sonntags eine
zierliche echte Perlenschnur, ein Andenken von der Mutter. Sie sammelte
Muscheln, Schmetterlinge und Kfer und nhte mit ihrer alten Wartefrau
Kleidchen fr arme Kinder, die meist zu klein ausfielen. Mit Mannsthals
Gsten freute sie sich, obwohl sie viele unter ihnen nicht liebte, und
strzte sich mit hungrigen Fragen auf sie. Von der Welt, die man die
Gesellschaft nennt, schien sie nichts zu wissen. Ihr war jeder Mensch
ein zusammenhangloses Wesen und sie hielt ihm nichts zugute, da sie die
Beziehungen seines Lebens nicht kannte und verstand. Oft aber entzckte
sie ein Selbstverstndliches. Urbacher verfiel immer wieder in
Grbeleien ber Vgelchens Zukunft. Mannsthal aber war keinerlei
Erwgungen zugnglich. Man schlug ihm vor, mit Vgelchen zu reisen, da
ihr Interesse fr fremde Gegenden oft leidenschaftlich hervorbrach. Wenn
nun auch Arabella noch keinerlei Unruhe zeigte, durfte Mannsthal ganz
sicher sein, da sie nicht in ihr unsichtbar sich vorbereitete? Als man
ihm darber Vorstellungen machte, meinte er, die Kleine sei eben nicht
wie andere Vierzehnjhrige, und sein Lcheln schien hinzuzufgen, er
habe dafr gesorgt, da ihr noch keine Flgel wchsen. Es geschah
jedoch, wie Urbacher es voraussah.

Es begab sich, da Mannsthal, der Doktor und Vgelchen an einem blauen
Juliabend an das jenseitige Ufer des Sees ruderten. Dort war vor kurzem
ein verlassenes Schlo zu einer Fremdenherberge verwandelt worden. Auf
der Terrasse, die weit ins Wasser hinausgebaut war, standen die Tische
und Sessel, in denen die Reisenden und erholungsuchende Menschen sich
mig gegenber saen. Man konnte weithin den erhellten Saal sehen, aus
dem oft wiegende Tanzmelodien klangen. Modisch gezierte Leute gingen hin
und wieder. Adalbert, der diese Welt nicht suchte, aber niemals mied,
begann mit Spott ber dies Leben zu sprechen, das die Menschen zu
Pagoden mache, in die Landschaft schlechte Farben und grelle Tne
brchte. Es schien pltzlich eine Unrast in ihm zu sein wie in einem
Tier, das etwas wittert. Der Abend barg eine von fremdem Duft beladene
Schwle, wie sie Gewitternchten vorangeht. Adalbert und der Doktor
hatten fast den ganzen Tag im Studierzimmer verbracht, in die
Angelegenheit einer Flschung vertieft, der sie auf der Spur zu sein
glaubten. Auch Vgelchen war den ganzen Tag ber allein gewesen, wie
vergraben zwischen ihren Blumen und Tieren. Das belebte Gelnde am See
erschien den aus der Einsamkeit Tauchenden wie eine Luftspiegelung; ganz
fremd sah es in ihr Leben. Aber whrend Adalbert weiter sprach, als
frchtete er eine Stille, in die dies Fremde lauter tnen knnte, waren
Vgelchens Augen mit jenem sich ansaugenden Ausdruck auf das Gestade
gerichtet. Mannsthal sa am Steuer, whrend Urbacher in lssiger
Betrachtung des neuen Bildes die Ruder gesenkt hielt.

Als er sie wieder aufnahm, sagte Vgelchen: Bleiben wir noch.

Nein, wir mssen zurck. Es kommt Sturm, mahnte Mannsthal.

Steigen wir aus, bat Vgelchen. Ich will nicht bei Sturm auf dem See
sein, bitte, Va. Sie sagte Va. Sie vermied, Vater zu sagen.

Unmglich, Kind.

In dem vlligen Gleichklang der Wnsche, der zwischen Vgelchen und
ihrem Stiefvater herrschte, war dieser Miton ein Ereignis, der schon
einer starken Reibung gleichkam. Vgelchen bi die Lippen zusammen und
prete erbleichend die Hnde aneinander. Ihr Blick blieb unverwandt auf
das Ufer gerichtet, whrend Urbacher langsam heimwrts ruderte. Doch
pltzlich schien sich die Pein zu lsen und einer neuen Hoffnung zu
weichen.

Ich mchte dort wohnen, sagte sie und ihr schmales Gesichtchen war von
einer Freude und wie von einem Erstaunen ber diese erhellt. Aber in
diesem Augenblick, da ein heier, pltzlicher Wunsch ihrer Sehnsucht die
Tore brechen wollte, sah sie den Widerstand und der Anprall war stark.

Was mte geschehen, Va, da ich in diesem Schlosse wohnen kann? rief
sie.

Nichts kann hiezu geschehen, sagte er.

Mte das Schiff brechen und wir von den Leuten dort gerettet werden?
fragte sie weiter.

Keiner wrde fr uns seine feinen Schuhe na machen, erwiderte
Mannsthal.

Wenn wir nun heimkmen und das Haus stnde nicht mehr da, fragte sie,
sich an das Wunder klammernd. Und als sie Mannsthal lcheln sah, fuhr
sie fast bse auf. Knnte es denn nicht abgebrannt sein oder
eingestrzt? Wenn ich es ganz fest wollte, Va. Dann mten wir im Schlo
bleiben, es ist das einzige Obdach, jubelte sie.

Und dein Dachzimmer mit den Puppen, Ari, sagte Mannsthal fast
hhnisch, als wollte er sich rchen.

Vgelchen errtete und verstummte. In einer Mansarde bewahrte sie noch
Spielzeug auf und ihr kleiner buckliger Page hatte jngstens verraten,
da sie dort heimlich spiele.

Spt abends an dem darauffolgenden Tage, da Mannsthal in einer
geschftlichen Angelegenheit in die Kreisstadt gefahren war, sprte man
pltzlich im Wohnhaus einen beizenden Geruch. Rauch schlug aus dem
schwedischen Ofen. Gleichzeitig polterte der Knecht aus seiner Kammer
die Bodenstiege herab. Das Haus brannte. Urbacher warf sich in seine
Kleider und strzte in Vgelchens Zimmer. Das Bett war zerwhlt. Er rief
nach dem Kinde -- kein Laut. Die Dienerschaft war schon auf den Beinen.
Niemand hatte Arabella gesehen. Er gab Befehle, aber alles schien
unwichtig, ehe man nicht Vgelchen gefunden hatte. Das Feuer ging von
einer Vorratskammer am Dach aus. Es war zweifelhaft, ob man das Haus
wrde retten knnen, da es fast ganz aus Holz gebaut war. Das Wasser war
nahe, aber auer einem Gartenschlauch gab es keine wirksamen
Lschgerte. Etwa zehn Minuten entfernt lagen drei kleinere Ansitze, das
Dorf war doppelt so weit und seine Bewohner waren Mannsthal bel gesinnt
seit einer Straenangelegenheit, die er durchquert hatte. Es war nicht
viel Hilfe zu erhoffen. Alles lief in fieberhafter Angst umher, hatte
man nur Vgelchen in Sicherheit, dann mochten Hof und Haus in Trmmer
zerfallen! Urbacher ri Tren auf, lief in den Garten, strzte ins Haus
zurck, hinauf bis zum qualmenden Dachboden. Da hrte er schluchzen. Es
war das Weinen eines Kindes, das sich verlassen fhlt und dennoch, wie
von Trotz gehalten, nicht um Hilfe rufen will. -- In der kleinen
Mansarde neben ihren verborgenen Puppen kniete Vgelchen. Der Rauch wob
einen Schleier um sie, in ihrem Nachtkleid mit dem aufgelsten Haar war
sie einem Engel vergleichbar. Dies hatte sie heraufgetrieben: sie wollte
die Puppen retten und schmte sich, sie aus ihrem Versteck zu ziehen.
Vgelchen, rief Urbacher glckselig, und gleichzeitig fhlte er, wie
eine andere Angst noch als die um des Kindes Sicherheit ihn freilie.
Sie war es nicht, die den Brand gelegt hatte. In diesem Falle htte sie
die Puppen, an denen sie so sehr hing, schon frher in Sicherheit
gebracht. Aber warum weinte sie nun, da sie das Feuer tags zuvor
erwnscht hatte? Sie sah Urbacher nun aus einem totenbleichen Antlitz
regungslos an. Er ri sie auf, whrend sie noch rasch eine der Puppen an
sich prete, und trug sie in die Nacht hinaus. Niemals hatte Urbacher
sie so in den Armen gehalten, zurckgewichen in die bewutlos-fromme
Majestt der Kindlichkeit, der sie ihr Schmerz entri߫. Er fhlte ihren
zarten Krper durch die leichte Hlle und htte weinen mgen. Schon lag
der Widerschein der Flammen auf dem See und tanzte in den Wellen, die
der Nachtwind mit leiser Hand aufwarf. Im Bootshaus bettete er sie in
den Kahn, doch als er sich wenden wollte, zum Rettungswerk
zurckzukehren, fhlte er sich von zwei schlanken Armen umhalst und ein
trnennasses Gesichtchen prete sich an seine Wangen. Eine heie Stimme,
in der die Vgelchens kaum wiederzuerkennen war, flsterte flehend:
Fhr' mich hinber, dorthin, siehst Du? Es sind noch Lichter dort. Ich
will das Feuer nicht sehen.

Kind, Kind, bat er und wollte sich losmachen. Aber ihre Finger gaben
ihn nicht frei. Es war, als htte sie Eisen in ihren mageren Hndchen.
Ich komme wieder, sagte er. Da lie sie ihn.

Die Lschaktionen waren im Gange. Auf der Landstrae, die lngs des Sees
lief, sah man ein Licht tanzen. In rasender Eile nherte es sich dem
Brandplatz. Das war des heimkehrenden Adalbert Wagen. Urbacher strzte
in das Studierzimmer, warf einige kostbare Bcher und Manuskripte ins
Freie, fand tastend im Rauch in dem aufgesprengten Kasten Mannsthals
Wertgegenstnde, die er seinem Diener bergab. Im Schein der Flammen
raffte man etwas von Vgelchens aus den Fenstern geworfenen Kleidern
zusammen. Urbacher strzte zurck in das Bootshaus. Vgelchen lag
ausgestreckt im Kahn, sie schien zu fiebern. Sie griff nach seiner Hand,
prete sie an ihre Lippen. Wenige Augenblicke spter stie das Boot ab.
Das brennende Haus war die Leuchte.

Mannsthal verlangte keine Erklrung. Es mag sein, da er sich den
Vorgang selbst gedeutet hatte. Einem Menschen, der das Schicksal mit
khler, ruhiger Hand nach seinen Wnschen zu lenken schien, mute diese
Nacht mehr als eine schreckhafte Episode bedeuten. Er bestand auf einer
genauen Untersuchung der Brandursache und merkwrdigerweise fiel der
Verdacht auf den buckligen, halb blden Bauernjungen, der nicht
leugnete, auf dem Dachboden mit Zndhlzchen gespielt zu haben.
Mannsthal veranlate vorlufig nicht die Wiederherstellung des Hauses,
das dank einem starken Regen, der unmittelbar nach dem Eintreffen am
jenseitigen Ufer niedergegangen war, teilweise verschont geblieben war.
Er selbst reiste am Morgen der Brandnacht ab ohne Vgelchen zu sprechen,
ber deren Aufenthalt ihn der Diener gleich bei seiner Rckkehr
aufgeklrt hatte. Er lie sie in Urbachers Hut, als wre dieser
verantwortlich fr des Kindes Flucht zu den Menschen, die ihm das
Scheitern seiner Hoffnung bedeuten mochte. Sei es, da er sich in einer
Krisis befand, die er allein besser zu berwinden hoffte, sei es, da er
nicht mit ansehen wollte, wie Vgelchen sich selbst die Welt gewann,
oder gar am Ende ihr bse war, er war nicht zu bewegen, ihr zu folgen
oder sie zu sich zu rufen.

Arabella wohnte nun an dem modischen Gestade.

Am Morgen nach der Ankunft sah man sie bei einer alten Dame sitzen,
eifrig plaudernd. Sie erzhlte spter, da sie nicht geschlafen htte
und gleich, nachdem die Dienerin mit ihren Kleidern angelangt war, auf
die Terrasse gekommen sei, voll Neugierde das neue Leben erwartend. Um
nicht allein zu sein, htte sie sich gleich zu der alten Dame gesetzt,
die sich sehr freundlich ihrer angenommen habe. Wie es schien, hatte
sich bei Vgelchen eine Schleuse geffnet, aus der nun alles, was sie in
ihrer Einsamkeit erlebt hatte, hervorstrzte. Die Dame, die, wie eine
allseits verehrte Tante, unter den jngeren Hotelgsten lebte, nahm
Vgelchen, die ihr ein lchelndes Entzcken entlockt hatte, vllig unter
ihren Schutz. Und bald war das Kind mit Jung und Alt befreundet und der
Mittelpunkt des Interesses. Vgelchen schien es ganz selbstverstndlich
offene Tren zu finden.

Die Schlogesellschaft war nicht gerade die belste Auswahl jener
Herdenmenschen, die weder vom Spiel der Nerven noch von bedeutenderen
Geistesanlagen zu einem Abweichen von gewohnten Wegen und Gesetzen
gedrngt werden. Ihre gewandte Beherrschung der Lebensformen erinnerte
an die Sicherheit, mit der oft ahnungslose Kinder Gefahren bestehen.
Immerhin hatte sie etwas Bestechendes. Vgelchen aber war nicht
geblendet und besonders den jungen Mnnern gegenber benahm sie sich
fast geringschtzig. Offenbar glichen sie ganz und gar nicht den Helden,
die in ihrem kindlichen Hirn thronten. Urbacher gefielen sie auch nicht
sonderlich. Es waren Familienshne, Jnglinge, die sich ihrem Namen
gegenber verpflichtet fhlten einen bestimmten Lebensweg einzuschlagen,
was ihnen beinahe etwas greisenhaft Abgeschlossenes gab. Sie waren in
Leibesbungen gewandt und in deren Bettigung fast leidenschaftlich und
ehrgeizig. Ihr geistiges Bestreben hingegen beschrnkte sich auf eine
flchtige Umsicht, die mglichst viel umspannen sollte. Die Mdchen
waren bescheidener. Die natrlichste Form guter Lebensart schien der
Familie Normayr eigen. Man sprach von einem Sohn, einem jungen
Seeoffizier, der erwartet wurde. Am Vorabend seiner Ankunft, es war
zweifelhaft, ob Vgelchen sie wute (keinesfalls schenkte sie dem
Umstand Beachtung), hatte sich ihrer Unrast bemchtigt. Am folgenden
Morgen, als Vgelchen die Stiege hinabschreitet und der jugendliche
Offizier in der sommerlichen weien Seemannstracht ihr an der Seite
seiner Schwester entgegenkommt, ist ihr Blick mit einem Male wie gebannt
gewesen, verstrickt in dies gebrunte Jnglingsangesicht. Auch Urbachers
bemchtigte sich ein freudiges und beklommenes Staunen, als ginge es von
Vgelchen auf ihn ber. Der junge Seeoffizier, auf dem ein Abglanz lag
von den siegreichen Tagen von Lissa, unterschied sich allerdings schon
auf den ersten Blick von den anderen jungen Leuten. Er war ber sein
Alter ernst und bei aller Bescheidenheit in sich gefestigt. Eine
Herbheit ging von ihm aus, wie die Seeluft rein und erfrischend. Auch er
besa Unterwerfung in den herkmmlichen Willen der Familie, nur war sie
bei ihm nicht Dnkel, sondern Ehrfurcht und vielleicht deshalb
bedingungsloser, denn sie lebte neben seinem klaren, menschlichen Blick.

Er war streng gegen Vgelchen von der ersten Stunde ihrer rasch
aufblhenden Freundschaft an. Ihm war wohl, er drfe es, er htte dies
Amt ber sie. Ihrer kleinen Teufeleien mute er Herr werden, wollte er
auf den Grund ihrer Seele schauen. Und Vgelchen ging umher in Leuchten
und Staunen und hin- und hergewiegt zwischen Furcht und Frage. Dennoch
formte sich zu dieser Zeit ihr Wesen zu etwas Festerem. Aus ihren
Instinkten wollte sich Bewutes entwickeln. Die vielen Plauderstunden
mit dem neuen Freund begannen aus ihrer sen, kleinen Tier- und
Kindseele den Menschen zu wecken. Der junge Offizier, darber konnte
kein Zweifel sein, stand ebenfalls unter einem jener leisen Wunder, wie
sie in der rckhaltsvollen Welt immer seltener werden, und er mochte
ganz und gar bereit sein, sich dem neuen Zauber hinzugeben. Auch seine
Mutter war Vgelchen gewogen und scheinbar erfreut, dereinst vielleicht
das vermgende Mdchen als Tochter willkommen zu heien. Urbacher sah
des Kindes Strahlen und erlebte im Vorgefhl Mannsthals ohnmchtige
Trauer, den Zusammenbruch seines geheimen Planes, der in seinen Zielen
ihm unheimlich erschien und dennoch erhellt von dem Wetterleuchten
seines eigenen zwiespltigen Herzens. Eine abwartende Scheu hemmte ihn
dem Freunde Mitteilung zu machen, obwohl er in dunklen Augenblicken sein
blitzartig zerstrendes Eintreffen beschwor. Er begngte sich indes noch
die Aufforderung, sich ihnen zuzugesellen, auf das dringendste zu
wiederholen.

Der Gesellschaft hatte sich eine Spannung bemchtigt. Es lag ein
Ereignis in der Luft. Auch das Wetter war in diesen Tagen schwl und
lastend, bis es sich schlielich unter Donner und Blitzen gesubert
hatte. Der Regen, der so andauernd und heftig gewesen, da der See ber
seine Ufer trat, brachte aus den Felsen, die die Landstrae lngs des
Wassers sumten, Sturzbche hervor. Man sprach davon, die Strae fr den
Wagenverkehr zu sperren. Das Zgern des Verbotes hatte ein Unglck zur
Folge, aus dem sich die Begebenheit entwickelte, die jene Spannung auf
eine merkwrdige Art lste.

An dem Morgen, der den Wettertagen folgte, fuhr nmlich Mila Maquard mit
ihrem Wagen von einem der nahen Kurpltze ber die gefhrdete Strae.
Mila Maquard war eine jener Frauen, deren Haar nicht ganz die Farben der
Natur hat, deren Perlen ungewhnlich gro sind, deren Kleidung eine
verschwiegene Sorgfalt aufweist und deren Hochmut Triumphen entspringt,
ber die man bedeutsam zu schweigen pflegt. Mila Maquard war von groer
Schnheit und es war ihr eine natrliche Anmut geblieben, die auch
Frauen entzcken mute, deren Auge nicht von brgerlicher Verachtung
trbe war.

Als sie nun ahnungslos jene Stelle der Fahrstrae passierte, wo das
Wasser in den Felspartien verheerend gewirkt hatte, ging eine
Erdrutschung nieder. Ihr Kutscher wurde schwer verwundet, sie selbst aus
dem Wagen geschleudert, wodurch sie einen Bruch des Armes und einen
leichten Nervenschock erlitt. Die Unfallsstelle war nicht weit vom
Schlosse und der herbeigerufene Landarzt verfgte dahin den Transport
der Verletzten. Man war zu der verhngnisvollen Sttte geeilt und einige
Herren hatten die Verunglckte erkannt. Alsbald waren auch die Damen
unterrichtet und eine eisige Teilnahme wurde der schnen Maquard zuteil.

Whrend man sie und den Kutscher in den Saal hingebettet hatte und der
Arzt sich um sie bemhte, standen die Gste auf der Terrasse in Gruppen
umher. Lebhafte Gesprche entwickelten sich. Man schien nicht geneigt,
der Fremden Gastfreundschaft zu gewhren. Frau von G., die Mutter von
vier Tchtern, deren Verheiratung das Ziel der Sommerreise war,
ereiferte sich ganz besonders. Ebenso Baron M., der sich abseits, wie
man bemerkt hatte, fr sein korrektes Benehmen in ausgiebigster Weise
schadlos zu halten verstand. Er mochte Grnde haben diese Begegnung
unter dem Auge der Familie zu scheuen.

Als die Debatte, die wegen der Nhe der jungen Mdchen nur
andeutungsweise und im Flstertone gefhrt wurde, ihren Hhepunkt
erreicht hatte, erschien der Pchter und fragte auf das hflichste an,
ob man die Gte haben wrde, der Verunglckten in dem vollbesetzten
Hause dadurch Platz zu machen, da etwa zwei der jungen Leute in einem
Zimmer schlafen wrden, so da man einen Raum gewnne. Es sei bemerkt,
da von dem Augenblick, da Mila Maquard sich in dem Hause befand, eine
Vernderung mit der Gesellschaft sich vollzogen hatte. Die Herren waren
mit einem Male sehr angeregt, als wre nicht eben ein Unglck geschehen,
das einen tdlichen Verlauf htte nehmen knnen. Besonders die Jnglinge
bezeigten ein lebhaftes, wichtigtuendes Wesen und den Frulein ihres
Kreises eine gewisse Geringschtzung. Ihre Beflissenheit beim Transport
der blonden Dame war auch ganz auerordentlich gewesen. Aber auch die
Damen wurden lebendiger, die Freudigkeit einer Abwechslung war auch in
ihre Nerven gefahren, nur da sich ihr Verhalten sogleich kriegerisch
frbte. Der junge Normayr war mit seinem Segler am See. Da es sehr
strmisch war, hatte man Vgelchen bestimmt, ihn nicht zu begleiten, so
da es auch Zeugin des Unfalls gewesen war. Wo aber trieb es sich nun
herum? Urbacher nherte sich der Terrasse und sah seine Vermutung
besttigt: Vgelchens weie Gestalt lehnte dort an einer Holzsule. Ihre
Kinderaugen wandten den Blick nicht von der hbschen Frau, die auch in
der Lage, in der sie sich augenblicklich befand, nichts von ihrer
typischen Eigenart verloren hatte, die zu der des Kindes in einem so
starken Gegensatz stand, da die Frage nahe lag, ob die beiden denn
Wesen einer Art seien. Als Vgelchen Urbacher sah, kam sie auf ihn zu
und flsterte: Ist sie nicht schn? Glaubst du, da es eine Prinzessin
ist?

Die gute Frau von G. war mittlerweile in so groe Aufregung geraten, da
sie das _pas avant les enfants_ vergessen hatte, als sie nun das Wort
ergriff, um dem Hotelier zu antworten: Wir sind alle der Meinung, da
es unmglich ist, diese -- diese Frau hier aufzunehmen. Wir knnen Ihnen
nun freilich keine Vorschriften machen, aber ich fr meine Person
versichere Ihnen, da ich mit meiner Familie morgen abreise, wenn sich
diese Person hier auf einen lngeren Aufenthalt einrichten wollte, und
ich bin sicher, da wir nicht die einzigen wren.

Ich bitte, sich zu beruhigen, gndige Frau, sagte der Pchter. Wir
befinden uns ja noch unter dem ersten Eindruck dieses Unfalles. Was die
Dame weiterhin zu tun gedenkt, ist mir vllig unbekannt, aber jedenfalls
ist ihr fr die nchsten Tage die Weiterfahrt rztlich verboten.

Das ist ja sehr traurig, mein lieber Rsler, sagte die Baronin. Man
htte eben die Strae fr Wagen sperren sollen. Wir wollen aber in
unserem Aufenthalt nicht gestrt sein und Sie knnen uns nicht zumuten,
mit dieser -- dieser Frau unter einem Dache zu wohnen.

Herr Rsler bemhte sich, ein Lcheln zu unterdrcken. Verzeihen Sie,
Gndigste, aber versetzen Sie sich in meine Lage. Kann man eine
Verunglckte vor die Tre setzen?

Nun dafr gibt es Beispiele, erklrte Frau Kommerzialrat Lobling. Ich
habe es selbst mitgemacht, da man in K. zwei Lungenkranke abwies, die
in unserem Hotel einkehren wollten.

Das ist abscheulich, sagte da eine bebende Stimme, und Vgelchen stand
pltzlich im Vordergrund. Sie war bleicher als sonst und sprach in
sichtlicher Erregung. Ja, warum soll denn diese liebe Dame nicht hier
schlafen? rief sie. Wo soll sie nun denn wohnen? Vielleicht wre es
mir auch so ergangen, als uns das Dach wegbrannte, wenn ich am Tage
gekommen wre und man ber mich abgestimmt htte. Vielleicht htte man
mich auch verjagt.

Einer der Jnglinge lachte, und im nchsten Augenblick entlud sich eine
allgemeine Lachsalve. Vgelchen wurde glhend rot. Sie fhlte jetzt, da
sie etwas Einfltiges gesagt hatte, und groe Trnen traten in ihre
Augen.

Ich bin natrlich gern bereit, mein Zimmer abzutreten, falls sich
keiner der jungen Leute bereit erklrt, sagte Urbacher.

Nein, das drfen Sie nicht, unterbrach ihn der Baron. Ich wre ja
auch bereit. Aber das ist nun einmal eine Prinzipiensache. (Wir sprechen
ja wohl noch darber, wenn wir unter uns sind.) Sie beschmen unsere
jungen Leute oder drngen sie, den Damen gegenber einen Taktfehler zu
begehen.

Ich habe mein Wort verpfndet das Hotel nicht zu verlassen. Wenn mir
keiner der Herren in seinem Zimmer Gastfreundschaft gewhrt, ist meine
Bereitwilligkeit leider ohne Wirkung.

Eisige Stille folgte seinen Worten. Der Hotelier zuckte die Achseln und
entfernte sich. Ihm war es ja schlielich auch lieber, wenn ein Frulein
Maquard nicht unter den Gsten seines Familienhotels erschien. Er selbst
hatte sein Zimmer vermietet und wohnte in einer schlechten Mansarde.

Die Gesellschaft zerstreute sich. Die Herren waren froh unter sich zu
sein. Die jungen Mdchen blieben beisammen und lieen ihrer Neugier
freien Lauf.

Indessen war der junge Normayr gelandet und sogleich von den
Begebenheiten unterrichtet worden. Als er nun zu Vgelchen trat, umwogte
sie eine Welle von Zrtlichkeit, die aus seinen klaren Augen zu ihr
ging. Sicher hatte er von ihrer rhrenden, kleinen Standrede gehrt. Als
sie dann plaudernd auf- und abwanderten, kam Ruhe ber sie.

Fr den Nachmittag projektierten die Damen nicht ohne Hintergedanken
einen Ausflug. Frulein Maquard war indessen in dem Rauchzimmer
untergebracht. Der Pchter war in einer verzweifelten Lage. Die
Gesellschaft brach auf, ehe er nochmals an sie herantreten konnte. Auf
diesem Ausflug schien sich zwischen Vgelchen und ihrem schnen Freunde
eine Annherung vollzogen zu haben, die nun manches bisher
Unausgesprochene zur Wortschwelle gedrngt hatte. An diesem Abend
entschlo sich Urbacher, Mannsthal von dieser Annherung zu
verstndigen.

Was Frulein Maquard betrifft, so fand man, vom Ausfluge zurckgekehrt,
keine Spur mehr von ihr. Eine gewisse Scheu der Beschmung, wie sie
Menschen oft befllt, wenn ihnen eine schlechte Tat gelungen, hielt die
Frage zurck, wohin sich die Verunglckte gewendet habe. Die Lustigkeit,
die die Gesellschaft an diesem Abend entfaltete, war nicht ehrlich. Man
wollte sich ber sein schlechtes Gewissen hinwegamsieren. Selbst die
Admiralsfrau von Normayr war geruschvoll und ganz besonders
liebenswrdig Vgelchen gegenber, wohl um zu beweisen, da sie ihre
vorlaute Ansprache nicht bel genommen habe, da nun alles sich zur
Befriedigung der gefhrdeten Ehrbarkeit gewendet hatte.

Wie sehr erstaunte man aber, als am darauffolgenden Morgen Mila Maquard,
den Arm in der Schlinge, ein wenig bleich, unter den Frhstcksgsten
erschien und mit der grten Ruhe, ohne irgend jemanden zu beachten, in
der guten Morgensonne, die sich nicht scheute auch sie zu bescheinen,
ihr umfangreiches Frhstck einnahm.

Die Gesprche verstummten. Frau von G. schien von Gelbsucht befallen,
die Mdchen wagten nicht aufzusehen, die jungen Leute sprachen lauter,
als ihre Gewohnheit war, und prahlten mit bereits bekannten Ereignissen.
Ein Sturm der Entrstung brach los, als Mila Maquard die Terrasse
verlie.

Urbacher war die ganze Zeit ber ein wenig unruhig gewesen, weil er
Vgelchen, die eine Frhaufsteherin war, vermite. Ihr Freund, der bei
ihm sa, teilte seine Unruhe. Nun kam sie, eben als der Redeschwall
losbrach, langsam und verschlafen die Stufen des Hauses herab.

Das ist unerhrt, erklrte Frau Kommerzialrat Lobling, deren Kleid
entschieden von dem Mila Maquards geschlagen worden war.

Eine Hinterhltigkeit, eine Unverschmtheit von diesem Rsler, rief
Frau von G.

Meine Meinung wird er hren, pfiff die Baronin.

Auch die Admiralin war so ungehalten, da ihr Sohn sie zu beruhigen
trachtete.

Wissen mchte ich, wer den Mut gehabt hat, ihr das Zimmer abzutreten,
sagte der Baron. Wissen Sie es vielleicht? fragte er die Kellnerin.

Da trat Vgelchen dicht heran. Sie sagte mit leiser, aber fester Stimme:
Das Frulein hat in meinem Zimmer bernachtet.

Und du, fragte arglos Frulein von Normayr in die peinliche Stille.
Hast du die Nacht im Walde verbracht?

Vgelchen schttelte den Kopf. Ihr Blick suchte den ihres Freundes, der
dem ihren nur scheu begegnete.

Nein, sagte sie. Das Frulein und ich schliefen in einem Bett.

Die Admiralin stand auf und sagte: Pfui, schmen Sie sich. Vgelchen
erbleichte. Einen Augenblick hielt sie den Atem an, dann brach es aus
ihr aus: Pfui, ja pfui ber Sie alle, ber Ihren Hochmut, Ihre
Unbarmherzigkeit. Erhobenen Hauptes entfernte sie sich.

Was nun folgte, war schmerzlich. Der junge Seeoffizier mied Vgelchen,
die sich geweigert hatte, seine Mutter um Entschuldigung zu bitten. In
einer Unterredung bat er den Doktor Urbacher, die Annherungen an seinen
Schtzling zu entschuldigen. Gegenstzlichkeiten einschneidender Art
ntigten ihn, den Verkehr aufzugeben, wie schwer dieser Verzicht ihn
auch getroffen. Vgelchen erwiderte hoheitsvoll die Geringschtzung, die
ihr von allen Seiten zuteil ward. Was Urbacher am bittersten schmerzte,
war, da sie ihm gegenber den Vorwurf zu hegen schien, da er sie vor
den Menschen nicht gewarnt habe. Dies Erlebnis der Enttuschung setzte
Mannsthal wieder in seine Rechte ein. Zwei Tage nach diesen
Begebenheiten fuhr er vor. Er hatte sich bis zur Unkenntlichkeit
verjngt. Die alljhrliche Wirkung seiner Sommerkur wurde diesmal noch
durch seine Bartlosigkeit untersttzt. Selbst seine Kleider hatten einen
andern Schnitt. Vom neu erworbenen Wagen sprang ein weihaariger
Kammerdiener und ffnete dem Herrn, der neben ihm ein Jngling schien,
den Schlag. Merkwrdigerweise war Mannsthal ber alles Vorgefallene
unterrichtet. Die Auseinandersetzung, die nun zwischen ihm und Urbacher
stattfand, hatte den Abbruch ihrer vertrauten Beziehungen zur Folge.




                                Erwachen


Das Zerwrfnis der beiden Freunde wre unter anderen Umstnden kaum so
einschneidend und unwiderruflich gewesen. Mannsthal aber mute bei der
Ausfhrung eines Planes, der zu diesem Zeitpunkt einsetzte, vollstndig
ungestrt und unbeobachtet sein. Er war durch einen berufsmigen
Vertrauten, dessen Gewandtheit er schon mehrmals erprobt und der
seinerseits sich mit einer im Schlosse wohnenden Erzieherin in
Verbindung gesetzt hatte, ber Vgelchens Leben daselbst aufs genaueste
unterrichtet gewesen. Der gefrchtete Augenblick, den er noch in weiter
Ferne whnte, war gekommen. Vgelchen war einem Manne begegnet, einem
Jngling, dem sie sich geneigt fhlte. Solange alles furchtbar
gefahrvoll schien, der junge Normayr Aussicht hatte, des Kindes vollstes
Vertrauen zu erwerben, kostete Mannsthal die Lust, jene Gefahr bis zum
uersten zu erleben. Es bestand ja immer noch die Mglichkeit, wenn
alles verloren schien, ein grausames Nein zu sprechen. Nun aber hatte
die Sachlage fr ihn eine berraschend gnstige Wendung genommen. Es lag
etwas Unwahrscheinliches ber diesem Naturereignis, das ihm so trefflich
in die Hnde gearbeitet hatte. Er zweifelte nicht, da sein geheimer
Wille Anschlu an hhere Macht gewonnen habe. An die Verwirklichung
seiner Wnsche heftete sich kein Zweifel mehr. Als Sieger schon fuhr er
in K. ein.

Vgelchen war in grausamere Fremdheit zurckgestrzt, in eine de, die
mit jener nicht vergleichbar war, aus der sie sich zuweilen an das
belebte Gestade gesehnt hatte. Jetzt schien ihr schon die Insel des
Lebens durchquert und einer Wste vergleichbar. Wre nicht jene Nacht
gewesen, die sie mit Mila Maquard verbracht! Irgendwo gleite aus ihr
ein Unbekanntes in die Ferne, schien selbst ein feuriger Faden, der
durch Dunkelheiten lief, einer groen Flamme entgegen. Die scheue Freude
und Ruhe, die sie im Umgang mit dem jungen Normayr genossen, sie wute
sie nicht mehr, seitdem er ihr wie erloschen schien. An ihrer Stelle sa
ein kleiner Wurm in ihrem ehemals so aufgeschlossenen Herzen, das sich
nun gefaltet hatte wie ein Blmlein zur Nacht. Als sie Mannsthal
erblickte, strmte sie auf ihn zu, aber sein verndertes Aussehen
strzte die Freude zurck in ihre Brust. War er es? Er folgte ihr auf
das Zimmer, hielt prfend seine khle Hand an ihre Wange, fand, da sie
fiebere, und gebot ihr sich hinzulegen. Whrend sie in leiser Furcht und
dennoch beglckt seiner Anordnung gehorchte, stand er vor ihr und
meisterte die eigene Erregung. Er selbst war ihr behilflich, als sie dem
Mdchen klingeln wollte. Ich wei, was vorgefallen ist, sagte er und
setzte sich zu ihr. Du mut jetzt ganz ruhig bleiben, es wird sich
alles von selbst lsen. Du mut mir nur wieder vertrauen. Er
streichelte leise ihr Haar, das aufknisterte wie nie zuvor, und seine
Hand glitt wie beschwichtigend ber ihre Schultern hinab. Da sah er Glut
in ihre Wangen steigen. Eine Erinnerung hatte sie berwltigt und
pltzlich ri sie sich aus der Betubung, die er ber sie hingo, prete
ihre Arme um seinen Hals und schmiegte das heie Antlitz an seine Wange.
Sie hatte kssen gelernt.

Er atmete schwer, machte sich los. Kind, sagte er, wie bin ich jetzt
erschrocken. Das Fieber macht dich so strmisch. Ich gehe jetzt, du mut
ruhiger werden. Ich mu ja nun dringend Urbacher sprechen. Er verlie
sie fliehend.

Vgelchen lag nun und die Stille tat ihr wohl. Denn nun war sie
innerlich beruhigt wie nie zuvor, nun fhlte sie Geborgenheit und jenes
Gleiende, womit ihr die verunglckte Frau fr ihre Gastfreundschaft
gedankt, glhte ihr nher und wrmer. Spt abends trat Mannsthal zu ihr
und berichtete, da Urbacher abgereist sei. Um die Aufregung des
Abschiedes zu meiden, htte er nur einige Worte fr sie hingeschrieben.
Vgelchen las: Mein gutes Kind. Wir alten Freunde sind uneins geworden.
Vergi darber nicht, da in Treuen dir zugeneigt bleibt dein Freund
Clemens Urbacher.

Ich meinte es gut. Trauere nicht ber Leid. Schmerz erhht.

Vgelchen begann zu weinen, lautlos wie immer, wenn es weinte. Groe
Trnen rollten aus leuchtenden Augen ber ein bewegungsloses Antlitz. So
war Vgelchens Weinen. Mannsthal sa an ihrem Bett und kte ihr Stirn
und Haar. Sein Taschentuch, dem ein seltener, ihr unbekannter Duft
entstrmte, trocknete langsam die mhlich versiegenden Trnen. Am
folgenden Morgen sa Arabella, vom Schlaf erquickt, am Strande beim
Frhstck. Die Leute schienen nun nicht mehr fr sie vorhanden, obwohl
die prunkvolle Ankunft Mannsthals nicht ohne Wirkung auf ihr Benehmen
geblieben war. Vgelchen aber bemerkte es nicht, sie sah niemanden, sie
wartete auf Va. Adalbert Mannsthal erschien im indischen Seidenanzug und
erregte die Aufmerksamkeit der Sommergste. Er kte Vgelchens Stirn,
im Flsterton unterhielt er sich mit ihr. Wie ich hre, war es die
Maquard, die hier war. Ich werde mich nach ihrem Befinden erkundigen.

Du kennst sie?

Wer kennt sie nicht?

Vgelchen errtete.

Eine so schne Erscheinung, fgte er hinzu. Eine scharmante Frau. Ich
werde sie bitten, dir bei ihren Kaufleuten einige neuartige Kleider und
was du sonst noch brauchst zu bestellen. Da sie dich kennt, wird sie das
Richtige treffen. Sie hat dich ja auch entkleidet gesehen und wei
ungefhr deine Mae, nicht wahr? Wieder errtete das Mdchen und
blickte auf ihren Teller herab. Mannsthal lchelte fast unmerklich.
Wird es dir Freude machen, Ari, wie eine kleine Prinzessin gekleidet zu
gehen? sagte er dann. Sieh mich doch an. Er zwang ihren Blick in den
seinen. Denn wenn wir jetzt reisen, brauchst du schne Dinge.
Vgelchens Hnde klammerten sich an seinen Arm und mit verzcktem
Ausdruck prete sie die Lippen zusammen, als mte sie ein Jauchzen in
ihrer Brust verschlieen.

Nun ja, wir wollen jetzt reisen, da du nun einmal unter die Menschen
gegangen und an ihnen klug geworden bist, antwortete er. Nun bleibst
du ja auch eine Weile bei mir? Sie prete seine Hand: ein glhendes
Versprechen.

Vgelchen sah mit Erstaunen, wie er, den sie lssig und oft mde
gekannt, die Segel meisterte. Sie war stolz darauf, da er sich Normayr
zur Seite stellen konnte. Wie er nun zur Maquard fahren wollte, machte
sie sich eiligst bereit, ihn zu begleiten. Ihr Gesichtchen wurde
nachdenklich, als er erklrte, sie nicht mitnehmen zu knnen. Nicht
etwa, weil ich sie ausstzig finde, wie diese Leute hier. Da hob sie
den Kopf und sagte eigensinnig: Du willst allein sein mit ihr.
Vgelchen blickte Mannsthal an vom Kopf bis zu den Fen. Sie schien
erst jetzt bewut zu empfinden, da er ein Mann sei, und so gut wie ein
anderer mit jener Frau in einer dieser geheimnisvollen Verknpfungen
stehen konnte, von denen die Leute gemunkelt hatten. Sie gedachte der
seltsamen Nacht und Schauer von Ahnungen durchbebten sie. Zugleich
empfand sie Eifersucht und verfiel in Unmut. Mehr als rger war es, der
sich schon bis zu Zornausbrchen bei ihr steigern konnte, wenn sie sich
vor Rtseln sah, die den Andern vllig klar waren. Er gab nach, verschob
den Besuch. Sie machten eine Spazierfahrt, stiegen aus und gingen durch
ein benachbartes Dorf. Sie trafen dort den jungen Normayr mit einem
lteren Offizier. Er erschrak, grte ehrerbietig. Vgelchen nickte ihm
zu. Das war er, sagte sie nach einer Weile.

Ich dachte es mir, sagte Mannsthal erschauernd. Dann schwiegen sie.
Aber auf der Rckfahrt nahm er pltzlich ihren Kopf zwischen seine Hnde
und kte sie. Vgelchen sah eine Trne in seinem Auge.

Va, rief sie und drckte seine Hnde leidenschaftlich an die Lippen.

Als Vgelchen nach dem Essen auf ihr Zimmer gegangen war, schritt
Mannsthal etwa zehn Minuten den See entlang. Dort stand sein Wagen. Er
fuhr zur Maquard.

Des Morgens war er zurck. Nun wute er mehr, als ihm lieb war. Die
Maquard hatte ihm vorgearbeitet. Vielleicht hatte sie seine Absichten
unbewut gefrdert. Er verschwieg Vgelchen den Besuch, ja er versuchte
diese Begegnung in ihrer Erinnerung zu verdunkeln. Andere Eindrcke
sollten sie verdrngen. Indessen kamen die Koffer mit den bestellten
Kleidern, Mnteln, Hten, Schuhen, mit bltenfeiner Wsche, neuen
Gepckstcken und Toilettegegenstnde mit Vgelchens Namenszug
Arabella. Das Kind freute sich und auch das Mdchen schon, das
gefallen wollte. Das Vgelchen von frher htte manches abgelehnt von
den neuen Dingen, die allerdings die Maquard mit seltenem Gefhl der
Anpassung gewhlt hatte. Ihre Jungfer hatte zurechtgemacht, was da und
dort noch fehlte, und Vgelchen meinte, sie wre zu ihr von einer
Putzmacherin gesandt. Tags darauf veranlate Mannsthal die bersiedlung
in einen Gasthof an einen der benachbarten Seen, wo er Vgelchen mit dem
Diener Camill allein lie, um einige Geschfte zu ordnen, ehe sie die
Auslandsreise antraten.




                             Student Kruger


Vgelchen begann sich nun langsam der Welt zu besinnen, wie die sich nun
zu ihr, der kleinen Arabella Rutland, verhalten mochte. Sie lernte
bewut sich als Einzelwesen fhlen. Als sie eines Morgens im Rasen lag
und von ihrer Anhhe bald zum See herab, bald zum unendlich blauen
Himmel aufblickte, empfand sie sich als ein wanderndes Stubchen, ein
losgelstes Fnkchen auf Wanderschaft. Immer wieder sah sie noch das
Feuerzeichen des Brandes, sah den Funkenregen und wie Teile sich
loslsten und in der Luft verglhten oder im Wasser einen vorzeitigen
Tod fanden. Alle schienen bis ans Ende ihrer Kraft zu fliegen und wurden
Asche und Erde, nachdem ihr Leuchten in Dunkelheit untergegangen. Asche
und Erde aber wurden von Wetter und Zeit zu feuchtem warmen Boden. Da
grnten die Fnkchen von neuem ins Leben. ber ihr blitzte der Flgel
einer Schwalbe im Sonnenlicht. Flieg, Fnkchen, flieg, sang sie leise
und es war ihr, als wrde sie selbst ganz leicht und brauchte nur
aufzuflattern. Waren alle Menschen beschwingt wie sie? In den Familien,
in deren Nhe sie nach dem Brande gelebt, schienen kleine Widerhaken die
Einzelnen aneinander festzuhalten. Wre Er denn sonst nicht mit ihr
geflogen? Ach, sie war ein Sonderwesen, hatte nicht Vater, nicht Mutter,
nicht Schwesterlein und Brderlein. Va war ja nicht ihr Vater, das wute
sie. Aber auch fr sie mute es kleine Quellen geben, wo sie trinken
konnte, Nester, wo sie ruhen wrde, wenn die Wanderschaft begann und sie
ermdete. Va wute alles. Er wrde sie weisen. Va, der Zauberer, wrde
ihr die Tren ffnen. Die Reise, das wute sie, die war der Anbeginn
ihrer Wanderung, und die Wanderung wrde ihr Leben sein. Die Leute in
den Kirchen blickten zum Himmel auf, wenn sie beteten. Dort wohnte wohl
Gott. Aber da unten im Seegrunde hauste ein anderer. Oder war das nur
der Himmelsgott, der sich im Wasser spiegelte? Nein, der Gott da unten
war verflochten in den Pflanzen der Tiefe und Fischlein schwammen
silbern um seinen Bart. Der Gott im Himmel war sein Bruder und ewige
Sehnsucht stieg auf und ab von ihnen. Vgelchen war es, als ginge der
Strom ihrer Sehnsucht durch ihren eigenen Leib, aufsteigend und
absteigend. In ihrem Herzen begegnete er sich, flo ein, flo aus. Ihr
Blut nhrte sich von ihm. Er hielt sie. Sie konnte nicht fallen. Sie
bekam Weisungen von Hhe und Tiefe, in ihr verschwisterten sie sich.
Dies alles war nicht Traum. Lie es sich in Worte bilden?

Ja, sie konnte es in wirklichen Worten aus sich herausstellen. Von
diesen Dingen erzhlte sie dem Studenten Kruger, dem miratenen
Hofratssohne, der in ihrem Gasthof wohnte. Der hatte die
Familienwiderhaken sich blutig aus dem Fleische gerissen. Nun heilte er
die Wunden in Einsamkeit. Aber der Brand seiner Seele ri sie immer
wieder auf. Schmerzten sie, so ward er wunderlich. Der Geist war ihm
Seelsorger und Hofnarr zugleich. Vgelchen strte ihn nicht. Er nannte
sie Ariel. Arabella klang ihm zu menschlich.

Student Kruger war ein wenig verwachsen oder es schien so. Man wute
nicht, wo und wie seine Gestalt abnorm war. Seine Augen hatten etwas
berraschendes wie die eines Falken oder Adlers, die sich, seltsam an
der Ferne geschrft, unter bergenden Lidern enthllen, und seine hohe
Stirn, sein dichtes Haar lieen die Gestalt noch drftiger erscheinen.
Sein Mund aber war wie ein Hohn auf die Geistigkeit seiner blaugederten
Schlfen. Er hockte wie ein Affe mit langen Armen neben Ariel und sprach
in sie ein, bis er das Geheimnis des Stromes aus ihr holte.

Wer ist Gott? fragte sie.

Gott ist ein einfrmiges, gttliches, einfltiges Wesen und wirkt doch
alle Mannigfaltigkeit und ist alles in allen Dingen, eines in allem und
alles in einem, sagt der heilige Augustin. Gott sind Sie, Ariel, Gott
bin ich, Konrad Kruger, Student der Theologie, Verknder meiner
Religion.

Und was ist das, was ihr die Seele nennt? fragte Vgelchen.

Seele ist ein Aufgang zu Gott durch das Getmmel der Welt. Seele ist
das Entsinken deiner selbst, dein Schauen, dein Warten, dein Empfangen,
dein Geben in Demut.

Und was ist Demut? fragte Vgelchen.

Demut ist Aufgeschlossensein, Demut ist Einla und Ausstrmen der
Liebe, Erkennen, Duldung und Dank, Bewhrung im Glck und Schmerz, Demut
ist Liebe gewordenes Leid.

Trauere nicht ber Leid, Schmerz erhht, sagte Vgelchen und
bescheiden setzte sie hinzu: Das wei ich von Onkel Clemens, er schrieb
mir das zum Abschied. Und pltzlich brach sie aus: Ach, warum ist er
fort, der gute, gute Onkel Clemens? Sie begann zu weinen. Student
Kruger sa dabei und grinste aus Verlegenheit.

Schmerz, wenn ein Rad ber mein Bein fhrt, fragte sie dann und
trocknete ihre Trnen.

Nein, Ariel, krperlichen Schmerz, sofern er nicht malos und andauernd
ist, verspren wir nicht, du und ich und die anderen, die wie wir sind.

Ich war nie krank, sagte Vgelchen.

Und bist doch so zart. Sind Blumen krank? Die Narzisse auf wiegendem
Stiel, das Buschwindrschen, die Orchidee? Nein.

Ich hatte eine schwarze Amme, eine Negerin sugte mich. Sie sah ihn
kindlich triumphierend an. Das kann nicht jeder von sich erzhlen,
prahlte ihr Blick.

Hattest du nicht die Masern, Scharlach, den Keuchhusten? Nein, daran
wrest du gestorben, sagte Student Kruger. Er starrte sie eine Weile
an. Bist du eigentlich schon ein Mdchen? fragte er pltzlich. Wie
alt bist du?

Vgelchen verschwieg gern ihr Alter. Ich war immer ein Mdchen,
antwortete Vgelchen ernsthaft.

Ich meine, ob du noch Kind bist?

Vgelchen richtete sich zornig auf. Ich wre ja beinahe Braut
geworden, rief sie. Und wenn wir nun reisen, so bin ich Frau
Mannsthal. Das haben wir beschlossen. Va ist nicht mein Vater, mssen
Sie wissen. Ich habe keinen Vater.

Und deine Mutter? Vgelchen erbleichte. Sie ri einen Halm aus und
warf ihn von sich. Dies war die Antwort.

Aber das mit dem Schmerz, da wir es, ich und die anderen (sie ging
immer auf seine Andeutungen einer geheimen Gemeinschaft ein), da wir
den Schmerz nicht spren! Geben Sie mir Ihr Federmesser, ich will das
versuchen. Gehorsam zog er es hervor. Soll ich ffnen, deutet er. Sie
nickte.

Rasch, sonst verliere ich den Mut. Er tat es. Sie ritzte sich in der
Handflche. Es ging nicht leicht. Ihre Haut wehrte sich des sthlernen
Eindringlings. Pltzlich sprang ein kleiner roter Strahl empor.
Vgelchen war kreidewei im Gesicht. Wahrhaftig, es schmerzte nicht,
sagte sie. Aber sie hielt den Atem an. Es wurde ihr bel. Student Kruger
hockte neben ihr, seine Haare strubten sich vor Erregung, seine Ohren
reckten sich spitz, seine Augen hatten einen stumpfen, fast bldsinnigen
Glanz.

Ariels Blut, sagte er leise. Wein des Lebens.

Ich kann es nicht sehen, sagte Vgelchen, die immer bleicher wurde.

Und mt doch bluten, ihr Frauen.

Red' nicht so hoch daher, rief sie unwillig und wand ihr Tuch um die
Hand. Ich hasse euer ewiges Gescheitsein.

Ich mchte dir alles geben, was ich habe, Ariel, alles Gescheitsein
auch.

Ich mag nichts von dir, sagte sie. Er sah sie an wie ein getretener
Hund, dann beugte er sich ber sie und flsterte angstvoll: Aber ich
lasse dich nicht. Vgelchen sah zu ihm auf; wie sein Antlitz ber ihr
schwebte, war ihr, als ob das Grauen sich in einer Wolke ber ihr
ballte. Ein Druck legte sich wie eine eisern wrgende Faust auf ihren
Hals, ein blauer Strom ging an beiden Schlfen zu ihrem Herzen hinab.
Sie wurde ohnmchtig.

Camill, der Kammerdiener, kam, vom Ruf des Studenten angetrieben. Er
rieb ihr die Stirne mit Essig. Man trug sie auf ihr Zimmer. Dort schlug
sie die Augen auf. Er hat mich gebissen, sagte sie und deutete erzrnt
auf Kruger, der bestrzt da stand. Der Kammerdiener machte ihm hinter
Vgelchens Lager ein Zeichen. Er tippte mit dem Finger an seine Stirn,
andeutend, da er an der Vernunft seines Fruleins zweifle.

Vgelchen streifte tags darauf wieder allein im Wald umher und war
einsam bei den Mahlzeiten. Kruger begrte sie mit tiefen Verbeugungen.
Er sa in einem Gartenhaus hinter Bchern bei einer Schreibarbeit.
Manchmal stand er auf und fuhr wild gestikulierend mit den Armen in die
Luft. Vgelchen war sehr neugierig, was er da treibe. Sie ging einige
Mal um das Huschen herum, setzte sich dann in Hr- und Sehweite, mit
dem Schnitzen einer Gerte beschftigt.

Ja, da brauchte man ein Papier, sagte sie, scheinbar zu sich selbst
sprechend. Ein kleiner Junge lief vorber und sah das kleine Frulein
an. Ich mache eine Fahne, sagte sie, fr mein Schiff. Aber dies ist
erst der Mast. Ich brauche ein Papier. Und dann schreib' ich darauf
>Fnkchen, flieg<. So heit mein Schiff. Hast du verstanden, Peter? Oder
heit du vielleicht Seppel? Der Junge nickte. Nun, kannst du nicht
reden? Aber nicken kannst du doch? Andere knnen nicht einmal nicken,
und wenn du ein Student wrst, httest du auch ein Papier. Seppel
murmelte etwas, das seine Zahnlosigkeit unverstndlich machte, und
verschwand auf das schrille Pfeifen eines Genossen.

Jetzt erschien Kruger vor dem Gartentor und hielt einen Bogen in der
Hand.

Ach, Sie sind hier? sagte Vgelchen.

Sie suchen mich ja schon eine gute Weile.

Einbildung, sagte sie.

Das ist keine Schande unter guten Freunden.

Freunden? Ich kenne Sie doch kaum. Vor acht Tagen wute ich noch nichts
von Ihnen.

Oh, das tut nichts zur Sache. Liebe auf den ersten Blick.

Ich, Sie lieben! Sie lachte.

Lieben Sie den Vogel dort, der ber dem Baum schwirrt? Vor einer
Sekunde noch war er nicht in Ihrem Leben und vielleicht werden Sie ihn
nie wiedersehen. Lieben Sie dieses Marienkferchen, das morgen tot sein
wird, den Fisch, der dort aufblitzt im See, den Seppel, der eben
fortlief?

Sie dachte nach. Ja, sagte sie. Aber Sie? Nein.

Auch mich, aber das ist nichts. Er machte eine Handbewegung, als
schbe er etwas weit weg, und immerzu noch lchelte er unter dem Glck,
da sie wieder zu ihm gekommen. Auch mich, aber Ihre Liebe gehrt allen
und niemandem. Sie bleiben nirgends. Ihr Herz hat Flgel. Es saugt sich
dort an und da an und es wird s werden wie Honig. Dies ist der Sinn
Ihres Lebens, Honig des Herzens zu geben und den Gesang Ihrer Seele. Sie
werden nicht Landschaften malen, nicht auf den Brettern agieren und
nicht studieren, es sei denn, Sie tten es einem Menschen zulieb. Sie
werden nicht sticken und Bcher lesen, und ich glaube, da Sie niemals
ein Kind haben werden.

Vgelchen hatte still zugehrt. Jetzt kam Bewegung in sie. Ich will
Kinder haben, sehr bald will ich kleine Kinder haben. Nchstes Jahr
vielleicht schon, sagte sie.

Kruger lachte, aber pltzlich standen seine Augen voll Trnen. Er hatte
tagsber in Ekstase gearbeitet und war sehr erregt. Deine Wiege stand
im Wstensand, im Land des Morgens, sagte er mit weitausschauendem
Blick, als predigte er. Ehelich gebunden bist du, ehe du zum Weibe
wardst. Du bist gebenedeit, denn zwischen dir und Gott ist kein Ich und
Du. Und pltzlich beugte er sich herab, rasch hinknieend wie ein
Frommer, der eine Kirche verlt, und kte den Saum ihres Kleidchens.
Sie warf eine Blume, einen himmelblauen Enzian, auf ihn herab. Er barg
ihn in seiner Brust.

Am Kiesweg knirschte ein Tritt. Camill, der Kammerdiener, stand hinter
ihnen.

Der gndige Herr sind angekommen, sagte er.

Student Kruger war nun abgesetzt. Er war jetzt ganz auf Camill
angewiesen, der eine starke Anziehungskraft fr ihn hatte. Wenn
Vgelchen zur Ruhe gegangen war, pflegte er mit ihm, der gern trank, im
Schankzimmer des Gasthofes zu sitzen. Diese Freundschaft anzubahnen,
schien ihm wichtig. Durch Camill hoffte er Vgelchens Wege verfolgen zu
knnen. Der Diener sprach nicht wenig von schlpfrigen Dingen und
Student Kruger, miratener Hofratssohn und Hrer der Theologie, vernahm
sie mit Verstndnis und Wohlbehagen. Er erfuhr auch einiges ber
Mannsthal, den er als Vgelchens Besitzer bewunderte und hate. Camill
lie Andeutungen fallen von Abreibungen, elektrischen Kuren, von
Medikamenten und Bdern, von gymnastischen bungen, die alle der
Erhaltung jugendlicher Manneskraft dienten. Konrad Kruger versuchte sich
heimlich in hnlichen Prozeduren und sie hatten die Wirkung, da Minna,
das Schankmdchen, ihm eine Ohrfeige gab. Eine Reihe von Gedichten
entstand aus dem neuentfachten Brand seiner Sinne. Sie verklrten sich
alle ins Mystische und alle waren an Ariel-Vgelchen gerichtet, das ihm
von ferne ernsthaft zulchelte. Mannsthal hatte die Versuche, ihm Kruger
nher zu bringen, mit leichtem Spott abgewiesen.

Da geschah es am Tage vor der Abreise, da am spten Nachmittag eine
Dame vorfuhr und nach Mannsthal fragte. Suchend irrte ihr erregter Blick
umher. Sie war beinahe korpulent, was zu ihrem merkwrdig zarten, von
Leid gezeichneten Gesicht im Widerspruch stand. Vgelchen sah, wie
Mannsthal vorsprang und sich mit bleichem Gesicht khl und wie abwehrend
verbeugte. Die Dame sah forschend auf Arabella und ein schmerzliches,
mit Neugier gepaartes Lcheln streifte sie. Dann folgte sie Mannsthal,
der ihr Vorwrfe zu machen schien, in das nahe Wldchen.

Vgelchen war sogleich von Argwohn erfllt. Sie hate es, von fremden
Leuten betrachtet zu werden. Blicke krochen ihr bis an die Haut und
verursachten ihr oft Unbehagen. So hatte sie sich auch unter diesem
Lorgnettieren abgewandt und den forschenden Blick durch eine rasche
Umdrehung der Schultern gleichsam abgeschttelt. Eine vielleicht
geplante Annherung der Dame schien dadurch augenblicklich unmglich
geworden. Arabellas Mitrauen war nach den Erlebnissen in K.
begreiflicherweise noch nicht geschwunden und, wre sie nicht Kruger
begegnet, der ihrer innern Welt schon durch die Hemmungslosigkeit seiner
Rede nher stand, sie htte den Zweifel an einen mglichen
Zusammenschlu mit Menschen nicht so bald berwunden. Aber noch
beherrschte er sie. Mit dieser Fremden wollte sie nicht sprechen. Va
schien ber ihr Kommen erzrnt. Eine geplante Segelfahrt war nun
berdies versumt. Obwohl Arabella zu einem Buch griff, war sie
innerlich aufgewhlt und las nicht. Sie ahnte wieder die Geheimnisse,
die um sie wuchsen, wie undurchdringliches Gestrpp. Ein Gefhl, aus
Trotz und Scham gemengt, drngte jede Frage zurck. Dennoch zehrte
Neugier an ihr und Grbeln, ob sie mit Wissen ein Drohendes,
Unheimliches nicht wrde bannen knnen.

Kruger lag im Walde, als Mannsthal mit der Dame herankam. In seiner
grnen Lodenjoppe war er vom Moosboden nicht zu unterscheiden. Er las.
Da hrte er eine Frauenstimme erregt sagen: Bitte, setzen wir uns doch
endlich, ich bin mde. Die nchste Bank war nicht in Hrweite. Student
Kruger kroch auf allen Vieren, bis er Brocken des Gesprches erhaschen
konnte.

Was ntzte dir der neuerliche Proze? Sie ginge ja doch nicht mit dir.
Willst du das Kind gegen seinen Willen zwingen? Dann hrte er weiter
aus Mannsthals Munde das Wort Erbin. Du willst ihr ein glnzendes
Leben verscherzen? Du, eine Fremde! Denn sie kennt dich ja nicht mehr.
Die Frau antwortete: Ein glnzendes Leben? Du wirst sie zugrunde
richten. Du hast eine Wilde aus ihr gemacht. Ich dulde das nicht
lnger.

Man hat dich nicht gewarnt? -- Urbacher? Oder spionierst du?

Nein, verdchtige niemanden. Gewissen --

Warum schwieg es denn damals? Warum hast du das Kind deinem Mann
geopfert, der von mir bezahlt war? Mu ich dich wieder daran erinnern?
Die Stimmen wurden lauter.

Du lgst. Deine Spitzfindigkeiten boten uns keinen Ausweg.

Willst du endlich seine Unterschrift sehen? Ich habe diese kleine
Kostbarkeit immer bei mir. Fr alle Flle.

Aber ich dulde nicht, da du im Ausland lebst. Da du das Kind
verschleppst.

Sie haben keine Rechte zu verbieten.

Und wenn ich dich verdchtige, da du nicht als Vater an ihr handelst?

So werde ich vor den grbsten Mitteln nicht zurckscheuen. Noch einmal
solch ein berfall und ich erzhle Arabella alles.

Willst du ihr verchtlich werden?

Willst du, da sie die Erinnerung an dich, da sie das Wort >Mutter<
fr immer austilgt?

Erpresser, sagte die Frau.

Du reizt mich zum uersten. Du weit, ich liebe sie unberwindlich,
mehr als Recht und Ehre. Kehr' in dein Leben zurck, das du dir
freiwillig gewhlt hast, und beunruhige das Kind nicht.

Die Frau stand auf. Treib' es nicht zu weit. Gott gebe, da ich dir
Unrecht tue. Aber auch, wenn du reist, werde ich Mittel finden, das Kind
im Auge zu behalten. Sie schluchzte. Sie entfernten sich. Kruger sprang
auf. Er lief durch den Wald bis zu jener Stelle, wo die Fahrstrae
ansteigt und Wagen im Schritt fahren. Dort wartete er. Als das Gefhrt
herankam, grte er.

Auf ein Wort, bitte. Die Dame fuhr erschrocken auf und fragte:

Was wollen Sie? Ein Bettler war das nicht.

Ihre Adresse, sagte Kruger -- fr alle Flle.

Die Dame erbleichte. Wer sind Sie, stie sie hervor.

Wozu? Nebensache. Zu Ihrem Vorteil frage ich. Geben Sie zumindest eine
Deckadresse. Den Namen Ihrer Tochter Arabella zum Beispiel. Welches
Postamt?

Die Dame sah den Menschen an. Sie besann sich mhselig. Zgernd nannte
sie das Verlangte. Kruger zog rasch den Hut und verschwand im Walde.

Vgelchen konnte nicht einschlafen. Sie sa auf ihrem Balkon im Dunkel
und kmmte ihr Haar. Sie tat das gern und immer lnger, als es ntig
war. Vor dem Gartenhaus sah sie Kruger herumwandern. Er sah ernst und
vergrmt aus, schwer von Wissen. Mannsthal hatte sich zurckgezogen und
ihr jede Frage abgeschnitten. Er wollte sie nicht mehr belgen. Seitdem
er sie in ein neues Leben aufgenommen, versuchte er so ehrlich zu sein
als mglich. Spter wrde er ihr fr alle Teile gleich schonungslos die
Wahrheit sagen. Spter! Vgelchen starrte auf das Licht seines Zimmers.
Jetzt losch es. Zorn stieg in ihr auf. War sie denn immer noch das Kind,
dem versagt wird, was der bloe Anstand erforderte? Aufklrung von
Vorgngen, die sich vor ihr abspielten und dies alles mit
Selbstverstndlichkeit. Ihre Freundschaft mit Urbacher, mit dem
Studenten, wortlos wurden sie ihr genommen. Warum war dies zwischen ihr
und Va, da sie nachts sich nicht mehr zu ihm getraute, wenn ihr
ngstlich zu Mute war? Alles schien ihr nun unnatrlich. Wie
traumverloren stand sie auf, stieg mit ihren roten Pantffelchen und
aufgelstem Haar zu dem Menschen, den sie da unten bei der Arbeit wute,
zu ihm, der die Tore seines Wesens fr sie aufgeschlossen hatte. Morgen
wrden sie ja reisen. Da mute alles anders werden. Dann wrde wohl auch
Va sie einnehmen in sein eigenes Leben. Aber, wenn das nicht geschah?
Wenn sie allein bliebe? Gab es einen Weg aus ihrem Bangen? Nun wrde sie
Kruger Adieu sagen und seinen Predigersegen empfangen. Als sie so
pltzlich vor ihm aufstieg, wei und lautlos, griff er in die Luft, als
gelte es eine Erscheinung zu fassen: Wieder auferstanden? sagte er
grinsend.

Schweig, flsterte sie. Va braucht uns nicht gleich zu hren und
Camill verrt uns.

Nein, der tut es nicht, und wenn auch? Morgen fhrt Frau Arabella
Mannsthal in die Welt.

Ja, morgen fahren wir in die Welt.

Du Glckliche, seufzte Kruger, wenn du wtest, wie ich mich
hinaussehne, wie ich es erlechze, die weien Firne im Spiegelbild der
blauen Seen zu erblicken, die berhmten Sttten der Kunst, die uralten
Baudenkmler, deren lebendiges Geschehen mir gegenwrtig ist! Wie ich
mich nun doppelt sehnen werde, in diese schon von alter Kunstheiligkeit
schaurig gewordenen Kirchen zu treten. Wird er dir auch alles zeigen
knnen, wie ich es knnte? Wird er dich beten lehren und dichten, wenn
Bewunderung keine tglichen Worte mehr findet? Wird er jene
unzerreibaren Fden ziehen, die unsere Sterblichkeit an das gttliche
Ewige binden? Fr dich mten die Steine wieder ihre alten Worte finden.
Von den Wnden der Kapellen mten Schwester und Brder aus heiligen
Landen herabsteigen und Zwiesprache halten mit dir. Statt dessen, Ariel,
wird der groe Brand ber dich kommen. Sieh, fuhr er in schlichter
Ergriffenheit fort, dein Blut wird sich entznden, es harrt schon des
Feuersteines. Aus der schmalen Schale deines Kinderleibes werden Flammen
brechen. Hte ihre Heiligkeit. Mge es dich nicht vernichten, das
Feuer.

Vgelchen sah das Feuer, das die Sttte ihrer Kindheit verheert hatte.
Es war eins mit dem Brande, vor dem er warnte. Welch Wunder, sie
verstand ihn! Endlich kam ein Licht ber ihr dumpfes Ahnen. In jener
Nacht mit Mila Maquard, in jenen Stunden, da seltsame Liebkosungen
Fluten von Wrme und heier Gier in ihr erweckt hatten, da hatte
zugleich ein Gefhl traurig beseligter Weltflucht, ein Enteilen ihres
Krpers ber alles Irdische sie erhht. Sie ahnte, seine Warnung hie:
Lass' dich gleiten, verweile nicht auf den Wogenkmmen der Eigenlust.
Strme aus in unendlichem Geben.

Da sie ihn verstand, beglckte sie. Und nun war darber kein Zweifel
mehr, als er sagte: Tu es mit ganzer Seele. Sie sah nicht, wie seine
bebende Hand sich ballte und wie zum Fluch sie sich aufrecken wollte zum
erloschenen Fenster Mannsthals.

Ich werde dich wohl nie mehr sehen, sagte sie traurig.

Du wirst mich sehen. Ich werde dir nahe sein, immer, immer wirst du nur
zu rufen brauchen. Immer wird dein Bild vor mir schweben und mich zum
uersten strken. Er blickte auf sie mit halbgeschlossenen Augen und
leicht geffnetem Mund wie einer, der einen lieblichen Traum erschaut.
Dann schlug er den Blick nieder zu ihren roten Pantffelchen, ein
Mrchen kam ihm in den Sinn. Sie tippte ihn leise an der Schulter.

Schreib mir, hauchte sie. Und dann verschwand sie, von seinen Worten
durchschauert.

Tags darauf fuhr der Wagen vor, die riesigen Koffer aufgeschnallt.
Vgelchen stieg ein wie eine Braut, ihr Schleier flatterte in der Brise
des Morgens. Mannsthal folgte ihr, bettete sie ein in weiche Decken.
Eine feierliche Entschlossenheit lag kalt wie Marmor auf seinem Antlitz.
Camill sprang auf und blinzelte zu einem Fenster. Dort stand Kruger. Der
Wagenlenker tat seine Arbeit. Ein leichtes Gren. Nun flog das Gefhrt
in die Landschaft ...

Hunde, die man zu Hause lt, brechen zuweilen ihre Fesseln, Wagen oder
Eisenbahn nachzujagen mit hngender Zunge. Also flog schweitriefend
Konrad Krugers Seele neben Vgelchens Wagen und heulte auf zu ihr in
verschmachtendem Schmerz.




                           Adalbert Mannsthal


                                        _Il avait toujours eu le
                                        malheur d'tre riche._

                                                      (_Romain Rolland
                                                    Dans la Maison_)

Fnfundzwanzig Jahre vor diesen Begebenheiten saen in dem Parke der
Mannsthal-Villa in Hellwang einige Jungen und sprachen -- sie waren etwa
fnfzehnjhrig -- von Unerlaubtem. Einer von ihnen fhrte das Wort,
manche warfen Bemerkungen ein, um Kenntnisse zu beweisen, andere
stellten ab und zu eine zaghafte Frage. Nur Adalbert schwieg und es
schien, als hre er nichts als das Brausen der nahen Stahlwerke und she
nichts anderes als die feine Holzschnitzarbeit, die er eben handhabte.
(Es war ein Kstchen, das einem besonderen Mineral als Aufbewahrungsort
dienen sollte.) Immer wieder trieb es die Jungen an, vor ihm ihre
Erffnungen ins Lgenhafte zu steigern, um ihn endlich zur Anteilnahme
hinzureien. Whrend er uerlich khl blieb, entfiel ihm kein Wort des
Gesprches, aber zum ersten Male bemchtigte sich nun seiner Unruhe. Er
selbst war wohl von einem vernnftigen Vater hinreichend aufgeklrt
worden, aber seine beherrschte Lebensart, die Beschftigung mit
knstlerischen Dingen, sein Interesse fr das groe Unternehmen des
Vaters, sein stark entwickelter Schnheitsinn hatten ihn bisher vor den
oft im Miggang vorzeitig aufkeimenden Trieben bewahrt. Zum ersten
Male, obwohl lter als die Vettern und Freunde, begann nun ein heier
Drang in ihm aufzusteigen, der ihn so sehr betroffen machte, da eine
Beteiligung am Gesprche seine krperliche Anteilnahme verraten htte.
Whrend er nun mit unruhiger Hand die Laubsge zu meistern suchte, ging
quer ber die Auffahrt zur Villa eine Dame mit einem etwa zwlfjhrigen
Mdchen. Dieses war sehr zart und bla, ein Stadtkind. Ein leichtes,
weies Rckchen flatterte um gut gewachsene Beine, die zwischen den
modisch hervorlugenden Spitzenhschen und den Strmpfen nackt waren. Der
Wind drohte sie noch weiter zu entblen. Die Dame war die Frau eines
neuernannten Werkdirektors, die Kleine ihre Tochter, die nun mit den
Eltern in der Fabrik wohnen sollte. Sie waren gekommen einen
Antrittsbesuch abzustatten. Adalberts Blicke folgten dem wehenden
Rckchen, bis es hinter einer Baumgruppe verschwand. Nach einer Weile
sandte die Tante, die Mutterstelle an ihm vertrat, Botschaft, um ihn in
das Empfangszimmer zu rufen. Die Dame verneigte sich vor dem Sohn des
mchtigen Fabriksherrn und sagte:

Mach deinen Knix, Loli.

Loli schien der Knix nicht am Platze. Sie reichte ihre Hand und sagte
treuherzig: Gr Gott!

Adalbert blieb eine Weile, aber so wohlerzogen er auch war, er fhlte
seine Blicke immer wieder zu den nackten Knieen Lolis entgleiten, die
ein blonder Flaum bedeckte, und weiterirren zu dem Hschen, das noch
nackter schien, dann auf zu dem weien Rckchen, das, vom Winde wie ein
weies Bltenblatt zerzaust, nun mde von ihren schmalen Hften hing. Er
wute, da er in diesem Augenblicke alles darum gegeben htte, seine
wertvolle geologische Sammlung, seine Eisenkristalle, seine Bcher, wenn
der Sturm, der sich nun drauen erhob, durch die Tre der Terrasse
brechend, ihm das enthllen wollte, was ihn zu sehen gelstete. Er war
sehr bla am nchsten Morgen. Als der Nachmittag kam, ein schwler
Julinachmittag, mit Lindenduft und mdem Gesang der Vgel, schlich er an
das Grtchen des neuen Direktors und sah Loli an einem Beet beschftigt.
Er pfiff leise. Sie horchte auf, sah ihn und sagte lchelnd: Gr
Gott!

Willst du spazieren gehen? fragte er.

Gern, sagte sie freudigst, rief ins Haus und kam dann aus dem Tor. Sie
nahm ihre Schrze ab, warf sie auf die Hecke hinter den Zaun und reichte
ihm krftig die Hand. Wie frisch sie ihm erschien. Es ging ein
Wohlbehagen von ihr aus, wie von neugesteifter, bltenreiner Wsche, die
sorgfltige Hnde in einem Spind verwahrt hielten.

Wollen wir in den Wald gehen? fragte er. Sie klatschte in die Hnde.

Fein, rief sie. Sie begannen zu plaudern nach Kinderart. Wie alt bist
du? In welche Schule gehst du? Was lernst du am liebsten? Hast du
Geschwister?

Wo sind die vielen Jungen? fragte sie dann.

Sie haben einen Ausflug gemacht.

Und du bist zu Hause?

Ich war zu mde, habe wenig geschlafen. Dann wollte ich dich
herumfhren. Du kennst hier noch nichts.

Wie freundlich von dir. Es ist so schn da. Mama hofft auch, da ich
hier strker werde.

Ja, das knnte nicht schaden. Du siehst noch aus wie ein Junge.
Vielleicht bist du einer.

Loli wurde rot. Was fllt dir ein!

Nun so beweise mir's, da du keiner bist.

Soll ich mit dir balgen?

Nein, das tut ihr Mdel ja auch. Anders sollst du mir's zeigen, da du
kein Junge bist. Er sah sie von der Seite an und lchelte wie im Spott.

Pfui, du bist ungezogen, rief Loli entrstet. Ich dachte, da du ein
feiner Junge bist. Und vor dir htte ich knixen sollen.

Nun, sei nicht bse und verznde mich nicht gleich bei deiner Mutter.
Dann ist's aus mit unseren Spaziergngen. Sieh, Loli, diesen kleinen
Gefallen knntest du mir schon tun, damit ich sehe, da du einer
Freundschaft auch etwas zu Liebe tust. Und damit ich ganz sicher bin,
da du kein Junge bist. Er lachte, als scherze er. Sie waren schon im
Walde, der hinter den groen Holzpltzen, die wrzig in der Sonne
dufteten, hinanstieg. Es war dunkel und still um sie. Loli sah bla und
erschrocken aus. Ihr Jungen seid bse, sagte sie.

Hat denn schon einer das von dir verlangt?

Ja, sagte sie. Aber ich habe es nicht getan. Es waren fnf, alle
meine Vettern. Hinter der Scheune bei Onkel Rudolf. Sie baten so, aber
ich tat es nicht. Du httest sie sehen sollen, sie wurden bse.

Willst du nun, da auch ich bse werde? Und ich bin doch nur einer, da
ist es dir doch leichter. Dann wollen wir doch auch Freunde werden. Im
Winter fahren wir dann Schlitten, wenn ich zu den Ferien komme. Bitte,
Loli! Seine Augen, die gro, grau und tief umschattet waren, leuchteten
flehend in die ihren. Einen Augenblick nur! Hier, siehst du, hinter
diesem dicken Stamm. Hier sieht es niemand.

Loli sah den hbschen Jungen, vor dem ihre Mutter sich verneigt hatte,
sie leicht und dennoch herrisch an der Schulter berhren. Das
Sonnengeflimmer rieselte grnlich durch die Zweige. Es war so still um
sie her. Man hrte nur des Knaben erregten Atem. Da hie das uerste
seines Wunsches ihre Hndchen seiner Bitte willfahren. Er kniete vor
ihr. Ihre Haut war weier als der Schnee. Er krampfte seine Fuste ins
Moos. Da raschelte ein Vogel auf. Loli erschrak. Bebend fiel die Hlle.
Adalbert war auf dem Waldboden niedergesunken, vergrub sein Gesicht.
Dann sprang er auf. Nun liefen sie aus dem Wald, als frchteten sie
Verfolger. Seine berlegenheit war geschwunden.

Die folgenden Tage umgaben ihn die Kameraden. Adalbert schien ein
anderer. Er war heiter und beweglich, beinahe rauflustig. Dann wieder
verschwand er aus dem Freundeskreise. Er wollte sich abseits halten, um
Loli wieder, ohne da es die anderen gewahrten, zu einem Waldspaziergang
aufzufordern. Es htte ihm schon gengt, sie zu sehen, die Hand, die
seinen Wunsch erfllt, leicht zu berhren, unmerklich an ihr Rckchen
anzustreifen. Aber immer war einer der Jungen hinter ihm her und es war
ihm, als drfe er keinen auf seine Fhrte bringen. Er hate sie alle in
diesen Tagen, weil sie wie er vielleicht ein Gleiches erreicht htten.
Wenn ihm etwas lieb war, bekam es die Glorie der Heiligkeit. Es war
nicht Neid, der ihn ngstlich seine Sammlung verschlieen hie. Er
fhlte sich als Kronhter.

Da geschah es, da einer der Knaben vom Scharlachfieber ergriffen wurde.
Er reiste, noch ehe die Krankheit sich entschieden geuert, nach Hause,
aber bald darauf erkrankte auch Adalbert. Er war in diesen Tagen in
seinen Krften sehr herabgekommen gewesen, hatte wenig geschlafen und
gegessen. Nachdem der Ausschlag geschwunden war, stellten sich
Folgekrankheiten ein. Er magerte ab. Das Fieber hatte ihn fast
aufgezehrt. Die Schwche lschte das Feuer der eben erwachten Sinne, die
noch in den Phantasien der ersten Krankheitsnchte aufgeflammt waren.
Eine seiner Lungen schien gefhrdet. Im Sptherbst reiste man mit ihm
nach dem Sden, dann in die Schweiz, deren Hhenkuren empfohlen wurden.
Zwei Jahre lang lag er auf Terrassen, den Blick auf enzianfarbigen
Himmel, von Schneekuppen gesumt. Er las viel, lernte mit seinem
Hauslehrer, einem Hochschulstudenten, der schwchlich war wie er. Lange
Zeit war in der Liegehalle ein Russe sein Nachbar. Der war lter als er
und eine brennende Seele wohnte in ihm. Sie sprachen leise, da Arzt und
Pflegerin sie nicht hrten, stundenlang. Der Geist war jetzt Herrscher
ber Adalbert. Nur ganz selten, wenn er die Augen schlo, mde des
vielen Lichtes, sah er im Waldglanz an einen Baum gelehnt, ein fernes
Bild. Wie im Traum.

Zu dieser Zeit bewegten ihn leidenschaftlich grundstzliche Fragen. Da
man sein Vaterland vor allen anderen lieben msse? Nikolai Karinski tat
es. Nicht etwa da er seine Nation ber die anderen stellte. Rulands
Seele wolle den anderen dienen, es beugt sich vor der Kultur Europas,
seit Peter sie heimgebracht. Nein, Ruland wre wie kein anderes Land
fhig, den Wert der anderen Nationen zu erkennen, und dennoch msse die
Erlsung der Welt von ihm ausgehen. Das Allmenschliche der russischen
Seele sei die groe Botschaft an Europa.

Adalbert verstand ihn zuerst nicht. Er meinte, da Ruland und Zarismus
das gleiche sei: eine ameisenhafte Anhufung drftiger Menschen, ber
der ewig die Knute des Despotismus drohe. Wie konnte Karinski sein Land
lieben, wie von ihm Erlsung hoffen fr die Welt. Und wie kam es, da er
das seine mit seinen alten Kulturtraditionen, seinen landschaftlichen
Schnheiten nicht ber alles lieben gelernt? Liebe frs Vaterland, das
war ihm nicht viel mehr als ein Schulgegenstand. Whrend der Reisen, die
er mit seinem Vater unternommen hatte, war er in fremden Lndern
gleichermaen in Begeisterung entflammt, wenn das Schne ihm begegnete.
Karinski, der Graf, aber liebte sein Land im Volke, in der einfltigen
Seele des Russen, die durch alle Fegefeuer der Zweifel zu Gott ging
und die Barmherzigkeit Christi auf Erden vertrat. Aber Adalbert hatte
immer gehrt, da in Ruland die Korruption zu Hause, Bestechung und
Grausamkeiten alltglich seien. Dies habe ja das Volk gro gemacht, gro
im Leiden, meinte Karinski. Dies habe die Seele des einzelnen erhht und
verbrdert mit dem Niedersten seines Landes. Qualen, unsglichste Leiden
hatten den russischen Menschen widerstandslos gemacht gegen die
Anfechtungen seiner dunklen Triebe und die Inbrunst seiner Gefhle.
Deshalb sei er tierisch und kindlich, lasterhaft und einfltig zugleich,
deshalb sei er grausam und gottesfrchtig, niedrig und gromtig, im
Glck frevelnd, im Elend edel, eigenschtig und freigebig, furchtlos bis
zum Aberwitz und zernichtet in Angst und Schrecken. Immer ist er von den
entgegengesetzten Polen seines Wesens abgestoen und angezogen, Engel
und Teufel, Kind und Verderber. Niemals knne das Gefhl fr ihn
erkalten, immer erregt er Bewunderung oder Mitleid, Abscheu oder
Anbetungswrdigkeit.

Und Adalbert sah auf sein eigenes Volk zurck, er dachte an die Arbeiter
seines Vaters, an arme Leute. Ja, auch sie lebten mit Leiden und
seltenen kleinen Freuden, aber er sah nichts, was an ihnen begeistern
konnte. Er erinnerte sich, wie er in seiner frheren Kindheit sich eins
gefhlt mit den Kindern der Werkleute, da ihn aber sogleich Befremden
berkommen, wenn er einem Erwachsenen aus dem Volke sich gegenbersah.
Nicht von ihm, dem Kinde, ging dies aus. Er liebte die arbeitenden Leute
mit ihrem fremden Leben, das ihm unheimlich geheimnisvoll schien. Ihr
Knnen, ihre Fertigkeiten waren ihm oft unerreichbar und reizvoll
erschienen. Aber sie traten nicht als freie Menschen vor ihn, sie waren
Diener, Sklaven oder milaunige Neider, die ihr wahres Gefhl schlecht
verbargen. Wie muten erst Rulands Leibeigene hndisch unterworfen
sein, wie unmglich schien da eine Brderschaft mit den Armen. Aber das
war es ja, was Karinski so sehr an seinem Volke liebte, da es seine
eigene Wrde bewahrte. Die Demut, die Neidlosigkeit, sie gaben dem
Russen aus dem Volke das Selbstgefhl. Adalbert hatte getrumt dereinst
als Fabriksherr der Wohltter und Freund seiner Arbeiter zu sein.
Nikolais Reden berzeugten ihn von neuem, da ihn dieses Bestreben
enttuschen wrde. Sein Widerwille dereinst ber Tausende von Menschen
zu herrschen wuchs stetig. Im Volk eine tote Masse zu sehen, die der
Wille der Machthaber bewegt, war ihm unmglich. Er sah den Einzelnen und
sah die Vielen als Ausdruck einer Wesensart mit Wunsch und Willen, mit
ihrem Eigenleben. Wre er nicht unter den Arbeitern aufgewachsen, er
htte sie vielleicht wie eine ihm fremd geartete Masse angesehen, der er
seinen Willen aufzulegen imstande gewesen wre. Aber viele der Arbeiter
waren seine Spielkameraden und deren Vter. Es fehlte ihm nicht an
Herrschsucht, aber diese kam ihm einzig aus geistiger berlegenheit oder
Begierde. Eben deshalb kapitulierte sie hier vor seiner Einsicht.

Seines Vaters Tod traf ihn daher zwiefach. Er hatte sich mit dessen
Einverstndnis eine mehrjhrige Lehrzeit in groen Unternehmen Amerikas
gesetzt. Nun hie es auf halbem Wege heimkehren. Er brach seinen
Aufenthalt in England ab, wo er zwei Jahre studiert hatte, und begab
sich sogleich nach Hellwang zur bernahme des Werkes. Er war von seinem
Leiden vllig ausgeheilt, aber anstrengende Ttigkeit machte bald wieder
einen Urlaub notwendig. Als er zurckkehrte, begegnete ihm Lola Ritter,
die Werkdirektorstochter. Sie war aus der Stadt gekommen, in der sie zur
Sngerin ausgebildet wurde. Die Gesangsbungen hatten ihre Muskeln
gekrftigt, so da sie ber ihr Alter entwickelt war. Als Adalbert sie
sah, staunte er. Sie ist erblht, sagte er sich. Er erkannte den
klugen Gesichtsausdruck, die Zartheit der Hnde und Fe, ein blaues
derchen zwischen den Augenbrauen, die noch immer unruhig waren wie
damals. Seit jener kleinen Episode hatte er wohl Abenteuer mit Frauen
gehabt und hatte mit Freunden die gebruchlichen Stationen des Lasters
kennen gelernt. Niemals hatte ihn seither eine Leidenschaft erfat und
keine andere Neigung hatte das Bild der kleinen Loli verdrngt. Auch
Lola Ritter, die Jungfrau, vermochte das nicht. Aber es war denkbar, das
Kind in seinem erwachsenen Ebenbild strker zu spren.

Adalbert Mannsthal war damals zweiundzwanzig Jahre alt, aber auch er
schien lter in seiner Selbstndigkeit und er war in jeder Weise
beherrscht und sicher in seinem Auftreten. Als er ihr in Hellwang
begegnete, wo sie die Weihnachtsferien verbrachte, war er sich vllig
klar, da er sie besitzen wrde, da aber ein dauerndes Verhltnis an
Ort und Stelle unmglich sei. Warten aber bedeutete ihm nur Genu. Lola,
die in sich die Weihe der knftigen Sngerin trug, sah die Welt nur
durch das Licht ihrer Kunst. Alles, was sich nicht auf sie beziehen
lie, war ihrer warmen Lebendigkeit fremd. So schien sie es auch mit der
Liebe zu halten. Sie hatte, vierzehnjhrig, mit einem seiner Vettern
eine Freundschaft gehabt, die ihrer Neugier nur wenig mehr zu wnschen
brig gelassen hatte. Seither war sie gewarnt und hatte sich nur an ihre
Kunstbegeisterung verschwendet. So hatte sie denn auch wieder ihre
ursprngliche Reinheit zurckgewonnen und war errtet in der Erinnerung
jener Begebenheit im Walde, als ihr nun der Fabriksherr erschienen war.
Aber bald fand sie ihm gegenber die alte treuherzige Art wieder, die er
an ihr so froh empfunden hatte. Sie erzhlte ihm, wie sie damals um sein
Fenster geschlichen sei, als er krank gelegen, alle Warnungen
miachtend, da sie sich kindisch gewnscht, statt seiner zu erkranken.
Wie sie gewartet habe, da er dann zurckkehre, und da sie sehr
bestrzt gewesen, ihn whrend seines kurzen Aufenthaltes in der Stadt,
ehe er nach England gereist sei, nicht gesehen zu haben. Seither gab es
immer junge Leute, die ihr gut wren, aber sie sei nun schon zu
erwachsen, um diese Dinge auf die leichte Achsel zu nehmen, und auerdem
lenke dies alles vom Studium ab. Adalbert fhlte sich leicht und
beruhigt, wenn sie bei ihm war. Unbewut schien etwas an ihm gezehrt zu
haben, das nun in des Mdchens Gegenwart schwand. Es war ihm
gleichgltig, was sie sprach. Am liebsten hrte er sie von ihrer
Kinderzeit erzhlen. Zwei Tage nach ihrer Begegnung trafen sie sich
heimlich zu einem Spaziergang und er lenkte ihre Schritte zu jener
Stelle im Walde, die seinen Trumen so oft Nahrung gegeben. Sie erriet
seine Absicht auf halbem Wege. Scham hinderte sie, ihm eine andere
Richtung vorzuschlagen. Sie wollte sich lieber den Anschein geben, alles
vergessen zu haben. Am nmlichen Platz blieb er stehen und zndete sich
eine Zigarette an. Sein Blick brannte in dem ihren. Sie sprachen ber
gleichgltige Dinge. Nun mu ich zurck, sagte er. Sie traten den
Heimweg an.

Wenige Tage nach ihrer Rckkehr zur Stadt sandte er ihr (sie wohnte bei
ihrer Gromutter) ein Billet zu einem Konzert. Er erwartete sie dann
nach Schlu und bat sie, mit ihm zu nachtmahlen. Sie dankte mit
Begeisterung fr das seltene Fest; die Einladung zum Nachtmahl nahm sie
an, fr den Fall, als ihr ein baldiges Zuhausesein mglich wre, damit
ihre Gromutter nicht in Sorge sei. Sie verbrachten einen Abend, der
Lola berzeugte, da der junge Fabriksherr nicht zu frchten sei. Bald
sandte er ihr wieder eine Karte ins Theater unter dem Vorwand, da die
Trauer ihn verhindere, sie selbst zu bentzen. Mhlich waren es Stcke,
zu denen er sie lud, die nicht nur Lolas Kunstbegeisterung erregten.
Nach den Vorstellungen speisten sie in einem stillen, vornehmen Lokal.
Wenig nach elf war sie zu Hause. Vor den Osterfeiertagen verabredete er
mit Lola wieder eine gemeinsame Fahrt nach Hellwang. Er bat sie, ihn in
seiner Wohnung zu erwarten, da er nicht gewi sei, wann er abkommen
wrde. Keinesfalls sollte sie eine Ankunftsstunde ankndigen, da
mglicherweise ein Hindernis eintreten knne. Lola war nach fnf Uhr
gekommen. Sie trat in ein kleines palastartiges Haus. Der Diener bat
sie, seinen Herrn zu erwarten. Als sie, noch ein wenig betubt, sich in
dem Zimmer umsah, hrte sie drauen die Eingangstr ins Schlo fallen.
Sie war allein. Der Raum, in dem sie sich befand, war in einer ihr
fremden Art eingerichtet. Hohe Kasten mit gro gemusterten Vorhngen
verbargen Bcher und Sammlungen. In einer Kristallkugel, die in einer
Sofaecke von der Decke herabhing, spiegelte sich regenbogenfarben der
Glanz der verscheidenden Sonne. Jenseits der vornehmen Strae lag die
Mauer eines Parkes, eben ergrnende Bume streckten ihre Zweige hervor.
Frhling, dachte sie und es fuhr ihr ein ser Schauer durch die
Glieder. Wo blieb er nur? Es war bald sechs Uhr. Zweieinhalb Stunden
hatten sie Fahrzeit. Die Tren der beiden Nebenzimmer waren geffnet. In
dem einen stand ein bermchtig groes Bett, groe Kasten, eine Tr mit
einem gerafften Vorhang lie einen Baderaum sehen. Im anderen Zimmer
stand ein Flgel, kostbare Bilder hingen an den Wnden. Lola erinnerte
sich jetzt, da Adalbert ihr einmal gesagt habe, er lebe mit seiner
Tante in dem Hause, das seine Familie seit vielen Jahren inne hatte. Von
einem Umzug hatte er ihr nichts erzhlt. Wenn sie ihm etwas mitzuteilen
hatte, schrieb sie ihm in sein Bureau. Pltzlich befiel sie jetzt in der
fremden Behausung heftige Sehnsucht nach seiner beruhigenden Gegenwart.
Es war dunkel geworden, als drauen Adalbert die Tr aufsperrte. Er bat,
zu entschuldigen. Nun sei es ja wohl zu spt, hinauszufahren, zumal fr
sie, denn augenblicklich knnte er auch nicht fort. Ob sie ihm nicht ein
wenig vorsingen wolle, er wrde sie begleiten, und ob sie sich bei der
Gromutter abgemeldet htte. Er war sehr unruhig. Schlielich setzte er
sich neben sie, nahm ihre Hnde, kte sie und meinte, es wren noch
ganz der kleinen Loli Hnde. Dann wieder sprang er auf und sagte, er
wolle den Wagen fr den Morgen bestellen, und ob ihre Gromutter nicht
gestrt sei, wenn sie so zeitig das Haus weckte. Lola hatte kaum Zeit zu
antworten, da bat er sie, mit ihm zu nachtmahlen. Es war von einem
gedeckten Tischchen, das immer bereit stand, nur ein Deckel zu heben.
Sie aen und Lola erschien alles unwirklich, zauberhaft. Nach dem Essen
bat er sie, die Nacht bei ihm zu verbringen, dies wre doch weitaus
bequemer, niemand wrde etwas erfahren und auch von ihm brauche sie
nichts zu frchten. Sie durchbltterten Bcher, er zeigte ihr nicht ganz
einwandfreie Bilder, sie tranken Likr, setzten sich an den Flgel, aber
Unruhe jagte sie von dort wieder auf. Schlielich bat er sie, sich zu
legen, da sie frh am Morgen aufbrechen muten. Er selbst wrde sich auf
dem Sofa des Bcherzimmers zurecht machen, er wolle ihr nur brderlich
behilflich sein. Sie lachte und lachte immer wieder in Verlegenheit und
Ungeduld. Ein starkes Licht brannte in ihren Augen. Er ffnete, kaum
ihre Haut berhrend, die Knpfe ihres Kleides. Dann entfernte er sich
mit seltsamem Lcheln. Als er sein Lager aufgesucht hatte, hrte er ein
leises Schreiten. Er schlo einen Augenblick die Augen. Dann hielt er
sie still in den Armen. Sie blieben schlaflos aneinandergeschmiegt, bis
drben im Park die Vgel zu singen begannen. Sie konnte sich kaum
erheben, die unerfllte Begierde lag ihr lhmend in den Gliedern. In
seinen Augen flammte ein bses und gleichfalls beseligtes Licht. Sie war
ihm verfallen. Er wute es.

Whrend der Osterfeiertage sah er sie nicht. In den ersten Tagen des
Juli traf er, nach einer kleinen Reise, wieder in Hellwang ein. Als er
Lola begegnete, war er herzlich und artig. Er machte spt abends
Spaziergnge und lie sie das wissen. Einmal trat sie pltzlich aus dem
Dunkel auf ihn zu. Ein Mann tauchte auf und verscheuchte sie. Eines
Tages fragte er sie -- er sprach sie niemals allein, ob sie nicht wieder
im Walde gewesen wre, an jener Stelle, wo sie vor Jahren ihm ein Bild
gezeigt, die heilige Elisabeth, die sich eines Snders erbarmt. Sie
antwortete leise, sie wrde nachts dort sein. Er verbarg sich, lie sie
warten. Und dann, als sie schon mde ins Moos hinsank, kam er zu ihr und
nahm sie ohne Zrtlichkeit. Er reiste bald darauf ab. Als er wiederkam,
sagte sie ihm, da sie guter Hoffnung sei. Da ging er zu ihrem Vater und
hielt um ihre Hand an. Alles sollte vorlufig geheim bleiben.

Aber du liebst mich ja nicht, sagte sie, als sie allein waren. Seine
Werbung schien ihr unwahrscheinlich.

Nein, ich liebe dich nicht, antwortete er. Ich liebe die kleine
Loli.

Lola war in den folgenden Tagen recht wunderlich. Sie a wenig und
magerte ab. Stundenlang stand sie vor dem Spiegel und versuchte allerlei
Verkleidungen. Ihre Mutter berraschte sie, als sie eben im Begriffe
war, den Saum ihres Rockes zu krzen. Sie ging mit hngendem Zopf umher,
sang Kinderlieder und kramte in ihren alten Schulheften. Eines Tages
mischte sie sich unter die Schulkinder und war eben daran, eines der
Klassenzimmer zu betreten, als ihr Vater bestrzt hinzukam. Gewaltsam
mute sie aus dem Schulgebude entfernt werden. Zu Hause befiel sie ein
hysterisches Kichern, dann heftige Weinkrmpfe. Allmhlich beruhigte sie
sich und lag willenlos in unheimlichem Schweigen. Als Adalbert sie zu
sprechen kam, weigerte sie sich des Wiedersehens, sie lie ihm sagen:
Loli sei tot. Man brachte sie in eine Nervenheilanstalt. Dort wurde die
traurige Hoffnung auf das Kind zunichte. Die Verlobung ward aufgelst.
Der Direktor avancierte. Adalbert ging auf Reisen, um Karinski zu
treffen.

Nun, wie stehst du mit deinen Fabriksleuten? fragte ihn der Graf.

Meine erste Tat war, die Tochter eines Werkdirektors zu verfhren und
ihren Verstand zu verwirren, erwiderte er.

Gib es auf, ein Herr zu sein, riet Karinski.

Adalbert verfiel in Schwermut, wenn er an Lola Ritter dachte. Er wute
nun, da er die kleine Loli gettet hatte. Er fhlte sie nicht mehr wie
ein menschliches Wesen, wie ein Geist und Dmon stand sie unentrinnbar
in seinem Leben. Mit jener Armen, deren Verstand getrbt war, hatte sie
nichts mehr gemein. Lola Ritter wurde jedoch bald aus der Anstalt
entlassen und es zeigten sich keine Symptome mehr. Sie versuchte wieder
zu singen, aber die Stimme, so schn sie auch ansetzte, brach mifarben
ab. Adalbert bat den Direktor, ihr eine Rente aussetzen zu drfen.
Spter verheiratete sie sich.

Mannsthal wute jetzt: das Geld kauft los von Gewissensschuld. Mit Geld
kann man zerbrochene Seelen leimen und Jungfrulichkeit vergten, ein
schlechtes Gewissen beruhigen. Aber eben deshalb verachtete er es und
fhlte sich gemeiner als der Arme, der seine Schuld austragen mu ein
Leben lang, Armut ist ihm Warnung und Verhngnis. Htte er Lola
geheiratet? Vielleicht -- weil seine Eitelkeit es gefordert htte, nicht
als Verfhrer gezeichnet zu sein. Aber er wute, er konnte diese Heirat
nur zum Schein eingehen. Seine Mittel erlaubten ihm, an anderen Orten zu
leben als seine Frau, Abenteuern nachzustreben und sich der Ehe zu
entledigen. Fr ihn war sie nicht der eiserne Ring, der den Armen in das
Leben des Gefhrten einkettet. Und er fhlte sich nicht verantwortlich
fr die Einrichtungen des Staates.

Ein Vetter seines Vaters und dessen Sohn, die hhere Stellen im Werk
innehatten, rumten ihm mit unverhohlenem Widerwillen eine Machtstellung
ein, die er selbst nur ungern auf sich nahm. Sie warteten, da er sich
unfhig erweise. Diesen Verhltnissen fr einige Zeit vllig entfliehen
zu knnen, lockte ihn. Er hatte das Werk so sehr geliebt, jede Maschine
war ihm Freund gewesen als Knaben. Aber er hatte gehofft, dies alles
noch lange genieen zu knnen wie einen groen Konstruierkasten,
spielerisch, da und dort Versuche anstellen zu drfen, ohne die Lasten
der Verantwortung zu tragen. Was kmmerte ihn der Vertrieb, die Erfolge
der Reisenden, die Preisunterbietungen der Konkurrenz, die
Reprsentation unter den Industriellen. Bestenfalls war er Ingenieur und
Erfinder, und er war es weit weniger als in seiner Knabenzeit, denn nun
lockte ihn das Leben in seiner Vielfalt. Wre sein Vater am Leben
gewesen, er wre mhlich hineingewachsen in all die Notwendigkeiten und
htte sie schlielich als selbstverstndlich empfunden. Nun aber lie
ihn sein Hang zum Wesentlichsein erkennen, da es sich letzten Endes um
Geldverdienen handle, um Zuhufung des groen Vermgens. Er dachte an
Beteiligung der Arbeiter. Seine erste Tat war gewesen, die Gehalte
aufzubessern, ging er noch weiter, so wurde er beinahe lcherlich. Und
er betrachtete das Unternehmen immer noch als Besitz und Werk des
Grovaters und Vaters. Ein Kongre im Ausland, dem er als Chef der
groen Firma beiwohnen mute, war ihm willkommen. Bei diesem Anla
lernte er den Neffen eines Teilnehmers kennen, Gilbert von Tirotzky. Mit
seinem mrchenhaft schnen Gesicht bezauberte der ihn. Seine Augen waren
zuweilen die eines in seiner Ehre gekrnkten Mdchens. Aber
nichts Weibliches war sonst an ihm: er war die Vollendung der
Jnglingsschnheit. Adalbert konnte den Blick nicht von ihm wenden. Es
ergtzte ihn, die heimliche Emprung zu beobachten, die in Gilbert
aufstieg, wenn bei den reichlich tagenden Banketten die Gesprche frei
wurden und sich in saftigen Anekdoten bewegten. Zu Adalberts malosem
Erstaunen war der Jngling, der im Begriffe stand, wie er ein groes
Unternehmen zu leiten, unschuldig wie ein Kind. Da sie die Jngsten
waren, schien es natrlich, da sie sich einander nherten. Eine
gemeinsame Reise zur Besichtigung eines Eisenwerkes wurde unternommen.
Als sie Munitionsfabriken besuchten, stieg pltzlich die Vision des
Krieges vor ihnen auf. Sie sahen blutende, hinsterbende Menschen,
eingescherte Gegenden, verwstete Kunstdenkmler. In ihren Schauern
erinnerten sie sich, da ihre Unternehmen Munition erzeugten und so den
Kriegsgeist frderten. Derselbe Mannsthal, der wissentlich Lola Ritter
geqult hatte und sich nun heimlich daran machte, Gilberts Reinheit zu
zerstren, derselbe Mensch schwor sich, seine Hand aus einem Unternehmen
zu ziehen, das Vernichtungszwecken der Menschheit sein Hauptaugenmerk
widmete. Derselbe Adalbert auch, der sich mit seinem jungen Freund
stundenlang ber die Gedichte des Novalis und Hlderlin, ber die
Mrtyrer des Mantegna und die Jungfrauen des Botticelli begeistern
konnte, lenkte, wenn sie nachts im selben Zimmer lagen, zielbewut das
Gesprch auf die Jnglingsliebe, fr die er sich entflammt fhlte,
seitdem er Gilbert kannte. Er htete sich, ihm dies zu beweisen, aber
als sie sich trennten, war sein Freund in Bahnen gelenkt, die ihn
dereinst ins Verderben strzen sollten. Adalbert befiel eine bse
Nervenkrise. Er litt um Gilbert, um die Erfllung seiner frevelhaften
Wnsche, die, wie er bald erfuhr, ein anderer erntete. Wie ein Strahl
aus himmlischen Reichen erschien ihm Angele von Tirotzky, Gilberts
kleine Schwester, die er anllich des Besuches, den er der Familie auf
ihrem Gute abstattete, kennen lernte. Seltsam, als sie nach vielen
Jahren wieder in sein Leben trat, glaubte er an eine himmlische Sendung,
an eine Mission, die sie an ihm zu vollziehen hatte. Vor dieser
entscheidenden Begegnung traf er sie einmal mit ihrer Mutter in Homburg,
ohne sie sprechen zu knnen. Von Gilbert aber hatte er schon zur Zeit
jenes Besuches keine Nachricht mehr. In diesen bsen Tagen rettete ihn
vor dem Zusammenbruch ein Miniaturbild auf poliertem Gold, eine alte
Brosche darstellend, die er bei einer Auktion erblickte und die die
erste Erwerbung seiner kostbaren Sammlung wurde. Dieses Bild hnelte
Loli und Angele und sollte dereinst noch ein deutlicheres Ebenbild
finden. Kenner bezeichneten es als Kopie einer Buchminiatur. Ein leiser
Heiligenschein schimmerte um ein kindliches Haupt.

Bald waren ihm Namen und Werke Melichs und Holbeins des lteren,
Luithard und Berengar, gelufig. Petitot, den Schweizer, die Deutschen
Grahl, Hengel, Glocker, Aldenraths, Graff kannte er, Bouvier, Bossi und
Harper, Fger und die sterreicher Daffinger, Theer, Saar, Peter. Er
kannte alle Manieren, die auf Pergament, Elfenbein, Gold, Silber,
Kupfer. Er reiste in sddeutsche Stdte die prezise Kunst des
sechzehnten Jahrhunderts kennen zu lernen und kaufte und kaufte. Als er
zurckkam, waren seine Nerven scheinbar in Ordnung. Nun arbeitete er im
Werk, drei Jahre lang, fast ohne Unterbrechung. Er musizierte dort,
hatte irgendeine Geliebte und war mit Sammlern und Kunsthndlern in
Verbindung.

Er hatte keine Freunde, nur Genossen, von deren wesentlichem Leben man
ebensowenig wute wie von dem seinen: Mnner, die etwa Beziehungen zu
Courtisanen von Rang hatten und hinter einem Sport oder Spleen sich
verbargen. Adalbert Mannsthal war wohlttig, aber auch dies erfuhr man
nur durch Zuflligkeiten. Seine grte Schpfung aus spteren Jahren
(als er das Werk schon in eine Aktiengesellschaft verwandelt hatte) war
eine Anstalt fr blinde Mdchen. Er besichtigte jeden neuen Zgling,
hatte unter ihnen seine Lieblinge, die er auch zu sich nach Hause nahm.
Mehreren dieser Mdchen ward durch ihn eine musikalische Ausbildung
zuteil. Sein Wesen blieb verborgen. Er geno den Leumund hoher
Moralitt. Seine Heirat mit Frau Ruthland befestigte seinen Ruf. Seine
Scheidung bekrftigte ihn. Ein Mann wie er konnte begreiflicherweise
nicht die Auffassung teilen, die in einer Ehe Entgleisungen duldet.
Mehrere Jahre vor seiner Heirat, nachdem er das Werk umgestaltet, reiste
er ins Ausland, in ferne Weltteile. Einige Zeit schien er verschollen.
Dann arbeitete er an neuen Maschinen und schlo sich einem berhmten
Physiker in bewunderndem Dienst an. Zuweilen lebte er in dem Landhaus am
See, das ihm seine mtterliche Tante vererbt hatte. Er besa im Seehaus
eine Voliere mit fnfunddreiig Vgeln, die er zum Teil aus fremden
Lndern mitgebracht hatte. Als ein Marder mehr als die Hlfte von ihnen
zerrissen hatte, a er zwei Tage lang nichts und schenkte den anderen
Tieren die Freiheit. Seine Miniaturensammlung betrieb er mit wachsendem
Eifer. Durch sie lernte er Urbacher kennen, der menschliche Kuriositten
studiert hatte, aber dessen berdrssig nunmehr seine Kenntnisse nur
gelegentlich verwertete. Gleichfalls unabhngig, Herr seiner Zeit und
seines Vermgens, war dieser in allerlei Leidenschaften verfallen, die
in Miggang und berflu gedeihen, aber sein Wesen war durch seine Gte
zwiespltig und durch fixe Vorstellungen skuril geworden. Er konnte
keinen entscheidenden Einflu auf Mannsthal gewinnen, wiewohl er in das
Verborgene seines Wesens einzudringen imstande war. Hingegen war
Adalbert durch Verstand, Schlauheit, berredungskunst und durch eine Art
Unwiderstehlichkeit befhigt, Menschen zu beeinflussen, wie es ihm gut
dnkte. Er selbst fragte nicht danach, wie man sein Leben beurteilte.
uere Ehrbarkeit hlt die Neugier fern. Er trug sie wie ein schtzendes
Kleid.




                                Am Wege


Vgelchen schrieb an Student Kruger: Ich wei Ihre Adresse nicht.
Camill verspricht, den Brief zu besorgen. Sie sind wohl schon zur Stadt
zurck. Am Ende vergessen Sie, sich mit Onkel Clemens anzufreunden und
ihm meinen Gru zu bestellen. Dies haben Sie versprochen. Und, Herr
Prediger, was ist's mit Ihnen? Was treiben Sie? Ist ein Buch schon
fertig? Haben Sie eine Braut genommen?

Ich will Ihnen von mir erzhlen, von uns. Und Sie drfen Va nicht lnger
bse sein. Va ist jetzt mein Freund, der so gut zu mir ist, da ich es
gar nicht aufzhlen kann. Zuerst waren wir in einer Stadt und blieben
dort, um Bilder anzusehen. Mgen Sie heilige Bilder? Gewi, Herr
Prediger. Die Leute sehen meist dumm darauf aus. Ich finde das so
rhrend. Das Jesukind ist oft reizend. Aber das mag ich nicht, wenn
Teufel mit Gabeln sich berpurzeln. Die Farben waren auch oft so
geschmacklos frher und vieles sieht jetzt so unbeholfen aus, weil man
auf den Photographien die wirklichen Menschen sieht. Aber die neuen
Bilder mag ich noch weniger. Ich finde sie oft roh und sie sehen
zerstrt aus. Landschaften gefielen mir z. B. ein Tal, auf das ein
Wanderbursch hinuntersieht, so einer, der im Lindenbaum vorkommt, den
wir zusammen gesungen haben. Da ist der Himmel und die Bume und die
Berge wie nach einem Gewitter. Aber alles zu erzhlen, das geht nicht
an. Niedliche Sachen bekam man zu kaufen aus Ton und hbsche Stoffe,
alles sehr bunt. Ich trank schwarzes Bier aus Steinkrgen auf einem Fa,
auf das mich Va hinaufgesetzt hatte. Alle Leute sahen mich an und waren
freundlich. Abends fuhren wir in einen Garten und ftterten weie
Hirsche. Wie die seltsam sind, wie aus einem Mrchen glotzen sie. Auch
an Seen waren wir, die gro sind, und alles ist berfllt, die Ufer und
die Khne. Ich wollte wieder schwimmen. Das Wasser war schmutzig. Va hat
bekannte Leute getroffen. Ich mag fremde Leute nicht. Sie reden immer
Gleichgltiges und man wartet immer, da sie schon fertig sind. Wir
haben auch Musik gehrt, das war das Schnste. Va hat sich eine neue
Geige gekauft. Dann fuhren wir. Es tanzte eine halbe Welt vor unseren
Coupefenstern vorber und jetzt sind wir wieder an einem See, wo es warm
ist und nie regnet. Die Berge sind in der Ferne, der Himmel sehr blau,
die Bume Pinien und Zypressen und hnliches, viele blhende Strucher,
Blumen, wie man sie bei uns nur in den Lden und Glashusern sieht,
wachsen in den Grten und duften, da man wie im Traum ist. Manchmal
flimmert es ber den See, den ich eben vor mir sehe, als wren viele
Libellenflgel wie ein Schleier vor ihm aufgehngt. Nachts seh ich noch
das Flimmern und die vielen Blumengesichter. Es sind auch viel andere
Menschen da und sprechen fremde Sprachen. Wir wohnen nicht im groen
Hotel, gehen nur zum Speisen hin. Wir haben ein Huschen, auf dessen
Dach man spazierengehen kann, mit einem groen Garten, der an der
Seepromenade unten eine Tre hat. Abends ist auf der Hotelterrasse Musik
und alles wie im Fest. Va ist vergngt wie nie zuvor. Wir laufen um die
Wette. Ich sage jetzt Albert. Camill wohnt im Hotel, ich habe kein
Mdchen. Va wollte es nicht. Ich frchte mich nachts manchmal, weil es
seltsame Tiere gibt, die rufen. Aber die Tr zu Alberts Zimmer ist offen
und er sieht zuweilen nach mir und ist gut zu mir, wenn ich bse Trume
habe. Dann sprechen wir oft lange. Auch ber den lieben Gott. Er sagt,
Frauen mten Gott in dem Menschen lieben, der ihnen am liebsten ist.
Albert liest mir auch vor: aus der Bibel von Ruth und Josef und seinen
Brdern, vom armen Hiob und dann vom Heiland. Das mu schn gewesen
sein, eine Frau zu sein, die ihm die Fe mit ihrem Haar trocknet. Aber
meine Haare sind nicht so lang. Einmal trumte ich, da ich Jairis
Tchterlein sei und er mich aufgeweckt hat. Dann lesen wir auch Mrchen,
die aber auch fr groe Leute sind, und Theaterstcke von groen
Dichtern. Die kennen Sie wohl alle. Auch spreche ich wieder fremde
Sprachen, die ich frher einmal konnte, sagt Va. Bei manchen Worten
fllt mir meine Mutter ein. Sie haben mich einmal nach ihr gefragt.
Albert hat es mir gesagt; sie konnte nicht bei ihm bleiben. Ich mchte
auch nicht, da eine andere Frau bei Albert ist. Ich erinnere mich
nicht, wie meine Mutter aussah. Warum ist sie aber weggegangen und hat
mir nie einen Brief geschrieben? Nun schreibe ich schon so lange und
wei gar nicht, ob Sie noch an Ariel denken.

Machen Sie noch Verse, Herr Prediger? Wenn Sie Geld brauchen, so
schreiben Sie gleich. Ich habe viel; Albert sagt, ich msse damit selbst
zurechtkommen. Also nur zu, wenn Sie Not daran haben und wenn man zu
Hause wieder bse zu Ihnen ist. Es grt Sie bestens

                                                   Arabella Mannsthal.

_P. S._ Erinnern Sie sich noch an unser Sterngucken? Nicht weit von hier
soll eine Sternwarte sein, von wo aus man durch lange Rohre die Augen am
Himmel spazieren schicken kann und dort viele Geheimnisse sieht. Das mu
das Schnste sein. Ich mchte zu gern hin. Albert hat mir eine
berraschung versprochen. Er ist manchmal abwesend, um sie
vorzubereiten.

Als Vgelchen den Brief verschlo, trumte ihr Blick den Garten hinab
zum See, der sich dort wie eine tiefblaue Wand aufstellte. An seinem
Ende erblickte sie einen aufschnellenden Gegenstand, der einem
pfeilgeschwind hinsausenden Vogel glich, vor dem das Wasser in weiem
Gischt zur Seite rauschte. Es war ein Gleitboot. Wie ein tierisches
Wunder scho es daher. An den Ufern hrte man rufen. Vgelchen eilte
hinab. Schon sieht man es nher, es vergrert sich in rasender
Geschwindigkeit, nun erblickt man den schmalen Schiffskrper, hrt das
Knattern eines Motors. Die seitlich geschleuderten Wassermassen
berfluten ihn, ein Mensch in Taucherkleidung wird sichtbar. Nun ist das
Sausen ganz laut, das Boot schnellt aufbumend glatt auf das beruhigte
Wasser hin und schwebt ans Ufer heran. Arabella ist unter den Leuten,
die sich in Neugier und Bewunderung am Dampferplatz zusammengeschart
haben. Der Gleitflieger springt ans Land. Es ist Mannsthal. Vgelchen
fllt ihm um den Hals. Sie zittert am ganzen Krper. Er hebt sie auf wie
eine Feder und trgt sie durch die gaffende Menge. Nun ist ihr der
Zauberer zum Helden geworden.

Das ist dein Geheimnis? fragte Arabella noch atemlos.

Ein Scherz vorlufig, sagte er lchelnd.

Adalbert pflegte mit Arabella auf der Terrasse an einem Tischchen
abseits zu speisen. Als sie eines Abends, von neugierigen Blicken
empfangen, eintraten, sprang rasch ein hochgewachsener Herr, der allein
an einem Tische sa, auf, blieb wie vor einer Erscheinung stehen und
strzte dann auf Mannsthal zu. Es war Nikolai Karinski, von dem er schon
mehrere Jahre nichts gehrt hatte. Zum Erstaunen der Gste, die
ringsumher saen, kten sich die beiden Mnner, blickten einander
prfend an, schttelten sich die Hnde und umarmten einander abermals.

Das ist Arabella, du weit -- stellt Mannsthal vor. Ein alter Freund,
Graf Karinski. Sie waren abgesondert in ihrer Freude unter den fremden
Menschen und Vgelchen war gleich die Dritte im Bunde. Der Russe, von
dem sie kaum etwas wute, war ihr nach wenigen Augenblicken kein Fremder
mehr. Er trug sich ein wenig _ la_ Lord Byron und hatte ein Gesicht,
dem man immer neue Reize abgewann, obwohl es nicht schn war. Nichts
schien in ihm aufeinander gestimmt, selbst die dunklen, sanften und doch
flammenden Augen waren ungleich, das linke hher als das rechte, wie man
es bei Menschen sieht, die lange ein Monocle getragen haben. Die Nase
stach absonderlich hervor, sie war wie ein Haken khn und adelig. Auch
das Kinn unter dem breit geradlinigen Mund war kantig. Sein Haar, von
einem weichen, metallenen Braun, war in kindhaften Scheiteln
zurckgelegt und wenig dicht. Die starken Backenknochen, der Ausdruck
der Augen, die Gestalt verrieten den Russen. Was diesem Antlitz das
farbig Wechselnde des Kaleidoskops gab, war sein Lcheln und Schauen.
Das konnte bald dem eines frhlichen Kindes, bald dem eines weisen
Greises gleichen und es konnte Verklrung und Andacht und tiefste
Zerknirschung spiegeln. bermut und Trauer flogen schattenhaft wie Licht
und Dunkel darber hin und zuweilen wurde es fratzenhaft (ganz selten in
Vgelchens Gegenwart) und oft brach die Flamme des Geistes aus ihm und
brannte hei ber seinen Zgen. Und dies alles schien oft
zurckzustrzen, auszulschen. Dann war das Antlitz einer verkohlten
Landschaft gleich, ber die fahler Nebel schwelt. Er hatte groe Hnde
und starke Arme. Vgelchen dachte, da er sie bis ans Ende der Welt
wrde tragen knnen ohne zu erlahmen.

Also dies ist dein Kind, dein Tubchen, dein Weibchen, sagte er und
sah sie an wie ein treues, derbes Tier. Ich darf du zu ihr sagen, darf
ich das, Porzellankindchen?

Ihr werdet bald gute Freunde sein, ermunterte Mannsthal.

Habe ja auch ein Kleinod zu Hause. Du weit, wie ich auf die Frauen zu
sprechen war -- aber die Grfin! Ja, die meine, hat mich beten gelehrt.

Und er begann von Tanj zu erzhlen. Eine barmherzige Schwester sei sie
und ihre Seele wre eine Wnschelrute, die jede Quelle des Leides
aufspre in der Menschen Drangsal. Ihre Stimme gltte Aufruhr und
Zwiespalt, ihrer Worte Balsam sei Sanftmut ohne Ende! Und Nikolai
Karinskis Augen waren die eines Beters und gleich darauf fiel sein Kopf
zur Brust herab und er glich einem Ber, der eine Zchtigung gewrtigt.
Er erinnerte sich wie immer, wenn er von ihr erzhlte, da er sie einmal
geschlagen, von Neugier getrieben, ob sie bse werden konnte. Er hatte
einen Streit vom Zaune gebrochen, indem er eine Rcksicht, die sie ben
wollte, barsch abwies, und als sie, seine Worte nicht ernst nehmend,
sich anschickte, ihr sorgliches Vorhaben auszufhren, hatte er ihr mit
Schlgen erwidert, die aus den Riemen einer Hundspeitsche auf sie
niedergingen. Sie hatte sich, noch immer an Scherz glaubend, zu ihrem
Bett geflchtet und sich darin vergraben. Als es vorber war, lag sie
still und starrte zu ihm auf, als wre ein Wunder geschehen. Aber kalt
und starr war sie anzufhlen, als er sich in grenzenloser
Selbstverdammung vor ihr auf die Kniee hinstrzte. Kein Schauer
durchbebte sie. Wie eine Tote lag sie ihm im Arm. Tags darauf war sie
still und gtig wie zuvor. Er bekam Krankenkost, das bedeutete eine
Anzahl leichter Leckerbissen, und die Kinder muten leise sein. Karinski
erzhlte das Arabella, als sie schon gute Freunde waren. Es tat ihm wohl
einem Kinde zu beichten.

Du wirst bis in den Tod daran denken mssen, sagte Vgelchen bse.
Ich wre daran gestorben.

Ja, vielleicht ist auch sie daran gestorben und ich wei es nicht. Ich
fhle alle Schuld in dieser Erinnerung, sagte Karinski, alle Qual, die
seit Weltbeginn Menschenherzen gemartert hat. Und Tanj ist eine Heilige
geworden und viele Frauen sind Heilige. Sieh das Gesicht der Schwangeren
und vergleiche es mit dem der Gottesfrauen und Gottesmnner in den
Kirchen, und Gott liebt sie, weil sie Schuld abtragen in ihrer
Mutterschaft. Und auch die Armen liebt er und trstet sie in seinen
Kirchen. Wir Reichen aber und im Geist Mchtigen, wir knnen nur unsere
Inbrunst aufheben zu ihm mit verzckten Hnden, bis sie erlahmen und
wieder nur taugen zum Verzagen, zum Laster und zur Knute. Und er fuhr
fort, von Tanj in Ehrfurcht zu sprechen, und hatte dennoch keine Eile,
obwohl sie sich in Sehnsucht nach ihm verzehrte und mit vielen kleinen
Kindern sich sorgte, zu ihr zurckzukehren.

Eines Tages erschien dann eine russische Familie und Karinski umarmte
sie, wie er Mannsthal umarmt hatte. Wenige Tage spter reiste er mit den
Landsleuten ab, nachdem er unter Trnen von Adalbert und Arabella
Abschied genommen. Vgelchen trauerte ihm nach. Bald bekam sie ein
Schreiben von Tatjana Grfin Karinska, die sie ihrer Freundschaft
versicherte und zu einem Briefwechsel lud.

Auch Mannsthal war jetzt schweigsamer als zuvor. Karinski hatte ihm die
Ereignisse seines Lebens erzhlt, die in die Zeit fielen, wo ihr
Briefaustausch aufgehrt hatte. Aber Adalbert hatte geschwiegen. In ihm
war alles aufgewacht, was er seither erfahren, und hatte sich
vorgedrngt bis zur Schwelle des Vertrauens. Nikolai hatte ihm dunkle
Dinge gebeichtet und Reue und Scham, die er dabei empfand, waren ihm
erwnschte Strafe. Was er selbst zu sagen hatte, war in seinen
Einzelheiten so unfabar, da er vermeinte, die Luft nicht weiter atmen
zu knnen, in die der Hauch seines Gestndnisses sich mengte. Er konnte
nur eines bekennen, da Arabella ihn gerettet und da er sich aufgespart
fr sie. In diesen Tagen war nichts mehr von Strenge in ihm, sein Wille
wollte sie nicht zwingen mit geheimen Mitteln. Eine grenzenlose
Dankbarkeit flo zu ihr hin, fand seine Sinne in Gehorsam und
entwaffnete seine List. Zu dieser Zeit lag glosende Hitze ber dem
sdlichen See. Mhlich verdeten die Straen. Das Hotel, die Villen
waren fast unbewohnt. Kaum da die Huser der Einwohner tagsber die
schirmenden Lden hoben. Die Bume und Strucher waren so ppig im Laub,
da sie ineinander sich verstrickten und Blte an Blte sich drngte.
Die Insekten wurden gefhrlich, die Nchte seltsam duftend und voll der
Wunder. Aber weder die Nchte noch der See brachten Abkhlung. Vgelchen
vertrug die Hitze besser als er, ja sie breitete sich aus wie eine
treibende Pflanze. Leise Anzeichen sprachen dafr, da ihr Krper reife.
Auf ihren Wangen lag ein Schein erblater Rosen, die das Leuchten ihrer
Augen steigerte, ihre Lippen ffnete ein scheuer Durst. Er sah es in
unendlicher Entzckung. Seine Versuche mit dem Mannsthal-Gleitboot
hatte er aufgegeben. Er begngte sich, den Stand seiner technischen
Leistung in verschlossenem Brief in der Akademie der Erfindungen zu
hinterlegen.

Eines Abends brachte Mannsthal ein etwa vierzehnjhriges Mdchen in den
Garten. Es war blind. Vgelchen war erschttert, als es die Kleine
erblickte. Sie hrte nicht auf sie zu streicheln und schlielich kte
sie die leblosen Augen. Sie brachte ihm eisgekhlte Frchte, wusch ihm
die heien Wangen, erzhlte ihm allerlei, sang ihm vor, so gut sie es
konnte. Adalbert aber war weitaus gewandter im Umgang mit Blinden und
seine Zrtlichkeit fr die Unglckliche hatte fr Vgelchen etwas
Erstaunliches. Er schien ein anderer, wenn er Rosina berhrte, als wisse
er, wie Blinde empfnden. Vgelchen holte sie zuweilen aus dem
Uhrmacherladen, wo sie zu Hause war, und schlich sich mit ihr in einen
entfernten Teil des Gartens und verbarg sie vor Mannsthal. Oder sie
entfernte sich, wenn dieser sich mit Rosina befate. War es mglich, da
sie dem Kinde Adalberts Gte neidete, oder wollte sie in ihren
Bemhungen nicht bertroffen werden? Mannsthal entging das nicht. Er
verdoppelte seinen Eifer um Rosina und seine Zrtlichkeit war nicht mehr
verstohlen wie bisher. Vgelchen selbst suchte sie und erwiderte sie.

Die Landschaft lechzte nach Regen. Die Einwohner aber wuten, da keiner
zu erwarten war. Mannsthal fhlte feurige Dmonen um sich kreisen.
Manchmal war ihm, als erhbe sich lautlos ein glhender Gewittersturm
und jage ihn. Ein anderer Mensch in ihm riet zur Flucht, zu Tod, zu
Verwandlung. Er trug es nicht lnger. Kam ihm nicht Erlsung, so brach
er zusammen und die Frucht seiner Sehnsucht schnellte fr ewig aus den
erlahmenden Hnden. Aber er wute auch, pltzlich konnte es geschehen,
ohne Warnung und Zeichen, ohne Donner und Posaunenschall.

Auch Vgelchen war voll Unruhe jetzt. In der Dunkelheit trieb es sie in
den Garten oder sie schlich Adalbert nach, wenn er noch spt sich
entfernte, und wartete am Gartengitter auf seine Rckkehr. Einmal
nachts, als er wie betubt auf seinem Bette lag, weckte ihn das Leuchten
eines Scheinwerfers. Weie Lichtgarben sprengte er ber das Land. Er
tauchte den Garten von Dunkelheit rein, weckte die Statuen in den Hainen
und die schlummernden Farben der blhenden Bsche. Vgel fuhren
erschreckt aus ihrem Schlaf und huschten dann ngstlich wieder in ihre
Nester nieder. Als der Schein wiederkam, war es Adalbert, als she er
nchst den Rhododendrenbschen eine lichte Gestalt, die traumhaft ihre
Arme in das fliehende Licht hob. Der Strahl schien sie aufzunehmen und
aufzulsen in seiner Helle. Mannsthal stieg zum Garten herab. Unhrbar
war sein leichter Schritt im Moos. Er war sehr schlank geworden in
diesen Tagen der zehrenden Sehnsucht. Die Luft schien um ihn zu
knistern, als wren Millionen dunkelugiger Fnkchen in ihr verborgen.
Ihm war, als griffe der Duft der Blumen nach ihm und umstricke ihn. Er
suchte die Hngematte, ein Frauengewand lag da. Seine Hnde fieberten,
als er es an seine Lippen hielt und seinen Kopf darein verwhlte. Dort
im Rhododendrenhain stand die Statue nicht mehr. Der Mantel der Nacht
hing ihr um die Schultern, aber leuchtender als Marmor schimmerte es im
Moos: Schlafend lag ihm Arabella zu Fen. Ihr Atem zog leise in die
Nacht, der seine war verhalten in Grauen und Lust. Lange mute sie
gekmpft haben um diesen tiefen Schlaf. Er kniete neben ihr hin in Glut
und Anbetung und segnete die Luft, die zwischen ihm und ihr war und ihm
Raum gab, seine schauernde Seligkeit auszugieen ber ihre ahnunglose
Nacktheit. Warum, oh warum hatte die Nacht sich dem Licht geffnet,
warum, warum hatte der Strahl, aus den sein Schlummer ihn gerufen, ihn
zu dieser Sttte gefhrt! Lenkte nicht einer unbezwinglichen Macht
gefgiger Geist das Ziel seinem brennenden Wunsch entgegen? Nein, sein
Schicksal weigerte sich nicht. Es entzndete ihm die Brautfackel und
lie sie leuchten ber die Lande. Aber noch wollte er die Qual erdulden,
sie neben sich zu fhlen, ohne sie zu berhren. Nicht im Schlafe wollte
er sie aus der Kindheit wecken. Nicht doppelt unbewut durfte sie
erwachen in ihre Vermhlung. Noch wollte er sich die Drohung ins Herz
stoen, von ihr zu lassen, wenn sie nicht erwachte, ehe vom Glockenturm
der dumpfe Schlag der nchsten Stunde anschlug. Er fhlte ringsum den
unsichtbaren Garten, der Dolden regungsloses Blhen und wie sich das
Netz von Dften immer enger um ihn spannte, wie der Wohlgeruch von
tausend Rosen sich mit dem der Glycinen verband und weiter wob zum
leisen Hauch der Iris, zum goldenen Atem der Azaleen, zum linden Duft
der Karthusernelken. Erinnerung ferner Grten stieg vor ihm auf, Wlder
hoben ihre Dunkelheiten, Indiens Haine erstanden ihm, die ansteigenden
Wege zu den heiligen Bergen des Ostens, gesumt von Kirschblte und
Chrysanthemum. Affen saen auf Zweigen, bunte Vgel flitzten durch
beerenbeladene ste. Fern blaute das Meer. Landschaft war ihm nur Rahmen
der Erinnerung. Ein Zug von Frauen begann zu schreiten. Er sah sie alle
wieder, die fremdartigen, die aus einer Stunde traten und sie bunt
frbten, Loli, jenes Bild seiner Kindheit, der Wald hinter dem Werk,
Tirotzky, Angele, dann das lachende Kirschengesicht einer Tnzerin, die
Blinden, die bleiche Frau, die er zu sich nahm, auf da sie bei ihm
verstrbe, und die Entstellte dann, die er so namenlos beglckt, das
Bettelkind in jenem irischen Dorf, in dem er unversehens genchtigt, die
Frstin C., dann die ertrumten Wirklichkeiten seiner Miniaturen,
Camilla, die an einem Kinde starb, das nicht das seine gewesen, Mila,
das Weinstubenmdchen, mit der wahnsinnigen Mutter, das aufstieg zur
Halbweltdame, Landmdchen, Courtisanen, dann -- ein verhllter Zug, der
ihn erschauern machte. Geisterhaft stumm zogen sie. Aus aller Welt waren
sie gekommen, aus Grbern und Himmeln, aus Leben, das er nicht mehr
kannte, ber fremde Schwellen schreitend, aus fremder Umarmung sich
lsend, aus Husern des Lasters, aus Klstern und vom trauten Tische
sich stehlend, ber dem Kinder und Gatte sich zum Mahle neigten. Ledig
der Last der Jahre waren sie gekommen ihn zu gren, ehe sie versanken
vor einem groen Licht. Denn sie waren alle Priesterinnen in seinem
Liebestempel gewesen, nur da keine ihm gefolgt war ber die letzten
Stufen des Hochaltars. Nun waren sie vorbei. Da fhlte er den Einstrom
eines Lichtes. Wolken aus milchweien Schleiern verbreiteten blendende
Helle, Sterne schwebten wie Silberbienen zu knospenden Lilien, deren
Kelch goldener Tau benetzte. Auf den Wellen des Lichtes schwebten weie
Wasserrosen. Da sah jene Sterbende aus spiegelnden Tiefen und go ihm
ihren mahnenden Blick ins Herz. Der Blick ging durch die Hallen des
Lichtes, wie durch glserne Wnde, metallisch, rieselnd wie heiliges
Wasser besplte er Adalberts Seele. Er baute einen Baldachin weier
Blten ber das schlummernde Kleinod im Moos. Wie ein Taubenpaar
schwebten der Bleichen Hnde schtzend ber ihm. Ein Chor kleiner Engel
schwebte heran. La ab, beteten die Seelen der blinden Mdchen. Wirf
nicht Brand in den Schnee, flehten die Kelche der Lilien. Rhr mich
nicht an, sangen die Sterne, die wie Silberbienen schwebten. Fliehe,
suselten die milchweien Schleier. Und die Wasserrosen ffneten die
siebenfach verschlossenen Lippen und seufzten:

La ab!

Und das Licht war ein Mund und posaunte:

La ab!

Aber lauter als sein Schall war der linde Atem der Schlafenden, denn er
war lebendig. Schmal und flchtig wie einen Traum wute er sie
hingebettet und dennoch wirklich, wie nur Leben sein kann. Und wenn er
ging und ablie, dachte er, wrde der glitzernde Leib einer Schlange
sich aus dem Dunkel ringeln und Giftzhne in ihr Fleisch graben? Sie war
einer Glut hingegeben, die sie ahnte und ersehnte. Konnten nicht Helden
oder Unglckliche, die ihr mitleidiges Herz gewannen, sie ihm entreien,
morgen schon, und sie verheeren fr immer. Denn er nur wrde sie
befhigen, hchste Lust zu geben und zu nehmen, eine Gttin, nicht eine
Magd der Liebe zu sein. Er nur, der sie kannte wie kein anderer, wrde
sie, wie die Mutter sprechen lehrt, die Welt der Liebe lehren. Er wrde
Schtze heben aus ihrem aufpochenden Blut, Kleinode entsiegeln in ihren
geheimsten Schreinen und unlsbar wrde er ihre Seele mit ihrem Blut
vermhlen und so sie feien vor der Erniedrigung der wissenden
Liebesglut. An ihr sollte das Laster sich heiligen und Keuschheit
menschlich werden. Er nur, er konnte sie wecken zu verklrtem Brand, zu
heiligem Genu. Und doch, dies hatte der Dmon seiner Selbstqual ber
ihn verhngt, wenn die Turmuhr schlug, eh' sie ihm erwachte, war sie ihm
und sich selbst verloren in ewigem Durst. Er wute, jenes blinde Kind
wachte im Turm und htete die Glockenstrhne. Oft war er bei ihr
gewesen. Konnte nicht jetzt ihr rchender Wille, mde seiner zu harren,
die Strhne ziehen, ehe die Geliebte erwachte?

Da pltzlich griff es, ehe die Versuchung ihn berkam sie zu wecken, mit
weien Fingern in die Luft. Des Scheinwerfers Geisterhand schwebte auf
und nieder, kaum die Baumwipfel berhrend, und jetzt fiel sie
pfeilschnell herab und lie den Garten aufstrahlen in Licht. Vgelchens
Schlaf zerri, mit leisem Aufschrei haschte sie die Helle und im letzten
aufstrebenden Strahl erblickte sie den Mann. Als wrde Traum zur
Wirklichkeit, schlang sie ihren Arm um seinen Hals, prete die
schlafheien Wangen an seine Brust. Langsam lie er sie zurckgleiten
ins Moos, Hnde kosten sie und grten die Kleinode ihres Leibes. Ihre
Haare waren wie besonnte Seide, darunter die Pulse in den Schlfen
pochten, wie kleine glserne Hmmerchen. Auf die Wangen senkten sich die
Lider herab wie bebende Schmetterlingsflgel. Ihre Lippen ffneten sich
und er erschauerte, bald wrde er ihre Se kosten. Nun fhlte er die
glsernen Hmmerchen durch die feine Haut des Halses an seinem Mund und
vor der Zartheit ihrer Schultern erbebte er, denn sie waren die eines
Kindes. Ihre Brstlein waren jungen Tauben gleich, die rosige
Schnbelchen aus dem Gefieder spreizten, wenn der Flgelschlag der Liebe
ihrem Durste naht. Er meinte zu vergehen. Einen Augenblick vergrub er,
Ruhe suchend, seinen Kopf an ihrem Halse, aber da fhlte er ihren Duft
und war vllig berauscht. Er sah sich selbst und sprte, was er sah. Der
andere Mensch, den er nicht mehr hielt und kannte, war an der Arbeit.
Noch einmal verdrngte er ihn. Er fate das Wesen und hob es von sich
weg, um warnend es vor sich zu sehen. Federleicht sprte er seine
Wehrlosigkeit. Aber dem andern war das nur recht, er ri dem Zauderer
die Beute aus dem Arm und flsterte betrende Worte. Oh, diese Worte!
Arabella verga sie niemals. Ihre Erinnerung bergo sie mit Gluthauch
bis spt in die Jahre. Und wie gefllig machten sie diese Worte, wie
beflissen ihn zu verstehen, wie willig alles zu erdulden, den Schmerz
und die Lust. Aber dann, als nur mehr der andere herrschte und der
Zaudernde verschwunden war hinter glhenden und tobenden Wolken, als
Feuer auf sie niederbrach und sie unbarmherzig sengte mit Eisen und
Schwert, ber ihre Kraft es zu bergen, da befiel sie eine wahnwitzige,
grenzenlose Furcht, die sie mit wunderbaren Schauern durchdrang. Aber
nur bei ihm gab es Schutz, Zuflucht nur an seiner Brust, zu der sie
hindrngte. War er ihr bse, da er sie von sich stie, um gleich wieder
sich eisern in sie einzuschmieden? Da, als er wie ein von gttlichem
Zorn Besessener ber ihr raste, fhlte sie pltzlich namenlose Erlsung
und whrend ihr ganzes Sein ausstrmte in demtiger Verzckung zu
randloser Ewigkeit, sah sie im ersten fahlen Licht des Morgens ihn zur
Seite strzen, als htte Gott ihn an Felsen zerschellt. Die Vgel
erwachten in ihren Nestern. Ein leiser Wind strich khlend vorbei.
Vgelchen richtete sich steil auf und sah ber den Regungslosen mit
groen, erstaunten Augen in das erwachende Leben.




                               Die Blinde


Simonne Nerat hie ihre Mutter. Leichtfertig war sie wohl anfangs nicht
gewesen, aber die Leute vermuteten es. Sie kam aus sdlicherer Gegend.
In ihrer Beweglichkeit erblickten sie nicht natrliche Anmut, sondern
abgefeimte Gefallsucht. Thomas Janele, der sie nach seiner Gesellenzeit
heimbrachte, war ihr natrlich auf den Leim gegangen, meinten sie.
Solange der alte Uhrmacher, sein Vater, lebte, der gutmtige,
weilockige Greis mit dem Kinderantlitz, da ging noch alles gut. Simonne
war auch eine Meisterstochter, und was zur Gilde gehrte, gleichviel ob
es unter seinem Dache als Schwieger hauste, geno seines Schutzes. Geld
hatte sie keines mitgebracht, denn Vater Nerat war zwar berhmt in
seinem Fach, aber wie man sein Schflein ins Trockene bringt, darin war
er keineswegs Meister. Mochte sein, da Simonne auch deshalb bei kleinen
Leuten nicht voll genommen wurde. Und Ulrich war ein Ksegesicht und ein
Duckmuser. Warum hatte sie gerade ihn genommen? Das Kind war bald da:
ein blindes Mdchen. Da schien des Teufels Hand im Spiel. Im ganzen Dorf
gab es keine Blinde. Man verachtete die Fremde, da sie es um eine
Migeburt bereichert hatte. Der alte Janele weinte wie ein Kind, als der
Arzt das Unglck feststellte. Lngst waren seine Augen zu schwach, um
ber seine Rderchen und Federn zu herrschen; des kleinen Mdchens
Fhrer zu sein, dazu taugten sie noch. Nun war sein Alter nicht nutzlos
mehr.

Fragt nicht, wie es der Rosina erging, als der Grovater gestorben war!
Niemand wute mit dem blinden Kind umzugehen, man hatte sich vllig auf
des Alten Sorgfalt verlassen. Der allein hatte um der Kleinen
Eigentmlichkeiten gewut und sie aus den eigenen Hinflligkeiten
verstanden. Er hatte sie ihr eifrig abgelauscht, sie selbst wute ja
nichts ber sich und nun konnte sie nicht nach auen tasten mit Bitte
und Frage, denn die Brcke, die sie getragen hatte, war eingestrzt.

Der Respekt vor dem Vater hatte den jungen Uhrmacher bislang gehindert,
sein wahres Gefhl zu zeigen. Er liebte Rosina nicht mehr, er schmte
sich ihrer und immer gab es ihretwegen Streit zwischen ihm und Simonne.
Als des Schwiegervaters schlichtende Stimme erloschen war, zngelten
wieder die bsen Zungen hervor. Dazu kam noch, da Thomas noch zu
Lebzeiten des alten Janele die Bestellung der neuen Turmuhr aufgetragen
wurde und da er die Erwartungen der Gemeinde aufs grbste enttuschte.
Thomas hatte sich erbtig gemacht, eine Erfindung des Meisters Nerat zu
verwerten und eine Uhr anzufertigen, die automatisch den Klppel der
Glocke zu leisen Schlgen bewege, so da man nachts den Glckner
ersparen konnte. Das Werk milang. Es wurde eine gewhnliche Turmuhr
daraus. Weil aber Janele sich weigerte, der Gemeinde den im voraus
bezahlten Mehrbetrag, den er schon fr die teuren Bestandteile
verbraucht hatte, zurckzuerstatten, mute er sich verpflichten, den
Glckner selbst zu bestellen. Da zu dieser Zeit die Geschfte schlecht
standen, verlangte er von Simonne, da sie die Glocken lute. Die Frau
weigerte sich. Nun schlo er sich den Spttern an, die Simonne der
vterlichen Erfindung wegen, die ihrem Manne milungen war, verhhnten.
Die Frau schrieb dem Vater, er mge ihr helfen, aber dieser hatte sich
verheiratet und die Stiefmutter ste Zwietracht. Zu dieser Zeit kam eine
Putzmacherin ins Dorf und die Uhrmacherin, die mit der Nadel gewandt
war, verdingte sich bei ihr. Den Haushalt konnte sie wohl nebstbei
versehen, aber fr die kleine Rosina blieb ihr wenig Zeit. Einige Wochen
gestattete die Modistin, da die kleine Blinde hinter dem Ladentisch
se und Perlen auffasse und Spulen aufwickle. Dann aber meinte sie, das
Unglck schrecke die Kunden ab. So blieb denn Rosina zu Hause bei dem
mrrischen Vater. Dieser war ganz bse geworden, seitdem er Simonne in
guter Laune und nicht mehr von seinem Geiz abhngig sah. Er konnte sie
nicht an ihren Reisen behindern, die sie mit Einkufen fr den Laden
verband, und mute es mit ansehen, da der Sohn der Modistin, ein
Student, ihr huldigte. Sie wollte Rosina in eine Anstalt geben, sie
etwas lernen zu lassen. Der Mann duldete es nicht. Sie sollte ihr
Sndengeld fr sich behalten. Einmal nachts, als sie spt nach Hause
kam, schlug er sie. Am nchsten Morgen war sie verschwunden. Fr Rosina
hatte sie ihre Ersparnisse zurckgelassen. Das blinde Mdchen in seiner
Nacht wute, da drauen im Licht etwas Bses geschehen war. Sie fhlte
nun die Gefahren um sich drohender werden. In ihrer Angst wurde sie noch
folgsamer und erlernte es, dem Vater gefllig zu sein. Eines Tages
fhrte er sie auf den Turm und zeigte ihr, wie man die Glocken lutet.
Immer wenn die Uhr ein leises Knarren und Sthnen von sich gab, mute
sie an den Strngen ziehen, je nach der Stunde. Nach einem Monat hatte
sie alles begriffen. Zuerst lie er sie nur tagsber im Turm, von ihrem
zwlften Jahr an zog sie auch nachts die Strnge. Zweimal in der Woche
war sie frei, um zur Stadt in die Blindenschule zu fahren, wohin ein
Frchter sie unentgeltlich auf seinem Schiffe mitnahm. Es war eine
ermdende Fahrt, sie sah ja nicht wie andere Kinder, deren Jauchzen aus
fremder Welt zu ihr drang, das silbernde Wasser, den Schatten der Berge
im leuchtenden Spiegel des tiefblauen Himmels. Mdigkeit bewirkte, da
Rosina dort nicht so recht aufmerken konnte. Auch hatten ja die anderen
Blinden tglichen Unterricht. So kam es, da sie selbst unter den
Gefhrten des Unglckes eine untergeordnete Rolle einnahm. Als sie
vierzehn Jahre alt war, sprach sie auf der Strae ein Herr an. Seine
Stimme war anders als die der Mitleidigen, die zu ihr geredet hatten. Er
fragte sie, wo sie wohne, ging mit ihr, lie sich ihre Arbeiten zeigen.
Der Herr verstand die Blindenschrift und schien noch weit mehr zu wissen
als der Lehrer in der Stadtschule. Adalbert Mannsthal, der Herr, sprach
mit ihrem Vater und von nun an wurde Rosina statt in die Blindenschule
zu ihm gebracht, in einen Garten und in ein Haus, in dem es nicht wie in
dem ihren nach schlechtem l roch, sondern nach Blumen und seltenen
Essenzen. Er selbst, der Herr, unterwies sie oder auch ein Mdchen, das
ganz leise und gtig war und sie mit Kleidern und Zuckerwerk beschenkte.
Lange Zeit hielt es Thomas Janele vor dem Wohltter geheim, da Rosina
die Glocken lute, und auch diese selbst schwieg darber. Sie wollte
nicht prahlen mit ihrem Amt, auf das sie stolz war. Aber eines Tages,
als ihr mehrmals die Augen zufielen, fragte Herr Mannsthal, ob sie nicht
geschlafen habe. Da gestand sie, da sie nun schon drei Nchte oben
gewesen sei.

Oben?

Im Turm. Vater mu die Glocken luten. Ich besorge es seit vier
Jahren. Ihre Wangen frbten sich rot bis zum schwarzen gewellten Haar.
Die erloschenen Augen schienen sich zu vergrern. Ja, sie, eine Blinde,
lutete die Glocken.

Tust du es gern? fragte er, seiner Tochter Mitleid niederhaltend.

Ja, sagte Rosina, und sie erzhlte, wie sie sich anfangs vor den
Fledermusen gefrchtet habe und vor groen Vgeln, die oben im Gesthl
hausten und deren Flgel sie zuweilen streiften, und wie ihr dann auch
vor der groen Stille bangte und vor dem Raunen tief unten. Auch sei sie
immer ngstlich, bevor das Knarren und Sthnen im Uhrwerk hrbar werde,
das ihr die abgelaufene Stunde anzeige. All die Jahre war es nur einmal
ausgeblieben, nach einem Blitzschlag. Da habe sie der Vater vom Turm
geholt und den Schaden ausgebessert.

Ob sie sich nicht vor dem Einschlafen frchte, fragte Vgelchen. Davor
bewahre sie der Hunger nachts. Vater sagte ihr, da Hunger den Schlaf
fernhalte. Am liebsten lausche sie dem Nachklingen der Glocken, da hre
man die Engelstimmen leise entschweben. Sie liebte Musik wie alle
Blinden. Mannsthal nahm seine Geige und spielte. Beide Mdchen saen,
Hand in Hand, ergriffen. Aber der Blinden war er ein Gott, der Einla
wute durch ihre Nacht.

Der Wohltter ging mit ihr zu einem Arzt, aber es ergab sich, da
geringe Hoffnung fr ihr Augenlicht war, berdies fand er bei der
Kleinen einen Herzfehler. Der Wohltter stieg nun zuweilen in den heien
Nchten in den Turm und brachte seinem Schtzling khlende
Erfrischungen. Er blieb bei ihr und nun frchtete sie nicht
einzuschlafen. Er wute sie zu ergtzen. Wohl htte er sie loskaufen
knnen von ihrem schweren Amt, aber er wute, sie war stolz es zu
versehen und fr Blinde ist es ein Glck, solchen Stolz zu haben. Auch
liebte er seine nchtlichen Aufstiege zu dem Kinde. Rosina war
glcklich.

Es kamen Nchte, wo sie sich unruhig fhlte und nach dem Manne sehnte,
der so gut zu ihr war. Da begann ihr Herz heftig zu pochen und sie
wartete in fiebernder Ungeduld. Es war auch die Zeit, wo die kleine
Rosina vom Kinde zur Jungfrau wurde. Das Blut wallte in ihr. Das
bresthafte Herzchen bestand den neuen Ansturm nicht.

In jener Nacht, da Mannsthal seinem Wunsch eine letzte Gefahr gesetzt im
Schlag der Turmuhr, als er mit allen Fiebern es beschwor, da wurden
pltzlich der Blinden Hnde starr und zurckstrzend fand sie die
Strhne nicht mehr. Ein Herzschlag hatte sie gettet.




                                 Minen


An einer Bucht des Sees, die zu einem Felshgel ansteigt, lag der
Friedhof und die Totenkammer. Mannsthal ging, begleitet vom Kster, an
den unscheinbaren Grbern vorbei.

Hier liegt sie, Herr, sagte der alte Mann und trat zur Seite, die
Kappe in der Hand.

Auch Mannsthal griff nach seinem Hute. Das arme Kind, nun bezeugt man
ihr ein erstes und letztes Mal Ehrfurcht. Ein Lichtband fiel durch die
Trffnung ber die Mitte der traurigen Kapelle. Die Aufbahrung war
schlicht und deshalb um so ergreifender. In einem weien Kleide lag
Rosina wie schlummernd und hielt in den bleichen, besonnten, mhsam
gefalteten Hnden ein Holzkreuz. Ihre Haare waren matt geworden, die
geschlossenen Lider, die sich ber das Unglck ihres Lebens gesenkt
hatten, lieen vergessen, da sie eine Blinde, eine Gezeichnete,
gewesen. Da lag ein totes Mdchen, das einer sanften Jungfrau glich.
Verstorben schien sie sehend geworden. Sie glich einem Kinde nicht mehr,
der Tod hatte sie gealtert. Immer, wenn Mannsthal Tote sah, fhlte er
sich erschauernd Urewigkeitgeheimnissen nahe, aber er empfand hier nicht
Bengstigung. Er hatte gefrchtet, da eine unheimliche Drohung aus
dieser Toten zu ihm aufsteigen wrde, mit kalter Hand ihm anklagend ans
Herz zu greifen. Vor der Milde dieses friedlichen Antlitzes schwand
seine Furcht. Er war gekommen, weil er nicht feige der qulenden
Erschtterung entgehen wollte; nun blieb er straflos. Oder war es das
selig erhhte Lebensgefhl, das seit dem Morgen in ihm sang, das ihn nun
gegen das bel feite? Eine berwltigende Dankbarkeit zwang ihn auf die
Kniee. Er fhlte in diesem Augenblick, wie sehr er das Leben liebte. Oft
schon nach entronnener Gefahr hatte er es so mit seinem ganzen Sein
liebend bejaht. Er verharrte in tiefer Andacht vor dem Lebendigen an der
Bahre der Toten. Dorfleute, die ihn sahen, bewunderten die Frmmigkeit
des vornehmen Wohltters. Als er aber sich wieder erhob, fuhr er
entsetzt zurck und seine Hand legte sich schirmend ber die Augen. Das
Gewand, das man Rosina angelegt, kleidete noch vor wenigen Tagen
Arabella. Der Geliebten zarte Haut hatte er durch sein Gewebe leuchten
gesehen. Erschrocken verlie er die Kammer. Da erhob sich eine Fliege,
die auf der Toten Mund gesessen, Anofeles mit Namen, und folgte ihm. Er
wehrte sie ab, doch schon holte sie ihn ein und trufelte ihm ihr Gift
ins Blut. Eine Mine war gelegt.

Es war mglich, Vgelchen den Tod Rosinas zu verheimlichen. Sie hatte
sich in ihr Zimmer eingeschlossen und Adalbert gab Auftrag, da man ihr
zu den Mahlzeiten die Speisen in dem anstoenden Raum bereit halte.
Durch Camill lie er sie des Mittags wissen, er sei ausgegangen, damit
sie nicht frchte ihr Zimmer zu verlassen. Er lie ihr berdies die
Nachricht zukommen, Rosina sei auf einige Zeit bei ihrem Grovater
Nerat, damit sie nicht auf den Einfall kme, die Entschwundene
aufzusuchen. Er war keineswegs in Erstaunen versetzt ber Vgelchens
Verhalten. Er wute, ihre Rckkehr wrde nicht auf sich warten lassen
und um so kstlicher fr ihn sein. Abends lie er ihr bestellen, er sei
heimgekehrt und erwarte sie im Garten; falls sie es vorzge allein zu
bleiben, mge sie aber auf ihn keine Rcksicht nehmen. Vor Anbruch der
Dunkelheit entlie er Camill mit dem Auftrag, frhmorgens zur Besorgung
eines Reisewagens zur Stadt zu fahren. Dies wrde ihn bis nachmittags
fern halten. Von diesen Begebenheiten erstattete Camill sogleich seinem
Freunde Konrad Kruger Mitteilung.

Als im Garten der lrmende Gesang der Vgel verscholl, durch die ppigen
Efeuranken kaum mehr ein Lichtdmmern in die Zimmer drang, hrte
Vgelchen Adalbert die Treppe heraufkommen. Bald darauf herrschte
Stille. Sie stieg in den Garten hinab und wartete auf den Scheinwerfer,
aber das Licht kam noch nicht und die schwle Ruhe bedrckte sie. Im
Hause blieb das Fenster des Freundes dunkel und unbewegt. Warum rief er
nicht, warum holte er sie nicht? Sie brannte nach ihm. Aber noch immer
lag ihr die Scheu, sich vor ihm blicken zu lassen, lhmend in den
Gliedern. Nein, zur Tr eintreten bei ihm, sie vermochte es nicht. Warum
konnte sie nicht unsichtbar, unhrbar sich ihm in die Arme betten und
das Ungeheure fhlen? Leise ging sie ans Haus heran und nun ma sie die
Hhe des Fensters. Die Mauer war aus Ziegeln, deren Mrtel vielfach
herausgefallen war, Efeuranken bildeten an mancher Stelle eine
natrliche Strickleiter. Nun versuchte ihr Fu, von dem sie die Schuhe
gestreift, nun zog sie den anderen nach und geschmeidig kletterte sie in
wenigen Stzen zur Brstung. Es war nicht anders, als wenn ein Vogel im
Bltterwerk raschelt. Nun schwang sie sich ins Zimmer, nun zog er sie an
sich, nun ging sie unter im unendlichen Meer der Lust. Sie blieben
zusammen, bis spt am Tage Rosinas Grabgelute erklang.

                   *       *       *       *       *

Konrad Kruger schrieb an Arabella:

Gndigste Frau, was meinen Sie zu dieser Ansprache? Ich danke Ihnen fr
Ihren Brief. Ich hielt mein Versprechen und schrieb. Diese Briefe waren
meine Zuflucht. Aber vielleicht kommt auch dieser Brief nicht an. Soll
ich Dir sagen, Ariel, wie ich Sehnsucht gelitten habe von dem Augenblick
an, als die Staubwolken Deines Wagens Dich meinem Blick verbargen, bis
zum heutigen, da ich an Frau Adalbert Mannsthal schreibe? Erschrick
nicht, da ich Dein Geheimnis kenne. Ich werde immer Deine Geheimnisse
kennen, Ariel. Was immer Dir das Schicksal bringt, es ist verknpft mit
dem meinen.

Ich war bei Deinem Freund. Er ist verreist. Lange blieb ich an dem Ort,
wo Dein Bild noch lebendig war. Immer wieder erwartete ich Dich. Da Du
eingingst in die Welt der Liebe, wirst auch Du bald verstehen lernen,
wie man des geliebten Menschen harrt und an das Wunder glaubt, das ihn
wiederbringt. Das Unmgliche zwingt man ins Natrliche und jeden
Augenblick, der entschwindet und uns der trgerischen Hoffnung nher
bringt durch seinen Abgang, mchte man segnen als Gewinn. Ariel, Ariel,
ich habe Dich erwartet des Morgens mit dem Briefboten, in jedem Kahn,
den ich von fernher kommen sah, in jedem Wagen, der weitab auftauchte,
in jeder Frau, die irgendwo aus der Ferne trat, whnte ich, oh Frevel,
Dich Unvergleichliche. Und doch war nichts unmglicher, als da Du
wiederkehrtest. Und weit Du, was Angst ist um ein geliebtes Wesen, das
man in Gefahr glaubt? Nein, das wirst Du nie wissen, denn Dir hat Gott
die Krfte Deines Wunsches gegeben, statt zu erbeben wird Deine Seele
handeln. Inwendiges Gebet durchdringt die Himmel. Sie wird sich
anspannen bis zum uersten und es wird ihrer Sorge aller Grund genommen
sein.

Ich aber bin ein Ohnmchtiger und habe vorerst nur den Willen. Darum
flehe ich zu Dir, Ariel, hilf mir. Nun ziehst Du wohl weiter, sag' ein
Wort nur und ich atme Deine Nhe. Geld will ich nicht von Dir und mte
ich zu Fu nach Mekka pilgern um mein Heil. Ich flehe um Deinen Segen.
In unwandelbarer Treue

                                                       Konrad Kruger.

Arabella antwortete:

Wir sind eben daran, westwrts in die Berge zu reisen. Sie irren, Herr
Prediger, Ariel ist nicht gndige Frau geworden. Es ist wie im Traum, so
als lebte ich nicht. Nur wenn es ruft, wei ich es. Wenn es wirklich
wre? Es ist vielleicht hlich, wenn es wirklich ist. Aber in
Unwirklichkeit kann es grenzenlos sein. Sie knnen jetzt nicht kommen.
Ich habe keinen anderen Gedanken als ihn. Woher wissen Sie dies alles?
Sie wuten es schon damals. Qulen Sie sich nicht. Was soll ich Ihnen
denn? Nein, Sie knnen jetzt nicht kommen. Er wrde Sie gleich erblicken
und es gbe Streit. Warten Sie ab. Ihre

                                                            Arabella.

Diesem Briefe war ein Schreiben Camills angeschlossen, das
folgendermaen lautete:

Werter Herr Student, indem ich Ihnen den Brief des gndigen Fruleins
sende, welchen am Tage der Abreise das Frulein mir bergeben haben,
ersuche ich die Verzgerung zu entschuldigen, da ich ihn erst heute
sende und die ersuchte Auskunft sende. Wir sind wegen der Hitze und weil
es schon schwer war mit der Abwirtung im Hotel in khlere Gegend
gezogen. Der Herr und das Frulein wohnen am Berge in einer
Alpenherberge. Ich bin eine Stunde unterhalb im Postgasthof einlogiert,
bringe mittags die Briefe hinauf und besorge das Ntige. Von dem, was
ich im vorigen Schreiben mitgeteilt habe, ist alles bewahrheitet und man
verstellt sich auch vor mir nicht mehr. Ich vertrage die hohe Luft
schlecht, nachdem ich kein junger Mensch mehr bin, der Wein ist schlecht
und wre gern schon fort. Vielleicht ist es einem studierten Menschen
wie Ihnen mglich, darauf hinzuwirken, da das Frulein den gndigen
Herrn eilt, da wir bald nach Paris kommen, was geplant ist. Dort ist es
dann auch fr Sie leichter und Paris ist etwas fr Sie. Da werden Sie
erst Ohren und Augen aufmachen. Fr die Zigarren schnen Dank. Es ist
aber nicht ntig. Ich tue es gern. Wenn Sie etwas brig haben, bringen
Sie es meiner Landsmnnin, der Monika Gallo, in der Brunnberggasse Nr.
12. Das ist ein liederliches Frauenzimmer, aber ich untersttze sie,
weil sie ein gutes Mensch ist und ihre Gromutter mich aufgezogen hat.
Nachher bin ich zum Militr gekommen und nach der Dienstzeit bei meinem
Offizier geblieben. So hat es mit meinem Beruf angefangen, so da ich
mich gut fortgebracht habe.

Wenn es ein Wiedersehen gibt, erzhlt man sich wieder Verschiedenes von
einst und jetzt. Aber schauen Sie, da wir hier fortkommen. Der Wein ist
hier ganz ungeniebar. Auch Weiber gibt es nicht. Ich empfehle mich
Ihnen und verbleibe grend

                                                     Camillo Custove.




                                Ein Heim


Konrad war heimgekehrt. Herr Hofrat Engelbert Kruger, der verdiente
Landesschulinspektor, der aussah wie ein nordischer Fischer (sein weier
Bart lief wie ein Rllchen unter dem Kinn zu den Schlfen hinauf bis zu
den Brillenhaken), Herr Hofrat kam des Nachmittags spter ins Amt und
versumte abends seine Kartenpartie. Das bedeutete nichts anderes als:
Konrad ist heimgekehrt. Frau Hofrats rundliche Wangen hatten rote
Flecken -- Frau Rat nannten sie die Kinder, weil sie Goethes Mutter
glich --, Frau Rats flinke Augen schossen umher wie ein Eichktzchen in
seinem Bauer und liefen forschend und erschrocken umher und sie suchten
Schlssel und fanden sie nicht. Anselma Kruger, der Tochter zrtlich
verblhtes Gesicht, sah pltzlich bse aus und sie hatte ihre uerst
sorgfltig ausgefhrten Spitzen zur Seite gelegt, weil sie eine Migrne
nahen fhlte. Das hie: Konrad ist heimgekehrt. Lisbeth, das Mdchen,
vertauschte ihre verwaschene Bluse mit einer neueren, die ihren Busen
vorteilhafter erscheinen lie, denn diesen hatte der junge Herr schon
des fteren belobt. Frba, der Dackel, verbte mit seinem Schwnzchen
die kunstvollsten Windungen und war gleichgltig gegen Lisbeth. Der
Hausmeister sandte seinen Jungen um Bier, denn er wute, die nchsten
Abende brachten reichlicheres Sperrgeld. Dies alles besagte: Konrad ist
heimgekehrt.

Ob aber mit Ausnahme von Frba irgend jemand an des verlorenen Sohnes
Heimkunft menschlich Anteil nahm, schien zweifelhaft.

Warum war er zurckgekehrt? Er wute, wenn er Arabella folgte, war der
Bruch mit dem Elternhaus besiegelt. Er besa kein Geld fr Lustreisen
und konnte es sich in kurzer Zeit nicht standesgem erwerben. Das
Honorar seiner geheim erteilten Privatlektion hatte er eben aufgezehrt.
Wenn er nicht wieder sein gedankenschweres Haupt unter das husliche
Joch beugen wollte, war es ihm unmglich, die Sekretrstelle jenes
einflureichen Vereines zu erlangen, die ihm sein Vater fr alle Flle
bereit hielt. Wenn er sich liederlich in die Welt schlug, war er ein fr
alle Mal unbrauchbar geworden fr die Zucht des hofrtlichen
Familienherdes. Aber er wute auch abseits seiner Selbstgefhle, der
Vater war alt, die Pension wrde einst nicht reichen, wenn dann auch
Anselma ihre aufgestapelten Spitzen verkaufte. Das wenige Geld, das
vorhanden gewesen war, hatte man fr Anselmas Aussteuer (die in einer
Truhe verschlossen blieb) und fr die Hedwigs verausgabt. Fr Hedwig,
die nun verstoen war. Und deshalb hatten sich die Eltern, wiewohl sie
fromm waren, seinem Vorsatz, Pfarrer zu werden, widersetzt. Sie ahnten,
er whle dies Amt, um seine ekstatische Seele jubilieren zu lassen, und
da diese durch alle beruflichen Schranken durchbrechen wrde. Frau
Hofrats Vater war akademischer Maler gewesen und in der Schule, wo
Engelbert Kruger seine erste Supplentenstelle einnahm, Professor im
Zeichnen. Er trank gern und liebte die Frauen, er spielte sogar und
arbeitete wenig. Kruger wollte das mutterlose Tchterchen geborgen
wissen und heiratete sie bei der ersten Gehaltsaufbesserung. Aber er
lie die Frau niemals vergessen, da er eine Edeltat an ihr verrichtet
hatte. Nun waren zwei Kinder miraten und zeugten wider sie. Oder war
dem nicht so? Manchmal stiegen ihr Zweifel auf, ob denn Hedwig und
Konrad, diese begabten, schpferischen Menschen, wirklich milungen
waren. Aber diese zweifelnde Stimme kam aus dem Grab einer Gewesenen,
denn die mde, alte Frau widersprach Herrn Hofrat Engelbert Kruger
lngst nicht mehr. Konrads Willen aber bis zum uersten zu
durchkreuzen, war nun auch dem Hofrat nicht mglich gewesen. Er war also
fr Theologie auf der Hochschule eingeschrieben. Nun war aber der Junge
ein Sonderling. Er liebte es, allerlei Vorgnge haargenau zu beobachten.
Kinder, die sich prgelten, Menschen, die sich betranken, Eheleute, die
sich zankten, und besonders fesselte ihn das Treiben der Liebespaare. Er
nannte das Psychologie zu seelsorgenden Zwecken betreiben, hatte aber
wohl seine heimliche Freude daran und vergaffte seine Lehrzeit dabei. Er
kam spt abends, oft erst nachts nach Hause, weil er in Kneipen sa ohne
zu trinken oder des Frhlings in Grten zwischen heimlichem
Liebesgetndel ohne selbst zu tndeln. Schlielich begann er ein
umfangreiches Buch zu schreiben und verffentlichte eine Studie ber die
Schriften Athenagoras, an die er eine neue Auffassung des Logos knpfte,
die ihm einen Verweis seiner Lehrer eintrug. Bald war es auch kein
Geheimnis mehr, wer der Verfasser der in der Hochwarte erscheinenden
Kritiken der Lebensfhrung war, die eine stupende Kenntnis geheimer
Dinge bezeugten, zu denen sonst ein junger Theologe weder eine bejahende
noch eine verneinende Beziehung hat. Sein Vater nannte sie den Auswurf
eines Verlorenen und Anselma, die sie heimlich las, behauptete, da der
letzte ihrer Freier ihnen zum Opfer gefallen sei, da kein anstndiger
Mensch sich einfallen lasse, mit dem Verfasser dieser Schndlichkeiten
eine Verwandtschaft einzugehen. Wenn Konrad nicht rechtzeitig zu Hause
war, wurde ihm fortan das Essen entzogen, das Taschengeld wurde gekrzt
und alle seine Bcher, die dem Hofrat verdchtig erschienen, verkauft.
Als der Vater erfuhr, da er Hedwig besuche, gab er ihm eine Ohrfeige.
Daraufhin verlie Konrad das Haus.

Nun aber war er dennoch zurckgekehrt. Eine pltzlich erwachte
Zrtlichkeit hatte, alle Einwnde besiegend, ihn nach Hause getrieben.
Er liebte des Vaters Art, ber die Brille hinwegzusehen, seine
liebreiche Beschftigung mit Blumen und Tieren bei den gemeinsamen
Ausflgen, er liebte der Mutter dunkle Augen, die allmhlich heller
geworden waren, ihre geheime Nachgiebigkeit, ihr Leid um Hedwig, er
liebte Anselmas zrtlich verblhtes Gesicht und ihre nach Quittenpfeln
duftende Ordnungsliebe, ihre Trauer um den gestorbenen Verlobten. Er
erinnerte sich an Frba, den Dackel, und an Weihnachten. So war er denn
wieder da und trotz allem entschlossen zu bleiben, wenn man ihn gut
empfing und rcksichtsvoll behandeln wollte. Er erwartete
Zugestndnisse, aber seine Abwesenheit hatte sich als eine sorgenlose
Zeit bewhrt und seine Rckkehr wurde nicht einer Belohnung wert
befunden. So wurde denn der Spie umgekehrt und Konrad dazu verhalten
auf die Verffentlichung bedenklicher Aufstze zu verzichten, seine
Besuche bei Hedwig zu unterlassen und nur ausnahmeweise die Abende auer
Hause zu verbringen. Man behandelte ihn wie einen Mieter, der das
Kostgeld nicht mehr bezahlt, den man aber nicht unverblmt vor die Tre
setzen will. Im Sptherbst wurde die Sekretrstelle frei. Bis dahin
mute Konrads Auffhrung musterhaft sein, auch sollte er schon einen
Monat vorher als Volontr sich einarbeiten. Er lie sich einige Tage
Bedenkzeit. Dann kam Vgelchens Brief, darin standen hell drei Worte:
Warten Sie ab.

Ausreien konnte man immer noch. So gab er sich scheinbar zufrieden.
Aber die Stadt begann ihren verderblichen Einflu zu ben. Hatte er am
See nur seiner Arbeit an dem Buche Von St. Bernhard, den Wanderungen
in der Landschaft und seinen Trumen um Arabella gelebt, so begannen nun
die erregten Nerven ihre Gifte auszuscheiden. Seine Arbeiten wurden
wieder eifernden Geistes, seine Spaziergnge jenen hmischen
Beobachtungen gewidmet, seine Sehnsucht nach dem geliebten Wesen Wahn
und Eifersucht. So entstand der teuflische Plan in ihm, Mannsthal an
Vgelchens Mutter zu verraten und ihr Geld zu entlocken unter dem
Vorwand, die Vorgnge aus nchster Nhe beobachten zu wollen. Es schien
ihm zweifelhaft, da ein Brief an jene Deckadresse die Dame noch
erreichen wrde; geschah dies dennoch, so hatte sich eben der Zufall fr
seine Absicht entschieden. Er schrieb:

Gndige Frau, es gehen Dinge vor, die Ihre Duldung nicht finden wrden.
Gestatten Sie, da ich Ihnen mndlich berichte. Ich habe die Gefahr
erkannt, in der Ihre Tochter schwebt, und stelle mich Ihnen zur
Verfgung, um ihre Errettung zu bewerkstelligen. Hochachtend ergeben
Konrad Kruger, Student der Theologie, Sohn des Hofrats Engelbert Kruger,
Landesschulinspektors usw. Postlagernd Treustrae.

_P. S._ Bitte um Diskretion.

Konrad war bald als lstiger Nachfrager auf dem bezeichneten Postamt
bekannt. Vierzehn Tage lang stahl er sich, vorsichtig auslugend, ob
niemand ihm folge, dahin, und als ihm tatschlich am fnfzehnten Tage
ein Brief eingehndigt wurde, erbleichte er vor staunender Erregung und
Erwartung.

Er las: Mein Herr, finden Sie sich, bitte, am 3. dieses um zehn Uhr
vormittags in meiner Stadtwohnung, Ring Nr. 3, Tr 5, in der ich mich
eben vorbergehend aufhalte, ein. Sollten wir einander versumen,
erbitte ich sogleich Nachricht nach Hetzendorf bei Wien, Villa Martha.

Konrad sah auf die Uhr. Es war zehn Uhr vorbei, aber das Datum stimmte.
Er konnte nun nicht mehr nach Hause, um seinen Anzug zu wechseln, alles,
was er riskierte, war, sich beim nchstbesten Friseur rasieren zu
lassen. Es war elf Uhr, als er in das khle, vornehme Haus eintrat und
im ersten Stock klingelte. Nach angstvollem Horchen vernahm er Schritte
und, whrend er auf der gegenberliegenden Tre las: Dr. Franz Gunter,
Hof- und Gerichtsadvokat, vernahm er, wie das Guckloch an der Tre sich
bewegte. Frau Martha Gunter ffnete. Es war noch alles verdunkelt in der
Wohnung, die Luft war dumpf trotz des geffneten Fensters in dem Raum,
in den Konrad ihr folgte. Bilder und Lampen waren verhngt, an ihrer
Gre und den kostbaren Wandbehngen lie sich eine prunkvolle
Einrichtung erkennen. Im Nebenzimmer wurde ein Kamin abgetragen. Aus
diesem Grunde war Frau Gunter zur Stadt gekommen und hatte bei dieser
Gelegenheit nach dem Brief jenes rtselhaften Waldmenschen gefragt, der
auf geheimnisvolle Weise in die Erlebnisse ihrer Tochter eingeweiht
schien. Die Stimme der Dame war nicht dieselbe, die erregt und heiser
aus jenem Gesprch am See geklungen hatte. Der schwere Schlag der
Augenlider und der Schleier der Wimpern jagten ihm Fieber der Erinnerung
durch die Glieder. Und des geliebten Wesens deutlichere Gestalt gab ihm
Mut und er begann:

Meine Gndige, Sie werden mich fr einen Narrn oder fr einen
Schwindler halten, jedenfalls fr einen Menschen, der sich dreist in
fremde Angelegenheiten mengt und der deshalb wenig vertrauenerweckend
scheint. Ich will Ihnen aufrichtig die Wahrheit sagen. Ich habe Ihre
Tochter sehr lieb gewonnen und die Eifersucht hat mir die Gefahr
gezeigt, in der sie schwebt. Weniger Tage der Freundschaft hat es
bedurft, um zu erkennen, da ihr Stiefvater sie liebt und da dieser
Herr nur wartete, bis ihm sein Opfer mundgerecht war.

Was sagen Sie! Schweigen Sie, schweigen Sie, unterbrach die
erbleichende Frau die einstudierte Rede. Machen Sie mich nicht noch
unglcklicher. Woher wissen Sie, da es geschehen ist? Es ist furchtbar.
War je eine Mutter unglcklicher?

Beruhigen Sie sich, gndige Frau. Noch ist nicht alles verloren.
Arabella ist ein himmlisches Wesen. Noch reicht ihr der Schmutz nicht
bis zu den Knchelchen der Fe. Sie kann nicht, sie wird nicht
verderben. Ich glaube an sie, wie an ein gttliches Wesen. Aber sie mu
fort von dem Verfhrer, sie mu zu Ihnen zurckkehren.

Sprechen Sie sich deutlicher aus! Haben Sie Nachrichten von dort? Haben
Sie Briefe?

Konrad zog ein Schreiben Camills hervor und zeigte, indem er es
vorsichtig festhielt, der Dame folgende Stelle:

Sie wohnen allein und schicken mich fort, wann es nur angeht. Das
Frulein ist ganz verndert und lt sich vor ihm nicht blicken. Dann
wieder sind die Kissen noch am Nachmittag in Unordnung. Ich schreibe
Ihnen das, weil ich Ihnen es versprochen habe und wir Freunde sind. Wenn
Sie es weiterreden, verlier ich den Posten, also denken Sie an die
Freundschaft, die wir uns zugetrunken haben. Es folgten noch einige
zweideutige Ausfhrungen ber den Geschlechtsverkehr ungleichaltriger
Menschen, die an ein Gesprch anzuknpfen schienen, das der Schreiber
mit Konrad gefhrt hatte. Offenbar lag fr Camill hier die Basis der
seltsamen Freundschaft mit dem Studenten. Frau Gunter las nur die ersten
Zeilen dieser Bemerkungen, dann legte sie errtend die Hnde vor ihr
Gesicht.

Es ist so gut wie sicher, sagte sie, ohne ihr Antlitz zu enthllen,
mit erstorbener Stimme. Aber Beweise sind das nicht und rechtlich kann
ich nichts erwirken. Es ist ungeheuerlich!

Ich will Ihnen Beweise schaffen. Ich werde es bezeugen knnen. Es wird
mir nicht an Mut und Schlauheit fehlen, glauben Sie mir.

Und was dann? sagte Frau Gunter, deren Krper wie im Frost
erschauerte. Mein Mann wird einen Proze zu verhindern wissen und
niemals werde ich ihm das arme Kind entreien knnen. Es ist mir fremd
geworden. Es kennt mich nicht mehr.

Sie irren, man mu Ihre Tochter erwecken mit geistlicher Kraft und ihn
mit Drohungen erschrecken. Geben Sie mir die Befugnis, in Ihrem Namen
den Verfhrer zu entlarven. Ich will alles aufgeben, Beruf und
Elternhaus. Ich habe nur einen Gedanken, das himmlische Wesen in
Sicherheit zu bringen. Um des Seelenheiles willen ...

Und wenn nur ein Wahn Sie treibt, wenn nichts geschehen oder nur ein
unschuldiges Spiel, nur Zrtlichkeit -- Sie sah fern ein Bild. Eine
Frau am Traualtar, die nach bangen Jahren wieder Geborgenheit fhlt. Es
war so schwer, das Bse zu denken.

Wenn Sie zweifeln, wenn Ihr Gewissen Sie nicht antreibt, dem Retter,
der durch scheinbare Zuflligkeiten zu Ihnen gelangt ist, zu vertrauen
-- -- Meine Nachforschungen knnen ja nur ntzlich sein.

Warten Sie einige Tage, ich will mich beraten. Nein, nicht meinen Mann
will ich fragen, fr den ist die Sache erledigt --

Jede Mitwisserschaft kann unseren Plan vereiteln. Wir haben keine Zeit
zu verlieren.

Und was verlangen Sie? fragte die gequlte Frau.

Nichts als die Reisekosten und eine geringe Vergtung meines
Lebensunterhaltes.

Frau Gunter streifte einen Perlenring vom Finger, der von Brillanten
eingefat war. Aus ihrem Portemonnaie nahm sie eine Geldnote. Dies ist
fr die Reise. Den Ring versetzen Sie und bringen mir gleich den
Versatzschein. Ich habe jetzt nicht mehr entbehrliches Bargeld und, da
ich die Sache geheim halten mu, knnen Sie auch in nchster Zeit nichts
erwarten. Sie legte den Kopf auf den Arm, als wollte sie nichts hren
mehr und sehen. Ein lautloses Schluchzen erschtterte sie. Konrad nahm
Geld und Ring, verbeugte sich und verlie rasch die Wohnung.

Er ging zunchst in das Versatzhaus, erhielt eine erstaunlich hohe Summe
fr den Ring und machte sich dann auf den Weg zu Hedwig, bei der er das
Geld bis zu seiner Abreise aufbewahren wollte. Sie war nicht zu Hause.
Nachmittags brachte er den Schein zu Frau Gunter, die ihn nochmals ber
seine Absichten ausforschte und, nun ruhiger geworden, Weisungen gab,
wie er sie benachrichtigen und was er im Notfall veranlassen sollte. Er
fhlte, da es ihr unmglich gewesen war, seine Hilfe abzuweisen, da ihr
Gewissen sich belastet fhlte, aber er empfand deutlich, da er als
Ruhestrer aufgetreten sei und eine schon begrabene Hoffnung aufgewhlt
hatte. Er ersah, da Vgelchen heimatlos war und da nur Leidenschaft
ihr Obdach bot. Aber hinter all den Zweifeln ber seine Mission stand
die Gewiheit, er wrde Ariel wiedersehen.

Als es dmmerte, klingelte er nochmals bei Hedwig an. Sie wohnte weit
drauen in der Vorstadt, im entgegengesetzten Stadtteil der vterlichen
Wohnung. An der Tre war mit einem Reinagel eine Visitenkarte
angebracht. Auf dieser stand: Hedwig Torn-Kruger, Malerin.




                                 Hedwig


Wahrhaftig, der Konrad, rief eine helle, klingende Stimme zwischen dem
leicht geffneten Trspalt und schon flog die Tr auf und die Schwester
zog ihn in den Vorraum. Hedwig, das sah man auf den ersten Blick, war
aus der Art geschlagen. Vielleicht war die Mutter einst ihr hnlich
gewesen. Nun schien sie gegen die Angehrigen gesehen ein Kolibri in
einer Gemeinschaft von Fledermusen. Konrad war zwei Monate nicht da
gewesen und der Geruch der lfarben, die saubere, eigenartige, wenn auch
mit den primitivsten Mitteln hergestellte Einrichtung heimelten ihn
gleich wieder an. Und Hedwig sah gebrunt aus und hbscher denn je.

Wo ist der Junge? fragte Konrad und deutete auf das leere Sthlchen,
auf dem nun des Kleinen Harlekin sich breit machte.

Endlich in guten Hnden, sagte Hedwig lachend. Meine Freundin Marie,
weit du, die Kollegin aus der Malschule, hat ihn seit drei Wochen in
Mdling drauen. Mir ist nicht wenig bang nach ihm, das kannst dir
denken. Er ist ja so lieb jetzt. Weit du auch, da er dein Bild
erkennt? Okki sagt er.

Konrad liebte den kleinen Jungen und war sichtlich verstimmt, da er
abwesend war.

Da du dich aber wieder hergetraut hast nach der Ohrfeigengeschichte,
Konni, sagte sie und sah ihn zrtlich an. Eine Trne schimmerte in den
dunklen Augen, die jenen der Mutter glichen. Sie streichelte seine
behaarten Hnde.

Ich bin gekommen, um Abschied zu nehmen, Hedi, sagte er und setzte
sich neben sie. Ich reise nach Paris.

Nach Paris! Hedwig schlug die Hnde zusammen und lachte. Ei, was du
nicht sagst! Du Glcklicher! Gr mir die Annaselbdritt und die Mona
Lisa und die Wasserspeier von Notre Dame.

Nein, ich spae nicht, sagte er und zog bekrftigend das Kuvert mit
dem Geld aus der Brusttasche. Ich mchte dich auch bitten mir dies
aufzubewahren und es mir Samstag auf den Bahnhof zu bringen.

Samstag schon? Mit deinem Franzsisch traust du dich nach Paris?

Habe seit zwei Wochen eifrig aufgefrischt.

Eine Pause entstand mit der stummen Frage, was es mit der Reise fr eine
Bewandtnis habe. Aber Hedwig liebte es nicht, befragt zu werden, so war
auch sie diskret.

So, so. Und was sagt man zu Hause dazu? fragte sie nach einer Weile.

Niemand wei etwas. Ich verschwinde. In zwei oder drei Tagen trage ich
zwei Pakete mit meinen Sachen von zu Hause weg und bringe sie zu dir.
Dann esse ich mit ihnen, sage Gute Nacht, ziehe mich in meine Bude
zurck und verschwinde unter Zurcklassung einiger sachlichen
Abschiedsworte.

Hat man dich wieder gehunzt? fragte Hedwig. Kann denn nicht Friede
werden! Weit du auch, was du tust? Die Eltern sind doch alt. Sollen sie
zwei Kinder verloren haben? Wie wirst du dich fortbringen?

Wenn du es kannst und mit dem Jungen, dann werde ich es wohl auch
knnen.

Ja Frauen, die haben geheime Krfte. Ein trauriges Lcheln umspielte
ihren Mund und ihre Augen hatten einen schmerzlich verklrten Aufblick.

Weit du aber auch, durch wieviel Elend ich gegangen bin, Konni? Wie
ich gehungert habe, ehe ich die Anstellung und die Privatstunden
bekommen hatte und endlich wieder ein Bild verkauft war? Nein, nichts
weit du. Hast nur gehrt, da ich ein leichtfertiges Frauenzimmer bin
und die Ehre der Familie nicht respektiert hab' und schlielich nicht zu
Kreuze kriechen wollt'. Ich will dir dein Geheimnis nicht abfragen, aber
meines will ich dir jetzt sagen, damit du klger wirst daran.

Aber reg' dich nicht auf, Hedi, hrst du. Dann will ich lieber nichts
wissen.

Also erinnerst du dich, da man mich zuerst wie Selma in die
Lehrerinnenbildungsanstalt steckte. Selma hatte schon ihre Anstellung
als Industriallehrerin, als ich eintrat. Da war ein Professor im
Zeichnen, ein aufgeklrter Mensch. Nun du weit, wen ich meine. Der ging
zu Vater und sagte, ich htte Talent und ich sollt' das zweite Jahr noch
absitzen und dann ernstlich auf Malerei studieren. Zunchst
unterrichtete er mich zwei Jahre privat. Vater war dagegen, aber Mutter,
die Malerstochter, hat es durchgesetzt. Der Professor riet zu einer
Schule in Mnchen. Vater zeigte meine Arbeiten mehreren Fachleuten, die
alle sehr fr meine Ausbildung waren. Du warst damals im Konvikt. Ehe
ich abfuhr, besuchte ich dich. Erinnerst du dich noch?

Die Jungens verliebten sich alle in dich.

Ja, es hatte sich auch ein anderer in mich verliebt. Torn, der
Bildhauer, des Professors Bruder. Wir waren viel allein. Ich dachte, es
wre alles nur Spiel. Ich war so furchtbar dumm. Torns waren in Mnchen
bekannt und sie rieten zu einem Familienheim, wo ich solide
untergebracht sein wrde. Es ging alles gut anfangs, denn ich war in
Hans Torn verliebt und keiner kam an mich heran. Ich habe gute
Fortschritte gemacht. Bei der Schulausstellung schon wurden alle meine
Bilder angekauft. Den Sommer verbrachten Selma und ich in einem
Malerdorf. Dort hat sie den unglcklichen Hgler kennen gelernt. Wre
der dann nicht abgestrzt, es wre vielleicht manches anders geworden.
Er war so klug und die Eltern schworen auf ihn und reich war er auch. Er
htte auch mir geholfen. Die Torns waren auch da und dort merkte ich
erst, da auch der Professor in mich verliebt war; und auf einmal wute
ich selbst nicht mehr, welchen ich lieber hatte. Und das Seltsame war,
keiner schien es vom anderen zu wissen, da er mich zur Frau wollte.
Aber mich reizte das so und ich trieb ein elendes Spiel mit ihnen. Ich
traf beide heimlicherweise und htte weder den einen noch den anderen
verstoen knnen. Im Fasching kam dann Hans, um in Mnchen zu bleiben,
gleich nachher sollte ich nach Hause fahren, weil der Kurs der
Lehramtsprfung fr Zeichnen begann, den ich fr alle Flle machen
sollte. Weit du, Konni, schon damals war mir meine Arbeit wichtiger als
alles andere auf der Welt und das hat mich dann auch spter gerettet.
Ich hatte auch schon ffentlich ausgestellt nach vier Jahren Studium.
Aber ich wute: nun geht es ins Elternhaus und in den Erwerb zurck; das
ist deine letzte ganz freie Zeit, sagte ich mir. Niemand fragt dich,
wann du nach Hause kommst, wo du geschlafen und gegessen hast. Hans und
ich durchtobten den Fasching. Aber da sprte ich pltzlich, ich liebe ja
gar nicht den Hans, es ist der andere, es ist Hermann, nach dem ich mich
all die Zeit gesehnt habe. Halb scherzend beichte ich es ihm und denke
mir, er mu sich doch freuen, da ich den Bruder, den er so verehrt, so
lieb habe. Und nun geschieht etwas Hliches. Hans sagt mir, da er
selbst ja nur sein Spiel mit mir wollte, da er von meiner frommen
Liebschaft mit dem Bruder gewut habe und da er, Hans, uns beide oft
belauscht habe. Dann zeigte er mir Briefe, aus denen ich ersah, da er
immer neben mir andere Frauen gehabt hatte, schon damals, als ich nur
ihn liebte, das war so seine Rache. Ich packte verstrt meine Sachen.
Auf der Reise fate ich den Plan, nicht direkt nach Hause zu fahren. Ich
telegraphierte, da ich spter eintreffen wrde, und fuhr zu Hermann.
Der erschrak freudigst, als er mich kommen sah, und ich wute nun: da
ist dein Glck. Wir verlobten uns. Wir blieben die ganze Nacht
beisammen. Er rhrte mich nicht an. Es war alles so heilig. Tags darauf
kam ich nach Hause, begann den Kurs. Zwei Wochen spter wute ich, da
ich guter Hoffnung war. In meiner Verzweiflung vertraute ich mich Mutter
an. Sie hrte es mit Grauen. Der Traum und Taumel fiel von mir ab, als
ich sie noch starr vor Entsetzen sagen hrte: Du darfst Hermann nichts
sagen, du mut dir das Kind nehmen lassen. Das ist ja Betrug, Mutter,
sagte ich, Verbrechen! Alles, alles wollt' ich, nur nicht tiefer in
Lgen geraten und Abscheulichkeit. Du hast den Weg des Bsen
eingeschlagen, antwortete sie. Jetzt geh den, der nicht andere mit ins
Unglck strzt. Da lief ich zu Hermann und sagte ihm alles. Hermann
schrieb an Hans, er msse zurckkehren und mich heiraten. Aber dem
widersetzte ich mich. Ich liebte ja Hermann und nie und nimmer htte ich
Hans, der sich heimlich an mir rchte, zum Manne wollen. Nach schwerem
Kampf schlo mich Hermann wieder an sein Herz, er wrde zu vergessen
suchen, da Hans und nicht er der Vater sei. Aber dann kam der Brief aus
Mnchen. Hans war vom lteren Bruder abhngig und wollte nicht
eingestehen, da er ihm weggenommen, was er sich aufgespart hatte. Er
erklrte, ich wre ihm nachgelaufen und htte mich ihm aufgedrngt. Den
Fasching htte ich so wst verbracht -- da wohl ebensogut Herr X. oder
Herr Y. Vater meines Kindes sein konnte. Er dchte nicht daran, mich zu
heiraten, da ich ja vor kurzem erst ihm erffnet htte, da ich
keinerlei Neigung mehr fr ihn habe. Er sei berdies so gut wie verlobt
mit einer Brauerstochter, einem reichen und anstndigen Mdchen.

Hund, knirschte Konrad.

Ach! sagte Hedwig traurig. Er war kein Hund. Er liebte mich und
deshalb trieb ihn der Ha. Er hat die Brauerstochter geheiratet, nun
hlt er's bei ihr nicht aus und luft mir die Tren ein. Aber ich habe
den Kleinen gelehrt, mit Bausteinen nach ihm zu werfen und ihm das
Gesicht zu zerkratzen, wenn er ihn kssen will. Nun hre weiter, das
Bseste kommt erst. Hermann erklrte also daraufhin, von mir nichts
wissen zu wollen. Selma fuhr heimlich zu Hans, aber auch der war
unerbittlich. Da sagte Mutter alles dem Vater und der schlug mich
blutig. Tags darauf ging er zu Hermann und bat ihn, er, der stolze
Mensch, bat Hermann, mich zur Frau zu nehmen. Aber der Vater kam
verstrt nach Hause und sprach zwei Tage mit keinem von uns ein Wort.
Indessen hatte Mutter eine Frau ausfindig gemacht, die alles ungeschehen
machen wrde. Aber in mir war der feste Entschlu das Kind zu behalten.
Ich war sehr leidend von all den Aufregungen und man schonte mich in
keiner Weise. Das Einzige, was Vater fr mich tat, war, zu erwirken, da
ich meine Lehramtsprfung vorzeitig ablegen konnte. Man bewachte mich.
Selma und Mutter waren immer hinter mir. Ich widersetzte mich nicht mehr
zu der schrecklichen Frau zu ziehen, dort wrde ich wohl freier sein und
vielleicht die Mglichkeit haben zu entfliehen. Aber schon vorher gelang
mir das. Ich hatte noch das Geld von den verkauften Bildern und fuhr
nach Mnchen, wo ich ja Freunde hatte, auf die ich mich verlassen
konnte. Freilich Geld hatten die keines, aber Arbeit wrden sie mir
verschaffen. Mutter kam mir nachgefahren, sie hatten mich ausgeforscht.
Ich lebte recht schlecht und sie lockte mit Untersttzungen und
Verzeihen, aber alle ihre Vorstellungen, auf das Kind zu verzichten,
waren fruchtlos. So fuhr sie denn wieder ab. Es kam kein Brief mehr.
Einmal sah ich Hans. Es war im Sommer, die Stadt verdet. Ich sa im
englischen Garten, da fuhr er mit seiner Braut an mir vorber. Noch
heute wei ich nicht, ob er mich gesehen hat, aber damals lernte ich
Gretchens Gebet im Kerker aus tiefster Qual verstehen. Einen Monat vor
der Zeit kam eine Depesche von Selma, Vater liege im Sterben, ich sollte
zurckkehren. Ich reiste. Abends trat ich verschleiert ins Zimmer. Alles
war dster und leise. Es fiel mir zuerst auf, da man dich weggeschickt
hatte, aber ich war doch gleich von der Sorge der anderen erfllt und
ma dem keine Bedeutung bei. Vater sagte mir mit schwacher Stimme, ich
sollt' mich nicht lnger widersetzen. Er habe mit Hermann gesprochen, er
wrde mich heiraten, wenn ich mich nach der Geburt des Kindes von diesem
trennen wrde, da doch nun einmal der Vater nicht nachweisbar wre.
Mutter brachte mich zu dieser Frau. Sie hatten schon alles vereinbart
und sprachen abseits leise wie alte Bekannte. Ich besah mir den Raum.
Die Luft schon war bedrckend. Zwei Betten standen da, in dem einen
schlief schnarchend ein alter Hund. Ich war einer Ohnmacht nahe, die
Reise, die schlaflose Nacht, die Aufregungen hatten mich ganz
heruntergebracht. Ich hatte Schmerzen. Meine Fe trugen mich nur mehr
zu dem Sofa. In einem Winkel des Zimmers sah ich einen schmutzigen
Waschtisch mit allerlei unbekanntem Gert. Ich wute mit Grauen, hier
wurden dem Tod Opfer gebracht. Ich rief nach der Mutter, sie war
heimlich weggegangen. Die Alte brachte mir Tee, entschuldigte sich, sie
msse ausgehen, ich sollte unbesorgt sein, es wrde niemand zu mir
hereinkommen. Mir war es, als entferne sich die alte Hexe, um den
giftigen Apfel zu bereiten. Ich schlummerte ein und sah mich in einem
glsernen Sarg. Ich erwachte, als drauen die Tr aufgesperrt wurde und
das Zimmer neben dem meinen von einem Mann und einer Frau betreten
wurde. Bald war kein Zweifel mehr, zu welchen Zweck. Arme Mutter, sie
ahnte nicht, wohin sie mich gebracht hatte. Die Schmerzen kamen wieder
und eine entsetzliche Angst befiel mich, da es vorzeitig geschehen
konnte, da das Kind und ich in Schmutz und Gift zugrunde gehen wrden.
In den Schmerzen fhlte ich nur meine Qual, die Krankheit des Vaters war
ja nichts gegen die Gefahr, die in jedem neuen Anfall zu drohen schien.
Ich war voller Ha, da man mich hier elend verkommen lie, da man mich
morden wollte. Ja, ich verglich erbittert den Wert meines Lebens mit dem
des Vaters, dem man das meine aufopferte. Aber nach einer Weile hrten
die Schmerzen auf. Ich lag wie gerdert. Die nebenan rsteten indes
wieder zum Aufbruch. Das Leben stand grell vor mir. Ich war wie
hellsichtig geworden. Mann und Weib nebenan, die sich umschlingen, dann
die Tragdie der Geburt, der Tod, der Kampf um Ehre, alles stand in
nackten Bildern vor mir. Aber nun wute ich auch, was ich zu tun hatte.
Ich stand auf; eh' die Alte wiederkam, war ich auf der Strae. Es war
spt abends, ich rief einen Kutscher an, lie mich auf die Klinik
fahren. Als ich ihn bezahlt hatte, blieb mir fast nichts mehr. Die
Schwestern und rzte nahmen mich mit freundlicher Ruhe in Pflege. Aber
erst eine Woche spter kam das Kind zur Welt. Ich schrieb Mutter, wo ich
sei, und da sie doch meinen Tod nicht htte verantworten wollen, bat
Selma, mich zu besuchen und mir Nachricht von Vater zu geben. Niemand
kam, niemand antwortete. Ich durchforschte die Zeitungen, ob ich das
Schreckliche lesen wrde, sah schon den geliebten Namen schwarz
umrndert mir entgegenstarren. Zum Glck blieb Vater am Leben. Er war
gar nicht sterbenskrank gewesen. Das wenige Geld, das ich hatte,
verausgabte ich fr Marken und Karten. Ich schrieb an Freundinnen, die
mir ewige Treue geschworen hatten, aber jede hatte eine andere Ausrede,
niemand kam mir zu Hilfe. Neben mir lag eine Arbeiterfrau. Sie erriet
bald meine Verlassenheit und mit einer gewissen Schadenfreude ber die
Hartherzigkeit der Herrschaften lud sie mich zu sich ein. Als der Mann
des Sonntags sie besuchen kam, brachte auch er treuherzig seine
Einladung vor. Tags darauf brachte uns eine Droschke ans Ende der Stadt.
Nicht weit von hier lud sie uns ab mit den sorgsam verhllten
Suglingen. Seither habe ich gelernt, unter armen Leuten zu wohnen. Da
gibt es keine Unzufriedenheit, wenn man sieht, wie diese Armen hinter
dem Bollwerk ihrer Stumpfheit darben. Sie hatte es gut gemeint, die
brave Frau, aber nach zwei Tagen erkrankte ich an Kindbettfieber. Nun
brachte man mich ins Spital zurck und das rgste war, man trennte mich
von dem Kinde. Man brachte es mir nur, wenn es gestillt werden sollte.
Nachts hrte ich sein Schreien lange in den hallenden Gngen, wenn man
es mir hungrig brachte, und wieder schrie es, wenn man es forttrug.
Einer meiner Hilferufe, die bisher unbeantwortet geblieben waren, hatte
indes Widerhall gefunden. Marie hatte mich auf der Klinik, dann bei der
Arbeiterfrau, die sie sogleich belohnte, dann wieder im andern Spital
gesucht. Nun mietete sie mir ein Zimmerchen in ihrer Nhe. Das Kind
wurde vom Spital aus auf das Land in Pflege gegeben. Als ich so weit
hergestellt war, fuhr ich nach Neudorf hinaus, um es zu besuchen. Nie
werde ich diesen Anblick vergessen. Es war so lieblich und rosig
gewesen. Jetzt glich es einem kranken Greislein. Erstaunlich auch war
es, wie es nun Hans hnlich war. Die Nachbarinnen raunten mir zu, da
das Kind Hunger leide und in Schmutz liege. Vor wenigen Tagen wre es
dem Tode nahe gewesen. Ich nahm es eigenmchtig fort. Konnte ich denn
das Kind dieser Engelmacherin berlassen? Es mute ins Spital, es war
ernstlich krank. Dort bedeutete man mir, es wrde erst in einigen Tagen
ein Platz frei. Die Frau, bei der mich Marie eingemietet hatte, war
natrlich nicht erbaut ber den kleinen Mitbewohner, der nachts
erbrmlich schrie. Maries Untersttzung war nahezu aufgebraucht. Da trug
ich das Kind abermals zur Klinik. Es war ein warmer Oktober, noch lagen
die Kinder in den Wiegen im Garten drauen. Als ich an einem leeren
Bettchen vorbeikam, kam mir der Einfall, das Kind hineinzulegen. So
entging ich der Abweisung. Ich tat es und flchtete dann wie eine
Diebin. Indessen hoffte ich Hilfe zu finden. Zwei Tage machte ich
vergebens Anstrengungen mir Geld zu verschaffen. Ich konnte ja nur an
Menschen herantreten, die in keiner Beziehung zu den Eltern standen und
die halbwegs verschwiegen waren. In meiner Verzweiflung ging ich zu
Hermann. Ich fand ihn, erschrocken ber mein Aussehen, erschttert ber
das, was ich erlebt hatte. Ich erzhlte ihm, da ich eben das Kind durch
das Gitter des Spitalgartens beobachtet, da es schon wohler scheine,
ich beschwor ihn, den Jungen zu sehen, er wrde dann nicht mehr
zweifeln, wer sein Vater sei. Er ging mit mir, er sah das Kind und nun
sagte er mir, er sei bereit, eine Scheinehe mit mir einzugehen und das
Kind als das seine anzuerkennen. Er wrde dann sogleich um seine
Versetzung einkommen, falls ich selbst nicht die Stadt verlassen wrde.
Er riet mir zu bleiben, um dem kranken Vater nahe zu sein, der
vielleicht andern Sinnes werden wrde, auch wrde er mir noch eine
staatliche Anstellung sichern knnen. Hans war verheiratet und verdiente
nichts. Ich lehnte es ab Untersttzungen von dem Geld seiner Frau zu
beziehen. Hermann war ein gebrochener Mann. Er sagte mir, da er nach
reiflicher berlegung zu der berzeugung gekommen sei, da er ja an
meinem Verkehr mit Hans, an meiner Abwesenheit vom Elternhaus, da er an
meinem Elend Schuld trage. Einige Wochen spter, als alle Formen erfllt
waren, heirateten wir. Nach der Trauung fuhren wir zu den Eltern.
Hermann verlangte, da ich ihre Verzeihung erbitte. Als Hermann
erklrte, da er nun getrennt von mir leben wrde und ihren Schutz fr
mich erbte, brauste Vater auf. Abermals kam alles zur Sprache. Aber
obwohl ich wute, da unsere Ehe nur zum Schein war, ich mute Hermann
verteidigen, ich mute an seiner Seite stehen. Ich war durch nichts
geblendet, Hermann war im Recht. So gingen wir beide im Streit mit den
Eltern auseinander.

Und er lie dich dann mit dem Kind allein zurck? fragte Konrad.
Hedwig senkte den Kopf. Es war ganz finster geworden. Er sah nicht, da
sie weinte, aber er fhlte es.

Ich selbst habe ihn fortgeschickt, sagte sie. Ich hatte ihn zu lieb.

Eine Weile blieb es still, dann griff Konrad ungeschickt nach Hedwigs
Hand und kte sie.

Ich hab' immer gesprt, was du wert bist, sagte er.

Auch jetzt noch, Konni?

Auch jetzt noch, jetzt erst recht.




                     Mit der Seele Lauterkeit ...


Nun waren Konrads letzte Skrupel, das Elternhaus heimlich zu verlassen,
erledigt. Als er nach Hause kam, wollte Anselma eben sein Nachtessen
wegsperren. Sie setzte es ihm wortlos vor. Er schob es weg. Er schlo
sich in seine Kammer ein und schrieb an Ariel:

Du mein Engel, Du mein Licht, nun ist es gewi, ich werde Dich
wiedersehen. Ich werde um Dich sein, und wenn es ntig sein wird, werde
ich Dich mit meinen Hnden aus allen Fhrnissen tragen. Immer werde ich
in Deiner Nhe sein. Vergi das nicht, Du brauchst nur zu rufen. Ich
wei, Du frchtest Dich vor dem Rtselvollen, vor dem Wunderbaren. Doch
ich bin fortan bei Dir. Du mut bald, bald Deinen Berg verlassen, denn
sonst mte ich in einer Eishhle hausen oder mich als Kellner oder
Hausknecht verkleidet in Deinem Gasthof verdingen. Und Paris ist so
schn. Dort kann ich Dir Wunder weisen. Ich habe alles studiert. Wenn
mein Brief Dich erreicht, brichst Du wohl auf! Noch bin ich ganz
aufgewhlt. Hedwig hat mir heute ihr Leben erzhlt, Hedwig, weit Du,
die von den Eltern verstoen wurde. Ihr war viel Leid zugemessen. Wenn
Du it und trinkst, so sollst Du jeden Bissen in seine Liebeswunden
tauchen, das stand ber ihrem Leben geschrieben. Als ich nach Hause
kam, nahm man eben mein Essen fort. Ich kann nichts mehr zu mir nehmen
von ihrem knausernden Tisch. Auch sie haben des Lebens Bitternis
gekostet, aber sie selbst hatten nichts es milde zu machen. Und das,
mein Ariel, ist das Geheimnis: mit der Seele Lauterkeit mu man es
durchtrnken, mit des Herzens Honigseim es versen, und sei es aus
Galle und Unflat. Merke Dir das, Ariel, wenn dennoch der Ekel an Dich
herankriecht.

                                                              Konrad.

Er ging nicht zu Bette. Er sa ber den franzsischen Bchern, bis das
Licht erlosch, spt nachts. Am nchsten Tag, als er einen Teil seiner
Bcher und Schriften zu Hedwig geschafft hatte, fiel ihm ein, da Camill
ihn beauftragt habe, die Enkelin seiner Ziehmutter aufzusuchen. Er
kannte die Strae schon aus den Erzhlungen seiner Gymnasialfreunde. Ja,
er war selbst mit einem von ihnen, ehe dieser es gewagt hatte, eines der
geheimnisvollen Huser zu betreten, an ihr vorbeigestrichen, um doch
irgendwie an der unheimlichen Angelegenheit beteiligt zu sein. Es war
nun eben vor Anbruch der Dmmerung, als er sie erblickte, schmal
ansteigend zwischen alten Husern, die mit allerlei Sandsteinzierat,
Schutzheiligen und alten Schildern ein Stck Altstadt bildeten. Aus der
lrmenden Hauptstrae kommend, fand man hier pltzlich Schweigen,
verschlossene Tore. Die Sonne selbst schien nur verstohlen, noch ehe sie
schied, an den einfrmigen Fassaden hinzuhuschen. Sah man aber nher
hin, stachen grell die roten Vorhnge der halbgeffneten Parterrefenster
hervor und hinter ihnen, Konrad erschrak, kauerten Frauen mit sorgfltig
frisierten Kpfen und grellgeschminkten Gesichtern in durchsichtigen,
bebnderten Morgenjacken und lchelten, spitzten die Lippen oder riefen
leise, mit der Zunge schnalzend. Eine oder die andere warf ihm auch ein
grobes Spottwort nach, weil er nur scheu hinblinzelte und in seiner
Bestrzung seine Blicke suchend nach den Hausschildern aussandte. Am
liebsten wre er umgekehrt und htte seinen Auftrag brieflich erledigt,
aber dies schien ihm eines zuknftigen Weltreisenden unwrdig. Er fand
das Haus und whrend sich dasselbe Spiel wiederholte, ein Fenster sich
leise bewegte und ein aufgedunsenes Gesicht sich lchelnd zeigte und
noch slicher lchelte, als er die Trschnalle ergriff, trat er in den
Hausflur. Eine Wohnungstr ffnete ihren Spalt und dieselbe Frau zeigte
sich. Sie hatte offenbar, um ihres Geschftes ganz sicher zu sein, eine
ihrer schnen Schultern entblt. Ihre Fe, die in roten
Saffianpantoffelchen saen, waren nackt. Aber pltzlich fiel Konrad ein
Mrchen ein, das Mrchen von den roten Schuhen. Die abenteuerliche
Atmosphre dieser Strae hatte ihn nach Traumland versetzt. Er sah das
kleine Mdchen, das mit roten Schuhen, freilich war es nicht, um damit
zu trauern, aber sie hatte keine anderen, als sie hinter dem rmlichen
Sarge der Mutter daherging. Und dann kam die alte Dame im groen Wagen
und nahm das Mdchen mit sich. Das kleine Mdchen hie Marie. Und als
sie eingesegnet werden sollte, ging die alte Dame mit Marie zum
Schuhmacher und Marie whlte sich rote Saffianschuhe. Aber die alte Dame
sah nicht, da sie rot waren, weil sie nicht gut sehen konnte. Als sie
dann zur Chortre kam, schienen selbst die alten Bilder auf den
Grabsttten, die Prediger und Predigerfrauen mit steifen Kragen und
langen, schwarzen Kleidern, die Augen auf ihre roten Schuhe zu richten.
Doch als der Prediger von der heiligen Taufe und vom Bunde mit Gott
sprach, dachte Marie nur immerzu an ihre roten Schuhe.

Na, Kleiner, was spinnst denn, komm doch, mein Schatz, rief leise eine
heisere Stimme aus der Tre. Aber Konrad sah den alten Soldaten an der
Kirche, der dem kleinen Mdchen mit seinem Krckstock die roten Schuhe
anzauberte, da es ewig darin tanzen mute. Die Schuhe trugen es ber
Dorn und Sumpf, ber die Heide hinweg zum Scharfrichterhaus. Komm
heraus! Komm heraus! rief es dort. Ich kann nicht hineinkommen, denn
ich mu tanzen. Und Marie bat, schlag mir nicht den Kopf ab, schlag
meine Fe ab. Der Scharfrichter hieb ihr die Fe mit den roten Schuhen
ab und die Schuhe tanzten mit den kleinen Fen ber das Feld in Nacht
und Wald hinein.

Komm doch, mein Schtzchen, schnalzte die Stimme aus der Tr und nun
sah Konrad zwei entblte Brste durch den Spalt schimmern.

Da schien die Sonne ganz hell und gerade vor ihr stand Gottes Engel mit
einem herrlichen grnen Zweig. Er berhrte damit die Decke und sie erhob
sich und die Orgel spielte und die Gemeinde sa in den geputzten Sthlen
und sang aus ihren Gesangbchern. Und die Leute sagten: Das war recht,
da du kamst, Marie. Das war Gnade, sagte sie. Der klare Sonnenschein
strmte durch die farbige Fensterrose in den Kirchenstuhl und Mariens
Herz wurde so voll Sonnenschein, da es brach. Ihre Seele flog auf
Sonnenschein, zu Gott, und dort war niemand, der nach den roten Schuhen
fragte. Die kleine Marie war Konrads erste Liebe gewesen. Nun war sein
Herz mit einem Male voll Mitleid. Er sah gar nicht ngstlich mehr auf
die entblte Frau und sagte ruhig, indem sein Blick noch auf ihren
Pantoffeln haftete: Ich suche die Monika Gallo, ich hab' ihr etwas von
einem Landsmann zu bestellen. Bist du die?

Mut ein' Stock hher gehen. Die schlaft jetzten, hat die ganze Nacht
an Besuch g'habt. Geh', bleib indes bei mir.

Konrad sah noch immer auf des ppigen Weibes rote Pantoffel. Wir sind
allesamt Snder, sprach er zu sich. Er nickte nur und ging zur Stiege.
Die Frau warf heftig die Tre hinter ihm zu. Im Stiegenhaus sah er die
Wnde mit obsznen Zeichnungen bekritzelt, die ihn wahnsinnig erregten.
Seine Hand zitterte, als er bei der Monika Gallo anklopfte. Eine
verdrieliche Stimme rief: Wer ist's? Er ffnete. Im Hintergrund des
Zimmers richtete sich auf einem geblumten Sofa ein Mdchen auf und
blinzelte mit mandelfrmigen Augen zu ihm hin, eine blasse Hand strich
kastanienbraunes, wirr lockiges Haar aus der Stirn. Monika Gallo ghnte.

Ich komme von Custove, sagte Konrad statt jeder Begrung.

Vom Onkel, von Onkel Camill, rief sie mit italienischem Akzent. Mit
einem Satz stand sie auf und kam nher. Die Monika Gallo glich ganz und
gar nicht den anderen Frauen, die Konrad in dieser Gasse gesehen. Sie
sah aus wie eine slowenische Obstverkuferin und ihr schnentwickelter
Hals und die stolze Haltung ihres schmalen Kopfes verrieten, da sie auf
ihm den Obstkorb getragen, ehe sie in ihren jetzigen Beruf geraten war.
Sie war wohl noch nicht lange dabei, denn sie sah leidlich frisch aus.
Ihre Haut war weich und glatt, noch nicht von Schminke und Krankheit
verheert. Konrad legte sein Geld hin, sie griff nach seiner Hand und
drckte sie warmbltig. Nun sollte er erzhlen, woher er den Onkel
Camill kenne und wie es ihm im Ausland erginge. Whrend er sprach, sah
er sich im Zimmer um. Es war recht reinlich, ein wenig rmlich und bunt.
Das Bett war offen, die seidene Decke stach grell aus der Drftigkeit.
ber einer kleinen Kommode hingen Bilder aus der Heimat. Eine Frau in
sdtirolischer Tracht, eine Welsche, und ein alter Mann mit dem groen
Hut der Passeier Bauern. Zwischen ihnen ein gueiserner Christus mit
einem Rosenkranz, dessen Perlen in einen Weihkessel tauchten. Konrad
fhlte sich sehr wohl bei Monika. Sie war nun leidlich ausgeschlafen und
er blieb bis gegen Mitternacht bei ihr. Ihm war es ja schon einerlei,
wann er nach Hause kam. Wer aber, dem Augenschein folgend, Konrad
verdchtigt htte, seinen Besuch in jeder Art genossen zu haben, der
htte fehlgeraten. Dennoch zhlte er den Abend zu seinen guten
Erinnerungen. Nichts war ihm verhater als brgerliche Scheinheiligkeit,
hier gab es weder Lge noch Verstellung und, da er als Gast gekommen
war, wurde er mit Herzlichkeit und Offenheit aufgenommen. Er war auch
nicht knauserig gewesen mit seinem Geschenk und betrachtete es reinen
Gewissens als die erste Auslage seines Betriebskapitals. Camill mute
ihm ja gewogen bleiben. Das Mdchen brachte Bier und Kse. Da sie so
reichlich beschenkt war, vergnnte sie sich's an diesem Abend, nicht auf
Beute auszugehen. Konrad erfuhr ihre simple Geschichte. Ein
Mdchenhndler hatte sie zu bereden verstanden ihr Dorf zu verlassen,
sie dann einer Frau bergeben, in deren Haus sie geschmachtet, bis die
Polizei die Bude ausgehoben, wonach sie sich selbstndig gemacht hatte.
Der Onkel Camill hatte ihr wohl Geld gegeben fr einen Obsthandel, aber
sie hatte zuerst einer armen Freundin aus jenem Hause ausgeholfen, die
an einer Berufskrankheit hinstarb. Auch war sie ohne ein eigenes
Kleidungsstck zurckgeblieben, da alles, womit sie sich bisher
geschmckt hatte, der Frau gehrt habe. Dann hatte sie ihn gefunden,
den sie liebte und der ihr das letzte Geld durchgebracht. Jetzt se
er, weil er einer Messerstecherei angeklagt worden, die ein schlechtes
Ende genommen hatte. Die Monika dachte nicht daran, sich Konrad etwa aus
Dankbarkeit fr das Geld anzubieten. Ihr waren diese Freuden lngst ein
lstiges Geschft, galten sie nicht dem Messerstecher, den sie jeden
Monat im Gefngnis besuchte, um ihm Zigarren und Schnaps zu bringen. Sie
lud Konrad ein wiederzukommen, falls er die Reise verschbe. Als er an
der Tre jener anderen vorberkam, besann er sich, ob er nicht eintreten
sollte, aber das Bier hatte ihn trge gemacht. Er scheute die Auslage
und er mute wieder an das Mrchen von den roten Schuhen denken, an die
Mutter, die es ihm einst vorgelesen, als er im Fieber gelegen, an Ariel,
die alle Mrchenmarien in seinem Herzen verdrngt hatte. Traurig ging er
auf die Gasse hinaus. Die roten Vorhnge, dahinter jetzt die Lampen
entzndet waren, leuchteten geheimnisvoll. Da und dort trat eine
hochbusige Frauensperson mit wiegendem Gang aus der Tr oder zeigte, von
der Straenecke kommend, einem Willfhrigen vorausschreitend, den Weg.
Konrad trat auf die Hauptstrae, die nun der war, und schlenderte mit
dumpfem Kopf der elterlichen Wohnung zu. Aber pltzlich war ihm, als
knne er jetzt nicht nach Hause. Man hatte ihm den Trschlssel entzogen
und er mute Lisbeth, die Magd, aus dem Schlafe wecken. Sie wrde in
ihrer Nachtjacke kommen, die Hand schtzend vor die Kerze halten, so da
ihr junger Busen beleuchtet war, und heute, das wute er, wrde er ihr
nachdrngen in ihr heies Bett. Nein, so sollte nicht die letzte Nacht
zu Hause sein. Er kam durch einen Garten, da lockte eine Bank. Des
Morgens erst rttelte ihn dort ein Schutzmann aus dem Schlaf. Er schlich
nach Hause, Lisbeth holte eben die Milch. Er stahl sich ungesehen in
sein Zimmer. Seine Abwesenheit war nicht bemerkt worden.

Hedwig aber ging mit schweren Sorgen. Soviel hatte sie aus Konrad
herausgebracht, da er einem Menschen, dem er nicht gewachsen war, die
Geliebte abjagen wollte, deren Besitz ihm selbst niemals blhen wrde.
Sie sah, wie er seine Zukunft hinopferte und sich in Gefahr brachte ohne
Lohn und Dank. Aber auch bei den Eltern schien ihm sein Leben unmglich
geworden und sie hatte keinen Weg zu ihnen, sie zu warnen und zu bitten.
Alles, was sie selbst unternhme, wrde dort seine Lage verschlechtern.
Sie brachte ihm denn Geld und Gepck zur Bahn und nahm den Anschein auf
sich, an seiner Flucht mitschuldig zu sein.

Nun verlasse ich dich denn auch, rief er anklgerisch. Gott verzeihe
mir, aber es gilt, einen ahnungslosen Engel zu beschtzen.

Der bin ich nicht, sagte Hedwig mit einem trotzigen Lachen und reichte
ihm die Hand in den abfahrenden Zug. Gott schtze dich. Komm, komm
wieder! Und als sie traurig nach Hause ging, wiederholte sie es
angstvoll wie im Gebet: Komm wieder, komm wieder!




                                 Paris


                                        Jesus antwortete ihnen
                                        und sprach: Wahrlich, wahrlich,
                                        ich sage euch, wer Snde
                                        tut, der ist der Snde Knecht.

                                                          (Joh. 3. 8.)

Es war im Park von Versailles, Werktag vormittags, am einsamen Teich.
Arabella sa im Gras. Sie hatte den breiten Florentinerhut neben sich
gelegt. Eine weiliche Oktobersonne schimmerte auf ihrem Haar, das sie
nun, wie es in Paris in diesen Tagen Mode war, in einer Krone aufgetrmt
trug. Sie sah zu Mannsthal auf, der neben ihr stand und zu ihr
herablchelte.

Ich glaube, du warst einmal eine Bachstelze oder ein Reiherweibchen,
Vgelchen, sagte er, oder gar eine Schilfnymphe, eine Nixe. Es zieht
dich immer zum Wasser.

Hier ist es schn, sagte sie. In der Stadt dort ist alles so
betubend. Hier habe ich auch dich. Auch in der Nacht kommt noch all das
Viele von den fremden Frauen dir nach. Da denkest du an sie. Hier ist
Ruhe. Sie legte sich zurck und kreuzte die Arme hinter dem Kopf. Er
blickte auf sie herab, als she er sie anders als sonst. Er antwortete
ihr nicht, er wute nur zu gut, was sie beunruhigte. Ihre Augen glnzten
zu ihm auf, um ihre Lippen zuckte es und sie schien sie zu ihm
emporzuheben, whrend ihre Arme eine kleine hilflose Gebrde nach ihm
sandten.

Hier nicht, sagte er leise. Brennt es wieder?

Ja, es brennt, sagte sie mit einem wundersamen Lcheln.

Sie wohnten seit mehreren Tagen in Versailles, nachdem sie zuerst in
Paris selbst abgestiegen waren, um spter wieder dahin zurckzukehren.
Mannsthal hatte jetzt mde Tage. Sein Magen widersetzte sich zuweilen
selbst der leichten Pariser Kost. Er hatte Schmerzen. Der Gedanke, da
er ernstlich erkranken knne, verdarb ihm die Freude an Paris. Auch
Vgelchen sah zuvrderst nicht die Stadt, sah alles, was sie umgab als
Rahmen ihrer Leidenschaft, die im hellsten Feuer stand. Er fhlte in
ohnmchtiger Furcht, wie alles das erreicht war, wie nur seine heiesten
Trume es entzndet hatten und da Gefahr drohte, es verloren zu geben,
ehe es zur Neige gekostet war. Wenn er das geliebte Kind betrachtete,
das so willig und eins mit ihm bis an die Grenzen der Lust gegangen war,
kam ihn ein Grauen an bei dem Gedanken, sie diesem Feuer zu berlassen,
das er nur mhsam mehr zu lschen vermochte. In diesen Tagen hatte
Mannsthal Stunden hchster und nie gekannter Lust mit einer Gefhrtin,
die ihm vllig gewachsen war und ihm die Wunder mrchenhafter Instinkte
bescherte. Diese fast heilige Einigkeit ihres Feuers glhte den besten
Kern seines Wesens rein und verursachte ihm Qualen, die nur die
Erkenntnis seelischer Liebe zu geben vermag, wenn sie das angebetete
Wesen durch eigene Schuld am Rand eines Abgrundes erblickt. Vermochte er
an das Wunder zu glauben, da ihre Liebe sich jeder Wandlung ergeben
konnte? In Vgelchen, er wute es und empfand es noch tglich glckhaft,
in ihrer Umarmung war Trieb und Seele so innig verschmolzen, da nur ein
blutiger Ri, der ihr tiefstes Wesen zerstren mute, diese beiden
trennen konnte. Und war ein junger Organismus imstande Schmerz so tief
zu erleiden, da er das ganze Wesen durchdringen und wandeln konnte?
Nein, es wehrte ihn mit starkem Gegensto ab, wenn er sein Innerstes
berhrte. Junge Menschen haben nicht die Porositt des Schmerzduldens,
die Schmerzverwandlungsfhigkeit. Das wute und frchtete er. All diese
Fragen waren Beschwichtigungen, Wahrheit blieb ihr heies, immer
verlangendes Blut. Sie konnte es nur durch Gte beschwatzen, sie konnte
es nur niederringen, bis es dann selbst rchend sich wehren wrde. Doch
noch hatte er Zeit und vielleicht geschah das Wunder und eine leichte
Ernchterung brachte ihr Khlung. Es peinigte ihn, da er dies erhoffte,
was er gleichzeitig frchtete, und da das, was er frchtete, ihm wenig
Hoffnung brachte. Denn noch war Arabella weigeglht vom Scheitel bis
zur Sohle. An der Oberflche ihrer Haut muten Millionen elektrischer
Fnkchen hausen, die seine Nhe schon zum leisen Aufknistern weckten.
Sie war wie die Mahd blhender Wiesen, auf die Sonnenglut herabgesengt
war und die nur eines glimmenden Hlzchens bedarf, um in Flammen
aufzugehen. Sie war wie ein Sommertag, der an tausend Enden aufspriet
und ausbricht, der besprengt ist mit unendlichen Keimen. Er versuchte
kleine Ablenkungen, er beschenkte sie mit Dingen, die sie beschftigen
sollten, mit erlesenen Kleidern und Schmuck. Aber sie besah sich kaum
mit den kostbaren Perlen, mit der spitzendurchfluteten Wsche, den
ausgesuchten Gewndern und Pelzen. Sie war schon wissend genug, zu
ahnen, da ihre Liebe nicht von der Art war, die solcher Behelfe bedarf.
Und er selbst schuf sich nur neue Qualen, wenn der Blick der Mnner
durch die Kostbarkeiten, die er ihr bescherte, strkere Anziehung fand.
Sie selbst sah die Aufmerksamkeit nicht, die ihr in dieser Stadt, in der
wenige junge Mdchen zu sehen sind, zuteil wurde. Die Art, wie sie sich
trug, lie ja dem erfahrenen Pariser keinen Zweifel, in welcher
Beziehung sie zu dem viel lteren und scheinbar reichen Herrn an ihrer
Seite stand. Aber all die lchelnde Mitwisserschaft, die sie mit Blick
und Wunsch streifte, erregte sie unbewut noch mehr und das Augenspiel
der Frauen, das Mannsthal und zuweilen ihr selbst galt, beunruhigte sie.
Ihr Instinkt und ihre junge Erfahrung lieen sie sogleich erkennen, wie
stark die sinnliche Atmosphre hier das Leben durchwogte, da alles
rascher, hufiger, unausweichlicher geschah. Sie glaubte, da diese Luft
allein schon Mannsthal sttige, da die Frauen ihn vielleicht besaen,
wenn er auch nicht von ihrer Seite ging: sie war eiferschtig auf Paris.
Aber sie tuschte sich. Adalbert fhlte ihren Wert hier mehr als an
irgendeinem anderen Orte der Welt. Die Pariser Frau, die bewute, stets
wache, war ihm entwertet. Einmal verlie er Arabella und versuchte es
mit uersten Dingen, aber er kam angewidert und wie verarmt zu ihr
zurck und jede ihrer Berhrungen waren ihm Pein, weil sein Blick sich
beschmutzt fhlte wie nie bisher. Und Vgelchens Aufblhen erlosch
wieder, sie sah jetzt noch kindlicher aus in ihrer Blsse und Zartheit.
Sie qulte sich an ihm und er mute, sie zu beruhigen, Mittel anwenden,
die sie erschpften. Da pltzlich kam ihm ein feuriger Gast zu Hilfe. Er
durchtobte sein Blut, warf neue Brnde in seine Sinne, er durchraste
seine Trume und rttelte dunkle Krfte in ihm auf: das Fieber! Aus
jener Stunde an Rosinas Grab trug er es im Blute. Einmal schwanden ihm
die Sinne, da fing sein lschender Blick Vgelchens Bild, wie es ber
ihm geschwebt hatte. In seinem Traum war sie Europa, in deren blondem
Gelock wild der Sturm des Meeres sauste, wie er, der Stier, sie ber den
See trug. Und es war ihm, als schwinge Europa ber ihm, dem Stier, eine
feurige Peitsche, die Fackel der emprten Lust. Als er erwachte, sa ein
taubenhaftes Wesen, im langen Nachtkleid wie in ein Berhemd gehllt,
an seinem Bettrand und khlte ihm mit Madonnenhnden die heie Stirn.

Nach den Fieberanfllen schien die Krankheit erloschen. Er fhlte sich
wieder ganz wohl. Allerlei krftigende Mittel hatten die Mattigkeit
behoben. Aber er war doch ein anderer jetzt auch uerlich, fahl und
gelb, und Vgelchen schlich ngstlich um ihn her. Sie zwang sich ihn zu
schonen, aber er empfand ihre Frsorglichkeit als Klte. Heimlich
ersehnte er wieder das anfeuernde Fieber und er hatte, wenn sie nachts
sich zrtlich, aber ohne Verlangen an ihn schmiegte, seine Freude daran,
auch ihr eine bse Lust zu erwecken, es herbeizusehnen. Malaria, das
schien nicht tdlich fr ihn, nicht ansteckend von Mensch zu Mensch,
aber es war zehrende Vergiftung und das vorzeitige Ende ihrer Freuden,
die sich zur Snde verzerrten, wenn sie nicht weiterglhten.

Um seiner Unruhe Herr zu werden, begann er sich mit Neuerwerbungen
seiner Sammlung zu beschftigen. Viele Stunden verbrachte er im Hotel
Drouot, neue Schtze zu erwerben. Wieder fate ihn Sehnsucht nach
Erlsung, die ihm aus diesen Gebilden einer zrtlichen Kunst leuchtete.
Als er eines Abends an der Rive gauche aus dem Laden eines Kunsthndlers
trat, hielt eben eine Equipage und eine Dame, deren Gesicht halb
verschleiert war, entstieg ihr und eilte an ihm vorbei. War sie es, war
das Angele von Tirotzky hinter zwiefachem Schleier: dem der Jahre auch,
die sich zwischen die kindlichen Erinnerungen gedrngt hatten, zu denen
er oft in Not und Verderben Zuflucht genommen? Es trieb ihn zu dem
Hndler zurck und er fragte nach der Dame. Eine Fremde, hie es,
Madame de Twede, Frau eines Legationsrates. Wrde er ihr wieder
begegnen? Sie befate sich mit Kunstsammeln. Da war ein Weg und er
konnte ein Wiedersehen dem Zufall berlassen.

Zu dieser Zeit begann Arabella mit Camill in Paris Wohnung zu suchen.
Bald hatte sie eine passende gefunden, mit Garderoben und
Dienermansarde. Sie eignete sich einige praktische Geschicklichkeit an,
sie feilschte sogar mit Hndlern und benahm sich berall wie eine
leutselige kleine Knigin, der man alle Geflligkeiten schuldet.
Mannsthal war verblfft ber ihren Ortssinn. In krzester Zeit fhlte
sie sich in den fremdesten Stadtteilen zu Hause. Sie wute jede
Abkrzung des Weges, jede Richtung, sie kannte die Huser, die Grten,
die Kirchen. So lie er sie denn auch ohne Camill allein umherstreifen.
Er war sicher, sie wrde, wie die Zugvgel im Herbst zu ihrem Nest
jenseits der Meere, abends im Gewirr der fremden Straen zu ihm
zurckfinden. Dieser Instinkt hatte sie geleitet dort Wohnung zu suchen,
wo Grten und ein weiter Ausblick zu finden waren. Von einer Terrasse
aus bersah man durch die schmalen, hohen Fenster des Hauses alte Bume,
eine verwitterte Kirche und in der Ferne Trme und Hgel.

Whrend Adalbert wieder mde war und kaum das Versailler Hotel verlie,
entdeckte sich Vgelchen das Paris der alten Kirchen, die Grten, den
Louvre, die Museen, das Bois. Meist fuhr hinter ihr der Wagen, den
Camill fr den Herrn gemietet hatte, aber zuweilen entschlpfte sie ihm
und er erwartete sie erst an dem von ihr bestimmten Ort, von wo aus sie
wieder nach Versailles zurckfuhr. Sie fand da Adalbert mehrmals in
Gesellschaft eines jungen Englnders von auergewhnlicher Schnheit,
den er aber stets verabschiedete, um sie zu begren. Der Jngling erhob
sich hnenhaft, verbeugte sich mit scheuem Blick auf die junge Dame und
Mannsthal entlie ihn, ohne ihn jemals mit Arabella bekanntzumachen. Als
Adalbert eines Morgens zum Frhstck kam, fand er Vgelchen im Gesprch
mit dem Englnder. Arabella hatte selbst den Jngling angesprochen. Es
schien ihr selbstverstndlich, einen Bekannten Vas als den ihren zu
betrachten. An den darauffolgenden Tagen blieb sie in Versailles, fuhr
mit dem groen Menschen im Kahn und besichtigte nochmals mit ihm das
Schlo. Ein Ausdruck der Qual lag auf Adalberts gelblichem Antlitz, wenn
Vgelchen dann vergngt ins Hotel zurckflatterte. Als sie ihn neben dem
schnen jungen Menschen sah, flo ihr Herz ber vor Mitleid und Liebe
und die Zrtlichkeit, die sie dem Freund erwies, machten den jungen
Englnder errten. Seit Mannsthals Krankheit war sie nicht mehr so
lebhaft gewesen und sie ri beide Mnner zu einer Frhlichkeit hin, die
dann noch der Champagner befeuerte. In Adalbert brannte gleichzeitig
eine wahnsinnige Erregung und Bestrzung. Er wute, ihr Trunkensein, das
ja der Wein kaum noch erhht hatte, gehrte nicht mehr ihm allein, es
gehrte auch Norton nicht, es strmt schon ins Leben. Eine Kraft war in
ihr geworden, die er erweckt und deren Herr er nicht mehr war. Er konnte
sie nicht zurckleiten, sie war herrenlos, denn Arabella selbst besa
nichts, womit sie selbst sie htte zgeln knnen. Sie lebte ja unbewut
ihrer selbst. Sie zu erwecken wrde vielleicht den Todessturz der
Nachtwandlerin bedeutet haben. Er hatte, da Arabella seiner nicht
sorglich wie sonst geachtet, Ditfehler gemacht, er hatte getrunken und
sich tagsber in grter Unruhe ber Vgelchens Spaziergang mit Cecil
befunden. Er fhlte das Fieber aufsteigen. Als sie die Stiegen
hinaufgingen, die nur mehr matt erleuchtet waren und Cecil in seinen
Zimmern verschwunden war, drckte er sie an sich und die Liebkosungen
seiner Hnde versprachen ihr wieder die langersehnte Umarmung. Seine
Augen leuchteten im Fieber, aber sie sah es nicht, sie hrte aus seinem
raschen Atem nur die Ungeduld der Lust, die auch sie empfand. In dieser
Nacht war sie wie rasend und am darauf folgenden Tag schlo sie sich ein
wie damals, als es zum ersten Mal geschehen war.

Als sie abends erfuhr, da Adalbert fiebere, kam sie leise zu ihm,
kniete an seinem Bett nieder und weinte lange.




                               Der Retter


Vgelchen hatte Konrad all die Zeit her vergessen und es war ihr nicht
eingefallen, ihm zu schreiben. In der Sainte Chapelle, in der sie in
Verzckung stand, kam sein Bild und seine Worte sprachen zu ihr. Und
das, mein Ariel, ist das Geheimnis des Lebens, mit der Seele Lauterkeit
mu man es durchtrnken, mit des Herzens Honigseim es versen und sei
es aus Galle und Unflat. In dieser hochaufstrebenden Kapelle, in dieser
Kirche, die aus heiligem Stein und heiligem Glas gebildet schien, war
ihr Herz Gott aufgeschlossen und gedachte derer, die seine Worte in ihr
gestrkt. Und aus der Bedrngnis, in der sie lebte und in der nur Taumel
und Trunkenheit ihr Ruhe brachten, sah sie nun einen Weg und ein Tor.
Das Tor war strahlend wie die Fensterrose der Sainte Chapelle und sie
wute, hinter ihr blaute der Himmel, den sie vergessen hatte. Whrend
sie stand und das Licht durch tausend Farben der Glasmalereien ber sich
ergossen sah, whrend sie sich eingeschlossen fhlte von den Legenden
der Bibeln und ihre Augen an den Bildern streiften, wie man neugierig
und doch mit halber Aufmerksamkeit in einem Buche blttert, da trat
leise von der Vorhalle her Imanuel Givo ein. Er ging ganz leise, als
wollte er die Andchtige nicht stren und, als sie mit einem leisen
Rauschen des seidigen Gewandes sich zu ihm wandte, begegneten stille,
dunkle und weise Augen aus einem schmalen Gesichte den ihren. Schwarz
war alles an ihm, Haare, Anzug, Hut, das Buch, das er in schwarz
behandschuhten Hnden hielt. Nur seine Hautfarbe war leuchtend hell und
ein rosiger, fast frauenhafter Hauch lag auf seinen Wangen. Es war Ruhe
und Sammlung in ihm und eine freundlich wissende Anteilnahme an der
Umwelt. Er glich einem weltlichen Mnch. Vor der Darstellung der
Propheten stand er lange und trug Notizen in ein Buch ein. Dann wandte
er sich gegen die Vorhalle und seine Gestalt war in ihren Rndern von
Licht umflossen. Er hatte breite Schultern und schmale Hften, was ihm
eine edle Biegsamkeit verlieh. In der Haltung seines Kopfes drckte sich
eine fast demtige Anmut aus. Als Arabella an ihm vorberglitt, fiel ihr
das Schultertuch herab und schleifte den Boden, so da er sich wohl
darin verfangen htte, wre nicht eben ein leichter Blick zu ihr
gegangen. Das war nicht derbe Absicht und doch wie durch beider Wunsch
herbeigefhrt. Er beugte sich herab, ihr zuvorkommend, und sah dann in
ihre Augen, die aufleuchtend dankten und gro und hell wurden an den
seinen. Ihr blasses, ungeschminktes Gesicht mit den feinen Nstern, dem
schmal blhenden Mund schien ihm ortsfremd, und seine freundlich
wissende Anteilnahme wandelte sich in ein zrtlich khles Gren des
Blickes, wie es etwa Knige haben, wenn ihnen ein schnes Weib Blumen in
die Karosse wirft. Er ging hinter ihr her und sie fhlte seinen Blick
wie ein Streicheln zwischen ihre Schultern rieseln. Sie ging ber den
Platz hinber gegen Notre Dame zu, blieb dann am Pont Neuf stehen und
blickte auf die Seine herab, die vom Regen der letzten Tage gelblich
war. Hier packte sie ein Schwindel und sie hielt sich am Gelnder fest.

Sie sind nicht wohl, fragte Imanuel Givo hinter ihr. Er umfate mit
einem leisen, angenehmen Griff ihre Hand. Darf ich Ihnen einen Wagen
besorgen? Oder wollten Sie --? Er wies mit einem vorwurfsvollen Lcheln
auf den Flu hinab. Sie ist doch so schmutzig heute, die Seine.

Arabella war bleich und unwirklicher war ihm niemals eine Frau
erschienen. Ihre Augen sprachen immer noch hell aufgeschlossen in die
seinen. Sie war unfhig ihm mit Worten zu antworten. Sie fhlte, etwas
Entscheidendes war ihr geschehen. Er sah, da sie sich in einem
auergewhnlichen Zustande befand. Sie bebte am ganzen Krper. Er
wartete ihre Antwort nicht ab, rief einen Wagen an.

Ihre Adresse?

Sie nannte sie, whrend er scheinbar ohne Neugier, sie zu vernehmen, den
Kutscher, der sie leise wiederholte, bezahlte. Er grte ernst,
freundlich und ging wie einer, der nun seine Pflicht getan hat. Arabella
htte ihm folgen, ihn bitten mgen, ihr unter seinem weisen, stillen
Blick lnger noch Obdach zu gewhren. Aber der schwarze Engel mit dem
wissenden Lcheln schickte sie fort aus seinem Leben und ging seiner
Wege. Als sie vor ihr Haus kam, stand ein zerlumpter Mensch am
gegenberliegenden Haustor und verschwand alsbald im Dunkel der Flur.
Ihr Blick war nach innen gekehrt. Sie erkannte Konrad Kruger nicht.

Wie im Traum lag sie dann auf dem Sofa in dem kleinen Salon mit den
weien Boiserien, die den Marmorkamin einschlossen, in dem schon Feuer
brannte, weil Adalbert so hufig fror. Da trat unangemeldet Cecil Norton
ein. Er hatte die Tr offen gefunden. Camill stand unten bei Konrad
Kruger. Der junge Englnder, den Arabella ohne Mannsthals Zustimmung
eingeladen hatte, legte einen Strau kostbarer Blumen an ihre Seite
nieder und blieb mit einem fragenden, unbeholfenen Lcheln vor ihr
stehen. Sie lchelte wie durch einen Schleier zu ihm auf, ohne seine
Frage, ob sie leidend sei, und seine Entschuldigung, sie derart
berfallen zu haben, zu beantworten. Es war in ihr eine Unfhigkeit zu
sprechen. Auch sah sie ihn kaum: sie sprte ihn. So blieben sie eine
ganze Weile, nur da sein Gesicht, als er die Hingestreckte anstarrte,
allmhlich den Ausdruck der Begierde annahm und sie ahnungslos, wessen
Mienenspiel sie nachahmte, leise mit der Zunge schnalzte und mit den
Augen blinzelte. Er verstand sie und erschrak, wiewohl ihre Gebrde ihm
verhie, wonach er ja verlangte, und er kniete nieder und berhrte die
Seide ihrer Strmpfe. Ganz leise zog sie ihr Kleid kniewrts, whrend
ihr Kopf zurcksank und ein wundersames Lcheln ber ihr Antlitz sich
breitete.

Camill stand unten am Tor und hielt Wache, Ausschau nach Mannsthals
Heimkunft. Indes schlich Konrad in die Wohnung. Einem Lichtstrahl
folgend, kam er an die Tre des Salons. Da hrte er Stimmen, verworrene
Laute. Zutiefst erschrocken, floh er zu Camill zurck.

Jetzt nicht, keuchte er. Es ist einer bei ihr. Sein Freund, der
Kammerdiener, lachte boshaft. Konrad bezog wieder die Flur des
gegenberliegenden Hauses, in der er mehrere Stunden des Tages
verbrachte. Bald darauf sah er Mannsthal heimkehren. Er erblickte seinen
Schatten, dann ihn selbst auf der Terrasse, durch deren Fenster man in
Vgelchens Zimmer sehen konnte. Adalbert stand unbeweglich, wohl durch
die Vorhnge verborgen. Was er sah, erschien vollendet schn, aber eben
dieses Entzcken, das weder Eifersucht noch Erregung in ihm aufkeimen
lie, diese Anteilnahme an dem Geschauten, die der Ehrfurcht beim
Anblick eines Kunstwerkes glich, lie ihn wie einen Unbeteiligten, der
Arabella vor wenigen Monaten noch als Kind gekannt, das erschauernd
sehen, was die Menschen ein Verbrechen nennen. Und kalt und schonungslos
stellte er sich an den Pranger seines Gewissens. Wie hatte er jemals
glauben knnen, Vgelchen sei vor der Berhrung Fremder gefeit durch
ihre Unschuld? Eben diese, die nicht ahnte, was ihr Blut befahl, lie
sie frei ihren Trieben folgen. Hatte sie denn eine Seele? Er durfte
nicht mehr ihrer sicher sein, konnte sie nicht mehr sich selbst
berlassen und, wenn er jemals ganz ruhig werden wollte, mute er gesund
sein und jung oder sie wegsperren in Einsamkeit.

Er gab Camill den Auftrag den Herrn abzuweisen, wenn er wiederkme; aber
dessen bedurfte es nicht, denn als Cecil Norton das Haus verlie, trat
unten ein zerlumpter Mensch auf ihn zu und sagte: Mein Herr, folgen Sie
mir auf die Polizei. Sie haben gegen das Gesetz gehandelt.

Hund, knirschte Norton zwischen den Zhnen.

Aber der andere sah zu ihm auf wie ein gehetztes Wild, das sich
pltzlich gewendet hat und seinen Verfolger angreift. Ich wei, was ich
sage, mein Herr. Aber ich kann schweigen, wenn man meinen Hunger stillt.
Ich habe auch nichts mehr anzuziehen. Ich habe die da oben wochenlang
vergeblich gesucht, nachdem ich von weither ihr nachreiste. Als ich die
Gottesbraut wiederfand, hieltest du, Elender, sie in deinen Pranken.

Sie sind wahnsinnig!

Das wird das Gericht feststellen mssen.

Ich habe nichts getan, was nicht schon an ihr geschehen war. Sie knnen
nichts beweisen.

Ich bin nicht so einer, nein. Aber an Ihrer Achtung ist mir wenig
gelegen, sagte der Zerlumpte. Zahlen Sie -- und wenn Sie wiederkmen,
dann wrde ich Sie aufs neue verfolgen. Hten Sie sich, dieses Mdchen
zu berhren. Es ist meinem Schutz unterstellt.

Norton streifte den Verfolger mit einem scheuen Blick. Der Mensch sah
ihn mit schrecklichen Augen an, murmelte einen Fluch. Der Englnder
griff in die Tasche, zog Geld hervor und hielt es erwgend in der Hand,
indem er eilig weiterschritt. Aber als er sich wandte, um es seinem
Bedrnger zuzuwerfen, war dieser wie ein Schatten im Gewhle
verschwunden.

Zu Mannsthals groem Erstaunen erwhnte Vgelchen beim Abendessen nur
flchtig des Englnders Besuch, dagegen erzhlte sie eingehend von jenem
Fremden, der ihr in der Sainte Chapelle begegnet war. Immer wieder kam
sie auf ihn zu sprechen und erging sich in Mutmaungen, wer er wohl
gewesen sein mochte. Die Stadt war jetzt fr sie der Wunder voll. Wrde
er sich melden, der Seltsame? Sie lag nachts in tiefem Schlaf neben
Adalbert, der wach war, ihren Atem belauschend und ihr leises Seufzen.
In ihrem Traum sandte sie ihre Sehnsucht aus nach dem Fremden und
beschwor seine Gedanken. Der Traum aber war nicht erdgebunden, nicht
wunsch- und drangvoll. Es war ihr Traum von Gott, von Demut und
Unendlichkeit, der um Imanuel Givo blhte.




                            Konrads Irrfahrt


Als er in Paris angekommen war, fand er es zunchst erstaunlich, da,
wiewohl die Mitternachtstunde nicht fern, viele Menschen vor kleinen
Tischen dichtgedrngt auf der Strae saen und trotz des betubenden
Straenlrms sich mit lebhafter Behendigkeit gegeneinander gebrdeten.
Nach der Schwle der unbequemen Fahrt atmete er erlst die Luft, in der
er wie in einem flssigen Duft die Meeresnhe zu spren meinte. Wie ein
Genesender empfand er, der nach dem Kerker der Krankheit wieder das
Leben umfngt. Die Haft seiner Sehnsucht, die rasselnden Ketten seiner
Gedanken, die ihn so lange gekerkert hielten, das Fieber seiner Unrast
fiel von ihm ab. Am liebsten htte er den heiligen Boden, der Ariel
trug, gekt, knieend ihn begrt und schwer nur trennte er sich von den
Straen, um den Gasthof aufzusuchen, den er in seinem Reisefhrer
ausgewhlt. Dahin hatte er sich auch Camills Nachricht erbeten. Nach
seiner Berechnung konnte sie schon am knftigen Tage eintreffen. Ja, es
war nicht unmglich, da er selbst erschien und heimlich Vgelchen
mitgeflattert kam. Es fand sich, da die Angaben des Fhrers in bezug
auf Hotel Riat von der Wirklichkeit berholt waren. Man hatte da einige
Neuerungen und Verschnerungen ausgefhrt, die den migen Preis, der
Konrad dahin gelockt hatte, um ein Betrchtliches erhht hatten. Man
empfing ihn mit seinem kleinen Handkoffer -- eine Kiste mit Bchern und
Manuskripten hatte er noch auf dem Bahnhof belassen -- nicht sonderlich
erfreut. Er war indes vorlufig mit allem zufrieden und trstete sich
mit dem Gedanken, da er, sobald Camills Botschaft eingetroffen, sich
billigeres Quartier suchen wollte. Als er nach neun Uhr erwachte, rasch
angekleidet in das Bureau hinabstieg, wo unter einem Haken fr den
Trschlssel das Brieffach der Mieter sich befand, ghnte ihm das seine
leer entgegen. Zu seiner Befriedigung erfuhr er, da alsbald die zweite
Post eintreffen wrde. Er setzte sich in die Frhstcksstube, nahm, da
er tags zuvor nicht zu Abend gegessen, ein reichliches Mahl und wartete.
Wiewohl er voll Ungeduld war die Stadt zu sehen, schien ihm doch nichts
wichtiger als Camills Brief. Aber bald erfuhr er zwiefache Enttuschung.
Der Kellner erschien mit einem Teller, auf dem ein Papier lag. Ein
freudiger Schreck durchfuhr ihn, Camill oder gar Vgelchen waren da und
sandten ihm ein Wort. Oh weh, es war die Rechnung nur und sie war
wahrlich nicht gering. Der Kellner meinte, des Jnglings Bestrzung
gelte dieser allein und mitleidig riet er ihm, da er kein Trinkgeld
erhalten hatte, doch in Zukunft in einem der kleinen Kaffeehuser zu
frhstcken, wo man stehend seine Tasse Kaffee trnke und nur wenig zu
bezahlen htte. Konrad zog nun aus, beschwingt wie einer, vor dem eine
zauberhafte Welt sich auftut. Das zirkusbunte Straenleben, das starke
Augenblicksgefhl, das hier den Menschen zu eigen und atmosphrisch sich
mitteilt, berauschte ihn, da wie in einer Vision, wie aus einer
Versenkung, mit der Kraft des Wunders das alte Paris erstand. Es
erschien ihm nun ferner und mrchenhafter denn zu Hause, als er aus
Bchern und Bildern seine Schnheit zu entrtseln sich mhte. Er
verstand sogleich, weshalb es die Knstler aller Lnder in diese Stadt
zog und was hier ihre Kunst erneute und fruchtbar machte. Es war der
Kontrast vom hei pulsenden Leben, der Geist und Sinne anfeuerte, und
jenes zauberhafte Verlorensein in einer betubenden Vergangenheit. Das
Erlebte konnte sich in die Dmmerung des Entschwundenen retten, das
seine Denkmler zurckgelassen, es blieb nicht Leben allein, es wurde
Bild, Idee, Traum, Sehnsucht, Ekstase. Denn niemals drang man ganz ein,
immer blieb dies Wechselspiel vom Wachsein des Blutes und den Symbolen
der Zeitenlufe, die starke Lebendigkeit und das legendre Schweigen der
Steine rtselvoll. Alles Geschaut-Ertrumte lebte sich aus in diesem
Verlorensein und erzeugte neues Leben. Genieen schien nicht Miggang
und Arbeit Genu. Hier konnte man der Welt abhanden kommen und sprte
sie nirgend strker. Als er im Luxembourggarten sa, von Studenten
umgeben, die von den nahen Hochschulen kamen, wo er von dem Geist der
Dichter, die hier getrumt hatten, sich umschwebt glaubte, vom vielen
Wandern wohlig ausruhend, den Blick auf Terrassen, Fontnen und
Kunstwerke, umzwitschert von puppenhaften Kindern, glaubte er zu trumen
und frchtete den Augenblick des Erwachens in seiner kleinen Stube im
Elternhaus oder in einem der gewohnten Grten der Vaterstadt. Er
betastete die Bank, er horchte auf die fremden Laute der
Vorbergehenden, er atmete die Luft, die nicht die heimatliche war und
sich kstlich einsog: nein, er irrte nicht. Und dies war nicht nur
Paris, dies war Ariels Wohnstatt. Verzckung machte sein Herz schwellen.
Warum brach er nicht auf, sie zu suchen, fragte die vornehmen Hotels ab,
belauerte die Wagen, die ins Bois fuhren? Warum sa er da, dieweil schon
in seinem Gasthof ein Brief ihn zu ihr rief? Er vermied Fahrgelegenheit
aus Ersparungsrcksichten und auch, um nichts vom Straenbilde zu
versumen. Eilig stand er auf. Am Seineufer aber fesselten ihn die
Buchtrdler, er whlte in Kisten, er las stehend, er gab Geld aus. Dann
befiel ihn Hunger. In einer kleinen Butike sah er die Speisekarte
ausgehngt und kulinarische Kostbarkeiten, die er nur von Festen kannte,
waren um geringes Geld ausgeschrieben. So tafelte er denn. Um so
gewisser wrde der Brief eingetroffen sein, wenn er ins Hotel
zurckgekehrt war. Als er dessen Flur betrat, starrte ihm schon sein
Brieffach entgegen: es war leer. Er ging auf sein Zimmer, in dem es
dumpf nach der Seife seines Vorgngers roch, und warf sich auf das Bett.
Von drauen kam der Straenlrm, den der nahende Abend zu verdoppeln
schien. Er fhlte sich mit einem Male verlassen in dem Getriebe der
groen, fremden, rtselhaften Stadt. Und pltzlich fiel ihm auch seine
Mission ein und legte sich lastend auf sein Gewissen. Schon war ein Tag
versumt, es war nichts geschehen fr das Brot, das ihn nhrte. Wo war
Ariel?

Am nchsten Morgen suchte er ein Meldeamt, aber er fand es nicht. Auf
dem Konsulat fragte er dann nach Arabella Mannsthal, schlielich nach
Camill Custove. Die Formulare kosteten einiges Kleingeld und brachten
die Antwort: unbekannt. Er schrieb nach dem Schweizer Gasthof, ersuchte
um die Adresse des zugereisten Camill Custove. Er schrieb an Monika
Gallo, sie mge ihm Camills Aufenthalt angeben. Er wartete noch einen
Tag ab. Er bat Hedwig nachzufragen, ob daheim fr ihn nicht postlagernde
Briefe eingelangt seien. Aber all dies blieb erfolglos. Zunchst bezog
er ein billiges Zimmer am linken Ufer unweit von Saint Etienne, nachdem
er Auftrag gegeben, ihm einlangende Briefe sogleich nachzusenden. Aber
seine Unruhe trieb ihn selbst immer wieder nach dem Hotel Riat zurck,
bis man ihn dort unfreundlich empfing. Indes begann er sich mit dem
Gedanken abzuqulen, Vgelchen sei unterwegs erkrankt, es sei Unheil
ber sie hereingebrochen, whrend er, der Retter, vielleicht ganz nahe,
ohnmchtig sie suche. Stundenlang sa er in den Champs Elysees und
fragte die Wagen nach ihren Insassen ab oder er beobachtete die Leute,
die in den vornehmen Hotels aus- und eingingen. Nach einigen Tagen erst
entsann er sich seiner Bcherkiste. Er trat den Weg zum Bahnhof an. Zu
seinem Schrecken erfuhr er, da diese mangels Nachfrage in ein
entferntes Depot geschafft worden sei. Er verbrachte einen Tag, um
wieder in ihren Besitz zu gelangen, und verausgabte in der Angst sie zu
verlieren einen betrchtlichen Finderlohn. Die Kiste enthielt das
Manuskript seines Heiligen Bernhard. Als er endlich das schon verloren
Gegebene in seinem engen Zimmerchen vor sich ausbreitete, kam ihm neuer
Lebensmut. Er sagte sich, da er es so nicht weitertreiben knne, lieber
wollte er still auf den Zufall warten als sich mde hetzen, ihn
gewaltsam zu erzwingen. Er begab sich auf das Konsulat, wies seine
Papiere vor und ersuchte um Zuwendung eines Schreiberpostens. Es war
kein geeigneter Posten frei, man merkte sein Ansuchen vor. Die nchsten
Tage galten dem Besuch des Louvre und der brigen leicht zugnglichen
Museen. Dann wanderte er von Kirche zu Kirche. In der Sainte Chapelle
geriet er in ekstatische Ergriffenheit. Vor Notre Dame erlebte er
Verzckungen. Stundenlang forschte er in den Reliefs, studierte die
Martyrien, suchte sich die Gestalten des alten und neuen Testaments zu
erklren, die Giebelfelder, Balustraden und Nischen bevlkern.
Geheimnisvoll zogen ihn die Ungeheuer an, die dort, wo die breiten Trme
sich massig in die Luft erheben, grinsend auf Paris herabblicken. Die
sagenhaften Vgel mit riesenhaften Klauen angeklammert, die Teufelchen,
Drachen, Affen, Gespenster und Hllenzwerge, gepaart oder einzeln,
stierten ihn wissend an, als stnden sie gerade mit ihm in
geheimnisvollem Einverstndnis, als htten sie Jahrhunderte lang
geharrt, ihm verschwiegene Botschaft zu bermitteln, ihre Rtsel nur ihm
zu entsiegeln. Er schwelgte weiter vor St. Julien le Pauvre und glaubte
das zwlfte Jahrhundert zu erwecken, indem seine Hand den kalten Stein
berhrte. In Saint Germain l'Auxerois entzckte ihn die heilige
Genovefa, die Schutzheilige von Paris, die seine Trume mit Ariel
vermengten. Sie trgt dort eine kleine Kerze, die ein Teufelchen sich
auszulschen mht. Er meinte Vgelchens Kinderhnde zu sehen und das
Licht, das flackernd ihr Antlitz bescheint. Schon war er acht Tage in
Paris und ein Drittel seines Geldes war aufgebraucht. Mehrmals hatte ihn
der Regen durchnt, sein Schirm war ihm in einer Brasserie gestohlen
worden. Manchmal fhlte er die ganze Stadt als ein Fremdes, das ihn mit
allen Mitteln ausstoen wollte. Die fremde Sprache schob sich wie eine
Wand zwischen sie und ihn. Oft frchtete er nach dem Mindesten zu
fragen, um nicht lcherlich zu scheinen. Er beneidete den Pflasterstein,
der hier zu Hause war, und seine Sehnsucht war, was immer fr einen
Beruf zu bekleiden, um nur irgend zur groen Maschine dieser Stadt zu
gehren, die ihn um so mehr reizte, als sie ihn verstie.

In der zweiten Woche begab er sich in die Nationalbibliothek und
erstickte seine Unrast in den Bchern. Sein Zimmer war ja nur ein
finsteres Loch, in ein dsteres Gemuer gehhlt, das ameisengleich
bewohnt war. In den schnen Slen sparte er Licht und der Regen
verschonte ihn. Er fand sich so gut zurecht, da er seinen Heiligen
Bernhard umzuarbeiten begann. Zwischendurch grinste ihm aus der Zukunft
das Gespenst des Hungers und der Verzweiflung entgegen. Was ihm sonst
Lebenszweck in erhhter Form gewesen wre, Studium, Kunstbetrachtung,
innere Bereicherung im neuen Erleben, es war ihm nun Betubung, gelinder
Rausch, der eine Wirklichkeit vergessen lie, die ihn Ariels beraubte.
Ihm war wie dem Verdurstenden, der die Quelle rauschen hrt, verborgen,
unerreichbar. Sein Ohr trinkt den Laut, aber sein Gaumen verdorrt. Gott
ist ihm nahe, aber er geht nicht ein in ihn. Er kann der Seligkeit nicht
teilhaftig werden.

Witwe Leroux kramte in Konrads Kasten. Ei, was fr vornehme Sachen
dieser Hungerleider hatte! Diese Krawatte wrde fr Charles sein, wenn
er des Sonntags aus der Fabrik kam, und diese Kragen fr Gaston.
Vermite er sie, mochte er sie eben beim Umzug vergessen haben. Sie
besorgte ihm die Wsche, ein oder das andere Hemd konnte da immerhin
auch verloren gehen. Sonntag erschienen Gaston und Charles, ihre Shne.
Sie waren beide Maschinenschlosser. Nach kurzer Beratung klopften sie
bei Konrad an. Sie stellten sich vor, verschwiegen ihre Vorzge nicht,
Charles war Kunstfahrer auf dem Rade, Gaston verdiente als Clown
zuweilen ein paar Francs ber seinen Fabrikslohn. Sie luden Konrad
umstndlich ein, den Nachmittag mit ihnen zu verbringen. Er htte sicher
Paris nicht von der heiteren Seite gesehen. Niemand wrde ihn besser zu
fhren verstehen als die Brder Leroux. Die Mutter kam hinzu und hrte
mit geheuchelter Entrstung die Vorschlge ihrer Sprlinge. Aber nein,
welch ein Einfall, der Herr ist doch zuknftiger Priester, rief sie
aus. Und was macht das, fiel ihr Gaston in die Rede. Was, Charles, du
erinnerst dich doch an Abbe Griot, welch guter Kamerad! Nun ja, aber
treibt es nicht zu bunt, sagte die Witwe mit Wrde. Konrad war nicht
gerade abgeneigt die Einladung anzunehmen. Seine psychologischen
Beobachtungen, seine Kritiken ber Lebensfhrung hatten hier noch keine
Bereicherung erfahren. Noch waren ihm die Sitten, die Sprache in all
ihren zarten und rohen Feinheiten nicht vertraut genug. Er willigte ein
die Brder zu begleiten. Er wolle nur den Zuschauer abgeben, sie sollten
fr ihn ihre Gewohnheiten in keiner Weise ndern. Es gibt Sonntage und
Sonntage, sagte Charles, und sie zogen aus. Wissen Sie, bei uns
unternimmt man nichts ohne die kleinen Frauen, erklrte Gaston und
sogleich, als htte ein Zauberstab sie aus der Erde geholt, traten aus
dem gegenberliegenden Haustor zwei geschminkte Mdchen, die dort schon
auf den Auszug der Brder gewartet hatten. Seid vernnftig, Kinder,
ermahnte Charles, der Herr, der uns die Ehre gibt, mitzuhalten, ist
beinahe Priester. Dies, Herr Kruger (Krschee sprach er es aus), sind
Germaine und Marguerite, unsere Nachbarinnen, beide in einer
Posamenteriefabrik beschftigt, wenn sie nicht eben daran verhindert
sind. Sogleich bekam Charles einen Schlag fr seine allzu ausfhrliche
Vorstellung. Marguerite, die einen sanften Augenaufschlag hatte, der
ihre geschminkten Wangen komisch erscheinen lie, hielt sich sogleich an
den Herrn Abbe und erzhlte ihm, sie habe ihn schon mehrmals in der
Gasse gesehen und bedauert, da er von ihr keine Notiz genommen. Gaston
schlug vor, da man tanzen gehe. Man nahm den Weg nach den ueren
Boulevards. Nach verschiedenen Beratungen, von denen Konrad wenig
verstand, landete man in einem rauchigen, trotz Tageslicht stark
beleuchteten Saal, den eine niedere, in Logen eingeteilte Galerie umgab.
Germaine und Marguerite hatten sogleich eine ausfindig gemacht, die noch
unbesetzt war. Der Kellner kam und sie bestellten Wein und Backwerk. Da
ist es doch hbsch, sagten die Vier im Chorus und begannen gleich das
Gelage. Sind Sie mit unserer Wahl zufrieden, Herr Abbe? In diesem
Augenblick setzte die Musik ein. Germaine packte Gaston und gleich
verschwanden sie im rauchigen, denn noch grellfarbigen Gewhle der
tanzenden Paare. Die Frauen schienen, so vermerkte Konrad, hier der
angreifende Teil. Sie waren alle ausnahmelos aus irgend einem Grunde
begeistert. Die einen trugen Bebekostme aus hellfarbigem Atlas, die
anderen groe Federhte und Ballerinenrckchen, elegant stachen die
Mdchen in einfach geschnittenen Straenkleidern ab. Sie sahen aus wie
Damen der guten Gesellschaft, die sich herabgelassen haben, das Fest zu
ehren. Dazwischen tummelten sich die Germaines und Marguerites, die
sonntglich aufgeputzt waren. Als die Musik, ein entsetzliches
Geknirsche und Gekreische, innehielt, kam das tanzende Paar zurck.
Germaine warf sich erschpft auf einen Stuhl und man strzte rasch
einige Glser hinunter. Gleich begann wieder die Kapelle ihr Gefiedel.
Germaine sprang auf, zerrte wieder Gaston mit sich und nun brach auch
Charles auf, winkte einem roten Domino und walzte mit ihm in das Chaos
hinein. Marguerite rckte nun Konrad ganz nahe. Sie hatte die Ellbogen
auf den Tisch aufgesttzt und blinzelte zu ihm auf. Du tanzt wohl
nicht, kleiner Abbe, sagte sie und lehnte ihr Knie gegen das seine.
Nun, man ist auch ganz gut hier, nicht wahr? Spter werden wir
herumgehen. Man kann sich auch zurckziehen. Mut nicht so schchtern
sein, Herr Abbe. Bei uns ist das nicht blich. Konrad, der Einsame,
fhlte die Wrme eines menschlichen Krpers neben dem seinen. Da die da
unten walzten, da sie sich aneinander warfen, sich preten und zerrten,
das hatte wohl die Natur so vorgesehen. Und er fhlte merklich, da sie
auch in ihm ein Wrtchen zugunsten des benachbarten menschlichen Krpers
sprach. Er erwiderte zunchst alles, was sie tat, mit tiefem Ernst
allerdings. Er sagte sich, da er zwar, beteiligte er sich nun gegen
seine Gewohnheit am Treiben der anderen, seine Beobachtungen nicht
objektiv bereichern wrde, aber er versuchte sich zu berzeugen, da ein
wahrer Kritiker eigener Erlebnisse bedurfte. Marguerite hatte Mhe, dem
schwermtig agierenden Abbe gegenber ernst zu bleiben, aber sie hatte
sich eine erstaunliche Anpassungsfhigkeit angeeignet. Sie verfiel denn
alsbald auch in tiefe Melancholie. Konrad war nun berzeugt von der
Notwendigkeit eines engeren Anschlusses an Marguerite. Gehen wir
herum, sagte sie und sttzte sich schwer auf ihren Begleiter. Kellner,
die Rechnung. Konrad erschrak. Sie bemerkte es. Zahlen Sie
einstweilen, wir knnen sonst nicht die Loge verlassen. Und die
Anderen? Ich hoffe, die werden uns nicht stren, sagte Marguerite und
blinzelte. Der Kellner berreichte die Rechnung. Konrad nahm sie und mit
schweren Hnden das Geld aus seiner Brieftasche. Er sah nicht, wie der
Bursche dem Mdchen etwas hinschob, den Gewinnanteil fr den neuen Gast.
Marguerite liebte dies Lokal, nicht berall war man so large. Sie verlor
sich sogleich mit ihrem Kavalier in den Seitengngen. Es gab da
neuerdings Logen mit Vorhngen. Vor einem verdunkelten Saal wurde Entree
abverlangt. Dort lieen sich Nackttnzerinnen sehen. Marguerite nahm
zwei Karten. Konrad bezahlte. In dem belduftenden Zimmer war solch ein
Gedrnge, da man wenig nur von den Tnzerinnen erblicken konnte, die
berdies nicht viel mehr sehen lieen als manche der kostmierten Frauen
des groen Tanzsaales. Aber das Gedrnge gestattete den Paaren allerlei
Freiheiten. Bald sah Marguerite den Augenblick gekommen, Konrad in eine
der verhngten Logen zu ziehen, wofr neuerdings bezahlt werden mute.
Champagner zweifelhafter Sorte stand bereit. Marguerite hatte bald
Gelegenheit, ihren Abbe etwas lcherlich zu finden. Aber sie war trotz
aller Routine im Geldverdienen ein leidlich gutes Mdchen. Sie entlie
Konrad hnlich wie jene venezianische Courtisane Rousseau, die ihm
sagte: _Zanetto lascia le donne e studia la matematica._ Konrad war
froh, da Marguerite sich bald unter dem Vorwand, im Saale eine Freundin
zu suchen, entfernte. Im Tanzsaal sah er wohl die beiden Brder Leroux.
Gaston war eben im Begriffe, mit rotgeschminkter Nase und eingedrcktem
Claquehut seine Clownspe zum besten zu geben. Aber Konrad zog es vor
sich heimlich davonzustehlen. Diese merkantile Gesellschaft flte ihm
Schrecken ein.

Um dreiig Francs rmer, schlenderte er geknickten Herzens ber den
Boulevard nach Hause und schlich dort leise in sein Zimmer, damit die
wrdige Mutter ihrer Shne ihn nicht stre. Er verriegelte die Tre und
fiel bald darauf dank der ungewohnten Gensse in tiefen Schlaf. Man
sollte glauben, da es Konrad nach diesen Erfahrungen nicht weiter
gelstete das heitere Paris zu genieen. Nachdem er schlielich immer
bereit, die anderen zu rechtfertigen, zu der Meinung gelangt war, da
die beiden Leroux an der Geldausgabe und an der Unzulnglichkeit dieser
einen Genu zu verdanken, unschuldig seien, er hingegen ein eitler Tropf
gewesen, der seine Armut nicht rechtzeitig eingestanden habe, ertappte
er sich dabei, nach Marguerite auszusphen, wenn er durch ihre Gasse
ging. Er fand sie auch eines Tages wie zufllig an einer Ecke stehend
und, da sie augenblicklich kein Geld hatte, war ihr auch mindere
Kundschaft willkommen. Mein armer Junge, sagte sie, diese Leroux
haben dich neulich schn gewurzt. Sie sagte etwas von poire, das
Konrad nicht verstand, aber er fhlte ihre Teilnahme und das beglckte
den Einsamen. Als ob man nicht auch ganz solide miteinander frhlich
sein knnte. Wenn du mir ein Drittel dieses Geldes gegeben httest,
wrde ich dir das schnste Fest verschafft haben und wir htten es
bequemer gehabt als dort, wo es kein Wunder ist, wenn ein guter Junge,
wie du -- -- Sie vollendete nicht, sondern kniff ihn in den Arm. Sie
merkte, da ihm das wohl tat. Nun, bist du jetzt frei? Wollen wir ein
kleines Abendessen besorgen und zu Mutter Leroux hinaufsteigen? Sie wird
uns nicht stren, ich kenne sie. Marguerite lachte und kniff ihn von
neuem. Konrad war mit allem einverstanden. Sie kauften ein, indem sie
sich den Anschein gab, nur fr Konrad auszuwhlen. Nun haben wir Wein
und allerlei Leckerbissen und das Ganze kostet nur sechs Francs. Hast du
sie bei der Hand? Konrad fand das wirklich preiswrdig, obwohl er mit
dieser Summe sonst drei ganze Tage sich verkstigte. Mutter Leroux war
nicht zu Hause. Marguerite aber wute Bescheid. Sie deckte den Tisch und
brachte alles Ntige herbei. Nachdem sie gegessen hatten und der Wein
Konrad mutig gemacht hatte, zog er Marguerite auf das Bett, aber sie
sprang rasch auf, indem sie ihm lachend einige Pffe versetzte, und
sagte: Halt, mir fllt ein, Frau Lapin, die Kaufmannsfrau, hat mir drei
Francs zuviel herausgegeben. Ich habe sie in dein Portemonnaie gesteckt.
Ich war so verwirrt und sie hatte eben so viele Kunden. Sie ffnete
rasch seine Brse und entnahm ihr fnf Francs, die sie in ihre Tasche
gleiten lie. Ich will sie ihr morgen zurckgeben. Dann kam sie zu ihm
zurck und diesmal gab er ihr keine Gelegenheit zum Spott. Als sie noch
nebeneinander lagen, kam die Leroux herein. Sie begann zu schimpfen, da
man ihr schnstes Geschirr verschleppt htte ohne sie zu fragen, da dem
Herrn weder Service noch derartige Bedienung in seinen Zins eingerechnet
sei und da man sie auerdem der Gefahr ausgesetzt wegen Kuppelei
bestraft zu werden. Sie werde dies alles nicht auf sich beruhen lassen,
wenn man sie nicht im voraus fr alle Unzukmmlichkeiten entschdige.
Konrad war jh aus seinem Traum erwacht. Des Morgens hatte er
Beaudelaires Gedichte gelesen (er wollte das eine oder das andere
bersetzen). In ihm sangen noch die Verse von Parfum exotique:

   Quand, les deux yeux ferms, en un soir chaud d'automne,
   Je respire l'odeur de ton sein chaleureux
   Je vois se drouler des rivages heureux
   Qu'blouissent les feux d'un soleil monotone --

Und Vgelchens Bild stieg in einer Gloriole auf:

   Und sei's zur Nacht, im einsamen Gela,
   Im Straenlrm, im wsten Stadtgetriebe,
   Ihr Bild in Lften strahlt mir wie die Sonne.
   Manchmal da spricht es: Ich bin schn, oh la
   Vom Schnen nur dich leiten, mir zu Liebe,
   Schutzengel, Muse bin ich dir, Madonne!

Vgelchens Lippen lispelten es und sie waren bleich wie die einer Toten.
Und nun hrte er die Stimme der Leroux, die heiser kreischte, und er
hrte sie nicht. Marguerite hatte sich unter die Decke versteckt,
kicherte und bi ihn dabei in den Arm. Er ri sich los, sprang auf und
indem er mit drohender Gebrde der Leroux den Weg verstellte, schrie er:
Wenn Sie nicht schweigen, werde ich die Anzeige machen, da Sie mir
meine Wsche gestohlen haben. Morgen verlasse ich Ihr Haus. Adieu. Die
Frau hob die Hnde, als frchte sie, der Wtende wrde sie schlagen. Sie
hatte alles eher erwartet als in dem linkischen Mieter, der sich so viel
gefallen lie, einen Herrn zu erblicken, der ihr nun gebieterisch die
Tre wies. Als sie drauen war, hpfte Marguerite aus dem Bett.
Ungeheuer, sagte sie, diese schmutzige Witwe! Ich suche dir eine
andere Wohnung. Indessen kannst du bei mir schlafen. Da machst du noch
ein Geschft dabei. Als sie gegangen war, vermite Konrad seine Uhr. Er
wute nicht, ob nicht etwa die Leroux sie rasch entwendet hatte, whrend
der Traum ihn noch in Marguerites Armen umfangen hielt. Er packte seine
Sachen, schlief dann bis gegen Mittag, bezahlte die Leroux, indem er ihr
noch einen Teil der gestohlenen Wsche abprete, und verlie fast
mittellos das Haus. Sein erster Weg war aufs Postamt. Dort fand er ein
Schreiben von Monika Gallo, die ihm mitteilte, da sie vom Onkel Camill
eine Karte aus Paris erhalten habe ohne Angabe der Adresse. Sein zweiter
Weg war auf das Konsulat, um nachzufragen, ob man dort eine Stellung fr
ihn gefunden. Die Antwort war abweisend. Man kme nicht nach Paris ohne
Mittel und Empfehlungen, man tte besser, keine Vergngungsreisen zu
machen, wenn es einem an Geld fehle. Wenn er hungere, knne man ihn
schlielich in die Heimat befrdern, das wre alles, was von Amts wegen
vorgesehen sei. Aber Konrad wollte nicht in jene Heimat. Seine Heimat
hie: Ariel. So wurde er denn vorderhand Zuhlter bei Marguerite Aupin.

Er hatte an Monika geschrieben und sie ersucht, bei Custoves Bekannten
nachzuforschen, er schrieb an Hedwig, ob sie ihm Rat wisse, aber er
verschwieg ihr seine Notlage. Um keinen Preis htte er von Hedwig Geld
genommen. Marguerite erhielt ihn. Sein Leben war nun geteilt zwischen
der Bibliotheque nationale, den Kirchen, dem Luxembourggarten und den
Schenken, in die er das Mdchen begleitete. Er war verliebt in
Marguerite und er reizte sie, damit sie ihn schlge. Sie hatte ihm sein
letztes Geld abgenommen unter dem Vorwand, ihn zu verkstigen, was
indessen nur geschah, wenn sie zusammen in Kneipen gingen. Einige Tage
arbeitete er fr das Mittagessen als Messerputzer in einem Gasthaus. Als
es bekannt wurde, wie er zu der Aupin stnde, die dort Geld schuldig
war, entlie man ihn. Das rgste war, da er dabei sein mute oder im
Vorraum ihres Zimmers, wenn sie Besuch hatte. Oft hatte er das Geld
entgegen zu nehmen fr ihre Geflligkeiten. Eine tierische Eifersucht
hatte ihn befallen. Marguerite lie sich kaum mehr von ihm berhren. Er
sollte doch zu den _femmes  cheveux_ gehen, den Dirnen ohne Hut, und
sich das Geld vorerst fr sie zusammenbetteln. Einmal aber, als sie ihn
weinen sah wie ein kleines Kind, blieb sie eine Nacht lang in seinen
Armen. Er hatte ihr in diesen Stunden sein Leid geklagt und sie war
ergriffen. Sie versprach ihm die Hilfe eines befreundeten Detektives.
Indes suchte er wieder Paris ab. Die Gewiheit, da Vgelchen ihm nahe
war, machte ihn in all seiner Verblendung oft trunken vor Glck. Es war
schon kalt geworden und er hatte seinen Mantel versetzt. Niemand kannte
wie er die Besuchstunden der Galerien und Bibliotheken, die er zu seinen
Wrmestuben erwhlt hatte. Er kam als erster und die Diener rasselten
schon mit den Schlsseln, wenn er ging. Nun stand er auch wieder vor den
Brasserien und sttigte sich an dem Bratenduft, der aus den Rumen
drang. Manchmal trat er in einen Laden, wartete geduldig, wenn Kufer
anwesend waren, und verlangte dann etwas, das man gewi nicht bekommen
konnte, nur um sich zu wrmen. Endlich brachte ihm Marguerite Nachricht
von Camillo.




                               Bei Angele


Vgelchen hatte nun von Konrads Anwesenheit und seiner traurigen
Verfassung erfahren und ihm durch den Diener Geld gesandt. Sie lief
Geschfte ab, um fr ihn einzukaufen. Sie besorgte feine Krawatten,
nicht ahnend, da er lngst nicht mehr den Kragen dazu besa, und
Leckerbissen, zu denen es ihm an Brot fehlte. All dies versteckte sie
wie ein Kind, das sich eines Geheimnisses freut. Schlielich forderte
sie von Camill Konrads Adresse. Indes ereignete sich folgendes: Der
Salon der Karikaturisten veranstaltete seine Ausstellung. Mannsthal, der
unter Knstlern und Hndlern bekannt war, bekam eine Einladung zur
Erffnung. Dort sah er Angele von Twede wieder und ein Attache der xten
Gesandtschaft stellte ihn der Frau des auslndischen Kollegen vor.
Angele begrte Adalbert Mannsthal freudigst. Als er aber nach Gilbert
von Tirotzky, ihrem Bruder, fragte, von dem er seit Jahren nichts mehr
gehrt hatte, breitete sich ein Schatten ber die Lichtheit ihres
Antlitzes. Warum sollte sie es seinem ehemaligen Kameraden
verheimlichen? Er sei in der Bedrngnis einer der Familie unerklrlichen
Erpressungsaffre freiwillig aus dem Leben geschieden: Mannsthal erbebte
in seinen Festen, als er es erfuhr. Er wurde bleich und fand kaum die
Sprache, seine Bestrzung zu uern. Er wute, wer einst der Verfhrer
Gilberts gewesen, und ahnte, welcher Art die Erpressung gewesen sein
mochte, die ihn schlielich zum selbstgewhlten Tode trieb. Diese
knigliche Frau, die mich mit ihrer Huld beglckt, sagte er sich, sie
wei nicht, da sie mit dem Mrder ihres Bruders spricht. Mama ist
daran gestorben, bald nachdem wir Ihnen in Homburg begegnet waren,
sagte Frau von Twede. Ihr Herzleiden verschlechterte sich rapid. Papa
war nicht mehr, Gilbert tot, ich selbst in der Ferne. Herr von Twede war
damals in Konstantinopel stationiert. Seit zwei Jahren leben wir hier.
Und um die Schatten der Vergangenheit zu bannen, neigte sie sich zu
einem Bildchen herab. Ach, sehen Sie doch, wie kstlich, und dann nach
einer Weile und Sie? Sie waren verheiratet oder sind es noch?
Mannsthal schttelte den Kopf. Ich habe eine Stieftochter. Sie lebt bei
mir. Darf ich sie Ihnen bringen? Er sah diese lichte Frau und wie eine
Rettung schien sie ihm in seiner Not um Arabella. Wie lieb wre das von
Ihnen. Ein junges Mdchen aus der Heimat. Das wird so sein, als she man
sich selbst wieder. Nein, erwarten Sie das nicht -- oder in
Mannsthals Auge blitzte es pltzlich auf, oder erschrecken Sie nicht.
Sie gleicht jenem Kinderbilde, das Gilbert von Ihnen besa, dieser
Miniatur, die er bei sich trug. Es war merkwrdig zu sehen, wie ein
verrterisches Rot in seine Wangen stieg und unter ihrer Gelblichkeit
sich entflammte. Ein Mann allein mit einem jungen Mdchen in Paris.
Bringen Sie mir das Tchterchen.

Wann drfen wir kommen?

Heute, wollen Sie? Zum Tee. Man soll niemals den Wink des Zufalls
unbeachtet lassen. Ich habe immer Gste zur Teestunde. Ah, Baron, da
sind Sie ja wieder! Dank, da Sie mir Mannsthal brachten! Nun auf
Wiedersehen heute nachmittags.

Whrend Adalbert mit dem Baron noch einmal die Sle durchschritt, erfuhr
er, da Herr von Twede, ein ehrgeiziger Diplomat, wenig Sinn fr anderes
habe als seine Karriere, da Angeles Ruf tadellos sei. Ihre
Leidenschaften glten der Malerei und der Musik. Sie htte ein einziges
Kind am Tropenfieber verloren, einen Knaben Gilbert, nach dem Bruder
benannt.

Gilbert! Konnte er, durfte er zu ihr gehen, da er sich an seinem
Untergang schuldig fhlte? Aber gerade das verstrkte die Anziehung, die
ihre Lichtgestalt ihm einflte. Er holte Arabella ein, die im Bois
spazieren ging. Er hatte es vorgezogen, sie nicht zur Besichtigung der
Karikaturen mitzunehmen. Eine Dame ldt dich ein. Oh, sie ist so schn,
eine Knigin! Sie wird dich lieb haben. Wir wollen heute nachmittags zu
ihr. Es werden auch andere Leute dort sein.

Gern, aber ich habe dann zu tun --

Ein Geheimnis?

Ja, aber sie lchelte so unbefangen, da er nicht mitraute.

Nun vorher also. Sei um fnf Uhr bereit.

Wer ist sie? Adalbert erzhlte.

Um halb fnf traten sie in Frau von Twedes Salon. Vgelchen erschrak
zuerst ein wenig ber die vielen Leute, die alle fremdlndisch und so
sicher waren. Aus ihrer Mitte aber schien ein lichter Strahl sie zu
bescheinen, eine Stimme voll Gte und Feinheit brach sich oft Stille
durch das wirre Geplauder. Angele von Twede hatte die sanfte Schwermut
und die volle Tiefe deutscher Musik in ihrer Kehle. Arabella reichte ihr
errtend die Hand und fhlte unter einem Freudeschauer den Hauch eines
leisen Kusses auf ihrer Stirne. Angele hielt ihre Hand, whrend sie mit
den anderen sprach. Eine Balkandame, eine Musikerin, setzte sich an den
Flgel und spielte Wagner, der eben in Paris bekannt wurde. Vgelchen
wurde traurig. Diese Musik griff in ihr Innerstes. Sie fhlte sich
pltzlich verlassen. Adalbert war ihr hier wie ein Fremder. Zum ersten
Male fhlte sie, da ihre eigentliche Gemeinschaft ein Geheimnis war,
etwas, das verborgen sein mute, weil es nicht selbstverstndlich war.
Oder sprte ihr seltsamer Instinkt, da der Geliebte hier einer andern
Frau gehrte? Frau von Twede sprach nur fr ihn. Arabella sah es, aber
Frau von Twede hielt ihre Hand wie eine Freundin. Sie konnte ihr nicht
bse sein. Sie liebte sie. Und pltzlich streichelte sie selbst diese
Hand. Dann trat Herr von Twede ein. Seine Frau ward stiller in seiner
Gegenwart und schien in leiser Schwermut der Musik zu lauschen. Um
Adalbert hatte sich eine Gruppe gebildet. Er war brillant im Gesprch.
Aus allen Zeiten und Erdteilen, aus allen Welten der Arbeit und der
Kunst, allem Wissen des Menschlichen und Menschlichsten flocht er seine
Rede, seine Antworten, Beispiele und Anekdoten. Er selbst entzndete
sich an seiner Rede. Einzelne Worte blitzten auf wie Solitrs in
kostbarer Fassung, schon fhlte er den unzerreibaren Kontakt mit seinen
Zuhrern, er sah und hrte selbst, was er sagte, und seine Stze und
Wortbilder veredelten sich in seiner Gewalt: sein Gesprch war ein
Kunstwerk. Angele schien nur Musik zu hren: sie hrte nur Mannsthal.
Als Herr von Twede sich zurckgezogen hatte, wandten die beiden sich
wieder einander zu. Die Musik war verstummt. Vgelchen sa wie
eingeduckt unter den vielen fremden Menschen, deren Sprache sie nicht zu
kennen schien. Warum blieb sie hier, hatte sie nicht Wichtiges zu tun?
Leise stahl sie sich hinaus. Sie lie sich ihren Mantel umlegen und gab
dem Diener Auftrag zu bestellen, sie wrde wieder kommen. In ihren
Taschen hatte sie zwei Pakete verborgen. Sie hie einen Wagen holen,
nannte Konrads Adresse und fuhr ab. Kutscher wundern sich ganz selten
nur. Sie kennen alle Stadien des Lebens. Sie fhren die Schwangere auf
die Gebrklinik, den Sugling zur Taufe, den Trauernden hinter dem Sarge
zum Friedhof, den Deserteur zur Bahn, sie gewhren Liebenden Obdach und
geben ahnungslos Selbstmrdern ein letztes Asyl, sie fhren die Dirne
zum Palast des Frsten und die Dame, der ein Lakai den Pelzmantel um die
Schultern legt, zu der Mansarde des Studenten. So fhrte denn der
Kutscher Vgelchen zur schmutzigen Behausung jener Marguerite
Aupin, deren Zuhlter Konrad Kruger, stud. theol., Sohn des
Landesschulinspektors und Hofrats Engelbert Kruger war. Sie lie den
Wagen warten und stieg die zwei Treppen hoch. Auf den Gngen standen die
Frauen im Gesprch. Die Wasserleitung stellte den Brunnen dar, der Gang
den lndlichen Dorfplatz, an dem die Mgde, den Krug auf dem Kopfe,
plaudernd verweilen. Einige kmmerlich blhende Blumenstcke am Fenster
ersetzten die Landschaft. Wie drftig er wohnt, dachte mitleidig
Arabella, als sie die unordentlichen Gestalten sah und den fast
unverstndlichen Argot ihrer Rede vernahm, die, als sie vorberkam,
verstummte und hinter ihr wie zischelndes Kielwasser wieder
zusammenflo. Sie frchtete sich vor diesen schmutzigen Frauen und
bewunderte Konrads Mut, der wohl tglich an ihnen vorberging. So
tastete sie sich, ohne nach ihm zu fragen, die ausgehhlten Stufen
hinauf, bis sie an einer Tre jenen Namen fand: Aupin. Ja, hier wohnte
er. Hinter der Tre fand eine laute Unterredung statt. Mann und Frau
wechselten die Rede. Nicht Konrads Stimme war es. Auf Vgelchens Klopfen
ffnete jemand und schlo gleich wieder, von einer kreischenden
Zurechtweisung ermahnt. Im Spalt der Tre hatte Arabella eine
Frauensperson in mangelhafter Bekleidung und einen Mann gesehen, einen
Arbeiter mit braunen Samethosen, die an den Schuhen zugebunden waren.
Nach einer Weile wurde wieder geffnet. Der Mann fragte nach Vgelchens
Begehr mit der Hflichkeit und dem Anstand des Parisers. Kruger?
Kruger! Er rief den Namen aus der Kche ins Zimmer zurck. Hm,
Marguerite, ist das dein --? Eine kleine Dame sucht ihn. Vielleicht eine
Prinzessin aus seinem Lande. Treten Sie ein, Madame. Drinnen rief die
Stimme nun hflich: Gleich, Frulein, ich komme gleich. Marguerite
erschien in einem rosa Schlafrock. Er ist nicht zu Hause. Mein Gott,
wie wird er sich krnken, der arme Junge. Geh, Ernest, sieh mal vors
Haus oder zu Cuvier hinber, dort hilft er zuweilen aus. Er scheut keine
Arbeit, wissen Sie, um sich ehrlich durchzubringen. Setzen Sie sich,
Frulein. Sie rief es aus dem Zimmer, in das sie zurckgeeilt war, um
das Bett zurecht zu machen. Ernest war verduftet.

Wollen Sie nun eintreten, Sie mssen die Unordnung entschuldigen. Wenn
man nicht vorbereitet ist, nicht wahr?

Wo ist Konrads Zimmer? fragte Vgelchen.

Hier oder drauen, er hlt sich berall auf. Ich nehme es nicht so
genau.

Sie schlafen zusammen, dachte Arabella und besah sich Marguerite. Sie
mifiel ihr. Alle Frauen in Paris mifielen ihr. Die dicke Schminke, mit
der sie bedeckt waren, ekelte sie. Marguerite war zart, sie hatte groe
Augen, die klug leuchteten, aber sie waren dunkel untermalt und die
grellen Wangen lieen sie derb und roh scheinen. Aber gleichzeitig
empfand Vgelchen Mitleid mit ihr wie mit einem Tiere. In Marguerites
Blick, der forschend und furchtsam zugleich zu Arabellas Vornehmheit
aufsah, lag etwas hndisch Zerbrochenes, etwas, das pltzlich selbst
hineinsah in den eigenen Abgrund und um Vergebung bettelte.

Arabella hatte sich gesetzt, ganz vorsichtig an den Rand des Stuhles,
als frchte sie sich zu beschmutzen und sah nun selbst ein wenig hilflos
zu der fremden Frau hinber. Ich habe ihm etwas mitgebracht. Sie zog
die Pakete hervor. Bitte, geben Sie ihm das. Ich kann nicht lange
warten. Haben Sie vielleicht ein Stckchen Papier. Danke, einen
Bleistift hab' ich selbst. Sie nahm den goldenen Stift, den sie an
einer kostbaren Chatelaine trug. Auf das ein bischen fette Papier
schrieb sie in einer Marguerite unverstndlichen Sprache.

Mein armer Herr Prediger, wie schlecht ist es Ihnen bekommen mir
nachzureisen! Wie knnen Sie leben in dieser hlichen Wirtschaft! Ich
habe Ihnen Krawatten und Leckerbissen gebracht. Schade, da ich Sie
nicht angetroffen habe. Soll ich Va sagen, da er Ihnen helfen soll? Nun
mu ich wieder zu den Menschen zurck, denen ich eben davonlief. Wir
waren zu Besuch. Dort ist eine schne Frau, die ich kssen mchte, so
ein Engel ist sie. Ihnen mu geholfen werden! Kommen Sie morgen frh vor
unser Haus. Ich werde durch Camill Nachricht schicken. In Eile

                                                            Arabella.

Vgelchen stand auf und schttelte den Blick des Mdchens ab, der die
ganze Zeit ber sie umfat hielt. Es roch nach schlechtem Parfm und
Abfllen aller Art. Armer Konrad, dachte sie, und dann wieder, um
meinetwillen. Bitte, geben Sie ihm diesen Brief und die Pakete, sagte
sie. Marguerite griff nach den Sachen. Sie, die Konrad schlug, war gegen
dieses junge Mdchen schchtern und linkisch. Sie wute als Pariserin
sehr gut, da ihr Schlafrock schlechter Sorte war und ihre Schminke
billig, an Arabella aber alles aus ersten Quellen. Das machte sie
unsicher und neidisch. Und wenn sie auch Konrad nicht liebte, er war ihr
Knecht und sollte es bleiben. Diese fremde Puppe wrde sehen, wer die
Strkere war.

Als Vgelchen gegangen war, ffnete sie die Pakete. Sie verzehrte, da
sie eben sehr hungrig war, den grten Teil der Leckerbissen und als
Ernest zurckkam, um zu melden, da Konrad einen Weg fr Cuvier gemacht,
schenkte sie ihm eine der teueren Krawatten. Spt abends kam Konrad aus
dem Gasthaus herber, in dem er eine Stelle als Aushilfekellner erhalten
hatte, weil dort deutsche Studenten verkehrten. Marguerite hatte sich zu
Bette gelegt und brummte, als sie geweckt wurde. Dann erinnerte sie sich
des Besuches und wurde freundlich. Sieh doch, mein Kleiner, wer
dagewesen ist und was man dir mitgebracht hat. Sie richtete sich im
Bett auf und sah ihn bei der Kerze lesen. Er sah alt aus und bermdet,
aber die Erregung und Freude veredelten sein Gesicht. Seine Gestalt war
mnnlicher geworden. Nein, er war so bel nicht, der kleine Abbe. Sie
dachte nicht daran ihn preiszugeben. Mit ihm konnte man sich auch sehen
lassen, wenn bessere Zeiten kamen.

Nun, hast du ihn wieder, deinen kleinen Schatz, sagte sie. Und wem
verdankst du es? Deiner Marguerite! Komm her und zeig, da du ein guter
Junge bist.

Gleich, gleich, sagte er. Ich bin bald wieder hier. Ich mu noch zu
Cuvier hinber.

Er lief, den kommenden Morgen frei zu bitten, um an Vgelchens Tr auf
ihren Ruf warten zu knnen. An einem Sonntag, ob er denn bei Sinnen
wre, unmglich! Dann trte er aus dem Dienst. Den morgigen Vormittag
mte er frei haben. Der Wirt wurde rgerlich. Er warf ihm den Lohn fr
drei Arbeitstage hin. Er war entlassen. Befreit, lief er zurck zu
Marguerite. Sie schmollte wie eine Verliebte. Oh, wie er sich freute,
wie begnadet er war! Wo war Vgelchen gesessen? Dieses Papier mit ihrer
kindischen Schrift, wie heilig war es ihm! Und der knftige Morgen! Er
umarmte die gefgige Marguerite mit der Glut seiner unbndigen Freude.

Vgelchen war froh gewesen, den Wagen, der sie gebracht, vorzufinden.
Der fhrte sie ja so weit sie nur wollte. Wie hlich es in diesem
Hause, in dieser Strae war! Wie ihr das Elend in alle Glieder kroch!
Adalbert war ihr so weit, so unerreichbar unter Fremden. Hatte sie denn
niemanden, zu dem sie flchten konnte? Wo war jener Jngling aus der
Sainte Chapelle? In seinem Blick nur htte sie Zuflucht gefunden. War
das Unrecht gegen Adalbert, der so unermelich gut zu ihr war, drfte
sie eines andern Zuflucht begehren? Sie dachte an Norton. Pltzlich
tauchte seine junge Hnenhaftigkeit vor ihr auf. Sie litt so sehr, wenn
sie sich seiner erinnerte, und doch, warum kam er nicht wieder? Konrad
war ihr nachgereist. Nun lebte er mit diesem Mdchen. Er hatte dort
nicht einmal einen Tisch mit seinen Bchern. Wie karg das Leben sein
konnte! Es wurde dunkel. Sie lehnte sich in den Wagen zurck, sie wollte
nichts sehen von den Straen. Jetzt blinzelten die in der Seine sich
spiegelnden Lichtkugeln zu ihr auf. War das die Brcke, an der der
Helfer zu ihr getreten? Er dachte, sie sei eine, die sich ins Wasser
strzen wollte. Oh nein, damals nicht. Aber heute? Sie war so traurig.
Diese fremde Frau, zu der sie nun fuhr, streichelte ihre Hand, aber sie
lie sie nicht ein in ihr Herz. Vielleicht wollte sie nur Va fr sich
haben, wute nicht, da er schon eine Frau hatte. Frau und Kind!
Arabella sagte es sich zum ersten Male, wie eine Fremde es gesagt htte,
nicht freudig mehr, sondern erschrocken. Vielleicht war das Snde?
Konnte es Snde sein, da sie in seiner Umarmung sich heilig fhlte und
erhoben? Oh, nur wieder ihn fhlen, wieder zermalmt sein unter seiner
Kraft wie in den ersten Nchten, alles geben, alles erleiden. Durfte sie
es noch? Blickte nicht jenes Jnglings Auge wissend in ihr Leben? Durfte
sie noch in Feuer hinschmelzen, rief nicht er sie zu anderem Dienst? Und
Adalbert hielt sie ja nicht wie frher. Er war wieder Va und sprach nun
mit dieser engelgleichen Frau, die er eine Knigin genannt hatte. Ach,
ein Nest, eine Zuflucht ihrer frierenden Seele!




                              Imanuel Givo


                                        Motto:

                                        Es war etwas in ihm,
                                        das ihm die Menschen zu
                                        richten verbot und in seinem
                                        ganzen Leben ihm zuflsterte,
                                        da er nicht der Richter
                                        der Menschen sein, nicht das
                                        Verurteilen auf sich nehmen
                                        wollte und darum auch unter
                                        keiner Bedingung verurteilen
                                        wrde. Es schien sogar,
                                        da er alles zugab und nichts
                                        verurteilte, wenn er auch
                                        oftmals schwer darunter
                                        litt. Ja schlielich konnte
                                        ihn nichts und niemand
                                        mehr weder in Erstaunen
                                        setzen noch erschrecken.

                                              (Dostojewski Die Brder
                                                         Karamasoff.)

Indessen hatten sich allmhlich Frau von Twedes Gste empfohlen.
Seltsames Elfchen, Ihr Tchterchen, sagte sie zu Mannsthal. Gewi
fhlte es sich hier nicht wohl und flatterte hinaus, als jemand einen
Spalt der Tr ffnete. Oh, bitte, entschuldigen Sie sich nicht, das Kind
ist bezaubernd.

Nun will ich Sie aber nicht lnger stren. Ich lasse den Wagen zurck
und werde auftragen, da man Arabella sage, ich sei bereits nach Hause
gefahren.

Ach, das sollten Sie nicht. Die Kleine wrde sich dann nicht von mir
verabschieden knnen und sich unbehaglich fhlen. Warum soll ich es
diesem Einfall nicht danken lnger mit Ihnen plaudern zu knnen? Herr
von Twede arbeitet immer des Abends. Meine intimsten Freunde kommen
meist nach den Teegsten. Givo zum Beispiel, der niemals in groe
Gesellschaften geht.

Ich bleibe, sagte Mannsthal mit seinem zuweilen kindlich strahlenden
Lcheln.

Diese Kleine, begann Angele, indem sie sich in dem kleinen Salon
bequem zurecht rckte. Diese Kleine mu Sie entzcken und ich verstehe,
da Sie sich selbst der Autoritt entschlugen, Sie nannten sie
Vgelchen. In der Tat erinnert sie mich an diese ursprnglich wilden
Tauben, denen die Mongolen Bambusfltchen unter die Flgel binden. Ihr
Flug ist Musik geworden, aber er kann sie nicht mehr zur Hhe tragen.

Sie meinen, da ich um dieser Musik willen ihren Flug gedrosselt habe?

Ja, und ich glaube, da sie eines Tages die Fltchen abschtteln wird,
um zur Sonne aufzusteigen.

Das frchte ich, sagte Adalbert leise. Seit Wochen bengstigt sprach
er nun wie eine Selbstbeichte diese Worte und sie erleichterten ihn. --
Wie klug Sie sind, Angele Tirotzky, und wie immer, wenn er bewunderte,
war sein bewegter vieldeutiger Blick kindlich demtig.

Wenn es wirklich die Sonne ist, brauchen Sie nichts zu frchten. Nur
jene Pseudosonne kann gefhrlich sein, die uns Frauen so oft verlockend
leuchtet. Lassen Sie Ihr Vgelchen fliegen. Oder sollten Vter
egoistischer sein als es Mtter wren?

Es trieb ihn an, sich dieser Frau gegenber zu offenbaren.

Ich bin nicht nur ihr Vater, sagte er und senkte den Blick wie ein
Knabe. Er hatte, ach wie oft sich nach Verachtung gesehnt und berall
nur Achtung erfahren. Langsam hob er das Antlitz zu der auf, die er nun
zu seiner Richterin machen wollte.

Ich wute es, sagte sie leise. Damals auf der Stiege im
Schlohofturm! Erinnern Sie sich! Ich habe es spter begriffen. Damals
erschrak ich nur, als Sie mich, die Zwlfjhrige --

Und jetzt? fragte er mit tiefem Ernst.

Mich machen diese Dinge unsagbar traurig, erwiderte sie. Ich kann
niemals ber sie scherzen, so wenig als ich lachen knnte, wenn jemandes
Gesicht von Blatternarben seltsam verzerrt ist.

Sie sollten strafen knnen, sagte er. Das tte wohl!

Was ntzte es? Mein Mitleid wrde den Schlag khlen, eh' er noch
gefallen wre.

Sie sind ein Engel, sagte er.

Ich bin nur eine Frau.

Ja, erwiderte er voll Andacht, denn es gibt auch rchende Engel. Die
Frau aber in ihrer Vollendung kennt nur Linderung und Verzeihen. Aber an
sie zu glauben, ich hielt es fr verwegener als das Wunder zu erhoffen.

Und dennoch tte Strafen wohler denn Verzeihen? fragte sie
schmerzlich.

Verzeihen bedeutet Vertrauen, sagte er. Die Strafe bejaht die Schuld,
indem sie bestraft, das Verzeihen macht sie unwirklich. Der Verzeihende
allein ist es, von dessen Herzensreinheit wir Strafe wnschten, vom
Strafenden ist uns selbst Verzeihen bitter.

Sie sollten Givo kennen, Imanuel Givo. Sie sah auf die Uhr.
Vielleicht kommt er noch heute! Er ist der Apostel eines wunderbaren
Heiles. Es heit schauende und wirkende Demut. Er hat eine heimliche
Gemeinde, seine Lehre ist eine zugleich neue und uralte Religion. Er hat
sie weitergegeben und nun erfllt sie sich stndlich. Wer in ihr ist,
lebt in Seligkeit und nichts strt seine Weihe. Und nichts, nichts
vermag ihn zur berhebung zu verleiten und zum strafenden Urteil. Denn
in ihm ist nichts, was sich mit anderen mit und andere wgt, weil er
einzigartig ist und der andere wieder ein anderer und eigener.

So gibt es denn Einklang von Wissen und Tun? fragte Mannsthal.

Es gibt diese Wahrheit und diese Liebe, erwiderte Angele. Liebe
allein kann heilen und wie oft hat Lieblosigkeit das Laster verschuldet.
Wenn ich einen auf Abwegen sehe, frage ich mich: ist er denn auch genug
geliebt worden?

Und sie begann wieder von Givo zu erzhlen. Er sei Spanier und stamme
von Mystikern ab. Das Leben, das jahrhundertelang in seiner Familie
gebt worden, war in ihm als Jngling zur Ekstase aufgeblht. An seinem
Wort htten andere sich entzndet. Als er die Menschen kennen lernte in
der Klarheit der Ernchterung, in die ihn die Grostdte versetzten,
htte Mitleid seinen Abscheu vor den menschlichen Lastern besiegt. Er
wollte lieber selbst schuldig werden, um nicht erhht zu sein ber die
Schuldigen. Nun sei wohl die Heiligkeit seines Feuers erloschen, sie sei
nur ein unterirdisches Leuchten mehr, aber seine Seele wrme jeden, der
ihm nahe. Er lebe wie ein Einsiedler und dennoch in Fhlung mit den
Menschen aller Welten. Seine Lebensflucht seien die Sterne. Er wre
Astronom. In der Atmosphre bade er sich rein. Sein Wissen knpfte sich
an uralte Wissenschaften. Dabei sei er klar und einfltig wie ein Kind
in den menschlichen Dingen und im Menschlichsten wissend und rein
zugleich. Sein Handeln folge seinem Instinkt, so sei er denn zuweilen
erstaunlich.

Als Givo eintrat, mit leichtem freudigen Gang auf Angele zueilend, deren
Hnde er kte, dann ein wenig erschrocken vor dem Fremden sich
verneigend, erkannte Mannsthal blitzartig Vgelchens schwarzen Ritter.
Sie war ja nicht mde geworden, ihn auf das genaueste zu beschreiben.
Seine Handlungsweise pate auch vllig zu dem, was Frau von Twede
erzhlte. Das brige besorgte einer jener merkwrdigen Instinkte, den
oft Frauen besitzen, wenn ihre Sinne durch Eifersucht geschrft sind.
Aber ehe Mannsthal an eine bevorstehende Begegnung Givos mit Vgelchen
dachte, rascher also als ein Gefhl der Abwehr ihn befallen mochte,
bezauberte ihn dieser Jngling im Mannesalter, dieser Mann mit der
knabenhaften Feurigkeit einer fanatischen Seele. Und er erkannte seine
Lehre. Sie war ein Kampf gegen die geistigen Gifte, die verborgenen, die
bekannten und die unentdeckten, deren Wirkungen kaum als
Folgeerscheinungen von geheimnisvollen Vergiftungen gekennzeichnet
waren. Auch der Wahn war ein Gift und wie vielfltig war er! Auch die
Lieblosigkeit war vielleicht nur eines jener Toxine, die Ermdung
erzeugt und jene Nervenverfassung, die das Leben und das Lebendige
herabsetzt, statt es zu erhhen. Kraftlosigkeit, die neben sich fr
andere nicht mehr das Auskommen findet. Givo sah eine Welt von Menschen,
die es zu lieben und zu heilen galt ohne Strenge, ohne Drohung, ohne
Versprechen, Liebe durch Liebe, Weisheit durch Liebe, Segen durch Liebe.
Und diese Liebe selbst? Sie war nicht Nachahmung eines erhabenen
Lebenswandels, der entrckt war, nicht Liebe um eines Liebenden willen,
Christi Nachfolge nur um des Himmelreiches Lohn, sie war die Einsicht,
das Handeln des Menschen, der sich seiner begibt im Erkennen und sich
geniet in diesem Sichbegeben. Um keines Dankes willen im Himmel oder
auf Erden, um keiner Tugend, keiner Unsterblichkeit willen, um keines
Glaubens willen waltete diese Liebe. Sie war die Weisheit und die
Weisheit um alles Menschliche war ihr Glauben. Sie war die Ruhe und das
Ruhen in allem Lebendigen war ihr Leben. Sie war das Leben, und das Sein
ihr Paradies in allen Zeiten. Fr sie war nicht Anfang und Ende, sie
hrte nimmer auf, ihr Anbeginn tauchte in der Zeiten Urnebel und
reichte, soweit Raum war. Sie war der Glauben der Liebe und der Glauben
der ewigen Weisheit war ihre Ewigkeit. Ihr Ewigsein war ihre Ruhe. Und
sie war zu Hause, im Kelch der Blten, der sich auftut fr Biene und
Rosenkfer, in der Wolke, die als Regen den Durst der Felder labt, sie
nistete wartend um die Wiege des Suglings und htete der Kinder
Entfaltung, sie war im Scho des Weibes und in der zeugenden Kraft des
Mannes, sie beugte sich ber das Lager des Fiebernden und sa bei dem
Ratlosen, sie zndete die Lampe an in des Verlassenen Haus und
beschwichtigte den Verfolgten und barg den Verstoenen. Sie forschte in
den Laboratorien und sang ihre Kunde in unsterblichen Melodien. Und oft
tat sie nichts als stillehalten. Sie schwieg dem Zornigen, sie erwiderte
nicht dem Bsen, sie strafte nicht den Verleumder und hhnte nicht den
Hhnenden. Und zuweilen tat sie mehr noch, sie machte den Zorn, das
Bse, die Verleumdung, den Hohn zunichte im Vergessen. Sie versenkte
sie, streute ihren Samen auf und lie frische Blumen erblhen. Und wenn
sie mit ihrem eigenen Blute die Erde des Vergessens dngte, so war es
der Seele Acker, der Blumen Trieb und die hieen Verstehen, Vergeben,
Verwinden, und andere wieder hieen: Verschenken, Verwandeln, Vergolden
und Vertrauen. Im tglichen Leben tat Givo fr eine hliche alte Frau
dasselbe, was er fr die junge Arabella getan. Er war der Freund seiner
Nachbarn, unter denen er stille hauste und fast ungekannt war bis zu dem
Augenblick, wo sie seiner bedurften. In seiner Wissenschaft ging er
seine Wege und was den anderen frommen konnte auf den Entdeckungsfahrten
seines Forschens warf er ab, verschenkte es, ohne ein Quentchen nur des
Ruhmes zu erheischen. Was er in seinem Fach erstrebte, war ein Spiel
fast. Er suchte Fden von den mittelalterlichen Gelehrten in die
Forschungen der Neuzeit zu spinnen. Sein Werk war eine Andachtbung, ein
Dank fr verschollene Arbeit. Dazwischen arbeitete er exakt, aber nur
nebstbei, doch dies zwang, seine Werke ernst zu nehmen, und zu der Zeit,
als Mannsthal ihn kennen lernte, wurden sie bereits als eine Art
preziser Kostbarkeit geschtzt. Angele von Twede meinte, da er sich
dies scheinbar mige Treiben erlauben drfe, weil sein Leben von Mensch
zu Mensch werkttig war wie kaum ein anderes. Mannsthal fieberte, Givo
nher kennen zu lernen. Er selbst hatte ja, verborgener vielleicht als
dieser junge Prophet, Menschen hingebend geholfen, das uerste oft
gewagt nicht um Dank und ohne Pflicht. Das Pflichtgefhl der anderen, er
besa es nicht. Sein Gefhl fr die Menschen war brennende Neugier und
Wissen um Ungeahntes. Dies allein verpflichtete ihn zuweilen, da er
Verborgenes wute, weil er mitschuldig wurde an Unglck und Schuld, wenn
er nicht warnte, riet und half. Aber dies hinwieder hatte ihn
hartgesotten Verfehlungen gegenber und den leichteren Leiden. Oft war
er Menschen wie ein Engel erschienen und es qulte ihn, da er nicht zu
sagen vermochte, wie sehr er heimlich bedankt war auf seine Weise und
nichts geopfert hatte. Ihm, der jede zarte Regung des Wunschgefhles,
die Einschtzung des anderen vllig erriet, ward zum Kinderspiel ein
Leben zu krnen. Aber letzten Endes war seine Gte Knnen, Abfall seines
berflusses, Virtuositt und nicht Wille zum Guten. Sie war Reichtum,
Mut, Waghalsigkeit, Experiment, Spiel. Givo aber? Er wute um alle
Laster, aber keines schien um ihn zu wissen. Er hatte sie gesucht, um
ihre Geheimnisse zu erkennen, hatte ihr Leid, ihre Reue auf sich
genommen um wenig Freude und um der Wollust willen, den Elenden nher zu
sein. Die Gefahr war an ihn herangeschlichen in diesen Leiden zu
versinken. Sein Sieg, seine Beschlossenheit hatte etwas Weihevolles.
Vielleicht war er alt, wiewohl er ein Jngling schien, war Mensch
gewesen, da andere noch Kinder sind, vielleicht lag jene Zeit, in der
die Seele durch feurige Tiefen geht und abstrzt aus frevelhaften Hhen,
weit zurck, getrennt durch ein Leben, das schon Ewigkeit war? Einer
seiner Vorfahren hatte als Knabe im Tempel gepredigt.

Angele sah die Wirkung, die Givo auf Mannsthal ausbte. Sie verstummte,
sie wollte kein Wort und Gegenwort der beiden mit dem eigenen
durchkreuzen. Ihre Seele hielt Wache und htete den Faden, der von dem
einen zum anderen sich spann. Aber Givo, das sah sie, wiewohl er in
Mannsthal vielleicht wie in keinem anderen einen Ebenbrtigen im
Menschlichen sprte, Givo blieb in seiner Welt und zgerte ihm die Gabe
seiner Inbrunst zu reichen.

Adalbert hatte ihn nach der Sttte seiner Arbeit gefragt. Givo
berichtete, da er zu Gaste sei bald da, bald dort. Spter gedenke er in
einer eigenen Sternwarte zu arbeiten und sehafter zu werden seiner
Mutter zuliebe. Aber noch wisse er den Platz nicht. Angele meinte
lchelnd, er warte ein Zeichen ab, ein Meteor.

Wo soll der Tempel stehen? sagte er lchelnd, den Scherz aufnehmend.
Eine schne Legende aus dem Palstinischen fllt mir ein.

Erzhlen Sie, bat Frau von Twede.

In diesem Augenblick ffnete der Diener leise die Tr und ebenso leise
trat Arabella ein. Der Saal war gro, sie durchschritt ihn, der dicke
Teppich verschlang das Gerusch ihres Schrittes, sie blieb an der Tre
des kleinen Zimmers stehen. Da drinnen sprach einer, da erzhlte einer.
Wessen war diese Stimme, oh diese Stimme! Er sah sie nicht, sie horchte
atemlos. Der Tempelplatz war einst eine Dreschtenne, die zwei Brdern
gehrte. Es war der eine verheiratet, der andere lebte allein. Als die
Ernte vorber war und sie geteilt hatten, legte sich ein jeder zu seinem
Kornhaufen, um das Gedroschene zu behten. Da erwachte einst nachts der
Verheiratete, sann ber seine Ernte und sagte sich: Ich bin reich, habe
Frau und Kinder und hoch ist mein Korn. Er aber, der Bruder, ist einsam,
es betreut ihn keiner, einsamem Alter geht er entgegen. Warum soll ich
glcklicher sein als er? Ich will ihn erfreuen, will ihm von meiner
Ernte geben. Leise stand er auf und schleppte emsig einen Teil seines
Kornes zum Haufen des Schlafenden. Die Arbeit hatte ihn mde gemacht und
nun strte nichts mehr seinen Schlummer. Indes erwachte der andere. War
nicht ein Flstern in dem Stoppelfeld, nicht ein Rieseln im goldenen
Korn? Wie reich war sein Haufen und er bedurfte so wenig, indes der
Bruder Weib und Kind besa. Bte er ihm Geschenke an, wies der ihn wohl
ab, so stand er auf und trug einen Teil seines Kornes hinber zum
schlafenden Bruder. Des Morgens hatte ein jeder gleich viel Getreide,
keiner wute, wie ihm geschehen, und sie fragten einander nicht. Gott
aber erwhlte die Dreschtenne zur Sttte des Tempels.

Givo wandte sich zur Tre. Es raschelte wie damals ein seidiges Gewand.
Er sah Arabella. Sie hatte beide Hnde wie eine Blinde, die sich einen
Weg tastet, vorgestreckt. Er lchelte, er kam ihr entgegen.

Sie sind es, Sie sind hier, sagte sie wie in Verzckung. Er reichte
ihr die Hand.

Wir sind einander in der Sainte Chapelle begegnet, erklrte er
lchelnd, doch ohne Erstaunen.

Ach, sagte Frau von Twede. So kennen Sie einander?

Ich heie Givo, sagte er. Und Sie?

Arabella. Sie fuhr sich ber die Stirn, einen Schleier abzustreifen,
der ihr die Wirklichkeit zu decken schien. Sie ging auf Angele zu.
Verzeihen Sie mir, aber eine Sorge rief mich fort. Verzeih auch du, Va!
Da ich Sie hier finde!?

So mu Jairis Tchterchen ausgesehen haben, als der Herr sie erweckte,
sagte Frau von Twede lchelnd.

Ist es Ihre Tochter, Herr Mannsthal? fragte Givo.

Angele nickte wortlos.

Nun aber mssen wir gehen, Vgelchen, mahnte Mannsthal.

Frau von Twede hatte das junge Mdchen an sich gezogen.

Sie gleichen einander, sagte Givo, die beiden Frauen betrachtend.

Komm, komm, Kind, drngte Mannsthal.

Vgelchen, an Angele gelehnt, wandte sich zu Givo.

Ich habe Ihnen immer noch gedankt all die Tage.

Ich htte fragen sollen, ob Ihnen auch bald wohl geworden ist. Das habe
ich versumt, um nicht dreist zu scheinen. Ich freue mich, Ihnen zu
begegnen. Sie sind sehr zart, nicht wahr? Oder sind Sie noch so jung?
Ein Kind vielleicht?

Das davonluft, sagte Mannsthal.

Trag mir das nicht nach, bat Vgelchen. Sie sah unverwandt Givo an,
seine matte Stirn, seine glatten, glnzenden Haare, seine Augen unter
den langen Wimpern, die Nase mit den feinen Flgeln, die zarte Gestalt,
die sehnigen Hnde. Auch er blickte sie an, nahm sie mit seinem Blick an
sich, freute sich ihrer Haare, die wie ein blonder Schatten waren, ihrer
groen, runden, blauen Augen mit dem feinen Bogen darber, ihrer Nase,
die immer leis zu wittern schien, ihres zuckenden, durstigen Mundes,
ihres ein wenig kantigen Kinnes, des sehr schmalen Halses, durch dessen
Haut man die blauen derchen sah, ihres Busens, der eben erst der eines
Mdchens zu werden begann, ihrer braungebrannten Kinderhnde.

Es war Givos Treue und Untreue zugleich, sich ganz dem Augenblick
hinzugeben. In diesen Minuten war er so sehr Vgelchen zugeneigt, so
tief erfreut ber ihre kindliche Aufgeschlossenheit, da er selbst wie
ein Kind, das eben ein Geschenk erhlt, nichts anderes sah als diesen
Menschen. Die ihm so flchtig begegneten und seine Liebe erfuhren,
behielten ihn immer dankbar in ihren Herzen. Andere aber, die in seinem
Umkreise blieben, waren enttuscht, ein anderes Mal ihn dann nicht
minder freundlich, aber dennoch anderem hingegeben zu finden, das sie
selbst ausschaltete in den Schatten seiner Liebe. Als Vgelchen zum
Abschied seinen Handku fhlte, glaubte sie das Paradies gewonnen zu
haben. Sie ging in andchtiger Gehobenheit an Mannsthals Arm. Nachts
schlief sie sanft und selig ein. Sie fhlte kaum die Liebkosungen
Adalberts und erwiderte sie nur leis in einem Zustand von Entrcktheit,
in den er sie um so leichter versetzen konnte, wenn sie freudig erregt
war. Aber ein zweites Selbst war in ihrem Schlummer verborgen, das ihm
verschlossen war.




                             Entscheidungen


Arabella erwachte spt am Morgen und als sie ans Fenster trat, erblickte
sie Konrad, der im Torbogen des gegenberliegenden Hauses stand. Es war
ein kalter, klarer Tag. Er hatte keinen Mantel und fror. Die Krawatte,
die Vgelchen in der Rue de la Paix gekauft hatte, war ihm von
Marguerite kunstgerecht um einen Kragen aus knstlicher Leinwand
geschlungen worden. Vgelchen hatte ihn ja herbestellt, nun stand er
wohl lange schon unten. Sie rief Camill und erfuhr, da Adalbert
ausgegangen sei und in einer Stunde wiederkehren wrde. Da bat sie rasch
Konrad heraufzuholen. In einem Morgenkleidchen, selbst ein wenig
frierend, vor dem Kaminfeuer auf einem weien Fell kauernd, empfing sie
den Gequlten, Verfehmten. Er strzte vor sie hin und kte ihre Fe.
Ein Zittern und Schluchzen ging durch seinen Krper. Steh auf, ach,
steh doch auf, sagte sie voll leisem Erbarmen und fuhr ihm mit den
kleinen, kalten Fingern durchs Haar. Aller Qual Segen ist dieser
Augenblick, sagte er und stand vor ihr auf und sein Lcheln war
Vergessen vieler Abgrnde. Als sie zu sprechen begann und jene Frau
nannte, Marguerite, tauchte deren Bild wie aus fernem Hades auf. Er
wute nicht mehr, da er nachts in ihren Armen gelegen war, wie Arabella
nichts von Adalberts Liebkosungen mehr wute. Aber sie sah Konrad in der
Ekstase, in die sie die Sehnsucht nach Givo versetzt hatte, und war gut
zu ihm. Geld nehmen wollte er nicht, doch er versprach ab und zu von ihr
ein Geschenk anzunehmen, einen warmen Mantel wrde er nicht
zurckweisen, wenn er bis zum Einbruch des Frostes nichts verdient
htte. Whrend er sprach, lffelte Vgelchen in ihrer Schokolade. Sie
bot ihm feines Backwerk, zartes Fleisch an. Wiewohl er nicht
gefrhstckt hatte, rhrte er nichts an. Er trank nur ihren Blick,
nhrte sich nur von der Speise ihrer guten Worte. War nicht alles plump,
leer und ihrer unwrdig, was er, der Erniedrigte, zu stammeln versuchte?
Was wird nun aus Ihnen, Herr Prediger? Sie mssen jemand haben, der
Ihnen hilft, sagte Arabella traurig. Gehen Sie zu Frau von Twede, aber
sagen Sie nichts von mir, kein Wort, hren Sie. Aber gehen Sie zu ihr,
sie wird Ihnen Arbeit verschaffen. Nun mssen Sie gehen. Schreiben Sie
mir dann. Und sie stand auf, reichte ihm beide Hnde und nickte noch
von der Tre her. Sie eilte in ihr Zimmer zurck, um allein zu sein, so
stark bermannte sie wieder der Gedanke an dies wunderbare Wiedersehen
am Vorabend. Konrad sah ihr nach wie einem verlschenden Stern.

Nun geschah es, da Adalbert krank wurde, krnker als er es bisher
gewesen. Er lag matt und abgezehrt und Vgelchen sa an seinem Bett und
hielt seine trockenen Fieberhnde, aus denen ein unheimliches Feuer zu
knistern schien. Er blickte auf sie wie auf das Leben, das ihm
entflattern wollte. Sie liebte ihn so sehr in diesen Tagen, sie klagte
sich an, da die Krankheit ber ihn gekommen sei, weil nicht ihm mehr
ihr Gefhl zustrmen wollte wie bisher. Sie wute, sie konnte es nicht
wenden. Da sie Givo wiedergesehen, war ihr wie eine Besttigung, wie
ein Wink von Gott, ihre Liebe wandle den rechten Weg und sei erhrt.
Aber konnte sie nicht kraft dieser Liebe Adalbert heilen und auch
Konrads Hilfe sein, war sie nicht doppelt so stark jetzt?

Zu dieser Zeit tauchte zum ersten Mal in Adalbert der Wunsch als Vorsatz
auf Vgelchen wegzusperren, sie irgendwie zu verklostern. Er meinte nur
so gesund werden zu knnen, wenn er Ruhe gewnne ber sie. Sie nicht zu
sehen schien ihm qualvoll, sie neben sich zu haben ohne sie besitzen zu
knnen noch unertrglicher. Er wagte nicht mehr sie zu berhren. Angele
von Twede, von Arabella herbeigerufen, besuchte ihn. Sie riet ihm, ans
Meer zu reisen, auch sie wrde gern fr einige Zeit Paris verlassen.
Gleichzeitig erhielt er einen Brief von Vgelchens Mutter. Sie forderte
ihn auf Arabella unverzglich in die Heimat zurckzubringen,
widrigenfalls sie sein ungesetzliches Treiben zur Anzeige bringen wolle.
Ein Pariser Advokat, dem offenbar die Angelegenheit bergeben worden
war, sandte zu ihm und forderte Erklrungen ber Einzelheiten seines
Lebens und zeigte sich in erstaunlicher Weise unterrichtet. Mannsthal
wies ihm die Tr, aber er war unruhig fortan. War es nicht genug, da
ihm seine Krankheit die Freude an Vgelchen verstrte! Alles schien sich
gegen ihn zu verschwren. Er witterte Feinde im Hause, sah sich umstellt
und ausgeforscht. Um dieser Milichkeiten Herr zu werden, mute er zu
Krften kommen. Ortsvernderung war zur Gesundung geboten. Oft sandte er
auch Vgelchen unter einem Vorwand aus dem Hause. Ihr Anblick schmerzte
ihn. Er wute, da sie von Givo trumte und da er ihr vielleicht ein
Glck vernichtet hatte, ehe es zur Blte kam. Dann war er dankbar, wenn
Angele kam und die bsen Geister bannte. Und ein neues Abenteuer lockte:
durch sie die Schwester jenes Gilbert an sich zu fesseln. Er sah nur
Vorteile in einer Verbindung mit dieser sanften, vornehmen Frau, die
nicht mehr brennen wollte wie Arabella und dennoch ein Glck in der
Gemeinschaft mit dem Manne noch ersehnte. Herr von Twede war
rcksichtvoll und feinfhlig, er hatte sie niemals verletzt, aber sie
erfror neben ihm und wute, es war Zeit sich zu entscheiden. Hier war
ein Mensch mit auerordentlichen Gaben, von dunkler Vergangenheit
belastet, von Anfechtungen verfolgt, ein Mann, den man retten konnte,
wenn man sich selbst aufs Spiel setzte. Und sie hatte gespart, jetzt
wollte sie von ihrem Reichtum geben. So waren sie denn bald einig, zu
reisen. Was aber sollte mit Vgelchen geschehen? Angele war nicht
verlegen. Sie wrde Givo zu sich bitten, der wute immer zu helfen, und
Arabella selbst wrde gern seinem Rate folgen. Sie erinnerte sich eines
Heimes, von dem er ihr einmal gesprochen. Keine Sorge, Vgelchen wrde
ein Nestchen finden.

Angele war Adalbert bald unentbehrlich. Ihre Nhe war Snftigung aller
Selbstqual und sie beherrschte den Gang der uerlichen Tglichkeiten,
denen Verwirrung drohte.

Camill, der sich als Diener immer anstndig gehalten hatte, begann zu
trinken. Der franzsische Wein hatte es ihm angetan. Da auch sonst Paris
mehr Gelegenheit zu Ausgaben bot und alles teuer bezahlt werden mute,
wurde ihm bald sein anstndiger Gehalt zu knapp. Aber auch die
Aufbesserung, die ihm sein Herr gewhrte, reichte bald nicht mehr. Da er
als Mitwisser von Mannsthals Geheimnissen nicht Sorge trug, von diesem
angezeigt zu werden, begann er allerlei Unehrlichkeiten zu begehen, die
sich schlielich zum frechen Diebstahl steigerten. Nach wie vor war er
tadellos in Pflege und Bedienung, aber Adalbert hatte jegliches
Vertrauen verloren. Er sah in dem Dieb schon den Erpresser, der
bestochen worden war, um seine Beziehung zu Arabella auszuforschen.
Eines Tages, als ihm der Zustand unertrglich geworden, bezahlte er ihm
Lohn, Verpflegung und die Reisekosten in seine Heimat und entlie ihn
ohne Aufklrung. Nun fehlte er berall. Angele sandte ihre Beschlieerin
und sie brachte einige Ordnung ins Haus. Die Abreise ans Meer aber wurde
nun um so dringlicher.

Whrend dieser Zeit hatte Givo Arabella ein einziges Mal gesehen, der
Besuch seiner Mutter hatte ihn verhindert zu Angele zu kommen. Dies eine
Mal hatte er sie in der Nhe des Observatoire getroffen. Er zweifelte,
da dies ein Zufall gewesen. Er war nicht allein und hatte sie nur
flchtig gesprochen. Sie mge doch ihr Versprechen erfllen und die
Sternwarte besuchen, er wrde ihr bald schreiben. Aber er hatte bisher
nicht geschrieben. Vgelchen wartete. Sie fragte in Bangen jede Stunde
ab nach einer Botschaft. Ihm gegenber war sie nicht das Kind, das
blindlings seinem Triebe folgt. Sie erinnerte ihn nicht an seinen Brief,
sie erschien nicht unaufgefordert, sie wartete. Durch Frau von Twede
fhlte er sich an sein Versprechen gemahnt und sogleich empfand er Lust
ihr zu schreiben. Er sah sie mit einem Mal hilflos allein, wie damals am
Pont Neuf, Sehnsucht, sie zu beschtzen, erfllte ihn, Reue, da er den
Trost seines Briefes ihr vorenthalten. Er ging umher und hatte Vgelchen
mit sich. Er wute, wo er es bergen wrde. Sie war die erste Heimatlose
nicht, fr die er Asyl Gloriot whlte. Immer war er von Wehmut und Liebe
erfllt, wenn er einen neuen Schtzling der kleinen Anstalt empfahl, bei
deren Grndung und Erhaltung er mitttig gewesen war. Das Asyl war dazu
bestimmt, Kinder aus unglcklichen Lebensverhltnissen aufzunehmen. Da
eine bestimmte Summe beim Eintritt bezahlt werden mute, war die Anstalt
nur den besitzenden Klassen zugnglich. Sie war auch in der Aufnahme der
Zglinge beschrnkt, damit der Charakter eines Heimes gewahrt bliebe. Es
wurden Kinder ohne Unterschied des Alters, auf jede Dauer und mit der
Erlaubnis, immer wieder in das Asyl zurckkehren zu drfen, aufgenommen.
Givo, der die Erziehungsresultate des Asyls kannte, zgerte niemals, es
zu empfehlen. Von anderen Pensionaten war es, abgesehen von den
andersartigen Aufnahmebedingungen, durch den ihn leitenden Geist
unterschieden. Wer das Asyl kennen wollte, mute allerdings Cecile
Gloriot kennen. Givo gedachte ihrer nie ohne Erhebung. Und dennoch, ihm
ward weh ums Herz. Ausgestoene, bedrohte Kinder waren es, die man ihr
sandte, die sie durch ihre Mtterlichkeit errettete und erwrmte. Sollte
auch dieses teure Mdchen den Stempel der Unglcklichen und Heimatlosen
tragen? Fast htte sie es berstanden, fast wre sie heil und stark ins
wache Leben getreten, sie war ja beinahe erwachsen, da lauerte der Dmon
auf dem letzten Ende ihres kindlichen Weges und drohte sie zu
berfallen. Denn mehr wute Givo nicht, als da Mannsthal nicht
vterlich fr sie empfand und da die Mutter sie ihm vor Jahren
berlassen hatte, so da sie jetzt Vgelchen nur eine peinliche Fremde
war. Nach kurzer berlegung verstand er Angele. Sie und er sollten sich
in die Arbeit teilen. Sie wollte den Mann, er sollte das Mdchen in
seine Obhut nehmen. Wie aber sollte er es dem Mdchen sagen, dem zarten?
War es nur Vorwand, wenn er ihr schrieb, da er litte, sie im wirren,
betrenden Paris so schlecht behtet zu finden, da er sie gern bei
einer mtterlichen Freundin wissen wollte? Nein, er fhlte wahrhaftig
Besorgnis und eine Zrtlichkeit des Gedankens fr sie, die er bisher nur
bei den Begegnungen empfunden hatte. Gerne htte er sie lebendig bei
sich gehabt und warm in die Arme geschlossen, an seiner Brust geborgen.
Zugleich aber fhlte er sich unwrdig vor ihr und seiner dunklen Wege
bewut. Er war in den Straen umhergegangen, nun trat er in ein
Restaurant; lie sich Schreibzeug geben und begann seinen Brief, dessen
Buchstaben an alte Schriftzeichen erinnerten:

Arabella, liebe Kleine, ich darf so sagen, darf Mademoiselle weglassen.
Seele zu Seele sagt nicht Name und Wrden. Wollen Sie in mein
Sternenheim kommen, nein, das meine ist es nicht allein, ich teile es
mit vielen Wibegierigen und es ist groer Geister Sttte gewesen.
Wollen Sie nun kommen? Oder sind Sie durch Monsieur Mannsthals
Unplichkeit ganz an ihn gefesselt? Sie sollten ihm raten ans Meer zu
gehen. Die Wellen und Winde bringen groe Botschaft, darin des Einzelnen
Wehe ertrinkt. Er wird dort Gesundheit finden. Sie selbst aber sollten
bei Frauen sein und unter gleichaltrigen Jungfrauen und unter Kindern.
Ich wte sie gern geborgen bei meiner Freundin Cecile Gloriot, einer
ausgezeichneten, liebreichen Frau, die Ihnen Ruhe und Freude geben wird.
Ich werde Frau von Twede bitten bei Herrn Mannsthal Frsprecherin dieses
Planes zu sein. Was meinen Sie dazu, Seelchen? Ach ja, ein Seelchen sind
Sie, aber unter Cecile Gloriots Sonne werden Sie Seele werden. Kommen
Sie oder schreiben Sie mir Antwort. Ich bin Ihr treuer Diener

                                                        Imanuel Givo.

Der Kellner stellte das Essen vor ihn hin. Er nahm sein schlichtes Mahl.
Dann trug er selbst den Brief in Vgelchens Haus.

Vgelchen erwartete Antwort von Konrad. Indessen kam Marguerite. Sie
htte ein Anliegen an das Frulein. Ob man denn auch ungestrt sprechen
konnte. Arabella schlo die Tr ihres Zimmers und hie sie Platz nehmen.
Das Mdchen sah bei weitem besser aus in ihrem einfachen Straenkleid
als in dem grellen Schlafrock, in dem sie Vgelchen zum ersten Male
gesehen. Es bat hflichst, die Belstigung zu entschuldigen und kme
ohne Konrads Wissen. Der arme Junge sei zu stolz von dem Frulein etwas
anzunehmen, sie aber, Marguerite, wisse, woran es ihm fehle, und sie
wrde ihm gern das Ntige besorgen. Leider befinde er sich gar nicht
wohl, seit dieser Deutsche zu ihnen kme. Es sei wohl der entlassene
Diener. Sie wolle dem Frulein durch diese Mitteilung ihre Ergebenheit
beweisen. Der Diener spreche gemeine Dinge ber sie und verleite Konrad
zum Trunke. Sie htte nun Aussicht einen kleinen Laden zu bernehmen und
wrde Konrad bei sich anstellen, wenn das Frulein ein wenig beisteuern
wollte, das wrde ihn auch dem schlechten Einflu dieses Custove
entziehen, der berdies Konrad von ihr trennen wollte, um ungestrt ihn
zu Schlechtigkeiten zu verleiten, fr die sie nicht zu haben wre. Die
beiden htten auch beschlossen das Frulein zu entfhren. Vgelchen war
es, als wrge sie etwas am Halse. Sie ging zu ihrem Schrank, nahm etwas
Geld. Das ist alles, was ich habe. Besten Dank, sagte Marguerite,
ein wenig khl. Ich bin selbst arm, sagte Vgelchen, das Wenige
entschuldigend. Oh, Sie und arm; wenn man einen lteren Mann hat, der
reich ist, ist man nicht arm. Ob sie sich denn nichts fr spter
zurcklege -- es sei kein Verla auf die Mnner -- Vgelchen
schauderte. Sie verstand nicht den vollen Sinn dieser Worte, aber etwas
Hliches kroch an sie heran, das ihr Leben verunstalten wollte. Bitte,
gehen Sie jetzt, sagte sie. Mein Verwandter kann mich jeden Augenblick
rufen. Ich mchte nicht, da er sie sieht. Sagen Sie Konrad, ich htte
ihm geraten zu einer Dame zu gehen. Ist er nicht dort gewesen?

Nein, er traf sie nicht an, er will nicht lstig fallen.

Mich aber will er berfallen und davonschleppen. Oh, gehen Sie, ich
will allein sein, will nichts mehr wissen von ihm.

Sie setzte sich hin und weinte. Sie weinte ihr Leid um Va, um ihre
Kindheit, um Konrad und sie weinte um Givo, von dem sie sich vergessen
glaubte. Sie frchtete sich. Sie war sehend geworden ohne wissend zu
sein. Sie litt in dumpfer Anklage. An den folgenden Tagen sa sie fast
immer bei Mannsthal. Es war besser bei ihm zu sein, da schwieg der Groll
gegen ihn. Und hier konnte keiner sie fortreien, wenn auch Va zu
schwach war sie zu schtzen. Sein Wille bannte die Bedrohung von innen
und auen. Wre nicht Angele aus- und eingegangen mit leise
schlichtendem Walten, im Hause und an Adalberts Liegesttte verweilend,
htte Vgelchen sich unentbehrlich gefhlt und daraus wieder Kraft
gewonnen. So aber war sie auch vor sich selbst nur ein bleicher Schatten
von dem, was sie noch in den ersten Tagen des Versailler Aufenthaltes
gewesen. Sie schlief nicht und ging wenig aus. Seitdem sie sich vor
Konrads und Camills Anschlag frchtete und diese Furcht in sich
verschlo, a sie auch nur notdrftig mehr. Angele ftterte sie wie ein
Hhnchen. Givos Brief kam, als ihr Angst und Sehnsucht die Krfte zu
erschpfen drohten. Sie las den Brief, las ihn abermals, sann vor sich
hin, drckte ihn ans Herz. Wie ein Gebet war ihr Dank. Ja, sie wollte
alles, was er wollte. Er war ja ihr Schutzgeist. Oh, da sie zu ihm
durfte, endlich! Leise schlich sie in Adalberts Zimmer. Es war zehn Uhr
abends, er schlief. Rasch warf sie ber das weiwollene Hauskleid den
Pelz, schlang einen Schal aus spanischer Spitze um ihr Haar und eilte in
die nchtlichen Straen hinab. Konrad, der vor dem Hause gestanden war,
folgte ihr. Die Strae war einsam, sie hrte Schritte hinter sich, sie
fhlte im Rcken, da sie verfolgt wurde. Sie wagte nicht sich
umzuwenden. War es einer, waren es beide, er und Custove? Konnte sie
rascher sein als ihre Feinde? Wohin fliehen? Alle Haustore waren
verschlossen. Zu ihm, zu ihm! Nun brach Licht vom Boulevard des
Invalides, nun kamen Menschen, Lokale leuchteten auf, aus denen Lrm
drang. Vielleicht war der Verfolger jetzt dicht hinter ihr. Mit letzter
Kraft rief sie einen Droschkenkutscher an. Ein Wagen hielt:
Observatoire, hauchte sie. Sie war geborgen!

Givo war nicht da. Mglich, da er noch kme. Man fhrte sie in einen
Saal nchst der Kuppel. Im Halbdunkel sa sie, schauernd vor Angst noch
und Erwartung. Sie wartete. Es war khl, sie hllte sich dicht in ihren
Mantel. So schlief sie ein. Gegen Mitternacht kam Imanuel. Der
diensthabende Diener war gegangen, der ihn ablsende wute nichts von
des jungen Fruleins Anwesenheit. Givo setzte sich an seinen
Schreibtisch und sah die Abendpost durch. Dann ging er auf und ab, wie
er bei vorbereitender Arbeit zu tun pflegte. Auf einer dieser
Wanderungen kam er hinaus in die Halle bis zu der Bank, die von dem
Fundament eines eingebauten Fernrohres beschattet war. Da sah er die
Schlafende. Ihr Kopf war zur Schulter herabgesunken, die Wimpern
dunkelten ber die bleichen Wangen, die Hnde lagen hilflos still und
wehrlos gefaltet ber den Knieen, die Haare hatten sich ein wenig gelst
und quollen aus den Spitzen auf den Pelz des Mantels. Ihr Atem ging
ruhig und friedvoll wie der eines mden Kindes, das traumlos
eingeschlummert ist. So war sie denn ohne Sumen gekommen und hatte,
seiner wartend, ihre kindliche Schlafensstunde eingehalten! Er rhrte
sich nicht, er atmete leiser, er stand vor ihr und mhte sich nur ganz
sacht sie zu betrachten, da auch sein Blick nicht ihren Schlaf unsanft
berhre. Sehr mde mute sie sein! Die Lippen waren wie im Schmerz
herabgebogen. Wie gern htte er im Ku ihre bange Starrheit gelst.
rgerlich ber eine Strung fuhr er auf. Ein Knirschen deutete an, da
die groe Kuppel aufgerollt wurde. Es war Mitternacht und die Wende, wo
man die Novemberschwrme suchte. Mit dem bestirnten Blau der Nacht
schwebte vielstimmiges Glockenluten in den Raum. Die Kirchtrme von
Paris sandten am lautesten und klarsten den nchtlichen Arbeitern der
Sternwarte ihre tnenden Gre. Givo kannte sie alle, dies war die
Stimme der Jacqueline Montague, der Glocke von Notre Dame, deren Tore
sein astronomischer Ahne Dupuis vor der Verwstung der Revolution
beschtzt, da war der ein wenig heisere Klang von Julien le Pauvre, der
wie der Ruf eines alten Mannes war, das helle kindliche Luten wohl von
St. Gervais, die schallenden Rufe der Madeleine, dann ein banges,
mahnendes Klingen von weither. Er wute, jetzt kam dieses und nun tnten
jene beiden zusammen und dann wie eine, die sich versptet hat, lief aus
der Ferne noch wie in zrtlicher Sorge eine feine Glockenstimme daher,
die er Cecile nannte. Dann kam die Stille der Nacht, die Lichter der
Stadt funkelten wie ngstlich, die roten Laternen der kleinen
Seinedampfer erloschen, das Raunen von Paris erstarb, auch die ewig
wache Stadt schien mhlich zu schlafen. Nun aber gingen Tren, eine
Zimmerglocke lutete. Hier war man wach zur Arbeit. Arabella schlug die
Augen auf. Givo trat rasch zur Seite. Sie sollte nicht erschrecken,
sollte sich nicht im wehrlosen Schlaf Blicken preisgegeben fhlen, doch
sollte sie ihn gleich bemerken, damit sie in fremder Umgebung nicht
erschrecke. Als er sich wandte, sa sie aufrecht und blickte ihn an. Er
erinnerte sich spter immer wieder dieses Ausdruckes ihrer Augen. Er
schien aus Meertiefen zu kommen, der feuchte Glanz unendlich dunkelnder
Tiefe und die unbewute gefhrliche Schnheit einer rtselvollen Welt
war in ihm eingefangen wie in einem einsamen Teich, der Nixen und
vorzeitliche Tiere spiegelte.

Haben Sie Hunger? fragte er und lchelte ihr zu. Er wollte sie
freundlich in die Wirklichkeit zurckrufen.

Ich habe geschlafen, sagte sie. Ich bin ein wenig mde gewesen all
die Zeit, das war wohl der Grund. Ich lief so sehr, man verfolgte mich
-- nun war die Furcht wieder da, aber ebenso rasch schwand sie. Lchelnd
streckte sie ihm die Hand entgegen, die er mit beiden Hnden ergriff.

Hier verfolgt Sie niemand, Seelchen, sagte er.

Wie schn es hier ist, welch schne bestirnte Decke. Oh, ich habe die
Sterne so lieb. Man wird so arm in der Stadt. Auf dem Lande da haben
auch die ganz armen Leute die schnen Dinge.

Cecile Gloriot hat einen groen Garten und dort werden Sie geborgen
sein. Niemand wird Sie verfolgen. Kein hlicher Brief darf dort zu
Ihnen.

Und Sie, werden Sie mir schreiben?

Ich werde Ihnen schreiben und werde Sie besuchen.

Sie schrieben so lange nicht.

Ja, das ist nun vorbei. Von nun an werde ich hufig schreiben und, wenn
dann einmal eine Pause eintritt, werden Sie wissen, er denkt doch an
mich, der Herr Sterngucker. Wollen Sie einmal durch das groe Fernrohr
sehen? Es ist nur neun Meter lang und reicht bis in den Himmel.

Er fhrte sie im Gebude umher, erklrte ihr Apparate und Plne.
Pltzlich hielt er inne. Nun haben Sie mir meine erste Frage noch immer
nicht beantwortet. Haben Sie Hunger?

Sie nickte.

Kommen Sie. Ein wenig Zwieback ist vorhanden, einige Krumen fr ein
Vgelchen.

Wissen Sie, wer auch sehr, sehr gut ist? sagte sie. Urbacher und
Karinski. Und sie erzhlte ihm von den beiden, whrend sie mit ihren
lnglichen schmalen Zhnen am Zwieback knabberte. Glauben Sie, da Va
mich zu Ihrer Freundin fahren lt? Ach nein! Und was wird dann aus
mir? Sie berichtete ihm all das, was Marguerite ihr gesagt. Von Konrad
mute sie ausfhrlich erzhlen. Givo schrieb, whrend sie von ihm
sprach, auf einen kleinen Block einige Worte nieder. Als er genug wute
und Arabella sich bla gesprochen hatte, sagte er: Ach, das Seelchen
ist schon mde. Ich bringe es nach Hause. Sie gingen in die Stadt
hinaus. Die Straenlaternen waren verloschen, leer glnzte der Asphalt
wie ein grner See. Schwerpolternd kamen ab und zu die breiten
Gemsewagen angefahren, die zu den Hallen rollten; ein scharfer Duft von
Krutern mengte sich pltzlich in die Nachtluft. Vor den Cafes standen
umgestrzt die Sessel an den Marmortischen, manchmal umschlich sie eine
mde Gestalt und stocherte mit einer Gabel nach Tabakresten. An den
geschlossenen Kiosken lehnten Dirnen in leisem Gesprch und duckten sich
in ihren Schatten, wenn der Schutzmann vorberkam. Aus einer Nebengasse
schrillten pltzlich Pfiffe, eine Gestalt lief quer ber den Damm, dann
ward es wieder still und sie hrten ihr eigenes Schreiten. Er wollte in
einem Wagen sie rascher zur Ruhe bringen, vielleicht auch erwartete man
sie. Es kam keiner. Ihr war es um so lieber. Wre der Weg nur lnger
noch gewesen! Es ward nun ausgemacht, da er mit Mannsthal sprechen
wrde, nachdem Angele von Twede ihn vorbereitet, und da er dann selbst
sie zu Cecile Gloriot bringen wrde, die er lange nicht gesehen. Als sie
bei ihrem Haustor angelangt waren und er schon die bliche Aufforderung
an den Portier zur ffnung des Tores hatte ergehen lassen, ergriff
Vgelchen seine Hand, zog ihn heftig nher und rascher, als er es wehren
konnte, drckte sie einen heien Ku auf seinen Mund. Dann verschwand
sie mit leuchtendem Blick, ihn noch einmal umfassend, in der Dunkelheit
des Flures.




                            Konrad an Hedwig


                                           Wenn Du nicht Mensch mehr
                                              bist und Dich verleugnet
                                              hast,
                                           So ist Gott selber Mensch
                                              und traget Deine Last.

                                                   (Angelus Silesius.)

Zwei Wochen nach diesem Abend etwa schrieb Konrad an Hedwig:

Liebe Schwester, als ein anderer Mensch schreibe ich Dir heute als der
alte vielleicht. Ich habe reine Wsche, ich trage ordentliche Kleider,
ich verdiene vorlufig durch Abschriften wissenschaftlicher Arbeiten
Frhstck, Abendessen und Wohnung. Den Mittagstisch habe ich frei. Ja,
der Mittagstisch, so begann es. Ich bekam vor zehn Tagen die
Aufforderung, mich um zwlf Uhr bei Frau Calou, rue de quatre Portes,
zum Speisen einzufinden. Wenn der Magen leer ist, besinnt man sich nicht
lange, auch eine fast anonyme Einladung anzunehmen. Ich fand einen
kleinen Saal, in dessen Mitte eine sauber und schlicht gedeckte Tafel
wie in einem privaten Speisehaus seine Gste erwartete. Nebenan war ein
Arbeitszimmerchen. An einem Schreibtisch sa inmitten von Rechnungen und
Briefen Frau Calou, eine grauhaarige Vierzigerin mit derben Zgen und
den lebhaftesten, gtigsten Augen, die ich jemals sah. Die Art, mit der
sie mich aufnahm, war die eines Untersuchungsrichters. Ihr Fall wurde
mir von einem Mitglied des Sozialen Dienstes gemeldet, die Recherchen
wurden heute beendigt. Und nun rollte sie mein Leben auf, mein
erbrmliches Leben. Wollen Sie wieder ein anstndiger Mensch werden?
fragte sie. Ja, sage ich. Dann ist unser Geschft gemacht, ruft sie
aus. Sie finden sich tglich um halb ein Uhr hier zum Mittagstisch ein,
Sie whlen ein Zimmer bei einer der vorgeschriebenen Vermieterinnen, Sie
bernehmen vorlufig Schreibarbeiten fr M. Tallandre vom Observatoire,
der aus einem ziemlich unleserlichen Manuskript eine anstndige
Abschrift wnscht. Diese Arbeit wird Sie einen Monat in Anspruch nehmen,
wobei Sie Ihre Privatstudien verfolgen knnen. Sie erhalten tglich zwei
Francs von M. Tallandre, dem Sie Ihre Arbeit wchentlich abzuliefern
haben, weitere drei Francs von einem unbekannten Wohltter, von denen
ich 1 Francs fr Ihre Bekleidung, die ich besorge, zurckbehalte. Nach
der Schreibarbeit werden Ihnen, falls Sie diese anstndig verrichtet
haben, neue Wege offen stehen. Jedenfalls ist zwei Monate lang fr Sie
gesorgt. Die Recherchen bleiben aufrecht. Wenn man Sie wieder mit dem
Trunkenbold antrifft, verlieren Sie alle Begnstigungen, desgleichen
wenn Sie die Wege jenes Mdchens aus Ihrer Heimat kreuzen. Gegen Ihre
Beziehung zu der Aupin ist nichts einzuwenden, wenn Sie dort nicht
anders verkehren als irgend einer ihrer anderen Kunden. Sie sehen, wir
sind nicht strenge. Aber wir sind rachschtig. Verfallen Sie in Ihre
vormalige Lebensweise, so verfolgen wir Sie und erwirken, da Sie
bestraft oder in Ihre Heimat abgeschoben werden. Sie sind uns verfallen.
Nun blicken Sie nicht so dster. Ich hoffe, dieser Blick gilt Ihrer
Vergangenheit, nicht der Zukunft, die wir Ihnen ebnen wollen. Und nun
gehen Sie in den Esaal und guten Appetit. Man lrmt schon drinnen.
Unsere Schtzlinge versammeln sich. Es ist hier nicht Sitte, da einer
dem anderen von seinem Schicksal erzhlt. Wir haben hier lediglich
Hungrige, Schwchliche des Lebenskampfes, Rekonvaleszente, Entgleiste.
Niemals war ein Fall hoffnungslos, den wir behandelt haben. Aber wir
wollen durch schlechte Beispiele und Depressionen nicht unsere Arbeit
erschwert finden. Deshalb fordern wir Diskretion. Auf Wiedersehen bei
Tisch. Dies alles war trotz aller Schroffheit so gtig vorgebracht. Ich
drehte meinen Hut in der Hand wie ein Bettler, der aus Rhrung und
Beschmung keine Worte des Dankes findet. Man schob mir noch ein
Zettelchen hin, auf dem Adressen von Wohnungen standen, unter denen ich
zu whlen hatte. Dann stand ich in dem Saal. Es waren etwa
fnfundzwanzig Menschen da, Frauen, Mdchen, Studenten, ein alter Mann,
zwei Kinder. Ein Mdchen hatte einen dreijhrigen Jungen neben sich
sitzen, mit ernstem ltlichen Gesicht, er war musterhaft brav, benahm
sich wie ein Erwachsener. Er glich ihr, offenbar war es ihr Kind. Ich
mute an Deinen Jungen denken, Hedwig, und an Deine bsen bangen Zeiten,
in denen Dir nicht geholfen ward wie dieser dort. Und da Du allein bist
und unbeschtzt, will ich an ihr gut machen, damit auch Dir geholfen
werde. Seither sind wir einander nhergekommen, haben vergangenen
Sonntag einen Ausflug miteinander gemacht. Der Kleine hat sich sehr an
mich angeschlossen. Er sitzt nun neben mir bei Tische. Frau Calou
prsidiert der Tafel. An jenem ersten Tage fand ich bereits meinen Namen
an einem der Pltze neben einer Frau Lvgard (einer bersetzerin, die
mir riet, meinem Gelehrten anzutragen die Arbeit von mir ins Deutsche
bertragen zu lassen, was ich denn auch mit Erfolg vortrug). Mein
zweiter Nachbar war ein Mediziner, der ber die Schdlichkeit des
bermigen Alkoholgenusses krzlich eine preisgekrnte Abhandlung
schrieb. Ich vermute, da er selbst Trinker war. Nach dem Essen werden
des Sonntags kurze Vortrge veranstaltet. Auch ich werde sprechen ber
ein historisch-theologisches Thema.

Marguerite machte eine Szene. Sie verstie mich, aber tagsdarauf pate
sie mir auf und fragte mich, wie ich mit der neuen Wohnung zufrieden
sei. Ich war und bin es durchaus. Wir verabredeten ein Wiedersehen, sie
hielt es nicht ein. Schlielich bin ich wieder unter einem Vorwand zu
ihr gegangen. Ich habe mit Frau Calou ber sie gesprochen, aber sie
sagte, da solche Flle immer hoffnunglos seien. Sie erzhlte mir, da
Marguerite bei Ariel gewesen und Geld fr mich erpret habe. Von dem
Geld habe ich nichts bekommen. Mein armer Ariel, er ist fort. Ich wei
nicht wohin. Ich habe ihn vertrieben, ich kufliches Untier. Aber
erreicht ist es doch: ich habe sie von dem Verfhrer getrennt, meine
Mission ist erfllt, ihre Mutter hat mich nicht umsonst bezahlt. Ein
neues Leben kann beginnen. Und Du, Hedwig, die ich anflle randvoll mit
meinen Schicksalen, sag' auch Du mir Deine Mhsale. Deinen Briefen danke
ich es, da ich in diesem Schlamm nicht vllig erstickte und meiner
Rettung aufgespart blieb. Ich ksse Deine Dulderhnde und bin in Treue
Dein

                                              Bruder Konrad, der Narr.

_P. S._ Finde Zeit zu Doktor Urbacher zu gehen und ihm von Arabella zu
erzhlen. Es knnte vorteilhaft sein diese Verbindung anzuknpfen.




                              Asyl Gloriot


Der erste Frhschnee lag wie ein Flor auf den alten Bumen, die den
groen Bauernhof umstanden, den Cecile Gloriot zu einem ihren Zwecken
aufs beste entsprechenden Wohnhaus umgewandelt hatte. In der Diele
brannten schon im groen Steinkamin die wohlriechenden Holzscheite. Es
war halb zwlf Uhr. Anna Bergmann, Ceciles Stellvertreterin, eine
hellblonde Deutsche, sa vor einem Wschekorb, der mit Nssen angefllt
war. Frulein Anna erzhlte selbsterdachte Mrchen.

Cecile Gloriot war in die nahe Stadt gefahren, um Einkufe zu erledigen.
Ihre Post lag auf dem Tisch bereit, der unter der Stiege, die zu den
Schlafrumen fhrte, an dem blumenbesetzten Fenster mit den weien
Mullvorhngen stand. Man erwartete Tante Cecile fr den Nachmittag.

Eine hellklingende Glocke rief um zwlf Uhr alle Bewohner zu Tische. Ein
Sugling und ein Zweijhriges blieben mit der Amme auf dem Zimmer. Vor
dem Essen mute immer ein anderes Kind ein paar selbstgewhlte
Dankesworte an Stelle eines Tischgebetes sagen. Heute war die Reihe an
Gil Colombe. Sie stand auf, lchelte zuerst zu Frulein Anna hin, die
heute an der Spitze der Tafel sa, und sagte dann: Wir freuen uns schon
auf das gute Essen und denken an alle armen Kinder, die nichts haben.
Kathlin, die Rothaarige, stie sie an. Nini blieb eine Weile noch stehen
und wehrte sich gegen Kathlins Einflsterung. Aber sie blieb die
Schwchere und sprudelte noch hervor: Und wir hoffen alle, da Tante
Cecile auch ein gutes Mittagessen hat und recht gute Sachen aus der
Stadt mitbringt. Nini sah stolz umher und viele Bravos beglckwnschten
sie. Gil, ihr jngeres Schwesterchen aber, die sie abgttisch liebte und
ihren neunjhrigen Geist malos bewunderte, war ganz bla vor Staunen
ber Ninis Khnheit. Die Kinder setzten alle einen Stolz darein, ein
mglichst originelles Tischgebet zu sprechen, aber Witze waren verboten.
Nun, dieser ging durch. Frulein Anna lchelte sogar. Gaston hatte
einmal gesagt: Komm, Herr Jesus, und sei unser Geist und segne unsere
Creme und Tante Cecile dazu. Und Philipp, der schon galant war, hatte
gerufen: Und lasse auch Taute Anna nicht leer ausgehen. Helene aber
hatte gebetet. Hab' Dank, lieber Gott, fr Speis' und Trank und bescher
sie mir mein Leben lang. Und schenke Tante Anna einen Brutigam und mir
auch einen. Es dauerte auch nicht lange und Tante Anna hatte einen. Er
hie Felix Blanc, war leitender Arzt des stdtischen Spitals, ein junger
Gelehrter, der im Asyl Gloriot erschien, wenn einer seiner Schtzlinge
erkrankte. Er hatte Anna lieben gelernt, als er sie Kathlin Drew whrend
einer langwierigen Krankheit aufopfernd pflegen sah. Als das Verlbnis
geschlossen ward, meinte lchelnd die ernste Clothilde, Helenens Wunsch
habe geholfen. Doktor Blanc erfuhr berdies, da die kleine
Wunschtrgerin in Anna nach der Art kleiner Mdchen verliebt sei, und
dies sicherte Helene sein besonderes Interesse. Er fand sie bla und
ber Gebhr mde und reizbar. Bald glaubte er mit Hilfe Annas die
Ursache zu kennen. Helene war aufrichtig. Sie gestand ihr kleines Laster
und versprach Besserung. Aber sie war nun oft von Schwermut befallen,
weil Anna nicht mehr ihr gehrte. Sie sehnte sich nach einem sicheren
Besitz. Bald sollte ihre Sehnsucht Erhrung finden.

An dem Tage nun, da Cecile Gloriot erwartet wurde, bte Anna mit den
Kleinen die Lieder, die Clothilde und Helene mit ihrer Hilfe gedichtet
und Cecile vertont hatte. Die kleine Gil war gerade dabei, mit ihrem
zarten Stimmchen als Nixenbaby, mit einem Schilfkranz um das Kpfchen,
ihre Ansprache an Helene, die Nixenmutter, zu halten, als man drauen
Cecile Gloriot vorfahren hrte. Gleich hatte der Mummenschanz ein Ende,
alles drngte Tante Cecile entgegen. Seltsam, sie sah selbst aus wie ein
Kind, ein zartes Mdchen, das Schutzes bedurfte, obwohl ihre Haare grau
waren. Aber hinter dieser Zartheit verbarg sich eine eiserne Tchtigkeit
und eine unversiegbare Hilfsbereitschaft. Ihre Stimme war tief und
klangvoll, als kme sie aus einem anderen Krper. Ihr entsprachen
Haltung und Geste. Die Augen aber, die stahlgrauen, schwarzgernderten,
waren ein Wunder von Innigkeit und sanftem tiefen Wissen fr alles, was
sie sah und ahnte. Niemals ratlos, doch stets bereit Rat zu empfangen,
schien sie nichts zu bedrfen und nahm dankbar an. Sie erwarb jedermanns
Zutrauen, weil geheime Brcken von ihrem Herzen zu dem der anderen
fhrten. Wie Givo hatte sie nur einen Ausweg gehabt, ihr Allwissen ber
die Menschen und ihre geheimsten Instinkte und seelischen Schicksale in
werkttige Liebe zu verwandeln. Das Wissen htte sie zum Wahnsinn
getrieben, die Verachtung gewrgt, der Ekel beschmutzt, htten sie nicht
Weisheit, Gerechtigkeit, Liebe das Mitleben gelehrt. Sie wute, da es
nichts Verllicheres gab, nichts, was die vernichtenden Grausamkeiten
der Natur und Unnatur, nichts, was die Verzweiflung und den Wahn, der
hinter allem triebhaften Geschehen, hinter aller Raserei der Selbstsucht
lauerte, beschwichtigen konnte, als Demut und Liebe und der
allumfassende Blick der Erkenntnis. Aber sie wute von all dem nichts
mehr. Die Motive ihres Wirkens hatte sie vergessen oder wollte sie auf
immer vergessen haben.

Cecile und Anna schritten der Diele zu. Anna berichtete ber kleine
Vorflle. Ja, danke, nun geh aber und ruh' dich aus.

Nein, du wirst mder sein, Cecile.

Niemals, du weit es. Sehen wir noch die Post zusammen durch.

Ein Sto Briefe. Cecile stand in brieflichem Verkehr mit allen
Schtzlingen, die das Asyl verlassen hatten und deren Asyl die Briefe
Ceciles geblieben waren. Sie hatte berdies viele Freunde, Gelehrte,
Knstler, Arme, Kranke. Von Givo! rief sie nun und vor allen anderen
ffnete sie seinen Brief. Endlich wieder einmal. Sie las: Liebe
Celia, so lange schwieg ich, aber Du weit, da ich in Gedanken Dir
nicht schweige. Wie oft entbehre ich eine Aussprache mit Dir. Jetzt war
meine Mutter da. Es war der alte Kampf auf beiden Seiten, jeder wollte
dem anderen verbergen, wie unmglich es ist des anderen Wnsche mit den
eigenen zu vereinen. Ich soll in ihre zweite Heimat, nach Deutschland
zurck, dort nach unserer Sitte ein Mdchen unserer Sippen heiraten und
sie zur Gromutter machen. Ich hingegen wnschte, sie richtete sich in
Paris ein fr mehrere Monate des Jahres. Aber sie liebt Paris nicht,
weil sie nicht durch innere Arbeit imstande ist, den vielen Tand, die
groe Geste des Kleinen zu bersehen und zum Menschlichen zu gelangen,
das dort am strksten sich zur Wirkung bietet, wo es am freiesten und
dichtesten gemengt seiner eigenen Tragik zu unterliegen droht. Da
gerade dieser vorletzte Augenblick der Drohung mein Augenblick (und auch
der Deine, Celia) ist, das kann sie nicht, will sie nicht miterleben,
dazu ist sie zu untadelhaft, zu khl, zu sehr von einem starken Gatten
gefestigt gewesen, um diese Niedergnge so rasch zu fassen, als er
ntig, denn ihre Strenge wrde sie immer zu spt kommen lassen. Bis ihre
Einsicht sie berwunden htte, wre alles verloren. Sie wrde mich
hemmen, weil sie zu wach ist und doch nicht berwach, hellsichtig wie Du
etwa. Aber sie ist nicht weise genug, um wach sein zu drfen. Wie wenig
Frauen sind es auch noch auerhalb ihrer utilitaristischen Duldsamkeit!
Es gibt keine Cecile Gloriots und wenige, die ihr nur nahe kommen. Oh,
wie menschlich wertvoll ist sie aber dennoch, meine Mutter, wie klar und
rein, da ich erschauere ber diese Mglichkeit. Ich werde ihren Willen
erfllen, wenn sie lter ist, ich bin es ihr schuldig, Kinder zu haben
und die Regeln der Vter, denen ich so viel verdanke, zu erfllen. Aber
noch kann ich es nicht. Es ist genug geopfert schon heute, da ich diese
vorgebaute Zukunft wei. Ich wage nicht ein weibliches Wesen an mich zu
binden und liebte es mich noch so selbstlos, weil ich wei, da meine
Mutter fr mich whlen wird eine in unseren Regeln Aufgewachsene, die
jung und seltsam aus Frauengemchern zu mir kommen wird. Oder ist es
Gleichgltigkeit gegen das Einzelne. So ist mir alles mit Frauen
episodenhaft und oft doch schmerzlich, um so ser auch. Ich bringe Dir
ein Mdchen, das so recht Deines Asyls bedrftig ist. Vielleicht ist es
auch gut, da es nicht in meiner Nhe bleibt. Auch ich knnte ihr
gefhrlich sein, der Gefhrdeten. Ihr Fall erinnert flchtig an den von
Kathlin Drew, deren verwitwete Mutter von ihrem Stiefvater in Liebe
verfolgt wurde, bis sie sich ihm ergab, nur da die Verfolgte, die
willig Verfolgte, diesmal Dein Schtzling selbst, ein halbes Kind ist,
das bei Dir geborgen werden soll, um seiner selbst und des Vaters
willen. Es ist ein zartes, nicht einzuordnendes Wesen. Ich nenne es
Seelchen, weil es noch sehr triebhaft ist, und ich versprach ihr, da Du
aus dem Seelchen eine Seele wecken wrdest. In vielem wirst Du sie
wissend finden wie eine Lebenserfahrene, die in Hhen und Tiefen
geblickt, aber sie hat keinen Ausdruck dafr, nur ein ungereimtes
Einahnen und Austrumen. In ihrer Bildung ist sie der Form nach durch
geistige und reflektierende Umgebung reif, aber sie hat viele Lcken im
Lapidarsten. Du wirst gut tun sie sehr ernst zu nehmen, ihr
Verantwortungen zu geben, etwa die Aufsicht einer Angefochtenen. Sie ist
sehr stark. Zarte, engelhafte Wesen sind das zuweilen, Celia! Angele von
Twede grt Dich. Sie versucht den Vater ber die Trennung zu trsten.
Ich frchte, es wird ihr nur gelingen, wenn sie, wie nie bisher, Heilige
Elisabeth ist und statt Brotes sich selbst verschenkt. Du verstehst den
Fall, Celia? -- Ich bringe Dir das Kind in den allernchsten Tagen und
bin glcklich, Dich zu sehen, Du Liebe.

                                                Treulichst Dein Freund
                                                             Imanuel.

Cecile Gloriot hielt den Brief zwischen den schmalen, sehnigen Fingern
und blickte wie trumend zum Fenster hinaus. Ruf doch Gil herein, sie
luft drauen ohne Umhlle herum, sagte sie ablenkend. Als Anna
zurckkam, lchelte sie wie ein Kind, das sich freut. Givo kommt heute
oder morgen und bringt ein Mdchen, einen neuen Schtzling mit. Wir
wollen fr ihn das groe Mansardenzimmer zurecht machen und das Haus mit
den Glashauspflanzen schmcken. Das Mdchen bekommt das Alkovenzimmer
mit Helene. Cecile ging auf ihr Zimmer. Sie las nochmals Givos Brief.
Seine Mutter tut unrecht, sagte sie sich. Er wird auch seine Frau
einmal nur als eine Episode behandeln. Er wird jede Treue verlernen und
sich an das Naschen gewhnen, das den Charakter verdirbt und Unglck im
Leben des anderen anrichtet. Er wird niemals zur Ruhe kommen mit den
Frauen. Ich mu ihn warnen. Und mein neuer Schtzling? Mge es mir
gelingen an ihm Gutes zu tun!

Abends um halb sieben Uhr hielt Celia Andachtstunde in ihrem
Bcherzimmer. Vor den breiten Fenstern flimmerte ein leiser Schnee. Es
war ganz still im Raum. Zehn kindliche Augenpaare hafteten an Celias
Lippen. Sie begann: Helene hat mir berichtet, da sie mit Kathlin
Streit hatte. Ich will gar nicht untersuchen, wer recht hatte, denn es
ist fast ebenso bedrckend recht zu behalten als schuldig zu sein. Es
gelstet uns ja oft dem anderen zu widersprechen, denn jeder Mensch ist
einzigartig und hat seine einzigartigen Gedanken, wenn er auf
rechtschaffene Art denkt und nicht seine Denkungsweise vom anderen
borgt. Oder wir wnschen etwas, das der andere nicht wnschen kann. Da
ist es uns geboten zu fragen, nicht einmal nur zu fragen: Ist mir denn
der eigene Wunsch, der eigene Widerspruch wichtig genug, da ich den
anderen betrbe. Und wenn etwas in uns mehrmals antwortet: ich kann
nicht ablassen, so mssen wir so milde, als es uns gegeben ist, unserem
Willen nachgehen und des anderen Krnkung dabei zu lindern trachten. Ihr
Kinder glaubt manchmal euere Schwche und Unerfahrenheit sei ein Makel,
der schwindet, wenn ein anderes noch schwcher und unerfahrener aus
einem Streit hervorgeht. Das ist ein Irrtum, denn ihr habt durch eure
Eitelkeit recht zu behalten noch eine grere Schwche dazu bekommen.
Betrachtet eine Wage mit ihren Maen. Sie sind nichts, wenn auch das
eine schwerer wiegt als das andere. Sie sind nur Begriffe und erst ein
Ding aus dem wirklichen Leben, dessen Schwere sie vorstellen, gibt ihnen
Sinn und Wert. Darum ist eitler Streit sinnlos. Nur wirkliche Werte
drfen sich aneinander messen. Darber aber steht dem Menschen oft
selbst in seiner Reife noch kein Urteil zu, ob sein Wille wertvoller ist
als der des anderen. Wit ihr denn auch, da ihr lieblos werdet, wenn
ihr streitet? Ihr hat am Ende den anderen in der Blindheit, in die euch
eure Rechthaberei versetzt, und ihr liebt die brige Welt nicht, weil
ihr ber dem Streit alles vergesset und nur euren scheinbaren Vorteil
sehet. Die erzrnbare Seele nannte Plato die niedere Form der Seele, die
tierische. Wer streitet, versteht nicht mitzuleben und sich in des
anderen Leben zu versetzen. Mitleben, mitwissen aber ist das, was euch
erst zum gerechten Menschen macht. Erlebt ihr des anderen Wunsch und
Willen neben dem euren, wird der Streit gebrochen sein, eh' er beginnt.
Denn ihr Kathlin werdet ebenso Helene sein, als Kathlin und Helene --
Kathlin so gut wie Helene. Lernet einander verstehen, dann werdet ihr im
Frieden leben. Und die Menschheit wird Frieden haben, wenn sie sich
versteht. Noch herrschte Stille. Da schritten Kathlin und Helene
zaghaft anfangs, dann strmisch einander entgegen und umarmten sich.

Jetzt sollte ein wenig Musik gemacht werden. Gaston wollte Clothilde zum
Gesang begleiten. Als sie eben begonnen hatten, hrte Ceciles feines Ohr
einen Wagen heranrollen. Sie ging zur Diele herab und erwartete dort
allein Givo und seinen Schtzling. Oben begann das Spiel. Musik war es,
die Vgelchen empfing, als der Wagen durch den leicht verschneiten
Garten ihrem neuen Heim entgegenrollte.

                   *       *       *       *       *

                                           S ist das Leben
                                           Um des strenggekehrten
                                              geistigen Blickes willen,
                                           Der gleichzeitig umfngt die
                                              Erde von allen Seiten
                                           Die kristallenen den der
                                              Pole, der Vorzeit,
                                           Des Urgebirges, der Zahlen
                                              Gesetze.

                                                    (Ottokar Brezina.)

Nach dem Abendessen nahm Arabella die Aufforderung, sich zurckzuziehen,
um ungehindert auszuruhen, gern an. Sie fand ihr Zimmer hart an der
Stiege, die zu dem breiten, altertmlichen Turm fhrte, und durch diese
ein wenig berwlbt. In dieser Wlbung stand ein groes Bett mit hellen
Mullgardinen, ein hnliches an der gegenberliegenden Wand. Ein
geblumter Teppich erhhte die Wohnlichkeit. In einer Nische erblickte
sie einen weien, runden Kachelofen, in dem ein leises Feuer
verknisterte, neben diesem einen Waschtisch und zu ihrem Gebrauch
bereitet ein breites Badebecken. Neben dem Ofen einen Armstuhl, ber dem
ein groes Tuch zum Abtrocknen hing. Wie wohl tat diese Sorgfalt! Ihr
Koffer stand vor dem Kasten, der fr sie bestimmt schien. Sie entnahm
ihm sogleich eines ihrer weichen, mantelartigen Gewnder, in denen sie
einer kleinen Griechin glich, und streckte sich nach dem Bad auf das
Bettchen hin, nur um eine Weile so zu verharren. Durch die breiten,
kleinen Fenster sah eine stille, bestirnte Nacht, die ber eine sanfte,
stadtferne Landschaft gewandelt war. Durch diese Landschaft war sie mit
Givo gefahren, neben ihm im lndlichen Gefhrt mit hohem Sitz und ein
und dieselbe Decke hatte sie vor der Klte geschtzt. Viele Stunden
waren sie gefahren, denn Givo liebte Wagenreisen ber Land und hatte nur
eine kurze Strecke die Eisenbahn benutzen wollen. Arabella war es
gewesen, als fhre sie durch den ther der Unendlichkeit.

Givo hatte zu ihr gesprochen all die Stunden mit der ihr mrchenhaften
Stimme, sie angesehen mit dem Blick, in dem sie ruhte wie in gttlichem
Schutz, er hatte zuweilen leise ihre Hand in die seine gelegt und
seste Geborgenheit war von ihrer guten Wrme ausgestrmt. Und er hatte
zu ihr geredet nicht wie zu einem Kind, nein, wie zu einem verstehenden,
ahnenden Wesen, das er in das Wesentlichste seiner Weltanschauung
einweihen wollte. Seine Welt war das unendliche Gebiet der Erforschungen
ber Eindrcke und unbewute Erfahrungen, die durch die Art der
menschlichen Empfnglichkeiten mglich sind, zu deren Vervollkommnung
Instrumente erdacht werden. Was der Mensch durch das begriff, was wir
Ahnungen nennen, war ihm ein Teil des gttlichen Lichtes. Ein Ding an
sich, ein Unabhngiges unserer Erkennbarkeit, einen Gott mit langem Bart
im Sinne des gedrillten Glaubens, der zwischen sich und dem Himmel einen
leeren Raum voraussetzt, sah er nicht. Ihm war Gott das Licht, jener
wissende oder nur ahnende Strahl, jenes sich selbst vergessende
Aufstreben zu einem Hheren, zu einer Fortsetzung unseres Selbst, in der
wir uns berwinden und durch die wir verbunden sind mit dem Hheren der
anderen. Die Seele war ihm hierzu die vorbereitende Sttte, wo Mittel
geborgen waren, das Leben ber seine tierischen Forderungen zu begreifen
und zu bereichern, diesen ein Gegengewicht zu schaffen, aus dessen
Wirksamkeit der Wert und die Vollkommenheit des Menschen zu beurteilen
sei. Im genialen und produktiven Menschen sah er die Vorbedingungen zu
dieser Vollkommenheit mitgeboren, oft aber im Werk erstarrt, im Kinde
jedoch oder Kindgebliebenen in Ahnungen und Nebelbilder der Gedanken und
Gefhle gegrndet. Diese konnten die ganze Welt umspannen in ihrer
Einfalt vor dem Unmglichen und mhlich von der Ferne zurckkehrend das
Naheliegende begreifen. Kinder und Knstler sah er diesen Weg von der
Imagination zum Nahen am langsamsten zurcklegen. Er wollte in der
Schauung der mrchenhaften Zusammenhnge in der Natur einen Ersatz
geboten sehen fr den selbstischen schwchlichen Traum dieser
Lebenskinder. Die reale Welt war ein Wunder, wenn man sie mit dem Blick
der Schauenden sah, sie entthronte den Traum und machte ungeheure
Sphren frei zur Wanderschaft. Der Astronom wei um die Unermelichkeit.
Welcher Knstler knnte sie in seinem Hirne mchtiger gebren? Vgelchen
begriff nun wie in einem Zauber und dennoch zum ersten Male zauberlos,
da sie unendlich weit sich aus dem Ich, das in die Umwelt gebannt ist,
entfernen konnte, da alle Fernen in ihr waren, alles Licht, alle
Gottheit und ihre vielfltige Einheit und ganz dunkel ahnte sie schon
das Ichlose, das ihr frher schon gedmmert war, da sie sich als ein
Fnkchen auf Wanderschaft empfunden hatte. Sie sah sich geweiht Givo zu
verstehen. Sie war gespeist vom Lichte seines Lebenssternes, sie fhlte
sich selbst als Stern, erkoren von dem seinen. Und sie fhlte sich
erlst von jenem Schwanken der Wagschalen, wenn Tier und Mensch sich
messen, um Gleichma bebend. Denn er lehrte sie, da das Weltall und der
Mensch selbst Vorgngen im Einzelnsten unterworfen sind, zwischen denen
ewige Beziehungen und ewige Folgen bestehen. Vom gleichen Lichtgesetz
sei der Mensch und sein Geist und seine Mutter, die Natur, gespeist. So
lehrte er sie die Vershnung von Krper und Geist und setzte die Seele
als Vermittlerin ein, so zeigte er ihr auf, da das Ich ein Gemenge von
Vorgngen ist, die sich im Austausch mit den Vorgngen jener Umgebung
befinden. So verstand sie auch Karinskis Wort, da jeder Mensch an der
Schuld des anderen und jeder andere an der eigenen Schuld mitschuldig
sei. Sie begriff den Sitz seiner Gte, seiner verzeihenden
Hilfsbereitschaft, da er die Verwicklungen erkannte, in die der Mensch
mit seiner Umwelt geraten konnte, oftmals geraten mute, wenn seine
beste Einsicht der Schauung der Zusammenhnge versagte oder schwcher
war als die Einwirkung des Auen auf die krperliche Schwche und
Lustbereitschaft. Denn das Licht allein schien ihm die Kraft, die
unbewute Kraft oft den bsen Folgen des bels zu widerstehen. Dies
Licht bedingt die Seele, die Seele selbst war von seinem Urstoff
geschaffen. Sie erfate ahnend, was er von den Sternen wollte, da er
hart an der Himmelstre der Unendlichkeit seiner Wissensarbeit einen
Sitz errichtet hatte, um der Erde Wesen in dem Gesetz des Alls zu
begreifen. Da er in den Werken der Astrologen forschte (so sehr er auch
das Horoskopieren als bsen Nebenverdienst wissenschaftlicher
Quacksalber verwarf), da er den Sehnsuchtkulten der letzten Dinge, den
Mythen der Religionen nachhing, geschah in seiner Liebe zu einer neuen
lichtvollen Gerechtigkeit, in seinem Trieb, das Dunkle zu entwirren und
den Zauber der Wirklichkeit aufzurichten in der Legende.

Er erzhlte ihr von erleuchteten Menschen und, whrend er sprach, drang
ihre Gnade auf sie ein. Christus brachte ihr die groe Trstung der
Liebe, Heilige kamen und lieen sie ihrer Einkehr teilhaftig werden,
Gelehrte schenkten ihr die Frchte ihres Forschens, edle Menschen
beglckten sie mit Zuversicht. Sie erlebte, als er sprach, wieder den
Aufgang ihrer Gefhle ber ihre Krperlichkeit wie in den Kinderjahren,
wo ihr war, als flge sie ins Weite, wie dann in den Nchten, da sie in
den Schauern der Liebeslust sich hingegeben fhlte einer Unendlichkeit.
Und alle Trostlosigkeit und Unwiederbringlichkeit, alle Anklage war
gefallen. Sie richtete nun nicht mehr und sie wurde nicht gerichtet.
Nicht ob ihrer Hingabe an Va, ob ihres Spieles mit jenem Jngling, nicht
um ihrer sinnlichen Trume, die nun mit ihrer Liebe zu Givo verschmolzen
waren! Und als er schwieg und sie im Blick zu sich zog in all seiner
Liebe, sagte sie leise, ganz leise: Mir ist so wunderbar. Hab' Dank.
Und von diesem Augenblick an sagte sie du zu ihm wie im Gebet zu Gott.

Mit vollem Vertrauen war sie auch in Celias Asyl getreten wie an der
Hand eines Engels und sie verlebte da den ersten Abend der Ruhe und des
furchtlosen Vertrauens in das Leben, das nicht mehr wie eine unheimliche
und verfhrerische Drohung sich auftat. Aber die Nacht rief sie zurck
in ihr frheres Leben, ihr Traumzustand griff wirr in das Chaos von
Vergangenheit und Zukunft.

Als Arabella auf ihr Zimmer gegangen war, sa Givo mit Celia beim Tee im
Bcherzimmer, einem Raum edler Wohnlichkeit, whrend die Kinder mit Anna
im Saal mit Gesellschaftspielen sich unterhielten.

Und du willst auch an ihr wieder vorbergehen, obwohl du jetzt schon
schmerzlich dein Entgleiten vorausfhlst, auch an diesem Mdchen, das
dir teuerer ist als dir andere waren? sagte Celia mit schmerzlichem
Vorwurf.

Gerade sie darf ich nicht halten, sagte Givo, weil so seltsam und
unentwirrbar fein die Fden ihres Wesens sind.

Du mut sie strker machen, erwiderte Celia.

Damit ich sie doch dann zerreien mu?

Lehrst du nicht selbst, der Zukunft unbesorgt zu sein?

Nicht meine Zukunft frchte ich, nicht mein Leiden oder Unterliegen,
sondern das ihre.

Du vergit, wie selbstlos Frauen in ihrem Glck sind.

Und wie undankbar oft, denn ihr Genu ist nicht der Genu selbst, es
ist das Lieben und hret nimmer auf.

Das macht uns ja so stark in der Liebe, da wir doppelt gebunden sind,
an sie selbst und an ihren Gegenstand. Und gerade unsere Ausdauer lt
sie Krnkungen und Zurcksetzungen berleben.

Aber es wird dann oft Ha aus ihr: eine andere Form der Liebe. Ha fr
den, der sie leichthin geno, und wenn nicht Verbitterung, Liebe den
Leidenden der Mehrheit.

Vergi nicht, da dieses Mdchen sehr jung ist. Deine Mutter mag
anderer Meinung werden, du selbst zu eigenem Whlenmssen reifen. Und
wird es, wie du voraussiehst, mut du sie lassen, so liegt noch das
Leben vor ihr verklrt durch dich. Sie ist ja so jung, so kstlich
jung.

Eine Frau ist so alt, Celia, als sie zu lieben und zu wissen begann um
die Liebe. Deshalb bist du so jung, Celia, weil du an Jahren schon
Mutter httest sein knnen, als du erst wissend wardst.

Jung mit grauen Haaren, sagte Celia. Um so strker erleben wir die
Liebe, wenn sie spt kommt. Aber wie immer wir sie erfahren, sie mu uns
willkommen sein. Wir drfen nicht wgen und wehren. Auch du nicht, Givo,
wenn du auch deinen vorgeschriebenen Weg hast, deinen Weg der wissenden
Hilfe. Mu er sich denn nicht behaupten gegen alle Proben, dein Weg der
Liebe, auch gegen die Liebe? Und sieh, dies Mdchen ist Wachs unter
deinen Hnden. Ihr Blick hing an dir wie an einem einzigen Heil. Wir
Frauen erkennen dergleichen. Da gibt es keine Verstellung. Du kannst aus
ihr vielleicht die beste Frau erwecken. Deine Liebe knnte die Seele,
die du mir anvertraust, im guten Feuer sthlen und gro machen. Im Glck
knnte sie reifen, an deiner Sonne kstlich werden. Nur im Glck, Givo,
nicht in entsagender Sehnsucht. Die macht milde zuweilen, manchmal bse
auch, aber immer schwcht sie und wirft uns aus den Reihen der
Lebendigen. Celias Stimme erhob sich zu heier Klage. Wehe der Frau,
der am Verlorenen ihr Herz hinblutet, wehe der Lebendig-Begrabenen, die
unfruchtbar liebt!

Givo erschrak. Er nahm Celias Hand. Unfruchtbar, Liebe? fragte er
leise besorgt. Gibt es denn unfruchtbare Liebe? Verwandelt sie sich
nicht bei den wahrhaftigen Seelen in tausendfltiges Lieben?

Ja, sagte Celia und drckte seine Hand, wie in einem Versprechen. Der
Mehrheit, wie du vorhin sagtest. Aber diese Verwandlung ist eine
leidvolle Maske, die wir schlielich fr unser wahres Gesicht halten
mssen. Verschon' dies Kind, wenn dein Herz ihm warm ist. Und sei
gewarnt, Imanuel, da deine Fgsamkeit sich nicht in Selbstsucht wandle,
deine Freiheit zu behalten.

Es klopfte leise. Anna fragte, ob Felix Blanc eintreten drfe. Er wre
so erfreut gewesen von Givos Anwesenheit zu erfahren, als er eben, von
einem Kranken kommend, seiner Braut Guten Abend sagen wollte. Blanc war
lngst Mitglied des Sozialen Dienstes und ein Freund Givos. Es war
Zeit, die Kinder zur Ruhe zu schicken. Cecile, Givo, Anna und Felix
saen noch lange beisammen.




                            Die erste Nacht


Indessen huschte Helene zu ihrer neuen Zimmergenossin. Oh, ich weckte
Sie, rief sie, als Arabella sich aufrichtete.

Nein, ich schlief nicht.

Ich habe mich schon so sehr auf dich gefreut, sagte das liebliche
Mdchen. Ich darf doch du sagen, wir sagen hier alle einander du. Am
liebsten htte ich mich leise davon gemacht, als wir zu spielen
begannen. Wie schn du aussiehst in dem weien Gewand!

Und du hast so schne blauschwarze Haare, sagte Arabella und
streichelte Helene. Die beiden Mdchen schritten zaghaft aufeinander zu
wie zwei Tubchen, die aneinander Gefallen finden und sich leise mit
ihren Schwingen berhren wollen.

Du duftest, sagte Helene und ffnete ihre feinen Nstern. Hast du
gebadet? Du mut eine ganz feine fremdartige Seife haben. Darf ich dir
nun auspacken helfen, damit deine Sachen nicht gedrckt bleiben ber
Nacht? Oder bist du zu mde?

Nein, ich bin schon ausgeruht, Helene; nicht wahr, du bist Helene?

Da du dir meinen Namen gemerkt hast! sagte Helene erfreut. Sie kniete
vor Vgelchens Koffer und reichte ihr die Sachen hin. Oh, so schne
Kleider hast du und die Wsche, wie fein! Mama hat auch so schne
Wsche. Wirst du das alles tragen, werde ich dich in all dem sehen und
dir immer helfen drfen?

Mein groer Koffer kommt noch, sagte Vgelchen ein wenig traurig. Sie
dachte an die vielen schnen kostbaren Sachen einer kleinen Weltdame,
die sie nun nutzlos besa, und auf einmal stand Va vor ihr, der sie so
frstlich beschenkt hatte. Sie fhlte wieder seine Zrtlichkeit,
verdrngte Bilder stiegen in ihr auf und trieben ihr heie Rte in die
Wangen. Und der Abschied! Va hatte gescherzt und alles nur als vorlufig
betrachtet. Er hate Sentimentalitten. Von jeher hatte er Leidgefhle
zurckgedrngt und die erstarrten Trnen hatten in seinen Leidenschaften
Erlsung gesucht. Er wrde ihr vorlufig nicht schreiben, denn das
allein bedeutete Trennung, wenn sie von einander ganz frei wren, eine
Zeitlang. Und die Trennung wre ja nun einmal unter gemeinsamem
Einverstndnis beschlossen. Wie war das nur mglich gewesen! Dann hatte
er sie gekt unter Scherzen und liebevoller Peinigung, bis sie sich ihm
lachend entwunden, weil Givos Wagen eben vorfuhr. Angele von Twede war
auch gekommen. Und es war Vgelchen, als wre die schne Frau eine Fee,
die alles mildern und schmerzlos machen konnte. Man blieb heiter bis zur
Abfahrt.

Denkst du an zu Hause? fragte Helene in Vgelchens Sinnen. Hier ist
es sehr schn bei Tante Celia. Du mut nicht bange sein. Ach, wenn man
doch nur ganz brav sein knnte, um es ihr zu danken. Sie ist so gut!
Aber ich -- -- ich kann mich nicht beherrschen -- -- Vielleicht werde
ich jetzt anders, weil du hier bist.

Vgelchen freute sich der neuen Freundschaft. Sie packten aus und
ordneten ein. Dann entkleidete und wusch sich Helene. Arabella half ihr.
Sie kten sich. Auf der Stiege erschollen Stimmen.

Nun geht Herr Givo auf sein Zimmer.

Vgelchen steckte den Kopf zur Tre hinaus und sah, wie eine der Mgde
Givo die Treppe zur Turmzimmertre hinaufleuchtete. Gute Nacht! rief
sie durch den Spalt.

Gute Nacht, mein gutes Kind, rief er von seiner Trschwelle zu ihr
hinab.

Helene lag schon in ihrem Bette. Ich kam mit Gropapa, sagte sie,
ihres Einzuges in Asyl Gloriot gedenkend. Gropapa ist tot.

Und deine Eltern? fragte Vgelchen.

Mama hat geheiratet, aber der Mann ist fort. Papa kannte ich nicht. Als
Gromama starb, kam ich hierher. Mama ist jetzt Schauspielerin. Morgen
zeig' ich dir ihr Bild. Nun gute Nacht, schlaf wohl und sei glcklich
hier. Ich werde dich lieb haben. Vgelchen setzte sich an Helenes Bett,
lie die weichen, blauschwarzen Ringeln durch ihre Fingerchen gleiten,
nahm das blasse Gesichtchen zwischen ihre Hnde und kte es.

Ich will dich auch lieb haben, Helene. Dann lschte sie das Licht und
legte sich zur Ruhe. Bald schlief Helene fest und tief, wie Kinder
schlafen. Vgelchen aber lag im Traum.

In einem Muschelwagen fuhr sie durch die Lnder -- Wiesen und Meere --
und am Ende der Welt erglnzte ein Licht, es kam nher. Da stand Givo
vor ihr. Ich bin Knig des Morgenlands, sagte er. Willst du ein Stern
sein an meinem Himmel, der die Welten durchleuchtet? Mein Himmel ist der
Mantel, der mich umhllt, er ist mit Augen bestirnt und durchwirkt von
Mondstrahlen. Dein Stern soll an meinem Herzen liegen und so hell
erstrahlen, da die Menschen es weithin sehen in ihrer Finsternis.
Spter, wenn unsere Arbeit getan ist, wirst du meine Braut sein. Jetzt
wollen wir es einander geloben, Braut und Brutigam zu sein. Niemand
soll es erfahren, weil du nur ein Vgelchen bist, nur ein fliegender
Stern im ther, der nun an meiner Brust wohnt. Vor dem lieben Gott aber
sollst du meine Frau sein, Arabella. Vgelchen richtete sich auf. Aus
dem Fensterrahmen blickten zwei bleiche Vierecke sie an. In milchigem
Glanz lag drauen die Nacht. Sie starrte hinaus und mhlich erlosch das
bleiche Licht und die Fenster waren nur mehr zwei schwarze Lcher
Finsternis. Wenn es nicht wahr wre, wenn er wieder ginge, wenn er ins
Ausland reiste, wie er oft zu tun pflegte und sie allein zurckliee!
Nein, sie war nicht allein, sie war unter freundlich klugen Menschen.
Und sie konnte ja zu Va zurckkehren! Ob Angele von Twede immer bei ihm
bleiben wrde? Ob die nun seine Frau war, wie sie selbst es gewesen?
Hatte man sie deshalb hierher gebracht? Hier waren alle Verlassenen und
Cecile Gloriot ihre Mutter. Aber sie war ja ohne Mutter aufgewachsen und
hatte nicht Sehnsucht nach einer Mutter. Va hatte ihr alle Menschen
genommen, die sie liebten: die alte Amme, Urbacher, Konrad. Wrde Va
selbst nun nicht mehr schtzend zu ihr stehen und ihr gehren? Hatte er
sie verlassen, brachte Givo sie zu den verlassenen Kindern, weil sie
selbst auch eines war? Die schwarzen Lcher Finsternis starrten sie an
wie erloschene Augen, wie ihre eigene Angst blickten sie ihr entgegen.
Da fiel ihr ein, wie Givo ihr die Qual genommen, sndig zu sein, wie
sein Blick sie heilte und beruhigte, sein Wort sie rettete. Er wrde ihr
auch diese Furcht nehmen, die aus der Finsternis starrte. Mit einem Satz
war sie aus dem Bett gesprungen. Helene schlief. Schon war sie drauen
auf dem kalten Flur, huschte die Stiegen hinauf zur Tre, hinter der sie
Givo hatte verschwinden sehen. Ach, durfte sie ihn wecken, ihn
erschrecken? Sie stand, horchte und ihre Hand lag auf der Klinke und
drckte. Da stand sie auch schon im Zimmer. Es war ganz finster, sie
wagte nicht weiterzugeben, aus Furcht an ein Mbel zu stoen, ihn
unsanft zu wecken. Sein Atem war nicht hrbar, der Raum war gro. Im
Kamin war noch ein verlschender Schein der Glut. Nun sah sie die
Fenster, sie gewhnte sich an die Finsternis. Sachte schlich sie
vorwrts. Da regte er sich im Schlafe, ganz leise seufzte er und wandte
sich. Stille. Vgelchen hatte ihr Leid vergessen. Sie war bei ihm. Ihre
Beseligung strmte ihm zu, schwebte um ihn wie warmer Flgelschlag. Er
fhlte ihre Nhe, sein Auge, kundig im Finstern zu forschen, erblickte
sie.

Bist du's, Kind? fragte er.

Sie erschauerte und kam nher. War dir bange? fragte er. Warum kommst
du? Willst du mir die Hand geben und dann wieder in dein Zimmer gehen?

Ich frchtete mich und ich frchtete auch, du wrdest des Morgens
zeitig fortfahren ohne mich zu sehen.

Das konntest du glauben, Vgelchen?

Ich frchte mich nicht mehr, selbst wenn alles wahr wre.

Was wahr wre?

Da ich nun eine Verlassene bin.

Nein, sieh, das dachte ich nicht, da du dich als eine Verlassene
fhlen knntest, weil es hier Kinder gibt, die einmal verlassen waren.
Du aber bist es nicht.

Doch, ich glaube, Va hat mich verlassen. Er ist ja nicht mein Vater, er
nimmt eine andere Frau und ich habe keine Wohnung mehr bei ihm.

Sollte er sie vertrsten? Wrde denn Mannsthal nicht mehr nach ihr
verlangen? Er wute es nicht. Er konnte nichts versprechen. Und ich,
Vgelchen? sagte er.

Du? rief sie in tiefem Gefhl. Wie darf ich denn das, wie darf ich
mich zu dir zhlen? Wie darf ich denn dir gehren?

Givo wute, in diesem Augenblick schmiedete sich Arabellas Schicksal.
Nahm er sie in sein Leben auf, so blieb sie heil an Krper und Seele,
aber am Ende ihrer Gemeinschaft stand ein Schmerz, der war so gro wie
ihr Glck, und er wute nicht, ob sie es bestnde. Schob er sie aber
leise begtigend in die Ungewiheit einer zerspalteten Zukunft, wrde
sie dann ihre erwachende Seele behaupten gegen Verfhrung und
Anfechtung? Wrde Cecile, so gro und rein ihr bildender Wille war, die
leidenschaftliche Naturgewalt, die in diesem kindhaften Weibe lebte,
meistern knnen, bis sie selbst sie zu besiegen Kraft fand oder um so
wilder sie entfesselte? Nein. Cecile selbst hatte es ihm gesagt:
Verschone das Kind. Nur im Glck wird seine Seele reifen.

Fhlst du denn nicht, da ich dich lieb habe? sagte er. Du, die den
Flug der Wolken, den Ruf der Vgel, die Stimme der Ewigkeiten begreift?
Und wehrte ich mich dich zu lieben, ich betrge mich. Ich mu dich
halten, Kind. Es mu wohl so sein. Und nun will ich es auch so. Ich
komme wieder, bald komme ich wieder. Ich komme immer wieder zu dir.

Sie hielt seine Hand, sie drckte sie, unfhig zu erwidern.

Aber nun geh, Kind, du frierst, geh, bitte. Du sollst nicht hier sein
zur Nacht.

Vgelchen beugte sich zu ihm, sie umschlang seinen Hals. Sie suchte
seine Lippen. Wie ein Hauch aus Wunder gewoben streifte ihr Atem seine
Wange. Nun kte sie ihn. Mit Worten konnte sie nicht Antwort sagen. Wie
lange hatte er nicht einen jungen Mund an dem seinen gefhlt! Er hatte
es selbst nicht gewut, seit Wochen schon, seitdem er ihrer in
Zrtlichkeit gedachte, hatte er keine andere Frau in seinen Armen
gehalten. Ganz absichtlos war es unterblieben. Nun fhlte er es, nun
reifte die grausame se Frucht seiner Enthaltsamkeit. Nun war er ihr
Beschtzer nicht mehr. Und ihr Ku, der bis in die Wurzeln seiner Sinne
brannte, es war nicht der Ku eines Kindes. Er flehte: Geh, geh! Es
war, als hrte sie nicht, als schliefe sie, als wren ihre Ksse die
einer Trumenden. Ihre wundersam zarten Formen, wie sie sich
anzuschmiegen verstand, wie sie zu vergehen schien! Sie war ganz Krper
und doch war ihre Zrtlichkeit krperlos, ganz Seele, und doch schien
ihre Umarmung die einer seelenlosen Nachtelfe, des Weibes, das nicht
Name hat und Zeit. Ihm war, er msse sie zerreien, sie vernichten in
seinem aufglhenden Feuer. Da ermannte er sich, trug sie in seinen
Armen, oh, wie sie, die Kundige, jetzt seine begehrende Kraft erkannte!
Aber willenlos war sie seinem Willen untertan, auch dem entsagenden. Und
sein berwille trug sie vor die Tre, sachte die Stufen hinab. Mit einem
Ku, tief in ihre Lippen gesenkt, dem ersten und letzten dieser Nacht,
lie er sie vor ihrem Zimmer aus seinen Armen gleiten.




                            Hedwig an Konrad


Lieber Kon, da Du nun wieder auf mglichen Wegen gehst, mu ich Dich
doch recht fest an den Ohren nehmen. Sag', Junge, hast Du ein Recht,
Dein Leben den Schweinen zum Frae hinzuwerfen, Du, der Du die Lehren
des heiligen Augustin predigst, da jeder den Gott in sich trgt, jeder
ein Teilchen Gott ist? Nun, Gott wird sich bedanken fr Dein Teilchen,
wenn Du es ihm nun nicht reinwscht und rein erhltst. Du weit, Kon,
ich hab' geschwiegen, solange Du bedrngt warst, hab' nur geraten,
ohnmchtig aus der Ferne, nicht gescholten. Wie htte ich Dir denn eine
Sttze sein knnen, wenn ich sie Dir unter dem Arme weggezogen htte, um
Dich damit zu schlagen? Aber sieh Dich vor, Kon, Du weit selbst nicht,
wie tief der Abgrund war, an dessen Ufern Du einhergingst. Ich wei es,
Kon, denn im Elend durchmit man alle Tiefen der anderen. Auch Du wirst
spter schaudernd an diesen Abgrund denken. Enttusche die Menschen
nicht, die Dir geholfen haben, erwarte nicht das Unmgliche, da sie Dir
endlos helfen. Die Wohlttigkeit, sei sie noch so persnlich gemeint,
ist demtigend und erkaltet, wenn sie sich blamiert. Sie hat nicht die
Ausdauer einer freundschaftlichen Hilfe, sie ist wie der Zahnarzt, der
keine Geduld hat, wenn in seinem Wartezimmer sich die Patienten drngen.
Ntz' Deine Zeit, Koni.

Ich streu mir heiblhenden Mohn in meinen Werktagsacker. Ein Wind
verweht ihn. Ich wein' ihm nicht nach. Der Kleine hat den Scharlach
gehabt. Ich wollte es Dir nicht schreiben, damit Du nicht eine Sorge
dazu hast. Selma hat es erfahren. Da ist sie eines Abends gekommen. Und
nun ist es, als wre sie tglich bei mir, obwohl ich ihr das Versprechen
abgenommen habe nicht wieder zu kommen. Es brchte ihr Gewissenskmpfe.
Gre Deine Freundin Jeanne. Sag' ihr, Arbeit und ein Kind helfen den
Traum Mann ersetzen, nicht seine Wirklichkeit. Ich helfe mir mit
Episoden, das aber sag' ihr nicht. Ihnen ist nicht jede Frau gewachsen.
Die Eltern sind gesund. Denk auch an sie, Kon. Kme doch ber uns alle
Licht und Segen. Der meine ist bei Dir. Mach' keine Sorgen mehr Deiner
treuen

                                                              Hedwig.

Er schmte sich, er schmte sich so sehr und das trieb ihn an, seine
Eigenart besonders auszuspielen, damit man nur ja nicht merke, wie
bervoll der Liebe er war, der Dankbarkeit und Reue. Gerade deshalb
wollte er hart und streng erscheinen. Der Kreis der zu Rettenden bei
Frau Calou wurde ihm bald lieb und vertraut und er wollte gern ihr
Prediger werden, ihr Trster. Heimlich hielt er sich fr einen
Nachkommen der Therapeuten, die sich Heilande genannt hatten und
Seelenrzte gewesen waren. Jeanne Mercier war die erste, die er sich fr
seine Wirksamkeit auserkoren. Es war ja ein ganz banaler Fall, eine
verlassene Geliebte, aber er sprte, da war ein ganzer Mensch. Jeanne
hatte nicht von der Pariser Einrichtung Gebrauch gemacht ihr Kind auf
die Drehlade des Findelhauses zu legen und frei wieder ihres Weges zu
gehen. Warum? Aus Trotz, aus Liebe zu dem Manne, aus Mutterliebe? Nein,
sie trotzte nicht, sie dachte nur nicht daran, sich dem Verfhrer mit
seinem Kind im Arm in den Weg zu stellen. War er nicht unschuldig wie
sie an dem Werk der Natur, das aus einem Vergngen lebenslngliche
Pflichten und einen Weg ins Ewige folgert? Sie dachte an den Mann mit
Wehmut und mit dem leisen Schauer des Wunders, da er ihren Leib
fruchtbar gemacht, und sie hatte das Kind auf sich genommen, weil es
hilflos war und sie sich scheute, nun allein zu bleiben. Sie gehrte
nicht zu den Leichtbltigen und frchtete fortan den Mann. Darum behielt
sie das Kind und leistete bermenschliches, um es zu behalten. Nein, sie
wollte nicht eine Ausgestoene sein in der Heimat der Liebe, ein
Schatten nur der Mutter, zu der sie erwhlt worden war. Sie wollte sich
mit dieser Gnade bekleiden wie mit dem einzigen Festkleid, das ihr das
Leben verliehen. Und Konrad fhlte sich zu ihr hingezogen um Hedwigs
willen und weil er sah, da sie das Kind nicht behielt, um den Mann an
sich zu zwingen oder eine Mrtyrerin zu scheinen wie andere. Sie tat das
Natrliche ihrer Bestimmung, obgleich es unnatrlich schien der
Gesellschaft zu trotzen, die Ehelichkeit fordert und kein Erbarmen hat
mit Gesetzesstrern. So war ihr Konrad mit Ehrfurcht genaht und hatte
der schchternen jungen Frau eine Sicherheit zurckgegeben, die ihr
Strke und Lebensfreude bedeutete. Der anderen Genossen Schicksal war
ihm fremder als das Jeannes. Er scheute jede Frage, um selbst ungefragt
zu bleiben. Es kam der Sonntag, an dem er seinen Vortrag halten sollte.
Er nannte ihn Vai, das Vermischen. Er, der vor wenigen Wochen bald
Zuhlter, bald Messerputzer in einem Dirnenwirtshaus gewesen, weihte die
Tischgenossen ein in die Lehren der persischen Religion. Er sprach ihnen
von Ormuzd, dem Licht, dem Gott der Verklrung und von Ahriman, dem Gott
der Weltlichkeit und Dunkelheiten. Er wies ihnen das Wesentliche des
persischen Glaubens, Vai, die Vermischung, die Vershnung des Dunklen im
Triebleben und der geistig erkennenden Welt. Aber er lie es sich nicht
gengen, schlicht aus der eigenen Herzensnot zu sprechen, die auch jene
seiner Genossen gewesen sein mochte, der Kampf um das Licht des
Erkennens. Ihm sa das Polemisieren zu sehr im Fleische, als da er
nicht jede Gelegenheit wahrgenommen htte, um mglichst vielen Menschen
eben das zu sagen, was gerade seine geistige Streitbarkeit reizte. Er
hatte in der Bibliotheque ein Bchlein ber Amalrich von Bena
aufgestbert, der um 1200 n. Chr. Lehrer zu Paris gewesen, und darin ein
Wort gefunden, das ihn erschtterte.

_Quod in charitate constitutis nullum peccatum imputetur_ (den in der
Liebe Verharrenden werden keine Snden zugezhlt). Der ber jenen
Lichtsucher Amalrich schrieb, Konrad fhlte das erschauernd, mute einer
von den groen Erkennern sein. Eine geheime Lehre der Liebe, die ihre
Wege in die verworrenste Vergangenheit hat, leuchtete wie unterirdisch
heiliges Gold unter dem Kristall der Worte und berauschte wie
Himmelstrank. Konrad fhlte, wie ihm die kalte Betrachtung benommen war,
wie seine eigene Heilgabe schal wurde und wirkungslos. Noch war sein
Besinnen ganz in Grung und Wachstum, sein geistiger Organismus
verlangte selbsthafte Entwicklung. Hier gab es fr ihn nur ein Hinknien
und Sichselbstaufgeben oder Rettung im Widerspruche, den Fehdehandschuh,
die eigene Kraft zu versuchen. Den warf er diesem Dichtergelehrten hin,
der Givo war. Ja, Givo, seinem unbekannten Wohltter.

Unter den Geretteten war auch ein junger Mathematiker, der im
Observatoire arbeitete. Tagsdarauf erzhlte er dort von dem Vortrag, der
auerordentlich gewesen wre, wenn er nicht mit einem lppisch frechen
Angriff auf Imanuel Givos Lehre geschlossen htte. Givo erfuhr davon.
Gerade unter den Geretteten wnschte er sich Freunde. Sie ahnten dort
nichts von seiner Hilfe an ihrem Lebensunterhalt. Warum wtete dieser
Jngling gegen ihn? Wenige Tage spter erhielt er die Anfrage, ob er die
unter anderem an Student Kruger gewhrte Untersttzung, die in der
folgenden Woche ablaufe, fortzusetzen gedenke. Er gewhrte sie fr zwei
weitere Monate. Der Gefhrdete und der Widersacher, sie waren ihm nicht
ein und derselbe. Bald darauf erhielt Konrad einen Brief von Givo, in
dem dieser ihn Bruder nannte und ihn an die Worte Thomas von Kempens
erinnerte: da es ein gro Ding um die Liebe sei, weil sie allein alles
Ungleiche mit gleichem Mut dulde. Konrad empfand Abscheu vor sich
selbst. Die Umkehrungen seines Wesens folterten ihn. War es nicht Hohn,
da er, der lgenhafte Lsterer, ber Vai, die Vermischung sprach, da
er die Klrung des gttlichen Lichtes pries, da er selbst allen Dmonen
verfallen war? War es nicht wrdiger und wahrer und ihm gemer,
Messerputzer zu sein oder Zuhlter? Er blieb zwei Tage fern dem
Mittagstisch der Frau Calou. In diesen Stunden des Selbstkampfes
beschwor er Vgelchens Bild und setzte sich hin, ihr zu schreiben,
wiewohl es ihm verboten war sich abermals ihr zu nhern. Er wnschte sie
in die Heimat zurck, denn er selbst begann sich nach ihr zu sehnen,
nicht nach dem Vaterhaus, aber nach den heimischen Lauten, der
vertrauten Landschaft. Und vor allem nach etwas Ehrbarkeit sehnte er
sich. Aber gerade dieser Sehnsucht schmte er sich. Als er sich
Vgelchen nun gegenber befand, indem er ihr schrieb, hatte er
vergessen, da sie an jenem Abend vor ihm geflohen war. Auch ahnte er
nicht, da sie von seinem und Camills Plan gewut. Er sah Ariel wie
vordem und wunderte sich, da er nun nicht wute, wo Ariels weltlicher
Wohnsitz war. Wenn er zu Marguerite ginge und seine Liebessehnsucht so
recht eindringlich ihr schilderte, vielleicht wrde sie wieder wie
damals sich aufmachen, Vgelchens Aufenthalt auszusphen. Er war drei
Wochen lang nicht bei Marguerite gewesen, da er die Sonntage mit Jeanne
und ihrem Kleinen verbracht hatte, aber er war gewi freundlich
aufgenommen zu werden, denn Marguerite schtzte das Seltene und
Ungewisse. Zu seiner berraschung fand er das Zimmer der benachbarten
Wohnung dem der Aupin angeschlossen und in diesem ihm fremden Raum sa
Camill Custove in mangelhafter Bekleidung mit Marguerite vor Bchern und
Heften. Er war im Begriff das Mdchen im Deutschen zu unterrichten. Ich
wandere aus, sagte Marguerite. Dein Freund nimmt mich mit nach
sterreich. Er sagt, ich wrde dort als Gouvernante in feinen Familien
mein Glck machen.

Du willst junge Mdchen erziehen? fragte Konrad und lchelte
schmerzlich. Camill wollte sich diskret zurckziehen, aber Konrad wehrte
ab. Ich wollte nur fragen, ob ihr -- Nun brachte er es nicht heraus,
Vgelchens Namen zu nennen, hier vor Marguerite, der Dirne und
zuknftigen Erzieherin und ihrem neuesten Liebhaber, dem Trunkenbold und
Diebsgesellen Custove. Was wolltest du fragen, mein Sohn? A propos,
dein Liebchen sitzt im Kloster, Asyl Gloriot heit die Klause, im
Departement X, nahe von Chaly. Willst du sie nicht holen gehen und mit
uns nach Hause fahren? Der Finderlohn wird dir ber die ersten Sorgen
hinweghelfen. Die Fahrt schie ich dir vor.

Konrad wehrte mit wortloser Geste dem Redeschwall. Nun rckte Marguerite
nahe an ihn heran, legte den Arm um seine Schulter, kniff ihn ermunternd
in den Arm und sagte: Wer wei, wie sie dort schmachtet, die rmste!
Ach, solch ein Tubchen! Sie war voll Zrtlichkeit fr dich. Sieh, Geld
hat sie mir noch, ehe man sie fortbrachte, aus ihrer armen kleinen
Sparbchse fr dich gegeben. Ich bin selbst arm, hatte sie gesagt. Mir
sind die Trnen gekommen. Am liebsten htte ich ihr statt das Geschenk
zu nehmen selbst etwas geschenkt. Konrad drckte gutglubig Marguerites
gepolstertes Hndchen. Aber er stand auf, reichte wie widerwillig dem
Custove die Hand, nickte dem Mdchen traurig zu und ging wie unter der
Last seines aufquellenden Schmerzes gebckt und geduckt die Stiegen
herunter. Dieselben Stufen hatten Ariels Fchen berhrt, das
feinbeschuhte, um ihm Hilfe zu bringen. Mutig war sie zu ihm in seine
zweifelhafte Behausung gekommen. Und er sollte nun nicht die Mglichkeit
finden nach ihrem Ergehen zu fragen? Feige, nein feige war er nie
gewesen. Sein Gewissen gebot ihm den Weg, so war das Verbot seiner
Retter nichtig. Und wenn sie fort wollte, fort mit ihm, zurck in seine
Heimat, zur unbekannten Mutter? Er lief nach Hause, nahm seine Arbeit
vor, schrieb bis zum Morgengrauen und brachte vorzeitig den letzten Teil
der Abschrift fertig. Nun entschlo sich M. Tallandre, da der Kopist
sich so fleiig und pnktlich erwiesen hatte, ihm die bersetzung der
Arbeit zu bergeben. Wenn er sie nun abwies, bekam sie ein anderer und
ein Bruch mit den Rettern war mglich. Das reichliche Honorar hingegen
wrde ihm die Schritte, die er fr Vgelchen unternehmen wollte,
ermglichen. Indessen bekam er wohl auch Antwort auf seine Briefe. Ein
briges an Flei gewhrte ihm vielleicht einen Urlaub vor Abschlu der
umfangreichen Arbeit. War es nicht Vgelchen, um deretwillen er
Tallandre so prompt bedient hatte, war es nicht Ariel, sein Schutzgeist,
der ihm diesen reichlichen Verdienst verschafft hatte? So ging er denn
mit neuen Krften wieder zu Frau Calou und verga auch die beschmende
Polemik ber seiner neuen Arbeit.




                               Der Gatte


Givo traf Herrn von Twede im Foyer der Groen Oper. Angele schreibt
Ihnen nicht? Nun, sie hatte keine Zeit. Es gab allerlei zu unterhandeln,
ehe wir einander das groe Schweigen besiegelten. Ja, das hat nun schon
seit Jahren zwischen uns gedmmert. Nun gab es noch geschftliche
Abwicklungen, der Scheidung wegen.

Oh!

Keine Kondolenzen, mon cher. Ich leide nicht sehr, es ist ein wenig
peinlich, alles andere ist schon durchlitten. Auch drfte ich nicht zehn
Jahre lang Angeles Lebensgefhrte gewesen sein, wenn ich mich nicht zu
dem Grundsatz bekennen wrde, da es verboten ist allzuviel zu leiden,
um nicht andere leiden zu machen. Meine Zwillingsschwester lebt jetzt
bei mir.

Die beiden Herren gingen noch auf und ab, als das Glockenzeichen die
Fortsetzung der Vorstellung anzeigte und das Foyer sich zu leeren
begann.

Sagen Sie, cher Givo, begann Herr von Twede nach einer Pause. Wer ist
eigentlich der zuknftige Mann Angeles? Ist es eine Persnlichkeit? Ich
frchte fr sie. Ist er nicht ein Viveur?

Givo sagte mit milder, trauriger Stimme und voll Herzlichkeit: Frchten
Sie nichts fr Angele. Sie sucht die groen Aufgaben. Wren Sie weniger
unfehlbar gewesen, sie htte Sie niemals verlassen.

Ich liebe es nicht, wenn Frauen Berufe haben, erwiderte ablenkend Herr
von Twede, selbst Angeles, Liebe und Heilung zu sein, hat mich immer
peinlich berhrt. Ich wei, sie hatte kein Wirkungsfeld bei mir. Und
nach einer Pause des Nachsinnens, in die beim ffnen einer Tre von der
Bhne her ein wehmtiges Aufschluchzen einer schmetternden Sopranstimme
klang, sagte der hochgewachsene, weiblonde Herr: Das aber war es, was
sie mir einst geneigt machte. Wie seltsam die Wege des Lebens sind!

Bleiben Sie ihr gut, wollte Givo sagen. Aber Herr von Twede kam ihm
zuvor.

Ich werde sie nun auch verehren knnen wie Ihr alle, jetzt, wo ich
keine Rechte mehr habe. Rechte setzen einen immer ins Unrecht auch vor
demjenigen, von dem wir sie zu erwarten haben. Nun treten wir ein. Meine
Schwester erwartet mich. Wollen Sie ihr Guten Abend sagen?




                          Unheil auf dem Wege


Der Frhling hatte auch Celias Garten geschmckt, die Hecke ans Gitter
gedichtet und in den Beeten lichte Farben angezndet. Die Wege waren mit
Kies bestreut, Gil und Nini hatten die Paquerettes, die Gnseblmchen
aus dem seidigen Rasen gepflckt und jedes der Kleinen hatte sein Beet
bestellt. Unter der alten Linde mit der weien Rundbank sa Arabella in
der Stille des Vormittags mit einem Buch. Nicht weit von ihr schlummerte
ihr kleiner Liebling Alphonse, warm besonnt in seinem Korbwagen. Seit
mehreren Wochen versorgte sie tagsber das neun Monate alte Kindchen,
das seine Amme pltzlich hatte verlassen mssen. Sie selbst hatte es
entwhnt und freute sich nun seines Gedeihens. Nichts konnte ihr lieber
sein mit Ausnahme von Givos Briefen und Besuchen als der Augenblick, wo
des Kleinen Brei, sorgsam ausgekhlt, nun lffelweise in das rundlich
geffnete Mndchen spazierte, wobei die groen dunkelblauen Augen sich
mit zrtlich ngstlicher Frage zu ihr wandten, ob denn auch der nchste
Lffel gewi sei. Arabella gab sich Mhe, das Kind nicht durch Ksse
whrend dieser heiligen Handlung zu stren. Wenn es dann satt war, mute
sie, so hatte Felix Blanc sie belehrt, es ganz still hinlegen, damit der
kleine Magen das Genossene ungestrt verarbeiten konnte. Dann aber
schlief es. Ach, so sprlich war die Zeit, wo man es unbeschadet
liebkosen konnte! Felix Blanc war sehr oft in der Suglingsstube,
whrend Alphonse von Vgelchen entwhnt wurde. Er wurde in lange
Gesprche verwickelt, denn sie war so grndlich, da er sie neugierig
nannte, und so pedant, da er sie nur mehr Frau Professorin ansprach.
Wenn er bei Anna sich um ein krankes Kind erkundigte, sagte diese
lchelnd: Die Frau Professorin wird es wohl besser wissen. Und sie sah
dabei ihren langgewachsenen Brutigam schalkhaft lchelnd an, als wisse
sie Bescheid um sein verhohlenes Entzcken. Vgelchen fragte Anna, warum
sie nicht Hochzeit halte mit Felix Blanc, aber Anna antwortete, da sie
immer ein Brautpaar bleiben wrden wie die heilige Cecilie und der
Rmerjngling Valerian. Arabella sann und sie fragte sich, ob denn auch
sie und Givo immer Braut und Brutigam sein wrden. Seit jener Nacht
hatte sie ihn nicht mehr aufgesucht, wenn er, was seither mehrmals
geschehen war, zu Gaste kam. Aber sie begleitete ihn, wenn er abreiste,
und sie blieben dann mehrere Stunden beisammen in sanftem Gesprch und
guter Zrtlichkeit. Nachts, wenn eine unbestimmte Sehnsucht sie befiel,
sie htete sich, dafr Givo verantwortlich zu machen, wenn sie dann in
ihrem Bette sich regte oder gar ans Fenster ging, war sie gewi Helenes
leises Rufen zu vernehmen und dann fhlte sie sich von schlanken Armen
umschlungen und eng aneinander geschmiegt schlummerten dann beide
Mdchen ein. Nur nicht allein sein mit seiner Sehnsucht, sagte Helene,
die ihr kleines Laster aufgegeben hatte, seitdem Arabella bei ihr
wohnte. Whrend dieser Zeit waren zahlreiche Briefe Konrad Krugers an
Vgelchen eingelaufen. Celia zeigte sie Givo, der die Schrift erkannte
und entschied, da sie Arabella nicht ausgefolgt wrden. Er sandte sie
unerffnet an Konrad zurck. Er bat ihn zu sich. Er wollte ihn fragen,
was er bei Arabella zu erreichen gedenke, er wollte ihre Ruhe ihm ans
Herz binden. Aber Konrad kam nicht. Zu dieser Zeit war er bereits nach
Chaly abgereist. Da er keine Antwort bekommen hatte, vermutete er, da
seine Briefe nicht bis zu Vgelchen gelangt waren. Er hatte in sie sein
Bestes ausgestrmt, sie htten nicht nur Vergebung erlangt, sondern
Vgelchens warme Teilnahme erweckt. So entschlo er sich, von Tallandre
Urlaub zu erbitten und ein uerstes einzusetzen, um Arabella auf sich
aufmerksam zu machen. Er betrog seine Wohltter, aber er beruhigte sich
damit, da er ja auch jener Frau und Mutter ber Vgelchens Verbleiben
Rechenschaft schuldig sei. Wie ein Flug ins Freie nach dunkler
Umkerkerung erschien ihm die Reise in den strahlenden Frhsommer, die
ihn in Vgelchens Nhe fhren sollte. Die geliebten Chalets der Pariser
erschienen ihm rhrend bescheiden wie kindische Baukastenspielerei gegen
die Landhuser zu Hause, von denen jedes eine kleine Welt fr sich war.
Wie wenig ausgentzt war dort der Grund, sorglos nur dem Lustwandeln
geweiht, whrend hier jeder Bahndamm genutzt zur Anpflanzung, zur
Kaninchenzucht jeder Bretterverschlag, jedes Haus umrankt war von
Obstbumen und Rebe. Er erinnerte sich der Spaziergnge mit dem Vater an
den Gelnden der Stadt, wo schon einsame Landschaft sich aufschlo,
wute von einem Abend lngs der Mauer des kaiserlichen Tiergartens, wo
sie zwischen dunkelndem Kieferwald Wiesen entdeckt hatten und huserfern
einen von Pappeln umstandenen Teich: vorzeitliche Haine. Das Wiesel war
ihnen ber den Weg geflirrt. Wie ein Erlebnis brachten sie das mit zur
Stadt, er und der Vater. Er und der Vater! Einen Augenblick starrte er
hinaus auf die fremde Landschaft. Dann quoll etwas Heies in sein Auge,
kollerte hastig, als htte es Eile zu verschwinden die Wange herab.
Lautlos perlte es nun durch seine vom Schreiben gekrmmten Finger,
rieselte ber und unter ihnen hervor. Da ... eine fremde Hand tastete
sich zu ihm hin, legte sich begtigend auf sein Knie. Er sah sie tief
erschrocken. Eine Frauenhand war es im grauen, ehemals wohl teuren
Handschuh, der jetzt schmutzig und geflickt war. Nun kam er zu sich. Nun
wrgte er es hinab, was als Knollen von Schande und Leid um
Unwiederbringliches in seinem schluchzenden Halse sa. Es ist nichts,
es ist nichts, sagte er und schob die Hand leise weg. Durch die Finger
der seinen, die ihn verbergen sollte, sah er die Frau ihm gegenber. Sie
war nicht hbsch, verlebt die Haut, grob die noch jungen Zge, aber der
Blick ihrer groen, runden Augen war treuherzig wie der eines Hundes,
der bittend und teilnahmevoll auf seinen Herrn gerichtet ist. Lachen
Sie doch lieber, lachen Sie den groen Menschen aus, der weint wie ein
Schuljunge, sagte er. Ich wei selbst nicht, wie das gekommen ist, ich
dachte an meine Heimat.

Nostalgie, sagte sie mit tiefer Stimme und sie dehnte das e wie die
Schauspieler der _Comdie franaise_. Nun, ich lache nicht, es gibt so
wenige Mnner mit Gefhl. Sie wre Schmierenschauspielerin, erzhlte
sie, und eben auf dem Wege zu einer neuen Anstellung. Einmal, da hatte
sie sichere Aussichten gehabt in Paris ein gutes Rollenfach an einem
zweiten Theater zu bekommen. Der Kontrakt war unterschrieben. Da war ein
Mann in ihr Leben gekommen, ein Abenteurer, der ri sie mit nach
Brasilien. Oh dort, eine Hlle war es gewesen! Dann -- als sie
zurckkam, hatte sie sich mit schlechter Provinz begngen mssen. Aber
sie geno Ansehen unter ihren Kollegen, denn den Kontrakt besa sie
noch. Sie zog ihn hervor und zeigte ihn.

Konrad stieg mit ihr aus an der Station, wo sie beide den Zug zu
wechseln hatten. Er wollte mit ihr warten und dann weiterfahren. Nun,
sie htte auch keine Eile. Ob sie nicht das kleine Stdtchen besehen
wollten? Das Gepck konnte an der Bahn bleiben oder in die Sonne
geschafft werden, den kleinen Gasthof, in dem es so gemtlich sei. Sie
hatte da schon einmal bernachtet. Konrads Neugier lehnte nicht ab.
Nun, und erzhlen Sie weiter, bat er, nachdem er dem Lohndiener die
Koffer bergeben. Wie war das auf dem schrecklichen Schiff, mit dem Sie
abfuhren?

Sie sprachen die halbe Nacht und dann geschah etwas, das bse Folgen
nach sich zog. Am Morgen trennten sie sich herzlich ohne Versprechen
einander wiederzusehen, denn er fuhr sdwrts, sie ostwrts und sie
sollte ein halbes Jahr in ihrer neuen Anstellung verbleiben. Ihre Zge
verwischten sich in seiner Erinnerung, bald verga er ihren Namen, aber
die Keime einer Krankheit, von der sie ergriffen zu sein vielleicht
selbst nicht gewut, blieben in ihm und verheerten sein Leben.

Noch wute er nichts von dem Gift, das in ihm seine unheimliche
Ttigkeit entfaltete, er fuhr in Ariels Nhe und das verlschte die
Erinnerung an diese zufllige Nacht.

In Chaly wute er bald Nheres ber Asyl Gloriot, da es kein Kloster
sei, da niemals ein Geistlicher dorthin gelange. Man sei zwar fromm
dort und wohlttig, aber auf seine Art. Das Haus liege inmitten von
Feldern, weithin sei jeder sichtbar, der sich ihm nhere zu Wagen oder
zu Fu. Nachts lagen zwei Bernhardshunde zur Wache. Konrad kaufte sich
eine schwarze Brille und eine Botanisierbchse. Er gab sich den Anschein
Heuschrecken zu fangen und nherte sich den Feldern, die Asyl Gloriot
umfriedeten. Er kam an das Gitter, sah die Kinder, Anna, Helene mit dem
Schtzling Vgelchens. Vgelchen war auf ihrem Zimmer. Sie fhlte sich
jetzt manchmal, obwohl sie aufblhte, matt und schwindelig. Felix Blanc
wunderte sich, da sie noch nicht, wie selbst Helene, die jnger war,
zur Jungfrau gereift war. Das war wohl die Ursache ihrer Kopfschmerzen,
die noch ohne weitere Begleiterscheinungen allmonatlich bei ihr
auftraten. Ruhe allein half ihr. Konrad hatte vergeblich ber das Gitter
gelugt. Ein zweites Mal kam er auf dem Wagen des Wschers angefahren.
Den hatte er auf der Landstrae angesprochen und ihn, neugierig wie er
war, nach seinem Fahrziel gefragt. Asyl Gloriot war die Antwort. Ob er
ihn nicht aufsitzen lassen mchte um einen Franc fr Hin- und Rckfahrt.
Gern; wenn er mit ihm zurckfahren wolle, msse er auf dem Bock sitzen
bleiben, bis er die Wsche abgeliefert. Das war ihm gerade recht. Vom
Bock aus sah er besser ber die Hecke. Clothilde erschien. Sie hie den
Wscher den Korb vor die Tre hinsetzen, rief die Kinder herzu, jedes
nahm seine Sachen in Empfang und brachte ein Sckchen mit. Da erschien
Vgelchen an einem der Fenster, Alphonse auf dem Arm, der zrtlich sein
Kpfchen an ihre Schulter schmiegte. Sie sah rosig aus, hold in ihrem
mtterlichen Glck, umrahmt vom Fensterbogen, ein heiliges Bild. Sie
rief: Helene, vergi nicht meinen Zettel, ich fttere Alphi eben. Dann
verschwand sie. Der Wscher kam, sprang auf den Bock, zhlte das Geld,
das er erhalten, rckte die Krbe zurecht und wandte den Wagen. Sie
fuhren ab. Konrads Blick rttelte an dem dunkeln Viereck des Fensters.
Noch einmal komm, Jungfrau Maria, sthnte sein Herz. Der Wagen
holperte ber eine Biegung der Strae. Das Haus verschwand hinter
Bumen.

Bald darauf ging er zu dem Wscher, dessen Huschen ihm nun bekannt war.
Er legte Geld auf den Tisch und bat ihn, einen Brief in die Wsche zu
spendeln, die mit A. M. gemrkt sei, eine feine Wsche msse es sein.
Der Wscher schlug es ab. Er knne die Kundschaft verlieren. Die Frau
kam neugierig herzu, die Sache interessierte sie. Konrad sagte, dies sei
das Geheimnis einer unglcklichen Mutter, der man das Kind geraubt habe.
Er bat ihm diesen kleinen Dienst zu erweisen. Niemand wrde es erfahren,
diejenige, fr die der Auftrag bestimmt sei, erwarte dies Schreiben. Er
legte noch einen Franc hin, aber schon ehe er dies getan, ward schon die
Frau seine Frsprecherin. Der Mann sah neue Schwierigkeiten. Es wren
zwei A. M. da. Er wisse so gut wie sie selbst, meinte die Frau, da A.
M. mit dem roten Kreuze Frulein Anna sei. Sie suchte in den
Wschesten, die schon wieder bereit lagen in das Asyl gebracht zu
werden, und zog eine duftige Morgenjacke hervor, die eben noch
berplttet werden sollte. Da geben Sie Ihren Zettel, ich wei schon
Bescheid. Sie meinen die Zarte, die immer das schwere Kind schleppt,
seit dem Herbst ist sie hier. Sagte ich Dir nicht krzlich, da Frulein
Gloriot doch noch ein Kindermdchen aufnehmen sollte. Unsere Louise wre
gerade recht. Sie steckte geschickt das Briefchen unter die Flbchen.
Konrad bedankte sich und ging.

In dem Briefchen stand:

Ariel, mein Ariel, oh, da Du diesen Gru erhieltest, einen von den
vielen, die ich Dir sandte aus dunkler Zeit. Mir ward Hilfe, noch wei
ich nicht, wer es begann. Ich bin wieder ein geistig arbeitender Mensch
mit reiner Wsche, alles andere ist gleichgltig, wenn ich noch Deinen
Segen dazu habe. Ich habe Dich mit dem Kinde gesehen, Maria, und seither
ist Ruhe in mir. Ich wandere durch die Felder und lobsinge zu Deinem
Preise. Ariel, der Du ein Kindlein liebst, ist es nicht Zeit, da Du
Deiner Mutter gedenkest, die mich zu Dir sandte? Sie hrmt sich um Dich
seit Jahren, ohnmchtig war sie Dich Deinem Versucher zu entreien. Ich
aber will Dich zu ihr geleiten. Vertrau Dich meiner Liebe. Komm mit mir
in die Heimat, in Dein Mutterland. Ruh aus bei Deiner Mutter von Kampf
und Krampf, gib von Deiner Sonne ihr, die Dich gebar, der Du das Licht
schuldest, das Ormuzd in sie strmte um Deinetwillen. Ich erwarte Deinen
Wink und fhre Dich ihr zu.

In Treue bin ich immerdar

                                                              Konrad.




                            Gestrter Friede


Arabella war mit Helene in ihrem Zimmer. Helene plauderte immerzu. Aber
nicht wie andere junge Mdchen sprachen sie von verborgenen Dingen, denn
diese erregten ihre Neugierde nicht mehr. Jenes verborgene Leben aber,
das sie kannten, hatte das andere nicht berhrt, das sie mit
Altersgenossinnen gemein hatten. Auch waren sie beide schamhaft im Wort.
Sie sprachen ber Blumen, Spiele, Bcher, Musik, Kleider, Ausflge, ber
Anna, Felix Blanc und ber Alphi. Er hatte zwei kleine Mtter an ihnen,
die mit ihm spielten wie mit ihrer letzten Puppe. Heute sprachen sie
auch von Alphis Eltern. Seine Mutter war tot, der Vater, ein Gelehrter,
war dem jhen Schmerz geflohen. Eine Forschungsreise hielt ihn seit
Monaten fern. Er war ein Freund Givos, Tallandres jngerer Bruder. Wenn
sie von Alphis Zukunft sprachen, wurde Vgelchens Blick ernst und
trumerisch. Helene wute, die Freundin fhle sich gebunden, knnte auch
Alphi nichts versprechen. Helene aber wollte bei ihm bleiben, bis er ein
groer Junge war. Mama will keine groe Tochter haben. Ich bin ihr
immer im Wege. Es ist so unruhig bei ihr, meinte sie. Immer kommen
Schneiderinnen und Herren und Freundinnen, die aufgeregt sind. Ich habe
dort keinen Winkel fr mich und die vielen fremden Leute sehen mich alle
neugierig an. Ich mchte bei Tante Cecile bleiben oder Gouvernante
werden. Kinder sind doch das Netteste auf der Welt.

Ich mchte gern eigene haben, sagte Arabella nachdenklich und schwieg
dann, wie immer, wenn sie an Verborgenes ihres Lebens dachte, von dem
Helene nur ein weniges ahnte. Sie nahm ein Wschestck aus dem Kasten,
um sich damit zu bekleiden, ehe sie sich an den Frisiertisch setzte. Da
fiel etwas zur Erde. Sie bckte sich. Es war Konrads Brief. Sie besah
ihn erstaunt und las ihn erbleichend. Helene war um Alphi beschftigt
und schenkte dem Vorgang keine Aufmerksamkeit. Erst als Vgelchen lange
schwieg, sah sie auf.

Helene, sagte Arabella, kannst Du Alphi einige Tage allein versorgen?
Ich mu verreisen. Du allein sollst es wissen. Ich werde heimlich
fahren. Man liee mich nicht fort, wenn ich darum bitten wrde. Ich will
zu meinem Stiefvater. Ich mu Aufschlu haben ber, ber meine --
Mutter. Du mut ber alles schweigen. Versprich mir's, Helene.
Vgelchen umfate Helene, die zu ihr geeilt war. Die beiden Mdchen
hielten sich umschlungen. Sie bebten vor Erregung.

Nachmittags entfernte sich Arabella, nachdem sie Cecile einen Brief
zurckgelassen. Helene sah ihr angstvoll nach. In einem Pckchen hatte
sie das Ntigste fr die Reise. Es war ihr, als folge sie
schlafwandlerisch einer Macht, die dies alles fr sie bestimmte. Zuerst
telegraphierte sie Givo das Ziel der Reise. Dann ging sie in die
greren Gasthfe und fragte nach Konrad. Er war abgereist. Zehn Tage
waren vergangen, seitdem er das Briefchen zu dem Wscher gebracht. Auf
dem Bahnhof erfuhr sie, da Quesdon, Mannsthals Aufenthaltsort, nicht an
der Bahn liege, da sie bis zu der zunchst liegenden Station Balogne in
Louvais den Zug zu wechseln habe. Das Warten am Bahnhof zu Chaly war
peinlich. Sie frchtete berrascht zu werden, so ging sie bis zur
nchsten Haltestelle, eine Stunde weit. Dort hatte sie noch eine weitere
Stunde den Zug abzuwarten. Wie ungeduldig war sie! Endlich sa sie im
Wagen. Da stieg ein Geistlicher ein. Sie bat ihn um Auskunft. Er riet
ihr, in Louvais zu bernachten und frh am Morgen nach Balogne weiter zu
fahren. Ob sie sich denn nicht frchte allein zu reisen? Er wrde ihr
gern die Adresse einer frommen Herberge in Louvais geben und ein
Briefchen dazu, damit sie nicht im Gasthof bernachten msse. Arabella
nahm dankbar an. Es war ihr, als htte ein Schutzgeist ihr den alten
Mann gesandt, der nun mit zitternder Altmnnerschrift ihr die Adresse
schrieb: Empfohlen von Thomas Brueuil, Dechant von St. Jacques in
Trouai. Er stieg bald wieder aus. Es war nicht anders, als ob er nur
erschienen wre, ihr die Weisung zu geben. Es dmmerte, geisterhaft flog
drauen die Landschaft an ihr vorbei. Eine warme, se Nacht warf ihre
Schwaden ber den eilenden Zug hin, Ausstrom der reifenden Felder, die
er durchma. Ein Gru ferner Welten flo in sie ein und strkte ihre
verngstigte Kraft. Nach fnfstndiger Fahrt war sie in Louvais. Wie
Meerluft trank sich der Atem der Nacht. Sie sprach eine Frau aus den
rmeren Klassen an, die zeigte ihr den Weg nach der Herberge. Die Stadt
lag im Mondschein gebadet. Die keine Kathedrale war wie beeist, dunkle
Schatten lagen zwischen den gothischen Mauern, in einer Glasrosette
glitzerte ein Mondstrahl und sah wie ein gttliches Auge in das
Helldunkel. Auf dem Hauptplatz pltscherte ein Brunnen, unbesorgt der
Stille, in die er sprach. Da und dort gingen noch Leute, huschten wie
Schemen vom Glast zu Dunkelheit, verschwanden in winkeligen Gassen oder
in den stillen, verschlafenen Husern, deren Lden sich selbst dem
warmen Sommerabend verschlossen. Arabella wagte nicht mit lebendiger
Sprache eine der Schattengestalten festzuhalten, um nochmals nach Strae
und Haus zu fragen. Sie war mde und traumselig berhrt vom Zauber der
schlafenden Welt. Sie fhlte noch das Kreisen der Waggonrder in den
Gliedern. Es war gut zu schreiten in der linden Stille. Sie erinnerte
sich eines Kindermrchens, eines der wenigen, die ihrer seltsamen Jugend
beschert waren, sah eine fremde Stadt, in der eine Prinzessin einen
Knigssohn sucht, der verzaubert bei der Fee Conta wohnt, in einem alten
glsernen Palast, dessen verrostete Trklinke aufschluchzt, wenn einer
sie berhrt. Und nun stand sie vor einem der alten Gebude, dessen
gewlbte Erker tiefe Schatten auf die Strae warfen und wute, dies Haus
ist Kloster und Herberge. Nur ein schwaches Licht hinter bleichem
Vorhang kndete, da sich noch Leben regte in dem Hause, das aus vielen
Jahrhunderten zu kommen schien. Arabella erschauerte, ihre einsame
Wanderschaft zur Nacht wurde ihr einen Augenblick zum Symbol fr ihr
Leben. Nicht anders als wie eine kleine vom Wind betubte Meise klopfte
ihr Fingerchen an die durchleuchtete Scheibe. Eine Nonne ffnete ihr,
das Antlitz von der Laterne beschienen, und sprach den frommen Gru.
Vgelchen fhlte, wie ein musternder Blick ihre modische Kleidung
streifte. Wie zur Gegenwehr streckte sie den Zettel des Pfarrers hin und
nun stand sie in einer khlen Halle, ber deren Mauer das Licht der
Laterne tanzte. Ihr war, als wlbten sich massive Spinnweben ber ihr.
Irgendwo tickte eine Uhr, whrend die Nonne mhselig las. Ein Pltzchen
fr die Nacht? sagte sie dann mit jener oft den Nonnen eigenen Stimme.
Im Vorderhaus ist nichts frei, berlegte sie. Nun, wir mssen eben
durch den Saal und leise sein. Folgen Sie mir. Nachdem sie aus einer
Zelle einen Schlsselbund geholt hatte, schritt sie Arabella voran. Wir
haben heute die Prozession aus Aisle zur Nchtigung, sagte sie. Nun
traten sie auf einen groen Hof. Ein steinernes Marienbild leuchtete
hell zwischen Birkenstmmen, deren Laub rieselnde Schatten ber die
Steinfliesen malte. Ziegen und Schafe lagen da im Schlafe. Von ihren
Leibern ging atmende Wrme aus. Kreuze ragten aus Bschen. Vgelchen sah
es nicht anders als Druidensteine. Unheimlich fremd waren der in allen
Kulten Unbelehrten die frommen Wahrzeichen. Aber der Frieden, der
ausging selbst von dem voranleuchtenden Schreiten der Nonne, stimmte sie
dankbar. Das Hinterhaus, zu dem sie sich begaben, ragte dunkel, von
Jahrhunderte altem Efeu umrahmt. ber der gotischen Tre brannte unter
einem Heiligenbild ein ewiges Licht, einem ngstlich flackernden
Blutstropfen gleich. Die Nonne ffnete. Sie schritten durch die
Sakristei an der Kirche vorbei, dann ffnete sich behutsam eine riesige
Tre, nachdem die Nonne die Laterne zurckgelassen hatte. Sie tasteten
sich durch einen Saal, darin lagen zehn Nonnen. Sie waren nicht
entkleidet und hatten nur niedere, mit Gurten bespannte Betten ohne
Polster und Decken. In ihren weien Gewndern glichen sie Schwnen, die
auf dunklen Wellen schweben. Eine oder die andere rhrte sich im
Schlafe, eine hochgewachsene Gestalt richtete sich sphend auf und
schien wie in Verzweiflung zusammenzusinken. Leise ging der Atem von
anderen, deren friedliche Zge Mondschein berglnzte. Das Nebenzimmer
wurde nun Vgelchen zur Nchtigung angewiesen. Neben einem
altertmlichen Bett stand ein zinnernes Waschbecken und ein Stuhl.
Schlafen Sie in Frieden, sagte die Pfrtnerin und verschwand.
Vgelchen ging ans Fenster, fast taghell strmte nun das Mondlicht in
den kahlen Raum. Ihr war, als wre sie gefangen und msse einen Ausgang
ersphen. Unten im Hof entschwebte das Licht der Laterne. Da erblickte
sie schrg gegenber zwei erleuchtete Spitzbogenfenster. Welch seltsames
Treiben bot sich ihr dar. Nonnen saen ber Spitzenarbeiten gebeugt.
Riesige Kreuze und heilige Wappen streuten ihre kunstfertigen Finger in
weies Gespinst. Jahr und Tag saen sie wohl so, ein Leben lang ber die
heilige Spitze gebeugt, die Altre, Pulte und Priestergewnder schmcken
oder jahrhundertelang in Klosterschreinen modern sollte. Weltfern lag
ihnen das lebendige Leben, wahnvoll waren ihre Gedanken eingesponnen in
die Gewebe. Ihre Gebete und Litaneien rankten sich verworren um Kreuz
und Krummstab und dumpfe Sehnsucht um Lilie, Rose und Akanthusblatt.
Vgelchen wurde nicht mde hinberzuschauen, aber pltzlich tappte etwas
neben ihr ber die Steinfliesen. Blitzschnell flitzte ein grauer
Schatten vorbei: Muse. Da eilte sie ins Bett und zog die Decke eng an
sich. Irgendwo tickte es in altem Holz. Fast hrbare Schwle tastete
sich ber Nonnenschlaf zu ihr und hllte sie in jene Dmmer, die
Erlebnis, Wunsch und Furcht vermengen. Sie sah Givo sie irgendwo
erwarten und alle Einsamkeit hatte ein Ende und sie stand vor Adalbert
und bat ihn sie von der Mutter zu erlsen, die rief und sie nicht fand
und die sie nur sah wie einen Schatten, der nicht wrmt. Aber Adalbert
sprach nicht, er blickte sie an wie in fernen Nchten mit dem
Tierbndigerblick, der ihr wie ein ser Befehl durch die Glieder rann.
Da fhlte sie wieder, nur bei Givo war Erlsung, denn sein Blick
entwaffnete den des Zauberers. Vor Tagesanbruch weckte sie leiser,
eintniger Gesang. Die Nonnen beteten. Immer lauter wurde das Singen,
immer heller das Tagen vor den Fenstern. Es war, als riefen sie das
Licht im Gebet, und es antwortete ihnen mit silbernem Ruf. Als der
Gesang verstummte, brach Sonnenschein in das Gemach. Vgelchen lie
Wasser durch ihre Finger perlen und khlte sich die schlafheien Wangen.
Neugierig ging sie ans Fenster, die Sttte der Nacht im Tag zu sehen.
Alles war heiter jetzt und von schlichter Ehrwrdigkeit. Die Nonnen
drben waren von anderen abgelst worden. Kinder gingen ber den Hof,
Buerinnen mit groen weien Hauben flgelten umher, dazwischen weie
und schwarze Nonnen. Die Pfrtnerin war unter ihnen und Vgelchen
verlie nicht ohne Scheu ihres modischen Kleides wegen das Zimmer,
schritt durch den leeren Saal und begrte die Nonne. Die fhrte sie zu
einer Greisin, deren Blick geistesabwesend war wie der eines kleinen
Kindes. Sie reichte Arabella mit einem erstarrten Lcheln ein Brot.
Vgelchen streifte ein schmales Ringlein, das sie seit Kinderzeit trug,
vom Finger und legte es der Priorin in den Brotkorb. Die nickte und
murmelte einen Segen. Dann trat Arabella auf die Strae und durch die
erwachte Stadt fand sie den Weg zum Bahnhof.




                            Guy de Malpasse


Das Reisen war damals noch nicht, was es heute ist. Kleine Fahrten,
zumal in der Provinz, galten schon als Abenteuer. Die Lokomotive hatte
noch etwas von der Hexenmaschine. Die Brger von Louvais wunderten sich
nicht wenig, dies fremdartige kleine Wesen am Bahnhof zu erblicken, wie
es gewandt sich ein Billett nach Balogne lste und ohne ihrer zu achten
lngs der Geleise auf und ab wanderte. Arabella fhlte selbst oft mit
Erstaunen diese Unabhngigkeit in sich, die sie, die Zarte, mit Kraft
und Sicherheit ausstattete, berraschende Entschlsse fassen lie, ohne
da ihnen bewute Erwgungen vorangegangen waren. Gleichzeitig aber
entsprang diese Freiheit einer Unterwrfigkeit fr mystisch vorbestimmte
Wege und Ziele ihres Lebens und ihr Gewissen war daher ohne Schranken
und Reue. Diese scheinbar nebelhaften Vorgnge, ein Teil ihrer
wesentlichsten Art, waren ihr nun viel klarer und selbstverstndlicher
und erfllten sie mit zuversichtlicher Ruhe, denn sie berzeugte sich,
da diese heimlichen Gebote ihr Gewissen selbst waren, das fr sie
dachte und erwog und befahl, ehe ihr ein Urteil zufiel. Sie erfuhr, da
stets alle Mittel bereit waren, diese Gebote zu frdern und zu erfllen.
Was andere Zufall und Wunder nennen, war ihr natrlich und es schien ihr
gegeben diese Wunder anzuziehen. Am Groen und Kleinen erlebte sie dies
und war bedient von jenen unbewuten Witterungen und Ahnungen, die Givo
ihr gedeutet hatte. Dies auch war es, was sie Lichtsuchern als ein
astrales Wesen erscheinen lie, das mhelos besa, um was sie selbst
sich in Geisteskmpfen mhten. Ihr war es gegeben in den gttlich
wissenden Lichtsphren zu wandeln, wiewohl das tgliche Leben sie umgab,
eine Aeonin im lebendigen Leben zu sein. Fremde lasen ihr diese
Besonderheit von der Kinderstirn, ein Heiliges haftete ihr an, dem
Halbkind, das schon durch alle Feuer der Sinnenlust gegangen war.

Ein Herr, kein Brger, ein Gutsbesitzer vielleicht, sprach sie an. Er
war schlank, schwarzbrtig, korrekt gekleidet. Ein Diener hielt sich in
seiner Nhe auf. Madame, darf ich Ihnen in irgendeiner Weise behilflich
sein? Mein Bedienter wird Ihr Gepck versorgen. Vgelchen erwachte aus
ihren Trumereien.

Danke, sagte sie. Ich fahre nur nach Balogne, von dort aus will ich
nach Quesdon. Dahin finde ich wohl einen Wagen.

Man geht eine Stunde zu Fu bis an die Dnen, sagte der Herr.

Ach, das Meer! rief sie. Sie hatte bisher nicht daran gedacht, da sie
es sehen sollte. Der Fremde lchelte. Sie sah erst jetzt, wie klug und
ernst er aussah. Schwermut lag hinter weltmnnischer Haltung verborgen,
ein fast dsterer Blick, anders als Givos wissendes Schauen betrachtete
sie, das neugierige flammende Auge eines Knstlers.

Sie haben in Louvais bernachtet, darf man fragen, wo? Ich habe im
besten Gasthof geschlafen. Sie waren nicht dort, wie schade! Sie sind ja
fremd hier, eine Auslnderin, wie ich vermute.

Ich schlief bei den Ursulinerinnen in Louvais. Wieder lchelte er,
aber unmerklich, schon mit der Absicht, sie nicht zu verletzen.

Wie schade, da Sie nach Quesdon fahren, ich reise nach Paris. Wie
hbsch wre es gewesen Ihnen Gesellschaft leisten zu drfen. Sie haben
den bessern Teil erwhlt. Jetzt ist es schn am Meer. Ich komme von
Etretat und spre noch seinen Hauch in der Seele. Wre ich doch dort
geblieben, aber ich bin voll Unrast, mich jagt es umher, es jagt, es
kreist --. Unzhlige Briefe erwarten mich, Verabredungen,
Korrekturbogen, meine Verleger, mir graut davor --. Er sprach es wie zu
sich selbst. Und wie in pltzlicher Nervositt: Francois, wir haben
vergessen, unsere Goldfische zu fttern.

Arabella sah pltzlich in der morgenhellen Landschaft nur seine dster
flammenden Augen, diesen dennoch warmherzigen und gequlten Blick,
hinter dem es noch wie Erinnerung an Schnheit und Lebensfreude
aufzuckte. Sie empfand Mitleid mit der Unrast, die sie aus seinen Nerven
knistern fhlte. Sie sind krank? fragte sie. Sie sollten Ruhe
suchen. Ein Ausstrahl ihres Herzens war in ihrer Stimme.

Ja, sagte er. Ich bin mde, mde. Und man qult mich? Wenn Sie in
Paris sind, rufen Sie mich zu sich, kleine Fremde. Ich spare Ihnen eine
freie Stunde. Er reichte ihr seine Karte: Guy de Malpasse.

Der Dichter? fragte sie.

Um Gotteswillen, ja, sagte er. Sie haben doch nichts von mir
gelesen?

Nein, ich habe nur krzlich Ihre Bcher auf dem Regal meiner
Vorsteherin abgestaubt.

Lassen Sie es daran bewenden oder lassen Sie lieber den Staub darauf
liegen. Ich schreibe nichts fr Elfen aus Fremdland. Sein Zug setzte
sich in Bewegung. Sein Blick flackte ber sie hin, zurck in die
Landschaft, zu La Guilette mit seinen _carrs normands_, dem
Goldfischteich, den Erdbeerbeeten, den weien Pappeln.




                               Die Frage


Als sie gegen Balogne fuhr, wandten sich ihre Gedanken wieder bewut dem
Zweck ihrer Reise zu. Die Frage, die sie an Mannsthal stellen wollte,
begann sie von neuem zu bengstigen. Ungeduld und Grauen auch trieb sie
an ihn wieder zu sehen, den Zauberer. Sie dachte nicht daran, da er
selbst nicht den Wunsch geuert hatte, sie in den Sommermonaten aus dem
Asyl zu rufen. Er hatte vor einigen Monaten wieder begonnen, ihr zu
schreiben, freundlich scherzhafte Briefe, in denen er auch zuweilen nach
ihren Wnschen fragte. Sie hatte keine. Sie war mit allem reichlich
versorgt, ja, sie schmte sich ihres berflusses. Von Angele reihte er
Gre an. Von einer Vernderung, die er plane, schrieb er ihr und die er
zu rechter Zeit ihr mitteilen wrde. Was mochte er gemeint haben?
Whrend sie sann, drngten sich einige Fahrgste an die Fenster. Die
Bahn berschritt die Somme. Sie selbst erhob sich, sie sah die Dnen
und, durch einen Einschnitt ward das Meer sichtbar. Unendlich blau und
still, ein Ebenbild des Himmels schien es dort wie eine riesige Wiese zu
planen. Balogne wirkte gegen Louvais wie ein Variete gegen ein
Passionsspiel. Ein geschftiges modisches Treiben und die Emsigkeit, die
aus dem Rderwerk der Stahlfederfabriken auszulaufen schien, umgaben
sie. Bald war ein Wagen gefunden, aber als sie an die Dnen kam und der
Kutscher ihr den Weg nach Quesnon zeigte, dessen Villen schon hinter
einem schmalen Band von Bumen auftauchten, sprang sie rasch aus dem
Wagen und bezahlte. Sie wollte allein sein mit dem Meer. Der Sand war da
und dort zu Hgeln aufgewirbelt. Auf einen solchen setzte sie sich und
lie das Wunder der See auf sich zuschreiten. Es war ein Sonnenwunder.
Milliarden weiblitzender Fnkchen tanzten auf blauen Wasserhgeln, die
in unabsehbaren Reihen aus unendlichen Fernen auf das Ufer zueilten. War
es mglich, da das groe Meer nur ein Teil der Welt, ein Teil eines
Teiles war? Die Luft, das Reich des Lichtes, war unendlicher noch, sie
sah in den Himmel hinauf, wie ein Abgrund war die Hhe, sie war von
seligster Blue und diese Blue nur war die Unendlichkeit. Ihr war, als
wenn sie lngst gestorben wre und selbst durchsichtig wie Luft und
Wasser, ein Teil der unfalichen Unendlichkeiten, hinzge ins Malose.
Und sie fhlte Givo in sich, wie sie ihn trug auf Flgeln ihrer Seele,
wie er sie trug, wie sie wie ein Libellenpaar hinschwebten ber Meere,
Welten -- Welten, Meere, Himmel -- Unendlichkeiten. Eine Nebelpfeife
weckte sie. Sie sprang auf, eilte den Bumen zu. Landsitze standen dort
in Grten, sprliche Anlagen, dem Dnenland abgetrotzt. Sie wute nicht,
in welchem Haus Adalbert wohnte, aber sie vermutete, da es das war, das
auf festgefgtem Steindamm gegen die Dnen stand, den Blick frei auf das
Meer gerichtet, whrend seitlich ein groes Stck Gartenland sich an die
Felder und Anlagen schlo, die die Villenanlage von dem Ort trennte,
dessen lndliche Kirche hinter kleinen Husern sichtbar wurde. Vgelchen
sah den Gasthof, ein breitspuriges Gebude mit dicken Mauern, hinter
denen es wohnlich aussah. Einige Tische standen vor dem Hause, Landleute
und bescheidene Reisende saen und standen davor. Auch sie setzte sich
hin und bestellte ein Frhstck. Auer dem Brot der Ursulinerinnen hatte
sie seit dem Mittagessen des vorigen Tages nichts mehr zu sich genommen.
Sie a Eierkuchen, trank dicke Milchcreme. Oh, wie hungrig hatte sie die
Seeluft gemacht! Hier htte sie Adalberts Wohnung erfahren, aber wer
wei, unter welchem Namen er im Ort bekannt war. Eine Scheu hielt sie
ab, nach dem Haus zu fragen, das das einzige war, das sie allenfalls als
ihr Vaterhaus bezeichnen konnte. So ging sie und sphte hinter Hecke und
Zaun. Sie hatte nicht fehlgeraten, das stattlichste gegen Sturm und
Winter geschtzte war Vas Wohnstatt. Denn -- ihre Hnde griffen in die
Eisenstbe des Gitters, da ging zwischen bunten Vervenenbeeten eine
hochgewachsene blonde Frau: Angele. Sie war schwanger. Sie sah krftig
aus und um vieles jnger in ihrem rosafarbenen Morgenkleid, das keinen
Zweifel ber die Vernderung ihrer schlanken Gestalt lie. Adalbert,
auch er war verjngt wie vor der Krankheit, ein wenig strker
vielleicht. Er kam aus dem Hause wie zum Ausgehen bereit, kte die Hand
der Frau, umfing sie sanft, streifte ihr Haar aus der Stirn. Vgelchen
erschrak, sie kannte diese Geste. Er lchelte dankbar einem Wort aus
ihrem Munde. Dann kam er dem Ausgang zu. Vgelchen stand und es
schttelte sie, als htte sie Fieber. Die Vergangenheit trieb ihr
Blutwellen ins Antlitz beim Anblick ihrer Nachfolgerin, die die Frucht
dieser Nachfolgerschaft so sichtbar trug. Weh ihr, wo sollte sie sich
verbergen? Aber im selben Augenblick ging das Tor und Mannsthal stand
vor ihr. Er erbleichte. Nun aber ersah sie seine Zge, seine Augen,
seinen Mund, wute, fhlte es wieder, da er sie besessen, wute um das,
was in ihr im Dmmerschlaf gelegen, um jenes Leben der verebbten
Sinnenlust. Sie hatte ihre Frage vergessen, sie fhlte nur jenes andere,
fhlte den Zauberer. Aber auch er berwand seine erste Erschrockenheit
und fragte mit Besorgnis: Kind, warum bist du da? Ist Dir etwas
geschehen? Allein diese Reise?! Er legte die Hand um ihre Schultern,
wie er es eben bei Angele getan. Diese Bewegung brachte sie zu sich,
rttelte sie wieder zurck in die Erniedrigung, die sie empfunden hatte.

Nicht da hinein, sagte sie. Komm weg von hier, und sie entfernte
sich eilig. Er folgte ihr.

Du hast sie gesehen, sagte Adalbert mit warmem Bedauern in der Stimme,
etwas Mildes klang mit, das neu war in ihr. Bist du ihr denn bse, mein
Liebes, Kleines, du? Verzeih mir, Kind, verzeih mir. Aber es mute sein,
das brachte mich dem Leben zurck, das abzuwarten. Das allein half mir
meine Krankheit zu berwinden. Vielleicht wirst du das alles einmal
verstehen. Schon war es Vgelchen, als sprche ein Fremder zu ihr. Es
schmerzte, da sie ihn als Fremden empfand, den ihre Augen, ihr Blut so
gut kannten. Und jenes Haus, jene Frau ward ihr eine fremde Sttte, aus
der sie ausgeschlossen und in die brige, unendlich groe Welt gestoen
war! Jetzt, ja jetzt mute die Frage gestellt werden. Sie stie sie
unvermittelt hervor: Wo ist, wer ist meine Mutter? Er fhlte es wie
Rache und seine Antwort sollte mit gleicher Mnze zahlen.

Oh, eine gute, langweilige Frau, die dich wenig fesseln wrde. Ich
schtzte sie leidlich, als sie jung war und vor allem nur deinetwillen.
Ich habe dich ihr abgekauft, als sie zu einem anderen und bald dann auch
zu einem zweiten Manne ging. Das heit, es war ihr vierter, falls dein
Vater ihr erster gewesen, was wahrscheinlich ist. Dein Vater war ein
Kranker, ein Dichter und Trumer. Deine Papiere waren nicht in Ordnung.
Es war nicht schwer fr mich dich als Tochter anzuerkennen. Als
Mannsthal nun Vgelchens leichenblasses Gesicht sah, sagte er
besnftigend: Deine Mutter war nicht schlecht, nur vllig willenlos und
sehnte sich nach einer Heimat bei einem Mann, der nicht zu viel und
nicht zu wenig von ihr wollte. Jetzt hat sie ihn seit vielen Jahren und
einen Sohn dazu. Ich war nicht gerade aufopfernd gegen sie -- das will
ich dir gestehen, aber sie lebt jetzt in glcklicher Ehe und verdankt
diese Ehe dem Umstand, da ich dich behielt. Du wrest eine Fremde dort.
Bist du nun gekommen, mich anzuklagen? Bist du mir bse geworden, weil
ich an dir Mutterstelle vertreten habe? Du warst doch recht zufrieden
bei mir. Oder solltest du bereuen, da wir, da es -- war es nicht
schn? Sag -- er fate sie leidenschaftlich an -- war es nicht schn?
Nichts, nichts konnte mir das, kann mir jemals das verschaffen. Hast du
es abgeschttelt wie eine Schande, weil es die stumpfen, heuchlerischen
Menschen so nennen wrden, wenn sie wten, wie glcklich wir gewesen
sind in unserer Leidenschaft. Und nun hast du ja deine Schwrmerei und
eine heilige noch dazu. Ich trete dich ab an Imanuel Givo. Bist du's
zufrieden?

Vgelchen atmete schwer. Es war zu viel, dies alles zu bewltigen. Sie
ruft nach mir -- diese Frau, sagte sie schlielich mhselig.

Sie wird sich beruhigen, wenn sie erfhrt, da ich mich mit Frau von
Twede vermhle, erwiderte Mannsthal. Erspar' dir also eine
Enttuschung und vertrau' mir. Was hat dich denn getrieben, wer hat dich
verhetzt? Givo schrieb, du wrest so glcklich in dem Heim! Sie waren
in den Dnen drauen in der Einsamkeit und in die Stille sprach nun das
Meer mit seinem rieselnden Raunen und Rauschen. Du hast es nie gesehen,
nicht wahr? sagte Mannsthal, als er sah, wie sie von der Gewalt des
Elementes ergriffen wurde. Ich denke oft an dich, wenn ich hier sitze,
sehne mich nach deinem Plaudern, nach deinem kleinen Krper auch. Du
bist sehr wohl, nicht wahr? Siehst frisch aus trotz der Reise und der
berflssigen Aufregungen, in die du dich versetzt hast. Er nahm ihre
Hand in die seine und drckte sie heftig. Komm, setzen wir uns hierher.
Ist es nicht einzig, das Meer?

Ich will jetzt zurck in den Gasthof, wehrte sie. Dort habe ich meine
Sachen gelassen und erwarte Briefe. Ich will auch heute noch zurck.
Frulein Gloriot knnte mir bse sein.

So rasch willst du fort und willst nicht deine Scheu berwinden und zu
Angele kommen?

Vgelchen schttelte den Kopf. Es ist zu viel auf einmal, sagte sie
und setzte sich mde hin. Er war gleich bei ihr, kniete zu ihr hin,
kte ihre Hnde. Mein kleines, mein geliebtes Kind! La dich nicht
verwirren. Gehren wir denn zu den anderen, mit denen du vergleichst?
Oh, du Liebes, du Schnes, du! Er bog sie zurck, er kte sie, er
liebkoste sie, er flsterte ihr vergessene Worte ins Ohr. Ist es nicht
wie ein Wunder, es ist heute Nacht ein Jahr gewesen. Denkst du daran,
jene Nacht, in der Rosina starb. Unsere schnen, heien Nchte,
Vgelchen!

Nonnengesang hatte sie an diesem Morgen geweckt. Sie sah das fast
bldsinnige Lcheln der Priorin, das aus einer Welt heiliger Einfalt zu
kommen schien. Dort im Gasthof erwartete sie vielleicht eine Antwort von
Givo oder er selbst. Sie sah die schwangere Frau im Garten und in der
Ferne eine Familie, die sie fremd ansah, whrend sie auf eine Frau
zutrat und Mutter sagen wollte. Wahnsinn grinste sie an. Aber dazwischen
sang das Meer das ewige Lied, das alles Einzelne in seiner
Unaufhaltsamkeit aufsaugt, alles Zeitliche in seiner Ewigkeit
verschlingt. La mich, sagte sie ohne Abscheu und Hast. Sie reichte
ihm zum Abschied die Hand.

Ich bringe dich zurck nach Chaly, sagte er.

Jetzt will ich in den Gasthof und allein sein, erwiderte sie. Ihr
Gesichtchen verzog sich, aber sie schmte sich der Trnen des Mitleides
ber sich selbst und gleich darauf zieh sie sich der Undankbarkeit gegen
Givo, der sie unter seinen Schutz genommen. So eilte sie hinweg.
Mannsthal stand auf, ihr zu folgen. Aber sie wandte sich und hob
beschwrend die Hnde. Nun schien sie ber die Dnen zu fliegen. Sie
entschwebte ihm. Seine Gewalt war gebrochen.

Sie lag im Gasthof zu Quesdon, dumpf, zerbrochen. In die gesteiften
Vorhnge des Bettes schlug der Meerwind. Die Tre ging auf und Givo trat
ein. Sie rhrte sich nicht, sah nur in hilfloser Dankbarkeit zu ihm auf.
Warum hast du es getan, ohne mich? sagte er. Es wre alles besser,
leichter gewesen. Er sah, da sie gelitten hatte. Er streichelte sie.
Ihr Atem wurde ruhiger. Sie sprachen lange. Aber als sie dann ihm, ja
selbst ihm nicht alles sagen konnte, kam wieder Verzweiflung ber sie.
Sie lag wie abgestorben. Da wuchs seine Angst um sie, da wollte er mit
ihr fhlen, da es kein Traum war, da sie zu einander gehrten. Er
wollte sie wrmen mit dem Zustrom seines Gefhles, mit seinen Kssen
ihre Erstarrung lsen und sie schlo die Arme um seinen Hals und hielt
ihn und er wollte spren, da ihr Herz pochte, an seine Lippen sollte es
schlagen. Er lste ihre Kleider in Zrtlichkeit, er fhlte sie wie eine
lose Blte duftend in seinem Arm verhangen, keine Abwehr war in ihr,
wissend sog sie sich seinen Wnschen entgegen. Aber dann hielt er sie
nur warm an sich, wagte nicht, sie ganz an sich zu nehmen, und selig
sprte er, wie sie den Schmerz verga ber der drngenden Sehnsucht sich
ihm zu schenken. Lange lagen sie in sinnenraubenden Flammen regungslos
verschmolzen, bis er, seiner nicht mehr mchtig, in sie eindrang. Da
wute er nebelhaft im Rausche, da sie nicht mehr Jungfrau war. Sein
Schmerz erstickte in Mitleid und Erstaunen berwltigte ihn, da sie in
Liebesknsten gewandt wie Courtisanen und doch unbewut war wie ein Kind
und verklrt in ihrem Feuer. Whrend er sie besa, strzten Trnen
heier Trauer aus seinen Augen, whrend er sie glhend an sich ri,
entsagte er seinem liebsten Traum. Aber Vgelchen wute nicht mehr, da
sie ein anderer besessen, ahnte nicht, da es eine Jungfrulichkeit gab,
die geraubt werden konnte, und da nicht Givo allein genommen, was sie
einzig fr ihn besa. Viel spter erst erfuhr sie, durchschauert von der
Ungeheuerlichkeit ihrer kindlichen Vergangenheit, in einem zuflligen
Gesprch die Vernderung vom Mdchen zur Frau. Und dennoch hatte Givo
sie, die nicht mehr Jungfrau war, in anderem Sinne vom Kind zur Jungfrau
gemacht, denn am Morgen nach jener Liebesnacht trafen Dr. Felix Blancs
Voraussagungen ein. Givo schrieb an Celia, da er in einigen Tagen erst
Vgelchen ihr wiederbringen wrde. Er lie sie ruhen und umsorgte sie
mit andchtigem Gefhl.




                                Lea Givo


Imanuels Vater war Spanier, Chemiker von Beruf und hatte sich mit dem
Studium offizinaler Pflanzen befat. In Indien und Sdamerika hatte er
Plantagen besessen, in einer deutschen Hafenstadt sein Lager und eine
Fabrik zur Verwertung der Rohprodukte mit umfangreichem chemischen
Betrieb. Seine schwankende Gesundheit war durch Seereisen gefestigt, als
er sich noch mit fnfzig Jahren ein zweites Mal zur Ehe entschlo. Er
heiratete Lea Jakobs. Ihr Vater war Hollnder, die Mutter eine
Norddeutsche, in Hamburg begtert. Amos Givo war ein Mann von seltener
Schnheit gewesen. Immanuel erinnerte sich mit Andacht des schwarzen
Feuerblickes unter weien Brauen, der edlen elastischen Gestalt, der
klangvoll starken Stimme, deren Ausdruck unvergelich war. Lea war
achtzehn Jahre alt gewesen, kaum ihrer Glaubensschule entwachsen, als
der Bund geschlossen ward. Die Eheleute der Sekte, deren Givos Eltern
angehrten, heirateten nur selten nach der Staatsreligion, zu der sie
sich bekannten, und wenn dies geschah, so hatte diese formelle Trauung
nur den Zweck, alles zu vermeiden, was die geheime Sekte gefhrden
knnte. Ihren Vorschriften nach blieb die Ehe frei und ward ohne
jegliches Gelbde geschlossen. Ihre Verpflichtungen waren religiser und
seelischer, nicht gesetzlicher Natur. Die Heirat bedeutete bei ihnen die
Verschmelzung des Lichtes mit der Erde, die Vereinigung von Geist und
Blut, die Verklrung der Leidenschaft, sie war nicht Schwur einer Frau
und eines Mannes einander zu dienen und Treue zu bewahren, sie war
unlsliche Vermischung ohne ueren Zwang und erzwungenes Gesetz, eine
elementare Verbindung, deren Vollzog rein innerlich ist. Der Himmel, in
dem diese Ehen geschlossen werden, ist das Weltenlicht, das die Erde
durchdringt.

Lea Jakobs war siebenunddreiig Jahre alt, als ihr Mann starb. Ihre
Liebe fr ihn war exstatischer berschwang, die Treue nach seinem Tode
nhrte den Glauben an ihre gemeinsame Lehre. Manuel war damals 17 Jahre
alt. Sein Vater hatte vor seinem Tod alle Liegenschaften verkauft, um
den Sohn nicht an Geschfte zu binden, ihm volle Freiheit fr das
erwhlte Studium der Astronomie zu gewhren. Der Jngling reiste zwei
Jahre lang, traf dann seine Mutter in Spanien, wo sie gemeinsam die
Familien der Sekte besuchten, die dem Vater verwandt oder nah
befreundet waren. Imanuel lernte Uhari, einen Weisen und zugleich
Leidenschaftlichen, kennen, mit dem er seit seinem vierzehnten
Lebensjahr in Briefwechsel gestanden hatte. Er liebte ihn mit
ehrfurchtvoller Glut. Doch lange war ihm die Freundschaft mit diesem
Mutigsten der Sekte nicht vergnnt. Eine tckische Krankheit raffte
zugleich den noch jungen Mann und seine Frau hinweg. Die
Glaubensgenossen vermuteten einen Giftmord und hielten sein Andenken wie
das eines Mrtyrers ihrer Lehre. Uhari hinterlie eine Tochter Zora, die
zur Zeit, als Givo Arabella in sein Leben nahm, in die Glaubensschule
eingekleidet werden sollte, nachdem sie unter Lea Givos Wohltaten
herangewachsen war.

Fnf Jahre nach dem Tode ihres Mannes, als Imanuel in Paris und
Greenwich studierte, erbte Frau Givo nach ihrer Mutter deren Villa in
H., ein ehrwrdiges Haus am stahlblauen Wasserbecken, in dem schon der
Wellenschlag des Meeres sich kruselt und die weien Mvenschwrme sich
wiegen. Samtene Rasenflchen senkten sich vor dem Hause zu einer
vornehmen Strae herab. Hinter alten Bumen stand das Gebude, Lea Givos
einsamer Wohnsitz. Manuel war fern. Er hatte sein Wirken in der Welt
angetreten.

Lea ging durch die Straen, niemand kannte sie. Ihre Nachbarn wuten
nicht, ob das Haus bewohnt sei, so still blieb es. Sie war noch schn
und wute es im Spiegel der fremden Blicke. ngstlich versenkte sie sich
in den Glauben, ihr begehrendes Blut zu beruhigen, und es war ihr, als
msse sie um des neuglubigen Sohnes willen ihrer alten frommen Lehre
getreuer sein. So fand sie auch unter den Genossen wenige, die ihren
Eifer in gleichem Mae teilten.

Givo bat in jedem Briefe, sie mge ihren Starrsinn lsen und seinen
Wohnsitz teilen, und obwohl sie nichts heier ersehnte als den Sohn,
entschlo sie sich nur schwer ihn zu besuchen, Kmpfe frchtend. All
ihre Liebesfhigkeit hatte sich in ihren einsamen Stunden in die
selbstvernichtende Sucht ergossen, ihn allein zu besitzen, ihn nicht zu
teilen mit anderen Frauen. Heimlich hatte sie ihm Uharis Waise, Zora,
ihren Schtzling, zur knftigen Frau erwhlt. Diese wrde sie nicht
berauben, da sie ihr alles verdankte, was sie geno. Zuweilen kam
Imanuel und sie reisten. Sie hatten in allen Lndern Verwandte wohnen
und die Sippen der geheimen Glaubensgemeinschaft. Einmal besuchten sie
gemeinsam Zora Uhari in Dresden, wo diese in einem Pensionat lebte. Als
Givo dann nach Frankreich zurckkehrte, wurde sie ihm zur Begleitung
nach Lausanne anvertraut. Sie sa ihm gegenber, trotzig, schweigsam,
eine Welt von Geheimnissen hinter der bleichen Stirn und den
verschleierten, mandelfrmigen Augen. Sie war schn wie ein Bild, eine
Schnheit ohne Wort und Geste. Es war ein unlsliches Schweigen in ihr,
als htte der jhe Tod der Eltern ein trauerndes Standbild in ihr und
sie schien auf ihren Schultern jene Knechtschaft zu tragen, gegen die
ihr Vater sich nutzlos aufgelehnt, um daran zugrunde zu gehen. War
jemals der Verdacht jenes Giftmordes zu ihr gedrungen, hatte der in ihr
das Lachen, die Jugend in der Seele erstickt? Aber Givo ahnte: sie
liebte die Lehre nicht, ja ihm war, als hate sie ihre Besonderheit und
er erschauerte, ihres Vaters gedenkend, der ihr Held gewesen war. Sie
schrieben einander nicht und er erfuhr auch vorerst nichts von seiner
Mutter Absicht sie zu vereinen. Diese meldete ihm nur, da Zora das
Schweizer Pensionat verlassen hatte, um in die Glaubensschule
einzutreten. Am Wege wrde sie bei ihr ausruhen, dann werde sie ihm wohl
noch mehr von Zora zu erzhlen haben. Der nchste Brief aber enthielt
nichts von Zora. Er lautete: Mein Manuel, Du hast mich tief betrbt mit
Deiner Nachricht. Ich habe es immer gefrchtet, da Deine neuen
Anschauungen Dich auf Abwege fhren werden. Du mut von dem fremden
Mdchen lassen. Glaub mir, es ist nur ein Betrug Deiner Wnsche, da Du
in ihr ein Wesen siehst, das unsere Schauung ohne die Lehre so tief
erlebt haben soll. Bei vielen findest Du hnliches, aber das ist dennoch
nicht unser Glauben. Ich qule mich ab, da ich Dich nicht strenger in
der Altglubigkeit gehalten habe und nun der Fluch auf mich Mutter
fllt. Warum bin ich nicht bei Dir geblieben in der verwirrenden Stadt
und habe Dich bewahrt? Nun liege ich wie gelhmt vom Schrecken und kann
nicht zu Dir, Dich Herz an Herz zu beschwren von diesem Wesen zu
lassen, das ich niemals lieben kann. Du hast sie zu Deiner Frau, sagst
Du, zu Deiner Geliebten gemacht? Und das sollte ein Grund sein, sie fr
Dein Leben zu whlen, wo unsere Vorschriften verlangen, da der Geist
sich mit der unberhrten Erde vermhlt! Ist dieses Mdchen eine Jungfrau
gewesen? Ich will sie gern bewundern, wenn Du sie wrdig hltst, aber
als die Frau, die Du in ihr erhoffst, verabscheue ich sie und hasse sie,
denn Du miachtest darin Deiner Lehre vornehmste Gebote. Weit Du nicht,
da Frauen nur als Kinder unserem Glauben eingekleidet werden knnen,
damit nur die Tchter der Sekte gewhlt werden? Wie stnde es um unsere
Gemeinschaft, wre dem nicht so? Die fremden Frauen htten sie lngst
vernichtet. Ich beschwre Dich, mein Sohn, komm zu mir. Ein fremder Mann
ist nicht von gleichem bel, lehrte Makar Hildar, aber die Erde darf
nicht Fremdland sein, in die Du sest. Lege Deine Hnde auf die Wunden,
die Du geschlagen hast. Bring mir das gute Licht des Glaubens, wie Du es
an Deines Vaters Bahre geschworen als sein Vertreter im Geist, der die
Leuchte des Hauses hlt. Komm, denn ich liege gelhmt und frchte fr
meine Genesung. Ich bin in Verzweiflung Deine

                                                          Mutter Lea.

Sie lag im verdunkelten Gemach, der alten Magd weie Haube leuchtete im
Raum. Ab und zu pltscherte das Wasser im Kupferbecken, wenn Minka die
Kompressen auf der Herrin Stirn wechselte. Eine groe Balkontre, halb
von wildem Wein verhangen, stand offen. Vom Hafen her kam der Ruf der
Dampfpfeifen wie angstvoller Aufschrei. Frau Lea Givos Qual war in dem
Wehruf, der in die Unendlichkeit des Meeres klagte. Sie lag und rhrte
kein Glied. Sie hatte sich's verschworen, wie lahm zu liegen, bis da
der Sohn ihr wieder Ruhe und Zuversicht brchte. Sie wartete auf ihn.
Flog nicht sein leichter Schritt ber den Kies? Der Abend kam, die
Amseln lrmten im Garten. Schlaflose Nacht senkte sich mhlich herab.
Die alte Minka war im hohen Armstuhl eingeschlafen.

                   *       *       *       *       *

                                           Und wo sich abwandten
                                              unsere Brder --

Als Givo frh am Morgen Vgelchens Zimmer verlassen hatte, um das seine
aufzusuchen, begegnete ihm auf der halbdunklen Treppe Mannsthal. Sie
standen einander gegenber, der ltere mit flchtigem Lcheln, der
Jngere mit verhaltener Abweisung. Sie wollen zu Arabella? fragte Givo
nach der Begrung, ohne Wrme, ohne des anderen Lcheln zu erwidern.

Ja, ich erfuhr abends, da sie sich noch hier aufhalte, und wollte
nicht, da sie wieder allein fhrt.

Sie wird nicht allein fahren, sagte Givo. Darf ich Sie bitten, sie
jetzt nicht aufzusuchen. Es wrde ihr die Ruhe rauben, die sie kaum erst
wiedergefunden hat. Wollen Sie mir die Ehre erweisen, mit mir zu
frhstcken?

Mannsthal folgte Givo in das Gastzimmer hinab. Vielleicht haben wir
einander noch einiges zu sagen, sprach er. Frau von Twede ist wohl?
fragte Givo. Darf man vorsprechen?

Frau Mannsthal empfngt jetzt nicht gern. Sie wissen wohl: sie erwartet
ein Kind. Sie wrde zwar Ihnen gegenber gern eine Ausnahme machen.
Wollen Sie heute kommen?

Ich will nicht lstig fallen. Verzeihen Sie berdies, ich wute nicht,
da Angele sich wieder verheiratet hat. Ihre Stieftochter war auch nicht
verstndigt?!

Ich hatte Arabella erst vorbereitet. ber unsere Verheiratung
unterblieb aus Rcksicht fr den Legationsrat jede ffentliche
Mitteilung. Angele wollte Ihnen indes selbst Mitteilung machen.

Es wird mich sehr glcklich machen von ihr Nachricht zu erhalten. Sie
wissen, ich schtze sie ber die Maen. Wie froh bin ich, da sie ein
Kind haben wird. Es empfiehlt sich wohl doch nicht, da ich sie besuche.
Es wird besser sein, wenn Arabella nicht einer Peinlichkeit ausgesetzt
ist, und ich mchte gerade vor Angele nicht mein Hiersein bemnteln. Ich
bin gewi, da Arabella nur Freundliches fr Angele empfindet und diese
fr sie, aber lassen wir erst Gras ber diese aufgewhlte Erde wachsen.

Sie haben wahrscheinlich recht und ich sehe, da ich keinem
gewissenhafteren Freund Vgelchen anvertrauen knnte.

Noch eines mchte ich zur Sprache bringen, unterbrach Givo. Sie
wissen, da Arabella sich zufolge eines Briefes jenes Studenten, den ich
schon beruhigt glaubte, um ihre Mutter abqult. Halten Sie eine
Vereinigung der beiden Frauen fr mglich?

Vgelchen hat keine Mutter, sagte Mannsthal khl.

Givo runzelte die Stirn.

Diese Dame hat Arabella gegen eine sehr hohe Summe an mich abgetreten,
auch ihr Mann wurde von mir bezahlt. Nennen Sie mich einen Verbrecher,
weil ich sie kaufte und so Mutter und Kind getrennt habe, aber fragen
Sie sich selbst, ob eine Mutter, die diesen Namen verdient, sich ein
Kind abkaufen liee! Sie hat ihre Mutterschaft veruert. Unser Vertrag
war vor Gericht nichtig. Sie hat es aber nie zu einem Proze kommen
lassen, weil sie sich zu unsicher fhlte.

_Bien_, aber sie hat es bereut, sie wnschte das Kind zurckzugewinnen.
Sie haben es verweigert, weil Sie selbst es nicht lassen wollten. Jetzt
aber? Givo war bla, er neigte sich vor, die Antwort rasch aufzufangen.
Er selbst wnschte nicht Vgelchen an die ihr fremde Mutter zu
verlieren.

Jetzt aber fnde Arabella an dieser Mutter eine in ihrer zweiten Ehe
glcklich verankerte Frau, die im Grunde nur ein Kind hat, das sie ihrem
zweiten Mann geboren. Da sie sich nach Vgelchen sehnt, ist eine
Erfindung dieses Verrckten, der Arabella in seine Heimat zurckntigen
will. Ich bin gewi, da Frau Gunter beruhigt war, als sie erfuhr, da
ich ihre Tochter nicht heiraten werde und da sie zufrieden unter gutem
Schutze lebt. Am Tage meiner Verheiratung habe ich Arabella eine
lebenslngliche Rente ausgesetzt, die ihr erlaubt in bestem Wohlstand zu
leben. Dies habe ich Frau Gunter mitgeteilt und sie hat seither ihrem
Pariser Vertreter geschrieben, da er nunmehr seine Nachforschungen, die
ihr wohl auch zu kostspielig geworden sind, nicht weiter verfolge.
Wrden Sie selbst Arabella raten sich in dieses fremde Heim
einzudrngen?

Givo hatte den Kopf in die Hand gesttzt. Er empfand in diesem
Augenblick eine grenzenlose Liebe fr das Mdchen, das seine Geliebte
war und dem er Obdach und Zuflucht sein wollte. Hatte er aber nicht das
Unrecht gehuft, wenn er es als Unrecht empfand, da der Mann ihm
gegenber das Kind besessen, der Mann, dessen Schutz sie noch
unterstellt war. Oh, da er sie nicht fr alle Zeiten jedem fremden
Anrecht entreien konnte! Das Bild seiner zelotischen Mutter stand
sulenhaft aufgereckt vor ihm auf und drngte die Worte in seine Kehle
zurck. Noch konnte er sie nicht zur Frau verlangen.

Nun, lieber Givo, sagte Mannsthal, der nicht mehr auf Antwort wartete.
Ich halte es fr besser, wenn ich Ihren Rat befolge, mich jetzt zu
entfernen. Sie reisen --?

Morgen in der Frh --

Auf Wiedersehen, _cher_ Givo -- bis -- wie sagten Sie doch, Gras ber
der aufgewhlten Erde steht. Und -- -- ich wrde Ihnen danken, aber Sie
-- ja selbst Sie verachten mich ja --

Givo sah fragend in Mannsthals Blick. Spottete er oder war er ernst?
Ich achte Sie als den Gatten Angeles, sagte er. Ich liebe Sie als
einen, der gelitten hat. Mannsthal reichte ihm die Hand, Givo berhrte
sie leicht, er geleitete ihn zur Tre. Dann lie er sich Papier geben
und schrieb an seine Mutter.

                   *       *       *       *       *

Celia hielt Andachtsstunde in der Glycinenlaube.

Ich will euch vom heiligen Coemgen, dem Grnder und Vorsteher des
Klosters Glendalough, erzhlen, sprach sie. Der war schon ein
Greislein geworden, ging vornbergebeugt wie die Bauern, denen lange
Arbeit den Rcken gekrmmt. Der heilige Coemgen war auch ein emsiger
Ackersmann gewesen, er hatte Liebe geset sein Leben lang. Nun war er
hochbetagt, da berkam ihn Wanderlust. Als er Wiesen und Wlder
durchschritt, ffnete sich ihm eine moosige Zelle und der heilige
Einsiedler Barban trat hervor und sagte: Wohin, Mann Gottes? Was
wanderst du umher statt still an Ort und Stelle abzuwarten, bis sich die
Unruhe in dir lst. Oder hast du jemals vernommen, da ein Vgelchen
seine Eier im Flug ausbrtet? Heilsam beschmt kehrte Coemgen zurck
gegen Glendalough. Am Wege aber wollte er noch den blinden heiligen
Berchan besuchen. Der lie dem staubbedeckten Pilger ein laues Bad
bereiten und, als nun die beiden heiligen Mnner beisammen saen, da
rief der Blinde, als wre er sehend geworden: Was sitzt denn auf den
Schuhen dieses frommen Pilgrims? Ich glaube gar, es ist ein Dmon!
Hinweg, du Ausgeburt, wie wagst du es, den Schuh des Abtes zu berhren!
Fort mit dir! Aber das Teufelchen auf dem Holzschuh rief: Wir haben
uns lange abgeplagt und konnten dem Braven nichts anhaben. So muten wir
es versuchen, ihn unter dem Schein des Guten aus seiner heiligen Ruhe zu
locken. Ich schlpfte in seinen Schuh und habe ihn zu dieser Pilgerreise
verfhrt. So sprach das Teufelchen und verschwand. Der heilige Coemgen
gelangte nach Glendalough und verharrte fortan in Frieden, bis er
verstarb. Das Schuhteufelchen aber blieb am Leben und jngst hat es
seinen Besuch in Chaly gemacht. Da gefiel ihm ein kleines Stiefelchen
aus schwarzer Seide an einem zierlichen Fchen, das viel kleiner war
als der Holzschuh des heiligen Coemgen, in den schlpfte es und hie es
davoneilen, ohne Beratung. Wohl ihm, da es auf dem Wege Schutz gefunden
hat und klger zurckgekehrt ist nach seinem Glendalough.

Das war alles, was Celia ber Arabellas heimliche Reise sprach.
Vgelchen aber wartete, bis die anderen gegangen waren, dann kniete sie
vor Celia hin und kte ihre Hand und obwohl Givo im Hause war, blieb
sie um Alphi beschftigt und all die versumten Vorflle seines kleinen
Lebens, die ihr Helene berichtete, schienen ihr von grter Wichtigkeit.
Givo aber sa wie an jenem ersten Abend, da er Vgelchen zu Celia
gebracht, im Bcherzimmer beim Abendtee mit der Freundin allein.

Du mut deiner Mutter Widerstand besiegen, sagte sie. Oder willst du
sie nicht aufnehmen in dein Leben um des einen willen, das sie dir teuer
gemacht hat, da sie rein durch das Laster gegangen ist?

Ich will sie aufnehmen in mein Leben, sobald du sie mir zufhrst,
sagte er.

Ja, nun ist sie unter meinem Schutz und soll es noch eine Weile
bleiben. Du magst um sie werben.

Wie soll ich das! Mein Glaube kennt keine Vermhlung in Gotteshusern.
Was verlangst du an ueren Zeichen?

Da du sie hltst wie deine Frau und niemals mit einer anderen wohnst,
da du sie nicht verlassest oder ihr Schmerz bereitest, der ihr die
Heimstatt verstrt. Da du ihr die Ruhe des Verweilens schenkest ohne
sie fhlen zu lassen, da du einen Teil deiner Freiheit um ihretwillen
aufgegeben hast. Nichts ist beschmender fr die Frau, als wenn der Mann
mit der Sklavenkette klirrt. Denn wisse, Frauen, deren Rechte nicht in
den Gesetzesbchern der Menschen stehen, sie knnen nur vor Gott
hintreten, wenn sie verletzt werden. Und sie mssen ihres Besitzes weit
sicherer sein als die Ehefrauen, die das uere Band sttzt und hlt,
wenn sie fr ihr Glck frchten knnten. Und oft ist uns das nicht
haltenswert, um das wir frchten mssen aus fhlbarer Rechtlosigkeit.

Celia, sagte Givo, Arabella ist nicht vom Dmon des Stolzes
heimgesucht. Du warfest einst ein Glck von dir, weil du meintest, es
sei dir nur gndig zugemessen bis auf Widerruf.

Ja, ich fhlte die Stunde des Abschiedes in jedem Kusse bis zur
Unertrglichkeit. So warne ich dich denn: gib ihr die Ruhe des Bleibens.
Wenn du erwogen hast, da du dies kannst, dann nimm sie in deine Tage
und Nchte, Manuel!

Wie schlicht du es siehst. Es gibt Bndnisse, die uns erwhlen, ein
solches ist das unsrige, es ist bedingungslos geschlossen und Gott hat
den Schlssel zu sich gesteckt. Ich wollte, er behielte ihn und waltete
unseres Friedens. Dir hat er ihn einst zurckgegeben, vielleicht zur
Probe nur, da liefst du hin und befreitest dich. Ob nicht der andere
sich umschlossen fhlt von der Erinnerung! Warum kommt er niemals, den
kleinen Neffen zu sehen, Vgelchens Liebling? Er frchtet sich vor dem
lebendigen Bild. Wirst du niemals versuchen Gott den Schlssel
wiederzugeben?

Vorbei, sagte Celia und legte die Hnde vor die Augen. Es ist nicht
gut den Stolz der Frau zu versuchen. Wozu die Kraftprobe, da ihr euch
doch die Starken nennt!

Ach, Celia, ihr wret nicht stolz, wtet ihr immer das Ende. Aber ihr
glaubt, wenn ihr geht, man holt euch zurck und ihr habt es dann besser
denn je, sagte er.

Hte dich davor, Vgelchens Stolz zu reizen! rief sie.

Warum sagst du das, Celia? Sie ist nicht stolz. Das liebe ich an ihr.
Sie ist vor allem selbstlos.

Aber die Selbstlosen sind die Leichtestverletzlichen. Ihr Einsatz ist
immer grer als der der anderen.

Wenn eine Frau von mir ginge, die ich an mein Herz geschlossen habe,
ich folgte ihr nicht, ich riefe sie nicht.

Aus Stolz, du, Manuel?!

Nein, sagte er lchelnd, wie kann man stolz werden an Besitz, der
sich nicht erweist. Ich habe kein Besitzgefhl, das hat die Frauen oft
glauben gemacht, sie wren mir wertlos. Und dies Gefhl, ihrer nicht
wert zu sein, lt mich oft die Gesellschaft der Dirnen suchen. Da fhle
ich mich freier und entbehre doch nicht das Weib. Ja, ja, Celia, ich
wei, was du sagen willst, ich bin nicht undankbar. Frauen, wie du und
Angele es sind, gibt es wenige. Was mich bei euch freier machte,
verpflichtete mich auch. Ich konnte nur nehmen und nicht leicht nahm
ich, konnte nie fordern und halten, was sich wenden wollte.

Die Tre wurde aufgerissen, Gaston, der Sechzehnjhrige, stand auf der
Schwelle, er wurde rot vor Scham, als Celia erschrocken aufstand.

Ich dachte, du wrest allein, Tante Cecile, sagte er. Er wrdigte Givo
keines Blickes.

Das dachtest du, Gaston? Wolltest mir wohl Gute Nacht sagen? fragte
Celia mit Milde. Ein anderes Mal strm' nicht so, Gaston. Er kte
ihre Hand, vor Givo verneigte er sich und ging.

Eifersucht, sagte Celia lchelnd. Ich nenne ihn Nemidh mit der reinen
Hand. Kennst du die Legende von der heiligen Brigitta, die einen jungen
eleganten Kleriker zur Bescheidenheit bekehrt und ihm verheit, da er
ihr die letzte lung spenden werde. Er htete sich die Hand zu
verunreinigen, die einst seiner Heiligen das Salbl reichen sollte,
daher erhielt er diesen Namen Nemidh.

Ich frchte, er ist ganz weltlich in dich verliebt, sagte Givo
lachend.

Sein Vater, der Bildhauer, ist im Zuchthause, sagte sie. Man hat ihn
verurteilt, weil er angeblich seine eigene Geliebte gettet. Ich war zu
jener Zeit mit ihm verlobt. Gaston wei das. Begreifst du, da seine
kindische Liebe mir heilig ist, da ich diesen Unglcklichen niemals
krnken werde!

Oh, du liebe Gute, sagte Givo und freute sich, da Celias Hand die
seine warm umfing, dem alten Bund zur Bekrftigung.




                               Zora Uhari


Ein Wagen hielt vor Frau Givos Haus. Ein junges Mdchen sprang ab,
schlug den Reiseschleier zurck, lugte durch das Gartengitter und setzte
die Trklingel in Bewegung. Oben schreckte die alte Magd auf. Die Herrin
schlief. Minka sah ber den Balkon hinab, sah das Gefhrte, von dem der
Kutscher eben Koffer und Schachteln abrumte. Gott sei gelobt, der
junge Herr! Aber als sie unten mit dem Grtner zusammenstie und der
Gast eben in den Garten trat, sah sie, da es Zora Uhari war, Zora, die
sie als kleines Mdchen gekannt. Wie gro war sie geworden, wie schn!
Zora umarmte die alte Minka und drehte sie im Kreise umher.

Ach, ich bin froh, bei euch zu sein; schlft die Tante?

Die Alte hatte mit glcklichem Erschrecken des jungen Mdchens Ungestm
abgewehrt. Schlft und ist krank, sehr krank, bse Zeiten. Gut, da du
gekommen bist! Oder mu ich schon Frulein sagen?

Versteht sich, sagte Zora. Aber sag doch, was ist's mit Tante? Ja,
das ist ja schrecklich, Minka, und leise flsterte sie der Alten hinter
die Haube. Ich bin um zwei Tage frher abgefahren. Die Vorsteherin
wollte, da ich auf Begleitung warte. Da wird Tante nun am Ende noch
bser sein!

Nein, nein, gut, da du da bist. Wir erwarten auch den jungen Herrn und
er kommt nicht. Sie spricht ganz irre. Eine bse Zeit, eine bse Zeit!

Minka hatte Zora in das Zimmer gefhrt, das fr sie vorbereitet war. Die
legte nun Hut und Mantel ab. Man sah es ihr an, es fiel ihr schwer sich
der drckenden Atmosphre anzupassen. Sie hatte sich ihrer Freiheit
gefreut. Also sprich doch, was ist geschehen? Oder soll ich's nicht
wissen? Gehr ich denn nicht zu euch?

Ja, Zorachen, das ist es ja, das ist es ja, sagte die Alte
geheimnisvoll.

Minka, ich zwicke dich, wenn du nicht endlich 'rausrckst. Ich verkomme
ja vor Angst und Neugierde.

Ein Brief ist gekommen.

Von wem?

Vom Manuel, er will heiraten. Nicht dich, Zorachen, keine von euch,
eine Fremde! Und da liegt die Frau wie lahm, it kaum und horcht nur, ob
er nicht schon kommt und wieder zurcknimmt, was er geschrieben hat. Leg
dich hin, Kind, und ruh dich aus. Bist ja so weit hergekommen. Ich will
wieder zu ihr, wachen.

Bleib weg, sagte Zora. Ich wasch mich nur, dann lse ich dich ab. Ich
will sie schon beruhigen.

Vielleicht erschrickt sie, wenn sie dich so pltzlich sieht. Die alte
Frau trippelte zur Tr und sah leise ins Zimmer, in dem die Herrin
schlief. Sie schlft fest, der Brief liegt neben ihr. Ich kann nicht
lesen. Was wohl alles drinnen steht!

Geh schlafen, sagte Zora. Ich bleibe bei ihr und rufe nach dir, wenn
sie dich braucht. Sie schob sanft und krftig zugleich die Dienerin
hinaus. Leise trat sie ins Gemach, in dem nur ein gelbliches Nachtlicht
brannte. Die Tante lag da, wie steinern war ihr Gesicht, es sah nicht
mehr gtig aus, wie Zora als Kind es ehemals kannte. Sie setzte sich in
den Stuhl, den die Alte verlassen. Einen Augenblick griff dies alles
nach ihr wie ein Traum, der Abschied vom Pensionat, den sie gewaltsam
erzwungen, die Trnen ihrer Freundin, der Rosenstrau des jungen
Musikprofessors, dann die Reise, die zu ihrem Leidwesen ganz
uninteressant verlaufen war. Die Hand der Tante hielt einen Brief. Sie
erkannte Givos eigenartige Schrift. Der eine Teil des Blattes war
herabgebogen. Was Zora im schwachen Licht der Nachtlampe lesen konnte,
lautete: .... unmglich abkommen, dann aber kann ich Monate bleiben.
Aber wie soll ich vor dich hintreten mit leeren Hnden? Ich kann nicht
widerrufen, was ich sagte. Ich habe dies Kind in mein Herz geschlossen
und es hat vielleicht niemanden auf Erden als mich. Vernichtung
bedeutete es, verliee ich es, indes ich die Frau nicht kenne, die du
mir gewhlt httest. Wre dein Herz nicht vor allem das einer Mutter,
imstande die Qual, die der Sohn ihm schuf, um seiner tieferen Pflicht
willen zu verwinden? Lasse ruhiger werden den Widerstreit, denn ich will
kommen, ihn ganz zu besnftigen. Oh, kenntest du sie, ihr Antlitz zart
wie ein fernes Bild, ber das noch ein Schleier sich breitet, nur die
Augen durchdringen ihn mit himmlischer Klarheit -- Zora Uhari lchelte.
Wie er sie liebt, die Fremde, das htte sie ihm gar nicht zugemutet, dem
Heiligen! Sie war verliebt in Givo, obwohl sie immer trotzig gegen ihn
gewesen, aber nun hatte ihr ja der junge Geiger einen Rosenstrau zum
Abschied geschenkt und ihr heimlich geraten, sie sollte sich fr Musik
ausbilden. Der herrschte nun an erster Stelle. Da die Tante sie mit
Manuel verheiraten wollte, das wute sie aus untrglichen Zeichen, aber
sie hatte das niemals ernst genommen. Vor allem war sie gewi, da sie
mit ihrem Trotz Givos Zutrauen verscherzt hatte, und er wute es ja als
der Einzige, da sie sich nicht freudig der geheimen Gemeinschaft
einordnete, der ihre Eltern zum Opfer gefallen waren. Sie schmte sich
der frommen Umstndlichkeiten aus einer tiefen Keuschheit und Herbheit
der Seele. Sich sichtbar zu Abseitigem bekennen, erschien ihr wie eine
Entblung heiligster Gefhle. War nicht Heirat auch das offene
Eingestndnis des Beischlafes, der Schwangerschaft, das Kind die
schamlose Schaustellung seines Vollzuges? Zora Uhari war wissend und
wach, sie war nicht naiv und rein im Denken, aber ihr Gefhl hllte sich
vor dem eigenen Wissen in den Mantel der Keuschheit. Nein, Manuel
brauchte nichts von ihrer Seite zu frchten. Sie selbst wrde seine
Verbndete sein im Kampfe gegen die Mutter. Er sollte nur sehen, wie
klug sie war und wie treu, wenn er sie auch noch fr ein dummes Kind
hielt, sie, die eine geheime Freundschaft mit einem Musiker hatte, der
schon einmal in Genf ffentlich konzertiert hatte. Nein, sie wollte
nicht heiraten und auch nur ein Jahr in der Glaubensschule bleiben, dann
wrde auch sie sich ganz dem Geigenspiel widmen. Viel Geld wrde sie
verdienen und niemandem gehorchen in der Welt als ihrer Kunst. Da sie
eine Waise war und es immer gewut, das hatte sie stark gemacht und auf
sich gestellt. Sie trat auf den Balkon, horchte auf das Pltschern der
Alster. Ein ses Gefhl der Freiheit strmte durch ihre Glieder, ihre
jungen starken Muskeln dehnten sich wohlig. Vor ihr lag das Leben weit
beschiffbar wie das Meer, das sie in einer Brise grte. Es war nichts
Rtselvolles, was sie mit dem Atem der Freiheit einsog, nichts
ngstliches, und sie sprte auch das, da es nichts Geheimnisvolles fr
sie gab. Die Tante qulte sich, arme eigensinnige Frau, dachte sie, aber
sie fhlte ihre eigenen Wnsche viel zu stark, um eines anderen Leid in
eigenes zu verwandeln. Minkas Stimme weckte sie aus ihrem Denken.

Zora ist angekommen, euer Gnaden, Zorachen. Wo ist sie nun?

Zora trat ein und kte die Tante.




                       Ein Ende und ein Anbeginn


Es war Jeanne Cochard, Konrads Tischgenossin, gelungen Heimarbeit zu
bekommen. Nun konnte sie den Kleinen und sich ernhren. Sie bot Konrad
um geringes Geld einen guten Mittagstisch. So nahm er denn von Frau
Calou dankenden Abschied und entschwand ihrem Kreise. Die Arbeit fr
Tallandre ging ihrem Ende entgegen. Sein deutscher Verleger lud ihn zu
mndlicher Aussprache und versprach einen schnen Vorschu fr seinen
Heiligen Bernhard. Er hatte sparsam gelebt: das Honorar fr die
bersetzung und fr das neue Werk wrden fr Heimreise und ein halbes
Jahr Lebensunterhalt reichen. Dann wrde man weiter sehen. Von Arabella
hatte er einen Brief bekommen, der bedeutete Abschied: Es freut mich,
lieber Konrad, da es Ihnen wieder gut geht. Ich glaube, es ist ganz
richtig, wenn Sie in die Heimat zurckfahren. Ich kann nicht mit Ihnen,
weil mich nichts abzieht von hier, wo ich gern bin. Ein Mensch wacht
ber mich, der ist mir gut und ich habe nur einen Gedanken, ihm wert zu
sein und seine Nhe zu verdienen. Sagen Sie der Frau, die Sie meine
Mutter nennen, falls es wahr ist, da sie nach mir verlangt, ich
frchte, wir sind einander fremd und ich mchte nicht fort von hier.
Warum hat sie mir niemals geschrieben? Sie htte Wege gefunden wie Sie,
auch wenn man sie gehindert htte. Nun bin ich nicht mehr das ngstliche
Kind, das sich nach ihr sehnte und sich schmt allein zu sein.
Vielleicht war sie es, nach der ich manchmal weinte in all meiner
Unwissenheit. Jetzt habe ich es verwunden und sie wrde mich mit einer
pltzlichen Liebe erschrecken. Haben Sie Dank fr die Sorgen um mich und
fahren Sie nun ruhig zurck. Ich bin nicht Ariel, ich bin nur ein dummes
Mdchen, das Ihnen seltsam erschienen ist, weil niemand es in seinen
Trumen und ngsten gestrt hatte. Aber auch das ist vorbei. Es soll
jetzt ein neues Leben werden. Auch fr Sie, Herr Prediger. Darum nichts
mehr von unseren Narrheiten!

In Freundschaft Ihre

                                                            Arabella.

Er las ihn oft und oft diesen Brief und, wenn er den Kopf in die Hand
sttzte und seine Augen feucht wurden, fuhr ihm Jeanne Cochard durchs
Haar und scherzte ihm den Kummer hinweg. Wurde er dann zrtlich, so
hielt sie seine Hnde fest und in ihren Augen war ein Flehen. Sie
frchtete sich vor Mnnerliebe. Es kam ein Tag, da blieb Konrad aus. Zu
Mittag wartete sie hilflos, dann noch einen weiteren Tag, schlielich
ging sie zu seiner Vermieterin. Sie erfuhr, da er sich elend gefhlt
und fortgegangen sei, ohne seither wiedergekommen zu sein. Dann wre ein
Bursche da gewesen und htte etwas Wsche fr ihn abgeholt. Jeanne
fhlte, wie eine eiserne Hand ihr Herz zusammenkrampfte. Sie schttelte
den Kopf mit dem aschblonden Haar, das Konrad so gern hatte. Sie wute
nichts von Marguerite. Sie ging Frau Calous Rat erbitten. Ich gebe
Ihnen Nachricht, versprach diese. Sie schickte zu Marguerite, die
verweigerte die Auskunft, aber der Kundschafter erfuhr von der
Hausmeisterin, da Konrad bei ihr sei und im Fieber lge. Frau Calou
hatte Mitleid mit Jeanne, sie ahnte den Sachverhalt: Konrad war krank
und glaubte Ursache zu haben sich dessen zu schmen. Er hatte sich zu
Marguerite geschleppt, der alles Menschliche menschlich war. Sie pflegte
ihn ohne viel zu fragen und sie, die ihn geschlagen, wenn sie in Zorn
geriet, war nun sanft und gut, weil er bedauernswert war und einen Makel
trug. Nun war er ihresgleichen. Was sollte nun Frau Calou Jeanne
antworten? Sie vertrstete sie. Aber wenige Tage spter ging sie selbst
zu Marguerite, da hie es, Konrad wre im Spital. Es wre ein bser
Fall. Dieses schmutzige Tier, fluchte Marguerite: Er hat es sich auf
der Reise geholt. Frau Calou schickte Jeanne ins Spital, aber als diese
nach Konrad fragte, fhrte die diensthabende Nonne sie an die Schwelle
der Totenkapelle und mit weinseliger Stimme erzhlte sie. Der Arzt hatte
wenig Hoffnung auf eine baldige und vllige Genesung gegeben und als das
Fieber gestiegen, htte der rmste sich des Nachts drauen im Waschraum
erhngt. Schwester Philiberte hatte Nachtdienst gehabt, da konnte eben
dergleichen geschehen. Die ngstliche Jeanne trat nicht ein in die
Kapelle, sie fragte auch nicht nach Konrads Krankheit. Eine andere Frau
kam und schob sie gleichgltig beiseite. Es war Marguerite, die einen
Kranz brachte. Jeanne ging nach Hause, wo sie der Kleine erwartete.
Whrenddem sie ihm den Brei kochte, tropften die Trnen ber ihre
blassen Wangen in das Gef. Der Junge sah es und er frchtete sich vor
dem seltsamen Salz, das ihm die Mutter in die Speise trufelte. Wo ist
Herr Konrad? fragte er. Da weinte sie laut auf. Die Milch lief zischend
ber.

Marguerite ging allein hinter Konrads Sarg. Custove war betrunken. Sie
hatte ihn beredet zu Hause zu bleiben. In Konrads Brieftasche hatte man
eine verblate Blume gefunden, eine Enzianblte. Sie war in ein Papier
gewickelt, darauf hatte er sich angemerkt: _Quod in charitate
constitutis nullum peccatum imputetur_. Marguerite nahm es an sich. Wei
Gott, wie man das Zettelchen noch brauchen konnte!

                   *       *       *       *       *

Und wie die Schwester es erfuhr:

In Heiligenstadt bei Wien, unweit der Villenstrae, die heute den Namen
Springsiedelweg fhrt, stand im Glanz der Abendsonne stadtwrts blickend
ein einsamer Spaziergnger. Immer wieder ergtzte sich sein Schauen an
der feinen Silhouette des Stephansturmes, der goldig umnebelt ber die
Huser der Wiener Stadtbezirke ragte. Der Mann lftete den Hut, lie das
graugemengte Haar frei, weitete sein Samtjackett, als wollte er hier auf
der Hhe mit allen Poren Luft schpfen. Dann wandte er sich und wie
unter ein Joch sich zu beugen, das er pltzlich strker zu verspren
schien, schritt er geduckt, ein frhzeitig Alternder, gegen den
Beethovengang, wo einst gleich ihm ein sonderbarer Junggeselle gewandelt
war, unsterbliche Harmonien im Klang des Baches erlauschend. Als er so
hinschritt, vernahm er das Suseln der fallenden Bltter und gedachte
des entschwundenen Sommers. Es war ihm, als htte er in Verbannung
gelebt, wiewohl er ihn im eigenen Heim verbracht hatte. Ein Landhaus an
einem See tauchte in seinem Erinnern auf, ein feines Blondwesen ging
dort elfengleich ber die Wege, dann wieder sah er Flammen, nchtliche
Kahnfahrt, einen rollenden Berg, dem, unheilbringend, eine Circe
entstieg. Seine Sommerheimat lag verwstet. Immer wieder brach die Wunde
auf, wenn er sie eben schon verharrscht glaubte, und rgerlich ber die
eigene Weichlichkeit, machte er nun kehrt und stieg in das Dorf hinab.
An dem Hause kam er vorbei, in dem einst sein Vater Meister Grillparzer
besuchte, nebenan hrte er im Heurigengarten das halb wehmtige, halb
lustige Gefiedel des Schrammelquartetts, Fiaker und Zeiserlwagen
standen die Strae entlang. Die Wiener Melodien schmolzen ihm die
Bitternis in der Brust und es blieb ihm nur eine lchelnde Traurigkeit,
als er sein Gartentor an der Probusgasse erreichte. Wie er nun dem alten
Haus entgegenschritt, trat aus der rotverhangenen Weinlaube eine junge
Frau in die Abendsonne heraus. Ihr Haar schimmerte rtlich, sie hielt
den Florentiner Hut in der Hand, ein kleiner Junge stand hinter ihr.

Verzeihen Sie, da ich stre. Sie sind ja wohl Herr Doktor Urbacher?
Ich bin Hedwig Torn, die Malerin.

Sie sind die Torn, sagte er, sich verbeugend, die den Prater so schn
malt? Und der da hier, ist das auch ein eigenes Werk? Er deutete auf
den Jungen, der wie verzaubert im fremden Garten stand.

Er kann wohl hier bleiben, indes ich Sie um eine Auskunft ersuche?
fragte sie.

Gewi, gndige Frau, darf ich Sie ins Haus bitten? Er frchtet sich
doch nicht, Bube? Hedwig schritt voran. Eine hbsche Frau und wie
bescheiden sie sich gibt trotz dieses Knnens! Was mag sie wollen,
dachte Urbacher und ffnete die Tre zum Flur.

Wie schn er es hat, dachte hier wieder Hedwig, als sie die Diele
durchschritten, in der angedunkelte Bilder ber alten Truhen hingen.
Eine Uhr aus der Maria-Theresien-Zeit mit bemaltem Zifferblatt tickte
laut in der Stille. Er ffnet eine Tre, dann aber, wohl einer kleinen
Eitelkeit gehorchend, fhrte er sie weiter in den Gartensaal und nun
htte Hedwig fast vergessen, welch trauriger Anla sie hergefhrt. Hier
waren die Wnde des groen Raumes ber und ber bedeckt mit den
herrlichen Miniaturen der Urbacherschen Sammlung, aus Vitrinen lugten
ihre besonderen Kostbarkeiten. Sie erblickte alte Mbel, seltene Bcher;
durch die Bogenfenster grten die bunten Herbstbume: zu viel fr das
Auge der Malerin, um sogleich ihrer Frage sich zu besinnen.

Ich stehe zu Ihren Diensten, hatte Urbacher gesagt. Sie lie sich in
den grnen Ripsfauteuil nieder und, indem sie zur Entschuldigung
vorbrachte, da all dies Schne sie geradezu verwirre, suchte sie nach
Worten.

Es handelt sich um eine Adresse. Mein Bruder, ein Student, ist nach
Paris gefahren, eines jungen Mdchens wegen, das Sie kennen. Nun habe
ich seit Wochen keine Nachricht von ihm. Alle Briefe kommen zurck. Ich
bin voll Sorge. Ich mchte diesem Frulein Mannsthal schreiben, sie wei
vielleicht, wo er sich aufhlt, was vor sich geht -- --

Seltsam, dachte Urbacher. Nun kommt eine Fremde und spricht ihren
siebenfach versiegelten Namen. Die Schwester jenes Menschen ist sie?!
Ja, ich habe von Ihrem Bruder gehrt. Mein Freund Mannsthal hat mich
vor einem Jahr etwa gebeten Schritte einzuleiten, um den jungen Mann,
der ihm lstig war, in seine Heimat zurckbefrdern zu lassen. Ich
wollte mich an Ihren Vater wenden, erfuhr aber, da der junge Mann schon
grojhrig sei. Ich hatte auch wenig Lust mich einzumengen. Kurze Zeit
nachher verheiratete sich Herr Mannsthal und seine Tochter kam in ein
Pensionat. Seither habe ich keine Nachrichten.

Mein Bruder hat sich lcherlich aufgefhrt. Wei Gott, wie ihm sein
Dmon mitgespielt hat. Er ist von jeher ein unglcklicher Mensch
gewesen. Es ist mir sehr peinlich -- --

Ungewhnliche Verhltnisse, beschwichtigte Urbacher. Das hat ihn wohl
auch verwirrt. Leider kann ich Ihnen mit der gewnschten Adresse nicht
dienen. Ich kenne sie nicht. Seine Zge verkrampften sich, als er dies
sagte. Es wurde still im Raum, Musik schwirrte herein, aus einem der
Heurigengrten ins Zimmer getragen. Hedwig stand auf, bedrckt und von
bser Ahnung befallen. Sie sah nun zum ersten Mal in Urbachers Gesicht
-- die Umgebung hatte sie bislang davon abgelenkt und mit dem feinen
Instinkt der leiderfahrenen Frau erriet sie, da auch er irgendwie
verstrickt war in diese ungewhnlichen Verhltnisse.

Er fhlte Wrme aus diesem Blick und er brauchte sie an diesem Abend.
Rasch legte er seine Hand auf Hedwigs Arm und sagte: Bleiben Sie. Dann
schritt er zu einem kleinen Kstchen, entnahm ihm eine Dose, deren
Deckel ein auf Elfenbein gemaltes Bildnis trug, und hielt es vor sie
hin.

Dies ist Arabella, sagte er. Knnen Sie ihn nun verstehen, den
Bruder? Seine Hand zitterte. Er hatte etwas getan, das ihn selbst
berraschte und wie Verrat schien. Das ist sie, sagte er und atmete
schwer. Ein schnes Kind, ein armes Kind, sagte Hedwig ergriffen.

Er gewann die Frau lieb, die dies sagte, er gewann wieder die reife,
verstehende Frau lieb, und mit einem Male stand das Ungeheuerliche, das
Unnatrliche mit beschmendem Schmerz vor seiner Seele, da er um ein
Kind sich in Qualen verzehrt hatte, sich weichlich ihnen hingegeben
hatte. Wie ein Engel, der ihn aus Trbnis erweckte, erschien ihm Hedwig.
Das Gefhl, das ihn pltzlich zu ihr hinzog, machte ihn wieder zum
Manne, der sich des Weibes besinnt. Leise faltete er die mit Schildpatt
geftterte Dose auseinander, eine blonde Flechte lag darin. Unendlich
fern schien ihm die, der sie angehrte, ein Traum, ein Wahn!

Ich will nach Paris an einen Bekannten schreiben, da er sich
erkundige, sagte er und rumte die Dose weg. Wohin darf ich Ihnen dann
Antwort senden? Sie nannte die Adresse.

Was mag ihm zugestoen sein? entfuhr es ihr.

Beunruhigen Sie sich nicht. Allen Anschein nach ist das ein sonderbarer
Kauz, Ihr Bruder. Wei Gott, was fr Grillen er eben fngt. Ich freue
mich, da Sie den Weg zu mir gefunden haben. Hoffentlich kann ich Ihnen
bald Nachricht geben.

Ich bin Ihnen von Herzen dankbar. Und diese Dame, ihre Mutter, sollte
ich nicht zu ihr, vielleicht wei sie etwas von ihm? Er war mit ihr in
Verbindung, sagte Hedwig.

Urbacher bi die Lippen zusammen, eine Frage zu unterdrcken. Es tat ihm
weh, da dieser Mensch, der gleich ihm dieses Kind vergtterte, Verrat
trieb. Und dennoch focht ihn Neugier an zu erfahren, was jener
erkundschaftet hatte. Mannsthal hatte ihm geschrieben, ehe er sich
verheiratet hatte. Verzeih mir, um Arabella, schrieb er. Jetzt bin
ich selbst nur mehr ihr ferner Schutzgeist, soweit ich selbst dieses
nicht verscherzt habe. Sie hat einen Beschtzer gefunden, der besser ist
als wir, einer, der eines Menschen Seele und Willen in seine Seele und
seinen Willen aufnimmt. Das war alles, was er wute. La es begraben
sein, sagte er sich immer wieder.

Der Bub, rief nun Hedwig erschrocken und sprang auf.

Ja, was die Mutter betrifft, sagte Urbacher, sich ihrer Frage
besinnend, die ohne Antwort verklungen war, da bin ich nun noch weniger
unterrichtet. Aber mir will scheinen, als ob man sie nicht zu oft
erinnern sollte an ihre Tochter. Wunden brauchen oft Jahre, um zu
vernarben, und ein Wort kann mhseliges Heilen ungeschehen machen. Auch
diese Frau wurde verwirrt in diesen -- Verhltnissen. Lassen wir ihr das
spte Glck, das ber diesem Grabe blht. Ich sah sie jngst vergngt
mit Mann und Kind auf dem Kahlenberg. Gibt es einem Hoffnung, da man
auch wieder sorglos werde.

Er geleitete Hedwig hinaus. Der Garten lag erloschen. Herbst feuchtelte
aus den Bschen. Der Bub kam ihr entgegengelaufen und klammerte sich an
sie.

Der braucht Sie! Beneidenswert, ein Kind zu haben, sagte er. Ein
Muttershnchen, was? Versteckt sich gar!

Er hat nur mich, sagte Hedwig. Sie sprach ihr tiefstes Leid aus, den
ngstlichen Kleinen zu rechtfertigen.

So, so, sagte Urbacher. Seine Stimme war ganz weich, als wollte sie
ein Frauenherz streicheln. Ich bringe Sie zum Stellwagen, zum
Rauschinger hinber. Wird Ihnen ein wenig die Seele herausrumpeln, das
alte Gefhrt. Lassen Sie sich's nicht verdrieen und kommen Sie wieder.

Aber wenige Tage spter klomm er selbst in Hernals die schmale Stiege
empor zu dem Photographen-Atelier, das Hedwig als Werkstatt diente. Sein
Pariser Kunstfreund hatte ihm geantwortet, er werde sogleich die
gewnschte Nachforschung einleiten. Das gengte als Vorwand die Frau
aufzusuchen, die nun seine Gedanken beschftigte. Maler gingen bei ihm
ein und aus, er htte einen oder den anderen nach der Kollegin fragen
knnen. Aber schon hielt ihn die Scheu zurck, die ein ernstes Gefhl
ankndigt. Der ehemalige Nervenforscher wute ber sich und andere
Bescheid und gleich stellte er sich an den Pranger, als er sich dabei
ertappte, der Einschichtigkeit dieser Frau nachspren zu wollen.

Da sind sie alle gleich sprungbereit, die Herren Bcke, ich natrlich
mit inbegriffen, sagte er zu sich. Aber immerhin ist das noch besser
als Kindern nachzulaufen, die sich nicht wehren, weil sie unsere
Niedertracht nicht kennen. Er lutete. Es wurde nicht gleich geffnet.
Er hrte erregte Stimmen und wollte schon wieder gehen, als die
Nachbarin, die Hedwigs Tre mit ihrer Neugier bewachte, sich einmengte.

Warten S', ich lut', es ist der ihrige drin, und ehe der Erschrockene
es verhindern konnte, versetzte sie die alte Ziehglocke in strmische
Bewegung.

Im selben Augenblick ffnete sich die Tr und ein junger Mensch mit
zorngertetem Gesicht strmte an Urbacher vorbei. Peinlich berhrt stand
der da und schon sagte er sich: Da hast du wieder einmal Pech, du
unverbesserlicher Narr -- als Hedwig zum Vorschein kam. Er erkannte sie
kaum wieder. Sie war in diesem Augenblick geradezu -- schn. Auch ihr
Antlitz war gertet, in ihren Augen schimmerte noch eine Trne, aber sie
lchelten Urbacher zu. Obwohl ihr Mund noch wie in Spott und
Geringschtzung sich kruselte.

Ach Gott, Sie haben gelutet, rief sie -- sie bemerkte die Nachbarin,
schlug ihr die Tre vor der Nase zu und geleitete den Gast in das
Atelier, das ihr und dem eben abwesenden Buben auch als Wohnstatt
diente. Nun werden Sie eine schne Meinung von mir haben, sagte sie
noch mit erregter Stimme. Dieser junge Mensch der eben an Ihnen
vorbeigestrmt ist, hat mich beleidigt und ich habe ihm die Tre
gewiesen.

Da mu ich Unglcksmensch Ihnen gerade in den Weg laufen.

Nein, nein, Sie kamen eben recht. Ihr Sturmluten hat mich
aufgerttelt, noch schnell das letzte, das entscheidende Wort zu sagen.
Wenn wir noch lange herumgeredet htten, wre am Ende wieder eine
Vershnung zustande gekommen. Wissen Sie, was er gesagt hat, dieser
Mensch? Er knne nicht mit mir ausgehen, ich sei ihm zu simpel
gekleidet. Und da, da, sie hieb mit ihrer kleinen Faust auf den Tisch,
da hat er mir Geld hergelegt, einen Hunderter. Der ist ihm aber rasch
an den Kopf geflogen. Andere Knstlerinnen nehmen auch von ihren
Geliebten Geld an, hat er gesagt, der unverschmte Grnschnabel. Sie
besann sich, wurde feuerrot und trat ans Fenster, Urbacher den Rcken
kehrend. Sie werden sich was Schnes denken, Herr Doktor, sagte sie
leise. Der Bruder ein Landstreicher und die Schwester -- -- Aber wissen
S' (sie begann in der Erregung im Dialekt zu sprechen), man ist doch
noch jung und man kann nicht all'weil allein sein. Der da ist der
Hausherrnsohn vom Fnfer-Haus. So ganz aus der Art g'schlagen ist er,
malt auch ein bissel und war lieb zum Buben. Da bin ich halt mit ihm
gangen. Und wegen der paar Busseln wird er jetzt frech und legt mir ein'
Hunderter hin. >Angabe<, hat er gesagt und hat dabei g'lacht, da ich
ihm eine htt' geben knnen, da ihm die Zhne -- sie mute selbst ber
ihren neuerlichen Zornausbruch lachen und unterbrach sich -- um seine
Zahnderln wr' schade g'wesen, aber sonst ist kein Schad' um ihn. Bin
froh, da alles aus ist, hat mir schon lang nicht gepat.

Urbacher dachte: Zum Fressen ist sie, wenn sie zornig ist. Er ging die
Wnde entlang, die Bilder betrachtend: Ihr einschichtigen Frauen habt
es ja noch schlechter als wir, sagte er. Warum kauft ihr der Tlpel
nicht die Bilder ab statt ihr Geld anzubieten, dachte er. Hren Sie,
Frau Meisterin, dieses Bild aus Grinzing mssen Sie mir berlassen. Das
ist ein feines Stck, rief er aus.

Beschmen Sie mich nicht, Herr Doktor, das ist schon eine alte Arbeit.
Aber wie lieb von Ihnen, da Sie selbst gekommen sind! Haben Sie am Ende
schon Nachricht? Sie haben mich letzthin so beruhigt. Aber nun ist mir
auf einmal wieder bange.

Ich habe von meinem Bekannten die Zusicherung bekommen, da er sich
sogleich aufmacht, in der Wohnung, die Ihr Bruder zuletzt bewohnt hat,
nachzufragen. Das wollte ich Ihnen vorlufig melden.

Danke, danke! Wenn nur nichts passiert ist.

Wo ist der Junge? fragte Urbacher, der sich fast frchtete, mit ihr
allein zu bleiben. Nun will ich aber gehen. Ich komme wieder, wenn ich
Nachricht habe. Dann sprechen wir auch von dem Bild. Schreiben Sie aber
gleich darunter >Angekauft<. Oder lt sich's gleich machen? Dreihundert
Gulden biet' ich dafr.

200 ist schon zu gut bezahlt, Herr Doktor, und gar fr die Umgebung, in
die es kommt. Da sollte man mit der Ehre vorlieb nehmen. Nun setzte er
sich auf ihr Drngen wieder hin.

Sie sollten sich nicht aufregen, Frau Meisterin; sehen Sie, das
derchen, das Ihnen da angeschwollen ist. Er nannte einen lateinischen
Namen. Schonen sollen Sie sich. Sie haben gewi schon viel mitgemacht!

Das erraten Sie?

Ja, wenn mir das nicht geblieben wre von meiner Nervendoktorei! sagte
er.

Warum haben Sie es aufgegeben, das Doktern?

Es hat mich aufgegeben. Ich war zu neugierig, wissen Sie. Ich bin jedem
Fall nachgegangen bis in seine tiefsten Ursprnge und darber bin ich
ins Philosophieren geraten. Er wunderte sich, da er ihr so schlicht
erklren konnte, was einst so viel Verwirrungen in ihm angerichtet
hatte.

Und die Miniaturen?

Die waren die Erholung, die Betubung, der gefeite Boden sozusagen, wo
nicht gekmpft wurde. Denn da drinnen, er zeigte auf seinen Kopf, sah
es aus wie auf einem Schlachtfeld.

Auf dem schlielich ein Sieg erfochten wurde?

Der steht noch aus, sagte er. Ich brauchte halt Hilfe. Er lchelte
ungeschickt. Das rhrte sie.

So, so, nun da stell' ich mir vor, da sich jemand finden knnte.

Glauben Sie?

Ja. Sie sagte es mit den Augen.

Und als er dann die bse Nachricht erhielt, ging er zu ihr. Er hrte sie
mit dem Buben lachen. Da hatte er nicht das Herz es ihr zu sagen.
Weggehen wollte er auch nicht. Er trat ein und log, er wte noch
nichts, wre nur wegen des Bildes gekommen, sie mchte es selbst hngen,
drauen in seinem Haus. Sie fuhren zu ihm, im Fiaker, in dem er gekommen
war. Der Bub sa auf dem kleinen Klappbnkchen. Da hatte sich ihm ein
Traum verwirklicht, dessen Erfllung er erst mit der Firmung erwartete,
auf einem Klappbnkchen im Fiaker zu sitzen. Bei der Linie, die jetzt
schon tief im Weichbild der Stadt ist, mute der Wagen stehen bleiben,
vom Zollbeamten angerufen. Hedwig verschlo ihr Bangen um Konrad und war
frhlich mit dem Buben. Bei einem Heurigen beschlossen sie den Abend.
Wochenlang schob er es auf, von Begegnung zu Begegnung, ihr die
Todesnachricht zu sagen. Eines Abends schlug er ihr vor mit dem Buben zu
ihm zu ziehen, das Haus ihm zu leiten. Als sein Entschlu gefestigt war,
nicht lnger ihr die traurige Wahrheit vorzuenthalten, schwoll seine
Zuneigung zu unaufhaltsamem Begehren. Er nahm sie zu eigen. Lngst hatte
auch sie ihn liebgewonnen, den sanften Sptter. Er wrde dem Kleinen ein
Vater sein, das fhlte sie, obwohl er oft selbst wie ein Kind war, das
sie schtzend sich in ihren Schutz begeben. Am Morgen ihrer Vereinigung
sagte er ihr, da der Bruder tot sei. Nun hatte sie ein Heim, darin ihr
Schmerz sich mhlich auflsen konnte in ein stilles Glck.




                              Doppelleben


Arabella erfuhr nichts von Konrads Tod. Und noch ahnte sie nicht, da
sich eine willensstarke Frau um ihres Sohnes willen gegen sie
verschworen, um mit zher Sicherheit ihr die neue se Ruhe zu rauben.
Sie hing mit groer Zrtlichkeit an Cecile und, da Clothilde das Asyl
verlassen hatte und Anna auf einige Zeit in ihre Heimat gereist war,
nahm sie allerlei Pflichten auf sich und wurde ein brauchbarer Mensch in
den tglichen Anforderungen des Lebens. Wenn Alphi schlief, beteiligte
sie sich mit Inbrunst an den der Musik gewidmeten Stunden und las mit
Helene die wertvollen Bcher aus Ceciles Bibliothek. Givo kam ein, auch
zwei Mal des Monats, blieb den Sonntag und gab noch ein oder zwei Tage
dazu. Er sah mit Kummer, da Ceciles Gesundheit immer gebrechlicher
wurde und beriet sich mit Dr. Blanc. Den drckte noch eine andere Sorge.
In Chaly begannen Stimmen laut zu werden, da man im Asyl ketzerisch
lebe, niemals sei von seinen Bewohnern jemand in der Messe zu sehen. Da
machte sich Givo auf und ging mit Arabella zum Segen. Stickig war es und
finster in der Kirche, ernst, fast drohend stiegen die gotischen Pfeiler
auf, ohne Trstung. Die Menge schien zusammengeschweit im Gebet, wie
ein Leib waren ihre knieenden Leiber, wie Murmeln eines Einzelnen ihre
Zwiesprache mit Gott. ber all das Dunkel streckten sich die
vielfarbigen Fenster und spannen blumige Lichtgarben zu einander.
Arabella, die selten nur eine Kirche besuchte, war ergriffen. Die Orgel
begann ihr erlsendes Spiel. Sie stand neben Givo aufrecht zwischen den
Knieenden und hielt ihr Herz zu Gott hinauf inmitten der inbrnstigen
Strme der Fugen. Dank kam ber sie und Demut des Gebetes. Sie kniete
hin und lie die Seele mitjauchzen im Gesang, der aufrauschte aus der
Menge. Givo sah, wie sie ohne sich zu besinnen niedergekniet und tief
versunken war. Wieder war er von zrtlicher Rhrung bermannt und wieder
mischte sich dieser, wie so oft schon, ein Gefhl schicksalschweren
Wissens ber dieses in seiner Hingebung wehrlose Wesen, das seinem
Schutze anvertraut schien und das er dennoch nicht wrde bewahren knnen
vor der allzu groen Last der Liebe. Ja, vielleicht wrde er selbst sie
beschweren! Schon war alle Freiheit verwirkt, sie konnten einander nicht
lassen. Givo war froh, als sie aus der Kirche traten. Zu dick war ihm
dort die Luft. Aber er hatte Cecile geholfen und dem Asyl. Man hatte
Arabella gesehen, wie sie in aufrichtigem Beten kniete. Ihre Andacht
sicherte, ohne da sie selbst den Sachverhalt ahnte, den Bestand des
Asyls auf weitere Zeit. Denn nun schwiegen die bsen Zungen.

Als Vgelchen Manuel zur Bahn geleitete, hielt er sie lange im Dunkel
des Weges im Arm. Schwer nur gestand er ihr, da er auf lngere Zeit
verreise, zu seiner Mutter, in den Norden Deutschlands. Arabella nahm
erschrocken seine Hand: Nimm mich mit zu ihr, nimm mich mit! Ich will
sie lieb haben. Da trieb es Manuel die Trnen in die Augen.

Nein, Kind, es geht nicht. Aber wenn ich wiederkomme, hol' ich dich zu
mir, ganz zu mir! Vgelchen sagte kein Wort mehr. Es geht nicht,
sprach es immer wieder in ihr, es geht nicht! Zum ersten Male hatte er
sie verwundet, sie, die kaum geheilt war von altem Leid.

                   *       *       *       *       *

Zora hatte an Givo geschrieben. Er kannte die Schrift nicht. Es war der
erste Brief, den er von ihr empfing. Sie schrieb ihm, da die Mutter
schon etwas gesprchiger sei und nun stndlich seine versprochene
Ankunft erwarte. Er mchte nur getrost kommen und nicht allzusehr
erschrecken, wenn er erfhre, wer die Braut sei, die ihm erwhlt worden.
Denn diese wre ja fest entschlossen niemals zu heiraten, da sie einzig
ihrer Geige Treue geschworen. Und er, Givo, der Heilige, werde doch
nicht ein Zigeunermdchen aus Hispaniens Fluren ehelichen, das nichts
Schneres sich ertrumte als sich heimatlos durch die Welt zu geigen. Er
sollte der Mutter nicht trotzen, die von ihr erwhlte Braut wrde ihm
Treue bewahren, indem sie sich weigere seine Frau zu werden. So htte er
denn weniger zu frchten, als wenn die Zukunft ihm eine Willfhrige
entgegenfhrte. Nur eilig kommen mge er, denn sie wolle die Tante nicht
verlassen, ehe er nicht eingetroffen sei, und jeder Tag, den sie spter
eintrete in die Glaubensschule, bedeutete Aufschub ihrer spteren
Freiheit. Er mge ihr beistehen, schon in einem halben Jahre die Schule
verlassen zu drfen, um bei einem berhmten Geiger in die Lehre zu
treten. Als Givo in Hamburg ankam, war Zora des Morgens heimlich
abgereist. Sie hatte der Tante einen Brief hinterlassen, in dem es hie,
es drnge sie nicht eine Stunde mehr zu zgern, da ja nun Manuel sie
entbehrlich machen wrde. Geheimnisvoller Ruf wre an sie ergangen ohne
Abschied in ihr Kloster zu eilen.

Wie fromm sie ist, sagte Frau Givo, die aufrecht sa, aber noch immer
nicht das Bett verlie. Ich bedaure es aber, da du sie nicht gesehen
hast. Sie ist schn geworden: eine Jungfrau. Sie betonte das Wort.
Weder sie noch Manuel erwhnten Vgelchens Namen. Die Mutter schwieg und
verlangte nichts und er lie sein letztes Briefwort bestehen, da er
nicht lassen wrde von Arabella. Zwei Monate blieben sie beisammen ohne
Vorwurf und Zank, aber das Schweigen lag oft schwer zwischen ihnen und
hemmte die alte Vertrautheit. Als Givo abgereist war, verfiel Frau Lea
wieder in tiefes Brten. Sie versuchte zu gehen, sie hatte es beinahe
verlernt. Sie schien um vieles gealtert, als sie nach viermonatiger
Weltflucht wieder auf die stille Strae trat, ihren Wagen bestieg, um
ihre Glaubenswerke zu ben.

                   *       *       *       *       *

Eine ganz kleine Tre hatte sich in Vgelchens Herzen geffnet und lie
Angst ein. Sie war manchmal fest verschlossen, wie von guten Geistern
gehtet, dann wieder sprang sie auf. ber ihrer Einfriedung stand: es
geht nicht. Da war eine groe dstere Frau, die ging aus und ein und
sagte: Er gehrt mir, mir allein. Fremde Frauen mit wehenden Federn am
Hute nickten ihr aus Karossen, in denen sie mit dem Herzensfreund saen
und riefen: Sieh, Kleine, wer mein Ritter ist!

Givo blieb lang aus. Als er wiederkam, schlo sich die kleine Tr und
die guten Geister hielten vor ihr Wache.

Arabella schrieb an Adalbert: Lieber Va, ich wohne von nun ab bei
Imanuel Givo. Er hat ein kleines Haus in St. Cloud gemietet. Willst Du
mir erlauben die Mbel meiner Zimmer, die wohl noch im Magazin
eingestellt sind, dahin schaffen zu lassen? Du wirst Dich nicht wundern,
da ich nicht Givos Namen haben werde. Er sagte mir, da dies vielleicht
erst in einer spteren Zeit mglich sein knnte. Ich glaube zu ahnen
weshalb und Du wirst es wohl ebenso deuten knnen. Seine Mutter will
mich nicht als seine Frau. Wir wollen jetzt ganz still fr uns leben.
Spter besuchen wir Dich einmal. Frau Angele mchte doch auch an mich
schreiben, falls sie Rat braucht, wenn das Kind geboren ist. Ich habe
Alphi Tallandre gepflegt und wei Bescheid um die Kleinen. Der Abschied
wird mir schwer von ihm. Er ist so niedlich und fngt schon an zu
plaudern. Aber Manuel erlaubt, da Helene und der Kleine uns im Frhling
besuchen. Ich habe Cecile Gloriot viel zu danken und ich hoffe, sie
wei, wie ich sie liebe. Aber wie kann ich gut sein und bei ihr bleiben,
um ihr zu helfen, wenn ich mit Givo leben will, und das mu ich von
ganzem Herzen. Hab auch Du Dank fr Gutes und Bses.

Es kt Dich Dein Vgelchen.

                   *       *       *       *       *

Auf einem kleinen Dampfer fhrt Givo die Seine entlang. Er blickt in das
schumende Kielwasser, er beobachtet die Fahrgste, aber nichts kann
seine Ungeduld bezwingen. Und so ergeht es tglich, seitdem er mit
Arabella drauen in St. Cloud wohnt. Eilig geht er dann ans Land und ist
bald an der Pforte, ber der Weinlaub hngt. Frieden umfngt ihn, sobald
er eintritt. Er ist meist mde von der Arbeit, die er nun emsig ihrem
Ende zudrngt, weil jetzt Neues so reichlich aus ihm quellen will. Es
ist, als wre der Antrieb seiner Krfte jene warme Erdenglut, die
tglich aus einem geliebten Frauenleib in ihn einstrmt. Er sieht so
viel jetzt, was geschehen mu, was gesagt und gewirkt sein will, und er
sieht es neu, er, der immer ein Schauender war. Noch beben in ihm die
Rder der Arbeit, wenn er Arabella begrt, die mit kindlicher Scheu ihm
entgegentritt, als teilte sie mit ihm nicht Tisch und Bett. Aber sie ist
fr ihn wie ein Engel der Verkndigung, der aus seiner lichten Welt der
Inbrunst fromm eintritt in seinen heien Arbeitstag und ihm ein neues
Heil weist. Geschmckt ist der Tisch, festlich winken die Bcher und das
Bett ist der fromme Altar ihrer Vereinigung. ber ihrem Lager sind blaue
Nebel gttlicher Unendlichkeit, umschwebt ist es von berauschenden
Tnen, ber deren Wellen kein Schiff gelangt aus Tagland. Seine Kissen
haben Engel geschlichtet aus Lmmerwolken, seine Decken sind aus
Sonnenfden gewirkt und sie wrmen die Liebenden, die nur ein Leib sind
auf ihrem heiligen Lager. Manchmal ist ein leises Lachen in der Luft wie
von unsichtbaren Amoretten, die Stimmchen der Kinder, die sie ihm
schenken mchte, und dann, ach, ein Seufzen des Kampfes, den er mit
seinen Sinnen ringt, um ihren zarten Leib nicht mit der ersehnten Brde
zu beschweren. Denn weit ab und nur wie das Auffunkeln eines wachen
bsen Blickes leuchtet ein Auge und nimmt ihm den Traum Vater zu werden
aus dem Herzen. Doch Glckes genug! Er hlt nicht ein Weib mehr, die
Liebe selbst, wie sie durch Ewigkeiten schwingt, pocht mit lebendigem
Herzen an dem seinen und er fhlt, er hat ihr Wahrsein gebraucht, ihr
frauliches Dasein, da auch seine Arbeit ausstrme als eine groe
Wirklichkeit der Liebe.

Als ein Vergangenes liegt das Lebendigste seines Lebens, sein Kampf mit
dem Dunkel, unter dieser Liebe eingesargt. Schatten sind die Genossen im
Laster geworden, die er zuweilen suchte, weil auch er eindringen wollte
in die Tiefe, Schemen die Dirnen, Nebelgebilde die lichtscheuen Sttten.
Sein Fu strauchelt nicht mehr ber diese Erinnerungen. Licht ist um ihn
und seine Lust hat sich verklrt.

Arabella hat einen Garten und Glashuser, ihre Pflanzen zu schtzen. Was
will sie nur mit ihren Blumen? Sie fhrt sie zur Stadt, aufgetrmt auf
starkem Wagen. Der hlt vor den Husern der Siechen. Sie trgt sie
hinauf ber die weien Stiegen der Spitler und mischt ihren Duft in den
des ther und der Essenzen der Reinigung. Sie tritt in die Krankenzimmer
und stellt sie auf die Tische. Da richten sich die Blicke steil auf in
den Betten. Es wird lichter im Raum. Ging da eine Elfe vorbei und lie
Linderung zurck? Sie kommt auf ihren Gngen auch in das Zimmer, darin
Konrad gelegen, bevor er hinausschlich, die Erdenhlle abzuschtteln.
Ahnunglos streift ihr Kleid das Bett an, in dem er gestrandet. Da liegen
Menschen umher nach Gottes Ebenbild geformt und sind ein elendes Stck
Fleisch, schlotternd in Weh und ihr Blick sucht ein Endchen
Himmelsblue, ausgespart zwischen Mauern. Sieh, da blht ein Busch
Vervenen auf dem Tisch und speist ihr Auge. In einem Saale sind Kinder
gebettet, fiebrig glimmen die Augen durch den Schlitz der Lider, die
zuckende Hand hlt den farblosen Wurstel, der vom reichen Kind abfiel
frs Spital. Hier kann Arabella nicht enteilen. Die Schwester mht sich
einem schwarzlockigen Pppchen mit dnnem Hlslein den Verband zu
wechseln am bresthaften Bein, whrend seine Augen in hilfloser Klage
sein Weh knden. Bittend tritt Vgelchen nher und die Schwester lt
ihr willig den Dienst. Die Kleine blickt in zrtlichem Bangen auf zu dem
Engel, der zu ihm niederrauscht, Chrysam auf seine Wunde zu legen. Wie
Flgel bauscht sich die Seide ihres Kleides und die mageren Hndchen
greifen nach den Perlen an des Engels Hals. Lffel auf Lffel fttert
die Lichte ihm zu. Der Verband ist angelegt. Nun kommt die Mahlzeit und
es wei nicht mehr, da ihm die Suppe vergllt ist durch Schmerz in den
armen kleinen Eingeweiden. Leise bettet Vgelchen es zurck in die
Kissen, wischt den Schwei ihm mit ihrem feinen Tchlein von der Stirn
und hlt sein Hndchen, bis es entschlummert ist. Nun tritt sie zu den
anderen, reicht ihnen Backwerk und Spielzeug. Abends beten sie fr
Arabella.

Aber Givo bittet Arabella eindringlich nicht mehr in die Spitler zu
gehen. Tiefer sei dann das Dunkel, wenn sie den Kranken entschwunden,
und er frchte, sie knne selbst erkranken. Nun sandte sie Bcher, las
emsig, um die rechte Auswahl zu treffen, und manchmal schrieb sie
Trstungen an den Blattrand. Zu dieser Zeit dichtete Givo Psalmen und
Hymnen. Arabella findet die Verse in ihre Tage gestreut und sie singen
in ihr durch die Stunden ihrer huslichen Andachten. Da ist eines Passi
flora, genannt nach jener Blume, die Spanier fanden, seine Vorfahren
als sie in Amerika landeten.

   Du rotgetupfter Nektarienkranz,
   Wie gleichst Du dem blutigen Dornenglanz:
   Fnf Staubgefd dem Wundenmal
   Fruchtknoten dem Kelch, der Griffel dem Pfahl,
   Die Narben den Ngeln, drei an Zahl,
   Das Blatt der Lanze geschrfter Qual.
   Du ranktest Dich auf in liebender Glut,
   Du Engel der Blumen, aus Gottes Blut.

Immer wieder liehen ihm die glubigen Sagen seiner Vorvter Gleichnisse.
Vom Paradiesvogel erzhlte er ihr:

   Von einem Vogel sprach mir auch die Ahne,
   Den sie in Neu-Guinea fliegen sahen:
   Von Dften lebt er, leuchtend in der Nacht,
   Fliegt unaufhrlich in des Himmels Wonne,
   Borgt seine Strahlen vom Geschmeid der Sonne,
   Aufschwung und Licht, das ob dem Dunkel wacht.

Er hatte ein Leid, aber er nahm es hervor, nur wenn er allein war,
abseits dem Hause, das seine Geliebte hielt wie einen lebendigen Balsam.
Das Leid war es um der Mutter Wahn. Er sah sie dort in ihrem kalten
Haus, unbeweglich erstarrt in ihrem Trotz, fern seinem blhenden Leben.

Wie sollte er Arabella Vorbereiten, da er fr Wochen, Monate nun wieder
dort mit der Mutter leben, sie aber nur besuchen wrde wie ein
Bekannter. Eine Zeit des Jahres gehrte der Mutter ganz, die seiner
Freiheit willen all die brigen Monde opfervoll in Einsamkeit lebte. Er
lud Freunde ein, da Arabella nicht allzu einsam wrde ohne ihn. Da war
nun auch Frederic Tallandre von seiner Afrikareise heimgekehrt und
freute sich, da Alphi ihn mit seinem dritten Mtterchen, Helene,
besuchen wrde. Er war scheu gegen Frauen, der junge Gelehrte, er war es
immer gewesen und bereute es, eine Ausnahme gemacht zu haben mit der
eignen, indem er sich verheiratete. Er hatte seine Frau wie gegen seinen
Willen geliebt und nun war fast Groll in ihm gegen die lebendigen
Frauen, die sie berlebten. Er war ein wenig wunderlich, aber kindlich
gut und einfltig zuweilen. Da war Hettwer, ein junger Aristokrat, der
Givo schwrmerisch liebte und dessen Freundin dienen wollte wie ein
Page. Aber Vgelchen fhlte seine Gebrechlichkeit, auf die wohl er
selbst sich sttzte, die anderen aber niemals Halt geben konnte. Dennoch
erregte Mitleid ihr eine leise Zrtlichkeit. Sie htte ihn erwrmen
mgen an ihrem Herzen. Ihre Bewunderung aber galt Frau Calou, die
zuweilen an Abenden kam, um zu beraten, und mehreren jungen feurigen
Menschen, die in Givos Lehre vom wissenden Licht ihre Daseinsform
erkannten. Aber da waren auch mehrere, deren Weltauffassung sich nur
scheinbar mit der Givos deckte. Sie erhoben den Geist zu ihrem rettenden
Gott. Freilich, er sah alles, befehligte alles, aber er thronte oft ber
dem Dunkel als ein Dnkel und, wiewohl Arabella sein Licht sah, fhlte
sie sich diesem Gottesgeist fremd, der sich nur vom eigenen Feuer nhrte
und selbstschtig sich selbst verzehrte. Sie sprach wenig und erhorchte
sich viel. Ihr war manches fremd, mit dessen Wissen andere heranwachsen,
und von vielem hatte sie Ahnungen, durch die sie das Gehrte auf eigene
Art fortspinnen und ausbauen konnte. Eines Abends, nachdem Hettwer und
die Schauspielerin Larousse gegangen waren, blieb sie lange traurig. Die
Larousse hatte von einem Mdchen gesprochen, das gegen die Behauptung
ihres Verlobten ihre Jungfrulichkeit durch einen Arzt hatte nachweisen
lassen. Vgelchen war still und nachdenklich, dann als sie allein waren,
in Scheu und Scham in sich gekehrt, als Givo sie liebkoste. Eine leise
Frage hatte ihm ihre Traurigkeit verstndlich gemacht. Es war ihr
unbekannt gewesen, da es solche Jungfrulichkeit gab. Ihre Seele litt
Heimweh nach Kindheit, der sie sich entgleiten fhlte. Mit einem Male
wute sie, da sie Givo reicher htte beschenken knnen. Sie fhlte, da
sie ihrem ersten Freunde nachtwandlerisch vergeben, was sie wachend noch
nicht besessen, es verloren, ehe sie darum gewut. Sie wunderte sich,
da Manuel Va nicht strenge abwies. Aber Manuel Givo wute zu sehr um
die Schuld, die jeder einzelne um die des anderen trgt. Er geno
Vgelchens Liebesreife, die Mannsthal gefrdert hatte, und er lebte ohne
gesetzliche Trauung und dies war ihm eben mglich, weil schon ein
anderer es getan hatte. Wer ohne Snden ist unter euch, der werfe den
ersten Stein ... Sie aber war ihm schuldlos, wie Tier und Blume, und wo
ihre Seele aufwachte, ward Schnheit und Gte. In ihrer Bewutheit war
nichts sndig, so lange sie mit ihm lebte. Und um die leise Trauer zu
heilen, lie er tagsdarauf die folgenden Verse auf ihrem Tisch zurck:

   Mir ist Dein Leib ein lichtes Himmelstor,
   Durch das ich strme in mein Paradies,
   Und wenn kein Engel mich aus seinen Hallen wies
   Ist's, weil Du selbst bist Metathron im Chor.
   Aeonin bist Du, doch im Dienen gro,
   Sieh, Deine Schwingen ruhen mir im Arm.
   Noch sind sie Dir von weitem Fluge warm,
   Gebenedeit ist Gttin mir Dein Scho.

Wie konnte sie einhergehen, anderen Frauen gleich, da ihr Herz in
Seligkeit, von den Krften seiner Anbetung getragen, sie aufhob, da ihr
Fu kaum die Erde streifte.

                   *       *       *       *       *

Nun kam der Tag, wo Givo ihr sagen mute, da er nun mit der Mutter
wohnen wrde. Mutter, konnte sie es begreifen, war ihr nicht ein leeres
Wort, was andere als unantastbares Gut empfanden und ihm so viel noch
bedeutete! Als er es ihr sagte, verstand sie vor allem das eine, da er
schon lange der Mutter Beschtzer war, an des toten Vaters statt und sie
nicht verlassen durfte um der Pflicht willen, die er schon frh
getragen. Da sie Vgelchen ausgeschlossen haben wollte aus diesem
Lebenskreis, das fate sie nicht und es war ihr so fremd und
unentwirrbar, da sie daran in ihrem Denken wie an einen Felsen stie,
den sie umgehen, aber nicht bersteigen konnte. Und Givo wute, nur ihre
Ergebenheit wrde es berwinden. Er war ihrer so sicher, er glaubte den
kindlichen Geist pltzlich erwachender Auflehnung in ihr schon vllig in
Liebe gelst. Gewi wre es das Klgste gewesen, wenn er Arabella
veranlat htte, einige Wochen bei Cecile zu verbringen, aber er
frchtete ihr Mitrauen, da ihr das Heim wieder genommen sei, indem er
freiwillig eine Trennung herbeifhrte, whrend er, wenn sie in St. Cloud
blieb, sie tglich besuchen konnte. Frau Givo war nun angekommen. Sie
ging auf einen Stock gesttzt und hatte allerlei Eigentmlichkeiten
angenommen, die sie alt und wunderlich machten. Sie schien nicht mehr
die vornehme, herb verborgene Frau. Es war, als ob eine Angst sie jage,
und ihre Unruhe teilte sich anderen mit. Zu Givos Erstaunen stieg hinter
ihr Zora aus dem Zug. Er erschrak fast ber die Schnheit des jungen
Mdchens und seine Mutter bemerkte es mit einem Lcheln, das in ihr
edles Antlitz einen bsen Zug zeichnete.

Was sagst du nun zu diesem Kind, ich habe es mitgebracht, da du es auf
den rechten Weg bringst.

Ich bin ausgerissen, sagte Zora.

Als sie im Wagen saen, erfuhr er, da Zora, die sich in der
Glaubensschule als strendes Element erwiesen, mit Zustimmung der Tante
einige Wochen Ferien erwirkt hatte. Givo war es recht, da Zora
mitgekommen war, so konnte er denn in St. Cloud unter dem Vorwand wohnen
bleiben, den beiden Frauen gengend Platz in seiner Stadtwohnung zu
belassen. Eine seltsame Scheu hielt ihn zurck, Arabella von Zora zu
sprechen, auch von der Mutter erzhlte er nicht und dieser niemals von
Arabella. Er lebte whrend dieser Wochen zwei vor einander verborgene
Leben. Er stand zwischen zwei Notwendigkeiten und, da er sie nicht
vereinen konnte, lie ihn selbst oft minutenlang auerhalb, als einen,
der sich selbst sieht und abwartet. Aber er fhlte, da diese
Zwiespltigkeit nicht andauern konnte, sie war zu sehr seinem Wesen
fremd und verchtlich.

Zora hatte begonnen bei dem berhmten Geigenknstler Mabese Stunden zu
nehmen und Frau Givo sah sich vor einem neuen Konflikt. Die Rckkehr in
die Glaubensschule schien ihr auch aus anderen Grnden nicht ratsam. Sie
frchtete, Zora knne sich dort durch ihre Heftigkeit neuerdings
unmglich machen und vor allen Mitgliedern der Gemeinschaft befleckt
sein. Dann aber wrde eine Ehe mit dem Sohn ausgeschlossen sein. Ihr
Talent knnte immerhin die Mglichkeit bieten sie teilweise von der
Schule zu befreien. Der Name Uhari war einer der besten unter den
Schauenden. Aber gerade deshalb sollte Zora ihn nicht gefhrden. Die
Bitternis um Manuel hatte sie schlau gemacht und nachgiebig, wenn es
galt, dem Ziele nher zu kommen. Sie hoffte schlielich, den Sohn fr
Zora zu gewinnen. Und Zora war ja hilflos ohne sie, denn Zora liebte das
Wohlleben und den Luxus, obwohl ihr Vater Enthaltsamkeit gepredigt
hatte, und sie gab ihr darin nach, gewhnte sie an das Teuerste, nur um
sie ganz in der Hand zu haben. Den tieferen Sinn der Lehre beachtete
Frau Givo nicht mehr. Ihr galt einzig, ihren Willen, der ihr zum Wahn
geworden war, durchzusetzen. Sie rechnete und berechnete. Mochte Manuel
die Nchte mit dem fremden Mdchen verbringen, mochte er es verzehren in
Liebe, um so rascher wrde er frei werden fr Zora. Sie tuschte sich:
Manuels Leben mit Arabella war die edelste Erfllung dessen, was seine
Lehre unter Geschlechtsgemeinschaft versteht, es war ihm jenes
Untrennbare, das keines ueren Bandes bedarf, die erdenhafte
Verschmelzung, aus der die gttliche Flamme schlug, das Licht ber
seinem Wandel, das nichts Irdisches zerstren, nichts Himmlisches
verdunkeln konnte. Mochte sein Gehen und Stehen von ihr getrennt sein,
ihr Einssein blieb unlslich.

Aber zu dieser Zeit geschah es, da Arabella zu Givo in die Sternwarte
kam, was lange nicht geschehen war, um ihm Ceciles Ankunft zu melden,
die ihres Leidens wegen zu ihrem Pariser Arzt gekommen war. Es ist eine
Dame bei Herrn Givo, sagte der Diener mit verschwiegenem Lcheln.
Arabella hrte Zoras Lachen. Sie wartete eine Weile, aber es war irgend
peinlich wie lauschend an der Tre zu stehen, whrend bittere Gedanken
kamen, die sie nicht bannen konnte: Wer ist sie? Sie ist jung und
lustig. Es duftet hier nach Parfm. Warum sprach er nicht von ihr? Kann
ich nicht immer eintreten zu ihm? Ist es nicht hlich, wenn ich nicht
sorglos ihn begre? Niemals war ihr Mitrauen gekommen und, berdachte
sie es, so gnnte sie ihn anderen Frauen. Aber nun stand sie und etwas
machte ihr angst und kalt. Sie wute es gleich, sie liebte nicht die da
drinnen und gleich verurteilte sie es, einer Fremden, von der sie nichts
wute, bel zu wollen. Weil es sich aber nicht begrnden lie, weil sie
nicht Beweise hatte fr ihr abweisendes Gefhl, lag wohl ein Grund vor,
ein geheimer Sinn, dem sie Glauben schenkte. Pltzlich ging die Tr auf
und Givo trat heraus. Er wurde -- er selbst sprte es mit Schrecken --
bleich. War es Vgelchens Gefhl, das sich ihm mitteilte, war es der
ganze Zusammenhang, der Umstand, da er nie ber Zora gesprochen, die
zufllig gekommen war, mit einer Bestellung seiner Mutter, ebenso
zufllig wie Arabella? Aber Givo sah sich pltzlich umstellt, verfolgt
in seiner Arbeitzelle oder er tuschte sich unbewut dies vor, um nicht
sein wirkliches Gefhl der Scham ber sein doppeltes Leben zu empfinden,
da er, der immer gerade Wege ging und fr alles Tun einstand, vor diesem
Wesen, das ihm vertraute, scheinbar ein Geheimnis hatte. Er wute, dies
war nichts als der flchtige Besuch eines Mdchens, mit dem er in
heiterem und zugleich feindlichem Einverstndnis stand, aber er sah es,
wie Arabella es sehen mochte, als eine heimliche Zusammenkunft und
vielleicht nur eine von vielen. Sie wollte sprechen, aber die Scheu, die
sie zuweilen empfand, war so gro, da sie kein Wort hervorbrachte. Ich
kann jetzt nicht mit dir gehen, es ist jemand bei mir. Willst du mich
irgendwo erwarten? Wir knnen dann eine Weile zusammen bleiben.

Eine Weile? fragte sie. Und jetzt?

Jetzt ist ein Mdchen da, das mir meine Mutter mit einem Brief
geschickt hat. Ich kann es nicht rasch fortschicken, ohne es zu
krnken.

Vgelchen wollte ihn bitten: schicke _sie_ fort, _sie_, nicht mich. Aber
sie brachte es nicht ber die starren Lippen. Sie nickte nur und ging
die Stiegen hinab. Die Kniee zitterten ihr. Wo sehe ich dich? rief er
ihr nach.

Cecile ist hier, sagte sie von unten mit mhsamer Stimme. Dann ging
sie. Er blieb stehen, seine Fe waren bleischwer. Hinter ihm stand
Zora. War sie das? fragte sie und ihre mandelfrmigen Augen
leuchteten.

Wer denn? Ach, ihr Frauen, ihr Neugierigen, sagte er. Als Zora
gegangen war, stand unten an der Tr Arabella. Sie hatte den Schleier
ber ihr Antlitz gesenkt, aber Zora wute: das ist sie. Und Zora schritt
sorglos weiter, hob ein wenig trotzig den Kopf, als sie an ihr
vorberkam, und Arabella schien es, als krusle ein Lcheln ihren Mund.
Ein kleiner Funken knisterte zwischen ihnen: Feindschaft.

Als Manuel nach St. Cloud kam, fand es sich, da Arabella mit Cecile zur
Bahn gefahren war. Er hatte zwar eine Verabredung mit seiner Mutter,
aber nun hatte ihn Unruhe und Sehnsucht befallen, sie an sein Herz zu
drcken. War es mglich, da sie etwa, ohne ein Wort zu hinterlassen,
weggefahren war? Welcher Teufel hatte ihn gejagt, nicht das, was ihm das
Wertvollere und das Natrlichere war, zu tun? Er qulte sich. Warum
hatte er sie, nicht Zora weggeschickt!

Vgelchen kam spt nach Hause. Allein bist du den einsamen Weg
gegangen? sagte er und nahm sie in die Arme wie eine Mutter ihr Kind.
Er war so froh, da sie zurckgekommen war. Da weinte sie, weinte all
ihre unausgesprochene Angst um jenes Leben, in dem er war abseits von
ihr, in einer fremden Welt, die ihr feind war.




                                 Flucht


Der Mai, mit seinem Zustrom von Fremden, war Givo nicht lieb in Paris.
Die Stadt schien ihm da von ihrer vielfltigen Wirklichkeit zu einer
Sttte wahnvoller Lustbarkeit gewandelt. Er aber kannte die Kehrseite,
das Elend, die nachbetende Verlogenheit, die die Prostitution
verherrlichte, all die geistige Verlotterung und die Eintagsfreude des
Luxus. Die Regsamkeit der Menschen drngte ihnen nach in ihre
Zurckgezogenheit. Sie riefen die Menschen nicht zu sich, aber ihr
Helfen rief sie: wer unberaten, bedrckt, bedrngt oder begeistert war,
sehnte sich in ihre Nhe. Knstler verlangten die Weihe ihres
Verstndnisses, tglich liefen Briefe und Bcher ein, Bilder wurden vor
ihnen aufgerollt, sie muten in Ateliers klettern, uneheliche Kinder aus
der Taufe heben, Kranke besuchen, die nach ihnen riefen, Streitigkeiten
von Liebespaaren, Diskussionen ber geistige Uneinigkeiten, seelische
Rechtsbrche wurden von ihnen abgehandelt. Wiewohl es nicht unbekannt
war, da Givo einen groen Teil seines vterlichen Erbteiles fr
wohlttige und wissenschaftliche Zwecke verbraucht hatte, hielt man ihn
fr gengend reich immer noch helfen zu knnen. Die Mannsthal-Aktien
waren sehr gestiegen. Adalbert hatte Vgelchen ein groes Vermgen
angelegt. Givo wollte nicht rmer werden, um nicht in die Lage zu
kommen, aus diesem Gelde Nutzen zu ziehen. Und vor allem sehnte er sich
nach Abgeschlossenheit, um neue Krfte zu sammeln. Givo wollte die
Haustre sperren, einen Zettel hinaushngen und darauf schreiben: Hier
wird gearbeitet, man bittet um ein wenig Ruhe. Aber da blickten die
Freunde durch die Hecke am Gartengitter und riefen: Ach, ihr spaziert
ja eben herum, da kommen wir nur auf fnf Minuten. Oder Givo bringt
selbst einen Verstrten, den Arabella aufrichten soll. Sie fhlen eines
Tages, da die Freunde ihre Feinde sind, da ihnen der Fremde, der auf
der Strae vorbeigeht, mehr Freund ist, weil er ihnen nicht von ihrem
Leben nimmt, wie man pfel vom Baum bricht. Und sie fhlen auch, da sie
rmer werden an ihnen, weil diese mit der Gewaltsamkeit des eigenen
Wichtignehmens ihre Existenz in die ihre drngen und ihnen den eigenen
Atem rauben. Sie haben keine Einkehr mehr mit sich selbst. Der Traum ist
ihnen verscheucht, selbst aus dem Schlaf, der sie so bleiern anfllt,
da sie sich nur leise mehr durch ihn spren und nur selten mehr die
Frische haben, sich einander hinzugeben. Vgelchen wird bla und mde
und eines Tages lt sie die Koffer herbeischaffen und Givo findet alles
vorbereitet zu einer Reise.

Er wollte gern mit Arabella noch einige Tage nach Chaly, reine Luft zu
trinken. Der Arzt aber hatte Cecile auf eindringlichstes Fragen eine
schlechte Prognose gestellt; keine Hoffnung auf Genesung. Sie hatte es
geahnt, aber nun befiel es sie wie Grauen ber sich selbst, beinahe
Verchtlichkeit war es fr den hinsiechenden Krper. Zhlte sie noch
mit, konnte sie noch auf Menschen wirken, da sie nicht mehr ganz zu den
Lebendigen gehrte? Gab es nicht etwas zu tun, das der Menschheit
ntzlich sein konnte und das nur einer vollbringen mochte, der ein Leben
zu opfern hat! Sie wollte ihr Augenmerk auf ntzliche Taten lenken,
deren Folgen andere zu frchten hatten. Aber noch war ihr der Gedanke zu
neu eine Sterbende zu sein. Sie mute allein sein mit diesem bergang
und keiner, dem sie lieb war, sollte den Urteilsspruch des Arztes
erfahren oder erraten. So schrieb sie Givo, er mge den Besuch
verschieben. Gleichzeitig aber erhielt dieser einen Brief von Mannsthal,
er sei im Begriff zu verreisen, er wolle vermgensrechtlicher
Angelegenheiten wegen, auch um Vgelchens Freiheit zu schtzen, deren
vorzeitige Grojhrigkeit erwirken. Angele wrde sich freuen, ihn und
Arabella whrend dieser Zeit bei sich zu sehen. Sie wrde auch
Vermittlerin sein in einer Angelegenheit, die er gern bereinigt she.
Arabella machte sich bereit, Givo nach Quesnon zu begleiten, wo sie
mehrere Tage verbringen wollten. Da kam Helene mit Alphi und Manuel
reiste allein.

Er fand Angele verndert, mtterlich froh und gerundet, verjngt und
gereift zugleich. Sie war unablssig bemht um das Kind. Es war
schwchlich und sie hatte deshalb mit Adalbert beschlossen im Sden sich
anzusiedeln. Bevor sie aber Nordfrankreich verlieen, wollte Mannsthal
gern Arabellas Zukunft gesichert sehen und das qulende Bewutsein der
Vergangenheit vllig berwinden. Er, Givo, wre wohl grozgig genug, um
Mannsthal nicht das Recht zu schmlern, Vgelchen zu beschtzen, solange
kein anderer diese Rolle dauernd bernahm. Es bedrcke ihn, da Givo
Arabella bislang nicht zur Frau begehrt, obwohl er ihre Seelenreinheit
erkannt habe. Mannsthal habe geschwiegen, weil seine Lage Vgelchen
gegenber eine auergewhnliche sei und er selbst scheinbar deren
Anspruch auf Rechtmigkeit verwirkt habe. Sie aber, die Freundin und
Frau, der es gelungen, den Dmon aus Adalberts Leben zu bannen, sie bte
Givo flehentlich gerade um dieser Umstnde willen, nicht zu zwangloser
und unsicherer Beziehung die Sachlage auszuntzen. Sie kenne seine losen
Verbindungen mit Frauen, als des Mdchens Stiefmutter bte sie um
Bescheid. Givo ward in den Grundfesten seines Wesens erschttert, als er
die Freundin solchermaen sanft und eindringlich sprechen hrte. Die
Einstellung war falsch. Niemand wollte wie er Vgelchens glckliche
Geborgenheit. Aber Angele hatte recht, das durfte er nicht, wie er es
bisher stillschweigend getan, jenes Mannes Unrecht ntzen. Whrend
Angele gesprochen, wute er es mit einem Male, er handelte schlecht an
Vgelchen. Er dachte ja nicht daran sie zu verlassen und ihre Liebe war
gro genug sich in auergewhnliche Verhltnisse zu fgen. Seiner
Glaubenslehre war die freie eheliche Verbindung gem, nicht zwanglose
Leichtfertigkeit lenkte ihn und Scheu sich fr alle Zukunft zu
entscheiden. Aber er sah sich gehemmt Frauen gegenber frei zu handeln
und was aussah wie Libertinage, war in Wahrheit Zwang. Was ihn
erschtterte, war, da er sich greller bewut ward, da seine Mutter,
indem sie seine Lehre, die mit berzeugtem Handeln so enge zusammenhing,
schtzen wollte, ihn zu zweifelhaften Kompromissen verurteilte. Seine
Mnnlichkeit, seine Ehrlichkeit strubte sich gegen gebundene Hnde.
Wohin er sah, es war nicht Freiheit mehr um ihn. Wie aber sollte er
wirken ohne sie? Er verabschiedete sich von Angele, es drngte ihn mit
seiner Mutter zu sprechen. Nach Paris zurckgekehrt suchte er sie gleich
auf. Er fand sie lesend, Zora bte im Nebenzimmer eine schwierige
Sonate. Jenseits der Seine waren Trme und Dcher in das Rot der
untergehenden Sonne getaucht, der Flu, dessen Lauf man von den Fenstern
aus verfolgen konnte, hatte etwas feierlich Hinschwebendes.

Ich mchte mit dir sprechen, Mutter. Frau Givo erbleichte. Sie fhlte
das Auerordentliche des Augenblickes.

Was wnschest du? fragte sie.

Ich will nun dieses Mdchen zu meiner Frau machen. Die Frau mit dem
wachsgelben Gesicht sah starr auf den Mund, der das Gefrchtete
ausgesprochen, sie blieb still, aber es war nur der Augenblick,
whrenddessen die Keule ausholt, ihren wuchtigsten Schlag zu tun. Sie
sagte langsam mit unendlichem Hohn:

Die Geliebte ihres Vaters?!

Wie stand es mit der Lge, konnte er nicht Entsetzen ber Verleumdung
heucheln? Der Schlag brannte. Erst als seine Betubung schwand, konnte
er erwidern: Wer hat dir diese Ungeheuerlichkeit hinterbracht? Nun
wurde Frau Givo gesprchig. Gleich, als sie angekommen waren, htte sich
eine Person gemeldet, die geschickt worden sei, ihn, Givo, nach der
Adresse des Fruleins Mannsthal zu fragen. Es handelte sich um die
bermittlung einer Todesnachricht. Sie sei dann mit diesem Mdchen ins
Gesprch gekommen und habe so die sauberen Dinge erfahren, die dieses
von dem Kammerdiener Mannsthals und von jenem Toten wute. Sie habe auch
von diesem ein Andenken mitgebracht mit dem Ersuchen, es dieser
Mannsthal zukommen zu lassen. Frau Givo holte aus einer Lade ein Kuvert
hervor, in dem ein Zettel lag. Manuel las:

_Quod in charitate constitutis nullum peccatum imputetur._

Ein himmelblauer Enzian war aus dem Zettelchen gefallen. Er war nicht
vergilbt und wie ein unschuldvolles Auge aus einer reinen, fernen
Bergwelt sah er in die Schwle dieser Stunde. Givo sagte: Von diesem
Unglcklichen ist es, dessen Tod ihr verheimlicht wurde. Er las die
Worte laut. Verstehst du das? Er hatte es wohl aus meiner Schrift,
gegen die er polemisierte. Verstehst du es, Mutter?

Und wenn ich es verstnde, ich will es hier nicht bestehen lassen. Um
der Snde willen, die an ihr begangen wurde und die sie selbst, wie es
heit, nicht von sich wies. Ich sage nein und nicht um der Liebe willen,
in der sie leben mag, sagte ich jemals ja. Sie ist und bleibt eine
Fremde. Und kraftvoll, da im Nebenzimmer das Geigenspiel zerbrach,
sprach sie: Wisse es, Manuel: Nur ber meine Leiche geht dein Weg in
diese Ehe. Da packte Givo ein heiliger Zorn.

Das ist Lsterung! rief er und er, der Sanfte, warf den Stuhl, den
seine Hnde umklammert hielten, zu Boden. Er nahm seinen Hut und eilte
hinweg.

Einige Tage spter verlie er mit Arabella Paris. Der Mutter schrieb er,
da er sie wiedersehen wrde, wenn sie, von ihrem Wahn geheilt, die
entsetzliche Weigerung einstellen wrde. Er wollte nicht zum Verbrecher
werden an der Ehrfurcht, die er ihr zolle, und nicht zum unglckseligen
Schurken an einem Wesen, das er liebe wie seinen Glauben. Angele bat er
Mannsthal zu vermitteln, da es ber seine Kraft ginge, Arabella zurzeit
seinen Namen zu geben. Es gbe Verwicklungen, die jenseits der blichen
Lebenswege sich nicht in gewaltsamer Entwirrung lsten. Er knne nur
wiederholen, da sie ihm teurer sei als sein Leben und ihrer Liebe so
sicher wie der eigenen.

Vgelchen erfuhr nichts von den Verhandlungen. Sie war glcklich nun des
Geliebten Nhe, losgelst von allen Beziehungen, zu genieen. Sorglos
hingegeben fragte sie nicht nach Gesetzen und Vertrgen.

Es kommt eine Zeit, in der die Freunde nichts hren von Manuel und
Arabella. Sie wohnen im Garten des Glckes und der hat seine Tore
geschlossen und lt niemanden ein. Sie hausen hinter Mauern, ber die
bunte Blumen sich chaotisch ranken und hinter ihnen im Paradies der
Landschaft sprieen sie selbst ineinander, durchweben, durchranken,
durchsonnen sich. Einmal nachts ist ihre Umarmung so vollkommen, da sie
der Frucht dieser Stunde gewi sind. Da kommt am folgenden Tag eine
Depesche von Zora, die der Mutter lebensgefhrliche Erkrankung meldet
und schleunige Abreise empfiehlt. Auf ihr Blhen fllt Frost. Sie raffen
sich schwer auf und ziehen gegen Norden. Er will gern Arabella zu Cecile
schicken fr diese dstere Zeit, die aber ist krank. So mu er sie
mitfhren in das Fremdland, das seiner Mutter Krankenlager umgibt. Ein
Schlaganfall hat in der Stunde ihrer innigsten Vereinigung das Leben Lea
Givos bedroht. Es war, als htten Tod und Zeugung hier geheimnisvollen
Zusammenhang.




                      Cecile fhrt ihren Plan aus


Das Asyl hatte nur wenige Zglinge mehr aufgenommen, seitdem Cecile ihre
Helferinnen verloren hatte. Clothilde war Krankenpflegerin geworden,
Anna leitete in Felix Blancs Lungenheilsttte den wirtschaftlichen
Betrieb. Helene war in ihrem Heim beschftigt. Die Behrden von Chaly
wurden berdies von Jahr zu Jahr unduldsamer gegen das Asyl. Cecile
verlngerte den Pachtvertrag nicht mehr, als er abgelaufen war. Es
gelang ihr mit Hilfe ihrer Schwester das Huschen Givos in St. Cloud
einzurichten und darin die Schtzlinge unterzubringen. In Paris gewann
sie leichter Hilfe und im Notfall Ersatz fr sich selbst.

Besonders lieb war es ihr, da sie sich von Gaston Lantrec, der nun die
Hochschule besuchen sollte, nicht zu trennen brauchte. Dieser junge
Mensch frchtete sich vor dem Gespenst jenes Mordes, das ihm nun oft und
oft erschien. Ein Besuch bei dem Vater im Gefangenenhaus hatte ihn in
tiefste Schwermut gestrzt und Cecile wute es, sein brennendster Wunsch
war alles aufzubieten, des Vaters Begnadigung herbeizufhren. Er wollte
unmig viel Geld verdienen, Stunden geben, Erfindungen machen, den
besten Verteidiger zu bezahlen, da der alte Proze wieder aufgenommen
wrde. Nachdem Cecile das Heim in St. Cloud eingerichtet hatte, lschte
sie ihren Namen aus der Leitung. Sie fhlte sich sehr mde. Man riet ihr
zu Kuren und Reisen, aber sie wute Bescheid, es half ja nur zu einer
Galgenfrist. Eines Tages gab sie Gaston einen Brief, er mge ihn
heimlich dem Vater zustecken. Bald darauf erkrankte sie ernstlich, sie
begab sich in Spitalspflege und starb nach wenigen Wochen. Gaston war
bei ihr in den letzten Stunden. Ninidh mit der weien Hand drckte ihr
die Augen zu. Unter ihren Papieren fand sich ein Brief, der fr das
Gericht bestimmt war. Sie teilte darin mit, da sie vor sechzehn Jahren
aus Eifersucht Frau X. erschossen habe, weil diese die Geliebte des
Bildhauers Lantrec, ihres heimlich Verlobten, gewesen sei. Der Mann habe
die Schuld auf sich genommen und ihr das Gelbde abgerungen zu
schweigen. Nun aber brachte sie die Wahrheit an den Tag. Der Tod lse
ihre schweigenden Lippen. Sie testierte eine grere Summe fr die
Kosten des neuen Prozesses und fr Gefangenenfrsorge. In einem Brief an
Givo bat sie ihn, Gaston in seinen Bemhungen zu untersttzen. Man solle
nicht versuchen sie fr die ffentlichkeit reinzuwaschen. Sie hoffte,
da ihr Leben ein solches gewesen, da ihre Freunde, was immer sie auch
in Leidenschaft getan habe, sich ihrer nicht zu schmen brauchten.
Hector Lantrecs Proze wurde wieder aufgenommen. Zwei Monate nach
Ceciles Tod wurde er aus dem Gefngnis entlassen.




                         Das dritte Mtterchen


Helene war nach ihrem Aufenthalt bei Arabella mit Alphi zu dessen Vater
bergesiedelt und hatte das verwaiste Hauswesen neu eingerichtet. Sie
war fast siebzehn Jahre alt und ihre Mutter billigte es nicht, da sie
in Paris in einem frauenlosen Haushalt leben sollte. Aber es zeigte
sich, da Helene kaum Zeit hatte auszugehen und der junge Gelehrte
flte ihr ein Vertrauen ein, das sich in einer Art verchtlichem
Zweifel ber seine tatschliche Zugehrigkeit zum mnnlichen Geschlecht
ausdrckte. Zudem sah Cecile, die der Schauspielerin als ein hheres
Wesen galt, hier fr Helene eine Lebensaufgabe. Was sollte sie auch mit
der groen Tochter anfangen! Sie hatte einen Hund, den sie in ihrem Muff
trug und abgttisch liebte. Dieses Format war ihrer mtterlichen Liebe
gemer. Helene fhlte sich sehr wohl bei Tallandre, sie war trotz ihrer
jungen Jahre ihm in mancher Weise berlegen. So hatte sie bald zu ihrem
Ergtzen entdeckt, da er sich vor ihr frchtete und sich alle Mhe gab
vor ihr den Wstling zu spielen, der mit anstndigen Mdchen nichts
anzufangen wei. Es war auch ein Teil Wahrheit dabei, denn er war ein
wenig ausgehungert auf seiner Afrikareise. Aber eben deshalb wute er,
da ihm Helene nicht ungefhrlich war. Der gute Fifi, wie ihn seine
Freunde nannten, war zudem ein groes Kind, das auch gern vor sich
selbst prahlte. Er wollte schon fertig werden mit dieser Anfechtung.
Bah, solch ein kleines Mdchen und er, der Elefanten gejagt hatte! Wenn
aber Helene Alphi liebkoste, bekam er alle Zustnde. Ob es denn
eigentlich gesund sei, da sie und das Kind einander so oft kten?
fragte er eines Tages erbost. Gesund nicht eben, aber gut sei es,
antwortete Helene und, als er den Kopf schttelte, sagte sie lachend:
Wenn Sie nicht glauben, da es gut ist, so versuchen Sie es doch -- bei
Alphi natrlich. Eines Tages hatte seine Schwgerin den Kleinen fr
einen Ausflug aufs Land abgeholt. Helene sa vereinsamt ber ein Buch
gebeugt, als er nach Hause kam. Sie sah ihn an und lchelte vertraulich.
Aber er wute, es war nicht der borstige, nrgelnde Tallandre, den sie
anlchelte, sondern der wirkliche, der in Helene verliebt war. Sie war
also liebevoll, ohne von ihm Notiz zu nehmen, sie liebugelte mit ihm
ber seinen eigenen Kopf hinweg, mit seinem freundlicheren Ich. Er
rgerte sich ber die Geringschtzung eines Anwesenden. Nun, wen haben
Sie heute zu kssen? fragt er hmisch.

Alphis Vater, sagte sie, stand auf und trat mit strahlenden
Schelmenaugen auf ihn zu. Da packte ihn die Liebeswut und er verga
seine schnde Verachtung fr die anstndigen Frauen. Er verga sie so
grndlich, da nach einem Monat Helenes Mutter in ihrem Freundeskreis
erzhlte: Meine Kleine ist ein Ungeheuer, sie hat mich zur wirklichen
Stiefgromutter gemacht. Und sie zeigte mit Stolz das Bild Alphis. Zur
Gromutter war sie begabt. Sie entschdigte Alphi fr die Zrtlichkeit,
die nun sein drittes Mtterchen Helene zum Teil seinem Vater zuwandte.

Helene schrieb berschwengliche Briefe an Vgelchen. Das Einzige, was
ihr junges Eheglck trbte, war Ceciles fortschreitende Krankheit und
schlielich ihr opfergekrnter Tod.




                               Im Norden


Arabella und Givo erhielten die Nachricht von Helenes Verheiratung in
Hamburg, wohin sie eiligst gereist waren. Wenn Vgelchen an diese
Lebenszeit zurckdachte, sah sie bleischweren Nebel, hrte Strme an
ihre Fenster trommeln und den Schrei der Dampfpfeifen des Hafens. Und
doch war Frhling und an der Elbe blhte es in den Grten. Givos Mutter
lag wochenlang zwischen Leben und Tod. Er konnte sich kaum wegstehlen
von dem Krankenlager. Vgelchen war allein in der fremden Stadt und ihr
Leid mute schweigen, weil der Geliebte mehr litt als sie selbst. Als
sie angekommen waren, hatte er sie in einem Hotel an der Alster
untergebracht. Der Zustand der Mutter erwies sich wohl bedenklich, aber
eine unmittelbare Gefahr bestand nicht mehr. Der Arzt war es zufrieden,
da Givo gekommen war, aber er schlug vor, da er sich vorlufig der
Mutter nicht zeige. Er wolle sie zuvor im Verein mit Zora langsam
vorbereiten. So war es Givo mglich gewesen, die ersten Tage mit
Arabella zu verbringen. Wiewohl hinter jedem freudigen Augenblick das
Bewutsein lauerte, an der Mutter Krankheit mitschuldig zu sein, und
dunkle Ahnungen ber neue Verwicklungen ihn beschatteten, fhrte er
Vgelchen umher zu den Sttten seiner Kindheit. Sie war bemht ihn
aufzuheitern und es fiel ihr seltsam leicht, heiter, ja freudig zu sein.
Es war, als sprudelte noch immer ihr Blut in heiem Takt. Sie fand das
Essen kstlich, sie fhlte ihre Muskeln in neuer Kraft. Manuel sah sie
zuweilen forschend an, ohne da sie es bemerkte. Eine Vermutung war in
ihm aufgestiegen, die ihn aufs tiefste bewegte.

Nun war es so weit, da Givo die Mutter besuchen konnte. Sie beherrschte
wieder die Sprache, nur ab und zu machte ein Wort ihr Mhe. Sie lag zu
Bett und sah ihm mit sanfter Freude entgegen. Er mute sich beherrschen,
um die Trnen zurckzudrngen: es ging eine Milde von der Mutter aus,
die nicht mehr von dieser Welt schien. In ihrer Rede kam etwas mhsam
von weither, als htte er sich von neuem des gewohnten Lebens zu
besinnen. Sie verschwieg ihm ihre Sehnsucht, wie ihre Gedanken durch
Qualen ihn stndlich gesucht, wie sie in ihren welkenden Tagen jede
Stunde als eine unwiederbringliche fhlte, das Entbehren seiner Nhe als
einen Fluch, der sie vergiftete. Nichts von der gefhrlichen Warnung des
Wahnsinns sagte sie ihm. Aber eben in dem Schweigen sprte er in
aufflammender Liebe ihre Peinigung. Sie sprach ihm von allerlei, von
ihrer Krankheit erwhnte sie nichts. Sie gab ihm wohl die Schuld und in
ihrem Bemhen, sie im Gesprche zu bergehen, lag die Anschuldigung am
deutlichsten. Givo beachtete nicht, da Geisteskranke zuweilen das
wirksamste Mittel whlen ihr Ziel zu erreichen, da auch ihrer Ruhe
nicht zu trauen ist. Dankbar lie er die Milde auf sich wirken, er sah
der Mutter Bild wieder rein und hell, umstrahlt von der Mrtyrerkrone
ihrer Duldung, die Zukunft schon gelst in Einigkeit. Freundlichst kam
er Zora entgegen. Ihre Treue fr die Kranke bewegte ihn. Die verhaltene
Glut ihres Blickes konnte er sich nicht deuten. Liebe oder Ha? Beides
vielleicht?

Als Frau Givo ermdet den Sohn verabschiedete, lie sie Zora zu sich
rufen.

Er wohnt nicht im Hause? fragte sie.

Nein, antwortete Zora.

Dieses Mdchen ist bei ihm?

Zora zuckte die Achseln, aber ein Zucken um ihren Mund bedeutete, da
die Kranke richtig geraten habe.

So will ich morgen ein Ende machen zwischen ihm und ihr, sagte sie.
Nun will ich mir Kraft zuschlafen. Gute Nacht!

Da sagte Zora: Kann Glck sein, wo so harte Weigerung ist? Hab' Mitleid
mit uns beiden. Ich fhle, wie das Bse in mir aufsteigt, Rache um seine
Liebe fr die andere.

Da richtete sich die Frau auf, so gut sie konnte. Gott will es. Er
sthlt mir den Willen bis in den Tod. Vertrau ihm. Willst du ihm
ungehorsam sein, dann geh aus meinen Augen! Geh!

Wohin? fragte Zora tonlos. In diesem Augenblick rissen in ihrer jungen
Brust alle Fden der Zusammengehrigkeit. Ihr heimatloser Sinn kehrte
von Suchen und Sehnen zurck und wandte sich auf immer ab vom
Gemeinwesen der Menschen.

Du kennst deinen Weg, wenn du dich deinem eigenen Glck widersetzt. Dem
hchsten Glck, das je einer Frau zuteil werden kann! Fort in die
Glaubensschule und dann in Stellung.

Und als Zoras Schweigen wie Unheil sich im Zimmer breitete, sagte sie
beschwrend: La es reifen in ihm, erobere ihn dir. Rette ihn zu dir,
aus der Verhexung dieser Fremden.

Die Kerze flackte auf von unsichtbarem Hauch geschreckt. Zora stierte
ins Feuer und wnschte, da es sie und die Welt verschlnge. Lsch
aus, sagte Frau Givo. Morgen mu wieder Klarheit kommen: das Licht,
und wie im Traum schon lallte sie: Licht.

                   *       *       *       *       *

Das Licht aber drohte ihrer Lebensflamme zu verlschen. Givo sagte: La
ab, Mutter. Diese Gemeinschaft kannst du nicht trennen. Als sie
erwidern wollte, fiel ihr Kopf zur Seite, die Zunge ward ihr schwer, die
Augen blickten stier, die Glieder wurden lahm. Zwei Tage darauf erwachte
sie aus todeshnlicher Bewutlosigkeit. Manuel hatte lange Beratungen
mit dem Arzt und Zora. Es wird nicht mehr lange dauern. Belgen wir
sie, sagte das Mdchen. Ihre schwarzen Augen flackten zu blulichem
Glanz, als sie Givo fragend anblickte. Der Arzt mahnte. Nehmen Sie ihr
die Qual. Die Mutter lag im Nebenzimmer und kmpfte sich ins Leben
zurck. Pltzlich schrie sie auf, dumpf wie ein gengstigtes Tier. Givo
stand auf, nahm Zora an der Hand und trat an ihr Bett. Mutter, rief er
leise. Und Zora lehnte den Kopf an Givos Schulter und weinte. Da
lchelte Lea Givo und wollte das Zeichen des Segnens machen. Sie war zu
schwach, aber sie verfiel in ruhigen Schlaf und, als sie erwachte, war
die drohende Gefahr vorber.

Vgelchen hatte Manuel frhlich erwartet. Er war voll Hoffnung von ihr
gegangen. Nun kam er nicht. Des Abends erst sandte er Botschaft, die
Mutter sei schwer erkrankt. Zwei Tage vergingen, bedrckt von der
pltzlichen Einsamkeit und der Qual, in der sie ihn wute, um
ihretwillen vielleicht. Sie hatte ihn der Mutter genommen und jenem
Mdchen, das fhlte sie. Aber warum konnten sie nicht beide an ihm froh
werden? Wenn er aber ihr genommen wrde, was dann? Zurck zu Cecile?
Nein, nicht arm und verwaist ins Asyl, nach St. Cloud, wo sie mit Givo
glcklich gewesen. Sie wrde Va besuchen und dann reisen, bis sie ein
Ziel fand, irgendein Ziel. Welches? Nein, nein, sie wrde bleiben, wo er
war. Konnte es denn sein, da er sie von sich lie, da er nicht ein
Leben fand, in dem auch sie war? Allem wollte sie zustimmen, was nicht
Trennung hie. Und vielleicht, vielleicht gab er ihr ein Kind! Wer
konnte ihr verbieten ein Kind zu haben? Dann wrde sie die Einsamkeit
schon leichter tragen. Und als sie darber sann, war es ihr, als sei ihr
der Wunsch erhrt. Sie legte die Hnde auf ihren Scho und erlebte die
Verkndigung. Wie im Traum lag sie und war gefeit vor Schmerz. Spt
abends kam Givo, bleich, seine Augen brannten. So hatte sie ihn nie
gesehen, ihn, den Ruhigen, den immer Befestigten. Er kniete vor ihr hin
und legte den Kopf in ihren Scho. Lange lag er so und schien Ruhe zu
schpfen und nachzusinnen.

Da fragte sie leise, wie aus einem Traum: Hrst du unseres Kindes
Herzchen schlagen?

Er schttelte den Kopf. Trnen gebadet hob er sein Gesicht zu ihr auf.
Es wurde in der Nacht, als der Tod die Mutter anfiel, sagte er. Darum
darf es nicht sein, du mut es ungeschehen machen mit deinem Willen. Es
ist mir Schweres geschehen. Ich habe meine Hand in die einer anderen
gelegt um der Mutter Leben und Ruhe willen. Kannst du mir verzeihen?
Kannst du mir vertrauen, trotz allem? Sie lag starr. Gigantische Krfte
htten ihr jetzt die Zunge nicht gelst. Wille und Wort waren in einen
tiefen Schacht gefallen, der hie Verzweiflung. Nach einer Stunde erst,
in der sie beide regungslos gelegen, hauchte sie: Ich vertraue dir. Ich
lebe ja nur durch dich. Tu, was du mut. Nur tte mich nicht, tte mich
nicht. Er hatte sie umfangen, whrend sie aus den Tiefen des Schmerzes
zu ihm sprach und in unendlicher Liebe nahm er sie zueigen. Dumpf
heulten die Dampfpfeifen im Hafen. Nordwind peitschte die Wolken.
Angstvoll war das Flattern der Sturmvgel und Mven.

                   *       *       *       *       *

Zu dieser Zeit erfuhren sie Ceciles Tod. Zum ersten Male griff die
schwarze Hand in Arabellas Nhe, zum ersten Male konnte sie erfassen,
was es heit: ein Mensch ist ausgelscht, der dir lieb war, und ein
Stck deiner eigenen Seele ist mit ihm gewandert. Und whrend Givo nur
Trauer empfand, qulte sie sich ber Ceciles Gestndnis. War es mglich
zu tten? Seltsam, sie mute an jene Begegnung vor Manuels Tr im
Observatoire denken, an den triumphierenden Blick jenes Mdchens. Sie
fragte sich, ob sie selbst wrde ein Leben vernichten knnen, das ihren
heiligsten Besitz bedrohte. Und da der Geliebte dann fr Cecile
geschmachtet hatte! All das qulte, bis Givo ihr bewies, da Cecile
einen frommen Trug, nicht einen Mord begangen hatte. Das Leben war ihr
beschattet von allen Seiten und Givos Sonne hellte es nicht; die trug ja
selbst den Flor der Trauer. Nein, kein Kind in dieses Leben setzen, das
sie nicht zu entrtseln vermochte. Nie htte sie es beschtzen knnen in
der Wildnis, die sich vor ihr auftat. Sie war so sehr versonnen, da sie
ihrer tglichen Bedrfnisse kaum achtete. Givo war oft Tag und Nacht an
das Krankenlager der Mutter gebunden. Er konnte nicht acht haben auf
sie. Vgelchens wandernder Sinn blieb nicht haften am eigenen Schmerz,
er verirrte sich in alle Labyrinthe menschlichen Leidens. Manchmal
stie sie die Kinderstirne wund an den nchtlichen Toren der
Unwiederbringlichkeiten und trug aus dieser Zeit unauslschbare Narben
in ihr Leben mit. Der Schmerz ttete das keimende Leben in ihr und, als
sie dessen bewut war, beweinte sie es. Zu zart war ihr Krper, den
Unbilden der Seele zu trotzen. Wie ein Schifflein, das von leichtem
Segel beflgelt auf dem Schrecken des Meeres tanzt, ward er vom Sturm
ergriffen und seine Ladung ber Bord geschleudert. Ein Krnlein lag am
Meeresgrund. Zuweilen schimmerte es zu ihr auf und sie sandte ihm die
Perlen der Trnen, es zu schmcken. Aber das Meer trank sie auf in
dumpfer Unersttlichkeit.

Frau Givo lag gelhmt. Man ging auf Zehenspitzen, es war gesorgt, da
keine Tr ins Schlo falle. Ein Erschrecken konnte sie tten. Man hatte
ihr gesagt, die Heirat sei vorbereitet, und eines Tages trat Zora vor
sie in festlichem Kleid. Heute wird es sein. Givo kam herzu. Der
Mutter Hand wollte nach seiner Stirne tasten. Der Wagen ist schon
vorgefahren, drngte Zora. Sie verlieen die Kranke. Zora ergriff ein
Weinkrampf, als sie die Stiegen abwrts schritten. Der Schleier fiel
ber ihre Trnen. Der Arzt blieb bei Frau Givo zurck, whrend Zora und
Manuel, die Zeit hinzubringen, eine Rundfahrt durch die Stadt machten.
An dem Krankenbett war dann ein Mahl gerichtet, dem nur der Arzt
zugezogen war. Die alte Minka weinte verstohlen. Sie allein unter den
Dienstboten ahnte das Verschwiegene. Ihre Herrin lag mit einem Lcheln,
das wie Eisglanz ber dem gelblichen, halb gelhmten Gesicht funkelte.
Bald schlummerte sie wieder ein. Givo kte Zoras Hand. Hab Dank fr
dies traurige Spiel, sagte er. Ihre Mundwinkel bogen sich nach abwrts,
sie senkte die Lider ber den Fluch ihres Blickes. Er strzte davon, dem
Ersticken nahe, Betrug wrgte ihn tdlich. Seine Seele schrie nach
Unbeflecktheit, aber wohin er auch blickte, war Schuld.

Frau Givo wollte nicht so rasch aus einem Dasein gehen, in dem sie nun
endlich ihren heiesten Wunsch erfllt sah. Zhe Krfte hielten sie am
Leben und schmiedeten Zora und Manuel an ihr Krankenzimmer. Gste wurden
nicht vorgelassen, einige Glckwnsche fingiert. Die Kranke hatte
aufgetragen, da das untere Gescho des Hauses fr Zora und den Sohn
eingerichtet wrde, und es traf sich gnstig, da der Raum, in dem
Imanuel die kostbare Sammlung alter astronomischer Instrumente
aufbewahrte, zu diesem Zwecke gerumt werden sollte. Er trumte von
einem Uraniaborg, einer Sternwarte am Meer, wie sie sein geistiger Ahne
Tycho de Brahe besessen, einer Insel Gwenna, auf die er nachts zu Liebe
und Arbeit entfliehen wollte, vom Zwang und Trug an der Mutter
Krankenbett. Es fand sich bald ein turmartiges Gebude mit drei riesigen
Rumen, die er sogleich fr seine Zwecke umgestalten lie. Das eine
diente zur Aufstellung der Sammlung, die anderen als Schlaf- und
Arbeitsrume. Er scheute keine Kosten, um rasch das Gemuer wohnlich zu
machen. Eine Fischersfrau wurde zur Bedienung gedungen. Als Arabella
nach den Wartetagen in dem Hotel, das sie kaum verlassen hatte, von
Givos Plan erfuhr, war sie glckselig. Endlich wrde sie wieder mit ihm
vereint sein, sein Leben erhellen und seine Arbeit teilen. Sogleich sah
sie sich als sein Famulus, der Knabengewnder trug, um in der einsamen
Behausung unbehelligt zu sein. Glcklich, sie wieder ermutigt zu sehen,
duldete er freudig ihre romantischen Einflle und war selbst darin
nachgiebig, als sie nach Besichtigung des Turmes erklrte, daselbst auch
dann wohnen zu wollen, wenn er gezwungen sein wrde bei der Mutter zu
bleiben. Das Befinden Frau Givos verschlechterte sich indes nicht und
Manuel konnte unter dem Vorwand, auf seiner Sternwarte zu arbeiten, die
Nchte unbehelligt auer Hause verbringen. Die ersten Wochen verflogen
unter emsigem Auspacken, Ordnen und Reinigen der alten Gerte und der
vielen astronomischen Bcher und Schriften. Givo wollte den Turm
allmhlich zu einem historischen Museum der Sternkunde ausbauen. Mit dem
ihr eigenen Eifer vertiefte sich Vgelchen in das Studium der alten
Bcher, legte Kataloge an und gefiel sich in ihrer Verkleidung.
Stundenlang blickte sie aufs Meer, das hinter dem Fjord sich weit
ffnete, und erdachte sich Wunder. Sie ging meist nur abends aus. In
weiten Mantel gehllt, den Lockenkopf unter einer Samtkappe verborgen,
kam sie Manuel entgegen, dem die kurze Bahnfahrt endlos dnkte. Er
brachte allerlei Leckerbissen mit, die sie fr das schlechte Essen, das
die Fischersfrau bereitete, entschdigen sollte. Bis Mitternacht
arbeiteten sie, verbrachten dann Stunden heiligster Liebeseinigkeit und,
whrend Arabella in den spten Morgen schlief, verlie Givo sie fast bei
Tagesanbruch. Dieses Leben, so sehr es sie auch beglcken mochte,
untergrub ihre Gesundheit. Dann kamen Abende, wo sie vergeblich Manuel
entgegenging. Die Fischersleute in der Umgebung begannen neugierig zu
werden und blickten ihr nach. Strme durchbrausten den Turm und
durchheulten die Nchte, die sie schlaflos verbrachte, wenn der Geliebte
ihr fern war. Kam dann Givo, schien ein ihr verborgenes Leben noch an
ihm zu haften. Aus der Ferne hrte sie ein Mdchenlachen wie hinter der
Tr im Observatoire und ein hliches Gefhl lie ihr das Zutrauen
erkalten. Hielt ihn die andere dort auch oder allein der Mutter
Krankheit? Zu lange schon dauerte diese Wartezeit, die sie so viele
Stunden von ihm trennte, in der er ihr unzugnglich war wie ein Fremder.
Givo aber lebte nun kaum mehr ein eigenes Leben. Er wute lngst, da er
den Tod der Mutter ersehnte, immer dringlicher. Nichts anderes mehr
konnte ihn befreien von der Lge und auch der Tod nicht, der die
Gequlte erlsen sollte, wenn er zu kommen zgerte. Denn er fhlte, wie
die Kraft seiner Seele sich spaltete an der Ungeheuerlichkeit, da er,
dem der rechte Weg bewut war wie kaum einem jungen und warmfhlenden
Menschen, nun belastet war mit Schuld. Schwer trug er es, Arabella
unbeschtzt zu wissen, ehelos ihm angetraut, schwer drckte ihn ihre
Klage um das Kind, das sie sich erhofft, qualvoll war ihm sein Wunsch
nach der Mutter Tod, peinigend Zoras ihn suchende Nhe. Denn neben
Arabella schien ihm Zora noch schwereres Los zu tragen. Ihr Opfer war
grer noch, weil es nicht bedankt war durch seine Liebe. Verwaister war
sie und zur Unglckseligkeit bestimmt, weil sich ihr junges Blut in
Hoffnunglosigkeit vergiftete. Nun wute er es, sie liebte ihn. Da wollte
er ihr Gutes erweisen und schlug ihr in Gegenwart der Mutter vor, ihr
Geigenspiel wieder aufzunehmen, vorerst auf eine Woche zu verreisen, um
sich an guter Musik zu erfrischen. Sie nickte nur freudlos. Auch hier
hatte der zehrende Brand ihrer unerfllten Liebessehnsucht gewtet. Seit
jener Scheinhochzeit fhlte sie sich nicht mehr jungfrulich gehemmt.
Hei sengten sie die Blicke fremder Mnner. Ihr Blut siedete. Sie wute,
ihre Zeit war gekommen, unaufhaltsam drngte es sie zum Manne. Wenn sie
sich wegwarf -- und das wrde sein -- konnte tglich, pltzlich aus
einer Stunde brechen, warum nicht an ihn, an Manuel, warum nicht besser
an ihn! Dann wrde sie gehen und nie wiederkehren! Wre das nicht
Erlsung auch fr ihn? Einmal hatte sie eiferschtiger Verdacht
hinausgetrieben auf sein Riff, das zu besuchen er ihr untersagt hatte.
Sie hatte der Fischersfrau aufgepat und erfahren, es sei nur ein Junge
im Turm, der die Instrumente putze. Dies gab ihr Mut ein Letztes fr
sich zu erhoffen. Aber ein dumpfes Mitrauen beschlich dennoch die
Nchte, die er auf der Warte verbrachte. Wenn er ihr Erleichterung
schaffen wolle, bat sie, so mge er ihr einige von seinen Arbeitsnchten
opfern, damit sie sorgloser schlafe. Zu ngstlich wache sie ber der
Kranken Schlummer. Seine Stirne verfinsterte sich, aber er schlug ihr
die Bitte nicht ab. So blieb er denn zuweilen nachts in der Stadt. Und
einmal spt abends, als er ber ein Buch geneigt in seinem Zimmer sa,
rauschte der Vorhang auf, der seine Tre von der Zoras noch dichter
abschlo; als er sich wandte, stand das Mdchen im Nachtkleid an der
Schwelle. Wie ein Mantel umwallte sie das schwarze Haar. Die Nacht
selbst schien zu ihm gekommen und blickte ihm dster, rtselvoll
verlangend ins Gesicht. Und mit seltsam ferner Stimme lispelte Zora:
Ich will bei dir sein, eine letzte Nacht. Er blickte sie an
erschrocken und wie verwundet.

Kind, warum, warum? Warum es uns so schwer machen?

Ich habe Sehnsucht, sagte sie klagend. Er war ergriffen, da sie
gekommen war, ihm verlangend ihr Leid zu sagen, sie, die Verschlossene,
deren Stolz er mit seiner Klte so oft geknechtet haben mochte. Er nahm
sie in seine Arme wie ein fieberkrankes Kind. Da fhlte er die
Kstlichkeit ihrer reifen unberhrten Jugend. Aber er trug kein
Verlangen nach ihr. Des Morgens bat sie, la mich bei dir, nimm mich
auf die Warte, nur eine Weile, dann gehe ich fort.

Du kannst nicht gehen, sagte er traurig, du gingest denn in dein
Unglck, hei wie du bist, mein armes Kind.

Nenn mich nicht arm nach dieser Nacht, flsterte sie. Sie war nicht
stolz mehr, sie wute flehentlich zu bitten, wenn er des Abends wegging.
Er mute ihr Drngen vertrsten auf kommende Nchte.

Aber Vgelchen, die wenig wute, fhlte, erahnte viel. Es war ihr
Gewiheit, bevor Givo sprach, da eine Frau ihr die Nchte stahl. La
ein Ende kommen, dann reisen wir, bat er. Sie sah ihn stumm an. Sie
verstand dieses fremde Mdchen, sie, die ihm selbst so gut war, und sie
verstand seine Nachgiebigkeit, aber seltsam, er wurde ihr ferner,
fremder in dem Wissen, da sie ihn nicht allein besa. Sie war nun scheu
in ihrer Hingabe, als wre noch der Blick eines Dritten in ihm, und sie
frchtete sich, sein Mitleid knne Freude werden an der anderen. Dann
wieder schmte sie sich, ihm Freude zu mignnen. Ehe ihr offenbar war,
was geschehen, hatte sie, wenn Givo klagte, er frchte im nordischen
Winter fr ihre Gesundheit, den Plan erwogen, zu Helene zu fahren. Nun
aber hie dies, der anderen das Feld zu rumen. Sie blieb, aber sie
verachtete sich darob und sie wute, da sie selbst ihr teuerstes
inneres Gut opfern wrde, wenn sich diese Selbstverachtung zum uersten
steigern wrde.

Da kam ein Brief von Adalbert und Angele, dem einige Zeilen von
Karinskis Hand beigefgt waren. Man war zusammen in Nizza, in dem
unvergleichlich schnen Villenbesitz Mannsthals. Der Kleine erstarke in
der sdlichen Luft, es sei auch Olga, Karinskis reizendes Tchterchen,
da, denn Grfin Tanja sei vor einem halben Jahre gestorben und der Graf
habe seine Tchter in Schweizer Pensionaten untergebracht. Ob denn
Vgelchen nicht friere im garstigen Norden, hier sei ihr ein warmer
Empfang bereitet. Gab es das, irgendwo Wrme, Menschen, die sie liebten,
die sie nachts nicht allein lieen, gab es Blumen, tropisches Blhen,
Frauen in schnen Kleidern und weltmnnische Kavaliere, die von frh bis
abends ihre Damen umsorgen, gab es Bder, reinliches Essen,
Sorglosigkeit? Wer aber wrde Manuels Instrumente putzen, seine
Schriften in Ordnung halten? Nun, jene andere doch! Befreite sie ihn
nicht von dem Zwiespalt, wenn sie ging? Nicht die Mutter war es, die sie
trennte, die Gelhmte, die ihr Bett nicht mehr verlie. Der Freund htte
sie ja selbst im Hause halten knnen, ohne da die Kranke es jemals
htte erfahren mssen. War Givo nicht dort Herr des Hauses? Nein, jenes
Mdchen war es, die sie fern hielt, und sie fhlte den bsen Zauber, der
zwischen diesen beiden Welten spann. Es kam der Tag, wo sie es nicht
mehr ertrug, ihn in der Nhe der anderen zu wissen, wo sie unter seinen
Liebkosungen litt und seine zrtlichen Worte nur mit Bitternis geno.
Der Bissen, den sie a, war ihr vergllt, sie schmte sich der
Verkleidung. Ihre erschtterten Nerven brachen ihr die sanfte Geduld.

Eines Abends fand Givo die Warte verdet. Er rief nach dem geliebten
Wesen. Seine Stimme hallte erschrocken zurck vom alten Gemuer.
Irgendwo klirrte ein Instrument wie leises Wimmern. Vgelchen war
fortgeflogen.




                               Entflogen


Wie ein sinneraubender Taumel war die Fahrt von Meer zu Meer. Sie
erwachte erst aus dumpfer Verzweiflung, als Mannsthal und dann Karinski,
die an die Bahn gekommen waren, sie umarmten. Zwei Tage war sie rastlos
unterwegs gewesen. Schmeichelnd umgab sie nun die se sdliche Wrme.
Jetzt erst fhlte sie, wie oft sie gedarbt hatte nach der warmen,
kosenden Luft, in der sie geboren war. Nach kurzer Wagenfahrt durch
festliche Straen trat aus dem Dunkel eines tropischen Villengartens
Angele mit dem blassen Knaben Gilbert. Sie kten einander. Es war keine
Scheu mehr zwischen ihnen. Schlaftrunken sah Arabella die kleine Olga,
die nach ihr lugte, dann folgte sie Angele in das Zimmer, das man ihr
bereitet hatte, und verfiel totmde in tiefen Schlaf. Als sie erwachte,
war Mitternacht nahe. Sie tastete sich hinunter in das Speisezimmer, die
Tre zur Terrasse stand offen. Es war nichts zu sehen als das Glimmen
einer Zigarre. Der einsame Raucher drauen wandte sich, es war Karinski.

Nun, war ich nicht klug? Die anderen sind endlich zu Bett gegangen. Ich
wute, da das Vgelchen bald ausgeschlafen hat. Er zog sie auf seine
Kniee und kte sie wie vor Jahren. Ihm war sie das Kind geblieben, das
Porzellankindchen, wie er sie genannt. Und Arabella lachte wieder, es
ging so viel warmer, kindlicher Frohsinn von ihm aus. Wochen schienen
vergangen, seitdem sie nicht mehr gelacht. Alles war hier weich und
sorglos. Wie eine Geisterburg stand fern im nrdlichen Sturm die
Sternwarte. Weh ihr, sie sah den Verlassenen dort.

Es sei eine Depesche von ihrem Freund eingetroffen, ob sie angekommen
wre, Angele htte gleich beruhigend geantwortet, sagte Karinski, doch
er fragte nichts. Als sie lange schwieg, sagte er: Wir haben beide viel
gelitten, seit Tresano. Nun soll es besser werden. Ach, Arabella wute
nicht, ob es besser werden konnte. Karinski aber begann ihr zu erzhlen,
wie er Tanja verloren und nun die Kinder untergebracht hatte. Olga wolle
er hier lassen, um weiter zu reisen. Da sagte Vgelchen traurig: Nein,
la sie nicht hier. Er nahm ihre Hand, er erriet sie. Das ist wohl
vorbei bei ihm, sagte er. Du mut ihm verzeihen, bat Karinski. Es
fehlt ihm sonst nichts zu seinem Glck als das deine. Die Frau hat Ruhe
in sein Leben gebracht. Auch du wirst Ruhe haben, wart' es ab.

Ich werde niemals Ruhe haben, sagte Arabella. Ihr nennt mich
Vgelchen. Ich werde immer wandern, von Sd zu Nord, von Nord zu Sd,
immer!

Hier ist gut sein eine Weile, sagte er. Willst du dann mit mir
wandern?

Wenn er mich ruft, mu ich zu ihm. Solange bin ich frei. Wie gern will
ich da mit dir sein. Sie sprachen die ganze Nacht. Als sie in ihr
Zimmer zurckging, beim Morgengrauen auf eine Weile sich hinzulegen,
suchte sie, aus Halbschlummer erwachend, den Geliebten neben sich. Dies
war die Stunde, da er sie, bevor der Tag ihn zu der Kranken rief, noch
einmal in seine Arme schlo. Erinnerung berkam sie so stark, da sie
vor ihrer Flucht zu tiefst erschrak. Sie hatte nicht bedacht, da ihr
Handeln Givo zu anderer Besinnung bringen konnte, als mglichst bald dem
zwiespltigen Zustand zu ihren Gunsten ein Ende zu bereiten. Aber auch
dies hatte sie nicht bewut erwogen. Sie war der Unertrglichkeit
entlaufen. Wie so oft schon hatte sie besinnungslos und wahrhaftig
gehandelt, einem inneren Ruf folgend. Aber nun litt sie herbes Leid um
ihn und seine Not. Sie fate ihre Tat nicht mehr. Sie setzte sich hin,
ihm zu schreiben. Zwei Stunden lang stammelte sie Worte der Reue, der
Liebe. Mute nicht ich dich der Freiheit wiedergeben, da du whlen
konntest? Die anderen hatten dich nicht lieb genug, sie dir zu geben.
Ich ertrug es nicht, das mit der anderen in meiner Abgeschiedenheit.
Nicht Neid war es, aber es war so unheimlich, weil es doch geschehen war
gegen deinen Willen, wie deine Mutter wollte. Und mein Stolz tat weh, so
weh! Ich fhlte die andere bei dir, wenn ich in deinen Armen war. So
ging ich pltzlich weg und hab es nicht auf mich genommen zu warten.
Httest du mich freiwillig gehen lassen? Es wre noch trauriger gewesen,
wenn du mich nicht gehalten httest. Ich bin treulos und doch bleibt
mein Herz auf immer bei dir, wie es bei Gott bleibt, Manuel. Leb wohl
und whle, ruf mich. Ich komme, sobald du rufst. Dein

                                                           Vgelchen.

Es kam nur eine kurze Antwort. Geliebte, mein strkstes Gefhl ist
Reue, Reue, da ich dich weggesperrt hielt, dich junge Blte, dem Sturm
lie und der Verlassenheit. Denn ich selbst war ja nicht mehr das Leben,
das zu dir kam. Ich lebte tagsber im Hause des Todes und nachts stahl
ich seiner Gier die Stunden, den Sternen und unserer Umarmung. Aber er
war immer da, der Tod schlich mir nach. Das Licht hat nicht Gewalt ber
mich vor seinem allgegenwrtigen Angesicht. Dich, Vgelchen des Lichtes,
hielt ich im Bauer der Dunkelheit, aber der Tod ging dich nichts an. Das
war es. Es war ein fremder Tod. So gingst du und du hast es entschieden.
Nie forderte ich; du hast gegeben, du tatest, was Gott dich tun hie, du
hast genommen. Nicht stndlich wute ich, wer du seiest. Ich hielt dich
nicht mit jedem Atemzug. Nun trennt uns die uere Welt. Sei frei und
la die Wege walten. Jene andere dauerte mich. Nun ist es geschehen. Da
ich nur dich liebe und immer lieben werde, wie knntest du daran
zweifeln. Nur da mein Lieben nicht abhngt vom Geschehen, das wisse.
Meine Lehre verbietet es, an Zuflle zu glauben, alles hat seine
geheimen Fden. Vielleicht war es nur zu frh, Arabella, zusammen zu
bleiben. Vielleicht mssen wir noch durchs Feuer gehen, ehe wir
hienieden den Himmel gewinnen, in dem unsere Sterne gepaart sind. Bis
dahin leb wohl, mein Nachbarstern.

                                                             Imanuel.

Der Brief erhob sie ber den Schmerz. Ihre Sehnsucht ward wie einst
Aufstieg zum gttlichen Licht. Ihre Liebe war Demut auf allen Wegen und
trug nicht irdische Fessel mehr. Um sie war alles Lustbarkeit, miges
Sonnen in der Stadt der Blumen. Sie konnte mit den Freunden lange auf
dem Boulevard des Anglais sitzen und scherzen wie andere schne Frauen.
Klima und Menschen umgaben sie mit Zrtlichkeiten. Olga vergtterte sie
und Mannsthal war eiferschtig auf diese Liebe. Neben der viel jngeren
Olga war ihm Arabella nur die Tochter, auf deren reizvolle Erscheinung
er stolz war. Ein leichter wissender Ton des Scherzes war zwischen
ihnen. Sie war sich selbst verwandelt, ihre Schwere aufgelst im
Einatmen der Freude, ihre Trnen wie aufgesogen vom heien Blau des
Meeres und von dieser berauschenden Lichtflle, die im Sden wie ein
Wunder beglckt. Zuweilen im Gesprche mit Angele kam Erinnern an
Schmerz und Glck. Sie war mit ihr ernst und vertraut und unterhielt
sich mit ihr ber das Kind, als wre sie selbst schon Mutter gewesen.
Dem Kleinen gegenber war sie nicht so kindlich aufgeschlossen mehr, wie
sie es zu Alphi gewesen. Da mute sie an ihre Fahrt nach Quesnon denken,
an den Augenblick, wo sie Angele im Garten erblickt, und zuweilen auch
an ihre verlorene Hoffnung auf ein Kind. Eine andere wieder war sie mit
Karinski. Ihm war sie ein Fabelwesen, das man vor der Wirklichkeit
schtzen mute. Er lie sie selten allein, wenn sie ohne die anderen
ausgegangen war, schlenderte ihr nach, wanderte mit ihr von Laden zu
Laden, um schne Dinge fr sie auszuwhlen, entrckte ihr das Leben, in
dem es Arme und Unglckliche gab, da ihr nicht, wie ehedem, die
Sorglosigkeit geraubt sei. Er war fast immer bei ihr, ohne sie zu
hindern sich unbewacht zu fhlen. Er lenkte selbst ihre Aufmerksamkeit
auf Bewundernde und hielt sich abseits, wenn sie sich mit jungen Leuten
vergngte. Einmal sah sie auf dem Boulevard des Anglais Guy de Malpasse,
der ihr in Louvais nach jener Klosternacht begegnet war. Er erkannte sie
nicht. Sein Blick hatte sich verdstert, er flammte dunkel auf, als er
in den ihren brannte. Sie wandte sich leichthin, er desgleichen. Sie
lchelten fast schmerzhaft. Dies war das erste Mal, da Arabella jenes
Spiel der Augen bte, bewut des Spielens und der Lockung. An Tagen
irdischer Sehnsucht, wo sie sich hinsetzte an Givo zu schreiben, um dann
den Brief in tausend Fetzen zu reien und diese rasch irgendwo
unsichtbar zu machen, wie um die Schmach ihrer Schwche zu verwischen,
kleidete sie sich mit Sorgfalt und flog unter die schaulustigen
Menschen, hungrig nach bewundernden Blicken, die ihr Feuer snftigten.
Sie fhlte, da sie auch Adalbert nicht widerstehen wrde, wenn sein nun
an der fremden Bewunderung aufflackerndes Begehren mehr als Blick und
Scherz wurde. Da machte Karinski der Schwle ein Ende und bat sie, ihn
auf seiner Reise nach der Schweiz zu begleiten, wohin er Olga bringen
wollte.

                   *       *       *       *       *

_Mon cher_ Pierre, zuerst von den Kindern. Ich danke dir, da du auf
Schlo Wolonsk die Vorkehrungen fr meiner Schwester Ankunft getroffen
hast. Nadescha und Maria haben mit ihrer Freundin, der Prinze Lisa, die
Pension verlassen und Melissa Wolonskaja, meine Base, bringt die Mdchen
nach Hause. Boris bleibt noch ein Jahr in der Akademie. Bis dahin bringe
ich Olga und --? -- dann?

Ja, Pierre, ich liebe sie, ich liebe Arabella, dieses Wesen aus Traum,
Leidenschaft und Sanftmut gewoben, diese Blume, dieses Kind, diesen
Engel, diese kleine Dirne. Ich habe Tanja geliebt, wie man zur schwarzen
Mutter Gottes in seiner Schlokapelle zu Hause betet, aber Vgelchen,
Vgelchen bete ich an wie eine heidnische Gottheit, vor der nackte
Sklaven die Stirne in brennenden Wstensand tauchen. Sie lebt bei mir.
Nachts schlft sie im anstoenden Gemach. Ich sehe, wie sie die Perlen
vom Halse lst, ihre Locken herabwallen lt auf die elfenbeinernen
Schultern und ich warte auf den Augenblick, wo sie das Hemd gegen ihr
Nachtgewand vertauscht und ab und zu -- vielleicht zweimal in acht Tagen
-- eine ihrer kleinen Brste dabei sichtbar wird. Dann fhle ich ihren
Ku, halte sie drei Minuten lang im Arm, trage sie in ihr Bett und
verlasse sie rasch. Und morgens bin ich dabei, wenn sie Toilette macht.
Wir reisen nun schon zwei Jahre und es wird immer kstlicher. Meine
Liebe will nicht mehr als dies: sie zu begehren und dennoch nicht zu
besitzen. Darin liegt alle Luterung, aller Bue Sigkeit. Pierre, du
hattest viel Weiber, aber du hattest dies nicht, diese Nchte des
Fiebers, diesen Wahnsinn einer freiwilligen Entsagung. Einmal -- in Genf
war es -- da erwachte sie aus der Ekstase der Sehnsucht um ihren
verlorenen Geliebten. Sie erwachte aus diesem Bann, der sie keusch hlt,
sie, die schon viel Lust genossen hat. Es war, wie seltsam ist das, zur
Zeit, als sich ihr Geliebter verheiratete, denn wir verheimlichten es
vor ihr. Sie hat es erst krzlich erfahren. Zu dieser Zeit war sie
wieder im wachen Leben, schmckte sich sorgfltiger und erwiderte den
Blick der Mnner. Und eines Tages traf sie Hettwer, den Dichter, einen
Freund ihres Geliebten. Ich fuhr zu meinen drei Mdchen nach Lausanne.
Als ich zurckkam, erzhlte sie mir, sie habe auswrts geschlafen bei
einem Unglcklichen. Schade um jede einsame Nacht, in der auch ein Mann
allein ist und sich nach Frauen sehnt. Und jetzt, jetzt hast du ihn
wieder verlassen? Ja, jetzt bist du wieder hier. Ich, alter Mann?
Ja, du alter Mann, der mir meine Sehnsucht lt. So ist Arabella. Ich
werde ihr meinen Namen geben, wenn ich sie verlassen mu, um mit Olga
nach Hause zu fahren, die Kinder zu verheiraten und die Gter zu
besorgen, auf denen jetzt der Teufel haust. Ich werde sie verlassen mit
gebrochenem Herzen und ihr lchelnd sagen: ich gehe, damit ihr ein
Junger die Sehnsucht -- nimmt. Manchmal wnschte ich -- obwohl sie reich
ist -- und es durch mich noch mehr sein wird -- sie whlte einen Beruf,
eine Beschftigung, wenn ich von ihr gehe. Aber sie will nichts hren
davon: Ich kann nur Briefe schreiben, sagt sie oder Tagebuchbltter,
aber auch die zerreie ich und vernichte ihre Spuren. Manchmal verbrenne
ich sie oder ich gehe weit und werfe sie in treibendes Wasser. Soll ich
auf Leinwand malen, wo ich doch in mir viel schnere Bilder habe? Soll
ich Schauspielerin werden und vor Ehrgeiz hlich werden? Hettwer kannte
eine Schauspielerin, die in einem seiner Stcke spielte. Sie gnnte
keiner anderen ihre Rolle; als sie Masern hatte, trat sie mit den roten
Flecken im Gesicht auf, damit keine andere sie vertrte. Nein, das
Theater ist hlich. Ich mchte tanzen, tanzen, die Kleider von mir
werfen und die Luft umkreisen, da sie mir Flgel gbe und mich zu sich
nhme. Soll ich einmal vor dir tanzen, Nicolai, wie Salome vor Herodes?
Und wahrhaftig, Pierre, sie tanzte einmal vor mir. Sie hatte sich in
Schleier und Ketten gehllt und das Licht mit gelben Tchern verhngt
und sie tanzte vor dem Spiegel und die Perlen rollten um sie, sie tanzte
sich die Schleier von ihrem unbndigen, knabenhaften Leib. Dann sank sie
auf den Teppich und schlief sogleich ein, als wre das alles
nachtwandlerisch gewesen. Ich lie sie allein, versperrte die Tren und
ging -- und du kannst dir denken, wohin ich gehen wollte. An der
Schwelle kehrte ich dort um.

Seit vier Tagen sind wir in Mnchen. Es ist Karneval. Ich mchte sie
heiter sehen. Seitdem sie von dieser Heirat wei, geht sie oft in
Schwermut einher. Nun leb wohl, Pierre. Ich bin sehr glcklich.
Erinnerst du dich noch, wie wir, siebzehnjhrig, auf den Scheunen von
Wolonskaja den Dorfmdchen Kinder machten? Nun haben uns diese gewi
schon zu Grovtern gemacht und ich liebe noch immer, liebe wieder zum
ersten Mal.

Es umarmt dich dein

                                                              Nikolai.




                            Ein Wiedersehen


Als sie in Mnchen abstiegen, Arabella und der Graf, hie es, da abends
Bal pare sei in ihrem Hotel. Sie speiste mit Karinski zeitig abends, ehe
der Trubel begann. Die Vorbereitungen des Festes fesselten sie.
Musikinstrumente wurden vorbeigetragen, Blumen in bunten Buschen,
Sektflaschen in Krben, verfrhte Masken schon stahlen sich vorbei,
lugten in den noch leeren Saal, in dessen Parkett die Kronleuchter sich
mig spiegelten.

Willst du dabei sein? fragte sie der Graf. Sie schlug in die Hnde vor
Freude.

Deine Toilette?

Ach, ich habe allerlei, sagte sie und sprang auf. Die Jungfer mute
rasch nach einer Maske fahnden, eine ganz kleine schwarze nur, ordnete
Karinski an. Er half ihr unter ihren Abendkleidern whlen. Mit ihrem
Wirbelhaar im schwarzen glitzernden Kleide sah sie wie ein blondes
Teufelchen aus. Er begleitete sie in das bunte Wimmeln des Saales. Sie
trennten sich lachend. Bald erblickte sie ihn frhlich am Arme zweier
Dominos. Vgelchen fhlte sich wohl hinter der Maske. Sie mischte sich
ins Getriebe, fing Gesprche auf, blieb stehen und lachte mit den
anderen, wenn es etwas zu lachen gab. Mehrmals nherten sich Herren, ihr
die zgernde Ansprache zu erleichtern, flsterten Koseworte. Die Frauen
musterten ihren Schmuck, ihr Kleid, das der deutschen Mode noch fremd
war. Wort und Blicke glitten von ihr ab. Manche der Anspielungen waren
ihr neu und drollig, vieles vllig unverstndlich, das aus den
Gesprchen sie streifte. Sie empfand nicht Lockung sich an eines fremden
Mannes Arm zu hngen, da war kein Gesicht, das ihr eine innere Welt
verriet. Auch die Mnner schienen Masken zu tragen. Als sie schon
mehrmals den Saal durchschritten, sah sie an einer Sule gelehnt einen
vornehm aussehenden Herrn stehen. Wie einsam versprengt, unbeteiligt wie
sie selbst, in stillem, beschaulichem Ernst, lie er das Treiben an sich
vorberziehen. Glitt ihm eine Maske nher heran, sagte er ihr lchelnd
ein dankbares, aber abweisendes Wort, ohne ihr zu folgen. Es schien, als
erwarte er eine Frau oder zge es aus irgendeinem Grunde vor allein zu
sein. Vgelchen blieb unweit von ihm stehen und forschte in seinem
ebenmigen, noch immer knabenhaften Gesicht. Sie hatte ihn gleich
erkannt, es war Franz von Normayr. Ein wenig gealtert schien er, die
Haut von Seereisen gebrunt, noch heller stach der Blick, noch klarer
schien die Stirne und etwas, das wie Unfehlbarkeit wirkte, schmckte
noch immer die Haltung.

Sie lt dich warten, sagte Arabella mit einem leisen Beben in der
Stimme, als sie eine Weile neben ihm gestanden, whrend sein Blick
lchelnd zu ihr herabgekommen war.

Sie lie mich warten, antwortete er. Aber nun ist sie ja gekommen.

Es waren so viele, die dich mitfhren wollten.

Ich wartete auf dich.

Kennst du mich denn? Wie heie ich?

Vgelchen, sagte er.

Das ist doch kein Name, sagte sie erschauernd.

Eben deshalb heit du so, kleine Unbekannte. Es gibt Namen, die wie ein
Bild sind unter Schleiern und Masken. Vielleicht hnelst du auch einer,
die man so nannte.

Ach geh, solch ein Name! War die denn wirklich? Er schwieg. Dein
Vgelchen ist wohl nur eine Ente. Nenn mich lieber Salome Maria. Den
Namen las ich einmal auf einem alten Friedhof in Salzburg.

Aber du bist doch lebendig. La fhlen, ob du lebendig bist oder eine
Elfe. Er legte mit kundigem Griff seinen Arm um ihre Taille und zog sie
mit sanfter Kraft in eine der Nischen.

Du gleichst einem jungen Seemann, sagte sie. Dein Blick sieht auf das
Meer.

Liebst du das Meer? fragte er.

Ich habe einmal auf einem Leuchtturm gehaust.

Wie interessant, sagte er mit leichtem Spott. Da warst du wohl
verzaubert wie Rapunzel. Dabei siehst du so aus, als ob du in Palsten
gewohnt httest. Oder warst du des Leuchtturmwchters Tchterchen in
einem anderen Leben?

Ja, in einem anderen Leben.

Erzhle mir von diesem Leben. Wo hast du denn da noch gehaust und
genchtigt, als Schwalbe oder Kolibri?

Ich erinnere mich zunchst, in einem Kloster geschlafen zu haben.
Mondschein kam zum Bogenfenster herein und die Spinnweben aus den alten
Mauern waren die Gitter. Mir gegenber ber den Hof saen im Saal Nonnen
ber Spitzenarbeiten gebeugt, Tag und Nacht. Es waren Muse im Zimmer.
Kennst du den Dichter Malpasse?

Ja, ich kenne seine Novellen. Hatte der sich etwa in eine Maus
verwandelt?

Nein, er fiel mir nur eben ein. Oh, wie schlecht euer Champagner ist,
sagte sie franzsisch.

Bist du Franzsin?

Nein, mein Mann ist Spanier und ich bin ein wenig von berall.

Salome Maria berall, sagte er.

Und du, wie heit du, la mich raten und warte -- Gottfried? Nein,
Franz. Das wird es sein.

Du bist hellsichtig, sagte er. Also dein Mann ist Spanier. Liebst du
ihn?

Ja, ich liebe ihn.

Und doch bist du hier?

Ja, mein Gott, er lt mich allein und ich liebe die Mnner so sehr.
Ich liebe es, ihnen ganz nahe zu sein, ganz nahe.

Nun war es, als httest du zum ersten Male mit deiner eigenen Stimme
gesprochen.

Erschreckt dich das?

Du bist so seltsam. Es ist eine Traurigkeit in deiner Glut. Er nahm
ihre Hand und spielte mit ihren Fingern, er prete sie zwischen den
seinen, die sehnig und khl waren. Und bist du immer so -- -- frei?
Nicht nur im Karneval?

Ich bin immer so frei. Mein Leben ist ein Fest der Liebe.

Wie viele Mnner haben dich schon besessen?

Das zhlst du kaum!?

Das zhl' ich kaum?

Er sagte es sehr traurig. Und wie begann es?

Da war einer, dem vertraute ich. Ein Kind war ich damals, weit du, und
er war mir wie ein Engel, der mich durch alles Irren fhren sollte. Aber
da mifiel ihm meine Dummheit. Sie schickte sich nicht. Ich hatte
nicht gelernt mich zu verstellen. Er berlie mich meiner Dummheit mit
Haut und Haar.

Und dann?

Dann nahm ich den Vater zum Mann, meinen Stiefvater.

Du scherzest jetzt.

Er war ein guter Lehrmeister. Warte, wie ging es weiter? Dann kam ein
junger Lord. Das war nur Spiel fr ein paar Nachmittage. Spter --

Spter?

Spter -- ach, sieh dies arme Ding dort! Wie rmlich ist ihr Domino,
wie schlecht ihre Schminke! Sie sind mir so leid diese Mdchen. In Paris
kannte ich eine Dirne. Ein Freund von mir war ihr Zuhlter. Der Arme hat
sich erhngt, einer bsen Krankheit wegen. Ich erfuhr es lange nicht.
Was ich dich fragen wollte! Wie geht es deiner Schwester?

Sein Gesicht war bleich, seine Augen glhten in Leidenschaft. Ihre
Stimme sprach zu ihm aus dunkel funkelnder Welt. Log sie? War sie es?
Nein, das war nur Spuk seiner Phantasie. Warum ergriff ihn dann ihr
seltsames Sprechen? Meine Schwester la beiseite, sagte er. Du willst
dir den Anschein geben, mich zu kennen. Wozu? Ist es nicht schner, sich
aus fremdem Leben zu begegnen?

Dich schaudert, da ich deine Schwester kenne, weil mein Freund
Zuhlter war und ich die Mnner so sehr liebe. Aber sieh, ich habe auch
fr die Frauen ein Herz. Diese Dirne dort, wie dauert sie mich. Sie tut
es um Geld, sie mu es tun. Whrend ich mir whle, was mich freut. In
Nizza, da ging ich einmal an einem Fenster vorbei, es war hart an dem
Laden eines Antiquittenhndlers, alte Bilder hingen da, hlzerne
Heilige, Kupferkessel. Das Fenster hatte rote Scheiben und dahinter sa
in rosigem Schein, wie ein Page gekleidet mit langen, blonden Locken,
eine Dirne. Ich ging gern dort vorber. Sie tat mir leid, immer mute
sie sitzen und warten und dann --? Ich wre gern zu ihr gegangen und
htte sie abgelst fr einen Abend.

Aus Mitleid nur?

Ja, aus Mitleid. Denn damals schlief ich wieder bei meinem Vater. Er
stahl sich nachts leise zu mir, da seine Frau ihn nicht hre, die
htete ihres Kindes Schlaf. Das log sie.

Du freust dich deiner Snden?

Sprich das Wort nicht aus, es hat einen falschen Klang. Ist es denn
Snde, wenn man beglckt?

Es htte dir richtig geklungen, wenn dich jener erste Mann nicht, wie
sagtest du doch -- deiner Dummheit berlassen htte. Daran wurdest du
klug und --

Warum hltst du inne?

Eine Erinnerung kam mir. Komm mit mir, willst du? sagte er pltzlich
wild ausbrechend. Sie sprach nicht mehr, sie schmiegte sich an ihn,
saugte seinen Blick in ihr Auge.

Erwarte mich, lispelte sie und ging, noch immer nach ihm
zurckstarrend. In ihr Zimmer drang ihr noch Festlrm nach. Es war spt
in der Nacht. Der Graf war schon zur Ruhe gegangen. Sie nahm leise den
Pelz. Nun lief sie zu dem, der im Vestibule ihrer harrte.

Du zauberst? sagte er. Wohin bist du verschwunden? Schon frchtete
ich, nach deinem Schuh suchen zu mssen, dich wiederzufinden. Er legte
den Arm um sie, rief nach einem Wagen. Er fuhr sie zu seiner Wohnung am
englischen Garten.

Jetzt darf ich dich sehen, bat er in der ersten Umarmung.

Nein, la, morgen frh. Mach dunkel jetzt! befahl sie. Rasch, ich
verbrenne.

Als er des Morgens erwachte, erkannte er sie im Dmmerlicht. Sie schlug
die Augen auf und lchelte. Er sah fern den Strand, ihr Kindergesicht
mit den klaren Augen, die zu ihm aufstrahlten, er hrte ihr Geplauder.
Todernst sah er sie nun an. Es schien ihr, als feuchtete sich sein Auge.
Er wollte sprechen, aber sie scherzte nur. Einen Augenblick dachte sie:
Es war eine gute Nacht. Konnte es nicht so bleiben, ein neues Leben
beginnen? Sie wrden Kinder haben, ernste Seemannskinder. Und auch er
dachte es. Aber die Wirklichkeit sah aus einem silbernen Rahmen unter
einem schwarzen Spitzenhubchen mit strengen Augen zu ihnen herber. Die
Mtter! Die Mtter, sie kreuzten den Weg der Mutterlosen.

Einen hbschen Ausblick hat deine Wohnung, sagte Vgelchen und warf
die Decke zurck. Nun aber heit es, rasch Toilette machen. Mein Graf
wird schon unruhig sein. Ich werde dich nicht wiedersehen. Wir reisen
bald.

Er war sprachlos, zerschmettert. Feuchten Auges kte sie ihn und kehrte
zu Karinski zurck.




                         Im Schatten des Todes


Als Imanuel nach der ersten einsamen Nacht in Alvemnde in das Haus an
der Alster zurckgekehrt war, empfingen ihn Zoras Geigenklnge. Lauschte
man ihrem Spiel, so war es, als htte man sie niemals sprechen gehrt,
oder als wre Zora die Spielende und Zora die Sprechende nicht dieselbe.
Sonst herb und spttisch, schmolz ihr, hielt sie die Geige im Arm, das
Eis in der Brust und je verschlossener sie war in Rede und Tun, desto
beredter wurde die Stimme der Geige. Givo war bernchtig und zerqult,
dies Spiel war Linderung. Als er spter in das Krankenzimmer trat, sah
er Zora eifrig um die Mutter bemht. Sie oblag mit grter
Gewissenhaftigkeit ihrer Pflege. Immer wieder, wenn Manuel diese
Sorgfalt beobachtete, sagte er sich: Sie ist besser als ich, sie will
ihr das Leben erhalten, whrenddem ich -- Aber seltsam, nun empfand er
auch selbst nicht mehr den qulenden Wunsch, die verruchte Ungeduld, vom
Kummerzwang befreit zu sein, seitdem ihm das liebste Ziel der Freiheit
entflattert war. Es gehrte zu seinen Eigenheiten und mochte wie Untreue
scheinen, da er nicht dringlich war, nicht hielt und rief, was ihm sein
Gott nicht freiwillig schenkte. Er war einer, der sich selbst Besitz
nicht anmat und doch zuweilen anmaend erscheint, weil er um nichts
sich bemht. Er gnnte anderen, was er besa, trug er doch nicht die
Last der Schuld, allein zu besitzen. Er war von der Art jenes Mnches,
dem rmische Gassenbuben ein Geldstck in seinen Bettelsack schmuggeln
und den selbst solch kleine Brde zur Erde drckte. So verwarf er den
Wunsch, Arabella einzuholen, sie zu rufen. Er war im Grunde seiner Seele
ihrer gewi und in Entbehrungen nicht weichlich. Er lebte in seinen
Trumen und in der Ekstase, in die ihn seine Liebe zur Menschheit
versetzte. Vgelchen verstrkte den Traum und Rauschzustand seiner
Seele. War sie ihm fern, siedete unter diesem das Begehren nach ihrer
Nhe wie heiliges Feuer, das ihn bis in seine Lebenswurzeln sengte und
ihn wie einen Mrtyrer zum Opfer antrieb. Mochte das Leben seinen Weg
ziehen, sie begegneten einander eines Tages, dessen war er gewi. Man
sieht zuweilen Menschen mit seltsamem Ausdruck der Augen, mit einem
zweiten Blick sozusagen, der nur notdrftig die Umwelt anfat, als wre
seine Glut in eine eigenste Welt nach innen gerichtet. Ihr Handeln ist
ruhig und sicher, weil es nichts fordert fr sich selbst. Das Leben
Givos war solcher Art. Zu viel leiden macht die anderen leiden, sagte
auch er sich. Als Zora wieder versuchte, sich ihm zu nhern, wehrte er
sich nicht. Als sie von ihm ein Kind trug, machte er die Scheinhochzeit
zur Wahrheit. Da Vgelchen davongeflattert war, galt ihm als ein
Zeichen, das sie, die Unbewute, selbst erhalten. Zwischen ihm und ihr
sollten fortan keine irdischen Bande sein.

Nun aber ging eine seltsame Vernderung mit Zora vor. Ihre Sorgfalt fr
die Kranke lie pltzlich nach. Sie war meist ungeduldig, sprach von
Reisen und schrte Givos Unlust an der langen Absperrung. Imanuel sah es
mit leisem Grauen. Er erriet sie: nun, da sie ihr Ziel erreicht, zu dem
ihr die Kranke unentbehrlich schien, war auch die Bemhung erlahmt, ihr
Leben zu verlngern. Der aufreibende Pflegedienst war also nichts
gewesen als Eigennutz. Als er eines Abends nach Hause kam, empfing ihn
die alte Minka mit kreideweiem Gesicht. Die Mutter war gestorben. Sie
hatte wie gewhnlich nachmittags die schmerzstillenden Tropfen genommen,
war eingeschlummert und nicht wieder erwacht. Frau Zora hatte ihr die
Augen zugedrckt. Givo sah das bleiche Gesicht, es lag wie Erstaunen
darin, eine Frage, als wre der Geist noch rege in dem stummen Leib!
Givo kniete hin und nahm die khle, vergilbte Hand. Wie hatten sie beide
gelitten, ehe sie wieder zu einander gefunden, wie glcklich war er, da
er gerade in den letzten Wochen ihr zurckgekehrt war in Gehorsam und
Liebe. Von dem Tage, da sein Bund mit Zora Wahrheit geworden, war die
alte Eintracht wiedergekehrt. Sie mute doch vordem etwas in seinem
Wesen gelegen sein, das ihrer Seele den Weg verschlossen hatte zu der
seinen. Wie seltsam auch, am Abend des vergangenen Tages hatte sie ihn
lange zrtlich sorgenvoll betrachtet und dann wie aus einer groen
Stille heraus leise gefragt: Wie ist es diesem Mdchen ergangen? Mge
auch sie glcklich sein! Er hatte zum Dank ihre Hand ergriffen, so wie
er nun die Hand der Toten hielt. Frhe Kindheiterinnerungen kamen ihm.
Der Mutter Leben bltterte sich ihm auf. Er weinte nicht. Dem Schauenden
ist der Tod ein Fest der Verschmelzung, vor dem er in Ehrfurcht
verharrt. Als er aufstand, sah er unter dem Nachtkstchen eine kleine
Phiole liegen. Er hob sie auf. Sie war leer. Er klingelte der alten
Minka. Ruf mir die junge Frau, sagte er.

Herr Manuel, sie ist ausgegangen.

Unmglich, sieh nach.

Gewi, Herr Manuel, ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen.
Vielleicht wollte sie ausschauen nach Ihnen.

Dies ist das Flschchen, in dem der Mutter Tropfen enthalten waren?
fragte er.

Ja gewi, Herr Manuel.

Dies Flschchen wurde heute morgens erst aus der Pharmacie geholt, ist
es so?

Ja, ja, Herr Manuel.

Die Mutter hat also zwei Mal daraus genommen, zehn Tropfen. Du sagtest,
sie htte, bevor es geschah --

Jawohl, Herr Manuel, die alte Minka begann von neuem zu weinen in der
Erinnerung an Frau Leas letzte irdische Verrichtung.

Wer hat ihr die Tropfen gegeben?

Die junge Frau, wie immer --

Die Flasche lag auf der Erde und war leer. Ihr habt sie wohl
umgestoen. Nun danke, Minka. Die Alte ging. Er beugte sich zur Erde
und suchte die Stelle, wo das Flschchen gelegen war, tastete den Boden
ab, ob er feucht wre von vergossener Flssigkeit. Bleich erhob er sich.
Zora stand hinter ihm. Sie hielt Blumen in der Hand. Sie legte sie auf
die Decke hin. Sie fand kein Wort des Trostes.

La doch, spter, sagte er und schob die Blumen beiseite. Dann ging er
ans Fenster und blieb regungslos. Wenn sie mir folgt, sprach sein
Herz, wenn sie kommt, wenn sie ihren Kopf an meine Schulter lehnt, wie
sie zu tun pflegt -- Aber er hrte, wie Zora das Zimmer verlie.
Spter, als er sich qulte, um seinen Verdacht zu besiegen, sagte er
sich, da wohl Mitrauen aus seinem Blick geglommen war und ihre
Annherung verscheuchte.

Er sprach das Sterbegebet, sprach vor der kleinen Gemeinde die Worte:
Herr des Seraphs und des Wurms, Herr des Lebens und des Todes, ich bin
in deiner Hand. Wenn du mich abrufst, ist mein Glck dein Wille, denn du
bist die Liebe und wer in der Liebe bleibet, der bleibet in dir und du
in ihm. Du Licht und Heil, ich frchte mich nicht, denn meine Seele ist
bei dir. Als er so sprach, da war Zora bleicher als das Bahrtuch.
Dennoch, sie trug sein Kind und er wandte sich ihr zu und bannte mit dem
ueren Willen die Dmonen des Verdachtes.

Seine Stelle im Observatoire war besetzt, so ging er mit Zora nach
England, wo eine Zusammenkunft der Schauenden einberufen war. Givo
grndete dort die weltliche Seelsorge. Er ging dabei von dem Standpunkt
aus, da der kirchliche Priester in seinem abgeschlossenen Lebenswandel
nicht Einblick gewinnen knne in die mannigfaltigen Verwicklungen des
Lebens, da er ein Schauender nur des Himmels und ein Wegschauender der
Erde sei. Aber um der Menschen Seele zu versorgen, msse man ein
Schauender des Lebens sein. Er rief die Priester in den lichten Tag
hinaus, zu forschen nach den Quellen der Schuld, die ihnen gebeichtet
werden, wenn sie erst schal geworden und unwiderruflich trotz der Shne.
Er wies die Bedrngten an eine neue Art von Helfenden, an die weltlichen
Seelsorger, die auf dem ganzen Erdenrund ihre ratende, warnende,
trstende und verzeihende, heilende Ttigkeit entwickeln sollten.

Er half Settlements einrichten, Arbeitererholungsheime, die sich
allmhlich zu Volksuniversitten ausbilden sollten. Er arbeitete im
Sinne Elihu Burrits am Entstehen der Friedensbewegung. Oft aber sehnte
er sich zurck nach der nchtlichen Stille seiner Sternwarten. Er war
nun niemals allein. Zora erwartete das Kind. Durfte er sie da auf
unbegrenzte Zeit verlassen? Er war neuerdings gebunden und seine Plne
waren es mit ihm. Seine Gedanken an Arabella und seine freudige Ungeduld
um das Kind begegneten sich in seinem Herzen. Zuweilen erschrak er, da
er von einer anderen als von der Geliebten ein Kind haben sollte, die
vor Gott seine Frau war. Aber ihm war, dieses wre in Liebe um sie
gezeugt. War er denn nicht ganz erfllt von ihr!

Zora hatte nun erreicht, was ihr uerlich zu erreichen mglich war,
aber was galt ihr nun die Fessel, die Imanuel an sie schmiedete, da sie
erkannte, da ihr sprder Unmut, der immer wieder bei ihr die Oberhand
gewann, sein Herz ihr abkehrte, so sehr er es auch verbarg. Wie oft
schrie sie es ihm, dem Stillen, Freundlichen ins Gesicht: Sag doch, da
du mich hassest, so sag es doch! Givo konnte den Zeitpunkt nicht
erwarten, bis das Kind sich aus dieser Hlle begeben wrde, die ihm
vergiftet schien von dunklen Leidenschaften. Er, der fr alle Menschen
ein Heilmittel zu finden meinte, er versagte klglich an Zoras
Bitterkeit. Sie wollte Liebe, Leidenschaft. Er konnte sie ihr nicht
geben, er besa sie nicht mehr.

Als seine Krfte zu versagen drohten und er die hohe Welt seiner eigenen
Lebensinsel aufs uerste bedrngt sah, als er schon verzagte Arabella
erhoffen zu drfen, ward ihm ein Mdchen geboren und oh Wunder, es glich
der Geliebten. Zora erkrankte an der Geburt und war lange unfhig sich
des Kindes anzunehmen. Ja, sie selbst wollte, da man es aus dem Hause
entferne. Ihr war, als knne es in ihrer Nhe Schaden nehmen. Ihr Wesen
verdsterte sich zunehmend. Sie wute, das Kind glich nicht ihr, nicht
Givo, sondern jener anderen, an die auch sie oft und oft gedacht hatte,
weil sie ihr Manuels Herz neidete. Sie hatte in eifernder Qual ihr Bild
immer wieder wachgerufen, jenen flchtigen Augenblick, da sie
verchtlich an ihr vorbergeschritten war, da sie wohl auch damals von
ihrem Antlitz besessen war, als sie es empfangen hatte. Und er, dachte
er denn jemals an sie, Zora? Nein, das fhlte sie zu jeder Stunde, der
Himmel, zu dem er aufsah, war bestrahlt von der einen, anderen. Zora
konnte es krperlich spren, wenn er mit seiner Sehnsucht bei dieser
weilte.

Da das Kind seinen Sinn nicht gewendet, da sie vielmehr glaubte, ihr
entstellter Krper entfremde ihn, hatte es ihr gefallen mit ihrer
Mutterschaft Spott zu treiben. Mit einem Male war wieder der Ehrgeiz der
Knstlerin ihn ihr erwacht. Sie wollte nur bald sich der engeren
Gemeinschaft mit dem Kinde entledigen. Als ihr zugemutet wurde, es
selbst zu nhren, lachte sie verchtlich. Mit Galle statt mit Milch!

In einem englischen Dorf vor der erwarteten Zeit gebar sie das Mdchen.
Da es Arabella glich, schien Trug zuerst, Wunsch dem einen, Befrchtung
dem anderen, aber als das Kind einige Monate zhlte, war eine
hnlichkeit nicht zu verkennen.

Zora hatte, als sie sich wieder wohler fhlte, zu geigen begonnen, doch
es war das alte Spiel nicht, und Givo schien es bedeutsam, da es
zerrissen klang, geqult, niemals sehnschtig hingegeben mehr. Er fhlte
die Schuld, die er an seiner Frau innerer Verwstung trug. Seit jener
unselige Verdacht in ihm aufgestiegen, hatte er sie nicht mehr berhrt,
kaum da seine Lippen ihre Stirne streiften. War dieser Bann des Blutes
nicht Zeuge, da mehr als Verdacht ihn hemmte! Ein Wissen mute tief
unten in der Welt der Instinkte sein Blut gewarnt haben. Aber er
beklagte ihre Verlassenheit an seiner Seite, ihre Freudlosigkeit an dem
Kinde, wie ein Fernstehender sah er alles und dieser war milde und
freundlich zu Zora Uhari.




                                 Noemi


                                        Kinder und Grber sein
                                        Weibersachen.

                                                    (Gerhart Hauptmann
                                                        Rose Bernd.)

Als sie von England nach Paris kamen, bat sie ihn, mit ihr die Grber
ihrer Eltern in Spanien zu besuchen. Er willigte ein. Er ging zu Helene
und gab ihr das kleine Mdchen in Obhut, bis da sie zur Weiterreise
nach Deutschland und sterreich zurckgekehrt wren. Alphi klatschte in
die Hnde, da er nun ein Schwesterchen haben solle. Helene Tallandre
war erschttert ber die hnlichkeit der kleinen Noemi mit ihrer
Herzensfreundin. Kaum war Imanuel abgereist, telegraphierte sie an
Arabella Karinski. Mache dich reisebereit, Brief folgt. In diesem
schrieb Helene, sie msse ihr von einem Wunder berichten. Givos Kind
gleiche ihr. Es wre fr wenige Wochen in ihre Hut gegeben. Sie mge
kommen, um es zu sehen. Sie und Tallandre wrden sorgen, da ihr Besuch
Geheimnis bleibe. Helene hatte richtig geraten. Arabella depeschierte:
Ich komme. An einem der nchsten Abende trat sie leise mit traurig
fragendem Lcheln ein. Sie war so seltsam geworden in ihrer reisenden,
dennoch febrilen Schnheit, der Schmerz hatte ihren groen Kinderaugen
etwas berirdisches gegeben. Das Kindliche lag nur mehr um den Mund in
dem Lcheln, in den Hnden und Bewegungen. Ihre Augen waren wissender
und auch ihre Art zu sprechen die einer sichern anmutigen Weltdame, die
immer Bescheid wei und die gewohnt ist, von jedermann Dienste dankbar
zu empfangen. Helene kte sie. In wortloser Rhrung fhrte sie die
Freundin in die Kinderstube. Da sa in Alphis Gitterbettchen ein kleines
Mdchen mit strahlenden blauen Augen und fahlblondem Gelock um ein
schmales Gesichtchen mit durstigrotem Mund, der es noch blasser
erscheinen lie. Es sah auf ohne Lcheln, ohne Furcht in ernsthafter
Aufmerksamkeit. Dies schien kein Kind zu sein, kein Engel, keine Elfe
und war doch etwas von all dem, eine Pflanze, Menschenkind genannt, aus
Seelenland kommend. Man verga es nicht, wenn man es einmal sah. Es war
schlank, fast gebrechlich, mager, seine Haut hatte einen leichten
brunlichen Stich, als glhte es unter ihr. Seine Augen leuchteten in
einem fiebrigen Glanz und in ihnen war diese Fremdheit einer anderen
Welt und die Sehnsucht nach zrtlicher Wrme. Arabella kniete vor dem
Kind in tiefster Ergriffenheit. Es langte mit ernster Gebrde in ihre
Haare, die den seinen glichen, und pltzlich lachte es laut auf, wie
Kinder lachen, irdische Kinder. Es freute sich. Arabella hatte es
angesehen mit heiester Liebe. War ihm zumute, als blickte es in einen
Spiegel? Lachte es deshalb mit so holdem Laut? Sie stand auf, reichte
der Kleinen ein Perlenkettchen, das sie seit Kindheit trug, eilte aus
dem Zimmer. Schluchzen machte ihren Krper erbeben. Whrend sie weinend
Helenens Hand hielt, sagte sie: Bin ich nicht kindisch! Wie reizend ist
es! Ein Engel! Hab Dank! Sie blieb den ganzen Abend an Noemis Bettchen,
bis die Kleine schlfrig wurde und sie selbst auch die Mdigkeit der
langen Reise bermannte. Am Morgen fuhr sie zu Ceciles Grabsttte. Sie
fand sie in reichem Blumenflor. Gaston und sein Vater schmckten sie in
dankbarer Liebe. Dann lie sie nach Konrads Grab forschen. Es dauerte
lange, bis man es in den Bchern verzeichnet fand. Sie hatte weit zu
gehen und Mhe, es zu entdecken. Nur ein Schildchen bezeichnete es.
Arabella blieb stehen und betete auf ihre Weise. Drauen vor den Toren
des Friedhofes bestellte sie im Laden eines Steinmetz ein kleines
Grabmal aus Porphyr. _Quod in charitate constitutis nullum peccatum
imputetur._ Dies sollte in Konrads Stein gemeielt sein.

Sie stand zu sehr unter dem Eindruck, den das Kind auf sie gemacht
hatte, um die Stadt wiederzufinden. Einen Augenblick dachte sie daran,
die Sainte Chapelle zu besuchen, aber sie schmte sich dieser
Wallfahrtsgelste. Die Bilder der Straen flogen an ihr vorbei und taten
ihr nicht wohl. Die Menschen waren ihr fremd geworden und sie empfand
fast Unlust, in die Lden zu gehen und die schmeichlerischen Laute der
Verkufer zu hren. Zu Mittag war sie wieder bei der kleinen Noemi. Ein
Wagen wartete vor dem Tor und nach dem Essen nahm Helene Alphi an der
Hand, sie selbst das kleine Mdchen auf den Arm und trug es behutsam
hinab ins Freie. Es war ein schner Vorfrhlingstag. Sie fuhren ins
Bois, hielten dann vor einem Spielzeugladen und Arabella kaufte ein. Wie
glcklich war sie mit den Kindern. Einen Augenblick kam es wie ein
Rausch ber sie. Nimm die Kleine und entflieh! Gehrt sie denn nicht dir
vor Gott? Aber sie bi die Lippen zusammen und reichte sie abends
Helene, die sie ins Bettchen zurcklegte. Noemi hielt die Pppchen in
der Hand, die sie sich gewhlt hatte, und sah mit ihrer ernsten
Aufmerksamkeit bald auf Arabella, bald auf das Spielzeug. Noch hatte sie
das Perlenkettchen um den Hals und seltsam, es wollte sich nicht von ihm
trennen, hielt es fest und verzerrte schmerzvoll das Gesichtchen, als
man es ihm nehmen wollte. Arabella hatte es als einen Talisman getragen
seit ihrem fnften Jahr. Es war, sie ahnte es dunkel, ein Geschenk ihrer
Mutter. Aber wie froh war sie, da es die kleinen Hndchen hielten wie
ihr eigen.

Als sie die Kleine verlie, wollte Tallandre sie zurckhalten. Ob nicht
das Wohl des Freundes ber alle Bedenken ginge, Givo sei am Ende seiner
Krfte, sie zu ersehnen. Sie mge seine Rckkehr abwarten. Da verhrtete
sich ihr Herz. Nein, nein, nein, rief sie und wies auf die Tre,
hinter der das Kind schlummerte. Da dies hat er mir geraubt, auch ich
htte ein Kind von ihm, auch ich, und sie barg schluchzend ihr Antlitz.
Warum ist er mir nicht gefolgt nach seiner Mutter Tod, warum hat er
mich verlassen und nicht diese Frau? Aber er hatte mir ja nichts
geraubt, nein, er hatte mich ja gerettet aus den Armen meines Verfhrers
und so eine, die darf man wieder hinausstoen -- in anderer Mnner Arme,
von Bett zu Bett. -- Tallandre war erschttert, in seiner
Ungeschicklichkeit wute er nichts zu sagen als: Aber waren denn Sie es
nicht, die ihm davonlief?

Arabella war erschrocken ber die eigene Heftigkeit. Die Anklage gegen
den Geliebten, die sie selbst sich verschwiegen, hatte sie nun laut vor
einem anderen ausgestoen. Tallandres Bemerkung brachte sie vllig zu
sich. Sie hob den Kopf, sah seine Bestrzung und unter Trnen lchelnd
sagte sie, ihn mit du anredend: Mein armer, lieber Fifi, das verstehst
du nicht. Und als eben Helene eintrat, umarmte sie die Freundin,
drckte Tallandre die Hand und eilte davon.

Leer war ihr Kopf und Herz, als sie in den Straen irrte. Sie lechzte
nach Betubung, nach Brand, der ihr Erinnerung ausmerzte fr Stunden,
fr einen Tag, fr eine Nacht. Sie erinnerte sich blitzartig Malpasses
und seines funkelnden Begehrens im Blick. Jahre waren vergangen seit
jenen beiden flchtigen Begegnungen in Louvais und Nizza, seit jener
Aufforderung, sich bei ihm zu melden. Aber war sie nicht seither schner
geworden? Sie hatte krzlich in den Zeitungen gelesen, er sei erkrankt.
Aber dies war ja ein Grund mehr, ihn aufzusuchen. Der Portier des Hotels
fand die Adresse im Anzeiger. Sie lie sich zu ihm fahren und schon
lutete sie an der Tre. Der Diener Francois, der nmliche, der Malpasse
in Louvais begleitet hatte, ffnete mit dsterem Antlitz.

Der Herr empfngt nicht.

Sagen Sie ihm, jene Dame, die er vor Jahren am Bahnhof zu Louvais --
Sie waren mit ihm damals --

Ist es dringend?

Die Grfin nickte. Francois kam zurck. Monsieur erinnert sich nicht,
aber er hat gefragt, ob Madame schn seien -- Francois verbeugte sich,
es zu bekrftigen, indem er die Tr ffnete. Malpasse kam ihr entgegen.
Er schien ihr jnger als damals, so schlank war er, er hatte die Gestalt
eines Jnglings. Sein Blick war noch sengender geworden, ein ngstliches
Licht flackte darin.

Soll ich heucheln, Madame, ich erinnere mich nicht mehr. Um so
freundlicher von Ihnen, da Sie vielleicht auch erfahren haben, da ich
mich elend fhle -- --. Ich habe mich allen Bekannten verleugnen lassen.
Oh bitte, nehmen Sie hier Platz -- aber zuweilen sehne ich mich aus dem
Kerker meiner Krankheit wieder zu jenem Unbekannten, jenem fremden
Leben, das uns auf der Strae streift. Frauen, deren Antlitz dann
pltzlich im Tag auftaucht, Frauen, die wir vielleicht vor Jahren sahen
--

Am Boulevard des Anglais zum Beispiel.

Sind wir einander dort begegnet? Lassen Sie es vergessen sein. Bleiben
Sie die Unbekannte, die schne Unbekannte dieser Stunde --

Auch ich bin nicht zu dem Berhmten gekommen, nur zu jenem Fremden, von
dem ich hrte, da er leidend sei, eine pltzliche Eingebung hat mich zu
Ihnen getrieben.

Das ist gut so -- und sollte mich dennoch Neugierde antreiben,
antworten Sie mir nicht. Wenn Sie Ihr Taschentuch ziehen, verbergen Sie
Ihr Monogramm. Ich will nicht einmal die Anfangsbuchstaben Ihres Namens
wissen, will nicht wissen, ob eine Krone sie ziert und wie viel Zacken
sie trgt. Ich will Sie nur sehen -- -- Sie sind schn. Ihre Augen
strahlen so seltsam --

Von Trnen!

Von Trnen, oh, diese kostbaren Karfunkel. Wir sollten Sie aufsparen
fr die Stunden unseres hchsten Glckes.

Nicht fr die, da wir ihm nachweinen? --

Man kann nie wissen, ob nicht ein Grerer noch kommt, dem wir dann
noch heiere Trnen weihen mten. Mgen sie uns nie versiegen, diese
posthumen Glckstrnen. Madame, ich gestehe Ihnen, meine Augen waren
feucht, ehe Sie kamen. Nun werden sie es sein, nachdem Sie gegangen
sind.

Sie werden eine neue Geschichte schreiben und die Tinte wird die Trnen
aufsaugen -- --

Sie verachten die Dichter?

Ich liebe die Knstler nicht. Sind sie nicht der Abfallstoff der Kunst?
Ein verbrannter Rest --

Ja, ein trauriger Stoff sind sie und einer der traurigsten steht vor
Ihnen.

Sie reichte ihm die Hand. Verzeihen Sie mir.

Verzeihen Sie -- da ich wage, diese kleine Hand zu umfassen.

Sie wehrt sich nicht, die Hand.

Doch, sagte er mit einem kindlichen Lcheln, das rhrend war auf dem
zuweilen greisenhaft Wissenden seines Antlitzes. Doch, sie hat sich
eben gerhrt. Und er kte die zuckende Hand.

Francois, sagte er spter zu dem Diener, lassen Sie niemanden vor.
Weder heute noch morgen frh. Auch den Arzt nicht, Francois, hrst du,
auch den Arzt nicht --!

                   *       *       *       *       *

Als Zora mit Manuel kam, die Kleine zu holen, lie Helene das Kettchen
unter das Kleidchen der Kleinen gleiten. Als es abends im Eisenbahnzug
entkleidet wurde, sah es Givo. Er erkannte es. Wie kam dies Zeichen an
der Kleinen Hals? Ein Wunder rhrte ihn an. Zora fragte die Nurse, ob
Frau Tallandre das kostbare Kettlein geschenkt htte. Es mute wohl so
sein, sie hatte es an Noemis Hals gesehen, als sie von ihrem Ausgang
zurckgekommen sei. Aber Noemi, als frchtete sie, man knne es ihm
nehmen, hielt die kleinen Perlen fest zwischen ihren mageren Fingerchen
und lag so die ganze Nacht, neben sich die Puppe und in sich noch das
Bild der Fremden, in das sie geblickt hatte wie in einen Spiegel. Givo
war wach, er sah auf das Kind, als knnte es im Schlaf die Lippen auftun
und das Geheimnis lsen. Aber schlielich sagte er sich, da Arabella
wohl Helene das Kettlein geschenkt und diese es dem Kind angelegt haben
mochte. Warum war er der Versuchung widerstanden, Helene nach der
Geliebten zu fragen! Zu lange litt er schon. Er sehnte sich nach
lsender Wiederkehr. Wenn er nun die kleine Noemi im Arme hielt und sie
ihr Hlslein an ihn schmiegte, fhlte er, ach wie so oft in fernen
glcklichen Nchten, das kindische Kettlein khl seine Lippen streifen
und es mahnte ihn und rief. Da beschwor er Arabellas Nhe heier und
heier von Tag zu Tag.




                                In Wien


Arabella kehrte nach fnftgiger Abwesenheit zu Karinski zurck, den sie
in einem deutschen Badeort verlassen hatte. Sie war mde und
gedankenvoll, aber die schtzende Nhe des Grafen beruhigte sie.

Wie gern wre ich mit dir gefahren, Bella, sagte er. Aber ich wollte,
da du dich ganz frei fhltest, falls du Entschlieungen treffen
wolltest. Und dann, meine Zeit ist bald abgelaufen. Ich mu mit Olga
zurck, mu die Gter in Ordnung bringen, die Mdchen verheiraten und
dich von einem alten Mann befreien, damit dir noch ein Lebensglck
zuteil wird.

Sprich nicht so, bat Arabella. Wenn ich dich ziehen lasse, geschieht
es nur, weil ich deiner unwrdig bin. Dein Name schon war ein
Gnadengeschenk.

Du belgst dich und mich, Bella, sagte er und kte ihre Hand. Du
hast mir noch ein sptes Glck geschenkt und ich will es dir nicht
danken, indem ich in deiner Gegenwart alt werde. Du sollst nicht das
Opfer der Tatjana bringen, obgleich ich dir keinen Onegin wnsche. Dort
bei uns ist es zu kalt und Nadescha wre eiferschtig auf dich -- und
ich selbst bin dort nur ein Bauer. Nein, tusch dir nichts vor. Weit du
aber, woran ich oft denken mu? Da der arme Narr, der Student, recht
gehabt hat, als er dich zu deiner Mutter bringen wollte. Adalbert
schrieb mir, da ihr Mann gestorben sei -- --

Vgelchen sann eine Weile. So ist sie allein jetzt. Und glaubst du, da
sie von der Landstreicherin, ihrer Tochter, noch etwas wissen will?

Ich werde zu ihr fahren und mich als der Mann dieser Landstreicherin
vorstellen und dich ihrem Schutz empfehlen.

Vgelchen sann wieder. Dann sagte sie: Du Guter, ja, fahre zu ihr.

Sie sehnte sich nach einem ruhigen Ausblick in ihre Zukunft. Jetzt war
alles Verworrenheit, seitdem sie sich in Verzweiflung gegen den
Geliebten aufgelehnt, der zu kommen zgerte. Mit aller Gewalt begann sie
den Zufall zu beschwren, der ihre Wege zusammenfhren sollte.

Wenige Tage nach des Grafen Abreise erhielt sie von ihm einen Brief aus
Wien.

Mein geliebtes Vgelchen, eben komme ich von Deiner Mutter. Gott sei es
gedankt, da ich diesen Weg gemacht habe. Wie soll ich Dir diese Frau
schildern, diese Sanfte, diese Wehrlose. Jetzt besitzt sie die Kraft,
die der Schmerz verleiht und die jede Gabe als ein unverdientes Geschenk
ansieht. In ihrem Gesicht ist das Lcheln der Sonne ber viel Wetter und
Verwstung. Nun hat sie auch den Mann verloren, mit dem sie gut gelebt
hat, und hat das Opfer gebracht, sich von ihrem Jungen zu trennen und
ihn in ein Konvikt zu geben, weil sie sich seiner Erziehung nicht
gewachsen fhlte. Zu keiner Zeit hast Du so sehr in ihrem Leben gefehlt
als gerade jetzt. Mein Tubchen, ich erwarte Dich hier. La mich noch
die Vereinigung mitansehen und einige Wochen hier mit Dir verbringen.
Heute will ich mir das kleine Palais besichtigen, von dem uns Adalbert
geschrieben hat. Pat es Dir, so wollen wir es Dir wohnlich machen. Auch
darber mchte ich beruhigt sein, wie Du wohnst. Wird es Dir Mhe
machen, mein Gepck zu versorgen? Gedenkst Du Deine Jungfer mitzunehmen?
Deine Mutter will Dich mit allem versorgen. Mein Liebling, la mich
stark bleiben. Wre es besser vielleicht zu gehen, ohne Abschied zu
nehmen? Versprichst Du tglich zu schreiben im Anfang unserer Trennung?
Oh, Du geliebtes Vgelchen. Komm, la den Alten noch einmal vor Dir
knien, la mich Deine schmalen Fesseln umspannen mit meinen Brentatzen
und gib, gib mir das Versprechen, da Du Dein liebes, launiges -- und
zuweilen erstaunlich gescheites Geplauder mir bis ans Ende der Welt
schicken wirst.

Es umarmt Dich Dein

                                                            Karinski.

In einer stillen Strae eines sdlichen Bezirkes von Wien, einem Parke
gegenber, wie es deren dort mehrere gibt, lag der Wohnsitz Arabella
Karinskas, das nmliche Haus, in das einst Mannsthal Lola Ritter
geladen. Hinter den Erkern und Fenstern sah man zwischen den Spitzen der
Vorhnge Tropenpflanzen und abends das Licht kristallfunkelnder Lampen.
Vor dem Hause stand zuweilen ein Kutschierwagen, vor dem in kaum
gebndigter Unruhe ein Paar herrlicher russischer Pferde gespannt waren,
die ihre Besitzerin aus dem Karinskischen Gestt als einen sehr
lebendigen Gru bald nach ihres Mannes Abreise erhalten hatte. Zuweilen
fuhr ein anderer Wagen vor und eine ltere Dame, die immer schwarz
gekleidet war, entstieg ihm. Putzi, die Lachtaube, die eben vor dem
Teegeschirr oder den Bronzekbeln der Azaleenbume ihre Komplimente
machte, flog dem willkommenen Gast auf die Schulter und rief die Herrin
des Hauses herbei, die schon zur besprochenen Ausfahrt in den Prater
bereit war. Arabella umarmte die Mutter und ein glckliches Lcheln
sprach von der Eintracht der beiden Frauen. Sie hatten ein schweigendes
bereinkommen getroffen, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Arabella
wute mehr von dem verstorbenen Doktor Gunter als von ihrem Vater. Aber
im Laufe der Zeit erkannte sie in der Liebe der Mutter zu diesem, ihrem
ersten Mann, den sie als Schwerkranken schon geheiratet, viel von ihrer
eigenen heilbringenden und hilfsbereiten Sehnsucht.

Jedem, der Arabellas Heim sah, schien es undenkbar, da hier eine Frau
allein hause, eine junge reizende Frau, die in dem kleinstdtischen Wien
Aufsehen erregte. Alles schien weich und einladend, die harten Wnde
verborgen hinter Kakemanos und Karamanien. Auf den Sofas huften sich
die Kissen, von Palmen beschattet. Die vielen kleinen Kostbarkeiten, die
ihr Karinski auf den Reisen angehuft hatte, machten das Haus zu einem
kleinen Museum. Tiere belebten es, ein Papagei, ein Affe, die Taube und
ein King Charles, der laut durch die Nase atmete und gern wie eine
seidene Kugel auf Arabellas Schoe lag. Aber dies uere Leben, das nun
gefestigt war und sich zwischen Vergngen und geruschloser
Wohlttigkeit bewegte, bildete nur eine trgerische Decke ihrer grenden
Unruhe. Sie sehnte sich qulend nach dem Geliebten. Ihr war, als htte
die Unrast nach seiner Nhe unter des Grafen Liebkosungen geschlummert,
sie einwiegend in ein Leben, das der Luxus berauschte. Nun aber war sie
erwacht und lechzte aus Scham und Ernchterung nach Beruhigung. Htte
sie die Mutter nicht gefunden, sie wre, das wute sie, in das
hemmungslose Leben jener Lust geraten, die immer in ihr grte. Sie wre
eine der groen Amoureusen geworden, die zu den Sehenswrdigkeiten einer
Stadt gehren. So aber war sie eine versehnte, im Traum lebende Frau,
die vor episodenhaften Erlebnissen zurckzuschrecken begann und sich,
immer des Geliebten gewrtig, scheute, eine sie fesselnde Liaison
einzugehen. Sie hatte ihn nicht gewaltsam aus ihrer Sehnsucht zu drngen
versucht, um der Qual ledig zu sein und frei dem Neuen. Wie der Fromme
Gott, mit dem er hadert, dennoch aus tiefstem Herzen liebt und seine
Gnade ersehnt, so behielt sie Givo in sich und rief nach einem geheimen
Auftrag, den er ihr erteilen sollte, fr den sie zu leben vermochte,
wenn sie seiner Nhe nicht teilhaftig werden konnte. Wre er nur einmal
freiwillig herausgetreten aus der Ferne, um ihr Kraft zu geben. Sie
wute nicht, wo er war, und lange hatte sie sich enthalten, ihn und das
Kind bewut herbeizuwnschen. Nun brach ihr Widerstand. Mit aller Kraft
ihres Seins in Tagen und Nchten schwor sie ihn nun herbei. Schaudernd
erinnerte sie sich, wie sie als Kind oft bei heftigsten Wnschen kein
Mittel gescheut hatte, ihren Willen dem Schicksal aufzutrotzen. Konnte
es nicht wieder so sein wie damals, als sie das Feuer erzwang? Ein Jahr
war hingegangen, da die Tallandres nichts mehr von ihm zu wissen
vorgaben. Das Kind war so zart gewesen. Verheimlichte man ihr Schlimmes?
Sie wagte auch Angele nicht nach ihm zu fragen.

Frau Gunter sah, da Arabella immer zarter und empfindlicher wurde. Der
Arzt empfahl zunchst grere Spaziergnge vor der Stadt. Meist fuhr sie
nach Schnbrunn hinaus. An sonnenklaren Nachmittagen war der Park wie
unter einem Zauber von Licht und Klarheit in die goldene Ruhe seines
herbstlichen Farbenspieles getaucht. Ergriffen fhlte sie das Vergehen,
das sanfte Sterben und fern das Wiederaufstehen der Natur, jenes
kstliche Empfinden der Kreatur, das Tat twam asi -- ich bin in allem,
alle in jedem -- war in ihr. Die Natur wies ihr das Rtselangesicht.
Sie spricht unaufhrlich mit uns und verrt uns ihr Geheimnis nicht.
Givo hatte ihr dies Goethe-Wort in ein Buch geschrieben, das immer in
ihrem Wschekasten zwischen Spitzen lag.

Manchmal schien es Arabella, als htte sie als Kind in diesem Park
gespielt. In einem anderen Leben war es. Mit leisen Fden war ihr hier
das Herz verankert an die Irrwege und Rondells, an die Volieren und
Glashuser, an deren Fenstern sich Orchideen und Kamelien drngten, an
die vielen verborgenen Wege und abgesperrten Teile, undurchdringbar der
kindlichen Neugier.

Hier fhlte sie sich den Kindern ganz nahe. In der Menagerie plauderte
sie mit ihnen und ftterte mit ihnen die Tiere. Musterten sie neugierige
Blicke, lie sie ihren Schleier fallen oder sie bedeckte wie absichtlos
ihr Gesicht mit dem Fcher, den sie meist mit sich trug. Die Kaiserin,
flsterte einmal eine Dame einer anderen zu. Einmal sprach sie ein Herr
an, anscheinend ein Wrdentrger, der aus dem Schlosse kam. Er wre ihr
schon mehrmals bewundernd gefolgt. Seine Stimme war angenehm, sein Wuchs
dem eines edlen Hengstes gleichend, seine Augen liebkosten sie, whrend
ein herrliches Raubtiergebi sichtbar ward. Er bat sie um eine
Zusammenkunft. Aber als dann die Stunde kam, flchtete sie zu ihrer
Mutter und lie sich entschuldigen. Sie hatte all ihre Leichtigkeit
verloren.

Da die Spaziergnge sie nicht sonderlich krftigten und der Winter
nahte, riet der Arzt zu einer Fahrt nach dem Sden. Sie whlten einen
Ort, der, eben im Aufblhen, noch nicht die Masse der Reisenden anzog.
Auf hellen Felsen lagen zwischen Pinienwldchen die Villen ber dem
blauen See gelagert, durch schmale, suberliche Fahrwege verbunden.
Wieder empfand sie, die Sdgeborene, die heimatliche Liebkosung der
sonndurchwrmten, lichtgetrnkten Luft. Sie sprte nun ihre Sehnsucht
genhrt von Krften, die sie nur geahnt und die sie nun in einen
ekstatischen Zustand von Lust und Wehmut versetzten. Der Zauber blauer,
flsternder Nchte lag ihr tagsber noch in den Gliedern und mancher
Kranke, der ihren strahlenden und dennoch schmerzwissenden Blick
empfing, fhlte sich durch ein leisseliges Gefhl beglckt. Zuweilen
wurde sie dster und floh selbst die Mutter. Denn da wurde ihr pltzlich
ihre Vergangenheit bewut: mit Grauen erinnerte sie sich, da sie und
die Mutter den selben Mann besessen hatten.

Den Verkehr mit Mnnern vermeidend suchte sie die Bekanntschaft der
berhmten Schauspielerin Calese, die nach kurzem Aufenthalt am See zu
einem Gastspiel nach Wien reisen sollte. Arabella fhlte sich hingezogen
zu dieser Schwester im Wandern. Vogelfrei waren sie beide. Der Calese
Gesicht war oft wie erloschen hinter Schminke und Grimasse und wie nackt
lag die verwstete Schnheit des Antlitzes. Sie hatte ein Kind und
Arabella sah den verzweifelten Abschied, als sie es in die Heimat
zurcksandte, um ihr mehrmonatiges Gastspiel im Norden anzutreten.
Vgelchen mute an Noemi denken, als sie die Kleine sah, und bat die
Calese es ihr anzuvertrauen. Die aber frchtete das rauhe Winterklima
fr das wrmebedrftige Kind.

Frau Gunter war abgereist, um ihrem Sohn nicht allzulange ihre Besuche
im Konvikt zu entziehen. Arabella und die Schauspielerin beschlossen
gemeinsame Rckfahrt. Als sie ber den Brenner fuhren, lagen Berge und
Wlder im Mrchenglanz des Schnees. Reich wie Tropenpflanzen starrten
die Bume in ihrer ppigen weien Pracht. Das Geheimnis der Wlder, wie
es ihr Givo einst gelehrt, erwachte in Arabellas Erinnerung. Sie sah
vorzeitliche Menschen, hochgewachsen, rothaarig, blauugig, das Beil in
den behaarten Hnden, von riesigen Hunden gefolgt, ber die beschneiten
Pfade schreiten. Frauen mit fliegenden Haaren weissagten unter den
Bumen. Auerochsen und Einhorn lugten am Weges, Brenspuren, die Male
jagender Pferde waren in den Schnee geschrieben. Sie dachte an Rama, den
sanften Friedensverknder, von dem ihr Givo nicht mde geworden zu
erzhlen und dessen Bild ihr mit dem seinen verschmolz. Sie sah ihn
unter dem Baume sinnend, wie er die Pest banne, sah die goldene Sichel
des Fremden, der ihm erschien, und wie diese den Mistelzweig des Heiles
bruderselig vom Stamme schnitt. Aesc-heyl-hopa, die Hoffnung des Heiles,
ist im Walde. Weihnachten nennen es die Menschen und legen unter den
winterlichen Baum die Symbole ihres Erlsers. Die Stimme der Calese
weckte sie. Arabella erzhlte ihre Legenden aus stlichen Sagenkreisen.
Uns verdrngt der Heiland alle anderen Sinnbilder, sagte die Calese.
Mir ist er immer gegenwrtig. Ich wei, Sie werden nicht lcheln ber
die Geschichte, die ich Ihnen jetzt erzhlen werde. Und mit ihrer
seltsam erzenen, oft aufschluchzenden Stimme begann sie: Im Anfang
meiner Laufbahn, ehe ich mich zu jenem Glanz gekmpft hatte, den die
Menschen Ruhm nennen, war ich eines Tages durch viele Qual bis zu dem
Entschlu gejagt, freiwillig aus dem Leben zu gehen. Es war Sommer, ein
schwler Abend, als ich in einer Phiole Gift bereitete. Der Gesang der
Vgel lockte mich hinaus. Ich wollte noch einmal, bevor ich trank, das
Leben der Glcklichen sehen. Als ich unter den Menschen umherirrte, in
den Grten und Straen, begegnete mir ein Fremder. Er blieb vor mir
stehen und sein Blick zwang auch mich stehen zu bleiben. Ich glaubte, es
wre der Herr selbst, so milde war sein Antlitz. Er geleitet mich,
spricht freundlich zu mir wie zu einem Kinde, bisweilen nimmt er meine
Hand, als knnte ich straucheln.

Vor der Stadt heit er mich in eine Schenke treten und schenkt mir Glas
auf Glas eines berauschenden Weines. Wir scherzen einfltig wie Kinder
und pltzlich sinkt mein Kopf, mein mdgesorgter, an seine Schulter und
ich schlafe ein. Als ich erwache, ist er verschwunden. Ich suche ihn in
allen Ecken, ich laufe verzweifelt auf die Strae hinaus, nirgends eine
Spur. Ich irre weiter, da steht an einer Brcke -- -- ein -- --
hlzerner Heiland. Es ist -- sein Antlitz, er bewegt die schweren
Augenlider, sein Mund lchelt Wiedererkennen in unnennbarer Se. Ich
sinke vor ihm zusammen. Ich erwache zu Hause, eine Pflegeschwester ist
um mich. Ich hatte lange Fieber gehabt. Die Phiole war verschwunden.
Eine edle Frau nahm sich meiner an. Ich war gerettet.

Arabella reicht ihr die Hand. Er war es. Weil du an ihn glaubtest,
sagte sie. Und sie denkt: Auch mir wird Rama begegnen, weil ich an ihn
glaube -- Rama Imanuel.

In Villach kaufen sie eine Zeitung. Da liest Arabella, da Zora
Uhari-Givo eine Konzertreise angetreten habe, die sie nach Wien fhrt.




                             Wetterleuchten


Arabella fand ihr Heim wohlig und warm. Lora, der Papagei, begrte sie,
indem er sich mehrmals mit seinem Namen vorstellte, der Affe sprang ihr
auf die Schulter und zauste ihr Haar. Putzi, die Lachtaube, die Arabella
berall hin begleitete, wurde aus dem Reisekfig in ihr schnes, groes
Haus befrdert und bedankte sich mit ihrem inbrnstigen Kukuru. Frau
Gunter war mit ihrem Jungen gekommen, dem die grfliche Stiefschwester
ein unentwirrbares Geheimnis war, eine kostbare Zusammensetzung von
Fraulichkeit, Duft, Spitzen und tausend kleinen Unerklrlichkeiten. Von
ihr zu trumen aber war mglicher als mit ihr zu sprechen. Die
Dienstboten eilten mit frhlichem Eifer umher, Befehle auszufhren, die
ihre Herrin ebenso rasch erteilte als widerrief. Arabella hatte von
Karinski die Gewohnheit angenommen Dienstleute zu duzen. Sie rief sie
herbei, teilte Geschenke aus, umarmte des fteren die Mutter und den
Bruder, der verlegen sich bemhte, in seiner Konviktsuniform zu
imponieren, eilte von Zimmer zu Zimmer, alles von neuem betrachtend, als
she sie es nun mit anderen Augen. Eine prickelnde Unrast trieb sie
umher. Die Stadt war ihr eines heimlichen Zaubers voll: sie ahnte Givos
Gegenwart oder erhoffte sie so warm, da sie ihr schon Gewiheit schien.
Was durfte sie beginnen, fragte sie sich, da er all die Jahre
geschwiegen? Oft und oft hatte sie sich damit beschwichtigt, da er sich
ihr nicht genhert htte in der Meinung, er, der Unfreie, drfe nicht
ihr Leben kreuzen, da auch sie in Gemeinschaft lebe. So durfte sie ihm
doch zu wissen geben, da sie frei sei, es immer gewesen war fr ihn.
Der Gedanke, es knne Zora Uhari ohne ihn die angekndigte
Konzerttournee unternehmen, kam ihr gar nicht in den Sinn, so sicher
fhlte sie den Augenblick eines Wiedersehens gekommen, und gleichfalls
war sie dessen gewi, da auch er der Wiedervereinigung gewrtig war.
Wrde er sie finden?

So sehr sich auch um diese Zeit das lndlich umgrtete Wien zu
vergrern begann, es hatte sich krzlich sogar, wie eine richtige
Grostadt, in ein Netz von Telephondrhten eingesponnen, so klein blieb
es dennoch und es war nicht leicht, unbekannt in seinen Bezirken zu
leben. Arabella aber hatte eine fast kindische Angst vor neugierigen
Menschen. Da ward das Wandervgelchen in ihr wach, das nur berall zu
Gaste sein will und hinter Bltterwerk recht ab- und obseits sich sein
Nest erbaut. Bekam ihre Mutter, whrend sie bei ihr weilte, Besuch,
schlpfte sie durch eine Hintertre davon und Frau Gunter sah sich um
ihr Vergngen betrogen, mit der Tochter Staat zu machen. Neugierige
Fragen konnte die immer Freundliche und im Gesprch stets zum Scherz
Gelaunte mit hochmtiger Schrfe beantworten. Anonymitt bedeutete ihr
die groe unbehelligte Welt, das unmittelbare Leben von Mensch zu Mensch
ohne Beschrnkungen. Um nicht das Interesse der Leute zu erregen,
verweigerte sie lange Zeit ihr Mitwirken zu wohlttigen Veranstaltungen.
Hufig aber geschah es, da sie durch Luise, ihre Jungfer, Arme und
Kranke, die irgendwo ihren Weg gekreuzt, besuchen und beschenken lie.
Ihre Leute bezahlte sie frstlich und kmmerte sich berdies um das Wohl
ihrer Familien. Unbemittelte und schlichte Menschen interessierten sie
weit mehr als die Gesellschaft, deren Banalitt sie frchtete und die
sie vielleicht instinktgem um der Einschtzung willen verachtete, die
sie von ihr zu erfahren meinte. Es gab indes eine Welt, in der die
Grfin Karinska wohlbekannt war. Bei Trdlern, Antiquitten- und
Spitzenhndlern konnte man sie stundenlang sitzen sehen, um zu whlen,
zu betrachten, zu gustieren, bis sie ermdet in den wartenden Wagen
flchtete, in den die neu erworbenen Schtze verladen wurden. Da sie die
Dinge um sich hufte, lernte sie die Menschen entbehren. Ihre Tiere
waren ihr treuer als eigenntzige Freunde und sie war glcklich, da
gleichgltiges Geschwtz ihr nicht die Mue ihrer Sehnsucht strte. Ihr
Leben war, flchtig gesehen, dem Luxus und Wohlleben geweiht. Eine
grande Dame schien sie, die nur ihren Prunk im Auge hat und weder einem
Manne noch einem Kinde lebt. Des ueren Scheines fast unbewut gab sie
sich sorglos dem Dasein hin, wie ihr der Tag es bescherte, ahnungslos,
da der erwartete Geliebte ihr Leben erschaute.

Bei einem Kunsthndler erfuhr sie zu jener Zeit von der Versteigerung
und Vorbesichtigung einer Sammlung von Miniaturen, deren Besitzer ihr
alter Freund, der Doktor Clemens Urbacher, war. Sie hatte oft daran
gedacht, den verschollenen Freund aufzusuchen. Das Erleben all der Jahre
aber hemmte sie. Dem einst so Vertrauten wollte sie nicht aufrollen, was
sie vor sich selbst ins Vergessen drngte. Nun aber entschied das
Schicksal. Ein Wink von auen rief sie zu ihm, in sein Haus nach
Heiligenstadt, von dem er ihr oft erzhlt und das sie nie betreten
hatte. Sie erinnerte sich, wie gern sie den Onkel Clemens besucht htte,
und heftiger als sonst emprte sie sich gegen den Zwang, in dem sie
Adalbert einst gehalten hatte. Immer klarer ward ihr nun rckblickend
sein absichtvolles Wesen, die Schliche und Schlingen, die er ihr gelegt
hatte, denn oft mute sie jetzt in ihrem Entbehren um Givo ihrer frhen
Entweihung die Schuld geben. Niemals hatte es ihr der Geliebte bekannt,
aber es war ihr zur Gewiheit geworden, da sie nun um ihrer
Vergangenheit willen verlassen war. Mehrere Equipagen standen vor Doktor
Urbachers Haus, als auch ihr Wagen vorfuhr. Der Garten lag im Schnee,
die alten Sandsteinstatuen, die kleinen Pavillons waren unter seiner
Last verborgen, das Haus selbst mit seinem vorspringenden Dach schien
sich traulich zu verschlieen, wiewohl sein Eintritt heute jedermann
frei stand, der sich fr die Kunstschtze des Hausherrn interessierte.
Am Tor war berdies eine Tafel angebracht, die den Verkauf des Besitzes
anbot. In der Diele schon erblickte sie Urbacher, der gerade Gste zur
Tre begleitete. Das Antlitz einer Frau verschwand eben noch grend
hinter einer Tre. Dies Frauengesicht, wie seltsam, es rief ihr eine
ungeklrte, unerkannte Erinnerung wach, etwa ein Wo sah ich es schon?
und gleichzeitig ergriff sie der Anblick Urbachers. Wie war er gealtert,
der einst so treue Freund! Auf dem Kragen seines schwarzen Samtrockes
kruselte sich Silberhaar, ber den einstmals so hellen Augen lagen
Brillen mit dunklen Glsern.

Die Tren der anstoenden Rume waren offen und darin die kleinen
Kunstwerke auf Tischen mit schwarzen Tchern aufgereiht. Wie eine
Aufbahrung, dachte Vgelchen und es war ihr, als lge inmitten der
bunten Bildchen und Bltter ihre eigene Kindheit hingebettet. Immer
wieder mute sie beim Anblick der Miniaturen an Adalbert, den Sammler,
denken und vergleichend lernte sie nun auch seine Auswahl besser
verstehen. In diesen Tagen der uersten Erregung war sie hellsichtig
und sprte den geheimen Zusammenhang, die geheime Verknpfung ihrer
selbst mit den zarten Gebilden der Mannsthalschen Sammlung, von denen
die Urbachers eine auserwhlte, aber viel geringere Anzahl besa. Ein
Ha quoll pltzlich gegen diese Bildchen in ihr auf, genhrt durch die
Erzhlungen ihrer Mutter, die vor Jahren gegen die Sammelleidenschaft
Adalberts vergeblich gekmpft hatte. Dieser Ha aber lag in seinen
Wurzeln viel tiefer: Arabella witterte das lasterhafte Tier, die
grausame Gier eines kalten Genieers, der ihr Leben fr immer aus den
natrlichen Bahnen gelenkt hatte. Eine Liste der Besucher lag auf, sie
unterschrieb sich und las den Namen von Mannsthals Kunsthndler. Es war
ihr sofort klar, da dieser fr ihn eine Sammlung erwerben wollte, die
Adalbert locken mute wie keine andere. Blitzartig entschlo sie sich,
diesen Kauf zu vereiteln. Indes hatte der Hausherr seine Gste
begleitet, er kam zurck und verneigte sich artig vor ihr. Er sah sie
nur als eine vornehme junge Frau und hrte einen undeutlich gesprochenen
grflichen Namen. Ihr ward so wohl, heimatlich wohl, als sie neben ihm
von Bild zu Bild schritt. Ihr Wissen, geschult durch einen so
bedeutenden Sammler wie es Mannsthal war, entzckte ihn und er fhlte
mehr, als er ihn sah, den Liebreiz dieser Frau, die er, als sie Kind
war, mehr geliebt hatte als sein Leben. Oder war es die Stimme, die
dunkler gewordene, die noch in ihren kindlichen Ausrufen der Vgelchens
des Kindes glich!? Er wurde gesprchig, so da Arabella die Frage wagen
konnte, warum er sich von einer so liebevoll angehuften Sammlung
trenne. Nun, er knne ihre Feinheiten nur mehr erinnernd genieen, da er
im Begriff sei zu erblinden. Aus diesem Grunde wolle er auch das alte
Haus verkaufen und nach Bozen oder Trient bersiedeln, um in der milden
Luft noch einen Schimmer sdlicher Farben zu verspren. Allein?
entfuhr es ihr voll Mitleid. Nein, ach nein, meine Gefhrtin begleitet
mich mit ihrem Sohne. Sie ist Malerin und braucht die Farben noch
notwendiger als ich Erblindender. Da nahm ihn Arabella bei der Hand und
fhrte den Erstaunten an das Fenster. Sie neigte sich nahe zu ihm und
sagte bittend: Onkel Clemens, erkennst du Vgelchen nicht mehr? Da
rckte er sich die Brille rasch zurecht und sah ihr angestrengt ins
Gesicht.

Ja, Kind, du bist ja, bist ja eine Prinzessin geworden, Grfin sagtest
du?

Ja, ist es denn nicht einerlei, wie ich nun heie? erwiderte sie. Bin
ich nicht mehr dein Vgelchen, bin ich dir ganz fremd geworden?

Da bist du nun, sagte er wie aus einem Traum. Ja, jetzt sehe ich, da
du es bist, hre deine Stimme, ja. Siehst du, mir bist du eben noch
immer das Kind geblieben, das ich an dieses Unglcksufer gerudert habe.
Gott sei es gedankt, da du nicht spter gekommen bist. Nun kann ich
dich noch sehen hinter einem leichten Flor wie ein Engelsbild. Bald wird
der Schleier dichter fallen, und er nahm ihren Kopf zwischen seine
Hnde und betrachtete sie prfend wie eines seiner kostbaren Bildchen.
Du hast manches erlebt, Kind, sagte er. Heies und Kaltes lese ich
da. Ich wute es ja und es ist noch viel Unruhe in dir. Nicht wahr, es
ist, als wre alles, was in der Kindheit gewesen ist, berbaut wie ein
Gewsser durch eine Strae. Oben geht das Leben mit seinen neuen
Menschen und seinem Geschehen, seinem Gegenwartstreiben, unten sprudelt
das Element weiter in die Ferne, ins Unendliche, ins Meer.

Vgelchen nickte. Wer war die Frau, die ich vorhin sah? Ist es die, die
du deine Gefhrtin nanntest? Ich mu sie schon gesehen haben, vor Jahren
vielleicht.

Oh, Kind, es ist ja Hedwig, Konrad Krugers, dieses Unglcklichen,
Schwester.

Ach, wie kamt ihr denn zusammen!?

Durch dich, Vgelchen, durch dich! Der Bruder hatte von dir meine
Adresse, um mir Gre zu bestellen. Als der Arme gestorben war und seine
Briefe ausblieben, kam sie zu mir, hoffend, ich knne durch dich sein
Schweigen aufklren. So kamen Hedwig und ich einander nher. Und so
danke ich einem Unglck dies spte Glck.

Seltsam, sagte Vgelchen bewegt. Und weit du auch, was aus dem Buch
geworden ist, an dem der Arme geschrieben hat?

Es ist krzlich in neuer Auflage erschienen. Du sollst es haben. Es ist
der Stolz seiner Schwester. Komm zu ihr, willst du? Ich will sie
vorbereiten. Es wird sie sehr erschttern. Da hre ich Leute kommen.
Knnte ich sie doch alle wegschicken und gleich mit dir plaudern, von
deinem Wandern hren.

Tu das, Onkel Clemens. Niemand soll uns jetzt stren. Ich kaufe die
Sammlung um die hchsten Preise. Ich wre untrstlich, wenn ein anderer
sie erwerben wrde. Und dein schnes, altes Haus kaufe ich auch, wenn
ich es erschwingen kann. Du sollst keine Sorge haben, Onkel Clemens.

Der alte Herr geriet in freudige Aufregung. Das wolltest du tun, du
gutes Kind, rief er aus. Es ist nicht leicht die Sammlung an den Mann
zu bringen, deshalb habe ich sie der ffentlichen Versteigerung
preisgegeben. Ja, preisgegeben allen Gaffern, der Gasse. Wie Kinder sind
mir diese behteten Dinger, um jedes habe ich meine Sorgen gehabt, jedes
habe ich gehegt und gepflegt in Liebe.

Ja, Kinder, wie Kinder, sagte Arabella und ein heiliger Zorn stieg in
ihr auf. Unbezwinglich ward der Wunsch in ihr, Urbachers kleine
Heiligtmer vor Mannsthal zu schtzen. Ja, auch ihr erschienen diese
zarten Gebilde wie Kinder. Lebendig wurden die Gesichter und rhrend in
ihrer Wehrlosigkeit und sie sprte es, wie Adalbert sich ergtzen wrde
an jedem einzelnen. Aber keines, keines sollte er besitzen, an keinem
sich gierig erlechzen. Und wenn es ihr halbes Vermgen kosten sollte,
sie mute ihn besiegen.

Und nun wird er kommen, fuhr Urbacher, wie zu sich selbst redend,
fort. Er, der sich mir jahrelang verborgen hat, nachdem er dich mir
geraubt hat, jetzt ist der Augenblick, wo er auftaucht, mir diese Opfer
zu entreien.

Hat er sich schon gemeldet?

Nein, Kind, das ist es eben. Ich wei nichts von ihm, aber ich spre
ihn, spre, wie er die Beute umlauert, wie er schon seine Netze legt. In
jedem Kufer wittere ich seinen Mittelsmann. Er wird es schlau
anstellen. Wer immer die Sammlung erwirbt, schlielich fllt sie ihm
anheim. Bin ich denn deiner so gewi?

Nein, Onkel Clemens, nein, von mir wird er sie nie und nimmer
herausbekommen. Oh, sehen mchte ich es, sehen, wie er bittet und bietet
und schmeichelt um jedes kleine Bildchen. Aber ich will es ihm
entgegenschleudern, wie sehr ich ihn durchschaut habe, wie ich ihn
verlache, verhhne, verachte!

Kind, stammelte Urbacher erschrocken. Kind, so hat es dich gegen ihn
ergriffen? Ist es also doch so gekommen, da du ihn hassest?

Sie erschrak. Hate, hate sie ihn denn? War sie nicht all die Jahre in
freundlichem Briefwechsel mit ihm gestanden, lebte sie nicht auch von
seiner Gromut? Oder war dies Vermgen, das er ihr zugewendet, etwa
Bezahlung, Abfindung? Waren sie nicht quitt? Nein, sie schuldete ihm
nichts, sie durfte ihn hassen. Sie war ja um seinetwillen verlassen,
verstoen. Aber pltzlich sah sie durch die rote Wolke des Zornes Givo,
den sie zur Stunde fast vergessen hatte. Es war ihr, als blickte er sie
erstaunt an, als fragte er in ihre Seele, die sein Werk war: Wie, du
hassest? Vgelchens Seele birgt Ha?

Es war nur eine pltzliche Aufwallung, Onkel Clemens, sagte sie. Aber
hier nimm mein Versprechen. Adalbert wird nie, niemals deine Bilder
besitzen. Er hielt ihre Hand, besah sie mit seinen verlschenden Augen,
dann kte er sie. Da dies eine Frauenhand werden konnte, mit
Brillant- und Perlenringen, dieser Schmetterling von einem
Kinderhndchen, dieses Rosenblatt im Wind deiner Launen. Kind, Kind, was
hat man dir getan?! Ich frchte es zu hren, ich frchte es.

Arabella sah ihr Leben, ihre Nchte. Der Reigen flchtiger Liebesstunden
umkreiste sie. Das zehrende Warten um Givo trug sie als Heil und Last.

Ich bin jetzt allein, sagte sie. Vielleicht kommt er jetzt bald, den
ich erwarte, vielleicht nie wieder, weil es so mit mir gewesen ist.

Er verstand sie nur halb, aber dies, weil es so gewesen ist, das wute
er ja, hatte es immer geahnt. Da es nicht verschmerzt war? Oder war
eine Wunde aufgebrochen, die sie selbst kaum gesprt hatte? War er die
Ursache bsen Erinnerns? Er selbst war ja mitschuldig. Warum hatte er
sie nicht verborgen, beschtzt, gerettet, wie jener andere es gewollt,
Konrad, der Narr?

Willst du jetzt zu Hedwig kommen? sagte er traurig und rhrte sie
sanft aus ihrem Sinnen. Ich folge dir, sowie ich die Besucher
weggeschickt habe. Nun soll mir keiner mehr herein. Die Bilder sind
verkauft.




                                 Kampf


Als Adalbert Mannsthal erfuhr, da die Sammlung Urbachers, die er um
jeden Preis zu erwerben suchte, von einem Agenten fr eine unbekannte
Persnlichkeit angekauft worden sei, setzte er sich sofort auf und fuhr
nach Wien. Er wollte mit allen Mitteln den Kauf rckgngig machen, ihn
berbieten, ja selbst seine Scheu berwinden, sich Urbacher zu nhern
und ihn an ein vages Versprechen zu erinnern, die Miniaturen nicht ohne
sein Wissen aus den Hnden zu geben. Arabella hatte, um Adalbert in
Unkenntnis zu lassen, einen Kunstagenten als Kufer vorgeschoben, dieser
war bestechlich und Adalbert schon seiner Sache gewi, als er mit dem
Mittelsmann nach Heiligenstadt fuhr, wo sie die wirkliche Kuferin, eine
angebliche Frau von Werter, treffen sollten. Arabella hielt sich gern in
dem alten verlassenen Hause auf. Urbacher und Hedwig waren schon
abgereist. Sie ordnete und vernderte und im Geheimen knstelte sie
schon an einem Raum, der Givos Arbeitszimmer werden sollte. Ihr
Stiefbruder, der fnfzehnjhrige Wolfgang, war eben bei ihr zu Besuch
gewesen, als sie sich zur Fahrt nach Heiligenstadt rstete, und sie
hatte ihn mitgenommen. Whrenddem sie mit den Grtnersleuten sprach,
machte sich Wolfgang in der Bibliothek zu schaffen. Er sa in einer Ecke
ber einem Mappenwerk, als Arabella eintrat. Was studierst du da?
fragte sie nhertretend, aber im selben Augenblick gewahrte sie die
seltsame Vernderung in des Jungen Gesichtszgen. Bla und verzerrt
stierte er auf ein Bild, das seine zitternden Hnde hielten. Ein Blick
gengte und Arabella packte das Heft, es ihm zu entreien. Auf dem
Umschlag las sie von Urbachers sauberer Schrift geschrieben: Kopien aus
der Sammlung Mannsthal. Dazu ein P. in der Klammer. Es erwies sich, da
sie zu schwach war, dem Jungen den gefhrlichen Band aus den Hnden zu
winden. Wie ein hungriges Tier, das um seine Futterschssel kmpft, sah
er sie aus seinen glhenden Augen an, whrend seine verklammerten Finger
sich zu Eisen krampften. Als sie dennoch siegte, lachte er bldsinnig,
drohte sie zu kssen und frech zu werden. Scherz schien dieser Kampf und
war doch von beiden Seiten viel mehr als Spiel und Weigerung. Eines der
Bilder war zerfetzt und zur Erde gefallen, es stellte ein kleines
Mdchen dar, das in einer Speisekammer auf einen Sessel steigt, um
Sigkeiten zu erhaschen, whrend ein Mann in trkischem Schlafrock und
Mtze sie auf unzweideutige Weise an den Rcken fat. Arabella fhlte
die merkwrdige Fgung, durch die sie nun Tag fr Tag an gewisse
Vorgnge gemahnt wurde. Eine seltsame Erregung erfate sie. Sie selbst
war ja damals fnfzehnjhrig gewesen wie dieser Junge, der jetzt
keuchend die Arme um sie breitete. In diesem Augenblick fuhr knarrend am
hartgefrorenen Pflaster ein Wagen vor. Der Agent und jener Fremde, der
sie zu sprechen wnschte, waren angelangt. Wolfgang lie ab und strzte
aus dem Zimmer, whrend Arabella hastig das Mappenwerk zusammenraffte.
Gleich darauf trat Herr Blumenstock ein, hinter ihm -- Mannsthal. Sie
erschraken, er und sie. Sie hatte den Hut, nicht den Pelz abgelegt, ihr
Blondhaar, das verwirrt war, leuchtete ber dem dunkeln Zobel. Er sah
ihr vom Ringen gertetes Gesicht, ihre zornfunkelnden Augen, er fand sie
sehr schn. Nur eine Sekunde hatte er, als er so Arabella erblickte,
sich der Tuschung hingegeben, sie htte, um Urbacher zu berlisten,
anonym fr ihn die Sammlung gekauft. Aber sie sah ihn nicht an wie
einen, den man freundlich berraschen will, sie hatte ihm nicht die Hand
gereicht, sie stand sprachlos und bebte.

Das ist ja ein seltsames Wiedersehen. Habe ich dich am Ende angesteckt
mit dem Sammeln, sagte er und ging sogleich an die Tische heran. Du
wutest ja, was ich von Urbachers Sammlung halte. Nun und was gedenkst
du mit ihr anzufangen? Man wird doch noch ein Angebot stellen knnen,
hm? Whrend er sprach, umkreiste sein Blick mit heier Gier die Bilder
und er schien allmhlich zu vergessen, da jemand im Zimmer war, da er
mit Arabella sprach, die er Jahre nicht gesehen hatte. Er beugte sich
tief herab, umschlang, verschlang mit den Augen die kleinen Kunstwerke
und streckte die zitternden Finger aus, ein oder das andere zu erfassen.
Mit Grauen erkannte Arabella den Blick, den heikalten Blick, die
bebenden Finger, die mit derselben Gier sie spinnengleich umgarnt
hatten, dieselbe konzentrierte Aufmerksamkeit, dieselbe bebende
Besessenheit drckte sich in seinen Zgen aus. Noch brannten ihre Arme
von Wolfgangs starken Griffen, Adalberts Hnde waren greisenhaft,
trocken wie verkohltes Holz. Sie sah die Einzelheiten der Vernderungen,
die mit ihm vor sich gegangen waren, sie gewahrte die vergeblichen
Verjngungsversuche an dem gealterten Krper. Zum ersten Male fhlte sie
zu tiefst das Abnorme ihres kindlichen Erlebnisses, es schnrte, es
umprete ihre Kehle, es blies ihr den Atem stoweise aus der Brust, es
strubte ihr Haar, als stnde der Teufel in Person vor ihr und trnkte
die Luft um sie her mit Schwefelgestank. Und wie er nun lauernd von
Tisch zu Tisch schritt, war ihr, als msse sie gleich Simson Sulen
umfassen und sich mit ihm und den Bildern in Trmmern begraben. Aber da
stand er ja noch, da ging er ja noch, ohne sie zu beachten, umher und
tat, als wre dies alles doch schon unantastbar sein Eigen. Sie wollte,
sie mute ihn aufrtteln mit bsen Worten aus der Benommenheit seiner
Gier. Du bist also nur der Bilder wegen hergereist? Das ist wichtiger
als ich es dir bin. Httest mich vielleicht gar nicht aufgesucht? Man
knnte ersticken in Verlassenheit. Wren Karinskis Briefe nicht, ich
wte berhaupt nicht mehr, was Treue und Dankbarkeit ist.

Ach so, Dankbarkeit. Ich soll dir also dankbar sein. Ach ja, mein Kind.
Bin ein wenig zerstreut. Diese sen, kleinen Dinger da nehmen mich ganz
gefangen. Einzig! Was sagst du von Verlassensein? Sagtest du nicht etwas
Derartiges? Ich wollte dir brigens von Givo erzhlen, vom _ancien
ami_. In diesem Augenblick bemerkte er eine Miniatur, die eine Brosche
vorstellte, und ihn ber die Maen zu fesseln schien. Nein, so ein
Glckspilz, hat er dich erobert, dich Perle, Kleinod. Ja, sehe ich dich
wieder! Er nahm das Bildchen zur Hand. Wahrhaftig, du, du!

Givo, stie Arabella hervor. Was weit du von ihm?

Und das hat er mir verschwiegen, sagte er, sich erregt zu Vgelchen
wendend. Ich hatte eine Unsumme fr dieses Stck geboten. Aber nun
werde ich es ja besitzen. Du wirst mir doch keine Schwierigkeiten
machen, Bella?

Du wolltest mir etwas von Givo ...

Ja, ich glaube, ich habe es nun vergessen, mut Angele fragen. Reden
wir jetzt von Wichtigerem. Dieses Bild habe ich gesucht, gesucht! Warum
hast du die Sammlung gekauft? Um deinem alten Freund Urbacher eine
Freude zu machen, der sie bei dir natrlich am liebsten sehen wollte,
der dich so gegen mich aufgehetzt hat, da er sicher zu sein glaubt, da
ich sie nicht doch bekomme? Aber da hat er sich geirrt, nicht wahr, mein
Liebling! Wir werden uns schon verstndigen. Und in freudiger Erregung
war er ganz nahe an sie herangekommen. Wie schn du geworden bist,
Bella, sagte er. Und das gibt vor, verlassen zu sein! Hast
wahrscheinlich tglich zehn Anbeter. Und sag, bist du, bist du noch
immer so, so erpicht darauf, so inpitoyable? Er hatte sie umfat und
blickte sie mit faunischem Lachen an. Da htte man ja im Notfall noch
Glck bei dir. Im Notfall meine ich. Ihr war wie im Angsttraum, wenn
man laufen will und nicht kann, wenn man schreien will und wie der
Taubstumme lallt.

Wolfgang, prete sie hervor. Wolfgang! Es war nur ein Gestammel, das
der Junge drauen nicht vernahm.

Wen rufst du da? Ist ein Retter in der Nhe, ein Ritter? Ich sagte es
ja. Hab keine Angst. Aber Spa beiseite, ich biete dir das Doppelte des
Preises, den du fr die Sammlung bezahlt hast, und lasse dir noch dazu
einige Stcke.

Du und Karinski, ihr habt dafr gesorgt, da ich keine Geschfte zu
machen brauche, sagte sie.

Wenn ich dir nun sage, da mir unendlich viel an dem Besitz liegt,
willst du da mit Hilfe dieses Geldes, von dem du eben sprichst, willst
du mit meinem Gelde --

Pfui! sagte Arabella und wandte sich ab.

Sieh, Kind, du zwingst mich, so deutlich zu sein. Warum stellst du dich
so feindlich, was ist pltzlich in dich gefahren?

Pltzlich?!

Ja, denn frher warst du es, die dankbar war, nicht von mir verlangtest
du Dankbarkeit. Dankbar warst du mir, wie ich dir fr wundervolle
Stunden, Stunden, die mir nie wiedergekehrt sind, Arabella, die mich
jetzt noch mit Schauern erfllen. Nein, weiche nicht zurck, ses Kind.
Ich habe zu viel Ehrfurcht vor dieser Oase in meinem oft qualvollen
Leben. Du hast mich beseligt, willst du mir jetzt einen Wunsch versagen,
dessen Erfllung dir keine Entbehrung, mir aber eine Sehnsucht stillt,
die du nicht verstehen kannst. Denn sieh, Arabella, begann er leise,
als flstere er zu sich selbst. Wirklich geliebt habe ich in meinem
Leben nur diese blassen Frauen und Kinderbilder, die wie ein Hauch sind,
da jeder Blick schon Schndung bedeutet. Ja, die Wirklichkeit, sie ist
willfhrig, oder wenn sie es nicht ist, so ist sie nicht so wehrlos wie
diese Gebilde, diese Opfer des Blickes! Knnte ich dir deutlicher sagen,
was fr himmlische Gelste sie mir bereiten und erfllen -- -- Seine
Augen waren die eines Irren, seine tastenden Hnde suchten die ihren.
Eiskalt kroch es ihr an den Gliedern empor.

Das ist ja Wahnsinn, sagte sie heiser vor Entsetzen.

Ja, nenn' es Wahnsinn, ein heiliger Wahnsinn ist es. Aber nur so sind
wir glcklich, Bella. Das wahre Leben ist unertrglich. Sei behtet
davor, den Mut, den Wahn aus deinem Leben zu weisen. Hast du nicht
selbst dich betubt, spieltest die Samariterin und glaubtest dem Elend
abzubitten. So sei doch wieder Samariterin. Man spricht noch jetzt von
dir in den Pariser Hospitlern. Wo ist deine Milde hingeschwunden? Gib,
gib mir sie, die Bilder, diese sen kleinen Elfenkinder. Gib sie mir,
als httest du sie mir geboren aus unserer Umarmung, Arabella, Ariel,
ser Ariel. Wieder war er ihr ganz nahe.

Wolfgang, rief Arabella nun laut und befehlend, und diesmal gab die
umklammerte Kehle den Laut frei.

Wolfgang trat ngstlich ein. -- Hier stelle ich dir meinen Stiefbruder
vor, sagte sie bebend. Und zu dem Jungen: Dies ist Herr Mannsthal. Es
wird dich interessieren, ihn kennen zu lernen. Bitte, fhre ihn dann zu
seinem Wagen, er wei nicht, wie das Schlo funktioniert an der
Gartentre. Sie war an die Bilder und Dosen herangetreten und warf ein
schwarzes Tuch ber einen der Tische. Ich mu nun Vorkehrungen treffen,
da die Dinge sogleich verpackt werden und der Galerie zugestellt
werden, der ich sie zugedacht habe.

Das wirst du nicht tun, rief in zornigem Schreck Adalbert.

Wir sehen uns wohl noch, ehe du reisest, etwa heute Abend in der Oper,
sprach sie, atemlos Fassung erkmpfend. Man spielt >Les Contes
d'Hoffmann<, sagte sie mit bser Gleichgltigkeit. Sie nahm die
Brosche, deren Anblick seinen Bericht ber Givo verdrngt hatte, und
steckte sie an. Aber ber die Miniaturen wollen wir dann nicht mehr
sprechen. Es langweilt mich. Vielleicht erinnerst du dich aber dessen,
was du mir von Givo sagen wolltest?!

Du bist schlagfertig geworden, sagte Mannsthal mit verbissener Wut.
Also, dies ist Wolfgang Gunter. Nicht bel. Diese Frau hat Talent,
deine Mutter nmlich -- -- Gre sie herzlich von mir. Wollen wir aber
nicht alle gemeinsam zur Stadt fahren?

Ja, geht beide, nimm Wolfgang mit und bring ihn seiner Mutter.
Vielleicht hat sie mit dir zu sprechen. Sie ist oft so ratlos in ihren
Angelegenheiten. Ruf mir den Grtner, Wolfgang. Ich bleibe noch hier.
Auf Wiedersehen heute Abend!

Sie sah ihnen nach, dem gealterten Mann und dem Knaben. Im Bestreben
schlank zu bleiben war Mannsthal mager geworden. Sein Hals war gehhlt,
sein Rcken rund, die ehemals prchtigen Schultern hatten sich gesenkt
wie ein morsches Gerst. Arabella erschrak. Sie ersah das unbarmherzige
Schreiten der Zeit. Einen Augenblick durchzuckte es sie wie Mitleid: Mag
er sie haben, die Bilder. Dann erinnerte sie sich Urbachers. Seine
Kinder hatte er sie genannt, um die er sich gesorgt hatte. Ihr war nun,
als beschtze sie sich selbst in ihnen. Aber es ist ja zu spt,
murmelte sie, lngst zu spt.

Der Grtner kam, sie lie die Truhen holen, die sein Herr zur Verpackung
der Bilder bestimmt hatte. Sie selbst legte Hand an, bettete sie sanft
ein wie in ein Grab. Als die Mappen daran kamen mit der Aufschrift P.,
zgerte sie. Sie blickte ins Feuer, beutegierig gab es den Blick zurck.
Schon sah sie es die ungeheuerlichen Bltter verschlingen, da tauchte
eine Nacht in ihrer Erinnerung auf. Von Givos Kind war sie gekommen,
gebrochenen Herzens. Ein Kranker mit verzerrtem Blicke hatte sie
umschlungen, whrend er auf ihren Knieen ein Buch hielt, in dem sie
lchelnd bltterten. Eine bse Lust war in ihr sich zu erniedrigen, das
Unrecht, das ihr geschehen war, zu rechtfertigen. Es gewhrte Freude,
diese lsternen schamlosen Bilder mit Malpasse zu besehen und sich
schamlos zu gebrden, whrend sie vor Scham verging. Gab es nichts
Bseres noch, sich zu brandmarken, da die qulende Anklage in ihr
erstrbe?!

Dieser Stunde gedachte sie nun und ihre rchende Hand verschonte die
Mappen. Nicht an mir ist es, zu richten, sagte sie sich. Aber ihr
Blick ins Feuer wurde unheimlich starr, visionr. Sie sah die Scheite
knistern und strzen. Es war ihr, als ginge dort unter strzenden Balken
sie selbst und die Welt zugrunde.

                   *       *       *       *       *

Eine Woche nach Adalberts Abreise erhielt Arabella eine Depesche von
Karinski, die seine Ankunft meldete. Mannsthal hatte auch seine Hilfe
angerufen, seine Frau zu bestimmen, die Miniaturen auszuliefern. Er
hatte ihm nicht verschwiegen, da es um ihre Nerven nicht am besten
stnde. Eine pltzlich unberwindlich gewordene Sehnsucht und Sorge
hatte den Grafen zu Vgelchen getrieben. Auch er hatte sie fast zwei
Jahre nicht gesehen. Wer wei, ob du noch lange frei bist. Ich mute
eilen, hatte er gesagt.

Hngt meine Freiheit denn nicht von dir ab, fragte Arabella und
schmiegte sich dankbar an ihn. Wie edel erschien er ihr neben Mannsthal,
der nicht ablie sie in vielen Briefen um die Sammlung zu bitten.

Um Johannis blhen manchmal die Bume wieder, aber darum ist es doch
nicht Frhling, sagte der Graf und zog mit wehmtigem Lcheln ein
Schriftstck aus der Tasche. Hier der Scheidungsbrief, falls du ihn
brauchen solltest.

Ich habe einen Aberglauben gegen gut vorbereitete Dinge, erwiderte
Vgelchen. Behalte den Brief, mein Guter.

Nachdem der Graf abgereist war, bemchtigte sich Arabellas fieberhafte
Unruhe. Immer deutlicher fhlte sie das Ereignis nahen, Wetterleuchten
zuckte in ihrem Blut.

Es war an dem Tag, der dem Erffnungsabend des Gastspieles Calese
voranging, als Arabella, von pltzlichem Lufthunger ergriffen, das
Fenster ihres Salons ffnete. Ein fhnartiger Wind strich ber die Bume
des botanischen Gartens. Sie beugte sich hinaus und erblickte am Ende
der Strae einen Mann, der sich entfernte. Es durchzuckte sie seltsam.
Im selben Augenblick hrte sie der Taube Flgelschlag und fhlte, wie
sie sich auf ihre Schultern niederlie. Wie so oft neigte sie ihr die
Wange und empfing ihre Ksse. Da pltzlich begann die Taube unruhig zu
flattern, hob die Schwingen und schon flog sie ber die Strae den
Bumen zu. Der Ruf erstarrte Arabella in der Kehle. Die Taube lie sich
auf einem der hchsten Gipfel nieder, um gleich wieder, wie gescheucht,
in den dmmerigen Himmel aufzusteigen, wo sie schlielich, ein kleiner
schwarzer Punkt, ihrem angstvollen Blick entschwand. Mit einem Schrei
sank Arabella in Luisens Arme, die eben die Robe fr den Theaterbesuch
hereinbrachte. Nun lag sie in Trnen, von den jammernden Dienstboten
umgeben, die alle die Taube lieb gehabt hatten. Der Portier war auf die
Polizei gegangen und hatte Annoncen an die Zeitungen getragen, die dem
redlichen Finder der Lachtaube Putzi, die ein goldenes Herzchen an einer
Halskette trug, einen mrchenhaften Finderlohn versprach. Arabella htte
am liebsten auf den Theaterbesuch verzichtet, um so mehr als Frau Gunter
die Post sandte, Kopfschmerzen hinderten sie die Grfin zu begleiten.
Luise, das Kammermdchen, die nun gewi war ihre Herrin vom Theater
abholen zu drfen, was ihr, einer Theaternrrin, schon Vergngen
bereitete, bettelte in ihrer eindringlichen Art, Euer Gnaden drfe sich
der Traurigkeit nicht hingeben. Im Theater wrden die Frau Grfin
vergessen. Vergessen, Luisel, was glaubst denn, mein Tauberl
vergessen? Aber schon fhlte sie das Auergewhnliche, das ihr
geschehen sein mochte, ein Zeichen vielleicht, das sie annehmen sollte
ohne zu klagen. Und sie mute an all die Wunder ihres Lebens denken. Sie
stand vor dem venetianischen Spiegel, in dessen geschliffenen Blumen die
Kerzen sich funkelnd spiegelten. In ihren Augen glitzerten noch die
Trnen, der Schmerz gab ihrem Antlitz etwas rhrend Kindliches. Luise
heftete ihr eine tiefrote Rose in die fahlblonden Wolken ihres Haares
und ffnete die Schmuckkassette, die neuerdings von Karinski bereichert
worden war. Aber Arabella wollte Trauer um das Tubchen und schob sie
weg. Ach, nun wrde sie der Calese schmerzdurchfurchtes Antlitz um so
tiefer bewegen, da sie selbst sich so seltsam verworren fhlte im
Rtselhaften. Die Qual um die Heimat, die sie von dem Tag an genhrt
hatte, als Givos Kampf an der Mutter Krankenlager begann, sie sprte sie
nun zu einem Ende gesteigert. Wie der Vogel, dessen Flgel vor dem Ziel
zu erlahmen drohen, whrend tief unten die Wellen des Meeres
unerbittlich drohen, sah sie sich mit letzten Anstrengungen dem Ufer
zusteuern, das ihr die Entscheidung bergen mute.




                             Gottesgericht


Wien war nach der groen Brsenderoute, die so viele Existenzen gestrzt
und bedroht hatte, rasch wieder aufgeblht. Dem Luxus waren zwar die
Flgel gestutzt worden und manch einer und mit ihm die Seinen, von der
Hhe ppiger Lebensfhrung herabgestrzt, gewahrte, da er aus den
Trmmern einstiger Pracht nur innere Werte hatte retten knnen, etwa die
Liebe zur Kunst und Wissenschaft, die Fhlung mit einer Welt, die ihre
Grenzen erst dort findet, wo die Kultur aufhrt. Dies gab den geistigen
Menschen und den Leuten von Welt einen internationalen Zug, der auch
geeignet war, chauvinistische Stimmungen auszugleichen. Die Kunst und
ihre Altre verbanden alle Welt. Ein Jahrzehnt nach dem Krach aber
hatte sich diese scheinbare Verinnerlichung zur Sensationslust
vergrbert. Andere Schichten waren zu Reichtum gelangt und suchten es
den Kultivierten gleich zu tun.

Als zu Anfang der Achtzigerjahre die berhmte italienische Tragdin
Gabriela Calese ihr Gastspiel ankndigte, drngte sich Arm und Reich,
die Jemands und Niemands, die Gren von gestern und heute, von morgen
und bermorgen und alle, die ihnen so gern nachbeten, zu diesem
Theaterereignis, neben ihnen der Tro ehrlich Begeisterter. Alle
Vorstellungen waren vor Beginn der ersten ausverkauft. Das Phakentum
der Wiener trat offensichtlich zutage: man wollte, wenn auch des
Genusses selbst nicht teilhaftig, zumindest Augenzeuge des Genieens der
anderen sein. In allen Kreisen wurde zu dieser Zeit viel gewettet und
gespielt. Der kleine Mann, ja selbst der Arbeiter spielte und das leicht
erworbene und leicht verlierbare Geld wurde sorglos wieder ausgegeben.
Wenn etwas los war, gebot es der Lokalpatriotismus mitzutun. Manch
einer, der sein Volk liebte, sah es mit Sorge hinter dem Fortschritt der
anderen mit leichtfertiger Gleichgltigkeit zurckbleiben und war
erschttert ber seine soziale und politische Teilnahmelosigkeit. Die
demokratische Gemeindeverwaltung, in der es noch keine konfessionelle
Spaltung gab, versuchte, selbst ohnmchtig, ihre verirrte Herde
aufzurtteln. Ein Sturmwind mute es sein, der diese wurmstichige
Gesellschaft erfassen, sie aufzurtteln vermochte, und kein Wunder, wenn
er wie ein Springteufel der eigenen Fahrlssigkeit entfuhr! Sorglos wie
immer war man ins Theater gegangen. Das Parkett, das Parterre, die Logen
waren ein Wogen und Murmeln von Farben und Stimmen, von blendenden
Frackhemdbrsten, dekolletierten Frauen, ein Nebeneinander ergreifender
Geschmacklosigkeit und erschlaffter Eleganz. Emporkmmlinge mit dem
Bedrfnis nach Beglaubigung blhten sich neben schlichter Echtheit. Die
Galerien sahen ganz fern aus, unheimlich hoch schienen sie aufzusteigen.
Trme von Menschen bergend, Abgesonderte, die mglicherweise ein
verworrenes Sprechen erhaschen wrden, aber jedenfalls anwesend waren
als Publikum des Publikums. Flaubert hat irgendwo gesagt: Lieben wir
uns in der Kunst wie die Mystiker sich in Gott lieben und mge alles vor
dieser Liebe erblassen. Auch der Neid mge es, der blasse Neid, der
zwischen Orden, Frisuren, Schleppen und Bcklingen vor den Altren der
Kunst sein Spiel treibt. Mit Schadenfreude sahen die Menschen, die
einander so sattsam gut kannten, wie eine fremde Erscheinung ihren Glanz
verschattete. Es trat ein mittelgroes, berschlankes Persnchen ein,
das blonde Lockenhaar mit der roten Rose verdeckte fast das schmale
Gesicht. Der vom Karminstift leicht gestreifte Mund verriet die Sitte
der Auslnderin, die sich ihrer Schminke nicht schmt; dennoch hatte er
etwas Rhrendes, es zuckte noch ein Schmerz um seine Winkel. Der weie
Atlas des Kleides nhte sie der letzten Mode nach eng ein. Eine
entzckende Eleganz und Originalitt lag in der fast hageren
Erscheinung. Der Gang stolz und doch sieghaft leicht, die Haltung des
Kopfes mdchenhaft und dennoch fast kniglich. Von solchen Frauen denkt
man, sie seien eines Groen heimliche Beherrscherin; ihr Thron ist
gebaut ber dem sichtlichen, dem Frsten dienen. Eine Seele vibrierte
hier durch den Krper und verklrte ihn. _Un prtexte pour qu'une me
restt sur la terre_, hatte Givo seinen Freund Hugo zitiert, als er
einst mit Hettwer Arabella betrachtete. Die Dame nahm Platz, lehnte sich
zurck, leicht den Kopf erhoben, den Blick in die gemalten Ranken des
Vorhanges verloren und so wie abwesend sich scheinbar vor der Neugier
bergend. Man hat sie vielleicht schon im Prater gesehen. Ist es nicht
dieses Mdchen, diese Frau mit dem schnen Kutschierwagen? Wer mag ihr
Mann, ihr Geliebter sein? Ist sie eine Franzsin, eine Russin? Aber mit
einem Male reit unter den vielen ein einziger Blick sie auf. Sengend
packt er sie, bis ins Tiefste dringt er ein. Es ist ihr, als mte sie
aufstehen und ihm entgegentaumeln. Er zwingt sie ehern, sie fhlt ihn
ber ihre Haut tanzen mit kleinen blauen Flammen. Er ist ihr ganz nahe
dieser eine Blick, ganz innen in ihrem Sein, aber wo, wo ist er, der ihn
zckt, noch sieht sie ihn nicht, wagt ihn nicht zu sehen unter den
Vielen! Er reit ihr die Haut blutig, er whlt in ihr, er grbt sich in
sie. Ihr Widerstand ist vergeblich, immer nher wei sie ihn. Dort, dort
ist es, dort starrt einer her aus leichenblassem Gesicht, brennt seinen
Blick auf sie hin. Neben einer schwarzhaarigen Frau steht er, die
unruhig geworden ist, steht vornbergebeugt ber der Brstung der Loge
und reit ihren Blick zu sich, in die Flamme des eigenen hinein. Seine
Gestalt ist noch immer die eines Jnglings, seine Zge sind zart und von
leuchtender Geistigkeit, nur die Augen, die Augen haben etwas vom ewigen
Feuer, das durch alle Zeiten brennt. Eines Wetterleuchtens Widerschein
liegt um Stirn und Schlfen. Aber jetzt ist die Flamme dieses Auges nur
einem Ziel entzndet. Und nun wei die Grfin Karinska, von wo der Blick
ruft: Arabella wei, da Manuel sie erblickt. Doch seltsam, fast im
selben Augenblick wird ein eigentmliches Sausen im Theater hrbar, vor
den ersten Bnken steigt ein kleines Rauchwlkchen auf, der Vorhang
bumt sich wie eine flatternde Fahne, eine unheimliche Stille tritt ein.
Eine Stimme schmettert ber die Menge fanfarengleich: Feuer, Feuer! Im
Nu sind die Menschen ein zher, drngender Knuel, zusammengeballt von
der Faust der Gefahr. Angst ist aus jedem als eine einzige Gewalt
gepret, zu einem einzigen Ziele drngend, vorwrts, zur Tr, an die
Luft, ins Leben. ber eine Logenbrstung schwingt sich ein Mann, strzt
sich in das Gewhl des Parterres, der Todesgefahr und seinem
brennendsten Wunsch entgegen. Versteinert starrt die Frau, die ihn
halten wollte, der eigenen Rettung nicht achtend, ihm nach, entgeistert
von einem Schrecknis, das nur sie empfindet, im Schrecken aller. Schon
strahlen die goldenen Karyatiden der Brstungen in feenhafter
Beleuchtung. Zwei Choristinnen in Flitterkleidchen flattern wie von der
Zugluft der Flammen getrieben ber die leere Bhne. Rauch schlgt
schwarz aus der leuchtenden Lohe und schwingt sich auf zu den Galerien.
Das Entsetzen ist zum Schrei aus hundert Kehlen geworden. Menschen
strzen zur Erde und sind nur ein Sprungbrett der Nachdrngenden. Doch
wehe, pltzlich stockt das Drngen. Gnge und Tren sind zu klein, alles
kann nicht hinaus an die Luft, in die Freiheit aus der Umarmung des
Todes in das Leben. In Verzweiflung drngen sie anderen Wegen zu,
geraten in Sackgassen und entlegene Rume und berall schwrzt der Rauch
den Weg. Sie gelangen in Gnge, die sich labyrinthisch verwirren,
hinauf, hinunter, von Grauen gepackt und verwirrt, durch Fenster winkt
fr viele nur Rettung, denn der Weg zurck ist abgesperrt vom
todbringenden Qualm. Ersticken droht. Fast scheint es, als wrde es
allen Menschen gelingen, aus dem Innenraum in Gnge und Seitentrakte
gedrngt, sich dem Ausgang zu nhern, da erlischt das Gaslicht. Die
Notausgnge bezeichnet keine wachende Lampe. In entsetzlicher Finsternis
sind die Menschen aneinandergepret, zu grauenvoller Gemeinsamkeit
ineinander verkrampft. Dunkel versperrt ihnen den rettenden Weg. In
grausamem Ringen drngen Mnner Mtter zurck, reien einander Kleider
und Haut in Fetzen. -- In der Stadt hat sich blitzschnell die Nachricht
des Brandes verbreitet. Pferde vor schleudernden Wagen rasen, Schaum vor
dem Munde, durch die Straen. Fenster ffnen sich, Rufe, Fragen werden
getauscht. Wer ein Liebes dort im Theater vermutet, strzt besessen
davon.

Frau Martha Gunter hatte abgesagt Arabella ins Theater zu begleiten.
Kopfschmerz, ihr altes bel aus nervenzerrttender Zeit, hatte sie
tagsber geplagt. Abends hatte sie sich erleichtert gefhlt und sa nun
still versonnen beim Abendessen. Wie wohl es das Schicksal doch mit ihr
gemeint hatte, da es ihr die Tochter wiedergegeben, als der Mann ihr
verstarb! Und wie gut sie war, wie schn, ihre Tochter, ihr groes Kind.
Auch der Groll gegen Mannsthal, der wie Asasel, der Bse, ihr Leben
verschattete, war gewichen: denn Arabella war unversehrt. Sie war zwar
traurig zuweilen und eigen, aber kindlich war sie geblieben und verderbt
schien sie ganz und gar nicht. Und wenn sie jetzt auch einsam lebte, was
absonderlich war fr ein Wesen ihrer Art, so hatte das gewi seine guten
Grnde. Instinktmig erriet Frau Gunter in Arabellas Leben dennoch den
Mann. Aber fragen, nein, das konnte sie nicht. Wie htte sie es ber
sich gebracht, dies Kleinod, diesen spten Sonnenstrahl zu beunruhigen,
zu verscheuchen! Qualvoll schon war der Gedanke, sie wieder verlieren zu
knnen! Da war pltzlich ein Raunen und Rauschen auf der Strae
vernehmbar geworden, fast gleichzeitig kam Luise, Arabellas
Kammermdchen, mit dem Schreckensgercht und war von der alten Dienerin
sogleich weggeschickt worden, nach Hause zu laufen, ob ihre Herrin
zurckgekommen sei. Sie erblickte, als sie eintrat die gefhrliche
Botschaft zu melden, Frau Gunter am geffneten Fenster. Sie mute von
der Strae her die Nachricht vernommen haben. Sogleich brachte die alte
Magd Mantel und Schal. Vielleicht bringt man sie hierher. Gott gebe es,
da sie heil ist, betete die Mutter. Sie wollte Luise nicht abwarten.
So eilig sie konnte, lief sie den Ring entlang zwischen den erregten
Menschenmassen. Feuerschein stieg zum Himmel und sengte ihr ins
zitternde Herz unaussprechliche Angst. Atemlos kam sie nher und nher.
Aus drei Feuerherden vom Parterre, dem Dach, den Galerien, loderte wie
aus Riesenessen der Brand. Noch war die Feuerwehr nicht in voller
Ttigkeit, da sieht die bebende Frau hinter der Statue, die den
Dachfirst krnt, die Flamme durchbrechen und in entsetzlicher Gewalt
steil zum Himmel steigen. Auf den Balkons, an den Fenstern erscheinen
Menschen, ihr Schrei erstickt im Prasseln, gleich Gespenstern strecken
sie Hilfe erflehend die Arme in die Hhe, schwarz sich von den Flammen
ihres feurigen Hintergrundes abhebend. Jedes Fenster, jede Tre verhllt
ein Flammenvorhang, das feurige, gierige Maul frit rckwrts die
Treppen ab, lt nur die eisernen Trger zurck und die Gitter, die in
Schlangen und Feuerblumen phantastisch glhen. Das Zischen der Flammen
bertnt das Krachen des Geblkes. Um das brennende Haus steht immer
noch anwachsend die Menge der Stadt. Dampffeuerspritzen arbeiten,
Lschtruppen, Wachleute, Mnner aus dem Volke dringen in die feurige
Hlle, um zu retten. Funkengarben fliegen ins Weite, auf brennender
Zunge tragen sie die Botschaft. Hilflos unter Hilflosen laufen die Leute
um das prasselnde Haus, ziehen die strzenden, erstickenden Menschen aus
dem Gewhl, laben die Verschmachtenden, raffen Tote hinweg, trsten
Besorgte. Ein alter Mann in feinem Pelz steht neben der bebenden Frau
und ruft mit der gebrochenen Stimme des Greises in franzsischer
Sprache: _Es-tu en haut, Julie?_ Die Leitern kommen. Sie sind zu kurz.
Dunkelheit und Rauch verschlingen die wechselnden Vorgnge, wenn nicht
blitzartig die Flammen sie erhellen. Nun breiten sich die Sprungtcher.
Ein Mann in Hemdrmeln kriecht lngs des Balkongelnders, steht auf
einmal aufrecht, wendet sich und verschwindet. Inmitten der Menge unten
steht ein Statist in rosa Trikot. Er dreht sich unaufhrlich, wie ein
brennender Kreisel, ein Spielzeug, das auch Musik machen kann.
Arabella, ruft es da; eine zitternde, des lauten Rufens ungewohnte
Stimme pret den Schrei hervor. Arabella! Keine Antwort. Und wieder,
wieder ruft es gellend vor Angst, ein Mutterschrei: Arabella!

In den umliegenden Kaffeehusern sammeln sich Leute an, die, erschpft
oder leicht verwundet, mangelhaft bekleidet, die Brandsttte verlieen.
Damen in Soireetoiletten, Offiziere in Waffenrcken, Herren ohne
bermntel, Schauspieler in Kostmen, grellgeschminkte Statisten und
Statistinnen strmen in die Lokale, sich vor Klte zu schtzen. Vielen
wird erst jetzt die Todesgefahr bewut, der sie entronnen. Grauenhafte
Schilderungen erhitzen die Gemter. Angst treibt Gengstigte wieder
hinaus. Blutiger Schein dringt durch die Fenster, das jngste Gericht
scheint hereingebrochen, das Gottesgericht. Auf seinen Armen trgt ein
schlanker Mann in zerfetztem Abendanzug eine weibliche Gestalt. Ihr
Blondhaar ist aufgelst, beschmutzt ihr weies Kleid. Ihr Kopf ist an
die Schulter des Retters geschmiegt. Nun setzt er sanft seine Last ab,
bettet sie auf eine Wandbank. Auf ihre Wange hat das Feuer sein Mal
gezeichnet. Nun kniet er vor ihr, forscht nach der Verwundung. Noch
haben sich ihre Arme nicht von seinem Nacken gelst. Seltsam ist ihr
Blick, als she sie das Wunder blickt sie ihn an. Nun senken sich die
Lippen zu einander, bleiben lang im Ku geeint. Die beiden wissen nicht,
was um sie ist. Drauen tobt Feuer. Durch seine Schrecken sind sie ins
Leben gelangt, Herz an Herz geschmiegt, verklammert zu einem Krper
haben sie die Wiedergeburt ihrer Vereinigung erlebt. Nun erwacht der
Mann, er erinnert sich, da, ehe das Groe geschah, das Wiedersehen mit
der Geliebten, neben ihm eine Frau geweilt hat, seine eigene ihm
angetraute Frau. Er greift sich an den Kopf, er reibt sich den Rauch aus
den Augen, er strzt davon. Er eilt nach Hause ins Hotel. Die Frau ist
nicht heimgekehrt. Nun ist Givo zur Brandsttte zurckgestrzt. Da hrt
er den Schrei, den geliebten Namen Arabella. Rasch drngt er sich in
die Richtung des Rufes, da erstickt der Schrei. Ihre Mutter mu es
gewesen sein. So ruft nur eine Mutter. Er reckt sich auf und antwortet
der Stimme. Laut schreit er, jubelt er, wiewohl er die Ruferin nicht
sieht, nicht findet. Arabella ist gerettet. Vgelchen ist gerettet.
Die Frau pret die Hnde an die Brust. Wer antwortet ihr? Ist es
Gottesstimme, welches Wunder geschah ihr? War es die Stimme eines
Lebenden? Sie wankt. Halb entgeistert fhrt die Beseligte ein Herr
hinweg.

Als Arabella aus der Ohnmacht erwacht, steht ein Fremder neben ihr, hlt
ein Stck einer Pelzboa in der Hand, sein Haar ist versengt und er ruft
unaufhrlich mit heiserer, trnenerstickter Stimme, wie ein Papagei, den
man um seinen Namen fragt: Mali! Mali! Meine Mali! Sie brennt drin,
Mali! Man bringt ihn fort. Arabella will denken, will sich mit Angst
und Gebet ins Feuer tasten. Stimmen bertnen die mhsam gesammelten
Gedanken. Zwei Schauspielerinnen am Nebentisch erzhlen laut, erregt:
Wir sitzen in unserer Garderobe, schminken uns fr die Vorstellung, da
strzt ein Herr herein und schreit: Wo ist ein Ausgang? Ich erwrge Sie,
wenn Sie mir nicht den Ausgang zeigen. Wir glauben, da es ein
Wahnsinniger ist, er strzt davon. Kein Wort vom Feuer. Nach zehn
Minuten erst hren wir ein Raunen. Ich ffne die Tre. Das Haus brennt!
Arabella richtet sich auf.

Wo ist die Calese?

Sie hatte ja erst im zweiten Akt aufzutreten. Man sagt, sie schlft vor
den Vorstellungen und meist nicht allein. Man hat oft darber gespottet.
Das hat sie gerettet.

Wie durch einen Nebel hrt Arabella der Calese umflorte Stimme: Alles
ist vorbestimmt, wozu sich wehren!

Ein Herr jammert: Sie sagen, alle seien gerettet, das kann nicht sein.
Ich sah Hunderte, die so erschpft waren, da sie nicht mehr kmpfen
konnten. Ein Verbrechen wurde begangen, Fahrlssigkeit ist Verbrechen,
bser als Totschlag, wenn Hunderte daran zugrunde gehen. Schicksal ist
es, Gericht Gottes, schreit eine alte Jdin, die bisher heulend wie ein
Klageweib dagesessen. Mein Ignaz! Arabella horcht auf. Schicksal?
Gottesgericht um den Tod der anderen? Jahrelang habe ich mich geqult,
zu wissen, was ich, was ihm die andere wert ist. Mute eine Volksmenge
brennen, da ich die Wahrheit wisse, da er mich rettet und nicht sie?

Was Schicksal, schreit da ein Offizier. Eine Schweinerei ist es, eine
verantwortunglose Schweinerei! Wer schwtzt hier noch? Die stark genug
sind, mgen retten und laben, wer schwach ist, halte Ruhe oder schleppe
sich nach Hause. Arabella erhebt sich. Ja, auch sie will retten, will
ihm nach. Kann sie ihn verlieren jetzt? Nein, er wird leben, mu leben.
Sie steckt rasch ihr Haar auf. Ihre Kniee zittern, sie mu sich
festhalten, ehe sie den Ausgang erreicht. Drauen schlgt ihr der
glhende Atem des tobenden Elementes entgegen. Die Wange schmerzt und
auch am Knchel ist sie verwundet. Sie fhlt, wie das Blut, wie den
falschen Schwestern Aschenputtels, ihr in den Atlasschuh rieselt. Aber
darf sie, die noch aufrecht geht, etwas anderes wollen als helfen? Der
Offizier hat recht. Sie drngt sich durch die Menge dem Brandplatz zu
und je nher sie kommt, desto wacher wird sie. Nun zweifelt sie nicht
mehr. Er ist zurck in den Brand, er sollte nicht unter den Rettern
sein, sollte seine Frau nicht retten wollen, die er um ihretwillen
zurckgelassen hat? Eine wahnsinnige Angst packt sie, schttelt sie mit
dem Frost zugleich. Das Gedrnge wird immer strker. Wachleute haben
einen Kordon gebildet. Sie lassen niemanden durch. Man trgt schauerlich
entstellte Leichen an ihr vorber. Neben ihr schreit ein etwa
zwlfjhriges Mdchen, dessen offene Haare halb verbrannt sind,
herzzerbrechend: Mama, Mama! Arabella nimmt das Kind an der Hand. Der
fremde Schmerz gibt ihr Kraft. Sie fhrt die wankende Kleine zur Seite,
trocknet mit ihrem Taschentuch das Blut, das ihr von der Schlfe rinnt,
lt sich von der Schluchzenden erzhlen, da sie die Mutter in der
Finsternis des Hauses verloren, noch oben auf einer Stiege, die zum
Dache fhrte; ein Mann habe sie hinausgetragen und hier abgesetzt. Du
mut gleich nach Hause, vielleicht sind die deinen schon zu Hause und
sorgen sich. Ich fhre dich. Arabella geht mit dem fremden Kinde durch
die Straen. Sie wei, das, was sie hilft, ist nichts, doch Tun ist
Rettung vor dem Denken und Wissen all des Entsetzlichen. Wte sie Givos
Wohnung, sie ginge hin, selbst wenn sie der Frau begegnen mte, und
wartete dort ab, she Noemi, beruhigte sie, wenn sie Angst htte, weil
Vater und Mutter nicht kommen. Und nun ist ihr, als fhre sie Noemi an
der Hand, wie sie so mit dem fremden Kinde dahingeht. Es wohnt nur eine
Viertelstunde weit, aber der Weg dnkt beiden endlos. Aus dem Hause, auf
das die Kleine lossteuert, luft ein Herr. Das Kind strzt ihm entgegen.
Da versagen Arabellas Krfte. Sie kann nur rasch den Helfenden die
Adresse ihrer Mutter sagen, dann wei sie nichts mehr.

berall sind nun die Eingnge in das brennende Haus von drngenden
Menschen verrammt, von belriechendem Qualm und Finsternis. Givo aber
hat sich einen Weg erkmpft, eine Tre reit er auf, da fhrt er
entsetzt zurck, ber eine Stiege kommt glhendes Blei geflossen, in
Kaskaden springt es daher. Ein Ausgang wird endlich freigelegt, Beamte,
Feuerwehrleute, Offiziere versuchen mit Fackeln einzudringen, manch
einer kehrt wieder um, aber Givo tastet ihnen nach und bald ist er im
Innenraum, sucht in den entsetzlichen Trmmern die Logen zu erkennen.
Aber von oben her sind die Galerien herabgestrzt und der Platz, der
ehemals das Parterre vorgestellt, ist ein entsetzlicher Trmmerhaufen
von qualmendem Holz und Menschenresten. Noch ist die Hitze und der Rauch
so gro, da ein bermenschlicher Wille nur das Vordringen mglich
macht. Grauenvoll ist der Anblick der ragenden Traversen der Galerien,
an denen Leichenteile hngen, hohnvoll sind noch da und dort metallene
Schnre zierlich um verkohlte Stoffdraperien geschlungen, glhend
schmelzende Gasrohre ragen wie feurige Bume empor. Givo wei, in diesem
Hause ist niemand mehr am Leben, auch Zora nicht, wenn sie nicht gleich
die Loge verlassen hat, von der aus sie sich leicht hatte retten knnen.
Aber er folgt den Mnnern und, wo sie eingreifen um Leichen zu bergen,
ist er an erster Stelle. Dann fllt ihm ein, da Zora seither in ihre
Wohnung zurckgefahren sei und ihn dort erwarten mochte. Er sieht es
wieder vor sich, wie sie ihn am Arm fat, um mit ihm hinauszudrngen,
und er sich losreit, ber die Brstung ins Parkett springt und in
rasender Angst, er knne die fliehende weie Gestalt aus dem Auge
verlieren, nach rckwrts drngt, wo sie durchkommen mu, ehe sich der
Weg vor dem Ausgang teilt. Wie er dann, auf einem Sitze stehend, um
nicht abgedrngt zu werden, Arabella zuruft und winkt und -- Ewigkeit
dnkten ihm diese Augenblicke -- endlich sie in seinen Armen hochhebt
und hinaustrgt. Im Gang drauen, im atemberaubenden Gedrnge erlischt
das Licht. Arabella sprach nicht, sie prete nur fester die Arme um
seinen Nacken, zwischen Qual und Gefahr fhlten sie traumhaft das
unfabare Glck des Wiedersehens. Dann trat die Stockung ein und erst
da, im endlos scheinenden Warten, wute er, da er nicht beide mehr
retten kann, die Geliebte und die Frau. Blitzschnell hatte er es
berdacht, Arabella, die Gefhrdete, hinauszutragen und gleich dann nach
Zora auszuschauen, die den nheren Weg ins Freie hatte. In der
Finsternis aber htte er Zora nicht wiedergefunden. Und ebensowenig
vermchte er nun nach Stunden eine Spur von ihr zu erblicken. Ein
grausiges Abwarten steht ihm bevor, falls er die Frau nicht zu Hause
findet. Als man im Hotel die Frage, ob seine Frau heimgekehrt sei,
verneint, fhlt er nicht Schmerz und Sorge um sie, die vielleicht durch
seine Schuld zugrunde geht. Er wei nur dumpf das Elend der vielen dort;
das seine ist ein Teil von dem ihren. Die englische Bonne, die ber
Noemis Schlaf wacht, wei nichts vom Feuer. Er sagt ihr rasch, was
geschehen ist und da er zurckkehre zu helfen und zu bergen. Fr Zora
nichts. Er zweifelt an ihrer Rckkehr. Er hat sie aufgegeben.

Die folgenden Tage vergehen unter Nachforschen zwischen entstellten
Leichen und Leichenresten auf der Brandsttte, in Spitlern und
Totenkammern. Von verkohlten Klumpen, zerbrochenen Skeletten, deren
Gesichter keine Spur mehr eines physiognomischen Ausdruckes trugen,
nhrte sich stundenlang sein suchender Blick. Hier und dort klebte noch
ein Fetzen eines Kleidungsstckes, an manchen Fingern glnzte ein Ring.
Auf der Brust lag manchem das vorgefundene Geld, das in der Hitze seine
Formen verndert hatte. Das Kind war neben dem Greise gebettet, der
Handwerker im Kittel neben der reichgekleideten Dame, um die noch
goldene Ketten hingen, kunterbunt waren sie aneinandergereiht, furchtbar
zur Strecke gebracht. Aus dem entsetzlichen Gemenge verkohlter Leichen
wurde in den Foyers nach Reliquien gesiebt und geschaufelt. Weniges nur
bot Anhaltepunkte zur Agnoszierung der Toten. Eine kleine rhrend zarte
Hand fand sich, die Hand eines Kindes oder einer jugendlichen Frau,
verkalkt und am Gelenk abgetrennt, die Ngel schmal und gepflegt. Givo
erschrak, denn sie erinnerte ihn an Vgelchens Zartheit. Inmitten des
Grauens strzte er weg, um sich zu vergewissern, da sie lebe, da sie
nicht etwa, aus Angst um ihn sich in den Brand wagend, ihr Leben
verloren hat. Wieder stand er vor ihrem Hause, zu dem ihn vor dem
tragischen Wiedersehen schon Sehnsucht getrieben hatte. Er erfuhr vom
Portier, da die Grfin bei ihrer Mutter sei, er htte Auftrag ihn
zurckzuhalten, falls er Herr Givo wre. Aber Imanuel kann und will
nicht, will Arabella nicht sehen, bevor die traurige Arbeit nicht zu
einem Ende gekommen ist. Eine schauererregende Ausstellung mu er
besuchen. Auf weien Porzellantellern liegen im Polizeihause die
gesammelten Reliquien der Toten. Kleiderfetzen, Schmuckstcke,
Sacktcher, Schlssel, Kmme, Liebespfnder, allerlei Kleinigkeiten, die
man bei sich zu tragen pflegt. In einem Zimmer ist auf Tischen eine
groe Anzahl von Uhren zur Schau gestellt. Manche ticken noch laut, als
wre ein Rest vom Leben ihrer Besitzer in ihnen zurckgeblieben.
Geisterhaft stille und laut erregte Menschen irren mit Givo zwischen den
tragischen Resten. Traurige Gewiheit wird manchem zuteil, der die
armseligen berbleibsel des Vermiten wiederfindet. Aber Givo, wiewohl
er vor dem Schauerlichsten nicht zurckschreckt, um eine Spur zu finden,
erforscht nichts. Ist Zora -- immer wieder kommt ihm dieser Gedanke --
freiwillig verschwunden, wie sie so oft gedroht, wenn ihre Nerven
anstrmten gegen Givos khlen Frieden. Aber sie, die sich einen
Knstlernamen erworben, konnte sie im Leben untertauchen, als wre sie
wirklich verbrannt, konnte sie zu einem ungenannten Stubchen werden,
sie, die mit aller Kraft nach Ruhm gestrebt?

Machte sie es wahr, was die Asketen ihrer Sekte predigen, aufzugehen im
lebendigen All, ein heimlich beseelter Teil, sonst nichts? Und Noemi,
deren Zrtlichkeit sie nur ungern geduldet, wrde die sie nicht aus
ihrem Verborgensein locken? Er wute dies eine: wo immer sie war, sie
hatte verschwinden wollen. Rettung war ihr mglich gewesen trotz aller
Verhngnisse. Zunchst dem Ausgang war ihre Loge gelegen. War sie um
seinetwillen, um der Gefhrdung willen, in die er sich begeben,
zurckgeblieben? Es kam keine Antwort auf diese Fragen.




                                 Asche


                                           So jemand zu mir kommt
                                           und hat nicht seinen Vater,
                                           Mutter, Weib, Kinder,
                                              Brder,
                                           Schwester und dazu sein
                                              eigenes Leben,
                                           der kann nicht mein Jnger
                                              sein.

                                                       (Lukas 14, 33.)

Arabella, deren Nerven schon vor der Katastrophe mit Hochdruck
gearbeitet hatten, fand kaum die Kraft sich all des Entsetzlichen zu
besinnen. In ihren Fiebertrumen sah sie ein blutendes Feuermeer und
daraus hervorsteigen ihn, den Geliebten, den Erwarteten, das Heiligtum
ihrer Liebe zu Himmeln entfhrend, die kein Rauch mehr von irdischem
Geschehen berhren kann. Und sie sah wahr, Givo hatte sie gerettet,
hatte nach jahrelanger Trennung das Kleinod seines Gefhles aus dem
brennenden Unheil getragen. Wie krperlos war diese Rettung, nicht die
Frau hatte er dem Untergang entrissen, das Weib, das er besitzen wollte,
die Hlle war es seines geheimen Heils, das er durch Jahre der Kmpfe,
der Sehnsucht hinter siebenfach verschlossenen Altren anbetend
verwahrte. Ihn verlangte nicht nach Lebendigem. Was er ber die Grfin
Arabella Karinska erfuhr, das hatte wenig gemein mit dem Gral seiner
Seele. Eine junge Frau, vom Geld ihrer Anbeter in einem kleinen Palast
lebend -- Vollblutpferde, die ein niedliches Kammermdchen mit Zucker
fttert, scharren vor dem Tor -- whrend oben ein Fenster sich ffnet
und die Herrin zusieht, wie es den Lieblingen mundet: so hatte, im Parke
verborgen, Givo, der Mann, der nach der Geliebten Sehnsucht trug, sie
erblickt. Eine verwhnte Frau, die nichts mehr wei vom Jammer der Welt,
von den Elendvierteln von London, den Judenverfolgungen in Ruland, dem
Sklavenhandel und der Nachtarbeit der Fabrikskinder. Zwischen seinem
Leben und Streben und dem ihren, das im Luxus versandet, liegt eine
Welt. Aber ihre Seelen wissen nichts von dieser Kluft, sie leben vereint
untrennbar, unentwirrbar. Da er sie retten konnte und darob Zora
verlor, da diese ins Unerklrliche verschwand, es erstaunte ihn nicht.
Nichts war ihm wunderbar, ihm, der im Wunderbaren lebte, ihm, der Erden
des Schmerzes wie unter den gekrampften Hnden eines ohnmchtigen und
dennoch unablssig schpferischen Gottes tief unter sich zucken fhlte.
Wie weit war er gewandert seit jener Nacht, da ihm das lichte Vgelchen
mit dem zuweilen so schwermtigen Gezwitscher entflogen war! An die
Gestade mythischer Welten war er gelangt. Er schrieb ihr:

Geliebte, ich sende Dir mein Kind. Seine Mutter ist tot, verschwunden.
Sie war eine Unglckliche. Ich habe, wie Du weit, auch meine Mutter
gettet, nun diese Frau. La mich Dir fern bleiben. Ich tauge nicht zu
Frauen. Mein Weg ist nicht wirtlich. Bleib fern ihm! Ich will Deine
heiligen Fe nicht blutig sehen im Dornengestrpp dieses Weges. Du
sollst die Musik der Sphren mit mir teilen, nicht das Wimmern der
Menschenqual, das meinen Tag einsingt: Wenn mein Kind bei Dir Heimat
fnde, wie dankte ich es Dir! Sei ihm, was Cecile Dir einst war. Ich
komme, wenn ich nicht mehr besessen bin von den Bildern des Grauens, die
in den Leichenkammern der Verkohlten sich in meine Augen brannten. Ich
komme, Dich zu umarmen und zu -- gehen. Dein

                                                                Givo.

Luise meldet einen Herrn. Ein Herr in Uniform, von der Marine, sagt
sie. Arabella liegt mde danieder und immer schreckt sie zusammen, wenn
es lutet, denn sie erwartet Givo. Zuerst meint sie, wenn er kme, wrde
alles gut, die Vereinigung vollendet, wenn er auch vom Gehen schrieb,
aber wie sie so lange wartend liegt, kommt wieder Hellsichtigkeit ber
sie und sie wei, da sie ihn nicht wieder gewinnen kann. Die Stunden
schleiern wie Asche auf sie herab und sargen sie ein. Als Luise den
Marineoffizier meldet, wei sie gleich, da es Normayr ist. Sie hat ihn
nicht gesehen seit jener Fastnacht, nur einmal dem immer in der Ferne
Versprengten einen Gru durch einen Kameraden gesandt. Nun ist er
gekommen, weil er in Triest, sich eben ausschiffend, in den Zeitungen
las, da auch sie im brennenden Theater gefhrdet gewesen. Seltsam, oft
mu sie an ihn gedacht haben, denn er ist ihr nicht fremd; sie fhlt
pltzlich eine stille Geborgenheit, die von seiner Ruhe ausgeht und die
ihr die Qual der Wartestunden nimmt. Und obwohl das Gesprch
konventionell bleibt, ist eine verborgene Herzlichkeit, eine wissende
Wrme unter den Worten geborgen: die Hoffnung auf ein sicheres
Wiedersehen zu ruhigerer Zeit. Wie er dann gegangen ist, um bald wieder
sich fr eine Nordpolexpedition einzuschiffen, rinnen rasch, sie selbst
berraschend, Trnen ber ihre Wangen herab. Sie wei selbst nicht, wem
sie gelten, ihm, Givo, sich selbst. Dem Leben wohl, dem Leben!

Und tagsdarauf stand ein blasses Kind mit groen, stillen Augen und dem
lieblichsten Mund neben seiner englischen Nurse vor der Tre der fremden
Grfin, bei der es nun wohnen sollte. Gehen wir nicht hinein? fragte
es. Oh luk! Die Kleine hatte glckselig den Papagei erblickt. Arabella
hrte den Ausruf des Kindes und strzte aus ihrem Bette, ihrer
entkrfteten Glieder wieder mchtig. Mein Kind, mein Liebling! Noemi
erschrak nicht. Die Frau im weien Gewand mit dem blassen
Dulderangesicht glich einem Engel. Es kam ihr eine Erinnerung, ohne da
sie es wute, und unwillkrlich griff sie an ihr Perlenkettchen. Dann
sagte sie leise der knieenden Frau, auf die Wange deutend, in deren
Blsse das Feuermal brannte: Was hast du da? Tut es weh?

Nein, Kind, nein, nichts schmerzt mehr, denn nun bist du ja bei mir,
bei mir, und sie verbarg ihr Antlitz in der Kleinen Lockenhaar.

Etwa drei Monate nach diesen Begebenheiten erhielt der Graf wieder ein
Schreiben:

_Mon cher_ Nicolai, es geht besser, seitdem ich drauen in
Heiligenstadt wohne. Mutter ist bei mir. Sie, die alles stiller um mich
macht. Und Noemi heit der Glcksquell, aus dem ich schpfe. Ich brauche
Dir nichts zu sagen von diesem meinem zweiten Leben, in das ich
zurckgekehrt bin, nachdem ich es damals in Tresano in den Tagen, als
ich Dich zum ersten Male sah, verlie. Unbewut war ich ja wohl oft
darin zu Gaste und gefhlt hab' ich es immer in den Liebesumarmungen,
und wenn ich schner Musik lauschte, da war ich ihm am nchsten. --
Jetzt aber lebe ich in Weihe. Du wirst es mir nicht glauben, ich war
froh, als Givo abgereist war. Ich ertrug seine Nhe nicht, es war, als
mte ich vor Glck vergehen, als mte er in diesem zweiten Feuer mit
mir verbrennen. Es war zu viel. Das ist nichts fr Menschen, so ein
berirdisches Glck! Givo ist jetzt in Russisch-Polen, lebt dort unter
den orthodoxen Juden, die er erretten will. Ich verstehe nicht ganz, wie
er es plant. Ich glaube, er will ihnen Liebe wecken, Sie leben nur im
Geist, sagt er, er mchte sie zurckfhren zu den Dingen. Er mchte
ihnen das ruhelose Irren nehmen, ihre Seelen sollen in ein hheres
leibliches Leben eintreten, um zu gesunden. Er sieht das heutige
Judentum wie eine Abnormitt, eine Krankheit. Dort, wo es auf schnen
Wegen war, soll es in ein Sektenwesen ausgeartet sein, das er
zurckleiten will zur Liebe. Wer knnte es besser als er, der sich
niemals ber die anderen erhebt, sondern ihresgleichen wird, um zu
helfen. Aber ich frchte, er wagt zu viel. Wirst Du ihn beschtzen dort?
Ich wei, da er schwach ist, ich wei es. Ich vertraue ihn Dir an,
Nikolai!

Und was mich betrifft? Dein Scheidungsbrief ist vorlufig berflssig.
Manuel ist vor den Gerichten nicht Witwer, weil er keinen Beweis
erbringen konnte, da seine Frau verbrannt ist. Eine Reihe von Jahren
mu hingehen, bis der Tod gesetzlich beglaubigt ist. Und wozu auch eine
Ehe eingehen? Wir sind einig, wie wir es immer waren, und ein Leben wie
Mann und Weib es fhren, scheint uns nicht beschieden zu sein. Er mu
seinem Genius Deva Nahuscha folgen und sein Lebenswerk weiterfrdern in
Klften und Bergen, in denen ihm gttliche Sonne strahlt. Vielleicht ist
er ein Mrtyrer und ich mu ihm dereinst mit meinen Haaren das Herzblut
stillen wie Magdalena des Heilands Fe trocknete. Leb wohl. Du hrst
Heiteres, sobald der Frhling mich Frierende erwrmt. Deine

                                                               Bella.




                                  Ende


Aus den nachgelassenen Schriften des Maurus Perbon geht hervor, da sein
Meister Imanuel Givo, dem er sich anllich seiner Lehrerschaft in Polen
und Ruland anschlo, whrend eines Pogroms, flschlich fr einen Juden
gehalten, deren Verteidigung er bernommen hatte, um das Leben kam. Dem
Bericht ist hinzugefgt: Seine Tochter Noemi Cecilia lebt bei seiner
Herzensfreundin, der Frau Arabella von Normayr.

Wie ersichtlich, hatte sich Arabella mit ihrem Jugendfreund, dem
nachmaligen Admiral, vermhlt. Mannsthal besuchte sie vor ihrer
Verheiratung und bei dieser Gelegenheit soll sich ein Unglck ereignet
haben, das allerdings glimpflich ablief. Auf nicht vllig aufgeklrte
Art ging in den Hnden der Grfin ein Revolver los und traf ihren
Stiefvater an der Schulter. Die Dienstboten behaupteten, da zur
nmlichen Stunde die Herrin im Hause vergeblich und sehr erregt nach
ihrer heigeliebten Ziehtochter, der vierzehnjhrigen Noemi, gesucht
habe und diese schlielich schwer gengstigt bei dem wunderlichen Herrn
Mannsthal angetroffen hatte. Luise, die noch immer bei ihr diente,
wollte gehrt haben, wie die Grfin zu der alten Frau Gunter gesagt
hatte: Gott sei Dank, ich kam gerade recht. Der alte Herr Mannsthal
war dann vor der Hochzeit, die in aller Stille stattfand, noch mit dem
Arm in der Schlinge abgereist.

Die zweite Ehe der Grfin Karinska, die mit dem Grafen Nicolai bis zu
dessen Tode in regem Briefwechsel verblieb, soll still und sehr
glcklich gewesen sein. Doch starb Arabella von Normayr allzufrh an
einer akuten Herzkrankheit.

Angele hatte die traurige Pflicht ihren Gatten, den Admiral, zu
verstndigen, der sich eben auf einer Seereise befand. ber das Meer
drhnte ein Kanonenschu. Dreihundertzwanzig Matrosen knieten und
beteten. Eine schwarze Fahne stieg langsam mastaufwrts und flatterte im
Abendwind, der von den Ksten Japans Bltenduft auf den Schwingen trug.
Leise lste sich ber den gleichmigen Wellen der grnlichen See die
schmale Rauchsule in die Unendlichkeit.

                                  Ende


   Druck von Norbertus Buch- und Kunstdruckerei vorm. J. Roller & Co.
                       Gesellsch. m. b. H., Wien.


                     Anmerkungen zur Transkription

Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten.
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
Korrekturen sind hier aufgefhrt (vorher/nachher):
   [S. 98]:
   ... Flgel sie zuweilen streiften, und wir ihr dann auch vor ...
   ... Flgel sie zuweilen streiften, und wie ihr dann auch vor ...

   [S. 237]:
   ... versorgte sie tagsber das neun Monate alt Kindchen, ...
   ... versorgte sie tagsber das neun Monate alte Kindchen, ...

   [S. 270]:
   ... bla, er neigte sie vor, die Antwort rasch aufzufangen. ...
   ... bla, er neigte sich vor, die Antwort rasch aufzufangen. ...

   [S. 371]:
   ... Mistelweg des Heiles bruderselig vom Stamme schnitt. ...
   ... Mistelzweig des Heiles bruderselig vom Stamme schnitt. ...






End of the Project Gutenberg EBook of Vgelchen, by Friderike Maria Winternitz

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     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
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1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
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property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
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1.F.2.  LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
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LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3.  YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

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in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
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provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
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providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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